Kitabı oku: «Jung und verliebt im Landschulscheim»
SAGA Egmont
Jung und verliebt im Landschulscheim
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1980 by F. Schneider, Germany
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ISBN: 9788711719732
1. e-bogsudgave, 2017
Format: EPUB 3.0
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Lindhardt og Ringhof Forlag A/S, et selskab i Egmont
Fröhliche Ankunft
Die Weihnachtsferien waren vorüber.
Auf dem weiten, mit Kopfsteinpflaster gepflasterten Hof von Burg Rabenstein herrschte der übliche Wirbel bei der Rückkehr und Ankunft der Schüler und Schülerinnen im Landschulheim. Nicht nur, daß der Omnibus aus München junge Leute ausspie, viele wurden auch von ihren Eltern, einem Vormund, einer Tante, einem Onkel oder einem Elternteil im Personenauto hereingefahren. Einige der älteren Schüler kamen sogar im eigenen Auto.
Fast alle kannten sich, schrien sich Begrüßungsworte zu, oft weit über den Hof, suchten Hilfe, um ihre schweren Koffer zu schleppen, lachten, fluchten und waren außerordentlich vergnügt.
Natürlich war es schön gewesen, Ferien zu haben, Weihnachten zu feiern, zu Hause sein zu können, aber jetzt genossen die meisten die Heimkehr – denn auch dies war eine Heimkehr – nach Rabenstein.
Die alte Burg mit ihren verspielten Türmen und gotischen Spitzbogen war ihnen eine zweite Heimat geworden, und die Freude, die Freundinnen und Freunde wiederzusehen, war riesengroß. Die Eltern oder andere ältere Anverwandte sahen sich so schnell vergessen, daß es sie fast schockierte. Sie trösteten sich damit, daß diese Begeisterung, wieder im Landschulheim zu sein, immerhin besser war, als Tränen, Seufzen und Geschrei beim Abschied,
Nur der jungen Frau Heuer stiegen die Tränen in die Augen, als sie ihre Tochter Leona nach ein paar flüchtigen Küßchen ganz vergnügt und selbstvergessen mit ihrer hübschen Freundin Ute und ihrem Freund Kurt Büsing lachend und plaudernd abziehen sah.
Ihr Mann, Peter Heuer, nur wenig älter als sie, legte ihr den Arm um die Schultern. „Nimm’s nicht tragisch, Irene“, versuchte er sie zu trösten, „denk immer daran: wir haben es ja selber gewollt.“
Irene Heuer schluckte. „Aber daß es ihr so leichtfällt!“
„Es war ja nicht von Anfang an so. Inzwischen hat sie sich eingewöhnt. Seien wir froh darüber.“
Frau Heuer zog ihr Taschentuch. „In ein paar Jahren wird sie erwachsen sein.“
„Das ist der Lauf der Welt, Irene.“ Er zog sie zärtlich an sich. „Wir könnten uns ja noch was Kleines anschaffen. Aber dann müßtest du natürlich deinen Beruf aufgeben.“
„Ich weiß nicht, Peter.“
„Das ist auch keine Sache, die wir hier und jetzt entscheiden müssen. Steh nicht länger herum wie eine trauernde Niobe, sondern laß uns zurück nach München fahren. Vielleicht halten wir an einem netten Gasthof unterwegs und fügen uns was zu Gemüte. Ist das nicht ein Vorschlag?“ Er dirigierte seine Frau sanft in das Auto, mahnte noch: „Schnall dich an!“ – tat es selber und startete.
Leona winkte ihnen nicht einmal nach.
Sie unterließ das nicht etwa, um ihre Eltern zu kränken, oder weil sie sie nicht liebhatte. Es war nur so, daß ihr gepflegtes Zuhause und das Landschulheim zwei Welten waren, die einander völlig ausschlossen.
Es war wunderbar gewesen, wieder einmal zu Hause zu sein, kleine gepflegte Mahlzeiten einzunehmen, täglich auszuschlafen, ins Theater und in Konzerte gehen zu dürfen. Aber gerade weil ihre Eltern sie so verwöhnten und fast wie eine Erwachsene behandelten, hatte sie gefühlt, wie rasch sie wieder zu der Einzelgängerin werden konnte, die sie gewesen war, bevor sie nach Rabenstein gekommen war. Doch jetzt, als der gutmütige, etwas dickliche Kurt aus Hamburg, der meist „Kuddel“ genannt wurde, und die strahlend hübsche Ute aus Berlin, Leonas Zimmergenossin, sich so begeistert auf sie gestürzt hatten, fühlte sie sich wie von einem Bann befreit.
Kurt hatte ihr den Koffer abgenommen und Ute ihre Skier geschultert, so daß Leona selber nur ihre Reisetasche – helles Leinen mit ledernem Besatz und ledernen Griffen – tragen mußte.
„Menschenkinder!“ schrie sie. „Schnee! So viel Schnee! Wer hätte das gedacht! In München hat es nur ein bißchen gerieselt!“
„In Berlin noch weniger!“ rief Ute.
„Und in Hamburg gar nicht!“
Alle drei sprachen viel lauter, als es nötig gewesen wäre. Das kam daher, daß alle anderen rings um sie her schrien, und weil sie alle das Wiedersehen, das Entkommen aus der elterlichen Gewalt und die Rückkehr nach Rabenstein als eine Befreiung empfanden – ohne sich natürlich selber darüber klar zu sein.
Sie hatten das schwere, jetzt weit geöffnete Tor zur Halle schon erreicht, als sie von hinten angerufen wurden.
„He, Leona, altes Mädchen!“ rief Alma, allgemein Amsi genannt, ihnen zu. „Ute, gutes Stück! Wie geht’s, wie steht’s?“
„Wartet auf uns!“ rief Sabine.
Alma, ein sehr sportliches Mädchen mit kurzem, fast jungenhaft geschnittenem Haar, und Sabine, zartbesaitet und empfindsam, waren beste Freundinnen und teilten ein Zimmer auf Burg Rabenstein. Leona hatte ein halbes Jahr mit ihnen zusammengewohnt und mochte beide sehr. Da Sabines Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren und ihr Vormund, ein Junggeselle, nichts weiter für sie tun konnte, als ihre Geldangelegenheiten regeln, hatte sie die Weihnachtsferien bei Alma verbracht. Jetzt waren sie gerade aus dem Auto von Almas Vater gestiegen.
„Bleibt, wo ihr seid!“ rief Leona zurück. „Wir verstauen erst mein Zeug, dann helfen wir euch bei euren Sachen!“
Auch in der Halle wimmelte es nicht nur von Mädchen – die Jungen wohnten nicht im Schloß, sondern in einem modernen Anbau – sondern auch von Eltern, die den Abschied nicht so leichtnehmen wollten. Allenthalben wurden Hände geschüttelt, Küsse und gute Ratschläge verteilt.
Am häufigsten drang an das Ohr der drei, die sich unbeirrt einen Weg durch das Gewimmel bahnten, die Mahnung: „Reiß dich um Himmels willen zusammen! Ich möchte es auf keinen Fall erleben, daß du sitzenbleibst!“
„Gott, wie ich das hasse!“ Leona schlug die schönen grauen Augen, denen sie mehr Ausdruck gab, indem sie ihre von Natur hellen, aber hübsch geschwungenen Wimpern schwarz tuschte, gen Himmel.
„Na, du bist eben intelligent!“ spaßte Kurt Büsing. „Deine Eltern brauchen dir bestimmt keinen Tritt in den Allerwertesten zu verpassen.“
„Tun sie auch picht. Aber ich finde es trotzdem Wahnsinn. Als wenn irgendwer aus purer Böswilligkeit das Ziel der Klasse, wie es so schön heißt, verfehlen würde.“
„Ilse Moll zum Beispiel!“ erinnerte Ute.
„Ja, die! Der ist die Schule gänzlich schnuppe. Daran ändert sich aber auch nichts, wenn man auf sie einredet wie auf ein lahmes Pferd. Ach, da ist sie ja! Hei, Ilse!“
Ilse wirkte, zwei Jahre älter als Leona, aber dennoch in der gleichen Klasse, ausgesprochen sexy in einem bunten Skipullover, der sich über ihrem gut entwickelten Busen spannte, eine dazu passende Mütze keck auf ihre blonde Lockenpracht gestülpt. „Grüßt euch!“ rief sie vergnügt zurück.
„Hast du dein Mütterchen schon abgehängt?“ fragte Kurt.
Ilses Mutter war eine selbständige Unternehmerin, eine hochintelligente, energische und willensstarke Frau, die ihre Tochter zur Schnecke machen konnte wie sonst niemand.
„Ist gar nicht mit rausgefahren!“ erwiderte Ilse vergnügt. „Unser Chauffeur hat mich gebracht!“
„Euer Chauffeur!“ rief Kurt beeindruckt. „Dunnerlüttchen! Setz mich auf die Liste deiner Heiratskandidaten!“
Ilse verzog die Mundwinkel. „Ich fürchte, du würdest dem Röntgenblick meiner Mutter nicht standhalten. Aber sagt mir mal: Wo soll ich mit den verdammten Skiern hin?“
„Das weißt du nicht?“
„Im vorigen Jahr hatte ich sie immer im Schuppen beim Sessellift. Aber da hat es ja auch nicht gleich nach Weihnachten so viel Schnee gegeben.“
Kurt stellte Leonas Koffer ab. „Gib her!“ Er nahm Ilse die Skier ab und legte sie gekonnt über die Schulter. „Die von Leona auch!“ sagte er zu Ute. „Für die Skier haben wir im Keller einen Extra-Abstellraum. Die Stöcke nehmt ihr, bitte, mit auf euer Zimmer. Alte Skifahrerregel: Trennt euch nie von euren Stöcken, dann werden euch die Bretter nicht geklaut.“
„Scheint mir ziemlich sinnlos“, entgegnete Ute, „man kann doch die Skier …“
„Mädchen, Mädchen, hier ist weder Ort noch Zeit für eine Diskussion. Es ist ’ne alte Regel, ich sag’s ja. Ich habe sie nicht erfunden.“
Kurt schulterte auch Leonas Skier.
„Wartet auf mich. Es dauert nur ein paar Minuten. Dann helfe ich euch mit den Koffern weiter.“
„Absolut nicht nötig!“ wehrte Ute ab. „Das schaffen wir schon allein. Was meinst du, Leona?“
„Aber sicher!“
Mit vereinten Kräften schleiften sie den Koffer durch den langen Gang, an dessen Ende linker Hand der Speisesaal, und rechter Hand der Aufstieg zu den Zimmern der Mädchen lagen. An der einen Seite des Ganges gab es einfache, braun gestrichene Türen, die in verschiedene Schulzimmer und in das Sekretariat führten, auf der anderen Seite Spitzbogenfenster, die den Ausblick auf den Hang hinter der Burg freigaben; er war jetzt dick mit leuchend weißem, pulvrigem Schnee bedeckt.
„So was von Schnee!“ rief Leona begeistert. „Wo findet man den sonst noch!? In der Stadt bestimmt nicht!“
Ute, die sich mit ihr um den Transport des Koffers bemühte, und Ilse Moll, die neben ihnen herstolzierte, stimmten ihr darin unumwunden zu.
„Nirgends!“ sagten sie mit einer Gleichzeitigkeit, über die alle drei in helles Gelächter ausbrachen.
Sie hatten das Ende des Ganges noch nicht erreicht, als Kurt sie wieder einholte.
Energisch nahm er Leona und Ute den Koffer aus der Hand. „Laßt das den guten Onkel Kurt machen!“
„Ja, wenn wir dich nicht hätten!“ Leona war froh, sich nicht länger abplagen zu müssen, aber sie hatte auch gelernt, daß Jungen für Komplimente genauso empfänglich sind wie Mädchen – vielleicht sogar noch empfänglicher, weil sie Schmeicheleien gegenüber weniger mißtrauisch sind.
Ute blies in das gleiche Horn, wobei sie Leona hinter Kurts Rücken ein Äuglein kniff. „Man sieht dir auf den ersten Blick an, wie stark du bist, Kuddel!“
„Was heißt hier erster Blick?“ fragte Kurt. „Du solltest inzwischen doch Gelegenheit genug gehabt haben, dich von meinen Bärenkräften zu überzeugen!“
Ute ließ sich nicht verwirren. „Zugegeben!“ erklärte sie. „Aber sie beeindrucken mich eben immer wieder!“
Ilse Moll beteiligte sich an dem Geplänkel nicht. Sie hatte keinen Koffer zu schleppen, und außerdem war ihr der gleichaltrige Kurt Büsing herzlich gleichgültig; sie interessierte sich nur für erwachsene oder zumindest halberwachsene Männer.
Durch eine Tür erreichten sie eine zweite Halle, ziemlich kahl und auch im gotischen Stil, von der die Treppe zu den Mädchenzimmern hinaufführte.
Kurt stellte den Koffer ab. „Tut mir leid, meine Damen … bis hierher und nicht weiter!“
So freizügig das Leben auf Burg Rabenstein war: das Betreten des Mädchentrakts, der am Fuße dieser Treppe begann, war für Jungen streng verboten.
„Na klar, Kuddel“, sagte Leona, „niemand hat erwartet, daß du dich für uns in Ungelegenheiten bringst.“
„Wieso, denn nicht?“ fragte Ilse Moll. „Nur dadurch kann ein Mann beweisen, daß ihm wirklich was an seinem Mädchen liegt.“
„Ich mag Kurt“, erklärte Leona hitzig, „aber das heißt noch lange nicht, daß ich ,sein Mädchen’ bin, wie du es zu nennen beliebst. Ich gehöre immer noch mir selber, und nichts wäre mir mehr zuwider, als ihn in Schwierigkeiten zu bringen.“
„Versteht sich am Rande“, stimmte Ute ihr zu, „hör doch gar nicht auf Ilse.“
So unauffällig wie möglich tupfte Kurt sich indessen den Schweiß von der Stirn. „Wenn ihr wirklich wollt, daß ich …“
„Spar dir den Unsinn!“ fuhr Leona ihm über den Mund. „Natürlich wollen wir nicht! Komm, pack bitte mit an, Ute!“
Gemeinsam hievten sie das schwere Gepäckstück mit Leonas Wintersachen von Stufe zu Stufe, während Ilse sehr lässig die Skistöcke trug.
Als sie oben angekommen waren, rief Leona dem immer noch schwitzenden Kurt über die Schulter zu: „So sei bedankt, mein lieber Schwan!“
„Wie bitte?“ fragte Kurt verdutzt zurück.
Leona, die in den Weihnachtsferien mit ihren Eltern die Oper „Lohengrin“ gesehen hatte, in der ein Schwan dem Helden als Transportmittel dient, lachte. Ute wußte als Tochter einer Schauspielerin auch Bescheid und lachte mit.
Nur Ilse blieb ernst und äußerte leicht pikiert: „Ich verstehe immer nur Bahnhof!“
Spaß muß sein
Leona und Ute hielten sich nicht lange auf, sondern schoben nur den Koffer in ihr gemeinsames Zimmer und rannten dann gleich wieder hinunter, um Alma und Sabine zu helfen. Ilse Moll hielt das nicht für nötig, sondern zog sich in ihre eigene Kemenate zurück. Sie gehörte zu den wenigen Jüngeren auf Burg Rabenstein, die ein Zimmer für sich allein hatten. Aber niemand beneidete sie darum, denn erstens fanden es die meisten lustiger, mit einer Freundin zusammen zu hausen, und zweitens verstand es Ilse durchaus nicht, es sich gemütlich zu machen. Bei ihr sah es immer aus, wie die junge, fesche Erzieherin von Leonas Gruppe ziemlich grob, aber treffend zu sagen pflegte, „wie in einem Schweinestall“. Das war um so erstaunlicher, als Ilse Moll für ihre eigene Schönheit mehr Zeit verwendete als irgendeine andere Rabensteinerin.
Doch Leona und Ute verschwendeten keinen weiteren Gedanken an Ilse Moll, sondern sausten, so schnell sie konnten, die Treppe wieder hinunter, den Gang entlang und stießen in der Eingangshalle auf die Freundinnen, die ziemlich hilflos zwischen Taschen, Koffern und Skiern standen.
„Gut, daß ihr kommt!“ sagte Sabine ganz erleichtert.
„Ehrensache!“ rief Leona. „Wir hatten es doch versprochen.“
„Wartet auf mich“, bat Alma, „ich bringe jetzt erst einmal die Skier weg. Hier, Sabine, halt du die Stöcke!“ Sie schulterte die beiden Skierpaare und verschwand in Richtung Kellertür.
„Du siehst fabelhaft aus, Bine!“ sagte Leona.
„Ja, wirklich“, stimmte Ute ihr zu, „wo hast du dir diese Farbe geholt?“
Tatsächlich war die von Natur aus weiße Haut der blonden, grünäugigen Sabine leicht gebräunt, wie es um diese Jahreszeit kaum zu erwarten war.
Unter den bewundernden Blicken der Freundinnen errötete sie. „Ich war Weihnachten in der Karibik.“
Leona und Ute starrten sie verdutzt an, bevor sie fragten, als hätten sie nicht recht verstanden: „Wo?“ und „Was?“
„Mein Onkel meinte, weil Weihnachten doch immer ziemlich … na ja, traurig für mich ist, so ohne Familie … sollte ich mal etwas ganz anderes unternehmen. Und da hat er mich dieses Jahr zu einer Kreuzfahrt durch die Karibik eingeladen. Die ging von Nassau aus. Nassau ist die Hauptstadt der Bahamas, wie ihr wissen solltet. Erst also eine Kreuzfahrt …“
„Mit einem Segelboot?“ fragte Leona dazwischen.
„Nein, das wäre viel zu gefährlich. In der Karibik soll es jede Menge Piraten geben. Wir sind auf einem griechischen Dampfer gefahren, der,Aquarius’, acht Tage lang, und dann noch eine Woche in einem tollen Hotel in Nassau geblieben. Nur die letzten Tage war ich diesmal bei Alma.“ Da die beiden anderen sie immer noch aus großen Augen anstarrten, fügte sie rasch hinzu: „Aber ihr braucht mich nicht zu beneiden. Es war lustig, das ist wahr. Doch ein richtiges Weihnachtsfest mit Vater und Mutter ist etwas ganz anderes.“
Ute lachte. „Ja, da knallen die Türen und fliegen die Fetzen.“
„Bei uns war es richtig gemütlich“, sagte Leona.
„Da hast du Glück gehabt. Ich habe die Weihnachtszeit, wenn plötzlich die ganze Familie aufeinander hockt und keiner eine richtige Beschäftigung hat – außer der Mutter versteht sich, die immerzu etwas Gutes auftischen soll – immer ziemlich schwierig gefunden.“
„Wann steht denn deine Mutter in der Küche?“ fragte Leona.
„In der Weihnachtszeit ebent!“ Ute sprach nicht berlinerisch, sondern hochdeutsch, aber manchmal entschlüpfte ihr doch ein berlinerisches t an dem Wörtchen eben, das dort gar nicht hingehörte.
Leona und Sabine lachten.
Ute, die nicht wußte, warum, fügte hinzu: „Dann fühlt sie sich bemüßigt. Sie redet dann auch dauernd davon, was für eine wunderbare Kindheit sie gehabt hat, und wie sehr sie sich bemüht hat, mir eine wunderbare Kindheit zu schenken, aber natürlich, da war immer das Theater, das an ihren Kräften gezehrt hat. Sie hat sich sozusagen zwischen ihrem Beruf und ihren Pflichten mir gegenüber zerfetzt.“ Utes wunderschöne, tiefblaue Augen hatten sich verdunkelt, sie seufzte schwer. „Ziemlich schlimm, wenn sie mit dieser Masche kommt.“
Leona legte ihr den Arm um die Schultern. „Nimm’s nicht tragisch. Jetzt bist du ja bei uns.“ Sie dachte, wie sehr sie doch um ihre jungen, fröhlichen Eltern zu beneiden war.
Alma kam zurück und riß sofort die Oberleitung des Unternehmens an sich. Sie verteilte Gepäckstücke und Skistöcke, und zu viert war der Transport dann auch kein Problem mehr. Das Schleppen hinderte sie auch nicht daran, sich gegenseitig von ihren Erlebnissen aus den Weihnachtsferien zu erzählen, die alle auf ganz verschiedene Art verbracht hatten.
Leona war die erste, der es auffiel, daß mehr geredet als zugehört wurde. „Wißt ihr was“, schlug sie vor, „spart euch jetzt mal euren Atem! Ute und ich laden euch für heute abend ein … zu einer Ankunftsparty auf unserem Zimmer.“
„Einverstanden!“ sagte Alma sofort. „Aber bei uns ist mehr Platz.“
„Dafür steht das dritte Bett bei euch im Weg!“ widersprach Leona. „Nein, diesmal wird bei uns gefeiert!“
„Wenn ihr darauf besteht“, sagte Sabine.
„Ja, tun wir“, unterstützte Ute ihre Stubengenossin.
Sie brachten das Gepäck in das Zimmer von Alma und Sabine, ein Dreierzimmer, in dem die beiden nur durch einen glücklichen Zufall zu zweit hausten. In ihrem ersten Halbjahr in Rabenstein hatte Leona bei ihnen gewohnt. Ihre Eltern hatten es so gewollt, weil es ihnen als eine gute Kur erschienen war, sie aus ihrer Einzelgängerhaltung herauszuholen. Diese ziemlich harte Kur hatte Erfolg gehabt, weil Sabine und Alma sich sehr viel Mühe mit ihr gegeben hatten. Dennoch hatte Leona aufgeatmet, als sie in ein Zweierzimmer ziehen durfte, und Sabine und Alma waren nicht weniger froh gewesen, wieder allein zu sein.
Jetzt standen die vier Mädchen in diesem Dreierzimmer mit dem Blick auf den schneebedeckten Hang noch eine Weile herum, holten Luft und redeten über dies und jenes, bis Sabine den Reißverschluß ihrer Reisetasche aufzog.
Darauf sagte Leona: „Bis später dann! Wir müssen auch auspacken!“ Sie wandte sich zur Tür, und Ute folgte ihr.
Aber sie kamen nicht weit, denn ehe sie die Tür öffnen konnten – sie war nicht geschlossen, sondern nur sorglos angelehnt gewesen – wurde sie von außen aufgerissen, und Klaus Voss schubste einen mageren, großen, dunkelhaarigen Jungen herein.
Sekundenlang waren die Mädchen starr und wußten nicht was sie davon denken, noch weniger, was sie dazu sagen sollten.
„Das ist dein Zimmer, Gaston!“ behauptete Klaus Voss, der sich denkbare Mühe gab, dabei so ernst wie möglich zu bleiben. „Dies ist dein Bett!“ Er wuchtete eine Reisetasche auf das freie, nicht überzogene, sondern mit einer Tagesdecke bedeckte Bett. „Darf ich dir deine Zimmergenossinnen vorstellen … nein, nicht die schöne Ute, das könnte dir so passen! Dies ist Alma und dies ist Sabine … mit den beiden wirst du wohnen.“
Die Mädchen hatten inzwischen begriffen, daß Klaus sich einen alten, oft durchexerzierten Witz erlaubte: Ein neuer Junge wurde in den Mädchentrakt, beziehungsweise ein neues Mädchen in den Jungentrakt geführt, nur um sich an deren dummem Gesicht zu weiden. So alt der Spaß auch war, wurde er doch immer wieder bejubelt. Die Mädchen mochten ihn Klaus, der ja allerlei damit riskierte – zumindest ein Heimfahrtswochenende –, nicht verderben und machten unschuldsvolle Gesichter. Interessiert beäugten sie den neuen Jungen.
Der stand starr und steif mitten im Raum, umklammerte den Griff seines Koffers, den er nicht einmal absetzte und stieß hervor: „Je ne veux pas!“
Die Mädchen hatten im Herbst als zweite Fremdsprache Französisch bekommen und hätten ihn wohl verstehen können.
Aber sie waren so perplex, daß sie ihn und sich gegenseitig fragten: „Was sagt er?“ – Was ist los?“ – „Was hat er gesagt?“
„Ich … will nicht!“ wiederholte Gaston in gequältem Deutsch.
„Was willst du nicht?“ fragte Leona, jedes einzelne Wort überdeutlich aussprechend.
„Mit Mädchen schlafen!“
Sie guckten den neuen Jungen an und konnten nicht länger an sich halten; sie platzten vor Lachen. Im Nu füllte sich das Zimmer. Ilse Moll stürzte herein, nach ihr kamen Marga und Claudia. Alle starrten den großen, dunklen Jungen an, der nicht in die Mädchenzimmer gehörte, und schütteten sich aus vor Lachen. Natürlich lachte Klaus Voss, der den Spaß inszeniert hatte, am meisten.
„Ich ’asse Weiber!“ schrie Gaston in das Gelächter hinein.
„Nun übertreib aber mal nicht“, erwiderte Ute seelenruhig, „erst mal sind wir keine Weiber, sondern Mädchen, und zweitens kann man uns mögen oder auch nicht … aber uns zu hassen besteht wirklich kein Grund.“
„Wenn du keine Mädchen magst“, fragte Alma, „warum bist du dann hier?“
„Wirklich“, stimmte Leona zu, „dann hättest du lieber ins Landerziehungsheim Marquartstein gehen sollen. Da haben sie bloß ein paar Externe.“
Gaston rang um Worte: „Ich ’atte keine Wahl. Mein Papa ’at mir keine Wahl gelassen. Er ’at mich gezwungen …“
„Ach, das alte Lied.“ Leona zuckte die Achseln. Sie erinnerte sich noch sehr gut, wie Klaus sie bei ihrer Ankunft auf Rabenstein in das Zimmer von Hellmer Theiss geführt, was sie damals gar nicht lustig gefunden hatte. Aber jetzt genoß sie den Scherz, weil er nicht auf ihre Kosten ging. „Armer kleiner Junge. Wie leid du mir tust. Ich könnte vor Mitleid weinen. Welch schreckliches Schicksal, mit Amsi und Sabine in einem Raum hausen zu müssen.“
Mit dieser spöttischen Bemerkung erntete sie dankbaren Beifall.
„Kann ich denn nicht ’aben einen Raum für mich allein?“ rief Gaston erbittert.
„Leider nicht, mein lieber Junge!“ Ute schwänzelte vor ihm her und tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze. „Einzelgänger sind auf Rabenstein unerwünscht. Wir hier legen Wert auf Teamwork, um es mal gut deutsch auszudrücken.“
Die anderen lachten noch mehr.
„Aber niemand kann von mich verlangen …“
„Mir“, verbesserte Leona ernsthaft, „es heißt mir.“
„Aber ich spreche nicht von dir, sondern von mich!“
„Es heißt mir … du spricht von dir und nicht von dich. Dich ist falsch.“
„Ach so!“ Gaston hatte es verstanden. „Niemand kann von mir verlangen …“ Er warf einen fragenden Blick auf Leona.
„Richtig!“ sagte sie.
„ … daß ich mit Mädchen zusammen schlafe!“
Die anderen prusteten.
„Wenn du dir einbildest, daß wir mit dir schlafen wollen“, sagte Alma, „bist du auf dem Holzweg.“
„Auf dem … was?“ fragte Gaston.
„Niemand will mit dir schlafen“, dolmetschte Leona.
„Aber ich kann nicht mit diesen beiden Mädchen … wie ’eißen sie?“
„Alma und Sabine“, erklärte Leona geduldig.
„Ich kann nicht mit Alma und Sabine in einem Zimmer wohnen!“
Leona fand, daß der Scherz nun weit genug getrieben war und hätte dem jungen Franzosen am liebsten die Wahrheit gesagt. Aber sie wollte nicht unkameradschaftlich sein und die Pläne von Klaus Voss durchkreuzen. Deshalb schwieg sie.
„Und warum nicht?“ fragte Alma keck. „Hast du Angst, wir könnten dich beißen?“
„Non, nein, nicht, im Gegenteil…“
Diese mühsame Erklärung löste natürlich neue Lachstürme aus.
„Ich ’ab keine Angst!“ schrie Gaston gegen das Gelächter an. „Ich bin es nur nicht gewohnt … ich mag keine Mädchen!“
„Oje“, sagte Leona, um Fassung ringend, „dann wirst du hier auf Rabenstein ein schweres Leben haben!“
Sie schrien vor Lachen, hielten sich förmlich die Bäuche, während Gaston, der unfähig war zu verstehen, was mit ihm geschah, finster dreinblickte und krampfhaft überlegte, was die anderen wohl so lustig finden mochten.
„Wie ich höre, seid ihr ja sehr vergnügt …“, sagte Frau Tina Wegner in den Lärm hinein.
Ohne daß es jemand bemerkt hatte, war sie in das Zimmer getreten; das Lachen erstarb.
Sie blickte von Gaston zu Klaus Voss. „Nanu, ich sehe wohl nicht recht?! Was habt ihr hier zu suchen?“
„Der Neue“, log Klaus Voss, „er hat sich verirrt. Ich bin ihm nach, als er die Treppe rauflief und wollte ihn gerade zurückholen.“
„Verirrt?“ wiederholte die junge Erzieherin und sah Gaston an. „Du hast dich verirrt?“
„Ich weiß nichts … ich … ich kenne mich nicht aus.“
„Niemand hat dir also gesagt, daß im Schloß nur die Mädchen wohnen?“
„Niemand.“
„Das ist ärgerlich. Du mußt wieder hinunter … Klaus wird es dir zeigen … und über den Hof in das neue Haus. Dort wohnen die Jungen.“
„Ich muß nicht schlafen zusammen mit Mädchen?“
Jetzt lachte sogar Frau Wegner.,Na hör mal, das wäre ja noch schöner. Hast du wirklich geglaubt, bei uns herrschen solche Sitten?“
„Ich kenne nicht die Sitten der Deutschen.“
„Sie werden von den euren nicht weit verschieden sein. Also ab mit dir! Hast du sonst noch Gepäck?“
„Die Tasche.“ Gaston wies mit dem Kinn auf die Reisetasche, die auf dem freien Bett stand.
„Klaus wird dir tragen helfen.“
Klaus, sehr froh, ohne Tadel und Strafe davongekommen zu sein, griff gleich zu.
„Betreue den Neuen“, sagte Frau Wegner, „bis er seinen Platz gefunden hat.“
Die Jungen verließen das Zimmer.
„Und ihr“, ermahnte Frau Wegner, „seht zu, daß ihr eure Sachen auspackt.“ Sie nickte den Mädchen zu und ließ sie allein.
„Das ist gerade noch einmal gutgegangen,“, sagte Sabine, die keine Ungezogenheiten liebte, erleichtert.
„Glaubt ihr, die Wegner hat nichts gemerkt?“ fragte Leona. „Oder hat sie nur so getan?“
„Wenn du mich fragst: sie hat sich mit Absicht dumm gestellt!“ erklärte Alma.
„Das ist aber hochanständig von ihr“, meinte Ute.
„Reine Taktik“, sagte Leona, „wem nützt es denn, wenn es gleich am ersten Tag im Internat einen Riesenkrach gibt?! Es war doch nur einer von Klausens dummen Späßen. Es kam ja nur darauf an, die Jungen hier rauszubugsieren. Das hat sie ohne Krach geschafft.“
„Alle Achtung!“ sagte Alma.
„Die haben wir ja wohl vor Frau Wegner … oder nicht?“ fragte Leona, ohne auf diese rhetorische Frage eine Antwort zu erwarten. „Aber ziemlich dumm dagestanden ist der Neue, was? Mein Einzug auf Rabenstein war zwar auch nicht gerade eindrucksvoll, aber immerhin, was Ähnliches wie ,Ich ’asse die Männer’ habe ich nicht verlauten lassen, als Klaus mich angeführt und auf das Zimmer von Hellmer Theiss geführt hatte.“
Darüber mußten alle lachen, und Leona genoß es, weil sie die Lacher auf ihrer Seite hatte.
Eine tolle Überraschung
Zum Abendessen versammelten sich alle Rabensteiner, Mädchen und Jungen, in dem großen Speisesaal in der Burg. Er hatte hohe gotische Spitzbogenfenster, die ihm etwas Feierliches gaben. Im krassen Gegensatz dazu standen die einfachen langen Tische, an denen gegessen wurde. Sie waren mit frisch ausgelegtem Papier bedeckt. Einige der Stühle hatten wacklige Beine, andere waren schon einmal zusammengekracht und wieder geleimt worden.
Den Rabensteinern war der Gegensatz zwischen der historischen Architektur und dem bescheidenen Mobiliar so vertraut, daß sie ihn gar nicht mehr beachteten. Sie interessierte es nur, was es zu essen gab; Brot, Butter, Wurst, Käse und heißen, schwarzen, stark gesüßten Tee, der in riesigen Blechkannen herumgetragen wurde.
Man saß in einer bestimmten Ordnung an den Tischen, die jeweils einer anderen Aufsicht unterstanden. Leona, Ute, Sabine und Alma hatten das Glück, dem gleichen Tisch zugewiesen worden zu sein. Bei ihnen saßen auch zwei sehr attraktive große Jungen, der braunhaarige, braunäugige Andreas München und der rothaarige Jochen Schmitz, die sich aber beide überhaupt nicht für Mädchen interessierten – jedenfalls nicht für die Mädchen aus dem Landschulheim. Auch Klaus Voss, der Clown, saß bei ihnen, während Kurt Büsing von einem anderen Tisch aus Leona Zeichen zu geben versuchte, die sie jedoch nicht verstand. Tina Wegner, die junge Erzieherin und Sportlehrerin, führte die Aufsicht. An diesem ersten Abend merkte man wenig davon, denn da sie verstand, daß die jungen Leute sich viel zu erzählen hatten, ließ sie sie reden.
Alle sprachen so lebhaft miteinander und durcheinander, daß es eine ganze Weile dauerte, bis Leona darauf aufmerksam wurde, daß der Neue hinter Frau Wegner stand.
„Na und?“ fragte sie.
Jetzt wurde auch die Erzieherin aufmerksam und drehte sich zu dem Jungen um.
„Isch“, sagte er, wobei er ch wie sch aussprach, „soll hier sitzen.“
Das eben noch so lebhafte Gespräch verstummte, und alle sahen ihn an.
Durch dieses Schweigen fühlte er sich abgelehnt und wurde zornig. „Pauline!“ rief er, wobei er den Namen französisch aussprach, so daß aus dem au ein o wurde. „Pauline hat es gesagt!“
Die anderen waren zuerst verdutzt, dann brachen sie in ein Gelächter aus.
„Was sein daran so komisch!?“ schrie Gaston. „Pauline sagte …“
Tina Wegner fiel ihm ins Wort. „Bleib ruhig, Junge, es besteht kein Grund zur Aufregung, wirklich nicht! Nur … es gibt bei uns keine Pauline.“
Gastons schwarze Augen glühten. „Gibt es nicht!? Mais oui! Madame la directrice …“
„ … heißt Eulau! Frau Helga Eulau!“
Leona fühlte sich, als sie das völlig verständnislose Gesicht des fremden Jungen sah, zu einer Erklärung bemüßigt. „Pauline ist nur ihr Spitzname“, sagte sie langsam und überdeutlich, „weil ihr Mann mit Vornamen Paul heißt …!“ Als sie merkte, daß er immer noch nicht begriff, wiederholte sie: „Pauline ist …“ Sie hatte seit dem Herbst Französisch als zweite Fremdsprache bekommen, aber die Übersetzung für Spitzname wollte ihr nicht einfallen.
„Un sobriquet?“ fragte Gaston.
Leona hatte den Ausdruck noch nie gehört. „Wenn du es sagst, wird’s schon stimmen.“
Anstatt sich zu beruhigen wurde Gaston noch zorniger. „Oh, ihr Deutschen!“ rief er. „Ihr seid grausam!“
„Ach was, Quatsch mit Soße“, entgegnete Ute gelassen, „du mußt einfach lernen, Spaß zu verstehen.“
„Das meine ich auch“, stimmte Frau Wegner ihr zu, „also steh nicht länger herum, Gaston, nimm dir einen Stuhl und setz dich zu uns.“
Es gab einen freien Platz am Tisch, und der war zwischen Andreas und Jochen, Leona und Ute gegenüber. Auf den setzte Gaston sich mit finsterem Gesicht, ohne jedoch Anstalten zu machen, sich ein Brot zu streichen. Statt dessen saß er, die Arme übereinandergeschlagen, die Augen niedergeschlagen, einfach da.
Die Freundinnen tuschelten miteinander.
„Ist er nicht süß?“ wisperte Ute.
„Er benimmt sich wie ein Fünfjähriger!“ gab Leona abfällig zurück.
„Aber er ist mindestens fünfzehn.“
Ob Gaston nun verstanden hatte, was die beiden sagten, oder ob er auch nur gemerkt hatte, daß über ihn geredet wurde, jedenfalls drehte er mit einem Ruck den Stuhl um und setzte sich mit dem Rücken zum Tisch.
„Gaston“, sagte Frau Wegner, „ich muß doch sehr bitten!“
Der Junge reagierte überhaupt nicht.
„Ob du mit uns essen willst oder nicht, ist deine Sache“, fuhr die Erzieherin fort, „aber daß du dich anständig hinsetzt, darf ich doch wohl erwarten!“
Gaston blieb bei seiner Haltung, die seine Ablehnung gegen die Rabensteiner und ihre Gebräuche überdeutlich zum Ausdruck brachte.
„Bitte!“ forderte Tina Wegner energisch.
„Sei doch nicht blöd!“ sagte Leona.
Andreas und Jochen versuchten es erst gar nicht mit Worten; sie standen auf, rollten die Hemdsärmel hoch, mimten Möbelpacker und drehten Gaston mitsamt seinem Stuhl einfach um. Er versuchte nach ihnen zu treten.
Jochen hielt ihm die geballte Faust unter die Nase. „Lieber nicht, Kleiner, ich warne dich. Wenn du dich mit uns prügeln willst, sollst du gleich nach dem Essen Gelegenheit dazu haben, aber im Freien und nicht in Anwesenheit von Damen.“
„Laissez-moi tranquille!“ schrie Gaston aufgebracht.
Darauf erwiderte Andreas in seinem breitesten Bayrisch: „Dei Ruah koanst hab’n, wannst du a Ruah gibst!“
Alle lachten – alle außer Gaston, der gar nichts auf Rabenstein komisch fand, Andreas wahrscheinlich auch nicht verstanden hatte.
Kurt Büsing kam zu dem Tisch, an dem Tina Wegner den Vorsitz hatte.
„Alle mal herhören!“ sagte er, nicht ohne Wichtigtuerei. „Nach dem Essen ist große Versammlung in der Aula!“
„Wat soll dat dann?“ fragte Jochen Schmitz recht rheinisch.
Aber auch die anderen wunderten sich und fragten: „Warum?“ – „Wieso?“ – „Was hat das zu bedeuten?“
Kurt Büsing zuckte die runden Schultern. „Keine Ahnung. Es ist uns durchgegeben worden, und ich melde es weiter.“
Alle fanden es höchst merkwürdig, daß gleich am Tag ihrer Rückkehr aus den Ferien eine Schülerversammlung abgehalten werden sollte; es lagen ja gar keine Probleme in der Luft. Die meisten hätten sich lieber in kleinen Gruppen zusammengefunden und sich von ihren Erlebnissen erzählt. Aber andererseits war eine Zusammenkunft, deren Anlaß sie nicht kannten, auch hochinteressant. Die Unterhaltung wurde sofort lebhafter, das Essen – ohne daß sie es merkten – schneller hinuntergeschlungen als gewöhnlich.
Leona war als erste fertig und sprang auf. „Ich hab’s!“
„Leona, bitte“, mahnte Frau Wegner, „wie oft habe ich schon gesagt, daß wir uns erst erheben, wenn alle ihre Mahlzeit beendet haben und ich das Zeichen gebe?“
„Warum denn einfach, wenn es auch umständlich geht“, maulte Leona und ließ sich wieder auf den Stuhl sinken.
„Immer langsam mit den jungen Pferden!“ tröstete Ute sie. „Was hast du schon davon, wenn du als erste in der Aula bist? Der Uhu wird doch erst reden, wenn alle versammelt sind.“ – „Uhu“ war Direktor Eulaus Spitzname, und niemand dachte sich etwas Böses dabei, wenn er ihn benutzte.
„Na eben! Deshalb bin ich der Meinung, daß wir uns beeilen sollten.“
„Das tun alle ja sowieso schon.“
Ute legte Leona beschwichtigend die Hand auf den Arm und hielt sie auch noch zurück, als die Erzieherin aufgestanden war.
„Langsam, ganz langsam“, riet sie, „nur die Ruhe kann es bringen. Du wirst sehen, die fangen nicht an, bevor wir da sind!“
Die ungeduldige Leona ließ sich von Ute beeinflussen, und so kam sie zu dem Vergnügen zuzusehen, wie die anderen sich gegenseitig knuffend und tretend durch die Tür drängten. Diese Tür war breit genug, aber mehr als zwei Menschen konnten eben doch nicht gleichzeitig hindurch. Wenn mehr als hundert eilig hinaus wollten, war sie entschieden zu schmal. Auch Gaston wurde, so blasiert er auch tat, von dem allgemeinen Gedränge und Geschiebe mitgerissen.
Leona und Ute schafften es, als letzte den gotischen Saal mit den bunt verglasten Spitzbogenfenstern zu betreten, die Aula von Burg Rabenstein. Auf dem Podium, das der Theatergruppe zu der Weihnachtsaufführung als Bühne gedient hatte, war jetzt ein Rednerpult zu sehen. Auf das stützte sich Direktor Eulau, ein sehr gelassener, überlegener und humoriger Mann Anfang Fünfzig, mit dem Ellbogen, das Kinn in der Hand. Es herrschte jene erwartungsvolle Stille, die einem allgemeinen Stimmengesumm zu folgen pflegt. Alle Blicke, außer dem des Direktors, waren nach vorn gerichtet.
Er sah Ute und Leona an, die gemütlich hereingeschlendert kamen. „Wenn die letzten jungen Damen so liebenswürdig wären, sich jetzt auch ein Plätzchen zu suchen …“
Alle Köpfe flogen zu ihnen herum, und Leona errötete, als sie sich so im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit fand.
Ute hingegen sagte laut und ohne eine Spur von Verlegenheit: „Aber gewiß doch, Herr Direktor!“
Da alle Stühle besetzt waren – oder auch nur besetzt schienen –, zog sie die Freundin in eine der Fensternischen, die, wegen der dicken Mauern, wie überall auf der Burg sehr breit waren. Die Mädchen machten es sich dort bequem, indem sie die Beine anzogen und die Knie mit den Armen umschlangen.
„Nun denn!“ Direktor Eulau wandte seine Augen von ihnen ab und der Allgemeinheit zu. „Zuerst einmal möchte ich euch alle begrüßen und euch dazu beglückwünschen, wieder auf Rabenstein eingetroffen zu sein!“
Diese Bemerkung wurde mit allgemeinem Gelächter quittiert. Nur Gaston lachte nicht. Er saß mit finsterer Miene und untergeschlagenen Armen da.
„Kiek dir den an!“ raunte Ute der Freundin zu.
„Wahrscheinlich versteht er nicht richtig.“
„Na und? Man lacht doch trotzdem mit, wenn die anderen lachen.“
Weiter kam diese kleine private Unterhaltung nicht, denn Direktor Eulau hatte in seiner Ansprache schon fortgefahren. „Wie ihr sicher alle wißt, sind im bayrischen Schuljahr zehn Wandertage eingeplant.
„Ich habe noch nie einen auf Rabenstein erlebt!“ rief Ute keck dazwischen.
„Sehr richtig“, stimmte der Direktor ihr freundlich zu, „konntest du auch nicht, weil wir diese Wandertage zu sammeln pflegen.“
„Ich bin platt!“ raunte Ute der Freundin zu. „Verstehst du das?“
„Sei stad!“ gab Leona zurück. „Hör lieber zu!“
„Wir sammeln sie“, fuhr der Direktor fort, „und machen daraus Skiferien. Jeder Rabensteiner, der schon einige Jährchen bei uns ist, weiß das!“
„Du?“ fragte Ute.
Leona schüttelte den Kopf.
„Gewöhnlich warten wir bis Ende Januar, Anfang Februar ab, weil da die Schneeverhältnisse am günstigsten sind. Aber niemand kann in die Zukunft sehen, selbst ich nicht …“
Wieder erntete er Gelächter.
„Deshalb habe ich mich, nicht ohne vorher Rücksprache mit meinen verehrten Kolleginnen und Kollegen zu nehmen, entschlossen, die Skiferien gleich jetzt zu beginnen, im Anschluß an die Weihnachtsferien…„
Brausender Beifall kam auf.
„Denn eines steht fest“, fuhr der Direktor, sich mühsam Ruhe verschaffend, fort, „jetzt haben wir Schnee und wir sollten ihn nutzen. Natürlich tut’s mir leid für die, die ganz versessen aufs Lernen sind …“
Wieder Gelächter und Beifall.
„Aber ich nehme an, daß die Mehrzahl von euch mit meinem Vorschlag einverstanden ist. Also … morgen ist kein Unterricht. Wir treffen uns mit den Skiern um neun Uhr am Hang. So, das war’s.“
Direktor Eulau wollte das Rednerpult schon verlassen, als durch den Jubel eine heftige Stimme laut wurde: „Je ne veux pas!“
„Wie bitte?“ fragte er, sah sich suchend in der Aula um und pickte sogleich den Rufer heraus, weil schon andere zu ihm hinsahen.
Gaston war aufgesprungen. „Ich will nicht!“ erklärte er, sehr sorgsam artikulierend.
„Was willst du nicht?“
„Ski fahren! Ich ’asse den Schnee …“
Seine Worte gingen fast im Gelächter der anderen unter.
Aber er ließ sich nicht beirren. „ … und ich ’asse diese unnütze körperliche Übung.“
„Dann hättest du nicht nach Rabenstein kommen sollen“, rief Kurt Büsing ihm zu, „sondern lieber nach Plön an den Plöner See. Da gibt es auch ein sehr gutes Internat … fast ohne Schnee und garantiert ohne Berge.“
Er erntete Gelächter.
„Aber da du nun einmal hier bist“, erklärte Direktor Eulau, „mußt du dich schon unseren Gebräuchen anpassen.“
„Ich will lernen, aber nicht …
„Hast du vielleicht keine Skier?“
„Doch“, mußte Gaston zugeben, „mein Vater ’at sie mir gekauft.“
„Weil er wünscht, daß du hier auch Ski laufen sollst. Er hat es mir ausdrücklich gesagt.“
„Aber ich bin kein petit enfant … kein kleines Kind mehr, das man kann forcer à …“ Er suchte nach dem deutschen Ausdruck. „ … zwingen kann zu tun dies und zu tun jenes …“
Klaus Voss lachte. „Es soll dir nie was Schlimmeres passieren als Ski laufen zu müssen!“
Die anderen stimmten in sein Lachen ein.
„Ich glaube, daß ist kein Thema für eine allgemeine Versammlung“, sagte Direktor Eulau, „komm anschließend in meine Wohnung, Gaston. Dort können wir in Ruhe darüber sprechen.“ Sich an die Allgemeinheit wendend, fügte er hinzu: „Das war es, was ich euch sagen wollte! Einen schönen, guten Abend weiterhin!“
„Danke, Herr Direktor!“ riefen die Schüler und Schülerinnen und verzogen sich vergnügt schwatzend aus der Aula.
Leona, die sich nur zu gut noch an ihre erste schwere Zeit im Landschulheim erinnerte, legte Gaston, der von der Menge vor ihr hergeschoben wurde, die Hand auf die Schulter. „Mein lieber Junge …“, setzte sie in schönster Rabensteiner Manier an.
Er fuhr herum und fauchte: „Ich bin niemandes lieber Junge!“
Leona war bei soviel Widerborstigkeit sprachlos.
Ute kam ihr zur Hilfe. „Na, das hast du aber sehr gut herausgebracht“, sagte sie und fuhr betont fort: „Mein lieber Gaston! Anscheinend bist du der deutschen Sprache sehr viel mächtiger, als du tust!“
„Laissez-moi tranquille!“ gab er heftig zurück.
„Das habe ich schon einmal von dir gehört“, erwiderte Ute ganz gelassen, „ich finde, du wiederholst dich!“
Inzwischen hatte Leona sich gefaßt und setzte zu einem zweiten Versuch an. „Gaston, ich wollte dir bloß sagen, daß es eine große Ehre ist, zum Uhu in die Wohnung geladen zu werden. Normalerweise handelt er alles im Büro ab.“
Gaston zuckte nur verächtlich mit den Achseln.
„Laß ihn, Leona“, rief Ute, „wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen.“
„Wie wahr!“
Auf geht’s!
Am nächsten Vormittag, als eine fahle Wintersonne die Schneekristalle aufblitzen ließ, trafen alle Rabensteiner sich am Skilift hinter der Burg. Auch Gaston erschien, sehr finster blickend, aber gut aussehend in einem schwarzen, weiß paspelierten Skianzug mit knallroter Mütze.
Auch Tina Wegner, die junge Sportlehrerin, sah ganz in Hellblau ausgesprochen schick aus; sie kam sichtlich aus dem Wintersport, denn ihr frisches, meist völlig ungeschminktes Gesicht war gebräunt. Um sie stand eine Gruppe von Männern. Da die Weihnachtsferien und damit die Hauptsaison des Winters schon vorbei war, hatte man einige Skilehrer aus Wangen gewinnen können, die Rabensteiner zu trainieren. Unter ihnen war der hochgewachsene, braunäugige Sepp Bauer, den Ute und Leona auf einem verbotenen abendlichen Tanzvergnügen im Dorfwirtshaus kennengelernt hatten. Sie stießen sich an und tuschelten miteinander, als sie ihn sahen. Er zwinkerte ihnen vergnügt zu, zum Zeichen, daß auch er sie wiedererkannte, und darüber freuten sie sich natürlich. Auch Herr Ganzerl, genannt der Gänserich, stand bei der Gruppe der Erwachsenen; er leitete den Sportunterricht der Jungen.
Als die Uhr der Dorfkirche neun schlug, verglich Frau Wegner die Zeit mit ihrer Armbanduhr, klatschte in die Hände und rief: „Alles mal herhören!“
Einige der jungen Leute sahen sie erwartungsvoll an, andere schwatzten vergnügt weiter.
Tina Wegner räusperte sich und rief noch lauter: „Ich bitte mir absolute Ruhe aus!“
Der Skilehrer Sepp schob sie zur Seite. „Lassen’s mich amal, Frau Lehrer!“ Er trat einen Schritt vor und brüllte: „Stad seid’s, sonst setzt’s was!“
Das wirkte; alle verstummten.
Tina Wegner fand, daß sie ihre Kehle schon überanstrengt hatte und bat Herrn Ganzerl: „Machen Sie weiter!“
Der Sportlehrer stellte sich in Positur. „Meine lieben jungen Damen und Herren, wie ihr alle wißt, ist Skilaufen keine Sache der Intelligenz …“
„Hört, hört!“ schrie Klaus Voss aus der Menge heraus.
Herr Ganzerl ließ sich nicht unterbrechen, „ … auch nicht des schulischen Eifers und auch nicht des Alters. Ich kenne kleine Kinder, die schon ganz sicher auf den Brettern stehen und ausgewachsene junge Männer, die kaum das Gleichgewicht halten können …“
„So ist es!“ stimmte Sepp, der Skilehrer, zu.
„Deshalb“, fuhr Herr Ganzerl fort, „werdet ihr beim Skifahren nicht nach Alter und Klasse eingeteilt, sondern nach Können. Ihr seid, über den Daumen gepeilt, hundertzwanzig, und somit werden wir euch in zwölf Gruppen einteilen, damit keine Gruppe zu groß wird.“
Tina Wegner wurde ungeduldig und schnitt ihm das Wort ab. „Und jetzt beginnt das große Probelaufen. Alle, die sich schon etwas Zutrauen, fahren mit dem Lift nach oben, und die Skilehrer beobachten sie, wie sie runterkommen, und zwar, bitte, vom Können jetzt einmal ganz abgesehen, nach Alter und Alphabet. Die Mädchen aus der dreizehnten Klasse zuerst, dann die Jungen, dann die Mädchen der zwölften, und danach die Buben … ist das klar?“
„Ja!“ scholl es ihr im Chor entgegen, und die meisten drängten sich schon zum Lift.
Andreas München übernahm die Organisation. „So hat das doch keinen Zweck, Leute!“ brüllte er. „Wenn wir nach Klassen und Alphabet abfahren sollen, müssen wir uns auch unten gleich so aufstellen. Es hat doch keinen Sinn, wenn die von der Fünften zuerst oben ankommen,. Also … die Mädchen aus der dreizehnten vor! Ja, kommt nur, kommt, nur keine Schüchternheit! Und ihr Winzlinge gefälligst zurück! Herr Ganzerl, macht es was aus, wenn ich als letzter fahre?“
„Doch. Bleiben Sie, bitte, bei Ihrer Klasse. Es ist sehr lobenswert, daß Sie Ordnung zu schaffen versuchen, und Sie haben das auch ganz richtig angepackt, aber Ihren Posten übernehme jetzt ich.“.
„Frau Wegner“, rief Ute, „was soll ich denn tun? Ich bin zwar bei uns zu Hause im Winter schon mal auf dem Müggelberg rumgerutscht, aber ich hab in meinem ganzen Leben noch keine einzige Trainerstunde gehabt.“
„Dann schwing dich ab in das Gelände rechts neben der Burg, du weißt schon, wo die vielen Kuppen sind.“ Sie erhob die Stimme. „Das gilt für alle, die sich die Abfahrt noch nicht Zutrauen. Rechts von der Burg ist das Skigelände für Anfänger.“
„Können wir nicht erst zusehen, wie die anderen runterkommen?“
„Nein, dabei kriegt ihr nur kalte Beine. Ich komme mit euch. Wir fangen sofort an.“
„Merde!“ sagte Gaston laut und vernehmlich und konnte von Glück sagen, daß dieser häßliche Ausdruck in der französischen Sprache sehr viel milder klang als im Deutschen; dennoch zog er dadurch die Aufmerksamkeit der Sportlehrerin auf sich.
„Gaston, wie trägst du denn deine Skier?“ rief sie. „Das sieht ja schauderhaft aus.“ Sie nahm ihm die Bretter ab, die er an den Bindungen rechts und links von sich hatte baumeln lassen, legte sie mit den Gleitseiten aufeinander und schulterte sie ihm, Spitzen nach vorn. „So macht man das!“
„Anders geht es auch!“ gab Gaston brummig zurück.
„Aber es wirkt total unsportlich.“
Gaston zuckte nur die freie Schulter, als wollte er sagen: Na, wenn schon!
Ute lief zu Leona hin, die ihren Platz in der Schlange vor dem Lift gefunden hatte. „Viel Glück!“
„Schade, daß wir nicht zusammen sein können“, sagte Leona, „aber bei aller Freundschaft … auf die Idiotenwiese begebe ich mich deinetwegen nicht.“
Ute lachte, „Hat auch niemand verlangt. Aber ich werde mir Mühe geben, daß ich bis zum nächsten Jahr den Anschluß schaffe.“
Inzwischen hatten sich die Böcke von den Schafen geschieden. Die Gruppe der Anfänger – sie war nur klein – zog mit Frau Wegner ab, die anderen hatten sich vor dem Skilift, von Herrn Ganzerl geordnet, aufgestellt, und die höheren Klassen waren schon nach oben entschwebt.
Leona stand neben Ilse Moll, die zwar zwei Jahre älter war als sie, aber nach zweimaligem Sitzenbleiben die gleiche Klasse besuchte. Ilse hatte ihr Skizeug so eng gewählt, daß ihr Busen aus dem glänzenden, elastischen Stoff, dazu noch bonbonrosa, nur so herausprallte.
Sie stieß Leona an. „Siehst du was an mir?“
„Wie immer … jede Menge!“ gab Leona zurück und blickte nicht ganz ohne Neid auf Ilses gut entwickelte Brust.
„Nein, nicht da“, sagte Ilse, „auf dem Kopf.“ Sie trug ihr blondes Haar in einer verwegenen Lockenfrisur.
„Wenn du dir keine Mütze aufsetzt, wirst du dir die Ohren abfrieren“, sagte Leona.
„Aber mit der Mütze kämen ja meine Locken nicht zur Geltung. Meine Mutter hat mir zu Weihnachten eine ganz neue Dauerwelle spendiert, bei der man die Locken nicht mehr aufdrehen muß.“
„Gratuliere“, sagte Leona spöttisch.
„Ach, sei doch nicht so! Gib ruhig zu, daß du mich beneidest.“
Über diese Behauptung mußte Leona erst nachdenken. Dann zwang sie sich zur Ehrlichkeit: „Du hast recht. Ob ich Locken haben möchte, weiß ich nicht. Aber ein bißchen mehr Figur würde mir schon gefallen.“
„Wart’s nur ab, die kommt schon mit der Zeit“, tröstete Ilse sie großmütig.
Der Lift war eine höchst einfache Angelegenheit: Doppelsessel hingen an einem stählernen Tau, das von einem starken Motor über Rollen nach oben geführt wurde. Als die Reihe an ihnen war, nahmen Leona und Ilse nebeneinander Platz, so schnell sie konnten, denn die Sessel blieben nicht stehen. Sie kamen vom Berg herunter, machten auf der überdachten Station eine Kurve und glitten dann gleich wieder nach oben. Es gehörte also eine Portion Geschicklichkeit dazu, aufzusitzen und dabei die Stöcke nicht zu verlieren. Danach hakten sie die Stange ein, die sie vor dem Herausrutschen schützen sollte, hielten sich an den Lehnen fest und ließen ihre Füße mit den Skiern über der schneebedeckten Piste baumeln. Vor ihnen fuhr Kurt Büsing mit einem Jungen aus seiner Klasse, hinter ihnen Alma und Sabine. Sie bedachten sich gegenseitig mit Zurufen, die sie aber nur selten verstanden.
Der Schnee funkelte in der Wintersonne, der Himmel war blau, wenn auch ein bißchen diesig, und Leona genoß die Fahrt. „Das macht Spaß, wie?“ rief sie Ilse Moll zu.
„Wenn es bloß nicht so kalt wäre“, jammerte Ilse.
„Kalt? Nicht die Spur! Es sind doch nur ein paar Grad unter Null!“
„Eben die paar Grad fehlen mir.“
Leona sah Ilse von der Seite an. „Das kommt nur, weil du keine Mütze aufhast! Deine Ohren sind schon ganz rot gefroren!“
„Was mache ich bloß?“ jammerte Ilse.
„Nimm meinen Schal“, erklärte Leona und zerrte, rasch entschlossen, den schönen roten Wollschal, den ihr die Mutter zu Weihnachten gestrickt hatte, vom Hals.
Ilse fragte nicht danach, ob Leona der Schal vielleicht fehlen könnte, sie hatte andere Sorgen. „Wie sehe ich denn mit so einem Ding um den Kopf aus?“
„Immer noch besser als mit abgefrorenen Ohren!“ gab Leona gelassen zurück. „Gib mir deine Stöcke! Ich halte sie so lange!“
Die Kälte siegte über Ilses Eitelkeit; sie bemühte sich, den roten Wollschal um den Kopf zu wickeln. „Und das ganz ohne Spiegel!“ seufzte sie dabei.
„Für wen willst du eigentlich so schön sein?“ erkundigte sich Leona. „Ich sehe weit und breit keinen, für den es sich lohnt!“
„Für mich selber!“ erklärte Ilse Moll.
Tatsächlich hatte sie nichts ausgelassen, weder Augenbrauenstift noch Wimperntusche, Lidschatten oder Lippenstift. Aber der Fahrtwind hatte ihr die Tränen in die Augen getrieben, so daß ihr Makeup schon einigermaßen verschmiert aussah.
„Du solltest dich wirklich mal im Spiegel sehen“, meinte Leona.
Sofort begann Ilse Moll ihren Skianzug abzutasten, aber der war so eng geschnitten, daß er nicht einmal eingearbeitete Taschen hatte. „Auch das noch!“ stieß er hervor. „Leihst du mir deinen?“
„Du glaubst doch nicht allen Ernstes, daß ich einen Spiegel mit zum Skifahren nehme!?“
„Barbarin!“
Leona lachte nur.
Inzwischen sausten die älteren Schülerinnen und Schüler schon auf der Piste neben dem Lift in mehr oder weniger guter Haltung hinunter: in Schußfahrt, Bogen gleitend oder wedelnd.
„Was für ein Tag!“ rief Leona begeistert. „Was für eine spitze Idee vom Uhu, die Schule gleich mit Ferien zu beginnen!“
Aber Ilse Moll stimmte ihr nicht zu; das Gefühl, nicht zauberhaft und verführerisch auszusehen, bedrückte sie.
Oben angekommen, mußte man ebenso schnell abspringen, wie man unten aufgesessen war. Ilse Moll schaffte es nicht, und der Sessel schlug ihr ins Kreuz.
„Oh, verfluchte Technik!’ schrie sie und brachte sich in Sicherheit.
„Hat es sehr weh getan?“ fragte Leona teilnahmsvoll.
„Krieg du mal einen Sessel in den Rücken, dann weißt du es!“
„Nein, lieber nicht!“ Leona glitt zu den anderen aus ihrer Klasse hin, die eine Gruppe bildeten und sich die Glieder durch Freiübungen zu wärmen suchten.
Ilse Moll schnallte ihre Skier ab und wandte sich dem Holzhäuschen zu. Da der Skilift zur Burg Rabenstein gehörte und keine öffentliche Einrichtung war, gab es auf dem Gipfel auch nicht, wie gewöhnlich, einen Restaurationsbetrieb und eine Aussichtsterrasse, sondern nur einen Unterstand und eine Toilette für dringende Fälle. Dort hoffte Ilse einen Spiegel zu finden, um sich schön zu machen. Aber den gab es dort nicht, und ihre Bemalung mit Klopapier und Spucke zu reparieren, ohne sich selbst sehen zu können, war eine schwierige Angelegenheit.
So kam es, daß sie erst wieder auftauchte, als die anderen aus ihrer Klasse längst abgefahren waren.
„Was ist mit Ihnen?“ fragte der Skilehrer, der die Abfahrt beaufsichtigte, entgeistert. „Sie gehören doch nicht zu den Kleinen?“
Das „Sie“ in der Anrede schmeichelte Ilse und ließ sie den ziemlich groben Ton überhören. „Sehe ich so aus?“ fragte sie kokett und zog sich die bonbonrosa Jacke herunter, so daß ihr Busen noch besser zur Geltung kam.
Der Skilehrer grinste. „Kann man schlecht behaupten!“
„Na also!“
„Welche Klasse?“
„Achte!“
„Große Güte, die sind schon unten!“ Er wandte sich an ein jüngeres Mädchen, das auf das Startzeichen wartete. „Halt! Stop! Mach den Platz frei! Erst kommt die hier dran!“ Er sah sie an. „Wie heißt du?“
„Ilse.“
„Also, ab mit dir, Ilse!“
Ilse schob sich mit beiden Stöcken ab. Sie war zwar schon als kleines Mädchen mit der Mutter in den Wintersport gefahren und hatte als Fünfjährige an ihrem ersten Skikurs teilgenommen, aber sie hatte sich, wie es ihre Art war, vor jeder Anstrengung gedrückt, wo sie nur konnte. Außerdem haßte sie es, in den Schnee zu fliegen, und fuhr deshalb vorsichtig wie auf Eiern.
Als die anderen sie kommen sahen, versuchten sie sie anzufeuern, „Bißchen schneller!“ riefen sie. „Mehr Schwung!“ und: „Nun mach schon, Ilse!“ – Sie lachten, weil Ilse, Leonas Schal, der gar nicht zu ihrem Anzug paßte, kunstvoll um die Locken drapiert, eine komische Figur machte.
Ilse hob den Blick von der Piste und sah auf ihre Mitschülerinnen hinunter – und schon war es passiert: sie hatte einen kleinen Buckel übersehen, machte notgedrungen einen Sprung, federte beim Aufkommen nicht genug ab und landete kopfüber im hohen Pulverschnee neben der Piste.
Die Zuschauer lachten – nicht aus Schadenfreude, sondern weil es wirklich urkomisch ausgesehen hatte.
Jetzt bemühte sich Ilse, aus dem Schnee zu krabbeln, ihre Skier wieder nebeneinander zu stellen und hochzukommen, ohne daß sie unter ihr wegrutschten. Dabei machte sie die sonderbarsten Verrenkungen und bot eine noch belustigendere Vorstellung. Wäre es ihr gelungen, ein vergnügtes Gesicht zu machen und womöglich noch so zu tun, als übertriebe sie ihre Schwierigkeiten absichtlich, hätte sie bestimmt die Lacher auf ihre Seite gebracht. Aber sie konnte ihren Ärger darüber, eine schlechte Figur zu machen, nicht verbergen, und so wurde sie ausgelacht.
„He, Ilse!“ rief Klaus Voss ihr zu. „Bist du mit dieser Nummer noch frei?“
„Halt die Klappe!“ gab sie mißgelaunt zurück. „Ihr könnt mich doch alle mal!“ Endlich war sie wieder auf die Beine gekommen und rutschte nun den letzten Weg der Strecke übervorsichtig im Schneepflug herunter.
„Aber, aber!“ spottete Alma. „Wie undamenhaft!“
Leona hieb in dieselbe Kerbe. „Wenn das deine Mutter gehört hätte!“
Ilse war jetzt unten angekommen, klopfte sich den Schnee von ihrem Anzug und gesellte sich zu den Freundinnen. „Wenn ihr mich fragt … diese blödsinnigen Skiferien sind wieder einmal die reinste Schikane vom Uhu!“
„Spinnst du?“ fragte Alma und riß die braunen Augen in echter Verständnislosigkeit auf.
„Skifahren macht doch Spaß!“ rief Sabine.
„Ja, in einem schicken Wintersportkurort, wo es elegante Lokale und Geschäfte gibt, wo was los ist! Aber hier, drei Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, nur unter Schülern und Schülerinnen … nein, danke.“
Die anderen waren natürlich nicht ihrer Meinung und äußerten das lautstark. Ilse beharrte auf ihrem Standpunkt.
„Wozu zanken wir uns?“ fragte Leona endlich. „Wenn Ilse keinen Spa am Skifahren hat, ist das doch ihre Sache. Wir können sie nurbedauern, bekehren wäre unmöglich.“
„Sagen wir so“, meinte Alma, „Ilse liebt am Ski nur den Apres-Ski!“
Leona und Sabine lachten.
„Und wenn es so wäre?“ verteidigte Ilse sich hitzig. „Natürlich ist das Drum und Dran beim Skifahren schöner als das Skifahren selber! Ich gebe zu …“
Die Stimme Herrn Ganzerls machte der Debatte ein Ende. Die Lehrer und Frau Wegner hatten die Köpfe zusammengesteckt und Notizen verglichen. Jetzt gab Herr Ganzerl die Einteilung bekannt.
Von den Freundinnen hatten die sportliche Alma und Leona, die seit früher Kindheit Ski liefen, am besten abgeschnitten. Sie wurden in die dritte Gruppe eingeteilt. Ihr Trainer war der gutaussehende Sepp Bauer, und sie freuten sich darüber. Sabine kam in die Gruppe sieben und Ilse in Gruppe zehn.
„Sei nicht gekränkt, Ilse“, sagte Herr Ganzerl freundlich, „aber bei dir hapert’s anscheinend ein wenig an den Grundlagen.“
Ilse Moll zuckte die Schultern. „Na, wenn schon. Ich will ja kein Ski-Profi werden.“
„Sicher nicht. Aber es ist doch auch nicht angenehm, sich zu blamieren.“
„Darin sehe ich keine Schande.“
„Um so besser! Also ab zu den Idiotenhügeln!“
Jetzt erst begriff Ilse, was ihr passiert war. Sie: durfte nicht mit dem Lift nach oben fahren, sondern sollte jedesmal mühsam einen kleinen Abhang hinaufkraxeln, ehe sie abfahren konnte. „Nein!“ schrie sie. „Das können Sie mir nicht antun!“
Bei ihrem Sturz hatte sich der Rest Schminke verwischt. Mit einem Papiertaschentuch, das Alma ihr gegeben hatte, hatte sie ihn abgerieben. Ihre sorgfältig gelegten Locken hatten sich durch die Nässe in winzige Kringel verwandelt. Sie bot einen erbarmungswürdigen Anblick.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.