Kitabı oku: «Frauenstation»
Marie Louise Fischer
Frauenstation
Roman
Saga Egmont
Frauenstation
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1967 by F. Schneider, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711718773
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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1
Als die erste Wehe kam, hielt Susanne Overhoff unwillkürlich den Atem an. Aber sie empfand keine Angst, eher ein schmerzvolles Gefühl von Glück.
Es war also soweit. Alles Warten würde nun bald ein Ende haben.
Susanne Overhoff ließ das Babyjäckchen, an dem sie häkelte, in den Schoß sinken. Ihr Blick ging zu Eva, ihrer Tochter, die bäuchlings auf der Couch lag.
»Eva …«, sagte sie; »ich …« Ihr Mund war trocken. Es fiel ihr schwer, die richtigen Worte zu finden.
»Ja, Mutter?« Das junge Mädchen hob den Kopf und strich das weizenblonde Haar aus der Stirn.
»Ich glaube, es wird Zeit für mich, Eva.«
Eva setzte sich mit einem Ruck auf. »Schon?« fragte sie, nun doch erschrocken. Mit zwei Schritten war sie bei der Mutter, kniete neben dem Sessel. Susanne Overhoff fuhr ihr mit der Hand in das schimmernde Haar.
»Du weißt doch, daß ich bereits seit Tagen darauf warte.«
»Ja schon«, sagte Eva leise, »aber wenn es dann passiert, ist es doch anders.«
Susanne Overhoff beugte sich rasch zu ihr herab und küßte sie auf die Stirn. »Geh hinauf ins Schlafzimmer und hol mein Köfferchen. Ich werde es Vater sagen …«
Die zweite Wehe kam, als sie schon neben ihrem Mann, dem Chefarzt Dr. Paul Overhoff, im Wagen saß.
»Sehr schlimm?« fragte er, ohne sie anzusehen. Er glaubte, ihren Schmerz fast körperlich mitzuempfinden. Und wieder überkam ihn dieses würgende Schuldgefühl, diese quälende Angst, die ihm die letzten Monate fast zur Hölle gemacht hatte.
»Nein, nicht schlimm«, erwiderte Susanne Overhoff rasch, fast ein wenig zu schnell.
»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte er gepreßt.
»Ich fürchte mich nicht …«
Er schaltete so hart, daß das Getriebe aufstöhnte, dann glitt der schwere Wagen die stille Vorortstraße entlang.
»Mir ist nur«, sagte sie, die Hände wie schützend über dem hohen Leib gefaltet, »als hätte ich etwas vergessen …«
»Unwichtig. Alles, was du brauchst, kann ich dir besorgen lassen.«
»Das meine ich nicht, ich …« Sie sprach sehr langsam, um sich verständlich auszudrücken. »Es ist wegen Eva. Sie ist noch so jung. Sie versteht das alles nicht. Ich hätte ihr klarmachen müssen … es wenigstens versuchen müssen …«
»Mach dir nicht so viele Gedanken, Susanne«, erwiderte er mit einer Stimme, die unbefangen klingen sollte, aber rauh vor Beklemmung war, »morgen wird sie dich in der Klinik besuchen. Dann kannst du ihr alles erzählen, was du noch auf dem Herzen hast.«
›Hoffentlich‹, hätte sie beinahe gesagt, aber sie sagte nur: »Ja, natürlich. Du hast recht.«
Vom Haus Professor Overhoffs bis zur Frauenklinik, deren Chef er war, waren es knappe zehn Aütominuten.
Als die dritte Wehe einsetzte, lag Susanne Overhoff im Bett des schönsten Zimmers der Privatstation, das seit Tagen für sie reserviert war.
Oberschwester Helga half ihr, sich auszuziehen. Dann stand sie am Bett der werdenden Mutter und lächelte ihr aufmunternd zu. Ihr frisches Gesicht strahlte Zuversicht aus.
»Das scheint ein sehr pünktlicher kleiner Sohn zu werden, Frau Professor«, meinte sie ermutigend.
Susanne Overhoff nickte stumm. In ihren Augen war ein seltsamer Glanz.
Die junge Schwester Lilo war noch dabei, Susannes Kleid und den Pelzmantel sorgfältig auf den Bügel und in den Schrank zu hängen. Vom Bad her hörte man das Plätschern des Wassers; Professor Overhoff wusch sich die Hände. Er kam, sich abtrocknend, in das Zimmer und ließ das Handtuch achtlos fallen. Lilo bückte sich, hob es auf, half ihm in den weißen Kittel.
»Benachrichtigen Sie bitte sofort Dr. Schumann«, ordnete er an.
Schwester Lilo huschte aus dem Zimmer.
Susanne Overhoff richtete sich in ihrem Kissen auf.
»Paul«, rief sie flehend.
Er trat zu ihr und versuchte zu lächeln, aber es wurde nur eine Grimasse. »Ja?«
»Paul … kannst du die Schnittentbindung nicht selbst machen? Du weißt doch … es gibt niemanden, zu dem ich so viel Vertrauen habe wie zu dir!«
»Susanne, es ist nicht üblich, daß ein Arzt seine eigene Frau entbindet!«
»Das weiß ich ja! Aber mach eine Ausnahme! Ich bitte dich darum!«
Er setzte sich zu ihr auf den Bettrand. »Ich könnte es nicht. Selbst wenn ich wollte.« Er hielt den Arm hoch, und sie sah, wie seine flach ausgestreckte Hand zitterte.
Sie bereute es sofort, daß sie ihn gezwungen hatte, seine Schwäche zu bekennen. »Verzeih«, murmelte sie.
Oberschwester Helga, stumme Zeugin dieser Szene, versuchte die Situation zu überspielen. »Dr. Schumann ist ein wunderbarer Arzt«, sagte sie, »der beste, den ich kenne!«
Overhoff streichelte die Hand seiner Frau. »Da hörst du es selber, Liebling!«
»Entschuldigen Sie, Herr Professor«, rief die Oberschwester erschrocken, »ich wollte natürlich nicht sagen, daß …«
»Schon gut! Geben Sie mir das Stethoskop!«
Sie reichte ihm das Hörrohr. Er faßte mit der linken Hand Susannes Puls und beugte sich tief über ihren Leib, um die Herztöne seines Kindes abzuhören.
Frau Astrid Schumann hatte für diesen Abend Gäste geladen. Im offenen Kamin züngelten die Flammen eines hellen Feuers; auf silbernen Leuchtern brannten honiggelbe Kerzen.
Dr. Rainer Schumann beobachtete seine Frau. Sehr schlank und anmutig, in einem saphirblauen Cocktailkleid aus fließender Seide, stand sie zwischen den Gästen. Er sah das Leuchten ihrer tiefblauen Augen und die rötlichen Lichter, die die Flammen in ihr kurz geschnittenes, kastanienbraunes Haar zauberten. Er beobachtete die bewundernden Blicke der anderen Männer und – litt.
Dabei wußte er, daß er keinen Grund zur Eifersucht hatte. Astrids Herz war kühl, so kühl wie ihre zarte, milchweiße Haut. Sie liebte ihn, dessen war er ganz sicher. Sie liebte ihn auf ihre kühle, sehr beherrschte Art, und es war sein Pech, daß ihm diese Liebe nicht genügte, daß sie ihn tief unsicher, ja oft rasend machte.
Dr. Rainer Schumann schrak zusammen, als er sich angesprochen fühlte. Mit einer hastigen Bewegung nahm er die Pfeife aus dem Mund und ließ sie in der Jackentasche seines gut geschnittenen dunklen Anzugs verschwinden. Er drehte sich um und sah Kirsten, seine junge Schwägerin. Er lächelte sie freundlich aus seinen dunkelbraunen Augen an, die ihm unter den Schwestern der Frauenklinik den Beinamen ›der Bernhardiner‹ eingetragen hatten.
»Sei mir bitte nicht böse«, sagte Kirsten; »ich verstehe natürlich sehr gut, daß du in diesem Augenblick keine allzu große Lust zu einem fachlichen Gespräch hast …«
»Immer noch der gleiche Kummer?«
Kirstens Augen wurden dunkel. »Du weißt, wie sehr ich … wie sehr Hugo und ich uns ein Kind wünschen …«
»Ich habe dir schon vor einem Jahr den Vorschlag gemacht, einmal in meine Sprechstunde zu kommen. Oder wenn dir das peinlich ist, dann geh zu Professor Overhoff … ich bin sicher, daß er dir helfen wird.«
»Ja, vielleicht«, erwiderte Kirsten zögernd; »nur … ich bin doch eine ganz gesunde und normale Frau. Ich weiß, daß ich das bin. Und mit Hugo ist auch alles in Ordnung. Da müßte es eigentlich ohne ärztliche Hilfe möglich sein …«
In diesem Augenblick schrillte das Telefon.
Dr. Schumann war sofort alarmiert. Er legte seine Hand auf Kirstens Arm.
»Entschuldige mich, bitte«, rief er hastig und ging mit großen Schritten in seinen Arbeitsraum hinüber, nahm den Hörer, lauschte wenige Sekunden, sagte: »Ich komme sofort!« und hängte ein.
Einen Augenblick blieb er am Schreibtisch stehen und überlegte, ob es richtig wäre, sich von Astrid zu verabschieden. Vielleicht würde sie es als eine Störung ihrer Party auffassen. Bevor er einen Entschluß gefaßt hatte, kam Astrid lautlos ins Zimmer. »Du mußt fort?« fragte sie beherrscht.
»Leider. Aber wenn alles gut geht, bin ich in einer knappen Stunde wieder zurück.«
»Susanne Overhoff?«
»Ja.«
Ihm schien es, als würden ihre Lippen schmal.
»Astrid, ich …«
»Mir brauchst du nichts zu erklären. Geh!« Ihre Stimme hatte einen gereizten, ja feindlichen Ton, der ihn aus der Fassung brachte.
»Aber Astrid«, stammelte er hilflos und wollte ihr einen flüchtigen Kuß geben, doch sie wandte sich so brüsk ab, daß seine Lippen nur ihr Haar berührten. Eine Sekunde stand er wie erstarrt. Dann holte er tief Atem, straffte die Schultern und verließ mit energischen Schritten den Raum. Weder er noch Astrid hatten bemerkt, daß Kirsten hereingekommen war.
»Na hör mal«, sagte Kirsten jetzt, »so solltest du Rainer wirklich nicht behandeln!«
Astrid drehte sich langsam zu ihrer Schwester um.
»Was verstehst du schon davon!«
»Ich weiß, daß Rainer dich liebt und …« Sie unterbrach sich. »Du kannst ihm doch nicht im Ernst böse sein, weil er in die Klinik gerufen worden ist? Schließlich ist er Arzt, und du hättest damit rechnen müssen, als du ihn heiratetest!«
»Weißt du auch, wohin er geht?«
Kirsten sah sie verständnislos an. »In die Klinik natürlich!«
»Zu Susanne Overhoff!«
»Na und?«
»Sie erwartet ihr drittes Kind …«
»Die Glückliche!«
»Wenn du ein bißchen gescheiter wärest, würdest du nicht so sprechen.«
»Ich verstehe nicht …«
Astrid nahm mit einer nervösen Bewegung eine Zigarette aus der kleinen Zinndose auf dem Schreibtisch, steckte sie zwischen die Lippen, zündete sie an und inhalierte mit einem tiefen Zug, bevor sie weitersprach. »Wenn es dich wirklich interessiert, werde ich es dir erklären …«
»Bitte …«
»Susanne Overhoff hat eine sechzehnjährige Tochter. Der einzige Sohn ist vor drei Jahren verunglückt …«
»Wie schrecklich!«
»Hör nur erst weiter!« Astrid machte wieder einen Lungenzug. »Beide Kinder sind durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen … Susannes Becken ist zu schmal, verstehst du?«
»Ja, aber …«
»Jeder Arzt wird dir bestätigen, daß ein dritter Kaiserschnitt bei schwächlicher Konstitution der Mutter lebensgefährlich sein kann.«
»Aber … das muß der Professor doch wissen! Und Rainer auch!«
»Natürlich wissen sie es. Und gerade weil sie es wissen und trotzdem nicht verhindert haben, sind sie … in meinen Augen wenigstens … Verbrecher.«
»Astrid!« rief Kirsten entsetzt.
»Entschuldige. Aber ich dachte, du wolltest die Wahrheit hören!« Astrid drückte ihre Zigarette aus.
»Wie hätte Rainer es denn verhindern können? Nun nimm mal Vernunft an. Schließlich ist er nicht der Chef, und auch nicht der Vater des Kindes. Und überhaupt … was sagt denn Frau Overhoff dazu? Weiß sie, wie gefährlich es ist?«
»Natürlich. Sie ist doch eine Arztfrau.«
»Dann hätte sie ihren Mann bitten können …«
»Sie will es haben«, sagte Astrid bitter, »sie ist streng gläubig, und dann … sie hat es sich in den Kopf gesetzt, ihrem Mann einen Sohn zu schenken.«
Kirsten schwieg einen Atemzug lang. »Sei mir nicht böse, Astrid«, sagte sie dann, »aber ich glaube … ich kann das verstehen.«
»Ja, du! Weil du den Wert einer Frau nur darin siehst, ob sie Kinder haben kann oder nicht … ob sie sie in die Welt setzen will oder nicht. Aber begreifst du denn nicht, daß das heller Wahnsinn ist? Eine Frau ist doch eine Persönlichkeit, ihr Leben hat einen Wert, eine Bedeutung, die ganz unabhängig von dieser Frage ist …«
»Ja, vielleicht«, sagte Kirsten, nicht überzeugt.
»Oder glaubst du, daß Hugo dich nicht liebt, nur weil ihr keine Kinder miteinander habt?«
»Er würde mich mehr lieben, wenn ich ihm eins schenken könnte.«
»Bist du dessen so sicher? Dann solltest du ihn stehenlassen … dann ist es nämlich nicht die wahre Liebe, dann sieht auch er in dir nur die Gebärmaschine, die …«
»Nein, Astrid, nein, so ist das nicht«, unterbrach Kirsten sie mit unerwarteter Energie. »Er liebt mich schon, aber er möchte eine Familie haben … jeder Mann möchte eine Familie haben. Söhne, Töchter.« Sie schluckte. »Und ich würde ihm diesen Wunsch erfüllen, wenn ich es könnte. Auch wenn ich mein Leben dafür aufs Spiel setzen müßte.«
»Du bist ja verrückt«, sagte Astrid angewidert. Sie wandte sich zur Tür.
Kirsten lief ihr nach. »Glaubst du wirklich, Frau Overhoff muß sterben?«
»Davon habe ich nichts gesagt. Nur daß bei ihr ein dritter Kaiserschnitt lebensgefährlich sein kann.«
»Aber dann …«
»Das ändert gar nichts. Auch wenn sie durchkommt … und ich wünsche es ihr, bei Gott … bleibt diese Geburt ein verbrecherischer und ungeheuerlicher Wahnsinn!«
Auch Dr. Rainer Schumann dachte, während er am Pförtner der Klinik vorbeieilte und die Treppen hinauflief – der Aufzug war nicht unten gewesen, und er war viel zu ungeduldig, um auf ihn warten zu können –, mit Sorge an die bevorstehende Operation. Aber er sah den Fall mit ganz anderen Augen. Nicht einen Augenblick lang dachte er daran, ob es richtig oder falsch war, daß Susanne Overhoff dieses dritte Kind haben wollte, oder ob der Professor es vielleicht nicht dazu hätte kommen lassen sollen – für ihn war Susanne Overhoff eine werdende Mutter, die seine Hilfe brauchte, nichts weiter. Eine Patientin, so wichtig wie jede andere, obwohl ihr Fall natürlich besonders kompliziert lag. Er hatte es ja immer nur mit den schwierigen Fällen zu tun, denn bei den komplikationslosen Geburten genügte die Hilfe einer Hebamme.
Er atmete tief, der Geruch der Klinik war um ihn – dieses vertraute Gemisch aus menschlichen Ausdünstungen, scharfen Desinfektionsmitteln und Bohnerwachs. Die Frauenklinik war seine Welt, hier gehörte er hin, hier fühlte er sich wohl.
In seinem Sprechzimmer im ersten Stock zog er seine Jacke aus, wusch sich die Hände, schlüpfte in seinen Kittel und knöpfte ihn zu, während er schon wieder weiterlief. Als er an der Teeküche auf der Privatstation des Professors vorbeistürmte, kam Oberschwester Helga heraus.
»Guten Abend, Herr Oberarzt! Das ist aber schnell gegangen!«
»Hatten Sie etwas anderes von mir erwartet?« erwiderte er und konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie leicht in die feste, wohlgerundete Wange zu kneifen.
Sie nahm es ihm nicht übel. »Der Herr Professor erwartet Sie schon«, sagte sie und begleitete ihn den Gang hinunter.
»Wie steht’s?«
»Die ersten Wehen. Im Abstand von 30 Minuten.«
»Sehr schön. Lassen Sie die Sectio vorbereiten. Je eher wir es hinter uns haben, desto besser. Wer hat Nachtdienst?«
»Dr. Bley.«
»Rufen Sie ihn an. Und lassen Sie nachschauen, ob Dr. Gerber im Haus ist. Ich brauche ihn und den Anästhesisten. Wenn nötig, holen Sie die beiden per Funk herbei, ja?«
»Wird gemacht.«
»Ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann, Helga.«
Dr. Schumann blieb vor dem Eckzimmer auf der Privatstation stehen, in dem Susanne Overhoff lag. »Sagen Sie bitte Bescheid, wenn wir anfangen können.«
»Ja, Herr Doktor!« Eine Sekunde lang blieb die Oberschwester vor Dr. Schumann stehen, als ob sie noch etwas sagen wollte. Dann besann sie sich, drehte sich um und lief davon.
Dr. Schumann klopfte an die Tür. Als keine Antwort kam, drückte er die Klinke nieder und trat ein. Susanne Overhoff sah ihm aus übergroßen, glänzenden Augen entgegen. Der Professor stand über ihren Leib gebeugt und horchte die Herztöne des Kindes ab.
Dr. Schumann trat an das Bett der Patientin. »Guten Abend, Frau Professor«, sagte er. »Froh, daß es endlich soweit ist?«
»Ja, sehr!« erwiderte sie, tapfer lächelnd.
Professor Overhoff richtete sich auf. Sein Gesicht war von Sorge und Angst so entstellt, daß Dr. Schumann erschrak. Er reichte seinem Oberarzt das Stethoskop.
»Gut, daß Sie da sind«, sagte er mühsam.
»Ist irgend etwas nicht in Ordnung?« fragte Susanne Overhoff beunruhigt.
Der Professor antwortete nicht, trat an das Fenster. Sein Rücken zuckte.
»Sie dürfen sich nicht nervös machen lassen, Frau Professor«, meinte Dr. Schumann, »werdende Väter sind ein Kapitel für sich. Unsere Hebammen sagen immer: Lieber drei schwere Geburten hintereinander, als einem aufgeregten Vater Mut zusprechen müssen.«
Susanne Overhoff lachte gequält, ein kleines zitterndes Lachen.
Er setzte sich an den Rand ihres Bettes, umfaßte ihr Handgelenk, beugte sich über ihren Leib, prüfte die Herztöne des Kindes und zählte sie sorgfältig aus.
94 in der Minute. Das war sehr wenig. 120 bis 140 wären normal gewesen. Er wiederholte die Untersuchung, um sich zu vergewissern, aber das Ergebnis blieb unverändert. Mit keinem Wimpernzucken zeigte er sein Erschrecken.
Er drückte mit den Seitenkanten seiner Hände in ihren Leib. Der Uterus saß sehr hoch, berührte den Rippenbogen. Er legte die eine Hand flach an die seitliche Bauchwand, ertastete den Rücken des Kindes, erfühlte mit der anderen Hand die gegenüberliegenden Arme und Beine. Dann drückte er mit der rechten Hand, den Daumen ahgespreizt, auf den Unterleib. Sehr behutsam, um der Patientin nicht weh zu tun, tastete er tiefer, spürte die feste runde Form des kindlichen Kopfes, der gerade erst in den Beckeneingang eingetreten war.
Oberschwester Helga kam ins Zimmer. »Der OP ist vorbereitet, Herr Oberarzt«, meldete sie ein wenig atemlos; »Dr. Gerber war im Haus, nur Dr. Leopold, der Anästhesist … aber er ist benachrichtigt und wird spätestens in zehn Minuten hier sein.«
»Bringen Sie die Sauerstoff-Flasche«, sagte Dr. Schumann ruhig. »Und schickem Sie mir eine Schwester, die mir hilft, das Becken der Patientin hochzulagern.«
»Ist irgend etwas nicht in Ordnung?« fragte Susanne Overhoff noch mal angstvoll.
»Kein Grund zur Aufregung«, sagte Dr. Schumann beruhigend, »die kindlichen Herztöne sind etwas langsam …«
Zu langsam? Ja, aber das bedeutet doch …«
Professor Overhoff wandte sich vom Fenster ab, trat ans Bett seiner Frau. »Bitte«, sagte er beschwörend, »bitte, Liebling …«
»Du hast es gewußt? Paul, unser Kind darf nicht sterben, hörst du! Du mußt es retten, sonst …« Eine neue Wehe überfiel sie, sie konnte nur mühsam weitersprechen. »Sonst war alles umsonst.«
»Das Kind wird leben«, erklärte Dr. Schumann mit Nachdruck, »ich verspreche es Ihnen!«
Frau Overhoff verkrampfte die Hände über der Brust. »Und ich habe so gebetet«, sagte sie fast tonlos, »so sehr gebetet …«
»Es ist meine Schuld!« Auf Professor Overhoffs Stirn stand kalter Schweiß. »Ich hätte dir das nicht antun dürfen. Es war … unverantwortlich.«
»Aber wir haben es uns doch beide gewünscht, nicht wahr? Wir beide, Paul … hast du das denn vergessen?« Tief erregt schluchzte sie auf.
»Bitte, gnädige Frau … Herr Professor! Bitte!« sagte Dr. Schumann. »Jede Aufregung kann dem Kind schaden. Sie müssen sich entspannen, Frau Professor … ganz tief und langsam atmen. Mit dem Bauch. So, wie Sie es in der Gymnastik gelernt haben … ja, so ist es richtig!«
Oberschwester Helga kam ins Krankenzimmer. Sie brachte die Sauerstoff-Flasche und die Gesichtsmaske. Zwei jüngere Schwestern folgten ihr und machten sich auf einen Wink Dr. Schumanns daran, das Becken Susanne Overhoffs hochzulagern.
Dr. Schumann legte die Maske über Mund und Nase der Patientin. »Weiter tief durchatmen«, beschwor er sie. »Denken Sie immer an Ihr Kindchen! Es braucht Luft!«
»Dr. Leopold ist gekommen«, flüsterte Oberschwester Helga; »er ist gleich in den Waschraum gegangen.«
Dr. Schumann nickte nur. Er beugte sich erneut tief über den Leib, lauschte auf die Herztöne des ungeborenen Kindes, minutenlang.
Als er sich aufrichtete, begegnete er dem verzweifelt fragenden Blick Professor Overhoffs, schüttelte stumm den Kopf.
Laut sagte er: »Es geht schon wesentlich besser … atmen Sie weiter schön durch, gnädige Frau. Ich werde auf alle Fälle unsere Kollegin, Frau Dr. Holger, benachrichtigen, damit Ihr Kindchen sofort sachgemäß betreut wird. Ihr Gatte bleibt bei Ihnen.«
Er ging rasch zur Tür und war froh, daß Professor Overhoff ihm nicht folgte.
Tatsächlich hatten sich die kindlichen Herztöne noch weiter verlangsamt, ihr sonst gleichmäßiger Rhythmus war jetzt sogar zeitweilig unterbrochen. Die Herztöne stolperten. Das Leben des Kindes schwebte in höchster Gefahr.
Zehn Minuten später lag Susanne Overhoff im kalten, sehr hellen Licht der OP-Lampe auf dem Operationstisch.
Ihr Mann hatte sie nicht bis hierher begleitet. Ihr war es recht so. Er schien ihr plötzlich auf seltsame Art aus der Mitte ihres Lebens verschwunden. Susanne Overhoff war bei vollem Bewußtsein. Sie gab sich weiter Mühe, so tief wie möglich zu atmen – ihr ganzes Fühlen, ihr Denken, ihr heißer Wunsch galt nur dem Leben ihres noch ungeborenen Kindes.
Sie zuckte nicht einmal zusammen, als Dr. Leopold, der Anästhesist, ihr die erste Spritze gab. Ihre Lippen bewegten sich unaufhörlich im stummen Gebet.
Dr. Leopold legte die Infusionsnadel an die Vene ihres rechten Armes. Die Nadel war durch einen Schlauch mit einem erhöhten gläsernen Behälter mit Blutersatz verbunden, dem Dr. Leopold jederzeit intravenöse Narkosemittel beigeben konnte.
Aber noch war es nicht soweit. Um des Kindes willen durfte die Patientin erst in letzter Minute narkotisiert werden.
Das letzte, was Susanne Overhoff sah, waren die Ärzte, drei grün vermummte Gestalten, die in den Operationssaal traten. Sie fühlte, wie ihr Leib mit einer leicht brennenden Lösung abgewaschen wurde. Sie wurde behutsam mit Tüchern abgedeckt, sah nur noch einen grünen Himmel über sich. Eine jähe, unbeschreibliche Angst überfiel ihr Herz.
Dann wich die Angst, eine wohltuende, lähmende Müdigkeit überkam sie. Sie schloß die Augen. Sekunden später war sie eingeschlafen.
Df. Leopold öffnete ihren Mund, fand mit Hilfe des Laryngoskops den Eingang zur Luftröhre, schob den Trachealkatheter durch die erschlafften Stimmbänder sehr vorsichtig vor und preßte ihn dann von außen, indem er einen Gummiball aufblies, so gegen die Wände der Luftröhre, daß ein Verschieben oder Verrutschen unmöglich war. Das andere Ende des Katheters verband er über ein Ventil mit dem gasführenden Schlauch des Narkoseapparates.
»Anfangen!«
Dr. Schumann hatte nur auf dieses Wort gewartet. Ohne den Blick von der Patientin zu lassen, streckte er die Hände aus. Selma, eine zuverlässige ältere Operationsschwester, reichte ihm das Skalpell.
Im gleichen Augenblick nahm Edith, eine jüngere OP-Schwester, eine Pinzette von dem grünen, sterilen Tuch, das den Instrumententisch bedeckte, und gab sie Dr. Gerber.
Dr. Bley stand zwischen den Beinen der Patientin und hielt die Hauthaken bereit.
Mit sicherer Hand tat Dr. Schumann den ersten Schnitt. Dr. Bley setzte die Hauthaken. Dann durchtrennte Dr. Schumann mit einem zweiten Schnitt das Fettgewebe.
Dr. Gerber, sein erster Assistent, beobachtete aufmerksam jeden Handgriff, wußte schon im voraus, was der Operateur tun und wo er gegenhalten mußte. Frau Dr. Irene Holger war zwei Schritte zurückgetreten, um ihre Kollegen bei der Arbeit nicht zu stören. Sie hob sich auf die Zehenspitzen, um die Operation genau verfolgen zu können.
Mit einem glatten Längsschnitt durchtrennte Dr. Schumann jetzt die Muskulatur. Dr. Bley setzte die Hauthaken neu. Der Chirurg spaltete die Bauchfellfalte.
Eine der OP-Schwestern reichte sterile warme Tücher, mit denen Dr. Schumann und Dr. Gerber die freigelegten Därme abdeckten und vorsichtig beiseite schoben.
Selma hatte dem Operateur Pinzette und Skalpell abgenommen und gab ihm jetzt ein noch feineres Skalpell. Dr. Schumann machte einen kleinen Querschnitt durch den unteren Bereich des Uterus und erweiterte den Schnitt vorsichtig mit dem Finger. Dann faßte er mit der rechten Hand behutsam in die Öffnung und versuchte mit der linken das obere Ende des Uterus gegenzuhalten. Da die Geburt noch nicht weit fortgeschritten war, gelang es ihm ohne Mühe, den kindlichen Kopf aus dem Eingang des Beckens zu stemmen. Vom Uterusfundus aus unterstützte ihn Dr. Gerber durch sanften Druck von oben. In Sekundenschnelle war das Kind entwickelt. Es hatte die Nabelschnur, die nur noch schwach pulsierte, zweimal um den Hals geschlungen.
Unwillkürlich blickte der Anästhesist auf die große Wanduhr. Genau drei und eine halbe Minute hatte die Operation bis jetzt gedauert. Drei und eine halbe Minute hatten vier Ärzte und zwei Schwestern stumm und verbissen um das Leben einer Mutter und ihres Kindes gekämpft.
Dr. Schumann klemmte die Nabelschnur zweimal und durchschnitt sie. Das Kind schrie nicht. Es hing leblos in seiner Hand, blau, der Erstickung nahe, mit schlaffen Gliedmaßen. Die Hebamme nahm es entgegen, hüllte es in ein warmes Tuch und übergab es Frau Dr. Holger. Die Ärztin trug das Neugeborene in den Nebenraum, die Hebamme folgte ihr. Dr. Schumann stand über den offenen Leib der Patientin gebeugt und löste mit äußerster Vorsicht die Plazenta.
»Blutdruck 110«, meldete der Anästhesist, „Kreislauf und Atmung in Ordnung!«
Plötzlich – Dr. Schumann hatte die Plazenta schon herausgelöst – schoß aus einem fingerdicken Gefäß Blut in die Bauchhöhle.
»Klemme!« schrie er.
Seine Finger tasteten in die Wunde, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Jeder im Operationssaal hielt unwillkürlich den Atem an.
Dann hatte er das Gefäß erfaßt, klemmte es ab. Die Blutung stand.
Der Puls der Patientin war schwach geworden. Der Anästhesist transfundierte die Blutkonserve, die er vorsorglich vom Labor hatte austesten lassen und in Bereitschaft hielt. Schwester Selma reichte die runde Nadel, Dr. Schumann vernähte die Uterusmuskulatur. Darüber legte er eine Naht an, wobei er einen Teil des Gewebes einstülpte.
Dr. Gerber nahm die eingelegten Tücher aus der Bauchhöhle. Jetzt konnte Dr. Schumann beginnen, das Bauchfell zu vernähen. Er atmete tief auf unter dem beklemmenden Mundschutz.
»Puls und Blutdruck fast normal«, meldete Dr. Leopold. Das Schlimmste war überstanden. Nach menschlichem Ermessen würde Susanne Overhoff durchkommen. Aber was war mit ihrem Kind? Diesem Kind, für das sie ihr Leben ganz bewußt und freiwillig aufs Spiel gesetzt hatte?
Frau Dr. Holger hatte das Neugeborene auf den Wickeltisch gelegt. Es lag ganz schlaff, mit geschlossenen Augen, winzig, blau und jämmerlich. Man hätte es für tot halten können, aber sein Herzchen klopfte noch, wenn auch sehr schwach und erschreckend langsam.
Die Ärztin ergriff den sterilen Absaugschlauch, saugte dickflüssigen Schleim aus Mund- und Rachenhöhle, saugte die Nase frei. Die Hebamme reichte ihr das beleuchtete Intubationsgerät. Frau Dr. Holger führte behutsam den winzig kleinen Schlauch über den Kehlkopf hinweg in die Trachea ein. Die Hebamme hatte den Schlauch schon mit dem Sauerstoffgerät verbunden. Die Ärztin stellte den Apparat an – über eine Art Blasebalg wurde der kleine Junge in rhythmischen Abständen beatmet.
»Ob wir ihn durchkriegen?« fragte die Hebamme skeptisch.
»Wir müssen«, erklärte Frau Dr. Holger kurz. Sie überließ der Hebamme die Bedienung des Blasebalges, zog eine Spritze mit einem Atemstimulans auf, injizierte es.
Dann übernahm sie selber wieder den Blasebalg. Gebannt starrten die beiden Frauen auf das Neugeborene, dessen Befinden noch immer keine Änderung zeigte.
»Du machst schon Sachen, Kleiner«, sagte die Hebamme, »erst strangulierst du dich und dann …« Sie unterbrach sich. »Sehen Sie nur, Frau Doktor! Die Farbe ändert sich!«
Tatsächlich begann sich langsam, kaum merklich, die lilablaue Haut rosig zu färben. Endlich, nach fast zwanzig Minuten, tat das Kind seinen ersten Schnapper, gab es auf, versuchte es wieder und noch einmal.
»Bist doch ein tapferer kleiner Bursche«, lobte die Hebamme. »Gib nur nicht auf, mach weiter. Es lohnt sich, glaub mir! Das ganze Leben liegt ja noch vor dir!«
Als ob diese törichten Worte, die der Junge ja gar nicht verstehen konnte, eine zauberische Wirkung ausgeübt hätten, öffnete er plötzlich den Mund und tat einen Schrei – seinen ersten Schrei!
Die Hebamme und die Ärztin lächelten sich glücklich an. Die Lungen des Kindes waren entfaltet, jetzt konnte es selbständig atmen.
Der erste Schrei des Neugeborenen war bis in den OP gedrungen. Dr. Schumann hatte bereits die Nähte versorgt und war dabei, die Haut zu klammern. Unwillkürlich hob er, wie alle anderen, den Kopf, um zu lauschen.
»Patientin ist pulslos«, rief der Anästhesist entsetzt. Eine Sekunde waren alle starr vor Schrecken.
Dann riß Dr. Schumann sich mit einer wilden Bewegung den Mundschutz ab, schrie: »Reiner Sauerstoff!«
Mit dem Handballen begann er rhythmisch das Herz der Patientin zu massieren. Dr. Leopold schaltete das Ventil des Trachealkatheters auf reinen Sauerstoff, um die Patientin künstlich zu beatmen.
Im OP herrschte Totenstille.
»Kein Puls«, meldete der Anästhesist.
Dr. Schumann nahm eine Punktionsnadel und stieß sie tief in die Brust der Patientin. Sie traf das Herz. Im gleichen Augenblick entwich Luft mit pfeifendem Geräusch, und am Ende der hohlen Nadel bildete sich ein kleines Knäuel von blutigroten Bläschen. Dr. Schumann zog die Nadel zurück und setzte die Massage des Herzens fort. Er massierte unaufhörlich, verbissen, obwohl er wußte, es schon im ersten Augenblick gewußt hatte, daß alles vergebens war.
Susanne Overhoff war tot.
Aber er hoffte auf ein Wunder, denn nur ein Wunder hätte es vermocht, diese Tote zum Leben zu erwecken.
Als Frau Dr. Holger zehn Minuten später in den OP kam, um die Rettung des Neugeborenen zu melden, begriff sie sofort, daß Ungewöhnliches geschehen sein mußte, denn normalerweise wäre die Operation jetzt schon beendet gewesen. Sie trat näher, sah das wächserne Gesicht der Patientin, blickte auf Dr. Schumann. Ihre Augen begegneten sich.
»Luftembolie?« fragte die Ärztin.
Dr. Schumann nickte. Er war außerstande, ein Wort hervorzubringen.
»Und der Professor?« fragte sie. »Weiß er es schon?«
Niemand antwortete ihr.
Erst nach einer ganzen Weile sagte Dr. Gerber, der sich jetzt ebenfalls den überflüssig gewordenen Mundschutz abgenommen hatte: »Bitte, Kollegin … sprechen Sie mit ihm!«
Frau Dr. Holger sah erschrocken die drei Ärzte an – den schweren, breitschultrigen Rainer Schumann, den schmalen, intellektuellen Erich Gerber und den jungen, noch ganz unbelasteten Günter Bley. Sie alle waren Männer, starke, selbstbewußte Männer, und doch brachte keiner von ihnen den Mut auf, dem Chef die Wahrheit zu sagen. Diese Aufgabe schoben sie ihr, der Frau, zu. Warum sollte ausgerechnet sie –? Sie hatte eine Ablehnung schon auf den Lippen, da besann sie sich. Sie begriff, daß jeder dieser drei Männer am Ende seiner Kräfte war.
»Gut«, antwortete sie, »ich werde es tun.«
Dr. Schumann drehte sich um, verließ den Operationssaal und trat in den Waschraum. Dr. Gerber folgte ihm. Eine Schwester nahm ihnen Kittel und Kappen ab, drehte die Hähne auf.
»Es ist nicht deine Schuld«, meinte Dr. Gerber, während sie sich nebeneinander die Hände wuschen. »Frau Overhoff hätte dieses Kind niemals bekommen dürfen. Eine Frau, die schon bei zwei Schnittentbindungen Komplikationen hatte! Es wäre das reinste Wunder gewesen, wenn alles gut gegangen wäre.«
»Manche Menschen glauben eben an Wunder«, erwiderte Dr. Schumann und hielt sein Gesicht unter das fließende Wasser, wusch sich Nacken und Augen. »Schön und gut«, konterte Dr. Gerber, »wenn ein Laie solche Geschichten macht, will ich gar nichts sagen. Aber ein Frauenarzt!« Er warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter, aber die Schwester stand in einiger Entfernung, war damit beschäftigt, Dr. Leopold und Dr. Bley aus ihren Kitteln zu helfen. »Wirklich leichtsinnig von dem Alten. Frau Overhoff hätte schon nach der zweiten Geburt sterilisiert gehört.«
»Das wäre gegen Professor Overhoffs Überzeugung«, sagte Dr. Schumann müde.
»Wenn ich so etwas schon höre! Auf normale Weise hätte Susanne Overhoff überhaupt kein Kind bekommen, ihr Becken war viel zu eng. Dabei hätte ihr auch der liebe Gott nicht helfen können. Ohne ärztliche Hilfe wäre sie schon bei der ersten Geburt gestorben. Weißt du, was diese Schwangerschaft war? Eine Herausforderung an das Schicksal, mein Lieber!« Er schüttelte die nassen Hände ab. »Komm mit auf meine Bude, trinken wir einen Schnaps; den können wir jetzt wohl brauchen.«
Dr. Schumann hatte wenig Lust, dieser Aufforderung zu folgen. Er wußte, daß Dr. Gerber die Gelegenheit ausnützen würde, wieder einmal seine Theorien vorzutragen, die im krassen Gegensatz zu Professor Overhoffs und auch seiner eigenen Anschauung von den Pflichten und Aufgaben eines Frauenarztes standen. Er wußte, daß er nach dieser Erschütterung ein sehr schlechter Diskussionspartner sein würde.
Aber noch mehr graute ihm vor einer Aussprache mit seiner Frau. Er warf einen Blick auf die Wanduhr. Falls er noch blieb, konnte er wenigstens hoffen, daß Astrid schon eingeschlafen war, wenn er nach Hause kam.
»Gut«, sagte er, »ich komme mit.«
Professor Overhoff saß hinter dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers, als Frau Dr. Holger eintrat, im weißen Kittel, das blonde Haar schlicht zurückgekämmt. Overhoff sprang bei ihrem Eintritt so heftig auf, daß der schwere Aschenbecher vom Schreibtisch fiel und Zigarettenasche und Stummel sich über den Perserteppich ergossen.
»Ist es … vorbei?« fragte er.
»Ja«, antwortete Irene Holger beherrscht. »Sie haben einen gesunden kleinen Jungen bekommen, Herr Professor!«
»War die Geburt sehr schwer?«
»Ihre Gattin hat nichts davon gespürt.«
»Und wie geht es ihr? Wie geht es ihr jetzt?«
»Gut. Bitte, setzen Sie sich doch, Herr Professor!«
Irene Holger trat auf Professor Overhoff zu, drückte ihn sanft in den Sessel zurück. »Ihrer Frau geht es gut«, sagte sie noch einmal, »sie hat keine Schmerzen und keine Ängste mehr … Gott hat sie zu sich genommen.«
Professor Overhoff saß ganz starr. Sie spürte, wie sich seine Muskeln verkrampften. Er öffnete den Mund – aber der Schrei seines Herzens blieb stumm. »Sie ist in dem Augenblick gestorben, in dem sie ihr Ziel erreicht hatte … gerade als ihr kleiner Sohn den ersten Laut von sich gab. Sie hat glücklich gelebt, und sie ist glücklich gestorben. Das ist wohl mehr, als man von den allermeisten Menschen sagen kann.« Mit einer Stimme, die seltsam fremd und undeutlich klang, so als ob es ihm schwerfiele, die Laute zu artikulieren, sagte Overhoff: »Gehen Sie jetzt. Bitte, lassen Sie mich allein!«
»Wenn Sie Ihren Sohn sehen wollen …«
Er holte tief Luft. »Nein!« Seine Stimme schnappte über. Frau Dr. Holger stand ganz still und sah auf ihn herab. Sie wußte, daß es für diesen Mann keinen Trost gab und keine Rechtfertigung. Dennoch widerstrebte es ihr zutiefst, ihn in dieser Verfassung allein zu lassen.
»Herr Professor …«, versuchte sie es noch einmal, aber es gelang ihr nicht, den Satz zu Ende zu sprechen.
»Raus!« stöhnte er. »Raus!«
Wortlos, mit zusammengebissenen Zähnen, verließ Frau Dr. Holger das Arbeitszimmer des Professors. Erst als sie auf dem langen, spärlich beleuchteten Gang stand, spürte sie, daß auch ihre eigenen Nerven zu versagen drohten. Aber sie straffte die Schultern und wandte sich entschlossen zum Säuglingszimmer.
2
Als Dr. Rainer Schumann nach Hause kam, war es zwei Uhr vorbei. Erleichtert stellte er fest, daß das Haus im Dunkel lag. Die Party war vorüber.
Er schloß die Haustür auf, so lautlos wie möglich, hängte seinen Mantel in die Garderobe und stieg auf Zehenspitzen die Treppe hinauf. Sein Gang war nicht mehr ganz sicher, denn er hatte zusammen mit seinem Kollegen eine volle Flasche Kognak geleert. Aber der Alkohol hatte nicht vermocht, seine bohrenden Gedanken zu beruhigen.
Er ging ins Bad, stellte fest, daß die Verbindungstür zum Schlafzimmer seiner Frau nur angelehnt war und wollte sie sacht ins Schloß ziehen.
Aber Astrid hatte ihn schon gehört. »Rainer!« rief sie, und ihre Stimme klang sehr wach.
Wohl oder übel mußte er eintreten.
Astrid hatte das Nachttischlämpchen angeknipst. Sie lag in den weißen Kissen, verführerisch schön. Das Dekolleté ihres zartblauen Nachthemdes war verrutscht, ihre schlanken, glatten Arme waren bloß, ihr Haar leicht zerzaust.
»Du kommst spät«, sagte sie kühl.
»Ja, ich weiß …« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Entschuldige, bitte, ich …« Er trat näher.
»Du hast getrunken«, stellte sie sehr sachlich fest.
»Ja.«
»Gab es einen Anlaß zu feiern?«
»Ich verstehe nicht«, sagte er unbehaglich, obwohl er sie nur zu gut verstand.
»Ist Susanne glücklich? Hat sie endlich ihren heißersehnten Sohn?« fragte Astrid spöttisch.
Dr. Schumann mußte sich räuspern. »Ja. Es ist ein Junge.«
»Und Susanne?«
Er antwortete nicht sofort, und plötzlich begriff sie alles.
Sie setzte sich mit einem Ruck steil in den Kissen auf, ihre Augen flammten. »Mörder!« schrie sie. »Du Mörder!«
Oberarzt Dr. Rainer Schumann zuckte zusammen wie unter einem Schlag. Dennoch klang seine Stimme fast kalt, als er erwiderte: »Astrid, du tust mir unrecht. Ich habe alles getan, was in meiner Kraft stand, um Susannes Leben zu retten. Mich trifft keine Schuld.«
Sie sah nicht, daß er die Hände zu Fäusten geballt, die Nägel in die Handflächen gebohrt hatte, um seine Beherrschung nicht zu verlieren. Seine Ruhe, die sie für Gleichgültigkeit hielt, machte sie rasend.
»Grausam bist du!« schrie sie. »Gemein! Du und dein Professor … ihr beide habt sie auf dem Gewissen …«
Er ertrug es nicht länger. »Du weißt nicht, was du redest! Es war Susanne Overhoffs freier Wille …«
»Freier Wille!« rief sie höhnisch; aber ein kleiner zitternder Bruch in ihrer Stimme zeigte, wie nah ihr die Tränen waren. Dr. Schumann sah sie an. Sie war schön in ihrer Erregung. Sie war seine Frau. Er liebte sie; begehrte sie in diesem Augenblick, da es zum erstenmal in ihrer Ehe zu einem offenen Ausbruch zwischen ihnen gekommen war, vielleicht mehr denn je.
»Astrid«, sagte er und trat einen Schritt näher an ihr Bett, »glaub mir, ich verstehe deine Erregung … ich liebe dich doch!«
»Liebe, was ist Liebe? Ihr wollt alle dasselbe … eine Frau, die euch Kinder gebärt. Wir sind doch nur Mittel zum Zweck!« Sie hob die schlanken nackten Arme, preßte die Hände auf die Ohren. »Ich kann es nicht mehr ertragen! Aus freiem Willen, hast du gesagt? Als wenn ich nicht wüßte, wie dieser freie Wille ausgesehen hat! Arme, arme Susanne. Tag für Tag und Stunde für Stunde mußte sie im Gesicht ihres Mannes lesen, daß er nur einen einzigen Wunsch hatte … einen Sohn. Oh, mach mir nichts vor. Er hat sie mürbe gemacht, dein berühmter Professor, dieser große Ehrenmann! Genau wie du es mit mir versucht hast. Von Anfang an!«
»Astrid«, sagte er beherrscht, »ich gebe ja zu, daß ich mir unsere Ehe anders vorgestellt habe. Ist es denn ein Verbrechen, sich Kinder zu wünschen?« Er lächelte plötzlich. »Es brauchen keine Söhne zu sein. Mädchen wären mir genauso lieb.«
»Hör auf«, sagte sie, »hör auf!« Ihre tiefblauen Augen standen voller Tränen. Mit einer rührenden Geste der Resignation ließ sie die Arme sinken.
»Astrid!« beschwor er sie, »glaub mir doch, daß ich dich verstehe. Du hast Angst …«
»Angst? Ja, ich habe Angst. Aber es ist nicht das allein. Ich möchte frei sein, ich möchte leben, ich möchte geliebt werden … um meiner selbst willen.«
»Aber das tue ich doch, Astrid. Spürst du das denn nicht?«
Er beugte sich zu ihr und strich zärtlich über die kühle, glatte Haut ihres Armes.
Sie zuckte zurück. »Rühr mich nicht an!« rief sie. »Wenn du mich noch einmal anrührst … ich werde dieses Haus verlassen. Für immer.« Als ob sie erst jetzt ihre Blöße bemerkt hätte, zog sie mit einer jähen Bewegung die Daunendecke über die Schultern.
Er sah auf sie herab und war sich seiner Kraft bewußt. Er spürte die Versuchung, ihren Widerstand zu brechen. Ihr schmaler Körper zeichnete sich unter der Seidendecke ab, starr und gespannt und voller Abwehr bis in die letzte Faser. Er war ein Mann, er war ihr Mann – und er hatte das Recht, sie zu besitzen.
Ihre Blicke begegneten sich, und sie erkannte, was in ihm vorging.
»Geh!« schrie sie ehtsetzt. »Geh! Ich … ich hasse dich!«
Er holte Luft, mit einem tiefen keuchenden Atemzug. Dann drehte er sich wortlos um und verließ das Schlafzimmer seiner Frau.
Als die Tür wie mit tödlicher Endgültigkeit hinter ihm ins Schloß fiel, starrte Astrid ihm noch immer angsterfüllt nach.
Drei Tage später wurde Susanne Overhoff beerdigt.
Kopf an Kopf drängte sich die Trauergemeinde. Die Ärzte der Frauenklinik waren vollzählig erschienen, soweit sie sich vom Dienst hatten frei machen können, auch die Schwestern, Laborantinnen, Hebammen. Dr. Leopold, der Anästhesist, stand neben dem jungen Dr. Bley, einen Schritt hinter ihnen Dr. Gerber, ein kleines süffisantes Lächeln um die Mundwinkel. Frau Dr. Irene Holger, mit weit aufgerissenen Augen, hatte die Lippen fest zusammengepreßt. Oberschwester Helga, statt in gewohnter Tracht mit schwarzem Mantel und schwarzer Persianermütze, hielt ein weißes Tüchlein in der Hand, das sie immer wieder an die Augen führte. Die junge Schwester Patrizia von der Kinderstation schien hinter ihrem kräftigen Rücken Schutz zu suchen.
Kollegen des Professors aus anderen Fakultäten waren zum Begräbnis gekommen, Studienfreunde, Vertreter der Universität, der Stadt, Journalisten, Patientinnen, Neugierige.
Die Stimme des Pfarrers, eines mageren, lebhaften kleinen Mannes, hätte selbst bei voller Lautstärke die hinteren Reihen nicht mehr erreicht, und er machte auch gar nicht den Versuch dazu.
Professor Overhoff hielt die Augen starr, mit einem Ausdruck angestrengter Konzentration, auf ihn gerichtet. Er sah zwar das Mienenspiel des Pfarrers, die Bewegungen seiner Lippen, aber er war nicht imstande, den Sinn der Worte aufzunehmen, die wie eine unbarmherzige Flut gegen seine Ohren brandete. Hin und wieder drangen Satzfetzen in sein Bewußtsein: »… ein wahrhaft christliches Leben … eine gute, reine Frau … das höchste Opfer … Gottes Liebe …« Aber die Worte ergaben keinen Sinn, schienen weder etwas mit ihm noch mit dem Schicksal seiner Frau zu tun zu haben. Der Professor befand sich in einem Zustand dumpfer Betäubung. Es war nicht Trauer um seine Frau, was er empfand; es war viel mehr. Ihr Tod hatte ihn wie eine körperliche und seelische Verstümmelung getroffen; wie eine riesige Wunde, an der seine Persönlichkeit verblutete. Er konnte nicht mehr weinen, und er konnte nicht mehr beten. Sein Kopf schmerzte, als habe er ihn gegen eine Mauer von Granit gestoßen.
Er begriff nicht, wie dies hatte geschehen, wieso gerade ihm dieser Schmerz hatte zugefügt werden können. Obwohl er Arzt war und der Tod zu seinen täglichen Erfahrungen gehörte; obwohl er wußte, welches Risiko die dritte Geburt für seine Frau bedeuten mußte, hatte er es im tiefsten Herzen nicht eine Sekunde lang für möglich gehalten, daß es Susanne treffen könnte. Er glaubte sie und sich selber gefeit durch die lebendige Kraft ihrer Liebe, ihres Glaubens und ihrer Gebete. Doch Gottes Hand, in der sie beide sich so sicher und geborgen gefühlt, hatte sie fallenlassen. Warum? Warum?
Ein Bild tauchte in Professor Overhoffs Erinnerung auf, das Bild eines jungen Mädchens, an das er seit vielen Jahren nicht mehr gedacht hatte, das er völlig vergessen zu haben glaubte. Jetzt plötzlich sah er Sibylle Kalthoff vor sich, so deutlich und greifbar wie damals, als sie zu ihm in die Praxis kam, kurz bevor man ihn mit der Dozentur betraut hatte. Ein blasses Mädchen, Tochter aus gutem Hause, neunzehn Jahre. Sie war im dritten Monat.
Sie weinte nicht, als er es ihr bestätigte. Nur ganz still wurde sie. »Sie müssen mir helfen, Herr Doktor!« Es war ihm, als höre er noch ihre kleine brüchige Stimme. »Sie müssen!« Und dann hatte sie ihre Geschichte erzählt, die Geschichte einer Vergewaltigung. »Dieses Kind darf nicht zur Welt kommen«, hatte sie gefleht, »meine Eltern … nein, ich könnte es nicht ertragen.« Und er? Er hatte das übliche gesagt, ihr vom Segen der Mutterschaft erzählt und daß alles ganz anders aussehen würde, wenn das Kind erst da wäre; daß sie dann sehr glücklich sein würde und ihre Eltern sich damit abfinden und ihr Enkelkind liebhaben würden.
»Das Kind einer Bestie?« hatte Sibylle geantwortet. Einer Bestie, ja, er erinnerte sich noch genau an diese Worte. Er war betroffen gewesen. Aber er hatte ihr nicht geholfen. Weil es verboten war? Oder weil er um seinen guten Ruf fürchtete, seine Karriere nicht aufs Spiel setzen wollte? Oder wirklich nur deshalb, weil er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte?
»Wie unbarmherzig Sie sind«, hatte Sibylle gesagt.
Das waren ihre letzten Worte gewesen. Er sah sie nie wieder. Ein paar Wochen später erfuhr er von ihrem Tod. Durch eine Anzeige in der Tageszeitung. »Tragischer Unglücksfall«, hatte es dort geheißen. Es kam nie heraus, ob sie sich einem Kurpfuscher in die Hände gegeben und daran gestorben war oder ob sie ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte. Den Eltern war es gelungen, die Sache zu vertuschen.
Er, Paul Overhoff, fühlte sich damals von diesem Tod nicht betroffen. Er glaubte, sich keine Vorwürfe machen zu müssen, denn er war sicher, sich richtig entschieden zu haben. Der Sinn des Lebens, der Sinn von Zeugung und Fortpflanzung, die Gebote Gottes und der christlichen Kirche – das war seine Richtschnur.
Er hatte das Rechte getan. Aber vielleicht war es nicht genug, das Rechte zu tun? Ist es überhaupt das Rechte gewesen?
»Wie unbarmherzig Sie sind!« Diese Worte dröhnten in Professor Overhoffs Ohren, übertönten die Grabrede des Pfarrers, waren so laut, daß er plötzlich befürchtete, alle, die mit ihm am offenen Grab seiner Frau standen, müßten es hören.
In panischer Angst blickte er um sich, sah Augen, unzählige Augenpaare, neugierig, mitleidig, sensationslüstern auf sich gerichtet. Ihm war, als wenn alle diese Menschen um seine innere Qual wüßten, seine Schuld und sein Elend.
Der Pfarrer hatte seine Rede beendet, die letzten Gebete gesprochen. Der Sarg wurde in die Grube gesenkt und stieß polternd gegen die Wände des Grabes, Der Pfarrer nahm dreimal eine Handvoll Erde von der Schaufel, die der Mesner ihm reichte, warf sie mit segnender Gebärde auf den Sarg, der schon in der Tiefe verschwunden war. Professor Overhoff folgte dem Beispiel des Pfarrers.
Frau Dr. Holger führte Eva vor. Zögernd warf auch sie eine Handvoll Erde in das Grab. Dann blieb das junge Mädchen starr und steif am Grab der Mutter stehen und nahm die Kondolationen der Trauergäste entgegen, von denen ihr kein Trost kommen konnte – eine erbarmungswürdige, ganz und gar verlorene kleine Gestalt.
Oberarzt Dr. Rainer Schumann nahm nicht an der Beerdigung teil. Ihn hatte das Los dazu bestimmt, »die Festung zu halten«, wie Dr. Gerber es nannte, und er hatte diese Entscheidung mit kaum verhüllter Erleichterung zur Kenntnis genommen.
Seit er als Student am Seziertisch lernen mußte, Muskeln, Nerven, Hirn und Organe von Leichen zu präparieren, war es ihm nie mehr gelungen, in einem Toten, solch einem entseelten Stück Fleisch, einen Menschen zu sehen. Deshalb hatte für ihn auch der starre kalte Körper, der heute in einer feierlichen Zeremonie ins Grab gesenkt wurde und bald in Verwesung übergehen würde, nichts mehr mit der lebenden, gütigen Susanne Overhoff zu tun, deren Bild er für alle Zeiten in der Erinnerung behalten wollte.
Dr. Schumann war viel zu stabil, als daß ihn der tragische Tod dieser Frau hätte aus dem Gleichgewicht werfen können. Aber er war tief beunruhigt. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, jene verhängnisvolle Operation immer wieder in allen Einzelheiten durchzudenken, ehrlich bemüht, den Ansatzpunkt eines menschlichen Versagens, eines Irrtums oder Fehlers zu finden. Obwohl er sich mit gutem Gewissen freisprechen konnte, gelang es ihm nicht, die heftigen Anklagen seiner Frau einfach abzutun. Ein Unbehagen blieb.
Seit jener nächtlichen Szene hatten Astrid und er nur noch das Nötigste miteinander gesprochen. Eine Kluft war zwischen ihnen aufgebrochen, über die keine Brücke mehr zu führen schien.
Während draußen auf dem Nordfriedhof das Begräbnis stattfand, machte er eine kurze Visite, ohne großen Stab, nur von einer Schwester begleitet. Er besaß die Fähigkeit, Menschen zum Sprechen zu bringen und sie anzuhören – einer der Gründe, warum die Patientinnen ihn liebten. Aber diesmal verhielt er sich kurz angebunden, fast schweigsam, stellte nur die allernotwendigsten Routinefragen. Er las in den fragenden Augen der Patientinnen den Wunsch, über den Tod der Frau des Professors mit ihm zu reden, und gerade das wollte er natürlich auf jeden Fall vermeiden.
Später ging er ins Kinderzimmer der Privatstation – allein, denn die wenigen Schwestern, die an diesem Nachmittag in der Klinik geblieben waren, hatten alle Hände voll zu tun. Zwanzig Bettchen, von denen augenblicklich zwölf belegt waren, standen in diesem sehr hellen, freundlichen Raum. Die Säuglinge hatten ihre dritte Fütterung hinter sich und schliefen nun satt und zufrieden. Nur Karin, ein acht Tage altes kleines Mädchen, das morgen mit seiner Mutter entlassen werden sollte, bewegte die winzigen Hände und babbelte vor sich hin. Dr. Schumann ging das Herz auf. Der scharfe Desinfektionsgeruch konnte den warmen, atmenden Duft jungen Lebens nicht verdecken. Er schritt von Bett zu Bett. Zwei der Säuglinge zeigten eine leichte Gelbverfärbung. Das war normal. Der sogenannte Ikterus neonatorum tritt bei drei Viertel aller Kinder in der Neugeburtszeit auf. Als aber Dr. Schumann an das Bettchen eines am vergangenen Abend geborenen kleinen Jungen kam, stutzte er. Die Haut des Kleinen war stark verfärbt, zeigte ein tiefes Gelb, das fast schon ins Bräunliche ging. Die Säuglingsgelbsucht war zu früh und zu heftig aufgetreten.
Er warf einen Blick auf die Tafel über dem Bett, las den Namen der Mutter. Inge Weyrer. Alle Anzeichen wiesen auf eine Blutkrankheit des Säuglings hin.
Im Bettchen gleich nebenan lag der Sohn Professor Overhoffs, ein kräftiges Kerlchen mit einem ungewöhnlich gut ausgebildeten Schädel. Es schlief tief und fest, die winzige Faust an die Wange gepreßt, unschuldsvoll und ahnungslos, ein Neugeborener wie Millionen andere – und doch schon im Augenblick der Geburt vom Schicksal gezeichnet. Er würde ohne Mutterliebe aufwachsen, würde nie jene zärtliche, behütende Fürsorge spüren, die jedes junge Wesen ebenso dringend braucht wie Licht, Luft, Wärme und Nahrung. Und eines Tages würde er erfahren, daß er mit seinem Leben das der Mutter vernichtet hatte, ohne Wollen und Wissen, vom ersten Atemzug an mit tragischer Schuld beladen.
Dr. Schumann richtete sich auf, als die Tür zum Säuglingszimmer aufgerissen wurde. Schwester Patrizia wirbelte herein, atemlos, das Häubchen schief auf den blonden Locken. Als sie den Oberarzt sah, vertiefte sich das Rot ihrer Wangen. »Oh«, stieß sie verlegen hervor, »entschuldigen Sie bitte, Herr Doktor! Ich … die Beerdigung …«
»Aber ich weiß ja«, sagte Dr. Schumann ruhig, »Sie waren beurlaubt …« Er sah, wie sie nervös an ihren Schürzenbändern nestelte, wie ihre Finger zum Kopf tasteten, um das Häubchen geradezurücken, und irgend etwas trieb ihn dazu, sie zu reizen. »Na, ich hoffe, Sie sind wenigstens auf Ihre Kosten gekommen … oder?« fragte er.
»Auf meine …?« wiederholte sie arglos, dann erst begriff sie, sagte bestürzt: »Aber nein! Wie können Sie denken!«
Er betrachtete sie nicht ohne Wohlgefallen. Sie hatte ein pikantes kleines Gesicht mit großen runden, kindlichen Augen und eine gutgewachsene Figur mit sehr schmaler Taille. Sie wirkte wie ein sehr junges Mädchen, doch wußte er, daß sie vierundzwanzig Jahre alt war; eine tüchtige und bei aller äußerlichen Verspieltheit durchaus zuverlässige Schwester auf der Säuglingsstation.
»Entschuldigen Sie«, sagte er betont gelassen, »wenn ich Ihnen unrecht getan habe.«
Sie holte tief Luft. »Herr Doktor!« Dann änderte sie unvermittelt den Ton, zeigte lächelnd runde Grübchen. »Na ja, ein bißchen stimmt’s schon. Neugierig sind wir Frauen ja alle, und wir Schwestern, fürchte ich, ganz besonders. Aber ich bin froh, daß ich dort gewesen bin. Wenn Sie den Pfarrer gehört hätten … er sprach wirklich wundervoll.«
›Das ist sein Beruf‹, hätte er beinahe gesagt, aber er verkniff sich diese Bemerkung.
Schwester Patrizia nahm sein Schweigen als Interesse. »Er hat genau gesagt, was ich selbst gefühlt habe«, plauderte sie, während sie mit flinken Fingern Stöße von Windeln, Hemdchen, Jäckchen zu sortieren begann, »nur hätte ich es nie so formulieren können. ›Diese Mutte‹ – hat er gesagt, »brachte das größte Opfer, das ein Mensch überhaupt bringen kann. Sie hat ihr eigenes Leben hingegeben, um die Seele ihres Kindes ans Licht zu bringen …!‹ – und, nicht wahr, das stimmt doch? Es muß wunderbar sein, so sterben zu dürfen … einen so sinnvollen Tod!« Sie hielt in der Bewegung inne und sah Dr. Schumann an.
»Wenn man es so sieht …«, sagte er schwach.
»Aber man kann es doch nur so sehen!« rief sie eifrig.
»Die Frau Professor hat ja gewußt, daß sie ihr Leben aufs Spiel setzte … sie hat es freiwillig und ganz bewußt hergegeben, um …« Sie unterbrach sich. »Mir fehlen die richtigen Worte, aber es ist bestimmt das Größte, das eine Frau tun kann.«
Er beobachtete sie mit Interesse. »Glauben Sie, daß Sie es auch können?«
»Ich!? Nein … o nein. Dazu bin ich viel zu … zu egoistisch, sie, die Frau Professor, war eine Heilige. Aber verstehen kann ich es. Kinder zu bekommen ist das Wunderbarste, was es gibt.«
Wie eine Vision sah Dr. Schumann Astrid vor sich, erinnerte sich ihrer heftigen Worte, ihres Entsetzens, ihres Abscheus. Aber ganz rasch schüttelte er dieses Bild von sich ab, ärgerte sich über sich selber, daß er seine Frau mit dieser jungen Schwester verglich.
»Dann wundert es mich, daß Sie noch nicht ans Heiraten gedacht haben«, sagte er gewollt spöttisch.
Sie lächelte zu ihm auf. »Ich tu’s dauernd«, bekannte sie, »aber den Richtigen habe ich noch nicht gefunden. Meine Mutter sagt immer man kann den Vater seiner Kinder gär nicht sorgfältig genug auswählen!«
Die Tür öffnete sich, Frau Dr. Holger trat ein, Dr. Schumann glaubte zu fühlen, daß er rot wurde. Hatte er ein schlechtes Gewissen?
»Gut, daß Sie kommen, Frau Kollegin«, sagte er rasch, »sehen Sie doch, bitte, den kleinen Weyrer einmal an … sieht wie ein Rhesus aus. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie eine Blutabnahme durchführen und die Probe sofort ins Labor geben würden.«
»Sie haben recht«, erwiderte die Ärztin, die an das Bett des Kindes getreten war, »das ist sehr rasch gekommen. Heute früh war noch nichts zu sehen.«
»Eventuell müssen wir einen Blutaustausch vornehmen. Bitte, unterrichten Sie mich auf jeden Fall über das Labor-Ergebnis.« Dr. Schumann wandte sich zur Tür.
»Einen Augenblick noch«, bat die Ärztin, »ich hätte gern mit Ihnen über den kleinen Overhoff gesprochen …«
»Irgend etwas nicht in Ordnung?«
»Er ist vollkommen gesund. Herztöne, Reaktionen, alles großartig. Ich möchte nur einen Vorschlag wegen der Ernährung machen … Elfie Peters hat Milch in Hülle und Fülle, ihr Kerlchen kann’s gar nicht bewältigen. Ob wir den Kleinen nicht bei ihr anlegen sollten?«
»Ist sie einverstanden?«
»Ich habe noch nicht mit ihr gesprochen. Aber ich bin überzeugt, sie wird es gern tun. Das Abpumpen ist ihr nicht gerade angenehm, und sie ist ein nettes Mädchen.«
»Ledig?«
»Ja. Sehr schlechtes Zuhause. Sie würde sicher gern vierzehn Tage hierbleiben. Man müßte mit Herrn Professor darüber sprechen.«
Dr. Schumann zögerte. »Heute wird er sicher nicht mehr kommen …«
»Doch. Ich habe mich erkundigt. Er ist schon da.«
»Ob es dann richtig ist, wenn ich gerade jetzt, nach der Beerdigung …«
»Wir müssen versuchen, ihm darüber hinwegzuhelfen, ihn an seinem Sohn zu interessieren. Gerade jetzt …«
»Warum sprechen Sie dann nicht selber mit ihm, Frau Kollegin?« wandte Dr. Schumann unbehaglich ein. »Sie sind eine Frau, Sie könnten sicher am ehesten …«
»Haben Sie vergessen, daß ich es war, die ihm den Tod seiner Frau mitgeteilt hat?« sagte die Ärztin sehr ruhig. »Im Altertum ließ man die Boten einer Unglücksnachricht töten. Nicht ganz unverständlich. Mein Anblick würde vielleicht alles von neuem in ihm aufreißen …«
Professor Overhoff saß, den Kopf in die Hände gestützt, hinter seinem leeren Schreibtisch, als Dr. Schumann ins Zimmer trat. Er machte nicht die geringsten Anstalten, Haltung vorzutäuschen.
Unwillkürlich blieb Dr. Schumann nahe der Tür stehen. Wohl hatte er erwartet, einen schmerzgebeugten Mann anzutreffen, aber er erschrak dennoch über das Ausmaß dieses Zusammenbruchs. War das Haar des Professors wirklich über Nacht so grau geworden? Oder täuschte er sich? Lag es an dem schwarzen Anzug, der schwarzen Krawatte, dem bleichen Gesicht, die ihn um Jahre gealtert erscheinen ließen?
Er wagte nicht, ihn anzusprechen, sondern wartete stumm, bis der Professor endlich den Kopf hob und ihn aus Augen ansah, die, ohne Ausdruck, in weite Fernen gerichtet zu sein schienen.
»Ja?« fragte Professor Overhoff müde. »Was gibt es?«
»Entschuldigen Sie bitte, daß ich Sie störe, Herr Professor«, sagte Dr. Schumann und war sich seiner eigenen Unbeholfenheit quälend bewußt, »aber ich komme … es ist wegen des Jungen.«
»Des Jungen?« wiederholte der Professor verständnislos.
»Wegen Ihres Sohnes«, sagte Dr. Schumann mit Nachdruck. Das Gesicht des Professors blieb völlig unbewegt, zeigte nicht die Spur einer Anteilnahme.
»Frau Dr. Holger hat den Vorschlag gemacht … einen Vorschlag, den ich übrigens unterstützen möchte … ihn einer Wöchnerin der dritten Station anzulegen, einer sehr gesunden jungen Frau, die …«
Professor Overhoff unterbrach ihn. »Ja, dann tun Sie das doch«, sagte er in einem Ton, der deutlich zeigte, daß er sich durch diese Frage im Augenblick nur belästigt fühlte.
»Danke, Herr Professor.« Dr. Schumann suchte nach Worten, die diese Wand, mit der der Witwer sich umgeben hatte, hätten durchbrechen können. »Es ist ein prächtiger Kerl«, begann er, »wenn Sie ihn sich einmal ansehen würden …«
»Wozu?«
Eine Sekunde lang verschlug es Dr. Schumann die Sprache. Dann fuhr er eindringlich fort: »Es ist Ihr Sohn, Herr Professor … das letzte Vermächtnis Ihrer Frau!« Er hielt inne, hatte das Gefühl, zu weit gegangen zu sein.
Aber der Professor reagierte überhaupt nicht.
Dr. Schumann gab es auf. »Dann werde ich also anordnen …«, sagte er und wollte sich zurückziehen.
Ganz plötzlich rührte sich die Gestalt hinter dem Schreibtisch. »Bitte«, sagte er, »bleiben Sie doch noch …«
Dr. Schumann trat näher, folgte der Handbewegung seines Chefs und ließ sich auf einen der harten, lederbezogenen Stühle nieder.
In die Hände des Professors war Unruhe gekommen, sie glitten nervös über die blanke Fläche des Schreibtisches, nahmen den schweren goldenen Kugelschreiber auf, legten ihn wieder fort. Dr. Schumann wartete geduldig.
»Mir geht da immerzu ein Gedanke im Kopf herum«, sagte Professor Overhoff endlich mühsam; »ein an sich vielleicht abwegiger Gedanke … seien Sie, bitte, ganz ehrlich! Hat jemand Sie schon einmal … unbarmherzig genannt?«
»Doch«, gestand Dr. Schumann; »dies und noch mehr. Meine Frau. Sie hält mich für einen kalten, grausamen Egoisten.«
»Das meine ich nicht. Eine Patientin.« Professor Overhoffs Atem ging schwer. Es war deutlich, wieviel Überwindung ihn dies Gespräch kostete. »Sicher sind doch auch zu Ihnen schon Frauen gekommen … blutjunge Mädchen, verlassene Bräute, Frauen trunksüchtiger Männer, die ihr Kind nicht haben wollten?«
»Natürlich«, antwortete Dr. Schumann verständnislos; »das gehört doch zu den täglichen Erfahrungen jedes Frauenarztes …«
»Und? Haben Sie geholfen?«
»Nein.«
»Waren Sie auch nie … in Versuchung gekommen, es zu tun? Oder … ich will die Frage anders formulieren … sind Sie überzeugt, daß Ihre Weigerung in jedem Fall richtig war?«
»Ich begreife nicht …«
»Doch, doch, weichen Sie mir nicht aus! Sie begreifen sehr gut. Hat Ihnen noch nie jemand gesagt … haben Sie noch nie gespürt, daß Ihre Haltung unbarmherzig war?«
»Wir Ärzte dienen dem Leben«, sagte Dr. Schumann; »und das Leben ist unbarmherzig.«
»Die Natur, meinen Sie …«
Ätzend fielen die Worte in sein Bewußtsein, mit denen Astrid ihn zu verletzen gesucht hatte. »Nein, das Leben!« erwiderte er heftig. »Die Natur will oft auch den Tod. Er allein ist unser Feind, ihn müssen wir bekämpfen. Auch das ungeborene Kind besitzt ein Recht auf sein Leben.«
»Und wenn wir wissen, daß ohne unser Eingreifen beide verloren sind, die Mutter und ihr Kind? Weil so ein blutjunges Ding oder so ein verzweifeltes Wesen die Verantwortung gar nicht tragen kann oder will? Daß sie ihr Leben wegwerfen wird, wenn wir nicht …« Die Stimme des Professors versagte.
»Wir dürfen niemals und in keinem Fall zum Helfershelfer des Todes werden«, erklärte Dr. Schumann mit fester Stimme, »auch wenn er gnädig scheint. Ich weiß, er kann es manchmal, denn …«
Das Schrillen des Telefons unterbrach seinen Satz.
Professor Overhoff nahm den Hörer ab, meldete sich, lauschte. »Ja«, sagte er, »nein … der Herr Oberarzt kommt sofort.« Er legte den Hörer auf, sah Dr. Schumann an. »Sie müssen ins Entbindungszimmer, Kollege … es scheint Komplikationen gegeben zu haben. Die junge Evelyn Bauer.« Dr. Schumann war schon aufgestanden. »Aber, Herr Professor, das ist doch Ihr Fall!«
Professor Overhoff hob die Schultern, ließ sie mit einer resignierten Gebärde fallen. »Bitte, entlasten Sie mich! Sie dürfen mich gern für einen Schwächling halten. Aber ich habe keine Kraft mehr … weder Kraft noch Sicherheit.«
Er versuchte seine Hände ruhig zu halten, aber Dr. Schumann war es nicht entgangen, daß sie flatterten wie die Hände eines sehr alten Mannes.
Astrid Schumann kauerte in dem Sessel am Kamin und blätterte in einer Illustrierten. Sie hörte das Klingeln der Haustürglocke, aber sie dachte nicht daran, aufzustehen. Es war die Aufgabe Fannys, der jungen Hausangestellten, die Tür zu öffnen.
Kurz darauf trat Astrids Schwester Kirsten ein – sehr schick in einem kleinen hellblauen, frühlingshaften Kostüm.
»Fein, daß du da bist«, rief Kirsten munter, lief auf die Schwester zu, küßte sie zärtlich auf beide Wangen, »und gut siehst du aus! Dieser Hausanzug ist ja ganz prachtvoll … reine Seide, wie?«
»Ja«, erwiderte Astrid und änderte unwillkürlich ihre Haltung, um den honiggelben, schimmernden Hausanzug besser zur Geltung zu bringen. »Aber du bist doch nicht extra deshalb gekommen, um mir Komplimente zu machen?«
Kirsten lachte. »Natürlich nicht. Ich war zufällig ganz in der Nähe, da kam ich auf die Idee … du bist mir doch hoffentlich nicht böse, daß ich dich so überfalle?«
»Unsinn. Aber wenn du früher gekommen wärst, hätten wir zusammen Tee trinken können.«
»Danke. Ich habe schon.« Kirsten zog ihre hellgrauen Lederhandschuhe aus, trat an das Feuer und wärmte sich die Hände an den Flammen. »Eigentlich hatte ich gar nicht damit gerechnet, dich zu Hause anzutreffen …« Sie machte eine Pause, und erst als Astrid nicht reagierte, fügte sie hinzu: »Ich dachte, du seiest noch auf der Beerdigung.«
»Nein«, sagte Astrid kurz.
»Dein Mann muß aber wohl jeden Moment kommen.«
»Das weiß ich nicht.«
Kirsten drehte sich um und sah ihre Schwester an. »Aber du mußt doch wissen, ob …« Sie unterbrach sich, fragte bestürzt: »Ist etwas nicht in Ordnung mit euch?«
»Nichts ist in Ordnung, wenn du es genau wissen willst …«
Astrid nahm einen letzten Zug aus ihrer Zigarette und warf den Stummel in weitem Bogen ins Feuer. »Wir sprechen seit Tagen nicht mehr miteinander.«
»Ach!« Kirsten war so schockiert, daß sie einen Augenblick lang einfach nicht wußte, was sie sagen sollte.
»Aber … ich meine«, brachte sie endlich heraus, »liebt er dich denn nicht mehr?«
»Was ein Mann schon unter Liebe versteht!« antwortete Astrid bitter.
Kirsten sah sie verständnislos und mit erstaunten Augen an.
»Ich habe gewußt … ich war ja kein Kind mehr … daß die Männer immer nur das eine wollen«, sagte Astrid mühsam; »aber ich habe gedacht … ich hatte so gehofft … daß das in der Ehe anders sein würde. Es gibt doch tiefere Bindungen, geistig-seelische Beziehungen, die wichtiger sind als das Körperliche.«
Kirsten runzelte die Stirn. »Ist er dir … so zuwider?« fragte sie und errötete über ihre eigene Frage.
»Natürlich nicht. Dann hätte ich ihn doch nicht geheiratet.«
»Aber …?«
»Er quält mich mit seinem ewigen Begehren«, sagte Astrid verzweifelt; »kannst du das denn nicht verstehen? Ich spüre ja deutlich, daß er gar nicht mich will, sondern immer nur … das Kind!«
»Aber das ist doch gerade der Beweis seiner Liebe!«
»Ach, Kirsten«, seufzte Astrid und nahm sich eine neue Zigarette; »was hat es für einen Zweck, mit dir darüber zu reden. Du weißt nicht, wie das ist. Wenn man jeden Monat immer wieder voller Angst darauf wartet, ob man auch seine Tage bekommt … wenn man sein Gesicht im Spiegel betrachtet, voller Furcht, eine Veränderung zu entdecken … sein Gewicht prüft, ob der Leib nicht vielleicht schon schwerer geworden ist …es ist grauenhaft.«
»O doch, das kenne ich«, sagte Kirsten mit gepreßter Stimme; »nur umgekehrt. Ich warte jeden Monat wie du … nur mit verzweifelter Hoffnung statt mit Angst. Und werde wieder, immer wieder enttäuscht. Wenn mein Mann zu mir kommt … du bist die einzige, mit der ich darüber spreche … es ist entsetzlich, ich kann mich nicht mehr richtig entspannen, kann nichts mehr empfinden, muß immer nur denken, denken, denken. Wird es diesmal klappen? Haben wir alles richtig gemacht? Habe ich mich nicht verrechnet?« Sie schluckte schwer. »Eigentlich bin ich nur gekommen, um Rainer zu bitten, mich bei Professor Overhoff anzumelden …«
»Ich würde liebend gern mit dir tauschen«, sagte Astrid.
»Nein, das würdest du nicht. Niemand hilft dir, wenn du ein Kind haben willst … aber ein Kind zu verhüten gibt es Hunderte von Mitteln.« Kirsten sah ihre Schwester an.
»Sag mal, hast du das noch nie versucht?«
»Ich weiß nicht …«, sagte Astrid unbehaglich.
»Aber du solltest es tun!Oder willst du deinen Mann verlieren?«
»Natürlich nicht!«
»Es wird soweit kommen, wenn du so weitermachst. Du mußt etwas unternehmen. Wenn du dich nicht überwinden kannst, ein Kind zu empfangen …«
»Nur das nicht!«
»Dann mußt du den anderen Weg gehen. Ich habe so viele Bücher gelesen, daß ich inzwischen Expertin geworden bin. Willst du meinen Rat haben? Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und ich erzähle dir alles, was ich weiß …«
Astrid tat einen tiefen Atemzug, der fast wie ein nervöses Schluchzen klang. »Ja«, flüsterte sie, »bitte … sag es mir!«
3
Die Patientin Evelyn Bauer wand sich stöhnend auf dem Entbindungslager. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt, die Augen krampfhaft geschlossen. Ihr junges Gesicht war vor Schmerz verzerrt, das blonde Haar von Schweiß verklebt, Sie merkte nicht, daß der Arzt, gefolgt von Schwester Edith, das Zimmer betreten hatte.
Aber die Hebamme zeigte durch ihr spontanes Aufspringen, wie sehr sie auf ihn gewartet hatte. Sie kam Dr. Schumann entgegen: »Eine achtzehnjährige Erstgebärende am Termin«, berichtete sie hastig. »Die Wehen waren bis jetzt regelmäßig, die Fruchtblase ist vor einer halben Stunde gesprungen. Muttermund bis auf den Saum vollständig. Aber die kindlichen Herztöne sind seit zwei Wehenpausen schlecht. Wechselnd zwischen 80 bis 88 in der Minute …«
Mehr noch als diese nüchternen Worte verriet der Gesichtsausdruck der Hebamme große Sorge. Fräulein Lieselotte Mager war zweiunddreißig Jahre alt, arbeitete seit zehn Jahren als Hebamme und war bekannt dafür, daß sie wirklich nur im äußersten Notfall einen Arzt zu Hilfe rief.
»Die Patientin ist verkrampft«, sagte sie; »sie atmet nicht richtig. Ich habe alles versucht, aber sie stirbt fast vor Angst.«
»Keine Schwangerschaftsgymnastik?« fragte Dr. Schumann, doch es klang eher wie eine Feststellung.
»Sie hat ihren Zustand fast bis zuletzt verborgen gehalten«, flüsterte die Hebamme; »sie ist nicht verheiratet.«
»Noch nicht«, sagte Dr. Schumann, denn er kannte Evelyns Geschichte.
Evelyn Bauer war Oberschülerin, Tochter eines angesehenen Geschäftsmannes. Sie hatte sich in den Chauffeur ihres Vaters verliebt und zu ihm gehalten gegen den Widerstand ihrer Eltern auch dann noch, nachdem der junge Mann entlassen worden war. Weil der Vater mit Anzeige gegen ihren Freund drohte, hatte sie es nicht gewagt, die Wahrheit zu gestehen. Dann, als alles herauskam, zeigten sich die Eltern weit großzügiger, als Evelyn befürchtet hatte. Sie verziehen ihr und stimmten einer Heirat zu – erst aber sollte das Kind auf die Welt kommen.
Dr. Schumann beugte sich über den Leib der Erstgebärenden. Er legte das Stethoskop an und lauschte in einer der kurzen Wehenpausen. Die kindlichen Herztöne waren tatsächlich bedenklich verlangsamt.
»Becken hochlagern«, ordnete er an. »Sauerstoff …«
Mit geübten Griffen lagerten Fräulein Mager und Schwester Edith das Becken hoch, die Schwester hielt der Patientin die Sauerstoffmaske vor.
»Einen Handschuh, bitte!«
Die Hebamme hat den sterilen Gummihandschuh schon bereitgehalten. Sehr vorsichtig begann Dr. Schumann mit der vaginalen Untersuchung. Der Muttermund war jetzt nahezu vollständig geöffnet. Der Kopf des Kindes stand etwa in Beckenmitte. Es handelte sich um eine zweite Lage. Der Rücken des Kindes lag auf der rechten Seite.
Dr. Schumann streifte den Handschuh ab, richtete sich auf.
»Vorbereiten zur Zange!«
Schwester Edith verließ eilig das Entbindungszimmer. Noch einmal hörte Dr. Schumann die kindlichen Herztöne ab. Sie waren noch langsamer geworden.
»Du mußt jetzt atmen«, erläuterte die Hebamme, »tief atmen, Evelyn! Dein Kindchen braucht Sauerstoff!«
Der Körper der Patientin krampfte sich unter einer heftigen Wehe zusammen. Sie schrie auf. »Ich kann nicht … kann nicht mehr! O Gott, ich halte es nicht mehr aus!«
Dr. Schumann trat an das Kopfende. »Es geht um Ihr Kind, Evelyn«, sagte er, »um das Kind Ihrer Liebe! Sie dürfen es jetzt doch nicht im Stich lassen. Helfen Sie ihm!«
Zwei-, dreimal gelang es der Patientin, tief durchzuatmen; dann aber, bei der nächsten Schmerzwelle, schrie sie wieder: »Nein, nein, nein! Ich kann nicht mehr!«
Dr. Schumann und die Hebamme atmeten auf, als Schwester Edith mit einer Trage zurückkam. »Im OP ist alles bereit«, meldete sie.
»Gott sei Dank«, flüsterte Fräulein Liselotte erleichtert.
Die beiden Frauen betteten die Patientin auf die Trage um. Vom Eintreten des Oberarztes in das Entbindungszimmer bis zu diesem Augenblick waren knapp vier Minuten vergangen. Dr. Schumanns Indikation stand fest: Zange aus Beckenmitte wegen Verschlechterung der kindlichen Herztöne in der Austreibungsperiode.
Er eilte über den Gang in den gekachelten Waschraum, zog Jacke und Kittel aus, reinigte sich rasch unter fließendem Wasser die Hände. Schwester Edith kam aus dem OP, reichte ihm einen frischen hellgrünen Kittel, Handschuhe.
Als er in den Operationssaal trat, lag die Patientin im hellen schattenlosen Licht der Operationslampen. Ihr Stöhnen war leiser geworden, denn Dr. Leopold hatte ihr schon die erste Spritze gegeben.
»Narkose«, befahl Dr. Schumann.
Der Anästhesist begann mit der Einleitung – keinen Moment zu früh, denn das noch ungeborene Kind durfte auf keinen Fall geschädigt werden. Sekunden später war die Patientin eingeschlafen.
Mit sicheren Händen führte Dr. Schumann den ersten, dann den zweiten Zangenlöffel ein.
Schwester Bertha reichte ihm das Skalpell.
Dr. Schumann legte im Bereich des Dammes einen Schnitt an, eine sogenannte rechtslaterale Episiotomie. Dann begann er mit äußerster Behutsamkeit, rhythmisch an der Zange zu ziehen.
Es schien heiß im Operationssaal. Er spürte, wie ihm Schweiß auf die Stirn trat. In diesen Minuten war er Herr über Leben und Tod eines Menschen, und er war sich dessen bewußt. Ohne die Lippen zu bewegen, schickte er ein Stoßgebet zum Himmel.
Dann, ganz langsam, begann der Kopf des Babys sichtbar zu werden, das schwarze Haar, die kleine Fontanelle vorn.
Der Kopf schnitt durch, war geboren.
Dr. Schumann nahm die Zangenlöffel ab, begann mit beiden Händen erst die Schultern, dann den ganzen kleinen Körper zu entwickeln und hielt das Kind, einen kräftigen kleinen Jungen, während die Hebamme die Nabelschnur abklemmte und durchschnitt. Das Neugeborene war blau verfärbt, tat aber sofort seinen ersten Schnapper. Noch in den Händen des Arztes begann es kräftig zu schreien – ein jämmerliches, mißtönendes Babygeschrei, das dennoch Musik in den Ohren Dr. Schumanns war. Der Kopf des Kindes zeigte keine Quetschungen durch die Zange.
Die Hebamme strahlte, als sie es entgegennahm.
Dr. Schumann richtete sich hoch auf, reckte die Schultern, kostete eine Sekunde lang ein Siegesgefühl aus, beugte sich dann wieder über den Leib der Patientin, um die Plazenta herauszuziehen und den Uterus auf eventuelle Verletzungen zu überprüfen. Es war alles glatt gegangen.
Die Episiotomie mußte genäht werden. Während die eigentliche Extraktion des Kindes nur Minuten gedauert hatte, brauchte Dr. Schumann für diese Arbeit viel mehr Zeit.
Endlich war alles getan. Dr. Schumann dankte seinen Assistenten, ging hinaus, wusch sich die Hände und wechselte den Kittel. Dann trat er noch einmal in den Operationssaal.
Die junge Mutter war erwacht und betrachtete mit glücklichen Augen ihren kleinen Sohn, den ihr die Hebamme – gebadet und gewickelt – in die Arme gelegt hatte.
»Was für ein goldiges Kerlchen«, stammelte sie fassungslos; »mein Kind, unser Kind, ein Junge! Und ich habe gedacht, ich schaffe es nicht … ich hab’ wirklich gedacht …«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Dr. Schumann blickte auf sie herab. »Gratuliere!« sagte er herzlich. »Jetzt können Sie stolz sein …«
Sie sah zu ihm auf. »Stolz? Aber ich … ich habe mich doch schrecklich angestellt, nicht wahr? Entschuldigen Sie bitte, ich …«
»Ach was! Denken Sie doch so etwas nicht! Sie waren sehr tapfer.«
Schwester Edith trat von hinten an Dr. Schumann heran.
»Herr Oberarzt«, sagte sie; »bitte … wie lange dauert es noch?«
Er drehte sich um. »Ich bin hier fertig. Warum?«
»Ihre Gattin wartet auf Sie.«
»Meine Frau?« fragte Dr. Schumann. »Hat sie angerufen?«
Er konnte es nicht verhindern, daß seine Stimme ungläubig klang.
»Nein, sie ist hier. In der Klinik. Die Oberschwester hat sich erlaubt, sie in Ihr Arbeitszimmer zu führen.«
Oberarzt Dr. Rainer Schumann konnte sich nicht erinnern, daß seine Frau Astrid ihn jemals in der Klinik besucht hatte. Nun aber war sie zu ihm gekommen, wartete auf ihn, obwohl sie ihn in der Nacht zuvor Mörder genannt hatte und vor seiner Umarmung zurückgezuckt war. »Rühr mich nicht an, rühr mich nie wieder an!« hatte sie ihn angeschrien.
Er lief über den langen Klinikgang, bemerkte nicht den Gruß der Schwestern, Hebammen und Kollegen, die an ihm vorüberhasteten, dachte darüber nach, was dieser Besuch seiner Frau wohl zu bedeuten hatte. Wartete sie auf ihn, um sich zu versöhnen? War sie gekommen, um ihm zu sagen: „Es ist das beste, wenn wir uns trennen, unsere Ehe ist doch nur Quälerei?«
Dann stand er vor seinem Arbeitszimmer. Schon wollte er die Tür öffnen, zögerte aber noch einmal, zündete sich erst eine Zigarette an und nahm einige tiefe Züge, um sich zu beruhigen. Endlich trat er ein.
Astrid saß hinter seinem Schreibtisch. Sie blickte auf, mit einem seltsamen Ausdruck in den schönen tiefblauen Augen, den er nicht zu deuten wußte. Sie trug ein eng tailliertes schwarzes Kostüm, dessen tiefer spitzer Ausschnitt den Ansatz ihres Busens ahnen ließ. Er glaubte den Duft des kostbaren exotischen Parfüms, das sie zu benutzen pflegte, deutlich zu spüren.
»Du scheinst nicht sehr erfreut«, sagte sie, den Blick unverwandt auf ihn gerichtet.
Er trat näher zum Schreibtisch und streifte die Asche seiner Zigarette ab. »Warum bist du gekommen?« fragte er.
»Ich wollte dich sehen«, erwiderte sie einfach.
Sie erhob sich und kam hinter dem Schreibtisch hervor. Ganz nahe stand sie vor ihrem Mann. Er brauchte nur die Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Er tat es nicht.
»Rainer«, sagte sie leise, und in ihrer Stimme war jener heisere rauhe Klang, der ihn – wie immer – erregte.
Er schob die linke Hand in die Hosentasche, seine Finger umkrampften das kalte Metall seines Schlüsselbundes.
Sie hatte es sich nicht so schwer vorgestellt. Dieser Mann im weißen Arztkittel mit dem verschlossenen, angespannten Gesicht – er schien ihr seltsam fremd und fern.
»Rainer«, wiederholte sie, »ich …« Plötzlich durchzuckte sie jähe Angst. Kam ihr Versöhnungsversuch zu spät? Hatte er sich innerlich schon von ihr abgewandt? Gab es eine andere in seinem Leben?
Fast unbewußt hob sie die Hände, packte ihn bei den Schultern. »Mein Gott«, sagte sie heftig, »sei doch nicht so unerbittlich! Was habe ich denn getan, daß du mir nicht verzeihen kannst? Ja, ich weiß, ich habe dich beleidigt, aber ich … ich wußte gestern nacht nicht mehr, was ich sagte! Ich war so aufgeregt, ganz durcheinander! Ich habe es doch nicht so gemeint!«
Er umschloß ihre Handgelenke und drückte ihre Arme mit sanfter Gewalt nach unten: »Doch, Astrid«, sagte er. »Versuche nicht, mir etwas vorzumachen. Dadurch wird es nicht besser. Du warst hysterisch, stimmt. Aber alles, was du mir vorgeworfen hast, kam aus deinem tiefsten Herzen.«
»Nein, Rainer, nein …« Sie bemühte sich, ihre Hände aus seinem Griff zu befreien. »Bitte, laß mich los, du tust mir weh.«
»Entschuldige!« Er löste seine Hände von ihren Armen und trat einen Schritt zurück.
Sie standen einander gegenüber und vermochten nicht einmal mehr, sich anzusehen. Das Gespräch war auf dem toten Punkt. Beinahe hatte Astrid, einem Impuls folgend, sich umgedreht und wäre aus dem Zimmer gelaufen. Aber sie wollte nicht aufgeben, sie durfte es nicht. Sie begriff, daß sie ihn dann für immer verlieren würde.
»Ich weiß, daß ich viele Fehler habe«, sagte sie. »Ich habe niemals behauptet, ein Engel zu sein. Aber bist du denn ohne Schuld? Du hast doch von Anfang an gewußt, daß ich an deinem Beruf wenig interessiert bin. Ich habe niemals Begeisterung für das Kinderkriegen geheuchelt. Ich habe Angst davor, ja … aber das wußtest du doch, ehe wir uns verlobten. Warum hast du mich dann trotzdem genommen?«
»Weil ich dich liebte …«
»Und jetzt … liebst du mich nicht mehr?«
»Was hat das alles für einen Sinn, Astrid?« Die Zigarette war herabgebrannt. Die Glut berührte seine Fingerspitzen. Er ließ den Stummel auf den abgetretenen Teppich fallen und trat ihn mit dem Absatz aus. »Meine Liebe hat dir ja nie viel bedeutet … Anfangs war ich ganz sicher, du würdest dich ändern. Ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben, bis … nun, du wirst zugeben, daß du neulich in der Nacht sehr deutlich warst. Bitte, komm mir jetzt nicht wieder damit, ich müßte Geduld mit dir haben, Rücksicht auf dich nehmen. Denke doch an die vergangenen Jahre unserer Ehe, an die Tage und Nächte. Denk daran, wie oft ich Rücksicht genommen und verzichtet habe … und was ist dabei herausgekommen?«
»Verzeih mir«, sagte sie schwach.
»Ich bin dir nicht böse …«
Sie versuchte zu lächeln. »Du hast jetzt alles gesagt, was du gegen mich auf dem Herzen hattest. Darf ich dir nun endlich erklären, warum ich gekommen bin?«
Er nickte.
»Weil ich dich liebe«, sagte sie. »Weil ich es nicht ertragen könnte, dich zu verlieren. Ich habe eingesehen … ja, ich habe wirklich eingesehen, daß alles falsch war. Daß sich so keine Ehe führen läßt … und ich wollte dich bitten, es noch einmal mit mir zu versuchen, alles zu vergessen.«
Sie hob mit einer unendlich rührenden Geste die Hände, und er sah die roten Streifen, die sein Griff an ihren Handgelenken hinterlassen hatte. »Rainer, laß uns noch einmal ganz von vorn anfangen. Ich will mich ändern, ich verspreche es dir … ich habe mich schon geändert!«
Er trat einen Schritt auf sie zu. »Astrid, ist das wirklich wahr?«
Sie warf sich in seine Arme, »Bitte«, flehte sie, »bitte, glaub es mir. Du mußt nur ein wenig Geduld mit mir haben?«
Er umschloß sie ganz fest und spürte, wie seine innere Anspannung sich endlich löste, einem alles überflutenden Glücksgefühl wich. »Und wenn wir ein Kind bekämen?«
»Ich habe Angst, immer noch Angst«, flüsterte sie, »aber ich werde es überwinden … ich werde mich freuen. Um deinetwillen. Um unserer Liebe willen. Ach, Rainer …«
Sie hob ihr blasses Gesicht zu ihm auf, er küßte ihr die Tränen aus den Augenwinkeln, ihre Lippen fanden sich. Noch nie hatte sie seine Leidenschaft so vorbehaltlos erwidert.
Endlich löste er sich von ihr, atemlos und fast schwindelig.
»Und nun, Astrid, werde ich dir meine Kinder zeigen!«
Er nahm sie bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer.
Es war kurz vor der vierten Trinkzeit des Tages. Die Schwestern eilten im großen Säuglingssaal geschäftig hin und her, nahmen die Neugeborenen aus ihren Bettchen und packten sie auf flache Wagen. Ohrenbetäubendes Geschrei erfüllte die Luft.
Astrid Schumann hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber sie beherrschte sich, um ihren Mann nicht zu kränken. Sie fühlte sich unbehaglich in dem viel zu weiten Kittel, den er ihr geliehen hatte, und kam sich fehl am Platz vor. Sie glaubte aus den neugierigen Seitenblicken der Schwestern Mißtrauen und Ablehnung zu lesen.
Dr. Schumann spürte nichts von der Beklemmung seiner Frau. »Na, nun sag selber«, forderte er sie auf, so stolz und zufrieden, als ob er persönlich der Schöpfer all dieses brüllenden, strampelnden Lebens wäre, »ist das nicht etwas Wunderbares?«
Astrid zwang sich zu einem Lächeln. »Schreien sie immer so?« fragte sie.
Er lachte. »Nein. Nur jetzt, weil sie Hunger haben. Die Energischen fordern ihre Nahrung, und die anderen brüllen zur Gesellschaft mit … wenn sie ins Bettchen zurückgebracht werden, sind sie wieder ganz friedlich.« Er wandte sich an eine der Schwestern, die in ihrer Nähe wieder einen Wagen vollgepackt hatte.
»Nicht wahr, Schwester Rosa?«
»Die meisten«, erwiderte die Schwester. »Nur Mäxchen kann nie genug haben, und auch die kleine Großfuß müssen wir nachfüttern. Ihre Mutter hat kaum etwas.« Sie sagte es in einem Ton, der ihre Bewunderung für das immer hungrige Mäxchen und ihr Mitleid für die unglückliche Frau Großfuß, die ihr Kind nicht ausreichend nähren konnte, deutlich machte.
Astrid schauderte leicht. »Können Sie alle die Babys so ohne weiteres auseinanderhalten?« fragte sie. »Sie sehen doch alle gleich aus!«
Schwester Rosa gab Astrid mit einem einzigen Blick zu verstehen, was sie von einer solchen Laienfrage hielt, und Dr. Schumann antwortete rasch an ihrer Stelle: »Erstens sehen sie nicht gleich aus, Astrid, das kommt dir nur so vor, und außerdem ist jedes Kind eine kleine Persönlichkeit … Unsere Schwestern schwören darauf, daß schon bei den Neugeborenen die Grundzüge des Charakters deutlich werden. Es gibt lebhafte Neugeborene und auffallend stille; quengelige und geduldige; zornige und heitere. Eine unserer Nachtschwestern behauptet zum Beispiel, daß sie allein am Ton des Geschreis erkennen kann, wer aufgewacht ist, noch bevor sie nach dem Rechten gesehen hat …«
»Wirklich?« fragte Astrid ungläubig. »Aber …«
Dr. Schuhmann zog sie mit sich tiefer in den Saal hinein.
»Du hast natürlich ganz recht. Wir verlassen uns nicht auf unsere Babykenntnisse. Das wäre ja auch unmöglich, weil wir zeitweilig über hundert Neugeborene hier haben und es täglich Ab- und Zugänge gibt. Siehst du diese Schleifchen an den Bettchen?«
»Ja«, sagte Astrid, »sie sind sehr hübsch.«
»Sie dienen nicht der Verschönerung, sondern der Unterscheidung. Jedes Bett, in dem ein Junge liegt, hat ein blaues, jedes Mädchenbett ein rosa Schleifchen.« Er blieb stehen, nahm einer Schwester ein Neugeborenes aus dem Arm und streifte den linken Ärmel ein wenig hoch. »Und sieh mal hier! Ein blaues Bändchen mit der Nummer 47 … weißt du, was das bedeutet? Diese Nummer schließt jede Verwechslung aus. Mutter und Kind bekommen sofort nach der Geburt solch ein Bändchen mit einer gleichlautenden Nummer ums Handgelenk.«
Er gab der Schwester das jämmerlich ziepende Kind zurück. »Schon gut, schon gut, mein Kerlchen, bekommst ja gleich etwas zu essen!« sagte er tröstend.
Der Saal hatte sich inzwischen fast geleert, das Geschrei hallte draußen über die Gänge. Einige Schwestern begannen die Bettchen zu richten und die Fenster zu öffnen.
Dr. Schumann sah sich um. »Schade«, sagte er, »wir kommen in einem ungünstigen Moment. Wir hätten zur Badezeit kommen sollen, dann ist es natürlich viel lustiger.«
»Und der kleine Overhoff?« fragte Astrid mit Überwindung. »Wo ist der?«
»Oben auf der Privatstation. Möchtest du ihn sehen?« Astrid bereute schon ihre Frage. Sie hätte am liebsten gesagt, daß ihr Bedarf an Babys für diesen Tag reichlich gedeckt sei. Nur um ihren Mann nicht zu enttäuschen, nickte sie.
Erst als sie draußen auf dem Gang waren, sagte sie zaghaft:
»Aber dann, Rainer, gehen wir doch nach Hause?«
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Natürlich, Liebling, ich habe sowieso eigentlich schon dienstfrei.«
»Wäre es dann nicht besser, wenn wir …«
Er lächelte sie an. »Es dauert ja nur fünf Minuten, und ich muß sowieso noch übergeben.«
Während sie im Lift zur Privatstation fuhren, erzählte er ihr von seiner Sorge um ein Neugeborenes mit einer allzu heftigen Gelbsucht und von dem Vorschlag Frau Dr. Holgers, den kleinen Overhoff bei einer anderen jungen Mutter trinken zu lassen. Aber sie hörte kaum, was er sagte, lauschte nur dem warmen Klang seiner Stimme, war dankbar, daß sie ihm so nahe sein durfte – und vergaß keinen Augenblick, daß dieses Glück auf einer Lüge aufgebaut war.
Auf dem breiten, lichtüberfluteten Gang der Privatstation kam ihnen Schwester Patrizia entgegen. Das Häubchen saß ihr wie immer ein wenig schief auf den blonden Locken, aber der Griff, mit dem sie ein schreiendes Neugeborenes umfaßt hielt, war sehr sicher, fast mütterlich.
»Hallo, da ist er ja!« rief Dr. Schumann und faßte Astrid beim Arm. »Da kannst du ihn dir gleich ansehen, Liebling!« Der kleine Overhoff schrie mit rotem Kopf, den zahnlosen Mund weit aufgerissen. Er unterschied sich in Astrids Augen durch nichts von all den anderen Babys, die sie bisher schon hatte begutachten müssen, abgesehen davon, daß er vielleicht noch lauter, noch zorniger brüllte.
»Eine tolle Stimme hat er«, sagte sie gezwungen.
Schwester Patrizia strahlte. »Nicht wahr? Eine wunderbare Lunge!« Sie war bei der Begegnung mit dem Oberarzt und seiner Frau leicht errötet. »Ich bringe ihn eben nach unten, die Frau Doktor hat angerufen. Frau Elfie Peters hat sich bereit erklärt, ihn zu nähren.«
»Ausgezeichnet«, sagte Dr. Schumann erfreut. »Eine sehr gute Lösung. Wir müssen nur überlegen, ob es nicht besser wäre, ihn dann überhaupt unten zu lassen …«
»O nein!« rief Schwester Patrizia impulsiv und zog das Kind noch fester an sich. »Sie dürfen ihn uns nicht wegnehmen, Herr Doktor!«
Die lebensfrohe, hübsche Schwester bot ein reizendes Bild, wie sie mit erschrockenen Augen das Kind an ihr Herz drückte, als ob sie fürchtete, man könnte es ihr auf der Stelle rauben – ein wirklich zauberhaftes Bild; aber in Astrid stieg der Verdacht auf, daß sich Schwester Patrizia dessen voll bewußt war.
»Es wird Ihnen zusätzliche Arbeit bringen«, sagte Dr. Schumann.
»Das macht nichts!« rief Schwester Patrizia. »Hier oben können wir uns viel besser um ihn kümmern!«
›Du Schlange!‹ dachte Astrid, und ihre Antipathie gegen die Schwester wuchs.
Dr. Schumann und Schwester Patrizia wechselten noch ein paar rasche Worte über den kleinen Weyrer und dessen verdächtige Gelbsucht. Astrid fühlte sich während dieses Gesprächs seltsam ausgeschlossen. Sie war froh, als ihr Mann die Schwester verabschiedete und sich wieder ihr zuwandte.
»Was hast du, Liebling?« fragte er. »Du bist ja ganz blaß? Irgend etwas nicht in Ordnung?«
»O doch, nur …« Sie lächelte schwach. »Vielleicht habe ich mich einfach überfreut.«
»Ich weiß, was dich wieder auf die Beine bringen wird«, sagte er und legte seinen Arm um ihre Schultern. »Eine Flasche Champagner … wie wäre es damit? Ich habe eine Idee. Wir gehen jetzt nach Hause, ziehen uns um …« Er berichtigte sich sogleich: »Unsinn, das brauchst du nicht. Ich kann so bleiben, wie ich bin, und du bist immer schön. Wir fahren ins ›Chalet‹, essen ganz delikat zu Abend, trinken eine Flasche Sekt dazu, und nachher gehen wir noch ein bißchen tanzen! Na, wie wär’s?«
»Wunderbar«, sagte sie ehrlich.
»Na also … dann komm!«
Sie faßten sich bei den Händen und gingen dahin wie Kinder, die unerwartet schulfrei bekommen haben. Aber sie hatten kaum den Lift erreicht, als jemand hinter ihnen herlief. Sie drehten sich um und sahen Oberschwester Helga.
»Herr Doktor«, rief sie atemlos, »wie gut, daß ich Sie noch erreicht habe …« Sie unterbrach sich. »Guten Abend, gnädige Frau!«
»Was gibt’s?« fragte Dr. Schumann kurz angebunden.
»Der Labortest ist eben durchgegeben worden. Es handelt sich um den kleinen Weyrer: Erythroblastose!«
»Verdammt!« entfuhr es Dr. Schumann. Er warf einen raschen Blick auf seine Frau. »Entschuldige bitte, Astrid!«
»Frau Dr. Holger hat schon alles zum Blutaustausch vorbereiten lassen …«
»Schön! Dann benachrichtigen Sie sofort Dr. Gerber. Sie wissen ja, ich bin eigentlich nicht mehr im Dienst.«
»Dr. Gerber ist bei einer Operation.«
»Und Professor Overhoff?«
Die Oberschwester zuckte stumm die Achseln.
»Pech«, sagte Dr. Schumann. Er wandte sich an seine Frau.
»Ich kann dir nicht sagen, wie leid mir das tut. Aber eigentlich immer noch besser, als wenn sie mich mitten aus unserem festlichen Dinner abberufen hätten, wie?«
Astrid schluckte. »Bestimmt«, flüsterte sie tapfer.
»Also: Du gehst jetzt nach Hause, Astrid, und wartest auf mich. Du hast keinen Grund, traurig zu sein. Versprochen ist versprochen … wir gehen heute abend noch aus.« Er küßte seine Frau flüchtig und eilte mit Oberschwester Helga davon. Astrid stand mit hängenden Armen und sah ihm nach. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder gefaßt hatte. Dann streifte sie langsam den Arztkittel ihres Mannes ab, betrachtete ihn gedankenverloren.
Sie legte den Kittel achtlos auf die Fensterbank, drehte sich um und ging mit müden Schritten die Treppe hinab.
Das Neugeborene war in das Untersuchungszimmer von Frau Dr. Holger gebracht worden. Es lag auf dem Tisch und gab keinen Laut von sich, während die Ärztin behutsam den Bauch abtastete.
Sie blickte kurz zur Tür, als Dr. Schumann eintrat.
»Milz und Leber sind erheblich vergrößert«, sagte sie. Dr. Schumann trat näher, sah mit besorgten Blicken auf das nackte kleine Wesen, dessen gelb-bräunliche Verfärbung inzwischen noch stärker geworden war.
»Der Coombs-Test ist positiv?«
»Ja, Bilirubin im Blut, 20 Milligrammprozent.«
»Ist die Blutgruppe bestimmt worden?«
»Im Labor wird bereits die Kreuzprobe gemacht.«
»Ausgezeichnet«, sagte Dr. Schumann. »Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als zu warten.« Es war eine Erfahrungstatsache, daß eine Kreuzprobe, bei der die Verträglichkeit des Spenderblutes mit dem Blut des Empfängers getestet wurde, nicht unter dreißig Minuten durchzuführen war.
Er untersuchte das Kind noch einmal. »An der Diagnose besteht kein Zweifel.« Dr. Schumann sah die Schwester an, die neben dem Untersuchungstisch stand. »Bitte, den Nabelverband, Schwester, und ziehen Sie das Kind wieder an. Sie können es inzwischen in den kleinen OP bringen. Sorgen Sie für Wärmflaschen!«
»Jawohl, Herr Doktor.«
»Sollten wir nicht der Mutter Bescheid sagen?« fragte Frau Dr. Holger leise.
»Lieber wäre es mir, wir könnten den Vater erreichen. Ich beunruhige eine Frau, die eben eine Geburt hinter sich gebracht hat, nicht gern.«
Eine halbe Stunde später war es soweit. Winzig und nackt lag das Neugeborene im hellen Licht der Operationslampe, von Wärmflaschen umgeben. Es hatte nicht die leiseste instinktive Ahnung von der tödlichen Gefahr, in der es schwebte, und saugte selbstverloren an einem Schnuller, den Schwester Edith ihm in den Mund gesteckt hatte.
Dr. Schumann wusch sich inzwischen draußen im Vorraum die Hände, gründlich, wie zu einer großen Operation. Er hatte mit Herrn Weyrer, einem Bankkaufmann, telefoniert. Er hatte seine Worte vorsichtig gewählt, um dem jungen Vater keinen Schock zu versetzen.
Frau Dr. Holger befand sich schon im Operationssaal und überwachte die letzten Vorbereitungen. Eine junge Schwester half Dr. Schumann in den grünen Operationskittel, reichte ihm die Gummihandschuhe. Das Kleine lag immer noch friedlich, mit geschlossenen Augen. Man hätte glauben können, es schliefe – wären nicht die Saugbewegungen des Mündchens gewesen.
»Desinfizieren«, befahl Dr. Schumann kurz.
Schwester Edith bestrich das Gebiet um den Nabel sorgfältig mit Sepso-Tinktur, deckte den nackten Körper des Kindes bis auf das Operationsgebiet mit sterilen Tüchern ab. Dann reichte sie Dr. Schumann das Skalpell.
Vorsichtig schnitt der Arzt ein Stückchen des Nabelschnurrestes ab. Die Nabelblutgefäße waren deutlich zu sehen. Sehr zart und behutsam schob er den Kunststoff-Katheter durch die Nabelvene in den Körper des Kindes. Plötzlich schoß Blut heraus. Die Spitze des Katheters war bis in die große Nabelvene vorgedrungen.
»Vetren!«
Die Schwester gab ihm die Spritze mit Vetren, einem Präparat, das die Blutgerinnungsfähigkeit vorübergehend herabsetzt. Er injizierte es durch den Katheter. Als er 4 ccm gespritzt hatte, gab Frau Dr. Holger der Schwester ein Zeichen. Schwester Edith reichte Dr. Schumann das Anschlußstück der Dreiwegehahnspritze. Er setzte es auf den Katheter, befestigte es mit Fäden, schloß die Rotandaspritze an.
Der eine Schlauch dieser Spritze, die drei verschiedene Zu- beziehungsweise Abgänge hatte, wurde von Schwester Edith an einen hochhängenden Glasbehälter, in dem sich das Spenderblut befand, angeschlossen.
Nun erst konnte der eigentliche Blutaustausch beginnen. Ganz langsam ließ Dr. Schumann 20 ccm Blut durch den Katheter einfließen, schaltete um und zog 20 ccm des kranken Blutes aus der Vene des Kindes heraus, das in einem anderen Glasgefäß aufgefangen wurde. 800 ccm mußten auf diese Art ausgetauscht werden.
»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er von Zeit zu Zeit.
»Gut«, erwiderte Frau Dr. Holger. »Es saugt am Schnuller. Atmung und Puls normal.«
Unendlich langsam vergingen die Minuten. Nach ein und einer halben Stunde war über die Hälfte des Blutes ausgetauscht. In dieser Zeit hatte Frau Dr. Holger dreimal Calcium gespritzt.
Plötzlich sagte Schwester Edith erschreckt: »Das Kind atmet nicht mehr richtig!«
Dr. Schumann warf einen raschen Blick auf das Gesicht des Kleinen, das halb von den Tüchern verdeckt war. Es hatte sich bläulich verfärbt.
»Lobelin!« befahl er. »Ein Kubikzentimeter!«
Mit geübten Händen zog Schwester Edith die Spritze auf, Frau Dr. Holger nahm sie ihr aus der Hand, spritzte den Inhalt in den Arm des Kindes. Ein paar bange Sekunden lang schien jede Wirkung auszubleiben. Dann ging die bläuliche Verfärbung zurück, die Haut des Kleinen war auch nicht mehr so dunkelgelb wie zu Anfang, sondern hatte einen rosigen Schimmer angenommen.
Dr. Schumann atmete auf.
Eine Stunde später war der Kampf um dieses fast schon verlorene junge Leben gewonnen.
Dr. Schumann nahm die Dreiwegehahnspritze vom Katheter ab, als Dr. Gerber das Operationszimmer betrat.
»Hallo«, grüßte er, »Ablösung erwünscht?«
»Nicht mehr«, erwiderte Dr. Schumann, ohne die Augen von seiner Arbeit zu heben, »wir haben es schon geschafft.«
»Schönes Gefühl, wie?« Dr. Gerber rieb sich die Hände. »Langsam mußt du dich ja für den lieben Gott persönlich halten.«
»Nicht ganz«, sagte Dr. Schumann. Er zog mit äußerster Vorsicht die Hohlnadel aus der Bauchvene des Kindes. »Ich hätte dir diesen Eingriff liebend gern überlassen, Kollege. Ich hatte heute abend eigentlich etwas Besseres vor.«
»Ärzteschicksal«, erklärte Dr. Gerber nicht ohne leise Genugtuung. Er folgte Dr. Schumann, der die weitere Versorgung des Kindes der Ärztin und den Schwestern überließ, in den Waschraum.
Dr. Schumann hatte beide Hähne über dem Waschbekken aufgedreht und ließ sich das heiße Wasser über die Hände laufen.
»Warum hast du das Unglückswürmchen nicht zur Kinderklinik überweisen lassen?«
»Du weißt doch, wie die drüben sind … die hätten sich bestimmt nicht auf unsere Laboruntersuchungen verlassen, sondern neue angefertigt und mindestens eine Stunde Zeit verloren. Das konnte ich nicht riskieren.«
»Verstehe.« Dr. Gerber stand gegen das Waschbecken gelehnt und sah an Dr. Schumann vorbei. »Sag mal, hast du heute mit dem Alten gesprochen?«
»Ja.«
»Na und? Was hattest du für einen Eindruck von ihm?«
»Es hat ihn sehr mitgenommen.«
»Wenn du ihn auf dem Friedhof gesehen hättest …«
Dr. Schumann schlüpfte aus seinem Kittel, warf ihn zu Boden, krempelte sich die Hemdsärmel herunter, zog sich die Jacke an.
»Armer alter Knabe«, sagte Dr. Gerber. »Warum sitzt er hier herum? Zur Arbeit ist er im Augenblick ja doch nicht zu gebrauchen. Ich an seiner Stelle nähme mir jetzt erst einmal einen Urlaub.«
»Wo soll er denn hin?« Dr. Schumann rückte sich vor dem Spiegel die Krawatte gerade und fuhr sich mit der Hand glättend über das dichte braune Haar. »Nach Hause etwa? Das ist wahrscheinlich mehr, als er vertragen kann.«
»Tja, er kann einem fast leid tun.«
»Fast? Mir tut er leid!« Dr. Schumann steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, Dr. Gerber reichte ihm Feuer.
»Obwohl es seine ureigene Schuld war?« fragte er. »Obwohl er bei der Konstitution seiner Frau befürchten mußte, daß sie die Operation nicht übersteht? Obwohl eine medizinische Indikation für die Schwangerschaftsunterbrechung durchaus gegeben gewesen wäre?«
Dr. Schumann zuckte die Achseln. »Nun laß doch«, wehrte er ab, »dieses Thema haben wir inzwischen schon zu Tode geritten.«
»Ich will dir doch nur klarmachen«, sagte Dr. Gerber und begleitete ihn zur Tür, »daß ich … so tragisch die Sache natürlich ist … diesen Schock geradezu für heilsam halte. Wenn der Alte nicht ganz in Selbstgerechtigkeit versteinert ist, muß der Tod seiner Frau ihn wachrütteln!«
Nach einer kleinen Pause, während der sie schweigend durch den jetzt nur noch spärlich beleuchteten Gang gingen, fügte Dr. Gerber hinzu: »Und dich auch!«
Dr. Schumann blieb stehen, rief ärgerlich: »Sag mal, was willst du eigentlich von mir? Ich habe einen verdammt anstrengenden Tag hinter mir! Vielleicht erinnerst du dich daran, daß ich seit heute früh im Dienst bin. Eigentlich könntest du ruhig ein bißchen Verständnis zeigen, statt mich mit unbegründeten Anschuldigungen zu bewerfen!«
Aber Dr. Gerber gab nicht nach. »Was ich dir klarmachen will … und ich werde das nicht aufgeben, bis du mich eines Besseren belehrt hast … ist doch einfach: Wir sind Frauenärzte. Wir können unser Berufsziel nicht einzig und allein darin sehen, Kindern auf die Welt zu helfen, sondern wir müssen den Frauen selber helfen! Begreifst du das denn nicht?«
»Ich tue nichts anderes.«
»Das sagst du! Aber tatsächlich stehst du doch immer auf seiten der ungeborenen Kinder gegen die Mütter!«
»Soll ich mich etwa auf seiten der Mütter gegen die ungeborenen Kinder stellen? Das ist doch Quatsch, Erich. Eine Mutter und ihr ungeborenes Kind sind doch eine Einheit. So sollte es wenigstens sein.«
»Und wenn es nicht so ist? Wenn die Mutter das Kind nicht haben will?«
»So muß man sie dahin bringen, es zu wollen.«
»Sehr einfach. Aber ich sage dir, Rainer, unsere Arbeit muß viel früher einsetzen. Wir mussen mehr Gewicht darauf legen, die jungen Mädchen aufzuklären und auch die verheirateten Frauen. Wir müssen erreichen, daß nur noch heißerwünschte Kinder zur Welt kommen. Wir müssen die Frauen von ihrer Angst, ihrer verzweifelten Sorge befreien, wir müssen sie von ihrem biologischen Schicksal erlösen!« Dr. Gerber hatte sich in Fahrt geredet. »Und wir sollten auch nicht zu viele Bedenken haben, eine unerwünschte Schwangerschaft zu unterbrechen, wenn nur der entfernteste Anlaß zu einer medizinischen Indikation gegeben ist!«
»Wenn du wirklich so denkst«, sagte Dr. Schumann hart, »würde ich dir raten, die Klinik zu verlassen und eine Privatpraxis zu eröffnen … als Abtreibearzt!« Er bereute dieses Wort im gleichen Moment, da es ausgesprochen war – aber es war zu spät.
»Das war sehr deutlich«, bemerkte Dr. Gerber eisig.
»Ich glaube, die Fronten sind jetzt geklärt!«
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging.
Dr. Rainer Schumann lief, wie immer, den kurzen Weg aus dem Klinikviertel bis zu dem kleinen Haus, das er gemietet hatte, zu Fuß. Die frische Abendluft tat ihm wohl und kühlte seine brennenden Schläfen.
Er war sehr unzufrieden mit sich. Diese Auseinandersetzung mit Gerber erschien ihm jetzt gänzlich unnötig. Zwischen ihm und Gerber bestand seit frühesten gemeinsamen Studienjahren eine gute Kameradschaft, die sich schon mehr als einmal bewährt hatte. Es war unverzeihlich, daß er diese Männerfreundschaft durch einen einzigen unüberlegten Satz zerstört hatte.
Und dann Astrid! Er versuchte, sich auf das Heimkommen zu freuen, aber er brachte es beim besten Willen nicht fertig. Bestimmt war sie wieder tief gekränkt und enttäuscht, weil sie stundenlang auf ihn hatte warten müssen. Es war nicht seine Schuld, gewiß nicht, aber was nutzte das – es schien aussichtslos, ihr die Zusammenhänge zu erklären. Er fand es zermürbend, immer wieder um die Liebe und das Verständnis seiner eigenen Frau kämpfen zu müssen, sogar in Situationen, in denen er selber Trost oder wenigstens einen Zuspruch sehr nötig gehabt hätte. Sicher würde er auch jetzt wieder eine Szene über sich ergehen lassen müssen.
Er seufzte, ohne sich dessen bewußt zu werden, tief auf, als er die Haustür aufschloß, und machte sich innerlich auf das Schlimmste gefaßt.
Aber Astrid empfing ihn ganz anders, als er erwartet hatte. Sie lag in einem weißseidenen, spitzenbesetzten Hausmantel auf der Couch im Wohnzimmer, erhob sich jedoch sofort, als er eintrat, und kam ihm lächelnd entgegen.
»Rainer«, rief sie, »endlich!« Die Ärmel des Hausmantels glitten zurück, als sie ihre Arme um seinen Nacken schlang.
Ihm war, als sei er mit einem Schritt aus dem grauen Alltag in ein Zauberreich getreten. Er küßte ihren Mund, ihren Hals, ihren zarten weißen Nacken. »Es ist doch wieder spät geworden«, sagte er.
Sie stemmte lächelnd ihre Hände gegen seine Brust und sah zu ihm auf: »Als ob ich nicht wüßte, daß du nur deine Pflicht getan hast!« Sie wandte sich ab, trat zum Kamin, in dem Feuer knisterte. »Ist es gut ausgegangen?« fragte sie. »Hast du das Kindchen retten können?«
»Ja«, sagte er, »Gott sei Dank!«
»Und die Mutter? War sie sehr glücklich?«
Er schüttelte den Kopf. »Sie hat nichts davon gewußt. Ich wollte sie nicht beunruhigen.«
Plötzlich wurde ihr erst die ganze Tragweite des Geschehens bewußt. »Aber dann«, sagte sie erschrocken, »wenn …«
»Denk nicht darüber nach! Es ist ja gut gegangen.«
Er sah sie an, ihre schlanke Gestalt, die unter dem weißseidenen Mantel nur zu ahnen war, den stolzen kleinen Kopf mit dem kastanienbraunen Haar, in das vom Kaminfeuer rötliche Reflexe gezaubert wurden. »Nur unser schöner Abend ist uns verdorben!«
Sie lächelte ihm zu. »Er fängt jetzt an!« Sie trat zum Tisch, zog eine Flasche Sekt aus einem eisgefüllten Kübel. »Du wolltest doch heute Champagner trinken … habe ich es richtig gemacht?«
Er nahm ihr die Flasche aus der Hand, löste geschickt den Korken und schenkte ein.
»Auf uns!« sagte sie und hob ihm ihr Glas entgegen.
Er leerte es mit einem Zug. »Weißt du, wie schön du bist?« Eine zarte Röte überflutete ihr schmales Gesicht. Sie hob den Kopf, wollte etwas sagen. Aber er hatte sie schon in die Arme genommen und verschloß ihren Mund mit seinen Küssen. Noch nie hatte sie sich so an ihn geschmiegt, noch nie seine Leidenschaft mit solcher Glut erwidert.
»Astrid«, flüsterte er atemlos, »du hast keine Angst mehr davor …?«
»Nie mehr!«
Er hob sie auf die Arme und trug sie zur Couch. Knisternd loderte das Feuer.
4
Professor Overhoff nahm seine Sprechstunde einen Tag nach der Beerdigung seiner Frau wieder auf. Äußerlich wirkte er völlig gefaßt, wenn auch alle, die ihn näher kannten, spürten, daß eine große Veränderung mit ihm vorgegangen war. Bei allem, was er tat und sagte, schien er innerlich völlig unbeteiligt zu sein. Es war, als sei der Kern seines Wesens vor Schmerz versteinert.
Kirsten Winterfeld merkte nichts davon. Sie war viel zu aufgeregt, zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, um etwas anderes in Professor Overhoff sehen zu können als den berühmten Professor, den Vertrauenswürdigen Arzt.
Sie hatte eine erste Untersuchung über sich ergehen lassen und ihm ihre Sorgen geschildert. Dreiundzwanzig Jahre war sie jetzt alt, seit vier Jahren verheiratet – aber immer wieder hatte sie vergeblich auf Anzeichen einer Mutterschaft gewartet.
Hektische, scharf abgezirkelte rote Flecken erschienen auf ihren Wangen, während sie erzählte. »Ich habe meinen Zyklus beobachtet«, berichtete sie, »ich habe genau darauf geachtet, besonders natürlich im letzten Jahr. Übrigens habe ich auch einen Regelkalender geführt, allerdings nur in meinem Notizbuch …« Sie begann in ihrer Handtasche zu kramen. »Vielleicht ist das ein bißchen primitiv, aber er stimmt ganz genau!« Sie fand ihr ledernes Notizbuch, schlug die vorderen Seiten auf und reichte es Professor Overhoff über den Schreibtisch.
Er blätterte darin. »Hm«, sagte er, »gar nicht schlecht …«
Dann legte er das Notizbuch aus der Hand. »Welche Krankheiten haben Sie gehabt?«
»Nur die üblichen Kinderkrankheiten … Masern, Keuchhusten, ein paarmal Angina. Aber die Mandeln wurden mir schon mit zwölf Jahren herausgenommen.«
»Sonst keine Operation?«
»Nein.«
»Geschlechtskrankheiten?«
Die roten Flecken auf Kirstens Wangen verschärften sich.
»Nein.«
»Vielleicht einmal eine Unterleibserkältung?«
Kirsten dachte nach. »Nicht daß ich wüßte … nein, ich glaube wirklich nicht …«
Professor Overhoff legte nachdenklich die Fingerspitzen gegeneinander. »Nun, ich denke, wir sollten trotzdem die Durchgängigkeit des Eileiters prüfen. Aber vorher möchte ich doch mit Ihrem Gatten sprechen.«
»Ist es … so gefährlich?«
»Nein. Aber ich könnte mir vorstellen … wie alt ist Ihr Gatte?«
»42 Jahre …«
»Hm. Und ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß Ihre Kinderlosigkeit an ihm liegen könnte?«
Kirstens helle Augen wurden groß. »An meinem Mann?«
Professor Overhoff sah das ungläubige Staunen in Kirstens Gesicht. Er war nicht überrascht. Er hatte es unzählige Male in seiner langen Praxis als Chefarzt der Frauenklinik erlebt. Es war stets das gleiche: Fast immer suchten die Frauen bei sich selber die Schuld, wenn ihre Ehe kinderlos blieb. Daß es auch an ihren Männern liegen konnte, hielten die wenigsten für möglich.
Dr. Overhoff stand auf, ging auf sie zu, legte seine Hände auf Kirsten Winterfelds Schultern. »Versuchen Sie Ihren Mann zu überreden, daß er mich einmal aufsucht. Ich weiß, die meisten Frauen weichen einem solchen Gespräch aus. Überwinden Sie sich! Nehmen Sie nicht schon die Schuld auf sich, ehe es erwiesen ist!«
Röte schoß in Kirstens Gesicht. Schnell verabschiedete sie sich von Professor Overhoff. »Ich will es versuchen«, sagte sie schwach, schon unter der Tür. Aber sie wußte nicht, ob sie den Mut dazu finden würde.
Sie steuerte ihren kleinen Wagen durch den Mittagsverkehr. Sie fuhr nervös und unsicher und atmete erst auf, nachdem sie den Wagen auf dem Hof hinter dem Haus, in dem sie wohnte, abgestellt hatte. Durch ein dunkles, kaltes Treppenhaus stieg sie in den zweiten Stock. Im rechten Flügel hatte Dr. Hugo Winterfeld seine Anwaltskanzlei, im linken Flügel befand sich die Wohnung.
Es war zwölf vorbei. Kirsten mußte sich beeilen, um das Mittagessen rechtzeitig auf dem Tisch zu haben. Schnell schlüpfte sie aus der Kostümjacke, band sich in der Küche eine frische, bunte Schürze um, begann Salat zu waschen, vermengte ihn mit einer Joghurt-Kräuter-Sauce und trug die gläserne Salatschüssel ins Wohnzimmer.
Wenn wir ein Kind haben, dachte sie wohl zum tausendstenmal, werden wir uns eine andere Wohnung suchen müssen. Hier ist kein Platz für ein Baby. Keine Ruhe, kein Garten. Nicht einmal eine Parkanlage in der Nähe.
Träume … Und plötzlich der Gedanke wie ein Stachel: Aber wenn es an meinem Mann liegen sollte? Kirsten lief wieder in die Küche, schob den Einsatz mit den Steaks in den schon vorgewärmten Grill. Dann ging sie ins Bad, wusch sich die Hände und cremte sie ein.
Als ihr Mann Minuten später die Wohnungstür aufschloß, standen die gegrillten und gewürzten Steaks bereits auf dem Tisch. Kirsten hatte ihre Schürze abgenommen und kam ihm strahlend entgegen.
Er nahm sie in die Arme und küßte sie mit flüchtiger Zärtlichkeit. »Na, wie geht’s, mein Schatz?«
Sie reckte sich auf die Zehenspitzen, gab ihm einen Kuß auf die Nase. »Danke, Liebster … wundervoll!«
»Warst du bei diesem Professor?« begann er unvermittelt.
»Ja, natürlich. Du hast doch nicht gedacht, ich würde im letzten Moment kneifen?«
»Hm … nein!« Er fuhr sich mit einer nervösen Bewegung über das Haar, das sich bereits zu lichten begann. Er war ein schlanker, großer Mann mit schmalem Gesicht und hoher Stirn, grauen, klugen Augen und einem empfindsamen Mund. »War nicht sehr angenehm?«
»Nicht so schlimm«, erwiderte sie lächelnd. »Komm, die Steaks werden kalt.«
Er setzte sich in einen der hohen, lederbezogenen Sessel, sie nahm auf der Couch Platz.
»Möchtest du mir denn nicht erzählen …?« fragte er, während er seine Serviette langsam auseinanderfaltete.
»Später, Liebster …«, lächelte sie. Obwohl sie es selber kaum erwarten konnte, alles mit ihm zu bereden, sagte ihr der weibliche Instinkt, daß sich ein solches Gespräch zwischen zwei Bissen schlecht führen lassen würde.
Er gab sich zufrieden, plauderte zerstreut über Belanglosigkeiten. Beide waren froh, als sie diese Mahlzeit hinter sich hatten und Kirsten die Kaffeemaschine auf den Tisch stellte. Sie räumte ab, er holte Aschenbecher.
Dann, als der Kaffee in den Tassen dampfte, sah er sie prüfend an. »Also …«, begann er, »läßt sich etwas machen … ja oder nein?«
»Es ist alles ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben!« Kirsten sah an ihm vorbei. Zögernd fuhr sie fort: »Professor Overhoff meint … genau kann er das jetzt natürlich noch nicht sagen, er will noch eine Tubendurchblasung vornehmen … aber jedenfalls hat er den Eindruck, daß bei mir alles in Ordnung ist.«
»So?« fragte er ungläubig.
»Er hat mich gründlich untersucht und nach allen möglichen Krankheiten gefragt …«
»Aber an irgend etwas muß es doch liegen! Er kann uns doch nicht einreden, daß wir es nicht oft genug versucht hätten!«
Sie errötete leicht, griff nach einer Zigarette. »Na ja, aber immerhin ist es möglich, daß wir den genauen Zeitpunkt verpaßt haben …«
»Daß wir uns verrechnet haben?« Er ließ sein Feuerzeug aufspringen, gab ihr Feuer. »Das ist ausgeschlossen.«
»Professor Overhoff hat mir erklärt«, sagte sie, »manche Kapazitäten seien der Auffassung, daß es sich bei dem Zeitpunkt, zu dem ein Ei befruchtet werden könnte, überhaupt nur um wenige Stunden handle. Es könnte also doch einfach Zufall sein, daß …«
»Nein«, rief er brüsk, »daran glaube ich nicht. Laß dir nichts einreden!«
»Aber Rainer schwört auf ihn!«
»Kunststück, Overhoff ist ja sein Chef.«
»Er ist bestimmt ein guter Arzt«, betonte Kirsten mit Nachdruck, »und wir können doch keine Wunder verlangen.«
»Verlange ich nicht. Ich will wissen, woran es liegt.«
»Wenn er die Tubendurchblasung gemacht hat, werden wir es genau wissen.« Sie zögerte, fügte dann hinzu: »Ich würde dich genauso lieben … auch wenn ich wüßte, daß wir niemals Kinder haben könnten.«
Er sah sie an. »Was soll denn das schon wieder heißen?«
Sie begegnete seinem Blick mit weit geöffneten Augen.
»Genau das, was ich gesagt habe.«
Er nahm einen Schluck Kaffee. »Hör mal, Kirsten«, sagte er, »du willst mir doch hoffentlich nicht unterstellen, daß meine Liebe zu dir irgend etwas mit dieser Sache zu tun hat? Wenn wir keine Kinder haben können, müssen wir uns eben damit abfinden. Wenn sich also bei dieser Tubendurchblasung herausstellen sollte …«
»Das wäre nicht das Schlimmste. Rainer hat mir schon erklärt, wenn einer der Eileiter verwachsen ist, läßt sich schon etwas machen. Daß beide ganz zu sind, ist höchst selten.«
»Na schön. Wann macht ihr also diese Durchblasung?«
»Bald«, sagte sie.
»Du hast noch keinen Termin?«
»Ich soll Professor Overhoff anrufen …«
»Aber warum denn so umständlich? Ihr hättet doch gleich ausmachen können, wann du …«
Sie atmete tief. »Hugo!«
Ihr Ton beunruhigte ihn. »Ja?«
»Hast du noch nie daran gedacht, daß die Ursache … vielleicht, meine ich … auch bei dir liegen könnte?«
»Also das ist es!« Er lachte plötzlich auf. »Nein, das habe ich nicht. Es ist auch völlig ausgeschlossen.«
»Professor Overhoff meint … bitte, sei mir nicht böse, Liebling … du solltest dich auch untersuchen lassen!«
»Wozu?«
»Er sagt, ein Mann merkt gar nicht selber … er kann es nicht merken … ob bei ihm alles in Ordnung ist. Das hat nämlich mit … na, du weißt schon … gar nichts zu tun, sondern …«
»Hör mal, Schatz«, erklärte Dr. Winterfeld, »ich bin dir nicht böse, wirklich nicht. Aber glaub mir: Du hast dir da etwas ganz Dummes einreden lassen.«
»Vielleicht ist es wirklich dumm«, meinte sie, »ich kann es mir ja selber nicht vorstellen! Aber trotzdem, nur zu unserer Beruhigung … wäre es nicht doch gut, wenn du einmal zu Professor Overhoff gingest? Du kannst dich natürlich auch von einem Dermatologen untersuchen lassen …«
»Nein«, sagte er hart.
»Aber warum nicht? Warum? Ich tue doch auch alles, um … wir wollen doch beide Kinder haben! Ja, ich weiß, so etwas ist ein bißchen peinlich, aber glaubst du, mir waren diese Untersuchungen angenehm? Ich bitte dich, Hugo … bitte, bitte, tu’s!«
»Hör auf damit«, rief er.
Sie schwieg. Dann, nach einer langen Pause, sagte sie bedrückt: »Ich verstehe dich nicht, Hugo.«
Er fuhr auf. »Was ist denn dabei schon zu verstehen? Du bildest dir doch nicht ein, ich würde mich vor einer solchen Untersuchung drücken? Warum sollte ich denn? Aus männlicher Eitelkeit etwa? Kennst du mich so schlecht?«
Sie beugte sich vor. Sie strich über seine Hand, die auf dem Couchtisch lag. »Bitte … tu’s … zu meiner Beruhigung … mir zuliebe!« sagte sie. »Tu’s bitte!« wiederholte sie noch einmal.
»Es liegt nicht an mir!« antwortete er. »Um das zu wissen, brauche ich mich nicht erst untersuchen zu lassen.«
»Du kannst es nicht wissen!«
»Doch«, sagte er sehr bestimmt, »ich weiß es ganz genau!«
Er stand auf, ging zur Tür. Sie wollte ihm noch etwas nachrufen, aber er war schon aus dem Zimmer gegangen. Er hatte nicht einmal seine erste Tasse Kaffee ausgetrunken.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe Kirsten die Tragweite seiner Worte wirklich erfaßte.
Kurz nach neun Uhr abends hielt ein Taxi vor der Frauenklinik. Eine Frau stützte ein junges, leichenblasses Mädchen, das sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Der Pförtner schickte beide in das Untersuchungszimmer. Dr. Schumann wurde verständigt.
Er kam sofort.
Das Mädchen kauerte in einem Sessel, eine zerbrechliche, noch fast kindliche kleine Gestalt mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen.
Die Frau konnte vor Aufregung kaum reden. »Meine Tochter«, sagte sie, »ich weiß gar nicht, was mit ihr los ist! Ich bin eben erst von der Arbeit nach Hause gekommen … wir machen augenblicklich Inventur, da wird es so spät, ich arbeite nämlich in einem Modehaus …«
Dr. Schumann wandte sich an Schwester Ruth, eine hagere ältliche Person mit verschlossenem Gesicht, die ihm offenbar nicht sehr gewogen war. »Bitte, messen Sie die Temperatur, Schwester!«
»Jawohl, Herr Oberarzt …«
Er hatte das unbestimmte Gefühl, als sei die Antwort der Schwester fast widerwillig gekommen – aber er konnte sich auch täuschen; jedenfalls hatte er jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, und sah wieder die Mutter des Mädchens an. »So … und was war nun weiter?«
»Angelika war so sonderbar, ganz verzweifelt. Sie stöhnte und weinte immerzu, sagte, daß sie sterben müsse. Ich konnte gar nicht herausbekommen, was eigentlich mit ihr los ist, nur daß sie schreckliche Schmerzen im Unterleib hat …«
»Seit wann?« fragte Dr. Schumann das Mädchen, das am ganzen Körper zitterte.
»Seit heute nachmittag …« Sie sprach so leise, daß es kaum zu verstehen war.
»Angelika lag schon im Bett«, erklärte ihre Mutter. »Ich war so entsetzt und wußte mir nicht zu helfen. Da habe ich gedacht, das beste ist, du bringst sie gleich zum Arzt!«
»Das Vernünftigste, was Sie tun konnten.«
»Es ist doch nichts Ernstes, Herr Doktor, nicht wahr? Sie bildet sich doch nur ein, daß sie …!?« Die Stimme der Mutter versagte.
»Auf alle Fälle sind Sie ja rechtzeitig gekommen. Ich untersuche Ihre Tochter jetzt, und dann werden wir gleich mehr wissen.«
Schwester Ruth nahm dem Mädchen das Thermometer ab.
»37,2«, meldete sie.
»Nur mäßig erhöht«, stellte Dr. Schumann fest. Er lächelte der Mutter beruhigend zu. »So schlimm kann es mit Ihrer Tochter also nicht sein. Bitte, gehen Sie jetzt mit der Schwester, und geben Sie Ihre Personalien an.«
»Ja. Ja, natürlich …« Die Frau ging zur Tür, kam aber sofort wieder zurück. »Mach’s gut, Engelchen«, rief sie ihrer Tochter zu, »du brauchst keine Angst zu haben, wirklich nicht! Der Herr Doktor wird dir schon helfen.«
Das Mädchen reagierte nicht. Ihre vom Weinen verschwollenen Augen schienen die Mutter nicht einmal zu sehen. Als die Frau gegangen war, half Dr. Schumann Angelika auf den Untersuchungsstuhl. »Wie alt bist du?« fragte er. »Na, nun rede schon! Ich weiß, daß du mich genau verstehst.«
»Fünfzehn.«
»Und wo arbeitest du?«
»Ich gehe noch zur Schule.«
»Wie lange hast du deine Tage nicht mehr gehabt?«
Das Mädchen preßte die bebenden Lippen zusammen.
»Du kannst es mir ruhig sagen«, drängte der Arzt, »ich bekomme es auch so heraus, du kannst dich darauf verlassen.«
»Seit … drei … Monaten.«
Dr. Schumann hatte sich die Gummihandschuhe angezogen und stellte den Spiegel auf den äußeren Muttermund ein. Der Muttermund war knapp fingerdick durchgängig, aus dem Uterus kam eine leichte Blutung.
Dr. Schumann richtete sich auf. »Und wie hast du es gemacht?«
»Mit einer Stricknadel«, gestand das Mädchen kaum hörbar.
Dr. Schumann holte tief Luft. Es gab einiges, was er gern gesagt hätte. Er unterdrückte es mühsam. Es war jetzt nicht der richtige Augenblick, dieses verzweifelte Menschenkind zur Vernunft zu bringen.
Schwester Ruth kam ins Untersuchungszimmer.
»Schreiben Sie«, sagte Dr. Schumann. »Leichte Blutung, ex utero.« Er untersuchte bimanuell, einen Finger innen, die Hand außen, diktierte: »Muttermund leicht vergrößert und etwas aufgelockert. Beginnender Abort.«
Angelika begann hemmungslos zu schluchzen.
»Nimm dich zusammen«, fuhr Dr. Schumann sie an, »du machst dich noch kränker, als du schon bist, wenn du dich in eine solche Aufregung hineinsteigerst! Du wirst nicht sterben, das schwöre ich dir, und dein Kind wirst du vielleicht auch behalten.«
»Nein!« Angelika schrie es heraus.
»Geben Sie ihr ein Beruhigungsmittel«, wandte sich Dr. Schumann an Schwester Ruth.
»Ich will das Kind nicht haben!« rief Angelika. »Ich kann nicht … jetzt schon. Ich gehe doch noch zur Schule und … wenn Sie das tun, bringe ich mich um!«
»Das wäre schön dumm von dir.«
»Bitte«, flehte Angelika, »bitte, helfen Sie mir … ich könnte es nicht ertragen, ich würde es nicht überleben …«
»Die Schwester gibt dir etwas zur Beruhigung und bringt dich auf die Station. Jetzt wirst du erst mal schlafen, und nachher sieht alles wieder viel besser aus. Ich komme dann zu dir, und wir besprechen die Sache in aller Ruhe, ja?«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, trat er in den Vorraum, wo Angelikas Mutter wartete.
Sie hatte auf der Bank gesessen, nun sprang sie auf. »Was ist, Herr Doktor? Mein Kind …«
Er unterbrach sie. »Sie müssen jetzt sehr vernünftig sein. Angelika braucht Sie. Heute mehr als je zuvor in ihrem Leben.«
»Aber …was ist es? Was ist denn los mit meiner Tochter, Herr Doktor?«
»Wir müssen leider mit einer Fehlgeburt rechnen …«
»Nein«, schluchzte die Frau, »nein! Das ist nicht möglich … das kann nicht sein!«
»Leider ist es doch so.«
»Aber sie ist doch noch ein Kind, Herr Doktor, ein Kind!«
Die Mutter verkrampfte die Hände über ihrer kleinen Handtasche, ihr Gesicht verzog sich schmerzhaft. Sie mochte sonst eine gutaussehende, sehr gepflegte Frau Ende Dreißig sein; der Schock machte sie um Jahre älter.
»Das ist eben das Unglück«, erklärte Dr. Schumann, »ein Kind, das nicht wußte, worauf es sich eingelassen hat.«
»Und ich habe nichts gemerkt! Wie ist es denn möglich, daß ich gar nichts gemerkt habe?! Warum hat sie sich mir nicht anvertraut? Sie hatte doch solches Vertrauen zu mir! Seitdem ich geschieden bin … wir beide waren wie Freundinnen, wie gute Freundinnen!« Angelikas Mutter begann hemmungslos zu weinen.
»Glauben Sie mir«, sagte Dr. Schumann beruhigend, »ich verstehe sehr gut, was Sie empfinden; aber die Hauptsache ist jetzt, daß wir sie über den Berg bringen – und daß das Kind gesund zur Welt kommt. Wir müssen es versuchen.«
»Das Kind«, schluchzte Angelikas Mutter, »aber sie kann ja nicht … sie ist selber noch … sie kann unmöglich …«
»Doch«, sagte Dr. Schumann, »körperlich ist Angelika schon eine junge Frau. Es ist schwer, ich weiß, für Sie beide … aber Sie müssen ihr jetzt zur Seite stehen, ihr helfen, sie aufrichten …«
»Wie kann ich das denn? Ich habe ja keine Zeit … nicht einmal Zeit habe ich für meine Tochter! Sonst hätte es ja nie passieren können. Mein geschiedener Mann zahlt mir nichts, ich muß arbeiten, Angelika ist den ganzen Tag sich selbst überlassen … und wie soll es erst werden, wenn das Kind da ist? Angelikas Leben wäre zerstört, noch ehe es richtig begonnen hat …«
»Das glaube ich nicht«, widersprach Dr. Schumann. »Sie sehen die Dinge viel zu schwarz. Es wird sich bestimmt alles einrenken …«
»Nein, nein, versuchen Sie mir nichts vorzumachen! Sie wissen genau, was das bedeuten würde … ein fünfzehnjähriges Mädchen mit einem Kind! Und sie ist so gescheit, so gut in der Schule … sie wollte … ihr Abitur machen, und jetzt … und jetzt ist alles aus.«
»Es tut mir leid«, murmelte Dr. Schumann. Er wußte nicht, was er sonst sagen sollte.
»Bitte, helfen Sie, Herr Doktor«, flehte Angelikas Mutter, »helfen Sie! Sie können es, wenn Sie nur wollen! Bitte, seien Sie barmherzig!«
Als Dr. Schumann wenige Minuten später wieder mit Schwester Ruth allein war, fragte er: »Sie haben doch eine Blutabnahme veranlaßt?«
»Ja, Herr Doktor …«
»Sagen Sie im Labor Bescheid, daß zwei Blutkonserven bereitgestellt werden.« Als er bemerkte, daß die Schwester zögerte, fragte er: »Sonst noch etwas?«
»Herr Doktor …« Schwester Ruth stockte. »Wollen Sie wirklich eine Kürettage vornehmen?«
Dr. Schumann blickte sie überrascht an; er fand diese Frage reichlich respektlos und wollte schon heftig reagieren, besann sich aber dann. Warum sollte er sich beim Personal der Klinik unnötig Feinde machen?
»Wieso interessiert Sie das?«
»Es ist nur … eigentlich geht es mich ja nichts an … aber ich finde, daß man so etwas nicht unterstützen sollte!«
»Was meinen Sie mit … so etwas?«
»Nun, es ist doch eine Schande, wie leichtsinnig diese jungen Dinger heutzutage sind. Fünfzehn Jahre! In dem Alter hätten wir an Liebe noch nicht einmal gedacht. Und dann, wenn sie ihren Spaß gehabt haben und etwas passiert ist … dann bloß weg mit dem Kind! Nur keine Verantwortung tragen. Finden Sie das etwa richtig?«
Dr. Schumann mußte sich ein Lächeln verkneifen. Offensichtlich lag hier nichts anderes vor als ein gewisser Geschlechtsneid der ältlichen, verblühten Frau gegenüber der blutjungen Angelika. Er sah jedoch Schwester Ruth ernst in die Augen und antwortete: »Nein, absolut nicht. Ich finde es sogar sehr traurig. Wir Ärzte sind aber schließlich nicht dazu da, gute und schlechte Zensuren für das Betragen unserer Patienten auszuteilen. Unsere Aufgabe ist es einzig und allein, zu helfen.«
»Ja, aber …«
»Liebe Schwester Ruth!« unterbrach Dr. Schumann sie ungeduldig und jetzt doch ein wenig erzürnt, »überlassen Sie die Entscheidung bitte mir, was zu geschehen hat. Sie sind für meine Anordnungen nicht verantwortlich und haben auch kein Recht, ein Urteil darüber zu fällen. Im übrigen ist es ja noch gar nicht heraus, ob ich den Eingriff vornehme. Ich wünsche nur, daß alles für den Notfall vorbereitet wird und daß ich benachrichtigt werde, wenn sich der Zustand der Patientin verschlechtert. Haben Sie mich verstanden?«
»Jawohl, Herr Oberarzt!« antwortete die Schwester pikiert. Sie war ganz blaß geworden. Beleidigt, mit bösem und verbissenem Gesicht, rauschte sie von dannen.
Tatsächlich befand sich Dr. Schumann in einem quälenden inneren Konflikt. Medizinisch gesehen, war es ein Risiko, einen beginnenden Abort zu behandeln und die Schwangerschaft zu erhalten, ganz abgesehen von dem erforderlichen Aufwand an pflegerischen Maßnahmen. Andererseits widerstrebte es ihm zutiefst, das Leben eines Kindes im Mutterleib zu vernichten, wenn eine auch nur geringe Chance bestand. Eine Chance indessen, die wesentlich vom Verhalten der Mutter abhing. Nur wenn die junge Patientin mitmachte, wenn sie genau den Anweisungen der Ärzte und Schwestern folgte, unendliche Geduld aufbrachte und den festen Willen hatte, das Kind unter allen Umständen zur Welt zu bringen, war an einen möglichen Erfolg zu denken. Gerade dieser Wille aber fehlte bei der Fünfzehnjährigen ohne Zweifel vollkommen. Gab es überhaupt noch einen Weg, ihre negative Anschauung zu überwinden?
Selbst wenn Angelika, dachte er, längere Zeit hier in der Klinik bliebe, selbst wenn es gelänge, sie unter Kontrolle zu halten und die Fehlgeburt zu verhindern – würde sie nicht, entlassen und zu Hause sich selbst ausgeliefert, die gleiche Wahnsinnstat erneut begehen? Könnte sie nicht sogar ihre Drohung wahr machen und den Freitod wählen? Was konnte er ihr sagen, um sie davon abzuhalten? Ging das nicht über seine Kraft? Und würde nicht das unerwünschte Kind wirklich eine Katastrophe für dieses junge Mädchen bedeuten und sie völlig aus der Bahn werfen? Ja, wenn die Familie intakt wäre; wenn die Mutter ihrer frühreifen und doch noch so kindlichen Tochter ein Halt sein könnte – dann sähe die Sache vielleicht anders aus.
Dr. Schumann seufzte tief. Er dachte an den Eid des Hippokrates, den er wie jeder Arzt geschworen hatte und der ihn verpflichtete, für das Leben einzutreten, es zu erhalten, niemals zu vernichten. Aber würde er nicht in Angelikas Fall, wenn er zögerte, um das Kind zu retten – würde er dann nicht zwei Menschen auf dem Gewissen haben: das Ungeborene und die blutjunge Mutter?
Von Unruhe getrieben, ging er schon kurze Zeit später zu dem Zimmer, in dem Angelika lag. Schwester Gisa, noch jung und voller Mitgefühl, kam eben heraus.
»Das arme Ding!« flüsterte die Schwester, als Dr. Schumann nach dem Befinden der Patientin fragte. »Sie kann nicht schlafen. Immer nur weint und stöhnt sie. Ich habe fast die ganze Zeit an ihrem Bett gesessen. Man muß Angst haben, daß sie aus dem Fenster springt oder sonst etwas Unvernünftiges tut. Sie jammert ständig, daß sie nicht mehr leben will.
»Haben Sie ihr keine Beruhigungsmittel gegeben?«
»Doch. Mehr als ich auf meiner Liste hatte. Aber zuviel wagte ich natürlich auch nicht. Oder hätte ich …?«
»Nein!« Dr. Schumann öffnete die Tür und trat an Angelikas Bett. Die Kleine sah noch bejammernswerter aus als bei ihrer Einlieferung. Ihr rotblondes Haar war schweißverklebt, ihr Gesichtchen wirkte spitz und blaß, tiefe Schatten lagen unter den Augen.
»Na, Angelika«, sagte er betont munter, »ich hatte doch versprochen, dich zu besuchen …«
Sie antwortete nicht.
Dr. Schumann schlug die Bettdecke zurück und stellte fest, daß die Blutung eher stärker geworden war. Nachdenklich blickte er auf das Bündel Elend. Es war, als kämpfe er noch einmal einen schweren Kampf mit sich. Dann raffte er sich zu einem Entschluß auf: »Lassen Sie die Patientin zur Ausräumung fertig machen, Schwester!«
Angelika rührte sich nicht. Sie war so erschöpft und apathisch, daß sie nicht einmal begriff, was diese Anordnung für sie bedeutete.
Als Dr. Schumann in den Operationsraum trat, hatte der Anästhesist mit der Narkose begonnen. Die Beine der Patientin waren hochgelagert, ihr Körper mit sterilen Tüchern abgedeckt.
Der Chirurg wartete auf das Zeichen des Anästhesisten, dann hakte er den Uterus an, zog ihn nach vorn, weitete schnell den Muttermund mit Dehnstiften, um Zugang zu schaffen. Schwester Selma reichte ihm die Kürette. Er begann mit der Ausschabung.
Plötzlich kollabierte die Patientin. Ein Kreislaufschock!
»Verdammt!« entfuhr es Dr. Schumann. »Adrenalin! Schnell!«
Zorn auf sich selber und sein Zögern erfüllte ihn. Hätte er schon früher operiert, wäre dies gewiß nicht geschehen. Der Anästhesist machte Druckbeatmung mit Sauerstoff, Dr. Schumann injizierte Adrenalin in das Herz. Kurz darauf wurde der Puls wieder tastbar und zusehends fester. Dr. Schumann atmete auf und beendete den Eingriff.
Langsam, quälend langsam schwand die leichenhafte Blässe aus den Wangen Angelikas. Ein leichtes, zartes Rosa schimmerte durch ihre Haut. Ihr Atem wurde tiefer …
Später, als Angelika erwacht war, ging Dr. Schumann noch einmal zu ihr. Sie lächelte ihn zaghaft an.
»Na, siehst du«, sagte er beruhigend, »jetzt haben wir alles überstanden! Eine Woche mußt du noch bei uns bleiben, dann darfst du wieder zu deiner Mutter nach Hause.«
»Und ich werde nicht … angezeigt?« flüsterte Angelika.
»Nein«, erwiderte er, »wie kommst du darauf? Wir sind doch keine Polizeispitzel. Aber eines mußt du mir ganz fest versprechen …«
»Herr Doktor«, unterbrach ihn Angelika, »Sie glauben doch nicht, daß ich so etwas noch einmal machen würde?«
»Unter ›so etwas‹ verstehe ich aber auch das andere, Angelika! Du bist noch viel zu jung, um dich mit einem Mann einzulassen.«
»Er war ja mein Freund«, sagte sie leise.
»Ein feiner Freund, der dich in eine solche Situation gebracht hat. Versprichst du mir, mit ihm Schluß zu machen? Es kann wirklich zu nichts Gutem führen, Angelika!«
»Ja, ich weiß«, gab sie zu, »bloß … ich bin immer so viel allein.«
»Darüber werde ich mit deiner Mutter sprechen. Aber von dir verlange ich, daß du dir ganz fest vornimmst, mit der Liebe zu warten, bis du erwachsen bist.«
»Ja«, sagte Angelika, »ja …«
»Hand darauf?«
»Ja.« Sie reichte ihm ihre schmale, ein wenig feuchte Mädchenhand, sah ihn aus tränengroßen Augen an. Erst jetzt wurde es Dr. Schumann bewußt, daß sie mit ihrem rotblonden Haar, der zarten Haut und den leuchtendblauen Augen ein ungewöhnlich anziehendes junges Mädchen war.
»Du willst doch später einen guten Mann bekommen, Kinder haben, eine glückliche Frau werden, nicht wahr?« lächelte er. »Dann mußt du jetzt auch noch ein bißchen Geduld aufbringen. Die Liebe läuft dir nicht davon.«
»Sie würde ich auf der Stelle heiraten«, sagte Angelika überraschend.
Der Oberarzt lachte. »Tut mir leid für dich; ich bin schon vergeben. Und ein bißchen zu alt wäre ich wohl auch.«
Als Dr. Schumann nach Hause kam, war der Tisch gedeckt. Astrid empfing ihn in einem eleganten Kleid, das kastanienbraune Haar mit gewollter Nachlässigkeit aufgesteckt. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, legte ihr Gesicht an seine Wange. »Der Tee ist gleich fertig …«
»Nein, bitte keinen Tee. Wenn du ahntest, wieviel Kaffee und Tee ich mir in den letzten Stunden einverleibt habe! Gib mir lieber ein Glas kalte Milch.«
Sie ging in die Küche, kam mit einer Kanne Milch zurück, füllte ihm einen Becher. Er hatte schon begonnen, sich hungrig eine Scheibe Brot zu streichen. Sie schenkte ihm ein, und er leerte den ersten Becher in einem Zug.
Sie setzte sich ihm gegenüber, beobachtete ihn, ohne selber etwas anzurühren. »Du siehst so zufrieden aus.«
»Bin ich auch«, sagte er, »dabei habe ich eigentlich gar keinen Grund dazu.«
»Wieso?! Das verstehe ich nicht.«
Er überlegte eine Sekunde, dann siegte sein Bedürfnis, sich einem Menschen mitzuteilen. Wenn es jemanden gab, von dem er hoffen konnte, daß er seine Handlungsweise voll und ganz guthieß, dann war es seine Frau. Er erzählte ihr von Angelika und von der schweren Entscheidung, vor die ihn dieser Fall gestellt hatte.
»Aber eigentlich hättest du es nicht tun dürfen – oder?« fragte Astrid nachdenklich, nachdem er geendet hatte.
»Du weißt, wie ich zu diesen Dingen stehe. Man muß immer versuchen, das Leben zu bewahren. Ich weiß nicht, ob es hier noch möglich gewesen wäre, den Abort zu verhindern; jedenfalls hätte ich dazu aber in allererster Linie die Energie, den Willen der Mutter gebraucht … Nein, die Kleine konnte es nicht mehr durchstehen …«
»Glaubst du, daß sich diese Angelika wirklich das Leben genommen hätte, wenn ihr Kind geboren worden wäre?«
Er sah Astrid erstaunt an. »Wieso fragst du das?«
»Na ja, ich überlege mir einfach … es könnte doch auch sein, daß sie es darauf angelegt hat! Daß sie von Anfang an vorhatte, dich zu diesem Eingriff zu zwingen, dich sozusagen weich zu machen.«
»Schon möglich, aber meiner Meinung nach reine Theorie. Das Mädchen war ja vollkommen fertig und konnte kaum noch klar denken.«
»Meinst du nicht trotzdem, daß diese Geschichte für dich irgendwelche Folgen haben kann? In einer Klinik wird so viel getratscht.«
»Das ist doch Unsinn! Der Eingriff war notwendig und läßt sich medizinisch voll rechtfertigen.«
»Es kann aber auch andere Ansichten geben. Vielleicht kommt es zu Gerüchten. Du solltest vorsichtiger sein und dir irgendeine … irgendwie eine Rückendeckung verschaffen.«
»Rückendeckung? Warum denn das? Und vor allem: Wie?«
»Na, sprich zum Beispiel einmal mit Overhoff darüber. Er wird es sicher verstehen, daß du dich aussprechen willst.«
Er nahm einen Schluck Milch. »Wenn es dich beruhigt, werde ich es mir überlegen, Astrid!«
»Überlegen genügt nicht. Du mußt es tun!«
Er sah sie mit einem seltsamen Ausdruck an. »Merkwürdig«, meinte er, »anscheinend habe ich wirklich keine Ahnung von der weiblichen Psyche. Deine Reaktion hätte ich mir ganz anders vorgestellt.«
»Ach, Rainer«, sagte sie, »natürlich habe ich Mitleid mit diesem törichten Mädchen. Aber schließlich … ich kenne sie nicht, und sie bedeutet mir nichts. Aber du … du bist mir doch das Wichtigste auf der Welt!«
5
Als Dr. Hugo Winterfeld seinen Wagen vor dem Rasthaus am Rande der Stadt parkte, haßte er sich selber. Diese Heimlichkeiten waren so beschämend und entwürdigend. Er hätte Kirsten nicht belügen müssen, denn sie fragte niemals, was er tat, wenn er nicht zur gewohnten Stunde nach Hause kam. Sie nahm es als selbstverständlich, daß er seinen beruflichen Verpflichtungen nachging. Aber gerade das machte sein Verhalten eher schlimmer als besser.
Noch bevor er die Tür zum Rasthaus aufstieß, zündete er sich eine Zigarette an, um seiner Unsicherheit Herr zu werden.
Er trat ein und sah Gina Franke, seine ehemalige Sekretärin, auf den ersten Blick. Sie war nicht zu übersehen. Eine hübsche junge Frau mit hochtoupiertem, tiefschwarzem Haar, in einem maisgelben Kostüm. Ärgerlich runzelte er die Stirn. Sie schaute erst auf, als er schon vor ihrem Tisch stand. Aber ihr Lächeln erlosch, als sie den Ausdruck seiner Augen sah. »Auffallender hättest du dich wohl nicht anziehen können, wie?« fuhr er sie unwilllig an.
Ihr Gesicht wurde hart. »Verlangst du etwa, daß ich mich deinetwegen in Sack und Asche hülle?«
»Komm«, sagte er, »gehen wir nach nebenan. In dem kleinen Zimmer ist es meist leer. Wir müssen endlich zwischen uns klare Verhältnisse schaffen!«
Sie saßen im Nebenzimmer der Autobahn-Raststätte: Der Anwalt Dr. Hugo Winterfeld und seine ehemalige Sekretärin. Zwei Menschen, die sich einmal geliebt hatten und nun fast wie zwei Fremde voreinander waren. Der eine vermied den Blick des anderen. Eine abgehetzte Kellnerin kam, um die Bestellung aufzunehmen.
»Einen Kaffee«, sagte der Anwalt.
»Einen Kognak«, sagte die Sekretärin. »Gleich welchen.«
»Zigarette?« fragte er und zog ein Päckchen aus der Tasche.
Sie nickte. Er gab ihr Feuer. Der Rauch wehte zwischen ihnen wie eine Nebelwand, die alles schemenhaft machte; die Gesichter, die Körper.
»Also«, begann er stockend, »hast du dir meinen Vorschlag überlegt?«
»Wäre ich sonst gekommen?« antwortete sie kurz.
»Einverstanden?«
»Unter gewissen Umständen.«
Zum erstenmal sah er Gina Franke an. Nicht offen, mehr lauernd, unsicher, ängstlich.
»Was meinst du damit: Unter gewissen Umständen?«
Sie zögerte, nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette, als wollte sie so Zeit gewinnen.
Er wurde ungeduldig. »Ich habe dir eine klare Frage gestellt. Sie hieß: Willst du mir unseren Jungen geben? Auf diese einfache Frage gibt es nur eine einfache Antwort. Ja oder nein.«
Gina Franke zeichnete mit dem langen, spitz gefeilten Nagel ihres Zeigefingers unsichtbare Linien auf die Tischplatte.
»Einfach ist es für mich nicht«, sagte sie, »ist es nie gewesen.«
Er schien den Satz nicht zu hören. Er redete an ihr vorbei:
»Du wirst zugeben müssen, daß ich immer großzügig an dich gezahlt habe!«
»Gezahlt … ja …«, sagte sie müde.
»Und dir nie versprochen habe, dich zu heiraten!«
»Versprochen … nein …«, antwortete sie resigniert.
Sie schwiegen, weil die Kellnerin mit dem Kaffee und dem Kognak kam.
»Ich möchte gleich zahlen«, sagte Dr. Winterfeld.
Gina Franke drückte ihre Zigarette aus, nahm einen Schluck Kognak.
»Aber als das Kind da war, wolltest du nichts mehr von mir wissen«, sagte sie.
Er tat ihren Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung ab. »Lassen wir das. Es führt zu nichts. Die Vergangenheit ist tot. Ich frage dich noch einmal: Willst du mir den Jungen geben?«
»Du scheinst mich für eine sehr schlechte Mutter zu halten.«
»Also nicht«, sagte er. »Gut, dann ist der Fall erledigt. Und ob eine Frau eine gute Mutter ist, die ihr Kind einmal, an den Sonntagen, besucht …« Er zuckte mit den Schultern.
In Ginas schwarzen Augen blitzte es auf. »Willst du mir etwa einen Vorwurf machen, weil ich werktags arbeiten muß?«
»Durchaus nicht. Ich bin nur der Meinung: Auch das sind Tatsachen, von denen wir ausgehen sollten.«
»Na schön«, gab sie zu, »aber glaube nur nicht, daß du mich mit einem deiner Rechtsanwaltstricks überfahren kannst. Ich habe lange genug bei dir gearbeitet. Ich kenne mich aus.«
»Was willst du eigentlich?« Er tat Zucker und Sahne in seinen Kaffee. »Du hast doch zu Anfang unseres Gesprächs ganz klar gesagt, daß du unter gewissen Umständen bereit bist, mir den Jungen zur Adoption zu überlassen. Wäre es nicht das einzig richtige, jetzt endlich deine Bedingungen zu nennen?«
»Ich möchte deine Frau kennenlernen«, sagte sie. Er spürte, daß sie zum erstenmal ehrlich war. »Ich muß wissen, wie sie ist … wie sie denkt, wie sie fühlt … bevor ich ihr mein Kind anvertraue.«
»Unsinn«, entgegnete er schroff, »wozu soll das gut sein?«
»Wenn du es nicht begreifst …«
»Du wirst doch nicht allen Ernstes verlangen, daß ich euch beide zusammenbringe? Du mußt wahnsinnig sein!«
Gina Franke sah ihn prüfend an. »Ahnt sie etwa gar nichts von meiner Existenz? Von unserem Kind?«
»Natürlich weiß sie alles«, log er, ohne zu zögern. »Selbstverständlich habe ich ihr die ganze Sache erzählt, bevor wir heirateten.«
Das hätte noch gefehlt, dachte er, daß ich Gina eine Chance gebe, mich unter Druck zu setzen.
»Was befürchtest du also?« fragte sie.
»Deine Art. Du bist unbeherrscht und verletzend, und ich will nicht, daß irgend jemand meine Frau kränkt. Ich liebe sie nämlich, verstehst du? Und ich würde niemals zulassen, daß man ihr weh tut.«
»Du schlägst es mir also ab?«
»Ja.«
Sie schwieg. Ihre schlanken Finger mit den orangerot gelackten Nägeln bewegten sich nervös, ergriffen den Stiel des Kognakglases, begannen ihn mechanisch zu drehen.
»Sonst eine Bedingung?« fragte er.
»Eigentlich«, erwiderte sie, »sollte ich jetzt aufstehen und gehen. Aber … nun, warum soll ich nicht ehrlich sein … du weißt ja, daß Thomas bei seiner Oma ist. Und … sie wird alt. Sie ist jetzt achtundsechzig, und ich weiß nicht, wie lange sie den Jungen überhaupt noch bei sich behalten kann. Ganz abgesehen davon, daß sie ihm schon jetzt nicht mehr gewachsen ist. Er macht mit ihr, was er will.«
»Na also!« Dr. Winterfeld versuchte nicht, seine Erleichterung zu verbergen. »Dann müßte mein Vorschlag dir doch annehmbar erscheinen.«
»Ich hatte immer gehofft«, sagte sie, ohne ihn anzusehen, »daß ich doch noch heiraten und dann den Jungen zu mir nehmen könnte, aber … es hat nie geklappt. Die Männer, die mir gefielen, wollten den Jungen nicht … und die den Jungen wollten, gefielen mir nicht.« Sie hob die dunklen Augen unter den langen, schwarz getuschten Wimpern, sah ihn fast flehend an: »Du mußt mir glauben, ich habe auf eine sehr gute Partie verzichtet … nur weil ich den Jungen nicht im Stich lassen wollte.«
»Wenn du ihn mir überläßt, bist du dieses Handikap los.«
»Ja, vielleicht«, meinte sie, »aber da ist noch etwas.«
Sie führte das Glas an die geschminkten Lippen, deren orangeroter Ton genau mit ihrem Nagellack harmonierte, trank es aus. »Ich habe jetzt … also, genau gesagt, vor einem halben Jahr … einen Mann kennengelernt. Einen durchaus anständigen Mann. Er ist Elektriker, und er möchte mich heiraten. Aber er rechnet natürlich damit, daß ich etwas mit in die Ehe bringe. Er will nämlich einen eigenen Laden aufmachen.« Sie sah den Rechtsanwalt erwartungsvoll an.
»Na und?« fragte er.
»Aber ich habe mir nichts gespart«, sagte sie, »so gut wie nichts … Er weiß das nicht. Ich … ich wollte ihn nicht verlieren.« Sie machte eine kleine Pause. »Wenn du mir helfen könntest, Hugo …« Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Er holte tief Atem. »Ach so«, rief er dann, »darauf willst du hinaus …«
»Ja.« Sie strich nervös mit der Hand über das tiefschwarze, hochtoupierte Haar. »Ist das denn so schlimm? Du hast doch Geld genug.«
»Du willst mir den Jungen also verkaufen!?«
»Nenne es, wie du willst!« entgegnete sie heftig. Ihre dunklen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Vielleicht wäre ich nicht so geworden, wie ich heute bin, wenn du mich damals nicht hättest sitzenlassen!«
»Kann sein«, sagte er mit Überwindung. »Wir wollen uns nicht streiten.« Er schob die kaum berührte Kaffeetasse von sich. »Ich weiß jetzt, was du willst, und ich werde mir die Sache überlegen.«
»Gibt es da überhaupt noch etwas zu überlegen für dich?« fragte sie erstaunt.
»Doch. Einiges sogar.« Er stand auf. »Ich werde so bald wie möglich von mir hören lassen.«
Er zwang sich zu einem Lächeln, verbeugte sich, ging. Er war erleichtert, daß sie nicht versuchte ihn zu begleiten, sondern mit ihrem Aufbruch wartete, bis er die Raststätte verlassen hatte. Nach diesem Gespräch, das sehr viel in ihm aufgewühlt hatte, wäre es ihm noch peinlicher gewesen, mit ihr gesehen zu werden.
Aber schon als er die Autotür aufschloß, hatte Gina jede Bedeutung für ihn verloren. Seine Gedanken waren bei Kirsten. Wie sollte er es ihr beibringen?
Kirsten Winterfeld lag auf dem Untersuchungsstuhl. Durch Pertubation sollte die Durchgängigkeit des Eileiters geprüft werden.
Kirsten war nervös. Sie zuckte zusammen, als Professor Overhoff den Katheter einführte.
»Nur keine Angst«, beruhigte er sie, »es ist ein bißchen unangenehm, ich weiß … aber nicht schmerzhaft.«
»Ich … es ist nur …«, stammelte Kirsten und holte tief Atem, um sich zur Ruhe zu zwingen, »es hängt so viel davon ab …«
Professor Overhoff drehte den Hahn des Pertubationsgerätes auf. »So«, sagte er, »jetzt lassen wir Kohlensäuregas in die Uterushöhle, dann werden wir sehen. Fällt der Druck des Gases ab, kann also das Gas in die freie Bauchhöhle entweichen, dann ist alles in Ordnung.«
»Und wenn nicht?« fragte Kirsten, die Augen auf die weiße Zimmerdecke gerichtet.
»Dann handelt es sich um eine Stenose, also um eine Eileiterverengung. Aber auch das ist noch kein Grund zum Verzweifeln. Wir werden dann noch mehr Druck geben, und vielleicht bekommen wir die Tuben dadurch frei. Spüren Sie etwas?«
»Ja«, sagte Kirsten und schloß die Augen, »eine … eine Spannung. Es schmerzt.«
Professor Overhoff setzte das Stethoskop auf den Unterleib der Patientin, lauschte angespannt. Er hörte blasige Geräusche, die durch das Austreten des Gases aus den Tubenenden entstanden. Er warf einen Blick auf die Skala des Pertubationsgerätes. Der Gasdruck hatte nachgelassen.
»Wunderbar«, erklärte er.
»Jetzt tut’s richtig weh«, sagt Kirsten gepreßt. »An der Schulter. Wie kommt das? Ist es ein schlechtes Zeichen?«
»Im Gegenteil!« Professor Overhoff stellte das Pertubationsgerät ab. »Das Gas ist in die freie Bauchhöhle gedrungen und verursacht dort eine Zwerchfellreizung. Das ist ein einwandfreies Symptom dafür, daß die Tuben durchgängig sind.«
»Wirklich?« fragte Kirsten und versuchte unwillkürlich, sich aufzurichten.
»Schön liegen bleiben«, mahnte Professor Overhoff. »Gleich sind wir fertig.« Er zog den Katheter aus dem Muttermund.
»Sie meinen also … ich kann Kinder bekommen?«
»Ja. Ich hatte übrigens, wenn Sie sich erinnern, von Anfang an diesen Eindruck … jetzt können Sie aufstehen, gnädige Frau. Eine hormonelle Störung scheint nicht vorzuliegen, auch Blutdruck und Blutsenkung sind ganz in Ordnung. Uterus normal groß und frei beweglich, die Adnexe und Parametrien sind frei … ich kann Ihnen nur gratulieren!«
Kirsten schwang die Beine vom Untersuchungsstuhl. »Aber das alles«, sagte sie grübelnd, »ändert nichts daran, daß ich nach dreijähriger Ehe noch keine Hoffnung auf ein Kind habe.«
»Tja«, seufzte Professor Overhoff und streifte die Gummihandschuhe ab, »ich sagte ja schon … Sie müßten Ihren Gatten einmal zur Untersuchung schicken.«
»Aber … er ist ganz sicher, daß es nicht an ihm liegt.«
Professor Overhoff zuckte die Schultern. »Das glauben die meisten Ehemänner.«
»Aber er sagt … er weiß es.«
»Na ja, es kann ja auch daran liegen, daß Sie bisher doch nie den richtigen Zeitpunkt gefunden haben. Ich werde Ihnen das gleich noch einmal ganz genau erklären. Kommen Sie dann zu mir!«
Kirsten zog sich hinter dem aufgestellten Paravent rasch an, dann folgte sie Professor Overhoff in das Sprechzimmer. Mit einer Handbewegung lud er sie ein, in dem bequemen Ledersessel gegenüber seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. »Sehen Sie, gnädige Frau«, dozierte Professor Overhoff und legte die Kuppen seiner langen, sehr beweglichen Finger gegeneinander, »der Laie hält den Befruchtungsakt meist für eine sehr einfache Angelegenheit, und wenn man beobachtet, wieviel unerwünschte Kinder zur Welt kommen, könnte man das auch fast denken. Tatsächlich ist die ganze Sache einigermaßen kompliziert, besonders was die Vorgänge im weiblichen Organismus anbetrifft.«
Ein bißchen verlegen öffnete Kirsten ihre Handtasche und zog ein Zigarettenpäckchen heraus. »Ich habe immer einen Regelkalender geführt«, sagte sie leise.
»Ja, ich weiß. Das schließt aber nicht aus, daß Sie trotzdem den richtigen Moment verpaßt haben, wahrscheinlich handelt es sich dabei wirklich nur um Stunden, höchstens um einen Tag. Tritt Ihre Menstruation regelmäßig auf?«
»Nein«, mußte Kirsten zugeben.
»Na, sehen Sie. Das allein erschwert es schon sehr, den richtigen Zeitpunkt herauszufinden. Ich werde Ihnen genau erklären, was sich in Ihrem Körper abspielt, vielleicht kann ich Ihnen damit schon etwas weiterhelfen. Also der ganze Vorgang geht vom Gehirn aus …«
»Nein!« rief Kirsten überrascht.
»Doch. Die Hirnanhangdrüse bildet sogenannte gonadotrope Hormone. Das sind Hormone, die in diesem speziellen Falle auf die Ovarien wirken. Die Ovarien sondern daraufhin, grob gesagt, ihrerseits zwei verschiedene Hormone ab. In der ersten Zyklushälfte vornehmlich das Follikelhormon, in der zweiten das Korpusluteumhormon. Diese weiblichen Hormone wirken sich nun auf die Uterusschleimhaut aus … können Sie mir folgen, gnädige Frau?«
»O ja, ich glaube schon.« Kirsten drückte ihre Zigarette aus.
»Unmittelbar nach Beginn der monatlichen Blutung beginnt sich der Follikelhormonspiegel zu heben und baut in dieser Phase die Schleimhaut auf. Bei einem etwa 28tägigen Zyklus dürfte am vierzehnten Tag post menstruationem der Eisprung oder Follikelsprung erfolgen. Da Ihre Menstruation nicht in ganz regelmäßigen Abständen eintritt, ist dieser Moment in Ihrem Fall nicht ganz leicht zu errechnen. Das wird wahrscheinlich überhaupt nur möglich sein, wenn wir die Basaltemperaturen mit zu Rate ziehen …«
»Und wie geht das?«
»Sie müssen jeden Morgen gleich nach dem Erwachen das Thermometer einführen, die Temperatur messen und auf einem Bogen, den ich Ihnen mitgeben werde, eintragen. Die Temperatur schwankt nämlich in der ersten Zyklushälfte kaum, sie bleibt ziemlich konstant. Aber dann, in der Zyklusmitte, steigt sie um einen halben Grad und bleibt in der zweiten Zyklushälfte auf dieser Höhe.«
»Wenn sie also angestiegen ist, dann …«, sagte Kirsten.
»Nein, noch immer nicht«, erklärte Professor Overhoff. »Jetzt beginnt erst die sogenannte Korpusluteumwirkung zu überwiegen. Sie macht die Uterusschleimhaut dicker und saftiger, durchsetzt sie mit Drüsen, bereitet sie auf diese Weise für die Einnistung der Eizelle vor. Das Ei selber wird vom Eierstock durch Zerplatzen der Eibläschen abgestoßen. Die Fimbrien, das sind die feinen Eileiter-Enden, nehmen das Ei in die Tube auf. Dieser Transport in der Tube zum Uterus dauert einige Tage. Leider wissen wir nicht genau, wie lange das Ei in dieser Zeit befruchtungsfähig bleibt. Auf alle Fälle muß aber dieser Zeitpunkt irgendwann in der Zyklusmitte liegen, und wir müssen versuchen, ihn herauszubekommen.«
Kirsten seufzt leicht.
»Haben wir uns verstanden, gnädige Frau?«
»Ja, schon«, erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln, »aber das alles ist so … so gräßlich wissenschaftlich. Ich weiß nicht recht …«
»Ich verstehe vollkommen, was Sie jetzt denken und empfinden«, sagte Professor Overhoff. »Wenn Sie sich aber einmal vorstellen, welche maschinelle Präzision dazu gehört, auch nur ein …« – er sah sich um, sein Blick traf seinen goldenen Kugelschreiber – »… einen Kugelschreiber zu produzieren, dann wird Ihnen klarwerden, wieviel komplizierter es sein muß, ein lebendiges Menschenkind zu erzeugen.«
Dr. Rainer Schumann kam aus dem Kreißsaal, als Oberschwester Helga ihn auf dem Gang anrief.
»Herr Oberarzt …«
Er blieb stehen. »Ja …?«
»Bitte, könnten Sie einmal nach Frau Breuer schauen?«
»Was ist los?« fragt er erstaunt. »Blutungen? Sie war doch heute morgen bei der Visite in denkbar guter Verfassung!«
»Das ist sie auch jetzt noch«, sagte die Oberschwester, »aber darum geht es ja gerade. Sie fühlt sich zu gesund. Telefoniert den ganzen Tag und diktiert Post auf Tonband. Ich habe sie schon gewarnt, aber auf mich will sie natürlich nicht hören.«
»Dr. Schumann mußte unwillkürlich ein wenig lächeln, als er in das energische, leicht erhitzte Gesicht der Schwester sah. Im allgemeinen verstand sie es ausgezeichnet, die Anweisungen der Ärzte bei den Patientinnen durchzudrücken, ja es hieß in der Klinik, daß sie gefürchteter sei als der Professor.
»Also ungezogen, wie? Das muß ja eine Dame von beachtlichem Format sein, wenn sie es wagt, Ihnen die Stirn zu bieten!«
»Ein weiblicher Manager«, rief die Oberschwester erbost. »Ich habe gar nicht gewußt, daß es so etwas gibt. Sie scheint zu glauben, ihr Mann ruiniert die Firma, wenn sie sich nicht persönlich um alles kümmert.«
Dr. Schumann hatte eine komplizierte Geburt hinter sich und hätte viel lieber in Ruhe eine Tasse Kaffee getrunken und sich erholt. Er mochte der Oberschwester aber den Wünsch nicht abschlagen.
»In Ordnung«, sagte er, »dann werde ich einmal nach dem Rechten schauen …«, und wandte sich zum Lift. Oberschwester Helga begleitete ihn. Ihre Tracht raschelte bei jeder Bewegung. »Solche Frauen sollten eigentlich gar keine Kinder bekommen …«
»Na, na, na«, meinte er begütigend, »darüber haben wir doch wohl nicht zu befinden!«
Die Oberschwester ließ sich nicht beschwichtigen. »Jedenfalls kann einem das arme Wurm leid tun, wenn es wirklich zur Welt kommen sollte«, behauptete sie.
»Die Mutterschaft hat schon manche Frau verwandelt«, sagte Dr. Schumann, »und gerade in diesem Fall würde es bestimmt so sein. Sie wünscht sich das Kind sehr.«
»Ja, als Erben für die Firma«, ergänzte die Oberschwester böse.
Dr. Schumann schwieg. Er erinnerte sich genau an jenen Abend vor zehn Tagen, als die Patientin in die Privatsprechstunde des Professors gekommen war. Professor Overhoff, der damals noch stark unter dem tragischen Tod seiner Frau litt, hatte ihn zu Rate gezogen.
Die Patientin hatte anfangs versucht, ihre tiefe Angst durch Forschheit zu überspielen. »Es ist sicherlich nichts Besonderes«, hatte sie gesagt, »ich komme eigentlich nur vorsichtshalber. Mein Mann ist so übertrieben besorgt.«
Sie war 38 Jahre alt und im siebten Monat schwanger, zum erstenmal nach fünfjähriger Ehe. Früher habe sie kein Kind gewollt, hatte sie gestanden, weil sich der Betrieb noch im Aufbau befand und sie das Gefühl gehabt habe, sich solch ein ›Privatvergnügen‹ einfach nicht erlauben zu können. Seit Jahren warte sie nun jedoch auf ein Kind. Es sei der heißeste Wunsch ihres Mannes, und auch sie sei bei den ersten Zeichen der Schwangerschaft überglücklich gewesen.
Bis jetzt sei alles völlig komplikationslos verlaufen, aber seit ein paar Tagen hätten leichte, ziehende Schmerzen im Unterleib eingesetzt.
Dr. Schumann hatte die Patientin untersucht. Seine Befürchtungen hatten sich bestätigt: Der äußere Muttermund der besonders bei einer Erstgebärenden während der Schwangerschaft völlig verschlossen sein sollte, war gut fingerdurchgangig, und die Fruchtblase wölbte sich vor.
So schonend wie möglich hatte er der Patientin beigebracht, daß es sich um eine drohende Fehlgeburt handele, und ganz unvermittelt war die selbstsichere Frau Breuer zusammengebrochen.
»Ich habe es geahnt, daß etwas schiefgehen würde«, rief sie, »ich habe mich zu sehr auf das Kind gefreut!« – Sie kämpfte mit den Tränen, versuchte krampfhaft, sich zu beherrschen und weinte schließlich hemmungslos.
War es schon nicht leicht gewesen, sie zu beruhigen, so fiel es fast noch schwerer, ihr klarzumachen, daß sie sofort im Krankenhaus bleiben mußte.
Endlich hatte sie sich in ihr Schicksal gefügt und von der Schwester ein Zäpfchen Opium-Belladonna bekommen. Daraufhin war sie ganz ruhig geworden. Eine halbe Stunde später hatte Dr. Schumann an der jetzt in der Narkose befindlichen Patientin die Shirodkarsche Operation durchgeführt: Er hatte um den Uterushals einen starken Faden geschlungen und verknotet.
Als der Ehemann Frau Breuers mit Nachthemden, Pantoffeln, Morgenröcken und Toilettengegenständen in die Klinik kam, war der kleine, aber schwierige Eingriff schon vorbei. Die Patientin hatte eine Spritze bekommen, die vorläufig jede Wehentätigkeit unterbinden sollte. Auch an den folgenden Tagen war sie medikamentös behandelt worden. Die Unterleibsschmerzen hörten auf.
Frau Breuer gewann ihre optimistische Selbstsicherheit zurück. Heute morgen bei der Visite hatte sich Dr. Schumann noch darüber gefreut.
»Merkwürdig«, sagte er, als er mit der Oberschwester im Lift hinauffuhr, »daß ich niemals etwas von dieser emsigen Tätigkeit der Patientin bemerkt habe.«
Oberschwester Helga lachte auf. »Das ist eine ganz Schlaue! Bevor die Visite kommt, packt sie alles immer hübsch in den Schrank … das Tonbandgerät, die Korrespondenz und alles.«
»Sie steht also auf? Obwohl ich es ihr streng verboten habe?«
»Anders kann ich es mir nicht erklären.«
Dr. Schumann blieb vor Frau Breuers Zimmer stehen. Dann entschloß er sich, ohne anzuklopfen einzutreten.
Das Bild, das sich ihm bot, übertraf alle Befürchtungen, Die Patientin saß aufrecht im Bett, ein Mikrophon in der Hand, inmitten von geöffneten und ungeöffneten Briefen.
»Oh, hallo! Ich hoffe, ich störe nicht!« rief Dr. Schumann. Frau Breuer glitt blitzschnell in eine waagerechte Lage zurück und versuchte das Mikrophon unter der Bettdecke zu verstecken; doch in der Eile hatte sie vergessen, das Tonbandgerät abzustellen. Die Magnetophonbänder drehten sich lautlos weiter.
Dr. Schumann trat an das Bett und schaltete den Apparat aus. »Liebe gnädige Frau«, sagte er, »uns Ärzte können Sie ja vielleicht hinters Licht führen. Aber glauben Sie, es nutzt wirklich etwas, wenn Sie sich selbst betrügen?«
Frau Breuer war bis an die Haarwurzeln errötet. »Ich …«, stotterte sie, »aber das hatte ich doch niemals vor!«
»Ach, wirklich nicht? Sie halten also das, was Sie da tun, für vollkommen in Ordnung?«
»Ja«, antwortete Frau Breuer, »was ist schon dabei? Ich erledige ein bißchen Post … ein paar Briefe, die …«
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Ehe Frau Breuer zugreifen konnte, hatte Dr. Schumann den Hörer schon abgenommen. Die Firma ihres Mannes meldete sich.
»Frau Breuer ist jetzt nicht zu sprechen«, erklärte Dr. Schumann sehr bestimmt und legte den Hörer wieder auf.
»Das war sicher mein Mann«, sagte Frau Breuer vorwurfsvoll.
»Nein. Es war ein Anruf von der Firma. Und selbst wenn es Ihr Gatte gewesen sein sollte, der diesen Anruf veranlaßt hat, so zweifle ich sehr daran, daß er sich nur nach Ihrem Befinden erkundigen und Ihnen ein paar liebe Worte sagen wollte.«
»Ich weiß schon, wer mich bei Ihnen verpetzt hat«, schmollte Frau Breuer.
»Oberschwester Helga ist für Sie verantwortlich, gnädige Frau«, sagte Dr. Schumann ruhig. »Wenn Ihr Befinden sich verschlechtert, wird man sie zur Rechenschaft ziehen.«
Frau Breuer versuchte zu lachen. »Aber lieber, bester Doktor, warum müssen Sie alles so dramatisieren? An ein bißchen Arbeit ist noch kein Mensch gestorben. Vielleicht gibt es Typen, denen es nichts ausmacht, einmal eine Weile untätig zu sein. Ich gehöre nicht dazu. Ich brauche einfach eine vernünftige Beschäftigung.«
»Schon möglich«, sagte Dr. Schumann trocken, »aber Ihr Kind braucht Ruhe. Es liegt an Ihnen, zu entscheiden, was Ihnen wichtiger ist … Ihre Arbeit oder das Kind.«
Frau Breuer schwieg.
»Als Sie vor einer guten Woche zu uns kamen, waren Sie bereit, jedes Opfer zu bringen, um Ihr Kind zu behalten. Haben Sie das jetzt schon ganz vergessen?«
»Es geht mir ja wieder gut«, erwiderte die Patientin verstockt.
»Vom subjektiven Standpunkt aus wahrscheinlich ja. Aber objektiv gesehen, schwebt Ihr Kind immer noch und in jeder Sekunde in Gefahr. Es ist uns im letzten Augenblick gelungen, eine Fehlgeburt mechanisch und medikamentös zu verhindern. Wir Ärzte können aber keine Wunder vollbringen. Wenn Sie uns nicht helfen, indem Sie unsere Anweisungen befolgen, wird alles vergebens sein.«
»Und was sind das für Anweisungen?« fragte Frau Breuer, nun doch betroffen.
»Sie müssen ganz still liegen, Ihre körperlichen Bewegungen auf ein Mindestmaß beschränken. Auch innerlich müssen Sie sich entspannen. Das heißt: Keinerlei Arbeit, keinerlei Aufregung, kaum Besuche, nicht mehr telefonieren.«
Frau Breuer seufzte. »Das ist schrecklich. Und wie lange wollen Sie mir das zumuten?«
»Bis die Aussicht besteht, das Kind gesund und lebensfähig zur Welt zu bringen.«
»Also … noch volle zwei Monate!«
»Ja.«
»Das halte ich nicht aus.«
»Doch – wenn Sie es sich ernstlich vornehmen. Sie haben viel geschafft in Ihrem Leben, und Sie werden auch das fertigbringen. Was sind zwei Monate?! Ein winziges Opfer! Denken Sie an den Lohn!«
»Wahrscheinlich haben Sie recht«, gestand Frau Breuer mit einem schwachen Lächeln.
Dr. Schumann drehte sich um, nahm den Deckel des Tonbandgerätes von einem Stuhl, schloß den Apparat. »Dann werde ich dieses Ding hier in Verwahrung nehmen.« Er stöpselte den Telefonanschluß aus. »Den Apparat nehme ich auch gleich mit. Einmal am Tag wird ihn die Schwester Ihnen für ein Viertelstündchen bringen.«
»Sie sind sehr streng«, seufzte Frau Breuer.
»Zu Ihrem eigenen Besten!«
Auf dem Gang verlangsamte Dr. Schumann unwillkürlich den Schritt, als er am Zimmer der kleinen Angelika Schneider vorbeikam. Er überlegte, ob er noch einmal mit ihr sprechen sollte, unterließ es dann aber doch. Das junge Mädchen hatte einen Denkzettel bekommen, den es so leicht nicht wieder vergessen würde. Morgen sollte es entlassen werden.
Seltsamerweise hatte Dr. Schumann, wenn er an Angelika dachte, ein ungutes Gefühl. Er konnte die innere Frage nicht unterdrücken, ob er in diesem Fall als Mensch und Arzt versagt habe. Sosehr er aber darüber nachdachte – immer wieder kam er zu der Überzeugung, daß er nicht anders hatte handeln können. Es war schon zu spät gewesen, die bereits begonnene Fehlgeburt zu unterbinden, zumal sich die junge Mutter allen erhaltenden Maßnahmen trotzig widersetzt und auch körperlich wahrscheinlich nicht durchgehalten hätte; der Kreislaufschock während der Kürettage ließ es vermuten. Trotzdem kam Dr. Schumann irgendwie nicht darüber hinweg, daß er keimendes Leben vernichten mußte. Wahrscheinlich bin ich in dieser Hinsicht viel zu empfindsam, dachte er; Dr. Gerber zum Beispiel hätte die Sache sicherlich schon längst vergessen und wäre zur Tagesordnung übergegangen.
Kaum hatte er an Dr. Gerber gedacht, als ihm der Kollege auf der Treppe begegnete. Obwohl sie seit einiger Zeit mit stummem Gruß aneinander vorbeizugehen pflegten, blieb Dr. Gerber zu Dr. Schumanns Überraschung diesmal stehen.
»Na«, fragte er mit einem merkwürdigen Lächeln, »wie geht es deiner kleinen Freundin?«
Dr. Schumann wußte sofort, worauf der andere anspielte. Dennoch erwiderte er mit gekünsteltem Gleichmut: »Ich ahne nicht einmal, wovon du redest.«
»Von deiner kleinen Abtreiberin natürlich!«
»Na und? Was soll die Frage?«
»Ich bitte dich, tu doch nicht so! Das hast du mir gegenüber gar nicht nötig.«
Dr. Schumann straffte die Schultern. »Ich habe noch niemals Talent zum Rätselraten besessen«, sagte er schroff.
»Ganz wie du willst. Vielleicht hast du recht: Es gibt Tatsachen, über die man lieber nicht reden sollte. Ich wollte dir auch nur sagen, daß mir deine Entscheidung in diesem Fall sehr wohlgetan hat. Ich hätte in der gleichen Situation genauso gehandelt.«
»Soll das etwa ein Kompliment sein?« fragte Dr. Schumann kühl. »Wenn ja, muß ich es zurückweisen. Mit deinen Verhütungs- und Abtreibungstheorien, die ich nach wie vor ablehne, hat der Fall Angelika absolut nichts zu tun.«
»Um so besser für dich!« grinste der andere ihm frech ins Gesicht. »Eines Tages wirst du noch über deine eigenen Füße stolpern, wenn du weiterhin die Nase so hoch in der Luft trägst!«
Dr. Schumann mußte sich zurückhalten, um sich nicht auf Dr. Gerber zu stürzen und ihn windelweich zu schlagen. Er hätte gute Lust dazu gehabt. Statt dessen sagte er sehr beherrscht: »Du weißt ja nicht, was du redest!« und ließ Dr. Gerber auf der Treppe stehen.
Rot vor Zorn lief Dr. Schumann weiter. Erst nachdem sich seine Erregung etwas gelegt hatte, wurde er nachdenklich. Was hatten die Bemerkungen des Kollegen zu bedeuten? Irgend jemand mußte mit Gerber über Angelika gesprochen und die Sache in einer Weise dargestellt haben, die Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Eingriffs aufkommen ließ. Ob man in der Klinik hinter seinem Rücken über ihn klatschte? Er hatte Neider und Feinde genug, die nur darauf warteten, daß er einen Fehler machte. Vielleicht wäre es doch gut gewesen, Astrids Rat zu befolgen, mit Professor Overhoff zu sprechen. Besser, der Chef erfuhr die Sache korrekt von seinem Oberarzt statt hintenherum durch irgendein albernes Gerücht.
Gern hätte er sich noch einmal mit Astrid darüber unterhalten. Leider hatte er schon bald nach dem ersten Überschwang der Versöhnung mit seiner Frau bemerken müssen, daß das Interesse nicht ganz echt war, das sie seiner ärztlichen Arbeit entgegenzubringen behauptete. Immer mehr hatte er sich mit ihrer Abneigung abgefunden. Jeder Mensch ist anders, dachte er bei sich; jede Persönlichkeit muß man in ihrer besonderen Art respektieren. Er wollte einfach glücklich sein und nicht wahrhaben, auf welch schwachem Grund sein neues Glück gebaut war.
Auch an diesem Abend fühlte er es.
Astrid fragte ihn zwar, wie der Tag in der Klinik verlaufen sei, doch bevor er noch recht antworten konnte, wechselte sie bereits das Thema. Unbekümmert plauderte sie von einer Kunstausstellung, die sie heute besucht hatte, zeigte ihm Prospekte eines Reisebüros, begann Pläne für den gemeinsamen Urlaub zu schmieden.
Er genoß ihre Schönheit, freute sich ihrer guten Stimmung, die er um keinen Preis trüben wollte.
Es hatte keinen Sinn, mit ihr über seine Sorgen zu sprechen. Er war ein Mann, und er mußte die Verantwortung, die er sich selber aufgebürdet hatte, auch allein tragen.
6
Dr. Hugo Winterfeld hatte einem Termin in Berlin nachkommen müssen. Kirsten war allein in der Wohnung.
Sie war nicht einmal sehr unglücklich darüber. Die vorsichtige Andeutung ihres Mannes, ob man nicht doch erwägen sollte, ein Kind zu adoptieren, hatte sie tief verstört. Sie begriff ihn nicht. Ein fremdes Kind, ein Kind um jeden Preis, war nicht das, wonach sie sich sehnte. Sie war gesund. Professor Overhoff hatte es ihr bestätigt. Warum durfte sie dann nicht auf ein eigenes Kind hoffen? Ja, wenn ihr Mann zeugungsunfähig wäre, dann würden die Dinge anders aussehen – obwohl sie auch dann an seiner Seite lieber das Schicksal der Kinderlosigkeit ertragen hätte, als ein fremdes Wesen in die Gemeinschaft ihrer Ehe aufzunehmen.
Als er ihren Widerstand spürte, hatte er nicht länger auf seinem Vorschlag bestanden, sondern sofort lächelnd abgelenkt. Aber in Kirsten blieb eine tiefe Beunruhigung.
Sie war froh, ein paar Tage allein sein, ihre verwirrten Gedanken und Gefühle ins Gleichgewicht bringen zu können. Wie immer, wenn sie unglücklich war, hatte sie sich in die Arbeit gestürzt, die Vorhänge von den Fenstern genommen und sie in die Waschmaschine gesteckt, die Möbel übereinander gestellt und einen großen Frühjahrsputz begonnen.
Mit nackten Beinen, in einem bunt bedruckten Kittel, ein Tuch um das blonde Haar gewunden, war sie eben dabei, den Fußboden zu bohnern, als es an der Wohnungstür klingelte. Kirsten stellte den Bohnerbesen an die Wand, strich sich mit dem Unterarm eine Locke aus der erhitzten Stirn, ging über den Flur und öffnete.
Eine stark geschminkte Frau mit hochtoupiertem Haar und tiefschwarzen, geschickt umrandeten Augen stand vor ihr.
»Sie wünschen?« fragte Kirsten. »Wenn Sie mir etwas verkaufen wollen …«
»O nein!« Die andere zeigte lächelnd kleine weiße Zähne. »Ich bin Gina Franke!«
Kirsten glaubte, den Namen Gina Franke schon irgendwann gehört zu haben. Sie konnte sich jedoch nicht erinnern, in welchem Zusammenhang.
»Entschuldigen Sie«, sagte sie, »aber ich weiß im Augenblick wirklich nicht …«
»Ich war drei Jahre lang Sekretärin des Herrn Rechtsanwalt!«
»Ach so … ich verstehe. Sie möchten zu meinem Mann. Er ist …«
»… in Berlin«, ergänzte Gina Franke. »Ich habe es eben in der Kanzlei erfahren, und ich dachte mir, das wäre eine gute Gelegenheit, Sie endlich kennenzulernen.«
Kirsten war verwirrt. »Aber gerade heute … im Augenblick … ich stecke nämlich mitten im Hausputz und …«
Sie warf unwillkürlich einen Blick auf ihren beschmutzten Kittel.
»Aber … das macht doch gar nichts«, erwiderte Gina Franke und ging mit größter Selbstverständlichkeit an Kirsten vorbei in den langen Gang, der zum Wohnzimmer führte.
Kirsten stand eine Sekunde lang ganz verblüfft, dann schloß sie rasch die Wohnungstür und eilte ihrer seltsamen Besucherin nach. Blitzschnell schoß ihr der Verdacht durch den Kopf, es könnte sich vielleicht um eine Verrückte handeln. Gina Franke stand mitten im Zimmer und sah sich interessiert um. »Sehr hübsch«, erklärte sie anerkennend. »Wirklich, es ist Ihnen gelungen, diese alte Räuberhöhle einigermaßen zu zivilisieren!«
Kirsten war sprachlos.
»Darf ich mich setzen?« fragte Gina Franke und hatte, ehe Kirsten überhaupt antworten konnte, einen der altmodischen hochlehnigen Stühle vom Tisch gehoben und auf seine vier Beine gestellt.
»Aber ja … machen Sie sich’s nur gemütlich«, sagte Kirsten, spürte jedoch, daß dieser mühsame Sarkasmus bei der anderen wirkungslos abprallte.
Gina Franke hatte sich kaum gesetzt, als sie schon wieder aufsprang und einen zweiten Stuhl vom Tisch nahm. »Für Sie, gnädige Frau …«, erklärte sie lächelnd.
»Sehr liebenswürdig«, murmelte Kirsten. Einem plötzlichen Einfall folgend, fügte sie hinzu: »Bitte, entschuldigen Sie mich einen Moment, ich möchte mir nur die Hände waschen!«
Sie lief in das Badezimmer und drehte beide Hähne über dem Waschbecken auf, erleichtert, der anderen wenigstens für Minuten entronnen zu sein. Immer stärker hatte sich das Gefühl in ihr verdichtet, daß dieser Besuch Unheil für sie bedeutete. Wer war diese Gina Franke? Was führte sie im Schilde? Denn daß sie nicht nur deshalb gekommen war, um guten Tag zu sagen, lag auf der Hand. Ihr ganzes Benehmen war von einer bestürzenden Unverfrorenheit. Sie schien sich einzubilden, ein Recht zu haben – aber was für ein Recht?
Kirsten starrte in den Spiegel über dem Waschbecken, ohne ihr Spiegelbild wirklich aufzunehmen. Und dann wußte sie auf einmal, wann und wo sie den Namen Gina Franke schon einmal gehört hatte.
Es war an dem Tag gewesen, an dem Hugo Winterfeld sie gebeten hatte, seine Frau zu werden. Sie war strahlend zu ihrer Schwester gestürmt, um ihr die große Neuigkeit zu verkünden. Aber Astrid hatte sich gar nicht beeindruckt gezeigt.
Sie hatte die Augenbrauen gehoben und gesagt: »Ach, wirklich? Ich dachte, er habe ein dickes Verhältnis mit seiner Sekretärin Gina Franke!«
Damals, im Überschwang ihrer glücklichen Verliebtheit, hatte sie diesen Einwand einfach beiseite geschoben. »Ach, Unsinn! Das müßte ich doch wissen!« Niemals hatte sie über jene Bemerkung nachgedacht, niemals war der Name Gina Franke zwischen ihr und ihrem Mann erwähnt worden. Als er ihr nach der Heirat seine Mitarbeiter vorstellte, war Gina Franke nicht mehr dabeigewesen.
Ein heißer Schreck durchfuhr Kirstens Herz. Ob er immer noch mit ihr liiert war? Ob er sein Verhältnis zu diesem hübschen, selbstsicheren Mädchen nie gelöst hatte?
Sie schüttelte den Kopf. Nein, das war unmöglich, ganz unmöglich. Ihr Mann liebte sie, dessen war sie sich ganz sicher. Es gab keine andere Frau in seinem Leben. – Oder machte sie sich wieder etwas vor? Sie mußte die Wahrheit herausfinden. Gina Franke selber gab ihr dazu die Möglichkeit.
Kirsten hielt die Hände unter den heißen Wasserstrahl, trocknete sie ab, warf noch einen raschen, jetzt ganz bewußten Blick in den Spiegel. Ihre Hand zuckte zum Lippenstift, doch sie widerstand der Versuchung. Sich für ihre ungebetene Besucherin extra schön zu machen, das wäre zuviel der Ehre gewesen. Außerdem hätte Gina Franke daraus leicht den Schluß ziehen können, daß sie unsicher sei – und gerade das wollte Kirsten auf jeden Fall vermeiden.
Mit einem gleichmütigen Lächeln kam sie ins Wohnzimmer zurück. Zu ihrer Überraschung war Gina Franke aufgestanden.
»Ich … ich glaube, es war ein Fehler, zu kommen«, stotterte sie und spielte an dem Bügel ihrer großen Handtasche, »ich weiß gar nicht, was mir eingefallen ist. Sie haben doch keine Zeit jetzt, wie ich gesehen habe, und …«
»Aber ich bitte Sie, setzen Sie sich doch!« sagte Kirsten rasch. »Sie sind mir doch nicht böse, daß ich Sie habe warten lassen?« Mit Genugtuung spürte sie, daß jetzt die Rollen vertauscht waren.
»Nein, natürlichnicht! Aberichstöredochinder Arbeit …«
»Überhaupt nicht … ganz im Gegenteil. Ich bin froh, daß ich einmal eine kleine Pause machen kann! Bitte, setzen Sie sich! Ihr Besuch kam mir ein wenig überraschend, aber eigentlich ist es doch wirklich die höchste Zeit, daß wir beide uns kennenlernen, nicht wahr?«
Kirsten setzte sich auf den einen der beiden Stühle und schlug die nackten, wohlgeformten Beine übereinander.
Zögernd ließ sich Gina Franke ihr gegenüber nieder.
»Sie kennen die Vorgeschichte?«
»Aber ja«, log Kirsten beherzt, »mein Mann hat keine Geheimnisse vor mir.«
»Sie werden mich sicher für eine schlechte Mutter halten …«
Das Wort ›Mutter‹ traf Kirsten wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Lächeln gefror langsam. »Bestimmt nicht«, sagte sie mühsam.
»Hugo hat meinen Vorschlag sehr übelgenommen«, sagte Gina, »er redete gleich von verkaufen … als ob man ein Kind überhaupt verkaufen könnte! An so etwas hatte ich gar nicht gedacht, nur … ich habe seinetwegen wirklich allerhand durchgemacht, und da könnte er jetzt doch ruhig auch mir einmal unter die Arme greifen!«
»Natürlich«, murmelte Kirsten.
»Sie verstehen also meinen Standpunkt?« fragte Gina Franke erleichtert.
Kirsten nickte.
»Das ist gut. Mein Freund … also der Mann, den ich heiraten will … hat nämlich gerade ein sehr günstiges Angebot bekommen, ein Geschäft mit Werkstatt zu einem durchaus annehmbaren Preis. Er hat ja schon seit langem vorgehabt, sich selbständig zu machen, und jetzt endlich wäre es soweit. Wir können heiraten, nur … ich habe ihm immer gesagt, ich hätte mir etwas gespart. Er rechnet so mit fünftausend. Aber soviel habe ich natürlich nicht. Hugo hat immer sehr gut für den Jungen gezahlt, das ist wahr, aber trotzdem stellt so ein Kind eine Belastung dar, und deshalb …«
Kirsten hatte das Gefühl, diesen Redestrom nicht länger ertragen zu können. »Wieviel brauchen Sie also?« fragte sie scharf.
»Drei Tausender. Aber Hugo hat mich gar nicht …«
»Ich werde noch einmal mit ihm darüber sprechen«, erklärte Kirsten und erhob sich.
»Ich danke Ihnen«, sagte Gina, »das ist … wirklich sehr großzügig von Ihnen, Sie sind eine fabelhafte Frau. Wegen des Jungen werde ich Ihnen bestimmt keine Schwierigkeiten machen, das können Sie auch Hugo mitteilen. Jetzt, nachdem ich Sie kennengelernt habe, weiß ich, daß er es gut bei Ihnen haben wird.«
Sie streckte Kirsten die Hand hin.
Aber das war zuviel. Kirsten wandte sich rasch ab, als habe sie diese Geste nicht bemerkt, und ging voraus zur Flurtür. »Ich danke Ihnen für Ihren Besuch«, sagte sie sehr formell.
Gina Franke wollte noch etwas erwidern, aber Kirstens helle Augen blickten so eisig, daß sie plötzlich kein Wort mehr über die Lippen brachte.
Sehr langsam und sehr beherrscht schloß Kirsten die Wohnungstür hinter ihr. Dann erst war sie mit ihrer Kraft am Ende. Es wurde ihr dunkel vor den Augen, die Beine gaben unter ihr nach, sie konnte sich gerade noch auf den winzigen Garderobenhocker niedersinken lassen.
So ist das also, dachte sie. Diese Person hat ein Kind von Hugo, und dieses Kind will er in unsere Ehe nehmen; diesen Jungen, von dessen Existenz ich nie etwas geahnt habe!
Sie schlug die Hände vor das Gesicht, versuchte das krampfhafte Zittern, das ihren Körper schüttelte, zu unterdrücken – vergeblich! Wenn er mir doch wenigstens etwas gesagt hätte, wenn er doch wenigstens offen gewesen wäre! So stark war ihre Erschütterung, daß sie nicht einmal weinen konnte.
Die junge Frau Sigrid Haas war eine von Dr. Rainer Schumanns Lieblingspatientinnen, und er hatte aus seiner herzlichen Sympathie für sie nie ein Hehl gemacht. Sie war nicht besonders hübsch, nicht einmal apart, aber sie war fröhlich und vernünftig – zwei Eigenschaften, die der Frauenarzt besonders schätzte und die er selten genug in einem Menschen vereint fand.
Frau Haas war achtundzwanzig Jahr alt, hatte bereits zwei Kinder und erwartete ihr drittes. Sie sah dieser Geburt ohne Furcht entgegen. Von der ersten Untersuchung an befolgte sie gewissenhaft alle Anordnungen des Arztes, nahm an der Schwangerschaftsgymnastik in der Klinik teil, machte täglich ihre Atemübungen, aß reichlich Vitamine, fand Zeit für ausgiebige Spaziergänge und war bisher jeden Monat brav zur Untersuchung gekommen.
»Alles in Ordnung, nicht wahr?« fragte sie strahlend. »Ich fühle mich jedenfalls glänzend!«
Er sah auf ihrer Ambulanzkarte nach, dann sagte er: »Sie sind jetzt im sechsten Monat.«
»Genau! Noch drei Monate, dann habe ich es überstanden … Herrgott, werde ich glücklich sein! Ich weiß, es muß sein, aber eine umständliche Sache ist das Ganze doch. Manchmal denke ich allen Ernstes, ob der liebe Gott uns die Schwangerschaft nicht doch ein bißchen bequemer oder wenigstens kürzer hätte einrichten können.«
Dr. Schumann lächelte. »Aber, aber … wer wird denn so egoistisch sein! Wir Frauenärzte wollen doch auch etwas zu tun haben!«
Sie reichte ihm die Hand. »Also … dann bis zum nächstenmal!«
»Einen Augenblick noch«, sagte er, »wir müssen uns ein bißchen unterhalten. Ich hatte Ihnen bei der letzten Untersuchung salzfreie Kost vorgeschlagen … haben Sie sich daran gehalten?«
Frau Sigrid zog eine kleine Grimasse. »So ziemlich.«
»Ich weiß, daß das nicht angenehm ist, aber ab sofort müssen wir damit Ernst machen. Von nun an … kein Salz mehr! Und zweimal in der Woche Obst-Reistage … das heißt, ausschließlich frisches Obst und völlig salzlos gekochter Reis.«
»Igittegitt … warum sind Sie bloß auf einmal so streng mit mir, Herr Doktor?«
»Weil es notwendig ist. Ich bin leider nicht ganz mit Ihnen zufrieden. Ihr Blutdruck ist zu hoch, und der Urin enthält zuviel Eiweiß.«
Frau Sigrid runzelte die Stirn. »Und was hat das zu bedeuten?«
»Die Nieren, die jetzt die Entschlackungsarbeit für Ihr Kind mitübernehmen müssen, sind überlastet. Wir dürfen ihnen nicht zuviel zumuten.«
»Ist das gefährlich?«
»Wenn Sie sich brav an meine Anordnungen halten, wahrscheinlich nicht.«
Frau Sigrid seufzte. »Na, ich werde mich zusammenreißen!«
»Ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann. Wir wollen doch beide eine gesunde Mutter und ein gesundes Kindchen haben.«
Er schrieb ihr noch die genauen Diätvorschriften auf, bevor er sie entließ Dann öffnete er die Tür zum Wartezimmer. »Die nächste, bitte …«
Ein junges Mädchen mit silberblond getöntem Haar und stark geschminktem Puppengesichtchen trippelte auf hohen Absätzen herein. »Ich bin Sylvia Süder«, erklärte sie mit einem Lächeln, bei dem ihre runden porzellanblauen Augen ganz unbewegt blieben.
»Guten Tag«, begrüßte Dr. Schumann sie und reichte ihr die Hand. »Na, dann setzen Sie sich mal …« Er blätterte in den Ambulanzkarten auf dem Schreibtisch, die ihm die Schwester hereingebracht hatte.
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