Kitabı oku: «Ist das wirklich Isabell?»
Marie Louise Fischer
Ist das wirklich Isabell?
SAGA Egmont
Ist das wirklich Isabell?
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1962 by F. Schneider, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719756
1. e-bogsudgave, 2017
Format: EPUB 3.0
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lindhardtogringhof.dk
Lindhardt og Ringhof Forlag A/S, et selskab i Egmont
Ein verheißungsvoller Anfang
Es ist ein feines Gefühl, morgens aufzuwachen und zu wissen: Heute habe ich Geburtstag!
Isabell, die sich sonst immer erst beim dritten Wecken entschloß, munter zu werden, sprang bei diesem Gedanken mit einem Satz aus dem Bett.
„Hurra, ich hab’ Geburtstag!“ rief sie begeistert.
Sie packte ihr Nachthemd mit beiden Händen und tanzte wie ein Kreisel durch das Zimmer, bis ihr schwindelig wurde und sie sich auf den Sessel vor ihrem kleinen Toilettentisch setzen mußte.
Ja, ihr habt richtig gelesen: Isabell hatte einen eigenen Toilettentisch mit einer Glasplatte, auf derKammund Bürste lagen, beide mit Silbergriffen und Monogrammen, zwei Cremedosen standen daneben und ein Fläschchen Kölnisch Wasser. Aber die Hauptsache war der große ovale Spiegel, den man nach vorn oder nach hinten kippen konnte, je nachdem, wie man sich betrachten wollte.
Isabell blickte in den Spiegel, und das, was sie sah, befriedigte sie sehr. Hellblondes Haar ringelte sich um ihr schmales Gesicht, die Wimpern ihrer großen grauen Augen waren lang und schwarz und schön gebogen, auch die Brauen waren dunkel und kräftig gezeichnet, der Mund war rund und voll — nur die Nase zeigte einen leichten Schwung nach oben. Isabell klemmte die Nasenflügel zusammen und drückte die Nasenspitze herunter. So hielt sie es eine ganze Weile aus, aber dann, als sie es satt bekam und die Nase losließ, richtete sie sich sofort wieder nach oben.
„Bäh!“ sagte Isabell und streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus.
Sie glich in diesem Augenblick nicht im geringsten mehr der zarten kleinen Prinzessin, die sie gerne sein wollte, sondern eher einem rechten Lausbuben.
Eine Viertelstunde später, als sie am Frühstückstisch erschien, war sie wieder ganz Dame. Sie hatte ihr allerbestes Schottenkleid angezogen, mit dem gerüschelten Kragen und den gerüschelten Manschetten; ihr blondes Haar war schön gebürstet und fiel in weichen Wellen bis auf die Schultern, und ihr schmales Gesicht strahlte engelhafte Bravheit aus.
„Guten Morgen, mein Schatz … meine allerherzlichsten Glückwünsche!“ Die Mutter, die am Kopfende des Tisches gesessen hatte, stand auf und nahm Isabell zärtlich in die Arme, küßte sie auf beide Wangen. „Wie fühlst du dich als Geburtstagskind?“
„Na, zehn Jahre alt zu werden, das ist keine Kleinigkeit“, erklärte Isabell mit Würde und setzte sich auf ihren Platz; ihr Gedeck war mit einem Blumenkranz umgeben. „Kann ich, bitte, ein Stück Kuchen haben?“
Frau Grunert schnitt ein Stück von dem schokoladenüberzogenen Gugelhupf ab. „Ich habe ihn selber gebacken“, sagte sie, „Torte gibt es erst heute nachmittag!“ Sie schenkte ihrer kleinen Tochter Tee ein.
„Wo sind die anderen?“ fragte Isabell.
„Elke muß schon um sieben Uhr aus dem Haus, das weißt du doch, Bernd wird bestimmt gleich kommen, und Vater habe ich noch nicht geweckt. Heute mittag sind wir alle beisammen. Elke kommt deinetwegen zum Essen nach Hause.“
„Gehört sich auch so“, sagte Isabell und steckte sich noch ein Stück Kuchen in den Mund.
„Schmeckt es dir?“
„Danke, ausgezeichnet! Wann ist die Bescherung?“
„Sobald du aus der Schule kommst!“
„Warum nicht gleich?“
„Aber, Isabell … wir haben doch immer erst mittags beschert!“
„Weiß ich. Aber ich habe doch ausdrücklich gesagt, daß ich diesmal nicht so lange warten will!“
Die Mutter seufzte. Ich habe es ausdrücklich gesagt! — für ein zehnjähriges Mädel eine recht dreiste Rede. Das fand sogar Frau Grunert, Isabells allzu nachgiebige Mutter.
„Ist doch wirklich wahr“, murrte Isabell, „es dauert schon sowieso immer ein ganzes Jahr, bis es soweit ist, und dann noch bis mittags warten … das grenzt ja an Tierquälerei!“
„Isabell … bitte!“
„Verrat mir wenigstens, was ich kriege!“
„Da du, wie du selber gesagt hast, schon ein ganzes Jahr auf diesen Geburtstag gewartet hast, kommt es doch auf die paar Stunden auch nicht mehr an.“
„Doch. Unbedingt. Ich halte es einfach nicht mehr aus … bitte, bitte, liebe, süße, gute Mama, ich flehe dich an … sag mir, was ich kriege! Ich verrate auch den anderen kein Sterbenswörtchen, daß ich es schon weiß!“ Isabell war aufgesprungen, hatte die Arme um den Hals ihrer Mutter gelegt und drückte das Gesicht an ihre Wange.
Frau Grunert versuchte, sie abzuwehren. „Bitte, mach es mir nicht so schwer, Schatz!“
„Aber ich will es dir schwer machen, Mamutschka! Was ist denn schon dabei, wenn du es mir jetzt sagst! Heute mittag erfahre ich es ja doch!“
„Eben. Also gedulde dich!“
„Aber ich kann es nicht … ich kann es wirklich nicht! Glaubst du denn, ich könnte in der Schule auch nur fünf Minuten aufpassen, wenn ich nicht weiß, was zu Hause auf mich wartet?“
Frau Grunert holte tief Luft, dann sagte sie: „Na schön! Dann …“
Aber sie kam nicht dazu, ihren Satz zu Ende zu sprechen, denn in diesem Augenblick trat Bernd, Isabells achtzehnjähriger Bruder, ins Zimmer.
„Guten Morgen, Kleines“, sagte er, packte Isabell am Nacken und schüttelte sie ein bißchen, „gratuliere zum Geburtstag!“
„Au … du tust mir ja weh!“ rief Isabell empört.
„Die Prinzessin auf der Erbse!“ Bernd beugte sich über seine Mutter, küßte sie. „Guten Morgen, Mama!“
„Gut geschlafen, Großer?“
„Prima, wie immer!“
Isabell setzte sich wieder auf ihren Platz. Sie war wütend. Wenn Bernd nicht im ungeeignetsten Moment gekommen wäre, das wußte sie ganz genau, hätte die Mutter ihr ihre Geschenke verraten.
Bernd betrachtete sie erstaunt. „Was ist denn los mit dir, Kleines? Ist dir die Petersilie verhagelt?“
„Laß mich in Ruh!“
„Ärgere sie nicht, Bernd!“ sagte die Mutter. „Sie hat nur wissen wollen, was sie geschenkt kriegt!“
„Ach so!“ Bernd lachte. „Und wie ich dich kenne, Mamutschka, wärst du bestimmt weich geworden, wenn ich nicht hereingeplatzt wäre! Ich habe es ja schon oft gesagt, du und Vater, ihr seid dieser kleinen Kröte einfach nicht gewachsen.“ Er lachte noch mehr, als er Isabells zorniges Gesicht sah.
„Komm, komm! Nur nicht wild werden. Das ist eine ganz falsche Taktik. Versuch’s doch mal mit mir! Wer sagt dir denn, daß ich dir nicht verraten kann, was heute mittag auf dich wartet?“
Isabells Gesicht hellte sich auf, aber ihre Stimme klang noch sehr mißtrauisch, als sie fragte: „Wurdest du es tun?“
„Vielleicht.“ Er steckte sich einen Bissen Kuchen in den Mund, drückte ihn hinunter, sagte dann: „Wenn du mich recht schön bittest!“
Isabell sah in das verschmitzte Gesicht ihres Bruders. „Den Gefallen tu ich dir nicht“, erklärte sie von oben herab, „wie käme ich denn dazu? Wenn du mich auf den Arm nehmen willst, mußt du früher aufstehn.“
„Bitte, hört auf, euch zu zanken!“ sagte Frau Grunert energisch. „Ihr wißt, wie sehr ich das hasse … noch dazu an Isabells Geburtstag!“
„Bernd hat angefangen. Er will mich durchaus ärgern!“
„Wirklich, Bernd, du solltest dran denken, daß du älter bist!“ sagte Frau Grunert. „Du als ihr großer Bruder solltest sie eigentlich beschützen!“
„Glaubst du wirklich, Isabell braucht Schutz, Mamutschka? Da kann ich ja nur kichern. Das einzige, was ihr fehlt, sind hin und wieder einmal ein paar hinter die Ohren!“
„Bernd … aber wirklich!“ sagte Frau Grunert ärgerlich.
„Kränk dich nicht, Mama“, sagte Isabell mit heuchlerischer Sanftmut, „er versteht es nun einmal nicht besser!“ Sie schnitt dem großen Bruder blitzschnell eine Fratze.
„Möchtest du noch ein Stück Kuchen, Isabell?“ fragte die Mutter.
„Nein, danke … ich muß jetzt laufen!“ Isabell stand auf, legte die Serviette zerknüllt neben den Teller, küßte ihre Mutten. „Bis heute mittag, Mama!“
Frau Grunert runzelte die Stirn. „Sag mal, willst du wirklich in diesem Kleid in die Schule?“
„Warum nicht? Es ist doch sehr schick.“
„Sicher. Aber es ist doch viel zu schade für die Schule!“
„Du vergißt, daß ich heute Geburtstag habe!“
„Das habe ich keineswegs vergessen“, sagte Frau Grunert, und es war ihr anzumerken, wie sehr sie sich bemühte, streng zu sein, „aber ich finde nicht, daß das ein Anlaß ist, dich vor deinen Klassenkameradinnen aufzuspielen!“
„Aufspielen … wie kommst du denn darauf?“
„Mama“, sagte Bernd, „warum läßt du dich mit dem Kind auf Diskussionen ein? Befiehl ihr einfach, sich umzuziehen … und schon ist der Fall erledigt!“
Isabell war schon in der Tür. „Leider, mein verehrungswürdiger Bruder“, sagte sie mit einem süßen Lächeln, „bleibt mir dafür keine Zeit mehr!“
„Aber die Serviette könntest du wenigstens Zusammenlegen!“ rief Bernd.
Isabell hörte es noch in der Diele, aber sie dachte nicht daran, noch einmal zurückzugehen. Sie war mit sich zufrieden. Wenn sie auch nicht herausgebracht hatte, was sie geschenkt bekam, so hatte sie sich doch wenigstens von Bernd nicht kleinkriegen lassen. Das war schon viel wert.
Isabell führt das große Wort
Dr. Grunert arbeitete als Chemiker in einem Industrieunternehmen; er war dort ein wichtiger Mann. Seine Familie lebte im ersten Stockwerk einer riesigen alten Villa. Das Haus lag in einer schönen Wohngegend, mitten in einem gepflegten Garten.
Aber jetzt war es Herbst, und es ging ein kühler Wind. Isabell hatte sich ihren Wintermantel angezogen, bevor sie die Wohnung verließ. Von den Platanen fielen dürre gelbbraune Blätter auf die Straße. Isabell wirbelte sie mit den Füßen hoch, denn das machte Spaß.
Das Haus, in dem Grunerts lebten, stand in einer stillen Einbahnstraße, aber ringsum brandete der Verkehr der großen Stadt. Auf dem Weg zur Schule mußte Isabell siebenmal die Fahrbahn überqueren. Sie benutzte immer die Fußgängerüberwege, sah erst aufmerksam nach links und dann nach rechts und achtete an den gefährlichen Kreuzungen genau auf die Farbe der Ampeln.
Heute schienen ganz besonders viele Autos unterwegs zu sein, und so kam Isabell nur sehr langsam vorwärts. Als das große rote Backsteingebäude der Luisenschule vor ihr auftauchte, war es kurz vor acht Uhr. Gerade noch beim letzten Klingelzeichen konnte sie in ihre Klasse schlüpfen.
Fräulein Hermann, die Deutsch-Lehrerin, folgte ihr so dicht auf den Fersen, daß Isabell nicht einmal mehr Zeit blieb, ihre Freundinnen zu begrüßen.
Fräulein Hermann trat hinter das Katheder und schlug das Klassenbuch auf. Sie schraubte ihren Füllfederhalter auf und machte ihre Eintragung. „Fehlt jemand?“ fragte sie.
Erni, die Klassensprecherin, zeigte auf. „Irene Besser“, sagte sie, „schon die ganze Woche. Sie ist entschuldigt.“
„Ah, ich erinnere mich … Angina, nicht wahr?“
„Jawohl, Fräulein Hermann!“
Fräulein Hermann schraubte ihren Füller wieder zu und ließ den Blick über die Klasse schweifen. Sie war jung und hübsch und immer sehr korrekt angezogen. Als sie vor einem Jahr an die Luisenschule gekommen war, hatten viele geglaubt, leicht mit ihr fertig zu werden. Aber bald hatte sich herausgestellt, daß sie sehr streng sein konnte und viel von ihren Schülerinnen verlangte.
„Nanu“, sagte sie, als sie Isabells schönes Kleid sah. „Sollte ich übersehen haben, daß heute ein Feiertag ist?“
„Ich habe Geburtstag!“
„Gratuliere! Und du scheinst wild entschlossen, ihn mit Nachdruck zu feiern?“
„Natürlich! Geburtstag ist ja nur einmal im Jahr.“
„Sehr richtig. Ich wundere mich, daß du es an diesem großen Tag überhaupt für nötig gefunden hast, in die Schule zu kommen.“
Isabell spürte, daß Fräulein Hermann sie aufs Glatteis führen wollte, und so flötete sie mit Unschuldsmiene: „Ich würde niemals freiwillig einen Tag versäumen.“
„Das kann schon sein. Aber manchmal scheinst du den Unterricht mit einer Modenschau zu verwechseln.“
Hinter ihrem Rücken hörte Isabell ein paar Mädchen kichern, aber sie blieb ganz ungerührt. „Ich glaube, da besteht doch ein erheblicher Unterschied“, sagte sie.
„Wahrhaftig! Du überraschst mich. Bitte, sei so gut und komm nach vorne, damit alle deine Kameradinnen dein prächtiges Kleid bewundern können. Ich habe nämlich eine kleine Aufgabe für dich.“
Isabell trat vor. Sie wußte, daß sie sehr hübsch aussah. Außerdem hoffte sie, Fräulein Hermann würde sie ein Gedicht aufsagen lassen, das tat sie für ihr Leben gern.
Aber sie sollte enttäuscht werden.
„Nimm ein Stück Kreide“, befahl Fräulein Hermann, „und schreib folgenden Satz an die Tafel: Meine Mutter hat den Tisch schön gedeckt!“
Isabell tat, wie ihr gesagt wurde.
Fräulein Hermann sah sich ihr Werk prüfend an. „Ausgezeichnet. Und jetzt, bitte, sei so freundlich und bestimme uns die einzelnen Satzteile!“
Isabell machte ihre Sache tadellos, bis sie an das Wörtchen „schön“ kam; Sie tippte mit dem Finger darauf und sagte: „Das ist ein Eigenschaftswort!“
„Bist du ganz sicher?“
„Ja, natürlich.“
„Auf was bezieht sich denn ‚schön‘?“
„Auf den Tisch. Der Tisch ist schön.“
„Nein, meine liebe Isabell, der Tisch ist nicht schön … er ist schön gedeckt. Das ist ein bedeutender Unterschied.“
„Schön ist hier Umstandswort“, erklärte Isabell rasch.
„Zu spät, meine Liebe, ich habe ganz den Eindruck, daß dir der Unterschied zwischen Eigenschafts- und Umstandswörtern nicht ganz geläufig ist. Wollen wir es mal mit einem anderen Beispiel versuchen …“
Gute zwanzig Minuten hielt Fräulein Hermann das Geburtstagskind an der Wandtafel fest, und als sie es endlich in Gnaden entließ, war Isabell erschöpft und das schöne Schottenkleid weiß von Kreide; dafür aber war Isabell sich ganz sicher, daß sie nie mehr in ihrem ganzen Leben ein Umstandswort mit einem Eigenschaftswort verwechseln oder gar groß schreiben würde. Dann endlich ertönte das Pausenzeichen, und Fräulein Hermann verließ die Klasse.
Lolo Klausner stürzte zu Isabell. „So eine Gemeinheit“, sagte sie ehrlich. „Dein schönes Kleid! Halt dich ganz still, ich klopf’ dir die Kreide heraus. Was ist Fräulein Hermann bloß eingefallen? Bestimmt paßt es ihr nicht, daß du viel eleganter bistals sie!“
Isabell zuckte die Achseln. „Wenn mir alles so gleichgültig wäre …!“
„Sie hat einen richtigen Piek auf dich, und nicht erst seit heute!“ Lolo Klausner war Isabells beste Freundin. Sie war hübsch, aber nicht ganz so hübsch wie Isabell, nicht ganz so gut angezogen, nicht ganz so intelligent und nicht ganz so verwöhnt, und was das Wichtigste war: sie sah es auch ein. Sie bewunderte Isabell in jeder Beziehung.
Auch Sybill, Susanne und Christine kamen zu Isabells Platz. „Ärgere dich nicht!“ sagten sie, und: „Die ist ja bloß neidisch!“ und: „Wahrscheinlich ist sie heute morgen mit dem linken Fuß aufgestanden!“
Isabell genoß es, im Mittelpunkt zu stehen. „Reden wir nicht mehr darüber“, sagte sie, „halb so wichtig.“
„Weißt du schon deine Geschenke?“ fragte Lolo.
„Bis jetzt noch nicht. Bescherung ist erst mittags.“
„Bei uns auch immer“, erklärte Christine, „ich finde, der letzte Vormittag, bis es endlich soweit ist, das ist das Alleraufregendste.“
„Aber wahrscheinlich hast du doch wenigstens eine Ahnung?“ bohrte Susanne.
„Das schon. Schließlich weiß ich, was ich mir gewünscht habe. Am meisten freue ich mich auf mein eigenes Radio!“
„Kriegst du eines? Wirklich?“ Sybill bekam große Augen.
„Ich denke schon. Jedenfalls habe ich es mir ausdrücklich gewünscht.“
„Ach, das besagt doch gar nichts!“ Christine war als älteste von vier Geschwistern Kummer gewöhnt. „Wünschen kann man sich, was man will … ob man’s kriegt, steht auf einem anderen Blatt!“
„Bei mir nicht“, erklärte Isabell überlegen, „ich habe noch immer alles bekommen!“
„Du Glückspilz!“ Lolo war voller Bewunderung. „Du hast die richtigen Eltern erwischt!“
„Irrtum!“ Isabell warf ihre blonden Locken in den Nakken. „Ich behandle sie richtig. Das ist ganz einfach, man muß nur wissen, was man will.“
„Ach, spuck nicht so große Töne“, sagte Susanne, „ich weiß genau, daß ich mir seit Jahren ein Fahrrad wünsche … aber glaubst du, ich kriege es? Kein Drandenken. Meine Eltern wollen einfach nicht. Obwohl ich ihnen immer wieder sage, daß alle in der Klasse eins haben.“
„Ich nicht!“ Christine schnitt eine Grimasse. „Meine Eltern sagen, es ist zu gefährlich!“
„Fahrrad habe ich längst“, sagte Isabell herablassend, „ihr versteht es eben nicht, euch durchzusetzen, ihr müßt …“ Aber Isabell kam nicht dazu, ihren bestimmt sehr aufschlußreichen Vortrag zu beenden, denn jetzt ertönte die Klingel zur zweiten Stunde.
In der großen Pause wurde Isabell wieder von ihren Freundinnen umringt.
„Wenn du tatsächlich ein Radio bekommst …“, begann Susanne.
„Was heißt hier … tatsächlich? Ich bekomme eins, ihr werdet sehen!“ warf Isabell ein.
„… dann könnten wir heute nachmittag tanzen!“ fuhr Susanne fort.
„O prima!“ rief Sybill, dann fügte sie ganz erschrocken hinzu: „Aber ich kann gar nicht tanzen!“
„Bringen wir dir bei!“ erklärte Isabell großmütig.
„Eine tolle Idee!“ sagte Christine. „Um sechzehn Uhr ist heute ein fabelhaftes Programm!“
„Vielleicht macht dein Bruder auch mit, Isabell?“ fragte Susanne hoffnungsvoll.
„Wünsch dir nur das nicht! Bernd ist ein Flegel!“
„Aber du hast uns doch gesagt, daß du schon ein bißchen tanzen von ihm gelernt hast.“
„Stimmt. Zum Lernen ist er ganz gut. Aber ansonsten … ein großer Spaßverderber. Nein, Bernd würde nur stören.“
„Na ja, es wird wohl auch so gehen“, sagte Susanne.
„Übrigens … außer euch kommt noch jemand, ein Mädchen namens Rosemarie“, erklärte Isabell.
„Wer ist das?“ „Kennst du sie?“ — „Ist sie nett?“ fragten die Freundinnen.
„Keine Ahnung … ich meine, ob sie nett ist. Sie ist die Tochter von Vaters Geschäftsfreund, ich habe bloß mal ganz kurz mit ihr gesprochen.“
„Weshalb lädst du sie dann ein?“ fragte Sybill erstaunt.
„Mein Vater hat darauf bestanden!“
„Habt ihr’s gehört!“ rief Christine triumphierend. „Unsere tolle Isabell, die angeblich alles durchsetzen kann, was sie will … aber wenn ihr Vater was von ihr verlangt, dann muß sie gehorchen, ganz genau wie jede von uns!“
„Du bist ein Kamel!“ sagte Isabell hochmütig. „Natürlich hätte ich sie nicht einzuladen brauchen, wenn ich es nicht gewollt hätte … Aber warum? Sie tut uns ja nichts. Merk dir eines: In Kleinigkeiten ist es immer richtig, den Eltern nachzugeben, dann kann man seine Wünsche um so leichter durchsetzen, wenn es drauf ankommt.“
„Ich hätte es netter gefunden, wenn wir unter uns geblieben wären“, sagte Sybill.
„Ist es dein Geburtstag oder meiner? Na eben. Außerdem, wenn sie uns blöd kommt, lassen wir sie einfach links liegen … sozusagen am ausgestreckten Arm verhungern.“
„Ich weiß noch gar nicht, was ich anziehen soll“, ließ sich Christine vernehmen.
„Macht euch so schick wie möglich … Ehrensache!“ forderte Isabell. „Meine Schwester Elke … Ihr wißt, die ist auf der Kunstakademie … die kann prima fotografieren. Sie hat mir versprochen, ein paar schöne Bilder zu machen … ihr bekommt dann jeder einen Abzug.“
„Aber ich hab’ gar nichts sehr Schickes“, klagte Christine, „aus meinem guten Blauen bin ich ’rausgewachsen, und das Grüne ist verschossen und …“
„Na, irgend etwas wirst du schon finden!“ sagte Isabell. „Nimm eben das Beste, was du hast … Im Notfall stellen wir dich eben ganz nach hinten, daß nur der Kopf zu sehen ist!“
Christine wurde rot, sie mußte schlucken.
„Manchmal hast du einen Takt wie ein Nilpferd!“ sagte Susanne.
„Wieso?“ Isabell war ganz erstaunt. Erst jetzt sah sie, daß Christine Tränen in den Augen hatte. „Hab’ ich dich beleidigt? Tut mir leid. Aber wenn du meine Meinung nicht hören willst, warum jammerst du mich dann erst an?“
„Also, bitte, Kinder, zankt euch doch nicht!“ versuchte Lolo zu vermitteln. „Du bist wirklich überempfindlich, Christine … Wenn Isabell dich nicht hätte dabeihaben wollen, hätte sie dich ja gar nicht eingeladen. Daß du nicht die Eleganteste von uns bist, ist ja nicht neu.“
Sybill legte ihren Arm um Christines Schultern. „Weißt du was, ich hab’ eine prima Idee! Ich werde auch bloß mein Zweitbestes anziehen … dir zuliebe! Wenn wir das alle machen …“
Aber mit diesem Vorschlag erntete sie einen Sturm der Empörung. „Was fällt dir ein?“ — „Wie käme ich denn dazu?“ — „Bei euch ist wohl ’ne Schraube locker?“ riefen alle durcheinander.
Wenn nicht noch grade rechtzeitig das Klingelzeichen ertönt wäre, wären sich die fünf Freundinnen womöglich noch in die Haare geraten.
Isabell fand ihren Platz neben Christine. „Nicht böse sein“, flüsterte sie ihr, während sie die Treppe hinaufstiegen, zu, „du kommst doch bestimmt?“
Christine nickte. Sie wäre todunglücklich gewesen, wenn sie an Isabells Geburtstag nicht hätte dabeisein dürfen.
Eine schöne Bescherung
Als Isabell diesen Mittag nach Hause kam, nahm sie sich nicht einmal — was selten genug bei ihr vorkam — die Zeit, in den Spiegel zu schauen. Sie riß sich den Mantel herunter, warf ihre Mappe in die Ecke und raste wie eine abgeschossene Rakete zum Wohnzimmer.
Die Tür war abgeschlossen.
Isabell trommelte mit beiden Fäusten dagegen, rief: „Macht doch auf … bitte, bitte! Aufmachen … ich bin schon da!“
Tatsächlich wurde die Tür sogleich geöffnet, aber nur einen Spalt breit, grade so weit, daß die Mutter hinausschlüpfen konnte. „Ich bitte dich, Schätzchen, was ist in dich gefahren? Was soll der Lärm?“ fragte sie und strich ihrer kleinen Tochter über die zerzausten Locken.
„Ich will endlich meinen Geburtstagstisch sehen!“ Isabell drückte ein bißchen, und schon standen ihre großen grauen Augen voller Tränen — sie wußte, daß sie damit bei ihrer Mutter alles erreichen konnte.
„Isabell, mein Liebling, weine doch nicht!“ rief Frau Grunen erschrocken. „Nur noch ein paar Minuten … ein paar winzige Minütchen … dann ist es ja soweit!“
„Ich kann es einfach nicht mehr aushalten“, schluchzte Isabell.
„Na, na, na!“ sagte Dr. Grunert.
Isabell hob rasch den Kopf, sie hatte ihren Vater gar nicht kommen hören. „Papa!“ rief sie. „Mein braver, holder Papa!“ Sie lief zu ihm hin und warf sich mit Schwung in seine Arme.
Dr. Grunert klopfte seiner Tochter zärtlich auf den Rükken. „Nur nicht übertreiben, Kleines, dann wirkt es nicht mehr echt!“ Er hob Isabell hoch in die Luft. „Unser Geburtstagskind … es lebe hoch, hoch, hoch!“
Auch Elke und Bernd waren aus dem Wohnzimmer gekommen, sie sahen lachend zu, wie Isabell strampelnd und zappelnd versuchte, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Endlich setzte der Vater sie ab. „Ich gratuliere dir von ganzem Herzen“, sagte er, „und wünsche dir zum neuen Lebensjahr Glück und Gesundheit und … das vor allem … daß du endlich anfängst, vernünftig zu werden!“
„Stimmt“, sagte Bernd, „mit zehn Jahren kann man sich nicht mehr wie ein verwöhntes Baby benehmen!“
Isabell streckte ihm blitzschnell die Zunge heraus.
„Von mir kriegst du etwas ganz Besonderes, Isabell“, sagte Elke. „Wochenlang habe ich daran gearbeitet … ich weiß selber nicht, wie ich dazu gekommen bin, mir deinetwegen soviel Mühe zu machen.“
„Eine Stola?“ rief Isabell.
„Wart es ab!“
„Können wir jetzt bescheren?“ fragte die Mutter.
„Klar. Alles in Ordnung“, sagte Bernd.
„Eine Sekunde noch!“ Der Vater ging zur Tür. „Wartet, bis ich mit dem Einzugsmarsch beginne!“
Isabell trat vor Ungeduld von einem Fuß auf den anderen, bis die fröhliche Musik erklang. Bernd stieß die Tür weit auf, und Isabell trat in das Wohnzimmer.
Die schweren Vorhänge waren zugezogen, so daß es ganz dunkel im Raum war. Nur die zehn Kerzen um die Geburtstagstorte und das dicke Lebenslicht brannten. Die weiße Damastdecke schimmerte, die Blumen leuchteten, es war eine Pracht. Das Schönste aber war ein moosgrünes Samtkleid.
Mit einem Aufschrei stürzte Isabell sich darauf, nahm es hoch, hielt es sich vor. Das Oberteil war eng, mit einem runden kleinen Ausschnitt und dreiviertellangen Ärmeln, der Rock war in der Taille gerafft, weit und ganz bauschig. „Wie wunder-wunderschön!“ rief Isabell begeistert. „Einfach herrlich! Darf ich es anziehen?“
„Anprobieren“, sagte die Mutter, „natürlich darfst du das. Aber möchtest du nicht erst einmal deine anderen Geschenke anschauen?“
„Sieh mal hier“, sagte Elke, „die Schuhe zum Kleid … die würden sogar mir gefallen!“ Sie zeigte Isabell ein Paar Ballerinenschuhe aus weichem, schmiegsamem Leder.
„Süß!“ Isabells Augen glitten über den Tisch. „Deine Stola!“ Sie legte sich das federleichte, feingestrickte weiße Gebilde um die Schultern.
„Mit dieser Stola siehst du mindestens aus wie die Königin von Saba!“ spottete Bernd.
„Ich lege nicht den geringsten Wert darauf, dir zu gefallen!“ sagte Isabell patzig.
Der Vater war vom Flügel aufgestanden. „Ist eine Stola nicht wirklich etwas übertrieben für ein zehnjähriges Mädchen?“ fragte er.
„Warum?“ gab Elke zurück. „Sie hat sie sich so sehr gewünscht … ich kann wirklich nichts Unrechtes dabei finden.“
„Du bist süß, Elke!“ Isabell gab ihrer großen Schwester einen Kuß. „Ich danke dir.“ Mit einem Blick auf Vater und Bernd fügte sie hinzu: „Die Männer haben kein Verständnis!“
Dr. Grunert schüttelte den Kopf, und Bernd lachte.
Erst in diesem Augenblick entdeckte Isabell den Wellensittich. Er saß in einem hübschen runden Käfig ganz hinten auf dem Geburtstagstisch, halb verdeckt von den Blumen.
Isabell traute ihren Augen nicht. „Ein Vogel“, sagte sie überwältigt, „oh!“
„Damit sich dein eigener Piepmatz nicht so einsam fühlt!“ erklärte Bernd.
Die Mutter verließ, ohne daß es jemand bemerkte, das Zimmer, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen.
Isabell begutachtete nun der Reihe nach ihre übrigen Geschenke. Sie hatte so viel bekommen, daß es eine gute Viertelstunde dauerte, bis sie durch war. Ein goldenes Halskettchen erregte ihr größtes Entzücken. Außerdem gab es Bücher, Schokolade, Pralinen und einen großen Obstkorb, ein silbernes Besteck wie jedes Jahr von ihrer Patentante, ein putziges Stoffäffchen von Bruder Bernd, weiße hohe Schlittschuhstiefel mit funkelnagelneuen Schlittschuhen und noch eine Menge Kleinigkeiten, von den zwanzig kleinen Verlosungsgegenständen für den Nachmittag ganz zu schweigen.
Trotzdem wurde Isabells Gesicht immer länger und länger.
„Schau doch bloß mal her … die Gratulation von Onkel Peter!“ sagte Elke. „Darum könnte ich dich geradezu beneiden!“ Sie betrachtete die große Gratulationskarte, auf deren vorderes Blatt der Maler Peter Heibler mit wenigen einfachen Strichen ein kleines kraushaariges Mädchen gezeichnet hatte, das aus großen dunklen Augen wild und lustig in die Welt schaute.
Isabell zuckte die Achseln. „Wer soll denn das sein?“
„Sicher seine Tochter Annunciata … die ist übrigens gradeso alt wie du.“
„Kenne ich nicht.“
„Aber darauf kommt es doch nicht an! Siehst du denn nicht, wie unerhört das gezeichnet ist? Ein richtiges kleines Meisterwerk!“
„Wenn’s dir so gut gefällt … ich schenke es dir mit Kußhand!“
„Vater … Bernd! Ihr habt’s gehört! lsabell hat mir das Bild geschenkt!“
„Dumm genug. In ein paar Jahren kann das viel wert sein“, erklärte Bernd.
Isabell horchte nun doch auf. „Wirklich?“
„Schon möglich“, sagte der Vater, „vor allem hat Elke recht, es ist wirklich ganz ausgezeichnet.“ Er erhob seine Stimme. „Aber du weißt, Isabell … geschenkt ist geschenkt!“
„Na klar“, sagte Isabell lustlos.
„Hör mal, Schätzchen, möchtest du dich nicht jetzt mal bedanken … bei Vater und Bernd und Mutter?“ schlug Elke vor.
„Glaubst du, ich wüßte nicht selber, was sich gehört?“ sagte Isabell giftig.
„Hört, hört!“ Bernd grinste. „Unserem Küken ist mal wieder ’ne Laus über die Leber gelaufen!“
„Laß mich in Ruh’!“ Isabell hob die Fäuste, als wenn sie ihren großen Bruder schlagen wollte.
Bernd wich mit gespieltem Entsetzen zurück.
„Tut es dir leid, daß du mir das Bild geschenkt hast?“ fragte Elke. „Wenn du willst …“
„Nein, danke.“ Isabell stiegen die Tränen in die Augen, diesmal brauchte sie gar nichts dazu zu tun; sie fühlte sich grenzenlos enttäuscht.
„Komm mal her, Kleines!“ Der Vater setzte sich in einen Sessel, zog Isabell auf den Schoß. „Was ist los mit dir? Nicht zufrieden?“
„Entschuldigt, wenn ich euch allein lasse“, sagte Bernd, „ich kann ja allerhand vertragen, aber das geht wirklich zu weit. Erst überschüttet ihr das Kind mit Geschenken, und nachher, wenn sie trotzdem ein Gesicht zieht, fragt ihr noch, ob sie nicht zufrieden ist!“ Er ging wütend aus dem Zimmer.
Isabell legte ihren Kopf an die Schulter des Vaters und schluchzte.
„Heute darfst du nicht traurig sein, Kleines“, tröstete Herr Dr. Grunert. „Denk doch nur an all die schönen Sachen, die du bekommen hast … oder gefällt dir etwas nicht?“
„Papa“, sagte Elke, „du weißt doch ganz genau, was ihr nicht gefällt … wir wissen es doch alle. Also, erklär ihr, warum ihr ihr das Radio nicht geschenkt habt!“
„Ist es das, Kleines?“ fragte Herr Grunert.
Isabell nickte unter Tränen.
„Aber Isabell … Mutter und ich haben dir doch von Anfang an gesagt, daß wir die Idee mit dem eigenen Radio für ganz unsinnig halten. Das hast du doch gewußt!“
Isabell schluchzte nur.
„Hast du geglaubt, wir würden es dir trotzdem schenken?“
„Ja-a!“ sagte Isabell. Es kam so kläglich heraus, daß man hätte glauben können, sie sei das bemitleidenswerteste Kind auf der ganzen Welt.
Herr Grunert packte Isabell bei den Schultern, bog ihren Oberkörper zurück, so daß er ihr verweintes kleines Gesicht sehen konnte. „Isabell, bitte!“ sagte er. „Nun tu mir die Liebe und sei vernünftig! Was für einen Sinn hätte denn ein eigenes Radio für dich gehabt? Sieh dich nur um! Da hinten stehen ein Radio, ein Plattenspieler und ein Fernsehapparat. Sie gehören zwar nicht dir, aber du kannst sie jederzeit benutzen. Niemand stört dich dabei, denn Elke und ich kommen immer erst abends heim, und Bernd ist fast nie hier im Wohnzimmer. Also … was soll’s?“
„Ich habe doch auch kein eigenes Radio, Isabell“, tröstete Elke, „und Bernd auch nicht!“
„Ich halte nichts von der ewigen Radiodudelei, das weißt du ganz genau“, sagte Herr Dr. Grunert. „Ein Radio in deinem Zimmer würde dich bloß bei den Schularbeiten stören!“
„Ich hätte es ja mitnehmen können, wenn wir verreisen“, sagte Isabell schluchzend.
„Das hätte mir grade noch gefehlt! Radiomusik im Hotelzimmer, am Strand und auf der Kurpromenade … nein, danke!“
„Ich weiß genau, was mit dir los ist“, sagte Elke. „Du hast dich da in etwas verrannt! Gib dir einen Ruck und denk nicht mehr an das alberne Radio!“
„Aber ich habe es jetzt doch schon allen erzählt! Alle wissen, daß ich ein Radio bekomme … ich meine, alle glauben es! Wie stehe ich denn da! Ich bin bis auf die Knochen blamiert … am liebsten möchte ich, daß überhaupt niemand zu mir kommen soll!“ rief Isabell verzweifelt.
Elke stand auf. „Wenn das dein Ernst ist … ich kann, wenn du willst, sofort versuchen, deine Freundinnen zu erreichen. Sie werden zwar ein bißchen enttäuscht sein, daß der Kaffeeklatsch nicht stattfindet …“
Isabell sprang vom Schoß ihres Vaters. „Elke … du bist gemein! So etwas von gemein!“
Dr. Grunert packte sie im Nacken. „Isabell, hier hört der Spaß auf! Wir haben alle eine Engelsgeduld mit dir … aber was zu weit geht, geht zu weit!“
Isabell riß sich los. „Niemand hat mich lieb!“ rief sie. „Niemand! Auch du nicht! Am liebsten möchte ich tot sein!“
Das ist die Höhe
Es wurde ein sehr bedrücktes Mittagessen.
Frau Grunert hatte eine klare Brühe mit Markklößchen gekocht, die Isabell so gern mochte, dann gab es gespickten Rehrücken mit Preißelbeeren und Kartoffelklößen, Isabells Lieblingsspeise. Der Platz des Geburtstagskindes war mit kleinen Rosenknospen geschmückt, aber der Stuhl davor war leer. Isabell hatte sich, außer sich vor Ärger und Enttäuschung, auf ihrem Zimmer eingeschlossen.
„Das arme Kind“, sagte Frau Grunert, „bestimmt ist sie schrecklich unglücklich … und das ausgerechnet an ihrem Geburtstag!“
Elke zwinkerte ihrem Vater zu. „Ich fürchte, Mutter tut’s schon leid, daß ihr ihr den Apparat nicht geschenkt habt!“
„Ich bin immer dafür gewesen, daß sie ihn bekommt“, erklärte Frau Grunert ernsthaft. „Ich sehe gar nicht ein, warum wir ihre Herzenswünsche nicht erfüllen sollen. Sie ist doch nun mal unser Nesthäkchen. Ihr müßt immer bedenken, daß Isabell nach den großen Geschwistern schielt und ihre Wünsche danach richtet. Das ist doch verständlich, und warum soll man ihr nicht alle Freude gönnen? Später, wenn sie größer ist, wird sie ganz von selber merken, daß nicht alles so geht, wie man gerne möchte!“
„Du bist zu gut für diese Welt, Gerda“, sagte der Vater, „das ist dein Fehler.“
„Nicht für diese Welt … nur für Isabell!“ sagte Elke. „Ich hab’ sie wirklich auch von Herzen gern, Mutter, sie ist schließlich meine kleine Schwester, und ich verstehe vollkommen, daß die Jüngste immer ein bißchen verwöhnt wird. Besonders wenn der Altersunterschied so groß ist wie zwischen Isabell und mir. Trotzdem bin ich mir vollkommen darüber im klaren, daß unser Küken es faustdick hinter den Ohren hat. Sie hat es darauf abgesehen, jeden ihrer Wünsche durchzusetzen, sonst gibt es ein Theater.“
„Bloß diesmal hat sie sich ins eigene Fleisch geschnitten“, sagte Bernd voller Genugtuung, „geschieht ihr ganz recht, daß wir ihren Geburtstagsbraten ohne sie aufessen. Schmeckt übrigens ausgezeichnet, Mutter … Kann ich noch einen Löffel Preißelbeeren haben?“
„Ob ich nicht doch noch mal an ihre Tür klopfen sollte?“ sagte Frau Grunett. „Wenn ich ihr einen Teller hinstelle … vielleicht holt sie ihn dann herein.“
„Untersteh dich!“ sagte der Vater. „Nur wer krank ist, darf im Zimmer essen. Sonst niemand. Das wollen wir gar nicht erst einreißen lassen.“
„Aber sie muß doch Hunger haben!“
„Wenn sie es nicht mehr aushalten kann, wird sie sich schon entschließen, ihre Höhle wieder zu verlassen! Und wenn zehnmal ihr Geburtstag ist — dies Benehmen ist mir zu dumm. Ich bitte dich sehr, Gerda, endlich einmal mit dieser dummen Verzärtelung aufzuhören. Letzten Endes gesdchieht Isabell nichts Gutes, wenn sie so maßlos verzogen wird.“
Sie aßen und taten, als ob es ihnen schmeckte.
Das schlechtgelaunte Geburtstagskind stand inzwischen in seinem Zimmer mit dem Ohr an der Tür und lauschte, ob nicht doch jemand käme, um sie noch einmal zum Essen aufzufordern. Erst hatte sie auf dem Bett gelegen und geweint, sie hatte vor Wut in ihr Kopfkissen gebissen, aber dann hatte ihr Magen zu knurren begonnen.
Sie wußte, daß es heute ihr Lieblingsessen gab — wenn sie nur an Rehbraten dachte, lief ihr schon das Wasser im Mund zusammen. Rehbraten mit Kartoffelklößen und Preißelbeeren! Die anderen saßen bestimmt schon bei Tisch und ließen es sich gut sein. Um sie kümmerte sich niemand. Dabei hatte die Mutter das gute Essen doch für sie zubereitet.
Wieder kamen Isabell die Tränen, aber diesmal schluckte sie sie ganz rasch hinunter. Sie wußte schon seit Jahren: Weinen, wenn niemand zusieht, hat wenig Sinn.
Sie glaubte ein Geräusch zu hören und lauschte wieder. Aber kein Schritt näherte sich ihrer Tür.
Isabell holte tief Luft. Und da es wenig Sinn hat, sich selbst etwas vorzuschwindeln, gestand sie sich heimlich: In diese Lage hatte sie sich selber gebracht; also mußte sie auch selber sehen, wie sie wieder hinauskam. Mit einem Ruck warf sie ihr Haar in den Nacken, öffnete die Tür, ging rasch und entschlossen zum Eßzimmer.
Als alle Blicke sich auf sie richteten, wurde sie doch ein bißchen rot. Aber sie tat, was sie sich vorgenommen hatte. „Was?!“ rief sie erstaunt. „Ihr eßt schon? Warum habt ihr denn nicht auf mich gewartet?“
Alle lachten, und gerade das hatte Isabell erreichen wollen. Sie lachte mit.
„Komm her zu mir, Kleines“, sagte der Vater, während die Mutter schon dabei war, ihren Teller zu füllen, „sicher hast du mir etwas zu sagen, nicht wahr?“
„Entschuldige, bitte, Paps“, sagte Isabell mit reuiger Miene, „ich glaube, ich habe mich furchtbar blöd benommen.“
„Das kann man wohl sagen!“ Dr. Grunert gab seiner kleinen Tochter einen zärtlichen Kuß. „Hauptsache, du bist doch noch zur Einsicht gekommen!“
„Ja, Paps!“ Isabell setzte sich auf ihren Platz und begann mit gutem Appetit zu essen. „Ich hab’ mir überlegt“, sagte sie mit vollem Mund, „schließlich kann ich mir das Radio grad so gut zu Weihnachten wünschen …“
Dem Vater verschlug es die Sprache, Bernd lachte.
„Isabell, du bist unverbesserlich“, sagte Elke.
„Ich meine, wenn ich mir nur das eine wünsche und sonst gar nichts, dann …“
Dr. Grunert hatte sich wieder gefangen. „Ein für allemal“, sagte er energisch, „ich will von nun an kein Wort mehr über diese blödsinnige Radioangelegenheit hören, sonst … sonst stifte ich alle Geschenke, die du heute bekommen hast, einem Waisenhaus!“
Isabell hatte eine Entgegnung schon auf der Zunge, aber sie schwieg wohlweislich. Sie spürte doch, daß sie zu weit gegangen war.
Frau Grunert war es, die das Thema wechselte, und Isabell ging sofort darauf ein. Sie plauderte unbefangen, zeigte sich von ihrer liebenswürdigsten Seite, und Dr. Grunert, der eine Schwäche für seine Jüngste hatte, bekam, wie nach jeder Auseinandersetzung, das Gefühl, doch zu streng gewesen zu sein.
Isabell, die ihren Vater sehr gut kannte, spürte genau, was in ihm vorging. Nach dem Mittagessen — es hatte zum Abschluß Äpfel im Schlafrock gegeben — schlängelte sie sich zu ihm. Dr. Grunert saß in seinem bequemsten Sessel, las die Zeitung, rauchte eine Zigarre und wartete auf den Kaffee.
Isabell legte von hinten die Arme um seinen Hals, rieb ihr Gesicht an seiner Wange.
„Na, Kleines, was gibt’s?“ fragte er, ohne sie anzusehen.
„Mein guter, holder Papa … ich habe eine große Bitte!“
„Im vorhinein bewilligt … falls es sich nicht um du-weißtschon-was handelt!“
„Aber nein, Papa! Was glaubst du denn von mir! Es ist nur eine ganz einfache winzige kleine Bitte, eigentlich ist es sogar mehr ein Wunsch!“
„Eben war die Bitte noch sehr groß, wenn ich dich richtig verstanden habe!“
„Nun ja, tatsächlich ist sie so mittel … mittelgroß, meine ich. Darf ich wohl … hättest du etwas dagegen, wenn ich heute nachmittag mein neues Kleid anziehe?“
Dr. Grunert ließ die Zeitung sinken und sah seine Tochter erstaunt an. „Wieso fragst du mich? Für Kleiderfragen war ich doch niemals zuständig!“
„Aber du bist der Herr im Hause. Du mußt entscheiden!“
„Aha, mir schwant etwas, du Schlange. Mutter hat es verboten, und nun versuchst du, mich herumzukriegen!“
„Papa!“ sagte Isabell mit Würde. „Du tust mir wirklich unrecht. Ich habe Mutter überhaupt noch nicht gefragt!“
„Ist das wahr?“
„Ich habe noch nie gelogen!“
„Gut, ich glaube dir. Wenn Mutter nichts dagegen hat … von mir aus mach, was du willst!“
Isabell ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie schnappte ihr neues moosgrünes Samtkleid und die Ballerinenschuhe vom Geburtstagstisch, rannte in die Küche, wo Frau Grunert Kaffee filterte, rief: „Hurra! Ich darf mein Neues anziehen! Hurra, hurra, hurra!“
„Wer hat dir das erlaubt?“ fragte Elke, die schon mit dem Spülen begonnen hatte.
„Vater!“
„Hör mal, Liebling“, sagte Frau Grunert, „meinst du, daß das wirklich richtig ist: Das Kleid ist doch viel zu fein für eine Kindergeburtstagsgesellschaft!“
„Für meine Geburtstagsgesellschaft kann gar nichts fein genug sein!“
„Laß dir mal von deiner großen Schwester was sagen“, mischte Elke sich ein. „Zu den Grundbegriffen des guten Benehmens gehört es, daß man sich als Gastgeberin nicht wer weiß wie herausputzt. Du solltest dich so anziehen, daß alle deine Freundinnen sich wohl fühlen, auch die, die vielleicht gar nichts besonders Schickes haben. Bloß eine alberne Gans will immer und überall die Schönste sein.“
„Danke für die Blumen“, sagte Isabell schnippisch, „nur gut, daß du mir gar nichts zu befehlen hast!“
Frau Grunert nahm den Filter von der Kanne, stellte sie auf ein Tablett. „Mir kommt es fast vor, als ob Elke recht hätte“, sagte sie. „Sicher sind nicht alle deine Freundinnen so verwöhnt wie du wirklich, findest du dieses gute Kleid nicht doch übertrieben? Außerdem ist es sehr empfindlich. Schon der geringste Fleck …“
Isabell umarmte ihre Mutter so stürmisch, daß sie fast die Kaffeekanne zu Boden riß. „Mach dir nur keine Sorgen, Mamutschka, ich paß schon auf!“
Ehe Frau Grunert noch etwas einwenden konnte, war sie aus der Küche gesaust.
Isabell nahm sich sehr viel Zeit zum Umkleiden. Das moosgrüne Samtkleid wirkte, wie sie fand, angezogen noch schöner und machte sie fast erwachsen. Nachher drehte sie sich vor dem Spiegel und war mit ihrem Aussehen sehr zufrieden.
„Na, wie gefalle ich euch?“ fragte sie strahlend, als sie fix und fertig angezogen ins Wohnzimmer trat.
Aber niemand antwortete ihr. Der große Raum war leer. Dr. Grunert war schon ins Büro gegangen, Bernd arbeitete sicher auf seinem Zimmer.
Eine Sekunde lang war Isabell enttäuscht, dann benutzte sie rasch die Gelegenheit, das goldene Kettchen aus dem weich ausgepolsterten Kästchen zu nehmen und es sich um den Hals zu legen.
Sie lief in die Küche. Das Mittagsgeschirr war fortgeräumt, die Mutter war gerade dabei, die Kaffeetassen wieder an ihren Platz zu stellen.
„Wie sehe ich aus?“ rief Isabell glücklich.
„Sehr schön, mein Liebling“, sagte Frau Grunert. Aber das hatte wenig zu bedeuten, denn Isabell wußte, daß sie für die Mutter immer schön war.
Sie konnte es kaum erwarten, bis ihre Freundinnen kamen, aber bis dahin war noch eine gute Weile Zeit. Nicht sehr freudig half sie den Kaffeetisch decken, war froh, als Elke sie ablöste.
Gerade wollte sie sich heimlich, still und leise auf ihr Zimmer verdrücken, als der erste Gast erschien: es war Lolo Klausner, ihre beste Freundin. Sie trug unter dem Wintermantel ein geblümeltes Seidenkleid.
Lolo brachte ein Buch und einen kleinen Kaktus, sie gratulierte sehr herzlich und bewunderte Isabells Geschenke.
Die beiden Freundinnen blieben nicht lange allein, fünf Minuten später kamen Sybill und Christine, beide hübsch, aber ganz und gar nicht aufwendig angezogen. Susanne folgte ihnen auf dem Fuß.
Natürlich war es Susanne, die die Frage stellte, auf die Isabell innerlich schon lange gewartet hatte. „Na, wo hast du denn dein neues Radio, Isabell?“ fragte sie heuchlerisch.
Isabell zuckte die Achseln. „Leider … Fehlanzeige!“
„Aber … du hast uns doch gesagt …!?“ rief Sybill, nicht ohne Schadenfreude.
„Tut mir leid. Man sagt eben viel, wenn der Tag lang ist.“
„Ein Wellensittich ist doch viel … viel induvidueller!“ versuchte Lolo der Freundin zu helfen, wobei sie sich bei dem schwierigen Fremdwort fast die Zunge verstauchte.
„Kann er Musik machen?“ fragte Susanne scheinheilig.
„Das nicht … aber sprechen lernen!“
Bevor die Freundinnen sie noch weiter ärgern konnten, streckte Elke ihren Kopf ins Zimmer und rief: „Es hat wieder geklingelt, Isabell … möchtest du nicht aufmachen?“
„Das ist bestimmt Rosemarie!“ sagte Isabell und lief in die Diele hinaus.
Sie hatte sich nicht geirrt.
Als sie die Wohnungstür öffnete, stand Rosemarie Berger vor ihr, sehr elegant in einem Wintermantel mit Pelzkrägelchen, wie Isabell mit einem Blick feststellte.
Von dieser Sekunde an waren Isabells Gefühle für die andere vorwiegend feindlich, denn sie konnte es nicht ertragen, wenn jemand außer ihr selber gut angezogen war. Außerdem war nicht zu leugnen, daß Rosemarie hübsch war, sehr hübsch sogar, und das gab Isabell den Rest.
Mit Mühe zwang sie sich zu einem Lächeln, als sie Rosemarie die Hand schüttelte. „Fein, daß du kommst“, sagte sie. Rosemarie übergab ihr Geschenk, betrachtete Isabell von Kopf bis Fuß. „Ich glaube, ich habe noch eine Überraschung für dich!“ sagte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ah, wirklich?“ fragte Isabell ohne großes Interesse.
„Hast du dein Kleid schon lange?“
„Heute bekommen. Warum fragst du?“
„Dann halte dich fest, damit du nicht umfällst!“
„Ach, ich bin gar nicht so schreckhaft“, behauptete Isabell, „ich …“
Weiter kam sie nicht, ihr Mund blieb offen, ohne daß sie noch ein Wort hervorbrachte.
Rosemarie hatte ihren Mantel ausgezogen und — zum Vorschein kam genau das gleiche Kleid, wie Isabell selber es trug: aus moosgrünem Samt mit glattem Oberteil, dreiviertellangen Ärmeln, rundem Ausschnitt und einem angekrausten, stark gebauschten Rock.
„Nein“, sagte Isabell, „o nein!“
„Leider doch!“ sagte Rosemarie und warf einen selbstgefälligen Blick in den Garderobenspiegel. „Aber mach dir nichts draus. Unsere Wege werden sich außer diesem einen Nachmittag ja kaum allzu oft kreuzen.“
Isabell rang um Fassung. „Schließlich“, sagte sie mühsam, „was ist weiter dabei? Wir tragen dasselbe Kleid. Das ist ja immer noch kein Beinbruch.“
„Eben!“ meinte das Mädchen.
Rosemarie war nicht schüchtern. Sie wartete gar nicht erst darauf, daß Isabell sie mit den anderen Mädchen bekannt machte, sie stellte sich selber vor. „Rosemarie Berger“, sagte sie und fügte mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: „Kein Zwilling von Isabell, wenn’s auch fast so aussieht!“
Die anderen lachten, und Isabell — lachte mit. Aber in ihrem Inneren kochte es.
„Ja, das ist wirklich komisch“, sagte sie, scheinbar ganz vergnügt, „wir hätten es nicht besser verabreden können. Das ist ein Spaß! Ich bin mal gespannt, was Mutter und Elke für Gesichter machen …“
Frau Grunert und die große Schwester staunten gebührend, sie lachten, und Elke versprach, eine besonders schöne Aufnahme zu machen, auf der nur sie beide in ihren gleichen Kleidern zu sehen sein sollten.
Dann traten alle um den langen, hübsch gedeckten Tisch. Isabell hatte schon Wochen vorher mit Elkes Hilfe lustige Tischkarten gemalt, so daß jedes Mädchen wußte, wo es zu sitzen hatte. Rosemarie als Ehrengast bekam den Platz an Isabells Seite — seinerzeit hatte Isabell das ganz und gar nicht eingeleuchtet, aber jetzt war sie froh darüber.
Sie legte sich ihre Serviette auf den Schoß, wartete mit bravem Gesicht, bis die Mutter ihr ein Stück Torte vorlegte. Elke ging währenddessen mit der großen Kanne herum und goß Kakao ein.
In dem Augenblick, als Elke neben Isabell stand und Rosemarie eingießen wollte, rutschte Isabells Serviette vom Schoß. Sie bückte sich und — bumste mit ihrem Kopf gegen die Kanne, so daß sich ein dicker Strahl Kakao über Rosemaries Kleid ergoß.
Rosemarie schrie auf. Alle quietschten durcheinander vor Entsetzen. Elke stellte rasch die Kanne ab, zog Rosemarie hoch.
Isabell starrte scheinbar voll Entsetzen auf das, was sie angerichtet hatte. „War ich daran schuld?“ rief sie. „Bitte, entschuldige, Rosemarie! Ich habe es bestimmt nicht mit Absicht getan!“ Rosemarie schluchzte.
„Zieh rasch das Kleid aus, Rosemarie“, sagte Elke, „ich wasch’ es dir aus … bis du nach Hause gehst, ist alles wieder in Ordnung!“
„Das ist ein guter Gedanke“, sagte Frau Grunert, „du kannst derweil etwas von Isabell anziehen …“
„Natürlich!“ sagte Isabell sofort. „Sei nicht traurig, Rosemarie … du kannst dir von meinen Sachen aussuchen, was du willst!“
Elke nahm die schluchzende Rosemarie beim Arm und führte sie aus dem Zimmer.
„Soll ich mitkommen?“ erbot sich Isabell.
„Nicht nötig!“ sagte Elke mit einem seltsamen Blick.
„Die arme Rosemarie“, sagte Isabell voller Mitgefühl, „so ein Pech!“ Aber es gelang ihr nur mit Mühe und Not, ihren Triumph zu verbergen.
Zehn Minuten später kam Rosemarie zurück. Die Tränen waren versiegt, sie hatte ihr Gesicht gewaschen und sah in Isabells hellblauem Wollkleid sehr nett aus.
„Bist du mir noch böse?“ fragte Isabell herzlich, als Rosemarie sich neben sie setzte.
„Nicht im geringsten“, gab Rosemarie zurück, aber ihre Stimme klang nicht gerade herzlich.
„Dann ist es ja gut!“ sagte Isabell strahlend.
Von nun an verlief der Geburtstag ohne Zwischenfälle. Isabell war eine liebenswürdige Gastgeberin. Es fiel ihr leicht, großmütig zu sein, denn seit Rosemarie ihr schönes Kleid hatte ausziehen müssen, war sie selbst unbestritten die Königin des Festes.
Am späten Nachmittag, als die Freundinnen sich verabschiedet hatten, nahm Elke sie einen Augenblick beiseite. „Isabel!“, sagte sie ernst, „schämst du dich eigentlich nicht?“
Isabell machte große Augen. „Weswegen?“
„Weil du Rosemarie den Kakao über das Kleid geschüttet hast! Mit voller Absicht!“
„Nein!“ rief Isabell empört. „Wie kannst du nur so etwas behaupten?“
Die große Schwester sah sie kopfschüttelnd an. „Isabell, Isabell“, sagte sie, „mir kannst du nichts vormachen. Du bist ein schreckliches kleines Biest. Ich frage mich nur, ob jemals ein vernünftiger Mensch aus dir werden wird!“
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