Kitabı oku: «Gundula»

Yazı tipi:

Marie-Louise Fischer

Gundula

SAGA Egmont

Gundula

Gundula (Band 1)

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1960 by F. Schneider, Germany

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711719473

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

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Ein großes Ereignis

Gundula erwachte davon, daß ihr ein Sonnenstrahl genau auf die Nasenspitze fiel. Sie mußte niesen und schlug die Augen auf.

Sofort merkte sie, daß irgend etwas anders in der Wohnung war als sonst. In ihrem Zimmer war nichts verändert, und dennoch – irgend etwas war seltsam. Es dauerte eine ganze Weile, bis Gundula drauf kam, was sie störte – es war so still in der Wohnung, viel stiller als sonst.

Gewöhnlich, wenn Gundula morgens aufwachte, hörte sie das Klappern von Tellern und Tassen aus der Küche, wo die Mutter schon den Tisch deckte. Sie hörte auch das Brausen des Wasserhahnes, wenn der Vater sich rasierte. Aber heute morgen gab es nicht den leisesten Laut.

Gundula erschrak und wußte selber nicht, warum. Sie schwang die Füße über die Bettkante, war mit einem Satz auf dem weichen Teppich, rannte barfuß zur Tür.

„Mammi …!“ rief sie. „Pappi …!“

Sie riß die Tür zur Diele auf, blieb einen Augenblick lauschend stehen. Es kam keine Antwort.

Gundula raste ins Elternschlafzimmer – die Betten waren benützt, aber weder Vater noch Mutter waren zu sehen. Auch das Badezimmer war leer, genau wie die Küche und das große Wohnzimmer. Die Eltern waren fort. Sie hatten Gundula allein gelassen.

Noch nie, soweit Gundula zurückdenken konnte, war so etwas geschehen. Sie war schon manchmal allein in der Wohnung geblieben, nachmittags, wenn die Mutter einkaufen und der Vater noch auf der Bank war, oder abends, wenn die Eltern ins Kino gingen, aber daß sie morgens aufwachte und die Wohnung leer fand – das war einfach unfaßbar. Um ein Haar wäre Gundula in Tränen ausgebrochen.

Aber dann riß sie sich zusammen. Weinen, das wußte sie aus Erfahrung, hatte nur einen Sinn, wenn jemand da war, der einen trösten konnte. Ganz allein in einer leeren Wohnung zu sitzen und zu weinen, das war dumm. Viel besser war es, zu überlegen, wohin die Eltern gegangen sein konnten.

Gundula zerbrach sich den Kopf, aber ihr fiel beim besten Willen nichts ein. Dann kam ihr eine Idee. Vielleicht hatten die Eltern ihr, bevor sie fortgingen, eine Nachricht hinterlassen? Bestimmt hatten sie das. Aber wo?

Gundula sah auf Vaters Schreibtisch nach, auf dem Küchentisch, auf den Nachttischen ihrer Eltern – dabei fiel ihr Blick zufällig auf die Weckeruhr, und sie erschrak ein zweites Mal. Es war gleich halb acht, und sie war noch nicht angezogen. Wie konnte sie es da schaffen, rechtzeitig in der Schule zu sein?

Oder war die Schule heute vielleicht überhaupt gar nicht so wichtig? Gundula legte nachdenklich den Finger an die Nase. Mußte man in die Schule gehen, wenn die Eltern verschwunden waren?

In diesem Augenblick hörte sie von der Diele her ein Geräusch. Sie fuhr herum, lauschte mit angehaltenem Atem. Tatsächlich, es klang geradeso, als wenn die Wohnungstür aufgeschlossen wurde.

Gleich darauf erkannte sie auch schon die Stimme des Vaters: „Hallo, Gundel … wo steckst du denn?“

Mit einem Aufschrei der Erleichterung rannte Gundula in die Diele hinaus und warf sich dem Vater in die Arme. Dabei sah sie noch im Spiegel einen großen Zettel stecken. Mit einer Nachricht für sie. Aber die war ja jetzt nicht mehr wichtig.

Einen Augenblick hielt Herr Berendt seine Tochter ganz fest, dann schob er sie ein wenig von sich, betrachtete prüfend ihr Gesicht. „Sag mal, Gundel, du hast doch nicht etwa Angst gehabt?“

„Nein, überhaupt nicht“, behauptete Gundula rasch, „nur … mir war so komisch.“ Sie rieb sich mit der Hand über die Magengrube. „Hier drinnen … so, als wenn ich einen Frosch verschluckt hätte!” Sie riß die Augen auf. „Sag mal … aber wo ist eigentlich Mammi?“

„Gundel, aber höre … kannst du dir das wirklich nicht denken?“

„Nein“, sagte Gundula unsicher, „müßte ich das wissen?“

„Eigentlich schon. Schließlich bist du ja ein großes Mädchen von fast elf Jahren … unsere große Tochter! Wir haben doch …“

Herr Berendt kam nicht dazu, seinen Satz zu Ende zu sprechen. Gundula machte einen Luftsprung und schrie: „Ist es da? Ist es wirklich da?!“

„Ja, Gundel“, sagte Herr Berendt lächelnd, „heute nacht hast du ein Brüderchen bekommen.“

„Toll!“ Gundula war tief beeindruckt. „Toll, jetzt werden alle staunen, wenn ich es ihnen erzähle – oder brauche ich heute gar nicht in die Schule zu gehen? Zu spät komme ich ja sowieso schon.“

„Hast du schon gefrühstückt?“ fragte der Vater.

Gundula schüttelte heftig den Kopf mit den kurzgeschnittenen blonden Locken. „Nö!“

„Dann werde ich dir rasch eine Tasse Kakao machen … und du ziehst dich währenddessen an. Weißt du, lernen ist nämlich immer wichtig, auch wenn man ein Brüderchen bekommen hat. Gerade dann. Wenn wir jetzt bald ein Baby im Hause haben, dann mußt du ganz besonders vernünftig sein, Gundel.“

„Wann kommt es? Wann kann ich es sehen?“

„Zieh dich jetzt erst einmal an“, sagte der Vater, „beim Frühstück werde ich dir alles erklären.“

Gundula raste in ihr Zimmer und schlüpfte in Windeseile in ihre Sachen. Vor lauter Aufregung vergaß sie ganz, sich zu waschen, aber ein einziges Mal konnte das doch nicht so schlimm sein. Immerhin ging sie, als sie fix und fertig war, ins Badezimmer und putzte sich die Zähne.

Der dampfende Kakao stand schon auf dem Tisch, als Gundula in die Küche kam. Der Vater war gerade dabei, ihr ein Brötchen mit Butter zu bestreichen.

„Na, das ist aber fix gegangen“, sagte er und musterte sie ein wenig mißtrauisch.

„Klar“, sagte Gundula rasch, „ich soll doch ganz besonders vernünftig sein, hast du gesagt! Deshalb habe ich mich beeilt, damit ich so schnell wie möglich in die Schule komme.“

„Großartig!“ Herr Berendt lächelte. „So brennend vor Fleiß habe ich dich noch nie erlebt.“

„Es ist ja auch das erste Mal, daß ich ein Brüderchen bekomme!“ Gundula biß in die eine Hälfte des Brötchens. „Also … wann kann ich es sehen?“

„Ein bißchen Geduld mußt du schon noch haben, Gundel. Mutter muß noch eine Weile … vielleicht acht Tage … im Krankenhaus bleiben!“

„Warum?“ fragte Gundula mit vollem Mund.

„Ja, so ein ganz kleiner Säugling, Gundel, der ist noch sehr zart, weißt du. Man muß auf ihn aufpassen, er braucht viel Sorgfalt und Pflege … und das hat er natürlich am besten im Krankenhaus.“

„Ist er denn krank?“

Herr Berendt schüttelte den Kopf. „Nein. Ganz gesund, glücklicherweise. Aber trotzdem …“

„Dann werde ich Mammi und das Brüderchen im Krankenhaus besuchen“, erklärte Gundula entschlossen.

„Ich fürchte, das wird auch nicht gehen!“

„Nicht?“

„Nein. Ich habe mich schon erkundigt. Der Besuch von Kindern auf der Wöchnerinnenstation – weißt du, so nennt man die Abteilung des Krankenhauses, wo die Mütter mit den Säuglingen liegen –, also auf der Wöchnerinnenstation ist der Besuch von Kindern verboten.“

„So eine Gemeinheit!“ sagte Gundula aus tiefstem Herzen.

„Aber warum denn, Pappi?“

„Ich denke, damit die Kleinen sich nicht anstecken.“

„Ich versteh’ schon. Wenn jemand Masern hat oder Halsschmerzen und so … aber ich bin doch schließlich gesund!“

„Ich weiß es ja, Gundel … ich weiß, daß du gesund bist, aber …“

„Bitte, Pappi, lieber, lieber Pappi, nimm mich mit ins Krankenhaus. Du kannst mich ja hineinschmuggeln … ja, das können wir doch machen! Du steckst mich einfach in einen großen Koffer …“

„Also, Ideen hast du, Gundel! Die gehen wirklich auf keine Kuhhaut! Was du da sagst, kann doch nicht dein Ernst sein!“

In Gundulas große blaue Augen stiegen die Tränen. „Ich möchte das Brüderchen so gern sehen … kannst du das denn nicht begreifen, Pappi?“

„Natürlich kann ich das. Aber was nicht geht, das geht nicht. Jetzt haben wir so lange auf unser Brüderchen gewartet, jetzt wirst du dich ja wohl noch eine Woche gedulden können.“

„Schwer“, sagte Gundula bedrückt. Sie blies die Haut von ihrem Kakao, probierte einen Schluck – er war noch sehr heiß. „Hast du das Brüderchen wenigstens schon gesehen?“ fragte sie dann.

„Jaja, natürlich.“

„Wie sieht es denn aus?“

Herr Berendt lachte. „Wie alle kleinen Kinder … winzig klein und ziemlich rot und voller Falten …“

„Pappi!“ sagte Gundula halb entsetzt, halb lustig, „du schwindelst mich an. Falten haben doch nur die alten Leute … Babys nicht!“

„Doch, doch. Auch die ganz kleinen Babys haben Falten. Ich erinnere mich noch genau, als ich dich zum erstenmal gesehen habe!“

„Nun mach aber mal ’nen Punkt, Pappi, ich habe bestimmt nicht Falten gehabt. Meinst du, ich lasse mich so beschwindeln? Schließlich hast du mich doch damals geknipst!“

„Ja, als du drei Monate alt warst!“

„Ich glaube dir kein Wort“, sagte Gundula mit Nachdruck. „Ich bin sicher, daß wir ein schönes Brüderchen bekommen haben .. ein schönes, kluges, liebes Brüderchen. Das habe ich mir doch gewünscht. Gib zu, Pappi, du hast versucht, mich anzuschmieren.“

„Anschmieren … was ist das wieder für ein Ausdruck!“ Mit einer Handbewegung brachte Herr Berendt seine Tochter, die sich verteidigen wollte, zum Schweigen. „Es hat wirklich keinen Zweck, daß wir uns herumstreiten … warte ab, bis du dein Brüderchen selber siehst.“

„Und was machen wir bis dahin? Ohne Mutter?“

„Ja, das wird nicht so einfach sein, aber wir müssen eben sehen, wie wir allein fertig werden. Frau Helmbrecht wird, wie immer, dreimal die Woche kommen …“

„Und wer wird kochen?“

„Ich denke, wir beide. Abwechselnd …“

„Aber ich kann ja bloß Rührei!“

Herr Berendt lachte. „Dann werden wir eben jeden zweiten Tag Rührei essen. Komm, Gundel, mach nicht so ein Gesicht. Irgendwie werden wir schon miteinander auskommen. Heute mittag, zum Beispiel, habe ich mir gedacht, gehen wir zusammen auswärts essen – na, wie wäre das?“

Gundula sprang so heftig auf, daß der Kakao aus ihrer Tasse über den Tisch schwappte. „Prima, Pappi!“ rief sie begeistert. „Wir beide ganz allein … das habe ich mir immer schon mal gewünscht.“ Sie fiel ihrem Vater um den Hals, küßte ihn zärtlich auf beide Wangen. „Ein Brüderchen zu kriegen ist wirklich etwas ganz Tolles!“

Die bunten Schuhe

Als Gundula an diesem Morgen in die Schule kam, hatte die zweite Stunde schon begonnen. Einen Augenblick blieb sie vor der Tür ihres Klassenzimmers stehen und lauschte auf die Stimmen, die von drinnen kamen. Fräulein Zimmermann gab Geschichtsunterricht. Sie sprach scharf und energisch wie immer.

Gundula zog eine Grimasse. War es nicht eigentlich dumm von ihr, ausgerechnet jetzt hineinzugehen? Niemand würde es merken, wenn sie sich bis zum Schluß der Geschichtsstunde irgendwo versteckte. Gundula zögerte. Aber dann siegte der Wunsch, ihren Freundinnen so schnell wie möglich das große Ereignis mitzuteilen. Entschlossen pochte sie an die Tür, trat ein.

Zweiunddreißig Mädchenköpfe flogen zu ihr herum. Gundula blieb in der Tür stehen und genoß das Aufsehen, das ihr verspätetes Eintreffen erregte.

„Guten Morgen“, grüßte sie laut und unbekümmert.

Fräulein Zimmermann schüttelte ihren grauhaarigen Kopf. „Gundula Berendt!“ sagte sie mit Nachdruck. „Wer anders könnte sich erlauben, in der Mitte der zweiten Stunde zum Unterricht zu erscheinen!? Gundula … hast du wenigstens eine Erklärung für dein Zuspätkommen?“

Gundula ging vor bis zum Katheder. „Jawohl, Fräulein Zimmermann“, trompetete sie, „ich habe ein Brüderchen bekommen!“ Sie strahlte die Lehrerin aus ihren blauen Augen an. Ein Raunen und Geflüster ging durch die Klasse.

„Ach, wirklich?“ sagte Fräulein Zimmermann, und Gundula schien es, als wenn ihr Gesicht auf einmal viel wärmer und gütiger geworden wäre. „Dann gratuliere ich dir aber von ganzem Herzen!“

Gundula öffnete ihre Schulmappe und zog einen Brief heraus. „Mein Vater hat mir eine Entschuldigung geschrieben, Fräulein Zimmermann.“

„Nein, danke, Kind, ich glaube dir auch so“, sagte Fräulein Zimmermann freundlich. „Ein Brüderchen hast du also bekommen … wie soll es denn heißen?“

„Michael Sebastian“, antwortete Gundula wie aus der Pistole geschossen.“

„Ein schöner Name“, lobte Fräulein Zimmermann. „Aber nun setz dich bitte, Gundula … vergiß für eine Weile das große Ereignis und versuche, dich auf den Unterricht zu konzentrieren!“

Gundula ging strahlend vor Stolz und hocherhobenen Kopfes durch die Reihe zwischen den Bänken auf ihren Platz zu, als plötzlich ein brausendes Gelächter durch die Klasse ging. Gundula stutzte, sie blieb stehen, blickte um sich. Selbst Fräulein Zimmermann lachte.

Gundula war so verwirrt, daß sie gar nichts begriff. Dann sah sie, wie die Mädchen, die etwas weiter von ihr entfernt saßen, sich über die Bänke beugten und auf den Boden blickten. Sie schaute an sich herunter und – also so etwas war ja wirklich noch nie dagewesen! Gundula stellte fest, daß sie zweierlei Schuhe anhatte, einen roten und einen schwarzen. In der Eile hatte sie wahrhaftig nicht darauf geachtet. Mit wenigen Schritten war sie bei ihrer Bank, setzte sich auf ihren Platz und schob die Beine nach hinten, um sie den Blicken der anderen zu entziehen.

„Gratuliere, Gundel!“ flüsterte ihr Leni Brinkmann, ihre Banknachbarin und beste Freundin zu. „Mach dir nichts draus, verkehrte Schuhe bringen Glück!“

„So? Woher weißt du das?“

„So was weiß man eben!“ behauptete Leni von oben herab. „Das ist genauso, als wenn man einen Pullover verkehrt herum anzieht oder so etwas. Alles, was schief oder verkehrt ist, hat etwas Gutes zu bedeuten!“

Gundula hatte keine Zeit mehr, über diese kühne Behauptung nachzudenken, denn Fräulein Zimmermann hatte inzwischen die Ruhe in der Klasse wiederhergestellt. Sie nahm den Unterricht dort wieder auf, wo sie ihn bei Gundulas Eintritt in die Klasse unterbrochen hatte. Noch eine gute halbe Stunde mußten die Mädchen sich mit den bemerkenswerten Taten der Karolinger beschäftigen.

Dann endlich war große Pause. Auf dem Hof wurde Gundula von ihren gesamten Klassenkameradinnen umringt. Sie mußte den neugierigen Mädchen Rede und Antwort stehen. Dabei stellte sich heraus, daß sie selber leider sehr wenig darüber wußte, wie das Brüderchen angekommen war. Sie hatte ja nicht einmal gehört, daß die Eltern das Haus verlassen hatten.

„Was? Du hast dein Brüderchen noch nicht einmal gesehen?“ rief Olly Hahn frech. „Ja, woher willst du denn dann überhaupt wissen, ob es wirklich da ist?“

„Nun mach aber mal ’nen Punkt!“ sagte Gundula ärgerlich. „Mein Vater lügt doch nicht. Er hat’s mir erzählt … und überhaupt, heute nachmittag gehe ich ins Krankenhaus und schau mir das Brüderchen selber an. Morgen früh kann ich euch dann alles ganz genau erzählen!“

Damit gaben sich die anderen glücklicherweise zufrieden, aber Gundula behielt ein ungutes Gefühl zurück. Sie wußte aus Erfahrung, daß Lügen meistens kurze Beine haben, und pflegte deshalb, wenn es irgendwie ging, sich an die Wahrheit zu halten. Warum bloß war ihr herausgerutscht, daß sie sich ihr Brüderchen heute nachmittag ansehen wollte? Der Vater hatte ihr doch ausdrücklich erklärt, daß das nicht ging. Wenn die anderen drauf kamen, daß sie geschwindelt hatte, würde sie schön blamiert dastehen.

Als die Schule aus war, wollte Leni sie nach Hause begleiten.

„Nein, danke“, wehrte Gundula ab, „ich muß heute in die andere Richtung. Ich esse mit meinem Vater zu Mittag!“

„Prima!“ sagte Leni neidvoll. „Was wirst du dir bestellen? Kartoffelsalat mit Würstchen?“

„Was viel Besseres … mindestens Wiener Schnitzel!“

„Ich esse am liebsten Kartoffelsalat mit Würstchen“, beharrte Leni. „Aber an deiner Stelle würde ich doch erst nach Hause laufen und mir andere Schuhe anziehen!“

„Auch wieder wahr!“ Gundula drehte sich auf dem Absatz um und folgte ihr.

„Du, Gundula … kannst du mir nicht einen Gefallen tun?“ fragte sie. „Schließlich … ich meine, ich bin doch deine beste Freundin, oder?“

„Doch, schon“, sagte Gundula etwas zögernd, denn wenn Leni so anfing, dann wollte sie meistens etwas geliehen haben. „Weshalb fragst du?“

„Ich habe eine große Bitte“, sagte Leni, „wann willst du eigentlich ins Krankenhaus gehen? Gleich nach dem Essen?“

„Wahrscheinlich!“ murmelte Gundula.

„Könntest du nicht ein bißchen später gehen … ich würde dich so gern begleiten.“

„Warum?“ Gundula fragte es, um Zeit zu gewinnen. Sie wußte die Antwort schon im voraus.

„Weil ich dein Brüderchen auch so gern sehen möchte, Gundel … kannst du das nicht begreifen? Du weißt genau, wie lange ich mir selber schon eins wünsche. Es könnte von mir aus auch ein Schwesterchen sein, es käme mir gar nicht drauf an … es ist doch nicht zuviel verlangt, wenn ich deines mal sehen möchte.“

„Nö“, sagte Gundula, „eigentlich nicht.“

„Du nimmst mich also mit? Hand drauf!?“

Gundula sah Leni prüfend an. „Jetzt muß ich dir eine Frage stellen, Leni … du bist doch meine beste Freundin, nicht wahr?“

„Ehrensache.“

„Versprichst du mir, mich nicht zu verraten, wenn ich dir jetzt ein Geheimnis sage?“

„Ein Geheimnis? Oh, los! Sag’s mir bitte! Bitte!“ Es war Leni anzusehen, daß sie vor Neugier schon fast platzte.

„Dann halt dich fest! Was ich dir jetzt sagen muß … es ist ein bißchen peinlich für mich, weißt du!“

„Was?!“ schrie Leni. „Jetzt sag bloß nicht, du hast es erfunden! Gundel! Sieh mich an! Hast du am Ende gar kein Brüderchen bekommen?!“

„Doch. Natürlich!“ sagte Gundula. „So was erfindet man doch nicht.“

„Kannst du mir deine Hand drauf geben?“

„Na klar. Das mit dem Brüderchen stimmt schon, nur keine Bange …“

„Aber irgendwas ist doch nicht in Ordnung! Gib es zu!“

„Also … wenn du’s genau wissen willst!“ Gundula holte tief Luft. „Mein Vater hat gesagt, Kinder dürfen nicht ins Krankenhaus!“

„Quatsch“, sagte Leni sofort. „Als mein Onkel sich das Bein gebrochen hatte …“

„Das ist etwas anderes. Mein Vater sagt, die … jetzt habe ich den Ausdruck vergessen … aber eben, man darf die Mütter mit den ganz kleinen Kindern nicht besuchen, weil die Babys eben so furchtbar empfindlich sind. Sie können sich schrecklich leicht anstecken oder so etwas, sagt mein Vater.“

„Schade!“ Leni machte ein bekümmertes Gesicht. „Und ich hatte mich schon so drauf gefreut.“

„Ja. Verflixtes Pech! Weißt du, Leni, ich überlege mir schon die ganze Zeit, ob man nicht versuchen könnte … verstehst du … ob es nicht irgendeinen Weg gibt, doch ins Krankenhaus hineinzukommen, ohne daß es jemand merkt. Willst du mir helfen?“

„Na klar.“ Leni blieb stehen. „Also, wo treffen wir uns? Um wieviel Uhr?“

Gundula legte den Finger an die Nase. „Sagen wir … Punkt drei am Schillerdenkmal!“

„Gut“, sagte Leni, „aber … wie immer … wer zuerst da ist, muß warten!“

Sie liefen auseinander, blieben nach ein paar Metern noch einmal stehen, winkten sich zu, um dann endgültig davonzujagen.

Gundula schloß die Haustür auf, rannte die Treppe hinauf, öffnete die Wohnungstür, stürzte in ihr Zimmer und wechselte rasch den linken Schuh. Befriedigt sah sie auf ihre Füße. Sie hatte jetzt zwei gleiche, zwei rote Schuhe an. Der Vater würde nichts von ihrem Mißgeschick merken.

Sie wollte die Wohnung schon wieder verlassen, als ihr noch etwas einfiel. Sie lief zu ihrem Pult, öffnete es, fand den kleinen Pappkasten mit ihrem Geld in der hinteren Ecke. Ohne es zu zählen – sie wußte auswendig, daß es sieben Mark und fünfundachtzig Pfennig sein mußten –, schüttete sie den ganzen Inhalt in ihre Manteltasche, warf die leere Pappschachtel achtlos in das Pult zurück und jagte davon.

Herr Berendt erwartete sie schon vor dem Eingang des großen Bankhauses, in dem er arbeitete. „Na endlich“, sagte er, als Gundula angelaufen kam. „Wieso kommst du jetzt erst? Die Schule ist doch schon seit fast einer Stunde aus!“

„Verstehe ich auch nicht, Pappi“, versicherte Gundula mit unschuldsvollem Augenaufschlag. „Ich habe mich schrecklich beeilt.“

Sie gingen zusammen in ein kleines Lokal ganz in der Nähe, und Gundula bekam das Wiener Schnitzel, das sie sich gewünscht hatte. Es schmeckte ihr großartig.

Sie war kaum fertig mit dem Essen, als der Vater schon zahlte und zum Aufbruch drängte. „Ich komme heute abend ein bißchen später, Gundula“, sagte er „du kannst inzwischen schon den Tisch decken, ja? Was soll ich Mutter und dem Brüderchen von dir bestellen?“

Gundula stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihrem Vater einen Kuß auf die Wange. „Gib ihnen einen Kuß von mir“, sagte sie, „und einen schönen Gruß – sie sollen recht bald nach Hause kommen.“

„Wird gemacht!“ Herr Berendt gab seiner Tochter einen Klaps auf die Schulter.

Er hatte es schon sehr eilig, denn er mußte Punkt zwei Uhr wieder in der Bank sein.

Auf dem Kriegspfad

Gundula war nicht traurig, als sie allein zurück blieb. Wenigstens blieb ihr jetzt noch Zeit, bis zum Treffen mit Leni etwas sehr Wichtiges zu erledigen. Sie wollte ein Geschenk für ihren kleinen Bruder kaufen.

In einem Eckhaus in der Bahnhofstraße lag das größte Spielzeuggeschäft der Stadt. Gundula hatte schon oft vor den Fensterscheiben gestanden und sich die Nase plattgedrückt. Es gab immer die herrlichsten Dinge zu sehen – Puppenkarussells, elektrische Eisenbahnen, Flugzeuge, Schaukeln, Fahrräder und wunderbar angezogene Puppen mit Klappaugen und lockigem Haar.

Aber heute hatte Gundula es eilig. Sie warf nur im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick in die Schaufenster, öffnete dann sofort die Ladentür, die bei ihrem Eintritt sanft klingelte.

Das Geschäft war jetzt, um die Mittagszeit, ziemlich leer. Nur im Hintergrund des Raumes standen zwei Verkäuferinnen in blauen Kitteln und schwätzten miteinander.

„Guten Tag!“ grüßte Gundula laut und vernehmlich.

Dennoch dauerte es noch eine Zeit, bis die Verkäuferinnen sich entschließen konnten, ihr Geplauder zu unterbrechen. Sie trennten sich mit einem vergnügten Gelächter, und die größere, eine dunkelhaarige junge Frau, kam auf Gundula zu. „Na, Kleine, was wünscht du denn?” fragte sie herablassend.

Gundula ärgerte sich. Sie haßte es, wenn man Kleine zu ihr sagte. Schließlich war sie kein Baby mehr.

„Ich möchte ein Geschenk für meinen Bruder kaufen“, erklärte sie hocherhobenen Hauptes, „ein Geburtstagsgeschenk!“

„Ach so“, sagte die Verkäuferin, „wie alt wird denn der Kleine?“

Gundula zog es vor, diese Frage nicht zu beantworten; es schien ihr zu dumm, der Verkäuferin zu erklären, daß der Bruder gerade heute erst auf die Welt gekommen war. „Sieben Mark und fünfundachtzig kann ich ausgeben“, sagte sie statt dessen.

„Na, das ist ja schon ganz schön.“ Die Verkäuferin ging voran zu einem der Tische. „Hat dein Bruder schon eine Anlage für eine elektrische Eisenbahn?“ fragte sie.

Gundula schüttelte den Kopf.

„Wie wär’s dann mit einer Eisenbahn zum Aufziehen? Sehr hübsch, paß mal auf!“

Die Verkäuferin holte einen Karton unter der Theke hervor, packte eine kleine Lokomotive aus, zog sie mit einem Schlüssel auf; sie zeigte Gundula einen kleinen Hebel. „Siehst du, hier kann man sie verstellen … man kann sie immer im Kreis herumlaufen lassen oder auch geradeaus oder in einer großen Kurve, verstehst du?“

Gundula nickte eifrig.

Die Verkäuferin stellte die Lokomotive auf den Boden, surrend setzten sich die Räder in Bewegung. Das kleine Fahrzeug sauste los, prallte auf der gegenüberliegenden Seite gegen einen anderen Verkaufstisch, blieb brummend stehen.

„Gar nicht so einfach“, sagte die Verkäuferin und holte die Lokomotive zurück, „ich glaube, ich habe sie falsch eingestellt … aber dein Bruder wird das sicher schon ’rausbekommen. Jungens verstehen mehr von so etwas.“

Gundula entschloß sich, die Lokomotive zu nehmen.

„Zu Weihnachten oder zum nächsten Geburtstag kannst du deinem Bruder dann noch einen Anhänger dazukaufen“, sagte die Verkäuferin, „das heißt, wenn sie noch heil ist.“

Als Gundula mit dem Paket unter dem Arm das Spielzeuggeschäft verließ, fühlte sie sich sehr stolz und glücklich. Eine Eisenbahn war lange Jahre ihr heißester Wunsch gewesen, aber der Vater hatte immer gesagt: „Das ist kein Spielzeug für Mädchen!“ – und so hatte Gundula verzichten müssen.

Kein Wunder, daß sie die kleine Lokomotive mit dem Hintergedanken gekauft hatte, auch mal selber damit spielen zu können. Aber das wichtigste war doch, daß sie überzeugt war, ihrem Brüderchen damit eine riesengroße Freude zu machen. Ha, der würde staunen! Nicht jeder kleine Junge bekam, kaum daß er auf der Welt war, eine richtige Lokomotive zum Aufziehen geschenkt!

Fröhlich vor sich hinsummend lief Gundula, das Paket immer fest unter dem Arm, durch die Straßen der kleinen Stadt zum Schillerdenkmal, wo sie sich mit ihrer Freundin Leni verabredet hatte. Sie kam fast zwanzig Minuten zu spät. Leni wartete schon. Sie hatte sich die Zeit damit vertrieben, von einem Fuß auf den anderen zu hüpfen.

„Na endlich!“ rief sie und lief der Freundin entgegen. „Ich bin schon halb verrückt vor lauter Warten.“

„Wenns nicht schlimmer wird“, sagte Gundula gelassen, „halb verrückt warst du auch schon vorher.“

Leni sah Gundula mit gerunzelten Augenbrauen an. „Willst du Krach anfangen?“

„Nö …. warum?“

„Dann reiß gefälligst deine Klappe nicht so auf! Sag mal, was schleppst du denn da mit dir herum?“ Sie tippte mit dem Zeigefinger auf das Paket.

„Ich habe ’ne Kleinigkeit eingekauft“, erklärte Gundula selbstzufrieden, „für meinen kleinen Bruder, weißt du!”

„Was denn?“ fragte Leni. „Einen Schnuller? Oder ein Rässelchen?“

„Bei dir piepst’s wohl!“ rief Gundula empört.

„Aber wieso denn? Alle Babys haben Rässelchen, und die meisten …“

„Es interessiert mich nicht, was alle Babys haben!“ erklärte Gundula in ihrem hochmütigsten Ton. „Mein Brüderchen ist nicht wie alle Babys.“

„Woher willst du das denn wissen? Du hast es ja noch nicht einmal gesehen!“

„Weil es mein Brüderchen ist. Siehst du nicht den Unterschied?“

„Überhaupt nicht“, sagte Leni. „Aber jetzt verrat mir endlich mal, was hast du denn eingekauft?“

„Eine Lokomotive zum Aufziehen.“

„Toll!“ Leni war beeindruckt. „Pack doch mal aus“, bat sie, „ich möchte sie mir auch mal ansehen.“

„Etwa hier? Mitten in der Stadt?“

„Warum nicht? Weit und breit ist kein Mensch zu sehen!“

„Kommt nicht in Frage“, erklärte Gundula entschieden. „Du machst sie doch bloß kaputt. Komm jetzt lieber, sonst schaffen wir’s nicht mehr.“

Sie setzten sich in Trab.

Leni mußte sich beeilen, um an Gundulas Seite zu kommen. Bis zum Marienkrankenhaus, wo Frau Berendt und das Brüderchen lagen, waren es zehn Minuten zu Fuß. Unterwegs berieten sie unentwegt mit großer Zungenfertigkeit ihren Schlachtplan. Auf der Brücke blieben sie einen Augenblick stehen, spuckten ins Wasser hinunter und rannten dann weiter.

Das Krankenhaus war ein mächtiger, sehr moderner Bau mit einer großen Empfangshalle, in der es eine Tafel gab, an der man sich über die Lage der einzelnen Abteilungen orientieren konnte.

Gundula und Leni stellten sich, die Hände auf dem Rücken, vor dieser Tafel auf und versuchten, sich zurechtzufinden.

Der Pförtner, ein weißhaariger Mann, der hinter einer Theke von schönem, gemasertem Holz saß, wurde auf sie aufmerksam. „Wo wollt ihr denn hin, Kinder?“ fragte er.

„Zu meinem Onkel!“ sagte Leni sofort.

„Na, und wie heißt dein Onkel?“

„Onkel Paul!“ sagte Leni. „Er liegt auf Zimmer 113 …“

„Na, du weißt aber schon ganz gut Bescheid! Warst du schon mal da?“

„Ja“, sagte Leni, „man muß erst geradeaus gehen und dann links …“

„Richtig. Und dann immer weiter geradeaus, bis es nicht mehr weitergeht, dann rechts abbiegen …“

„Danke“, sagte Leni mit einem kleinen Knicks. „Jetzt erinnere ich mich schon wieder.“ Sie stupste Gundula in die Seite.

Die beiden Mädchen faßten sich bei der Hand und zogen artig, nicht zu schnell und nicht zu langsam, los.

Erst als sie aus der Sichtweite des Pförtners waren, tuschelte Leni der Freundin zu: „Weißt du jetzt, wo es ist?“

Gundula nickte eifrig. „Ja, Wöchnerinnenstation hat mein Vater gesagt. Das ist im dritten Stock ganz rechts!“

„Na, dann los!“

Sie wagten nicht, den Aufzug zu benutzen, rannten lieber die drei Treppen zu Fuß hoch, standen dann ziemlich hilflos in einem langen, gewinkelten Gang mit vielen, vielen Türen. „Was jetzt?“ fragte Leni.

„Immer rechts“, behauptete Gundula. „Nur keine Aufregung, wir finden es schon.“

„Hoffentlich“, sagte Leni sorgenvoll. „Wenn wir bloß jemanden fragen könnten!“

„Untersteh dich!“

Sie gingen weiter und weiter, rechts herum und noch einmal rechts herum – und plötzlich wußten sie nicht, wo sie überhaupt waren.

Sie blieben stehen, sahen sich erschrocken an.

„Was nun?“ fragte Gundula.

„Nichts wie zurück!“ Leni hatte sich schon umgedreht. „Jetzt müssen wir zusehen, wie wir hier wieder herauskommen.“

„Ohne mich.“ Gundula blieb stehen.

„Du willst nicht …?“ fragte Leni.

„Fällt mir gar nicht ein. Ich bin hierhergekommen, um mein Brüderchen zu sehen … und bis ich das nicht geschafft habe, bringen mich keine zehn Pferde hier weg.“

„Gundel, bitte, nimm doch Vernunft an! Wenn du mir wenigstens sagen könntest, in welche Richtung wir weitermüssen!“

„Du kannst ja zurückgehen, wenn du willst!“ Ohne abzuwarten, wie Leni sich entschied, ging Gundula mit großen Schritten weiter geradeaus. Aber innerlich war ihr gar nicht wohl zumute. Sie fühlte sich genauso unsicher wie Leni, aber sie wollte es nicht zugeben.

Leni folgte der Freundin zögernd in einiger Entfernung. Sie hatte große Lust, das ganze Abenteuer aufzugeben, aber sie traute sich allein nicht zurückzugehen; sie wußte ja nicht einmal mehr, wo die Treppe war.

Plötzlich blieb Gundula wie angewurzelt stehen.

„Was ist?“ fragte Leni.

„Ganz still! Horch mal!“ Gundula hob die Hand.

Auch Leni spitzte jetzt ihre Ohren. Wirklich, sie hörte etwas – ein ganz feines Geschrei aus einiger Entfernung.

Gundula strahlte von einem Ohr bis zum anderen. „Das ist es“, sagte sie, „mein Brüderchen. Los … komm! Laufen wir! Jetzt finden wir es bestimmt!“

Sie eilten den Gang entlang und um die Ecke, das Geschrei wurde immer lauter, und endlich stellten sie fest, daß es aus einer breiten Tür mit einem großen Glasfenster kam. Sie hoben sich auf die Zehenspitzen und reckten die Köpfe, um durch das Fenster in das Zimmer hineinsehen zu können, aber das Glas war zu hoch.

„Halt still!“ sagte Gundula entschlossen. „Laß mich auf deine Schultern klettern. Nachher bist du dran!“

Leni machte aus den gefalteten Händen einen Korb für Gundula, die schon ihr Bein hob, um hineinzusteigen – als die beiden Mädchen plötzlich eine Stimme hinter sich hörten.

„Hallo … was habt denn ihr hier zu suchen?“

Sie fuhren herum und sahen erschrocken in das blasse Gesicht einer jungen Krankenschwester.

„Wir … nichts! Nur …“ stotterte Gundula.

Sie tauschte einen raschen Blick mit Leni, dann drehten sich beide auf dem Absatz um und stürmten davon.

Aber die Schwester dachte nicht daran, sie so einfach entwischen zu lassen. Sie hob ihre langen schweren Röcke ein wenig und rannte hinter ihnen her.

Hintereinander sausten Gundula, Leni und die Krankenschwester wie die Wilde Jagd durch die stillen Gänge.

Dann passierte es. Das Linoleum war sehr glatt, und als Gundula gerade wieder um eine Ecke sausen wollte, rutschte sie aus und fiel der Länge nach zu Boden. Leni konnte nicht mehr rechtzeitig stoppen und stolperte über sie.

Die Schwester mußte ihnen wieder auf die Beine helfen. Vorsichtshalber hielt sie die beiden gleich hinten beim Kragen fest, während sie mit ihnen sprach. „Also …, was habt ihr hier zu suchen?“

Gundula war den Tränen nahe. „Ich …“ sagte sie mit kläglicher Stimme, „ich wollte doch nur mein Brüderchen sehen!“

„Ach so!“ Die Schwester blickte streng, aber um ihren Mund spielte ein Lächeln. „Das habe ich mir fast gedacht. Wie heißt denn dein Brüderchen?“

„Michael Sebastian. Darf ich es sehen? Wollen Sie es mir zeigen?“

Die Schwester schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht …“ sagte sie und fügte dann bedauernd hinzu: „Leider. Es wäre gegen die Vorschriften.“

„Bitte, bitte, liebe Schwester, helfen Sie mir doch! Ich möchte es so gern sehen!“

„Das glaube ich dir schon. Aber ich darf es euch nicht zeigen. Ihr müßt ein bißchen Geduld haben. Ja, ich weiß, es ist vielleicht nicht so einfach … aber man muß viel Geduld im Leben haben. So ist es nun einmal. Wie heißt denn deine Mutter? Soll ich ihr einen Gruß von dir bestellen?“

„Lieber nicht … nein, sie würde sicher schimpfen.“

„Na schön, dann werde ich euch jetzt hinunterbringen. Oh, ich weiß schon, daß ihr auch allein gehen könnt, aber mir ist es doch lieber, ich bringe euch selber nach draußen.“

Die Schwester führte Gundula und Leni zum Aufzug. Überrascht stellten sie fest, daß es gar nicht sehr weit war. Dann fuhren sie alle zusammen nach unten, und die Schwester ließ es sich nicht nehmen, sie bis in die Empfangshalle hinauszubringen.

„Herr Lehmann“, sagte sie zu dem Pförtner, „bitte, schauen Sie sich diese zwei mal sehr gut an! Sie haben versucht, sich einzuschmuggeln … nein, ich mache Ihnen gar keinen Vorwurf, das konnten Sie ja nicht wissen. Aber schauen Sie sie gut an … ein zweites Mal möchte ich sie nicht einfangen müssen.“

Mit gesenkten Köpfen trabten Gundula und Leni davon. Es war ihnen gar nicht wohl zumute.

„Warum hast du nicht wenigstens dein Geschenk abgegeben?“ fragte Leni, als sie schon fast über der Brücke waren. „Die Schwester hätte es doch sicher …“

„Nein“, unterbrach Gundula sie, „mein Geschenk will ich meinem Brüderchen selber geben. Ich muß doch sehen, was es für Augen dazu macht.“

„Bist du noch traurig?“

„Nö“, behauptete Gundula. „Eigentlich … war’s nicht ganz lustig? Jedenfalls hätte ich nie gedacht, daß eine Krankenschwester so rennen könnte.“

Alles wird anders

Es war Samstag, und als Gundula aus der Schule kam, war der Vater schon zu Hause. Herr Berendt stand in der Küche und buk Pfannkuchen. Gundula schleuderte ihre Schulmappe rasch in ihr Zimmer und deckte den Tisch. Seit die Mutter im Krankenhaus war, aßen sie immer in der Küche, weil sie das bequemer fanden.

Gundula aß Pfannkuchen für ihr Leben gern, und der Vater sah ihr lächelnd zu, wie sie drei Stück verschlang.

„Es freut mich, daß es dir schmeckt“, sagte er, „nachher mußt du ja bei Kräften sein.“

Gundula riß die Augen auf. „Wozu?“

„Du weißt doch, daß morgen Mutter und das Brüderchen nach Hause kommen. Da gibt es noch allerhand zu tun. Mutter wollte das ja alles selbst machen.“

„Putzen, meinst du?“ fragte Gundula verständnislos. „Aber Frau Helmbrecht hat doch alles prima saubergemacht!“

„Umräumen, Gundel! Dein altes Kinderbett und die Wickelkommode müssen wir vom Dachboden herunterholen.“

Gundula legte den Finger an die Nase. „Stimmt“, sagte sie, „daran habe ich gar nicht gedacht.“

„Eigentlich sollte dein Brüderchen in den ersten Wochen bei uns im Schlafzimmer schlafen. Gestern abend sprach ich noch einmal mit Mammi darüber. Sie meint, daß du ein großes und vernünftiges Mädel bist, und daß Michael gleich vom ersten Tag an mit in deinem Zimmer wohnen kann.“

Gundula machte einen Luftsprung. „Hurra! Ich bekomme ein richtig lebendiges Brüderchen. Andere Mädchen meiner Klasse müssen immer noch mit Puppen spielen. Aber … mein Zimmer ist doch viel zu klein!“ sagte sie. „Das reicht gerade eben für mich!“

„Natürlich mußt du dich ein bißchen einschränken, Gundel, das wissen wir“, sagte der Vater, „aber bestimmt ist Platz genug für euch beide! Und ich bin sicher, es wird dir sogar Spaß machen, den kleinen Kerl bei dir im Zimmer zu haben. Warte nur ab, du wirst es schon sehen.“

Gundula deckte den Tisch ab, spülte und stellte das Geschirr in das Drahtgestell zum Trocknen. Dann machte sie das Spülbecken sauber und fegte die Küche aus. Herr Berendt blieb währenddessen am Tisch sitzen und las in der Zeitung, die heute, am Samstag, besonders dick war.

Als Gundula fertig war, hob er den Kopf und fragte: „Na, bist du soweit?“

Gundula nickte.

Herr Berendt faltete die Zeitung zusammen und stand auf. „Dann wollen wir mal! Ich denke, wir klettern zuerst mal nach oben und holen dein altes Kinderbett und die Wickelkommode herunter.“

Der Dachboden war nur schwach beleuchtet, es roch nach Staub und Mottenpulver. Gundula hatte nur selten Gelegenheit, hier heraufzukommen, und sie fand es sehr aufregend. Am liebsten hätte sie noch lange unter den alten abgestellten Sachen herumgewühlt.

Aber Herr Berendt sagte mahnend: „Komm schon, Gundel … wir haben nicht soviel Zeit!“ Er hatte das zusammengeklappte Gitterbett gefunden und bis zur Treppe gebracht.

„Hier ist noch etwas, Pappi“, rief Gundula aufgeregt. „Sieh mal, ein Kinderstühlchen! Mit einem Loch im Sitz und einem Töpfchen unten drinnen! Sollen wir das nicht auch mit ’runternehmen?“

Herr Berendt schüttelte den Kopf. „Das wäre noch ein bißchen zu früh, Gundel. Es wird noch eine ganze Zeit dauern, bis dein Brüderchen aufs Töpfchen geht. Komm jetzt her zu mir! Ich nehme die Gitter und die Matratze, nimm du das Unterteil des Bettgestells, damit wir nicht noch ein zweites Mal heraufgehen müssen.“

Im Badezimmer wusch Gundula das Bettgestell, das sehr verstaubt war, erst gründlich mit Seifenlauge ab. Währenddessen klopfte ihr Vater die Matratze auf dem Küchenbalkon aus.

Sie war gerade dabei, das Gitterbettchen abzutrocknen, als Herr Berendt seinen Kopf in das Badezimmer steckte. „Ich brauche dich, Gundel“, sagte er, „wir müssen leider doch noch mal nach oben! Der Tisch und die Bank müssen ’raus!“

„Was?!“ Gundula traute ihren Ohren nicht. Sie hatte sich sehr auf ihr Brüderchen gefreut. Sie wollte mit ihm spielen und es betreuen. Nun sollte sie aber für ihn ihre ganze kleine Welt opfern. Das war zuviel für sie.

Herr Berendt sah, daß Tränen in Gundulas blaue Augen stiegen. „Tut mir leid, Gundel, aber anders geht es nicht. Ich habe den ganzen Raum ausgemessen. Wenn wir die Wickelkommode und das Bettchen hineinbringen wollen, müssen der Tisch und die Bank heraus.“

„Aber … wo soll ich denn da sitzen?!“

„An deinem Pult natürlich.“

„Und wenn Leni mal zu Besuch kommt?“

„Meine liebe Gundel, unsere Wohnung ist ja nicht in erster Linie für Besuche gedacht. Wenn du mit deiner Freundin zusammen sein willst, könntest du sie ja auch mal besuchen. Soviel ich weiß, hat Leni keine Geschwister, und da werdet ihr mehr Platz haben als bei uns.“

„Aber … Mammi hat doch immer gesagt, ihr ist es lieber, ich bringe meine Freundinnen mit zu uns!“

„Dann setzt ihr euch eben zusammen in die Küche oder auf den Balkon oder sonst wohin! Komm, mach nicht so ein Gesicht, Gundel, hilf mir lieber! Außerdem … es ist ja nicht für ewig. Wenn das Brüderchen größer ist und selber am Tisch sitzen kann, können wir ihn vielleicht wieder ’runterholen.“

Gundula folgte ihrem Vater. Sie war so verwirrt und überrumpelt, daß sie selber nicht einmal wußte, ob sie unglücklich oder wütend war. Am schlimmsten war es, daß der Vater ihr trauriges Gesicht gar nicht beachtete, sondern ganz fröhlich und unbefangen tat.

Gemeinsam schleppten sie den Tisch und die Bank zum Dachboden hinauf. Gundula nahm es wortlos hin, daß der Vater auch die beiden Stühle nach oben verbannte. Sie schleppten die Wickelkommode ins Zimmer. Das Pult wurde vors Fenster geschoben, damit das Gitterbett Platz hatte.

Es war nicht so einfach, das Bett zusammenzufügen und aufzustellen. Gundula wünschte sich innerlich, daß der Vater es überhaupt nicht fertig brächte, und freute sich, als er dabei ins Schwitzen geriet. Endlich klappte es doch.

„So“, sagte der Vater, trat zurück und rieb sich zufrieden die Hände. „Na, wie gefällt’s dir jetzt? Ich finde, das Zimmer ist richtig gemütlich geworden.“

„Ja, wie eine Rumpelkammer!“ sagte Gundula.

Das Lächeln des Vaters erlosch. „Von dieser Seite kenne ich dich ja gar nicht, mein Kind!“ sagte er stirnrunzelnd. „Aber ich weiß schon den Grund … wir haben dich all die Jahre viel zu sehr verwöhnt. Es ist nie gut für ein Kind, das einzige zu sein. Es wird höchste Zeit, daß du dir angewöhnst, zu teilen.“

„Wenn ich nicht mal sagen darf, was ich denke!“ murrte Gundula.

„Häßliche Gedanken sollte man lieber für sich behalten. Ich bin sehr enttäuscht von dir!“

Gundula wußte, der Vater wartete darauf, daß sie ihn um Verzeihung bat. Tatsächlich hatte sie auch das mit der Rumpelkammer gar nicht so gemeint. Aber sie brachte es einfach nicht fertig, sich zu entschuldigen.

Wortlos half sie dem Vater die Schubladen der Wickelkommode mit Schrankpapier auszulegen, Windeln und Jäckchen, Strampelhöschen und Hemdchen hineinzuordnen und das kleine Bett zu beziehen.

Als alles fertig war, hoffte Gundula, daß der Vater sie loben würde. Wenn sie auch ungezogen gewesen war, so hatte sie ihm doch sehr geholfen. Ein einziges gutes Wort, das spürte sie deutlich, konnte den Teufel aus ihrem Herzen vertreiben; sie würde dem Vater sagen können, wie leid ihr ihr schlechtes Benehmen tat.

Aber der Vater lobte sie nicht. Er sagte nur: „Das hätten wir geschafft! Wie spät ist es?“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Gleich fünf Uhr … immerhin, da könnte ich noch mal ins Krankenhaus fahren. Du kannst inzwischen schon den Tisch für das Abendbrot decken!“

Als die Wohnungstür hinter Herrn Berendt ins Schloß fiel, war es mit Gundulas Beherrschung vorbei. Sie warf sich über ihr Bett, weinte bitterlich. Das Herz tat ihr weh. Es schmerzte sie nicht so sehr, daß sie ihr liebes Zimmer von nun an mit ihrem Brüderchen teilen mußte, das schlimmste war, daß der Vater nicht eine Sekunde daran gedacht hatte, wie ihr dabei zumute sein mußte. Ihm war nur noch das Brüderchen wichtig. Für sie interessierte er sich überhaupt nicht mehr.

Gundula hatte große Sehnsucht nach ihrer Mutter.

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