Kitabı oku: «Aus der Sicht der Fremden»

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© 2020 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-95840-840-1

ISBN e-book: 978-3-95840-841-8

Lektorat: Bianca Brenner

Umschlagfoto: Maria von Hall

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum Verlag

Innenabbildungen: Maria von Hall

www.novumverlag.com

WIDMUNG

Kapitel 1
Meine Heimatstadt Bielitz, in der meine Eltern, meine drei Geschwister und ich auf die Welt kamen und aus der wir 1944 vor der russischen Armee flüchten mussten, liegt im südlichen Teil Schlesiens, im heutigen Polen. Schlesien gehört zu den Ursprungsländern Polens und ist ein schönes und reiches Land, in dem sich die Deutschen ab dem 13. Jahrhundert angesiedelt haben. Die gutmütige einheimische Bevölkerung hat nichts dagegen gehabt, im Gegenteil, die Fremden wurden friedlich angenommen, und in späteren Jahrhunderten sind auch Juden aus Wien nach Bielitz ausgewandert und haben die Stadt mit ihrer Kultur bereichert.
Kraft der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 wurde Schlesien dem Kaiserreich Österreich zugeordnet, erst nach dem Ende des ersten Weltkrieges wurde ein Teil Oberschlesiens, darunter auch unsere Stadt Bielitz, wieder dem polnischen Staatsgebiet einverleibt. Das geschah im Rahmen des Friedensvertrages von Versailles.
Eine Postkarte mit der Ansicht von Bielitz aus dem Jahre 1912


Nach dem ersten Weltkrieg, in den Jahren von 1918 bis 1939, ist es den Menschen in unserer Stadt allgemein betrachtet gutgegangen. Es herrschten Frieden und Freiheit, die Menschen konnten sich auf den Straßen ohne Angst laut auf Deutsch, Polnisch oder Hebräisch unterhalten. Die gesamte Atmosphäre innerhalb der Stadt war nach wie vor so wie in den Zeiten, als Schlesien noch zu Österreich gehörte. Damals galt die kaiserliche Konstitution Franz-Josefs, die so bis zum Jahre 1939 gelebt wurde.
Als Hitler 1939 Polen überfallen ließ, war es mit der Freiheit und dem Frieden vorbei. Plötzlich lag eine ungekannte Anspannung und Furcht in der Luft, die Menschen verstummten und jeder wurde dazu verpflichtet, sich einen Ahnenpass ausstellen zu lassen, der mindestens bis zur dritten Generation zurückreichte! Die verschiedenen Nationalitäten Schlesiens waren seit vielen Jahrhunderten durch Eheschließungen vermischt und die meisten Kinder sind deswegen auch zweisprachig aufgewachsen. Dies führte dazu, dass damals kaum jemand keine polnischen und gleichzeitig deutschen oder jüdischen Vorfahren in seinem Ahnenpass hatte. Als das Land Polen jetzt aber inmitten eines Krieges stand, wurde damit begonnen, die Menschen mit polnischen Nachnamen zu verfolgen. Die Polen wagten sich damals kaum mehr auf die Straße und die jüdischen Einwohner wurden nicht nur verfolgt, sie wurden gleich verhaftet, nach Auschwitz gebracht und in den Gaskammern umgebracht. Dabei lag Auschwitz nur circa 30 Kilometer von Bielitz entfernt.
***
Mein Großvater Franz O. kam um das Jahr 1900 aus Mähren Österreich nach Bielitz, er ritt eines Tages als Ulan mit seinem Kavallerieregiment in die Stadt ein. Die Ulanen in ihren schönen Uniformen nahmen mit ihren Pferde die ganze Breite der Straße in Anspruch und machten mit ihrem langsamen Tritt einen großen Eindruck auf die Menschen, die auf dem Bürgerstieg stehen geblieben waren. Das war noch in der Zeit, in der es auf den Straßen kaum Verkehr gab, es war ein Spektakel, das nicht jeden Tag vorkam.
Während des langsamen Aufmarsches des Regiments fiel meinem künftigen Großvater ein junges Mädchen auf, das mit zahlreichen anderen Zuschauern stehen geblieben war. Auf Grund der großen Sympathie für das Mädchen ist er in Bielitz geblieben, hat ihm einen Besuch abgestattet und um seine Hand angehalten.
Sie war die Enkelin eines katholischen Priesters namens Franz Sniegon geboren am
3. Oktober 1809 in Teschen, der von 1885 bis zu seinem Tod 1894 Weihbischof in Teschen im Bistum Breslau war. Das waren die Eltern meines Vaters Friedrich O. Mein Großvater war zu dieser Zeit von Beruf Gießmeister und fand Arbeit in einer Fabrik, wo Unterlagen und Teile für die Webmaschinen gegossen wurden. Er hat dabei sehr gut verdient und später eine eigene Gießerei in der Paderewski Straße in Bielitz aufgemacht.
Meine Großmutter Maria O.
geb. am 28. 08. 1878 in Teschen


Mein Großvater Franz O.
geb. am 20. 12. 1875 in Mähren, Österreich


Nach einem Unfall in der Gießerei in den Dreißigerjahren wollte mein Vater diese nicht mehr übernehmen. Er hat auf dem Grundstück zusammen mit seinem Vater und meinem Großvater drei Garagen für Autobusse gebaut und ein Busunternehmen gegründet.
Bischof Franz Sniegon (1809–1891)


Seine drei Chauffeure und mein Vater selbst trugen aus schwarzem Kammgarn genähte Uniformen mit silbernen Knöpfen, auf der Kopfbedeckung hatten alle Mitarbeiter das Monogramm des Familienunternehmens meines Vaters in Silber. Die Busse fuhren auch nach Auschwitz und weiter nach Krakau, aber vor allem sorgten sie für die Verbindung zwischen Bielitz und den umliegenden Dörfern.
Mein Vater mit seinem Chauffeur,
Krakau 1938


Mein Vater hatte zwei Busse der Marke Skoda und einen in Polen gefertigten Fiat, was zu dieser Zeit als der letzte Schrei auf dem Automobilmarkt galt. Die Firma war bis zum Überfall der Nazis im Besitz meines Vaters.
Meine Familie lebte bis zu unserer Flucht aus Bielitz in der Mackensenstraße 11. In dem Haus lebten Familien dreier Nationalitäten, deren Kinder miteinander spielten und Freundschaften schlossen. Mein Bruder Friedrich, Jahrgang 1934, hat sich als Kind mit einem Jungen angefreundet, der in demselben Haus wie wir wohnte. Das war Alfred Korzeniowski, Jahrgang 1933, und die Freundschaft besteht bis heute. Beide haben sich nach dem zweiten Weltkrieg als Erwachsene in Deutschland wiedergefunden. Alfred Korzeniowski, der in Bornheim bei Bonn lebt, hat vor ein paar Jahren Kontakt zu mir aufgenommen, seitdem sind wir gute Telefonfreunde – obwohl wir uns noch nie gesehen haben. Er gehört zum Kreis der Menschen aus Schlesien und unserer Stadt Bielitz, die im Portal BESKIDIA im Internet Erinnerungen aus der alten Heimat sammeln. In diesem Portal hat Alfred Korzeniowski einen alten Fahrplan von der Firma meines Vaters gefunden, den er meinem Bruder Fritz, der mit seiner Familie in Ingolstadt lebt, zuschickte. Dieser war auf Polnisch gehalten, das bis 1939 die Amtssprache war.
Der alte Fahrplan des Unternehmens meines Vaters



Ein Foto aus dem Familienalbum
aus dem Jahre 1938
Das Foto erinnert an einen Sonntagsausflug nach Porombka außerhalb der Stadt Bielitz. Das Bild stammt von meinem Vater Friedrich O. Vor dem Auto der Marke „Steyr-Puch“ stehen meine Mutter Maria O., meine Schwester Toni und mein älterer Bruder Fritz. Zu dieser Zeit war meine Mutter bereits mit meinem Bruder Karl schwanger. Ich kam schließlich als letztes Kind am 01. Januar 1940 zur Welt.
***
Unsere Heimatstadt Bielitz wurde am 03. September 1939 durch die Nationalsozialisten besetzt. Ab diesem Zeitpunkt hat sich alles in der Stadt von einem Augenblick auf den anderen geändert. Alle hatten plötzlich Angst, unabhängig von ihrer Nationalität oder Herkunft.
Mein Vater weigerte sich, in die Hitlerpartei NSDAP einzutreten, woraufhin ihm als Strafe die Konzession für sein Unternehmen entzogen wurde. Zusätzlich erfolgte die Beschlagnahme aller Firmenwerte, obwohl er ein Deutscher war. Mein Vater musste sich mit dem Verlust seines Busunternehmens abfinden, aber er blieb nicht untätig. Er bekam schnell ein neues Einkommen durch ein Engagement in der Fabrik Schwabe. Deren Direktor und Besitzer Herr Schwabe stellte meinen Vater als Konstrukteur ein. Zu dieser Zeit wurden in der Fabrik Elektromotoren produziert.
Mein Vater bei Schwabe, Bielitz 1942


***
Hitler war unberechenbar! Ihm hat das eingenommene Land Polen nicht gereicht, er jagte seine Soldaten weiter nach Osten, um Russland zu erobern, und das war sein großer Irrtum, denn er hat die niedrigen Temperaturen Russlands – bis minus 60 Grad in Sibirien – nicht berücksichtigt. Seine Armee ist nicht weiter als bis nach Stalingrad und zum Fluss Wolga gekommen. Die Soldaten waren gegen die Kälte nicht entsprechend ausgerüstet und dadurch unfähig zu kämpfen. Die Kälte lähmte sie und viele sind einfach erfroren.
Zu dieser Zeit sind auch viele deutsche Soldaten von der russischen Front nach Bielitz geschickt und mit abgefrorenen Beinen und Händen in die Krankenhäuser der Stadt eingeliefert worden. Die Verluste der Deutschen waren enorm und ab diesem Zeitpunkt gewannen die Russen Oberhand, drängten die deutschen Soldaten unaufhaltsam zurück in den Westen und beendeten den Krieg mit dem Sieg in Berlin. So kam es, dass sich die russische Front im Winter 1943/44 unaufhaltsam unserer Stadt näherte. Damals hatte sich schon längst der polnische Untergrund gegen die Deutschen organisiert. Die Atmosphäre in der Stadt war angespannt und die Furcht war förmlich immer greifbar. Die Menschen verfolgten jeden Tag mit Angst die Nachrichten im Radio und es wurde täglich über die Erfolge der deutschen Armee berichtet, während die Realität an der Front ganz anders aussah.
Eines Tages ließ der Fabrikant, Herr Schwabe, meinen Vater zu sich rufen und sagte: „Herr Ingenieur, Sie müssen Bielitz verlassen, der Russe steht schon vor der Tür!“ Mein Vater reagierte erschrocken: „Wieso denn? Ich habe doch niemandem was getan!“ Herr Schwabe blickte ihn ernst an und sagte: „Sie haben aber einen deutschen Namen und vier Kinder zu Hause, Sie müssen weg!“ Mein Vater war ratlos und perplex, während Herr Schwabe schnell weitersprach. „Ich schicke Sie zu meiner Tochterfirma in Bayern, ich bitte Sie aber, meinen verwundeten Sohn aus der Tschechei mitzunehmen. Sie bekommen auch eine Krankenschwester als Begleitperson mit.“
Ich war damals viereinhalb Jahre alt. Noch heute habe ich meine Eltern vor Augen und erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie erregt mein Vater an diesem Tag nach Hause kam und in die Küche stürzte. Er nahm meine Mutter in die Arme und sagte von Angst erfüllt:
„Mitzi, wir müssen flüchten! Die Russen stehen kurz vor Bielitz! Du musst mit den Kindern sofort weg, leider alleine, am besten zu Hedi nach Graz! Mich schickt Herr Schwabe nach Bayern, denn sein Sohn ist in der Tschechei verwundet worden und ich muss ihn nach Bayern bringen!“ Mit dem Sparbuch in der Hand ging er zu meiner Mutter und sagte: „Vergiss das Sparbuch nicht und nehmt einen Teppich mit, damit ihr unterwegs nicht auf dem nackten Boden schlafen müsst! Und auch Zigaretten!“
Ich stand auf der Schwelle zwischen Küche und Balkon, die Sonne wärmte mir den Rücken und ich war gerade dabei, eine Dampfnudel mit Butter zu essen, die vom Mittag übriggeblieben war, als das Gehörte meine Sinne zutiefst erregte. Dieses Erlebnis grub sich tief in meine Erinnerung ein – so hatte ich meine Eltern schließlich noch nie erlebt!
Kurz darauf ging mein Vater weg und meine Mutter machte sich auf den Weg nach Biala, einer kleinen Stadt auf der anderen Seite des Flusses Bialka, in der ihre Kusine wohnte. Meine Mutter wollte ihr Bescheid geben, dass wir Bielitz verlassen würden. Sie nahm meinen Bruder Fritz mit, der damals zehn Jahre alt war. Unterwegs aber ereignete sich etwas, weshalb sie nie in Biala ankommen sollte. Als meine Mutter an der Haltestelle „Stadtberg“ aus der Straßenbahn ausstieg, sah sie eine Frau, die in der wartenden Menschenmenge zusammengesunken war. Sie erkannte sofort, dass diese einen epileptischen Anfall hatte, und der starke, böige Wind entblößte den zuckenden Körper. Mutter eilte zu der krampfenden Frau und forderte andere Passantinnen dazu auf, ihr zu helfen. Gemeinsam schafften sie die kranke Frau in ein nahe gelegenes Treppenhaus und schlossen das Tor hinter sich. Mein Bruder musste draußen warten. Ein Mann in Zivil, der die ganze Szene an der Haltestelle beobachtet hatte, war den Frauen gefolgt. Er kam in das Haus und befahl: „Hören Sie sofort mit der Hilfe auf!“ Meine Mutter regte sich furchtbar auf. „Gehen Sie weg! Sie haben hier jetzt nichts zu suchen!“, schrie sie ihn an. „Aufhören! Das ist eine Polin!“ „Sie ist auch ein Mensch!“, schrie meine Mutter automatisch aufgeregt zurück, aber in diesem Moment erkannte sie, wen sie da vor sich hatte – leider zu spät. Der Mann verlangte nach ihrem Ausweis, notierte sich ihren Namen und ihre Adresse und verließ das Haus.
Wie ein Blitz rannte meine Mutter hinaus, nahm meinen Bruder an der Hand und eilte nach Hause zurück. Als sie dort ankam, fing sie sofort an, unsere Sachen zu packen. Sie packte nur das Nötigste für uns Kinder ein und band den dicken Perserteppich zu einer Rolle zusammen. Wir sollten gleich schlafen gehen, denn am nächsten Tag mussten wir sehr früh aufstehen und unsere Wohnung in der Mackensenstraße 11 verlassen. Trotz der frühen Stunde bot sich uns auf dem Bahnhof ein ungewöhnliches Bild, und in dem Augenblick begriffen wir, dass wir nicht die Einzigen waren, die aus der Stadt flüchten wollten. Auf dem Bahnsteig und überall standen viele Menschen und weiter hinten kamen weitere, um den Zug zu erreichen. Dieser war aber schon voll. Die Menschen drängten jedoch weiter hinein und wir wurden förmlich mitgerissen, nur um uns wenig später dicht gedrängt im Inneren des Zuges wiederzufinden. Um mich herum wurde es plötzlich ganz dunkel und mir fehlte die Luft zum Atmen. Ich fing an zu schreien, ich wollte mich aus der Enge befreien, aber es ging nicht. Plötzlich hörte ich die Stimme meiner Mutter: „Vater ist da! Wir müssen raus! Schnell!“ Meine Mutter kämpfte sich den Weg nach draußen frei, meine Geschwister wurden hinuntergezerrt und ich spürte, wie mich starke Hände hochhoben. Ich wurde über die Köpfe der Menschen den nächsten Händen übergeben und durch das Wagonfenster hinaus meinem Vater gereicht. Ich war gerettet! Mein Vater hielt mich fest in seinen Armen und bahnte uns den Weg durch die Menschenmenge, damit wir in den ersten Wagon kommen konnten. Dieser war nicht so sehr überfüllt, aber wir saßen doch zusammengedrängt auf der Bank und versuchten, uns zu beruhigen. Ich saß mit Karl und Fritz der Mutter und Toni gegenüber, rundherum lagen Gepäckstücke, Koffer und Säcke auf dem Boden, zwischen den Beinen der stehenden Menschen. Es war still im Wagon. In der Luft war eine Spannung spürbar.
Das Stadttheater in Bielitz, erbaut ab dem Jahre 1889,
nach den Plänen von Emil Fürster


Gegenüber dem Theater stand das Schloss der fürstlichen
Familie Sulkowski aus dem 14. Jahrhundert


Wir sind rechtzeitig aus unserer Wohnung und unserer Heimatstadt geflüchtet, und waren zwei Jahre auf der Flucht und in der Fremde gewesen. Als wir 1946 aus Bayern nach Bielitz zurückkamen, erfuhr unsere Mutter von einer Frau, die damals noch unsere Nachbarin im Haus gewesen war, dass nur wenige Stunden, nachdem wir unsere Wohnung verlassen hatten, die Gestapo vor unserer Wohnungstür gestanden hatte! Wenn sie uns in der Wohnung angetroffen hätten, hätten wir unsere Mutter bestimmt verloren oder wir alle wären in Auschwitz gelandet.
Der Zug, mit dem wir in letzter Minute aus Bielitz weggefahren waren, hatte erst in der Tschechei angehalten, und zwar in einer großen uns unbekannten Stadt – mitten in einem Luftangriff! Die Alarmsirenen heulten, die Menschen rannten aus dem Zug, den sie verlassen mussten. Die Straßen waren voller Menschen, die mit Handgepäck, Koffern und Rucksäcken beladen waren und eilig in verschiedene Richtungen liefen. Und über den Köpfen der Menschenmasse hörte ich eine sehr laute, schrille Stimme! Sie forderte über das Chaos hinweg Mütter mit Kindern, Kranke und Alte auf, in den zugeteilten Schutzräumen Zuflucht zu suchen. Ich war dermaßen erschrocken, dass ich mich krampfhaft an die Hand meiner Mutter klammerte und sie fragte, woher die Stimme kam, die so laut und erschreckend auf mich wirkte. Die Mutter zeigte mir einen Lautsprecher, der an einem Straßenmast befestigt war, und eilte mit mir weiter. In dieser fremden Stadt erlebte ich das erste Mal das Chaos des Krieges und Panik. An diesem und den folgenden Tagen saßen wir stundenlang in verschiedenen Luftschutzräumen oder Kellern und übernachteten im Sitzen mit unserem Gepäck in der Hand ständig woanders, wobei das Chaos, der Lärm und die Geschosse draußen weitertobten.
Einmal übernachteten wir mit vielen fremden Menschen, die erschöpft und zusammengedrängt neben uns lagen, auf dem Boden eines Restaurants. Das Licht brannte die ganze Nacht, die Leute redeten laut und eine kranke Frau schrie, an Schlaf war gar nicht zu denken. Das Herz raste, der Schreck saß tief und schnürte uns die Kehle zu. Dann verbrachten wir jede Nacht in einem anderen Keller, weil die Mutter auf der Suche nach einer Bleibe war, aber immer noch nichts für uns finden konnte. Nach ein paar Tagen wurde es plötzlich still und die Leute trauten sich langsam, aus dem Keller hinauszugehen. Unsere Mutter machte sich auch auf den Weg, in der Hoffnung, dass wir ein eigenes Dach über dem Kopf finden würden. Kaum aber waren wir auf der Straße, fing die Sirene erneut zu heulen an und wir mussten schnellstens wieder untertauchen. Nun saßen wir wieder im Keller eines privaten Hauses und hörten, wie sich die Flugzeuge näherten und wieder davonflogen. Die ganze Zeit über haben wir gebetet, dass wir in dem Keller verschont bleiben und dieser nicht von einer Bombe getroffen wird. Der Lärm der heranfliegenden Flugzeuge war schrecklich laut! Kaum war es still, wollten wir wieder heraus, und kaum dass wir den Keller verlassen hatten, heulte schon wieder die schrille Alarmsirene auf, die ich kaum noch ertragen konnte. Eine furchtbare Angst schnürte mir die Kehle erneut zu. Die erste Begegnung mit dem Chaos des Krieges und die unerträgliche Angst, die ich in der fremdem Stadt erlebte, waren für mich wie der Weltuntergang.
Irgendwann sind wir dann doch aus der Hölle entkommen und bei Tante Hedi, in Graz, der Schwester meines Vaters, gelandet. Bei ihr konnten wir jedoch auch nicht bleiben und so zogen wir mit vielen anderen Flüchtlingen im Kriegsgewirr weiter, während die Russen schon auf dem Weg nach Berlin waren.
Wir Flüchtlinge wurden in kurzen Abständen auf Lastwagen von Dorf zu Dorf immer weiter nach Westen evakuiert. Die örtlichen Schulen waren vorlaufiges Zuhause. In einer Unterkunft angekommen, bemühte sich unsere Mutter, eine Ecke des Klassenraumes für uns zu bekommen und breitete dort unseren Teppich aus, das einzige Stück Heimat, das uns geblieben war. Die Ecke auf dem Boden bot für eine kurze Zeit Schutz, bis zur nächsten Evakuierung. Nachts rückten wir in unseren Kleidern dicht zusammen und mussten uns mit den vielen fremden Menschen in dem großen Raum abfinden.
Meistens wurden wir in den Schulen auch versorgt. Nach jeder Ankunft in einem neuen Ort folgte ich gleich dem Geruch des Essens, der in der Luft hing. Die provisorische Küche fand ich meistens im Keller, in dem schon eine lange Schlange Menschen stand. Dort teilte man uns aus einem großen Kessel eine heiße Suppe aus. Jeder musste ein eigenes Geschirr mitbringen. Ich erinnere mich auch an die herrlichen Semmelknödel, die es einmal gab.
An einem verschneiten und ruhigen Sonntag, es muss schon in Bayern und im Winter 1944/45 gewesen sein, stand ich vor einem kleinem Haus gegenüber der Schule, in der wir gerade untergebracht waren, und beobachtete die Gegend. Vor der Dorfkirche spielten die Jugendlichen mit Schneebällen, die Buben und Mädchen bewarfen sich gegenseitig, lachten und hatten dabei viel Spaß. Die Kirchenglocke läutete die nächste Messe. Dann sah ich einen Mann, der aus dem kleinen Haus kam und etwas am Zaun machte. Als er mich erblickte, kam er langsam auf mich zu und fragte mich, warum ich vor seinem Haus stehe. Ich zierte mich, fragte ihn dann jedoch ganz verlegen, ob er Hühner auf seinem Hof hat. Als er bejahte, bot ich ihm an, für jedes Ei eine Zigarette zu bringen. Nachdenklich schaute mich der Mann an und verlangte dann nach meiner blauen Zipfelmütze. Zögerlich gab ich ihm diese und er bat mich, an Ort und Stelle zu warten. Er entfernte sich schweigend und verschwand hinter dem Haus. Die Kälte war erträglich und ich wartete geduldig. Als er dann zurückkam, reichte er mir die mit Eiern gefüllte Zipfelmütze. Während unserer ganzen Flucht nach Bayern hatten wir keine Eier gegessen, und voller Stolz brachte ich sie jetzt zu meiner Mutter. Sie war sehr überrascht, als ich sie ihr reichte, und ich sagte schnell, dass sie mir die Zigaretten für den Mann geben sollte, der so großzügig gewesen war. Die Mutter zählte die Eier und gab mir zehn Zigaretten. Ich eilte zu dem Mann zurück, um die Eier zu bezahlen. Ich hatte die Worte meines Vaters bei unserem Abschied in Bielitz nicht vergessen, nämlich dass Zigaretten im Krieg ein gutes Zahlungsmittel sind.
Eines Tages stand erneut ein Lastwagen vor unserer Unterkunft und wir wurden weiter nach Westen verlegt. Unsere Mutter hatte es während dieser Kriegszeit mit uns vier Kindern und dreizehn Gepäckstücken auf der Flucht sehr schwer. Sie hat uns und das Gepäck oft nachgezählt, und trotzdem beklagte sie sich nie, immer strahlte sie eine Ruhe aus, die uns ein Sicherheitsgefühl gab. Was unsere Eltern während des Krieges alles erlebten und mitmachen mussten, wurde uns Kindern erst Jahre später wirklich klar.
Die schrillende Sirene, die heulenden Flieger, Geschosse und Granatenexplosionen, die dunklen, überfüllten und stinkenden Luftschutzräume – das waren unsere täglichen Begleiter. Diese Erinnerungen sind es, die wir nie vergessen haben. Diese Erlebnisse haben unser ganzes Leben geprägt und beeinflusst. Wir waren zu früh gereifte Kinder. Überall, wo wir in dem Kriegsgewirr auf dem Weg nach Westen untergebracht waren, mussten wir auf dem Boden schlafen. Unser Teppich von zu Hause, der schön dick war und uns nachts Wärme spendete, war für uns in dieser Zeit eine echte Wohltat. Dank des Teppichs, den die 13-jährige Toni und der 10-jährige Fritz tragen mussten, sind wir alle trotz der Mangelernährung nie krank geworden.
Meine Eltern haben sich während der Kriegszeit nie aus den Augen verloren. Der Kontaktpunkt war Tante Hedi. Ich erinnere mich, wie unsere Mutter nach jeder Evakuierung eine Postkarte an sie geschrieben hat. Mein Vater, der sich auch ständig woanders aufhalten musste, hat seiner Schwester ebenfalls seine Adresse mitgeteilt. Meine Tante hat dann sofort dem anderen die aktuelle Adresse per Postkarte mitgeteilt und dank ihrer Unterstützung konnte uns unser Vater immer finden. Bewundernswert war die Post in diesen unruhigen Zeiten. Es ist nie eine Postkarte verloren gegangen und jeder wusste, wo sich der andere befand.
Das deutsche Geld auf dem Sparbuch war im Krieg noch gültig, aber unsere Mutter konnte unterwegs nicht immer Brot kaufen. Wir haben aber nie nach Essen verlangt. Die stete Angst, die uns jeden Tag begleitete, hat uns die Kehle zusammengeschnürt.
***
Kurz vor Kriegsende in Bayern angekommen, waren wir einmal stundenlang mit einem Zug unterwegs. Vater saß mit uns in dem überfüllten Abteil. Es war still im Wagon. Es war ein herrlicher Sommertag, die Sonne schien durch das Fenster des Wagons direkt auf mich, meine beiden Brüder schliefen wie immer wieder fest auf ihren Rucksäcken und der Zug fuhr durch eine schöne, ländliche Landschaft, die mich froh stimmte.
Das monotone Klappern des Zuges auf den Schienen wollte mich gerade in den Schlaf wiegen, als der Zug plötzlich mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam. In unserem Wagon brach Panik aus. Die Leute griffen schnell nach ihrem Handgepäck und ihren Koffern und rannten aus dem Zug. Meine Brüder wurden von den Eltern aus dem Schlaf gerissen, wir eilten auch aus dem Zug und folgten den Menschen Richtung Wald, der am Horizont zu sehen war. Da hörten wir schon das tiefe Brummen der Propellermaschinen und kurz darauf das Heulen von Maschinen im Sturzflug, die immer näher kamen. Wir rannten um unser Leben! Am Waldrand angekommen, ließen wir uns erschöpft und atemlos nieder und schauten zurück. Das Heulen der Flieger und das laute Stakkato der Maschinenkanonen hatte aufgehört, aber uns bot sich ein schreckliches Bild! Der Zug, in dem wir gerade noch gesessen hatten, stand in Flammen, die hoch in den Himmel loderten! Die Wagons waren durchschossen und brannten lichterloh. In diesem Moment wurde uns bewusst, wie knapp wir dem Tod entkommen waren! Unser Leben hatten wir der Aufmerksamkeit der Zugbesatzung zu verdanken. Der Lokführer hatte die schwarzen Punkte am Himmel richtig gedeutet und rechtzeitig den Zug angehalten, sonst hätten wir alle unser Leben verloren. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet, keiner war verletzt, geschweige denn getötet worden. Der Wald um uns herum war voller Menschen. Bald bildete sich eine Kolonne und die Leute marschierten gemeinsam los. Wir schlossen uns an. Der Marsch durch den Wald hielt erst an, als wir eine asphaltierte Straße erreicht hatten. Hier wurde beraten, wohin und in welche Richtung es weitergehen sollte. Hinter uns lag der Wald und vor uns rechts und links zogen sich Getreidefelder die Straße entlang. Niemand wusste, wo wir uns genau befanden, geschweige denn, wohin die Straße führte. Die Menschen aus dem Zug hielten zusammen, sie bildeten erneut eine Kolonne und es ging nach links. Wir waren stundenlang zu Fuß unterwegs, es waren nur noch die Felder und Wiesen rechts und links zu sehen.
Als am Abend schließlich die Sonne unterging, fing es an zu nieseln, und ging in einen starken Regen über. Wir marschierten trotzdem die ganze Nacht weiter, wir hatten keine andere Alternative. Die Kolonne bewegte sich schweigend, resigniert und schleppend durch die dunkle Nacht. Jeder war durchnässt und sehnte sich nach einem warmen Bett. Mein Vater trug mich und meinen Bruder Karl abwechselnd auf seinen Schultern, dazu noch einen Rucksack und einen Koffer. Ich sah trotz der Dunkelheit, dass an beiden Seiten der Straße in regelmäßigen Abständen schmale, aber sehr hohe Bäume wuchsen. Die gaben uns aber keinen Schutz. Es war eine harte Nacht, die wir nie vergessen haben. Die gesamte Menschenkolonne schob sich schweigend und leise voran, ohne jegliche Hoffnung, bald auf eine Siedlung zu treffen. Es war noch ganz dunkel, als eine Frau meinem Vater plötzlich ein Fahrrad in die Hand drückte und gleich darauf verschwand. Dies passierte so schnell und überraschend, dass weder mein Vater noch meine Mutter wussten, woher die Frau gekommen und wohin sie verschwunden war.
An diese Nacht und die plötzliche Rettung in der Not erinnerte sich unser Vater noch viele Jahre später, als wir schon wieder in Schlesien lebten. Wir saßen alle zusammen beim Abendbrot, als unser Vater, der nachdenklich war und geschwiegen hatte, plötzlich leise sagte: „Es war Rettung in letzter Minute. Ich war schon so schwach, dass ich keine Kraft zum Weitergehen hatte, dann kam die Frau mit dem Fahrrad. Das war die Hilfe, um die ich Gott die ganze Nacht gebeten hatte. Er hat mich erhört.“ Wir wussten sofort, von welcher Nacht er sprach, aber keiner von uns sagte darauf ein Wort. Wir alle waren wieder mitten im Geschehen dieser Nacht und schwiegen. Wie es schien, waren die Kriegserinnerungen auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen. Unser Vater war nach dem sechsjährigen Krieg erst dreiundvierzig Jahre alt.
Als die schwere Nacht schließlich vorüber war und die Menschenkolonne in den Morgenstunden in einem Dorf ankam, breitete sich Erleichterung unter den erschöpften Menschen aus. Leider durften nicht alle bleiben. Der Bürgermeister ließ nur einige Familien mit Kindern im Ort, eben so viele, wie er auf die umliegenden Bauernhöfe verteilen konnte. Der Rest musste wieder aufbrechen. Wir durften bleiben und bekamen ein sehr kleines Zimmerchen bei einem Bauern namens Ziesel zugewiesen, der uns Flüchtlingen nicht wohlgesonnen war. Wir waren dermaßen erschöpft, dass wir den ganzen Tag und die folgende Nacht ohne etwas zu essen durchgeschlafen haben.
Am nächsten Morgen wollte mich meine Mutter nach draußen an die frische Luft schicken, doch ich wollte nicht gehen. Ich fürchtete mich vor dem Bauern. Meine Mutter nahm mich aber an der Hand und führte mich durch den langen, dunklen Flur hinaus. Ich blieb vor lauter Angst vor dem Haus stehen. Ich spürte den bösen Mann hinter der Tür, an der wir eben vorbeigegangen waren, und schaute ängstlich meiner Mutter nach, die zurückging und die Tür hinter sich schloss. In diesem Moment kam der Bauer mit einem Beil in der Hand aus der Küche heraus und ging wütend auf mich los. Der Schreck verlieh mir Flügel und ich rannte um das Haus herum. Meine Mutter stand am offenen Fenster, als hätte sie es geahnt, und hob mich schnell nach oben und ins Innere. Da stand der große Mann auch schon schwer atmend vor dem Fenster und blaffte meine Mutter an: „Ihr! Dahergelaufene Polen!“ Meine Mutter schrie wütend zurück: „Und Sie sind für mich der Teufel!“ Bis dahin hatte ich meine Mutter noch nie so aus der Haut fahren sehen. Mein Herz pochte wie verrückt, ebenso wie ihres. Der Bauer verschwand, weil er begriffen hatte, dass wir keine Polen waren, und ließ uns dann in Ruhe. Seine Frau, die nie gekämmt war, lud meine Mutter sogar einmal zum Essen zu sich in die Küche ein. Es gab damals Knödel aus gekochten Kartoffeln, die sogenannten „Fingerchen“, die sie nicht in Wasser gekocht, sondern in Schweinfett gebräunt hatte. Ich durfte mitessen. Das war für mich etwas Herrliches und es schmeckte hervorragend. Später erfuhr ich, dass man das Gericht Schupfnudeln nennt.
Und noch eine Episode aus der Zeit bei dem Bauern ist mir in Erinnerung geblieben. Der Bauer hatte einen Sohn in meinem Alter. Er hatte krumme Beinchen und ein großes Bäuchlein. Meine Mutter erklärte mir, dass der kleine Luis die englische Krankheit hat. Der Bub, der kleiner als ich war, rannte einmal unerwartet auf mich zu und biss mich in meinen Bauch. Ich schrie und die blauen Spuren seiner Zähne konnte ich lange Zeit sehen. Es waren dunkle Blutergüsse.
***
In diesem Dorf, an dessen Name ich mich nicht mehr erinnere, erlebten wir schließlich auch das Ende des Krieges. Mein Vater hatte zu dieser Zeit alle Hände voll zu tun. Er reparierte im Dorf und in der Umgebung Feldmaschinen, Traktoren und sogar Uhren. Dafür entlohnte man ihn mit Lebensmitteln.
Am 09. Mai 1945, nach der Friedensproklamation, fuhr der Bürgermeister unseres Dorfes mit dem Auto und einer weißen Fahne an die Dorfgrenze und übergab das Dorf den Amerikanern.
Damit hat er vernünftigerweise ein unnötiges Blutvergießen vermieden, und nach der Übergabe kamen die Amerikaner ins Dorf. Ihre riesigen, schweren Panzer schoben sich sehr langsam vor unsere Augen. Wir Kinder standen vor dem Haus und schauten erstaunt und mit großer Neugier zu. Die Panzer waren so breit, dass sie die ganze Straße in Anspruch nahmen. Die Soldaten waren nicht zu sehen, sondern nur ihre Schuhe – wahrscheinlich steckten sie die schmerzenden Beine in die Klappe oben. Sie haben uns aber gesehen und warfen uns Kaugummi zu. Das war etwas, was wir auch noch nicht kannten.
Am 01. Juni 1945 haben die Amerikaner ein Fest für alle Dorfkinder veranstaltet. Sie bauten auf dem Flugplatz am Rande des Dorfes viele Zelte auf und in jedem gab es etwas für die Kinder. Es wurden Orangen, Schokolade, Kekse und Kaugummi verteilt und die Mutter bezahlte die Präsente mit einer Bonuskarte, die sie vom Bürgermeister für jedes Kind bekommen hatte. Die Überraschung und Freude der Kinder war groß und die Stimmung auf dem überfüllten Flugplatz war heiter, die Menschen haben gejubelt und sich gefreut, dass der Krieg endlich vorbei war, und die Jugendlichen durften noch eine zusätzliche Attraktion erleben. Die amerikanischen Soldaten, unter denen auch Farbige waren, haben die Buben in ihren Jeeps um den Flugplatz herum gefahren, dabei gesungen und Spaß gemacht. Ich staunte sehr, als ich erfahren habe, dass es auch Menschen gibt, die eine dunkle Hautfarbe haben. Es war für mich ein einmaliges Erlebnis, die Farbigen zum ersten Mal zu sehen, und auf meine Frage, wer sie sind, hörte ich, dass es Neger seien. Heute bezeichnet man sie als Afroamerikaner.
Nach der Friedensproklamation fand unser Vater gleich eine Beschäftigung bei der Firma Stehle in Memmingen. Wir wohnten vorerst direkt bei der Fabrik in einer Baracke, in der während des Krieges die Zwangsarbeiter untergebracht waren. Nach einiger Zeit wurde uns eine große Wohnung in einem Zweifamilienhaus zugeteilt. Diese war voll möbliert und sah so aus, als hätten die Leute, die hier gewohnt hatten, das Haus gestern erst verlassen –
vielleicht waren sie Juden gewesen.
Eines Tages, meine Geschwister waren schon in der Schule und Vater in der Arbeit, ist eine Frau zu uns nach Hause gekommen. Sie war eine Beamtin aus dem Rathaus und hat ein großes Buch mit Bildern von Häusern mitgebracht, das sie auf den Küchentisch legte. Die Frau machte meinen Eltern ein Angebot. Sie konnten ein Haus aus dem Buch aussuchen, der Staat würde dieses bauen und die Eltern würden es dann mit der Miete abzahlen können. Ich hörte neugierig zu. Meine Eltern waren über das Angebot verblüfft. Mein Vater meinte am Abend: „So früh nach dem Krieg? Ist das überhaupt schon möglich?“ Anscheinend war es möglich, sonst hätten meine Eltern das Angebot nicht bekommen.
***
Mein Vater war ein Familienmensch. Er dachte ständig an seine Eltern, die in Bielitz geblieben waren, und als er in Bayern einen Bielitzer traf, der unsere Familie gut kannte, lud er ihn nach Hause ein. Er durfte sogar bei uns übernachten. Von diesem Mann haben meine Eltern viel erfahren. Er erzählte, was sich nach unserer Flucht alles in unserer Heimatstadt zugetragen hatte. Die Russen haben sich wie ein wildes Volk aufgeführt! Sie waren ständig betrunken und klauten alles, was sie mitnehmen konnten. Erst haben sie alle Häuser in der Stadt durchsucht und alle Deutschen, die sich in den Kellern und Dachböden versteckt hatten, auf die Straße gejagt. Dort war schon eine Menschenkolonne, der sie sich anschließen mussten und die unter Bewachung Richtung Bahnhof gelenkt wurde. Dort wurden sie in die Viehwagons gedrängt und nach Sibirien abtransportiert. Die dicht zusammengedrängten Menschen waren in Dunkelheit, ohne Wasser und Essen tagelang unterwegs. Die Schwachen, die die Fahrt ohne Wasser und Essen nicht überlebten, sind bei der Öffnung des Wagons tot herausgefallen.
In einem Keller hatte sich unter den erwachsenen Männern auch ein 15-jähriger Junge versteckt. Er wurde auch mitgenommen. Er hat die Fahrt nach Sibirien und die niedrigen Temperaturen dort überlebt. Nach vier Jahren Gefangenschaft ist er zu seiner Mutter in Bielitz zurückgekommen. Sein Vater war nicht mehr da, er war von den Russen erschossen worden. Der junge Mann war mein zukünftiger Schwager, Tonis Mann.
Die Russen haben nicht nur die Dachböden und Keller durchsucht, sondern auch die Gärten und die Gartenhäuschen. Sie haben die Mädchen, die dort versteckt wurden, gefunden und vergewaltigt, sogar eines, das sich in einer Tonne versteckt hatte, und dieses haben sie beinahe umgebracht. Die Russen waren betrunken mit den Gewehrkolben und mit Gebrüll in jede Wohnung eingedrungen! Mein Großvater hatte sich dabei so erschrocken, dass er am ganzen Körper zu zittern begann. Er hat bis zu seinem Tod nicht zu zittern aufgehört. Die russischen Soldaten haben alle Betagten aus der Stadt, auch meine Großeltern, in das Hotel „Präsident“ in Bielitz gebracht und in den Keller gesperrt. Sie haben wenig Wasser und kaum etwas zu essen bekommen und mussten auf dem nackten Betonboden schlafen. Sechs Monate lang hat meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, den zitternden Kopf ihres Mannes auf ihrem Schoß gehalten. Mein Großvater hat das Kriegsende nicht erlebt.
Nachdem der Krieg vorbei war, hat man die Menschen aus dem Keller freigelassen. Meine Großmutter hat Opa auf dem Friedhof gesucht, aber nicht gefunden. Er war mit anderen Verstorbenen dieser Zeit in einem gemeinsamen, namenlosen Grab beerdigt worden.
Die schrecklichen Nachrichten aus der Heimat haben meine Eltern erschüttert. Vater machte sich jetzt große Sorgen um seine Mutter, und meine Mutter sich um ihren Vater. Sie haben angefangen zu überlegen, ob sie in die Heimat zurückkehren sollten oder nicht. Das Schicksal der beiden Elternteile hatte meinen Eltern ab diesem Zeitpunkt keine Ruhe mehr gelassen und sie sprachen jeden Tag darüber. Nach reiflicher Überlegung entschlossen sie sich dazu, zurück nach Schlesien zu gehen, obwohl mein Vater schon eine gute Arbeit und auch ein Haus in Aussicht hatte.
Wir sind dann im Frühjahr mit einem großen Transport von Flüchtlingen in einem mit Stroh ausgelegten Güterzug nach Schlesien gefahren und in der Stadt Czechowice-Dziedzice angekommen. Der ganze Transport wurde unterwegs von einer amerikanischen Eskorte überwacht und alle Flüchtlinge wurden für den langen Weg mit UNRA-Paketen versorgt. Wir waren stundenlang mit dem Güterzug unterwegs und er hat selten angehalten. Während jedes Halts konnten die Menschen frische Luft schnappen und ihre Bedürfnisse erledigen. Nach einem Halt im Wald und Weiterfahrt des Zuges merkte eine junge Mutter in unserem Wagon, dass ihr Kind fehlte! Man sah sich im Wagon um, ob es sich versteckt hatte, aber es war nicht da. Es gab keine telefonische Verbindung mit dem Lokführer und man konnte niemanden benachrichtigen, somit ist das Kind auf der Strecke geblieben! Das Mädchen war in meinem Alter.
***
In der Heimat angekommen, merkte ich sofort, dass plötzlich alles anders als in Bayern war. Schon mit dem Wetter fing es an. Es war kalt, es hat geregnet und gleichzeitig geschneit, während wir in Bayern schon viele sonnige Tage erlebt hatten und der Frühling in der Luft gelegen hatte. Die nächste Enttäuschung war die Tatsache, dass es in unserer Heimatstadt schwer war, Lebensmittel zu bekommen, und das stimmte uns nicht gerade froh. Zum Mittagessen haben wir ständig das Gleiche bekommen, entweder waren es Karotten mit Kartoffeln oder Kartoffeln mit Sauerkraut, und fast bis 1950 hat sich kaum etwas daran geändert. Pflanzenöl zum Beispiel war eine Rarität. Erst als unsere Mutter 1950 in der nahe gelegenen Raffinerie eine Stelle in der Buchhaltung und zusätzlich zu ihrem Lohn einen Liter Sonnenblumenöl bekam, wurde das Essen schmackhafter. In Bayern dagegen hatte meine Mutter unmittelbar nach dem Krieg schon eine volle Einkauftasche mit Gemüse nach Hause gebracht, sogar Orangen hatte sie irgendwo bekommen. Einmal lief ich ihr entgegen, als ich sie vom Einkaufen zurückkommen sah, da zeigte sie mir eine volle Tasche mit Rosenkohl. Ich kannte das Gemüse damals nicht und staunte, dass das Kraut so kleine Köpfe hatte. Sie sagte mir, sie hätte es bei den Zwergen gekauft, deswegen hätte es diese Größe. Ich war so irritiert, dass die Mutter dann lachend zugab, dass das ein Witz war.
Der einzige Trost für uns Kinder war damals die Tatsache, dass wir eine Wohnung in demselben Haus bekommen haben, aus dem wir 1944 vor der russischen Front geflüchtet sind. Das während der Flucht Erlebte, die Bilder aus dem Krieg haben wir lange im Gedächtnis getragen und nicht vergessen können. Meine älteste Schwester Toni war nach unserer Rückkehr in die Heimat erst fünfzehn Jahre alt, aber was sie gesehen hatte, hat sie noch mit einundzwanzig Jahren nicht vergessen und manchmal auch gezeichnet.


Meine Schwester Toni war sehr ehrgeizig, sie hat mit dreizehn Jahren die englische Sprache schon verstanden. So konnte sie dem Bauern, bei dem wir damals in Bayern das kleine Zimmer gehabt hatten, bei der Forderung der Amerikaner nach Wein und Eiern behilflich sein. Diese waren nach der Ankunft im Dorf von einem Bauern zum anderen gegangen und hatten diese Produkte verlangt. Sie kamen mit einem Gewehr an der Brust, um den Leuten Angst zu machen, aber der Bauer verstand sie nicht. Später sind sie dann alleine in den Stall gegangen und haben die Eier roh getrunken.
Nach unserer Rückkehr nach Bielitz wollte meine Schwester unbedingt, dass ich Englisch lerne. Sie hatte mit siebzehn Jahren schon im Büro des Vaters als Zeichnerin gearbeitet. Jede Woche drückte sie mir fünf Zloty in die Hand und ich musste die Englischlehrerin in der Stadt aufsuchen. Ich bin aber nicht sprachbegabt, für mich war Englisch wie ein Gesang. Der Traum meiner Schwester war, dass wir uns auf Englisch unterhalten können, wenn wir erwachsen sind.
Im Jahre 1948 bot man auf dem Schloss in Bielitz einen Malkurs an und meine Schwester meldete sich dafür an. Sie wollte unbedingt daran teilnehmen. Der Professor, ein älterer Herr, kam aus Krakau und war Jude. Beim ersten Zusammenkommen der Teilnehmer wollte er die Interessierten erstmal testen. Er stellte verschiedene Gegenstände auf das Pult und jeder konnte sich einen aussuchen, den er malen würde. Da ein freies Thema auch erlaubt war, zeichnete meine Schwester ein schlafendes Kind. Sie zeichnete nur den Kopf mit lockigem Haar und die Hände. Als der Professor hinter Toni stand und das Kind betrachtete, sagte er leise, aber voller Wut: „Das Kind hat germanische Gesichtszüge!“ Die arme Toni war so tief getroffen, dass sie aufstand und schweigend den Saal verließ. Sie ist nie wieder zu dem Malkurs gegangen.
Tonis Zeichnung


Meine Schwester Toni im Alter von 60 Jahren, München 1991


Die Flüchtlinge. Ein Werk von Toni,das sie im Alter von 65 Jahren angefertigt hat.


***
Was unsere Gesundheit betraf, war der Krieg an uns Kindern doch nicht spurlos vorübergegangen. Ich habe nach dem Kriegsende am ganzen Körper große, braune Geschwüre bekommen, sogar hinter den Ohren. Gleich nach der Friedensproklamation ist meine Mutter mit mir nach München gefahren, um Hilfe zu suchen, obwohl sie noch nie in dieser Stadt gewesen war. Dort wurden wir von dem kaputten Tor des Bahnhofs empfangen und unser Zug konnte auf dem einzigen intakten Gleis einfahren. Alle anderen Gleise waren beschädigt, sie waren nach oben gekrümmt, was mich in Staunen versetzte, und jede Wand, jedes Gebäude wies Einschussspuren auf. Das Gesamtbild war für uns umso erschreckender, weil wir bis dahin die Folgen des Krieges, des Kampfes, in einer großen Stadt noch nie aus der Nähe gesehen hatten. Es war in meinem Alter von fünf Jahren überhaupt das erste Mal, dass ich so eine große Stadt sah. Alles kam mir unwahrscheinlich groß vor. Das breite Trottoir, auf dem kein Mensch zu sehen war, die breite und unendlich lange Straße, auf der kein Fahrzeug fuhr! Überall sah man nur Leere und in der Ferne die zahlreichen hohen und beschädigten Häuser. Der Bürgersteig an der breiten Doppelstraße schien kein Ende zu haben, aber meine Mutter, die mich an der Hand festhielt, ging einfach entschlossen weiter, bis wir bei einem großen Gebäude angekommen waren. Dieses war auch leer. Keinen Menschen haben wir darin gesehen. Wir haben viele Stockwerke mit langen Korridoren abgesucht, bis wir endlich eine Person angetroffen haben. Es war eine Krankenschwester in Zivil, die gerade von der anderen Seite des Flures hereingekommen war. Nachdem sie erfahren hatte, warum wir da waren, führte sie uns in ein kleines Zimmer, machte einen weißen, schmalen Schrank aus Glas auf und holte ein kleines Fläschchen mit einer grünen Flüssigkeit heraus. Mit dieser hat sie alle meine Geschwüre eingepinselt. Als wir das Krankenhaus verlassen hatten, stand wieder der lange Rückweg durch die Stadt bevor. Wir sind erschöpft am Bahnhof angekommen und mussten wieder lange warten, bis wir mit einem Zug nach Hause fahren konnten. Die einfache Behandlung wirkte nach einer kurzen Zeit, die Geschwüre sind verheilt und es sind nicht mal Narben zurückgeblieben.
***
Kurz vor Kriegsende, das war noch zu unserer Zeit in Bayern, sind meine beiden Brüder, damals sechs und elf Jahre alt, mit dem 16-jährigen Sohn eines Bauern mit einem Leiterwagen und einem Pferd hinaus auf eine Wiese gefahren.
Plötzlich hörten sie das Brummen von Motoren am Himmel, dicht gefolgt vom mechanischen Geräusch des Maschinengewehrfeuer. Vom Boden her donnerten auch plötzlich Geschütze und leuchtende Geschosse zischten in den Himmel, den Fliegern entgegen. In diesem Geschosshagel und Lärm standen die drei Buben völlig schutzlos, mitten auf der Wiese! Mein jüngerer Bruder Karl erlitt in diesem Augenblick einen Schock. Er fing an, sich wie in Trance um die eigene Achse zu drehen und lief plötzlich schreiend los. Dabei fiel er in einen nahe gelegenen Bewässerungsgraben. Er wurde mit großer Mühe von den beiden anderen Buben aus dem Graben gerettet. Ganz in der Nähe, am Rande der Wiese, war ein Schützengraben ausgehoben und mit Sandsäcken und Tarnnetzen befestigt worden. Von dort kamen der Geschützdonner und die leuchtenden Geschosse, die himmelwärts jagten. Die Soldaten in der Stellung entdeckten die drei Buben und winkten ihnen zu, damit sie nicht auf dem offenen Feld stehenblieben. Die drei Jungen in ihrer Angst und Panik nahmen jedoch nichts weiter wahr als den Lärm und die Gefahr um sich herum. Letztendlich entdeckte einer von ihnen die winkenden Soldaten und sie liefen auf die Gräben zu. Dank der Hilfe der Soldaten überlebten alle den Angriff.
Das erlebte Trauma löste bei meinem jüngsten Bruder Herzbeschwerden aus. Er musste sein ganzes Leben lang Herzmedikamente einnehmen. Nachdem wir nach dem Krieg wieder in Bielitz angekommen waren, wurde er eines Morgens bewusstlos. Er kam in die Küche und kippte plötzlich um. Karl und ich haben jahrelang jede Nacht im Schlaf geschrien. Ich erinnere mich, wie mein Bruder noch mit 16 Jahren so unruhig geschlafen hat, dass er jede Nacht aus dem Bett fiel. Ich musste in der Früh durch sein Zimmer gehen und fand ihn meist auf dem Boden schlafend. Was mich persönlich betrifft, so wachte ich bis in meine Dreißigerjahre hinein nachts oft noch mit Geschrei auf.
Mein Bruder Karl im Alter von 16 Jahren, Swiebodzin 1955


Kurz nach unserer Rückkehr nach Bielitz erkrankte mein älterer Bruder schwer. Meine Eltern ließen sofort einen Arzt namens Dulawa rufen, der in der Stadt schon vor dem Krieg sehr bekannt und hochgeschätzt war. Er war immer zu meinen erkrankten Geschwistern gerufen worden. Der Arzt war Jude und hatte glücklicherweise den Krieg überlebt. Trotz seiner direkten Art mit Menschen umzugehen, war er in der Stadt beliebt.
Doktor Dulawa konnte auch diesmal meinem Bruder helfen und nach der Heilung war es ihm sogar gelungen, ihn durch seine alten Verbindungen in einem Sanatorium unterzubringen. Dort ging seine Genesung schnell voran und mein Bruder schoss förmlich in die Höhe.
Jetzt nach dem Krieg haben meine Eltern den Arzt oft eingeladen, um über das Erlebte im Krieg zu sprechen. Während eines Besuches beklagte sich meine Mutter, dass wir im Krieg alles verloren haben. Damit meinte sie die Firma meines Vaters und unseren ganzen Besitz …
Der Arzt erwiderte sichtlich mit sich ringend;
– Was sagst du da …?
– Alles verloren?
– Nichts hast du verloren! Du hast deinen Mann und alle deine Kinder behalten!
– Ich habe alles verloren!
– Meine ganze Familie wurde in Auschwitz umgebracht! Nur ich habe überlebt …


Das Haus in der Mackensenstraße 11
Nach unserer Rückkehr in das Haus in der Mackensenstraße haben wir dort kein einziges bekanntes Gesicht angetroffen. Nur die polnische Hausmeisterfamilie, die vor dem Krieg und währenddessen im Haus gewohnt hatte, war noch da. Die ersten Tage nach unserer Rückkehr haben wir beim Vater unserer Mutter verbracht, der uns in der Not aufgenommen hat. Nachdem wir die Zuteilung in die Wohnung bekommen hatten, haben wir jeden Tag unsere Habseligkeiten auf einem kleinen Zweiräderwagen dorthin gefahren. Ich erinnere mich noch genau an unsere erste Begegnung im Haus. Die Hausmeisterin hatte gerade das Trottoir vor dem Anwesen gekehrt und als sie uns erblickte, war sie erschrocken und schleunigst verschwunden. Sie bekam Angst, weil sie mit der Plünderung unserer Wohnung zu tun gehabt hatte.
Die alte Betonbrücke in der Nähe des Hauses Nummer 11,
die 1902 erbaut und 1945 von den Nazis in die Luft gesprengt wurde


Meine Eltern haben aber die beiden Hausmeister nie darauf angesprochen. Später, als meine Mutter eine Nachbarin aus dem Haus in der Stadt traf, erfuhr sie von dieser, dass der Hausmeister zusammen mit seinem Schwiegersohn das Piano unserer Mutter nach unserer Flucht aus der Wohnung abtransportiert hatte.
Kinder aus dem Haus Kosciuszki-Straße 11, Bielitz 1950


Das Bild zeigt Kinder, die den Krieg überlebt haben, aber aus einer ganz anderen Region Polens nach Bielitz kamen. Das größte ist mein Bruder Fritz. Direkt vor ihm steht mein Bruder Karl, das Mädchen davor bin ich.
***
Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte und die Polen an die Macht kamen, waren die Deutschen in der Stadt nicht gern gesehen. Die Atmosphäre in der Stadt hatte sich total verändert. Als wir nach Bielitz zurückgekommen waren, hatte sich mein Vater sofort bei der polnischen Polizei gemeldet, obwohl ihm die politische Lage bewusst war. Die Polizisten haben nicht schlecht gestaunt, als sie einen Deutschen vor sich stehen sahen. Sie konnten seinen Namen nicht lesen, nicht aufschreiben, und nicht begreifen, dass er sich traute, in die Stadt zurückzukehren. Obwohl mein Vater kein perfektes Polnisch sprach, konnte er sich mit ihnen verständigen, und er nannte ihnen einige Polen, mit denen er vor dem Krieg zusammengearbeitet hatte. Mein Vater war ja wegen der Gießerei genauso in der Stadt bekannt wie sein Vater, und beide haben einen guten Ruf in der Stadt genossen. Darauf baute mein Vater jetzt, und er wartete, bis die polnischen Polizisten die genannten Personen aufgesucht und befragt hatten. Einige von ihnen, die meinen Vater näher kannten, haben sogar bestätigt, dass die Nazis meinem Vater seine Firma weggenommen hatten, weil er nicht in die Hitlerpartei hatte eintreten wollen. Nachdem sie die Bestätigung dafür hatten, dass mein Vater sich nichts zu Schulden hatte kommen lassen, ein guter Vorgesetzter und während des Krieges parteilos geblieben war, haben sie ihn gehen lassen und er kam an diesem Tag beruhigt nach Hause zurück. Er war sichtlich erleichtert.
Wenige Tage darauf wurde mein Vater benachrichtigt, dass er sich beim Geheimdienst melden sollte. Vor diesem Termin hatte mein Vater aber große Angst, da in der Stadt Gerüchte umgingen, dass die Befragungen dort mit Schlägen und Folter einhergingen. Im Nachhinein waren die Sorgen, zumindest für ihn, unbegründet geblieben. Er kehrte nach dem Termin auch wohlbehalten nach Hause zurück. Das Wichtigste nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt war also erledigt.
***
Die Eltern meines Vaters hatten insgesamt sechs Kinder gehabt. Die drei ältesten haben sie verloren, sie waren an Keuchhusten erkrankt und da es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts kein Mittel dagegen gab, sind alle drei in kurzen Abständen gestorben. Danach kamen mein Vater Friedrich, geb. 1903, sein Bruder Viktor, geb. 1905, und seine Schwester Hedwig, geb. 1911, zur Welt, alle in Bielitz.
Nach unserer Rückkehr aus Bayern holte unser Vater seine Mutter zu uns. Sie war sehr verändert, schweigsam und in sich gekehrt. Ich ließ sie aber nicht in Ruhe, ich wollte so viel von ihr erfahren. Und eines Tages hatte ich sie so weit und sie fing an zu erzählen, dass mein Vater mit fünf Jahren schon Bücher gelesen hat, bevor er in der Früh zur Schule ging. Ich erfuhr auch, dass er in der Grundschule zweimal eine Klasse übersprungen hat. Den Krieg erwähnte sie mit keinem Wort. Nachher hatte mein Vater die Gewerbeschule in Bielitz besucht, aber das wusste ich schon von ihm selbst. Dort hat er die Examina zum Abschluß der Gewerbeschule bestanden und aufgrund seiner Jugend, schickte ihn sein Vater in die Schweiz, wo er bei Christiansen studierte und den Titel Maschinenbauingenieur erwarb.
Die Gewerbeschule in Bielitz


Mein Großvater hat gut für seine beiden Söhne gesorgt. Der Bruder meines Vaters, Viktor, hat in Wien studiert und wurde Förster in Jankowitz bei Pleß in Oberschlesien. Er war ein sehr naturverbundener Mensch, der sich keinen anderen Beruf vorstellen konnte. Nach seinem Studium wurde er Angestellter des Fürsten von Pleß, der ihm sein Reservat mit Auerochsen in Jankowitz anvertraute. Meine Kindheitserinnerungen sind stark mit dem einzigen Onkel verbunden. Wir Stadtkinder hatten in der Kriegszeit die Ferien an Ostern und Weihnachten, jedes Jahr in Jankowitz bei Onkel Viktor und Tante Hilda verbracht. Sie hatten drei Kinder, Lydia, Ruth und Otto. Wir fuhren immer mit dem Zug von Bielitz nach Pleß und am Bahnhof wartete bereits der Knecht unseres Onkels auf uns. Im Sommer ist er mit einer großen Kutsche mit zwei eingespannten Pferden gekommen und im Winter mit einem großen Schlitten. Er versorgte uns mit Lammpelzen, damit uns während der Fahrt nicht zu kalt wurde. Der Weg in die Försterei führte uns durch den verschneiten Wald in das Paradies des Onkels. Das war eine besondere Fahrt, ein Erlebnis, das mich sehr beeindruckte, und das Klingeln der Glöckchen an den Pferdeköpfen empfand ich immer wie eine Melodie, die mich träumen ließ.
Was ich auch nicht vergessen habe, sind die beeindruckenden, langen Spaziergänge im Sommer durch den schattigen, geheimnisvollen Wald, in dem uns das Jubilieren der Vögel entzückte. Dabei waren immer die beiden Dackelhunde Susi und Atti, die wir Kinder so liebten.
Mein Onkel Viktor,
geb. 1905


Mein Vater Friedrich,
geb. 1903


Nachdem sich mein Vater nach unserer Rückkehr aus Bayern bei den polnischen Behörden in Bielitz gemeldet hatte, fuhr er nach Jankowitz zu seinem Bruder Viktor. In der Försterei fand er aber einen neuen Förster vor. Mit einem schrecklichen Gefühl im Herzen fuhr er sofort weiter nach Teschen, um die Frau seines Bruders aufzusuchen. Er traf sie tatsächlich mit den Kindern bei ihrer Mutter, bei der sie Zuflucht gesucht hatte. Hier erfuhr er von unserer Tante Hilda die schreckliche Wahrheit. Die Russen hatten seinen Bruder verhaftet und in die Gefangenschaft nach Russland verschleppt! Unserer Tante blieb nichts erspart. Im Sommer des Jahres 1947 hatte sie ihre ältere Tochter Lydia durch einen Blitzschlag verloren. Sie hatte gerade die Grundschule als Klassenbeste absolviert und alle Klassen der Schule waren zur Beisetzung gekommen.
Viele Monate später sind einige Gefangene aus Russland zurückgekommen, darunter auch jemand aus Jankowitz. Er behauptete, dass er bei meinem Onkel war, als dieser gestorben war. Die Umstände der Gefangenschaft hätte er sehr schlecht ertragen und sehr unter der Sehnsucht nach seiner Familie gelitten. Unsere Tante konnte sich mit den Nachrichten nicht abfinden und wartete noch jahrelang auf seine Rückkehr. Tatsache ist, dass seine Kinder ihren liebevollen Vater verloren hatten, wir den besten Onkel, den man sich vorstellen kann und unser Vater seinen einzigen Bruder.
Der Krieg hatte alles zerstört! Und es gab keine schönen Aufenthalte im Wald mehr. Wir mussten uns mit dem schmerzhaften Verlust ebenso wie mit den Kriegserlebnissen abfinden. Der Schmerz ist geblieben, aber auch die schönen Kindheitserinnerungen an das Paradies im Wald bei Pleß. Die wenigen Fotos aus der Zeit, die wir bei Onkel Viktor verbracht haben, sind uns Kindern nach dem Krieg und dem Verlust des Onkels sehr wichtig geworden. Sie haben plötzlich eine besondere Bedeutung für uns bekommen. Hier ein paar Bilder aus der glücklichen Zeit, die wir trotz Krieg bei Onkel Viktor erleben durften.
Die Auerochsen im Reservat Jankowitz bei Pleß


Die Mutter meines Vaters, Maria O., geb. am 28. 09. 1878 in Teschen, mit ihrem
Sohn Viktor und seinen Kindern Ruth und Otto. Ein Bild aus den letzten gemeinsamen
Sommerferien in seiner Försterei in Jankowitz. Kurz darauf ist meine Familie
vor der russischen Armee geflüchtet.


Otto bei der Jagd


Der Abschied – Fritz und Otto


Die letzten Ferien in Jankowitz, Sommer 1943


Der Abschied, Sommer 1943. Meine Eltern und alle sieben Kinder,
Toni, Lydia, Ruth, Fritz, Karl, Otto und Maria.


***
Nach unserer Rückkehr dauerte es nicht lange und unser Vater wurde von der Zentralregierung Polens nach Warschau eingeladen. Nach der Anmeldung und einem sachlichen, kurzen Gespräch wurde er gebeten, sich beim Industrieministerium zu melden. Ab diesem Zeitpunkt war mein Vater kein freier Mensch mehr. Er erhielt den Auftrag, die durch den Krieg zerstörte industrielle Infrastruktur wieder aufzubauen. Zu diesem Zweck hatte man das Büro für Wiederaufbau gegründet, welches mein Vater leiten sollte. Man gab ihm noch drei Ingenieure als Mitarbeiter. Hauptthemen waren zunächst die zwei Häfen an der Ostsee und deren Wiederaufbau. Anschließend sollten die Hütten und Gruben in Schlesien wieder in Betrieb genommen werden. Im Laufe der folgenden Jahre musste mein Vater die zerstörten Fabriken und Betriebe in verschiedenen polnischen Städten wiederaufbauen lassen und das Ganze beaufsichtigen. Das Ministerium, dem er jetzt unmittelbar untergeordnet war, schickte ihn durch ganz Polen, von einer Stadt zur nächsten, und schließlich mussten wir 1953 Bielitz verlassen und nach Breslau umziehen. Mein Vater war ein guter Organisator, er arbeitete effizient und schnell. Innerhalb von zwei Jahren konnten alle Fabriken in Breslau wieder in Betrieb genommen werden. Mein Vater arbeitete schon ein Jahr in Breslau, als er unsere Familie nachkommen ließ. Ein Jahr konnten wir dort gemeinsam mit unserem Vater verbringen, danach wurde er schon in die nächste Stadt, nach Swiebodzin bei Posen abkommandiert. Beim Umzug nach Breslau waren meine älteren Geschwister Toni und Fritz schon außer Haus, ich war vierzehn und Karl fünfzehneinhalb Jahre alt, als wir nach Breslau umziehen mussten.
Das Team für den Wiederaufbau Polens (links mein Vater mit 44 Jahren)


Im Jahre 1954 bekamen wir eines Nachmittags einen unerwarteten Besuch in Breslau. Er hatte uns alle nicht nur überrascht, er war auch ungewöhnlich. Es klingelte. Ich eilte neugierig zur Tür und machte auf. Vor mir standen zwei Polizisten, die nach meinem Vater verlangten. Ich rief ihn, er kam schnell dazu, und als er die beiden erblickte, bat er sie gleich ins Wohnzimmer, ohne eine einzige Frage zu stellen. Mein Bruder Karl und ich saßen zusammen mit der Mutter in der Küche und warteten gespannt und ungeduldig auf Vater. Das Gespräch dauerte lange, und als die Polizisten endlich unsere Wohnung verließen, atmeten wir erleichtert auf. Unser Vater kam dann langsam in die Küche, in der die Mutter schon mit dem Abendbrot auf ihn wartete. Er war erregt und nachdenklich, er wusste nicht, wie er anfangen sollte. Schließlich sagte er leise: „Sie haben von mir verlangt, dass ich meinen deutschen Namen aufgebe. Sie wollten auch, dass ich in die polnische Partei eintrete.“ Vater war noch fassungslos und versuchte, sich zu beruhigen. Wir alle waren verblüfft und warteten mit Spannung, wie das Gespräch ausgegangen war. Unser Vater hatte dieses nach längerem Ringen mit einer Frage beendet. Diese hatte gelautet: „Was ist Ihnen lieber? Ein Mensch, der nichts auf die Reihe kriegt, aber ein Parteigenosse ist, oder ein parteiloser, aber ehrlicher Mensch, der arbeiten kann?“ Die Polizisten hatten nichts erreicht und waren gegangen. Mein Vater hatte weder seinen Namen aufgegeben noch war er in die polnische Partei eingetreten.

Kapitel 2
Nördlich von meiner Heimatstadt Bielitz liegt die kleine Industriestadt Mikolow, die in den Sechzigerjahren ungefähr 22.000 Einwohner hatte. Es ist eine sehr alte, aber schöne und ruhige Stadt, die damals mit vielen Blumenrabatten geschmückt war. Das Zentrum der Stadt bildete ein großer Platz vor dem Rathaus, der damals noch mit Katzenkopfpflaster ausgelegt war. Um diesen herum befanden sich Lebensmittelgeschäfte, eine Apotheke, ein Restaurant, ein Kräutergeschäft und in einer schmalen und kurzen Gasse, die zum Rathaus führte, das einzige private Geschäft der Stadt, in dem ich Getreide kaufen konnte. Auch eine Buchhandlung und die Stadtbibliothek waren im Zentrum zu finden. Außerhalb befanden sich das Krankenhaus, das Kreisgericht und das Gymnasium, das meine beiden Töchter in den Siebzigerjahren besucht haben. Das Flair der Stadt hatte damals noch etwas Mittelalterliches.
Fünfzehn Minuten Busfahrt von der Stadt Mikolow entfernt liegt das kleine Städtchen Laziska Gorne, in das ich im Jahre 1964 mit meinen beiden kleinen Kindern zog. Hier wohnten überwiegend Bergmänner, die in der Grube „Boleslaw Smialy“ beschäftigt waren, mit ihren Familien. Da meine Kinder ein Altersunterschied von vier Jahren trennt, musste ich acht Jahre lang um 06:30 Uhr in der Früh zum einzigen Kindergarten gehen, der zur Kohlengrube gehörte, und danach weiter zur Bushaltestelle am Rathaus eilen, um den Bus um 7:05 nach Mikolow zu erwischen. Auf dem großen Platz im Zentrum dieser Stadt befand sich eine Bushaltestelle, wo ich nach Tychy umsteigen musste. Ich habe dort im Gesundheitsamt gearbeitet, und wenn es mir gelang, um halb acht in Mikolow umzusteigen, bin ich trotzdem jeden Tag zwanzig Minuten zu spät im Amt angekommen. Unannehmlichkeiten habe ich deswegen aber nicht bekommen, weil der Chef wusste, dass es für mich keine andere Verbindung gab.
Die rot bemalten Busse hatten damals noch ganz einfache Türen, die man selber aufmachen und schließen musste. Die Busse waren nicht immer pünktlich und jeden Tag gab es dasselbe Theater auf der weiteren Fahrt nach Tychy. Der Bus war in den Morgenstunden dermaßen überfüllt, dass die Menschen wie Trauben an den Treppen hängenblieben, um weiterzukommen. Der nächste Bus ist erst nach zwanzig Minuten gekommen und die meisten Bewohner der Stadt waren auf den Bus angewiesen, wenn sie nach Tychy oder weiter nach Bierun oder Auschwitz fahren wollten. Nur wenige Menschen konnten sich in den Sechzigerjahren ein Auto leisten. Es war ein Kampf hineinzukommen und ich musste oft auf einem Bein zwischen den anderen Passagieren stehen. Der Busfahrer, der sich an den Fahrplan halten wollte, hat den überfüllten Bus bei offenstehenden Türen in Fahrt gebracht, und die an der Treppe dicht aneinandergedrängten Menschen haben sich an den Innengriffen der Türrahmen festgehalten, die jederzeit abbrechen konnten. In Tychy angekommen hatte ich noch zwanzig Minuten zu Fuß zum Amt. Obwohl ich mich sehr beeilen musste, habe ich den Weg genossen, weil ich durchatmen konnte.
Es waren extrem schwere Jahre für mich, die ich durchhalten musste. Ich war aber jung und gesund, und an jedem späten Abend war ich froh, wenn ich mit allen Pflichten und geplanten Arbeiten fertig geworden war. Das Haus, in dem ich die kleine Wohnung bekam, war ein Neubau, aber es hatte keine Zentralheizung. Jeden Abend, wenn die Kinder schon schliefen, holte ich die Kohle für den nächsten Tag in den zweiten Stock, und mit dieser Tätigkeit war der Tag für mich erst abgeschlossen. Das waren Jahre ohne freie Wochenenden und Urlaub.
Meine einzige Schwester Toni, die neun Jahre älter war als ich, wohnte damals mit ihrem Mann Kurt und den beiden kleinen Kindern Halinka und Kornelius in der Stadt Beuthen, die nahe der Stadt Katowice liegt. Seitdem meine Schwester das Elternhaus in Bielitz mit neunzehn Jahren verlassen hatte und mit ihrem Mann nach Beuthen gezogen war, pflegte sie einen engen Kontakt zu mir. Ich war erst zehn Jahre alt gewesen, als sie uns verlassen hatte. Sie besuchte mich aber in Bielitz regelmäßig mit Kurt, der damals den Militärdienst als Deutscher unter der Erde in einer Grube in Beuthen leisten musste. In den späteren Jahren lief der Kontakt per Telefon während der Arbeit im Büro oder wir tauschten Briefe aus. Das war in der Zeit, in der sehr wenige Menschen sich ein Telefon zu Hause leisten konnten. Wir haben uns trotzdem unser Leben lang nicht aus den Augen verloren.
Im Jahre 1968 wollte ich mit meinen beiden Kindern, die fünf und neun Jahre jung waren, in meinen ersten Urlaub fahren. Ich habe von der Firma meiner Schwägerin kostenlos ein Campinghäuschen, das sich in den Bergen befand, zur Verfügung gestellt bekommen. Ein solches Angebot wollte ich mir nicht entgehen lassen. Als ich meiner Schwester von dem Urlaub erzählte, fragte sie mich plötzlich, ob ich ihre Tochter Halinka mitnehmen würde. Ich habe mir bei der Frage nichts gedacht, wunderte mich aber, dass sie keinen Urlaub für diesen Sommer planten. Ich war natürlich einverstanden, und so bin ich dann mit meinen Kindern und der damals zwölfjährigen Halinka in die Berge in die kleine Touristenstadt Weishell gefahren, die an der südlichen Grenze Polens lag. Aus dem Zentrum der kleinen Stadt führte uns ein steiler Weg zu unserem Urlaubsziel. Es hat genieselt und fast eine Stunde lang gedauert, bis wir mit unseren Rucksäcken auf dem Berg angekommen waren. Auf dem kleinen Campingplatz auf der Alm befanden sich circa zwölf kleine Campinghäuser. Rundherum stand ein dichter Wald und neben den Häusern sprudelte ein Bach. Einfach herrlich! Es war kein Mensch zu sehen. Das Campinghaus war klein und die Ausstattung bescheiden. Wir hatten vier einfache Klappbetten zur Verfügung, weiters standen ein kleiner Tisch und vier Stühle darin. Zum Kochen gab es einen kleinen Kocher mit einer Platte. Das alles hat mich aber nicht erschreckt. Wichtig war, dass die Kinder aus der Stadt weg waren und die frische, kristallreine Luft atmen konnten. Die Kinder haben sich schnell eingelebt, der dichte Wald, der sprudelnde Bach, das waren natürlich Attraktionen für die Kinder und sie haben trotz des Nieselns Stunden am Ufer spielend verbracht, und die kleinen, zahlreichen Salamander haben zusätzlich Spaß gemacht. Jeden Tag nach dem Frühstück haben wir uns alle gleich auf einen Wanderweg begeben und die Bauern in der Gegend aufgesucht, um Eier, Butter und Quark einzukaufen. Den bescheidenen Rest wie Obst und Brot haben wir aus dem Städtchen holen müssen. Da hatten wir schon nach unserer Rückkehr den halben Tag hinter uns. Während ich mich schnell um das Mittagessen kümmerte, haben die Kinder am Bach gespielt und ich freute mich, dass sie dort so viel Spaß hatten. Nachdem das Mittagsessen auf dem Tisch stand, ging ich zum Bach, um die Kinder zu holen und zu sehen, was sie sich da aus den Steinen alles gebaut und einfallen lassen hatten. Ich staunte, die Kinder hatten Fantasie! Die Beschäftigung mit den Steinen hat die Kinder doch am Bach gehalten und machte sichtbar Freude. Die Sonne wollte sich in diesen Tagen nicht richtig zeigen, es hat überwiegend genieselt und war kühl. Die Kinder haben ständig die Pelerine tragen müssen, aber das hat sie nicht gestört. An all den Tagen hatte ich keine Urlauber auf der Alm und auf den Wegen durch die Berge getroffen. Zum Nachdenken hatte mich die Tatsache nicht gebracht, ich dachte, dass die Leute sich einfach im Campinghaus die Zeit vertrieben oder unterwegs waren.
Ich hatte mit den Kindern kaum eine Woche in den Bergen verbracht, da weckte mich eines Tages – um 03:00 Uhr in der Früh – eine heftige Detonation! Sie war ganz nah und die Angst raubte mir sofort den Atem. Da ich wie ein Hase schlief, bin ich gleich erschrocken aus dem Bett hochgesprungen und ging wie ich war vor das Häuschen. Plötzlich hörte ich die nächste Detonation und Schüsse! Was war da los? Die Geräusche kamen von ganz nah. Dann schaute ich endlich genauer hin und merkte, dass an allen Campinghäusern eine Kette mit einem Vorhängeschloss hing! Das hat mich noch zusätzlich erschreckt, weil mir in diesem Moment klar wurde, dass ich mit den Kindern alleine auf der Alm war! Die Kinder haben tief geschlafen und nichts mitbekommen. Ich fing schnell an, unsere Sachen zu packen und das Frühstück vorzubereiten. Das schlechte Wetter war Ausrede genug, um den Urlaub abzubrechen. Erst bin ich mit den Kindern zu meinen Eltern nach Tychy gefahren, und als ich erzählte, was ich in der Früh erlebt hatte, sagte der Vater zu mir: „Bei uns haben die Fensterscheiben gezittert, wir haben es auch mitgekriegt.“ Mehr wollte er vor den Kindern nicht sagen, nur, dass ich zu Hause Radio einschalten sollte. Die Eltern haben jeden Tag die Nachrichten im Radio verfolgt und wussten, was los war. Dann zeigte mir die Mutter einen Brief von Toni, der grade angekommen war. Er war an mich adressiert. Ich machte schnell den Umschlag auf und las folgende Worte: „Liebe Maria, bitte kümmere Dich um unsere Halinka! Wir sind in den Urlaub nach Österreich gefahren und kommen nicht mehr zurück.“ Diese Nachricht hat das Kind nicht erschreckt, es schien, dass es sie noch nicht so richtig verstand.
Ich bin mit den Kindern zurück nach Hause gefahren. Ab diesem Zeitpunkt habe ich regelmäßig Radio angehört. Es wurde über den Aufstand in der Tschechei berichtet. Das Land befand sich im Krieg. Kurz danach habe ich an einem Nachmittag Besuch vom staatlichen Geheimdienst bekommen. Der Mann fragte mich genau aus, stellte gezielte Fragen, wollte alles über meine Schwester und meinen Schwager wissen, aber ich konnte auf seine Fragen keine Antwort geben, weil mich Toni nicht in ihre Fluchtpläne eingeweiht hatte. Und das war richtig so, denn ich konnte wirklich keine Auskunft geben. Der Mann hat sich in meiner bescheidenen Wohnung umgeschaut und ist nicht wiedergekommen. In dem zweiten Brief, der schon nach Laziska Gorne adressiert war, bat mich meine Schwester um die Liquidation ihrer Wohnung in Beuthen.
Die Sache mit dem Umzug war schnell erledigt. Mein Bruder Fritz hat mir mit seiner Frau und seinem Freund geholfen und wir haben uns sehr beeilt, die Wohnung zu leeren. Wir waren uns nicht sicher, ob uns doch jemand dabei hindern würde. Der Transporter, mit dem wir aus Tychy nach Beuthen gekommen waren, stand im Hof des Hauses, das zu der Firma gehörte, in der mein Schwager tätig war. Als wir die Möbel aus der Dreizimmerwohnung trugen, schauten uns die Nachbarn durch die Fenster schweigend zu, aber niemand stellte eine Frage, niemand sprach uns an, wahrscheinlich deswegen, weil sie mich als Schwester erkannt haben. Trotzdem haben wir in Eile gearbeitet, die Wohnung abgeschlossen und sind schnell weggefahren. Nachdem die Wohnung ausgeräumt war, wollte ich nach ein paar Tagen nochmal nach Beuthen fahren, um den Rest zu beseitigen und aufzuräumen. Meine zwölfjährige Nichte Halinka wollte mitfahren, also nahm ich das Kind mit. Als sie die leere Wohnung erblickte, fing sie bitterlich zu weinen an. Sie hatte begriffen, dass sie verlassen worden war. Sie tat mir in diesem Moment unheimlich leid und ich bereute es, dass ich sie mitgenommen hatte.
Ich habe meine Nichte in der Schule in Laziska Gorne angemeldet und Halinka ging mit meiner ältere Tochter Renate um 7:45 Uhr allein zur Schule, während ich das Haus mit meiner jüngeren Tochter Neli schon um 6:25 Uhr verlassen musste.
Ich habe nicht daran geglaubt, dass das Kind irgendwann aus Polen herauskommen würde, da die Grenzen zu waren, deswegen habe ich mich noch im selben Jahr um eine größere Wohnung gekümmert. Ich bin noch im November 1968 nach Tychy gefahren und suchte die Wohnungsgesellschaft Oskard auf. Das war die einzige Möglichkeit, eine Wohnung zu bekommen, weil die Stadt Tychy immer noch ausgebaut wurde. Mit jedem Jahr entstanden neue Siedlungen. Diese wurden mit Buchstaben bezeichnet und in Bau war erst die Siedlung E. Die nette Dame, mit der ich dort sprach, wollte wissen, wo ich arbeite und ob ich einen gut verdienenden Mann habe. Die neuen Wohnungen waren ja sehr teuer und ich habe damals im Gesundheitsamt nur 931 Zloty verdient. Das war sehr wenig! Ich war aber die jüngste Angestellte des Amtes. Als sie hörte, dass ich alleine bin und im Gesundheitsamt arbeite, sagte sie gleich mit Bedauern in der Stimme, dass ich auf eine Wohnung keine Chance habe. Das Gesundheitsamt galt eben als eine arme „Firma“, die über kein Geld für Wohnungszuschüsse verfügte. Ich war erstmal sprachlos. Ich dachte kurz nach und dann wagte ich ganz langsam und leise eine Frage auszusprechen: „Weil ich eine alleinstehende Mutter bin und mein Arbeitgeber kein Geld für einen Wohnungszuschuss hat, haben meine drei Kinder kein Recht auf normale Wohnverhältnisse?“ Jetzt war die nette Dame sprachlos. Da ich immer noch dastand, sagte sie nach einer Weile auch ganz leise und langsam zu mir: „Kommen Sie in einem Monat wieder zu mir.“ Das war unser ganzes Gespräch. Als ich nach einem Monat, vor Weihnachten 1968, die Wohnungsgesellschaft wieder aufsuchte, empfing mich die nette Dame mit Freude in der Stimme und sagte: „Sie haben Glück! Die Kommission unserer Wohnungsgesellschaft hat Ihren Fall untersucht und hat einen Zuschuss für Ihre künftige Wohnung bewilligt! Sie bekommen 19.600 Zloty Zuschuss von uns, aber sie müssen noch alleine 9.600 Zloty aufbringen. Sie haben wirklich Glück, weil es weitere Zuschüsse überhaupt nicht mehr geben wird. Das war die letzte Sitzung in diesem Jahr – zu diesem Zweck.“ Das war eine richtige Überraschung. Das war ein riesiges Geschenk, wie ein Lottogewinn! Die Wohngemeinschaft hatte mir 19.600 Zloty geschenkt! Okay, aber woher sollte ich die fehlenden 9.600 Zloty noch bekommen? Ich hatte keine Ersparnisse, ich war ja erst 28 Jahre alt. Mein Vater hat die Situation natürlich gerettet, er hat mir die fehlende Summe gegeben und ich wurde in die Warteliste für eine Wohnung aufgenommen.
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Meine Nichte Halinka hat sich schnell an die neue Lebenssituation gewöhnt. Sie war ein kluges Kind mit einem hellem Kopf und eine sehr gute Schülerin. Auch in der Klasse hat sie schnell Anschluss gefunden und Kameradschaften geknüpft.
Anfangs gab es keine Hoffnung, dass das Kind legal aus Polen ausreisen konnte, aber nach zwei Jahren hat sich die Situation doch geändert und sie durfte das Land verlassen. Es hieß, im Rahmen der Familienzusammenführung. Ich habe sie am Tag der Abreise mit meinem Bekannten nach Warschau begleitet. Dieser kannte die Stadt wie seine eigene Hosentasche, weil er dort geboren worden war. Er liebte die Stadt und besuchte sie mehrmals pro Jahr, weil er sehen wollte, wie sie sich entwickelt und was sich verändert hatte. Er half mir, wo er konnte – ohne seine Hilfe wäre ich total ratlos gewesen und die Sache war ja ernst. Halinka und ich waren um 04:00 Uhr morgens aufgestanden, die Verbindung sollte doch klappen, um den Flieger aus Warschau nach Wien nicht zu verpassen. Meine Nichte hatte vor dem Fliegen keine Angst und das war für mich schon sehr beruhigend.
Um dieselbe Zeit warteten die Eltern auf dem Flugplatz in Wien auf ihre Tochter. Als wir so auf die Ansage des Fluges nach Wien warteten, schlug das Wetter um und der Flug nach Wien wurde abgesagt. Man hat umdisponiert und das Kind ist erst nach Paris geflogen, wo es umsteigen mußte, um weiter nach Wien zu fliegen. Halinka ist mit einer sehr großen Verspätung in Wien angekommen. Man hat die Wartenden in Wien nicht darüber informiert, dass der Flug aus Warschau nach Wien nicht hatte stattfinden können! Die Eltern haben schreckliche Stunden der Ungewissheit und Angst erlebt, aber sie haben konsequent so lange gewartet, bis sie schließlich ihre Tochter in die Arme schließen konnten.
Das Kind war in der neuen Heimat aber nicht glücklich. Ich habe Briefe von ihr bekommen mit der Nachricht, dass sie zurückkommen möchte. Zu Hause bei den Eltern durfte sie nicht bleiben, sie wurde – so verlangte es das Gesetz – mit anderen gleichaltrigen Kindern, die aus verschiedenen Ländern stammten und auch wie sie erst Deutsch lernen mussten, in einem Internat untergebracht. Das Leben unter einem Dach mit den fremden Kindern hat sich nicht gerade erfreulich gestaltet, deswegen wollte sie unbedingt zurück.
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Nach fünf Jahren Wartezeit hat sich im Jahre 1973 die Wohnungsgemeinschaft in Tychy bei mir gemeldet. Man hatte mich schriftlich informiert, dass ich eine Wohnung zugeteilt bekommen sollte und gratulierte mir sogar zu diesem Ereignis. Nachdem ich die gute Nachricht erhalten hatte, bin ich eines Tages nach Tychy gefahren und habe mich bei der Wohnungsgemeinschaft gemeldet. Diesmal hat mich eine andere Dame empfangen. Sie gab mir den Schlüssel und die Adresse der zugeteilten Wohnung und erklärte mir den Weg zu der Siedlung D, in der sie sich befand. Das Hochhaus habe ich gleich gefunden. Die Wohnung befand sich im achten Stock. Ich öffnete sie mit klopfendem Herzen und bin ganz erschrocken im ersten Zimmer stehengeblieben. Die Wohnung hatte denselben Grundriss und dieselbe Größe von 35 Quadratmetern wie die in Laziska Gorne. Außerdem habe ich festgestellt, dass an der längsten Wand im ersten Zimmer der Heizkörper in der Mitte der Wand befestigt worden war. Noch dazu war die Miete viermal höher als meine bisherige. Sehr enttäuscht bin ich in die Wohnungsgemeinschaft Oskard zurückgekommen, habe den Schlüssel abgegeben und gesagt, dass ich dazu bereit bin, weitere Jahre abzuwarten, bis man vernünftige Wohnungen in der Stadt bauen wird. Die Dame sagte daraufhin nichts – sie wusste genau, was für eine Wohnung man mir angeboten hatte. Die Sache war für mich vorläufig erledigt.
Die folgenden Jahre, die mit Pflicht und ständiger Arbeit erfüllt waren, gingen schnell vorbei, aber ich hatte auch viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe mir einen Plan zurechtgelegt, um unsere Wohnsituation zu verbessern. Es ging darum, wie ich meine zukünftige Wohnung in Tychy annehmen und dabei gleichzeitig die in Laziska Gorne behalten konnte. In meiner Stadt hat nur die Grube „Boleslaw Smialy“ ein paar Häuser bauen können, weil sie den Bau für die Bergmänner auch finanzieren konnte. Die Stadt selbst war arm und konnte keine Häuser bauen. Meine ältere Tochter war erst vierzehn Jahre alt und ich war dazu bereit, die nächsten vier Jahre, bis sie volljährig wurde, abzuwarten. Diese beiden Tatsachen habe ich in meinen Plan eingebaut. Ich war überzeugt davon, dass dies mir bei der Durchführung meines Planes behilflich sein würde. Als es dann so weit war und meine Tochter volljährig war, bin ich eines Tages in das Rathaus im Ort gegangen. Ich habe aber nicht die Wohnungsabteilung aufgesucht, sondern im Sekretariat um ein persönliches Gespräch mit dem Bürgermeister gebeten. Dieser hat mich freundlich empfangen und auch mein Anliegen geduldig angehört. Sein freundliches Verhalten mir gegenüber hat mir mein Vorgehen sehr erleichtert und am Schluss rückte ich mit meiner gut überlegten Frage heraus: „Ich möchte Sie fragen, ob Sie mir eine größere Wohnung geben können. Wie gesagt, meine beiden Töchter sind fast erwachsen und wir treten uns schon auf die Fersen, so klein ist meine Wohnung für uns drei.“ Seine Antwort überraschte mich nicht, ich hatte sie erwartet! Ich wusste, was er sagen würde, weil die Stadt doch keine Wohnungen zur Verfügung hatte. Ich habe diese Antwort in meinem Plan eingebaut. Er sagte mir also, dass er mir leider keine größere Wohnung geben könne, weil er keine hatte. Mir ging es nur darum, dass der Bürgermeister sich an mich und unser Gespräch erinnern würde, wenn ich später nochmal wegen meines Anliegens zu ihm kommen würde. Ich habe dann bewusst zwei Monate abgewartet, dann wieder das Sekretariat des Bürgermeisters aufgesucht und erneut um ein persönliches Gespräch mit ihm gebeten. Er hat mich wieder sehr freundlich empfangen. In seinem Gesicht konnte ich aber eine Frage ablesen. Deswegen fragte ich ihn auch gleich, ob er sich an mich und mein Anliegen erinnerte. Natürlich hat er das. Alles ist nach meinem Plan weitergelaufen und ich richtete meine nächste Frage an ihn: „Wenn ich eine Lösung für mein Problem finden würde, würden Sie mir dabei helfen?“ „Aber natürlich“, sagte er sofort und überraschend für mich. Ich war gerettet! Mein Plan hatte funktioniert! Und ich fragte ihn weiter: „Wenn ich zum Beispiel mit der jüngeren Tochter in eine andere Stadt umziehen würde, wären Sie dann dazu bereit, die kleine Wohnung meiner volljährigen Tochter zuzuteilen? Damit wäre uns sehr geholfen.“ Der Bürgermeister sagte nach ein paar Sekunden höflich: „Legen Sie Ihre Wohnungssituation schriftlich dar und geben Sie das Schreiben bei unserem Juristen in der Rechtsabteilung ab. Er ist schon über Ihren Fall informiert.“ „Das ist ja ein Ding“, dachte ich überrascht. Ich bedankte mich sehr für seine Freundlichkeit und das Entgegenkommen und ging zufrieden nach Hause zurück. Trotzdem war ich überrascht, dass mein Plan geklappt hatte.
Nachdem meine ältere Tochter problemlos unsere kleine Wohnung zugeteilt bekommen hatte, bin ich nach den weiteren vier Jahren nach Tychy gefahren und habe die Wohngesellschaft wieder aufgesucht. Meine Akte war nach so vielen Jahren nicht leicht zu finden. Man hatte sie in drei Büros gesucht und vorläufig nicht gefunden. Dann hatte sich eine Angestellte gefunden, die sich an meinen Fall erinnerte und schließlich hat diese meine Akte in einem Schreibtisch in der untersten Schublade gefunden. Die nette Dame hat sich meine Akte genau angeschaut und vor allem geprüft, wie lange ich schon auf die Wohnung gewartet habe. Dann fragte sie mich freundlich, warum ich die vor vier Jahren angebotene Wohnung nicht angenommen habe und ich konnte ihr jetzt den Grund erklären. Daraufhin habe ich erfahren, dass schon seit Jahren schönere und größere Wohnungen in der Stadt gebaut wurden und dass sie mir jetzt wegen der langen Wartezeit von neun Jahren zwei Wohnungen zur Auswahl geben würde. Ich war überrascht und freute mich, dass sie mir so freundlich entgegenkam. Ihre Haltung mir gegenüber machte mich einfach glücklich.
Die zwei Wohnungen befanden sich in der Siedlung mit dem Buchstaben W, die weit vom Zentrum der Stadt und auch von der Wohngesellschaft entfernt lag. Ich musste den Bus nehmen. Beide waren überraschend groß, sehr schön und trotz Erdgeschoßlage sehr hell. Nachdem ich mich für eine Wohnung entschieden hatte, fuhr ich zur Wohngesellschaft zurück.
Da ich diese nun endlich annehmen musste und auch wollte, bekam ich noch an diesem Tag die Zuteilung in die Hand. Da sagte ich mit Bedauern, dass ich doch lieber in der Stadt Mikolow als in Tychy gewohnt hätte. Kaum hatte ich das ausgesprochen, kam die nächste frohe Überraschung. Die Dame sagte nämlich gleich, dass in der Stadt Mikolow auch gebaut wurde. Es wurden gerade eben noch zwei Häuser fertig gebaut und verteilt. „Dort könnten Sie nachfragen, ob jemand die Wohnung mit Ihnen tauschen möchte.“ Das war die perfekte Lösung für mich! Das war tatsächlich ein Glücksfall für mich, weil die Wohnungen zwar zugeteilt worden, aber die künftigen Bewohner noch nicht eingezogen waren. Die nette Dame gab mir die Adresse der Wohngesellschaft in Mikolow und ich habe auf meinem Rückweg nach Hause auch gleich diese aufgesucht. Hier ging es problemlos weiter. Ich bekam die Adresse von einem jungen Ehepaar, das in einem der neu gebauten Häuser in Mikolow eine Zweizimmerwohnung zugeteilt bekommen hatte und lieber in Tychy gewohnt hätte. Ich habe mich sofort mit den jungen Menschen in Verbindung gesetzt und als sie meinen Vorschlag über den eventuellen Umtausch der Wohnungen hörten, waren sie sofort dazu bereit, sich meine Wohnung in Tychy anzuschauen. Ich hatte also wieder Glück. Sie gefiel ihnen sofort und sie haben sich gleich dazu entschieden, sie anzunehmen. Sogar die Lage der Wohnung in der Siedlung W hat den jungen Menschen entsprochen. Nach so vielen Jahren und Strapazen konnte ich mein Wohnungsdilemma endlich lösen. Auch meine ältere Tochter war zufrieden, dass sie jetzt unsere kleine Wohnung in Laziska Gorne für sich alleine nutzen durfte. Nach dem Abitur hat meine Tochter eine Stelle in der Universitätsbibliothek in Katowice angenommen und somit konnte sie schon auf eigenen Beinen stehen. Alle waren zufrieden!
Im Jahre 1979 bin ich dann von Laziska in die schöne und ruhige Stadt Mikolow umgezogen. Meine jüngere Tochter war damals 16 Jahre alt. Unsere neue Wohnung befand sich im zweiten Stock eines vierstöckigen Hauses, das sich an der Hauptstraße befand, die nach Tychy führte, und aus Betonplatten gebaut worden war. Zum Zentrum hatten wir nur 15 Minuten zu Fuß. Wir alle hätten Grund gehabt, zufrieden zu sein, wenn sich die politische und vor allem die wirtschaftliche Lage im Lande nicht so rapide verschlechtert hätte.
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Ein paar Monate später reichte das Geld plötzlich nicht mehr zum Leben. Die Lebensmittelpreise stiegen in kürzester Zeit und meine Rente, die ich aus gesundheitlichen Gründen seit Jahren bezogen hatte, reichte plötzlich nur noch für die ersten beiden Wochen im Monat. Die teuerste Ware in den Achtzigerjahren waren eben die Lebensmittel geworden. Nicht nur mir hat die Rente nicht gereicht, sondern auch den Arbeitern und Kleinangestellten der Lohn. Die Menschen in der Stadt haben sogar laut über das Problem zu sprechen angefangen. Die Unzufriedenheit hatte Monat für Monat zugenommen, und als die Regierung Polens im Herbst 1981 wieder die Preise für die Lebensmittel erhöhen wollte, gingen die Menschen im Land auf die Barrikaden. Die ersten Unruhen gab es in der Helling in Danzig unter Lech Walesa, der eine freie und unabhängige Gewerkschaft, die „Solidarnosc“, gründete.
Damit hat er in Polen eine gewaltige Volksbewegung ausgelöst. Das war der erste Aufstand gegen das sozialistische Regime, nicht nur in Polen, sondern überhaupt in ganz Europa!
Am 13. Dezember 1981, einem Sonntag, ging ich wie immer in der Früh ins Bad und schaltete um 06:00 Uhr das Radio an. Was ich da hörte, ließ meinen Atem stocken. Wir hatten Krieg! Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich realisieren konnte, dass die polnische Regierung einen Bruderkrieg in Kauf nahm. Wie ich später erfahren habe, war der Krieg schon in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember per Radio proklamiert worden.
Ich konnte die Stunden bis Montag nicht abwarten. Ich machte mich gleich am Montagmorgen auf den Weg ins Zentrum, um zu sehen, was sich in der Stadt tat. Ich eilte voller Angst und mit pochendem Herzen die Hauptstraße entlang zum Rathaus. Und tatsächlich, das, was ich da sah, war überwältigend! Der riesige Platz vor dem Rathaus wurde belagert. Die Menschenmenge war in Bewegung und redete laut. Ich blieb in der engen, kurzen Straße, die zum Platz führte, stehen – in das Gedränge wollte ich nicht hinein. Plötzlich merkte ich, dass die Straße hinter mir auch schon voller Menschen war und um mich herum wurde es eng. Ich wollte mich schnell zurückziehen, aber es gab keine Möglichkeit mehr. Ich wurde zusammengedrückt und in diesem Moment habe ich das Bewusstsein verloren. Ich wachte im Krankenhaus auf, wo mir ein junger Arzt sagte, dass an diesem Vormittag noch sehr viele weitere Menschen in das Krankenhaus eingeliefert worden waren und dass alle Geschäfte heute geschlossen blieben. Die Stimme des netten Arztes war von tiefem Mitgefühl erfüllt. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause. Die Angst saß mir weiterhin im Nacken und ich wählte die kleinen Nebenwege, die mich parallel zur Hauptstraße nach Hause führten.
An diesem Tag konnte ich nichts einkaufen, ich bin nach diesem beängstigenden Erlebnis mit leeren Händen nach Hause zurückgekommen.
Am nächsten Tag ging ich wieder frühmorgens in die Stadt, um einzukaufen. Das Bild, das sich mir nun bot, war ungewöhnlich. Die Mitte des Platzes war zwar frei, aber vor jedem Geschäft war eine unglaublich lange, doppelte Schlange und vor der Tür des Metzgers, der Molkerei und des Lebensmittelgeschäfts stand jeweils ein Soldat mit einem Gewehr auf der Brust! Die Menschen standen still und ich stellte mich am Ende der Schlange dazu. An diesem Tag konnte ich auch nichts kaufen, weil die Lieferung so knapp gewesen war, dass nur wenige Personen von dem kleinen Angebot Gebrauch machen konnten. Außerdem waren die Regale in allen Geschäften leer! Um etwas Essbares zu bekommen, bin ich dann jeden Tag früher aus dem Haus gegangen. Vor der Molkerei stand ich einmal eineinhalb Stunden in der Schlange und habe nur noch 250 Gramm Quark bekommen, der auch rationiert wurde. Die Milch und der gelbe Käse waren schon ausverkauft. Es gab nichts anderes mehr. Meine 16-jährige Tochter, die glaubte, nicht ohne Fleisch auskommen zu können, hat dann die Initiative ergriffen. Sie hat sich den Wecker am Abend auf 03:00 Uhr
gestellt, ist schlafen gegangen und tatsächlich um 03:00 Uhr aufgestanden, um sich beim Metzger in die Schlange zu stellen. Hier gab es aber auch keine Auswahl; die Lappen, die auf den Haken hingen, waren nur für die Suppe geeignet und die Schlange vor dem Metzger war lang! Ich habe meine Tochter still bewundert, sie fürchtete den Weg zu der frühen Stunde nicht.
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Zur Zeit des Bruderkrieges haben meine Schwester und ich uns weiterhin regelmäßig Briefe geschrieben. Sie wollte genau wissen, wie es uns geht, und ich war auch auf ihre neue Heimat neugierig, in der sie seit 1968 lebte. Ihr Mann als Ingenieur hatte damals sofort eine gute Stelle in München bekommen, sie waren beide mit ihren Zukunftsaussichten zufrieden. Toni hat mich in dieser Zeit finanziell unterstützt, vier Mal im Jahr überwies sie mir 150 DM. Ohne ihre finanzielle Hilfe wäre es für uns drei kritisch geworden und mein Herz hätte geblutet, hätte ich meine Töchter in die Fabrik statt auf ein Gymnasium schicken müssen.
Eines Tages, das war schon im Sommer 1982, habe ich von meiner Schwester, die mit ihrem Mann in Urlaub in Italien weilte, eine Postkarte bekommen. Sie haben schon damals einen Wohnwagen gehabt und sind jedes Jahr nach Italien gefahren. Auch dieses Mal waren sie schon dort und warteten auf den Besuch von ihrem Sohn. Dieser hatte Polen mit fünf Jahren verlassen, war inzwischen zwanzig Jahre alt und in München bei der Bundeswehr bei der Radarüberwachung tätig. Er bekam einen Kurzurlaub und wollte ihn mit den Eltern am Meer verbringen. Die Freude darüber wie auch über das schöne Wetter und den sonnigen, sauberen Strand war groß.
Ich freute mich sehr über die guten Nachrichten.
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Nachdem ich die Postkarte erhalten hatte, habe ich monatelang nichts mehr von meiner Schwester gehört. Dann, eines Tages, habe ich einen langen Brief erhalten. Dieser brachte aber keine guten, erfreulichen Nachrichten. Er war ausführlich und voller Kummer um den einzigen Sohn. Dieser hat wie geplant seinen Kurzurlaub mit den Eltern am Meer verbracht. Nach dem ersten Bad im Meer zeigte er seiner Mutter seine Achseln, die ihm Sorgen machten. Meine Schwester tastete sie ab und stellte auch fest, dass die Lymphdrüsen verdächtig hart und geschwollen waren. Nach dem zweiten Bad klagte er schon über Schmerzen in den Lymphdrüsen. Als er dann zurück nach München zu seiner Einheit musste, hat er den Eltern versprochen, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen. Die Eltern waren aber dermaßen beunruhigt, dass sie sich dazu entschließen, den Urlaub zu unterbrechen. Sie packten ihre Sachen zusammen und fuhren mit dem Wohnwagen auch gleich nach München zurück. Die weitere Nachricht im Brief war erschreckend, sie haben ihren Sohn nämlich auf einer Krebsstation im Krankenhaus im Münchener Stadtteil Schwabing vorgefunden. Die Blutuntersuchungen waren noch nicht abgeschlossen und weder er noch die Eltern ahnten, was da auf sie zukommen würde. Dann kam die schreckliche Diagnose: Leukämie! Ich konnte zwischen den Zeilen dieses Briefes spüren, wie verzweifelt meine Schwester und mein Schwager waren. Dem Sohn ist es nicht anders ergangen. Man verordnete ihm eine Therapie, die nach dem neusten Stand der Wissenschaft zusammengestellt worden war. Sie bestand aus zwei Therapiestufen, den Verlauf steuerte ein Computerprogramm. Nach der ersten Stufe durfte er zur Erholung nach Hause gehen. Toni hat ihren Sohn zu sich genommen, obwohl er damals schon verheiratet war. Als er dann zurück ins Krankenhaus kam, stellte er fest, dass viele Betten nicht mehr belegt waren. Er fragte nach und erfuhr, dass die Zimmergenossen verstorben waren.
In der zweiten Behandlungsphase ist es ihm von einem Tag auf den anderen immer schlechter ergangen. Als er dann so schwach wurde, dass er nicht mal mehr die Treppe hinaufsteigen konnte, leistete er Widerstand und verweigerte die beiden letzten Spritzen. Die Ärzte standen um sein Bett herum und wollten ihm klar machen, dass eine weitere Therapie nötig sei. Aber Tonis Sohn blieb bei seiner Entscheidung, die ihm letztendlich das Leben gerettet hat. Bei seiner Entlassung aus dem Krankenhaus konnte er nichts mehr essen, selbst Kamillentee hat er ausgespuckt. Seine Organe versagten und als Nebenwirkung der „Therapie“ bekam er eine schwere Hepatitis. Er war physisch und psychisch am Ende seiner Kräfte. Bei seiner Entlassung war sein Zustand mehr als Besorgnis erregend und er wurde als schwieriger Patient abgestempelt. Nach ärztlicher Diagnose war die Überlebenszeit nur noch sechs bis sieben Monate. Diese Prognose hatte man im Beisein der Eltern und seiner Frau ausgesprochen. Letztere, hat ihn anschließend verlassen und die Scheidung eingereicht mit der Begründung, dass sie nicht mit einer lebenden Leiche leben will.
Der Inhalt dieses Briefes war für mich erschreckend. Mein Neffe tat mir wahnsinnig leid. In meiner Erinnerung als Fünfjähriger war er immer gut gelaunt und zufrieden und ohne jede kleinste Forderung an das Leben.
Danach hofften die Eltern, dass ihr Sohn in der Natur neue Lebenskraft erfahren möge. Erst haben sie sich alleine auf die Suche gemacht, um einen Stellplatz für ihren Wohnwagen zu finden. An vielen Orten haben sie nachgefragt, aber keinen gefunden. Als sie dann bei dem letzten Campingplatzbesitzer auch keinen Platz gefunden haben, wollten sie schon aufgeben und zurückfahren. Der Wirt war aber ein empathischer Mensch und merkte, dass die beiden traurig waren, was nicht typisch für Urlauber war. Er fragte nach, was der Grund dafür sei. Meine Schwester war schon am Gehen, da drehte sie sich nochmal um und sagte, dass sie ihren todkranken Sohn nur noch an die frische Luft bringen wollten. Der Wirt hakte nach und wollte wissen, um welche Krankheit es sich handelte. Daraufhin antwortete Toni, dass ihr Sohn Leukämie hat. Der Wirt lachte plötzlich und sagte: „Ja wenn es weiter nichts ist. Das hat meine Frau auch gehabt.“ Meine Schwester reagierte ganz verwirrt! Wie getrieben fragte sie nach und erkundigte sich, wie es der Frau des Wirtes ging und ob sie noch am Leben sei. Der Wirt lachte wieder und antwortete: „Ja, freilich, sie lebt!“ Somit kam meine Schwester mit dem Wirt ins Gespräch und erfuhr, dass seine Frau vor fünfzehn Jahren auch an Leukämie erkrankt war. Im weiteren Verlauf des Gesprächs hat meine Schwester die ganze Krankengeschichte erfahren, den erfolglosen Weg von Arzt zu Arzt, bis sie dann endlich unerwartet von einem Heilpraktiker geheilt worden war. Meine Schwester war wie elektrisiert und bat den Wirt um die Adresse des Heilers. Er holte einen Zettel und einen Kugelschreiber und schrieb die Adresse und die Telefonnummer des Heilers auf. Der Name war Pater Ober. Die Eltern sind mit ihrem kranken Sohn sofort und ohne Termin zu Pater Ober nach Aschau gefahren. Er brauchte nicht zu warten, Pater Ober hat sich wegen seines elenden Zustands sofort seiner angenommen.
Kornelius war so geschwächt, niedergeschlagen und verzweifelt, dass er anfangs nicht bei der Therapie mitmachen wollte. Pater Ober wandte eine Blutwäsche mit Ozon an und verordnete lange Spaziergänge tagsüber. Dabei sollte er fünf Liter Tee trinken. Er sagte ihm auch klipp und klar, dass er mitmachen müsse, sonst könne er ihm nicht helfen. Meine Schwester war diszipliniert und konsequent, er musste mitgehen. Sie sprach ihm unterwegs ständig Mut und Zuversicht zu. Es war schließlich ein Kampf um sein Leben! Toni gab nicht auf und der Kampf um sein Leben ging jeden Tag weiter. Meine Schwester war viel kleiner als ihr Sohn, sie war zart gebaut, dabei hat sie aber die fünf Liter Tee für die fünf Stunden Bewegung im Rucksack mit sich getragen. Das war eine sehr schwere Zeit für die beiden. Die Blutwäsche mit Ozon hat nur vier Wochen gedauert! Danach durfte er nach Hause fahren. Die weitere Behandlung des Paters hat noch volle zwei Jahre gedauert. Diese sowie die Überwachung erfolgten durch Ferndiagnose und Fernbehandlung. Die nötigen Medikamente, die Naturheilmittel, die der Pater ihm verordnet hatte, schickte ihm die Schloß-Apotheke Aschau nach München.
Die Geschichte der Heilung, die ich durch die Briefe meiner Schwester erfahren durfte, faszinierte mich. Die unglaubliche Heilung meines Neffen hat mich innerlich lange Zeit beschäftigt. Ich wollte alles darüber wissen und fragte mich, warum diese Art der Heilung den Ärzten nicht bekannt war. Warum müssen so viele an Leukämie sterben, wenn schon eine gezielte Methode erfolgversprechend ist? Warum fehlt an den Universitäten das Fach Naturheilkunde im Lehrplan? Die volle Genesung meines Neffen war für mich wie ein Wunder. Ich empfand dabei eine große Hochachtung und Respekt diesem fremden Heiler aus Bayern gegenüber.
In den nächsten Briefen meiner Schwester habe ich ihre weiteren Bemühungen erfahren. Da die Behandlung von Pater Ober teuer war, haben die Eltern versucht, von der Techniker-Krankenkasse eine Rückerstattung zu bekommen – vergeblich. Auch das Gerichtsverfahren hat nichts genutzt, weil die Heilerfolge der Heilpraktiker damals – wie auch heute noch – in Deutschland nicht anerkannt waren!
Nachdem Tonis Sohn aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hat man seine Unterlagen aus dem Krankenhaus an seinen Hausarzt geschickt. Nach zwei Jahren, völlig geheilt, besuchte er wegen eines Attests seinen Hausarzt Dr. med. Tietz. Als dieser ihn erblickte, sagte er staunend: „Sie leben? Wer hat Sie geheilt?“ Er kannte Pater Ober und sagte:
„Ah ja! Den kenne ich, der kann was! Ich habe schon viel über seine Heilerfolge gehört.“ Dr. Tietz untersuchte Tonis Sohn gründlich und konnte seine volle Genesung nur bestätigen. Auch nach fünf Jahren und einer weiteren Untersuchung zeigten sich keinerlei Spuren der früheren Krankheit. Eine Ärztin aus dem Krankenhaus in Schwabing, aus dem er damals entlassen worden war, hat sich bei meiner Schwester noch ein Jahr lang telefonisch gemeldet und den Heilungsverlauf verfolgt. Weil die Eltern für das Gerichtsverfahren und die damit verbundene Kostenerstattung einen Nachweis brauchten, der den Krankheitsverlauf wiedergab, hat Dr. Tietz dieses Dokument für sie geschrieben. Auf den folgenden Seiten ist dieses abgedruckt und beweist den Heilerfolg.
Nach der Gerichtsverhandlung betonte der Richter, dass er nach geltendem Recht keinen positiven Bescheid geben kann, er bat sie aber, den Fall zu publizieren oder an den Bund zu schicken, damit das Gesetz geändert würde. Auch der Krankenkassenvertreter war dieser Meinung und bedauerte, dass die Kosten nicht übernommen werden konnten.
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Im Dezember 2015 ist mein Neffe vierundfünfzig Jahre alt geworden. Nach seiner Heilung hat er studiert und eine eigene Firma gegründet. Er ist glücklich verheiratet und hat zwei erwachsene und gesunde Kinder.

Kapitel 3
Während der Fahrt nach München haben wir kein einziges Mal angehalten. Den Ortsteil Neuaubing und das hohe Gebäude, in dem meine Schwester mit ihrer Familie wohnte, haben wir problemlos gefunden – als wären wir den Weg schon einmal gefahren. Es war später Nachmittag, als wir vor dem Haus ankamen. Mein Schwager spazierte mit hängendem Kopf vor dem Haus hin und her und wartete auf uns. Diese Tatsache habe ich als sehr beglückend empfunden. Als Bogdan das Auto angehalten hat und wir ausgestiegen sind, bemerkte uns Kurt und kam auf uns zu. Er führte uns in das hohe, schmale Haus, und als wir aus dem Lift im achten Stock ausgestiegen sind, stand Toni schon vor der geöffneten Wohnungstür und empfing uns mit offenen Armen. Die Begrüßung war herzlich. Wir hatten uns zwanzig Jahre nicht mehr gesehen! Das Abendessen hat auch schon auf uns gewartet und es gab viel zu erzählen. Dennoch, wir waren nach der langen Reise sehr müde und konnten auch gleich schlafen gehen, weil auch die Schlafplätze für uns vorbereitet waren. Ich fühlte mich angekommen.
Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, verabschiedete sich Bogdan von uns und fuhr nach Mönchengladbach im Rheinland, wo er seinen Studienfreund besuchen wollte. Sie hatten sich seit der Abreise des Freundes aus Polen auch nie mehr gesehen. Am Abend, als Toni, Kurt und ich zusammen beim Abendbrot saßen, teilte ich ihnen mit, dass ich in Deutschland bleiben wollte. Toni war nicht überrascht. Sie hatte es geahnt. „Ich will euch aber nicht zur Last fallen und auch nicht bei euch bleiben“, versicherte ich gleich. „Aber ich werde eine kleine Hilfe von euch brauchen. Ich möchte nur, dass ihr mich dorthin begleitet, wo ich mich als Flüchtling anmelden muss.“ Mein Schwager schaute mich an und fragte: „Sag mal, was willst du in Deutschland eigentlich machen?“ Er zählte dazu gleich langsam meine „Minuspunkte“ auf: „Du bist eine Frau, 47 Jahre alt, hast keinen Beruf – das polnische Abi zählt hier nicht –, kannst nicht Deutsch sprechen, bist eine Rentnerin …“ Ich empfand seine Worte wie einen Schlag ins Gesicht, aber ich konnte mich beherrschen und wartete, was er noch zu sagen hätte, während mein Herz raste und mir die Luft abdrückte. Das, was mich so tief traf, war seine Feststellung, dass mein Frausein ein Nachteil ist. „Sind denn in Deutschland Frauen Menschen zweiter Klasse?“, war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging. Ich war in seinen Augen also eine Null für Deutschland, anderseits konnte ich ihm seine Aufzählung nicht übel nehmen, er hatte ja nichts Unwahres gesagt. Trotzdem musste ich mich erstmal innerlich sammeln. Währenddessen sprach mein Schwager weiter und sagte, dass Deutschland schon 30 % Arbeitslose hätte und ich keine Arbeit finden würde … Ich konnte ihn gut verstehen, er fürchtete, dass ich an seinem Portemonnaie hängenbleiben könnte. Ich habe ihm zugehört, aber einschüchtern wollte ich mich nicht lassen und sagte leise, aber entschlossen zu ihm: „Ich bin aber davon überzeugt, dass jeder, der hier arbeiten will, auch eine Arbeit finden wird. Außerdem hat Jaruselski im polnischen Fernsehen gesagt, dass Personen, die sich während der ersten fünf Jahre in Deutschland noch nicht zurechtgefunden haben, nach Polen zurückkommen können, ohne Konsequenzen zu befürchten. Ich habe also fünf Jahre Zeit und möchte die Chance nutzen.“
Meine treue Schwester hat am Montag fast den ganzen Vormittag am Telefon verbracht, bis sie herausfand, wo sich die Stelle für Flüchtlinge befand. Sie war in Nürnberg. Wir sind dann am 12. August 1987 gleich nach dem Frühstück mit dem Mercedes von Kurt dorthin gefahren und Toni hat für den Weg eine schmackhafte Brotzeit vorbereitet. Wir sind am Nachmittag in Nürnberg angekommen und haben vor zwei „Wolkenkratzern“ angehalten, die von einem Drahtzaun umgeben waren. Wir waren uns aber nicht sicher, ob wir richtig waren, weil keine Adresse zu sehen war. Wir sind aus dem Auto ausgestiegen, in den Hof hineingegangen und haben fast eine Stunde unruhig herumgestanden, ohne zu wissen, ob wir wirklich richtig sind und was wir weiter machen sollten. Inzwischen bekamen wir die Gewissheit, dass wir doch richtig sein mussten, weil durch das kleine Tor am Drahtzaun immer wieder ein Mensch hineinging.
Um 17:00 Uhr kam aus dem ersten Gebäude eine Frau heraus und schloss die Türe hinter sich. Von dieser hat Toni die Information bekommen, dass um 19:00 Uhr ein Beamter kommen würde, um die Menschen zu registrieren. Mein Schwager, der die ganze Zeit schon unruhig auf die Uhr geschaut hatte, atmete auf. Wir haben uns auch gleich verabschiedet und ich setzte mich auf die einzige vorhandene Bank. Intuitiv habe ich Toni im letzten Moment meine zweite, schwere Tasche gegeben. Ich bin auf der Bank sitzen geblieben, fühlte mich sehr schwach, dennoch beobachtete ich ständig das kleine Tor, durch das ab und zu ein dunkelhäutiger Mensch ging. Die Unsicherheit der Eintretenden war nicht zu übersehen. Plötzlich überfiel mich ein Gedanke: „Was mache ich, wenn um 19:00 Uhr niemand kommt?“ Und in diesem Moment überkam mich eine wahnsinnige Angst. Ich spürte, wie mir das Fieber in den Kopf stieg. „Was mache ich ohne Geld und ohne Deutsch sprechen zu können? Wie komme ich nach München zurück? Während ich mich mit den düsteren Gedanken beschäftigte, merkte ich nicht mal, wie schnell die Zeit vorbeiging. Pünktlich um 19:00 Uhr betrat ein Mann das erste Gebäude und schloss die Türe hinter sich nicht. Ich atmete tief durch – ich war gerettet. Die wartenden Menschen folgten dem Mann und bildeten eine Reihe an der Wand im Erdgeschoß. Vor mir standen circa 20 Personen, sie waren ganz still. Plötzlich ist es vor dem Fenster laut geworden. Es gab einen Streit zwischen einer älteren Frau und dem Beamten. Die Frau war sehr aufgeregt und verließ die Reihe. Bei ihr sah ich einen circa 16-jährigen Jungen und ein etwas jüngeres Mädchen. Sie ging zur Seite, sprach aber immer noch sehr laut mit den Kindern –
aber diesmal auf Polnisch! Das war meine Rettung. Ich verließ die Reihe und ging auf sie zu. Zunächst achtete sie nicht auf mich, aber als sie bemerkte, dass ich sie sprechen wollte, fragte sie mich nach meinem Wunsch. Ich fragte sie, ob sie so freundlich wäre abzuwarten, bis ich an die Reihe komme, weil ich noch kein Deutsch spreche und gerne verstehen würde, was der Beamte zu mir sagt. Die Frau war bereit mir zu helfen und wartete, bis ich dem Beamten gegenüberstand. Als er den Mädchennamen in meinem Reisepass erblickte, gab er mir einen Schlüssel und reichte mir einen Stapel von Vordrucken zum Ausfüllen. Dabei war seine Stimme sehr freundlich, aber wie gesagt habe ich zu diesem Zeitpunkt kein einziges Wort verstanden. Ohne die Hilfe der fremden Frau aus Schlesien hätte ich das Zimmer für die Übernachtung nicht gefunden, zu dem mir der Beamte den Schlüssel gegeben hatte. Inzwischen hatte sich die Frau beruhigt und wir kamen ins Gespräch. So habe ich erfahren, dass sie mit den Kindern lange unterwegs war, und da sie keine zwei Zimmer für die beiden Kinder bekommen hatte, mussten sie sich wieder auf den langen Weg nach Hause machen. In diesem Moment habe ich den Beamten und die ganze Aufregung der Frau verstanden, sie hatte nämlich zwei getrennte Zimmer für die Kinder verlangt!
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, machte ich mich auf den Weg zu dem Zwillingsgebäude. Dabei handelte es sich um eine Unterkunft für die Flüchtlinge. Im Haus war es ganz still und es war kein Mensch zu sehen. Die Treppe war breit und der Korridor war mit rotem Fußbodenbelag ausgekleidet. Mein Zimmer mit den Betten aus Eisen habe ich im fünften Stock gefunden. Auf dem Stockbett lagen schon einige Kleidungsstücke, also legte ich meine Tasche auf das Einzelbett und machte mich, obwohl ich sehr müde war, noch auf den Weg, um weitere Hilfe zu suchen. Ich ging langsam den Korridor entlang und orientierte mich. Plötzlich hörte ich vor einer Türe ein Lachen und laute polnische Worte! Ich hatte wieder Glück. Das waren Studenten aus Polen, die auch aus der Heimat geflüchtet waren. Sie waren gut gelaunt und dazu bereit, mir bem Ausfüllen der Anträge zu helfen.
Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer fand ich noch eine große Küche, die mit weißen, niedrigen Küchenschränkchen ausgestattet war. Das Schränkchen mit meiner Zimmernummer habe ich gleich entdeckt. Drin waren drei Teller, drei Tassen und Besteck für drei Personen. Ich habe über die Organisation staunen müssen. Mit einem Glas Wasser in der Hand kehrte ich in mein Zimmer zurück und konnte jetzt das Antibiotikum einnehmen. Im Zimmer habe ich eine junge Frau aus Polen mit einem etwa 12-jährigen Jungen vorgefunden. Sie war voller Freude und sagte mir, dass sie schon neun Stockwerke, das heißt neun Büros in dem Bürogebäude, hinter sich gebracht hatte, morgen nur noch das letzte auf sie wartete und sie am Nachmittag von ihrem Bekannten abgeholt würde. Im weiteren Verlauf unseres Gespräches habe ich von ihr erfahren, dass das Röntgen der Flüchtlinge zehn Tage lang dauert und dass man für diesen Zeitraum Essenskarten bekommt. Sie sagte mir weiter, dass ich um 03:00 Uhr in der Früh aufstehen müsste, um überhaupt in das Bürogebäude hineinzukommen, weil schon so viele Menschen da sein werden. Die junge Frau hat tatsächlich nicht übertrieben.
Ich bin aber erst um 05:00 Uhr zum Bürogebäude gekommen und sah, dass sich mindesten schon hundert Menschen versammelt hatten! Woher kamen sie? Wo hatten sie übernachtet? In meinem Hotel hatte ich keinen einzelnen Menschen angetroffen! Da jede Person als Erste in das Gebäude kommen wollte, standen sie alle dicht an der Tür. Die Menge stand still und wartete. Ich bin dann jeden Tag auch so früh aufgestanden und musste mit den vielen Menschen warten, bis das Gebäude aufgemacht war. Es ging nicht anders. Drinnen waren später die schmalen, aber langen Gänge voller Menschen. Alle Stühle waren natürlich auch belegt. Hier musste ich wieder stundenlang warten, bis ich in das Büro gebeten wurde. Dieses war um Punkt 08:00 Uhr geöffnet worden und ein Beamter hatte sich vor dem geschlossenen Eingang mit gespreizten Beinen vor die Menge gestellt. Ich war am ersten Tag völlig irritiert. Der Beamte sah so aus, wie die Nazis in den polnischen Kriegsfilmen – mit denen die polnische Bevölkerung jeden Abend gefüttert wurde. Der Beamte trug zwar keine Uniform, aber immerhin eine Reithose und hohe Stiefel, die ihn so ähnlich erscheinen ließen. Er sah in die Menge, dann sagte er in einem ruhigen und nicht besonders lauten Ton folgende Worte: „Bitte stellen Sie sich in einer Reihe hin.“ Die Menge reagierte natürlich nicht, und ich habe ihn zuerst auch nicht verstanden. Er wiederholte geduldig: „Bitte stellen Sie sich in einer Reihe hin.“ Jetzt begriff ich, was der Beamte von der Menge verlangte und sagte ganz laut auf Polnisch: „Wir müssen uns in einer Reihe hinstellen, sonst werden wir nicht eingelassen!“ Die Menge fing an, sich zu bewegen. Der Beamte wartete geduldig ab und die Zeit lief. Nach einer Weile war so etwas wie eine Viererreihe entstanden und der Beamte fing an, die Menschen abzuzählen. Er hat nur zwölf Personen reingelassen, dann kurz abgewartet und die nächsten zwölf Personen in das Gebäude gehen gelassen, und so ging es weiter. Als ich reingehen durfte, wurde mir klar, warum er so gehandelt hatte. Das Hochhaus hatte keine Treppe, man konnte sich nur mit dem Lift zwischen den Stockwerken bewegen.
An den folgenden Tagen bin ich dann doch um 03:00 Uhr in der Früh aufgestanden, um früher reinzukommen, es hat aber nichts genutzt. Das war ein Ding! In den frühen Morgenstunden waren jeden Tag schon so viele Wartende vor dem Gebäude und immer gab es denselben Ablauf. Ich konnte tatsächlich jeden Tag nach einer langen Wartezeit in den schmalen und überfüllten Korridoren nur eine bestimmte Angelegenheit erledigen. Es war immer knapp vor 12:00 Uhr, als ich das Gebäude mit dem Lift verlassen konnte, danach wurde pünktlich geschlossen.
Jeden Tag befand ich mich also ein Stockwerk höher. Die Korridore waren sehr schmal, aber lang und ständig überfüllt. Die Luft wurde mit jedem Stockwerk knapper. Die Korridore hatten aber zum Glück an jedem Ende eine Balkontür, die zu einem Notausgang führte. Ich habe jeden Tag an der Balkontür gestanden, weil ich spürte, dass in der knappen Luft einmal eine Notsituation auf mich zukommen würde. Der August in diesem Jahr war sehr heiß und eines Tages, als ich in dem engen, überfüllten Gang Atemnot empfand, machte ich die Balkontür ein wenig auf und schnappte nach Luft. In diesem Moment kam die Beamtin aus dem ersten Büro sofort heraus und schrie mich an: „Wenn Sie krank sind, dann zurück nach Polen mit Ihnen! Wir brauchen hier keine Kranken!“ Und sie machte die Türe wieder zu. Der Hass in ihrer Stimme hat mich tief getroffen, sodass ich automatisch die Treppe runtergelaufen bin. „Aber nein! Halte durch!“, ging es mir durch den Kopf. Mit den Augen voller Tränen ließ ich mich auf einer Bank nieder und heulte mich so richtig aus. Es dauerte eine Weile, bis ich mich einigermaßen beruhigen konnte. Als es mir besser ging, verspürte ich einen riesigen Hunger. Ich hatte ja am ersten Tag bei der Anmeldung Essenskarten für zehn Tage bekommen. Man konnte wählen: Entweder hat man Trockenproviant für den ganzen Tag gewählt oder man konnte zum Mittagessen gehen. Dafür musste man aber alle drei Abschnitte für den ganzen Tag abgeben. An diesem Tag habe ich mich aus Trotz für das Mittagessen entschieden. Die Kantine war überfüllt, die vorherrschende Hitze war unerträglich und in der Luft hingen verschiedene Gerüche. Ich habe ein riesiges Schweinekotelett mit Kartoffeln bekommen, aber das Fleisch war hart wie eine Schuhsohle, sodass ich es nicht essen konnte. Da ich drei Abschnitte für ein einziges Mahl abgeben musste, bin ich an diesem Abend hungrig schlafen gegangen. Meine junge Zimmergenossin hat an diesem Tag den Registrierschein bekommen und wurde als Deutsche anerkannt. Am Nachmittag wurde sie von ihrem Freund abgeholt.
Mein Aufenthalt in der Durchgangsstelle in Nürnberg hat auch zehn Tage gedauert und leider habe ich nicht verstanden, was all die Beamten von mir wissen wollten. Nicht alle Beamten waren unfreundlich und voller Hass auf die Fremden. Ich erinnere mich an einen sehr netten, höflichen Beamten, einen älteren Herrn, der sich mit mir auch nicht verständigen konnte. Als er dann meinen Mädchennamen sah, hob er seine beiden Hände ans Gesicht und klagte laut: „Deutschland, Deutschland, du hast Kinder, die deine Muttersprache nicht kennen!
Er war außer sich, seine Worte habe ich aber verstanden. Wie die hasserfüllten Worte der Beamtin zuvor auch. Die Zeit, in der meine Unterlagen geprüft wurden, verging sehr schnell. Am letzten Tag war es so weit – ich musste mich entscheiden, in welche Richtung Deutschlands ich mich begeben wollte. Die nette Beamtin zeigte mir eine Landkarte Deutschlands, zeigte mit dem Zeigefinger auf München und schaute mich fragend an. Als ich ihre stumme Frage mit einem Kopfschütteln verneinte, zeigte sie auf Regensburg. Mit der Richtung war ich einverstanden und dachte an Toni und Kurt. Ich sollte mich ja nicht für München entscheiden. Danach musste ich noch auf meine Fahrkarte warten. Diese war keine reguläre Karte. Auf ihr stand: Regensburg – Regenstauf. Am Schluss wurde ich ins Erdgeschoß geschickt, wo ich von der Kasse 200 DM bekommen habe. Mit dem Geld bin ich sehr sparsam umgegangen, weil ich nicht wusste, für wie lange es reichen sollte. Es hat den ganzen Monat gereicht. Heute, 2016, wäre es unmöglich, mit 100 Euro im Monat auszukommen, es würden nicht einmal 300 reichen – was 600 DM entspricht.
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Am nächsten Tag um 06:00 Uhr in der Früh hat mich eine sehr laute, befehlende Stimme aus dem Bett gerissen: „Achtung, Achtung!“ Die laute Warnung hatte mich dermaßen erschreckt, dass ich sofort aus dem Bett sprang. „Luftangriff! In den Keller!“, war mein erster Gedanke. Das war dieselbe laute, harte Stimme wie im Krieg, die uns vor den Luftangriffen gewarnt und in einen Schutzraum befohlen hatte. Ich war blitzschnell angezogen und lief mit rasendem Herzen die Treppe aus dem fünften Stock hinunter. Vor dem Hotelgebäude war kein Mensch. Ich war aufgeregt und total desorientiert. Was war los? Nach einer Weile wurde mir bewusst, dass nach der Warnung, die mich so aus dem Gleichgewicht geworfen hatte, noch weitere Worte gefolgt waren, die ich aber nicht weiter wahrgenommen hatte. Und jetzt stand ich da. Nachdem der Schreck vorbei war und ich mich beruhigt hatte, sah ich vor dem Bürogebäude einen kleinen Bus stehen und ein Mann winkte mir schon eine ganze Weile zu. Ich ging langsam auf den Bus zu. Aus dem Bus sagte jemand auf Polnisch: „Steigen Sie doch ein! Wir werden zum Bahnhof gebracht! Wir warten nur noch auf die anderen.“ Als der kleine Bus besetzt war, brachte uns der Fahrer zum Bahnhof. Dieser kam mir sehr groß und schön vor. Was mir gleich auffiel, war die geringe Zahl von Reisenden. Ich musste sofort an Katowice denken und an den ständig überfüllten Bahnhof. Der Busfahrer brachte jeden von uns auf einen anderen Bahnsteig. Auf diesem war kein einziger Mensch zu sehen! Nachdem ich auf den richtigen Bahnsteig gebracht worden war, setzte ich mich auf eine Bank und atmete erstmal tief durch. Die Leere auf dem Bahnsteig und der fehlende Zug signalisierten mir, dass ich noch viel Zeit bis zur Abfahrt hatte und das beruhigte mich. Nach einer guten Stunde stand ich auf, um die Abfahrtzeit auf dem Fahrplan zu suchen. Es dauerte aber lange, bis ich sie gefunden hatte, weil der Fahrplan in ganz kleinem Schreibmaschinendruck geschrieben war. Diese Tatsache hat mir nicht gefallen. Konnten ältere Menschen diese kleine Schrift überhaupt lesen? Ich fand jedenfalls heraus, dass ich noch eine volle Stunde Wartezeit vor mir hatte und das war gut so. Ich setzte mich wieder auf die Bank und dachte über das in den letzten Tagen Erlebte nach. Durch den Kopf ging mir vor allem die perfekte Organisation, die mich so beeindruckt hatte, die Begegnung mit der hasserfüllten Beamtin und die heiße Luft im Flur, an der ich zu ersticken drohte. Dann dachte ich an den netten, älteren Beamten, der mit mir sprechen wollte, aber nicht konnte. Als der Zug gekommen war, hatte ich mich schon wieder im Griff. Komischerweise war immer noch kein einziger Mensch auf dem Bahnsteig zu sehen! Nachdem ich in einem Wagon Platz genommen hatte, musste ich weiter staunen! Es war weit und breit kein Mensch im Zug zu sehen und ich saß die ganze Zeit alleine im Abteil. Die einzige Person, die ich während der Fahrt nach Regensburg sah, war ein Schaffner, der mich mit einem forschenden Blick betrachtete. Schließlich bin ich in Regensburg ausgestiegen. Der Bahnhof hat mir ebenfalls sehr gefallen und mich beeindruckt.
Vor diesem fand ich einen sehr großen Platz mit vielen Bushaltestellen. Auch hier waren die Fahrpläne sehr klein gedruckt, was mich ärgerte, obwohl ich damals noch keine Brille brauchte. Es hat lange gedauert, bis ich auf einer Tafel Regenstauf gefunden hatte. Inzwischen war mir ein Bus in diese Richtung vor der Nase weggefahren, was mich zusätzlich ärgerte. Das Fieber war längst hochgestiegen und ich fühlte mich krank. Bis ich endlich weiterkam, dauerte es wieder lange. Im Übergangswohnheim in Regenstauf bin ich am späten Nachmittag angekommen. Der Blockleiter des Heimes war aber da. Er gab mir einen Zettel mit drei Adressen, unter denen ich mich in drei Tagen anmelden sollte. Diese Info wiederholte er mehrmals, bis ich sie verstanden hatte. Dann führte er mich gleich in eine Dreizimmerwohnung, die im Erdgeschoß lag. Mein Zimmerchen war circa neun Quadratmeter groß und ich sollte es mit einer älteren Frau aus Rumänien teilen. „Sie ist noch nicht von einem Spaziergang zurückgekommen“, erklärte mir der nette Blockleiter. Diese Information habe ich komischerweise verstanden. Im Zimmer befanden sich zwei normale Betten, ein kleiner Tisch, zwei Stühle und ein schmaler Schrank, den ich mit meiner Zimmergenossin teilen durfte. Etwas später begrüßte diese mich und lächelte mich an. „Die ist aber alt“, dachte ich im ersten Moment. Ihr Gesicht bestand nur noch aus tiefen, dicken Falten. Sie war aber erst 68 Jahre alt! Dass die Frau ein Schuldeutsch sprach, habe ich gleich erkannt. Sie sprach mich ständig an, doch ich habe kaum etwas verstanden.
Mein erster Weg am nächsten Tag führte mich in das Rathaus. Den Zettel, den ich von Herrn König bekommen hatte, hatte ich dabei, damit der Beamte wusste, warum ich hergekommen war. Der weitere Weg führte mich mit dem überfüllten Bus nach Regensburg, wo ich mich beim Arbeitsamt, dem Sozialamt und der AOK anmelden musste. Im Sozialamt hat man mich registriert. Nun stand ich vor einem großen Kalender und der höfliche Beamte zeigte auf den 25. September. Da wir erst den 25. August hatten, habe ich begriffen, dass ich in einem Monat wiederkommen durfte. Das Geld, das ich in Nürnberg bekommen hatte, musste also für einen Monat reichen.
Im Arbeitsamt nahm man mich in die Kartei auf und der Beamte schüttelte nur den Kopf. Hier verstand ich kein einziges Wort. Es war bedrückend für mich. Der junge Beamte machte ein trauriges Gesicht, streckte die Hände aus und schüttelte den Kopf. Später habe ich erfahren, dass ich als Rentnerin kein Recht auf Arbeit, Arbeitslosengeld oder einen Sprachkurs hatte.
Nachdem ich mich in den drei Ämtern angemeldet hatte, schaute ich mich kurz in der Stadt um und blieb eine Weile auf der alten, schönen und breiten Betonbrücke an der Donau stehen. Es gefiel mir hier, ich eilte aber zum Bus, um mich schließlich in meinem neuen Zuhause ausruhen zu können. Ich habe weiter krankhaft geschwitzt und müde war ich auch. Die hohen Temperaturen in diesem Sommer machten mir sehr zu schaffen, vor allem in dem überfüllten Bus. Die Tatsache, dass ich an diesem Tag alle drei Amtswege hatte erledigen können, ließ mich innerlich aufatmen. Nachdem ich mich ausgeruht hatte, machte ich mich am Abend auf den Weg zu einer Telefonzelle, um mich endlich bei Toni zu melden. Sie hatte schon ungeduldig auf meinen Anruf gewartet. Nun konnte ich ihr endlich erzählen, was in den letzten Tagen alles passiert war und was ich bereits erledigt hatte. Vor allem wollte sie wissen, wo ich gelandet war. Mein Bericht war lang und voller Emotionen. Dann bekam ich von Toni eine Anweisung, an die ich mich von diesem Tag an halten sollte, nämlich alle amtlichen Briefe sofort an sie weiterzuschicken, damit sie im Bilde war, in welcher Situation ich mich befand, weil ich doch kein Wort aus dem Schreiben verstehen würde. So sind wir an diesem Tag auch verblieben.
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Nach ein paar Tagen in Regenstauf bekam ich von meiner Nichte zwei Wörterbücher. Von da an habe ich jeden Tag ein paar Worte für meinen täglichen Gebrauch aus den Wörterbüchern gelernt. Wir hatten keinen Fernseher im Zimmer, auch kein Radio, also waren die beiden Bücher für mich eine wertvolle Hilfe, um die deutsche Sprache zu erlernen. Die Worte, die ich lernen und behalten wollte, habe ich in großer Schrift auf ein Blatt geschrieben und in der Früh um 06:00 Uhr beim Aufwachen gleich gepaukt. So ging es dann die ganze Zeit konsequent weiter. Jeden Tag! Ich wusste, dass ich jetzt von der Sprache abhängig war und ohne sie nicht weiterkommen würde. Ich war zufrieden, dass ich endlich etwas für mich selber machen konnte. Die polnische Stagnation war damit beendet und vorbei.
Eines Tages zeigte mir meine Zimmergenossin, Frau Elisabeth, die Kleiderkammer, die sich in unserem Keller befand. Darin habe ich alles gefunden, was ich für den Herbst und Winter brauchte. Das hat mich beruhigt, weil die 200 DM tatsächlich nur für das Überleben reichten.
An einem anderen Tag erlebte ich wieder ganz überraschend die heulende Sirene. Sie war dermaßen schrill und laut wie die, die ich als Kind während des Krieges erlebt hatte. Ich stürzte aus der Wohnung und blieb vor dem Haus stehen, es war aber kein Mensch zu sehen. Ich war sehr aufgeregt und konnte nicht verstehen, dass niemand auf den Alarm reagierte. Als der letzte Klang der Sirene verloschen war, wartete ich ab. Es tat sich aber weiterhin nichts. Ich ging dann weiter auf die Hauptstraße und schaute mich um. Ganz weit weg sah ich Menschen, die sich langsam bewegten und nicht nervös wirkten. Wahrscheinlich kamen sie von einem Spaziergang ins Heim zurück. Nach einer Weile erkannte ich zwischen den Spaziergängern eine Frau aus Mikolow! „Die Welt ist aber klein!“, dachte ich. Wir kannten uns nur vom Sehen her, aber jetzt ging sie auf mich zu und wir begrüßten uns wie alte Bekannte. Die Überraschung war groß und wir freuten uns über diese unerwartete Begegnung.
Ich fragte sie natürlich gleich, was es mit dem Alarm auf sich hatte. So erfuhr ich, dass in dem nahe liegenden Wald eine amerikanische Einheit stationiert war und die Sirene die Soldaten zu Übungen aufgefordert hatte. „Gott sei Dank, ich dachte schon, dass ein Krieg ausgebrochen wäre“, sagte ich. „Muss da gleich der ganze Ort in Schrecken versetzt werden?“
Ich habe in Schlesien nach dem Krieg keinen Alarm mehr erlebt, deswegen habe ich mich beim lauten Schrillen der Sirene so erschrocken. Der nächste Alarm hat mich nicht mehr in Panik versetzt, aber trotzdem musste ich mich erst daran gewöhnen.
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Nachdem ich mich in Regensburg beim Arbeitsamt angemeldet hatte, bekam ich nach wenigen Tagen ein amtliches Schreiben, das ich sofort an Toni weiterschickte, so wie wir das verabredet hatten. Kaum dass es versandt war, bekam ich plötzlich einen überraschenden Besuch von Toni und Kurt. Ich stand gerade im Bad und schaute aus dem Fenster, da sah ich unerwartet ihr Auto auf den Parkplatz fahren. Rechts stieg Toni aus und eilte ins Heim, während Kurt sich eine Pfeife anzündete und sich mit dem Rücken zum Heim am Auto anlehnte. Ich ging Toni entgegen und öffnete die Wohnungstür. Sie kam ohne Begrüßung herein und fragte: „Wann fährst du?“ Ich wusste sofort, worauf sie hinauswollte und sagte ganz gelassen zu ihr: „Toni, beruhige dich, alles ist gut, ich habe Sozialhilfe bekommen. Hol doch den Kurt“, sagte ich beruhigend. Ein paar Minuten später kam mein Schwager schweigend herein und setzte sich auf den Stuhl. Toni nahm das Schreiben vom Arbeitsamt aus ihrer Tasche heraus und gab es mir zurück. Dabei erklärte sie mir, was darin stand. „Du bekommst kein Arbeitslosengeld und auch keine Rente!“, sagte sie, immer noch erregt. Daraufhin sagte ich wieder ganz gelassen: „Bitte Toni, beruhige dich doch, ich habe Sozialhilfe bekommen, damit wird alles gut! Ich bin nicht im Stich gelassen worden, ich hab Geld zum Leben bekommen und ich habe fünf Jahre lang Zeit! Ich werde Deutsch lernen und damit arbeiten können. Das ist doch die Chance, die ich brauche!“ Ich habe damals schon ein kleines Licht am Horizont für mich gesehen.
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Während ich mich jeden Tag auf das Lernen konzentrierte und für nichts anderes mehr einen Kopf hatte, machte sich Toni Sorgen um meinen gesundheitlichen Zustand. Ohne mein Wissen hatte sie in der Praxis von Pater Ober einen Termin für mich vereinbart und eines Tages bat sie mich, nach München zu kommen. Am 10. Oktober 1987 bin ich dann mit Toni und Kurt nach Aschau gefahren. Nachdem wir das Auto auf dem Campingplatz abgestellt hatten, führte mich Toni durch die großen Wiesen in die Praxis. Dass Pater Ober nicht in Aschau weilte, wusste Toni nicht. Seine Assistentin, Frau D. J., ebenfalls eine Heilpraktikerin, empfing uns. Sie untersuchte mich genau und verabreichte mir am Schluss eine Spritze in die Halswirbelsäule, was überhaupt keinen Schmerz verursachte. Das wunderte mich sehr. Während ich noch auf der Liege ruhte, unterhielt sich die Heilpraktikerin die ganze Zeit mit Toni, wobei ich kein einziges Wort verstand. Nachdem ich aufstehen durfte und mich zu Toni auf einen Stuhl setzte, sagte Toni mit staunendem Gesicht zu mir: „Frau D. J. will dich im Haus behalten, sie sagt, dass du hierher passt. Sie bietet dir eine Zweizimmerwohnung und 1200 DM im Monat an!“ „Aber Toni!“, sagte ich sofort, „das geht doch nicht! Ich muss doch erst die Sprache lernen, in eine Schule kommen, ich verstehe sie doch gar nicht!“ Jetzt stand die Heilpraktikerin auf und nahm ein Foto in die Hand, auf dem eine Nonne abgebildet war. Sie sagte zu Toni: „Diese Nonne hat Pater Ober das Pendeln beigebracht. Er hat es dann mir beigebracht und heute mache ich ihrer Schwester den Vorschlag, es zu erlernen.“ Toni war immer noch verblüfft und übersetzte mir gleich ihre weiteren Worte. Ich war von dem gesamten Angebot genauso überrascht wie Toni, sagte aber nochmal: „Bitte sag ihr, dass mich ihr Angebot zwar ehrt, aber bleiben kann ich nicht. Sag ihr, dass ich erst in eine Schule gehen möchte.“ Die Heilpraktikerin sah meine Entschlossenheit und bedauerte meine Entscheidung, stellte sich aber nicht dagegen. Wir kehrten in Gedanken versunken durch die großen Wiesen zum Campingplatz zurück. Toni erzählte Kurt immer noch staunend gleich von dem Angebot, das mir die Heilpraktikerin gemacht hatte. Er staunte natürlich auch, sagte aber nichts. Keiner von uns dreien konnte damals ahnen, dass ich nach vielen Jahren als staatlich anerkannte Pflegekraft und nach zehn Jahren Erfahrung in der Pflege und Geriatrie eines Tages nach Aschau zurückkommen würde, um Pater Ober beizustehen.
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Wir fuhren nach dem Mittagsessen gleich nach München zurück, wo ich den Zug nach Regenstauf nahm. Es wurde mir klar, dass ich nicht nur die Sprache erlernen musste, sondern auch einen nützlichen Beruf, in dem ich in meinem Alter noch eine Chance hätte. Vorerst paukte ich die Worte aus dem Wörterbuch jeden Tag weiter und weiter. Ich habe mit der Zeit auch meine Zimmergenossin Elisabeth immer besser verstanden, aber für die Spaziergänge mit ihr hatte ich leider keine Zeit. Ich fing auch an, Bücher zu lesen. Erst war es die einfache Schriftstellerin Courths-Mahler mit ihrem begrenzten Wortschatz. Natürlich habe ich auch sie am Anfang gar nicht verstanden, aber ich las weiter. Dann kam der Zeitpunkt, ab dem ich immer mehr aus den Büchern verstand. Es waren Romane mit gutem Ausgang. Ich habe die Autorin dafür bewundert, dass sie sich zutraute, Bücher zu schreiben. Das war nämlich eine Frau ohne Ausbildung, und die Themen für ihre Romane entnahm sie den Gesprächen der Damen, die Stoffe für ihre Krinolinen und modernen Kleider in dem Geschäft kauften, in dem sie als Verkäuferin arbeitete. Das waren noch die alten Zeiten, in denen sich die Damen für ihre Einkäufe viel Zeit nehmen konnten und dabei mit der Freundin im Geschäft plauderten. Die junge Verkäuferin – sie war damals 16 – hörte neugierig zu und sammelte Stoff für ihre künftigen Romane. Ein mutiges, talentiertes Mädchen! Der nächste Autor war Konsalik, aber auch die dünnen Heftchen, die Arztromane, in denen ich die Gespräche der Personen verfolgen konnte.
Eines Tages während des Lernens fiel mir plötzlich ein Satz aus der Bibel ein: „Bittet und ihr werdet erhört!“ Nachdem mir die Worte auf Polnisch so plötzlich in den Sinn gekommen waren, wusste ich, was ich machen musste. Ich habe mich sofort auf ein Gespräch beim Arbeitsamt vorbereitet und am nächsten Tag fuhr ich nach Regensburg. Ich wollte den Beamten um einen Sprachkurs bitten, wohlwissend, dass ich eigentlich keinen Anspruch darauf hatte. Wie ich es erwartet habe, nahm der Beamte meine Kartei in die Hand, schaute sie lange an und fing an, den Kopf zu schütteln. Darauf war ich vorbereitet. Ich wartete ab. Dann sagte er mir, dass ich keinen Anspruch auf einen Sprachkurs habe, weil ich als Rentnerin nach Deutschland gekommen bin. Das wusste ich ja auch schon. „Bitte! Machen Sie mir doch das Leben nicht so schwer, ohne die Sprache kann ich doch nicht arbeiten gehen“, sagte ich schließlich. „Bitte, bitte, helfen Sie mir doch.“ Der Beamte blieb dabei. Das Gespräch war beendet und ich fuhr sehr enttäuscht und niedergeschlagen nach Regenstauf zurück. Kurz nach dem Besuch erlebte ich aber eine unerwartete Überraschung: In einem Schreiben teilte mir das Arbeitsamt mit, dass ich einen Sprachkurs besuchen durfte, und zwar vom 19. November 1987 bis zum 06. Mai 1988. Als ich Toni die gute Nachricht mitteilte, fragte sie nur staunend: „Wie hast du das geschafft?“
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Das Institut für Ganzheitliches Lernen, das IGL, befand sich in der Leopoldstraße 3 in Regensburg. Am ersten Tag mussten sich alle Personen, die sich für den Sprachkurs angemeldet hatten, einem Test unterziehen. Mit diesem hat man unsere Deutschkenntnisse geprüft, danach wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Ich kam natürlich in die erste Gruppe, die bei null anfangen musste. In die zweite Gruppe kamen die Personen, die schon ein wenig sprechen konnten und im Test besser abgeschnitten hatten. In den ersten Tagen bin ich mit dem Bus nach Regensburg gefahren, was für mich natürlich eine große Ausgabe bedeutete. Dann erfuhr ich, dass manche Personen aus meinem Übergangswohnheim mit dem Auto in die Schule kamen. Es hat sich dann die Möglichkeit ergeben, dass ich mitfahren konnte, somit wurde ich wieder mal gerettet.
Meine Gruppe zählte vierzehn Personen. Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Ländern wie Russland, Polen oder Rumänien, einer war sogar aus Arabien. Unser Unterricht hat schon am nächsten Tag begonnen. Wir haben uns in einer Reihe auf die Stühle vor der Tafel hinsetzen müssen und der junge Lehrer hat den ersten Unterricht mit uns mithilfe eines Balles begonnen. Diesen hat er jedem von uns zugeworfen, dabei sprach er einen kurzen Satz aus, aber ganz langsam und deutlich und daran angepasst, aus welchem Land der Schüler kam, zum Beispiel: „Ich komme aus Russland. Ich komme aus Arabien.“ Der junge, aber sehr erfahrene Lehrer hat den Ball jeder Person so lange zugeworfen, bis sie den Satz übernehmen und wiederholen konnte. Dabei hat er während des ganzen Unterrichtes kein anderes Wort gesprochen und jeder von uns konnte sich den Satz merken, weil er für ihn gegolten hat. Auch die Bedeutung hat jeder verstanden. Der Lehrer hat uns also ein einfaches Erfolgserlebnis beschert, ohne zu hohe Anforderungen zu stellen. Es war interessant und ich habe den Lehrer bewundert. Am nächsten Tag brachte er uns bei, wie wir uns vorstellen konnten, und an jedem weiteren Tag lernten wir neue Sätze. Wir konnten das in der Schule Gelernte zu Hause wiederholen und festigen, weil wir das, was er an die Tafel schrieb, in unser Heft abschreiben mussten. Der junge Lehrer, Herr Gottfried Schünner, hat sich auf jede Unterrichtseinheit sehr gut vorbereitet. Er hat sich viel Mühe gegeben, um uns die Sprache gut beizubringen. Manche Worte oder Unterschiede zwischen den Worten hat er sogar bildlich erklärt. Eines Tages ging es um den Unterschied zwischen „ich möchte“ und „ich will“. Herr Schünner hat sich in einen Schauspieler verwandelt und zeigte uns, wie sich ein Kellner bei der jeweiligen Phrase verhalten würde. Er brachte uns zum Lachen und wir haben den Unterschied sehr gut verstanden und auch behalten.
An einem anderen Tag erzählte uns Herr Schünner, wie es war, als er als Kind mit den Eltern nach Deutschland kam. Er erwähnte dabei, dass seine Mutter immer noch „Kiche“ statt „Küche“ sagte. An diesem Tag habe ich auch erfahren, wie alt er war. Er kam am selben Tag, im selben Monat und im selben Jahr wie meine ältere Tochter auf die Welt! Er war also erst achtundzwanzig Jahre alt, hatte aber eine sehr große Erfahrung im Umgang mit uns Anfängern. Und nicht nur das, er verfügte auch über ein großes Einfühlungsvermögen, er erkannte sofort unsere Schwächen, unsere Schwierigkeiten und Probleme, die mit dem Lernen der neuen Sprache verbunden waren. Er konnte sich aufgrund eigener Erfahrungen sehr gut auf uns einstellen. Er war als Lehrer in seinem Element.
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Vor Ostern 1988 wurde meine Gruppe geprüft. Wir mussten einen Test schreiben und das fand ich gar nicht gut, es war einfach zu früh! Danach mussten die Personen, die den Test gut geschrieben hatten, in die zweite Gruppe wechseln. Eine Frau aus Opeln und ihre Tochter sowie ich haben den leichten Test bestanden und mussten die Gruppe von Herrn Schünner verlassen. Nun hatten wir einen anderen Lehrer. Ab diesem Zeitpunkt habe ich nichts mehr gelernt, auch mein Heft blieb leer. Ich habe zehn kostbare Tage verloren, weil wir jeden Tag – zehn Tage lang! – stundenlang ein blödes Lied über einen schwarzen Vogel singen mussten. Die Situation machte mich nervös, ich konnte den Zustand nicht mehr ertragen und musste etwas unternehmen. Ich habe mich mithilfe des Wörterbuches auf ein Gespräch mit dem Lehrer vorbereitet, weil ich ihn am nächsten Tag in der Pause darauf ansprechen wollte. Ich war mir aber nicht sicher, wie er reagieren und ob er sich nicht beleidigt fühlen würde. Ich musste ihn aber sprechen. Am nächsten Tag, als wir wieder dieses Lied singen mussten, ging ich in der Pause zu ihm und redete mittels der dafür erlernten Sätze mit ihm. Ich bat ihn, sich für den Unterricht vorzubereiten, weil ich schon zehn Tage verloren und nichts gelernt hatte. Und in meinem Heft stand auch nichts, wie ich mutig zugab. Mehr konnte ich nicht sagen. Für die holprige Darstellung meines Wunsches habe ich mich natürlich geschämt, aber der Lehrer hat begriffen, dass ich lernen und nicht nur herumsitzen wollte. Der Lehrer, der einen polnischen Namen hatte, sagte kein Wort, und ich bekam Angst, dass er sich beleidigt fühlte und bei der Leitung über mich beklagen würde. Ich fürchtete, dass ich womöglich aus dem Kurs fliegen könnte. Vor lauter Kummer konnte ich nachts nicht schlafen. Am nächsten Tag habe ich einen tollen Unterricht erlebt! Sogar die Tafel wurde vollgeschrieben, ich konnte alles in mein Heft abschreiben und zu Hause lernen. Ich war sehr zufrieden, obwohl der Unterricht nicht an den von Herrn Schünner anknüpfte. Nach dem Unterricht kam der junge Lehrer auf mich zu und fragte mich, ob ich jetzt zufrieden sei. Ab da bereitete er sich für jeden Unterricht sorgfältig vor. Tatsache aber blieb, dass ich zehn kostbare Tage verloren hatte. Der Unterschied zwischen den beiden gleichaltrigen Lehrern war groß und ich empfand es als ungerecht und sehr schmerzhaft, dass ich die erste Gruppe hatte verlassen müssen.
Anfang Mai war der Sprachkurs für mich beendet. Viel hatte ich aber nicht gelernt, weil die kurze Kurszeit zusätzlich von Weihnachts- und Osterferien unterbrochen wurde. Die anderen Kursteilnehmer durften bleiben und das hohe Arbeitslosengeld zehn Monate lang beziehen, obwohl der größte Teil während des Unterrichtes geschlafen hatte und außerdem Deutsch reden konnte. Die Leute gaben es aber nicht zu, es ging ihnen nur darum, das hohe Arbeitslosengeld zu bekommen. Sie waren im Vorteil, weil sie bis zur Ausreise nach Deutschland gearbeitet und somit ein Recht auf Arbeitslosengeld hatten. Sie freuten sich, dass sie nicht arbeiten mussten. Sie machten aber den Sprachkurs mit, um die 800 DM im Monat zu bekommen, weil das sehr viel Geld für sie war. Ich dagegen musste mich mit 200 DM abfinden, obwohl ich lernen und arbeiten wollte.
Nachdem die Zeit des Kurses für mich abgelaufen war, musste ich eine Prüfung schreiben. Man hatte mich in einem leeren Schulraum allein sitzen gelassen und ich bekam zwei Aufgaben zur Auswahl. Ich entschied mich für das Thema „Mein erster Tag in Deutschland“. Ich schrieb die Arbeit, ohne auf die Grammatik zu achten. Es sind mehrere Seiten geworden. Dabei dachte ich: „Was soll’s, ich schreibe, wie ich kann.“ Am nächsten Tag erlebte ich eine Überraschung. Der Lehrer kam mit meiner Arbeit in der Hand in die Klasse und sagte: „Das war die beste Arbeit, die man seit Jahren in diesem Institut geschrieben hat!“ Ich wurde sehr verlegen – „machte er sich über mich lustig? Die fehlende Grammatik! Die ungeschickten Sätze …“, dachte ich. Er meinte es aber ernst. Er zitierte sogar manche Ausdrücke aus meiner Arbeit, die ihm angeblich so gefallen haben. Während er meinen Aufsatz lobte, wurde mir bewusst, dass er den Inhalt und nicht die Fehler beurteilt hatte. Darüber verlor er kein einziges Wort, weil ihm klar war, dass ich in der kurzen Zeit nur den Akkusativ und den Genitiv gelernt hatte.
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Meine Unterkunft in Regenstauf, in der ich das kleine Zimmerchen mit Frau Elisabeth aus Rumänien teilte, war gut ausgelastet. Insgesamt haben in unserer Dreizimmerwohnung acht fremde Menschen zusammengelebt. Das größte Zimmer bewohnte ein junges Ehepaar mit zwei Kindern im Schulalter, das zweite kleine Zimmer ein älteres Ehepaar aus der DDR. Diese Frau hat ständig geweint und kam selten aus dem Zimmer heraus. Der Mann war schon ganz verzweifelt. Unsere gemeinsame Zeit in der Unterkunft verlief reibungslos, wir haben unter dem gemeinsamen Dach in Harmonie gelebt. Wir Frauen haben uns die Küche geteilt und manchmal auch zusammen gekocht und nachmittags geplaudert. Die Heimleitung hat für uns Flüchtlinge gesorgt. Unter anderem gab es jeden Monat einen Ausflug, an dem man teilnehmen konnte. Auch an Weihnachten und Ostern wurden wir alle zu einer Feier eingeladen, man beschenkte uns sogar. Zur ersten Weihnachtsfeier wurde jeder einzelne mit einem gefrorenen Hühnchen beschenkt, was alle in Staunen versetzte, so groß war die Überraschung.
Ich lebte sehr bescheiden, sodass meine Sozialhilfe für den ganzen Monat reichte. Ich konnte sogar jeden Monat 20 DM sparen und das Geld einmal an die eine und im nächsten Monat wieder an die andere Tochter schicken. Das war viel Geld für die beiden. Ich war zufrieden mit dem, was ich hatte, vor allem mit der Möglichkeit, in Ruhe Deutsch lernen zu können, deswegen habe ich kaum an den Ausflügen teil genommen. Aber einmal ging es nach Bamberg und da wollte ich mitfahren. Bamberg ist eine sehr alte, schöne Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten und zahlreichen Kirchen. Man hat uns erst in eine alte und berühmte Bibliothek geführt, die nicht besonders groß war, aber ich glaube, dass sie die ältesten Ausgaben besaß. An den drei Wänden des großen Raumes befanden sich Regale, die mit sehr alten Büchern gefüllt waren. Da waren zahlreiche große, dicke Bücher in goldenen Umschlägen und man hatte den Eindruck, dass es die ersten Ausgaben waren, die man nach der Erfindung des Buchdrucks in Europa geschrieben und veröffentlich hatte. Wir hatten ja keinen Führer, der uns etwas Näheres über die alte Bibliothek hätte sagen können. Sie war sehr beeindruckend, vor jedem Regal standen Skulpturen aus Holz in Menschengröße. Diese zeigten außergewöhnliche Gestalten aus der Vergangenheit Anders konnte ich mir die Bedeutung der komischen, aber auch interessanten Gestalten nicht erklären, und die Bibliothek besaß auch eine besonders eindrucksvolle Atmosphäre.
Wir haben an diesem Tag auch eine sehr alte Kirche mit künstlerischen Kostbarkeiten besucht. Vor der Kirche stand eine Tafel mit folgenden Worten: „Fotografieren verboten!“ Doch die Kunstwerke, die wir hier zu sehen bekamen, waren wunderschön, deswegen wollte ich einfach alles fotografieren. Da ich noch einen halben Film zur Verfügung hatte, fing ich an, heimlich zu fotografieren und ich freute mich innerlich, dass mich niemand dabei erwischte. Ich wollte eben Bilder für meine Kinder machen.
Das schmackhafte Mittag- und Abendessen bekamen wir in einem Restaurant serviert und wir übernachteten in einem großen, alten Haus mit gutem Klima, in dem die breiten Korridore mit Parkett ausgekleidet waren. Am nächsten Tag sind wir zum Frühstück in einen großen Speisesaal geführt worden. Neben mir am Tisch hat eine ältere Dame aus meinem Übergangswohnheim Platz genommen, mit der ich noch nie gesprochen hatte. Ich kannte sie nur vom Sehen und von manchen Personen aus meinem Sprachkurs wusste ich, dass sie allen jungen Heimbewohnern, die noch kein Wort Deutsch sprechen konnten, beim Ausfüllen der verschiedenen Formulare behilflich gewesen war. Sie war eine reife Frau und älter als ich. Sie sprach ein perfektes Deutsch. Nachdem wir uns einander vorgestellt hatten, erfuhr ich, dass sie aus Niederschlesien kam, und ich hakte gleich nach, weil ich wissen wollte, aus welcher Stadt. Sie kam aus Prudnik, wie mein Mann, und in diesem Moment war ich wie elektrisiert. „Was für ein Zufall“, dachte ich. Ich nannte ihr seinen Namen und fragte, ob sie ihn kenne, was sie bejahte. Sie wusste gleich, dass sein Vater der Polizeikommandant von Prudnik gewesen war. Dann wollte ich noch wissen, ob sie diesen persönlich gekannt hatte. Das verneinte sie, aber sie meinte, dass jeder in der Stadt wusste, dass er ein Trinker war und alle sechs Kinder geschlagen hatte. Zum Glück hatte mich die neue Bekannte nicht gefragt, warum mich die Person interessierte. Es ging ja um meinen Schwiegervater, den ich nie kennengelernt hatte, weil er im Jahre 1960, in dem ich meinen Mann geheiratet hatte, längst nicht mehr gelebt hatte. Ich wollte aber noch sichergehen, dass wir tatsächlich über dieselbe Person sprachen, und setzte das Gespräch mit ihr fort. Ich erfuhr, dass der Kommandant aus der Stadt Dabrowka Wielka nach Prudnik gekommen war und drei Kinder mitgebracht hatte. In Prudnik hatte er eine reiche Bäuerin geheiratet, die auch drei Kinder gehabt hatte. In diesem Moment erinnerte ich mich, worüber mein Mann sich damals beklagt hatte: Alle sechs Kinder hatten auf dem Feld arbeiten müssen und zum Mittagsessen hatte die Stiefmutter erst ihre Kinder gerufen und dann die anderen. Er klagte, dass sie ständig hungrig gewesen waren. Die Informationen, die ich jetzt von dieser Frau bekam, haben mir gereicht, um zu wissen, dass wir tatsächlich über die gleiche Person sprachen. Ich wunderte mich nur, woher sie so viel über ihn wusste. Auf diese Weise lernte ich meinen Schwiegervater nach siebenundzwanzig Jahren über eine fremde Frau kennen. Da wurde mir bewusst, dass mein Mann kein gutes Vorbild gehabt hatte. Er war zehn Jahre älter als ich, aber klüger war er deswegen nicht. Bevor wir verheiratet waren und er das erstes Mal betrunken nach Hause kam, brach er in Tränen aus und beklagte sich bitter über seine schwere Jugend und das Leid, das er bei der Stiefmutter hatte ertragen müssen. Ich war über das Gehörte erschrocken und er tat mir in diesem Moment sehr leid. Mein Mann wurde irgendwann grundlos aggressiv und ich habe mit dem kleinen Kind aus der Wohnung flüchten müssen. So etwas hatte ich zum ersten Mal erlebt und der Schreck war groß. Die Erinnerungen wurden wieder lebendig, aber ich behielt sie für mich. Ich war froh, dass mich die neue Bekannte nicht fragte, warum mich der Kommandant aus Prudnik so interessierte. Auf diese Idee ist sie zum Glück nicht gekommen. Dann gingen mir die Erzählungen meines Mannes von damals weiter durch den Kopf: Zwei Jahre nach dem Krieg war mein Mann im Alter von siebzehn Jahren vor der Stiefmutter nach Sosnowiec zu der Schwester seiner Mutter, die 1942 verstorben war, geflüchtet. Nach zwei Jahren war der jüngere Bruder nachgekommen und nach weiteren Jahren auch die kleine Schwester. Ich fragte mich, wie mein Mann nach so vielen schlechten Erfahrungen mit dem eigenen Vater doch in dessen Fußstapfen hatte treten können, indem er dasselbe tat. Der Ausflug nach Bamberg hatte mich mit Eindrücken und Erinnerungen erfüllt, die mich auf der Rückfahrt nach Regenstauf immer noch die ganze Zeit beschäftigt haben.
Den Film, den ich während des Ausfluges und am Schluss in der Kirche zu Ende geknipst hatte, brachte ich noch am selben Tag zum Entwickeln. Ich habe mit Freude und Ungeduld auf die schönen Bilder aus der Kirche gewartet. Meine Enttäuschung war aber sehr groß, als ich die Fotos in den Händen hielt. Die Aufnahmen aus der Kirche waren allesamt misslungen! Die Bilder sahen so aus, als wären sie doppelt belichtet worden. Ich bin so richtig ins Staunen geraten, weil alle andere Aufnahmen völlig unversehrt waren. Es war ein unglaubliches Erlebnis. Ich fragte mich, was hinter dem Verbot steckte, was für eine Macht, was für eine Kraft und welches Geheimnis die alte, hochinteressante und wunderschöne Kirche wohl in sich trug. War das nicht ein Fall von vielen, die zwischen Himmel und Erde passieren und die für uns Menschen unbegreiflich sind? Ich hatte mich nicht an das Verbot gehalten und dafür die Quittung bekommen. Das war wieder ein Erlebnis, das mich lange beschäftigte.
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Im ersten Jahr, das ich in Regenstauf verbrachte, wurde ich drei Mal zu verschiedenen Ärzten eingeladen. Die letzte Frau Doktor, bei der ich mich vorstellen musste, war eine ältere Dame, die mich mit folgenden Worten empfing: „Ach, so eine junge, hübsche Frau! Haben Sie keine Lust zu arbeiten?“ Der unerwartete Schlag hatte gesessen. Die Ironie in Ihrer Stimme zu hören, traf mich tief. Ihre Worte verschlugen mir die Sprache und meine Augen füllten sich mit Tränen. Mit einer Handbewegung zeigte sie auf einen Stuhl, auf dem ich Platz nehmen sollte. Dieser stand vor einem großen Tisch. Ich war so aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen worden, dass ich nicht gleich erkannte, dass ich vor einem Gerät saß. Die Ärztin legte einen Ledergürtel um meinen Kopf, meine Hände und meine Beine. Dann schloss sie an alle Gürtelchen dünne Kabel an, die sie dann weiter mit dem Gerät verband, dann wurde es eingeschaltet. Über dem Tisch liefen schmale Papierstreifen, über die sich dünne, lange Nadeln wie bei einem Seismographen hin- und herbewegten Die Nadeln zeichneten eine Zick-Zack-Bewegung auf, deren Amplituden zunächst klein waren, aber nach jeder weiteren Sekunde wurden sie größer. Die Untersuchung konnte ich kaum abwarten, ich wurde nervös! Die Ärztin schaltete das Gerät ab und befreite mich aus den Gürteln und Kabeln. Sie bat mich zu ihrem Schreibtisch. Ich fühlte mich nach dem unfreundlichem Empfang immer noch niedergeschlagen, deswegen sagte ich ihr beim Hinsetzen nur, dass ich arbeiten will. Mehr konnte ich nicht sagen, denn meine Kehle war immer noch zu. Die Ärztin schaute mich jetzt ernst an und sagte ganz höflich zu mir: „Bei diesem Untersuchungsergebnis kann ich sie unmöglich arbeiten lassen, zuerst schicke ich Sie in ein Sanatorium.“ Nach diesen höflichen Worten spürte ich, wie sich mein Körper entspannte. Es fielen keine Worte mehr zwischen uns und ich verließ ihre Praxis schweigend. Ich kehrte erschöpft und mit einer gewissen Erleichterung und Zufriedenheit in mein Übergangswohnheim nach Regenstauf zurück.
Am Abend suchte ich wieder eine Telefonzelle auf, um Toni mitzuteilen, was ich erlebt hatte. Die gute Nachricht, dass ich in ein Sanatorium kommen sollte, freute sie ebenso wie die Tatsache, dass ich einen Schritt weitergekommen war. Es hat dann nicht lange gedauert, bis ich ein Schreiben aus dem Sanatorium bekam. Man teilte mir mit, dass ich mich am 19. November 1988 melden sollte.
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Das Sanatorium lag in Norddeutschland. Die lange Reise hatte mich sehr viel Kraft und Geduld gekostet. Ich war sehr geschwächt und verschwitzt angekommen. Das Sanatorium lag abseits einer kleinen Stadt und war von Wäldern umgeben. Die Gegend war schön, aber es war sehr windig. Als ich in mein Zimmer geführt wurde, konnte ich durch das Fenster einen Blick in die wunderbare Ferne werfen. Das Zimmer selbst war schön und mit dem Nötigsten ausgestattet. Ich atmete auf und legte mich hin, bis mich später eine Frau durch das Sanatorium führen wollte.
Von Anfang an habe ich es als seltsam empfunden, weil nirgends der weiße Kittel eines Arztes oder einer Krankenschwester zu sehen war. Auch wurde ich weder zu einem Arzt gebeten noch nahm man mir Blut ab, wie ich es erwartete. Über meinen gesundheitlichen Zustand habe ich erst mit Karin gesprochen, mit der ich zu Mittag an einem Tisch saß. Von ihr erfuhr ich erst, dass das Personal des Sanatoriums sich in Zivil unter den Patienten bewegte, deswegen hatte ich keinen Arzt erkennen können. Karin machte mich auf eine Frau aufmerksam und sagte, dass sie eine Ärztin sei. Sie habe ich dann bei der ersten Gelegenheit auch angesprochen und um ein Gespräch gebeten. Nach diesem wurde ich nach ein paar Tagen mit einem PKW in die nahe liegende Stadt zu einem Arzt gebracht. Der ältere Herr war sehr höflich, er untersuchte mich gründlich und machte sogar ein EKG. Er stellte eine starke Angina fest und verschrieb mir Penizillin, was aber nicht half. Ich war schon ganz verzweifelt, weil ich wegen des krankhaften Schwitzens das Gebäude nicht verlassen konnte, und schwach war ich auch. In meiner Not wendete ich mich telefonisch an die Heilpraktikerin, die in der Praxis von Pater Ober arbeitete. Sie untersuchte mich fern und verordnete die entsprechenden Naturmittel. Die Medikamente habe ich dann per Post von der Schloß-Apotheke in Aschau zugeschickt bekommen. Jetzt hatte ich aber ein Problem, weil ich mir damals die zugeschickten Spritzen noch nicht selbst verabreichen konnte. Inzwischen hatte ich schon zwei Schwestern kennengelernt, aber die weigerten sich, mir die Spritzen zu verabreichen. Sie konnten nicht verstehen, wie mir jemand etwas verordnen konnte, ohne mich vorher gesehen zu haben. Dann sprach ich mit der Ärztin, die mich zum Arzt geschickt hatte. Sie strahlte so eine große Ruhe aus, dass ich ihr das Problem langsam erklären konnte. Sie hat mich doch gut verstanden und war dann dazu bereit, mir die Spritzen zu geben. Ich war wieder mal gerettet. Nach Ablauf von zehn Tagen war das krankhafte Schwitzen vorbei und ich konnte endlich mit Karin in der windigen Umgebung spazieren gehen.
Das Sanatorium hatte einen riesigen Speisesaal. An einer Wandlänge waren lange Tische zusammengestellt, auf denen sich das üppige Buffet befand. Die Auswahl zu jeder Mahlzeit war sehr groß und man konnte sich selber bedienen und so viel von allem nehmen, wie man wollte. Nach den schweren, mageren Zeiten in Polen kam mir alles hier wie in einem Märchen vor. Noch dazu genoss ich die volle Freiheit. Ich konnte, wie alle anderen Patienten auch, zu jeder Zeit das Gebäude des Sanatoriums verlassen, man musste niemanden um Erlaubnis bitten oder sich abmelden, und von Karin erfuhr ich, dass man auch so lange hierbleiben durfte, wie man wollte. War das nicht wunderbar und märchenhaft?
Nachdem das Schwitzen und die Schwäche vorbei waren, konnte ich mich während der langen Spaziergänge im Wald erholen. Es war eine herrliche Zeit und jeden Abend habe ich mit Karin, die Malerin war, die Zeit mit Malen verbracht. Ich habe wieder mal an die Zeiten gedacht, in denen ich im Gesundheitsamt in Tychy gearbeitet hatte und unter anderem für die Zuteilung der Sanatoriumsaufenthalte zuständig war. Der Bedarf war in unserem Bezirk riesig und ich habe nur einen oder höchstens zwei Plätze im Monat für die ernsthaft Kranken bekommen. Der größte Teil hat jahrelang vergeblich auf so einen Platz im Sanatorium gewartet. Außerdem waren die Aufenthalte zeitlich begrenzt und haben in jedem Fall nur einundzwanzig Tage gedauert.
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Im Sanatorium lebte ich wie in einem Luxushotel! So gut ist es mir in meinem ganzen Leben noch nicht gegangen: keine Arbeit und keine Pflichten – außer einer Sache: Die Patienten waren in kleine Gruppen eingeteilt worden und jede Gruppe musste sich um eine bestimmte Zeit zu einer Sitzung versammeln, das war die einzige Pflicht an jedem Tag. Meine Gruppe versammelte sich um 15:00 Uhr im Erdgeschoß in einem großen Raum, wo sich nur Stühle für die Patienten befanden. In diesem Raum mit gutem Klima waren tatsächlich keine anderen Möbel vorhanden. Jede von uns acht Personen nahm sich einen Stuhl und wir setzten uns in einen kleinen Kreis. Am ersten Tag hatte sich jede Person mit dem Vornamen vorgestellt, ihren Beruf und die Gegend von Deutschland, aus der sie kam, genannt. Die Sitzung hatte eine volle Stunde gedauert und alle hatten über ihre eigenen, persönlichen Probleme gesprochen. Es sind auch keine Gespräche zwischen den Teilnehmern entstanden, weil keiner sich für die Probleme des anderen interessierte. Das verblüffte mich. Lange habe ich nicht verstanden, wozu das Ganze gut sein sollte. In meiner Gruppe gab es einen älteren Herrn, der sich als Atomphysiker ausgab. Er erzählte uns über die Probleme, die er mit seiner kranken Frau hatte und beklagte sich, dass er mit der gesamten Situation nicht klar kam. Er machte sich Sorgen um sich selbst und um seine Frau. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Dann gab es eine junge Frau mit drei Kindern im Schulalter, die zum dritten Mal geheiratet hatte. Der dritte Mann, diesmal ein älterer Herr, konnte die lebhaften Kinder nicht akzeptieren und sie ihn auch nicht. Sie liefen ständig von zu Hause weg und sie wusste nicht, wie sie die Situation in den Griff bekommen sollte. Sie beklagte sich weiter, dass die Kinder dem Mann egal waren und so stand sie mit dem Problem alleine da. Die Geschichten der anderen waren auch voller Alltagsproblemen. Sie alle fanden sich im Leben nicht alleine zurecht. Ich fragte mich, ob diese Probleme die Menschen ins Sanatorium gebracht hatten. Diese Leute waren doch nicht krank! Sie brauchten einen Lebensberater, der ihnen aus der Patsche half, oder einen Partner, der sie an der Hand durchs Leben führte! Dass alle diese Menschen überfordert und gesundheitlich angeschlagen waren, war ja sichtbar. „Aha“, dachte ich weiter. Dieser Sanatoriumsaufenthalt sollte den Menschen ermöglichen, durch Ruhe und gute Ernährung wieder auf die Beine zu kommen. „Na ja, so ein Fall bin ich ja jetzt auch.“ Ich verstand, warum ich hierhergeschickt worden war.
Nur drei Personen haben während der zahlreichen Sitzungen kein einziges Wort über sich oder ihre Probleme verloren. Das waren Beate, ein junger Mann und ich. Den jungen Mann habe ich ständig beobachtet, weil er so seltsam und verstört wirkte. Er hat sich auch nicht vorgestellt. Ich fragte mich, was für ein psychisches Problem er haben könnte, er lag ja fast im Stuhl, seine Beine gekreuzt aufeinander, den Oberkörper 45 Grad nach links oder nach rechts gebeugt, während der Kopf in die gegenseitige Richtung zeigte. Dabei haben seine Augen auch in die andere Richtung geschaut und die Decke betrachtet. Die Menschen im Raum beachtete er nicht. Er war in eigene Gedanken versunken, nicht da! Nach mehreren Sitzungen wagte ich meine Nachbarin zu fragen, was es mit dem jungen Mann auf sich hatte. Sie beugte sich zu mir und sagte ganz leise: „Das ist unser Therapeut.“ „Therapeut? Warum redet er dann nicht mit den verlorenen Menschen?“ Ich kam aus dem Staunen nicht heraus.
Eines Tages versetzte ein Ereignis im zweitem Stock das Sanatorium in Aufregung. Eine junge Frau wollte sich das Leben nehmen. Eine Putzfrau fand sie um 06:00 Uhr in der Früh im Vorzimmer des Appartements bewusstlos auf dem Boden vor. Sie alarmierte sofort die Schwester, es wurde ein Notarzt gerufen und die junge Frau wurde ins Krankenhaus gebracht. Dieses Ereignis wurde dann auch zum Thema unserer Gruppe, als wir uns um 15:00 Uhr versammelten. Alle waren wie elektrisiert! Wir hatten kaum Platz genommen, da fingen alle gleichzeitig an, jeder über den anderen und etwas anderes über die arme Frau zu berichten. So erfuhr ich, dass die junge Frau verheiratet war und zwei Kinder hatte. Der Ehemann besuchte sie jeden Sonntag mit den beiden Kindern. Da gab es aber noch einen heimlichen Verehrer, der sie jeden Abend besuchte! Jetzt wollte die verzweifelte Frau scheinbar diesem Dilemma entkommen und hatte keinen besseren Ausweg gefunden, als sich umzubringen! Die junge Frau hatte sich mithilfe von Schlaftabletten das Leben nehmen wollen. Die Zeit unserer Sitzung ging an diesem Tag schnell vorbei. Als sie schon fast zu Ende war, da machte Beate das erste Mal ihren Mund auf und sprach ganz leise und langsam folgende Worte vor sich hin: „Vor zehn Jahren wollte ich mir auch das Leben nehmen.“ Ich war wie vom Blitz getroffen! „Was? Du? So eine intelligente, schöne Frau mit zwei kleinen Buben noch dazu?“ Diese Worte sind mir aufgrund der Empörung nur so aus dem Mund herausgesprudelt. Die Stunde war gerade vorbei. Jeder stand auf und brachte seinen Stuhl an die Wand. Niemand sonst hatte sich für ihre Äußerung interessiert. Beate und ich verließen den Raum als Letzte. Ich legte meinen Arm über ihre Schulter und im Korridor blieben wir automatisch stehen. Ich war noch tief bewegt, als mich Beate anschaute und mir folgende Frage stellte: „Sag mal, was willst du in Deutschland machen?“ Ich musste mich erstmal sammeln, bevor ich ihr eine Antwort geben konnte und sagte schnell: „Ich muss nach München, dort wohnt meine Schwester. Ich muss unbedingt eine Schule besuchen, weil ich arbeiten will, aber wie ich es anstellen soll, weiß ich leider noch nicht.“ Beate sagte kurz zu mir: „Ich reise morgen ab. Warte nicht, fahr gleich zu deiner Schwester nach München und warte auf einen Brief von mir.“ Ich eilte sofort in mein Zimmer und kam mit der Adresse von Toni zurück. Es war seltsam, aber ich wusste sofort, dass ich mich auf Beate verlassen konnte! Sie nahm die Adresse wortlos entgegen, reichte mir die Hand und entfernte sich wortlos. Das Schicksal nahm seinen Lauf.
Noch am selben Nachmittag suchte ich die Ärztin auf, mit der ich schon zweimal gesprochen hatte, und bat sie um ein Gespräch. Sie kam dann auch gleich in mein Zimmer. Ich war von dem Ereignis mit Beate noch ein wenig aufgeregt, aber ich habe der Ärztin kein Wort darüber erzählt. Ich sagte ihr nur, dass ich schon abreisen möchte, weil ich die Sprache lernen und arbeiten gehen muss. Die Ärztin hat mich vollkommen verstanden, fragte aber noch einmal nachdrücklich, ob ich mir wirklich sicher bin, dass ich jetzt schon abreisen will. „Ja“, sagte ich. „Ich bin mir ganz sicher, ich fühle mich schon erholt, ich muss weg, ich muss die Sprache erlernen und arbeiten gehen.“ Sie glaubte mir und versprach, mir am nächsten Tag einen Entlassungsschein auszuhändigen, den ich dann tatsächlich erhielt. Auf dem Dokument stand Schwarz auf Weiß, dass ich arbeitsfähig war. Das war natürlich mein Freibrief für das, was ich vorhatte: Lernen und arbeiten!
Am folgenden Tag konnte ich abreisen. Die lange Reise von Norddeutschland nach Süden hat den ganzen Tag gedauert, dann stand ich vor Tonis Tür. Das Staunen war riesig. Die erste Frage war natürlich: „Wie hast du den langen Weg alleine geschafft?“ „Ich habe am Bahnhof niemanden um den weiteren Weg zu dir gefragt“, sagte ich. „Gott führte mich!“ Dann fragte sie, noch ganz außer sich: „Was ist passiert? Warum bist du da?“ Ich wusste erst gar nicht, wie ich alles so schnell erzählen sollte, ich musste mich auch erst ein wenig ausruhen.
„Setzt euch“, sagte ich später. „Ich möchte euch bitten, mich ein paar Tage zu ertragen. Ich muss auf einen Brief warten, der an eure Adresse gerichtet sein wird.“ Nachdem ich es ausgesprochen hatte, konnte ich jetzt alles der Reihe nach erzählen. Toni und Kurt hörten mir zu, immer noch mit einem Staunen in den Augen. Die Geschichte klang ja auch unwahrscheinlich. Mein Schwager sagte kein einziges Wort, ich spürte, dass er mir nicht glaubte. Die folgenden Tage lag Spannung in der Luft. Ich blieb aber ganz ruhig, obwohl ich überhaupt nicht wusste, was mir Beate schreiben wollte. Ich war aber ganz sicher, dass ein Brief ankommen würde.
Zu Heiligabend waren wir alle bei meinem Neffen eingeladen. Den hatte ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Das letzte Mal im Jahre 1968, bei der Ausreise mit den Eltern aus Schlesien, damals war er erst fünf oder sechs Jahre alt gewesen. Jetzt sah ich einen erwachsenen Mann mit einer netten Frau und einem kleinen Baby. Es war einfach schön! Kurz nach Weihnachten, es waren nicht mal zehn Tage vergangen, kam der erwartete Brief von Beate an. Diesen habe ich gleich Toni zu lesen gegeben. Sie las ihn laut vor. Beate schrieb, dass sie für mich zwei Termine in München ausgemacht hatte und dass ich mich unter angegebener Adresse melden sollte, ich würde nämlich erwartet. Toni konnte ihren Augen nicht trauen, so groß war die Überraschung. „Ich begleite dich natürlich!“, sagte sie gleich.
Die erste Adresse, bei der ich mich vorstellen sollte, war eine Fachschule für Pflegekräfte. Wir sind fast durch die ganze Stadt gefahren, bis wir an dieser ankamen. Die Direktorin hat uns sehr freundlich, fast herzlich empfangen. Dass es mit meinem Deutsch noch haperte, machte ihr nichts aus und sie sagte gleich, dass mehrere Schüler mit dem Wörterbuch unter dem Arm herumliefen. Es handelte sich um eine berufsbegleitende Ausbildung, die drei Jahre dauern sollte. Da die Ausbildung am 01. April 1989 beginnen sollte und das Jahr 1988 sich erst dem Ende nahte, sagte ich, dass ich für die Zeit bis dahin eine Arbeit bräuchte. Die Schuldirektorin griff in die Schublade, nahm einen Stapel Papiere heraus und nannte mir eine Adresse in Ebenhausen bei München, wo ich ab dem 01. Januar schon anfangen konnte! „Ein Appartement würde am 31. Dezember auch schon auf Sie warten.“ Als wir die Schule verlassen hatten, sagte Toni ganz verblüfft zu mir: „Ja, du hast wieder gewusst, wo du den Mund aufmachen sollst!“
Die zweite Vorstellung an diesem Tag haben wir auch noch erledigen können. Wir fuhren noch einmal durch die ganze Stadt in eine andere Richtung und kamen bei meinem künftigen Arbeitgeber an. Das Haus kam mir riesig vor! Der Direktor, der sein Büro im Erdgeschoß hatte, empfing uns sehr freundlich, und als er hörte, dass wir aus Schlesien stammen, sprach er mit uns wie mit alten Bekannten. Er selbst kam nämlich aus der Hauptstadt Schlesiens, Katowice. Nachdem mir der Direktor den Arbeitsvertrag ab dem 01. April 1989 zugesichert hatte, konnten wir nach Hause zurückfahren. Wir sind müde, aber zufrieden darüber, dass alles so gut geklappt hatte, angekommen. Ehrlich gesagt hätte ich die beiden Termine ohne Toni nicht erledigen können, ich sprach doch noch kaum Deutsch!
Am 31. Dezember 1988 haben mich Toni und Kurt nach Ebenhausen gebracht. Das Altersheim befand sich in einem sehr großen, alten und schönen zweistöckigen Gebäude in einer ländlichen Umgebung. Neben dem Heim befand sich ein Haus, in dem sich die Appartements für die pflegenden Schwestern befanden. Das mir zugeteilte Appartement haben wir im Erdgeschoß vorgefunden, es war groß, hatte ein Balkonfenster und ein gutes Klima. Die Wiese draußen war noch nicht mit Schnee bedeckt, obwohl es schon Dezember war. In Schlesien war um diese Zeit der Winter in vollem Gange. Toni half mir, meine Sachen hineinzubringen, während mein Schwager das schöne, alte Gebäude von allen Seiten betrachtete. Die idyllische Landschaft gefiel mir. Meine Arbeit in dem Heim habe ich an meinem Geburtstag, dem 01. Januar, begonnen. Der erste Arbeitstag war sehr angenehm, weil ich nur zuschauen durfte. In den geräumigen, weißgestrichenen Zimmern standen nur zwei Pflegebetten. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich so viele stumme, unbewegliche und versteifte Menschen gesehen. Die Schwester, die ich begleiten durfte, hat alle Menschen im Bett von Kopf bis Fuß gewaschen und gewickelt. Alle wurden auch im Bett gefüttert, sie wurden nicht rausgesetzt. In diesem Heim verspürte ich keine Hektik. In den nächsten Tagen konnte ich schon mithelfen und nach einer Woche allein arbeiten. Die stummen Menschen haben mich sehr beeindruckt, sie haben mir aber gleichzeitig leidgetan.
Vom ersten Tag an konnte ich feststellen, dass die Arbeit für die Menschen die richtige für mich war, trotzdem wollte ich noch weiterlernen. Ich habe auch hier jeden Tag Wörter aus dem Wörterbuch gelernt. Auf die Schule in München habe ich mich auch schon gefreut und seelisch vorbereitet. Die drei Monate sind schnell vorübergegangen. Nach dem Arbeitsplan habe ich die letzten Tage im März frei gehabt, sodass ich mich schon für den Umzug nach München vorbereiten konnte.
Am 30. März 1989 teilte man mir telefonisch mit, dass ich mein Zimmer in der Schwesternschule in München am nächsten Tag würde beziehen können. Die gute Nachricht habe ich gleich an Toni weitergegeben und am nächsten Tag brachte sie mich mit Kurt nach München zurück. Das Zimmerchen war sehr klein und lag im Erdgeschoß der Schule. Die sanitären Anlagen befanden sich am Ende des engen Flurs. Das Zimmerchen war aber mit den nötigen Möbeln ausgestattet und das war das Wichtigste. Der Umzug von Ebenhausen nach München ist gut verlaufen. Ich bin wieder einen Schritt weitergekommen und das war wieder ein Grund zur Freude für Toni. Mein Arbeitsverhältnis mit dem Altersheim begann, wie versprochen, am 01. April 1989, mit einem Schulblock.
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Wir waren in der Klasse fünfundzwanzig Personen verschiedenen Alters. Die älteste Schülerin, eine ehemalige Übersetzerin, war um ein Jahr älter als ich. Ein paar Personen waren um die vierzig, der Rest zwischen zwanzig und dreißig. John kam aus Polen und sprach ziemlich gut Deutsch. Der Unterricht begann um 08:00 Uhr und endete um 16:00 Uhr.
Eine Unterrichtseinheit dauerte neunzig Minuten und die Pausen dazwischen waren sehr kurz. In den ersten Tagen war der Unterricht für mich eine reine Katastrophe! Die tausenden unverständlichen Worte, die so schnell gesprochen wurden, jagten mir furchtbare Angst ein. Es wurde so viel geredet, dass ich die Schule jeden Tag mit Kopfschmerzen verließ. Der erste Schulblock war für mich die schlimmste Anfangsphase meiner dreijährigen Ausbildung. Ich war danach dermaßen seelisch angeschlagen, dass ich die Schule aufgeben wollte. Aber bevor ich eine Dummheit machte, wollte ich mit der Personalchefin des Hauses sprechen. Diese zeichnete sich durch eine sehr feine Persönlichkeit aus. Mit ihr war ich bereit über meine Probleme zu sprechen und ich konnte ihr tatsächlich nicht nur meine täglichen Schwierigkeiten schildern, sondern mir auch meine Ängste und meine Verzweiflung von der Seele reden. Sie hat mich vollkommen verstanden. Das war schon eine große Erleichterung für mich, hatte ich doch sonst nur Toni, die mir jeden Abend Mut zusprach. Während des Gespräches sagte sie zu mir, dass sie überzeugt ist, dass ich die Schule schaffen werde und dass sie mich besser findet als eine ausgebildete alte Krankenschwester. Sie nannte sogar deren Namen. Die kannte ich schon und ich wusste um ihren Umgang mit den verwirrten, hilflosen Bewohnern. Trotzdem haben mich ihre Worte verblüfft. Insgesamt tat mir das Gespräch sehr gut, sie nahm mir die Ängste, ich bekam wieder Mut und lernte weiter. „Ich muss Geduld haben“, sagte ich mir. Ich hatte doch nichts zu verlieren und wenn ich der Schule ferngeblieben wäre, dann hätte ich meine einzige Chance verloren. Das wurde mir jetzt klar.
Um in der Schule während des Unterrichtes mehr zu verstehen, lernte ich jetzt während des Arbeitsblocks Worte aus den Fachbüchern, und zwar jeden Tag nach dem Frühdienst –
bis Mitternacht. Die wichtigste Unterstützung in dieser sehr schweren Zeit war für mich meine Schwester Toni. Sie sprach mir jeden Abend Mut zu. Jedes Gespräch mit ihr gab mir Kraft und war eine große Hilfe für mein Durchhaltevermögen. Heute weiß ich, dass ich ohne ihre seelische Unterstützung die Ausbildung nicht geschafft hätte. Die sprachliche Barriere war damals das größte Hindernis, das ich nehmen musste. In der Anfangsphase habe ich zwei Lehrerinnen in der Schule sehr gefürchtet. Eine unterrichtete Pflege, die andere das Fach Psychiatrie. Beide haben sehr schnell gesprochen! Die Lehrerin für die Pflege sprach in einem sehr hohen Ton, ohne Punkt und Komma, zumindest war das mein erster Eindruck. Nach ihrem Unterricht hatte ich immer Kopfweh. Das Fach Psychiatrie habe ich für das wichtigste gehalten, und da die Ärztin so schnell sprach, entstand für mich eine sehr schwere, unerträgliche Situation, die mich seelisch noch zusätzlich zu den allgemeinen Schwierigkeiten bedrückte. Nach jeder Unterrichtseinheit, während der ich kaum etwas verstehen konnte, wuchs meine Angst immer mehr an. Schließlich habe ich die Psychiaterin gebeten, langsamer zu sprechen, damit ich die einzelnen Wörter besser hören und mir merken konnte. Sie versprach es zwar, aber sie hat es immer wieder vergessen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als geduldig weiter alleine aus den Fachbüchern und meinen beiden Wörterbüchern Deutsch zu lernen. Meine Anstrengung hat sich gelohnt und obwohl ich nach Monaten immer noch nicht alle Worte verstehen konnte, begriff ich eines Tages, worüber die Psychiaterin überhaupt sprach. Da mir die Themen nicht fremd waren, verspürte ich eine große Erleichterung und war mir gewiss, dass ich die Ausbildung doch schaffen würde. Die Psychiaterin hat mir das Lernen nur dadurch leichter gemacht, dass sie während der ganzen Ausbildung keinen einzigen schriftlichen Test angeordnet hat. Sie hat mir Angst und unnötigen Druck erspart, den ich mir jeden Tag schon selbst gemacht habe. Im Gegensatz zu der Psychiaterin ist eine Frau Doktor mit uns Schülern anders umgegangen, obwohl sie wusste, dass ich und eine andere Frau in meinem Alter noch große Sprachschwierigkeiten hatten. Sie hat von Anfang an am Ende jedes Schulblocks eine Prüfung angekündigt. Für uns beide war das immer eine Katastrophe. Nachdem sie die erste Prüfung angekündigt hatte, fühlte ich mich wie an die Wand genagelt! Das war ein schreckliches Gefühl, reine Panik! Die Tatsache, dass sie auf unsere Schwierigkeiten keine Rücksicht nahm, hat mich sehr geärgert. Aber da musste ich durch. Ich wusste, dass ich die Prüfung nicht bestehen würde, ich wollte aber nicht untätig herumsitzen und ein leeres Blatt abgeben. Ich musste mir etwas einfallen lassen! Ich habe mir einen langen Textabschnitt aus einem Fachbuch ausgesucht und auswendig gelernt. Diesen Text wollte ich auf das Prüfungsblatt schreiben, damit sie sah, dass ich doch lernte und nur mit der Sprache noch nicht so weit war. Am nächsten Tag während der Prüfung habe ich fleißig den gepaukten Text auf das Prüfungsblatt geschrieben. Dieser hat fast drei Viertel der DIN-A4 Seite ausgefüllt, und so habe ich schließlich das Blatt abgegeben.
Beim nächsten Unterricht hat die Frau Doktor kein Wort über meine Arbeit verloren und ich bekam natürlich eine Sechs. Das war aber die erste und letzte Sechs, die ich während der dreijährigen Ausbildung bekommen habe. Nach einer weiteren Unterrichtseinheit habe ich die Lehrerin in der Pause angesprochen und um eine Information gebeten, nämlich in welchem Buch ich den Unterricht nachlesen konnte, damit ich die neuen, fremden Wörter zu Hause übersetzen kann. Sie sah mich auf seltsame Weise an, gab mir keine Antwort, ließ mich einfach stehen und verließ den Klassenraum. Nach diesem erniedrigenden Erlebnis habe ich mir ein Abspielgerät gekauft und während ihres Unterrichtes auf den Tisch vor ihr Pult gestellt. Sie war verblüfft und nicht gerade begeistert, als sie das Gerät sah, sagte aber kein einziges Wort. Sie musste schlucken und doch akzeptieren, dass ich ihren gesamten Unterricht aufnahm. Somit konnte ich endlich die Worte übersetzen und lernen, die ich noch nicht kannte. Mein Fleiß zeigte mit der Zeit Früchte, ich verstand immer mehr. So erfuhr ich, dass so mancher „Unterricht“ aus Erzählungen bestand, in denen sie über ihre Arbeit und Erfahrungen im Beruf berichtete.
Im Fach Pflege verstand ich auch immer mehr, aber das Herumreden um ein Thema hat mir doch immer wieder zu schaffen gemacht. Eines Tages habe ich die Lehrerin darauf angesprochen und gefragt, ob es nötig ist, so viel über Selbstverständliches zu sprechen. Daraufhin sagte sie wörtlich zu mir: „Ja Sie, Schwester, Sie wissen Bescheid, worum es geht, aber die Jugend weiß es nicht, deswegen muss ich jedes Detail, jeden Schritt so ausführlich und genau erklären.“ Mit der Zeit habe ich mich an alles gewöhnt, auch an ihren hohen, gleichmäßigen Ton während des gesamtes Unterrichtes.
Nachdem die dreijährige Ausbildungszeit vorbei war, übte die Psychiaterin einen ausführlichen Prüfungstext mit uns. Sie hat für uns mehrere A4-Blätter mit Fragen vorbereitet, denen sie jeweils drei Antworten zugeordnet hatte. Unsere Aufgabe war es, die richtige Antwort anzukreuzen. Ich war nicht nur überrascht, sondern erleichtert und dankbar, dass die Psychiaterin die Prüfung mit so viel Verständnis für unsere Sprachschwierigkeiten in dieser Form vorbereitet hatte. Ich habe diese Tatsache als eine verständnisvolle Geste uns beiden gegenüber empfunden. Ohne Angst fing ich an, jede Frage zu analysieren, um die richtige Antwort anzukreuzen. Ich habe die Arbeit auch rechtzeitig abgegeben.
Das Ergebnis der Prüfung war für die ganze Klasse überraschend. Als die Psychiaterin nach einer Woche mit den Prüfungen in der Hand den Klassenraum betrat, blieb sie vor dem Pult stehen und schaute uns alle erstmal schweigend an. Dann betonte sie, vielleicht ein wenig enttäuscht, dass nur eine Person eine Eins hatte. Sie wiederholte dies: „Nur eine einzige Person hat alle Fragen richtig beantwortet; sogar die schriftliche Aufgabe, in der ich einen jungen Mann mit Krankheitssymptomen beschrieben habe, war mit der richtigen Diagnose beantwortet worden.“ Alle warteten, wer die einzige Eins bekommen hatte. Es war ganz still, als die Psychiaterin verkündete, dass ich es war. Die Klasse reagierte mit Staunen und Brummen. Die Ärztin ergänzte noch, dass die Diagnose bei der Textaufgabe auf Schizophrenie gelautet hatte. Die gelungene Prüfung empfand ich als Genugtuung, trotz oder gerade wegen der Sprachschwierigkeiten, die ich während der Ausbildung gehabt hatte.
Nachdem wir das Fach Psychiatrie mit dem Examen abgeschlossen hatten, machte die Frau Doktor uns einen Vorschlag. Sie wollte uns ein Autogenes Training zukommen lassen, sie sagte aber gleich, dass es keine Pflicht sei, und wer nicht mitmachen wollte, konnte nach Hause gehen. Fast die Hälfte hat dann den Klassenraum verlassen. Die wenigen Personen, die sich für das Experiment interessierten und geblieben sind, haben sich auf Stühlen in einem Kreis hingesetzt. Es fing spannend an. Unsere Lehrerin hat weiße Papierblätter an uns verteilt und sagte: „Bitte, zeichnen Sie etwas, egal was!“ Über ein bestimmtes Thema ist kein einziges Wort gefallen und für die Aufgabe haben wir dreißig Minuten Zeit bekommen. Alle haben schweigend kurz nachgedacht und fingen an zu zeichnen. Es war ganz still. Ich saß neben der Ärztin und habe meine Schulkollegen nur beobachtet. Ich war sehr auf die Themen neugierig. Kurz vor Ablauf der dreißig Minuten bin ich aufgestanden, um den Kreis der Sitzenden herumgegangen und habe über die Schulter einen kurzen Blick auf die Zeichnungen geworfen. Als hätten sich alle abgesprochen, hatten sie dasselbe Thema gewählt!
Urlaub am Meer, Urlaub in den Bergen, Urlaub an einem See. Ich war sehr enttäuscht und setzte mich zurück auf meinen Platz. Die 30 Minuten waren eben vorbei. Ich nahm schnell mein Blatt Papier und zeichnete mit ein paar Strichen in wenigen Sekunden ein Damenprofil und legte das Blatt mit der Zeichnung zu Boden, so wie sich die Ärztin das gewünscht hatte. Gleich danach begann sie mit dem eigentlichen Autogenen Training. Es ging spannend weiter. Wir mussten die Augen schließen und nur zuhören. Sie fing an, leise und ganz langsam zu sprechen. Wir sollten ihre Worte innerlich wiederholen. Sie sprach jeden Teil unsere Körpers an; sie begann mit dem Kopf und endete mit den Füßen. Mit ihrer beruhigenden Stimme und den langsam ausgesprochenen Worten hatte sie jedes Körperteil, das sie aufgezählt hatte, beeinflusst. Das ganze Vorgehen geschah in absoluter Stille und dauerte lange an. Ich spürte die Entspannung, die sich in meinem Körper ausbreitete. Nachdem ihre Worte erloschen waren, durften wir die Augen wieder aufmachen. Es war weiter ganz still im Raum und keiner sagte ein Wort. Wir warteten jetzt, was als Nächstes kommen würde. Die Frau Doktor stand nach einer Weile auf und verteilte wieder leere Blätter! Wir waren überrascht, als sie uns dazu aufforderte, nochmal dasselbe Bild zu zeichnen. Wir hatten erneut dreißig Minuten für die Aufgabe Zeit. Meine Klassenkollegen arbeiteten in aller Stille. Die Ärztin saß auf ihrem Stuhl und beobachtete uns weiter. Ich saß neben ihr und tat dasselbe, ich schaute auch nur den anderen zu. Die dreißig Minuten waren fast wieder abgelaufen, als ich den Bleistift in die Hand nahm und erneut mit wenigen Strichen und in wenigen Sekunden dasselbe Damenprofil zeichnete und das Blatt auf den Boden legte. Als alle Teilnehmer mit der Zeichnung fertig waren, sagte die Ärztin zu uns: „Bitte nehmen Sie jetzt beide Zeichnungen und vergleichen Sie sie.“ Sie stand jetzt auf, ging im Kreis herum und schaute jeder Person über die Schulter, um die Zeichnungen zu betrachten. Sie sagte dabei kein Wort, ging auf ihren Platz zurück, drehte sich jetzt zu mir um und fragte ganz leise: „Und Sie, Schwester?“ Jetzt beugte ich mich zum Boden, nahm meine beiden Skizzen in die Hand und wir schauten uns gemeinsam die Bilder an. Das, was ich da sah, versetzte mich in unglaubliches Staunen! Der Unterschied zwischen den beiden Profilen war deutlich zu erkennen! Die erste Dame wirkte ganz ernst, während die zweite Freude und gute Laune ausstrahlte! Das war eine Überraschung! Die Psychiaterin sagte plötzlich ganz leise zu mir: „Sie, Schwester, wären ein gutes Medium.“ Dieses Wort hörte ich damals zum ersten Mal, und da ich seine Bedeutung noch nicht kannte, blieb ich still und schweigend sitzen. Das Experiment war abgeschlossen. Niemand hatte das Bedürfnis, darüber zu reden. Die Ärztin sagte auch nichts mehr, nicht mal eine Bemerkung über die Zeichnungen ließ sie fallen. Ich ahnte, dass die Ärztin genauso über das Thema „Urlaub“ enttäuscht war wie ich. Anschließend durften wir nach Hause gehen und alle haben den Klassenraum schweigend verlassen. Ich war tief bewegt. Das Experiment war sehr überraschend und hochinteressant gewesen. Das Resultat brachte mich zum Nachdenken und gleichzeitig machte es mir bewusst, dass unsere im Geiste ausgesprochenen Worte eine Kraft besitzen, weil sie uns doch beeinflusst hatten! Sie enthalten, dachte ich weiter, ein Energiepotenzial, das sich wiederum in unserem Gehirn befinden muss. Das war eine spannende Erkenntnis, die damals ein Ansporn für mein Interesse war, mich auf diesem neuen Gebiet mehr zu informieren, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Das war eine unsichtbare Welt, die sich mir da eröffnete. Ich glaube, dass uns die Psychiaterin mit diesem Autogenen Training diese Erkenntnis, dass wir im Kopf ein Energiepotenzial haben und es auch nutzen können, bewusst machen wollte. Das Wort „Medium“ habe ich mir gemerkt, obwohl ich die Bedeutung des Wortes nicht verstanden habe und auch nichts damit anfangen konnte.
Nachdem wir den Lernstoff der dreijährigen Ausbildung abgeschlossen hatten, bekamen wir sechs Monate Zeit für unsere Diplomarbeiten. Das war erneut eine große Herausforderung für mich, die wie ein Damoklesschwert über mir hing. Ich musste aber wieder alleine mit dem Problem fertig werden. Ich wusste anfangs nicht, wie ich die Aufgabe bewältigen sollte, ich spürte nur, dass ich mir wieder etwas einfallen lassen musste, also schrieb ich die Arbeit erst auf Polnisch. Meine Schwester, die Deutsch beherrschte, hat mir dann die Arbeit ins Deutsche übersetzt und die Frau von Tonis Sohn habe ich dann um weitere Hilfe gebeten. Obwohl sie hochschwanger war, hat sie mir gerne geholfen und die Arbeit auf dem Computer abgetippt. Dann war meine Diplomarbeit fertig und ich konnte sie abgeben. Nach dem Colloquium Ende März 1992 war ich endlich frei von Zwängen, Zeitdruck und Terminen, ein herrliches Gefühl der Freiheit. Nachdem wir alle das Staatsexamen hinter uns hatten, haben wir uns ein letztes Mal in unserem Klassenraum versammelt. Unsere Lehrerin, die bei uns Pflege unterrichtet hatte, wollte sich von uns mit einem kleinem Plädoyer verabschieden. Neben den freundlichen und tröstenden Worten, die unseren Beruf betrafen, sagte sie plötzlich, dass wir dieselbe Ausbildung genossen hätten wie die frischgebackenen Krankenschwestern aus unserer Schule! Anschließend eröffnete sie uns, dass wir sogar mehr als diese Krankenschwestern gelernt hatten, weil wir zusätzlich das Fach Geriatrie belegt hatten. Dann folgte eine Erklärung, worin der einzige Unterschied in unseren Berufen lag und ich wurde in diesem Moment hellhörig! „Eine Altenpflegerin“ – ach, wie schrecklich das klingt – „darf die Verabreichung einer Injektion verweigern, wenn sie davor Angst hat, eine Krankenschwester dagegen nicht!“ Das war alles! Dass der Titel „Krankenschwester“ Vorteile mit sich bringt, betonte unsere Lektorin natürlich nicht! Eine Krankenschwester darf nämlich überall arbeiten, egal ob im Krankenhaus, im Altersheim oder in einer Klinik, während eine Altenpflegerin an das Altenheim gebunden ist. Sie ist zur Knochenarbeit verurteilt. Was mich persönlich betrifft, habe ich die ärztlich verordneten Injektionen immer problemlos, ohne Angst zu haben, verabreicht.
Nach der Ausbildung habe ich nicht aufgehört zu lernen. Jetzt, ohne Zwang und Zeitdruck, machte das Lernen so richtig Spaß. Jetzt konnte ich mich in den wenigen freien Stunden damit beschäftigen, was mich weiterhin interessierte. Der Ansporn dafür war die Psychiaterin aus der Berufsschule, Frau Doktor L. Wie mein weiteres Leben aussehen würde, habe ich nach der Ausbildung schnell erfahren. Jetzt fielen die Schulblöcke weg, die einzige und erforderliche Erholungsphase für meinen Körper nach jedem Arbeitsblock, die uns Ruhe und Entspannung garantierte. Jetzt blieb mir nur noch die schwere Zeit der ununterbrochenen Anstrengung bei der Knochenarbeit, die nicht nur mich körperlich und seelisch kaputt machte. Als ich 1989 in das noble Altersheim kam, zählte das Haus insgesamt circa vierhundertfünfzig Bewohner. Den Wohnsitz hat damals der Sohn des Gründers, eines Pastors, geleitet. Sein Büro mit den zahlreichen Mitarbeitern befand sich im 10. Stock und die Verwaltung des Hauses war teilweise im Erdgeschoß. Diese war für die Pflegekräfte, das Personal des Hauses und die reibungslose Organisation im Haus verantwortlich. In den vielen Etagen des Gebäudes und teilweise auch im Erdgeschoß haben die Bewohner des Wohnsitzes ihren letzten Lebensabschnitt verbracht. Es war ein Haus für die gut situierten Menschen. Hier wohnten Ärzte, Juristen, Maler, Schauspieler, ein Botschafter und all jene, die in der Gesellschaft eine hohe Position bekleideten. Es gab auch einen SS-Mann, den jede Schwester fürchtete. Die meisten Bewohner des Hauses, die uns Schwestern in den Fluren begegneten, strahlten Bescheidenheit, Respekt und gutes Benehmen aus. Sie hatten nichts dagegen, dass sich im Wohnsitz weiß bekleidete Schwestern bewegten, deren Anblick an ein Krankenhaus erinnerte. Es gab aber auch Bewohner, die mit unserer Anwesenheit nicht einverstanden waren. Manche Männer zeigten sich uns gegenüber auch respektlos, sie gingen stolz an uns vorbei, als ob sie zeigen wollten, dass sie uns nie brauchen würden – bis sie dann doch von uns abhängig wurden. Dann waren sie froh, dass wir für sie da waren und sie ihr Zuhause nicht verlassen mussten. Mit der Abhängigkeit ging es manchmal schneller, als man dachte. Es reichte ein Sturz um 03:00 Uhr morgens, um mit einem Oberschenkelhalsbruch ins Krankenhaus zu kommen. Diese betagten Personen kamen dann als Pflegefall zu uns zurück. Ich habe mit Absicht die frühe Morgenstunde erwähnt, weil es die Zeit ist, in der den Betagten die meisten Unfälle beim Aufstehen passieren. Der Blutdruck erreicht in den Morgenstunden den niedrigsten Wert und wenn man schnell aufsteht, rutscht er noch tiefer in den Keller. Dabei kann Schwindel entstehen, der Mensch verliert das Gleichgewicht und stürzt. Wenn man aber erst für ein paar Sekunden auf der Bettkante sitzen bleibt und ein paarmal tief ein- und ausatmet, reguliert sich der Blutdruck und man kann gefahrlos ins Bad gehen. Ich habe erlebt, wie schrecklich es für einen Menschen war, wenn er plötzlich nach einem Sturz als Pflegefall aus dem Krankenhaus zurückkam und von den Schwestern abhängig wurde, die nur dreimal am Tag und zweimal in der Nacht hereinkamen, um das Nötigste zu tun. Das war eine sehr harte Erfahrung für die Menschen, die vorher noch voll im Leben gestanden hatten.
An meinem ersten Arbeitstag habe ich von der Verwaltung des Hauses eine Kassette geschenkt bekommen, die ich nach dem Dienst auch gleich neugierig anhörte. Nach dem Abhören dachte ich, dass wahrscheinlich jeder neue Mitarbeiter des Hauses dasselbe Geschenk bekam, damit ihm bewusst wurde, in welch noblem Haus er arbeiten durfte. Die Kassette erzählte nämlich die Geschichte der Entstehung dieses Hauses, die mir sehr gefiel. Nach dem Krieg gab es in München einen empathischen und engagierten Pastor, der nach dem Religionsunterricht gerne seine Schüler zu Hause besuchte. Bei diesen Besuchen ist ihm aufgefallen, dass die Großeltern, die den Krieg überlebt hatten, meistens sich selbst überlassen waren, während die Kinder in der Schule weilten und die Eltern arbeiteten. Oft sah er Menschen, die pflegebedürftig waren und alleine nicht zurechtkamen. Der Pastor hatte eine Idee und wollte sie in die Realität umsetzen. Er stellte sich ein Haus für Betagte und Pflegebedürftige vor, in dem sich jeder Bewohner rund um die Uhr an eine Schwester wenden konnte. Er rief seine Freunde zusammen und diskutierte mit ihnen seine Idee durch. Alle waren davon begeistert und jeder von ihnen war dazu bereit, etwas von seinem Vermögen zu geben, um so ein Haus zu bauen. So wurde die Idee Wirklichkeit.
In diesem Altersheim hat jeder Bewohner eine Wohnung oder ein Appartement bekommen, das nach seinem Wunsch vorbereitet wurde. Es wurde umgebaut, renoviert, ausgemalt. Die künftigen Bewohner sind dann mit eigenen Möbeln und sogar Sammlungen eingezogen. Alle Bewohner durften im Falle einer Erkrankung oder Pflegebedürftigkeit in den eigenen vier Wänden bleiben, genauso, wie sich das der Gründer vorgestellt hatte, und sich jederzeit an eine Schwester wenden. Er brauchte seinen Wunsch nur per Telefon beim Empfang im Erdgeschoß zu melden und die Nachricht wurde sofort an eine Schwester weitergeleitet, weil jede Schwester, wie auch jede Etagendame, mit einem Piepser in der Tasche arbeiten musste. Die Organisation im Haus war perfekt und Disziplin wurde groß geschrieben. Wenn ein gesunder Bewohner erkrankte oder pflegebedürftig wurde, hat ihn die Pflege übernommen und eine Dokumentationsmappe für ihn angelegt. Diese hatte bunte Blätter, damit man das entsprechende Blatt für Eintragungen schnell finden konnte. Auf dem weißen Berichtsblatt wurden Vorkommnisse notiert, die den Pflegefall betrafen. Das gelbe Blatt war für den Arzt gedacht, der die von ihm angeordneten Medikamente und dazu das Datum der Verordnung samt seiner Unterschrift eintragen musste. Das Absetzen eines Medikaments musste ebenso dokumentiert werden. Das blaue Blatt war für die Badetermine und den Stuhlgang. Jeder Pflegefall wurde regelmäßig im Pflegebad gebadet, das sich im Keller befand und mit einem beweglichen Lift ausgestattet war. Der Lift hat die Arbeit der Schwester sehr erleichtert und Sicherheit gegeben. Auf dem Rücken des Dokumentationsordners befanden sich sogenannte Reiter. Diese wurden bei wichtigen Informationen, die man an den folgenden Dienst weitergeben musste, nach oben gezogen, und jede Schwester war dazu verpflichtet, ihren Dienst mit der Kontrolle der hochgezogenen Reiter zu beginnen, um die Information umzusetzen; entweder war eine sofortige Reaktion oder eine sorgfältige Beobachtung notwendig. Nach Erledigung wurde der Reiter wieder nach unten gezogen.
Der Wohnbereich im Haus war auf drei „Pflegestationen“ mit je circa hundertfünfzig Bewohnern verteilt. Auf meiner Station hatten wir anfangs fünfzehn Pflegefälle und fünfundzwanzig Personen, die von uns Medikamente bekamen. Für die Letzteren musste man einmal in der Woche und für sieben Tage insgesamt hundertfünfundsiebzig Behälter mit Medikamenten bestücken, und zwar fehlerfrei! Das war immer die Aufgabe der Schwester, die zum Spätdienst kam, und sie musste sie zusätzlich zu ihren Aufgaben schaffen! Man kann sich vorstellen, unter welchem Zeitdruck die arme Schwester an diesem Tag stand. Wenn sie es während des Dienstes nicht geschafft hatte, musste sie es danach zu Ende bringen. Die Behälter wurden dann im Medikamentenschrank im Dienstzimmer unter Verschluss aufbewahrt und in der Früh mit dem Frühstück in die Wohnung des jeweiligen Bewohners gebracht.
Außer den Schwestern, die für die Pflegefälle zuständig waren, hat zusätzlich auf jeder Etage eine Etagendame gearbeitet, die die erste Ansprechperson für jeden Bewohner war. Die Mahlzeiten, für die die Etagendame zuständig war, wurden in einem großen Wagen mit dem Lift von der Küche auf jede Etage gebracht. Für die Bestellungen war sie auch zuständig, wenn ein Bewohner lieber in der eigenen Wohnung essen wollte. Die meisten sind aber mit dem kleinen Lift in den Speisesaal gefahren und haben gemeinsam gespeist. Die Etagendamen haben den Bewohnern, die noch nicht in die Pflege übergeben worden waren, aber schon Hilfe brauchten, beim Aufstehen, Anziehen und auch beim Baden im eigenen Appartement geholfen. Auch kleine Einkäufe haben sie für die Bewohner erledigt.
Um das Wohl der vierhundertfünfzig Bewohner im Hause hat sich eine Abteilung gekümmert, die verschiedene Veranstaltungen, Ausstellungen und auch Verkaufsmöglichkeiten organisierte. Es gab im Erdgeschoß sogar eine echte Bühne für Theaterbesuche. Im Haus befand sich auch ein Café, in dem sich die Bewohner gerne getroffen haben.
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Wir Schwestern haben unseren Frühdienst um 06:00 Uhr mit der Übergabe des Protokolls der Nachtschwester begonnen, das über alle Vorkommnisse in der Nacht und bei Änderungen über die Pflegefälle berichtete. Das größte Problem in der Nacht waren die verwirrten Bewohner, die am Abend oder in der Nacht ihre Wohnungen verließen und durch das Haus und die Keller irrten. Die Übergabe musste schnell gehen, dann eilten wir zu unseren Pflichten. Bis halb zwölf mussten wir mit dem Waschen und Versorgen der Pflegefälle, mit unserem Arbeitsquantum, fertigwerden. Laut Arbeitsplan waren im Frühdienst für die fünfzehn Pflegefälle drei Schwestern vorgesehen. Meistens aber haben wir zu zweit gearbeitet, weil die dritte krank war. Das war unser Dauerzustand. Wenn die dritte Pflegekraft wieder da war, hat sich die Nächste krank gemeldet, die nicht mehr dazu in der Lage war, weiterzuarbeiten. Also musste jede von uns beiden sieben Personen im Frühdienst waschen, pflegen, versorgen, wickeln und auf die regelmäßige Lagerung im Zweistundentakt achten. Eine Etagendame musste zusätzlich zu ihrer Arbeit einen Pflegefall übernehmen. Die Tatsache, dass die dritte Schwester im Frühdienst fast immer fehlte, setzte uns unter enormen Zeitdruck und Stress. Dazwischen mussten wir zahlreiche andere Tätigkeiten und Handgriffe erledigen, zum Beispiel bei den Pflegefällen den Tropf überwachen, denen, die künstlich ernährt wurden, Tee kochen, den man nach der durchgelaufenen Nahrung hinhängen musste und die verbrauchten Nahrungsbeutel waschen, um sie für den Tee benutzen zu können. Man hatte ja an allem sparen müssen. Die kleinen zusätzlichen Tätigkeiten und die langen Wege von einem Fall zum nächsten haben auch zusätzliche Zeit in Anspruch genommen, sodass wir ständig im Laufschritt gearbeitet haben.
Nachdem die Nahrung oder der Tee angehängt worden waren, sind wir nach kurzer Zeit noch mal hin, um zu kontrollieren, ob alles reibungslos lief. Der Pflegebedürftige musste ja die entspreche Menge an Nahrung und Flüssigkeit bekommen.
Während der Arbeit bekamen wir Anrufe, Hilferufe von Bewohnern oder von einer anderen Station bei unerwarteten Vorkommnissen, oder der Urologe kam ins Haus, um bei einem Pflegefall einen Katheter zu legen oder zu wechseln, wozu er eine Schwester als Helferin brauchte. Es ist einfach unmöglich, alle Tätigkeiten zu erwähnen, mit denen die Schwestern während des Dienstes bis halb zwölf (!) fertig werden mussten. Die nächste halbe Stunde war für die Eintragungen in das Berichtblatt gedacht. Wenn man das bis zwölf nicht schaffte, musste man die Eintragungen nach 14:00 Uhr, das heißt nach dem Dienst, tätigen. Dann erst hatten wir unsere Dienstleistung für den Tag erbracht. Um 12:00 Uhr gab es Mittagsessen und nur dreißig Minuten, um alle Pflegefälle satt zu kriegen. Dann begann die Mittagsrunde, die nur eine Stunde dauerte. Die einzelnen Pflegefälle, die noch bewegliche Hände hatten und damit alleine am Tisch essen konnten, haben wir vom Bett auf den Rollstuhl gesetzt und zum Tisch gefahren. Das war für uns eine zusätzliche körperliche Anstrengung. Da ein Pflegefall wegen starker Kontrakturen und Versteifungen nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen konnte, musste die Schwester dazu in der Lage sein, das ganze Gewicht des Menschen beim Umsetzen in den Rollstuhl und später zurück auf das Bett für ein paar Sekunden alleine tragen zu können! Dabei haben manche Männer bis zu hundert Kilo gewogen, aber mit dem geschulten Griff musste es gelingen. Während der Mittagsrunde musste jede Schwester alle sieben Pflegefälle neu wickeln und die bei Tisch Essenden zurück ins Bett bringen und wickeln. Bei Bedarf, wenn die Hose voll war, musste auch der Intimbereich gewaschen werden. Außerdem musste die Schwester nach ihren Tätigkeiten für die Ordnung in jedem Zimmer sorgen und den Müll entsorgen. Wer nicht in der Pflege gearbeitet hat, kann sich gar nicht vorstellen, was für ein schwerer Job das ist, gerade für eine Frau.
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Im Spätdienst habe ich von Anfang auch als Schülerin oft alleine gearbeitet. Ich habe ja als eine starke und erfahrene Frau gegolten. An diesen Tagen war ich für die ganze Station, also für hundertfünfzig Bewohner, verantwortlich und am Abend musste ich dreiundzwanzig Personen, darunter die fünfzehn Pflegefälle, für die Nacht vorbereiten, das heißt zu Bett bringen, allein umsetzen, wickeln und entsprechend lagern. Außer den Pflegefällen waren auch Bewohner zu versorgen, die noch nicht in der Pflege waren, aber am Abend schon Hilfe benötigten. Alle diese Menschen bekamen für die Nacht eine Windelhose und wurden entsprechend gelagert. Anfangs habe ich am Abend immer die Oberschwester im Flur getroffen, sie lachte mich nur an und ging schnell weiter – und ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass sie mich kontrollieren könnte! Ich habe die selbständigen Spätdienste aber gemocht. Gleich nach dem Eintritt in den Spätdienst habe ich zuerst alle Informationen bei den gezogenen Reitern an den Dokumentationsmappen durchgesehen und anschließend alle Pflegefälle und Personen angeschaut, mit denen ich im Spätdienst zu tun hatte. Somit habe ich mir einen Überblick verschafft und wusste, wer mich sofort braucht und wer später drankommt. Dadurch konnte ich unnötigen Anrufen und Hilferufen vorbeugen und Zeitdruck vermeiden. Der Dienst nahm dann einen ruhigen Verlauf, trotz der vielen Arbeit – außer ich habe einen Hilferuf von einer anderen Station erhalten. Dann mussten meine Pflichten warten.
Manche Bewohner litten an Verstopfung und haben im Spätdienst sehnsüchtig auf mich, das heißt auf meine Hilfe, gewartet. Beim ersten Rundgang haben alle ein Glas Wasser in die Hand bekommen, dann ging ich der Reihe nach weiter, bis ich zur ersten Person zurückkam und ihr das zweite Glas Wasser in die Hand gab. Beim dritten Rundgang setzte ich die Personen aufs Klo und gab die dritte Portion Wasser in die Hand. Sie bekamen auch die entsprechende Zeit dafür. Alle diese Personen waren schon sehr unbeweglich, manche musste ich schon beim Gehen unterstützen. Diese Aufgabe, die ich mir selber am Anfang des Dienstes angeordnet habe, machte mich sehr zufrieden, weil ich dann in das blaue Blatt der einzelnen Person die Verdauung eintragen konnte. Durch diese Tätigkeit nachmittags wurde auch der nächste Frühdienst entlastet.
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Wir Schwestern und die Etagendamen haben uns kaum gekannt. Wir sind uns im Flur jede auf ihrem Pflichtweg, in Eile begegnet oder auch nicht. Dann saßen wir erst bei der Übergabe nach der Mittagsrunde alle zusammen. Die Etagendamen haben es in ihrer Arbeit auch nicht leicht gehabt. Die kleinen Unterstützungen, die sie anfangs bei den noch selbständigen Bewohnern geleistet haben, waren mit der Zeit immer schwerer geworden, und erst, wenn der Bewohner bettlägerig wurde, hat man ihn in die Pflege zu uns gegeben. Dann hatten wir Schwestern einen Pflegefall mehr zu versorgen. Die Situation war auf allen drei Stationen im Haus gleich. Das führte dazu, dass die Schwestern immer mehr leisten mussten und die Eile der Versorgung und der Stress immer größer wurden.
Eines Tages ist eine Etagendame während ihrer Arbeit im Frühdienst zusammengebrochen. Der Notarzt, der zu Hilfe gerufen wurde, diagnostizierte einen Herzinfarkt und sie wurde mit dem Sanka ins Krankenhaus gebracht. Wir haben davon erst nach der Mittagsrunde bei der Übergabe an den Spätdienst erfahren. Der Fall hat uns alle tief bewegt und bestürzt. Als wir nach der Neuigkeit eine Weile schweigend dasaßen, machte plötzlich eine neue, junge Etagendame, die aus dem Ausland kam, ihren Mund auf und sagte: „Die Arbeit mit den alten Menschen, das ist doch eine schwere Arbeit für eine Frau.“ Daraufhin sagte unsere Oberschwester mit fester Stimme streng: „Ihr Ausländer, ihr solltet zufrieden sein, dass ihr in Deutschland überhaupt arbeiten dürft!“ Nach ihren Worten wurde es im Stationszimmer ganz still und ich war sprachlos. Ich wusste nämlich, dass sie selber von der Tschechei nach Deutschland gekommen war. Ihr Vorteil aber war, dass sie einen deutschen Namen hatte und ein perfektes Deutsch sprach. Mit dieser Überlegenheit hatte sie einen leichteren Anfang und mehr Glück eine Arbeit zu bekommen als wir, die sich erst durch die Sprachbarriere hatten durchkämpfen müssen. Nach der Äußerung von der Oberschwester ist kein einziges Wort mehr im Stationszimmer gefallen.
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Nach diesem Vorfall habe ich von der Oberschwester erfahren, dass das Altersheim einen Personalschlüssel von 1:1 hatte. Diese Äußerung hat mich aus dem Gleichgewicht geworfen. Meine Empörung war grenzenlos und mir schoss in diesem Moment ein blitzartiger Gedanke durch den Kopf, den ich nicht sofort in Worte fassen konnte. „1:1! – 1:1!, und wir müssen im Laufschritttempo arbeiten, geteilten Dienst leisten und den ständigen Personalmangel ertragen?“ Ich verstand die Welt nicht mehr. Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, hat die Oberschwester mir erklärt, wie man den Personalschlüssel berechnet: Wenn das Haus zum Beispiel sechzig Pflegefälle hatte, wurden auch sechzig Pflegekräfte eingestellt. Diese wurden dann auf den Frühdienst, den Spätdienst und die Nachtschicht verteilt. Ich war wieder sprachlos. Ich habe sofort an die Menschen gedacht, die in diesem Haus leben wollten! Wenn diese beim ersten Bewerbungsgespräch hörten, dass das Haus einen Personalschlüssel von 1:1 hatte, dann dachten sie doch sofort, dass sie bei einer Erkrankung oder Pflegebedürftigkeit eine Pflegekraft für sich alleine bekommen, was überhaupt nicht der Fall war! Ein Personalschlüssel von 1:1 klang so fantastisch, dass niemand auf die Idee gekommen wäre nachzufragen. Dies schuf den Eindruck, dass das noble Altersheim die beste Pflege garantierte, und das fand ich unverschämt. Diese Täuschung, die da im Gespräch entstand, hat mich tief empört und mir keine Ruhe mehr gelassen.
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Nach meiner Ausbildung war ich im Spätdienst sehr oft als einzige ausgebildete Pflegekraft für das ganze Haus, also vierhundertfünfzig Bewohner, verantwortlich. Diese Tatsache wurde mir immer erst dann bewusst, wenn ich einen Hilferuf von einer Etagendame aus einer anderen Station bekommen habe. In solchen Fällen musste ich sofort meine eigene Arbeit unterbrechen und ihr zu Hilfe eilen.
Eines Tages habe ich gegen 17:00 Uhr einen Hilferuf von einer Etagendame bekommen, die in der ersten Station im Erdgeschoß arbeitete. Diese hat in einem Appartement beim Servieren des Abendbrotes eine Bewohnerin nach Luft ringend vorgefunden. Also rannte ich aus dem achten Stock hinunter, weil der kleine Lift besetzt war. Als ich hineinkam, saß die Dame im Rollstuhl und schnappte tatsächlich nach Luft. Ich bat die Etagendame, bei ihr zu bleiben und sie zu beruhigen, so gut sie konnte. Ich musste in den Keller, um Sauerstoff zu holen. Es hat aber eine Weile gedauert, bis ich mit der großen Metallflasche, die mit Sauerstoff gefüllt sein sollte, zurück war. Die Flasche durfte man nämlich auf den Rädern nicht schnell fahren. Als ich der Bewohnerin den Sauerstoff verabreichen wollte, habe ich mit Entsetzen festgestellt, dass die Flasche leer war! Ich rannte zurück in den Keller, um die nächste Sauerstoffflasche zu holen. Ich bin wieder in das Büro des Pflegedienstleiters gegangen, wo die drei Flaschen als Vorrat für den Notfall stehen sollten, und nahm die zweite Flasche mit. Es hat wieder eine ganze Weile gedauert, bis ich mit der zweiten Flasche zurückgekommen bin. Die Bewohnerin schnappte immer noch nach Luft. Die Etagendame wollte mich schon verlassen, um der eigenen Arbeit nachzugehen, aber ich hielt sie intuitiv zurück. Ich musste bald feststellen, dass die zweite Flasche auch leer war! Die Etagendame musste wieder bei der Bewohnerin bleiben und sie beruhigen, bis ich mit der dritten Flasche kam. Unser Entsetzen war grenzenlos, als sich herausstellte, dass auch diese leer war. Der obligatorische Vorrat an Sauerstoff war nicht vorhanden! Mir blieb nichts anderes übrig, als die Klinik anzurufen. Als ich meinen Fall geschildert hatte, durfte ich die Bewohnerin sofort rüberbringen. Ich habe die Bewohnerin im Laufschritt mit dem Rollstuhl durch den langen, unterirdischen Korridor gefahren. Dann erst war mein Notfall für mich erledigt. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Klinik ist die Bewohnerin mit einem Herzschrittmacher zurückgekommen. Jeder Notfall hat mich viel Zeit gekostet, während der meine eigene Arbeit liegenblieb. An solchen Tagen musste ich länger arbeiten und durfte erst dann nach Hause gehen. Diese Überstunden wurden nicht angerechnet und auch nicht bezahlt.
Nach dem beschriebenen Notfall im Spätdienst hatte ich am nächsten Tag Frühdienst mit der Oberschwester. Ich erzählte ihr, was ich erlebt hatte. Sie war stocksauer, sagte aber nicht, dass der Leiter für den Sauerstoffvorrat verantwortlich war. Diese Tatsache habe ich erst später vom Haustechniker erfahren, dem der Leiter die leeren Sauerstoffflaschen melden sollte. Er hatte es aber vergessen. Der Leiter hat natürlich auch erfahren, welche Schwester sein Versäumnis gemeldet hat und hatte mich ab diesem Zeitpunkt auf dem Kicker! Seine Schikane habe ich sofort bemerkt, als er manchmal für die dritte fehlende Schwester im Frühdienst einsprang. Er hat sich dann nur drei Pflegefälle statt fünf für sein Arbeitspensum genommen, die andere Schwester und ich haben einen zusätzlichen Fall bekommen. Sechs statt fünf Fälle zu waschen und zu versorgen, war noch zu verkraften. Dann aber, als ich vor 12:00 Uhr in das Stationszimmer kam, fand ich auf dem Tisch einen Zettel von ihm, der an mich gerichtet war: „Bitte übernehmen Sie meine Pflegefälle für die Mittagsrunde.“ Das war der Gipfel der Unverschämtheit, der mich sprachlos machte. Das bedeutete für mich, dass ich in der Mittagsrunde, die nur eine Stunde dauerte, mit neun Pflegefällen fertig werden musste, also alle wickeln und die Pflegefälle, die am Tisch saßen ins Bett bringen, wickeln, lagern und bei Bedarf noch waschen. An den Tagen, an denen er für die fehlende Schwester einsprang, habe ich auch die schwierigsten Fälle zu meinem Arbeitspensum bekommen. Vor allem die relativ junge, aber stark gebaute Frau mit MS. Sie war groß und schwer, dazu war sie total versteift und hatte starke Kontrakturen in beiden Ellbogen. Ihre Behandlung in der Früh erforderte viel Geschick und vor allem Kraft. Schon das Umsetzen aus dem flachen Bett auf den Rollstuhl war bei den langen, dicken und versteiften Beinen schon eine Kunst und Leistung für sich.
In dieser Zeit hat der Leiter auch angefangen, mich in sein Büro in den Keller einzuladen. Erst merkte ich nicht, dass dies regelmäßig im Abstand von sechs Monaten geschah. Jedes Mal hat er in den Händen ein grünes Blatt Papier gehalten, aus dem er meine angeblichen beruflichen Fehler vorgelesen hat. So las er mir zum Beispiel vor: „Du benutzt einen eigenen Blutdruckmesser, obwohl wir auf der Station drei haben. Du redest mit der neuen Bewohnerin, obwohl sie noch nicht bei uns in der Pflege ist! Du schreibst die RR-Werte im Berichtblatt auf Rot, das macht keine Schwester außer dir.“ Und so ging es weiter. Hätte er mich zu Wort kommen lassen, hätte er zu hören bekommen, dass die drei Blutdruckmesser auf unserer Station entweder kaputt oder in Reparatur waren, wenn man sie dringend brauchte, und ich nur deswegen von meinem eigenen Geld den neuen und besten Blutdruckmesser gekauft hatte. Dieser hatte 200 DM gekostet. Dass die neue Bewohnerin, die gegenüber unseres Stationszimmers ein Appartement bewohnte, sich nicht an das neue Zuhause gewöhnen konnte und Zuspruch brauchte, interessierte ihn auch nicht. Dass ich die RR-Werte auf Rot eintrug, damit sie der Arzt schnell finden konnte, wollte er auch nicht wissen. Er ließ mich einfach nicht zu Wort kommen. Jede Einladung und sein Vorgehen mir gegenüber haben mich sehr aufgeregt. Dazu kam noch die Tatsache, dass ich mich damals noch nicht verbal wehren konnte. Der Leiter hat meine Aufregung natürlich gesehen, ich habe ja innerlich gekocht, dabei lächelte er zauberhaft – was ich dann wieder nicht übersehen konnte. Es war mir vollkommen bewusst, dass er mich körperlich und seelisch kaputt machen wollte. Dass sein ungerechtes Vorgehen mir gegenüber Mobbing heißt, wusste ich damals noch nicht. Dass er mich kaputt machen und loshaben wollte, spürte ich. Ich musste mich sehr zusammenreißen, um die regelmäßigen Einladungen in sein Büro zu verkraften und auszuhalten. Dieses Mobbing hat jahrelang gedauert, und da ich daran gewöhnt war, mit allem im Leben alleine klarzukommen, bin ich nicht mal auf die Idee gekommen, mich bei der Oberschwester zu beklagen. An Tagen, an denen wir den Personalmangel richtig hart zu spüren bekamen und jeden Tag eine von uns einen geteilten Dienst leisten musste, war das Leben extrem schwer. Das war ein immer öfter vorkommender Zustand, in dem wir unser Leben zwischen Dienst und eigenem Bett verbrachten.
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Als ich eines Tages nach Monaten wieder eine Einladung in den Keller bekommen habe, war ich so sauer, dass ich intuitiv einen Bleistift und ein Stück Papier in meine Tasche steckte, obwohl mir noch nicht ganz klar war, wozu. Ich setzte mich dem Leiter gegenüber an den Schreibtisch, legte das Papier an den Rand des Schreibtisches und wartete, was für „Sünden“ er sich diesmal wieder ausgedacht hatte. Als er dann die erste vorlas, fing ich an zu schreiben, aber mit der linken Hand nach links, weil ich rechts keinen Platz fand. Dass die Tatsache ihn erschrecken könnte, hatte ich nicht gedacht. Als er das wahrnahm, war er plötzlich ganz irritiert und fragte mich: „Was machst du da?“ „Du siehst ja“, sagte ich mutig, „ich schreibe meinen angeblichen Fehler, den du mir jetzt vorgelesen hast, auf“, und schrieb weiter. Im nächsten Moment erlebte ich etwas, was ich nicht erwartet hatte: Er zerriss das grüne Blatt Papier vor meinen Augen und warf es in den Papierkorb! Ich stand auf und verließ ihn wortlos. Ab diesem Vorfall hat er mich endlich in Ruhe gelassen, womit ich nicht gerechnet hatte. Er hat auch damit aufgehört, mir seine Arbeit und die Mittagsrunde aufzubürden. Es sind weitere Wochen vorbeigegangen, aber diese Zeit war die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm …
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Nachdem mich der Leiter in Ruhe ließ, wurden meine Dienste erträglicher und ich konnte trotz Stress in der Arbeit tief aufatmen. Ich wurde aber immer öfter im Spätdienst eingesetzt und war damit alleine für das gesamte Geschehen und für alle vierhundertfünfzig Bewohner verantwortlich. Natürlich habe ich es weiterhin erst dann erfahren, wenn ich einen Notruf von einer anderen Station bekam. Trotzdem mochte ich den selbständigen Spätdienst, er hat mir nichts ausgemacht.
Eines Tages rief mich währenddessen eine Etagendame aus dem fünften Stock an. Sie sagte mir, dass eine Bewohnerin unter Atemnot leide. Es war 17:00 Uhr. Ich habe sofort meine Arbeit unterbrochen und eilte zu ihr. Als ich dann gesehen habe, dass die zarte, kleine und abgemagerte Frau tatsächlich unter Atemnot litt, war ich schon „auf der Hut“ und mied die Sauerstoffflaschen. Das Risiko wollte ich nicht wieder eingehen. Ich habe sofort die Klinik angerufen. Die Ärzte standen uns ja jederzeit zur Verfügung. Der Arzt war blitzschnell da und die betagte Dame schnappte immer noch nach Luft. Sie saß an ihrem Tisch und klagte jetzt leise: „Ich bekomme keine Luft. Ich bekomme keine Luft.“ Der junge Arzt ist vor ihrem Tisch stehen geblieben und schaute ihr nur zu. Ich stand zwei Meter hinter dem Arzt an der Seite und beobachtete, was er tun würde. Die kleine, arme Frau klagte noch mal ganz leise und langsam: „Ich bekomme keine Luft.“ Der Arzt wartete ab! Nachdem die zarte Dame zum dritten Mal diese Worte ausgesprochen hatte, fiel ihr Kopf auf den Tisch und sie war tot! Mit Staunen und großem Interesse hatte ich das Szenario beobachtet. Jetzt kam der Arzt zu der Toten, nahm den leichten Körper in seine Arme und fragte mich nach dem Schlafzimmer. Ich eilte ins Zimmer und warf das ganze Bettzeug vom ersten Bett auf das zweite, damit der Arzt ihren Körper auf die Matratze legen konnte. Er sagte mir noch, dass er in zwei Stunden wiederkommen würde, um den Totenschein auszufüllen, und ging. Die Verstorbene machte aber keinen toten Eindruck! Aus dem Bad holte ich einen kleinen Spiegel, den ich ihr unter die Nase hielt. Keine Spur von Atmung. Die Frau war tatsächlich tot. Jetzt konnte ich sie versorgen, wie es meine Pflicht war. Ich habe sie ausgezogen, ihren ganzen Körper gewaschen und ihr eine Windelhose gegeben. Aus dem Schrank bekam sie ein frisches Nachthemd und ihren ganzen Körper habe ich auch mit einem frischen Bettlaken zugedeckt. Nachdem ich die Heizung in der ganzen Wohnung ausgeschaltet und das Fenster aufgemacht hatte, suchte ich noch die Etagendame auf, um ihr Bescheid zu geben, dass die Frau verstorben war und der Arzt in zwei Stunden nochmal kommen würde. Jetzt erst war der Notfall für mich erledigt und ich konnte meine eigene Arbeit auf der Station wieder aufnehmen. An diesen Tag bin ich wieder sehr spät nach Hause gekommen.
An einem anderen Tag hat uns um die Mittagszeit herum ein Fall ins Schwitzen gebracht. Eine Etagendame, die gerade an einem Appartement vorbeiging, hörte aus der Wohnung Hilferufe! Sie reagierte blitzschnell und öffnete die Wohnungstür mit ihrem Dienstschlüssel. Hier lebte ein Mann, der als selbstständig galt und von niemandem Hilfe benötigte, zu den Mahlzeiten war er bis jetzt immer mit dem Lift in den Speisesaal hinuntergefahren. An diesem Tag ist der Mann aber in eine extreme Notsituation geraten, und das Bild, das sich der Etagendame bot, erschreckte sie. Der Bewohner lag mit dem Körper nach unten in seiner Sitzbadewanne! Sein Kopf war zwischen Boden und Badewannenrand abgeknickt, der Po ist auf dem Sitz der Wanne hängen geblieben und seine Beine hingen am Rand der Sitzbadewanne draußen. Zum Glück war die Badewanne nicht mit Wasser gefüllt, sonst hätte die Etagendame seine Hilferufe nicht mehr gehört. Diese hatte erst eine Kollegin aus einer anderen Etage zu Hilfe gerufen, aber die beiden konnten den Mann nicht aus der gefährlichen Lage befreien. Er war zu schwer und nackt. Dann wurde ich zu Hilfe gerufen. Als ich hineinkam und die drohende Gefahr sah, reagierte ich sofort, ging schnell in das Zimmer und schaute mich um. Dabei fiel mir der neue Ledergürtel an einer Hose ins Auge und ich zog ihn schnell aus den Schlaufen. Die Stimme des Mannes wurde immer leiser. Er konnte die unbequeme und gefährliche Lage kaum noch ertragen. Schnelles Handeln war angesagt. Ich erklärte den beiden Etagendamen, was wir jetzt schaffen mussten, damit er nicht vor unseren Augen starb. Ich konnte den Gürtel mit großer Mühe um seine Schultern herum und unter die beiden Achseln legen, und jetzt gab es nur noch eines, das Wichtigste, zu tun: Mit unserer ganzen Kraft den Mann nach oben ziehen! Er war groß, sehr schwer und hatte keine Pyjamajacke an. Mit der größten Anstrengung und im Bewusstsein, dass wir den Mann retten mussten, ist es uns gelungen, ihn erstmal in eine sitzende Position zu bringen. Der Mann war gerettet, aber noch nicht ganz außer Lebensgefahr. Ich war fix und fertig, weil ich alleine an der unbequemen Seite an der Wand am Gürtel gezogen hatte. Es war aber um Leben und Tod gegangen, wir hatten es schaffen müssen. Der Mann hätte sich das Genick brechen können! Wir mussten ihn noch aus der Badewanne herausbringen, dann hatte der Spuk ein Ende. Der Mann war genauso erschöpft wie wir! Er atmete heftig. Wir hielten ihn noch an den Armen fest, damit er nicht wieder ausrutschte, er war ja noch ganz benommen und außer sich. Wir drei aber auch, und nach einer Verschnaufpause wollten wir erfahren, wie er in die Badewanne gefallen war. Er war immer noch erschöpft, aber wollte uns doch sagen, wie es passiert war. Er hatte sich rasieren und frisch machen wollen, um in den Speisesaal zu fahren, und hatte die Pyjamajacke ausgezogen, wobei ihm schwindelig geworden war. Er hatte sich auf die Kante der Badewanne gesetzt und dabei das Gleichgewicht verloren.
Es war wieder mal nachmittags. Ich ging den langen Flur entlang und eilte zu meinem nächsten Pflegefall. Da kam mir eine fremde Frau entgegen und sprach mich an. Sie sagte mir, dass ihre Mutter zwar nicht bei uns in Pflege, jetzt aber krank sei und eine Schwester vom Haus zu sprechen wünsche. Sie führte mich in die Wohnung der Mutter und ließ mich mit ihr alleine. Die Stille im Zimmer der Kranken empfand ich als sehr seltsam. Die kranke Frau lag ganz ruhig und still im Bett. Als ich langsam zu ihr kam und vor ihr stand, schaute sie mich nur an und schwieg. Das war ein bewusster Blick. Sie atmete regelmäßig, und als sie nach meiner Hand griff, hielt sie mich fest. Die Hand war warm. Unsere Blicke haben sich getroffen und wir schauten uns eine Weile an. In ihren Augen lag etwas Seltsames, was auch mich schweigen ließ. Sie sagte kein Wort. Schließlich fragte ich sie behutsam, ob sie mir was mitteilen wollte, aber sie bewegte langsam ihren Kopf von rechts nach links. Da sah ich plötzlich, wie ihr rechtes Auge aus der Augenhöhle herauskam, als hätte es eine unsichtbare Kraft herauspressen wollen. Dabei hat sie tief eingeatmet. Gleich danach bewegte sich das Auge wieder zurück, dabei atmete sie tief aus und schloss beide Augen. Das war ihr letzter Atemzug gewesen. Die Frau war tot. Ich befreite mich aus ihrem Griff und ging langsam zu der Tochter in das zweite Zimmer. Bevor ich ein Wort sagen konnte, sagte die Tochter zu mir:
„Ich weiß, was Sie mir sagen möchten, Schwester. Meine Mutter ist verstorben. Ihre Standuhr ist eben stehen geblieben.“ Ihr Mann nahm sie fest in den Arm, und als sie sich so fest umarmten, verließ ich die Wohnung.
An meinem letzten Arbeitstag, unmittelbar vor meinem Urlaub, kam mittags unser Hausarzt zur Übergabe in das Stationszimmer. Als wir ihm berichteten, dass es einem Pflegefall, einer Frau, sehr schlecht ging, sagte er zu uns: „Gut, dann setze ich ihre Medikamente ab, damit sie in Ruhe sterben kann.“ Dies vermerkte er mit Datum und Unterschrift auf dem gelben Blatt der Dokumentationsmappe. Der Fall war erledigt. Als ich nach dem Urlaub zum Frühdienst kam, habe ich diesen Pflegefall zu meinem Arbeitspensum für die Versorgung bekommen. Ich war auf das Schlimmste vorbereitet. Doch als ich in die Wohnung der Frau kam, was sah ich da? Der Pflegefall, die liebe, arme Frau, saß auf ihrem Bett und lachte mich an! Ich staunte nicht schlecht und freute mich gleichzeitig für sie. Nachdem ich sie gewaschen und versorgt hatte, wollte sie aus dem Bett raus und am Tisch frühstücken! Natürlich habe ich sie in den Rollstuhl gesetzt, sie zum Tisch gefahren und einen guten Appetit gewünscht. Das Erlebte machte mir bewusst, dass es dieser Frau nur deswegen immer schlechter ergangen war, weil sie mit den „Medikamenten“ vergiftet worden war. Sie ist ja schließlich im Bett liegen geblieben und machte den Eindruck, dass sie kurz vor dem Sterben steht.
In der neunten Etage lebte in einer Zweizimmerwohnung eine Frau, die ich schon erwähnt habe. Sie litt an MS und ihre Krankheit war schon weit fortgeschritten. Die starken Versteifungen und das angegriffene Nervensystem, haben ihre Versorgung sehr erschwert. Bei diesem Fall war vor allem unsere Kraft gefragt, weil die Frau groß und stark gebaut war. Sie hatte noch dazu Sprachstörungen und konnte sich nicht artikulieren. Da ihr Kopf zitterte, musste man ihr die Mahlzeiten sehr vorsichtig eingeben, ansonsten hätte sie sich verschluckt, was in ihrem Fall eine Katastrophe gewesen wäre. Für diesen Fall haben wir für die Versorgung morgens eine volle Stunde gebraucht. In ihrem ersten Zimmer stand noch ein zweites Bett, auf das wir sie nach dem Frühstück umgesetzt haben, damit sie bequem fernsehen konnte. Wie das Leben so spielt: Diese Frau hat als junges Mädchen in einer Bank gearbeitet und dann einen reichen Mann geheiratet, der um dreißig Jahre älter war als sie. Er hatte sie in der Hoffnung geheiratet, dass sie ihn im Alter pflegen würde. Sie ist aber früher als er pflegebedürftig geworden. Der Mann lebte in einem anderen Wohnheim und bezahlte ihr das Altersheim und zwei private Pflegerinnen, die sie immer gemeinsam spazieren fahren mussten wegen der ständigen Gefahr, dass sie aus dem Rollstuhl rutschen könnte.
Ihre Nachbarin in der Etage war eine 80-jährige Frau Doktor, die mit siebenundzwanzig Jahren an Kinderlähmung erkrankt war. Das war eine sehr nette Frau, sie erzählte mir so manches aus ihrem Leben und ich musste sie für die Geduld bewundern, mit der sie ihr Schicksal ertrug. Die Frau war federleicht und hatte kein Gefühl in den Beinen. Diese waren weich und nicht versteift. Sie hatte am Leib keine Wunden, sie wurde noch aus dem Bett auf einen Stuhl gesetzt. Da sie das Tageslicht nicht ertragen konnte, war das große Balkonfenster immer mit einem weißen Bettlaken bedeckt. Ihr Zimmer wirkte wie eine Todeshalle. Alles war weiß, es gab nirgendwo eine andere Farbe, auch keine Bilder. Das Zimmer machte einen sehr armseligen Eindruck, obwohl die Frau betucht war. Sie war nicht in Pflege. Sie hatte auch zwei private Pflegerinnen, die zu ihr ins Haus kamen. Sie wurde pünktlich im Zweistundentakt gelagert oder umgesetzt. Die gesamte Pflege war bei ihr nicht leicht, deswegen haben die Pflegerinnen oft gewechselt. Wir Schwestern des Hauses mussten pünktlich um 03:00 Uhr morgens bei ihr erscheinen, um sie neu zu lagern. Zu ihr sind immer zwei Nachtschwestern gekommen. Sie diktierte jeden Handgriff, sonst wäre sie mit der Lagerung der Beine nicht zufrieden gewesen.


Krankheitsbild: Kinderlähmung
In der neunten Etage wohnte auch ein ausgesprochener Gentleman, der über 90 Jahre alt und blind war. Sein ganzes Benehmen ließ erkennen, dass er ein Mann der alten Schule war. Außerdem war er sehr bescheiden, er forderte nichts, war diszipliniert und hatte Manieren. Wir fanden es bewundernswert, wie der Mann in seinen eigenen Wänden zurechtkam. Er hatte eine Freundin, die ihn jede Woche besuchte. Der Bewohner war nie krank und bekam von uns auch keine Medikamente. Wenn ich Frühdienst hatte, war es meine Pflicht, den Mann mit dem Lift in den Speisesaal im Erdgeschoß zu führen. Ich habe ihm eine Stunde lang das Essen eingegeben. Er lauschte dabei den Stimmen im Saal und nach dem Essen führte ich ihn wieder zurück in seine Wohnung.
An einem Nachmittag hat er nach mir verlangt. Er sprach die Etagendame an und sagte, dass er mich sprechen möchte. Da ich an diesem Tag frei hatte, rief sie den Leiter an und fragte ihn, ob sie mich rufen dürfe, ich wohnte ja fast im Haus. Der Leiter hatte es aber nicht erlaubt, mit der Begründung, dass ich einen freien Tag habe und nicht im Haus sei. Am nächsten Tag kam ich zum Frühdienst und erfuhr von der Nachtschwester, dass der alte Herr in der Nacht gestorben war. Als ich die Nachricht hörte, bin ich gleich nach oben gegangen und suchte ihn in seiner Wohnung auf. Der Herr lag mit gefalteten Händen auf dem Bett, während sein Kopf stark nach hinten gebeugt war. Sein Mund war aufgerissen. Er musste nach Luft geschnappt haben und ich dachte, dass er seinen Übergang in das Jenseits wahrscheinlich gespürt hatte. Er wollte sich einfach von mir verabschieden. Ein armer Kerl.
In die Erzählungen über meine Arbeit in der Pflege habe ich bewusst ein paar schwere Fälle eingebaut, damit der Leser einen Eindruck von den täglichen Bemühungen einer Pflegekraft bekommt. Es geht mir auch darum, dem Leser klar zu machen, wie elend und schwer der letzte Lebensabschnitt sein kann und auch ist, wenn man lebenslang die gesunde Lebens- und Ernährungsweise nicht beachtet.
Es gab Pflegefälle, für die wir Schwestern eine volle Stunde gebraucht haben. Das waren Menschen, mit denen man sehr vorsichtig umgehen musste, um Schmerzen zu vermeiden. Bei solchen Fällen konnte man sich auch nicht beeilen und mit jedem musste man auch anders umgehen. Deswegen kann man die Zeit auch nicht pauschal abrechnen!
Es gab ein Ehepaar, das in einer Zweizimmerwohnung lebte. Die beiden waren über 80 Jahre alt. Die Frau, die noch ganz fit war, konnte sich in der Stadt bewegen und alles erledigen. Sie war im Krieg Krankenschwester gewesen. Ihr Mann dagegen, der in jungen Jahren auch ein Fußballspieler war, war ein totaler Pflegefall mit zwei künstlichen Kniegelenken. Seine Behinderung lag nicht nur an den beiden versteiften Knien. Mit Erlaubnis der Oberschwester und der Ehefrau durfte ich ein Knie mit dem künstlichen Gelenk fotografieren. Man konnte auf dem Bild erkennen, dass sich an der Haut am und um das Knie herum Wunden und Narben gebildet hatten. Es ist logisch, dass das künstliche Material des Gelenkes nicht mit dem lebendigen menschlichen Gewebe verschmelzen kann! Es bildete sich mit der Zeit Eiter an der Berührungsstelle, dieser ist ein gefährliches Gift und will heraus. Er drückt an die Haut und verursacht kleine Löcher. Ich habe beobachtet, wie sich ein Loch nach der medizinischen Behandlung geschlossen hatte, aber an der nächsten Stelle weitere kleine Löcher entstanden! Das Knie war voller Narben. Bei der Versorgung dieses Falles habe ich nicht auf die Uhr geschaut, sonst hätte mich der Zeitdruck, unter dem ich gestanden habe, nervös gemacht. Seine Frau sagte mir einmal, dass ich die einzige Schwester sei, bei der ihr Mann während der Versorgung nicht schreit. Ich möchte an dieser Stelle allen Sportlern mitteilen, dass beim Laufen das Vierfache des gesamten Körpergewichts auf ein Knie prallt! Diese Tatsache ist unter anderem die Ursache für Knieprobleme im Alter. Durch den Eiter wird mit der Zeit der ganze Körper vergiftet und der Mensch stirbt schließlich nicht, weil er alt geworden ist, sondern an einer Vergiftung! Aber wer prüft das schon nach dem Tod.
Das Knie mit dem künstlichen Gelenk, total versteift


Ein anderer Fall hat uns Schwestern zweimal am Tag auch fast eine Stunde Zeit gekostet. Das war eine sehr anspruchsvolle, 86-jährige Dame, die querschnittsgelähmt und adipös war. Sie bewegte sich den ganzen Tag mit einem elektrischen Rollstuhl in der Gegend herum. Sie hat mittags die dringende Entlastung des Körpers verweigert und wollte sich nicht ins Bett legen.
Die Folge davon war eine sehr tiefe Wunde am Gesäß. Am folgenden Foto sieht man den nackten Knochen am Steiß. Da die Wunde keine Schmerzen verursachte, wollte die Dame auch nichts davon wissen. In meiner zehnjährigen Arbeit in der Pflege war das der einzige Dekubitus vierten Grades, den ich zu Gesicht bekommen habe – ein Beispiel für die komplett fehlende Entlastung. Über diesen Fall habe ich mit der Oberschwester gesprochen und meinte, wenn die Frau die Wunde auf einem Foto sehen würde, dann würde sie vielleicht der Entlastung mittags doch zustimmen. Die Dame hat mir zwar erlaubt, den Dekubitus zu fotografieren, aber sie wollte das Foto nicht sehen! Es war einfach nichts zu machen. Wir Schwestern waren froh, dass wir die tiefe Wunde mit unserer Sorgfalt überhaupt sauber halten konnten.
Dekubitus vierten Grades mit dem sichtbaren Knochen


Die obligatorische Entlastung im Intimbereich im Zweistundenrhythmus ist die einzige Voraussetzung dafür, dass die Haut intakt bleibt! Bei jedem Menschen, der sich im Bett nicht mehr bewegen kann, entstehen Wunden, und je länger jemand bettlägerig ist, desto tiefer werden die Wunden, wenn er nicht umgelagert wird. Schließlich stirbt das Gewebe bei fehlender Entlastung ab. Man erkennt die abgestorbene Haut an den schwarzen Spuren daran. Auf den folgenden Seiten finden sich weitere Beispiele der fehlenden regelmäßigen Entlastung auf meiner Station.





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In den ruhigen Monaten, in denen ich nicht mehr unmittelbarem Mobbing ausgesetzt war, musste ich immer öfter geteilten Dienst leisten. Der Personalmangel war deutlicher zu spüren als sonst. Der geteilte war der schwierigste von allen drei Diensten. Ich habe ihn immer widerstandslos angenommen und der Leiter musste eigentlich zufrieden mit mir sein. Es ist mir aber nicht entgangen, dass er mich weiterhin auf dem Kieker hatte und mein Gespür hatte mich auch nicht getäuscht. Diese Tatsache wurde mir wieder mal bewusst, als mich das nächste Erlebnis wachrüttelte. Nach einem schweren Spätdienst habe ich vergeblich auf die Nachtschwester gewartet. Erst dachte ich, dass sie sich verspäten würde, also teilte ich für sie die Schlaftabletten an die Bewohner aus. Aber nachdem ich diese verteilt hatte und in das Stationszimmer zurückkam, war sie immer noch nicht da. Dass ich die Station nicht verlassen durfte und die Nachtwache übernehmen musste, wusste ich, das war meine Pflicht, also arbeitete ich weiter. Die Nachtschicht habe ich bei dem Pflegefall begonnen, den ich im Spätdienst um 17:00 Uhr für die Nacht vorbereitet hatte. Dann ging es der Reihe nach weiter. Alle Pflegefälle wurden in der Nacht zweimal gewickelt und gelagert. In dieser Nacht war die verwirrte Frau S. wieder mal unterwegs. Um 22:00 Uhr war sie nicht mehr in ihrer Wohnung und um 23:00 Uhr war sie immer noch nicht da! Ich lief durch alle neun Etagen, während der Nachtportier die Keller durchsuchte, wo er Frau S. in einer Ecke am Boden sitzend und ganz verzweifelt vorfand. Ich habe sie dann in ihre Wohnung begleitet, sie ausgezogen, ihr das Nachthemd angezogen und sie ins Bett gelegt. „Was war los? Wo wollten Sie denn hin?“, fragte ich sie beim Abschied. Sie sagte ganz leise und beschämt: „Ich wollte doch nur zu meiner Tochter.“
Als die Nacht vorbei war, meldete ich beim Leiter, dass die Nachtschwester nicht gekommen war und ich ihren Dienst übernommen hatte. Er war nicht überrascht, sondern erwiderte in einem ganz ruhigen Ton: „Ich weiß, sie hat sich krank gemeldet.“ Und nach einer Weile folgte eine ganz gleichgültige Erklärung: „Ich habe vergessen, eine Vertretung zu organisieren.“ In seiner Stimme war kein Bedauern zu hören und eine Entschuldigung folgte auch nicht. Ich fragte mich, ob es wirklich ein Versäumnis oder doch Absicht gewesen war?! Seine Gleichgültigkeit traf mich und gab mir Anlass nachzudenken. Als ich ins Stationszimmer kam, um den Arbeitsplan für den heutigen Tag zu kontrollieren, sah ich mit Entsetzen, dass ich am selben Tag noch Spätdienst hatte. Ich musste also „schnell schlafen“, um nach den zwei Diensten (!) wieder fit und um 12:30 Uhr wieder hier zu sein. Jetzt wusste ich, dass es seine Absicht und eine Schikane war, dass er mich weiterhin auf dem Kieker hatte und mich fertigmachen wollte. Auf dem Weg in mein Dienstzimmer dachte ich: „Wenn ich gestern nach dem Spätdienst nicht auf die Nachtschwester gewartet und ihren Dienst nicht übernommen hätte, hätte er jetzt einen festen Kündigungsgrund in der Hand, das ist sicher. Das ist einer!“, dachte ich. Als ich pünktlich zum Spätdienst kam, ist er im Flur mit einem Lächeln im Gesicht an mir vorbeigegangen.
Das Mobbing ging weiter. Die geteilten Dienste wurden zum Alltag für mich. Ich habe sie so lange durchgehalten, bis ich eines Tages nicht mehr arbeiten konnte. Ich war am Ende meiner Kräfte. Es fing mit einer Erkältung an, die sich rapide zu einer Bronchitis entwickelte, und ob ich wollte oder nicht, ich musste mich beim Arzt melden.
Kaum war ich krankgeschrieben, da rief mich schon der Leiter zu Hause an und sagte: „Wenn du nicht mehr belastbar bist, dann solltest du dir überlegen, ob du den Arbeitsplatz nicht wechseln möchtest!“, und legte auf. Das war wieder ein Schlag, der gesessen hat. Zu meiner körperlichen Belastung kam jetzt zusätzlich die seelische dazu. Ich war am Ende.
Bei der nächsten Visite beim Hausarzt schickte dieser mich gleich zum Lungenarzt weiter. Die Lage war ernst. Das Röntgenbild zeigte Änderungen in der Lunge. Als der Lungenarzt mir Medikamente verschreiben wollte, fragte ich ihn ganz unsicher: „Bitte, darf ich die schulmedizinische Behandlung verweigern?“ Der erfahrene Arzt schaute mich nachdenklich an und wartete auf eine Erklärung. „Ich möchte mich an einen Heilpraktiker wenden, der meinem Neffen vor zwölf Jahren das Leben gerettet hat, dieser hatte Leukämie und er lebt heute noch.“ Der Arzt sagte nur: „Ich habe nichts gegen Mittel, die helfen.“ Ich war gerettet und sehr erleichtert zugleich. Ich bedankte mich für sein Verständnis und ging. Sein Verständnis und seine Toleranz, aber vor allem die Tatsache, dass der Arzt sich nicht beleidigt gefühlt und mit Wut oder Ignoranz reagiert hatte, tat mir gut.
Zu Hause angekommen, habe ich sofort Pater Ober angerufen. Das war das erste Mal, dass ich mich hier in Deutschland an ihn gewendet habe, und zwar mit vollem Vertrauen. Ich war überrascht, dass ich ihm nicht viel sagen musste. Er hat auch keine einzige Frage gestellt, ihm hat die Information gereicht, dass ich mich beim Lungenarzt hatte melden müssen. Die fernangeordneten Medikamente sind bei mir in drei Tagen angekommen. Es folgte eine schwere Zeit für mich. Ich war dermaßen geschwächt, dass ich mich nicht selber versorgen konnte. In der Not hat mir meine treue Schwester wieder geholfen. Sie ist jeden Tag mit dem Bus aus Neuaubing zu mir gekommen und hat das Mittag- und Abendessen für mich vorbereitet. Das waren schmackhafte Salate – bei meiner Appetitlosigkeit habe ich sowieso nichts anderes essen können, und das, was sie vorbereitet hatte, war eine Vitaminbombe, also aß ich es.
Jeden Tag habe ich zweimal um die gleiche Zeit das Fieber gemessen, das nicht hoch war, und zweimal den Blutdruck, der erschreckend war und mir Angst einjagte. Beide Werte lagen über 100. Es ging mir dabei dermaßen schlecht, dass ich dachte, ich müsse sterben. Ich habe den ganzen Tag resigniert, hoffnungslos und total geschwächt im Bett verbracht. Nach wenigen Tagen hat mich überraschenderweise Pater Ober angerufen! Er sagte ganz direkt zu mir: „Sie sollten nicht ständig im Bett liegenbleiben, sondern sich an der frischen Luft bewegen!“ Das war alles, er legte gleich auf. Der Anruf hatte mich doch verblüfft. Es ist mir klar geworden, dass Pater Ober mich überwachte! Ich war sehr geschwächt, aber nach dem Anruf habe ich mich zusammengerissen und bin in die kleine Parkanlage vor meinem Haus gegangen. Ab diesem Tag habe ich mich bemüht, mich zweimal pro Tag an der frischen Luft zu bewegen und tief zu atmen. Als ich mich nach langer Zeit beim Lungenarzt melden musste, machte dieser ein Röntgenbild zur Kontrolle. Die Lunge war einwandfrei und der Arzt staunte. Als ich ihm gesagt habe, dass der Heilpraktiker mich gar nicht gesehen hatte, war sein Staunen noch größer und er wollte wissen, wie das möglich war. Ich sagte nur kurz, dass Pater Ober eine Ferndiagnose und -behandlung angewendet hatte. Mehr konnte ich ihm sowieso nicht sagen, weil ich damals noch nicht wusste, wie ich es ihm genauer erklären konnte. Der Lungenarzt war sehr freundlich zu mir, er hat mich sogar in ein Sanatorium geschickt.
Die Hilfe, Treue und Fürsorge meiner einzigen Schwester hat mir in den ersten Jahren meines Aufenthaltes in Deutschland ein warmes Gefühl gegeben und die Gewissheit, dass ich in der Fremde, in der neuen Heimat, doch nicht alleine bin.
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Das Sanatorium befand sich in Todtmoos in einer herrlichen Gegend des Schwarzwaldes, mitten im Wald. Man konnte meinen, in dieser herrlichen Gegend und frischen Luft konnte man den ganzen Tag im Wald verbringen, es war ja ein Aufenthalt in einem Sanatorium. Dem war aber leider nicht so! Obwohl ich alle erforderlichen Ergebnisse der verschiedenen Untersuchungen mitgebracht und abgegeben hatte, wurde ich jeden Tag einer neuen Untersuchung unterzogen. Jeden Vormittag musste ich in einem Flur lange darauf warten, die Zeit danach war zu knapp, um einen Spaziergang im Wald zu unternehmen. Dafür gab es dreimal in der Woche Atemgymnastik im Hof des Sanatoriums, unmittelbar vor dem Mittagsessen für dreißig Minuten. Auch dreimal in der Woche haben wir Patienten uns in einer Turnhalle zur Atemgymnastik nachmittags versammelt, diese dauerte eine Stunde lang. Die Bewegung, die Spaziergänge im Wald und in den Bergen wären aber die bessere Atemgymnastik gewesen, wenn es einen Führer gegeben hätte. Diese Wanderungen im Wald durch die bergige Gegend, die es nie gegeben hat, habe ich sehr vermisst. Ob die anderen Patienten den Aufenthalt in der herrlichen Umgebung auch so wie ich empfanden? Das habe ich bezweifelt. Unmittelbar vor dem Hauptgebäude des Sanatoriums haben sich jeden Tag nach dem Mittagsessen die Raucher in einer Ecke versammelt, diesen Leichtsinn habe ich überhaupt nicht verstanden. Sie wirkten zufrieden und plauderten miteinander.
Der Aufenthalt in dem Sanatorium hat mir trotz allem gut getan, ich konnte ruhen. Meine Lunge hat sich in der kurzen Zeit doch erholt. Nach der Rückkehr nach München war ich gestärkt und wieder einsatzfähig für den schweren Dienst.
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Mit Bangen bin ich zurück in meine Arbeit gekommen und so, wie ich es vermutet hatte, hat sich an den Arbeitsumständen in meiner Gruppe leider nichts verändert. Im Frühdienst konnte ich nur zwei Tage normal arbeiten, das heißt bei voller Besetzung mit drei Schwestern. Schon am dritten Tag fehlte die dritte Pflegekraft und alles ging wieder von vorne los. Wir arbeiteten im Frühdienst wieder zu zweit. Zusätzlich kam der Pflegedienstleiter eines Tages mit der Information zu uns, dass es keine zusätzlichen freien Tage mehr gibt. Somit haben sich unsere Arbeitsbedingungen noch weiter verschlechtert.
Dass der Leiter mich weiterhin loshaben wollte, spürte ich jeden Tag an seinem Benehmen mir gegenüber, und seinem falschen Lächeln traute ich auch nicht. Die Gefahr verspürte ich jeden Tag, weil sie einfach in der gesamten Atmosphäre lag. Ich musste weiterhin auf der Hut sein. Da er mir bis dahin in den vielen Jahren immer noch keinen beruflichen Fehler hatte nachweisen können, fürchtete ich jetzt seine Tricks, die er weiterhin anwenden konnte. Dieser Situation war ich nicht gewachsen, sie machte mich seelisch fertig. Ich habe angefangen, nach jedem Dienst den Dienstplan darauf zu kontrollieren, ob er nicht in letzter Minute geändert worden war, ohne dass mich der Leiter darüber informiert hätte. Erst dann habe ich die Station verlassen. In dieser Zeit, in der wir alle vom Personalmangel betroffen waren und unsere Pflegefälle notgedrungen nur „abgefertigt“ wurden, haben wir unser Leben zwischen den Diensten und dem eigenen Bett verbracht, um am nächsten Tag den Dienst schaffen zu können.
Die Leitung des Hauses wusste natürlich nicht, unter welchen Umständen wir unsere Pflichten bewältigen mussten. Ich saß einmal alleine mit der Oberschwester im Dienstzimmer zusammen und wir redeten über die Arbeitsumstände. Da hörte ich auch, dass unser Leiter oft gefragt wurde, wie es in der Pflege läuft und ob er nicht mehr Pflegekräfte braucht, aber er hat nicht zugegeben, dass es an Schwestern mangelte. Er hat immer nur behauptet, dass er alles im Griff hätte. Das hat die Oberschwester natürlich genervt. Darüber mit ihm zu reden wagte sie jedoch nicht. Die Fluktuation der Pflegekräfte im Haus ist der Leitung des Altenheimes aber doch nicht entgangen, sie machte sich darüber Gedanken, wie man dieser vorbeugen könnte. Und noch jemand machte sich Gedanken darüber, und nur diese eine Person ist auf die Idee gekommen, unmittelbar mit uns Schwestern zu sprechen, um an den Kern der Sache zu kommen, nämlich die Witwe des Gründers des Hauses, eine Frau mit einer großen Lebenserfahrung und Menschenkenntnis. Sie hat uns einmal zu einem Treffen in das Café eingeladen, um mit uns zu sprechen. Zu diesem Treffen sind Schwestern gekommen, die ihren Frühdienst gerade beendet hatten. Wir hatten uns gerade am Tisch versammelt, da sah ich die Oberschwester kommen! Dass sie wegen mir gekommen war, konnte ich mir denken. Sie wusste, dass ich über unsere Arbeitsverhältnisse nicht schweigen würde. Mit ihrem Kommen hat die Oberschwester uns allen den Mund verboten. Auch ich wollte mich nicht mit ihr anlegen. Ich war gespannt, ob sie etwas über unsere Arbeitssituation sagen würde. Da sie kein Wort über unsere schweren Arbeitsbedingungen verlor und das Gespräch nicht mal die Situation berührte, wusste ich, dass sie den Leiter in Schutz nahm. Also hatte sie doch Angst vor ihm und wollte ihn nicht bloßstellen. Das fand ich gar nicht gut, weil wir alle unter der Verschwiegenheit litten, die Schwestern wie auch die Pflegefälle. Also ist nichts geschehen. Die einzige Person, die die Wahrheit erfahren wollte, die Witwe des Gründers, hat nichts erfahren. Ihr Versuch ist gescheitert. Ich habe mich natürlich gefragt, warum die Oberschwester den Leiter in Schutz nahm. Weil er ihr Vorgesetzter war? Oder hatte er von dem Treffen gewusst und sie hingeschickt? Wie auch immer es gewesen war, das Treffen mit der Witwe hat unsere schweren Arbeitsverhältnisse nicht ins rechte Licht gerückt und alles blieb beim Alten. Auch die hohe Fluktuation im Haus ist geblieben, weil die neuen Schwestern die ständige Überlastung und Überforderung nicht in Kauf nehmen wollten und gingen. Jedes Mal, wenn eine junge Schwester uns verlassen wollte, habe ich sie unschuldig gefragt, warum sie ging, obwohl ich den Grund genau kannte. Die Antworten waren immer die gleichen: „Ich lasse mich doch nicht kaputt machen!“, war die erste. „Und was willst du jetzt machen?“, fragte ich unschuldig weiter. „Jaaa, erstmal werde ich mich natürlich ein paar Monate ausruhen! Dann sehe ich weiter, und ob ich überhaupt in dem Beruf bleibe, weiß ich noch nicht.“
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Das Phänomen der Begründung, „sich nicht kaputt machen lassen wollen“, habe ich schon in der Fachschule von Anfang an beobachten können. Nach jedem Arbeitsblock ist ein Schüler weniger in die Schule gekommen. Er hat nicht nur die Schule verlassen, sondern gleichzeitig auch den Arbeitsplatz gekündigt. Was dabei interessant war: Das waren nicht die Ausländer! Das war die deutsche Jugend, die schnell begriffen hat, dass unser Beruf gesundheitsschädlich ist. Die Leitung des Hauses musste sich genauso stark um neue Arbeitskräfte bemühen, wie alle anderen Altersheime der Stadt München auch, denn was zu meiner Zeit in diesem noblen Haus mit einem Personalschlüssel von 1:1 fehlte, waren die obligatorischen, monatlichen Meldungen der Pflegedienstleitung an die obere Leitung des Hauses, wie viele Personen aus dem Wohnbereich von der Pflege übernommen wurden, damit die Leitung auch sofort dieselbe Zahl von neuen Pflegekräften einstellen konnte, um den Schlüssel zu erhalten. So wäre es nicht zur Überarbeitung, zu den geteilten Diensten und der hohen Fluktuation der Pflegekräfte gekommen.
Der Kalender zeigte das Jahr 1994. Es war Sommer. Die Leitung des Hauses war wie jedes Jahr um diese Zeit wieder mal dabei, ein Fest zu organisieren. Es sollten die Pflegekräfte geehrt werden, die fünf Jahre Arbeit im Hause hinter sich hatten. Die Feier mit einer Geschenkübergabe hat jedes Jahr in der evangelischen Kirche stattgefunden, die unmittelbar gegenüber dem Haus stand. In dieser Kirche wurde jeden Sonntag eine Messe abgehalten, an der die gesunden Bewohner teilnehmen konnten. In diesem Jahr war ich auch dabei. Die Feier selbst wurde sehr schön gestaltet. Dafür hat sich schon die entsprechende Abteilung des Hauses gekümmert. Sie begann mit einer Messe an einem sonnigen Nachmittag. Nach der Messe hat man alle Personen, die geehrt werden sollten, vor den Altar gebeten. Man hat uns mit einer goldenen Kette mit Anhänger beschenkt. Diese wurde uns in einem weißen Etui übergeben. Der Anhänger zeigte den griechischen Buchstaben Phi, der Brüderlichkeit symbolisiert. Die Zeremonie der Geschenkübergabe zelebrierte ein Herr aus der Gewerkschaft.
Es war ein feierliches und schönes Erlebnis. Zum Schluss gab es ein Glas Sekt im Foyer des Hauses.
Die Ehrung der Pflegekräfte in der evangelischen Kirche im Jahre 1994


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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
588 s. 247 illüstrasyon
ISBN:
9783958408418
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