Kitabı oku: «Ein Mädchen kommt ins Landschulheim»
Saga egmont
Ein Mädchen kommt ins Landschulheim (Abenteuer von Leona 1)
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)
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Originally published 1977 by F. Schneider, Germany
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ISBN: 9788711719718
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Leonas beste Freundin
„Menschenskind, du ahnst nicht, wie ich mich auf morgen freue!“ Babsi gab Leona, ihrer um einen guten Kopf größeren Klassenkameradin einen wohlmeinenden Rippenstoß. „Paß mal auf, das wird der Wandertag des Jahrhunderts!“
Die beiden Mädchen schlenderten, die Mappen unter dem Arm, von der Schule nach Hause. Der große Pulk hatte sich schon aufgelöst, und sie gingen jetzt, da sie Nachbarinnen waren, das letzte Stück allein.
„ Na denn … viel Spaß!“ erklärte Leona herablassend.
Babsi blieb stehen. „Soll das etwa heißen, daß du wieder nicht mitkommst?“
„Du sagst es.“
„Aber Leona, das kannst du nicht machen!“ rief Babsi. „Du kannst dich nicht schon wieder ausschließen! Das ist unmöglich!“
Leona blieb gelassen. „Was regst du dich über meine Probleme auf?“
„Weil ich es gut mit dir meine!“
„Danke. Aber ich erinnere mich nicht, daß ich dich um Hilfe gebeten habe.“
„Nein, das hast du nicht! Du bildest dir nur ein, du brauchst niemanden von uns. Das habe ich längst gemerkt, ich bin ja nicht blöd. Aber du kannst dich nicht so absondern. Jeder Mensch braucht Freunde.“
Leona warf mit Schwung ihr langes, hellblondes Haar in den Nacken. „Die habe ich ja.“
„Du? Da bin ich aber mal gespannt. Es gibt niemanden in der Klasse, der dich leiden kann. Außer mir. Und aus mir machst du dir ja auch nichts.“
„Das ist nicht wahr!“ protestierte Leona jetzt doch. „Ich finde dich ganz annehmbar, wirklich.“
„Ich bin also annehmbar… wie ungeheuer schmeichelhaft.“ Babsi lachte. „Annehmbar für die große, überlegene Leona Heuer aus der siebten Klasse! Darauf kann ich mir wohl was einbilden!“
„Sei nicht albern. Du weißt schon, wie ich’s meine. Du bist wirklich nett. Bloß … an meine Mutter kannst du natürlich nicht tippen.“
„Deine Mutter?“ fragte Babsi verständnislos. „Was hat die denn damit zu tun?“
„Sie ist meine beste Freundin.“
„Deine Mutti!? Sag das noch mal! Ich glaub, mein Schwein pfeift!“
„Du hast mich ganz gut verstanden.“
Leona war jetzt an dem Mietshaus in der Holbeinstraße angelangt, in dem sie mit ihren Eltern lebte, und bog in den schmalen Vorgarten ein.
Babsi gab noch nicht auf. „Ich gebe ja zu, sie ist sehr süß, aber … “
„Red nicht über Dinge, von denen du nichts verstehst!“ fiel Leona ihr ins Wort. „Dann also … bis übermorgen.“
Babsi lehnte sich gegen den niedrigen Pfeiler. „Du kommst also wirklich nicht mit?“
„Habe ich das nicht schon unmißverständlich erklärt!“
„Dann bist du nicht zu retten!“ Jetzt machte Babsi, daß sie weiterkam.
Leona hatte an der Haustür geklingelt, drückte auf, als der Summton erklang. Mit großen Schritten lief sie die Treppen bis in den zweiten Stock hinauf Die Wohnungstür war schon geöffnet und nur angelehnt.
„Hallo, Mutti!“ rief Leona im Eintreten. „Was gibt’s heute Gutes?“ Sie stellte die Schulmappe ab und betrachtete sich kritisch im Garderobenspiegel. Wie immer fand sie sich etwas farblos. Nur die grauen Augen, die sie durch die schwarz getuschten Wimpern betonte, gefielen ihr. „Das war wieder mal ein Theater“, erzählte sie, öffnete die Schublade der Garderobe und zog ihr Mäppchen mit den Schönheitsutensilien heraus. „Morgen ist der berühmte Wandertag. Die Gänse wollen an die Isarauen radeln, Feuer machen und ein Picknick veranstalten. Aber nur keine Sorge … ohne mich!“ Leona zog ihre Lippen nach und verteilte Rouge auf die Wangen. Jetzt gefiel sie sich schon viel besser. Zu dumm, daß die Lehrer das Anmalen in der siebten Klasse noch nicht erlauben wollten.
Leona wandte sich ab und ging in die Küche. „Du schreibst mir doch eine Entschuldigung, ja?“
Irene Heuer war wirklich, wie Babsi gesagt hatte, sehr süß, schlank und blond und sehr jung.
In einer bunten, eng um die schmale Taille gegürteten Schürze stand sie am Herd. Man hätte sie für Leonas ältere Schwester halten können.
Die Ähnlichkeit war auffallend.
Aber sie begrüßte ihre Tochter nicht so fröhlich wie sonst, sondern schenkte ihr nur ein schwaches Lächeln und einen umflorten Blick.
„He, was ist los mit dir?“ Leona legte einen Arm um sie. „Kriege ich denn kein Bussi?“
„Doch!“ Die festen Lippen drückten sich auf Leonas Wange.
„Ist es nicht herrlich, daß ich morgen frei habe? Da können wir mal wieder was unternehmen … oder wir schlafen uns einfach aus. Mindestens so lange wie Vati.“
Leonas Vater war Journalist. Meist dauerte seine Arbeit bis in den Abend hinein, dafür brauchte er morgens auch erst spät zu beginnen.
Irene Heuer wandte das Gesicht ab und rührte in einem der Töpfe.
„Bist du etwa böse auf mich?“ fragte Leona bestürzt. „Aber ich habe dir doch nichts getan!“
„Nicht auf dich.“
„Auf Vati? Nun erzähl mal! Was hat er denn nun schon wieder angestellt!“
„Eigentlich sollte ich dich da nicht mit hineinziehen … “, sagte ihre Mutter ausweichend.
„Na hör mal! Wir sind doch schließlich Freundinnen … oder etwa nicht?“
„Es ist nicht recht von mir, wenn ich mich bei dir über Vati beklage.“
„Quatsch mit Soße. Ich kenne ihn doch schließlich ebensogut wie du. Und ich sage dir immer, du bist viel zu nachgiebig mit ihm. Es ist schön blöd von dir, daß du immer abends zu Hause sitzt und wartest, bis er endlich kommt. Wir sollten mal was zusammen unternehmen. Daß er zu arbeiten hat, glaube ich ihm ja, aber … “
„Eben nicht“, fiel ihr die Mutter ins Wort.
„Was?“ Ganz verdutzt sah Leona sie mit offenem Mund an.
„Er arbeitet abends nicht.“ Irene Heuers Stimme klang gepreßt. „Nicht immer jedenfalls oder nicht nur.“ Sie hatte Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. „Tante Ella hat ihn gestern gesehen. In einem Nachtlokal. Er hat getanzt. Mit einem sehr schicken Mädchen.“
„So ein Schuft!“ Leona wurde blaß unter ihrem Rouge. „Und mit uns geht er nie aus!“
„Was soll ich jetzt bloß tun, Leona? Tante Ella meint, das beste wäre, ich ließe mir gar nichts anmerken …“
„Wir sollen uns stillschweigend gefallen lassen, daß er uns betrügt?“ rief Leona empört. „Kommt ja nicht in die Tüte!“
„Aber was dann?“
„Du mußt ihn zur Rede stellen! Und wenn er nicht eine sehr gute Entschuldigung auf Lager hat, reichst du die Scheidung ein. So wie du gebaut bist, findest du immer noch einen anderen.“ Die Mutter sah Leona mit einem seltsamen Ausdruck an. „Hast du ihn denn gar nicht lieb?“
„Aber das ist doch kein Grund, mir alles von ihm gefallen zu lassen! Nein, Mutti, irgendwo muß ein Punkt sein.“ Leona machte ein wild entschlossenes Gesicht.
Irene Heuer ließ sich auf den Küchenstuhl sinken. „Aber wenn Vati und ich uns trennen, dann müßte ich wieder arbeiten gehen … nicht, daß mir davor graut, im Gegenteil… aber was soll dann aus dir werden?“
„Ich bleibe natürlich bei dir“, erklärte Leona mit schöner Selbstverständlichkeit, „schließlich habe ich ja auch einen Beruf, die Schule. Und wenn du Vati nicht mehr versorgen mußt, schaffen wir beide den Haushalt spielend. Ganz nebenbei.“
„Ich weiß wirklich nicht…“
„O Mutti, tu einmal… nur ein einziges Mal, was ich dir sage! Vati ist ja nicht aus der Welt, auch wenn du dich scheiden läßt. Und wir beide werden ein herrliches Leben miteinander führen!“
An diesem Abend kam Peter Heuer, Leonas Vater, wieder einmal erst nach Hause, als Leona längst im Bett lag – und das, obwohl sie bis zu den 10-Uhr-Nachrichten vor dem Fernseher gesessen hatte. Am Morgen war ihr, als hätte sie in der Nacht Stimmen gehört. Aber sie wußte nicht, ob sie es nicht geträumt hatte. Der kleine Zeiger auf ihrer Nachttischuhr ging schon auf elf Uhr zu.
Leona beeilte sich aufzustehen, schlüpfte in ihre Pantoffeln und suchte die Mutter. „Morgen, Mutti… lieb, daß du mich so lange hast schlafen lassen!“
Frau Heuer saß im Wohnzimmer und las Zeitung.
Leona schlang einen Arm um ihre Schultern und gab ihr einen Kuß. „Das Frühstück kann ich heute mal überspringen, was meinst du?“
Frau Heuer ließ die Zeitung sinken und sah Leona an; ihre Augen waren rot und leicht verschwollen von vergossenen Tränen. „Dein Vater und ich haben uns ausgesprochen.“
„Sehr gut.“ Leona setzte sich der Mutter gegenüber. „Und was ist dabei herausgekommen?“
„Das möchte er dir gern sagen. Er erwartet dich um zwei Uhr im Restaurant zum Essen.“
„Spitze!“ rief Leona. „Das nenne ich mal eine Idee.“ Sie sprang auf und fragte, mit plötzlich erwachtem Mißtrauen: „Du hast dich doch hoffentlich nicht wieder rumkriegen lassen?“
„Keine Sorge.“ Ihre Mutter lächelte schwach.
„Um so besser. Dann werde ich mich jetzt mal in Schale werfen.“
Das elegante Restaurant in München war zwar nur fünf Minuten von der Holbeinstraße entfernt, und bis zur Verabredung mit dem Vater blieben noch drei Stunden Zeit. Aber wenn Leona sich schön machen wollte, dann tat sie es gründlich. Sie badete sich, wusch ihr Haar und zog sich mit Sorgfalt an. Statt der üblichen Jeans wählte sie ihr bestes Kleid und ihr einziges Paar heiler Strumpfhosen.
Mit unendlicher Geduld verschönte sie ihr Gesicht mit allen möglichen Farben, und es ging wirklich schon auf zwei Uhr zu, als sie endlich fertig war.
Aus ihrem Mantel war sie schon etwas herausgewachsen, deshalb verzichtete sie darauf, ihn anzuziehen. Es war ein sonniger, noch sehr frischer Vorfrühlingstag, aber Leona fand es besser, in Schönheit zu frieren.
„Möchtest du nicht doch wenigstens eine Kleinigkeit essen?“ fragte die Mutter.
„Kommt nicht in Frage. Heute will ich Vati schädigen!“
Irene Heuer zog sie zärtlich an sich. „Mach’s gut, Liebling … und halt die Ohren steif!“
Lachend löste Leona sich aus der Umarmung. „Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Mutti! Ich lasse mich nicht von Vati einschüchtern! Das solltest du doch schon wissen!“
Leona kämpft mit allen Mitteln
Als Leona die geschwungene Treppe zu dem Restaurant hinaufstieg, knurrte ihr der Magen, und ihre Wangen glühten von der kalten Luft. Jeder Tisch war besetzt, und sie sah sich suchend um.
Ein Angestellter in schwarzem Smoking trat auf sie zu. „Sind Sie verabredet?“
Es tat Leona unendlich wohl, gesiezt zu werden. „Ja, mit Herrn Heuer … Peter Heuer, dem Redakteur“, erklärte sie.
„Herr Heuer ist schon hier! Er sitzt drüben am Fenster. Darf ich Sie führen?“
Leona folgte dem Geschäftsführer. Ihr Vater saß allein an einem kleinen Fenstertisch und studierte die Speisekarte. Obwohl Leona im Augenblick sehr schlecht auf ihn zu sprechen war, mußte sie zugeben, daß er gut aussah. Er trug das dunkelblonde, dichte Haar ziemlich lang, hatte ein gepflegtes Bärtchen zwischen der Oberlippe und der Nase und ein Kinn mit einem lustigen Grübchen.
Allerdings fand Leona, daß er in Jeans und Rollkragenpullover zu sportlich gekleidet war – jedenfalls für diese feine Umgebung und für sein Alter. Er war immerhin schon vierunddreißig Jahre und damit nicht mehr taufrisch.
Sie begrüßte ihn mit Würde.
„Nanu, wie siehst du denn aus?“ fragte er. „Bist du in einen Farbtopf gefallen?“
„Ich habe mich für dich schön gemacht.“ Sie schenkte ihm ein überlegenes Lächeln. „Es tut mir leid, wenn ich deinen Geschmack nicht getroffen habe.“
Er verzichtete auf eine Antwort und reichte ihr die Speisekarte. Sie wählte einen Crevettencocktail, Artischockenböden mit warmer Soße und zum Nachtisch Maroneneis mit Pflaumen. Ihr Vater entschied sich für ein Steak. Als er die Bestellung aufgegeben hatte, entstand ein lastendes Schweigen zwischen ihnen.
Leona entschloß sich, den Stier bei den Hörnern zu packen.
„Wolltest du mir nicht was sagen, Vati?“
„Ja, ich habe dir etwas zu eröffnen. Aber ich glaube, wir sollten damit bis nach dem Essen warten.“
„Oh, warum denn? Ich lasse mir so leicht nicht den Appetit verderben.“
„Na gut, ganz wie du willst. Also: Deine Mutter und ich sind übereingekommen, uns zu trennen.“
„Habe ich mir gedacht“, sagte Leona mit einer gewissen Befriedigung, weil die Mutter ihren Rat befolgt hatte.
„Erst mal vorübergehend. Nicht, daß wir böse aufeinander wären. Wir haben einfach zu jung geheiratet, verstehst du. Ich kann mich nicht ein ganzes Leben an die Kette legen, und für deine Mutter ist es kein Zustand, dauernd allein zu Hause zu hocken.“
„Das habe ich ihr auch schon gesagt.“
„Wie gut, daß du so einsichtig bist. Sie wird also in ihren Beruf zurückkehren. Nun hör mir mal gut zu, Leona. Wir beide, deine Mutter und ich, finden, daß es nicht gut für dich wäre, mit ihr allein zu leben. Du bist ohnehin schon zu altklug, eine Einzelgängerin … “
„Das stimmt doch gar nicht!“
„Leider doch. Du gehörst unter junge Menschen, die … “ Leona fiel ihm ins Wort. „Aber ich bin unter jungen Leuten. Ich habe Freundinnen!“
„Wen denn?“
Diese Frage brachte Leona doch ein bißchen in Verlegenheit.
„Na, Babsi zum Beispiel“, behauptete Sie und spürte selber, daß das nicht sehr überzeugend klang.
„Babsi von nebenan! Na hör mal!“ Peter Heuer lachte. „Der hast du dich doch von jeher haushoch überlegen gefühlt.“
„Deshalb kann sie doch trotzdem meine Freundin sein.“
„Das zeigt mir, daß du keine Ahnung hast, was Freundschaft überhaupt bedeutet. Du nutzt Babsi doch nur aus.“
In Leonas graue Augen kam ein gefährliches Funkeln. „Und das. hältst ausgerechnet du mir vor, wo du Mutti behandelst wie … “
„Über meine Ehe möchte ich nicht mit dir diskutieren!“ sagte Herr Heuer scharf.
„Und ich nicht mit dir über meine Freundinnen!“ fauchte Leona zurück.
Vater und Tochter starrten sich wütend in die Augen.
Dann kam zum Glück der Ober und stellte den Crevettencocktail vor Leona und ein Glas Sherry vor Herrn Heuer.
„Fang schon an“, sagte der Vater.
Leona war die Lust zum Essen eigentlich vergangen, aber die winzigen rosigen Krebschen in der delikaten Soße blickten sie doch zu verlockend an; sie konnte nicht widerstehen.
Herr Heuer hatte einen Schluck Sherry genommen und begann das Gespräch nach einer Weile von neuem.
„Ich gebe ja zu, daß ich mich deiner Mutter gegenüber nicht immer richtig verhalten habe. Wahrscheinlich bin ich sogar selber schuld, daß du dich zu sehr an sie gehängt hast. Sie war zuviel allein. Da habt ihr beide euch einfach daran gewöhnt, dauernd zusammen zu glucken. Also, bitte, von mir aus … ich bin der große Sündenbock.“
Leona merkte sehr wohl, daß der Vater ihr eine Brücke baute, aber sie dachte nicht daran, sie zu betreten; sehr damenhaft tupfte sie sich die Lippen ab und erklärte mit Nachdruck: „Ich kann nichts dabei finden, daß Mutti und ich uns gut verstehen. Wahrscheinlich bist du nur eifersüchtig!“
„Ich? Eifersüchtig?“ Vor Überraschung wurde der Vater laut, merkte es selber und dämpfte die Stimme. „Das soll wohl ein Witz sein?“
„Aber wieso denn?“ erwiderte Leona unerschüttert. „Das liegt doch auf der Hand.“
Peter Heuer leerte sein Glas. „Leider muß ich feststellen, daß mit dir wirklich nicht mehr zu reden ist.“
„Dann lassen wir’s eben.“ Leona machte sich wieder über ihre Vorspeise her.
„Das könnte dir so passen. Nein, so kommst du mir nicht davon. Ich habe dir etwas zu sagen, und ich werde es dir jetzt sagen. Wenn wir uns trennen, bleibst du nicht bei deiner Mutter.“
Leona fiel fast die kleine Gabel aus der Hand. „Du willst mich fortgeben?“
„Nicht ich. Deine Mutter und ich haben gemeinsam beschlossen … “
„Das ist einfach nicht wahr!“ Leona sprang auf und stieß den Stuhl zurück.
„Doch. Und jetzt setz dich gefälligst hin und hör mich an.“
„Du wirst mir nicht weismachen, daß Mutti mich loswerden will!“
„Niemand will dich loswerden, Leona. In deinem eigenen Interesse sind wir übereingekommen, daß es nicht gut für dich wäre, dich noch enger an sie anzuschließen, was zwangsläufig geschehen würde, wenn ich ausgezogen bin.“
„Wenn du erst weg bist, kann es dir doch ganz egal sein, was wir machen!“ Leona stand immer noch.
„Das kannst du doch nicht wirklich glauben. Wie es auch mit deiner Mutter und mir weitergeht, du bist und bleibst immer meine Tochter … “
„ … die du in die Wüste schicken willst!“
„Nicht in die Wüste, Leona, in ein Internat!“
Leona war inzwischen auf etwas Ähnliches vorbereitet gewesen, dennoch verschlug es ihr die Sprache.
„Wir haben das Landschulheim Rabenstein für dich ausgesucht“, erklärte der Vater, „vielleicht hast du schon davon gehört, ein wirklich fabelhaftes …“
„Niemals! Nie kriegt ihr mich dahin!“ Leona war weiß bis an die Lippen geworden.
Der Ober servierte die Artischocken und das Steak.
„Hm, das sieht gut aus“, sagte der Vater, um Leona abzulenken, „nun iß erst mal, und dann …“
„Ach, verdammt, steck dir doch deine Artischocken an den Hut!“ schrie Leona völlig außer sich und ganz undamenhaft, drehte sich um und rannte aus dem Restaurant.
Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis Leona sich soweit gefaßt hatte, daß sie ihrer Mutter unter die Augen treten konnte. Sie wollte nicht wie ein heulendes Baby angerannt kommen, denn es war ihr doch so wichtig, von der Mutter ernstgenommen zu werden.
Also war sie erst einmal durch die Straßen gelaufen, hatte sich dann in dem kleinen, noch vorfrühlingskahlen Shakespearepark auf eine Bank gesetzt und erst einmal ausgeschluchzt. Danach hatte sie die verlaufene Wimperntusche und die verschmierten Lidschatten so gut es ging mit Spucke weggewischt.
Endlich wurde ihr bewußt, daß sie in ihrem hübschen Kleid und ohne Mantel erbärmlich fror, und sie beeilte sich, nach Hause zu kommen.
Leona verstand jetzt schon selbst nicht mehr, warum sie sich so aufgeregt hatte.
Das Ganze konnte doch nur eine Schikane vom Vater sein. Sie sollte fort, damit die Mutter ganz allein blieb und ihm tüchtig nachtrauerte. Es war doch ausgeschlossen, daß sie mit ihm unter einer Decke steckte.
So setzte sie sogar ein Lächeln auf, als Irene Heuer ihr die Wohnungstür öffnete.
„Na, wie ist es gegangen?“ fragte die Mutter.
An jedem anderen Tag hätte Leona gleich losgelegt. Aber seit ihrer Auseinandersetzung mit dem Vater war eine Veränderung in ihr vorgegangen. Es fiel ihr auf, daß ihre Mutter noch bedrückter wirkte als vorhin beim Abschied.
„Willst du etwa behaupten, daß Vati dich nicht schon angerufen hat?“ fragte Leona mißtrauisch.
Leona und ihre Mutter standen sich im Wohnungsflur gegenüber und betrachteten sich mit neuen Augen.
„Stimmt, Vati hat mir berichtet, daß du weggelaufen bist“, gab Frau Irene Heuer etwas verlegen zu. „Aber ich wollte von dir hören, wie es dazu gekommen ist.“
„Wie mitfühlend von dir!“ sagte Leona, und es klang, wie es gemeint war: sehr verletzend.
„Leona!“
Das junge Mädchen trat einen Schritt näher auf ihre Mutter zu. „Sei, bitte, ehrlich! Wußtest du, daß Vati mich am liebsten ins Internat stecken möchte?“ In dieser Frage klang die zaghafte Hoffnung mit, die Mutter könnte vielleicht doch so ahnungslos sein, wie Leona selber es noch bis vor wenigen Stunden gewesen war.
Aber diese Hoffnung wurde zerstört.
„Ja“, sagte Frau Heuer.
Leona mußte nach Luft schnappen. „Und du hast mich nicht gewarnt!?“
Frau Heuer biß sich auf die Lippen. „Hör mal, Liebling“, sagte sie mit angestrengt beherrschter Stimme, „ich glaube, du siehst die Sache völlig falsch.“ Sie legte den Arm um Leonas Schultern. „Vati und ich wollen dich doch nicht in die Verbannung schicken … “
Mit einem Ruck riß Leona sich los. „Du willst mich also auch loswerden? Das kann doch nicht wahr sein!“
„Wirklich, Leona, es besteht kein Grund, dich so aufzuregen! Wir wollen nur dein Bestes!“
„Und über mein Bestes entscheidet ihr einfach über meinen Kopf hinweg? Ohne mich auch nur einmal zu fragen, was ich selber möchte? Ihr seid gemein, einfach gemein … alle beide! Du genau wie Vati!“
Unter dieser Anschuldigung zuckte Frau Heuer zusammen, aber sie behielt die Fassung. „Ich verstehe ja, daß du jetzt sehr aufgeregt bist, aber … “
„Nichts verstehst du, gar nichts! Sonst würdest du mir das nicht antun! Immer hast du gesagt, ich wäre deine beste Freundin! Und jetzt läßt du mich fallen wie ’ne heiße Kartoffel! Wie kannst du da sagen, daß du mich verstehst?“ Leona stieß die Mutter beiseite, stürzte in ihr Zimmer, knallte die Tür hinter sich zu und warf sich, ohne auf ihr schönes Kleid zu achten, quer über ihr Bett.
So verzweifelt schluchzte Leona, daß sie gar nicht merkte, wie sich nach einiger Zeit die Tür hinter ihr öffnete und die Mutter eintrat. Sie balancierte ein Tablett und stellte es auf dem Schreibtisch ab.
„Ich habe dir einen Teller gute Bouillon gemacht“, sagte sie, „mit Nudeln! Die ißt du doch so gern!“
„Laß mich in Ruhe!“ protestierte Leona.
„Du sahst vorhin so verfroren aus … und satt kannst du doch auch nicht geworden sein!“
Leona gab keine Antwort.
Irene Heuer zog sich den kleinen Sessel an ihr Bett. „Denkst du denn gar nicht daran, daß ich auch sehr traurig bin?“
„Weil Vati dich sitzenläßt … ja, deshalb!“
„Nein, genauso sehr, weil wir beide uns trennen müssen.“ Leona warf sich herum und richtete sich auf. „Aber wir müssen ja gar nicht!“ Ihr Gesicht war ganz rot, und ihr schönes blondes Haar verstrubbelt und verklebt. „Mutti, bitte, bitte, laß dir doch nichts von Vati einreden! Wir könnten es so schön miteinander haben!“
„Ja, noch ein paar Jahre und dann? Du wirst jetzt dreizehn, in fünf Jahren bist du erwachsen, du wirst heiraten wollen …“ „Nie! Nie nehme ich mir einen Mann!“
„Und wenn doch? Was wird dann aus mir? Denk doch mal nach! Wie würde es dir gefallen, wenn ich dir Vorhalten würde: Ich bin immer für dich dagewesen, jetzt kannst du mich nicht einfach … wie sagtest du doch so schön …? fallen lassen wie ’ne heiße Kartoffel.“
„Aber so weit wird es ja gar nie kommen! Ich werde immer bei dir bleiben, Mutti, immer!“
„Du willst also eine alte Jungfer werden? Und nach meinem Tod einsam und allein und nur für dich leben?“
„Das würde mir auch nichts ausmachen … jedenfalls halb soviel wie jetzt das blöde Landschulheim.“
„Aber es ist nicht blöde, Leona, es ist wunderschön dort in Rabenstein. Es liegt nur etwa achtzig Kilometer von München entfernt in den Voralpen. Ein Tennisplatz gehört dazu, ein geheiztes Schwimmbecken, ein großer, parkartiger Garten …“ Leona hatte sich schon längst die Ohren zugehalten. „Du redest wie ein Werbeprospekt! Laß mich in Ruhe… ich will nichts davon hören.“
„Wie du willst.“ Frau Heuer sah ein, daß es sinnlos war und erhob sich. „Dann lasse ich dich jetzt allein. Aber iß deine Suppe. Sie wird dir guttun.“ Sie ging zur Tür.
„Mutti!“
Frau Heuer drehte sich um.
„Hast du mich denn gar nicht mehr lieb?“
„Doch, Leona. Ich habe dich lieb und auch deinen Vater. Aber ich habe eingesehen, daß ich falsch gelebt habe. Ich habe mich in den letzten Jahren viel zu sehr dir gewidmet… viel mehr als für dich und für mich und für meine Ehe gut war. Laß mich jetzt mal reden, ja? Das ist nun wirklich keine Schleichwerbung. Es hat sich bei mir immer alles nur um dich und um meinen Mann gedreht. Dadurch mußte ich ihm langweilig werden und zu einer Belastung dazu … und wenn ich noch ein paar Jahre so weitermache, werde ich dir genauso zum Hals heraushängen.“ „Das ist einfach nicht wahr!“ Leona schlug mit beiden Fäusten auf das Bett.
„Sag lieber: Du willst es nicht wahrhaben. Es wird nicht mehr lange dauern und du wirst mit Jungens herumziehen …“
„Das habe ich überhaupt nicht vor!“
„Glaube ich dir sogar. Aber paß mal auf, das ergibt sich ganz von selber. Meinst du, es würde mir so furchtbaren Spaß machen, mir deine Geschichten anzuhören? Oder gar das Gefühl zu haben, daß du Heimlichkeiten vor mir hast?“
„Aber das ist doch alles Unsinn! Mutti, Mutti, kennst du mich wirklich so schlecht?“
„Wir werden ja sehen, wer recht behält. Rabenstein liegt nicht aus der Welt. Wir werden uns gegenseitig besuchen und fleißig Briefe schreiben.“
„Jetzt verstehe ich endlich.“ Leonas Stimme klang tonlos. „Du willst mich also wirklich loswerden … auch du. Du willst… frei sein.“ Sie hoffte inständig, daß die Mutter sich diesen Vorwurf verwehren würde.
Aber Irene Heuer sagte ganz ruhig: „Damit hast du nicht so unrecht, Liebling. Wenn ich jetzt wieder arbeite, möchte ich auch für den Abend Verabredungen treffen können. Vielleicht sogar auch einmal fürs Wochenende. Ich möchte neue Menschen kennenlernen … nicht unbedingt Männer, versteh mich nicht falsch… aber junge Frauen meines Alters.“ Sie lächelte flehend. „Ich weiß, daß ich dir weh tue, Liebling, aber das ist besser, als dich anzulügen.“ Nach einem tiefen Atemzug fügte sie hinzu: „Ich will endlich auch wieder mal an mich denken!“
Damit verließ sie das Zimmer, und diesmal hielt Leona sie nicht zurück.
Auf nach Rabenstein
Zum erstenmal in ihrem Leben fühlte Leona sich hilflos. Natürlich war es auch früher bei ihr hier und da schon mal zu einer Panne gekommen; sei es, daß sie eine Klassenarbeit verpatzt, ein anderes Mädchen sie angefeindet hatte oder ihr ein Lieblingsspielzeug zerbrochen, ein Lieblingskleid zerrissen war.
Aber immer hatte sie auf den verständnisvollen Trost ihrer Mutter rechnen können, ja, noch mehr, Irene Heuer war sogar immer zum Eingreifen bereit gewesen.
So war sie, wenn in der Schule etwas schief zu laufen drohte, sofort in die Lehrersprechstunde gegangen und hatte guten Wind für Leona gemacht. Lieblingsspielzeug und Lieblingskleidungsstücke waren rasch, oft durch noch schönere ersetzt worden. Frau Heuer hatte auch angeboten, Klassenkameradinnen, die Leona nicht mochten, einzuladen und zu versöhnen. Aber daran hatte Leona selber nichts gelegen, denn ihr waren die anderen Mädchen herzlich gleichgültig.
Jetzt erst, da sie mit ihren Eltern verkracht war, spürte sie, mehr als ihr bewußt wurde, daß ihr eine wirkliche Freundin, bei der sie sich wenigstens hätte aussprechen können, fehlte.
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Kummer stumm und verbissen mit sich herumzutragen.
Natürlich dachte sie daran, auszureißen. Aber sie war zu klug, um diese Idee in die Tat umzusetzen. Sie wußte, daß sie wie alle Ausreißerinnen früher oder später bestimmt erwischt werden und dann in einem öden Erziehungsheim landen würde.
Mit ihren Eltern sprach sie nur noch das Nötigste und ging auf keinen der vielen Versöhnungsversuche ihrer Mutter ein. Dabei wußte sie, daß auch das dumm war. Viel vernünftiger wäre es gewesen, sich durch ein herzliches, liebevolles, hilfsbereites Betragen einzuschmeicheln und die Mutter dahin zu bringen, daß sie es am Ende doch nicht über sich brachte, sich von ihr zu trennen.
Aber das konnte sie nicht. Sie war zu tief verletzt und zu sehr enttäuscht.
Nett zu ihrer Mutter zu sein hätte bedeutet, daß sie sich verstellen mußte, und das brachte sie nicht über sich.
Ihren Vater strafte Leona, seit er ihr eröffnet hatte, daß sie ins Internat sollte, mit Verachtung. Für seine gutmütigen Neckereien, mit denen er sie in bessere Laune zu versetzen suchte, hatte sie nicht das leiseste Lächeln übrig.
Merkwürdigerweise schienen sich die Eltern nun, da die Trennung beschlossene Sache war, mit einemmal viel besser zu verstehen. Irene Heuer kränkte sich nicht mehr, wenn ihr Mann erst spät nach Hause kam. Sie hatte so viel zu tun, nutzte jede freie Minute, ihre Kenntnisse als Sekretärin aufzufrischen und auf den neuesten Stand zu bringen.
Tatsächlich kam Peter Heuer jetzt häufig pünktlich zum Abendessen und brachte sogar manchmal Leckerbissen mit, einen Käse, den sie besonders mochte, Oliven oder frische Crevetten. Beide sprachen lebhaft miteinander und machten Pläne für die Zukunft.
Leona fühlte sich ausgeschlossen.
Selbst wenn es etwas Interessantes im Fernsehen gab, zog sie sich frühzeitig auf ihr Zimmer zurück. Sie wollte die Eltern mit ihrer Kälte strafen und tat sich selber viel mehr damit weh.
Bittere Tränen flossen in ihr Kissen, wenn sie die Eltern gemütlich zusammen im Wohnzimmer wußte. Aber in Gegenwart von Vater oder Mutter weinte sie nie mehr. Sie wußte, es würde ihr doch nichts helfen, und sie wollte sich nicht vor ihnen demütigen. Ihr Abgang vom Max-Josef-Stift, dem MädchenGymnasium in München-Bogenhausen, das sie bisher besuchte, war beschlossene Sache.
Aber Leona sprach zu niemandem darüber.
Erst am letzten Schultag vor den Osterferien, als sie sich, wie üblich mit Babsi auf den Heimweg machte, erklärte sie so beiläufig wie möglich: „Du, ich komme übrigens nach den Ferien nicht mehr wieder!“ – Ihre Stimme klang gepreßt, denn es war ihr, als stecke ihr ein Kloß im Hals.
„Was!?“ Babsi riß förmlich vor Erstaunen Mund und Augen auf.
„Hörst du seit neuestem schlecht?“ fragte Leona hochmütig.
„Überhaupt nicht! Bloß … ich versteh es nicht! Zieht ihr etwa weg?“
„Nein. Meine Mutter will wieder arbeiten, und ich komme in ein Internat.“ Leona warf ihr langes Haar in den Nacken. „Nach Rabenstein, falls du schon mal davon gehört hast?“
„Rabenstein? Und ob!“ Babsi machte einen kleinen Luftsprung. „Mensch, wie ich dich beneide! In Rabenstein sind auch Jungens!“
„Für Jungens interessiere ich mich überhaupt nicht!“
„Warum gehst du dann nicht einfach ins Stift? Ich meine … intera?“
Diese Frage war berechtigt, denn zum Max-Josef-Stift gehört ein Internat, in dem ein Teil der Schülerinnen, die von auswärts kommen oder deren Eltern beide berufstätig sind, wohnen. Die Stiftlerinnen dürfen allerdings jedes Wochenende nach Hause, und das war wohl mit ein Grund, warum Heuers gar nicht auf die Idee gekommen waren, Leona dort hinzugeben. Das aber mochte sie Babsi nicht auf die Nase binden.
„Ich möchte lieber weg“, behauptete sie.
„Du hast ja so recht!“ Vertraulich hängte Babsi sich bei ihr ein.
Sonst hätte Leona sich dieser Berührung sicher entzogen, aber nun, da sie sich mit ihren Eltern verkracht hatte, tat ihr Babsis Anteilnahme wohl.
„Wenn man mich nur ließe“, fuhr Babsi munter fort, „glaub mir, ich würde es genau wie du machen.“
„Ja, bist du denn nicht gern zu Hause?“ Zum erstenmal interessierte sich Leona für die Probleme der anderen, aber das wurde ihr gar nicht bewußt. „Du hast doch nette Eltern!“
„Nett! Was nutzt mir das schon! Abend für Abend sitzen die bloß vor der Glotze. Vati trinkt sein Bierchen und Mutti ihr Likörchen: Wir sollen uns darüber freuen, daß wir dabeisein dürfen. Schon wenn ich mal ins Kino will, heißt’s: ,Wozu? Wir haben doch das Fernsehen?’ Als ob das alles ersetzt?“
Leona war erstaunt, daß Babsi sich Gedanken machte, die sie selber noch nie gehabt hatte. „Ja, was erwartest du denn?“ „Spaß, Abenteuer, Aufregung … einfach, daß was passiert!“ „Dann würde ich an deiner Stelle mal ’ne Bombe platzen lassen!“
„Oh, die platzt eines Tages ganz von selber. Spätestens, wenn ich ’nen Freund habe. Vorläufig ist ja noch keiner in Sicht, aber dann! Also wirklich, ich finde es ungeheuer, daß du deine Alten jetzt quitt bist.“
„So würde ich das nicht sehen.“
„So habe ich es ja auch gar nicht gemeint. Natürlich bleiben sie dir erhalten. Ohne Eltern wär’s ja auch nichts. Aber wenn du erst in Rabenstein bist, können sie dir nicht mehr reinreden. Das ist doch einfach spitze!“
Leona konnte Babsis Standpunkt nicht teilen. Aber ein bißchen hatte das Gespräch sie doch getröstet. Bisher war sie sich wie ein armes, verstoßenes Waisenkind vorgekommen. Jetzt auf einmal wurde ihr klar, daß man ihre Situation auch in einem ganz anderen Licht sehen konnte. Babsi fand sie beneidenswert, und nicht nur sie, sondern eine Menge anderer Mädchen, die noch schlechter mit ihren Eltern zurechtkamen, hätten sicher mit ihr tauschen mögen. Das war doch immerhin etwas.
Allmählich begann sogar eine gewisse erwartungsvolle Vorfreude in ihr aufzukeimen. Was die Mutter ihr von Rabenstein erzählt hatte, hatte doch sehr verlockend geklungen: geheiztes Schwimmbad, Tennisplätze, vielleicht sogar Pferde! Nur ihr Stolz verbot ihr, sich genauer zu erkundigen oder um Prospekte zu bitten. Aber das Bild, das sie sich selber von Rabenstein malte, wurde immer schöner.
Dazu kam, daß sie sich jetzt, seit sie sich mit der Mutter nichts mehr zu erzählen wußte, zu Hause zu langweilen begann. Wochenlang zu bocken ist sehr schwierig. Aber Leona war fest entschlossen, es durchzuhalten. Sie wollte, daß Vater und Mutter sich wie hartherzige, lieblose Rabeneltern fühlten. Das war die Strafe, die sie, ihrer Meinung nach, verdient hatten.
Aber ihre eigene Haltung machte ihr das Zuhausesein alles andere als angenehm. Und so kam es, daß sie den Tag herbeizusehnen begann, an dem sie endlich fortkam.
Noch nie waren ihr die Osterferien so lang vorgekommen. Die Ferien wollten und wollten kein Ende nehmen. Aber dann war es plötzlich doch soweit.
Der Abschied vom Vater fiel frostig aus.
„Mach’s gut, meine Große“, sagte er, „auch wenn’s anfangs vielleicht schwierig ist, du wirst dich bestimmt rasch einleben.“
Sie schenkte ihm keinen Blick, keinen Kuß, kein Lächeln. „Leb wohl“, sagte sie kurz und wandte sich ab.
Die Bahnverbindung nach Rabenstein war ziemlich umständlich. Deshalb fuhr die Mutter sie, auch weil sie großes Gepäck hatte, im Auto hinaus.
Es war ein Sonntagmorgen, der Himmel war, als sie die Dunstkuppel über der großen Stadt erst einmal hinter sich gelassen hatten, strahlend blau. Sie fuhren über die Autobahn in Richtung Salzburg. Bald tauchte die prächtige Kette der Alpen vor ihnen auf, deren höchste Gipfel noch weiß vor Schnee in der Sonne schimmerten.
„Ist das nicht schön?“ rief Irene Heuer.
Leona schwieg verbissen. Mit einem Seitenblick stellte die Mutter fest, daß sie die Lippen fest aufeinander gepreßt und das Kinn verschoben hatte.
„Du willst nicht mit mir reden, wie?“
„Ich wüßte nicht, was wir uns noch zu sagen hätten“, entgegnete Leona.
„Wie du meinst.“ Lrau Heuer seufzte leicht und stellte das Radio an.
Der Rest der Fahrt verlief schweigend.
Bei Siegsdorf bog Frau Heuer von der Autobahn ab, und Leona hätte gern gefragt, ob sie bald da seien. Aber sie wollte sich keine Blöße geben. Die Straße schlängelte sich bergauf, und sie kamen durch ein Dorf namens Wangen – ein malerisches Fleckchen mit schönen altbayerischen Bauernhäusern, einer Kirche mit Zwiebelturm, einem großen Kaufladen und Wirtshäusern.
Mehr konnte Leona bei der ersten Durchfahrt von dem kleinen Ort nicht erkennen.
Hoch über dem Dorf lag, weithin sichtbar, eine mächtige alte Burg, und Leona wußte, noch ehe sie die Hinweisschilder las: Das ist Rabenstein.
Ihr Herz begann heftig zu klopfen, sie wußte selbst nicht, ob aus Angst oder aus Freude.
Die schwarzrotgoldene und die bayerische Fahne flatterten im Wind; später sollte Leona erfahren, daß sie immer zum Ferienende und an Feiertagen aufgezogen wurden.
Frau Heuer mußte in den zweiten Gang zurückschalten, denn das letzte Stück der Straße war jetzt sehr steil. Nach etwa fünfhundert Metern rollten sie durch ein riesiges Burgtor auf einen holprig gepflasterten Hof.
„Da wären wir!“ Frau Heuer schaltete den Motor aus, stieg aus und öffnete den Kofferraum.
Leona nahm ihre Handtasche, Regenmantel und Anorak vom Rücksitz und kletterte auf der anderen Seite hinaus.
Sie war nicht der einzige Ankömmling. Auf dem alten Burghof ging es sehr lebendig zu. Große und kleine Jungen und Mädchen verabschiedeten sich von ihren Eltern und begrüßten lebhaft Freunde und Freundinnen. Eben fuhr ein gelber Bus mit Schülern und Schülerinnen vor.
„Ich glaube, wir lassen den großen Koffer erst mal hier und sehen, wie du untergebracht bist“, schlug Frau Heuer vor.
„Danke, das ist nicht nötig“, erwiderte Leona kalt.
„Wie? Du mußt dich doch nach deinem Zimmer erkundigen!“
„Es ist nicht nötig, daß du mich begleitest“, erklärte Leona mit berechnender Grausamkeit, „ich weiß, daß du mich nicht schnell genug loswerden kannst.“
„Aber wie kannst du das sagen! Schließlich bin ich ja immerhin noch deine Mutter!“
„Ja, das bist du!“ Leonas Ton war bewußt verletzend. Sie wuchtete den Koffer aus dem Gepäckraum. Obwohl sie dabei rot vor Anstrengung wurde, ließ sie sich nicht helfen.
„Liebling, bitte, können wir nicht im Guten Abschied nehmen?“
„Im Guten?“ Leona ließ den Koffer fallen und blickte ihre Mutter aus zornblitzenden Augen an. „Nach allem, was du mir angetan hast? Hau ab, sage ich dir! Hau endlich ab! Ich kann dich nicht mehr sehen!“
Ohne ein weiteres Wort setzte Frau Heuer sich wieder ans Steuer, ließ den Motor an, setzte zurück, wendete und verschwand durch das Burgtor aus Leonas Blickfeld.
Mit einemmal fühlte sie sich unter all den vielen Menschen sehr verlassen. Die Tränen schossen ihr in die Augen, aber sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Entschlossen griff sie zu ihrem Gepäck und versuchte es – mit der rechten Hand den schweren Koffer, in der linken eine Reisetasche, ihre Handtasche am langen Riemen über der Schulter, Mantel und Anorak über dem Arm –, auf das Hauptgebäude zuzuschleppen.
Ein Junge in ihrem Alter, blond und sommersprossig, pflanzte sich vor ihr auf. „Sportlich, sportlich!“ witzelte er und zeigte beim Lächeln spitze Eckzähne. „Hast wohl deine Hanteln mitgebracht, wie?“
„Grins nicht so blöd“, fuhr Leona ihn an, „hilf mir lieber!“
Ein schwerer Anfang
Sie merkte selber, daß sie den Ton verfehlt hatte. Es war falsch, einen wildfremden Jungen, von dem sie noch dazu Hilfe erwartete, so grob anzufahren.
Aber er schien sich gar nichts daraus zu machen; sein Grinsen wurde eher noch breiter. „Ei sieh mal einer guck! Wie hätten wir’s denn gern?“
„Du siehst doch, wie ich mich abplage!“ Leona bemühte sich krampfhaft nett zu sein. „Bitte, kannst du mir nicht den Koffer auf mein Zimmer tragen?“
„Und wo wohnst du?“
„Das weiß ich noch nicht! Ich bin eben erst gekommen.“
„Mach dir nichts draus!“ Die Augen des Jungen funkelten. „Onkel Klaus wird das schon ritzen.“
„Onkel Klaus … wer ist das?“
„Wer schon?“ Der Junge tippte sich auf die Brust. „Ich natürlich!“
Beinahe hätte Leona gefragt, wessen Onkel er denn sei, aber gerade noch rechtzeitig begriff sie, daß er sich mit dieser Bezeichnung nur aufwerten wollte. „Ich heiße Leona“, sagte sie.
„Na, dann komm!“ Klaus nahm Leona den schweren Koffer ab und hievte ihn sich auf die Schulter.
Erleichtert folgte sie ihm mit dem anderen Gepäck.
Erst als er schon die Tür zu einem langgestreckten, zweistöckigen Nebengebäude öffnete, das längst nicht so alt war wie die Burg selber, kam ihre Frage: „Wo muß ich denn hin?“
„Wirst du schon sehen.“ Er führte sie eine Treppe hinauf.
Jungen liefen an ihnen vorbei, hinauf und hinunter, musterten Leona, lachten und stießen sich gegenseitig an. Leona, die den Umgang mit Jungen nicht gewohnt war, wurde unsicher.
Um sich nichts anmerken zu lassen, trug sie den Kopf hocherhoben.
Klaus stellte den Koffer ab, stieß eine Tür auf und schob den Koffer hinein. „So, da wären wir!“
Arglos folgte ihm Leona. Ein großes hübsches Eckzimmer nahm sie auf, in dem ein großer Junge damit beschäftigt war, Kleidungsstücke in einem Schrank zu verstauen. Leona traute ihren Augen nicht.
„Hei, Helmer!“ rief Klaus vergnügt. „Sieh mal, wen ich dir da bringe … eine neue Stubengenossin!“
Helmer richtete sich langsam auf. Er sah sehr gut aus, hatte schwarzes, leicht gelocktes Haar und sehr dunkelblaue Augen.
„Herzlich willkommen“, sagte er ersthaft, „das linke Bett ist frei, das kannst du nehmen.“
Jetzt endlich fand Leona die Sprache wieder. „Aber ich kann doch nicht hier bei dir schlafen?“ platzte sie heraus.
„Warum denn nicht?“ Klaus schüttelte sich vor Lachen. „Du hörst doch, du bekommst ein eigenes Bett.“
Wie durch ein Wunder füllte sich das Zimmer in Sekundenschnelle mit Jungen jeden Alters, und alle schrien durcheinander. „Eine Neue! Eine Neue!“ brüllten sie und: „Wie kommt denn solch ein Glanz in unsere Hütte!“ – „Wenn du dich langweilst, komm zu mir! Ich wohne gleich gegenüber!“ – „Nein, zu mir!“ – „Zu mir!“
Völlig hilflos stand Leona inmitten der johlenden Horde und wußte nicht, wie ihr geschah. „Bitte, bitte, laßt mich doch wenigstens in Ruhe auspacken“, stammelte sie.
Das Gelächter, das dieser Bemerkung folgte, war unbeschreiblich. Einige Jungen mußten sich die Tränen aus den Augen wischen, und selbst Helmer lächelte jetzt.
Leona wurde wütend. „Was habe ich denn Komisches gesagt?“ schrie sie in den Lärm hinein.
Plötzlich wurde es ruhig.
Eine junge, aber doch schon männliche Stimme fragte von der Tür her: „Wer hat die Neue hierhergebracht?“
Leona drehte sich um und sah sich einem großen, etwa achtzehnjährigen Jungen gegenüber. Er wirkte sehr sportlich und sehr selbstbewußt. Die Frühjahrssonne hatte sein blondes Haar gebleicht und seine Haut gebräunt.
Sie faßte sofort Vertrauen zu ihm. „Klaus war’s“, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf den Jungen mit den frechen Eckzähnen.
„Hätte ich mir denken können. Dann hast du das Vergnügen, ihren Koffer wieder runter und zum Haupthaus zu tragen.“ Klaus war gar nicht geknickt. „Wird gemacht, Andy“, sagte er fröhlich, „das war mir der Spaß wert.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, nahm er Leonas Koffer und trat den Rückzug an.
Leona begriff, daß er sie aufgezogen hatte. Sie ärgerte sich furchtbar über ihn, fast mehr aber noch über sich selber. Wie hatte sie so dumm sein können, auch nur eine Sekunde zu glauben, daß Jungen und Mädchen unter einem Dach untergebracht sein könnten! Schon in der Haustür, als sie den ersten sah, hätte sie sich auf der Stelle umdrehen müssen.
Jetzt verfolgte sie das Gelächter der Jungen die Treppe hinunter. Sie fühlte sich gedemütigt.
„Nimm’s nicht tragisch!“ Klaus blickte sie aus den Augenwinkeln an. „Ein alter Rabensteiner Spaß. Du bist nicht die erste, die darauf hereingefallen ist.
Aber Leona war viel zu wütend, um auf diesen Versöhnungsversuch einzugehen.
Klaus schleppte ihren Koffer über den mit Kopfsteinen gepflasterten Burghof, eine breite steinerne Rampe hinauf und in eine riesige Halle mit bunten Glasfenstern. Am Fuß einer geschwungenen hölzernen Treppe stellte er den Koffer mit einem Seufzer der Erleichterung ab.
„Rauf darf ich nicht“, erklärte er, „da wohnen die Mädchen.“ Er lächelte sie friedfertig an. „Also, mach’s gut, Leona!“
Am liebsten hätte sie ihm in das vergnügte sommersprossige Gesicht geschlagen. Er zuckte die Achseln und sprang davon.
Es dauerte nicht lange, bis sie bedauerte, daß sie ihn hatte laufenlassen. Jetzt stand sie mitten in der Halle, von der eine Menge Türen ausgingen, und wußte wieder nicht, wohin sie sich wenden sollte, während um sie herum ein lebhaftes Hin und Her im Gange war. Jungen und Mädchen eilten kreuz und quer, und jeder schien jeden zu kennen.
Leona wußte nicht, wie lange sie so dagestanden hatte – es kam ihr unendlich vor, vielleicht waren es aber auch nur Minuten gewesen –, als ein großes Mädchen, das gerade an ihr vorbeiwollte, stutzte.
„Was stehst du denn da rum? Vorhin habe ich dich doch auch schon gesehen!“
„Ich bin neu hier!“
„Na dann… herzlichen Glückwunsch!“ sagte die andere sarkastisch.
„Ist es nicht nett hier?“ fragte Leona.
„Darüber kann man geteilter Meinung sein.“ Die andere zog ihren engen rosa Pulli herunter, so daß ihr gut entwickelter Busen noch besser zur Geltung kam. „Ich find es jedenfalls grauenhaft.“ Sie musterte Leona aus babyblauen Augen. „Aber du bist ja wohl ein anderer Typ.“ Sie schienderte davon.
„Hör mal!“ rief Leona ihr nach.
Das große Mädchen blieb stehen. „Ist was?“
„Was soll ich denn jetzt tun?“
„Tun?“
„Ich weiß nicht, wo ich hin muß und…“, sie wies auf ihren schweren Koffer.
„Den läßt du einfach stehen. Geklaut wird nicht, und schon gar nicht so ein Trumm. Dann gehst du da vorn den Gang entlang. Links ist die Anmeldung.“
Leona machte sich, etwas unsicher, auf den Weg.
„Na schön, ich will mal nicht so sein“, sagte die andere gnädig, „ich zeig’s dir!“
Nebeneinander gingen die beiden Mädchen weiter.
„Ich heiße übrigens Ilse Moll. Und du?“
Leona nannte ihren Namen.
„Bist du freiwillig hier?“
Leona schüttelte den Kopf.
„Ich auch nicht. Meine Eltern bilden sich ein, der Aufenthalt im Landschulheim würde sich positiv auf meine Schulleistungen auswirken.“ Ilse hatte bewußt affektiert gesprochen. „Ich bin nämlich im Herbst das zweite Mal sitzengeblieben“, erklärte sie dann mit natürlicher Stimme und lachte.
„Und das macht dir gar nichts aus?“
„Ach woher denn.“ Ilse tastete mit der Hand an ihren wohlfrisierten Lockenkopf, um festzustellen, ob die Haare noch richtig saßen. „Ich sage immer, wozu braucht ein Mädchen den ganzen Quatsch zu lernen. Mathematik, Physik, Geographie … das ist doch Wahnsinn. Um sich einen netten, gut verdienenden Mann zu angeln, braucht man ganz andere Qualitäten.“
„Du willst also heiraten?“
„Wer denn nicht?“
„Und wenn es nicht klappt?“
„Laß mich nur machen. Wenn ich nicht den Besten kriegen kann, nehme ich den Zweitbesten. Man muß sich arrangieren.“
Leona staunte.
Sie hatten einen breiten und sehr hohen Gang erreicht, an dessen linker Seite dunkelbraun gestrichene Türen lagen, an der anderen Fenster mit Spitzbogen, durch die man einen wundervollen Blick auf die Alpen hatte.
Vor einer Tür mit dem Emailleschild „Sekretariat“ blieb Ilse stehen. „Da gehst du jetzt rein. Alles Weitere wird Pauline schon klären.“
„Die Sekretärin?“
Ilse lachte. „Die Frau vom Direktor. Eigentlich heißt sie auch gar nicht Pauline, sondern Helga. Helga Eulau. Aber weil er Paul heißt, nennen wir sie Paulinchen.“
Leona errötete vor Schreck bei der Vorstellung, daß sie ohne diese Erklärung die Frau des Direktors womöglich als „Fräulein Pauline“ angesprochen hätte. „Nett, daß du mir das sagst!“
„Ich bin überhaupt nett“, erklärte Ilse selbstgefällig, „du wirst schon sehen.“ Und sie stolzierte davon.
Leona klopfte an.
Frau Direktor Eulau saß hinter einem überraschend modernen schreibtisch, eine schlanke, fast hagere Frau mit weißem, kurzgeschnittenem Haar und durchdringenden Augen. Sie trug ein beigefarbenes Twinset, und als sie aufstand, um Leona zu begrüßen, sah das Mädchen, daß der Tweedrock im Ton genau darauf abgestimmt war.
„Du bist also Leona!“ sagte Frau Eulau herzlich.
„Woher wissen Sie?“ Leona war verblüfft.
Frau Eulau lachte. „Gar keine Hexerei! Wir haben jetzt mitten im Schuljahr nur zwei Neuzugänge … und der andere ist ein Junge!“
Leona ärgerte sich über ihre dumme Frage. Widerstrebend nahm sie die Hand, die Frau Eulau ihr bot.
„Herzlich willkommen auf Rabenstein, Leona! Deine Personalien habe ich schon aufgenommen, damit brauchen wir uns also gar nicht aufzuhalten. Du willst sicher gleich auf dein Zimmer gehen?“
„Ja, bitte!“ Leonas Stimme klang gepreßt.
„Nummero siebzehn.“
Leona wollte sich schon umdrehen und gehen.
„Nicht so hastig! Du weißt doch gar nicht, wie du dort hinkommst. Oder hast du dich schon orientiert?“
Leona schüttelte den Kopf.
„Na, siehst du! Paß auf, du gehst jetzt nicht in die Halle zurück, Leona, sondern weiter den Spitzbogengang entlang. Ganz hinten, kurz vor dem Speisesaal, führt eine schmale Treppe nach oben.“
„Ich habe noch einen schweren Koffer in der Halle stehen.“
„Den werden dir deine Freundinnen nach oben tragen helfen.“
„Aber ich habe keine Freundinnen!“ platzte Leona heraus und den Kopf in den Nacken werfend hinzu: „Und ich will auch gar keine haben!“
Frau Eulau ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Dann bringst du eben zuerst deine Reisetasche nach oben, leerst sie und füllst einen Teil des Kofferinhaltes hinein. Mit beiden Händen trägt’s sich leichter. Notfalls kannst du ja auch zweimal gehen.“
„Gibt’s denn hier keinen Hausdiener?“ fragte Leona herausfordernd.
„Aber ja. Nur ist der nicht da, euch oder uns zu bedienen, sondern er hilft unserem Hausmeister, Herrn Kast, die Gebäude in Ordnung zu halten.“ Frau Eulau legte Leona die Hand auf die Schulter. „Du wirst dich schon bei uns wohl fühlen, Leona!“
„Bestimmt nicht!“ behauptete Leona und schüttelte die freundliche Hand mit einer raschen Drehung ab; aber es war ihr bei der eigenen Frechheit doch nicht ganz wohl zumute.
Frau Eulau verzog keine Miene. „Nein, ich bin dir nicht böse, Leona, ich verstehe zu gut, was in dir vorgeht. Gerade für ein Einzelkind ist es besonders schwer …“
„Nichts verstehen Sie, gar nichts!“ Mit abgewandtem Gesicht, ihre Taschen, Mantel und Anorak fest an sich gepreßt, stürmte Leona zur Tür. „Sie haben ja keine Ahnung!“
Frau Eulau machte keinen Versuch, sie aufzuhalten.
„Zimmer siebzehn!“ rief sie ihr nach. Und wenn du irgendwelche Probleme hast…“
Mehr hörte Leona nicht; sie rannte, blind vor Tränen, den Gang entlang.
Fünf Minuten später öffnete Leona mit fest zusammengepreßten Lippen die braun gestrichene Holztür, auf die mit grüner Ölfarbe eine verschnörkelte „17“ gepinselt war. Zum Glück war der Weg auf der Wendeltreppe lang genug gewesen, daß sie sich hatte fassen, die Augen trocknen und die Nase putzen können.
Aber lange hielt die mühsam errungene Sicherheit nicht an. Als sie die Tür aufgemacht hatte, sah sie sich zwei Mädchen gegenüber, die mit baumelnden Beinen auf dem einfachen Tisch in der Mitte des Zimmers saßen und sich offensichtlich bis zu Leonas Eintritt lebhaft unterhalten hatten.
„He, kannst du denn nicht anklopfen?“ rief die eine, ein braunäugiges, jungenhaft wirkendes Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar.
„Wieso anklopfen? Ich wohne hier!“
„Schreck laß nach! Du bist die Neue!“ Die Kleine ließ sich vom Tisch rutschen. „Nichtsdestotrotz … herzlich willkommen auf Rabenstein.“
Leona nahm die ihr dargebotene Hand, als wenn sie eine Kröte berühren müßte, und ließ sie gleich wieder los. „Wenn ihr jetzt, bitte, so freundlich sein würdet, das Zimmer zu räumen!“
„Aber wieso denn? Wir wohnen auch hier!“
„Ihr beide?“ rief Leona entsetzt.
„Na klar doch, das ist ein Dreierzimmer!“
Leona war blaß geworden. „Nein“, sagte sie mühsam, „das mache ich nicht mit. Das kann man mir nicht zumuten.“
Jetzt ließ sich das andere Mädchen, das sich nicht vom Platz gerührt und bisher noch kein Wort gesagt hatte, mit sanfter Stimme vernehmen: „Nimm’s nicht tragisch. Du wirst sehen, wir werden uns schon alle drei verstehen.“ Sie war sehr hübsch, grünäugig, mit langem rotblondem Haar und auffallend klarer Haut.
„Niemals!“
„Sabine hat ganz recht, wir sind sehr verträgliche Leute“, sagte die Jungenhafte beruhigend, „ich heiße übrigens Alma … alberner Name, was? Alle nennen mich Amsi.“
Leona war völlig verstört. „Nein“, sagte sie, „nein! Zu Hause habe ich ein Zimmer ganz für mich allein … “
„Meinst du ich nicht?“ fiel Alma ihr ins Wort.
„Und wie schäbig alles hier ist!“ Schaudernd sah Leona sich um; der Tisch, die Stühle, die Schränke und auch die Bettgestelle wirkten abgenutzt, als hätten sie schon mindestens hundert Jahre ihren Dienst verrichtet.
„Was macht das schon?“ fragte Alma munter. „Man braucht nicht dauernd Angst zu haben, daß es Kratzer gibt oder daß ein Farbtopf umfällt. Hier läßt sich leben. Und Poster dürfen wir auch anmachen. Hast du eins mitgebracht?“
Tatsächlich entdeckte Leona jetzt über dem einen Bett ein Poster von David Cassidy.
„Ein irrer süßer Typ, findest du nicht auch?“ fragte Alma. „Sabine hat einen anderen Geschmack.“
„Wenn ich die Berge mal satt habe, begucke ich mir mein Venedig“, erklärte Sabine; ihr Poster, ein Sonnenunter – oderaufgang in Venedig, war ganz in blauen und roten Tönen gehalten und wirkte ziemlich melancholisch.
„Aber die Aussicht aus unserem Fenster ist das Allerschönste!“ Mit einem kräftigen Ruck öffnete Alma das ziemlich kleine Fenster und stieß, etwas sanfter, Leona dorthin.
Aber Leona wehrte sich, sie wollte die Alpengipfel und den grünen ansteigenden Hang bis zur mittleren Höhe, im Winter ein ideales Skigelände, nicht bewundern. „Laß mich!“ fauchte sie. „Ihr könnt mir eure schäbige Bude nicht schmackhaft machen!“
Alma stemmte die Hände in die Hüften und lachte. „Hast du gehört, Bine? Schäbige Bude hat sie gesagt, und das zu unserer Burgkemenate!“
„Mir hat es anfangs auch nicht gefallen“, gab Sabine zu, „aber dann habe ich mich eingewöhnt. So wird’s dir auch gehen.“ „Aber ich will mich nicht gewöhnen … nicht an diese Rumpelkammer und schon gar nicht an euch!“
„Jetzt langt’s aber!“ Alma trat dicht auf Leona zu. „Die Wegner hat uns schon gesagt, daß du ein bißchen spinnst … aber was zuviel ist, ist zuviel … “
„Wer hat was von mir gesagt?“ fragte Leona entgeistert.
„Jetzt laß mich erst mal ausreden!“ schrie Alma. „Bildest du dir ein, es macht uns etwa Spaß, daß sie dich in unser Zimmer drücken wollen? Meinst du, wir wären auch nicht lieber zu zweien geblieben?!“
„Das könnt ihr haben … von mir aus sofort!“
„Seit über einem Jahr leben wir hier jetzt friedlich zusammen und hatten gehofft … “
„Still, Amsi, reg dich ab, bitte!“ sagte Sabine, nicht einmal laut, aber so eindringlich, daß es sofort wirkte. „Du weißt, dies hier ist ein Dreierzimmer, ist immer ein Dreierzimmer gewesen, und wir hatten nur Glück, daß wir ein Jahr allein waren. Und jetzt hör du mal zu … Leona heißt du, nicht wahr? Es gibt auf Rabenstein auch Einser- und Zweierzimmer. Wenn du also auf keinen Fall hierbleiben willst … “
„Das habe ich doch wohl deutlich genug zum Ausdruck gebracht!“
Sabine ließ sich nicht unterbrechen, „ … dann wende dich an Frau Wegner, Tina Wegner.“
„Die, die gesagt hat, daß ich spinne?“
„Hat sie ja gar nicht. Sie hat nur angedeutet, daß du möglicherweise schwierig sein könntest.“
„Und bist du das etwa nicht?“ fragte Alma.
„Hör auf zu streiten, dabei kommt nie etwas heraus!“ mahnte Sabine.
„Aber es macht Spaß!“ Alma grinste.
„Frau Wegner“, erklärte Sabine geduldig, „ist Sportlehrerin für Mädchen und unsere Gruppenleiterin. Sie wohnt auf dem gleichen Gang wie wir. Zimmer eins. Sprich mal mit ihr!“
„Worauf ihr euch verlassen könnt!“ Leona wandte sich zur Tür.
„Deinen Krempel kannst du hierlassen!“ bot Alma ihr an.
Aber Leonagingaufdas Angebot nichtein. Siewarentschlossen, Alma und Sabine so bald nicht wiederzusehen.
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