Kitabı oku: «Das Geheimnis des Medaillons»
Marie Louise Fischer
Das Geheimnis des Medaillons
Roman
SAGA Egmont
Das Geheimnis des Medaillons
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1963 by Hestia Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711718483
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
1
Das Unwetter dauerte schon drei Tage. Unaufhörlich schlugen die gelbgrauen Wellen die Deiche hinauf. Vom Festland war nichts zu sehen. Rings um die Insel herrschte eine eigenartige Dämmerung, die Himmel, Erde und Meer nicht unterscheiden ließ. Der Sturm jagte Wolkenfetzen, riß an den niedrigen strohgedeckten Dächern des Fischerdorfes.
Drinnen in der Wirtsstube des Deichkruges brannte ein Torffeuer. Der große holzgetäfelte Raum mit der tiefen Decke war warm erleuchtet. Wiebke Jans, die Wirtin, stand rund und prall hinter dem Schanktisch und bereitete dampfenden Teepunsch.
Die Burschen hockten mit mürrischen Gesichtern beieinander, wußten nichts Rechtes mit sich anzufangen. Ole Peters klapperte mit den Würfeln in der Tasche, versuchte seine Freunde zu einem Spiel zu ermuntern; aber niemand zeigte Lust.
»Tranfunzeln seid ihr, alle miteinander«, sagte er ärgerlich. »He, Frau Wirtin, noch eine Runde! Auf meine Rechnung – aber tu mehr Rum als Wasser in den Punsch, du weißt: Wasser ist nicht gesund für die Nieren.«
Das Gelächter seiner Freunde klang schwach.
Ole Peters drehte sich um und sah einen der beiden Männer an, die im Hintergrund des Raumes dicht beim Feuer saßen. »Wie ist es, Jakobus Schwenzen«, sagte er herausfordernd, »jetzt kannst du mal zeigen, ob du bist, was du vorgibst. Mach uns ein besseres Wetter, dann will ich auch an deine Kunst glauben.«
Seine Freunde lachten, verstummten aber sofort, als Jakobus Schwenzen seinen stechenden Blick auf sie richtete. »Du redest, wie du’s verstehst«, sagte er langsam, »aber ich versichere dir: Schon mancher hat Jakobus Schwenzen verspottet und ist vierundzwanzig Stunden später angekrochen gekommen, ihn um Hilfe zu bitten.«
Ole Peters wollte eine trotzige Antwort geben, aber Wiebke Jans, die die Gläser mit Punsch auf den Tisch setzte, ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Sei still«, sagte sie, »versündige dich nicht …«
Frank Ostwald, der junge Mann neben Jakobus Schwenzen, warf eine Geldmünze auf den Tisch. »Zahlen!« Auf seiner Stirn zeigte sich eine steile Falte.
Jakobus Schwenzen beugte sich vor. »Sie wollen doch nicht im Ernst – bei dem Wetter?«
»Mein Vater erwartet mich.«
Die Wirtin kam näher, strich die Münze ein. »Versucht’s nur«, sagte sie, »aber Ihr werdet es nicht schaffen. Beide Fähren sind seit drei Tagen eingestellt – bis zum Harmshof kommt Ihr nie.«
»Ich werde mir ein Boot leihen.«
Die Wirtin warf einen bewundernden Blick auf seine hohe Gestalt, die breiten, kräftigen Schultern. »Euch trau’ ich es zu«, sagte sie, »Euch und sonst niemand. Aber«, fügte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu, »ob es Antje Nyhuus recht ist, wenn Ihr das Leben wegen nichts und wieder nichts aufs Spiel setzt?«
»Seid vernünftig, Herr«, sagte Jakobus Schwenzen, »trinkt lieber noch einen mit mir. Es ist besser, bei diesem Wetter unterm Dach zu bleiben. Ich weiß wohl, Ihr glaubt nicht an irgendwelchen Spuk. Aber ich sage Euch, in einer Nacht wie dieser, wo die Elemente sich gegen die Ordnung aufbäumen, in die sie gebannt sind, da gehen auch böse Geister um. Sie liegen auf der Lauer und wollen ihr Opfer haben. Hört nur, wie sie wimmern und ächzen, die verfluchten …«
Er hob die Hand, legte den Kopf mit halbgeschlossenen Augen in den Nacken.
Unwillkürlich lauschten alle – die jungen Burschen mit weit aufgerissenen Augen, die Wirtin schaudernd und Frank Ostwald mit ärgerlicher Ungeduld aber auch er konnte sich der Faszination, die von den Worten und Gebärden dieses seltsamen Mannes ausging, nicht ganz entziehen.
In diesem Augenblick fegte eine besonders starke Sturmbö heran. Das alte Haus, das Hunderte von Unwettern und Springfluten überstanden hatte, schien in seinen Grundfesten zu beben.
Dann flog die Tür zur Wirtsstube mit so gewaltigem Schwung auf, daß sie fast aus den Angeln gerissen wurde. Ein Strom eiskalter Luft drang in den Raum. Die Burschen waren aufgesprungen. Jakobus Schwenzen machte eine beschwörende Geste zur Tür hin. In dieser Sekunde hatte jeder das Gefühl, daß etwas Ungeahntes geschehen müßte.
Frank Ostwald hatte sich als erster gefaßt. Er ging mit großen Schritten zur Tür, wollte sie schließen – da taumelte ein junges Mädchen herein, wankte zum Schanktisch, brach fast zusammen.
Die jungen Burschen wichen zurück. Wiebke Jans preßte erschrokken die Hand vor den Mund.
»Das hätte ich mir denken können!« murmelte Jakobus Schwenzen vernehmlich.
Frank Ostwald drückte die Tür ins Schloß. Er stemmte sich mit der Schulter dagegen, bis sie eingeschnappt war.
»Undine Carstens«, sagte die Wirtin, »was suchst du hier? In dieser Nacht?«
»Mein Vater«, stammelte das junge Mädchen mit zitternden Lippen, »es geht ihm sehr schlecht – einen Arzt …«
Die Stille draußen löste sich, der Sturm setzte in gewohnter Stärke ein. Die Burschen begannen, als ob ein Bann gebrochen wäre, albern zu lachen.
»Du hast uns schön erschreckt, Jakobus Schwenzen«, rief Ole Peters, der am lautesten lachte. »Spuk und Geisterkram – und das alles wegen einer kleinen Dirn. Mit so einer lütten Hexe werden wir noch allemal fertig.«
»Der Doktor ist selber krank, weißt du das nicht?« sagte die Wirtin zu dem Mädchen. »Er wird deinem Pflegevater nicht helfen können.«
»Aber er muß!« rief Undine verzweifelt und warf ihr einen flammenden Blick zu. »Lassen Sie mich mit ihm telefonieren. Er muß kommen.«
Die Wirtin zuckte die Schultern, drehte die Scheibe des Telefons, das hinter dem Schanktisch stand, stellte eine Verbindung zu dem alten Doktor her, gab Undine den Hörer. »Hier hast du ihn, aber du wirst schon sehen …«
Undine nahm den Hörer, gab Wiebke Jans ein Geldstück, begann aufgeregt zu sprechen.
Die Wirtin ließ das Geld in die Schublade des Schanktisches verschwinden.
»Sehr unvorsichtig!« raunte Jakobus Schwenzen kopfschüttelnd. »Wiebke Jans hätte besser daran getan, sich da nicht einzumischen. Wer von einer Hexe was annimmt, gerät in ihre Gewalt.«
Frank Ostwald starrte den anderen an. »Sie wollen doch nicht behaupten, dieses hübsche junge Mädchen wäre eine Hexe?«
»Sie sind fremd hier, Herr, deshalb wissen Sie’s vielleicht nicht. Aber glauben Sie mir, es ist, wie ich es sage. Sie ist eine Hexe, eine wahre Teufelsbraut. Fragen Sie, wen Sie wollen. Fragen Sie das Mädchen selber. Sie leugnet es ja gar nicht.«
Frank Ostwald holte tief Atem. »Das ist wirklich der verdammteste Unsinn, den ich je gehört habe«, sagte er schroff.
Undine hatte aufgelegt. »Danke, Wiebke Jans«, sagte sie.
»Na, hat es geklappt?« fragte die Wirtin gutmütig.
»Er wird den Badearzt verständigen.«
»Wenn der man kommt.«
»Er muß«, sagte Undine und warf ihr langes schwarzes Haar mit einem Ruck in den Nacken. Sie war sehr schön, wie sie so dastand, rank und schlank und hochaufgerichtet, die roten, geschwungenen Lippen leicht geöffnet, die schwarzen, großen Augen voller Glut.
Die Burschen standen dicht beieinander und starrten sie an. Jeden gelüstete es, das Mädchen in die Arme zu nehmen.
Ole Peters, der Kühnste von ihnen, hatte ein Geldstück in die Musikbox geworfen. Der Automat dudelte los. Ein wilder Cha-Cha-Cha peitschte den Burschen Mut ein.
Undine wollte zur Tür.
John Manners, Ole Peters’ bester Freund, vertrat ihr den Weg. »Na, wie wär’s, schöne Hexe?« sagte er. »Ein Tänzchen gefällig?« Er faßte sie bei den Handgelenken.
Sie versuchte sich loszureißen, aber der Griff seiner Hände war eisern.
»Nicht doch, nicht doch«, spottete er, »wir können’s wie der Teufel, du wirst sehen!« Er drehte sie ein paarmal, schleuderte sie dann mit heftigem Schwung einem seiner Kumpane zu, die sich in weitem Kreis um ihn und das Mädchen gestellt hatten.
Undine wäre fast gefallen, aber einer riß sie hoch und schleuderte sie fort – direkt in die Arme von Ole Peters. Der preßte sie an sich, wollte seine Lippen auf ihren atemlos geöffneten Mund drükken, aber sie wandte blitzschnell den Kopf zur Seite, und er traf nur ihre Wange. Sie versuchte ihn von sich zu stoßen, doch er dachte nicht daran, nachzugeben, packte sie noch fester.
»Laß das, Ole Peters! Ausgerechnet, wo ihr Vater krank ist!« rief die Wirtin ärgerlich, aber nicht gerade mit großem Nachdruck.
Undines dunkle Augen schweiften hilfesuchend durch den Raum, blieben an Frank Ostwalds ruhigem Blick haften. Ohne sich über seine Beweggründe Rechenschaft zu geben, stand er auf, ging auf die Kämpfenden zu.
»He, laß sie los, du!« rief er energisch.
Unwillkürlich lockerte Ole Peters seinen Griff, wandte sich Ostwald zu. »Kümmere dich um deinen eigenen Mist …«
Er kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen.
Undine hatte die Sekunde der Unaufmerksamkeit genützt, sich aus seiner Umarmung zu befreien. Jetzt schlug sie ihm mit aller Kraft ins Gesicht. »Du wirst noch an mich denken!« schrie sie außer sich vor Zorn. Dann bückte sie sich geschmeidig, hob ihr Schultertuch auf und hatte die Tür schon aufgerissen, ehe die anderen sich von ihrer Überraschung erholt hatten.
Ole Peters rieb sich verdutzt die schmerzende Wange, seine Freunde lachten schadenfroh. Er wurde rot vor Wut, holte aus und traf seinen Freund John Manners mit der Faust aufs Ohr.
Frank Ostwald riß ihn am Kragen zurück. »Genug. Du bist ja betrunken.«
Ole Peters fuhr herum, wollte auf Frank Ostwald losgehen, aber der war zehn Jahre älter als er, größer und stärker. Trotz seines Zorns begriff er, daß es nicht klug war, sich mit diesem Riesen anzulegen.
»Mach dich nicht unglücklich, Ole Peters«, sagte die Wirtin, »Herr Ostwald hat ganz recht. Du hast zuviel getrunken. Ich will keinen Ärger wegen euch Kroppzeug haben. Macht, daß ihr nach Hause kommt. Von mir kriegt ihr jedenfalls keinen Tropfen mehr.«
Die Burschen schoben, leicht schwankend, die Hände in den Hosentaschen, zur Tür.
Jakobus Schwenzen war nach vom gekommen. »Warte, Ole Peters«, rief er, »warte, bis ich dir das Mittel gebe! Ich würde an deiner Stelle nicht nach draußen gehen, ehe der Fluch der Hexe gebrochen ist.«
»Dummes Zeug«, knurrte Ole Peters, ohne sich umzusehen, und ging stur zur Tür.
»Also wirklich, Ole Peters«, sagte die Wirtin. »Wie kann man nur so sein. Sei doch froh, daß Herr Schwenzen gerade hier ist. Du hast selber gehört, wie sie dir geflucht hat. ›Du wirst an mich denken‹, hat sie gesagt, und das bedeutet etwas.«
Die anderen stießen Ole Peters an, wollten ihn bewegen, zurückzugehen. Aber er dachte nicht daran. Er war zu sehr in seiner männlichen Eitelkeit verletzt, fühlte sich lächerlich gemacht. Um keinen Preis der Welt hätte er zugegeben, daß er sich fürchtete. Er stieß die Tür auf, trat ins Freie.
Jakobus Schwenzen hob die Hände, ließ sie resigniert wieder sinken. »Ich denke, ich gehe ihm doch lieber nach, daß kein Unglück geschieht«, sagte er und tauschte einen Blick des Einverständnisses mit der Wirtin. »Nichts für ungut, mein Herr.« Er nahm Hut und Wettermantel und verließ die Wirtsstube.
Undine rannte, den Kopf geduckt, das Schultertuch fest über der Brust zusammengezogen, keuchend den Deich entlang. Ihr Ziel war das alte Leuchtfeuergebäude, in dem ihr Pflegevater Tede Carstens lebte. Zu normalen Zeiten konnte man das einsame Haus vom Fischerdorf aus sehen, aber jetzt war vor und hinter ihr nichts als das rasende Unwetter.
Nur hin und wieder gab eine treibende Wolkenschicht den Mond frei, gleich darauf wurde es wieder pechschwarz. Heulende Böen drohten das Mädchen vom Deich herunterzudrängen; sie schluchzte laut.
Der Mann auf dem Kraftrad hatte Undine schon fast erreicht, als sie den Lärm des Motors unterscheiden konnte. Sie glaubte, entfliehen zu können, und schritt rascher voran. Aber das Motorgeräusch kam näher und näher, und sie begriff, daß Flucht aussichtslos war.
Sie blieb stehen, sah den Scheinwerfer dicht hinter sich, wich unwillkürlich zur Seite und merkte zu spät, daß sie in eine Falle geraten war; sie stand zwischen dem Motorrad und dem Meer.
Sie zitterte am ganzen Körper. Gischt spritzte gegen ihre nackten Beine, durchnäßte ihren Rücken. Es war eiskalt. Ihre Finger klammerten sich krampfhaft um die Stablampe, die sie aus der Tasche ihres Rockes gezogen hatte.
»Sitz auf!« sagte der Mann auf dem Motorrad.
Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, weil der Scheinwerfer sie blendete, aber sie erkannte an der Stimme, daß es nicht Frank Ostwald war, der sie verteidigt, und auch nicht Ole Peters, der sie belästigt hatte.
Unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen, schüttelte sie stumm den Kopf.
»Na, komm schon!« sagte der Fremde mit erhobener Stimme, um das Gebrüll von Wogen und Sturm zu übertönen. »Brauchst keine Angst zu haben. Ich meine es gut mit dir. Sitz auf, und ich bring’ dich nach Hause.«
Die Stimme des Fremden hatte gutmütig geklungen, um Vertrauen werbend. Dennoch erkannte sie instinktiv, daß er ein Feind war.
Sie nahm allen Mut zusammen. »Nein«, rief sie, »nein!«
»Na, was ist denn? Du wirst mich doch nicht fürchten?« Er streckte die Hand nach ihr aus.
Sie zuckte zurück, wäre beinahe auf dem lehmigen Grund ausgeglitten und den Deich hinuntergestützt. »Laß mich in Ruhe!« schrie sie. »Fahr weiter – laß mich in Frieden!«
»Sieh einmal an!« Die Stimme des Fremden hatte plötzlich ihren gutmütigen Klang verloren, war höhnisch und böse. »Die Hexe fürchtet sich vor ihrem Meister.«
Jetzt wußte Undine, wer der Mann war, der sie verfolgte: Jakobus Schwenzen, den man den »Hexenbanner« nannte! Mit dieser Erkenntnis kam seltsamerweise ihr Selbstvertrauen zurück. Jetzt, da sie die Absicht des anderen zu ahnen begann, schien er ihr nicht mehr so gefährlich.
»Laß mich vorbei, Jakobus Schwenzen«, sagte sie und hatte ihre Stimme fast wieder in der Gewalt, »ich muß zu meinem Vater. Du weißt, er ist sehr krank. Willst du seinen Tod auf dein Gewissen laden?«
»Ich muß mit dir sprechen, Undine«, drängte Jakobus Schwenzen, »hier, wo uns niemand hört und sieht.«
»Ein andermal!«
»Nein. Hier und jetzt. Ich brauche dich, verstehst du? Ich brauche dich, weil du eine Hexe bist.«
»Nein!« schrie sie gequält. Der Sturm riß ihr das Wort aus dem Mund.
»Du weißt es selber, es hat gar keinen Zweck, wenn du dich verstellst. Aber mir bist du gerade recht, so wie du bist. Ich möchte dir einen Vorschlag machen. Hör mich an: Du und ich, wir beide sollten zusammenarbeiten. Das würde ein Geschäft! Natürlich laß ich dich mitverdienen. Es soll dein Schaden nicht sein. Sieh dich doch nur einmal im Spiegel an. Ein Mädchen wie du! Was könntest du aus dir machen mit ein bißchen Geld.«
Er hatte den Motor abgestellt, rutschte vom Sattel und stand jetzt dicht bei ihr. Der Scheinwerfer war erloschen, es war dunkel um sie.
»Schöne Kleider«, fuhr er fort, »Schuhe mit so hohen Absätzen, Pelze, Schmuck, seidene Strümpfe. Wenn du schon eine Hexe bist, warum profitierst du nicht von deinen Künsten? Warum läßt du dich von den Dummköpfen verspotten? Zeig ihnen, wer du bist. Wenn wir zusammenarbeiten, sind sie verloren. Wir werden alles haben – Reichtum, Macht. Du kannst dich rächen! Hast du dir das nicht oft gewünscht? Rache?«
Machten seine Worte Eindruck? Kamen sie Undines geheimen Gedanken entgegen? Undine sagte weder ja noch nein. »Mein Vater«, stieß sie hervor, »er wartet auf mich. Ich muß …«
»Laß ihn warten! Was kümmert er dich? Ein alter Mann. Du weißt genau, er ist nicht dein Vater, er ist nicht einmal mit dir verwandt …« Jakobus Schwenzen hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da brach er ab, denn er spürte, daß er einen schweren Fehler begangen hatte. Aber es war schon zu spät.
»Geh!« schrie sie und stieß ihm heftig mit der Faust vor die Brust. »Laß mich gehen – du!«
Sie wollte an ihm vorbei, aber er ließ sein Motorrad fallen, packte zu und hielt sie mit beiden Armen fest. Sie warf den Kopf zurück, um sich zu befreien. Aber er umklammerte sie um so fester, zwang sie in die Knie, warf sie zu Boden.
Sie schrie wild wie ein gepeinigtes Tier. Aber ihr Schrei ging unter im Lärm der Sturmnacht. Ihre Abwehr, die nicht einen Atemzug lang erlahmte, steigerte nur noch seine Zudringlichkeit. Er preßte ihre Schultern gegen den Boden.
Da ertastete ihre Hand etwas Metallisches. Es war die Stablampe, die ihr bei Beginn des Kampfes entfallen war. Sie hatte eine Waffe.
Sie entspannte sich, machte sich schlaff in seinen Armen. Und als er glaubte, ihren Widerstand gebrochen zu haben, da riß sie die Hand hoch und schlug die Stablampe mit aller Kraft auf seinen Schädel.
Es gab ein hartes, häßliches Geräusch. Er stöhnte dumpf und ließ von ihr ab.
Sie sprang auf die Füße und rannte davon, ohne sich noch einmal umzusehen. »Vater«, rief sie schluchzend, »Vater …!«
Die Wirtin Wiebke Jans lauschte auf das Toben des Sturms. »Das Wetter wird heute nacht umschlagen«, sagte sie, »ich spüre es in meinen Knochen. Morgen früh ist es ganz klar.«
»Hoffen wir’s«, sagte Frank Ostwalď gelassen, »es würde auch langsam Zeit. Seit drei Tagen bin ich nun schon vom Harmshof fort. Mein Vater wird sich Gedanken machen.« Er war nun doch als einziger Gast geblieben und hatte sich ein Buch aus seinem Zimmer geholt.
Wiebke Jans kam näher, beugte sich über seine Schultern. »Daß Ihr das alles in Eurem Kopf behalten könnt«, sagte sie, als sie die physikalischen Formeln und Zeichnungen sah, »so ein Kram. Für was soll denn das gut sein?«
»Wenn ich es schon im Kopf hätte, brauchte ich es nicht mehr zu lesen«, sagte er mit einem Lächeln, »aber lernen muß ich es wohl, sonst lassen mich meine Professoren durch die Prüfung fallen. Das wäre schlecht.«
»Ich an Eurer Stelle«, sagte die Wirtin, »ich würde mir nicht den Kopf heiß machen lassen. Ich würde möglichst bald die Antje Nyhuus heiraten und …«
»Soweit ist es noch nicht«, unterbrach er sie, »und was für Achtung sollte ein Mädchen vor einem Mann haben, der sich auf ihren Hof setzt und es sich gutgehen läßt? Vielleicht mögen andere anders denken, aber unsere Art ist das nicht.«
»Man sagt …« Wiebke Jans beobachtete den jungen Mann wohlgefällig, »Ihr hättet oben in Ostpreußen eigenen Grund und Boden gehabt, und wenn ich Euch so ansehe, dann möchte ich es glauben.«
»Das ist vorbei!« sagte Frank Ostwald. »Mein Vater kommt wohl noch manchmal ins Sinnieren, wenn er daran denkt, aber ich kann mich an nichts mehr erinnern – außer an die Pferde, ja, an die schönen wilden Pferde, aber an mehr nicht. Nein, es hat keinen Zweck, in der Vergangenheit herumzuwühlen. Wir leben hier und jetzt, und damit müssen wir uns abfinden.«
Er beugte seinen Kopf wieder über das Lehrbuch, um der Wirtin zu zeigen, daß für ihn das Gespräch beendet sei.
Aber Wiebke Jans war nicht so leicht abzuschütteln. »Und der Harmshof?« bohrte sie weiter. »Glaubt Ihr nicht, daß Ihr den einmal übernehmen könnt? Die Bauersleute sind doch schon alt, und seit ihnen der einzige Sohn davongelaufen ist … Oder warten die Alten immer noch auf ihn?«
Frank Ostwald zuckte die Achseln. »Wer will wissen, was in so alten Leuten vor sich geht. Eines steht aber fest: Mein Vater und ich, der ich auf dem Harmshof aufgewachsen bin, wir sind für den Bauern und seine Frau immer noch Fremde. Obwohl mein Vater seit Kriegsende den Hof für sie verwaltet, obwohl sie nie unfreundlich zu uns sind. Als Fremde sind wir gekommen, und Fremde bleiben wir wohl auch – bis wir sterben. Da ist es gut«, er klopfte auf sein Buch, »wenn man sich sein eigenes Lebensziel steckt und sich nicht von allerlei Hoffnungen und Berechnungen verwirren läßt«.
Der Sturm heulte mit neuer Kraft um das Haus im Deichwinkel. Die Wirtin schauderte. »Grad’ so eine Nacht war es, als mein Uwe ertrank, mein Uwe und Peer Peters, Ole Peters Vater. Anno dreiundvierzig war es und eine Nacht wie heute. Damals«, sagte sie und rieb sich die Hände nahe beim Feuer, »damals ist auch Undine zu uns gekommen, die Hexe, wie sie genannt wird …«
Er hob den Kopf. »Ach«, sagte er, »Sie können sich noch daran erinnern?«
»Als wenn ich je vergessen könnte! So eine Nacht, und alle saßen sie hier beieinander im Deichkrug und tranken und ahnten nichts Böses. Bis die Tür aufgerissen wurde und Tede Carstens, der Leuchtturmwärter, hereinkam. Damals wurde das alte Leuchtfeuer noch benutzt. Tede Carstens sagte, ein Schiff hätte ein Rettungsboot ausgesetzt, und das käme geradewegs auf die Insel zu.« Wiebke Jans machte eine Kunstpause.
»In solch einer Nacht?« fragte er. »Ein Rettungsboot? Ja, hatte es denn Schiffbruch gegeben?«
Die Wirtin steckte sich eine Nadel fester in ihr üppiges blondes Haar. »Ja, wer das wüßte«, sagte sie, »darüber ist später noch viel gesprochen worden. Die einen haben gesagt, das Schiff wäre ein Schmugglerboot gewesen, und andere wieder haben es für einen Dänen gehalten, der sich verirrt hatte. Niemand hat es je erfahren. Denn die Menschen in dem Rettungsboot …«, sie senkte ihre Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern, »sind nicht an die Küste gekommen. Keiner von ihnen. Ertrunken sind sie alle. Und mein Uwe und Peer Peters dazu – weil die Männer nämlich die Boote losgemacht hatten, um denen da draußen zu helfen, und dabei ist’s passiert. Und jetzt wißt Ihr auch, warum die Undine eine Hexe ist. Sagt selber, wie könnte es sonst möglich sein, daß so ein winziges Ding heil an Land kommt, während alle, die bei ihr waren, und zwei dazu, die helfen wollten, ertrunken sind?«
»Ihr habt sie in jener Nacht gefunden?«
»Ja. Tede Carstens hat sie aus dem Wasser gefischt. Ein winziges Ding soll sie damals gewesen sein, und in einer Schwimmweste soll sie gesteckt haben. Aber es ist niemand dabeigewesen. Tede Carstens hat sie ganz allein an Land gezogen. Er und seine Frau haben sie mit zu sich auf den Leuchtturm genommen und keiner Menschenseele ein Wort davon gesagt. Versteht Ihr das?«
»Nein.«
»Ja, damals wart Ihr noch zu klein, das habt Ihr nicht richtig miterlebt. Aber Tede Carstens sagt, er hat Angst um das Kind gehabt, weil es so fremdartig aussah mit seinen schwarzen Funkelaugen und seinen schwarzen Locken. Anders als die Kinder hier – eben wie kein Christenmensch aussieht, und das war damals gefährlich. Gemeldet hat Tede Carstens es erst, als der Krieg aus war, und sie haben Nachforschungen angestellt nach den Eltern. Aber alles vergeblich. Und so ist sie denn im Leuchtturmhaus geblieben, und den seltsamen Namen hat sie auch behalten, den ihr Tede Carstens gegeben hat: Undine! Carstens hat eben selber gleich gemerkt, daß es anders mit dem Kind war, als es hätte sein sollen.«
Frank Ostwald klappte sein Buch zu und sah die Wirtin mit einem Lächeln in den Augenwinkeln an. »Nun, das war eine interessante Geschichte«, sagte er, »aber überzeugend war sie nicht. Jedenfalls was die Hexennatur der Undine betrifft. Denn daß die anderen ertrunken sind in jener Nacht, das kann man doch wohl nicht ihr anrechnen. Und was ihre schwarzen Locken und schwarzen Funkelaugen betrifft – nun, Ihr wißt selber, daß sie auf einem Schiff gewesen ist, das vielleicht von weit her kam.«
»Ihr wollt mich nicht verstehen«, sagte die Wirtin gekränkt.
»Doch. Aber wenn Ihr keine besseren Beweise habt.«
»Die habe ich wohl. Aber gerade Euch möchte ich sie nicht erzählen. Ihr lacht mich nachher nur aus.«
»Das kommt drauf an, Wiebke Jans.« Frank Ostwald nahm den letzten Schluck aus seinem Punschglas. »Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie. Wenn Sie uns beiden vorher noch einen heißen Punsch bereiten möchten, könnte es gewiß nicht schaden.«
Während die Wirtin sein Glas nahm und sich am Schanktisch zu schaffen machte, betrachtete er sie aufmerksam aus seinen kühlen grauen Augen.
»Mich wundert nur eines«, sagte er, »Sie sprechen schlecht über das Mädchen und waren vorhin doch ganz freundlich zu ihr.«
»Legt Ihr Euch mit Hexen an, wenn Ihr mögt«, antwortete die Wirtin achselzuckend, »und dann – mir hat sie ja nie was getan, außer daß sie mir meinen Uwe genommen hat.« Sie stellte die dampfenden Gläser auf den Tisch, setzte sich und sagte nachdenklich: »Wenn sie auch eine Hexe ist, so tut sie mir leid, ich weiß selber nicht warum. Aber immer, wenn ich sie sehe, packt mich ein großes Erbarmen.«
»Sie sind eine gute Frau, Wiebke Jans«, sagte Frank Ostwald ernsthaft.
»Nun, vielleicht kommt es daher, daß der Herrgott mir selber keine Kinder gelassen hat, deshalb kann ich verstehen, wie es für Tede Carstens Frau war, als er ihr das Hexenkind brachte. Rein außer sich war sie vor Freude und Glück und hat es lieb gehabt bis zu ihrem Tode und hat sich ihre Liebe von niemand ausreden lassen. Sie war eine gute Freundin von mir, Tina Carstens, und so hat sie mich gelehrt, ihr Hexenkind mit ihren eigenen Augen zu sehen. Mutteraugen, wenn Ihr versteht, was ich meine.«
»Doch. Das verstehe ich gut. Und wie hat das Mädchen seiner Pflegemutter die Liebe vergolten?«
Die Wirtin schwieg einen Atemzug lang, dann sagte sie: »Alles, was recht ist, ein gutes Kind ist sie immer gewesen, zu ihren leiblichen Eltern hätte sie nicht anhänglicher sein können. Und trotzdem …« Sie beugte sich vor und senkte unwillkürlich die Stimme. »Sie war etwa zwölf Jahre alt – wann sie wirklich geboren ist, hat ja nie ein Mensch erfahren –, als Tina Carstens ins Krankenhaus aufs Festland kam. Krebs. Es gab keine Hoffnung. Dem Kind hatte natürlich niemand etwas davon gesagt, sondern man hat sie belogen, wie man es Kindern gegenüber tut: ›Mutter kommt bald wieder‹ und was dergleichen Reden mehr sind. Hier bei mir im Deichkrug war es, als sie plötzlich die Totenglocke zu hören glaubte. Ganz weiß wurde ihr kleines Gesicht und die Augen riesengroß, direkt zum Fürchten. ›Mutter ist tot‹, sagte sie, sonst nichts, und dann war sie auch schon umgefallen. Ich habe auf die Uhr gesehen. Dreizehn Minuten nach elf war es, auf die Sekunde. Und im gleichen Augenblick ist Tina Carstens tatsächlich gestorben, weit weg von hier. Auf dem Festland.« Die Wirtin sah fast triumphierend aus, als sie sagte: »Was sagt Ihr nun?«
»Gedankenübertragung. Läßt sich ganz natürlich erklären.«
Die Wirtin stemmte die Ellbogen auf den Tisch und sah Frank Ostwald herausfordernd an. »Jetzt hört mich einmal an!« sagte sie zornig. »Ihr mögt ein kluger Herr sein, habt in der Stadt studiert, wißt sicher mehr als wir armen Leute hier, aber von Hexen versteht Ihr gar nichts. Ihr macht es Euch sehr leicht, sagt einfach: ›Das gibt es nicht‹. Und wenn man Euch etwas unter die Nase reibt, das Ihr selber nicht erklären könnt, dann sagt Ihr: ›Zufall‹. Aber damit schafft Ihr nichts aus der Welt. Ja, lacht nur, lacht mich nur aus. Aber wenn Ihr in Ole Peters Haut stecktet, dann würde Euch das Lachen schon vergehen!«
Die Burschen waren, nachdem sie das Wirtshaus verlassen hatten, gemächlich ins Dorf zurückgefahren. Als sie die große Esche fast erreicht hatten, riß Ole Peters seine rechte Hand hoch und gab mit der Leuchtgaspistole – seiner neuesten Errungenschaft – ein Signal in die Luft, worauf seine Freunde ihre Motorräder abbremsten und langsam neben ihm zum Stillstand brachten.
»Was machen wir jetzt?« fragte er unternehmungslustig, als sie alle beisammen waren; er wollte die Schlappe, die er im Deichkrug erlitten hatte, so schnell wie möglich wettmachen.
Aber er fand bei den anderen kein Echo. »Ich bin müde – ich geh’ schlafen«, sagte einer nach dem anderen. Manche hielten sogar die Hand vor den Mund und gähnten herzhaft.
Ole Peters wurde weiß vor Zorn. »Ihr Feiglinge«, sagte er wütend, »habt ihr es mit der Angst bekommen?«
»Wir sind bloß müde«, sagten sie, und: »Heute ist doch nichts los!« und: »Morgen geht’s früh ’raus!« Sie sahen zur Seite, als sie ihm gute Nacht wünschten, wagten aber doch nicht, sich ohne seine Zustimmung davonzumachen, denn er galt als ihr Anführer.
»Sei vernünftig, Ole«, sagte John Manners, »wir werden bis auf die Haut naß, wenn wir länger hier herumstehen. Wenn du unbedingt noch was unternehmen willst, dann komm zu mir. Wir spielen eine Partie Karten.«
Ole Peters lachte verächtlich. »Wenn auch du dich fürchtest, dann mache ich es eben allein.« Er riß sein Fahrzeug herum und ließ den Motor anspringen.
»Was, Ole, was willst du tun?« John Manners versuchte ihm mit seinem Vorderrad den Weg abzuschneiden.
»Ich will’s ihr heimzahlen, der Hexe. Die wird’s bereuen, sich mit mir angelegt zu haben.« Er schwang sich in den Sattel. »Mir nach, wer sich ’was zutraut!« brüllte er und knatterte in Richtung auf den Deich davon.
Die anderen folgten ihm, zögernd, unentschlossen, aber doch voller Neugier, keiner bereit, sich vor dem anderen eine Blöße zu geben. Sie erschraken nicht, als Ole Peters den Deich an seiner steilsten Stelle anging, aber unwillkürlich verlangsamten sie ihr Tempo, um erst abzuwarten, wie er es schaffte.
Der Deich fiel fast drei Meter tief zum Hinterland ab, so daß sich eine steile, mit Grasnarben bedeckte Böschung bildete. Es war nicht das erste Mal, daß einem der Burschen das Kunststück gelang, die Steigung auf kürzestem Weg zu überwinden. Nie zuvor hatte jemand es jedoch bei so schlimmem Wetter versucht. Gras und Lehm hatten sich zu einer nassen, glitschigen Masse verknetet, auf der die Reifen keinen Halt fanden.
Zweimal ging Ole Peters den Deich an, und zweimal rutschte er wieder zurück.
»Laß den Quatsch, Ole«, rief John Manners, »du fährst dir noch deine Maschine zuschanden.«
Verbissen versuchte Ole Peters es zum drittenmal, und diesmal schien es zu gelingen. Die Reifen griffen in den Boden. Mit ungeheurem Lärm gewann das Motorrad an Höhe, hatte mehr als zwei Drittel der Steigung schon überwunden – da raste eine gewaltige Bö vom Meer her über den Deich.
Ole Peters verspürte noch den kräftigen Stoß gegen die Brust, wollte ihn abfangen, ausweichen – zu spät. Er verlor die Gewalt über sein Fahrzeug, flog hinterrücks durch die Luft in einen schwarzen, glänzenden Abgrund. Den Aufprall fühlte er nicht mehr.
John Manners stürzte als erster vor. »Ole!« schrie er. »Ole!«
Er kniete sich neben den Freund in den Lehm, packte ihn bei den Schultern, versuchte ihn aufzurichten – aber Ole Peters’ Kopf knickte in den Nacken, seine Augen standen weit offen, Blut rann ihm in einem dünnen Rinnsal aus dem Mund.
Ole Peters war tot.
Sie hatten nicht weit zu gehen, Ole Peters’ Mutter lebte im dritten Haus hinter der großen Esche. John Manners, der an der Spitze des traurigen Zuges ging, hörte die anderen hinter sich tuscheln. –
»Das war die Hexe«, sagte einer, »sie hat ihn verflucht.«
»Ich hab’s gleich gewußt – sie hat das Unglück auf ihn herabgeschworen.«
»Hätten wir uns bloß nicht mit ihr eingelassen!«
John Manners blieb stehen und wandte den Kopf. »Wir werden mit ihr abrechnen, das schwöre ich euch. Wir werden es ihr heimzahlen, der verdammten Hexe.«
Der Arzt kam gegen Morgen, als das Unwetter nachgelassen hatte. Er war jung, elegant und sah immer noch sehr braun aus, denn er hatte die vergangene Saison nur zum kleinsten Teil in seiner Sprechstunde und an Krankenbetten verbringen müssen; meist hatte er sich um das Badeleben der Insel als charmanter Unterhalter verdient gemacht.
Er stellte sich vor: »Doktor Hagedorn – Klaus Hagedorn«, sah das verstörte Mädchen lächelnd an und fragte: »Na, wo fehlt’s denn? Sie sehen wirklich elend aus. Warum sind Sie nicht im Bett?«
»Nicht ich bin krank«, sagte Undine mit zitternden Lippen, »mein Vater …«
»Ach ja, das sagte mir Kollege Schirmer am Telefon. Aber Sie sind doch auch nicht ganz in Ordnung, Mädchen.«
Sie wich mit angstvoll aufgerissenen Augen zurück, als er auf sie zutrat. »Nicht, bitte nicht. Es geht mir ganz gut.«
»Hier, bitte …« Undine öffnete die Tür zur Schlafstube, zog sich aber einige Schritte zurück, als er hineinging; erst als er sich an das Bett des alten Mannes setzte und dessen Puls fühlte, kam sie zögernd näher.
»Wie alt?« fragte Dr. Hagedorn.
»Achtundsiebzig«, antwortete Undine.
Dr. Hagedorn betrachtete das verzerrte Gesicht des Kranken, dem das dichte schlohweiße Haar eine rührende Würde verlieh, bewegte erst den linken, dann den rechten Arm, zog die Augenlider hoch. Er nahm sein Stethoskop aus der Bereitschaftstasche, öffnete das Hemd des Kranken, horchte das Herz ab.
»Achtundsiebzig Jahre«, wiederholte er, »ein schönes Alter. Aber ich hoffe, ein paar Jährchen mehr darf er sich noch gönnen.« Er lächelte Undine ermutigend zu. »Tadelloses Herz«, sagte er, »ich denke, wir kriegen ihn über den Berg.«
Sie entspannte sich. »Gott sei Dank!« sagte sie inbrünstig.
Ein seltsames Geräusch, wie ein vielstimmiges Gemurmel, war durch die dicken Mauern des alten Hauses zu hören.
»Was ist das?«
Sie rang die Hände. »Ich weiß nicht.«
Er lauschte noch einen Augenblick. Das Geräusch wurde schwächer, verstummte ganz, so daß er glaubte, sich geirrt zu haben.
»Sie sind ein interessantes Mädchen«, sagte er, »mit Ihnen möchte ich mich gerne länger unterhalten.« Er nahm eine Ampulle aus einer Schachtel in seiner Bereitschaftstasche, sägte die gläserne Spitze ab, füllte den durchsichtigen Inhalt in eine Spritze. »Leben Sie immer hier?«
»Ja«, sagte sie.
»Schrecklich einsam, wie?«
Sie schüttelte den Kopf. »Was machen Sie da?«
»Ein krampflösendes Mittel.« Er drückte den entblößten Arm des alten Mannes, bis die Vene dick und bläulich hervortrat. »Wird intravenös gespritzt. Haben Sie einen Eisschrank?«
»Nein. Warum?«
»Ein Eisbeutel auf den Kopf wäre das Richtige, aber, na ja, was nicht ist, kann nicht sein. Machen Sie ihm statt dessen bitte wenigstens kalte Umschläge.«
Sie lief fort und kam sehr bald mit einer Blechschüssel kaltem Wasser und einem Handtuch über dem Arm wieder, reichte beides dem Arzt.
»Danke«, sagte er, »und nun passen Sie auf.« Er tunkte das Tuch in das kalte Wasser, wrang es kräftig über der Schüssel aus, strich es glatt und legte es dem alten Mann über die Stirn. »So wird’s gemacht«, sagte er, »und so oft wie möglich wechseln. Alle zehn Minuten, später seltener.«
»Was – fehlt ihm?« fragte Undine.
»Eine Apoplexie«, sagte der Arzt, »Schlaganfall kann man es auch nennen oder Gehirnschlag, ich weiß nicht, was Ihnen geläufiger ist. Kein Wunder in diesem Alter. Wenn er zu sich kommt, wird wahrscheinlich seine eine Seite gelähmt sein. Die linke, soviel ich feststellen konnte; auch sein Gesicht wird verzerrt bleiben, die eine Hälfte wenigstens. Sie dürfen nicht darüber erschrecken. Das sind Begleiterscheinungen einer solchen arteriosklerotischen Störung, die sich später meist völlig wieder geben …« Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden.
Mit dumpfem Poltern schlug etwas Schweres gegen die Haustür.
Dr. Hagedorn sah das Mädchen verblüfft an. Sie preßte die Faust vor den Mund, unterdrückte ein Wimmern.
Ehe Dr. Hagedorn etwas sagen konnte, polterte ein wahrer Hagel von Schlägen gegen die Tür. Gleichzeitig rauschte das Gemurmel vieler Stimmen auf, schwoll an, wurde drohend, wuchs zu einem unverständlichen Inferno voll dumpfer Bösartigkeit.
Dr. Hagedorn vergewisserte sich mit einem Blick, daß die Fenster durch schwere Läden gesichert waren. »Bleiben Sie ruhig«, sagte er, »niemand kann Ihnen etwas tun. Haben Sie eine Taschenlampe?«
Sie zögerte, dann lief sie zu einem Schrank öffnete die Schublade, holte die Stablampe heraus, mit der sie Jakobus Schwenzen auf den Kopf getroffen hatte. Sie berührte sie nur mit Widerwillen, war froh, als er sie ihr aus der Hand nahm.
Er prüfte den Lichtstrahl, sagte befriedigt: »Funktioniert«, sah sie nachdenklich an, fragte mit einer Kopfbewegung nach draußen: »Wissen Sie, was das zu bedeuten hat?«
Undine zitterte so, daß sie kaum sprechen konnte. »Sie – nennen mich – Hexe«, brachte sie mühsam hervor.
»Nicht zu fassen! Na, denen werde ich heimleuchten. Bleiben Sie hier oben, was auch geschieht. Kommen Sie mir nicht nach und öffnen Sie auf keinen Fall ein Fenster.« Er wandte sich zur Treppe.
Ganz plötzlich kam Bewegung in sie, sie lief ihm nach, packte ihn am Ärmel. »Bitte«, sagte sie, »bitte gehen Sie nicht.«
Er nahm ihre Hand, hielt sie einen Atemzug lang beruhigend fest. »Sie brauchen nichts zu fürchten, Undine, mir tun sie nichts. Ich bin Arzt. Niemand würde es wagen, und ich werde nicht zulassen, daß jemand Ihnen auch nur ein Haar krümmt. Verstanden?«
Sie sagte nichts, sah ihn nur mit ihren schwarzen, weit aufgerissenen Augen angstvoll an.
Er wandte sich ab, ging mit raschen Schritten die Treppe hinunter. Als er die Haustür öffnete, schrie eine Frau mit gellender Stimme: »Mörderin!«
Undine klammerte sich an das Geländer, um nicht umzusinken.
Dann zog der Arzt die Tür hinter sich ins Schloß, und die drohenden Stimmen draußen verloren ihre Kraft.
›Lieber Gott‹, dachte Undine, ›wenn ich nur beten dürfte!‹
Dr. Klaus Hagedorn hatte sich durchaus nicht so sicher gefühlt, wie er vorgegeben hatte.
Aber als der Strahl seiner Taschenlampe die Gesichter der gegen das Haus Drängenden traf, gewann er sein Selbstvertrauen zurück. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er begriffen, daß es sich im Grunde nur um ein armseliges Häuflein Menschen handelte, vor allem alte Frauen und junge Burschen, die einzeln völlig harmlos gewesen wären, sich aber zusammen in einem Zustand gefährlicher Hysterie befanden.
»Was wollt ihr?« fragte er mit erhobener Stimme, bemüht, ihr einen Klang von eherner Festigkeit zu geben. »Ich bin Doktor Hagedorn. Sprecht, wenn ihr etwas zu sagen habt. Aber einzeln, bitte, und in aller Ruhe.«
John Mannerstrat vor. Er stemmte die Fäuste in die Hosentaschen, warf herausfordernd den Kopf zurück und sah den Arzt zornig an. »Sie ist eine Hexe«, sagte er, »sie hat meinen Freund auf dem Gewissen, Ole Peters, meinen besten Freund. Sie hat ihn durch ihren Hexenfluch umgebracht.«
Wieder klang im Hintergrund das böse Wort »Mörderin« auf.
»Wenn dem so ist«, sagte Dr. Hagedorn, »warum geht ihr nicht zur Polizei und zeigt sie an?«
Eine kräftige Frau, fest in ein schwarzes Schultertuch gehüllt, kam nach vorn, und alle wichen auseinander, machten ihr ehrfürchtig Platz. »Mein Sohn ist tot, Herr Doktor«, sagte sie, »mein Ole ist gestorben in dieser Nacht. Kommen Sie mit uns und sehen Sie ihn an, wenn Sie mir nicht glauben. Sie hat meinen Ole auf dem Gewissen.« Der Schmerz in ihrer Stimme war echt. »Erst meinen Mann, jetzt meinen Sohn. Die Hexe muß fort!«
»Wie hat sie ihn denn getötet?« fragte Dr. Hagedorn. »Mit einem Revolver oder mit einem Messer? Ich nehme an, Sie haben einen Beweis für das, was Sie behaupten.«
»Den habe ich, Herr Doktor«, sagte Ole Peters’ Mutter, »auch wenn Sie noch so spotten mögen. John Manners hat es gehört und Wiebke Jans und alle seine Freunde: Sie hat ihn verflucht, meinen Ole. Damit hat sie ihn in den Tod gejagt.«
Dr. Hagedorn senkte den Strahl der Stablampe zu Boden und löschte sie aus.
»Seit sie hier ist, hat sie nur Unheil angerichtet«, sagte ein alter Mann, nahm seine Pfeife aus dem Mund und spuckte in weitem Bogen aus, »wer weiß, wie viele sie schon umgebracht hat. Unsere Kutter hat sie verhext und die Kuh von Peer Nyhuus, daß sie sich verkalbt hat. Sie hat den bösen Blick.«
»Sie soll was erleben, die Hexe!« John Manners hob die geballte Faust, trat drohend auf das Haus zu.
Dr. Hagedorn wich einen Schritt zurück, stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Haustür. »Nehmt Vernunft an, Leute!« rief er. »Was wollt ihr denn tun? Euch an einem schwachen Mädchen vergreifen?«
»Geben Sie uns die Hexe ’raus!« forderte John Manners.
»Nein, das werde ich nicht«, erklärte Dr. Hagedorn mit fester Stimme. »Wenn ihr dem Mädchen ein Leid antun wollt, dann müßt ihr erst mich zusammenschlagen. Versucht es nur, wenn ihr Lust habt. Aber ich sage euch, ihr werdet dafür bestraft werden. Einer wie der andere. Ich habe mir eure Gesichter wohl gemerkt. Und ich werde dafür sorgen, daß ihr ins Zuchthaus kommt, wenn dem Mädchen nur ein Haar gekrümmt wird.«
Dr. Hagedorns nachdrückliche Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Leute begannen unsicher zu werden, sahen sich an. John Manners steckte die Faust in die Tasche, die Witwe Peters begann leise zu weinen.
Der junge Arzt stieß nach. »Ihr seid doch vernünftige, anständige Menschen«, sagte er, »warum wollt ihr eure Hände mit einer Gewalttat besudeln? Ihr wollt das Mädchen nicht länger in eurer Gemeinde dulden. Das verstehe ich. Ich verspreche euch, dafür zu sorgen, daß sie fortgeht.«
»Jetzt gleich«, sagte John Manners, »wir werden warten.«
»Nein, das geht nicht. Glaubt nicht, ich wollte euch betrügen. Aber ihr Vater ist sehr krank. Schlaganfall. Er kann nicht allein bleiben. Er muß im Krankenauto zum Festland. Das kann frühestens heute nachmittag geschehen. Dann werde ich sie beide holen, Undine Carstens und ihren Vater. Versprecht mir, daß ihr sie bis dahin in Ruhe laßt!«
Als Dr. Hagedorn gegangen war, hatte Undine sich beeilt, die Haustür zu verriegeln. Dann blieb sie tief atmend stehen, mit dem Rücken zur Tür.
Sie war noch immer voller Angst.
Von Dr. Hagedorns Gespräch mit den aufgebrachten Dorfbewohnern hatte sie nur das einzige Wort verstanden: »Mörderin!« Sie hatte es auf Jakobus Schwenzen bezogen, dem sie in Notwehr mit ihrer Stablampe über den Schädel geschlagen hatte. Sie war überzeugt, ihn getötet zu haben. An Ole Peters dachte sie gar nicht mehr. Dr. Hagedorns Versprechen, sie in Sicherheit zu bringen, hatte sie völlig mißverstanden. Sie war überzeugt, daß er sie nur holen wollte, um sie der Polizei auszuliefern.
Undine Carstens war in ihrem ganzen Leben nicht von der Insel fortgekommen. Aber sie hatte viel gelesen – Bücher, die der Vater entweder selber besaß oder die er vom Pfarrer und vom Lehrer ausgeliehen hatte. Sie war nicht unintelligent, aber da sie nie Gelegenheit gehabt hatte, Erfahrungen zu sammeln, entsprach ihr Weltbild keineswegs der Wirklichkeit. In ihrer Vorstellung war ein Gefängnis ein feuchter, düsterer Kerker, und sie war fest überzeugt, daß sie für ihr vermeintliches Verbrechen mit dem Tode würde büßen müssen.
Sie zitterte vor Angst. Ihr Instinkt trieb sie zur Flucht, ganz gleich wohin – nur fort. Fort von den Menschen, die sie haßten, die sie einsperren und töten lassen wollten. Der Gedanke an ihren kranken Pflegevater hielt sie zurück. Sie konnte nicht fliehen. Wenn sie ihn allein ließ, mußte er vielleicht sterben. Tief entmutigt, mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, stieg sie die Treppe hinauf.
2
Jakobus Schwenzen lebte.
Der Schlag auf den Kopf hatte ihn nur betäubt. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte er sich aufgerafft, sein Motorrad neben sich hergeschoben und war in den Deichkrug zurückgekehrt. Aber er hatte die Gaststube nicht betreten, sondern war über die Hintertreppe in sein Zimmer geschlichen.
Seine Heimlichtuerei hatte einen guten Grund: Er würde es schwer haben, sein Ansehen wiederherzustellen, wenn bekannt wurde, daß es Undine Carstens gelungen war, ihn so wirkungsvoll abzuwehren.
Erst am nächsten Morgen, als er zum Frühstück in die Gaststube herunterkam, erfuhr er, was in der Nacht geschehen war. Von der Wirtin ließ er sich den Unfall des jungen Ole Peters so genau wie möglich schildern, denn er wußte, daß jede Einzelheit später einmal wichtig für ihn werden konnte. Die beiden waren bei diesem Gespräch völlig unter sich. Frank Ostwald war früh aufgebrochen, um mit der ersten Fähre zum Festland überzusetzen. So konnte Schwenzen die Wirtin mit einigen Proben seiner Hexenkünste für sich einnehmen.
Undine Carstens verbrachte den Tag mit der Pflege ihres Vaters. Sie kochte ihm eine kräftige Suppe, wusch ihn, bettete ihn um. Dann begann sie, Stube und Kammer aufzuräumen.
Der alte Mann schlief bald wieder ein. Aber sie fand keine Ruhe. Sorge um ihn und Angst vor dem Kommenden trieben sie umher. Sie packte einen Koffer mit allem Nötigen für den Kranken, richtete sich selber ein kleines Bündel mit Wäsche.
Dann saß sie lange, die Hände im Schoß gefaltet, in dem großen Lehnstuhl und starrte vor sich hin. Sie hätte gern gebetet, aber sie wagte es nicht. Wenn sie wirklich eine Hexe war, wie die anderen sagten, dann hatte Gott sie verworfen. Dann wäre jedes Gebet einer Gotteslästerung gleichgekommen.
Wie schon so oft in ihrem jungen Leben zergrübelte sie ihren Kopf. Warum war sie anders als die anderen? Warum haßten die Leute sie so? Warum schimpften sie sie eine Hexe? Warum hatte sie jetzt noch zur Mörderin werden müssen?
Aber auch heute fand sie keine Antwort, und ohne es selber zu merken, dämmerte sie schließlich sachte ein. Sie war todmüde, denn sie hatte eine schlaflose Nacht hinter sich.
Als sie erwachte, war es bereits dämmrig geworden. Sie fröstelte, mußte sich erst besinnen, was geschehen war, warum sie nicht in ihrem Bett schlief.
Dann hörte sie den Schlag gegen die Haustür und begriff, daß es dasselbe Geräusch gewesen war, das sie geweckt hatte.
Schlaftrunken erhob sie sich, ging, taumelnd vor Müdigkeit, zur Treppe, stieg hinunter. Der dritte Schlag ertönte, noch bevor sie die Tür geöffnet hatte.
Sie schob den Riegel zurück, stieß die Tür auf – niemand.
Verdutzt rieb sie sich die Augen, trat einen Schritt vor, spähte nach allen Seiten. Einsam lagen die Dünen.
Sie drehte sich um und wollte wieder ins Haus zurück – da erblickte sie ihn: Jakobus Schwenzen.
Sein hageres Gesicht war geisterhaft blaß im Dämmerlicht.
Sie schrie auf, überzeugt, einen Toten vor sich zu sehen – den Mann, den sie ermordet hatte.
Da bewegte sich Jakobus Schwenzen auf sie zu, die Hände wie Klauen erhoben – noch einmal schrie Undine gellend, voll Entsetzen, dann warf sie ihren Körper herum, jagte in die Dünen hinaus, außer sich vor Verzweiflung, halb besinnungslos vor Angst.
Eine halbe Stunde nach Undines kopflosem Davonrennen hielt der Krankenwagen vor dem alten Leuchtturm.
Dr. Klaus Hagedorn saß auf dem Vordersitz neben der Krankenschwester. Noch bevor er ausstieg, merkte er, daß die Haustür offenstand, im Leuchtturm brannte kein Licht. Er ahnte nichts Gutes.
»Bitte, warten Sie noch«, sagte er zu der Schwester, die ihm folgen wollte, und ging allein die steile hölzerne Treppe hinauf.
Er fand den alten Mann schlafend. Von Undine keine Spur.
Dr. Hagedorn rief den Fahrer und die Schwester. Gemeinsam suchten sie das ganze Haus ab; vergeblich.
»Sie kann nicht weit sein«, sagte die Schwester, der Dr. Hagedorn auf der Fahrt seine Begegnung mit dem seltsamen Mädchen Undine geschildert hatte, »der Herd ist noch warm.« Sie öffnete die Klappe. »Ja, tatsächlich: der Torf brennt noch, als wenn vor nicht allzu langer Zeit neu aufgelegt worden wäre. Das ist sonderbar. Soll ich den Patienten fragen?«
»Lassen Sie nur, das mache ich selber.« Dr. Hagedorn ging zu Tede Carstens in die Kammer, weckte ihn. Es dauerte eine Weile, bis er ihm klargemacht hatte, wer er war und was er wollte. »Wo ist Undine?« fragte er dann. »Wir suchen sie, wir wollen sie ebenfalls mitnehmen.«
Er spürte, daß der alte Mann seine Frage verstand, bekam aber keine Antwort. Da reichte er ihm Undines Rechnungsheft, das er aufgeschlagen auf dem Tisch gefunden hatte, und den Bleistiftstummel. »Bitte, schreiben Sie auf, was Sie wissen!« drängte er.
Es dauerte lange, fast unerträglich lange für Dr. Hagedorns Ungeduld, bis Tede Carstens seine Antwort auf Papier gebracht hatte. Als er den Bleistift sinken ließ, riß er ihm fast das Heft aus der Hand. »Ich habe geschlafen«, las er, »ich weiß es nicht.«
»Aber hören Sie mal, Sie müssen doch wissen …«, wunderte sich die Schwester.
»Lassen Sie. Es ist zwecklos«, wehrte Dr. Hagedorn ab. »Entweder er weiß es nicht, oder er will es uns nicht sagen. Wir dürfen ihn nicht quälen.«
»Na, dann können wir wohl?« fragte der Fahrer, der neben der Tragbahre stand und unberührt von dem, was die anderen bewegte, eine Zigarette rauchte.
»Ja. Ich helfe Ihnen«, sagte der Arzt.
Sie stellten die Trage neben das Bett, hoben den Kranken behutsam darauf.
Die Schwester hatte den Koffer gefunden, den Undine für ihren Pflegervater gepackt hatte. »Ich denke, er gehört ihm«, sagte sie, öffnete den Deckel und prüfte den Inhalt. »Tatsächlich. Nehmen wir ihn mit.« Den Koffer in der Hand, folgte sie langsam den beiden Männern, denen es nur mit Mühe gelang, die Trage waagrecht die steile Treppe zur Haustür hinunterzubekommen.
Dann lief sie voraus, öffnete die Türen des Transportwagens.
Der Fahrer kletterte hinauf, und gemeinsam schoben sie die Trage hinein. Anschließend setzte sich der Fahrer ans Lenkrad. Die Schwester blieb hinten bei dem Kranken.
Nur Dr. Hagedorn stand noch unschlüssig da, so, als wollte er versuchen, mit dem bloßen Auge die Dunkelheit zu durchdringen.
Dann legte er beide Hände wie einen Schalltrichter an den Mund und rief: »Undine! Undine!« Nach einer kleinen Pause, in der ihm nicht einmal ein Echo Antwort gab, noch einmal: »Undine!«
Undine hörte das Rufen.
Sie hatte sich, seit sie in panischer Angst vor dem vermeintlichen Geist des Jakobus Schwenzen geflohen war, in den Dünen verborgen gehalten. Nun beobachtete sie von ihrem Versteck aus die Vorgänge beim alten Leuchtturm.
Es war nicht viel, was sie sah – die Scheinwerfer des Krankenwagens und das blaue Warnlicht auf seinem Dach, die Lichter im Leuchtturm, die angingen und nach einer guten Weile wieder erloschen, und den Schein einer Taschenlampe, der über den Boden huschte.
Sie war überzeugt, daß Dr. Hagedorn die Polizei zum alten Leuchtturm geführt hatte, die sie, die Mörderin, festnehmen wollte. Sein Rufen hatte in ihren Ohren keinen besorgten, sondern vielmehr einen drohenden Klang. Zitternd vor Angst preßte sie sich noch enger auf den Boden.
Endlich schlugen die Autotüren zu, und der Wagen setzte sich in Bewegung.
Jetzt erst, da sie ihn versorgt wußte, konnte sie daran denken, was mit ihr selber geschehen sollte. Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Für sie gab es nur einen Weg: Flucht.
Sie ging ins Haus, nahm ihr Bündel, das sie in einer alten Truhe verwahrt hatte, öffnete es noch einmal und legte ihr fest zusammengerolltes Sonntagskleid dazu, zog ihre Strickjacke an und darüber den Wettermantel ihres Vaters, band sich ein Tuch fest um das schwarze Haar. Das Sparkassenbuch hatte sie ihrem Pflegevater in den Koffer gesteckt, sie selber hatte nur die paar Mark, die vom Haushaltsgeld in ihrer Börse geblieben waren.
Sie verließ das Haus und rannte den Strand entlang, bis sie zu der kleinen Bucht kam, wo die Fischerjungen den Sommer über ihre Ruderboote liegen hatten. Sie hatte Glück. Die meisten Jungen hatten ihre Boote rechtzeitig vor dem Unwetter eingeholt, aber eines war in der Bucht zurückgeblieben. Jetzt lag es kieloben auf dem Schlick. Es dauerte eine Weile, bis Undine es wieder herumgedreht hatte. Dann brachte Undine das Boot zu Wasser, zog Schuhe und Strümpfe aus, warf sie hinein, ihr Bündel dazu. Dann hob sie mit der linken Hand den Rock hoch, watete, das Boot vor sich herstoßend, bis das Wasser tiefer wurde.
Als sie endlich im Boot saß und die Riemen ins Wasser gleiten ließ, schloß sie für ein paar Sekunden die Augen. Der gefährlichste Teil der Flucht war geglückt, obwohl sie noch um die Insel herumfahren mußte, ehe sie die Richtung zum Festland einschlagen konnte.
Mit kräftigen, sicheren Schlägen glitt sie das Ufer entlang. Sie achtete genau auf den Abstand. Sie mußte sich vorsehen, um nicht ins offene Meer hinausgetrieben zu werden.
Sie brauchte kaum eine halbe Stunde, um das Festland zu erreichen. Nachdem das Boot aufgelaufen war, warf sie Schuhe, Strümpfe und ihr Bündel aufs Trockene. Dann stieg sie aus, gab dem Boot einen kräftigen Stoß, damit es in eine Strömung geriet und vom Land forttrieb. Nun erst watete sie aus dem Wasser.
Zur Rechten und Linken des schmalen Pfades, den sie gewählt hatte, lag die Marsch, dem Meer abgewonnenes Land. Es bot einen eintönigen Anblick. Nur hier und da erhoben sich Werften, zum Schutz gegen die Wassergefahr aufgeworfene Erdhügel, auf denen niedrige Häuser standen. Nirgends war ein Licht zu sehen. Alle Menschen, außer ihr selbst, schienen zu schlafen. Endlich erreichte sie die Geest, das höher gelegene Land hinter der Marsch, und sah rechter Hand einen stattlichen Hof, dessen Eingang von einer mächtigen Eiche überschattet wurde. Mondschein spiegelte sich in den Fensterscheiben, hinter denen die Lichter erloschen waren.
Undine blieb stehen, von einem seltsamen Gefühl berührt. Ihr war, als hätte sie dies alles schon einmal gesehen – vor langer, langer Zeit oder in einem anderen Leben. Alles schien ihr irgendwie vertraut. Selbst Einzelheiten, wie die eisernen Ringe links und rechts neben der Haustür, kamen ihr seltsam bekannt vor, obwohl sie auf der Insel dergleichen nie gesehen hatte.
Ein überwältigendes Glücksgefühl ergriff sie. Aber es verging so schnell, wie es gekommen war. Plötzlich schien alles wieder fremd und kalt. Undine fühlte sich verlassener denn je. Sie schauderte vor Kälte, taumelte vor Müdigkeit, spürte, daß sie sich nicht länger auf den Beinen halten konnte.
Als sie um das langgestreckte Haus herumging, schlug ein Hund an, riß klirrend an seiner langen Kette. Aber sonst regte sich nichts.
Ein gutes Stück vom Hof entfernt stand eine Scheune. Sie öffnete die Tür, tastete im Dunkeln, fand eine Leiter und kletterte hinauf. Sie kroch, um warm zu werden, tief in das Heu hinein, ihr Bündel immer krampfhaft in der Hand haltend, um es nicht zu verlieren.
›Nur ein paar Stunden‹, dachte sie, ›dann bin ich wieder frisch. Bevor die Sonne aufgeht, muß ich weiter.‹
Sie wagte nicht, die Augen zu schließen, wollte sich nur ausruhen.
Aber sie war eingeschlafen, noch ehe der Hund aufgehört hatte zu bellen.
Gregor Ostwald, der Verwalter des Harmshofes, erwachte von dem Gebell. ›Er kläfft nur den Mond an‹, dachte er flüchtig und wollte sich auf die andere Seite drehen. Aber so schnell, wie er gehofft hatte, kam der Schlaf nicht wieder, und das Gebell wollte nicht aufhören.
Der Verwalter setzte sich auf, lauschte. Hassan bellte zwar manchmal in der Nacht, wenn ein Fremder vorbeiging oder eine neue Magd sich spät in ihre Kammer schlich, aber doch nie so lange. Das mußte etwas zu bedeuten haben.
Noch einen Augenblick wartete der Verwalter ab, ob nicht auch Iven, der Großknecht, Anstalten machte, nach dem Rechten zu sehen. Aber da nichts dergleichen geschah, beschloß er, selber hinunterzugehen. Zwar dachte er nicht an Einbrecher, aber der Bauer und seine Frau waren alt und kränklich, und sie würden es sehr übel vermerken, durch den Hund in ihrem ohnehin nur kurzen Schlaf gestört zu werden.
Leise, um seine schlafende Frau nicht zu stören, zog Gregor Ostwald Schuhe und Mantel an. Er nahm eine Taschenlampe und stieg die Treppe hinunter. Er benutzte nicht den vorderen Ausgang, sondern verließ das Haus durch die Ställe.
Der Hund jaulte immer noch, riß wild an der langen Kette.
Der Verwalter machte ihn los, legte ihm die Leine an. »Still, Hassan«, sagte er beruhigend, »still, such!«
Hassan begann sofort in eine bestimmte Richtung zu ziehen. Er führte den Verwalter geradewegs zur Scheune, deren Tür halb offenstand.
Mit der Nase stieß Hassan die Tür auf, zog den Verwalter mit sich ins Innere. Gregor Ostwald knipste seine Taschenlampe an, ließ den Lichtkegel über das Heu gleiten. Auf den ersten Blick war nichts Verdächtiges zu sehen, doch dann erkannte er, daß jemand da war – das Heu oben auf dem Boden lag anders, als er es selber vor kurzer Zeit geschichtet hatte.
»Hallo, wer da?« rief er laut.
Hassan blaffte.
Den Hund voran, kletterte der Verwalter die schmale Leiter hinauf, blieb gebückt stehen, griff, als Hassan mit einem kurzen Satz nach vorn wollte, die Leine kürzer.
Dann sah er das zu Tode erschrockene blasse Mädchengesicht mit den groß aufgerissenen dunklen Augen.
Er mußte beinahe lachen. »He, Hassan«, sagte er, »beruhige dich; schlägst Krawall wegen solch einer lütten Dirn!« Er kraulte ihn zärtlich hinter den Ohren. »Mir scheint, du wirst alt, mein Lieber!« Er wandte sich an das Mädchen. »Und du, reiß nicht die Augen so auf, als wenn du noch nie einen Menschen gesehen hättest. Ich bin kein Räuber, und Hassan ist kein Wolf. Komm vor aus deinem Lager und laß dich ansehen.«
Undine spürte sofort, daß sie einen Menschen getroffen hatte, der sich zu ihr wohlwollend verhielt.
»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte sie zaghaft, ohne den Blick von ihm zu lassen, »ich wollte mich nur ausruhen.«
»Hast wohl kein Geld für den Gasthof, wie?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Wo kommst du her?«
Sie war zu erschöpft, als daß ihr eine überzeugende Lüge eingefallen wäre, und so sagte sie ehrlich: »Von der Insel.«
»Etwas angestellt?«
Sie wurde rot, senkte zum erstenmal die Augen. »Die Leute dort mögen mich nicht! Sie quälen mich. Ich bin anders als sie, und ich bin nicht auf der Insel geboren.« Jetzt wagte sie ihn wieder anzusehen. »Ich habe ihnen nie etwas getan, bestimmt nicht.«
Ihm war nicht entgangen, daß sie etwas verbarg, aber ihr offener Blick überzeugte ihn, daß es nichts wirklich Schlechtes sein konnte.
»Papiere?« fragte er.
Es dauerte einen Augenblick, bis sie verstand, was er meinte, dann knüpfte sie ihr Bündel auf, holte eine kleine abgeschabte Ledertasche heraus, in der ihre geringe Barschaft und ihr Taufschein steckte.
Er nahm ihr das Blatt Papier aus der Hand, las: »Undine Carstens«, hob den Blick und fragte: »Ist das alles?«
»Ja.«
»Bißchen wenig. Ausweis hast du keinen? Geburtsurkunde?«
»Ich bin ein …«, sie schluckte, »ein Findelkind.«
»Ach so.« Er runzelte die Stirn. »Wo hat man dich denn gefunden?«
»Im Meer. Ich war in ein Rettungskissen eingeschnürt, so hat mir mein Vater erzählt. Mein Pflegevater, meine ich.«
»Und wo ist jetzt dein Vater?«
»Sie haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Aufs Festland.« Ihre großen Augen blickten ihn unverwandt an. »Deshalb bin ich fort. Weil niemand mehr da ist, der mich mag.«
»Ich verstehe«, sagte der Verwalter, »ja, es ist schlimm, als Fremder unter Fremden zu leben. Aber was hilft’s? Viele haben es lernen müssen, die früher nie daran gedacht haben.«
Sie war aufgestanden.
Er sah sie prüfend an. »Was willst du nun anfangen?«
»Ich weiß es nicht.«
»Kannst du arbeiten?«
»Ich habe meinem Vater den Haushalt geführt.«
»Ausgezeichnet. Dann könnte ich es schließlich mal mit dir versuchen. Wenn du willst, meine ich natürlich nur. Wir könnten jemand brauchen.«
Er kletterte die Leiter hinunter, reichte ihr die Hand, um ihr herabzuhelfen.
Als sie vor ihm stand, reichte sie ihm gerade bis zum Kinn. »Sind Sie der Bauer?« fragte sie.
»Nein. Ein Fremdling wie du. Ich verwalte den Harmshof seit fünfzehn Jahren. Meine Frau führt die Wirtschaft. Ihr könntest du zur Hand gehen.«
»Das würde ich gern tun«, sagte Undine zu ihrer eigenen Überraschung. Ohne daß sie selber wußte, wie es geschehen war, hatte sie zu dem stattlichen Mann Vertrauen gefaßt.
»Gut. Das andere besprechen wir morgen. Dann wird dir meine Frau auch dein Zimmer anweisen. Heute kannst du in der Kammer vom Carsten schlafen. Der Junge hat eine Lungenentzündung und ist im Krankenhaus. Seine Kammer ist leer und das Bett frisch bezogen. Carsten ist unser Kleinknecht, mußt du wissen, Iven der Großknecht. Aber das erfährst du alles noch früh genug.«
Das Frühstück durfte Undine am nächsten Morgen mit dem Verwalter, seiner Frau und dem Gesinde in der Küche einnehmen, einem großen Raum, der sich mit nichts vergleichen ließ, was Undine bisher gesehen hatte. Die Wände waren bis zur Täfelung mit alten handgemalten Kacheln ausgelegt, deren Farben schon ein wenig verblaßt waren, die aber dem Raum trotzdem etwas besonders Anheimelndes gaben. Der große, blankgeputzte Herd, an dem die Verwalterin hantierte, stand in der Mitte, an den Wänden hing altes, wertvolles Küchengerät, das offenbar schon lange nicht mehr benutzt wurde, sondern nur noch zur Verschönerung diente.
Während des Frühstücks – es gab stark gesüßten Milchkaffee mit dicken Scheiben unbelegten Brotes – wurde so gut wie nichts gesprochen.
Der Verwalter hatte Undine nur mit einem einzigen Satz bekannt gemacht, und niemand schenkte ihr besondere Beachtung. Das Mädchen wagte nur ganz verstohlen unter ihren langen, sanft gebogenen Wimpern die anderen zu beobachten – Iven, den Großknecht, der langsam und mit großem Bedacht aß, seine Brotkanten immer wieder in den Milchkaffee tauchend, den Verwalter, der genauso kräftig und noch vertrauenerweckender wirkte als in der Nacht, und seine Frau, die im Gegensatz zu den beiden Männern sehr flink, lebhaft und zierlich war.
Alles war für Undine neu und interessant, aber immer wieder glitt ihr Blick zu Gregor Ostwald hin.
Er merkte es schließlich. »Was schaust du mich so an, Dirn?« fragte er mit einem lächelnden Stirnrunzeln.
Sie wurde rot bis unter den Ansatz ihres pechschwarzen Haares. »Ich habe es nicht mit Absicht getan«, stotterte sie.
Die Männer lachten.
»Laß die Dirn in Frieden«, sagte die Verwalterin, »wenn man in der Fremde ist, wird man doch wenigstens schauen dürfen.« Sie begann energisch den Tisch abzuräumen. »Seht zu, daß ihr fertig werdet. Es ist gleich sechs Uhr, und das Vieh muß gefüttert werden.«
Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als die Tür aufging und ein hünenhafter junger Mann eintrat.
Undine erkannte ihn sofort. Er war das Ebenbild des Verwalters, nur an die dreißig Jahre jünger. Blitzartig begriff sie, warum ihr Gregor Ostwald von Anfang an so bekannt vorgekommen war – er hatte sie an den jungen Mann erinnert, der sie im »Deichkrug« aus den Händen von Ole Peters gerettet hatte.
»Bißchen spät dran, Frank, wie?« sagte der Vater gutmütig. »Bestimmt mal wieder bis in die Nacht hinein studiert.«
Frank Ostwald antwortete nicht. Er betrachtete, fassungslos vor Überraschung, das Mädchen. »Undine Carstens!« stieß er hervor. »Du?«
Der Verwalter stand auf; sein Gesicht hatte plötzlich jede Freundlichkeit verloren. »Wieso?« fragte er schroff. »Ihr kennt euch?«
Frank Ostwald trat auf das Mädchen zu. »Wie kommst du hierher?«
»Ich vermute, du müßtest es selber am besten wissen«, sagte der Vater. Er musterte den Sohn voll Skepsis.
»Nein«, erwiderte Frank ruhig, »wie kommst du darauf?«
»Mahlzeit miteinander!« Der Großknecht grinste unbehaglich. Dann, als niemand ihm antwortete, zog er sich rasch aus der Küche zurück.
»Es ist ein reiner Zufall«, erklärte Frank Ostwald mit Nachdruck – Auge in Auge standen sich die beiden Männer, Vater und Sohn, gegenüber. »Ich habe das Mädchen erst einmal im Leben gesehen. Drüben auf der Insel. Und ich wette, sie kannte nicht einmal meinen Namen.«
Frau Ostwald legte mit einer natürlich beschützenden Geste ihren Arm um Undines Schulter. »Ist das wahr, Dirn?«
»Ja.« Sie schluckte. »Es tut mir leid, ich habe nicht gewußt …«
»Sie konnte es gar nicht wissen«, sagte Frank Ostwald, »wir haben kein Wort miteinander geredet. Und selbst wenn es anders gewesen wäre …«, seine Spannung löste sich plötzlich. Er zeigte ein jungenhaftes Grinsen. »Ich bin doch nicht so einer, dem die Mädchen nachlaufen, noch dazu bei Nacht und Nebel.« Er reichte Undine seine kräftige braune Hand. »Ich bin Frank Ostwald. Deinen Namen kenne ich, und ich weiß auch noch einiges mehr über dich. Die Wirtin im ›Deichkrug‹ war froh, daß sie mir etwas erzählen konnte.«
»Das kann ich mir denken.« Undine seufzte tief, ohne es selber zu merken. Sie sah den Verwalter mit einem großen Blick an. »Ich danke Ihnen für alles, Herr Ostwald. Sie waren so gut zu mir! Aber jetzt kann ich wohl nicht länger bleiben.«
»Wieso denn?« fragte Gregor Ostwald erstaunt.
»Weil ich auftauchte, nicht wahr?« stieß Frank Ostwald nach.
»Ja«, sagte sie leise.
»Hast du Angst vor mir?«
Sie schüttelte den Kopf.
Frau Ostwald hatte ihrem Sohn eine große Tasse Milchkaffee eingeschenkt, schnitt ihm ein kräftiges Stück von einem Laib hausgebakkenen Brotes ab. »Setz dich, mein Junge, iß!« sagte sie. »Und dann wollen wir mal in aller Ruhe überlegen. Wir können dich natürlich nicht zwingen, bei uns zu bleiben, Undine – seltsamer Name, kann mich nur schwer dran gewöhnen –, aber willst du uns nicht wenigstens sagen, was du vorhast? Kennst du jemanden hier?«
Undine schwieg. Aber als sie die drei Augenpaare unverwandt auf sich gerichtet sah, begriff sie, daß ihr eine Antwort nicht erspart blieb. »Ich will fort«, sagte sie zögernd, »dorthin, wo mich niemand kennt.«
Frank Ostwald sah, sie belustigt über den Rand seiner Kaffeetasse hin an. »Du bist ein närrisches Ding, Undine. Bildest du dir etwa ein, auch wir würden glauben, daß du eine Hexe bist?«
»Eine Hexe?« sagte seine Mutter. »Was ist das für ein Unsinn?«
»Da hörst du es selber, wie Mutter über so etwas denkt, Undine.« Frank sah seine Eltern an. »Sie haben sie eine Hexe genannt auf der Insel, sie haben sie gequält, sie haben es soweit getrieben, daß ich mich nicht wundern würde, wenn sie sich selber für eine Hexe hielte. Habe ich recht, Undine?«
Sie hatte die Hände gegeneinandergepreßt und sah ihn nur aus ängstlichen Augen an.
»Und deshalb willst du davonlaufen? Bis du zu Menschen kommst, die nichts von dir wissen, die nicht dir die Schuld geben, wenn ein Unglück geschieht, eine Kuh verkalbt oder die Milch sauer wird.« Frank Ostwald lachte verächtlich. »So ist es doch wohl mit dem Hexenwahn, der ist was für die Unbelehrbaren, die nicht eher zufrieden sind, bis sie einen Sündenbock gefunden haben. Bleib bei uns, Undine«, sagte Frank Ostwald herzlich. »Nach ein paar Wochen wird man sehen, ob es dir nicht doch auf dem Harmshof gefällt …«, er schmunzelte, »und ob Mutter dich überhaupt brauchen kann. Fort kannst du immer noch. Sag nicht nein, wenn wir alle dich bitten.«
Undine blieb, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Sie war überzeugt, als Mörderin gesucht zu werden, und jedesmal, wenn ein Fremder sich dem Haus näherte, versteckte sie sich.
Ostwalds merkten es wohl, aber sie verloren kein Wort darüber. Frank hatte seinen Eltern jenen Auftritt im »Deichkrug«, bei dem ihm Undine zum erstenmal begegnet war, ausführlich geschildert. Er wußte auch, daß man ihr auf der Insel die Schuld an dem Tod des jungen Ole Peters gab. Die Ostwalds waren tiefgläubige Menschen, und deshalb fehlte ihnen für Hexenwahn jedes Verständnis. Sie sahen nur, daß Undine ein armes, gequältes Menschenkind war, und sie hatten den Wunsch, sie zu schützen.
Bei der Hausarbeit ließ sie sich geschickt an, und auch im Umgang mit dem Vieh, der ihr bisher ungewohnt gewesen war, fand sie sich rasch zurecht. Frau Ostwald hatte sie gern um sich und gab ihr manches gute Wort.
Frank Ostwald blieb Undine gegenüber das, was er von Anfang an gewesen war – der aufmerksame Beschützer. Sie bewunderte seine Kraft, seine Ruhe, seine Zuverlässigkeit und nutzte jede Minute, die sie mit ihm zusammen sein konnte. Zwar wußte sie, daß er nur nach Hause gekommen war, um Carsten, den kranken Kleinknecht, zu vertreten, daß er bald wieder zur fernen Universität zurück mußte. Aber sie schob den Gedanken an Abschied und Trennung innerlich in weite Ferne.
Selbst mit dem Harmshofbauern und seiner Frau, zwei sehr eigenartigen alten Leuten, denen das übrige Gesinde und auch die Verwaltersleute aus dem Wege zu gehen pflegten, kam sie gut aus.
»Morgen fahre ich zu Carsten«, sagte Frank Ostwald am ersten Samstag, den Undine auf dem Harmshof arbeitete. »Willst du mitkommen?«
»Ja«, sagte Undine, »aber …« Sie warf einen fragenden Blick zur Verwalterin.
»Geh nur, Kind«, lächelte Frau Ostwald, »ich verstehe schon, daß du deinen Pflegevater besuchen willst.«
Sie saßen in der Küche beim Mittagessen. Undine sprang so heftig auf, daß die Suppe in ihrem Teller fast übergeschwappt wäre. »Zu meinem Vater?«
»Ja«, sagte Gregor Ostwald bedächtig, »er liegt im gleichen Krankenhaus wie Carsten. Wir haben uns erkundigt.«
»Oh«, rief Undine und sah mit Tränen in den Augen von einem zum anderen, »ihr seid so gut zu mir. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.«
In dieser Nacht fand Undine keinen Schlaf. Es war eine klare kalte Nacht. Fahles Mondlicht schien in Undines Kammer. Von der Kirche des fernen Dorfes schlug die Uhr.
Undine zählte. Zwölf Schläge – Mitternacht.
Es hielt sie nicht mehr länger im Bett. Sie stand auf, öffnete weit das Fenster, atmete die reine Nachtluft.
Da sah sie ihn wieder – Jakobus Schwenzen.
Mit kleinen, gleitenden Schritten kam er über den Hof, näherte sich dem Haus, eine geisterhaft blasse Gestalt im Schimmer des Mondes.
Hassan schlug nicht an; er wimmerte nur.
Undine schloß die Augen, hoffte inbrünstig, daß der Spuk verschwunden sein möge, wenn sie sie wieder öffnete. Aber das Bild hatte sich kaum verändert. Die Gestalt, die Undine für den Geist eines Toten hielt, hatte jetzt die Hintertür erreicht. Das Mädchen hörte, wie Jakobus Schwenzen dreimal gedämpft gegen das Holz pochte. Mit einem qualvollen Aufschrei brach sie zusammen.
Als Undine aus ihrer Ohnmacht erwachte, war Frank Ostwald bei ihr. Wie ein Kind nahm er sie auf die Arme. Er trug sie zum Bett und deckte sie zu.
»Was ist, Undine?« fragte er. »Was hast du? Was ist geschehen?«
Es dauerte eine Weile, bis sie die Sprache wiederfand. Dann stieß sie mühsam hervor: »Jakobus Schwenzen …«
Frank Ostwald beugte sich zu ihr. »Ja? Was ist mit ihm?«
»Er war hier. Ich habe ihn gesehen. Er pochte an die Hintertür.«
»Das mag wohl sein«, erwiderte Frank Ostwald gelassen. »Aber was soll’s? Bis in deine Kammer wird er nicht kommen.«
Sie ertrug es nicht länger, mußte sich das, was sie seit Tagen bedrückte, von der Seele reden. »Ich habe ihn getötet!« sagte sie. Es klang wie ein Stoßseufzer.
Frank Ostwald sah sie verständnislos an. »Wieso? Nein, Mädchen, das kann nicht sein. Das hast du geträumt.« Er stand auf, trat zum Fenster, spähte hinaus. »Es ist nichts zu sehen. Komm her, überzeug dich selber, wenn du mir nicht glaubst. Er müßte doch noch dort unten liegen.«
Undine erwiderte sein Lächeln nicht. »Nicht hier – nicht jetzt«, stammelte sie, damals ist es geschehen, als ich aus dem ›Deichkrug‹ kam. Ich wollte nach Hause, und er …« Sie schlug die Hände vors Gesicht. »Ich habe ihn erschlagen. Ich konnte nicht anders. Ich mußte mich doch wehren.« Ihre Verkrampfung löste sich in einem Strom wilder Tränen.
»Armes Kind«, sagte Frank Ostwald erschüttert, »was mußt du durchgemacht haben.« Er strich ihr über das Haar. »Wein dich aus, weine nur, das wird dir guttun.«
Sie sah ihn an mit einem Blick voller Vertrauen. Plötzlich zog er seine Hand so rasch zurück, als ob er sich verbrannt hätte. Undine war nicht einmal schön in diesem Augenblick, das schwarze Haar zerzaust, die Augen vom Weinen gerötet, und doch hatte ihn ihr Anblick zutiefst berührt. Er erhob sich, bohrte die Hände in die Taschen des Mantels, den er sich übergeworfen hatte, als er zu ihr lief. Er sah sie nicht an, als er sagte: »Jakobus Schwenzen ist nicht tot. Ich habe ihn noch gestern an der Fähre gesehen.«
Sie richtete sich auf. »Ist das wahr?« fragte sie. »Ist das wirklich wahr? Oder …« Sie schluckte, sprach den Satz nicht zu Ende.
»Ich lüge dich nicht an«, erklärte er mit fester Stimme. »Jakobus Schwerzen lebt. Daß du den Kerl vorhin gesehen hast, glaub’ ich dir gern. Aber er war es leibhaftig. Nicht etwa sein Gespenst.« Er zögerte einen Augenblick, fragte dann: »Kannst du schweigen, Undine?«– Sie nickte heftig.
»Dann sag’ ich dir etwas – aber bitte sprich nicht darüber, meine Eltern hören nicht gern davon.« Er senkte seine Stimme. »Jakobus Schwenzen kommt oft hierher, die Harmshofbauern lassen ihn holen.«
»Aber wozu?« fragte Undine mit angstvollen Augen.
»Er bespricht ihre Krankheiten – oder wie man das nennt. Ich kenne mich in diesen Dingen nicht aus. Jedenfalls versucht er, sie zu kurieren auf seine Art.«
»Und darum kommt er so geheimnisvoll? Um Mitternacht?«
»Das fragst du mich? Du solltest dich doch eigentlich in diesen Bräuchen besser auskennen als ich.«
Er hatte einen Scherz machen wollen, aber ihr Gesicht wurde sofort glutrot. Sie holte tief Atem, fragte, die Hände vor der Brust gegeneinandergepreßt: »Du – glaubst es also auch?«
»Was?«
»Daß ich eine Hexe bin.«
»Aber, Undine, was für ein Quatsch. Es gibt keine Hexen. Wer dich so reden hört, könnte meinen, du hieltest dich selbst für eine.«
»Ich weiß es nicht«, sagte sie schwer.
»Sie haben dich halb verrückt gemacht auf der Insel, du mußt alles vergessen«, sagte er begütigend. Und um der Situation, die für ihn immer unerträglicher wurde, zu entfliehen, fügte er hinzu: »Weißt du was? Ich gehe jetzt in die Küche hinunter und koche einen Tee. Zieh dir einen Mantel über und komm mir nach. Einschlafen können wir jetzt doch nicht so bald.«
In der Küche war es warm und gemütlich. Der Wasserkessel summte schon auf dem Feuer, als Undine herunterkam. Sie hatte sich die Zeit genommen, ein Kleid anzuziehen und ihr schwarzes Haar sorgsam zu flechten. Sie lächelte scheu, als sie seinen bewundernden Blick auf sich fühlte.
»Schön bist du«, sagte er, »das muß dir sogar der Neid lassen. Hast du dir nicht schon einmal überlegt, ob die Leute auf der Insel nicht nur deshalb so böse zu dir sind, weil du eine Fremde bist?«
Sie wurde sofort wieder ernst. »Du verstehst das nicht«, sagte sie.
»Nun, vielleicht versuchst du es mir zu erklären. Warum hältst du dich selber für eine Hexe? Denn so ist es doch, nicht wahr?«
»Nein«, sagte sie, »es ist nur – manchmal bin ich mir selber unheimlich.«
»Na, so was«, sagte er verblüfft, aber das Lachen verging ihm unter dem qualvollen Blick ihrer großen Augen. »Erzähl mir, Undine«, bat er, »ich möchte dir so gerne helfen. Aber wie kann ich das, wenn ich nichts von dir weiß?«
»Du wirst mich wieder auslachen.«
»Bestimmt nicht.«
Er tat den Tee in eine angewärmte Kanne, Undine stellte Tassen und die Büchse mit Kandiszucker auf den Tisch. Sie wartete ab, bis das Wasser kochte, und goß dann den Tee auf.
»Es ist so«, erklärte sie mühsam und blieb neben ihm stehen, »manchmal geht in Erfüllung, was ich mir gewünscht habe.«
»Da ist doch nichts dabei«, sagte er, »das geht jedem so.«
Es fiel ihr schwer, weiterzusprechen. »Besonders dann, wenn ich jemand etwas Böses gewünscht habe …«, sagte sie.
Er sah sie erstaunt an. »Tust du denn so etwas?«
»Ja.« Sie schwieg, und als auch er nichts sagte, fügte sie mit gepreßter Stimme hinzu: »Siehst du, nun magst du mich auch nicht mehr. Ich bin schlecht.«
Er nahm ihr die Teekanne aus der Hand, goß die Tassen voll. »Setz dich, Undine«, sagte er ruhig. »Verrate mir, was wünschst du denn Böses?«
»Jetzt nicht mehr, aber als ich noch in die Schule ging. Wenn einer von den anderen mich besonders schlimm geärgert hatte, dann habe ich ihm was angewünscht. Daß er auf seine Aufgaben vergessen haben sollte oder so etwas, daß der Lehrer ihn verhauen sollte.«
»Und diese Wünsche sind eingetroffen?«
»Oft.«
Frank Ostwald hatte drei Stück Kandis in seine Tasse getan, rührte nachdenklich um. »Bitte, sei ganz ehrlich. Du sagtest, du würdest den Leuten jetzt nichts Böses mehr wünschen. Ist das wirklich wahr?«
Sie nickte. »Ja. Ich tu’s nicht mehr, weil ich weiß – es ist gefährlich.«
»Und wie war das mit Ole Peters? Erinnerst du dich, daß du geschrien hast: ›Das wirst du bereuen‹, oder so etwas?«
»Ja, aber ich habe ihm nichts Böses gewünscht. Ich wollte ihn nur erschrecken, weil er …«
»Ich verstehe.« Frank Ostwald biß sich auf die Oberlippe. »Weißt du, was mit Ole Peters geschehen ist?« fragte er vorsichtig.
»Nein«, sagte sie, »was ist mit ihm?«
»Er ist verunglückt.«
»Nein!« Sie hielt sich die Hand vor den Mund.
Er sah, daß ihr Entsetzen ehrlich war, und wünschte, er hätte nicht davon angefangen. Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. »Es geschah in der Nacht, als du die Auseinandersetzung mit Jakobus Schwenzen hattest. Ole ist mit dem Motorrad gestürzt. Er ist tot.«
Sie sagte nichts. Und Frank ließ ihr Zeit, sich zu fassen.
Endlich hob sie den Kopf und sah ihn aus brennenden Augen an. »Das habe ich nicht gewollt«, flüsterte sie, »du mußt es mir glauben – das nicht.«
Er nahm ihre Hand. Sie war sehr kalt und zitterte zwischen seinen großen braunen Händen. »Ob du es gewünscht hast oder nicht, spielt keine Rolle. Daß Ole Peters verunglückt ist, kann nicht mit deinen Gedanken zusammenhängen. Er war allein schuld daran. Er war ein Angeber und ein Rowdy, das weißt du doch. Einem von dieser Sorte passiert eben leicht so etwas.«
»Die arme Frau Peters«, sagte Undine erschüttert, »er war ihr einziger Sohn.«
»Natürlich ist es traurig. Aber bitte tu mir den Gefallen und gib dir nicht die Schuld.«
»Du hast doch auch einen Verdacht gehabt, Frank. Sonst hättest du mich nicht gefragt – nicht so gefragt.«
Er zuckte die Schultern, gab ihre Hand frei. »Ich weiß selber nicht, was da über mich gekommen ist.« Er lachte gequält. »Niemand von uns ist ohne Schuld und ohne Bosheit. Sonst wären wir ja Engel.«
»Ich möchte so gern gut sein.«
»Das glaube ich dir. Gerade deshalb nimmst du die Dinge zu schwer. Wenn ich so genau sein wollte wie du – ich habe ja auch schuld an dem, was in jener Nacht geschehen ist. Hätte ich sofort eingegriffen, als die Burschen dich zu hänseln begannen, dann hättest du gar nicht daran gedacht, Ole Peters zu erschrecken. Wenn ich dich nach Hause gebracht hätte, wäre dir das mit Jakobus Schwenzen nicht passiert. Siehst du ein, daß man die Dinge auch so ansehen kann?«
»Du bist wie mein Vater«, sagte sie mit einem Lächeln, »er versteht es auch, mich zu trösten.«
3
In der Wohnstube war es ganz still. Die drei Menschen hielten ihren Atem an. Nichts war zu hören als das Knistern des Feuers in dem prächtigen Kamin mit den handgemalten Kacheln und das Ticken der alten holländischen Uhr, die hinter Glas in die Täfelung der Wand oberhalb der Seidentapete eingelassen war.
Jakobus Schwenzen hielt ein Pendel an einem dünnen Faden über eine verblichene Fotografie. Er und die Harmshofbauern starrten gebannt auf das kleine blanke Stückchen Metall, das keine Anstalten machte, sich zu bewegen.
»Merkwürdig«, sagte Jakobus Schwenzen schließlich mit gedämpfter Stimme. Er ließ die Hand mit dem Pendel sinken. »Ob wir etwas falsch gemacht haben? Ich weiß genau, ich bin Schlag Mitternacht gekommen, und ich habe den Pendel dreimal bei Neumond mit dem Knochen eines hingemordeten Kindes berührt. Sehr sonderbar.« Er betrachtete die Fotografie. »Wo habt ihr sie aufbewahrt?«
»In der Truhe mit seinen alten Sachen«, versicherte die Bäuerin.
»Dann kann es daran auch nicht liegen.« Jakobus Schwenzen tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger gegen die Nasenwurzel.
»Versucht es noch einmal«, drängte der Bauer Uwe Harms ungeduldig.
Jakobus Schwenzen schüttelte den Kopf. »Das kann nichts nutzen. Böser Einfluß steht im Wege. Dämonen.« Lauernd sah er die Harmshofbauern an, als er hinzufügte: »Ich hoffe, es ist kein Fremder bei euch auf dem Hof?«
»Nein«, sagte die alte Bäuerin sofort.
»Warte mal, Mathilde«, warf Uwe Harms ein, »denk an das neue Mädchen.«
Die alte Bäuerin schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen. So ein liebes Ding. Du wirst sie doch nicht mit Dämonen in Verbindung bringen wollen?«
Jakobus Schwenzen verstaute den Pendel sorgfältig in einem ledernen Futteral. »Wir brechen die Sitzung besser ab, denke ich …«
»Was fällt dir ein?« Zornig stieß der alte Bauer mit seinem Krückstock auf den Boden. »Wozu bist du gekommen, wenn du uns nur an der Nase herumführen willst, Jakobus Schwenzen?«
»Mir auch noch Vorwürfe machen – das habe ich gern«, murrte Jakobus Schwenzen. »Wer hat unseren Vertrag gebrochen, ihr oder ich? Hattet ihr mir nicht versprochen, niemand auf dem Hof aufzunehmen, ohne mich vorher um Rat zu fragen?«
»Du wirst unverschämt, Jakobus Schwenzen«, polterte Uwe Harms, »noch bin ich hier der Herr.«
»Ja, noch – das sagst du sehr richtig, Bauer. Aber was wird sein, wenn du nicht mehr bist? Was wird dann aus dem Harmshof? Vergiß nicht, daß du meine Hilfe brauchst. Oder willst du, daß Haus und Hof und alles, was dazugehört, in fremde Hände kommt?« Jakobus Schwenzen schob seinen Stuhl zurück und stand auf. »Ich gehe jetzt. Ihr könnt mich rufen lassen, wenn ihr euch besonnen habt.«
»Bleib«, befahl die Bäuerin mit fester Stimme, »du kennst meinen Mann. Du weißt, daß er nicht immer denkt, was er sagt. Wir haben Unrecht getan, dir nicht gleich von der neuen Magd zu erzählen. Aber wir haben es vergessen. Ein sanftes, liebes Ding. Wer denkt da an etwas Böses?«
»Vielleicht hast du recht, Bäuerin. Ich gehöre nicht zu denen, die gern von ihren Mitmenschen Schlechtes denken«, sagte Jakobus Schwenzen. Er rieb sich die Hände. »Und wenn ihr eurer Sache ganz sicher seid …«
Die Bauersleute wechselten verstohlene Blicke. »Nein, das sind wir nicht«, sagte Mathilde Harms dann. »Wir kennen das Mädchen zu wenig.«
»Ihr seid also einverstanden, wenn ich die Hexenprobe mache?«
Jakobus Schwenzen wartete die Antwort nicht ab. Er nahm eine kleine Metallschale, schüttete aus einem Lederbeutel, in den seltsame Zeichen eingegerbt waren, kleine dunkle Kügelchen hinein. »Das ist Teufelsdreck, den werde ich jetzt anzünden. Das gibt nichts weiter als einen großen Gestank. Ihr müßt euch die Nasen zuhalten.«
»Ja, und was hat das mit der Dirn zu tun?« wollte die Bäuerin wissen.
»Wenn sie eine Hexe ist, wird sie hier erscheinen. Der Rauch quält sie wie das höllische Feuer. Er zwingt sie zu kommen.«
»Da wirst du kein Glück haben«, sagte der Bauer. »Sie ist längst in ihrer Kammer und wird es gar nicht riechen bis nach oben.«
»Ihr irrt euch«, widersprach Jakobus Schwenzen ruhig und entzündete einen Span am Ofenfeuer, »das spüren Hexen kilometerweit.« Er hielt die brennende Spitze des Spans an die Kügelchen in der Metallschale; eines nach dem anderen begann zu glühen, und gräßlich riechende Rauchfahnen kräuselten auf.
»Und wenn sie nicht kommt, was dann? Ist sie dann freigesprochen?« fragte die Bäuerin.
»Nein. Das würde nicht beweisen, daß sie keine Hexe ist, sondern nur, daß wir es mit stärkeren Mitteln versuchen müssen. Dies ist nur die einfachste Probe. Ich kann selber nicht glauben, daß sie darauf anspricht. Undine ist …«
Mathilde Harms unterbrach ihn erstaunt. »Wieso kennst du ihren Namen?«
Jakobus Schwenzen begriff, daß er sich verraten hatte, aber er verlor keinen Augenblick die Fassung. »Nanntest du sie nicht selber so, Bäuerin?«
»Ihr Name ist noch nicht gefallen.«
»Woher könnte ich ihn dann kennen? Ihr spracht von Undine, ganz bestimmt. Und der Name ist nicht so häufig, daß ich glauben könnte, sie wäre eine andere als die Inselhexe. Man hat sie dort vertrieben, weil sie einen Jungen in den Tod geschickt hat. Ole Peters hieß er. Ihr könnt euch erkundigen, daß ich die Wahrheit spreche. Jetzt ist sie also bei euch, und mir scheint, sie hat ihre Künste nicht schlecht angewandt. Ihr seid ja wirklich sehr eingenommen von der Dirn …«
»Ich kann es nicht glauben«, sagte Mathilde Harms kopfschüttelnd, »Undine eine Hexe?« Sie konnte nicht weitersprechen, denn der Rauch stieg ihr beizend in die Kehle; sie mußte husten.
»Haltet euch ein Taschentuch vor Nase und Mund«, rief Jakobus Schwenzen, »und dann schweigt, damit der Zauber wirksam werden kann.« Er hob die Hände, machte beschwörende Gesten, lallte unverständliche Worte vor sich hin, gab seltsame Urlaute von sich, die die alten Leute erschauern ließen.
Plötzlich wurde die Stimme Jakobus Schwenzens deutlich. Hohl und tonlos klang es, als er rief: »Die du eine Hexe bist, verschrieben dem Teufel, erscheine, beende die Qual! Hexe, komm, dir bleibt keine Wahl! Undine – Undine – Undine!«
Allen, selbst Jakobus Schwenzen, verschlug es den Atem, als sich plötzlich die Stubentür öffnete und Undine Carstens eintrat. »Ihr habt mich gerufen?« fragte sie. »Was für ein Qualm? Ist etwas mit dem Ofen passiert?« Sie wollte weiter ins Zimmer kommen.
»Bleibt!« donnerte Jakobus Schwenzen.
Jetzt erkannte sie ihn, denn der dicke graue Rauch war fast undurchdringlich. Sie wurde sehr blaß, aber sie sah dem Mann, der sie vernichten wollte, unerschrocken in die Augen. »Was willst du von mir?« fragte sie hart. »Bist du es, der hier zu befehlen hat?«
Die alte Bäuerin kam näher und sagte in einer Mischung aus Furcht und Mitgefühl: »Geh jetzt, Kind, geh schlafen.«
Ohne Jakobus Schwenzen noch eines Blickes zu würdigen, verließ sie die stickige Stube. Niemand erwiderte ihren Gutenachtgruß.
»Ich kann Undine nicht fortjagen«, erklärte der Verwalter Gregor Ostwald mit Nachdruck, »sie ist ein Mensch und kein hergelaufener Köter.«
Das Gesicht des Harmshofbauern war starr. »Dann schicken Sie sie mir. Ich werde es tun.«
»Aber warum? Was haben Sie gegen das Mädchen? Ich begreife das nicht. Sie ist willig und anstellig und …«
»Sie muß fort. Noch bin ich der Herr auf diesem Hof, und was ich bestimme, hat zu geschehen. Ich bin niemand Rechenschaft schuldig.«
Gregor Ostwald gab immer noch nicht auf. »Meine Frau«, sagte er, »ist so froh, daß sie endlich eine Hilfe hat. Allein war es nicht mehr zu schaffen, und Sie wissen doch, Bauer, gute Kräfte sind heutzutage rar, besonders in der Landwirtschaft.«
»Ich will dieses Mädchen nicht auf meinem Hof haben«, erklärte Uwe Harms starrsinnig.
Das Gespräch fand am Sonntagmorgen nach der Kirche in der guten Stube statt. Die Männer standen sich Auge in Auge gegenüber. In beiden loderte unterdrückter Zorn. Den Bauern kränkte es, daß seine Anordnungen nicht ohne Gegenfrage durchgeführt wurden, und Gregor Ostwald wurde es wieder einmal bitter bewußt, daß er nicht mehr Herr auf eigenem Grund und Boden war, sondern unsinnige Befehle entgegennehmen mußte.
»Hängt es mit gestern abend zusammen?« fragte der Verwalter. »Weil sie noch zu so später Stunde in die Stube kam?«
Der Bauer schwieg.
Gregor Ostwald merkte, daß er der Klärung der Dinge nahe war.
»Mein Sohn hat mir davon erzählt«, sagte er, »er hat mit Undine noch eine Tassse Tee in der Küche getrunken. Fragen Sie mich nicht, warum. Junge Leute haben oft sonderbare Einfälle. Als sie wieder nach oben gingen, hörte Frank eine laute Stimme. Ihm schien, als wenn jemand den Namen ›Undine‹ riefe, und er sagte es dem Mädchen. Er riet ihr, in der Stube nach dem Rechten zu schauen, und so tat sie es. Wenn einer also die Schuld trägt an der Störung, dann ist es mein Sohn, nicht das Mädchen.« Er schwieg und sah den alten Mann erwartungsvoll an.
Das Gesicht des alten Mannes schien noch starrer zu werden. »Ich tue es ja nicht gern, Ostwald«, sagte er mit gänzlich veränderter, weicher Stimme. »Aber es muß sein.«
»Wer zwingt Sie denn dazu?« fragte Gregor Ostwald, und als der andere schwieg, gab er sich selber die Antwort. »Jakobus Schwenzen, das hätte ich mir denken können. Er hat Ihnen eingeredet, daß Undine fort muß, weil sie angeblich eine Hexe ist. Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt? Dann hätte ich mir jedes Wort sparen können. Ich weiß ja längst, gegen Aberglauben und Dummheit ist kein Kraut gewachsen.«
»Sie nehmen sich allerlei heraus, Ostwald«, warnte der alte Mann, aber seine Empörung hatte keine Kraft mehr.
»Weil ich mich verantwortlich fühle, Bauer. Seit mehr als fünfzehn Jahren verwalte ich jetzt den Harmshof, und ich habe es so gewissenhaft getan, als ob er mein eigener wäre. Es ist schwer für mich, mit anzusehen, daß seine Erträgnisse in die Taschen dieses …«, er schluckte das Wort, das er eigentlich hatte aussprechen wollen, hinunter und sagte statt dessen: »dieses Jakobus Schwenzen fließen.«
»Er hat uns schon große Dienste geleistet.«
Gregor Ostwald lachte. »Dienste? Da bin ich aber gespannt. Noch nie habe ich gehört, daß Jakobus Schwenzen gearbeitet hätte.«
»Sie tun ihm unrecht.«
»Das glaube ich kaum. Aber hier geht es nicht um Jakobus Schwenzen, den man den Hexenbanner nennt, sondern um das Mädchen. Sie hat nichts Böses getan, seit sie bei uns auf dem Hof ist. Wir alle mögen sie gern. Wir können sie doch nicht einfach fortschicken, weil ein hergelaufener …«, er mußte wieder ein Wort verschlucken, »Mensch sie angeschwärzt hat.«
»Sie stört ihn in seinen Nachforschungen!«
»Wovon reden Sie?« fragte Gregor Ostwald verständnislos.
Der alte Mann hatte seine Würde wiedergewonnen. »Setzen Sie sich, Gregor Ostwald«, sagte er, »ich will Ihnen alles erklären. Sie sollen mich nicht für einen Unmenschen halten.«
Er öffnete die gläserne Tür des schön geschnitzten Wandschrankes, nahm zwei gravierte Silberbecher heraus und goß in beideklaren selbstgebrannten Korn. Dann setzte er sich zu seinem Verwalter an den Tisch. Die beiden Männer taten sich bedächtig Bescheid, bevor sie tranken, und stellten die Becher gleichzeitig wieder vor sich hin, wie es der Brauch war.
Uwe Harms wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, ehe er begann. »Wir mochten das Mädchen von Anfang an, das kann ich nicht leugnen, und auch jetzt noch fällt es mir schwer, mein Herz gegen sie zu verhärten. Doch denke ich, da sie eine Hexe ist, wird sie sich schon zu helfen wissen – lassen Sie mich ausreden, Gregor Ostwald. Ich könnte sogar glauben, daß sie ihre Bosheit nicht gegen uns richten will. Aber selbst wenn sie uns das verspräche, es hülfe nichts. Sie muß fort. Ich frage Sie jetzt, Gregor Ostwald: Wenn Sie sich zu entscheiden hätten zwischen Undine und Ihrem Sohn – wen würden Sie wählen?«
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