Kitabı oku: «Die Leihmutter»

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Marie Louise Fischer

Die Leihmutter

Saga

Die LeihmutterCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1986, 2020 Marie Louise Fischer und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726444827

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

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I

»Wie konnte das geschehen?«

Beate stellte die Frage mit beherrschter Stimme, aber das Blau ihrer Augen hatte sich verdunkelt und spielte ins Violette, wie immer, wenn sie zornig war. Mit der linken Hand hielt sie Florian, ihren kleinen Sohn, fest im Griff, in der rechten, anklagend erhoben, den Brief der Hausverwaltung.

Frank Werder, ihr Mann, begriff, daß die Zeichen auf Sturm standen. Aber selbst in diesem Augenblick, vor dem er sich seit Wochen gefürchtet hatte, war ihm bewußt, wie schön sie war, wie lebenssprühend. »Reg dich doch nicht so auf!« sagte er und merkte, wie kläglich dieser Beschwichtigungsversuch klang. »Eine Schlamperei, nichts weiter«, fügte er hinzu, »so was kann doch mal vorkommen.«

»Daß man drei Monate vergißt, die Miete zu zahlen?«

»Ja eben.«

»Lächerlich!«

Florian spürte nichts von der Spannung zwischen den Eltern. Er war ganz darauf versessen sich loszureißen. Wie immer, wenn er in der Boutique seines Vaters war, spürte er größte Lust, zwischen all den schönen Dingen herumzustöbern.

»Sollten wir das nicht lieber in aller Ruhe zu Hause besprechen?« schlug Frank vor. »Statt hier im Geschäft, wo jede Minute ein Kunde kommen kann?«

»Ich muß wissen, woran ich bin. Hast du wenigstens das Geld?«

Frank wand sich unter ihren Fragen, die auf ihn wie ein Angriff wirkten. Er war 35, zehn Jahre älter als seine Frau, aber sein Haar hatte schon begonnen sich zu lichten, und seine Figur war schwer geworden. Nur sein gut geschnittenes Jackett konnte seinen Bauchansatz noch kaschieren. »Ich muß zugeben, daß ich momentan nicht sehr flüssig bin«, erklärte er hilflos.

»Du hast also die Miete nicht gezahlt, weil du es nicht konntest?«

»Bitte, Beate, versuch das doch zu verstehen! Ich hatte immer gehofft, von Woche zu Woche ...«

»Und nun stehen wir auf der Straße!«

»Aber nicht doch, Beate! Wir werden das schon schaffen. Irgendwie wird es uns gelingen ...« Er unterbrach sich mitten im Wort. »O mein Gott!« stöhnte er auf und verkrampfte sich.

Eine Sekunde lang, nein, nur den Bruchteil einer Sekunde, die sie sich später nie verzeihen würde, glaubte sie, daß er ihr einen Anfall vorspielte, um sich so der Auseinandersetzung zu entziehen. Aber dann sah sie, wie weiß sein Gesicht geworden war und wie angstverzerrt. Unwillkürlich ließ sie Florian los und stürzte zu ihrem Mann. »Du mußt dich hinlegen, sofort! Ich werde den Notarzt benachrichtigen.«

»Keinen Arzt, bitte nicht! O mein Gott!«

Beate führte Frank in das Hinterzimmer, bettete ihn auf die Couch und stopfte ihm das Kissen und seinen zusammengerollten Trenchcoat in den Rücken, um so sein Herz zu entlasten. Dabei zwang sie sich, beruhigend auf ihn einzusprechen, obwohl sie selber fast tödlich erschrocken war. Als sie den Telefonhörer abnahm und den Notdienst verständigte, protestierte er nicht mehr dagegen. In seinen Augen, die gewöhnlich so sanft blickten, stand die blanke Angst.

»Sie kommen sofort, Liebling!« versicherte Beate und rang sich ein Lächeln ab. »Keine Sorge, du wirst nicht sterben.« Sie zog ihm das hellblaue Einstecktuch aus der Brusttasche seines Jacketts und tupfte ihm den kalten Schweiß von der Stirn.

Der entsetzliche Schmerz ließ nicht nach. Er hatte Brust und Oberbauch wie eine Zange gepackt und strahlte bis in den linken Arm aus. Franks Gesicht war qualvoll verzerrt. Beate war sich nicht sicher, ob er noch verstand, was sie zu ihm sagte.

Florian, der inzwischen einen Turm bunter, glänzender Seidenpullis erst ins Schwanken gebracht, dann umgestoßen hatte, war es unheimlich geworden, so unbeobachtet Unfug treiben zu können. Er kam in das Hinterzimmer, blieb aber, die Hände auf dem Rücken, im Türrahmen stehen. »Papi krank?« fragte er. In seinen runden blauen Augen stand Besorgnis.

»Papi hat Bäuchleinweh«, erklärte Beate. Sie stand so, daß sie dem Kleinen den Blick auf seinen Vater verdeckte.

»Zuviel gegessen?«

»Mag schon sein.« Beate schoß es durch den Kopf, daß sie die Ladentür abschließen sollte. Aber sie konnte sich nicht überwinden, Frank in diesem Zustand allein zu lassen. Außerdem hätte sie es dann noch einmal tun müssen, wenn der Notarzt kam. »Gleich kommt der Onkel Doktor«, sagte sie, »geh weiter spielen.« Als Florian sich schon umdrehte, rief sie ihm nach: »Aber geh nicht auf die Straße!«

»Tu ich doch nie!«

Es ging Frank schon ein wenig besser, als der Notarzt eintraf. Sein Gesicht war nicht mehr ganz so verzerrt, aber er rang immer noch mühsam nach Atem.

»Endlich!« rief Beate.

Tatsächlich waren nicht mehr als fünf Minuten seit ihrem Anruf vergangen, aber es waren die längsten ihres Lebens gewesen.

Der Arzt glaubte sich entschuldigen zu müssen. »Wir sind schwer durchgekommen. Die Türkenstraße war wieder völlig verstopft.« Er war ein noch junger Mann, dessen scharf geschnittenem Gesicht eine randlose Brille den Ausdruck eines Wissenschaftlers verlieh. Er trug einen weißen Kittel und hatte ein Stethoskop um den Hals gehängt.

»Ich weiß«, sagte Beate ungeduldig.

Der Arzt steckte sich die Knöpfe seines Stethoskopes in die Ohren, schob Franks Pullover hoch und horchte das Herz ab. Dann richtete er sich auf und klemmte die Bügel seines Stethoskopes wieder hinter den Hals.

»Vorhin war es noch schlimmer«, sagte Beate.

Der Arzt öffnete seine Bereitschaftstasche und zog eine Einwegspritze auf.

»Ein Nitropräparat?« fragte Beate.

»Sie sind Kollegin?« fragte der Arzt erstaunt.

»Ich studiere noch.«

»Aber Sie haben die Symptome erkannt?«

»Ich fürchte ja.« Zögernd setzte sie hinzu: »Ein Angina-Pectoris-Anfall ?«

»Sieht ganz danach aus.« Der Arzt setzte die Spritze und stach zu. »Hat er das schon öfter gehabt?« Er desinfizierte den Einstich.

»Ich glaube, nein. In meiner Gegenwart jedenfalls nicht.«

»Na, es gibt immer ein erstes Mal. Am besten bringen wir ihn in die Klinik.«

»Aber ich will nicht!« protestierte Frank, dessen Gesicht wieder Farbe bekommen hatte.

»Du bist jetzt Patient, Liebling, du hast gar nichts zu wollen«, bestimmte Beate.

»Es ist doch schon vorbei! Es tut mir leid, wirklich, daß ich soviel Mühe gemacht habe.«

»So ein Anfall kommt nicht von ungefähr.« Der Arzt warf die Spritze in den Papierkorb. »Es ist wirklich das beste, Sie lassen Ihr Herzchen mal durchleuchten.«

»Wozu? Ich fühle mich ganz gesund!«

»Vor fünf Minuten hast du noch Angst gehabt, du würdest sterben!« erinnerte ihn Beate.

»Das Ganze ist doch nur gekommen, weil ich mich so wahnsinnig aufgeregt habe.«

»Ein gesunder Mensch«, sagte der Notarzt, »kriegt auch bei einer Wahnsinnsaufregung keinen Anfall, im Gegenteil, so was tut von Zeit zu Zeit ganz gut.«

»Bitte«, sagte Beate, »nehmen Sie ihn mit!«

»Aber ich will nicht ...«

»Ruhig, ganz ruhig!« mahnte der Arzt. »Für heute haben wir Aufregung genug gehabt. Ihre Frau hat völlig recht. Dieser Anfall war eine Warnung. Man sollte der Sache sofort auf den Grund gehen.« Er ließ das Schloß seiner Bereitschaftstasche zuschnappen, hatte sein Stethoskop aber immer noch um den Hals hängen. »Außerdem werden Ihnen ein paar Tage Bettruhe unbedingt guttun.«

»Aber wer soll das bezahlen?«

»Irgendwer wird schon dafür aufkommen«, erwiderte der Arzt ungerührt. Er ging durch den Laden, sagte im Vorbeigehen: »Na, du?« zu Florian, der mit Krawatten spielte, öffnete die Tür und gab seinen Helfern ein Zeichen. Sie drückten ihre Zigaretten aus und zogen eine Trage aus dem Krankenwagen, der in zweiter Reihe parkte.

Im Hinterzimmer sagte Beate: »Aber du mußt doch versichert sein.«

»Nein«, gestand er.

Beate mußte sich beherrschen, nicht aus der Haut zu fahren.

»Ich war doch nie krank«, versuchte er sich zu verteidigen, »und als ich mich selbständig gemacht habe, dachte ich, ich könnte mir das sparen.«

»Schon gut. Geld ist jetzt wirklich nicht das wichtigste«, behauptete Beate, obwohl sie sich tatsächlich nicht vorstellen konnte, woher sie es nehmen sollte.

»Du meinst, ich soll trotzdem ins Krankenhaus?«

»Unbedingt.«

Er war noch zu sehr geschwächt, um ernsthaften Widerstand leisten zu können. Beate verließ das Hinterzimmer, um den Trägern Platz zu machen. Frank versuchte aufzustehen, war aber dankbar, als die Männer abwinkten.

»Lassen Sie nur!«

»Das machen wir schon.«

Beate hielt Florian wieder fest an der Hand, als die Trage durch den Laden gebracht wurde. Frank schenkte seinem Sohn ein schwaches Lächeln.

»Wohin bringen Sie ihn?«

»In die Interne Ambulanz, Ziemsenstraße.«

Sie beugte sich über ihn und gab ihm einen sanften Kuß auf die Schläfe. »Ich komme, sobald ich kann!« versprach sie.

Auf der Türkenstraße hatte sich ein kleiner Auflauf von Neugierigen gebildet. Beate sah nicht zu, wie ihr Mann eingeladen wurde. Sie verschloß die Ladentür.

»Ist Papi jetzt ganz weg?« fragte Florian.

»Nein. Nur für ein paar Tage. Dann kommt er wieder nach Hause.«

»Und hat er dann kein Bauchweh mehr?«

»Nein, Florian.« Sie strich ihm durch das weiche blonde Haar, das er fast mädchenhaft lang trug. »Weißt du, was wir beide jetzt tun? Wir räumen ganz schnell zusammen auf, ja? Und dann gehen wir nach Hause, und ich koche uns was Gutes zu essen.«

»Paghetti mit Tomaten?«

»Wenn du willst.«

Florian rieb sich sein Bäuchlein. »Immer!«

Die Wohnung der Werders lag, wie »Franks Boutique«, auf der Münchner Türkenstraße, nur wenige Minuten entfernt, in einem Hinterhaus aus der Zeit der Jahrhundertwende, das saniert worden war. Die junge Familie lebte dort zusammen mit Franks Vater, Doktor Hugo Werder, einem Richter im Ruhestand. Dieses Arrangement bedeutete für Beate eine Belastung, da sie den alten Herrn mitversorgen mußte. Allerdings war es auch eine Erleichterung für sie, denn wenn er nicht jeder Zeit bereit gewesen wäre, auf Florian aufzupassen, hätte sie unmöglich die Universität besuchen können. Es war auch gut zu wissen, daß Florian nie allein war, wenn sie nachts arbeitete. Frank pflegte dann schon mal auf ein Bier auszugehen.

Florian stürmte in die Wohnung, kaum daß Beate die Tür aufgeschlossen hatte. »Opa!« schrie er. »Papi ist weg!«

Doktor Werder kam aus seinem Zimmer. Er war, wie immer, im grauen Anzug mit Hemd, Krawatte und schwarzen Slippers so adrett und korrekt angezogen, als hätte er etwas vor. Dabei verließ er das Haus nur sehr selten für einen kleinen Spaziergang, einen Besuch in der Bibliothek oder um sich die Haare schneiden zu lassen. Aber er haßte jegliche Schlamperei, und das war einer der wenigen Punkte, über die er bisweilen mit Beate aneinandergeriet. Denn sie, durch ihr Studium, die Familie und die Nachtarbeit überfordert, nahm es mit der Ordnung nicht so genau.

»Was ist denn los?« fragte er jetzt, mehr gestört als beunruhigt. »Was brüllst du hier so herum?«

»Ein Onkel Doktor war da, und zwei andere in weißen Kitteln«, berichtete Florian eifrig, »und sie haben den Papi fort gebracht.«

»Nur für ein paar Tage«, sagte Beate beschwichtigend.

»Etwas Ernstes?«

Beate gab ihrem Schwiegervater mit den Augen ein Zeichen. »Wir sollten später darüber reden. Wenn wir gegessen haben.« Sie hing ihre Tasche über den Garderobenständer, setzte Wasser für die Spaghetti und zum Häuten der Tomaten auf, schälte eine Zwiebel.

Großvater und Enkel kamen ihr nach.

Gewöhnlich hatte sie ganz gerne Gesellschaft beim Kochen, heute aber spürte sie den dringenden Wunsch allein zu sein. »Es dauert noch eine halbe Stunde«, sagte sie.

Doktor Werder verstand. »Gehen wir bis dahin noch ein bißchen in den Garten«, schlug er vor und nahm Florian bei der Hand.

Dieser Garten, eine Grünanlage mit Kinderspielplatz, den die Bewohner der umliegenden Häuser aus einem ehemals trostlosen Hinterhof geschaffen hatten, war in den Augen der Werders ein wahrer Glücksfall. Da er keinen Zugang zur Straße hatte, konnte Florian hier auch schon einmal unbeaufsichtigt spielen, obwohl Beate nie ein gutes Gefühl dabei hatte.

Mechanisch begann sie die Zwiebel zu würfeln, erschrak, als sie merkte, daß ihre Hände zitterten. Sie legte das Messer beiseite und atmete tief durch. Aber es half nichts. Sie mußte, so gut es ging, weitermachen und sich darauf konzentrieren, sich nicht in die Finger zu schneiden.

Später bei Tisch – sie aßen alltags gewöhnlich in der Küche – konnte sie kaum eine Gabel Spaghetti herunterbringen. Da sie gleichzeitig damit beschäftigt war, Florian beim Essen zu helfen, hoffte sie, daß es dem Schwiegervater nicht auffallen würde.

Aber er merkte es doch. »Moment mal«, sagte er und stand auf, »ich bin gleich wieder da.« Er verschwand, kam mit einer angebrochenen Flasche Rotwein zurück, nahm zwei Gläser aus der Kredenz und schenkte ein.

»Lieb von dir!« Beate nahm ihr Glas nur zögernd, aber da der Schwiegervater, sein Glas in der Hand, abwartete, bis sie es zu den Lippen führte, trank sie dann doch.

»Jetzt kriegst du endlich wieder ein bißchen Farbe«, stellte er fest.

»Ja, ich glaube, der Wein tut mir gut.«

»Du mußt jetzt aber auch versuchen, etwas zu essen!« mahnte er.

»Ich werde mein möglichstes tun.«

Tatsächlich ging es, nachdem sie ein halbes Glas getrunken hatte, jetzt besser, und es gelang ihr, den Teller zu leeren. Danach nahm sie Florian die Serviette ab, die sie ihn um den Hals gebunden hatte, führte ihn ins Bad und wusch ihm sein über und über mit Tomatensauce verschmiertes Gesicht ab. Wie stets hatte er keine rechte Lust, sich mittags hinzulegen. Gewöhnlich machte Beate ein Spiel daraus, streckte sich auf der schmalen Couch in dem kleinen Zimmer aus, erzählte Geschichten, tat, wenn es ihr zuviel wurde, als wäre sie eingeschlafen oder schlief auch wirklich ein. Aber heute wandte sie sich, nachdem sie ihn ausgezogen und in sein Gitterbett gesteckt hatte, sofort zur Tür.

»Sei brav, mein Schatz, und schlaf jetzt schön!«

»Aber, Mami, warum willst du fort?«

»Weil ich heute keine Zeit habe. Tut mir leid, mein Schatz.

»Bin aber behaupt nicht müde.«

»Du mußt ja nicht schlafen. Bleib einfach liegen und ruh dich aus!« Sie zog die Tür hinter sich zu, obwohl sein Geschrei ihr ins Herz schnitt. Aber sie wußte, daß er sich in den Schlaf jammern würde.

Zu ihrer Überraschung stand der Schwiegervater in der Küche, hatte sein Jackett ausgezogen, sich die Ärmel hochgekrempelt, eine Schürze vorgebunden und spülte ab. Beate war gerührt. ›Das mußt du doch nicht tun!‹ hätte sie beinahe gesagt, aber dann dachte sie, daß es bestimmt nichts schaden konnte, wenn er sich nützlich zu machen suchte. Es kam selten genug vor. Sie nahm ein Küchentuch und trocknete ab.

»Du hast dich nicht hingelegt«, stellte er fest.

»Ich könnte doch nicht schlafen.«

»Willst du mir jetzt erzählen, was passiert ist?«

»Natürlich. Ich wollte nur vor dem Kleinen nicht sprechen. Schlimm genug, daß er es miterlebt hat.« Sie biß sich auf die Lippen. »Frank hatte einen Anfall.«

»Einen ... was?« Dr. Werder ließ den Topf, den er gescheuert hatte, auf die Ablage sinken.

»Wahrscheinlich Angina pectoris. Ich dachte schon, es wäre ein Herzinfarkt, und er würde ... würde ...« Sie konnte nicht weitersprechen.

»Kopf hoch, Mädel, er lebt ja noch!« Er nahm ihr den Teller, den sie poliert hatte, aus der Hand und legte ihr den Arm um die Schulter. »Die Küche kann warten. Gehen wir zu mir und trinken noch einen Schluck.«

Er nahm sich die Schürze ab, zog die Ärmel glatt und schlüpfte in sein Jackett.

Sein Zimmer war gemütlich, wenn es auch, da es zum Schlafen und Wohnen dienen mußte, übermöbliert war. Der schwere Schreibtisch aus dunkler Eiche, von dem er sich nicht hatte trennen können, schien fast den halben Raum einzunehmen, den die Bücherregale und Schränke an den Wänden noch mehr verengten. Aber der Sessel, in den er Beate drückte, war sehr bequem. Er selber holte zwei schön ziselierte Gläser aus einem Fach, polierte sie mit seinem blütenweißen Taschentuch behutsam aus und stellte sie auf den kleinen, sechseckigen Eichentisch. Dann nahm er eine Flasche Rotwein aus einem Ständer und öffnete sie ein wenig umständlich. Beate wußte, daß er das alles tat, um ihr Gelegenheit zu geben, ihre Fassung zurückzugewinnen.

Er schenkte sich einen Schluck ein, probierte ihn, fand ihn lobenswert und schenkte sich und der Schwiegertochter ein. Dann setzte er sich auf die Couch, die ihm nachts zum Schlafen diente, tags mit dunkelrotem Brokat bedeckt war, und trank Beate zu.

»Du mußt mir verzeihen«, bat sie, »es war ein schwerer Schock für mich.«

»Als wüßte ich das nicht! Du bist der letzte Mensch, dem ich Tapferkeit absprechen würde.«

Sie berichtete und trank hin und wieder einen Schluck.

Er hörte ihr, ohne Zwischenfragen zu stellen, aufmerksam zu. Endlich aber konnte er nicht länger an sich halten. »Nicht versichert!« rief er. »Das sieht Frank ähnlich! Wer außer ihm könnte so hirnrissig sein!«

Sie versuchte ihren Mann zu verteidigen. »Er dachte eben, es wäre rausgeworfenes Geld. Vielleicht hoffte er auch, Monat für Monat etwas für einen Krankheitsfall beiseite legen zu können.«

»Unverzeihlicher Leichtsinn!« grollte der alte Herr.

»Er konnte doch nicht damit rechnen, daß ihm so etwas passieren würde.«

»Jeder muß damit rechnen, daß er plötzlich krank wird. Aber wieso eigentlich hast du das nicht gewußt? Ehepaare sind doch gemeinhin zusammen versichert?«

»Nein. Ich bin in einer Studentenversicherung, aus der ich, auch durch eine andere Versicherung, nicht herauskönnte.«

»Und Florian?«

»Für den habe ich eine Zusatzversicherung abgeschlossen.«

»Braves Mädel.«

»Aber das nutzt Frank nichts.«

»Eines verstehe ich nicht. Warum hast du ihn so gedrängt, sich untersuchen zu lassen? Wenn er es sich nicht leisten kann, hätte er eben darauf verzichten sollen.«

»Das Geld kriege ich schon irgendwie zusammen«, behauptete Beate und überlegte, ob jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen wäre, das Thema der überfälligen Miete anzuschneiden.«

»Aber das ist nicht deine Aufgabe! Er ist ein erwachsener Mann, und er muß selber für sich sorgen.«

»Er ist mein Mann, und ich liebe ihn. Meinst du, ich möchte riskieren, daß er tot umfällt?«

»So schlimm wird es schon nicht sein.«

»Hoffentlich nicht. Aber meiner Ansicht nach deutet alles darauf hin, daß mindestens eine seiner Arterien beschädigt ist. Dadurch kam nicht mehr genug Blut, beziehungsweise Sauerstoff in bestimmte Herzmuskelzellen. Nur so sind die heftigen Schmerzen zu erklären.«

»Aber wie kann so etwas aus heiterem Himmel passieren?«

»Wir hatten eine Auseinandersetzung, und ich fürchte, ich habe mich sehr dumm benommen.« Beate berichtete von dem Anlaß ihres Streites.

Jetzt, zum ersten Mal, verlor der Schwiegervater die Nerven; er setzte sein Glas so hart auf den Tisch, daß der Wein überschwappte. »Was sagst du da? Er hat die Miete nicht bezahlt? Was zum Teufel hat er sich dabei gedacht?«

»Bitte, nun reg dich nicht auch noch auf, Vater! Er war eben knapp bei Kasse ...«

Er ließ sie nicht aussprechen. »Dann hätte er an allem anderen sparen sollen, nur nicht an der Miete!«

»Wem sagst du das?«

»Wußtest du, daß sein Geschäft so schlecht geht?«

»Nicht in dem Ausmaß. Du weißt ja, wie er ist. Er versucht, den Erfolg durch große Sprüche heraufzubeschwören. Es liegt ihm nicht, sich zu beklagen. Aber natürlich habe ich bemerkt, daß seine Laune nicht gerade blendend war, und man muß nicht viel von Geschäften verstehen, um sich ausrechnen zu können, daß dies verregnete Frühjahr ein Reinfall werden mußte.«

»Jedenfalls war deine Wut durchaus berechtigt. Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen.«

»Tue ich aber. Sie war völlig sinnlos. Durch Vorhaltungen war das Geld nicht herbeizuzaubern. Außerdem hätte ich begreifen müssen, daß diese leidige Geschichte ihn ja selber sehr bedrückt. So leichtsinnig ist er ja nun doch nicht.«

Dr. Werder hatte sich wieder gefangen. Beate merkte es daran, daß er sein Taschentuch zückte, um die Rotweintropfen abzuwischen, sich dann aber eines Besseren besann und ein Papiertuch zur Hilfe nahm.

»Frank muß in Behandlung, Vater«, sagte sie, »und dafür werde ich das Geld schon zusammenkratzen, irgendwie. Wir werden eben noch sparsamer leben müssen. Aber wegen der Miete weiß ich mir wirklich keinen Rat. Wenn man uns rauswirft ... wohin? Wir brauchen doch ein Dach über dem Kopf. Billige Wohnungen sind in München so gut wie gar nicht zu haben, und einen Umzug könnten wir uns auch nicht leisten.«

»Das ist es eben, was ich nicht begreife! Daß er daran nicht gedacht hat!«

»Wahrscheinlich hat er den Gedanken immer wieder von sich geschoben, weil er ihm unerträglich war.«

»Die Vogel-Strauß-Methode also! Oder auch: im äußersten Notfall wird schon jemand einspringen.«

»Wer?«

»Ich. Ich werde meine Ersparnisse angreifen müssen.«

»Das willst du wirklich tun?« Beate empfand Erleichterung und Scham zugleich. »Mir fällt ein Stein vom Herzen.« Sie sprang auf, lief zu ihrem Schwiegervater hin und umarmte ihn.

Er wehrte ab. »Nicht doch! Ich tu’s ja auch meinetwegen. Wo sollte ich alter Knacker hin, wenn ich nicht mehr bei euch leben kann?«

Beate lächelte, zum ersten Mal seit diesem schrecklichen Vormittag. »Du bist ein ganz reizender alter Herr, und du weißt das. Es wimmelt auf der Welt von Witwen, die sich alle um dich reißen würden.«

»Ich noch einmal auf den Heiratsmarkt? Ausgeschlossen.«

»Davon hat ja niemand gesprochen. Ich hatte an eine Witwe mit einer schönen, runden Pension gedacht.«

»Ich wußte gar nicht, daß du so berechnend sein kannst.«

»Du hast recht. Das sind wir beide nicht. Deshalb habe ich dich auch so lieb.« Sie drückte ihm einen Kuß auf die Stirn und ließ sich wieder im Sessel nieder.

Der alte Herr fuhr sich über das militärisch kurz geschnittene graue Haar. »Du machst mich ganz verlegen, weißt du das?«

»Ich habe noch eine kleine Bitte: Könntest du nachher etwa zwei Stunden auf Florian aufpassen? Ich muß Frank doch ein paar Sachen in die Klinik bringen, seinen Rasierapparat und so.«

»Erst gehe ich zur Bank, hebe das nötige Geld ab und bringe die Sache mit der Hausverwaltung in Ordnung.«

»Danke.« Beate wollte aufstehen.

Er hielt sie mit einer Frage zurück. »Sag mal, könnten seine geschäftlichen Sorgen Ursache für die Erkrankung sein?«

»Nein. Eher zu wenig Bewegung, zu viele Zigaretten, seine Vorliebe für Schweinshaxen und seine nächtlichen Plünderungen des Eisschranks.«

»Wenn er also seine Gewohnheiten ändern würde ...«

»Das wird er müssen. So oder so. Ich bin sicher, daß ihm die Ärzte das einhämmern werden.« Sie stand auf. »Aber jetzt möchte ich doch versuchen, mich wenigstens ein halbes Stündchen auszuruhen.«

»Du willst doch nicht etwa heute nacht wieder ins Krankenhaus?«

»Doch, Vater.«

»Sehr unvernünftig. Du brauchst jetzt deine Kräfte.«

»Vielleicht werde ich sie bald noch mehr brauchen. Sieh mich doch, bitte, nicht so mißbilligend an!«

»Nur besorgt.«

Beate nahm ihr Glas vom Tisch. »Ich habe selber schon daran gedacht, den Knaben anzurufen, mit dem ich die Personalstelle als Nachtwache teile. Aber das würde nur ein unnötiges Durcheinander geben, und nachholen müßte ich die Arbeit doch. Also lassen wir es lieber so, wie es ist.«

»Es ist mir unbegreiflich, wie du mit so wenig Schlaf auskommen kannst.«

»Man gewöhnt sich, Vater. Außerdem sind es ja nur sieben Nächte im Monat.«

»Meiner Ansicht nach sieben zu viel!«

»Wir brauchen das Geld, außerdem nützen mir die praktischen Erfahrungen im Krankenhaus bei meinem Studium. Durch sie bin ich meinen Kommilitonen gegenüber im Vorteil.«

Der alte Herr leerte sein Glas und reichte es ihr, ebenso das mit Rotwein durchtränkte Papiertaschentuch. »Eine seltsame Art von Vergnügungssucht.«

Sie lächelte ihm liebevoll zu, bevor sie das Zimmer verließ.

Weder Beate noch Frank Werder besaßen ein Auto, und sie brauchten auch keines. Die schmale, geschäftige, leicht schäbige Türkenstraße verläuft parallel zu der prachtvollen Ludwigstraße. Von Werders Wohnung war es nur noch zwei Blocks weit bis zur U-Bahnstation an der Ludwig-Maximilian-Universität. Von dort aus pflegte Beate abends bis zum Platz Münchner Freiheit zu fahren. Die »Private Klinik Dr. Scheuringer«, in der sie als Nachtwache angestellt war, lag nur wenige Schritte weit entfernt.

An diesem Nachmittag fuhr sie mit dem Köfferchen, das sie für Frank gepackt hatte, in die entgegengesetzte Richtung zum Marienplatz und stieg dort in eine andere Bahn um, die sie zum Goetheplatz brachte. Unterwegs gelang es ihr, ein bißchen vor sich hinzudösen. Darin hatte sie Übung. Sie hatte die Fähigkeit abzuschalten, wann immer sich eine Gelegenheit ergab, und dadurch den Mangel an nächtlichem Schlaf auszugleichen. Trotzdem war sie froh, als die Rolltreppe sie aus der Unterwelt wieder ans Tageslicht brachte. Es war Anfang Juni, aber, obwohl die Sonne schien, noch viel zu kalt für die Jahreszeit. Nach einem hoffnungslos verregneten Frühling ließ der Sommer immer noch auf sich warten.

Beate dachte darüber nach, wie sich das auf Franks Geschäft auswirken würde. Sie überlegte, wie schlecht es um seine Finanzlage stehen mußte und ob es einen Sinn hatte, wenn er einfach so weitermachte. Sicher waren seine Sorgen, wie sie schon ihrem Schwiegervater gesagt hatte, nicht die Ursache seiner Erkrankung, aber sie konnten womöglich dazu beitragen, sein geschwächtes Herz noch mehr zu strapazieren. Aber das waren Überlegungen, mit denen sie Frank jetzt nicht kommen durfte. Der Zeitpunkt, darüber eine Entscheidung zu treffen, war noch zu früh. Erst mußte sich herausstellen, wie krank er wirklich war.

Während all dieser Überlegungen ging Beate rasch, mit weit ausholenden elastischen Schritten dahin. Der weite, weiße Leinenrock schwang um ihre schlanken Beine, das rotblonde Haar, das sie in einer Ponyfrisur trug, wehte ihr aus der Stirn. Es war ihr nicht bewußt, daß sie immer wieder interessierte Blicke auf sich zog. Niemandem, der ihr auf der belebten Straße der Innenstadt entgegen kam, wäre es eingefallen, daß sie Sorgen haben könnte. Sie wirkte ernst, ja, gefaßt, aber durchaus nicht kummervoll. Mit ihrer gesunden Gesichtsfarbe, den vereinzelten kecken Sommersprossen, der geraden, kräftigen Nase und dem festen entschlossenen Mund wirkte sie wie das blühende Leben.

Auf der Höhe des Sendlinger Tors bog sie rechts von der Lindwurmstraße ab, und dann stand sie auch schon vor der »Internen Ambulanz der Medizinischen Klinik«, einem mächtigen alten Gebäude mit renovierter Fassade. Da sie selber Medizinerin war, empfand sie nicht die Beklommenheit, die Laien gemeinhin beim Eintritt in ein Krankenhaus überfällt. Präzise stellte sie dem Pförtner ihre Fragen, fand sich rasch zurecht, eilte die breiten Treppen hinauf und einen der hohen Gänge entlang.

Frank lag in einem Vierbettzimmer, gleich neben der Tür. Seine Augen leuchteten auf, als er sie sah. »Na, endlich!« sagte er. »Ich habe schon so auf dich gewartet!«

»Es ging nicht eher!« Sie begrüßte die anderen Patienten mit einem Lächeln und gab ihm dann einen raschen Kuß. »Du siehst prima aus«, stellte sie fest.

»Ich fühle mich auch ganz okay. Sag mal, wäre es nicht das gescheiteste, wenn ich gleich mit dir nach Hause käme?«

»Nichts da! Wie ich den Verein kenne, wirst du erst morgen untersucht, habe ich recht?«

Er nickte. »Hast du mir wenigstens einen Morgenrock mitgebracht? Im Bett brauche ich ja nun wirklich nicht zu liegen.«

Sie öffnete den Koffer und gab ihm seinen Morgenmantel, ein höchst elegantes Stück aus roter Seide. Er stand auf und hatte es eilig hineinzuschlüpfen, denn er kam sich in dem hinten offenen Klinikhemd einigermaßen komisch vor. Beate stellte ihm die Hausschuhe vor die Füße.

»Wo ist dein Spind?«

»Der außen rechts.«

Beate ordnete Unterwäsche, Strümpfe, Taschentücher und was sie ihm sonst noch mitgebracht hatte, hinein. Das Jackett, das er am Morgen getragen hatte, hing untadelig korrekt über dem Bügel, auch die Hose war so ordentlich wie nur möglich über die Querstange gelegt. Frank liebte schöne Dinge nicht nur, sondern er ging auch sorgsam und liebevoll mit ihnen um.

Gemeinsam traten sie auf den Gang hinaus.

Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, fragte er: »Hast du eine Zigarette für mich?«

»Darfst du denn rauchen?«

»Drinnen nicht, aber ...«

»Frank, das habe ich nicht gemeint. Ich habe an dein Herz gedacht.«

»Ach was. Das bißchen Nikotin wird es schon noch vertragen.«

»Hat der Professor nicht gesagt, daß es schädlich für dich ist?«

»Keinen Ton.«

»Dann kommt das noch, darauf kannst du dich verlassen. Das klügste ist, du fängst gleich damit an, es dir abzugewöhnen. Hier in der Klinik hast du dazu die beste Gelegenheit.« Um ihn abzulenken, fragte sie: »Hat sich Professor Meyser überhaupt selber um dich gekümmert?«

»Doch. Er hat ein paar Worte mit mir gesprochen, mich nach meinen Lebensgewohnheiten gefragt und so. Aber abgehorcht und den Blutdruck gemessen hat ein jüngerer Arzt.«

»Das ist so üblich.«

»Wie lange, meinst du, daß ich bleiben muß?«

»Ich nehme an, daß du spätestens morgen nachmittag nach Hause kannst.«

»So rasch?«

»Du hast dich wohl schon auf eine längere Faulenzerperiode eingestellt«, neckte sie ihn.

Aber er fand diese Bemerkung nicht lustig. »Du weißt, wie sehr ich an meiner Boutique hänge. Was hast du mit ihr gemacht?«

»Geschlossen natürlich.«

»Könntest du nicht ...«

»Vergiß es, Frank! Nicht dieses Thema. Du weißt, was wir ausgemacht haben: das Geschäft ist einzig und allein deine Sache.«

»Aber dies ist ein Ausnahmefall ...«

»Liebling, ich könnte dich nicht vertreten, selbst wenn ich es wollte. Ich habe heute Nachtdienst, und beim besten Willen kann ich mich nach einer schlaflosen Nacht nicht auch noch tagsüber in den Laden stellen. Das mußt du doch einsehen.«

»Schon gut, schon gut, ich sag ja nichts weiter. Sag mal, hast du nicht doch eine Zigarette für mich?«

»Woher sollte ich? Du weißt, daß ich nicht rauche.«

»Aber du hättest daran denken können.«

»Du mußt dich umstellen, Frank, und am besten fängst du gleich damit an, wie ich dir schon gesagt habe.«

»Du bist verdammt hart, Beate.«

»Wäre ich es nicht, könnte ich das Leben, das ich führe, wohl kaum aushalten.« Sie merkte sofort, daß sie zu weit gegangen war. »Entschuldige, Frank, das war nicht als Vorwurf gemeint. Du weißt, wie sehr ich dich liebe. Ich würde alles dafür tun, um mit dir leben zu können. Es ist auch nicht deine Schuld, daß du nicht besser für uns sorgen kannst.«

»Ich hätte das Geld für die Miete beiseite legen sollen«, sagte er, »aber dann hätte ich keine Ware einkaufen können ... nicht die Ware, die ich wollte, und ohne Ware ...«

Sie hatte mehrfach versucht ihn zu unterbrechen. Jetzt endlich gelang es ihr, indem sie seinen Arm heftig drückte. »Wegen der Miete brauchst du dir keine Gedanken mehr zu machen, Vater hat das für uns erledigt.«

Er atmete auf. »Soll das heißen, du hast ihn rumgekriegt?«

»Ich habe ihm unsere Misere dargelegt, und er hat sich sofort von sich aus erboten, die Sache in Ordnung zu bringen. Er ist ein fabelhafter Mann, dein Vater.«

Seine Miene verdüsterte sich. »Ich wollte, er hätte es nicht erfahren.«

»Es war unumgänglich.«

»Ja, schon, aber ...«

»Grüble nicht länger darüber nach, Liebling! Die Sache ist gelaufen.«

»Ich werde ihm das Geld zurückgeben«, versprach er.

»Ja, sicher wirst du das.«

Beate und Frank waren während ihres Gesprächs auf dem langen Gang auf und ab gegangen und kamen jetzt wieder an einer mit Sand gefüllten Schale an, die als Ascher diente. Es entging ihr nicht, daß er einen sehnsüchtigen Blick auf einen halblangen Stummel warf.

»Sieh nur, was für ein Dreck!« sagte sie. »Am leichtesten gewöhnst du dir das Rauchen ab, wenn du dir die widerlichen vollen Aschenbecher vorstellst, den Geruch von kaltem Rauch, der sich in den Kleidern festsetzt.«

»Du hast gut reden«, sagte er unglücklich.

»Es ist so wichtig, daß du es schaffst. Bisher war es nur eine dumme Angewohnheit, und du wirst zugeben, daß ich mich nie deswegen angestellt habe. Aber jetzt geht es um dein Leben.«

»Du übertreibst.«

»Das würde ich mir wünschen, für dich und für mich.« Sie zog ihn fort, war sich aber nicht sicher, ob er sich, wenn sie erst gegangen war, die verlockende Kippe nicht doch holen würde. Sie schob den Gedanken von sich, denn darauf kam es jetzt auch nicht mehr an.

»Der Professor hat etwas davon gemurmelt, daß er mich röntgen müßte«, berichtete er.

»Das wird er wohl.«

»Aber warum hat er es dann nicht gleich getan? Heute?

Dann könnte ich doch mit dir nach Hause und das Geschäft ...« Er brach ab.

»Es ist ein ziemlich komplizierter Vorgang«, erklärte sie vorsichtig.

»Wieso?«

»Um die Herzkranzgefäße röntgenologisch darstellen zu können ...« Sie sah ihn an. »Du verstehst mich doch?«

»Schon. Die Herzkranzgefäße müssen also geröntgt werden.«

»Ja, und dafür muß ein Kontrastmittel in jede einzelne Coronararterie eingebracht werden.«

»Wie geht denn das?«

»Mit einem Katheder.«

»Hört sich ziemlich schauerlich an.«

»Angenehm ist es bestimmt nicht, und da fällt mir ein: vielleicht lassen sie dich auch erst übermorgen nach Hause, damit du dich davon erholst.«

Abrupt blieb er stehen. »So schlimm?«

»Vielleicht bekommst du eine Narkose und spürst gar nichts davon, aber eine Narkose ist natürlich auch ein Vorgang, nach dem man nicht gleich aus dem Bett springen sollte.«

»Was werden sie mit mir machen? Ich will es genau wissen.«

»Es macht mir keinen Spaß, dich zu ängstigen.«

»Das weiß ich ja.« Er packte sie bei den Schultern und blickte ihr beschwörend in die Augen. »Sag es mir! Sag mir alles! Und komm mir jetzt nicht damit, daß ich einen der Ärzte fragen soll. Du weißt besser als ich, wie die sind.«

»Ich finde, die tun ganz recht daran, die Patienten nicht mit Einzelheiten zu beunruhigen.«

»Aber ich bin nicht dein Patient, sondern dein Mann. Einen Vorteil muß es doch haben, wenn man eine Medizinerin geheiratet hat.«

»Nur einen?« fragte sie und merkte sogleich selber, daß ihr Versuch, die Unterhaltung ins Scherzhafte abzubiegen, kläglich war.

Er ging nicht darauf ein, sah ihr nur weiter tief in die Augen.

»Es ist nicht gefährlich«, behauptete sie, »aber für einen Laien hört es sich, fürchte ich, ziemlich übel an. Also ...« Sie suchte nach leicht verständlichen Worten. » ...die große Oberschenkelarterie wird in der Leistenbeuge punktiert, das ist so, als kriegst du eine Spritze dort hinein. Tatsächlich aber wird ein Katheder durch die Aorta in Richtung Herz geschoben. Hier werden dann die Abgänge der Coronarien, also der Herzkranzgefäße, aufgesucht. Das ist natürlich nur mit Hilfe einer komplizierten Technik möglich, von der ich selber nichts verstehe.«

Endlich löste er die Hände von ihren Schultern und gab ihren Blick frei. »Und wozu das Ganze?«

»Um ein Kontrastmittel zu applizieren, also einzuführen. Unmittelbar danach wird der Abfluß des Kontrastmittels röntgenologisch in schneller Bildfolge festgehalten. Ich glaube, man macht zwei bis sechs Bilder in der Sekunde. Dabei wird sich dann herausstellen, ob es in der einen oder anderen Arterie eine Engstelle gibt.«

»Dann bin ich beruhigt«, erklärte Frank überraschend.

»Wirklich?« fragte sie.

»Na hör mal, wie sollte ich denn an eine Engstelle in einer Arterie kommen? Das ist doch alles Unsinn. Ich bin erst fünfunddreißig, und habe nie mit dem Herzen zu tun gehabt. Mein Anfall war ein bloßer Zufall.«

»Schon möglich«, gab sie zu, um ihn nicht weiter zu beunruhigen, obwohl sie selber gerade auf dem medizinischen Gebiet nicht an Zufälle glaubte.

Er spürte, daß sie nicht seiner Meinung war. »Erklär mir doch mal, bitte, wie es zu einer solchen Engstelle hätte kommen können?«

»Es gibt verschiedene Ursachen, die zu einer Verletzung der inneren Arterienschicht führen können, hoher Blutdruck zum Beispiel. Wann hast du zuletzt deinen Blutdruck messen lassen?«

»Heute morgen.«

»Und?«

»Der Doktor murmelte irgendwelche Zahlen, mit denen ich nichts anfangen konnte.«

»Ist ja auch egal. Es könnte auch durch einen überhöhten Cholesterinspiegel passiert sein oder durch deine blöde Raucherei. Irgend etwas könnte jedenfalls zu einer Verletzung geführt haben, und daraus entsteht dann eine Art Narbenbildung, in der sich dann allerhand ablagert. Dadurch verhärtet sich dann logischerweise der betreffende Gefäßabschnitt.«

»Scheiße«, sagte er.

»Bei dir muß es nichts Ernsthaftes sein. Ich glaube das auch gar nicht. Aber ich bin jetzt nachträglich ganz froh über deinen Anfall. Morgen werden wir wissen, wie es wirklich um dich steht.« Sie umarmte ihn und legte ihren Kopf an seine Brust. »Ach, Liebling, ich wäre ja so froh, wenn alles bloß falscher Alarm gewesen wäre!«

Er beugte sich zu ihr und küßte sie zärtlich auf den Mund. »Ich bin ganz sicher.«

Beate rang sich ein Lächeln ab. »Um so besser. Sag mal, wann kommt der Professor heute nachmittag zur Visite?«

»Ich weiß es nicht.«

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Wahrscheinlich gegen vier. Das ist so üblich. Ich werde mal versuchen, ihn abzufangen.«

»Wozu?«

»Weil ich dabei sein will, wenn er dir das Ergebnis der Untersuchung mitteilt.« Plötzlich hatte sie das Gefühl, zu besitzergreifend zu sein. »Das ist dir doch recht?«

»Unbedingt.« Lächelnd fügte er hinzu: »Außerdem – auch wenn ich es nicht wäre – bin ich überzeugt, du würdest deinen Willen durchsetzen.«

»Bin ich wirklich so eine Xanthippe?«

»Du bist überbesorgt.«

»Ich will dir doch nur helfen.«

Wieder umarmten sie sich, als könnten sie so einander Kraft geben.

Sie lösten sich erst voneinander, ein wenig beschämt, als Professor Meyser, gefolgt von einem Troß junger Ärzte und der Oberschwester um die Ecke bog.

Entschlossen bekämpfte Beate ihre Verlegenheit und lief auf ihn zu, bevor er noch das nächste Krankenzimmer betreten konnte.

»Herr Professor!« sagte sie, ein wenig atemlos.

»Ja?« Er war ein sehr großer, schlanker Mann, mit leicht vornüber gebeugten Schultern und einem gänzlich kahlen Kopf.

Sie kannte ihn nur vom Sehen. »Mein Mann hatte heute früh einen Angina-Pectoris-Anfall.«

»Sie scheinen sich ja auszukennen.«

»Ich möchte dabei sein, wenn er das Ergebnis der Untersuchung erfährt.«

»Na, bitte.«

»Wann wird das sein?«

Der Professor wechselte einige Worte mit einem anderen Arzt. »Morgen nachmittag um drei. In meiner Ordination.«

»Danke, Herr Professor.«

Er ließ sich die Tür zu dem Krankenzimmer öffnen, vor dem sie standen, und verschwand darin samt seinem Troß.«

»Ich muß jetzt laufen«, sagte Beate, »du weißt, Vater wird nervös, wenn er zu lange auf Florian aufpassen muß.«

»Grüß die beiden von mir.«

»Wird gemacht. Dann also bis morgen.« Sie küßte ihn noch einmal zärtlich und eilte dann mit ihren weit ausholenden, elastischen Schritten davon. Aber als sie die Treppe erreicht hatte, drehte sie sich noch einmal zu ihm um.

Er stand immer noch da, wo sie ihn verlassen hatte.

Sie warf ihm eine Kußhand zu, und er winkte, ein wenig müde, zurück.

II

Als Beate ihre Wohnung betrat, hatte sie sofort das Gefühl, daß niemand da war. Tatsächlich waren Kinderzimmer und Küche leer. Sie klopfte an die Tür des alten Herrn, aber erhielt keine Antwort.

Sie dachte kurz nach und machte sich dann daran, das Spülbecken zu säubern und das Geschirr fortzuräumen. Danach ging sie in das Schlafzimmer und riß das Fenster zum Hof auf. Werders Wohnung lag im Erdgeschoß. Das hatte den Nachteil, daß sie recht laut war, dagegen den Vorteil, daß Beate sich mit dem Kinderwagen leichtgetan hatte und der Garten mit wenigen Schritten zu erreichen war.

Auch jetzt ging es lebhaft dort zu. Ein Baby schrie und Hunde bellten. Frauen saßen in der Sonne, ließen ihre Stricknadeln klappern und unterhielten sich. Kinder spielten, lachten, lärmten.

Florian und sein Großvater waren nicht zu sehen. Beate seufzte erleichtert auf. Wahrscheinlich, dachte sie, waren sie spazierengegangen. Sie streifte die Schuhe von den Füßen, zog den Rock aus und legte sich, die Hände unter dem Kopf verschränkt, auf ihr Bett. Sie hatte sich angewöhnt, jede Gelegenheit zu nutzen, die sich ihr zum Ausspannen bot.

Sie dachte an Frank und daran, wie sonderbar klein er gewirkt hatte, als er da in seinem rotseidenen Hausmantel allein in dem hohen Gang gestanden hatte. Dabei war er tatsächlich groß, über 1,80.

Als sie ihn kennengelernt hatte, auf einem Faschingsball im Deutchen Theater, sie erinnerte sich noch genau daran, war er ihr wegen seiner Größe unter den anderen jungen Leuten aufgefallen. Er war als Pirat erschienen, ein Tuch, das aus demselben Material hätte sein können wie sein Hausmantel, um den Kopf geschlungen. Vor dem einen Auge hatte er eine schwarze Klappe getragen, aber das andere hatte vor Unternehmungslust und Heiterkeit gefunkelt.

Wie kam es, daß er in den wenigen Jahren, die sie sich kannten, seinen Schwung so gänzlich verloren hatte? War es die Ehe, die ihm nicht bekam? Bedrückte ihn die Verantwortung der Vaterschaft? Waren es die Sorgen um sein Geschäft, die ihn erstickten? Oder war die Tatsache, daß sein Herz nicht mehr genügend durchblutet war, die Ursache seiner Veränderung?

Er war nicht mehr der Mann, den sie geheiratet hatte, aber sie fühlte, daß sie ihn, nachdem sie das Stadium blinder Verliebtheit überwunden hatte, nur um so tiefer und inniger liebte.

Nein, es war kein Fehler gewesen, ihr Leben mit dem seinen zu verbinden. Vielleicht hätte sie vorsichtiger sein sollen, die ungewollte Schwangerschaft vermeiden müssen. Aber sie war immer schlecht mit der Pille ausgekommen, hatte die Präparate immer wieder ändern müssen, weil sie sie nicht vertrug. Ihr Gynäkologe war überzeugt, daß die Nebenwirkungen, unter denen sie litt – Übelkeit, Erbrechen, Schwindelanfälle und Gewichtszunahme – einen psychologischen Grund haben müßten. Sie stemmte sich, meinte er, innerlich dagegen, sich chemisch unfruchtbar machen zu lassen. Aber diese Erklärung nutzte ihr auch nichts. Sie hatte sich Mühe gegeben, sich an das jeweilige Präparat zu gewöhnen, aber immer wieder vergeblich.

Als dann Florian unterwegs gewesen war, hatte sie nicht das Herz gehabt, die Schwangerschaft abzubrechen. Frank war auch nicht dafür gewesen. Natürlich wäre das kein Grund gewesen zu heiraten. Es war heutzutage ja gar nicht einmal mehr unüblich, daß junge Paare ohne Trauschein zusammen lebten. Aber sie hatten beide gewollt, daß alles seine Ordnung haben sollte. Da er damals gerade sein Studium der Betriebswirtschaft abgeschlossen, sie das Physikum hinter sich hatte, schien auch der Zeitpunkt durchaus günstig. Sie waren damals so voller Hoffnung gewesen.

Beates Gedanken glitten in die erste wunderbare Zeit ihrer Liebe zurück. Der Lärm hinter dem geschlossenen Fenster wurde zu einem gleichmäßigen, an- und abschwellenden Geräusch. Ohne es zu merken, versank Beate aus ihrem Traum vom Glück in einen tiefen Schlaf. –

Sie wachte erst auf, als Florian sie an den Fußsohlen kitzelte.

»Mami«, rief er, »Mami! Du hast im Schlaf gelacht!«

»Ja, wenn du mich auch kitzelst!« Sie nahm ihn liebevoll in die Arme und zog ihn zu sich auf das Bett. »Wie spät ist es?«

»Weiß nicht.«

Sie nahm ihren Wecker vom Nachttisch und hielt ihn sich vor die Augen. »Sechs Uhr vorbei!« rief sie erschrokken. »Ich muß das Abendbrot richten.«

»Mußt du nicht!« erklärte Florian strahlend. »Haben Opa und ich ganz alleine gemacht.«

»Dann verdienst du ein ganz dickes Bussi.« Sie küßte ihn auf die Wange.

»Opa auch?«

»Ja, Opa auch. Aber jetzt laß mich aufstehen.« Sie stellte ihn auf die kurzen, stämmigen Beine und schwang sich aus dem Bett. »Sag Opa, ich komme.« Mit einem kleinen Klaps auf den Allerwertesten entließ sie ihn.

Sie zog sich wieder an, ging ins Bad, wusch sich das Gesicht und Augen mit kaltem Wasser und bürstete sich ihr vom Schlaf zerzaustes rotblondes Haar.

In der Küche war der Tisch tatsächlich schon mit allem, was dazu gehört, gedeckt. Florian stand daneben, strahlend vor Selbstzufriedenheit, der Schwiegervater mit verlegenem Stolz.

»Wie lieb von euch!« rief Beate und gab dem alten Herrn den versprochenen Kuß.

»Wir dachten, du könntest eine kleine Verschnaufpause brauchen. Hast du wenigstens etwas geschlafen?«

»Und wie!« rief Florian. »Ich habe sie kaum wach gekriegt!«

»Ich bin tatsächlich eingepennt«, sagte Beate, »womit ich gar nicht gerechnet hatte. Jetzt geht es mir viel besser. Ich habe sogar Hunger.«

Sie setzten sich.

»Du siehst auch viel besser aus. Wie geht es Frank?«

»Er fühlt sich schon wieder putzmunter. Morgen wird er geröntgt.«

»Und dann?«

»Werden sie ihn wohl auf jeden Fall nach Hause schikken.«

»Wieso bist du da so sicher?«

»Er ist ja noch jung, und es war sein erster Herzanfall. Wenn er seine Gewohnheiten ändert und auf sich aufpaßt, muß es keinen zweiten geben. Für den Notfall werden sie ihm Nitrotabletten verschreiben.«

»Bist du wirklich so optimistisch?«

Sie lächelte ihren Schwiegervater an. »Ich will es sein. Ich will mich nicht verrückt machen, bevor das Untersuchungsergebnis da ist.«

»Da hast du ganz schön recht. Du warst schon immer ein vernünftiges Mädchen.« Er wechselte das Thema und begann, von Florian lebhaft unterstützt, von ihren Unternehmungen an diesem Nachmittag zu erzählen.

Nach dem Essen, als Beate die Küche mit Florians ungeschickter Hilfe aufgeräumt hatte, badete sie ihn und steckte ihn ins Bett. Sie blieb noch bei ihm und erzählte ihm eine Geschichte. Der ereignisreiche Tag hatte ihn müde gemacht, und er schlief sehr schnell ein, so daß ihr diesmal ein herzzerreißender Abschied erspart blieb.

Inzwischen war es Zeit für sie geworden, in die Klinik zu fahren. Sie mußte ihre Arbeit um acht Uhr abends antreten. Aber vorher verabschiedete sie sich noch von ihrem Schwiegervater.

»Ich wollte dir nur sagen, daß Frank dir sehr dankbar ist.«

»Cum grano salis«, erwiderte der alte Herr trocken.

»Wie meinst du das?«

»Es wird ihm wohl alles andere als angenehm sein, sich von mir helfen lassen zu müssen. Er hatte immer schon seinen dummen Stolz.«

»Von ›dumm‹ würde ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Aber ich weiß schon, wie du es meinst. Also dann, bis morgen.«

»Rackere dich nicht zu sehr ab!«

Sie lächelte ihm zu. »Werd’ ich schon nicht! Gute Nacht, Vater!«

Kurz vor acht betrat Beate die »Privatklinik Dr. Scheuringer«. Sie trug schon ihre Schwesterntracht, ein blauweiß gestreiftes Kleid mit weißer Schürze, in der sie sich immer noch wie verkleidet fühlte. Ein weißer Kittel wäre ihr lieber und auch praktischer erschienen. Aber darin hätte man sie für eine Ärztin halten können, und das wollte die Krankenhausleitung verhindern. Die breiten gläsernen Vordertüren waren längst geschlossen, und sie benutzte, wie die anderen Angestellten, den Hintereingang, der von dem Nachtpförtner, einem kräftigen jungen Mann, Student der Philologie, bewacht wurde. Ohne sich von ihm aufhalten zu lassen, eilte sie weiter. Durch einen schwach beleuchteten Flur gelangte sie zum Lift und fuhr in das 4. Stockwerk hinauf, ihre Etage. In dem großen, fast quadratischen Zimmer, das den Schwestern tagsüber als Aufenthaltsraum diente, legte sie den Regenmantel ab, den sie über ihre Tracht gezogen hatte. Sie schloß ihren Spind auf, hängte den Mantel hinein und holte ihr Häubchen heraus. Vor dem Spiegel kämmte sie sich ihren weichen Pony aus der Stirn zurück und setzte ihr Häubchen auf. Sie tuschte sich die Wimpern nach und legte Lippenstift auf, nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie wußte, daß eine blasse und müde Schwester auf die Patienten deprimierend wirkte.

Als Sybille hereinkam, schlank, sportlich, mit einem harten, fast männlichen Gesicht, war Beate gerade fertig geworden. Im Gegensatz zu Beate war Sybille gelernte Schwester, und sie hatte Beate im Lauf der Zeit einiges beigebracht.

»Gut siehst du aus!« sagte Sybille.

»Danke! Ich habe sehr schön geschlafen.«

»Freut mich für dich.« Sybille übergab Beate die Patientenliste, auf der auch die Medikamente vermerkt waren, die sie zur Nacht bekommen hatten, und berichtete ihr über die Neuzugänge. Zu einem privaten Wortwechsel kam es nicht. Sybille, die den Tag über Dienst gehabt hatte, drängte es nach Hause, und Beate mochte sie nicht aufhalten.

»Wenn es irgendwelche Schwierigkeiten gibt«, agte Sybille, »im Dritten arbeitet Otti. Auf die kannst du dich verlassen.«

»Gut zu wissen.«

Sybille hatte ihr Häubchen abgelegt und ihren Mantel angezogen. »Aber ich nehme nicht an,daß es Schwierigkeiten geben wird. Ich hab’ es dir nur auf alle Fälle gesagt.«

Beate lächelte sie an. »Danke.«

»Na, dann will ich mich mal auf die Socken machen.«

»Ich wünsche dir einen schönen Abend!«

»Hat sich was! Ich hau’ mich gleich in die Federn. Will morgen früh zum Tennis raus.«

»Wie ich dich beneide!«

»Hättest du dir keine Familie zugelegt, könntest du es dir auch leisten.«

»Wie recht du hast!«

Beate nahm die kleine Stichelei nicht übel. Sybille hatte sie gewarnt, so früh zu heiraten, und sie war immer noch überzeugt, daß sie damit recht gehabt hatte. Aber Beate war sicher, daß sie es nur gut meinte. Natürlich war ihre Ehe für Sybille auch ein echter Verlust gewesen. Obwohl sie nicht eigentlich Freundinnen waren, hatten sie früher doch hin und wieder einen Teil der Freizeit zusammen verbracht, waren zusammen ins Kino gegangen oder zum Tennisspielen. Es war nie darüber gesprochen worden, aber Beate glaubte im stillen, daß sie Sybille ihre Stellung in der Klinik verdankte oder doch zumindest mitverdankte.

Nach dem Abitur hatte Beate, wie so viele andere, nicht gleich einen Studienplatz bekommen. Deshalb hatte sie erst einmal unentgeltlich, ein Pflegepraktikum gemacht, eine Voraussetzung dafür, im Krankenhaus arbeiten zu können. Das Praktikum hatte zwei Monate gedauert. Danach hatte sie, auf ein Angebot der Klinik hin, als bezahlte Kraft weitergemacht. Als sie dann endlich studieren durfte, hatte sie sich auf die Liste der Nachtwachen setzen lassen. Man hatte ihr die halbe Personalstelle angeboten, was für sie ein großes Glück bedeutete, weil es ihr ein sicheres, wenn auch kleines Einkommen garantierte.

Normalerweise wurden Studenten, die sich für die Nachtwache aufschreiben ließen, nur bei Bedarf kurzfristig angerufen. Das war natürlich, wenn man das Geld brauchte, ein ewiges Hängen und Würgen. Außerdem hatte es den Nachteil, daß man alle Pläne umwerfen mußte, wenn dann der ersehnte, aber oft nicht erwartete Anruf der Klinik kam. Beate teilte sich ihre Planstelle mit einem Medizinstudenten namens Günther Schmidt, einem jungen Mann, den sie sehr mochte. Sie konnten untereinander ausmachen, wer wann Nachtwache halten wollte. Zusammen hatten sie vierzehn Nächte im Monat zu arbeiten, und wenn Günther einmal verreisen wollte, kam es vor, daß Beate mehr als ihre sieben Wachen übernahm. Dafür entlastete Günther sie dann im nächsten Monat. Dieser Job war für Beate die ideale Lösung, zumindest ihrer finanziellen Probleme.

Darüber hinaus liebte sie ihn aber auch noch auf andere Weise. Sie freute sich immer wieder auf den Antritt ihrer Nachtwache, den sie mit einem Rundgang durch die Krankenzimmer begann. Dabei begrüßte sie jeden Patienten einzeln, fragte nach dem Befinden und versicherte, daß sie aufbleiben und auf Klingelruf zu erreichen sein würde. Den Neuzugängen stellte sie sich erst einmal vor. Es tat ihr wohl, daß sich die Kranken durch ihr bloßes Erscheinen und die wenigen Worte, zu denen sie Zeit fand, beruhigen, ermutigen und ermuntern ließen. Das war eine Fähigkeit, die nicht jeder Mensch – auch nicht jede Schwester und jeder Arzt – besaß. Sie tat sich nichts darauf zugute, aber sie sah darin eine Bestätigung, daß es richtig war, Medizin zu studieren. Auch wenn es, bedingt durch ihre Familie, nur langsam voranging, blieb das Ziel erstrebenswert und auch erreichbar.

Nachdem sie alle Patienten besucht hatte, ging sie in das Schwesternzimmer zurück. Sie hatte sich gerade vor die Signaltafel gesetzt, als eine Kontrollampe aufleuchtete. Nummer 17. Beate wunderte sich. Nummer 17 war Ellen Klammer, eine junge Frau, die in zwei Tagen entlassen werden sollte. Es war unwahrscheinlich, daß sie einen Rückfall erlitten hatte. Dennoch eilte sie sofort in das entsprechende Zimmer.

»Gut, daß Sie kommen, Schwester!« rief Frau Klammer halblaut.

»Ja, was gibt’s denn?« Beate beugte sich über das Bett.

»Schnüffeln Sie mal!«

Beate verstand nicht sogleich, was die Patientin meinte. Flüsternd gab ihr Frau Klammer einen weiteren Hinweis. »Ich glaube, die Frau Grabowsky hat sich vollgemacht.«

»Vielleicht hat sie nur ein Buffi gelassen«, sagte Beate, mehr um sich selber, als um Frau Klammer zu beruhigen.

Aber Frau Klammer behielt recht. Das bedeutete, daß Beate die Patientin aus dem Bett heben, ihr das Nachthemd ausziehen und sie waschen mußte. Zum Glück war sie sehr leicht, eine alte Frau schon über achtzig, die kaum noch Fleisch auf den Knochen hatte. Sie wimmerte, als Beate sie behandelte.

»Haben Sie Schmerzen, Frau Grabowsky?« fragte Beate.

»Nein, nein.«

»Aber dann müssen Sie doch auch nicht weinen.«

»Ich kann nichts dafür, wirklich nicht.«

»Aber das wissen wir doch alle.«

»Es ist mir so peinlich.«

»Braucht es nicht zu sein, wirklich nicht.« Beate zog ihr ein frisches Nachthemd über. »Glauben Sie, daß Sie da einen Augenblick im Sessel sitzen können?«

»Daß ich Ihnen so viel Mühe machen muß!«

»Aber, Frau Grabowsky! Das ist mein Beruf! Wenn ich ihn nicht lieben würde, hätte ich ihn mir nicht ausgesucht.«

»Sie sind so gut, Schwester!«

»Unsinn. Ich tue ja nur meine Pflicht.«

Beate behandelte die alte Frau so vorsichtig, als wäre sie zerbrechlich, zog ihr einen Bademantel über und trug sie zu dem Korbsessel. Dann riß sie mit wenigen geschickten Griffen das Laken ab und säuberte die Gummiunterlage.

»Soll ich Ihnen helfen?« erbot sich Frau Klammer.

»Danke, nicht nötig. Das haben wir gleich.«

»Aber ich könnte doch ... ich stehe ja tagsüber schon auf ...«

»Nachts bleiben Sie ganz brav in Ihrem Bettchen! Sonst könnten wir beide Schwierigkeiten kriegen.« Sie hatte ein frisches Laken aus dem Schrank genommen und zog es über die Matratze. »Sehen Sie, da haben wir es schon.«

Beate half der alten Frau aus dem Sessel und wollte ihr den Bademantel ausziehen.

»Bitte, nicht!« wehrte sich die Patientin. »Mir ist so kalt.«

»Dann lassen wir ihn halt an. Wenn er Ihnen in der Nacht lästig wird, dann klingeln Sie einfach nach mir!« Beate bettete die alte Frau. »Ich komme gleich zurück und bringe Ihnen was für Ihr Bäuchlein!« versprach sie. »Ich werde jetzt mal ganz kurz durchlüften.«

Als sie mit dem Medikament zurückkam, schloß sie das Fenster wieder. Sie stützte Frau Grabowskys Kopf, damit sie die beiden Pillen besser schlucken konnte, und reichte ihr ein Glas Wasser.

»Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, meine Damen!« sagte sie, als sie zur Tür ging.

»Ihnen auch, Schwester Beate!« sagte Frau Klammer.

Frau Grabowsky hatte die Augen geschlossen und bewegte die Lippen in einem unhörbaren Gebet.

Zurück im Schwesternzimmer notierte Beate das Medikament, das sie der Patientin gegeben hatte und schrieb die Uhrzeit auf.

Bis Mitternacht gab es noch einige Unruhe auf der Station. Beate hatte kaum Gelegenheit, sich im Schwesternzimmer aufzuhalten. Danach hoffte sie sich ein wenig ausruhen zu dürfen. Von zwölf Uhr nachts bis drei Uhr morgens war gewöhnlich die friedlichste Zeit. Aber sie wurde noch einmal gerufen, nach Nummer 20. Es war das einzige Einzelzimmer in ihrer Station und besonders anspruchsvollen Privatpatienten vorbehalten. Im Moment war es von einer Schauspielerin belegt, die mit einer Gallenkolik eingeliefert worden war. Beate stürzte sofort los.

Trotzdem empfing Lilian Rotor sie unfreundlich: »Da sind Sie ja endlich!«

Beate wußte, daß es sinnlos gewesen wäre, sich zu verteidigen, und sich zu entschuldigen sah sie keinen Anlaß. Sie trat an das Bett und blieb abwartend stehen.

»Was starren Sie mich so an?« empörte sich die Patientin. »Ich weiß, daß ich entsetzlich aussehe.« Tatsächlich hatte sie kaum noch Ähnlichkeit mit der anziehenden Frau, die Beate vom Film und vom Fernsehen her kannte.

»Wenn Sie erst wieder gesund sind, werden Sie so schön wie immer sein, Frau Rotor!«

»Sie haben gut reden. Sie wissen ja nicht, wie mir zumute ist. Wegen dieser verdammten Kolik habe ich meine Rolle abgeben müssen.«

»Es wird andere interessante Rollen für Sie geben.«

»Sie haben keine Ahnung vom Theater!«

»Das sicher nicht«, gab Beate friedfertig zu, »aber vom Leben. Es geht immer auf und ab. Nach einem Tief kommt auch immer ein Höhepunkt.«

Die Patientin lachte auf. »Erst wird man älter, und dann wieder ein bißchen jünger! Ist es etwa das, was Sie behaupten wollen?«

»Sie wissen genau, wie ich es meine. Mit dem Älterwerden muß man sich abfinden. Aber Sie sind besser daran als die meisten Frauen. Sie können für Ihr Aussehen etwas tun. Diät, Gymnastik, Kosmetik. Damit bleibt man lange jung, und wenn alle Stricke reißen, gibt es immer noch eine Schönheitsoperation.«

»Sehr, sehr tröstlich.«

»Es ist für Ihren Gesundheitszustand bestimmt nicht günstig, wenn Sie grübeln und düstere Vorstellungen heraufbeschwören. Sie sollten den Klinikaufenthalt lieber nützen, sich zu entspannen. Sie haben es hier ja so schön wie in einem Sanatorium.«

»Nur daß ich krank bin und Schmerzen habe!«

»Sie würden sich besser fühlen, wenn Sie sich freundlicheren Gedanken hingeben würden, glauben Sie mir!«

»Ich will aber nicht denken, und schon gar nicht mitten in der Nacht! Ich will endlich schlafen.«

»Man hat Ihnen ein sehr starkes Schlafmittel gegeben.« Beate hatte sich darüber vergewissert, bevor sie zu der Patientin geeilt war.

»Das überhaupt nichts genutzt hat. Bitte, bitte, Schwester, helfen Sie mir! Bringen Sie mir noch etwas! Morphium!«

Das war eine jener Situationen, die Beate haßte. »Aber das darf ich nicht!« Es war ihr sehr unangenehm, einem Patienten eine Bitte abschlagen zu müssen.

»Ich glaube Ihnen nicht. Sie haben bestimmt Zugang zum Medikamentenschrank.«

»Ich muß mich an die Anweisungen der Ärzte halten.«

»Was sind Sie nur für ein Mensch! Sie können einfach mitansehen, wie ich hier vor Schmerzen und vor Elend verrückt werde!« Lilian Rotor wechselte den Ton. »Bitte, bitte, liebe Schwester ... wie heißen Sie doch gleich?«

»Beate.«

»Bitte, liebe Schwester Beate, Sie sollen es ja auch nicht umsonst tun! Ich gebe Ihnen Geld. Hundert Mark? Genügt das?«

»Ich brauche kein Geld.«

»Unsinn. Jeder Mensch hat Geld nötig.«

»Ich nicht! Aber ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.« Beate ging zur Tür.

»Kommen Sie bestimmt zurück?«

»Sie können sich darauf verlassen.«

Beate lief zum Schwesternzimmer. Noch während des Gesprächs hatte sie über die Schauspielerin nachgedacht. Als Schauspielerin führte die Rotor wahrscheinlich ein sehr unregelmäßiges Leben. Es war möglich, daß sie Mißbrauch mit Aufputsch- und Beruhigungsmitteln trieb. Das konnte der Grund dafür sein, daß die wirklich sehr starke Dosis, die sie erhalten hatte, keine Wirkung zeigte. Andererseits konnte es aber auch sein, daß ihre innere Erregung die Wirkung aufhob. Es waren auch wohl nicht so sehr die Schmerzen, unter denen sie litt und sie nicht schlafen ließen, als die Angst um ihre Schönheit und damit um ihren Erfolg. Beate beschloß, es mit einem Placebo zu versuchen, einer großen rot-grünen Kapsel, die mit Puderzucker gefüllt war.

Als sie zurückkam, hatte die Patientin einen Hunderter auf den Nachttisch gelegt.

»Nein, Frau Rotor«, erklärte Beate, »ich will kein Geld. Das würde für mich die Sache noch gefährlicher machen. Falls es rauskommen sollte, daß ich etwas Verbotenes getan habe, wäre das schlimm genug für mich. Falls es sich dann noch rumspricht, daß ich mich dafür extra bezahlen lassen habe, fliege ich bestimmt.«

»Niemand wird davon erfahren.«

»Versprechen Sie mir das?«

»Ist doch ganz klar. Jetzt geben Sie mir endlich das Morphium!«

Beate zögerte. »Ich muß ganz sichergehen. Sehen Sie, Frau Rotor, es ist wahrscheinlich, daß Sie morgen eine bessere Nacht haben. Ich wünsche es Ihnen. Vielleicht können Sie aber auch morgen nicht schlafen. Dann bin ich aber nicht da. Also werden Sie meine Kollegin herbeizitieren, und sie wird sich, genau wie ich, sträuben, Ihnen etwas zu besorgen. Das macht mir angst.«

»Wieso denn?«

»Daß Sie ihr sagen werden: ›Aber Schwester Beate hat es getan !‹«

»Nie im Leben! Wer denkt denn an so etwas!«

»Ich. Jede andere an meiner Stelle würde es auch tun.«

»Ich schwöre Ihnen ...«

»Also gut. Ich werde es tun. Aber wohl ist mir nicht dabei zumute.« Beate legte der Patientin die Kapsel in die Hand.

Lilian Rotor betrachtete sie mißtrauisch. »Sieht komisch aus.«

»Ich habe es geklaut!« behauptete Beate.

»Wird man es nicht merken?«

»Doch. Die Oberschwester kontrolliert den Medikamentenschrank regelmäßig. Aber man wird es mir nicht nachweisen können. Wenn Sie den Mund halten.« Sie reichte der Patientin das Wasserglas. »Also runter damit! Oder ist es Ihnen doch zu gefährlich?«

»Quatsch!« Lilian Rotor schluckte die Kapsel. »Nehmen Sie das Geld! Ich möchte nicht in Ihrer Schuld stehen.«

»Später. Jetzt versuchen Sie sich zu entspannen. In einer halben Stunde werde ich noch einmal nach Ihnen schauen.« Sie hatte das Zimmer noch nicht ganz verlassen, als die Patientin schon das Licht löschte.

Auf der Liste trug Beate ein: »24 Uhr 20. Ein Placebo gegeben.«

Eine Stunde später schlich sie sich, ohne Licht anzuknipsen, in das Zimmer Nummer 20. Nur kurz ließ sie den Schein ihrer kleinen Taschenlampe über das Gesicht der Patientin gleiten. Lilian Rotor schlief tief und fest. Beate nahm den Geldschein an sich.

Sie notierte diese Tatsache auf der Patientenliste. Das wäre nicht nötig gewesen, aber sie wollte sich rückversichern. Sie nahm sich vor, am Morgen der Tagesschwester den Vorgang genau zu berichten.

Plötzlich fühlte sie sich erschöpft. Die Versuchung, sich eine Weile hinzulegen, war groß. Aber Beate widerstand. Aufrecht in ihrem kleinen Sessel sitzend, dämmerte sie ein wenig vor sich hin.

Doch in den nächsten Stunden geschah nichts.

Danach wurde es auf der Station lebendig. Leibschüsseln mußten gebracht, Bettlaken gewechselt, Erbrochenes weggewischt werden. Wenn auch ein guter Teil der Patienten bis zum Wecken durch die Tagesschwester schlief, oder sich doch wenigstens ruhig verhielt, fühlte Beate sich fast überfordert. In diesen frühen Morgenstunden wünschte sie sich immer eine Hilfe, denn sie konnte nicht alle Anforderungen gleichzeitig erfüllen.

Kurz vor sieben Uhr kamen die Tagesschwestern. Während zwei von ihnen gleich mit der täglichen Routine begannen – Fieber messen, Betten richten, Morgenpflege der Kranken, die zu schwach waren, aufzustehen –, erstattete Beate der Oberschwester Bericht.

Oberschwester Anna war eine streng blickende Frau, vom langjährigen Krankenhausdienst abgestumpft. »Sie haben es also mit einem Placebo geschafft. Gut so. Ich werde es der Nachtschwester weitersagen. Aber daß Sie gleich hundert Mark eingesteckt haben, war ziemlich happig, wie?«

»Die Patientin glaubt ja, daß ich ihretwegen meine Kompetenzen überschritten habe. Sie würde mich für schön blöd halten, wenn ich es ohne Entgelt getan hätte.«

Die Oberschwester musterte Beate kritisch. »Ist das der wahre Grund?«

Beate zuckte die Achseln. »Zugegeben, ich bin momentan etwas knapp bei Kasse. Ich habe mir lange überlegt, sollte ich oder nicht.«

»Und dann hat Ihre Raffgier gesiegt.«

»Man hat nicht oft Gelegenheit, sich auf die Schnelle einen Hunderter zu verdienen.«

Die Oberschwester legte Beates Aufzeichnungen aus der Hand. »Na, jedenfalls haben Sie es mir mitgeteilt. Wollen wir es dabei bewenden lassen.«

»Danke, Oberschwester!«

Beate war froh, als das unerquickliche Gespräch beendet war. Sie hatte es jetzt sehr eilig, nach Hause zu kommen. Wir nach jeder Nachtwache hoffte sie inständig, daß ihr kleiner Sohn noch nicht erwacht sein würde, bevor sie bei ihm war.

Professor Meyers Ordination war ein Eckraum, sehr hoch wie alle Zimmer und Gänge der »Internen Ambulanz«, die um die Jahrhundertwende gebaut worden war. Trotz der großen Fenster wirkte er ein wenig düster durch die schweren Vorhänge und geschnitzten Möbel. Es war ein Zimmer, ganz dazu gemacht, die Macht und Würde des Professors zu unterstreichen und die Patienten einzuschüchtern.

Der Professor selber saß hinter seinem Schreibtisch, blickte kurz auf, als Beate und Frank eintraten und wies sie mit einem Kopfrucken an, in der Sitzecke Platz zu nehmen. »Wenn Sie mich noch einen Augenblick entschuldigen wollen ...« Er beschäftigte sich weiter mit einigen Krankenbogen.

Beate, die den Umgang mit Ärzten gewohnt war, ließ sich nicht beeindrucken. Aber sie spürte, daß Frank zitterte. Sie nahm seine Hand und umschloß sie mit festem Druck.

Er mimte Galgenhumor. »Alles halb so schlimm«, behauptete er halblaut mit einem gezwungenen Grinsen.

Professor Meyser erhob sich und zog seine Weste straff. Unter dem offenen weißen Ärztemantel trug er eine tadellose graue Flanellhose mit dazu passender Weste.

Frank stand auf.

»Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen, nur keine Umstände!« Der Professor reichte Beate eine weiche, fleischige Hand und drückte Frank mit der anderen in den Sessel zurück. »Sie sind also das Ehepaar Werder.«

»Ja«, sagte Beate, »und Sie wollten uns von dem Ergebnis der röntgenologischen Untersuchung berichten.«

Der Professor setzte sich. »Ich glaube, da sollte ich erst einmal etwas weiter ausholen und Ihnen beiden etwas über die Funktion des Herzens berichten. Es ist nicht der Sitz der Seele und hat auch nichts mit der Individualität des Menschen zu tun, sondern ist ganz einfach ein Muskel, ein Muskel, der von zwei Hauptarterien mit Blut versorgt wird. Sie entspringen aus der großen Hauptschlagader, der Aorta, und zwar unmittelbar, nachdem diese die linke Herzkammer verläßt. Zur Versorgung der verschiedenen Gebiete des Herzmuskels teilen sich die Coronararterien in einige Haupt- und sehr viele Nebenäste.« Er machte eine kleine Pause.

Beate war nahe daran, ihm ins Wort zu fallen, hielt sich aber zurück.

»Konnten Sie mir so weit folgen?« fragte Professor Meyser.

»Herr Professor, ich bin Medizinstudentin.«

»Ach ja?«, Er strich sich über den blanken Schädel. »Wie weit?«

»Zwölftes Semester.«

»Sehr schön. Dann wissen Sie also, um was es geht?«

»Ja, Herr Professor! Wie weit ist die Arteriosklerose, denn darum handelt es sich ja wohl, fortgeschritten?« fragte Beate, und zu Frank gewandt fügte sie hinzu: »Die Verhärtung der Arterien.«

»Sie sind sehr direkt, junge Frau!«

»Ich finde, es hilft nichts, um den heißen Brei herumzureden. Ein Angina-Pectoris-Anfall kommt wohl kaum von ungefähr, nicht wahr?«

»Da muß ich Ihnen recht geben. Es liegt eine relative Koronarinsuffizienz vor.«

»Das heißt, eine der Arterien ist geschädigt?«

»Ja.«

»Aber wie ist das möglich?« rief Frank, der dem Wortwechsel aufmerksam gefolgt war. »Bis auf den einen Anfall habe ich nie etwas gemerkt!«

»Auch nicht beim Sport? Beim Treppensteigen?«

»Sport habe ich aufgegeben, und wir wohnen im Parterre.«

»Nun denn, in normalem Zustand spüren Sie natürlich nichts von dieser Schädigung. Erst bei Belastung stellt sich heraus, daß die Arterie ihre Elastizität verloren hat, und dieser Elastizitätsverlust ist der im eigentlichen Sinne krankmachende Faktor. Die Arterie ist nicht mehr imstande, ihren Umfang zu vergrößern, um auf diese Weise mehr Blut zu den von ihr zu versorgenden Muskelzellen zu transportieren.«

»Wenn ich also alle körperlichen Anstrengungen und alle Aufregungen vermeide, kann mir überhaupt nichts geschehen!«

»Du redest wie ein Kind!« platzte Beate heraus.

»Na, erlaube mal!«

»Ihre Frau hat leider recht. Selbst äußerste Schonung würde ja keine Heilung bringen, im Gegenteil: die betroffenen Arterien würden mehr und mehr verhärten, bis es von der relativen zur absoluten Koronarinsuffizienz kommt, in dem sich die Arterie vollständig verschließt und so überhaupt kein Blut mehr zu den betreffenden Herzmuskelzellen kommt. Dann haben wir den mit Recht so befürchteten Herzinfarkt.«

»Herr Professor«, fragte Beate, »wie weit sind in diesem besonderen Fall die Koronararterien geschädigt?«

»So weit, daß ich dringend zu einer Bypass-Operation raten muß.«

Beate schrak zusammen, und Frank starrte den Professor ungläubig an.

»Die Röntgenuntersuchung hat gefährliche Engpässe an drei verschiedenen Stellen ergeben«, erklärte der Professor.

»Aber wie hat es dazu kommen können?« rief Frank. »Ich habe immer ganz gesund gelebt.«

»Mein lieber junger Freund, ›ganz gesund‹, wie Sie es nennen, lebt wohl niemand. Haben Sie ständig Ihren Blutdruck und Ihren Cholesterinspiegel unter Kontrolle gehabt? Nicht doch mal zu fett gegessen? Sich wenig Bewegung gemacht? Vielleicht sogar geraucht? Natürlich sündigen andere Menschen noch mehr und bleiben pumperlgesund. Es ist eben auch eine Sache der Disposition, der Veranlagung.«

»Aber deshalb braucht man doch nicht gleich zu operieren!«

»Gleich sowieso nicht. Alle Herzchirurgen haben Wartelisten. Aber Sie sollten sich jetzt schon bei Professor Reicher in der Nußbaumstraße vormerken lassen. Ich schätze, daß Sie dann in etwa drei Monaten an der Reihe sein werden. Bis dahin werde ich Sie Ihrem Hausarzt überstellen.«

»Ich soll von nun an in ständiger Behandlung bleiben? Dazu habe ich gar nicht das Geld!«

»Aber Sie werden doch versichert sein?«

»Nein.«

Schweigend klopfte sich Professor Meyser mit der fleischigen Hand gegen das Kinn.

»Wir werden selbstverständlich für den Aufenthalt hier und für Ihre Bemühungen zahlen, Herr Professor!« versicherte Beate. »Und natürlich auch die Operation.«

»Und woher nimmst du das Geld?«

»Das wird sich finden!« erklärte Beate mit Entschiedenheit. »Bitte, Herr Professor, würden Sie sich mit Professor Reicher in Verbindung setzen? Die Unterlagen rüberschicken und meinen Mann anmelden?«

»Das wird das vernünftigste sein.«

»Danke, Herr Professor!«

Frank hatte das unbehagliche Gefühl, daß über seinen Kopf entschieden wurde. »Um was geht es denn eigentlich bei dieser ...« Er hatte sich den Ausdruck nicht gemerkt. » ...dieser Operation?«

»Die Engstellen in der Gefäßbahn werden durch ein körpereigenes Transplantat ersetzt«, sagte Beate rasch, »aber das kann ich dir alles zu Hause erklären.«

Frank schauderte. »Körperliches Transplantat klingt grauenhaft.«

»Meist nimmt man ein Stück Beinvene dafür.«

»An Ihrer Stelle«, sagte Professor Meyser, »würde ich mir vorerst über die Operation keine Gedanken machen. Noch ist es ja nicht soweit.«

»Aber ich muß wissen, woran ich bin, damit ich mich entscheiden kann.«

»Du hast keine Wahl, Liebling.«

»Aber sicher ist es doch gefährlich?«

»Ein Eingriff am offenen Herzen ist nie ganz ungefährlich«, gab der Professor zu, »aber die Sterblichkeit während oder unmittelbar nach einer Bypass-Operation liegt nur knapp über einem Prozent. Bei schwerer Herzschädigung, die bei Ihnen allerdings nicht vorliegt, ist sie höher. Sie haben also eine reelle Chance.«

»Und nachher? Würde ich dann wieder ganz gesund sein? Voll leistungsfähig?«

»Ein völliges Verschwinden der Beschwerden wurde bis heute in sechzig Prozent aller Fälle beobachtet, weitere zwanzig Prozent zeigten immerhin eine wesentliche Verbesserung des Zustandes.«

»Was ist mit den übrigen zwanzig Prozent?«

»Wir wissen, daß du rechnen kannst, Liebling! Wenn es soweit ist, werde ich dir alles genau erklären.«

»Es kann natürlich zu einem Frühverschluß des Transplantates kommen«, räumte der Professor ein, »dann muß der Eingriff wiederholt werden. In anderen Fällen kommt es einige Jahre später zu einem Verschluß. Da haben Sie Ihre fehlenden zwanzig Prozent.«

»Dann besteht also gar keine Gewähr, daß ich ...«

Beate fiel ihm ins Wort. »Wir werden das alles noch gut durchsprechen, Frank; zigmal nehme ich an. Dir bleibt Zeit genug, das Für und Wider abzuwägen. Jetzt geht es nur darum, daß du einen Termin bekommst. Absagen kannst du immer noch.«

»Ihre Frau hat völlig recht, Herr Werder. Ich würde sagen, machen wir es so.« Der Professor stand auf. »Da Ihre Frau ja fast eine Kollegin ist, können wir uns den Hausarzt wohl sparen. Sie wird Sie bestimmt blendend betreuen.« Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch. »Ich schreibe Ihnen jetzt ein Rezept auf. Nitroglyzerintabletten. Die besorgen Sie in der Apotheke. Tragen Sie sie immer bei sich, damit Sie sie zur Hand haben, falls ein neuer Anfall kommt.«

Beate und Frank waren ihm zum Schreibtisch gefolgt.

»Bitte, Herr Professor, sagen Sie meinem Mann, daß er das Rauchen aufgeben muß!« bat Beate.

Der Professor kritzelte auf seinem Rezeptblock. »Das versteht sich doch wohl von selber.«

»Es wäre mir lieb, wenn Sie es ihm ausdrücklich sagen würden!«

Der Professor lächelte. »Da haben wir also wieder mal einen Mann, der auf seine kluge kleine Frau nicht hören will.« Er reichte Frank das Rezept.« Also erkläre ich Ihnen, Herr Werder, klipp und klar: keine einzige Zigarette mehr, keine Zigarre und keine Pfeife, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist!«

»Ja, Herr Professor«, versprach Frank kleinlaut.

»Keine Aufregung, keine Anstrengung, kein schweres heben und so weiter. Sie müssen gut auf ihn aufpassen, Frau Werder!«

»Das werde ich, Herr Professor.«

Als sie die Klinik verließen, waren Beate und Frank sehr bedrückt, versuchten aber, es zu überspielen.

»Na, wenigstens haben sie mich nicht noch einen Tag festgehalten!« sagte Frank. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, daß ich da raus bin.«

»Doch, Liebling, ich kann’s dir nachfühlen.«

»Weißt du, worauf ich jetzt Lust hätte? Auf ein kleines Bierchen. Oder ist mir das auch verboten?«

»Eins pro Tag – aber wirklich nur eins – wird dir wohl nicht schaden.«

»Kehren wir irgendwo ein, ja?«

Es war ihr nicht recht, den Schwiegervater ungebührlich lange mit Florian allein zu lassen. Aber sie mochte Frank nicht darauf hinweisen. Dies war eine Situation, in der man nicht auch noch Rücksicht auf andere von ihm verlangen durfte. »Einverstanden«, sagte sie, »fahren wir zum Stachus.« –

Am Stachus, ehemals außerhalb von Alt-München gelegen, inzwischen längst zu einem zentralen Platz geworden, herrschte lebhafter Betrieb. Fontänen ergossen sich aus den Brunnen. Sie waren umlagert von sommerlich gekleideten Menschen, Touristen fotografierten, Einheimische ruhten sich auf den kleinen weißen Stühlen von einem Einkaufsbummel aus, und Stadtstreicher ließen ihre Rotweinflaschen kreisen.

Beate und Frank, aus der U-Bahn kommend, mußten sich erst an das helle Licht gewöhnen. Hand in Hand umrundeten sie die Menge und bogen durch das Karlstor in die Fußgängerzone ein. Die Lokale in der Neuhauser Straße hatten Tische und Stühle im Freien aufgestellt. Sie fanden einen Platz und bestellten.

»Am meisten«, gestand Frank, »sorge ich mich um das Geld.«

»Sorgen solltest du dich überhaupt nicht, das ist nicht gut für dein Herz, und was das Geld betrifft; die Krankenhausrechnung haben wir ja schon bezahlt, und der Professor wird es sicher gnädig machen, da er ja weiß, daß du nicht versichert bist.«

»Glaubst du?«

»Ja. Ärzte verdienen gerne gut, aber das geht nicht so weit, daß sie es über sich bringen, ihre Patienten zu ruinieren. Aus den Krankenkassen und den Privatversicherungen soviel wie möglich herauszuholen, steht auf einem anderen Blatt. Was mir sehr viel mehr zu schaffen macht, ist deine Gesundheit.«

»Ach, Beate, meinst du denn wirklich, daß ich mich operieren lassen muß?«

»Ich fürchte, daran führt kein Weg vorbei.«

Beate fiel auf, daß sie und Frank mitten zwischen den lachenden, schwatzenden, trinkenden und essenden Menschen miteinander so allein waren, als wären sie auf einer einsamen Insel. Keiner aus dem Strom der vorbeischlendernden Bummler und Kauflustigen konnte auch nur ahnen, was sie bedrückte, und keiner nahm auch nur Notiz von ihnen.

»Weißt du, Frank«, sagte sie, »wir sind da in eine schlimme Geschichte geraten. Aber eine gute Seite hat sie doch auch. Sie bringt uns wieder näher zusammen.« Zärtlich berührte sie mit dem Handrücken seine Wange. »Wir müssen das gemeinsam durchstehen.«

Er nahm ihre Hand und küßte sie. »In was für einen Schlamassel habe ich dich gebracht.«

»Du bist überhaupt nicht schuld.«

»Ich hätte eine Versicherung abschließen sollen.«

»Wenn ich dir doch immer wieder sage: Geld ist das kleinste Problem.«

»Ich hätte mich untersuchen lassen sollen, bevor wir heirateten. Vielleicht hätte sich das mit meinem Herzen dann schon rausgestellt.«

»Wahrscheinlich. Aber dann hätten wir die glücklichen, sorgenlosen Zeiten nie erlebt.«

»Sorglos!« Er lachte auf. »Waren wir denn je sorglos?«

»Am Anfang schon. Erinnere dich, wieviel du dir von deinem eigenen Geschäft versprochen hast.«

»Ich war ein Narr.«

»Im zweiten Jahr ist es doch sehr gut gelaufen.«

»Aber jetzt krebse ich nur noch dahin. Sag mir, Beate, was mache ich falsch? Ich habe mich, weiß Gott, abgerakkert.«

»Das hast du, Liebling. Wahrscheinlich ist es einfach nur Pech. Du bist ja nicht der einzige, der reingefallen ist. Denk nur mal daran, wie viele Geschäfte in der Türkenstraße, in der Amalienpassage und Umgebung eingegangen sind, seit wir dort wohnen! Wir wußten doch beide, daß es ein Risiko war. Es wäre wirklich blöd, wenn du dir Vorwürfe machen würdest.«

»Und wie soll es jetzt weitergehen? Wenn ich nicht mehr selber ausladen kann ...«

»Auf keinen Fall, Liebling!«

»Ich komme mir vor wie ein Krüppel.«

»Unsinn. Nach der Operation wirst du wieder wie neu sein.«

Die Kellnerin kam und stellte zwei Gläser Pilsener vor sie hin. Sie prosteten sich zu und nahmen beide einen tiefen Schluck. »Ah, das tut gut!« rief Frank. »Wunderbar! Solange es noch ein solches Bier gibt, kann die Welt nicht ohne Hoffnung sein.«

Lächelnd war die Kellnerin bei Ihnen stehengeblieben. »Wenn ich dann gleich kassieren darf ...«

»Ist gestattet!« Frank zahlte und gab, wie es seine Art war, ein großzügiges Trinkgeld.

Er lächelte Beate an. »Das ist genau das, was ich gebraucht habe.«

Sie erwiderte sein Lächeln. »Eine Wohltat!«

Frank lehnte sich zurück, blickte hinauf zu der Barockfassade der St. Michaels Kirche mit ihrem schönen geschwungenen Giebeln und hoch in den blauen Himmel. »Was für ein Tag! Laß uns jetzt von etwas anderem reden, ja? Wir werden noch genug Gelegenheit haben, unsere Sorgen durchzukauen.«

»Du hast ganz recht«, stimmte sie zu, aus Rücksicht auf Frank.

Aber sie wußte nur zu gut, daß nichts dadurch besser werden konnte, wenn sie versuchten, ihre Probleme totzuschweigen.

III

»Du kommst zu früh!« sagte Melanie Bock, als sie Beate die Tür zu ihrer schönen, luxuriösen Wohnung in München-Bogenhausen öffnete. »Und wo sind die anderen?«

Es war jener Sonntag nachmittag im Monat, an dem der Besuch der kleinen Familie bei Beates Mutter obligatorisch war. In der Türkenstraße war sie nur ein einziges Mal gewesen. Die kleine Wohnung beengte sie, und auch Beate hatte die gewohnte Umgebung, in der sie sich sonst sehr wohl fühlte, mit den Augen ihrer eleganten Mutter gesehen und bedrückend gefunden. Ohne daß darüber gesprochen wurde, hatte man die familiären Zusammenkünfte nach Bogenhausen verlegt.

»Ach Melanie!« Beate drückte flüchtig ihre Wange an das sorgfältig zurechtgemachte Gesicht ihrer Mutter. »Nun sei doch nicht so! Frank und Florian kommen später. Ich wollte vorher allein mit dir sprechen.«

»Das hättest du ankündigen sollen. Wozu gibt es ein Telefon? Es ist unhöflich, eine halbe Stunde zu früh zu kommen. Ich hätte in der Küche sein können, im Bett oder im Bad.«

Beate spürte, daß dies ein schlechter Anfang war, und ihr Lachen, mit dem sie die Situation zu entspannen suchte, klang nicht echt. »Ich weiß doch, daß du dich niemals mittags hinlegst, niemals Kuchen backst und von früh bis spät wie aus dem Ei gepellt bist.«

»Trotzdem ...«

»Bitte, laß uns nicht streiten! Wenn du meinst, daß ich einen Fehler gemacht habe, dann entschuldige ich mich eben. Oder soll ich etwa wieder gehen?«

»Damit wäre der Schaden auch nicht behoben. Also komm schon!«

Melanie Bock ging voraus in das sehr hohe, rechteckig geschnittene Zimmer, das sie als ihren »living room« zu bezeichnen pflegte. Tatsächlich war es der Raum, in dem sie Gäste empfing. Er war streng in Schwarz und Weiß gehalten, modern möbliert mit gläsernen Tischen und verschiedenen Sitzgruppen. Die großen Fenster machten ihn sehr hell. Auf einem der Tische stand ein gläserner Krug mit gelben Rosen. Sie bildeten den einzigen Farbtupfer.

Abends, wenn die niedrigen Lampen ihr goldenes Licht verströmten, bildete der Raum den richtigen Rahmen für auserwählte Gäste, das wußte Beate, aber tagsüber wirkte er, so fand sie, unpersönlich, als gehörte er zu einer Luxussuite im Hotel »Vier Jahreszeiten«. Melanie verfügte noch über ein kleineres, wesentlich gemütlicheres Wohnzimmer. Aber dort empfing sie die Werders nie, weil sie fürchtete, Florian könnte eine ihrer schönen Antiquitäten beschädigen. Beate hätte die Mutter gern gebeten, jetzt mit ihr dort hinzugehen. Aber sie wußte, daß sie damit keinen Anklang finden würde, und schwieg, um unnötige Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Seit einigen Jahren hatte Melanie es sich angewöhnt, stets mit dem Rücken zum Licht zu stehen oder zu sitzen. Dabei hatte sie diese Vorsichtsmaßnahme gar nicht nötig, denn sie sah immer noch umwerfend gut aus. Jeder, der ihr wahres Alter nicht kannte, schätzte sie zehn Jahre jünger, als sie war. Ihr Gesicht war sehr sorgfältig geschminkt, mit abgestuften Lidschatten, die das Blau ihrer Augen unterstrichen – Augen übrigens, die denen Beates glichen –, getuschten Wimpern, gezupften Augenbrauen und einer überpuderten Make-up-Schicht. Das goldblond gefärbte Haar war künstlich gewellt.

Sie war, wie Beate feststellte, mit ihren fünfzig Jahren eine immer noch schöne Frau. Ihre Figur war durch die strenge Diät, die sie sich auferlegte, schlank geblieben. Als sie sich jetzt setzte und die Beine übereinanderschlug, wirkten ihre Bewegungen fast mädchenhaft, eine Folge der täglichen Gymnastik, die sie unerbittlich trieb.

Beate kam sich im Vergleich zu ihrer Mutter wie aus gröberem Holz geschnitzt vor, ein Gefühl, unter dem sie als junges Mädchen noch mehr gelitten hatte. Melanie trug ein nahtlos wirkendes Seidenkleid in einer für Beate undefinierbaren Farbe, mauve, lila oder grau, während sie selber einen weißen Leinenrock und eine blaue Bluse anhatte. Vor dem Spiegel hatte sie sich noch recht hübsch gefunden. Jetzt erkannte sie, daß sie die Eleganz der Mutter nie erreichen würde. Unwillkürlich straffte sie die Schultern. Wollte sie das denn überhaupt? So ein Unsinn! Sie hatte andere Ziele.

»Du siehst fabelhaft aus!« sagte sie spontan.

»Erzähl mir keinen Schmus! Was willst du?«

Beate setzte sich der Mutter schräg gegenüber. »Es geht um Frank ...« begann sie.

»Um was wohl sonst? In den ganzen letzten Jahren ist es um Frank gegangen.«

»Er hatte einen Angina-Pectoris-Anfall, und man hat bei ihm gefährliche Verengungen der Herzarterien diagnostiziert. Er muß operiert werden, Melanie, sonst kommt es zum Infarkt.«

»So jung?« sagte Melanie etwas milder. »Das ist eine schlimme Geschichte.«

»Sehr schlimm.«

»Aber soviel ich weiß, läßt sich so etwas doch heutzutage reparieren«, meinte Melanie munter, »man liest ja dauernd davon in der Zeitung, ganze Herzen werden ausgewechselt. Kein Grund sich unterkriegen zu lassen, Herzchen. Dein Frank wird schon wieder werden.«

»Das hoffe ich auch, Melanie. Nur ... so eine Operation ist schrecklich teuer.« Sie sprach hastig weiter, um ihrer Mutter keine Gelegenheit zu geben, sie zu unterbrechen. »Und Frank hat es unterlassen, sich zu versichern. Du weißt, daß er sehr knapp war, als er sein Geschäft aufmachte, und er dachte, er könnte sich die Kosten sparen. Er wußte ja nicht, daß sein Herz nicht in Ordnung war.«

»Nicht versichert? Das sieht ihm ähnlich. Nur ein Trottel wie Frank kann so fahrlässig handeln.«

»Er ist kein Trottel!« verteidigte Beate ihren Mann.

»Du wirst aber doch wohl immerhin zugeben, daß das wahnsinnig leichtsinnig von ihm war!«

»Mag sein. Aber Vorwürfe helfen ihm jetzt bestimmt auch nicht weiter.«

»Und was ist mit diesem Geschäft?«

»Darüber wollte ich auch mit dir sprechen.«

»Könnte er sich nicht auf das Geschäft hin einen Bankkredit nehmen?«

»Das hat er, soviel ich weiß, schon getan.«

»Und das Geld verpulvert?«

»So darfst du nicht über ihn denken, Melanie! Er hat hart gearbeitet, aber er hat Pech gehabt.«

»Sein Konzept war falsch. Erinnerst du dich, daß ich ihm das gesagt habe? Die Türkenstraße ist nicht das richtige Pflaster für eine anspruchsvolle Herrenboutique. Da kann man Jeans verkaufen, Pullis, Sweatshirts, all den Kram, den Studenten brauchen.«

»Es gibt Studenten genug, die Geld haben!«

»Sicher. Aber wer sich modisch und teuer kleiden will, der kauft nicht in der Türkenstraße. Nicht nur der Schnitt, die Farbe, die Marke muß stimmen, sondern auch die Adresse des Geschäfts.«

»Gut, ich gebe dir recht. Du hast es von Anfang an gewußt. Aber mit Jeans und Pullis hat Frank nun mal nichts am Hut, und eine teure Miete konnte er sich nicht leisten. Er hätte auf dich hören sollen.«

»Er hätte bei mir bleiben sollen, bei ›Melanies Moden‹ auf der Maximilianstraße, da hat er hingepaßt. Aber er mußte sich ja unbedingt selbständig machen! Als wenn ein Diplom in Betriebswirtschaft im Geschäftsleben wirklich was nützen könnte! Betriebswirtschaft, daß ich nicht lache!«

»Ich weiß, Melanie, ich weiß, du hast das immer schon komisch gefunden. Aber es hat doch keinen Sinn, diese alten Geschichten jetzt wieder aufzurollen. Er braucht einfach Geld. Es geht um sein Leben. Vater würde es ihm bestimmt geben, aber seine Ersparnisse reichen nicht aus.«

»Findest du es nicht selber lachhaft, daß du den alten Herrn ›Vater‹ nennst?« Melanie hatte ihre Kinder, als ihr Mann gestorben war – das war jetzt schon fast fünfzehn Jahre her – aufgefordert, sie mit dem Vornamen zu rufen. Auch Florian sagte Melanie zu ihr, was dem Enkel-Großmutter-Verhältnis nicht gerade förderlich war.

»Wie oft soll ich dir noch erklären, daß das für mich einfach selbstverständlich ist? Ich empfinde für ihn wie für einen Vater, und ich glaube, er hat es gern so.«

»Mir scheint das eine ziemlich absurde Beziehung, aber na ja, wie man so schön sagt: chacun à son goût.« Sie wippte ihren Fuß in dem schmalen Schuh aus grauem Handschuhleder. »Wieviel wird die ganze Chose denn nun kosten?«

»Darüber habe ich schon genaue Erkundigungen eingezogen!« erwiderte Beate eifrig. »Der Pflegesatz in der Klinik kommt auf zweihundertneunzig Mark, vierzehn Tage muß er mindestens bleiben, das wären dann – ich rechne jetzt mal mit dreihundert, weil es einfacher ist – viertausendzweihundert. Natürlich nur, wenn er ein Mehrbettzimmer nimmt. Dann kommen die Kosten der Herz-Lungen-Maschine während der Operation hinzu: vierzehntausend Mark ...«

Melanie fiel ihr ins Wort: »So genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen! Mich interessiert nur die Gesamtsumme.«

»Sofort! Die ärtzlichen Kosten, also Chirurgie, Röntgenologie, Anästhesie und Labormedizin werden zusammen etwa zwölftausend Mark ausmachen.«

»Also braucht ihr so um die dreißigtausend Mark«, stellte Melanie fest, die eine schnelle Rechnerin war.

»Ja, Melanie! Bitte!«

»Mein liebes Kind, das kannst du unmöglich von mir verlangen.«

»Mutter!«

»Erinnere dich, daß wir eine Abmachung getroffen haben. Ich habe Frank das Kapital zur Eröffnung seines Geschäfts gegeben, und du hast dafür ausdrücklich auf deinen Erbanspruch und auf jede weitere Unterstützung verzichtet. Nein, Beate, das wäre äußerst ungerecht Irene gegenüber, die bisher noch nichts von mir bekommen oder genommen hat.«

Irene, zwei Jahre älter als Beate, war ihre Schwester. Immer noch unverheiratet, verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als Sekretärin in Hannover. Beate war sich durchaus nicht sicher, ob die Mutter ihr nicht beim Erwerb einer Eigentumswohnung geholfen hatte. Aber da sie dafür keinen Beweis hatte, wollte sie nicht damit argumentieren.

»Wenn du uns das Geld nur leihen würdest!« flehte sie.

»Und wovon willst du es mir zurückgeben? Wann du endlich dein Studium abgeschlossen haben wirst, steht in den Sternen.«

»O nein! Diesen Herbst kommt Florian in den Kindergarten und ...«

»Selbst wenn du fertig bist, wirst du nicht automatisch eine Stellung kriegen, und daran, daß du mir das Geld zurückgeben kannst, ist dann immer noch nicht zu denken. Frank und du, ihr seid erwachsene Menschen. Ihr müßt endlich lernen, euch allein durchzuschlagen. Mit dem Kapital, das ich ihm für sein Geschäft gegeben habe, hätte er sich mehr als dreimal am Herzen operieren lassen können.

Aber wo ist es jetzt? Futsch, nehme ich an. Hätte er anständig gewirtschaftet, müßte er es inzwischen verdoppelt haben, statt dessen ...«

»Melanie, wie oft soll ich dir noch sagen: es ist nicht seine Schuld!«

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