Kitabı oku: «Es tut sich was im Landschulheim»
SAGA Egmont
Es tut sich was im Landschulheim
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1978 by F. Schneider, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719725
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Willkommen auf Burg Rabenstein
Die großen Ferien waren vorüber, und Herr und Frau Heuer brachten ihre Tochter Leona gemeinsam ins Landschulheim zurück. Noch war Sommer, und die Sonne strahlte von einem fast südlichen blauen Himmel. Herr Heuer hatte das Dach seines Kabrioletts zurückgeschlagen. Während sie über die Autobahn fuhren, waren die Fahrgeräusche so stark, daß sie schreien mußten, um sich zu verständigen.
Leona war es nur recht so, denn sie hatte keine große Lust zu reden. Zu viele Gedanken schossen ihr gleichzeitig durch den Kopf. Die Ferien waren wunderschön gewesen. Beide, der Vater und die Mutter, hatten sich bemüht, ihr die Zeit zu Hause so angenehm wie möglich zu machen. Allerdings war Frau Heuer wieder in ihren Beruf zurückgekehrt, so daß sie tagsüber allein gewesen war. Aber dafür wurden die Abende und die Wochenenden um so schöner. Bei gutem Wetter war sie in den verschiedenen Bädern Münchens gewesen und hatte Tennis gespielt, um ihre neu erworbenen Kenntnisse nicht einrosten zu lassen. Gelangweilt hatte sie sich nie. Drei Wochen war sie zusammen mit ihren Eltern verreist. Leona kam sich undankbar vor, weil sie trotzdem nicht ganz glücklich gewesen war. Es hatte eine Zeit gegeben, und die lag gar nicht so lange zurück, in der ihre Eltern schlecht miteinander auskamen. Damals hatte Leona sich in ihrem Element gefühlt. Die Mutter hatte bei ihr Trost und Rat, der Vater Verständnis gesucht. Aber nun, wo sie sich wieder so gut verstanden, kam sie sich wie ein störender Dritter vor.
Auch jetzt, als sie hinter ihnen im Auto saß, fühlte sie sich wie ein etwas überflüssiges Anhängsel. Vater und Mutter riefen sich immer wieder ein fröhliches Wort zu und lachten sich an. Natürlich wendete sich die Mutter auch manchmal ihr zu, und Leona erwiderte ihr Lachen mit einem etwas gezwungenen Lächeln. Sie zweifelte nicht daran, daß ihre Eltern sie lieb hatten. Aber sie war überzeugt, daß sie ohne sie genauso vergnügt gewesen wären.
Jetzt fragte sie sich, ob andere Mädchen das genauso empfanden. Wahrscheinlich nicht, gab sie sich selber zur Antwort, wahrscheinlich lag es daran, daß ihre Eltern noch so jung waren. Sie hatten als halbe Kinder geheiratet, wie der Vater oft zu sagen pflegte. Jedenfalls würden sie sie bestimmt nicht vermissen, wenn sie wieder im Landschulheim war. Tränen des Selbstmitleids stiegen ihr in die Augen, aber sie schluckte sie tapfer hinunter.
Bei Siegsdorf bogen sie von der Autobahn ab, die Straße schlängelte sich bergauf, und sie durchquerten Wangen, ein malerisches Dörfchen, das Leona wohlbekannt war; hierher pflegten die Rabensteiner zum Einkaufen und „Conditorn“ zu gehen.
Schon tauchte vor ihren Augen hoch über dem Dorf Burg Rabenstein auf, ein mächtiges mit Türmen und Zinnen geschmücktes Gebäude, an dem zu Ehren des Schulbeginns die schwarz-rot-goldene Fahne der Bundesrepublik und die weiß-blaue des Freistaates Bayern lustig im Ostwind flatterten.
In diesem Augenblick geschah etwas, was Leona selber nicht für möglich gehalten hatte; ihr Herz begann aus Freude vor dem Wiedersehen schneller zu schlagen. „Drück auf die Tube, Vati!“ rief sie.
„Ich tu mein Bestes!“ gab er zur Antwort und schaltete in den zweiten Gang zurück. Die Straße war jetzt sehr steil geworden.
„Hast du’s auf einmal so eilig?“ fragte die Mutter.
Leona wollte sie nicht kränken. „Ich möchte bloß rechtzeitig zum Abendbrot kommen“, behauptete sie.
Der Vater warf einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett. „Das schaffst du leicht.“
„Ja, aber vorher muß ich noch auspacken und so!“
„Jedenfalls sind dein Vater und ich sehr froh, daß du dich so gut im Landschulheim eingelebt hast“, sagte Frau Heuer und blickte Leona über die Schulter an.
„War gar nicht so schwer.“
„Sag das nicht. Du warst sehr tapfer, Leona. Besonders, wo du anfangs doch so dagegen warst.“
„Erinnere mich nicht daran!“ wehrte Leona ab; sie hatte ihren Eltern zwar verziehen, daß sie sie gegen ihren Willen ins Landschulheim gesteckt hatten, aber sie dachte nicht gern daran.
Frau Heuer sah, wie sich das Gesicht ihrer Tochter verdüsterte. „Wir haben auch eine Überraschung für dich“, sagte sie schnell, „eigentlich wollten wir es dir erst beim Abschied mitteilen, aber … nicht wahr, Peter … wir können es ihr auch schon jetzt sagen!“
„Einverstanden.“
„Was ist es?“ fragte Leona gespannt.
„Du weißt, daß wir anfangs Anweisung gegeben hatten, daß du in ein Dreierzimmer kommst. Wir hatten es nur gut gemeint, das mußt du uns glauben, du warst ein solcher Einzelgänger und …“
Leona unterbrach sie. „Hör auf mit der alten Leier, bitte, die kann ich inzwischen schon singen!“
„Entschuldige, ich wollte nur erklären … na, jedenfalls darfst du im neuen Schuljahr in ein Zweierzimmer übersiedeln.“
Sie hatte erwartet, Leona würde sich erleichtert bedanken, aber Leona schwieg.
Hastig und ein wenig unsicher fügte Frau Heuer hinzu: „Natürlich nur, wenn du magst!“
„Vielleicht weißt du nicht, mit wem du zusammenziehen sollst?“ fragte der Vater.
Damit hatte er den springenden Punkt getroffen. Leona hatte blitzschnell überlegt, wer für sie als Zimmerkameradin in Frage käme: weder Alma und Sabine, mit denen sie bisher das Zimmer geteilt hatte, denn die beiden waren Freundinnen und würden sich nicht trennen wollen. Genauso stand es mit Claudia und Marga. So blieb also nur noch Ilse Moll, aber die war eine solche Schlampe, daß das Zusammenleben mit ihr bestimmt eher eine Strapaze als ein Vergnügen sein würde. Die anderen Mädchen waren entweder älter als vierzehn Jahre oder jünger.
Dennoch antwortete Leona rasch: „Ach, das wird sich schon ergeben. Jedenfalls danke ich euch herzlich für euer Angebot.“
„Du mußt nicht, wenn du nicht willst“, wiederholte Frau Heuer.
„Wie werd ich denn nicht wollen! Wenn ihr eine Ahnung hättet, wie schwierig es ist, zu dreien in einem nicht eben großen Zimmer zu hausen.“
„Dir hat es jedenfalls nicht geschadet“, stellte der Vater fest.
„Danke für die Blumen. Ich bin eben ein verträglicher Mensch.“
Der Vater wollte etwas sagen, hatte schon den Mund geöffnet, schloß ihn dann aber wieder. Gerade noch rechtzeitig war ihm klargeworden, daß es nicht richtig gewesen wäre, Leona ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Abschied, noch zu ärgern.
Währenddessen überlegte Leona, ob sie nicht doch lieber im Zimmer mit Alma und Sabine bleiben sollte. Erst jetzt wurde ihr klar, wie wohl sie sich dort gefühlt hatte. Die beiden waren immer ausgesprochen nett zu ihr gewesen. Aber – und das war das große Aber – sie hatten ihr auch gleich am Anfang unmißverständlich klargemacht, daß sie lieber allein geblieben wären. Leona war sich in Gesellschaft mit ihnen immer ein wenig überflüssig vorgekommen, ja, sie hatte sogar den Versuch unternommen, die Freundinnen auseinanderzubringen. So konnte und wollte sie sich ihnen jetzt nicht aufdrängen.
Unwillkürlich entfloh ihr ein schwerer Seufzer; sie sah neue Schwierigkeiten auf sich zukommen.
„Ist was?“ fragte die Mutter.
„Ach wo!“ wehrte Leona ab, denn sie wollte die Eltern nicht mit Sorgen belasten, die sie ihr doch nicht abnehmen konnten.
Der Vater konzentrierte sich jetzt voll aufs Autofahren. Vor ihnen und hinter ihnen quälten sich andere Fahrzeuge die steile Auffahrt hinauf. Herrn Heuer gelang es, einen Wagen zu überholen. Aber jetzt hingen sie hinter einem Bus. Er brachte einen Trupp Rabensteiner vom Bahnhof zur Burg. Einige Jungen im Bus standen am Rückfenster und blickten lachend und sich gegenseitig anstoßend auf die Wagenkolonne hinab, die ihnen folgte.
Leona erkannte Kurt Büsing.
Sie sprang auf, so daß sie jetzt das offene Wagendach überragte, winkte und rief begeistert: „Kurt! Kurt!“ – Beim Anblick des Freundes waren alle trüben Gedanken vergessen.
Kurt legte die Hände an den Mund und rief zurück, aber sie konnte seine Worte nicht verstehen. Das machte nichts, denn in wenigen Minuten würden sie sich gegenüberstehen und miteinander sprechen können.
Jetzt rollten sie in den Burghof hinein. Herr Heuer suchte einen Parkplatz, was gar nicht so einfach war. Es wimmelte von Autos und Menschen. Viele Eltern hatten es sich nicht nehmen lassen, ihre Sprößlinge persönlich ins Landschulheim zu bringen. Einige waren gerade erst angekommen, andere verabschiedeten sich schon oder waren dabei, Freunde und Freundinnen zu begrüßen.
Leona grüßte nach allen Seiten. „Sabine, da bin ich wieder! Hallo, Alma, wie geht es dir, altes Haus! Menschenskind, Ilse, bist du schick!“
Die anderen grüßten vergnügt zurück.
Kaum, daß der Wagen hielt, sprang Leona heraus und lief zu den Freundinnen, die schon dabei waren, ihre Koffer ins Haus zu schleppen. Leona packte mit an. „Wie war’s in den Ferien?“
„Spitze!“ sagte Alma.
„Ich war drei Wochen bei Alma und die übrige Zeit in einem Internat am Genfer See!“ erzählte Sabine.
„Wieder im Internat?“ rutschte es Leona heraus, aber es wurde ihr sogleich bewußt, wie taktlos diese Bemerkung gewesen war; Sabine hatte ihre Eltern bei einem Autounfall verloren und stand jetzt ziemlich allein auf der Welt. „Entschuldige, bitte!“ fügte sie rasch hinzu.
„Was soll’s?“ entgegnete Alma forsch. „Takt war noch nie deine Stärke!“ Sie war ein braunäugiges Mädchen, das sich gern jungenhaft gab; das Haar trug sie glatt und ganz kurz geschnitten.
Doch Sabine rügte die Freundin, was selten vorkam. „Nun fang nicht gleich wieder Stunk an, bitte! Ich bin sicher, Leona hat’s nicht böse gemeint …“
„Nein, bestimmt nicht!“ versicherte Leona rasch. „Das müßt ihr mir glauben.“
„Tun wir ja!“ erklärte Sabine. „Außerdem wird es langsam albern, daß alle immer so tun, als hätte es nie einen Unfall gegeben. Davon wird meine Situation auch nicht besser.“
Da das Thema nun einmal angeschnitten war, wagte Leona noch eine Frage: „Wer sorgt denn eigentlich für dich?“
„Ein Vormund! Aber der ist Junggeselle und kann mich bei sich zu Hause nicht aufnehmen. Er regelt nur meine Finanzen und bestimmt meine Unterbringung.“
„Hör auf davon!“ sagte Alma. „Das ist doch kein Gespräch für die ersten fünf Minuten.“
„Ich bin sehr froh, daß ich es hinter mich gebracht habe!“ Sabine lächelte Leona an. „Andere Kinder haben es ja noch viel schlimmer. Wenn die Eltern sterben und kein Geld da ist und kein Verwandter sie haben will, kommen sie in ein Erziehungsheim.“
„Wer hat dir denn das gesagt?“ wollte Alma wissen.
„Mein Vormund.“
Sie hatten die Koffer abgesetzt und waren stehengeblieben.
„Hat er dir etwa mit dem Heim gedroht?“
„Nein, nein, er wollte mich nur trösten.“
„Ein schöner Trost, so eine Art: ich gebe zu, dir geht es schlecht, aber denke immer daran, daß es anderen noch schlechter geht.“
„Genau“, stimmte Sabine zu, „so was nennt man einen negativen Trost, glaube ich.“
„Trotz allem … du siehst gut erholt aus!“ stellte Leona fest.
Das stimmte, Sabines von Natur aus sehr helle, fast durchsichtig wirkende Haut war braun getönt, sie hatte kleine Sommersprossen auf der Nase und ihre grünen Augen glänzten.
„Es war ja auch sehr schön … besonders am Genfer See!“ Mit einem Seitenblick auf die Freundin fügte sie hinzu: „Natürlich auch bei Alma … wie immer.“
Leona spürte, daß es eine kleine Spannung zwischen den Freundinnen gab. Aber sie begriff, daß es auch für die besten Freundinnen schwierig werden konnte, Tag und Nacht zusammenzuhocken, wenn es keine Pflichten und nicht genügend Abwechslung gab. Sie nahm sich fest vor, sich in die Beziehungen der beiden nicht einzumischen. Das mußten sie unter sich ausmachen.
„Ich glaube, ich halte euch nur auf“, sagte sie, „ich muß mich um meine Eltern und mein Gepäck kümmern … bis später dann! Ich wette, wir haben uns eine Menge zu erzählen!“
Als sie zum Auto zurückkam, hatte Herr Heuer gerade ihre Koffer auf das Kopfsteinpflaster gewuchtet und wollte sie zur Burg tragen.
„Laß das, Vati!“ rief Leona ihm schon von weitem zu. „Das macht Kurt!“ Dann rief sie zu Kurt hinüber, der noch darauf wartete, daß sein Gepäck aus dem Bauch des Omnibusses geholt wurde: „Kurt, bitte! Du hilfst mir doch mit den Koffern, ja?“
Kurt schlenderte grinsend zu ihnen. „Na, dann will ich mal nicht so sein!“ Er rang sich einen wohlerzogenen Gruß und zwei kleine Verbeugungen ab. „Guten Tag, Frau Heuer! Tag, Herr Heuer!“ Dann wandte er sich Leona zu: „Grüß dich, Kleine!“ Er klopfte sie freundschaftlich auf den Rücken.
„Kleine? Na erlaube mal!“ protestierte Leona und reckte sich auf die Zehen. „Ich bin fast so groß wie du!“
„Auf die körperliche Größe kommt es nicht an“, erklärte er mit Würde, „sondern auf die innere Reife. Vergiß nicht, ich bin ein Jahr älter als du.“
Aber er nahm sich nicht so wichtig wie er tat, und stimmte vergnügt in das Lachen von Leona und ihren Eltern ein. Er war ein durchschnittlich aussehender Junge mit blauen Augen und blondem Haar, der, weil er mit zu großem Vergnügen aß, etwas untersetzt wirkte. Jetzt, sehr braungebrannt, sah er besser aus, als Leona ihn in Erinnerung hatte.
„Du bist schlanker geworden“, stellte sie fest.
„Das hört man gern.“ Kurt klopfte sich auf den Bauch. „Ich habe mich zurückgehalten, so gut es ging … aber leider ging’s nicht immer.“
„Mach dir nichts draus, es ist ja kein Charakterfehler.“
„Ich glaube, es ist Schicksal“, behauptete Kurt.
„Bringst du mir die Koffer ins Haus? Bitte, ja?“
„Dürfen denn die Jungen bei euch ein und aus gehen?“ fragte Frau Heuer stirnrunzelnd.
„Nicht daran zu denken“, erklärte Kurt, „wir dürfen nur bis zur Treppe neben dem Speisesaal, und keinen Schritt weiter.“
„Die Jungen hausen da drüben!“ Leona wies auf ein schlichtes modernes Nebengebäude, das durch den ganzen Hof und eine Ecke des Parks vom Haupthaus getrennt war.
„Leona wollte zwar anfangs unbedingt bei uns wohnen …“ erzählte Kurt.
„Das finde ich aber gemein!“ schrie Leona dazwischen.
Doch Kurt war nicht zu bremsen. „… aber sie konnte sich nicht durchsetzen.“ Augenzwinkernd fügte er hinzu: „Sehr schade!“
Leona ging mit erhobenen Fäusten auf ihn los. „Paß nur auf, ich zahl’s dir heim.“
Herr Heuer hielt sie fest.
„Soll ich dir nun die Koffer tragen … ja oder nein?“ spottete Kurt.
Damit kam er bei Leona schlecht an. „Bilde dir nur nicht ein, daß ich auf deine Hilfe angewiesen bin! Ich wollte dir nur Gelegenheit geben, dich beliebt zu machen und ein paar Kalorien abzuarbeiten.“
„Die Gelegenheit kann ich mir allerdings nicht entgehen lassen.“ Kurt packte die Koffer und marschierte auf das Burgtor zu.
„Auf was habt ihr da angespielt?“ fragte die Mutter.
„Wir müssen es nicht wissen“, sagte der Vater, „wenn du es also lieber für dich behalten willst …“
„Ach, das ist eine ganz harmlose Geschichte! Als ich im Sommer hier ankam, hatte ich natürlich keine Ahnung von allem. Und da hat mich so ein Witzbold … da drüben steht er übrigens, der mit den spitzen Eckzähnen, Klaus Voss heißt er! Also dieser blöde Klaus hat sich einen Spaß daraus gemacht, mich hereinzulegen. Er hat mich in das Jungenhaus geführt, versteht ihr … und natürlich bin ich furchtbar ausgelacht worden. Aber ich bin nicht die erste, der so etwas passiert ist.“
Der Vater unterdrückte ein Lächeln. „Das kann ich mir denken.“
„Mir ist die Geschichte inzwischen piepegal“, versicherte Leona, „ich find’s nur gemein von Kurt, sie mir wieder aufs Butterbrot zu schmieren.“
„Du darfst dir nicht zuviel von deinen Mitmenschen erwarten“, mahnte die Mutter.
„Sieht so aus.“ Leona atmete tief durch, wandte den Blick von dem davonziehenden Kurt ab und ihren Eltern zu. „Es war sehr lieb, daß ihr mich alle beide begleitet habt, aber jetzt sollten wir auf Wiedersehen sagen.“
„Sollen wir dich denn nicht ins Haus begleiten?“ fragte Herr Heuer.
„Ich hätte gern dein Zimmer gesehen“, sagte die Mutter.
„Wie ich den Betrieb hier kenne, wird es Stunden dauern, bis sich herausstellt, wo und mit wem ich untergebracht werde. Fahrt lieber schon nach Hause. Am nächsten Besuchssonntag führe ich euch überall herum, großes Ehrenwort.“
„Warum willst du uns so schnell loshaben?“ fragte die Mutter gekränkt.
„So ist das nicht!“ Leona suchte nach den richtigen Worten. „Rabenstein … das ist eine andere Welt. Zu Hause und Rabenstein sind zwei Welten. Zu Hause lasse ich mich gern verwöhnen, aber hier möchte ich selbständig sein.“
„Klarer Fall“, sagte Herr Heuer und legte den Arm um die Schultern seiner Frau.
„Und außerdem … es hebt hier nicht gerade das Image, wenn man sich von den Eltern managen läßt!“
„Eine Sprache führst du!“ staunte die Mutter.
„Wozu lerne ich denn sonst Englisch? Image heißt Ansehen und für managen gibt es eine Menge Übersetzungsmöglichkeiten, aber ich denke, ihr versteht schon, was ich meine.“
Leona bemerkte, daß die Eltern, besonders die Mutter, betroffen waren.
„Aber ihr dürft nicht glauben, daß ich euch nicht liebhabe!“ erklärte sie mit Nachdruck. „Im Gegenteil: ich glaube, ich habe euch noch nie so lieb gehabt wie gerade jetzt. Ich bin sehr, sehr froh, daß es euch gibt … und daß ihr mir ein Zuhause bietet!“ Mit ungewohnter Innigkeit umarmte sie erst die Mutter, dann den Vater. „Und ich bin euch auch von ganzem Herzen dankbar, daß ihr mir den Aufenthalt hier auf Rabenstein spendiert!“
„Mir scheint“, sagte Herr Heuer und hielt sie auf Armeslänge von sich, „du fängst langsam an erwachsen zu werden.“
Die Mutter betupfte sich mit dem Taschentuch die Augen. „Wir sind sehr, sehr stolz auf dich, Liebling!“
„Das geht mir runter wie Butter!“ Leona lachte, um nicht selber sentimental zu werden. „Aber jetzt nichts wie weg mit euch! Ich habe noch ’ne Menge zu erledigen!“
Aber sie stand und winkte, bis das Auto mit ihren Eltern das Burgtor durchfahren hatte und auf der abschüssigen Straße aus ihrer Sicht geriet.
Leona groß in Form
Die riesige Halle der alten Burg war Leona inzwischen schon so vertraut, daß sie keinen Blick mehr für die Darstellungen auf den bunten Glasfenstern hatte. Es gab auf ihnen Ritter mit offenen und zugeklappten Visieren, zu Fuß oder zu Pferd, schöne Damen mit seltsamen Hauben und schleppenden Gewändern, Löwen, Tiger, Affen und Fabeltiere.
Aber, wie gesagt, Leona achtete gar nicht darauf, sondern bahnte sich zielbewußt einen Weg durch das Menschengewimmel. Auch hier in der Halle ging das Abschiednehmen der Rabensteiner von ihren Eltern und sonstigen Verwandten weiter.
Leona hörte gute Ratschläge wie: „Vergiß nicht, dir die Zähne zu putzen!“ – „Schreib jede Woche!“ – „Denk daran: die Zahnspange ist wichtig!“ – „Mach keine Flecken auf den blauen Pullover, der ist empfindlich!“ – „Wenn irgend etwas los ist, ruf uns an!“
Sie dachte dabei, wie glücklich sie sich schätzen konnte, daß ihre Eltern sie nicht mit solchen Mahnungen – die übrigens, das wußte sie aus Erfahrung, doch nichts nutzten – belästigten. Daß man seine Zahnspange trug, zum Beispiel, das hing nicht davon ab, ob die Eltern es einem eintrichterten, sondern ob man selber den guten Willen und die Einsicht dazu mitbrachte.
Aber sie wurde aufmerksam, als sie Ilse Moll neben einer sehr eleganten Dame, wahrscheinlich ihrer Mutter, stehen sah. Frau Moll hatte blond getöntes Haar, war sorgfältig geschminkt, trug eine Brille, einen fast bodenlangen Nerzmantel und funkelte vor Brillanten.
Die fünfzehnjährige, schon sehr gut entwickelte Ilse, die sonst immer sehr frech auftrat, war ihrer Mutter gegenüber ganz klein. „Ja, Mama“, hörte Leona sie sagen, „ganz bestimmt, Mama … aber ich hab’s dir doch versprochen, Mama!“ – „Du kannst dich auf mich verlassen, Mama!“ – „Ich werd’s gewiß nicht wieder tun!“
Leona konnte ein Feixen nicht unterdrücken.
Die Doppeltür zu dem breiten sehr hohen Gang, der die große Halle mit der kleinen Halle verband, in der der Eingang zum Speisesaal und die Treppe zu den Wohnzimmern lag, war weit geöffnet. Leona ging hinein. An der linken Seite des Ganges gab es eine Anzahl dunkelbraun gestrichener Türen, von denen die meisten in Klassenzimmer führten. Die rechte Seite war von Spitzbogenfenstern durchbrochen, die einen weiten Blick auf eine Alpenkette freigaben.
Einen Augenblick blieb Leona stehen, lehnte sich an die Brüstung und sah hinaus; sie fühlte, daß sie in München die Freiheit der Bergwelt vermißt hatte.
„He, Leona!“ rief eine helle Stimme in ihrem Rücken.
Leona drehte sich langsam um. „Du, Ilse?“ fragte sie mit bewußter Ironie. „Dich habe ich wirklich nicht wieder auf Rabenstein erwartet.“
„Du hast gut spotten!“ Ilse Moll tastete mit der Hand an den Kopf, um sich zu vergewissern, daß ihre hellblonde kunstvolle Lockenfrisur noch in Ordnung war. „Ich wollte raus hier, das ist wahr! Aber wenn du meine Mutter kennen würdest …“
„Ich habe sie eben gesehen.“
„Na, dann weißt du alles. Die hat Haare auf den Zähnen, kann ich dir sagen. Unternehmerin! Sie lebt nach dem Motto: ,Was ich will, hat zu geschehen!‘“
„Sauber!“ sagte Leona nicht ohne Hochachtung.
Ilse Moll zuckte die rundlichen Schultern. „Na ja, dafür schafft sie auch tüchtig Moos ran …“
„Moos?“ fragte Leona. „Wofür braucht ihr denn das? Habt ihr eine Gärtnerei?“
„Ach was, das ist doch nur so ein Ausdruck. Kannst auch Mäuse oder Piepen sagen …“
Leona ging ein Licht auf. „Geld meinst du?“
„Was denn sonst?“
Leona spürte, daß Ilse ihr schon nach den ersten fünf Minuten auf die Nerven zu gehen begann. „Hör mal“, sagte sie, „es war nett, dich zu treffen, aber, sei mir bitte nicht böse, ich hab noch was vor.“
„Darf man fragen was?“
„Meine Eltern haben mir erlaubt, dieses Jahr in ein Zweierzimmer zu ziehen!“
„Gratuliere! Du ziehst also bei Alma und Sabine aus?“
„Scheint so.“
„Sag mal, willst du nicht zu mir kommen?“ Ilse Moll schenkte Leona einen beschwörenden Blick aus ihren babyblauen Augen.
„Zu dir? Nein, vielen Dank!“ lehnte Leona spontan ab, aber sie hatte gelernt, daß man seine Mitmenschen nicht unnötig kränken soll, und fügte rasch hinzu: „Aber es war nett von dir, mir das anzubieten.“
Ilse Moll gab noch nicht auf. „Wir könnten jede Menge Spaß zusammen haben.“
„Möglich. Aber auch jede Menge Krach.“
Leona klopfte auf die Tür mit der Aufschrift Sekretariat.
„Grüß Pauline von mir!“ sagte Ilse Moll und zog weiter.
Pauline, die eigentlich Helga Eulau hieß und von den Schülern nur so genannt wurde, weil ihr Mann, Direktor Eulau, den schönen Namen Paul trug, empfing Leona freundlich. Sie war sehr schlank, fast hager, trug das weiße Haar kurzgeschnitten, und ihre Augen hatten einen Blick, der den jungen Leuten, besonders wenn sie etwas angestellt hatten, durch Mark und Bein zu dringen schien. Wie immer war sie sehr korrekt und damenhaft gekleidet; sie hatte einen beigefarbenen Rock an mit einer leicht getönten Hemdbluse aus Seide, und eine Perlenkette um den Hals geschlungen.
„Ich freue mich, dich wieder bei uns zu sehen, Leona“, sagte sie und forderte das junge Mädchen mit einer Handbewegung auf, am Schreibtisch ihr gegenüber Platz zu nehmen.
Leona setzte sich; sie mußte an ihr erstes, recht ruppiges Auftreten hier in diesem Raum noch vor wenigen Monaten denken und konnte nicht verhindern, daß sie errötete. „Ich bin gern wiedergekommen“, gestand sie.
Frau Eulau war viel zu klug, um ihr ein verdientes „Siehst du, ich habe es dir gleich gesagt“ an den Kopf zu werfen, statt dessen sagte sie nur: „Fein.“
„Meine Eltern haben mir gesagt, daß ich ein Zweierzimmer beziehen darf.“
“Ja, ich weiß Bescheid. Liegt dir denn soviel daran, von Alma und Sabine fortzukommen?“
„Nein. Sie waren sehr nett zu mir. Aber sie werden es bequemer ohne mich haben.“
„Das ist nicht gesagt, sie wohnen nun einmal in einem Dreierzimmer, und wenn es sich ergibt, werde ich ein drittes Mädchen zu ihnen legen müssen.“
Darüber hatte Leona noch gar nicht nachgedacht. „Ach, so ist das.“
„Ja. Aber ich will dir absolut nicht einreden, dort wohnen zu bleiben. Ich wollte nur mal auf den Busch klopfen, wie du dich mit den beiden vertragen hast.“
„Gut.“
„Das freut mich zu hören. Hast du dir schon überlegt, mit wem du zusammenziehen möchtest?“
„Ja, aber mir ist nichts eingefallen.“
„Also keine besonderen Wünsche? Wie wäre es mit Ilse Moll? In ihrem Zimmer steht ein Bett frei.“
„Nein, lieber nicht … dann würde ich doch lieber in meinem alten Zimmer bleiben!“
„Du lehnst Ilse Moll ab? Das wußte ich nicht. Mir ist zu Ohren gekommen, daß du dich im vorigen Semester sehr für sie eingesetzt hast.“
„Das war nur Zufall“, wehrte Leona ab und überlegte, ob Frau Eulau etwas von der Schlacht im nächtlichen Park erfahren hatte oder nur darauf anspielte, daß sie Ilse vor dem Ertrinken bewahrt hatte.
„Keine Sympathie?“
„Ich mag Ilse ganz gern … aber ich möchte nicht mir ihr zusammenwohnen.“
„Und warum nicht?“
Leona wollte Frau Eulau nicht auf die Nase binden, daß Ilse Moll eine Schlampe ersten Ranges war, deshalb sagte sie nur: „Unsere Lebensgewohnheiten sind sehr verschieden.“
Frau Eulau bedachte sie mit einem ihrer durchdringendsten Blicke, ließ es aber bei dieser Erklärung bewenden. „Dann muß ich dich mit einer Neuen zusammenlegen. Ich tue das ungern, weil ich sie selber noch nicht kenne.“
„Sie wird schon nicht beißen“, sagte Leona, um sich selber Mut zu machen.
„Das bestimmt nicht.“ Frau Eulau blätterte in ihren Papieren. „Sie heißt Ute van der Steek und kommt aus Berlin. Übrigens ist sie etwa in deinem Alter.“
„Das paßt ja gut.“
„Sie ist zum erstenmal von zu Hause fort, wird also möglicherweise Heimweh bekommen. Ich bitte dich, Leona, sei recht verständnisvoll zu ihr.“
„Ich werd’s versuchen.“
„Versuchen genügt nicht, Leona. Du mußt wollen.“
„Sicher will ich. Aber manchmal will man etwas und schafft es doch nicht.“
„Das ist richtig, Leona. Aber versprich mir, wenn irgendwelche Schwierigkeiten auftauchen, dich sofort an mich zu wenden … oder besser noch … an Frau Wegner.“
„Das mache ich ganz bestimmt.“
„Recht so. Dann beziehst du also jetzt das Zimmer einundzwanzig … ich wünsche dir viel Glück fürs neue Schuljahr!“
Leona fühlte sich entlassen. Sie sagte artig „Danke schön“, stand auf und wollte zur Tür.
Aber Frau Eulau hatte noch eine Frage. „Hast du dir eigentlich schon überlegt, welchen Kurs du diesen Winter belegen willst?“
In Rabenstein wurden neben dem Schulunterricht noch eine Menge anderer Möglichkeiten zur Ausbildung angeboten: man konnte schreinern, töpfern, gärtnern, schneidern, Russisch, Italienisch, tippen und stenographieren lernen, um nur einiges aufzuzählen. Aber Leona hatte keine große Lust, sich neben der Schule noch mit anderen Aufgaben zu belasten.
„Ich spiele ja Tennis“, sagte sie.
„Ich weiß. Aber Ende September, spätestens Mitte Oktober ist es aus damit. Wir haben keine Halle.“
„Daran habe ich noch nicht gedacht.“
„Vielleicht würde es dir Spaß machen, in der Theatergruppe mitzuwirken? Sie wird schon bald damit beginnen, ein Stück für die Weihnachtsfeier zu proben.“
„Vielleicht.“
„Leiterin der Theatergruppe ist Frau Wegner.“
Das klang schon besser. Leona verehrte die junge sportliche Lehrerin, die gleichzeitig als Erzieherin auf Rabenstein wirkte.
„Ich werd’ es mir überlegen.“
„Ja, tu das. Aber nicht zu lange. Die beliebten Kurse sind sehr schnell besetzt, und dann stehst du vor der Tür.“
„Eigentlich“, sagte Leona nachdenklich, „würde ich ganz gern schreinern lernen … oder ist das nur etwas für die Jungen?“
„Keineswegs. Aber eine Schreinerlehre kommt erst ab dem neunten Schuljahr in Frage. Sie schließt mit der Gesellenprüfung ab.“
„Ach so ist das“, meinte Leona ein wenig enttäuscht.
„Wie kommst du gerade auf die Schreinerei?“
„Ich mag Holz. Ich rieche es gern, und dann … ich habe schon mal daran gedacht, später Architektur zu studieren. Dazu muß man schreinern oder mauern können, glaube ich. Oder stimmt das nicht?“
„Doch, du hast recht, Leona. Ich freue mich, daß du schon so weit voraus denkst.“
Stolz verließ Leona das Sekretariat.
Auch in der kleinen Halle vor dem Speisesaal ging es sehr lebendig zu.
Klaus Voss lief ihr, in einer Gruppe kleinerer, ihn bewundernden Jungen, über den Weg.
„He, Leona, ich höre, du willst umziehen?“
„Was geht’s dich an!“ gab Leona mißtrauisch zurück; sie wußte, er wartete nur darauf, sie aufzuziehen.
„In ein Zweierzimmer, stimmt’s?“
Es war immer wieder verblüffend, wie schnell sich Neuigkeiten auf Rabenstein herumsprachen. „Kümmere dich um deinen eigenen Mist.“ Leona bückte sich, um ihre Koffer aufzuheben, die seitlich der Treppe abgestellt waren.
Die Jungen rissen sie ihr aus den Händen.
„Laß uns helfen! In Andys Zimmer ist das zweite Bett frei!“ Sie schüttelten sich vor Lachen.
Leona blieb todernst. „Ha, ha, ha!“
Klaus Voss und ein kleinerer Junge namens Teddy Hinkel hatten sich je einen ihrer Koffer auf die Schultern gestemmt und machten Anstalten, sie auf den Burghof hinauszutragen. „Wir bringen dein Zeug schon mal rüber“, erklärte Klaus, und seine Anhänger jubelten.
„Laß den Blödsinn! Das ist alles andere als witzig!“
Aber die Jungen schienen es darauf abgesehen zu haben, Leonas Koffer zu verschleppen.
Leona dachte nicht daran ihnen nachzulaufen und sich in eine Rauferei einzulassen, denn sie wußte, daß sie es gerade darauf abgesehen hatten. In scheinbarer Gelassenheit blieb sie am Fuß der Treppe stehen und sagte: „Ihr bringt sie mir auch wieder zurück!“
In diesem Augenblick kam Kurt Büsing aus dem Speisesaal.
„Kurt!“ rief Leona. „Kurt, schau nur! Klaus und die anderen Flegel wollen meine Koffer verschleppen!“
Kurt ließ sich nicht zweimal bitten; er packte Klaus beim Schlafittchen. „Du Esel, laß den Quatsch!“
Klaus gab sofort nach. Erstens war Kurt Büsing zwei Jahre älter als er und entsprechend stärker, zweitens wußte er selber nicht mehr recht, wie der Spaß weitergehen sollte, da Leona anders als erhofft reagiert hatte.
„Man wird doch wohl noch einen Witz machen dürfen“, brummte er kleinlaut.
„Deine Witze haben reichlich Schimmel angesetzt! Zurück, marsch, marsch! Ihr bringt die Koffer bis zur Treppe … genau dorthin, wo ihr sie hergeholt habt!“
Klaus und Teddy gehorchten und, um ihre Niederlage vor den anderen zu bemänteln, grinsten sie dabei, wenn auch etwas verlegen.
„Schluck deinen Ärger, Leona“, sagte Klaus frech, „er steht dir nicht.“
„Bilde dir bloß keine Schwachheiten ein“, gab Leona zurück. „Da müssen schon andere kommen als ihr, wenn ich mich ärgern soll.“
Sie wartete, bis Klaus und Teddy die Koffer vor ihren Füßen abgestellt hatten. Mit Genugtuung beobachtete sie, wie Kurt den beiden Frechlingen noch einen tüchtigen Knuff verpaßte. Daraufhin hatten sie es eilig fortzukommen. Wenigstens für eine kleine Weile würde ihnen die Lust an albernen Streichen wohl vergangen sein.
„Ich danke dir, Kuddel“, sagte Leona.
„Nicht mehr böse?“
„Deine Anspielung vorhin meinen Eltern gegenüber war zwar nicht gerade geschmackvoll … aber was kann man schon von einem Ochsen verlangen außer Rindfleisch.“
„Du hast vielleicht ’ne liebenswürdige Art!“
„Hast du etwa auf ein Kompliment gewartet?“
„Nicht gerade.“
„Dann sei froh, daß ich überhaupt noch mit dir rede. Unter Freunden muß man ein offenes Wort einstecken können.“ Sie sah Kurt forschend an. „Wir sind doch noch Freunde?“
„Immer.“
Leona lächelte befreit. „Dann ist es ja gut.“
„Können wir uns nach dem Abendessen treffen? Keine Angst, ich trete dir nicht zu nahe, unsere alte Abmachung gilt.“
„Das will ich hoffen!“
Vor den großen Ferien hatten sie ausgemacht, daß Kurt sie erst dann küssen würde, wenn sie selber es wollte.
„Bestimmt gibt’s noch ’ne Menge zu erzählen.“
„Erst muß ich mich einrichten. Ich beziehe ja ein neues Zimmer.“
„Macht nichts. Ich warte einfach, bis du kommst. Unter der großen Eiche. Wie immer.“
Während Leona ihre Koffer nach oben schleppte, dachte sie, wie gut es war, einen Freund zu haben, auf den man sich verlassen konnte. Kurt Büsing war sicher nicht das Ideal eines Jungen, aber was machte das schon. Sie selber, das mußte sie sich zugeben, war wahrhaftig auch nicht ohne Fehler.
Die Tür zu Nummer siebzehn, ihrem alten Zimmer, stand offen.
Alma, die gerade dabei war ihr Bett zu überziehen, rief ihr zu: „Na endlich, Leona! Wo hast du denn so lange gesteckt?“
„Wir sind schon fast fertig!“ sagte Sabine.
Leona stellte ihre Koffer für einen Augenblick auf den Boden. „Pauline hat mir ein anderes Zimmer zugewiesen. Ein Zweibettzimmer. Nummer einundzwanzig.“
„Du kommst nicht mehr zu uns?“ fragte Sabine.
Mit Genugtuung stellte Leona fest, daß das ehrlich enttäuscht klang. „Ich dachte, ihr würdet froh sein, mich loszuwerden.“
Die Freundinnen sahen sich an.
„Na ja“, sagte Alma, „so haben wir natürlich mehr Platz.“
Sabine fügte hinzu: „Es ist auch ganz schön, wieder zu zweit zu sein.“
„Aber wir haben uns doch auch zu dritt ganz gut vertragen!“
„Du wirst uns fehlen, Leona!“
Leona freute sich. „Als Blitzableiter, wie?“
Sie lachten.
„Ich bin ja nicht aus der Welt“, sagte Leona, „nur ein paar Türen weiter. Wir können uns alle naselang besuchen.“
„Wie ist es mit heute abend? Wir müssen uns doch etwas von den Ferien erzählen.“
Leona zögerte. Es ging ihr auf, daß sie lieber mit den Freundinnen zusammen gewesen wäre als mit Kurt Büsing. Mit Alma und Sabine ließ sich sehr viel besser tratschen. Aber sie konnte Kurt doch nicht gut im Park warten lassen.
„Oder hast du etwa schon eine andere Verabredung?“ fragte Sabine hellsichtig.
„Du gehst aber ran!“ bemerkte Alma.
„Stimmt“, sagte Leona, „aber, wißt ihr was, die verschiebe ich einfach. Ich sage meinem Freund …“, oh, wie ging ihr diese Bezeichnung süß über die Lippen! „… beim Abendessen Bescheid. Dann machen wir uns einen gemütlichen Abend.“
Die aparte Neue
Leonas neues Zimmer lag nur wenige Schritte entfernt – schräg gegenüber – von dem, das sie bisher mit Sabine und Alma geteilt hatte. Der Raum war fast genauso groß, wie sie mit Befriedigung feststellte. Es gab zwei Betten, und sie belegte sofort das neben dem Fenster.
Als sie vor einem halben Jahr in Rabenstein eingezogen war, hatte es sie gestört, daß die Möbel abgestoßen und unansehnlich waren. Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden, ja, es gefiel ihr sogar. Diese Möbel waren reine Gebrauchsgegenstände. Kein Stuhl nahm es übel, wenn man ihn umstieß, kein Tisch litt darunter, wenn man ihm gegen das Bein trat oder in seine Platte kritzelte oder schnitzte. Diese Möbel wollten und sollten nicht schön sein. Das machte das Leben einfacher und bequemer. Natürlich hätte Leona ihr gepflegtes Zimmer zu Hause nicht missen mögen. Aber sie war froh, daß die Mutter nicht mehr, wie sie es getan hatte, als sie noch nicht wieder berufstätig war, zweimal am Tag in der Wohnung Staub wischte. Das wäre ihr jetzt, nachdem sie das zwanglose Wohnen in Rabenstein kannte, verrückt vorgekommen.
Nachdem sie ihre Koffer und ihre Umhängetasche auf das Bett geworfen hatte, rollte sie als erstes ein Poster auf, das sie von zu Hause mitgebracht hatte. Es war von einem Farbfoto vergrößert worden und zeigte eine Segelregatta: Segelschiffe mit bunten, vom Wind geblähten Segeln glitten über blaue, mit weißem Schaum gekrönte Wogen.
Leona liebte dieses Bild, weil sie in den Ferien mit ihrem Vater gesegelt war. Die Eltern hatten ihr versprochen, daß sie im nächsten Sommer den Segelschein A auf dem Chiemsee machen durfte. Natürlich würde das Mieten eines Bootes immer ein teurer Spaß sein. Aber wenn sich zwei oder drei die Kosten teilten, würde es vielleicht hie und da doch einmal möglich sein. Jedenfalls machte Leona das Segeln Riesenspaß, und sie hatte sich vorgenommen, es von der Pike auf zu lernen.
Vergnügt betrachtete sie das riesige Poster, das mit seinen leuchtenden Farben dem Raum sofort ein fröhliches Gepräge gab. Dann trat sie ans Fenster und war überrascht von der Aussicht. Von hier aus sah man nicht auf den Abhang hinter der Burg, der im Winter zum Ski laufen diente, und auf die Berge, sondern in die Ebene hinab. Sie schien sich unendlich weit zu strecken. In der Ferne schimmerten einige Seen im Sonnenlicht, die von hier aus sehr klein wirkten. Unterhalb der Burg lag das Dorf Wangen mit seinen roten Dächern, den schön geschnitzten Balkonen und den auch noch jetzt im Herbst üppig blühenden Bauerngärten.
Leona atmete tief durch. Sie stellte fest, daß diese Aussicht ihr weit besser gefiel als die in ihrem vorigen Zimmer, wo man, besonders bei föhnigem Wetter, das Gefühl hatte, daß einem die Berge gleich auf den Kopf fallen würden. Am liebsten hätte sie sich auf die breite Fensterbank gesetzt und lange hinausgeschaut, aber sie rief sich selber zur Ordnung. Wenn sie sich einen gemütlichen Abend machen wollte, mußte sie sich beeilen, ihre Koffer auszupacken und ihr Bett zu beziehen.
Zuerst einmal holte sie ihr Radio aus dem großen Koffer und stellte flotte Musik ein; dabei würde ihr, so hoffte sie, alles besser von der Hand gehen.
Rasch und umsichtig räumte sie Wäsche, Hosen, Kleider, Pullover, Tücher und Schuhe in den Schrank, stellte ihre Bücher auf das Regal über ihrem Bett, die gerahmten Fotos ihrer Eltern dazu und einen lustigen Elefanten mit gehobenem Rüssel, den ihr ihre Münchner Freundin Gabi geschenkt hatte. Dann verteilte sie ihr Waschzeug auf der rechten Seite des Bords über dem Becken. Das war gar nicht so einfach, weil sie ziemlich viel davon hatte: nicht nur Zahnpasta und Bürste, sondern auch Mandelkleie, eine Creme fürs Gesicht, eine Körperlotion und eine extra Creme gegen Pickel. Dabei dachte sie, wie schön es wäre, diesen Raum ganz für sich allein zu haben. Sie hätte Besuche machen und empfangen können, wann immer sie wollte. Und wenn sie keinen Menschen mehr sehen mochte, sich in ihre vier Wände zurückziehen zu können. Für ihre Schminkutensilien war kein Platz mehr über dem Becken, sie mußte sie im Schrank verstauen.
Dann ging es ans Bettüberziehen. Mit dem Laken und dem Kopfkissen wurde sie leicht fertig, aber beim Überziehen des Federbetts hatten sich Sabine, Alma und Leona sonst immer gegenseitig geholfen. Leona überlegte, ob sie eine der Freundinnen holen sollte, unterließ es dann aber doch, weil sie lieber allein bleiben wollte.
Sie kämpfte noch mit dem Federbett und dem Überzug, als gegen die Tür gepocht wurde.
„Was ist?“ fragte sie.
Ein Mädchen steckte den Kopf herein. „Bin ich hier richtig?“
Leona wußte sofort, daß es nur die Neue sein konnte, denn sie hatte sie noch nie gesehen. Trotzdem sagte sie und wußte selber nicht warum: „Kommt darauf an, wo du hin willst!“
„Ich soll ins Zimmer einundzwanzig ziehen!“
„Dann guck auf die Tür, und du weißt Bescheid.“
Die Neue war von Leonas abweisendem Ton nicht beeindruckt. „Du hast ’ne Menge Humor, wie?“ sagte sie und trat ein.
„Findest du?“ Leona ließ Federbett und Überzug sinken.
„Und ob!“ Die Neue blickte sich um und stellte ihr Gepäck auf den Stuhl neben dem freien Bett – es handelte sich um sehr elegantes Gepäck aus weichem hellem Leder, wie Leona feststellte.
Sie musterte die Neue von Kopf bis Fuß und mußte zugeben, daß sie hübsch war, sehr hübsch sogar, hübscher als sie selber. Leona fand ihr eigenes Aussehen ziemlich nichtssagend. Sie war dünn, hatte glattes, blondes, schulterlanges Haar, eine helle, wenn auch jetzt leicht gebräunte Haut, eine gerade Nase und schmale Lippen. Ihre grauen Augen blickten ausdrucksvoll und intelligent, wenn sie – was sie auch in der Schulzeit nie unterließ – ihre Wimpern schwarz tuschte und tüchtig bürstete. Leona war durchaus nicht häßlich. Aus ihrem Gesicht konnte man, so dachte sie selber, schon etwas machen, wenn man zu Lippenstift, Lidschatten und Wangenrot griff. Aber das war leider nur zu besonderen Gelegenheiten möglich.
Die Neue dagegen hatte strahlend blaue Augen unter langen, seidigen sanft gebogenen Wimpern, die in einem faszinierenden Gegensatz zu dem schwarzen, leicht gelockten Haar standen, das ihr in einem Pony in die Stirn fiel. Ihre Haut war klar, ihre Lippen rot und hübsch geschwungen, und wenn sie lächelte, entstand in jeder Wange ein Grübchen.
„Ich heiße Ute van der Steek!“ sagte die Schönheit und reichte Leona die Hand.
Am liebsten hätte Leona ihr nur den Ellbogen gegeben, aber dann überwand sie sich und legte Überzug und Federbett beiseite. „Ich weiß.“
„Und du bist Leona?“
„Ja.“ Leona merkte selber, daß ihr Ton allzu trocken war. „Willkommen auf Burg Rabenstein!“ Sie machte sich wieder mit ihrem Bettzeug zu schaffen.
„Leichte Schwierigkeiten?“ fragte Ute.
„Wieso? Was meinst du?“
„Mit dem Überziehen! Soll ich dir helfen?“
Leona hätte ein weiteres Paar Hände sehr gut gebrauchen können, trotzdem sagte sie: „Ich schaff es schon alleine.“
„Ich hätte es aber gern getan.“
„Du hast noch genug Arbeit, bis du dein eigenes Zeug untergebracht hast.“
„Auch wieder wahr.“ Ute machte sich ans Auspacken. „Bist du schon lange hier? Ich meine im Landschulheim?“
„Erst seit Ostern.“
„Und gefällt’s dir?“
„Sehr.“
„Ermutigend zu hören … für mich ist das alles ein bißchen ungewohnt.“
„Das geht jedem anfangs so.“
„Ist das mein Schrank?“
„Ja. Du siehst doch, daß ich meine Sachen in den anderen geräumt habe.“ Leona brachte ihre leeren Koffer auf den Gang hinaus.
„Ich hab doch keine Klappen vor den Augen. Aber fragen schadet nie. Mein Motto: lieber fragen, statt was falsch zu machen.“
„Wenn du dich hier durchsetzen willst, mußt du schon deine Ellbogen gebrauchen.“ Leona zog die Tür hinter sich zu.
„Durchsetzen? Wieso durchsetzen?“ Ute begann damit, Stöße von schöner, wohlgeordneter Wäsche ziemlich achtlos in den Fächern ihres Schrankes zu verstauen. „Ich will einfach hier bleiben … das heißt … ich soll hier bleiben.“
„Du bist nicht freiwillig gekommen?“
„So kann man es ausdrücken.“
In Leona erwachte Sympathie, da die andere ähnliches wie sie selber durchzumachen schien. „Ich auch nicht. Mich haben sie abgeschoben.“ Sie machte es sich auf der breiten Fensterbank bequem.
„Warum?“
„Meine Mutter wollte wieder in ihren Beruf zurück.“
„Das ist doch kein Grund!“
Leona hielt es für übertrieben, der Neuen auf die Nase zu binden, daß ihre Eltern geglaubt hatten, ohne sie ihre Ehe leichter wieder in Ordnung zu bringen und – Schande für sie – das auch zugetroffen hatte. „Haben sie wenigstens vorgegeben“, sagte sie.
„Typisch!“ Ute pfefferte mit Schwung zwei Hände voll zusammengerollter Strümpfe in ein Fach.
„Und was ist mit dir?“
„Meine Mutter ist Schauspielerin“, sagte Ute, als würde das alles erklären.
„Na und?“
„Solange man klein ist, ist man eine hübsche Dekoration für eine schauspielernde Mutter“, sagte Ute ohne Bitterkeit, „Kinder schmücken, weißt du. Aber sobald man Busen kriegt, ist es damit vorbei. Dann wird man zur Konkurrenz. Natürlich nicht auf der Bühne und vor der Kamera. Meine Mutter würde mich sowieso nie auftreten lassen. Aber eine große Tochter zu haben, macht alt. Dann beginnen die Leute zu rechnen … fürchtet meine Mutter jedenfalls … ,Die Kleine ist doch mindestens dreizehn, wahrscheinlich schon fünfzehn … und ihre Mutter muß doch zwanzig gewesen sein, als sie auf die Welt kam …‘ und so weiter und so fort. Ich hoffe du verstehst.“
„Aber sie brauchte sich doch nicht mit dir fotografieren zu lassen!“
„Hat sie auch seit Jahren schon nicht mehr getan. Trotzdem: Man kann so ein Trumm wie mich doch auf die Dauer nicht versteckt halten. Journalisten sind neugierig, weißt du. Das gehört zu ihrem Beruf.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen.“
„Außerdem hat meine Mutter auch nicht genug Zeit für mich. Sie ist heftig dabei, Karriere zu machen.“
„Und dein Vater?“
„Ich hab drei davon. Mein erster, der wahrscheinlich mein richtiger ist, hat sich nie um mich gekümmert. Den kenne ich überhaupt nicht. Der zweite ist ganz große Klasse, aber leider längst geschieden, wieder verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Dessen Frau bin ich ein Dorn im Auge. Der dritte, der jetzige also, ist ganz in Ordnung. Eigentlich hat meine Mutter mit Männern ziemliches Glück gehabt. Aber er darf sich nicht um mich kümmern, weil sie sonst wie eine Rakete in die Luft geht.“
„Du lieber Himmel!“
„Das sagst du wohl gut.“
Leona zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. „Wie heißt denn deine Mutter? Doch nicht van der Steek?“
„Natürlich nicht. Das ist der Name ihres Zweiten. Der hat mich adoptiert.“
„Also dann?“
Ute blickte Leona, ein Bündel Kleider auf den Armen, nachdenklich an. „Möchte ich eigentlich nicht sagen. Ist ja auch nicht wirklich interessant, oder …? Ein großer Star, wie du jetzt vielleicht denkst, ist sie jedenfalls nicht. Sie möchte bloß einer werden. Aber dazu ist es wahrscheinlich schon zu spät.“
„Wieso?“
„Wenn man als Schauspielerin über dreißig ist, ist man out … falls man es nicht geschafft hat, ein Begriff zu sein.“ Ute sprach ganz sachlich. „Deshalb auch diese panische Angst, man könnte nachrechnen, wie alt sie wirklich ist.“
Das war alles höchst interessant, und allmählich ging Leona auf, daß sie eine langweiligere Zimmergenossin hätte bekommen können.
„Und du?“ fragte sie. „Was willst du werden?“
„Wie soll ich das jetzt schon wissen? Schauspielerin jedenfalls nicht. Das wäre mir zu blöd.“ Ute hing ihre Kleider, die sie mit den Bügeln aus dem Koffer genommen hatte, über die Stange im Schrank. „Weißt du denn schon, was du später anfangen willst?“
„Architektur würde mich reizen … schöne Häuser bauen muß Spaß machen.“
„Kann schon sein. Bloß, die Architekten, die ich kenne, gehen ziemlich am Stock. Um zu bauen, muß man ja erst mal Auftraggeber haben, beziehungsweise das nötige Geld. Und daran scheint’s zur Zeit zu hapern.“
„Du kennst Architekten?“
„Na klar. Meine Mutter mimt ja auch im gesellschaftlichen Leben mit. Das gehört dazu, weißt du.“
„Das muß doch ziemlich aufregend für dich gewesen sein.“
„Gar nicht. Meine Mutter hat mich, wie ich schon sagte, ziemlich versteckt gehalten. Ich mußte froh sein, wenn ich Mäuschen spielen durfte.“
„Das hast du aber, scheint es, ausgiebig getan!“
„Auch nicht. Man schnappt so dieses und jenes auf, ob man nun will oder nicht.“ Ute blieb vor dem Becken stehen. „Für zwei Personen eine Waschgelegenheit!? Das finde ich aber ziemlich haarig!“
„Das ist nur für die Katzenwäsche. Im Keller gibt es mehrere Duschräume und übrigens auch ein schönes Schwimmbad. Das ist im Winter geheizt.“
„Klingt schon besser.“
„Es ist alles ziemlich primitiv hier, aber man gewöhnt sich daran. Natürlich, wenn man aus seinem schönen Zimmer von zu Hause kommt, ist es ein ziemlicher Schock.“
Ute baute ihre Schönheitsutensilien auf der Hälfte des Bordes über dem Waschbecken auf, die Leona für sie frei gelassen hatte. „Und wer macht hier die Betten und so?“
„Wir selber. Auch staubwischen, das Waschbecken und den Spiegel putzen fällt in unser Ressort. Nur für das Ausfegen und Auswischen, Papierkörbe leeren, Fensterputzen und Toiletten sauberhalten gibt’s Fachkräfte.“
„Ach, du dickes Ei! Das artet ja in Arbeit aus!“
„Du bist es wohl gewohnt, vorn und hinten bedient zu werden?“
„Und du? Hast du zu Hause mitgeholfen?“
„Ja. Ich habe meiner Mutter immer geholfen.“
„Braves Kind. Und zum Dank hat sie dich dann abgeschoben.“
Obwohl Leona das gerade eben noch selber gesagt hatte, konnte sie es aus dem Mund der anderen nicht ertragen. „Wie kannst du das sagen?“ Sie fuhr hoch. „Meine Eltern haben es für richtiger gehalten mich hierherzugeben. Zu meinem eigenen Besten.“
„Entschuldige schon. Ich habe dich nicht kränken wollen. Mir kam es nur ziemlich ungerecht vor.“
„Mir auch“, gestand Leona nach einigem Zögern, „aber inzwischen habe ich eingesehen, daß es wirklich das Beste so war … für alle Teile.“
„Wie weise!“
„Du brauchst dich gar nicht lustig über mich zu machen!“
„Tue ich ja nicht. Hat dir schon mal jemand gesagt, daß du überempfindlich bist?“
„Nein.“
„Mir kommt es aber so vor. Obwohl ich zugeben muß, daß ich dazu neige, den Leuten auf die Zehen zu treten.“ Ute hatte ihre Sachen fortgeräumt. „Und was wird mit den Koffern?“
„Stell sie vorläufig auf den Gang. Die bringen wir später auf den Dachboden.“
„Dachboden? So nennt ihr den Speicher, ja?“
„Wird wohl so sein.“
Ute hatte bewundernswert hübsche Bettwäsche – ein leuchtend rotes Laken, einen weiß-blau-rot gestreiften Bezug und einen mit einem roten Herz geschmückten blauen Kopfkissenbezug – auf ihr Bett gelegt. Jetzt warf sie Kopfkissen und Federbett auf den Boden und machte sich ans Überziehen. Sie ging dabei nicht besonders geschickt vor, man merkte, daß es ihr an Übung fehlte. Aber ihre Bewegungen waren anmutig.
„Du bist sehr hübsch“, sagte Leona unwillkürlich.
„Zu dick!“ Ute klopfte sich auf den Po.
„Aber gar nicht! Ich wollte, ich wäre nicht so spindeldürr!“
Ute lächelte zu ihr hinüber und gestand, ohne es auszusprechen, daß sie sehr wohl wußte, nicht wirklich zu dick zu sein, sondern hübsche weibliche Formen zu haben. „Wart es ab! Das wird sich ganz von selber ändern!“
Leona seufzte neidvoll.
„Eigentlich“, sagte Ute, „müßte ich ja zu stolz sein … aber ich bin es nicht!“
„Wovon sprichst du jetzt?“
Ute rückte mit der Sprache heraus. „Obwohl du dir nicht hast helfen lassen, wäre ich dir dennoch dankbar, wenn du beim Überziehen des Plumeaus mit anpacken würdest.“
Leona war das Wort Plumeau sehr ungewohnt, dennoch begriff sie natürlich sofort, was gemeint war. „Ein komischer Ausdruck“, sagte sie und ließ sich vom Fensterbrett gleiten.
„Was sagt ihr denn zu Plumeau?“
„Federbett.“
„Na bitte, klingt gut deutsch. Aber du hilfst mir, ja? Ich habe so etwas noch nie gemacht.“
„Dann wird es höchste Zeit, daß du es lernst.“ Leona nahm den schönen rot-weiß-blau gestreiften Überzug, stülpte ihn um und faßte in die Ecken. „So geht das! Und jetzt gib mir die Ecken des Federbettes … ja, richtig … und nun streifst du den Überzug runter.“
„Dufte! Aber wie ich das jemals allein machen soll …“
„Brauchst du ja nicht, solange du mich hast!“ meinte Leona großmütig.
Ute strahlte sie an. „Nett von dir, das zu sagen!“
Warum so eifersüchtig, Leona?
In schöner Eintracht, fast schon wie Freundinnen, gingen sie zum Abendbrot in den Speisesaal hinunter. Die meisten der anderen Schüler und Schülerinnen des Landschulheims waren schon in dem riesigen, sehr hohen holzgetäfelten Raum mit den bunt verglasten Spitzbogenfenstern versammelt. Als sie eintraten, wurde das Wortgeplänkel plötzlich leiser und verstummte dann ganz. Alle Blicke richteten sich auf die Neue.
Dazu muß gesagt werden, daß Ute keineswegs aufwendig oder superelegant angezogen war. Sie trug abgewetzte Jeans und ein verblichenes rotes T-Shirt und unterschied sich in der Kleidung also kaum von den anderen Mädchen, von denen nur wenige Röcke und schicke Blusen bevorzugten.
Aber wie sie diese Sachen trug! Ihr fester kleiner Busen und ihr runder Po zeichneten sich sehr deutlich unter dem dünnen Baumwollstoff ab. Kein Wunder, daß den Jungen die Augen fast aus dem Kopf fielen.
Leona wurde rot und ärgerte sich, weil sie rot wurde.
Ute dagegen schien die Aufmerksamkeit, die sie erregte, gar nicht zu bemerken, sondern plauderte munter drauflos. „Hui, das ist aber ein toller Saal! Kommt mir wie ’ne Kirche vor! Ist wohl ein Überbleibsel von der alten Pracht und Herrlichkeit?“
Leona gab keine Antwort, sondern sagte: „Frag Pauline, wo du dich hinsetzen sollst!“
„Pauline?“
„Frau Direktor Eulau, wenn dir das verständlicher ist!“
„Ach so!“ Ute marschierte los.
Leona setzte sich an ihren angestammten Platz neben den sehr gut aussehenden achtzehnjährigen Andreas München, der ihren Gruß mundfaul zurückgab, sie aber sonst, wie gewohnt, nicht weiter beachtete. Tina Wegner führte den Vorsitz des Tisches, zu dem auch Alma und Sabine gehörten. Leona sah, daß Ute ihren Platz an dem Tisch fand, an dem Frau Eulau die Aufsicht führte.
„Wer ist denn das?“ fragte Andreas unvermittelt.
Leona war nicht darauf gefaßt gewesen, von ihm angesprochen zu werden. Sie brauchte Zeit, bis sie merkte, daß wirklich sie gemeint war. Außerdem wurde sie völlig überflüssigerweise wieder rot. Sie folgte der Richtung seines Blickes und stellte fest, daß er Ute meinte.
„Eine Neue“, sagte sie.
Jetzt sah er sie – zum erstenmal, seit sie in Rabenstein war – ganz bewußt an. „Sag mal, bist du so blöd oder stellst du dich nur so?“
Leona errötete noch mehr. „Sie ist wirklich neu.“
„Meinst du, das habe ich nicht selber gemerkt?!“
„Ach so. Natürlich.“ Leona versuchte ihrer Verwirrung Herr zu werden. „Sie heißt Ute van der Steek, kommt aus Berlin, ihre Mutter ist Schauspielerin und sie wohnt im gleichen Zimmer wie ich.“
„Na also. Warum nicht gleich so“, sagte Andreas und wandte sich wieder seinem Essen zu.
„Eine tolle Puppe!“ bemerkte Klaus Voss.
„Eine wahre Wuchtbrumme“, stimmte der rothaarige Jochen Schmitz zu.
„Wie alt?“ fragte Andreas.
„Vierzehn … wie ich!“ Leona schob ihre Brust vor, aber es wollte kein Busen daraus werden.
„Kommt also nicht in Frage“, stellte Andreas fest und belegte eine Scheibe Vollkornbrot mit Wurst – wie immer am Sonntagabend gab es kaltes Essen. Brot, Butter und Aufschnitt, dazu Kannen mit heißem Tee.
„Steht noch unter Naturschutz“, gab Jochen Schmitz seinen Senf dazu.
Leona wagte einen Vorstoß. „Sag mal, Andy“, fragte sie, „seit wann interessierst du dich denn für Mädchen?“ – Es war auf Rabenstein bekannt, daß Andreas nur seinen Sport, seine Freunde, seine Bücher und seine geliebten technischen Basteleien im Kopf hatte.
Er sah sie, statt einer Antwort, nur groß an, als hätte sie chinesisch zu ihm geredet.
„Sie ist wirklich hübsch“, sagte Sabine ohne Neid.
„Aber aufs Aussehen alleine kommt es ja nun auch nicht an“, meinte Alma.
„Laß nur, die wird mal richtig“, sagte Jochen Schmitz und schnalzte mit der Zunge.
„Eine richtige Weltkatze!“ meinte Klaus Voss.
Tina Wegner klopfte mit dem Knöchel auf die Tischplatte. „Nun, nachdem ihr euch über die Neue ausgesprochen habt, wäre es wohl angebracht, das Thema zu wechseln.“
„Wie finden Sie sie denn?“ fragte Klaus Voss, frech wie immer.
„Ich würde niemals einen Menschen nur auf sein Äußeres hin beurteilen!“
„Eben! Das finde ich ja auch!“ rief Alma.
„Wie ist sie denn, Leona?“ fragte Sabine.
Leona konnte sich kein gutes Wort über Ute abringen. „Sehr verwöhnt“, sagte sie zögernd und ärgerte sich über ihre eigene Kleinlichkeit.
„Dann wird sie sich umstellen müssen“, sagte Frau Wegner, „ich hoffe, daß ihr alle ihr dabei helfen werdet.“
„Aber mit dem größten Vergnügen!“ Klaus lachte und ließ seine spitzen Eckzähne sehen.
„Unter helfen verstehe ich auch, besonders was euch Burschen betrifft, sie nicht mit Zudringlichkeiten und dummen Anträgen zu belästigen.“
„Wie werden wir denn!“ Klaus lachte nur noch mehr.
Leona wußte, daß er sich den Kopf darüber zerbrechen würde, wie er der Neuen einen Streich spielen konnte. Das war die einzige Art, in der er sich bisher für ein Mädchen interessierte. Andreas und Jochen hatten sich in ein Gespräch über Elektrotechnik vertieft und hatten Ute schon vergessen.
Es war sehr dumm von ihr gewesen, sich so über das Aufsehen zu ärgern, das Ute erregt hatte. „Eigentlich ist sie ganz nett“, bemerkte sie halbherzig.
Aber es hörte schon niemand mehr hin.
Leona war kaum vom Tisch aufgestanden, als Ute sich schon wieder zu ihr gesellte. Das war nur zu verständlich, denn sie waren ja im gleichen Alter, bewohnten das gleiche Zimmer und Leona war wahrscheinlich der einzige Mensch auf Burg Rabenstein, mit dem sie sich bis jetzt näher unterhalten hatte. Trotzdem reagierte Leona sauer.
„Und was machen wir jetzt?“ fragte Ute unternehmungslustig.
„Ich weiß, was ich vorhabe“, gab Leona unfreundlich zurück, „was du tun willst, mußt du dir schon selber überlegen.“
In diesem Augenblick kam Kurt Büsing auf sie zugeschossen. „He, Leona, du denkst doch noch an unsere Verabredung?“ Mit einem bewundernden Blick auf Ute und einem anzüglichen Grinsen fügte er hinzu: „Und die Puppe kannst du gleich mitbringen!“
„Tut mir leid, Kurt“, erklärte Leona so beherrscht, wie es ihr möglich war, „ich kann mich heute abend nun leider doch nicht freimachen … und was Ute bei dem Treffen soll, kann ich mir schon gar nicht vorstellen.“
„Bei dir läuft ja sowieso nichts außer quatschen und Händchen halten, dabei kann doch wirklich niemand stören.“
„Das ist Geschmackssache.“ Leona war rot vor Zorn. „Jedenfalls habe ich heute abend keine Zeit.“
Kurt faßte Ute beim Arm. „Na, wie wär’s dann mit uns beiden? Sagen wir acht Uhr? An der großen Eiche?“
Leona verschlug es den Atem. Sie begriff, daß es ein Fehler gewesen war, Kurt zu versetzen. Aber das war doch kein Grund, sich so kaltschnäuzig in ihrer Gegenwart mit einer anderen zu verabreden! Wie konnte er ihr das antun!
Ute sah von Kurt zu Leona und erfaßte die Situation. „Ich danke dir für dein Angebot“, wehrte sie ab, „aber nein … doch lieber nicht.“
„Hab dich nicht, Mädchen. Eine Unterhaltung mit mir könnte dir nur nützlich sein. Du kennst dich hier doch noch nicht aus. Ich würde dich in alles einführen.“
„Sehr lieb von dir, Kurt, aber …“
Leona ließ sie nicht aussprechen. „Mein lieber Junge“, sagte sie schneidend, „mir scheint, du verfällst in deine alten Fehler.“
„Er hat es sicher nur gutgemeint“, versuchte Ute ihn zu verteidigen.
„Was weißt du denn schon davon? Wie lange kennst du ihn?“ fuhr Leona sie an. „Du hast doch keine Ahnung!“
Auf Ute schien ihr Ausbruch gar keinen Eindruck zu machen. „Tut mir leid“, sagte sie, nicht die Spur beleidigt, „ich wollte doch nur Frieden stiften.“
„Dazu haben wir dich nicht nötig.“
„Na dann …“ Achselzuckend wandte Ute sich ab.
Leona funkelte Kurt an.
„Ich weiß gar nicht, worüber du dich so aufregst“, sagte er.
„Du hast mir versprochen, keiner anderen mehr nachzurennen!“
„Habe ich ja auch gar nicht getan!“
„Du wolltest dich mit der Neuen verabreden!“
„Um mich mit ihr zu unterhalten. Was wäre schon dabei gewesen. Wo du sowieso keine Zeit für mich hast.“
Am liebsten hätte Leona ihre ganze Wut an ihm ausgelassen. Aber sie war klug genug einzusehen: wenn sie jetzt ein Wort zuviel sagte, hatte sie Kurt verloren, und das wollte sie denn doch nicht. Es war besser, fand sie, einen windigen Freund zu haben, als gar keinen.
So schluckte sie einmal tief und sagte dann versöhnlich: „Streiten wir uns doch nicht. Weißt du was, ich werde mich beeilen, und vielleicht können wir uns dann doch noch treffen.“
„Ich muß es genau wissen. Ich denke nicht daran, auf gut Glück im Park herumzustehen … wie bestellt und nicht abgeholt.“
Leona tat, als müßte sie schwer mit sich zu Rate gehen. Dann sagte sie: „Also gut. Ich werd’s möglich machen.“
„Das wäre also geritzt.“ Kurt strahlte sie an, als wäre nichts gewesen.
Der Speisesaal hatte sich inzwischen fast geleert. Die anderen waren gegangen, ohne auf Leona und Kurt zu achten. Die beiden waren nicht die einzigen gewesen, zwischen denen es am ersten Abend nach monatelanger Trennung sehr lebhaft zugegangen war.
Kurt legte den Arm um Leonas Schultern. „Erinnerst du dich noch, was ich dir gesagt habe? Ganz zu Anfang, meine ich?“
„Nein. Ich weiß nicht, was du meinst!“
„Daß du mir gefällst, weil du so intelligent bist. Die Neue sieht zwar gut aus, das muß ihr der Neid lassen … aber soviel Köpfchen wie du hat sie bestimmt nicht.“
Das war Balsam auf Leonas wunder Seele. Nur zu gern war sie bereit zu glauben, daß Ute sich in geistiger Beziehung nicht mit ihr messen könnte.
„Und du weißt“, fügte Kurt hinzu, „ich stehe auf intelligente Mädchen!“
Versöhnlich lächelte sie ihn an. „Bis später dann, Kuddel!“
Leona machte sich frei, lief durch die kleine Halle und die Treppe zu den Schlafräumen hinauf. Auf dem Gang standen die leeren Koffer. Sie warf einen Blick in das Zimmer. Ute war nicht da.
„P.P.“, sagte Leona halblaut, was auf gut deutsch nichts anderes bedeutete als „persönliches Pech“.
Sie nahm ihre Koffer und trug sie auf den Dachboden hinauf.
Da ihr danach noch Zeit bis zur Verabredung blieb, ging sie daran, sich schön zu machen. Es würde zwar bald dunkel im Park sein, aber sicher würde es auch schon Wirkung tun, in den ersten Minuten blendend auszusehen. So übertuschte sie ihre Wimpern noch einmal mit größer Sorgfalt, erst von oben, bis an die Wurzeln, und danach von unten, bis sie ganz schwarz waren und sich nach oben bogen. Sie kämmte ihr blondes Haar, das sie noch zu Hause am Vormittag gewaschen hatte, bis es ihr glatt und glänzend auf die Schultern fiel. Die Augenbrauen, die sie dünn nachgezogen hatte, ließ sie, wie sie waren. Aber sie malte sich die Lippen an und legte auch Rot auf die sommerbraunen Wangen. Sie fand, daß sie so zurechtgemacht ohne weiteres mit der schönen Ute konkurrieren konnte. Dennoch kämpfte sie mit sich, ob sie auch Lidschatten benutzen sollte. Aber sie unterließ es dann doch, weil sie Kurt und einem einfachen Treff im Park nicht zuviel Ehre angedeihen lassen wollte. Da der Anorak nicht gerade sexy machte, nahm sie ihn vorerst nur über den Arm.
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