Kitabı oku: «Liebe im Grand Hotel»
Marie Louise Fischer
Liebe im Grand Hotel
SAGA Egmont
Liebe im Grand Hotel
Liebe im Grandhotel (Die Chefin)
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1968 by LichtenbergVerlag, Germany
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711719015
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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1
»Ich habe verstanden, daß du heute deinen dritten Hochzeitstag hast«, sagte die Hotelsekretärin Lona Simon, »es ist durchaus nicht nötig, daß du das dauernd wiederholst. Ich begreife nur nicht, daß dir das erst heute einfällt!«
Sie saß auf dem schweren antiken Schreibtisch im Büro des Hoteliers, die Beine mit den zierlichen Fesseln übereinandergeschlagen, und stach mit der Spitze ihres Kugelschreibers Löcher in den Stenogrammblock, der auf ihren Knien lag.
Urban Horster stand vor ihr, die Hände in den Taschen seines korrekten dunklen Anzugs, und zeigte jenes hinreißende Lächeln, das ihm seit jeher die Sympathien aller weiblichen Hotelgäste eingetragen hatte.
»So, begreifst du das wirklich nicht?« fragte er neckend. »Darf ich dich daran erinnern, daß ein faszinierendes junges Mädchen namens Lona es verstanden hat, mir so völlig den Kopf zu verdrehen, daß man es fast ein Wunder nennen kann, wenn ich mich überhaupt noch an meinen eigenen Namen erinnern kann?«
Sein Charme prallte an ihr ab.
»Ach, laß doch die blöden Witze«, sagte sie wütend. »Es gibt Dinge, die man einfach nicht vergißt. Seit Wochen habe ich mich auf diesen Tag gefreut …«
»Ich doch auch, Liebes«, sagte er begütigend und wollte seine Hand auf ihren Arm legen.
Sie stieß seine Hand heftig zurück.
»Ach, mach mir doch nichts vor! Es ist doch immer dasselbe. Deine Frau braucht bloß mit dem kleinen Finger zu winken, und schon läßt du mich im Stich.«
Sie warf ihr schulterlanges schwarzes Haar mit einer wilden Kopfbewegung zurück.
»Lona, Liebes, nun nimm doch mal Vernunft an …«
»Aber wieso gerade ich? Warum verlangst du nicht von deiner Frau, daß sie vernünftig sein soll? Schließlich ist es ja ihre eigene Dummheit. Warum hat sie dich erst heute an diesen blöden Hochzeitstag erinnert?«
»Weil sie erwartet hat, daß ich von selber daran denken würde!«
»Dann kennt sie dich aber schlecht.«
»Kann sein.«
Urban Horster nahm sich eine Zigarette aus dem schweren, wunderbar ziselierten Silberkasten und zündete sie sich mit dem Tischfeuerzeug an.
»Ich jedenfalls …« begann Lona.
»Das kann ich mir denken«, sagte er, »du hättest mich Tag und Nacht daran erinnert. Aber im Gegensatz zu dir ist Ellen eben bemüht, mir nicht auf die Nerven zu fallen.«
»Soll das heißen …?« Sie rutschte vom Schreibtisch, ließ Stenoblock und Kugelschreiber fallen und trat auf ihn zu, tiefen Vorwurf in den großen dunkelbraunen Augen, deren Wirkung sie durch ein geschicktes Make-up noch vergrößerte.
»Natürlich nicht«, sagte er rasch, »sei doch nicht so empfindlich. Ich wollte dich nicht beleidigen, nur … Versuch doch endlich zu verstehen! Ich liebe dich … ja, nur dich! Aber an unserem Hochzeitstag muß meine Frau wirklich vorgehen.«
Er machte keinen Versuch, sie in die Arme zu nehmen, und sie begriff plötzlich, wie ernst es ihm war und daß sein Widerstand nicht so leicht zu brechen sein würde wie sonst. In Sekundenschnelle hatte sie einen kindlich bettelnden Ausdruck in ihr pikantes kleines Gesicht gezaubert.
»Schrecklich«, sagte sie mit leiser Stimme, »ich muß doch heute nach Straßburg! Die Kleider sind fertig und …«
Sie schluckte schwer.
»Die Kleider! Deshalb brauchst du doch nicht traurig sein! Die können wir doch genausogut noch nächste Woche abholen.«
»Aber ich kann doch nicht noch länger in demselben alten Zeug herumlaufen!«
Er musterte ihre Erscheinung, den schmalen grauen Rock, der ihre runden Hüften und die schlanke Taille betonte, den korallenroten kurzärmeligen Pullover, der sich um ihren festen Busen schmiegte. Plötzlich war das alte Lächeln wieder in seinem Gesicht.
»Mir gefällst du sehr gut so«, sagte er schmunzelnd.
»Das ist doch kein Argument!«
»Na, dann darf ich dich vielleicht daran erinnern, daß dein Kleiderschrank so prall gefüllt ist, daß er fast aus den Scharnieren platzt!«
»Urban«, sagte sie schmollend, »Liebling, du hast ja recht. Ich bin ein ganz dummes kleines Ding, aber ich hatte mich nun mal so darauf gefreut! Bitte, bitte, tu mir doch die Liebe, fahr mit mir nach Straßburg … nur ganz rasch hin und wieder zurück! Dann kannst du doch nachher immer noch …«
Er stieß seine Zigarette mit einer ungeduldigen Bewegung in die kupferne Aschenschale.
»Warum mußt du dir auch ausgerechnet deine Kleider in Straßburg kaufen! Als wenn es hier in Baden-Baden nicht genug Möglichkeiten gäbe!«
»Liebling«, sagte sie sanft, »hast du denn ganz vergessen, warum ich das tue? Doch nur dir zuliebe. Du selber hast mich doch darum gebeten … damit ich dich nicht kompromittiere. Damit die Klatschmäuler hier sich nicht den Mund darüber zerreißen können, woher ich das Geld habe, mir teure Modellkleider zu kaufen.«
Er stieß noch immer seine schon gänzlich zerdrückte Zigarette in die Aschenschale.
»Du würdest mir entschieden mehr damit helfen, wenn du versuchen würdest, deine Ansprüche ein bißchen herabzuschrauben. Du weißt genau, daß ich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten bin. Ich habe große Kredite aufnehmen müssen …«
»Na eben«, fiel sie ihm kaltschnäuzig ins Wort, »da kommt es auf ein paar lumpige Tausender mehr oder weniger doch auch nicht an!«
Es sah sie an, und in seine leuchtend blauen Augen trat ein kalter Glanz. Er bereute plötzlich, daß er sich überhaupt mit ihr eingelassen und daß er es dahin hatte kommen lassen, daß sie so mit ihm zu sprechen wagte. Sie war attraktiv, und sie hatte es verstanden, sein Interesse zu wecken und, länger als jede andere vor ihr, wachzuhalten. Aber sie war nicht die einzige reizvolle Frau auf der Welt, und von jeher hatten die Frauen es ihm leichtgemacht. Warum sollte er sich gerade von dieser einen beherrschen lassen?
»Geh zum Teufel«, sagte er grob, »ich habe genug von dir.«
Lonas Gesicht wurde zu einer glatten, ausdruckslosen Maske.
»Danke«, sagte sie kühl, »ich danke dir für deine Aufrichtigkeit. Es ist immer gut, ganz klar zu wissen, woran man ist.«
Sie nahm den Stenogrammblock und ihren Kugelschreiber vom Boden auf und fragte mit ironischer Beflissenheit:
»Haben Sie mir noch etwas zu diktieren, Herr Horster? Oder irgendwelche Anweisungen zu geben? Nein? Dann darf ich mich jetzt wohl zurückziehen.«
Sie ging zur Tür, als ob sie das Zimmer verlassen wollte, drehte sich aber, die Klinke schon in der Hand, noch einmal um.
»Mach dir meinetwegen keine Sorgen«, sagte sie mit einem süßen Lächeln, »ich werde schon jemanden finden, der mich nach Straßburg fährt – und mir meine Kleider bezahlt!«
Urban Horster war fest entschlossen gewesen, sie gehen zu lassen, aber diese Andeutung genügte, seine guten Vorsätze zunichte zu machen. Mit wenigen Schritten war er bei ihr und packte ihre Handgelenke.
»Was soll das heißen?«
»Als ob du mich nicht ganz genau verstanden hättest! Ich pfeife auf deine Liebe, wenn sie so aussieht. Ich habe knickrige Männer seit jeher gehaßt. Gott sei Dank gibt es ja noch andere!«
»Du Biest!«
Er preßte ihre Handgelenke, so daß sie zusammenzuckte, aber das herausfordernde Lächeln schwand nicht von ihrem Gesicht.
»Traust du es mir etwa nicht zu?«
Er haßte sie in diesem Augenblick, haßte sie von ganzem Herzen. Aber die Vorstellung, daß ein anderer Mann ihren geschmeidigen Körper genießen sollte, machte ihn rasend. Er riß sie in seine Arme und küßte sie leidenschaftlich!«
»Wir fahren«, flüsterte sie mit glänzenden Augen, als er sie endlich freigab, »nicht wahr … wir fahren!«
Als Urban Horster zehn Minuten später sein Büro verließ und in die Hotelhalle trat, hatte er eine Sekunde lang das irritierende Gefühl, daß alle Blicke sich auf ihn richteten. Er mußte an sich halten, um nicht an seiner Krawatte zu zupfen oder sich über das Haar zu streichen.
Nur mit Aufbietung aller Willenskraft gelang es ihm, Gelassenheit vorzutäuschen. Er wußte ja, daß seine Erscheinung in Ordnung war, er hatte sich selber vor dem Spiegel überzeugt. Niemand konnte ahnen, was in seinem Büro vor sich gegangen war, und doch – sah ihn der Empfangschef, Herr Thomas, nicht mit einem sonderbaren Ausdruck an? Und lag in den blauen Augen der Empfangssekretärin Hilde Protius nicht unverhohlene Neugier?
Nur mit Mühe zauberte er das gewohnheitsmäßige Lächeln auf sein Gesicht.
Es war Ende März, die Saison hatte noch nicht begonnen. In der weiten, sehr luxuriös mit echten Teppichen und kostbaren antiken Möbeln eingerichteten Halle des Grandhotel Horster herrschte gedämpfte Ruhe. Nur zwei ältere Ehepaare, ein emeritierter Professor und eine Gruppe Amerikaner saßen in den tiefen Ledersesseln und genossen den Ausblick auf die Parkanlagen der Lichtentaler Allee, deren mächtige alte Kastanien gerade die ersten dicken klebrig-grünen Knospen zeigten, und auf die blauen Berge des Schwarzwalds jenseits der Kurstadt, plauderten halblaut miteinander, blätterten in Zeitschriften, tranken Mokka.
Der Hotelier trat an den Empfangstisch, wechselte ein paar Worte mit Herrn Thomas, vergewisserte sich, daß alle Vorbereitungen für den Empfang einer Gruppe belgischer Touristen getroffen waren, die am späten Nachmittag erwartet wurde.
Wie die meisten Hotels war auch das Horster, besonders in der stillen Zeit, darauf angewiesen, Reisegesellschaften aufzunehmen, und wie die meisten Hoteliers haßte Urban Horster diese Gäste, die wie die Heuschrecken für eine Nacht einfielen, um meist schon in der Frühe des nächsten Morgens wieder aufzubrechen.
»Wie lange bleiben sie?« fragte er.
»Sie haben für drei Tage gebucht«, gab der Empfangschef Auskunft, »mit voller Pension.«
»Na, das ist wenigstens etwas.« Urban Horster seufzte leicht. Der Empfangschef schien die Gedanken des Hoteliers zu erraten.
»Es war seht geschickt, dieses Abkommen mit Round the World zu schließen«, sagte er, »es ist für uns wirklich äußerst günstig.«
»Günstig? Lebensnotwendig!«
Urban Horster nickte seinem Empfangschef zu und begab sich auf einen raschen Rundgang durch die Halle. Er verbeugte sich vor jedem einzelnen der Gäste, fragte nach ihren Wünschen, erkundigte sich, wie sie den Vormittag verbracht hatten und nach ihren weiteren Plänen. Niemals war es ihm so schwergefallen wie heute, Interesse zu heucheln, aber nicht eine Sekunde lang kam ihm der Gedanke, sich vor dieser Pflicht zu drücken. Er war in diesem Hotel aufgewachsen und hatte schon als Junge gelernt, daß die Kunst, den Gästen das Gefühl zu geben, daß der Hotelier persönlich an ihren Freuden, Wünschen und auch Sorgen Anteil nimmt, mindestens so wichtig wie jeder Komfort ist.
Ohne mit der Wimper zu zucken ließ er den Redeschwall einer extravaganten Amerikanerin über sich ergehen, die sich bitter darüber beklagte, daß das Kostüm, das sie sich in einem der besten Modesalons Baden-Badens hatte anfertigen lassen, angeblich nicht saß. Selbst als der emeritierte Professor, ein leidenschaftlicher Botaniker, ihn in ein Gespräch über die Flora des Schwarzwaldes verwickeln wollte, verlor er keinen Augenblick die Geduld. Er sagte: »Ja, Herr Professor!« und »Nein, Herr Professor!« an genau den richtigen Stellen, »Wie interessant!« und »Wirklich bemerkenswert!«
Aber seine Gefühle und Gedanken wurden hin und hergerissen zwischen dem Mädchen, das er eben verlassen hatte, und seiner Frau, die auf ihn wartete.
Wie soll ich es Eva nur klarmachen, daß ich heute abend keine Zeit habe? grübelte er. Wenn ich nur wüßte, wie ich es ihr beibringen kann!
Das Privathaus Urban Horsters stand am anderen Ende des ausgedehnten Parks, der sich hinter dem Grandhotel Horster erstreckte. Noch um die Jahrhundertwende hatten hier Stallungen und Kutscherwohnungen gestanden.
Urban Horsters Vater hatte einen Teil der schon halb verfallenen Gebäude abreißen, den Hauptteil völlig umbauen und nach eigenen Entwürfen renovieren lassen, bis ein einstöckiges, anheimelndes Haus entstanden war, in das er sich mit seiner Frau zurückzog, als er Urban und dessen Frau das Hotel übergab. Den überaus fleißigen, noch gar nicht betagten Eltern Urban Horsters war aber kaum Zeit geblieben, ihren Lebensabend zu genießen; sie waren knapp drei Jahre später rasch hintereinander gestorben.
Urban Horster hatte mit seiner ersten Frau Clara geborene Höchli, der Tochter eines Schweizer Gastronomen, in einem Appartement im Hotel gewohnt. Dort waren auch ihre Tochter und ihr Sohn geboren worden und hatten ihre erste Kindheit verlebt. Als Clara im siebten Ehejahr starb – an einer heimtückischen Krankheit, die sie erst sehr spät erkannt und viel zu spät hatte behandeln lassen, weil sie nie Zeit oder Gedanken an ihre Gesundheit verwandt hatte – war Urban Horster mit seinen Kindern, der damals sechsjährigen Susi und dem drei Jahre alten Teddy, im Hotel wohnen geblieben. Erst als er sich in seine zweite Frau, die junge Jurastudentin Eva, verliebt hatte, war ihm der Gedanke gekommen, in das alte Privathaus überzusiedeln.
Seine junge Frau war froh darüber gewesen. Ihr bedeutete das Hotel nichts, sie war zufrieden, daß sie sich mit den Kindern in das kleine Haus am Ende des Parkes zurückziehen konnte. In den ersten Monaten ihrer Ehe war sie vollauf beschäftigt, hier Gemütlichkeit und Behagen zu schaffen und das Vertrauen ihrer Stiefkinder zu gewinnen. Schon bald zeigte es sich, daß sie selber Mutter werden würde. Etwa ein Jahr nach ihrer Eheschließung brachte sie ihre kleine. Tochter Barbara, genannt Babsy, zur Welt, und von nun an war ihr Leben noch mehr mit Hausfrauensorgen und Mutterpflichten ausgefüllt.
Während ihrer ganzen Ehe war sie kaum ein dutzendmal im Hotel gewesen, und auch dann immer nur aus ganz besonderen Anlässen. Dennoch blieb es nicht aus, daß der Hotelbetrieb sich immer mehr wie eine Macht in ihr Bewußtsein drängte, eine befremdliche, ja, fast feindliche Macht, die ihr die Liebe und die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu rauben drohte.
Oft stand sie, wie auch heute, am Fenster ihres Schlafzimmers und sah in den Park hinaus. Sie konnte von hier aus über Büsche und Bäume hinweg die Hinterfront des Grandhotel Horster erblicken, und sie versuchte sich vorzustellen, was ihr Mann in diesem Augenblick tat. Dachte er an sie? Sie zweifelte daran. Sie fühlte nur zu deutlich, daß er ihr in der letzten Zeit mehr und mehr entglitten war.
Eva seufzte schwer, senkte den Blick ihrer hellen grauen Augen auf die riesige Baustelle des Schwimmbeckens, die sich vom Hotel aus tief in die wunderbaren Grünanlagen des Parks hineingefressen hatte. Noch immer konnte sie diesen Anblick nicht ertragen, ohne daß ihr Herz sich schmerzhaft zusammenzog.
Wegen dieses Schwimmbeckens hatte es zwischen ihr und ihrem Mann zum erstenmal eine heftige Auseinandersetzung gegeben. Urban hatte ihr erklärt, daß das Publikum immer anspruchsvoller würde und daß das Hotel ohne eigenes Schwimmbad auf die Dauer nicht konkurrenzfähig bleiben könnte. Obwohl sie seine Argumente begriffen hatte, war ihr der Gedanke, daß der alte Park zerstört werden sollte, so verhaßt gewesen, daß sie sich aufs Bitten und Flehen verlegt hatte.
Aber zum erstenmal war er nicht der liebende, verliebte Ehemann gewesen, sondern hatte mit ungewohnter Härte reagiert.
»Hör auf damit«, hatte er grob gesagt, »ich habe genug Kämpfe durchzustehen. Es ist durchaus nicht nötig, daß auch du mir noch in den Rücken fällst. Kümmere dich um Dinge, von denen du etwas verstehst. Ich habe nicht die geringste Lust, mich mit dir herumzustreiten.«
Dieses Gespräch hatte mit einem Mißklang geendet. In Evas Seele war ein Stachel zurückgeblieben. Sie konnte nicht begreifen, auch jetzt noch nicht, wieso der Mann, an dessen Liebe sie glaubte, so böse werden konnte, nur weil sie ein einziges Mal gewagt hatte, ihm gegenüber eine eigene Meinung zu vertreten.
Dennoch liebte sie ihn rückhaltlos wie am ersten Tag und hatte alles versucht, sein Herz zurückzugewinnen. Während sie in den Park hinabschaute durchlitt sie in Gedanken noch einmal all die unzähligen Zurückweisungen, die sie in den letzten Monaten erlebt hatte, all die nadelfeinen Stiche der Demütigung.
Den ganzen Herbst über hatten die Bagger im Park gearbeitet und sich tiefer und tiefer in den hundertjährigen Rasen hineingefressen. Noch bevor der Frost kam, wurden sie von den Betonmaschinen abgelöst. Baukolonnen setzten die Verschalungen, fremde Männer trampelten über Gartenbeete und Grünflächen.
Eva war es, als ob diese Zerstörung symbolisch für den Zerfall ihrer eigenen Ehe wäre.
Sie straffte ihre Schultern. Nein, sie durfte nicht aufgeben, weder sich noch den Mann, den sie liebte. Wenn es so weit gekommen war, dann mußte sie etwas falsch gemacht haben – ganz bestimmt lag die Schuld bei ihr.
Sie hätte ihm wirklich niemals in Dinge hineinreden dürfen, von denen sie nichts verstand. Was lag schon an dem alten Park! Wie hatte er ihr auch nur eine Sekunde lang wichtiger sei können als ihre Ehe.
Sie hatte Fehler gemacht, aber noch war es nicht zu spät. Sie mußte ihre ganze Ehe neu aufbauen – und plötzlich sah sie den neuen Weg, den sie beschreiten wollte, klar vor sich.
Sie schloß die Fenster, durchschritt den Schlafraum, trat ins Kinderzimmer, wo die kleine Babsy, das Fäustchen vor dem Mund, tief und fest schlief. Sie drückte einen zärtlichen Kuß auf die runde Wange des Kindes, trat auf die Galerie hinaus.
»Susi!« rief sie laut. »Susi! Teddy, kommt, helft mir … wir wollen was Feines für Vati vorbereiten!«
Wenig später stand sie in der Küche, hackte Eier, Gurken, Kräuter und Kapern für eine Remouladensoße. Susi, eine große Schürze umgebunden, rührte Teig, Teddy bearbeitete Eiweiß mit dem Schneebesen.
Der Junge war es, der als erster hörte, daß die Haustür aufgeschlossen wurde. »Mutti!« brüllte er. »Susi! Vati kommt!«
Eva stand den Bruchteil einer Sekunde starr und lauschte. Das Geräusch der zuschlagenden Haustür war nicht zu überhören. Eva legte das Kräuterbüschel aus der Hand und sagte mit einem erregten Lächeln:
»Na, so etwas! Und wir sind noch gar nicht fertig!«
Sie schlüpfte aus ihrem hellblauen Kittel und fuhr sich mit der Hand ordnend über das rotblonde Haar.
Teddy war in dem Augenblick, als sie sich abwandte, rasch mit dem Zeigefinger in die Remouladensoße gefahren und leckte nun seine Hand genüßlich ab.
»Raus aus der Küche«, sagte Eva. »Wir müssen Vati noch begrüßen!«
Sie rannte mit den Kindern um die Wette in die Halle, den größten Raum des Hauses, der fast das ganze Erdgeschoß einnahm und mit seiner Balkendecke und dem mächtigen gemauerten Kamin ganz so geblieben war, wie der alte Horster den Raum seinerzeit für sich selber entworfen hatte.
Sie hatten sich nicht getäuscht. Urban Horster stand in der Halle und war gerade im Begriff die Treppe hinaufzusteigen.
Susi und Teddy begrüßten ihren Vater stürmisch, während Eva sich zurückhielt. Auch heute fühlte sie – wie jedesmal, wenn sie ihren Mann nach längerer oder kürzerer Zeit wiedersah – das unbeschreibliche Gefühl überwältigender Liebe.
Ich darf ihn nicht verlieren, dachte sie. Lieber Gott, hilf mir, daß alles wieder so wird, wie es früher war!
Urban Horster dehnte die Begrüßung seiner Kinder länger aus, als notwendig gewesen wäre, er scheute sich davor, Eva in die klaren grauen Augen zu sehen. Der vertrauensvolle Blick seiner Frau verstärkte sein Unbehagen, das aus einem uneingestandenen Schuldbewußtsein herrührte.
Endlich mußte er sich ihr doch zuwenden. Sie warf sich in seine Arme, und der frische, herbe Geruch ihres rotblonden Haares erinnerte ihn, ohne daß er es wollte, an die wunderbare Zeit ihrer ersten Liebe, als sie ihm noch eine Welt bedeutet hatte.
»Wie schön, daß du schon da bist!« flüsterte sie dicht an seinem Ohr.
Ohne es zu ahnen, brach sie mit diesen Worten den Zauber. Die Erinnerung verblaßte, die Gegenwart forderte ihr Recht.
Er küßte sie flüchtig auf die Stirn und schob sie sanft von sich. »Leider«, sagte er, »habe ich nur sehr wenig Zeit!«
Diese Erklärung, die wie ein Leitfaden durch die ganzen Jahre ihrer Ehe gegangen war, ließ das Lächeln auf ihrem Gesicht erlöschen.
»Mußt du noch einmal fort?« fragte sie enttäuscht.
»Leider«, sagte er wieder und trat, nur um sie nicht ansehen zu müssen, zum Kamin, stieß mit dem Fuß gegen die sorgfältig aufgeschichteten Buchenscheite.
Eva wandte sich an ihre kleine Stieftochter.
»Susi«, sagte sie, »sei lieb und lauf rauf zu Babsy, sie kann jeden Augenblick aufwachen!«
»Och, ich?« sagte Susi unzufrieden. »Du hast mir doch versprochen …« Ihr fiel etwas ein und sie behauptete erleichtert:
»Überhaupt, ich muß doch jetzt zum Tattersall und mich wegen der nächsten Reitstunde erkundigen.«
»Das wird doch wohl eine halbe Stunde Zeit haben!«
»Eben nicht! Bitte!«
Susi sah nicht ihre Stiefmutter, sondern ihren Vater an, und sie hatte den gewünschten Erfolg – Urban Horster hoffte nichts sehnlicher, als daß das Erwachen seiner Jüngsten dem quälenden Gespräch mit Eva ein vorzeitiges Ende bereiten möge.
»Na, lauf schon«, sagte er und nickte seiner Tochter zu.
Susi stürzte auf ihn zu, ihr Gesichtchen unter dem glatten kurzen Pony glühte vor Erleichterung und Triumph. Sie küßte ihren Vater heftig, drehte sich auf dem Absatz um und rannte in die Garderobe.
Eva lag eine Bemerkung über diese fragwürdigen Erziehungsmethoden schon auf der Zunge, aber sie unterdrückte ihre Empörung. Auf keinen Fall wollte sie es gerade an diesem Tag zu einem Streit kommen lassen. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, kämpfte mit sich, ob sie bleiben oder doch rasch nach oben ins Kinderzimmer schauen sollte.
Ganz unerwartet kam ihr Teddy zu Hilfe.
»Ich kann ja raufgehen«, erbot er sich.
»Ach ja«, sagte Eva erleichtert, »das wäre sehr lieb von dir!«
Sie sahen ihm nach, wie er die Treppe hinaufstapfte, sehr klein für seine neun Jahre, aber ungeheuer entschlossen und ganz Kavalier.
Dann wandte sich Eva ihrem Mann zu.
»Aber heute abend kommst du doch«, sagte sie, und es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.
Er sah sie nicht an. »Ich werde versuchen, es einzurichten.«
»Das heißt, du weißt es noch nicht bestimmt?«
»Eva«, sagte er gereizt, »du bist doch keine dumme Frau. Langsam solltest du doch wohl begriffen haben, daß es für einen Hotelier kein Recht auf Freizeit gibt und daß in meinem Beruf immer unvorhergesehene Dinge passieren können.«
»Ja«, sagte sie ruhig, »ich weiß.«
»Also …« Er machte eine Bewegung zur Tür hin.
Sie vertrat ihm den Weg.
»Gerade darüber wollte ich ja mit dir reden. Bitte, Urban, mach nicht so ein Gesicht … ich will dir ja keine Vorwürfe machen, wirklich nicht.«
Sie hatte das alles nicht jetzt, sondern erst am Abend, nach einem festlichen kleinen Mahl bei einer Flasche Champagner sagen wollen, aber jetzt, da sie einmal begonnen hatte, konnte sie sich einfach nicht länger zurückhalten.
»Urban«, sagte sie, »ich habe nachgedacht, über uns beide und über das Leben, das wir führen. Du liebst mich doch noch?«
»Aber ja«, sagte er unbehaglich, »was für eine Frage!«
»Sonst hätte es nämlich gar keinen Zweck. Aber ich weiß ja, daß du mich liebst. Wenn ich nicht alles falsch gemacht hätte –«
»Was für ein Unsinn«, unterbrach er sie. »Rede dir doch nicht solche Sachen ein!«
»Ich bin ein Feigling«, sagte sie, »ich habe mich vor dem Leben gedrückt, ich habe Zuflucht in der Ehe suchen wollen. Aber das geht nicht. Das Leben läßt sich nicht betrügen, es rächt sich, und nur deshalb –«
Er ließ sie nicht weiterreden. »Eva«, sagte er, »ich weiß, wie gescheit du bist. Aber ich bin nun mal ein simpler Geschäftsmann, der für philosophische Gedankengänge keinen Sinn hat, und außerdem …«
Er warf einen ostentativen Blick auf seine Armbanduhr.
»Nein, bleib«, forderte sie entschlossen. »Einmal wird das Hotel wohl fünf Minuten auf dich warten können. Ich habe dir etwas sehr Wichtiges zu sagen!«
Er zuckte die Schultern, steckte die Hände in die Taschen und sah sie an – sein Lächeln zeigte jene Spur von Herablassung, die sie rasend machen konnte.
»Also, wenn’s wirklich nicht länger dauert … schieß los.«
»Ich habe mich entschlossen, dir im Hotel zu helfen.«
Sein Lächeln verschwand, dann lachte er laut auf.
»Du … mir?« rief er. »Was für eine Idee!«
»Es ist mir völlig klar, daß du dich erst an diesen Gedanken gewöhnen mußt«, sagte sie, »aber ich …«
Sein Lachen ließ sie verstummen.
»Eva«, rief er, »was willst du denn im Hotel? Du hast doch vom Fach nicht die geringste Ahnung! Nein, nein, das kann nicht dein Ernst sein, gib zu, du hast einen Witz gemacht.«
»Durchaus nicht«, erklärte sie, »man kann alles lernen, wenn man nur will …«
»Bravo!« unterbrach er sie. »Willst du als Page bei uns anfangen?«
»Auch das, wenn es sein müßte«, erwiderte sie, als ob sie seinen Spott gar nicht bemerkte. »Aber es gibt etwas viel Besseres, was ich tun kann. Du weißt, ich beherrsche Stenografie und Schreibmaschine. Laß mich als deine Sekretärin beginnen.«
Das Lachen verging ihm, ein jäher Verdacht stieg in ihm auf. War es möglich, daß sie etwas ahnte? Sollte man ihr etwas über seine Beziehungen zu Lona Simon hinterbracht haben?
Aber sie fuhr schon fort, und die Art, wie sie ihren Plan erklärte, machte ihm ihre Arglosigkeit deutlich und beruhigte ihn.
»Dort könnte ich dir wirklich helfen«, sagte sie, »und du wirst sehen … in ein paar Monaten werde ich schon einen sehr guten Einblick gewonnen haben!«
In diesem Augenblick erschien Teddy oben auf der Galerie.
»Mutti«, rief er herunter, »Babsy ist munter … und wie! Sie will aufstehen! Ich kann sie nicht länger bändigen!«
Urban Horster griff sofort das Stichwort auf.
»Da hast du es!« sagte er. »Und die Kinder? An die hast du wohl überhaupt nicht gedacht! Sie brauchen dich!«
Sie trat dicht auf ihn zu und hob ihr Gesicht zu ihm empor.
»Ich brauche dich, Urban!« sagte sie mit tiefem Ernst.
Die Unbedingtheit ihrer Liebe erschütterte ihn.
»Eva«, stammelte er, »Eva … habe ich dich denn so vernachlässigt?«
»Noch mehr«, sagte sie mit einem wehen kleinen Lächeln.
Er riß sie in die Arme, bedeckte ihren Nacken, ihren Hals mit Küssen, verbarg sein Gesicht in ihrem duftigen Haar.
»Ich verdiene deine Liebe ja gar nicht! Wenn du wüßtest …«
Sie hatte die Augen geschlossen, genoß den herrlichen Augenblick des lang ersehnten Zueinanderfindens.
»Wir werden zusammen arbeiten«, flüsterte sie. »Wegen der Kinder wird sich eine Lösung finden lassen. Das Hotel –«
»Nein«, sagte er, »nein, Liebes, du sollst mir kein Opfer bringen …«
Als sie ihm widersprechen wollte, legte er ihr einen Finger auf den Mund.
»Pst! Jetzt bin ich es, der dir einen Vorschlag macht! Ich werde das Hotel umorganisieren, ich werde mir einen tüchtigen zweiten Mann holen …«
Sie küßte seine Finger, schob sie beiseite.
»Aber warum denn? Laß mich dein zweiter Mann werden!«
Er sah ihr mit einem gerührten Lächeln in das vor Eifer leuchtende Gesicht.
»Du nicht«, sagte er, »du sollst bleiben, was du bist … meine liebe, geliebte Frau!«
Er küßte sie, und es war ihr, als ob dieser zärtliche und leidenschaftliche Kuß alle Ängste und alle Qual der letzten Monate wegschwemmte. Nichts blieb als Liebe und das starke Gefühl unauflöslichen Zusammengehörens.
»Mutti«, brüllte Teddy von oben. »Mutti, Babsy klettert aus dem Bett!«
Er ließ sie los, gab ihr noch einen kleinen Kuß auf die Nasenspitze und wandte sich zur Tür.
Sie lief ihm nach.
»Wann kommst du?«
»So früh wie möglich.«
»Wann?« fragte sie noch einmal.
Er krauste die Stirn, sagte zögernd:
»Gegen acht Uhr. Bis dahin werde ich es wohl geschafft haben.« Er lächelte sie an. »Ich glaube, wir haben einiges miteinander zu reden!«
Noch einmal flog sie ihm in die Arme, dann löste er sich sanft von ihr und verließ das Haus.
Langsam, mit einem stillen Lächeln schritt sie die Treppe hinauf. Ihr Herz tanzte vor Glück.
2
Auf der Fahrt nach Straßburg war Urban Horster sehr schweigsam. Lona Simon spürte, daß etwas in der Luft lag. Aber sie hielt es für richtig, seine Gedankenabwesenheit einfach zu überspielen. Sie plauderte munter darauf los und ließ sich durch seine kurzen, unfreundlichen Antworten keineswegs die Laune verderben.
Er parkte seinen Wagen, ein Sportcoupé, hinter dem Münster, blieb sitzen, während sie ausstieg, und zündete sich eine Zigarette an.
»Kommst du denn nicht mit?« fragte sie, nun doch irritiert.
»Nein. Ich werde hier auf dich warten.«
Sie lachte auf.
»Das nehme ich dir nun doch nicht ab, soviel Geduld hast du gar nicht. Ich muß die Kleider ja noch anprobieren, das dauert mindestens eine halbe Stunde, wenn nicht länger. Komm mit! Ich möchte doch auch gern wissen, wie sie dir gefallen.«
»Darauf kommt es wirklich nicht an.«
»Mir schon.«
»Ich denke, ich werde sie früh genug zu sehen bekommen.«
Er schwang seine langen Beine aus dem Wagen und stieg aus.
Sie zuckte die Schultern.
»Der Herr scheinen heute reichlich ungnädig zu sein«, meinte sie spöttisch.
Er schloß das Auto ab und sagte, ohne sie anzusehen: »Ich warte dann im Weinhaus Bär auf dich. Aber beeil dich. Du weißt, ich will sofort zurück.«
Er steckte die Schlüssel ein und ging davon. Ziellos schlenderte er durch die romantischen alten Straßen. Er war sehr unzufrieden mit sich selber.
Er liebte seine Frau, das war ihm an diesem Nachmittag wieder ganz stark zu Bewußtsein gekommen, er wollte sie nicht enttäuschen, und es wäre ihm unerträglich gewesen, sie zu verlieren. Er sah die Konsequenz, die sich aus dieser Erkenntnis ergab, ganz klar: Er mußte sich aus der verhängnisvollen Bindung zu Lona Simon lösen.
Ich werde es tun, dachte er, ich muß es tun. Noch heute – nein, nicht heute. Eva erwartet mich, ich habe ihr versprochen, pünktlich zu sein. Aber morgen – morgen ganz bestimmt!
Aber eine unüberhörbare Stimme sagte ihm, daß er die Kraft zu dieser Entscheidung nicht aufbringen würde – weder heute noch morgen, noch übermorgen.
Schließlich blieb er seufzend stehen, um sich zu orientieren, sein Blick fiel auf. die Auslage eines Juweliers. In der Mitte des Schaufensters lag auf dunkelblauem Samt eine kunstvoll geschmiedete goldene Rose, in deren Blütenblättern eine weiße Perle wie ein schimmernder Tautropfen hing.
Urban Horster trat ein und kaufte die Rose – für seine Frau. Bei dem Gedanken daran, wie glücklich Eva über dieses Geschenk sein würde, wurde ihm wohler. Er steckte die goldene Rose, die der Juwelier sorgfältig in eine Schmuckschachtel gelegt und mit Seidenpapier umhüllt hatte, in die Innentasche seiner Jacke und schlug den Weg zum Weinhaus Bär ein.
Lona Simon war noch nicht da, er hatte es nicht anders erwartet; sie pflegte sich stets sehr gern, sehr lange und ausgiebig mit ihrer äußeren Erscheinung zu beschäftigen.
Er bestellte sich einen Cognac, trank ihn rasch, dann noch einen. Seine innere Spannung ließ nach, seine Selbstvorwürfe verloren an Schärfe.
In dem großen gemütlichen Raum mit den Butzenscheiben und den weiß gescheuerten Tischen hatten sich viele Männer zum Dämmerschoppen zusammengefunden, vorwiegend Straßburger. Ihr ein wenig rauhes Französisch erfüllte dies niedrige, langgestreckte Zimmer. Die Luft war blau von Tabakschwaden.
Dann kam Lona Simon.
Er hatte gar nicht zur Tür geschaut, sondern wurde erst durch die jähe Stille aufmerksam, die ihr Auftreten hervorrief. Es war, als ob jeder einzelne dieser sehr bürgerlichen Männer bei ihrem Anblick den Atem anhielt.
Sie war schön.
Ein fliederfarbenes Leinenkleid brachte ihre glatte bräunliche Haut und ihre prachtvolle Figur zur Geltung und kontrastierte wundervoll zu ihrem schwarzen Haar. Die schmale Taille wurde durch den breiten Gürtel noch betont, der tiefe Ausschnitt gab den Ansatz ihres festen Busens frei, der weite Rock schwang um ihre Knie.
Sie trat an Urban Horsters Tisch, als sei sie sich des Aufsehens, das sie erregt hatte, gar nicht bewußt, warf ihren Mantel, den sie über dem Arm getragen hatte, auf einen Stuhl, stellte die große Pappschachtel dazu und lächelte ihn an.
»Jetzt hab’ ich aber Hunger!«
Er vergaß, daß er sofort hatte zurückfahren wollen, vergaß alles außer Lona, diesem attraktiven Mädchen, um dessen Freundschaft ihn alle, das fühlte er deutlich, beneideten.
»Such dir was aus«, sagte er und reichte ihr die Speisekarte.
»Und du?« fragte sie, nachdem sie die Karte gründlich studiert hatte.
»Höchstens eine Kleinigkeit«, erwiderte er und schob den Gedanken an die Vorbereitungen, die Eva für diesen Abend getroffen hatte, mit Gewalt beiseite.
»Es gibt frische Krebse«, verkündete Lona und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
Sie aßen Champignonsalat mit Trüffeln, kleine rote Krebse, zum Abschluß ein Straßburger Soufflé, und sie tranken dazu den rotigen würzigen Wein der Landschaft.
Lona Simon war strahlender Laune, wie Frauen ihrer Art es zu sein pflegen, wenn sie ein neues Kleid tragen und fühlen, daß es ihnen gut steht.
Urban Horster ließ sich nur zu gern von ihrer Fröhlichkeit anstecken. Er war sich in jedem Augenblick bewußt, daß Eva zu Hause auf ihn wartete. Aber er fühlte sich wohl. Cognac und Wein hatten die Spannung in seiner Brust gelöst. Er fand dieses unbeschwerte Beisammensein mit Lona in der gemütlichen alten Weinstube wie eine Galgenfrist, die ihm das Schicksal selber geschenkt hatte. Er brauchte nicht zu denken, er brauchte sich nicht zu entscheiden, nichts wurde von ihm verlangt, als Lonas munterer Stimme zu lauschen, in ihre dunkel glänzenden Augen zu schauen.
Als er sich endlich aufraffte, um zu zahlen, war es zehn Uhr vorbei.
Den Karton mit Lonas Kleidern unter dem Arm, trat er wenig später auf die Straße. Die frische, kühle Vorfrühlingsluft wirkte wie eine Ernüchterung. Schlagartig kam ihm die Tragweite der Situation zu Bewußtsein. Ohne auf Lona zu warten, die sich noch ihren Mantel zuknöpfte, eilte er zum Parkplatz.
»Warte doch! Halt!« rief sie hinter ihm her.
Aber er hörte gar nicht auf sie. Sie trippelte hinter ihm her, ihre hohen Absätze klapperten auf dem Pflaster. Als sie ihn erreichte, hatte er sein Coupé schon aufgeschlossen, das Paket auf den Hintersitz geworfen, den Wagen aus der Parklücke heraus und auf die Fahrbahn gesteuert.
Er stieß von innen die rechte Tür auf, und sie stieg ein.
»Mein Gott«, sagte sie, »ich bin doch kein Rennpferd!«
Sie zog ihren Mantel aus und warf ihn über das Paket.
Er brummte etwas Unverständliches.
»Warum hast du es bloß mit einem Mal so eilig?« fragte sie schmollend.
Er schwieg und starrte verbissen geradeaus.
»Na schön«, sagte sie und zog fröstelnd ihren Schal um den Hals. »Keine Antwort ist auch ein Antwort!«
Während sie in der Weinstube gesessen hatten, war unversehens die Frühlingsnacht hereingebrochen. Urban Horster hatte die Scheinwerfer eingeschaltet, das Auto glitt, nachdem sie die erleuchteten Straßen der Innenstadt hinter sich gelassen hatten, mit leise brummendem Motor durch die Dunkelheit.
Sie passierten die Zollstation Kehl ohne Zwischenfall und erreichten die Bundesstraße 3. Urban Horster gab Gas. Die Tachometernadel stieg zitternd höher und höher. Der Sportwagen flog nur so dahin.
Lona Simon liebte den Rausch der Geschwindigkeit, aber diesmal fühlte sie sich unsicher.
»Du fährst wie ein Verrückter!« sagte sie halb bewundernd, halb mahnend. »Sei vorsichtig!«
Kurz vor der Abzweigung nach Oberkirch kam eine gefährliche S-Kurve. Lona hatte schon den Mund geöffnet, um ihn zu warnen – aber nach einem Blick auf sein blasses, verbissenes Gesicht zog sie es vor zu schweigen.
Urban Horster steuerte mit Vollgas in die Kurve.
»Obacht!« schrie Lona unbeherrscht.
Ein böses Lächeln verzerrte seinen Mund – da, plötzlich spürte er, wie ihm das Steuerrad entglitt, wie er die Gewalt über den Wagen verlor. Mit aller Kraft versuchte er gegenzusteuern – aber da war es schon zu spät.
Das Auto wurde mit ungeheurer Wucht in die Finsternis hinausgeschleudert.
Lona Simon hatte das Gefühl, aus einem abgrundtiefen tintenschwarzen See langsam, ganz langsam wieder an die Oberfläche zu tauchen. Sie spürte, irgendwo war ein Licht.
Sie riß krampfhaft die Augen auf und sah, daß das Licht, das sie genarrt hatte, der linke Scheinwerfer des Autos war, der eine endlose Bahn frisch gepflügten Ackers beleuchtete.
Plötzlich war alles wieder da, ihr Bewußtsein und gleichzeitig die Erinnerung an das, was geschehen war – die rasende Fahrt, der Sturz in die Finsternis. Sie erinnerte sich, daß sie unwillkürlich die Füße fest gegen die Vorderwand gestemmt, ihr Gesicht mit dem rechten Arm geschützt hatte. Mit heißer Freude wurde sie sich bewußt, daß sie davongekommen war.
Sie tat einen tiefen, zitternden Atemzug. »Mein Gott«, sagte sie, »oh, mein Gott!«
Sie wandte sich zur Seite, um Urban Horsters Blick zu suchen. Aber er war vornüber gesunken, den Kopf auf dem Lenkrad, sein rechter Arm hing unnatürlich verkrümmt herab. Sie griff ihm in das dichte dunkle Haar, versuchte ihn aufzurichten – mit einem Schrei des Entsetzens ließ sie ihn wieder los. Sein Gesicht war unkenntlich, eine blutende Maske des Schreckens.
Ihre Hand war warm und klebrig, und es dauerte eine Sekunde, bis sie begriff, daß sie blutig war. Sie zerrte das verklemmte Handschuhfach auf, zog ein Papiertuch heraus, rieb sich die Hand wie unter einem hysterischen Zwang sauber. In ihrem Kopf wirbelte es. Ihre Zähne klapperten.
Endlich hatte sie sich so weit gefaßt, daß sie das Nächstliegende tun konnte. Mit Überwindung griff sie unter dem Lenkrad hindurch, drehte den Zündschlüssel um, stellte den Motor ab. Der Scheinwerfer erlosch.
Sie rüttelte an der Tür, die nicht nachgeben wollte. Kalter Schweiß trat ihr aus allen Poren. Schließlich sah sie ein, daß es unmöglich war, kletterte über die Sessellehne und versuchte es hinten.
Sie hatte Glück. Die rückwärtige Tür war weniger verklemmt, sie ließ sich öffnen.
Lona Simon stand schon im Freien, als ihr der Karton mit den Kleidern einfiel, die sie in Straßburg gekauft hatte. Noch einmal tastete sie sich in den Wagen hinein, fand, was sie suchte. Mit einem Schwung warf sie die Tür ins Schloß. Jetzt erst spürte sie, daß auch ihr Arm verletzt sein müßte, denn er tat abscheulich weh.
Aber sie achtete nicht darauf, sondern begann über den Acker zur Straße hinauf zu stapfen. Ihre hohen Absätze versanken bei jedem Schritt in dem weichen Boden. Sie bückte sich, zog die Pumps aus, nahm sie in die Hand und lief auf Strümpfen weiter. Oben angekommen, schlüpfte sie wieder hinein und marschierte die Straße entlang. Sie warf keinen einzigen Blick auf die Unfallstelle zurück.
Ein Lastwagen kam ihr entgegen. Aber sie machte nicht einmal den Versuch ihn anzuhalten, sondern lief weiter. Sie hatte nur den einen Gedanken – nicht in diesen Unfall verwickelt zu werden. Sie wollte keinen Skandal, sie konnte ihn sich einfach nicht leisten, er hätte das Ende ihrer Karriere als Hotelsekretärin bedeutet. Kein Hotelier hätte sie danach wieder eingestellt, das war ihr ganz klar.
Und außerdem versuchte sie sich einzureden, würde ich auch Urban dadurch schaden. Man liest es doch immer wieder. Wenn eine zweite Person mit im Wagen gesessen hat, erstattet der Staatsanwalt Strafanzeige. Womöglich kommt er dann ins Gefängnis, wenn er noch lebt!
Wenn er noch lebt – erst bei diesem Gedanken fiel ihr ein, daß sie ja gar nicht wußte, ob er tot oder nur schwer verletzt war. Sie hätte sich überzeugen müssen. Aber wie? Seinen Puls fühlen? Vielleicht. Jetzt war es dazu zu spät.
Energisch schüttelte sie die aufsteigenden Gewissensbisse ab und marschierte weiter.
Nach etwa drei Kilometern sah sie in der Ferne am Rande einer Ortschaft eine erleuchtete Tankstelle. Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte.
Erst als sie näher kam, sah sie, daß im Büroraum der Tankstelle zwar die Deckenbeleuchtung brannte, der Raum aber leer war. Die Eingangstür war verschlossen. Sie drückte heftig und ausdauernd auf die Klingel. Nach einiger Zeit erschien ein junger Mann und schloß auf.
»Ich brauche ein Auto«, sagte sie grußlos, »bitte, würden Sie die nächste Taxistelle anrufen … ich habe es sehr eilig!«
Sie stellte den Kleiderkarton auf den Boden, kramte in ihrer Handtasche, drückte dem jungen Mann eine Mark in die Hand.
Er betrachtete erst das Geldstück, dann das junge Mädchen.
Sein forschender Blick machte sie unsicher, sie fuhr sich mit der Hand über das Kinn und entdeckte, daß sie blutete.
»Ich habe mich verletzt«, sagte sie.
»Das sieht man.«
»Würden Sie nun, bitte, endlich anrufen?«
Er zuckte die Schultern, ging zum Telefon.
»Kann ich mich inzwischen hier irgendwo frisch machen?« rief sie ihm nach.
Er wies mit dem Kinn auf eine Nebentür, und sie befolgte seinen Wink.
Als sie ihr Gesicht in dem trüben Spiegel über dem Waschbecken sah, erschrak sie vor ihrem eigenen Anblick. Kein Wunder, daß der Tankwart sie so merkwürdig angesehen hatte. Sie sah verheerend aus – ihre dunklen Augen starrten riesengroß und tief verschattet, ihr bräunliches Gesicht, ganz blutleer vor Entsetzen, wirkte gelblich fahl, das schwarze Haar hing wie eine Hexenmähne herab, am Kinn und am Wangenknochen waren blutverschmierte Wunden.
Wie gut, daß Urban mich nicht so gesehen hat, dachte sie und wußte im gleichen Augenblick, wie töricht diese Überlegung war.
Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, säuberte die Wunden und verpflasterte sie, kämmte sich sorgfältig ihr schulterlanges Haar, legte Make-up auf und zog sich die Lippen nach.
Danach sah sie besser aus, aber der verstörte Blick ihrer Augen ließ sich nicht vertuschen.
Als sie den Waschraum verließ, war das Taxi schon gekommen. Der Fahrer lehnte am Kühler und rauchte eine Zigarette, der Tankwart stand daneben. Lona hatte den Eindruck, daß sich die beiden über sie unterhalten hatten.
Sie warf den Kopf in den Nacken und trat auf die beiden Männer zu.
»Bitte, würden Sie mich nach Baden-Baden fahren«, sagte sie.
Der Fahrer blickte sie an.
»Das wird aber ein teurer Spaß, Fräulein.«
»Ich werde Sie im voraus bezahlen.«
»Hin und zurück, denn heute nacht kriege ich keine Fuhre mehr.«
»Wieviel macht das?« fragte sie und öffnete ihre Handtasche.
Der Fahrer nannte den Preis und nahm das Geld entgegen. »Na schön, weil Sie es sind, Fräulein!«
Er öffnete den Wagenschlag, um sie einsteigen zu lassen.
»Einen Augenblick«, sagte sie und warf den Karton auf den Rücksitz, »ich muß schnell noch mal telefonieren …«
Sie wandte sich zu dem beleuchteten Innenraum, rief über die Schulter zurück:
»Ein Ortsgespräch …«
Während sie auf das Telefon zuging, beobachtete sie aus den Augenwinkeln mit Erleichterung, daß der Tankwart keine Anstalten machte, ihr zu folgen, sondern bei dem Taxi stehenblieb. Die beiden Männer unterhielten sich, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen.
Eine Papptafel mit den wichtigsten Nummern hing hinter dem Schreibtisch an der Wand. Sie wählte »Unfall«. Eine mürrische Stimme meldete sich.
»Bei der Kurve vor Oberkirch ist ein schwerer Unfall passiert«, sagte sie hastig, »auf der Bundesstraße drei. Bitte, kommen Sie sofort!«
»Verletzte?« fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung gleichgültig.
»Ja. Ein Schwerverletzter.«
»Von wo aus telefonieren Sie?« fragte der Mann.
Aber da hatte sie schon aufgelegt.
Eva Horster hatte keine böse Vorahnung, sie war nicht einmal beunruhigt.
Sie war es so gewohnt, auf ihren Mann zu warten, es war schon so häufig vorgekommen, daß er sein Versprechen, pünktlich zu sein, nicht gehalten hatte, daß sie gar nicht auf den Gedanken kam, es könnte etwas pasisert sein.
Sie war nur todunglücklich.
Um sieben Uhr hatte sie den Tisch gedeckt, sehr festlich, mit dem schönen alten handgeschmiedeten Familiensilber und hochstieligen hauchdünnen Gläsern. Dann war sie noch einmal nach oben gegangen und hatte Susi und Teddy zur Ruhe gemahnt, die, von ihrer eigenen erwartungsvollen Erregung angesteckt, immer noch auf ihren Betten herumhopsten.
Sie hatte sich umgezogen und die schweren, wundervoll ziselierten goldenen Ohrgehänge angelegt, die ihr Mann ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt hatte. Sie hatte die hellen Augenbrauen dunkel nachgestrichelt, die Wimpern getuscht, dem feinen, ein wenig schmalen Mund mit einem zartrosa Lippenstift Farbe gegeben. Das rotblonde Haar hatte sie leicht toupiert und so lange gebürstet, bis es sich weich um die hohe Stirn und die schmalen Wangen schmiegte.
Ihr Spiegelbild zeigte eine sehr schöne, ein wenig kühle Frau, und sie wünschte in diesem Augenblick sehnlich, daß Urban jetzt, in diesem Augenblick, kommen und sie in die Arme nehmen sollte.
Aber er kam nicht.
Sie ging noch einmal in die Küche, sah nach, ob sie auch nichts vergessen hatte – die Platte mit dem kalten Roastbeef stand bereit, die Schüsselchen mit Remouladensoße, Champignon- und Spargelspitzensalat, das Fruchtgelee und das Käsegebäck. Sie konnte auftragen, sobald Urban nach Hause kam.
Aber er kam immer noch nicht.
Sie zündete das Buchenholz im Kamin an. Jetzt gab es nichts mehr für sie zu tun. Sie wartete drei endlose Stunden lang. Sie versuchte zu lesen, aber es gelang ihr nicht, ihre Gedanken zu konzentrieren. Dann legte sie eine Mozartplatte auf, aber selbst diese himmlisch heitere Musik konnte sie heute nicht trösten. Sie stellte den Apparat wieder ab. Sie rauchte, stand auf, ging hin und her, setzte sich wieder, starrte in die Flammen.
Mehr als einmal zuckte es in ihrer Hand, den Telefonhörer zu ergreifen und das Hotel anzurufen. Aber sie unterließ es. Urban Horster hatte sich schon zu Anfang ihrer Ehe energisch verbeten, durch einen Anruf bei der Arbeit gestört zu werden.
»Wenn ich nicht komme«, hatte er gesagt, »bedeutet das, daß ich beschäftigt bin. Mit einem Anruf verschwendest du deine und meine Zeit. Es dauert dann um so länger, bis ich mich freimachen kann.«
Sie dachte sich zornige Worte aus, die sie ihm sagen wollte, aber dann ließ sie es wieder. Sie verbot sich Tränen, Klagen, Vorwürfe. Das alles Würde ihn nur abstoßen.
»Ich werde ihn mit einem Lächeln empfangen«, sagte sie sich immer wieder, mit einem Lächeln …«
Und sie zauberte ein Lächeln auf ihr erschöpftes Gesicht, als kurz nach elf die Haustürklingel ertönte. Sie erhob sich, leerte den Aschenbecher in das Kaminfeuer und ging zur Tür. Ihr Herz klopfte, und sie spürte, wie ihre Wangen sich röteten. Sie war ganz sicher, daß es nur Urban sein konnte, der seinen Türschlüssel im Hotel hatte liegen lassen – sie erwartete keinen Besuch, und es gab niemanden, der sie zu dieser nächtlichen Stunde ohne Anmeldung überfallen hätte.
Eva Horster öffnete die Tür weit und rief: »Urban … endlich!«
Aber es war nicht Urban Horster, der eintrat, sondern Herr Thomas, der Empfangschef.
Ihr Lächeln erlosch, und noch bevor er den Mund öffnete, wußte sie, daß etwas Schlimmes geschehen sein mußte.
»Sie?« stieß sie fassunglos hervor.
Das Gesicht des Empfangschefs war beherrscht und ausdruckslos wie immer.
»Ich weiß, Sie erwarten Ihren Gatten, gnädige Frau«, sagte er und schloß die Tür geräuschlos hinter sich.
»Aber …«
»Bitte, setzen Sie sich!«
»Aber … warum …?«
»Bitte«, sagte er mit Nachdruck, faßte sie am Arm und führte sie zu einem der Sessel am Kamin.
Er blieb vor ihr stehen und blickte auf sie herab. Nichts in seinem Gesicht verriet, was er in diesem Augenblick empfand – Bewunderung für ihre Schönheit, tiefes Mitleid für ihr Schicksal und ohnmächtigen Zorn darüber, daß gerade ihm die Rolle des Unglücksboten zugefallen war.
»Gnädige Frau …« sagte er mühsam.
»Was ist geschehen?« rief sie mit einer Stimme, die ihr nicht mehr ganz gehorchte.
»Bitte«, sagte er beschwörend, »bitte, seien Sie tapfer. Ihr Gatte hatte einen Unfall.«
Da sie nicht ahnte, daß er im Auto unterwegs gewesen war, löste diese Mitteilung seltsame Assoziationen in ihr aus.
»Im Hotel?« fragte sie. »Er schickt sie zu mir?«
»Nein«, erklärte Herr Thomas, der alles noch viel schwieriger fand, als er es sich vorgestellt hatte, »ein Autounfall …«
»Aber … ich verstehe nicht …« stammelte sie.
Dann erst begriff sie, fuhr hoch.
»Er ist – tot?«
»Nein, er lebt. Er ist schwer verletzt, aber er lebt.«
Mit den seltsam gleitenden Schritten einer Nachtwandlerin ging sie zur Tür.
»Ich muß zu ihm«, murmelte sie wie zu sich selber. »Ich muß zu ihm …«
Mit zwei Sätzen war er hinter ihr her und hielt sie fest.
»Gnädige Frau, bitte, lassen Sie sich doch erst erklären …«
Sie fuhr herum. Ihre klaren grauen Augen in dem totenblassen Gesicht waren überraschend wach.
»Haben Sie mich belogen?«
»Nein.«
»Dann bringen Sie mich zu ihm. Sofort.«
Er hielt ihrem Arm so fest, als befürchtete er, sie könnte sich losreißen und in die Nacht hinausstürmen.
»Er ist ohne Bewußtsein«, sagte er, »eine schwere Schädelfraktur. Er würde Sie gar nicht erkennen.«
Sie sah ihn an, mit verdunkelten Augen, in denen er nicht zu lesen vermochte.
»Wo liegt er?«
»In Oberkirch. Auf der Unfallstation des dortigen Krankenhauses. Von dort hat man im Hotel angerufen.«
»Wir müssen sofort einen Hirnspezialisten hinzuziehen«, sagte sie, »Professor Meyer von der Neurochirurgischen Klinik Freiburg. Stellen Sie, bitte, die Verbindung her. Ich gehe inzwischen hinauf und ziehe mich um.«
»Jetzt?« sagte er. »Es geht auf zwölf Uhr zu, der Professor wird –«
»Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe«, schnitt sie ihm das Wort ab, »es geht um das Leben meines Mannes.«
Sie schüttelte seine Hand ab und ging auf die breite, geschwungene Treppe zu. Sie war die ersten Stufen schon hinaufgeeilt, als sie sich noch einmal umdrehte.
»Professor Ferdinand Meyer«, sagte sie, »M, e, y, e, r … Meyer!«
In dieser Sekunde begriff er, welch unerschütterliche Kraft in dem zarten Körper dieser jungen Frau steckte.
Es war nicht einfach, den Professor zu erreichen, und er hatte es noch nicht geschafft, als Eva die Treppe wieder herunterkam, in flachen Schuhen, einem graublauen Tweedkostüm, einen Schal in der Hand – nur die funkelnden Ohrgehänge erinnerten noch daran, wie anders sie sich diesen Abend vorgestellt hatte. Ihr schmales Gesicht war immer noch schneeweiß, aber ihre Züge verrieten Beherrschung und äußerste Anspannung.
Sie stand neben Herrn Thomas und wartete, bis es so weit war, dann nahm sie ihm den Hörer aus der Hand und meldete sich.
»Hier spricht Frau Horster, Herr Professor«, sagte sie mit klarer Stimme, »Frau Eva Horster vom Grandhotel Horster in Baden-Baden. Mein Mann hatte einen schweren Autounfall … Schädelfraktur. Bitte, setzen Sie sich mit der Unfallstation des Krankenhauses in Oberkirch in Verbindung, dort ist er eingeliefert worden. Ich möchte, daß Sie sich um ihn kümmern und die Operation persönlich vornehmen … ich weiß, daß dieser Wunsch Ihnen unverschämt verkommen muß, Herr Professor, aber es geht um meinen Mann, den Vater von drei Kindern … ich weiß, welche Strapazen und Unannehmlichkeiten ich Ihnen damit zumute … das glaube ich Ihnen ja, aber ich möchte, daß mein Mann von dem besten Arzt auf diesem Gebiet operiert wird, und das sind Sie, Herr Professor. Bitte, fahren Sie noch heute, fahren Sie jetzt gleich nach Oberkirch! Selbstverständlich bezahle ich den Chauffeur … selbstverständlich werden alle Ihre Honorarforderungen erfüllt … es geht um das Leben meines Mannes, Herr Professor, Geld spielt da überhaupt keine Rolle … ich danke Ihnen, Herr Professor, ich danke Ihnen!«
Eva legte auf. Ihre Augen hatten einen sonderbaren Glanz. Mit einer mechanischen Bewegung schlang sie den Schal um ihr rotblondes Haar.
»Bitte, rufen Sie das Hotel an, Herr Thomas«, sagte sie, »sorgen Sie dafür, daß ein Zimmermädchen oder irgendeine andere weibliche Kraft sofort herüberkommt und bei den Kindern bleibt … dann holen Sie Ihren Wagen. Ich will bei meinem Mann sein.«
Während der Fahrt nach Oberkirch schwiegen beide.
Eva saß sehr aufrecht, fast starr. Sie hielt den Blick unverwandt geradeaus gerichtet, die Hände im Schoß verkrampft. Ihre Fingernägel bohrten sich in die Handflächen, aber sie spürte den Schmerz kaum. In ihrer Kehle war ein heißes, würgendes Brennen, und das Herz lag wie ein schwerer Bleiklumpen in ihrer Brust, der ihr das Atmen zur Qual machte.
Sie bemühte sich krampfhaft, alle Gedanken auszuschalten, alle Gefühle zu ersticken, denn sie spürte instinktiv, daß sie zusammenbrechen würde, sobald sie erst das Ausmaß dessen, was geschehen war und was noch drohend vor ihr stand, erkennen würde.
Herr Thomas respektierte ihr Schweigen. Er warf nur hin und wieder einen scheuen Seitenblick auf ihr angespanntes blasses Profil.
Er verfluchte sich, daß er sich ihrer plötzlichen Autorität gebeugt hatte, statt das einzig Richtige zu tun, einen Arzt zu rufen, der ihr eine Beruhigungsspritze gegeben und Sie ins Bett gesteckt hätte. Statt dessen hatte er sich zu dieser unsinnigen Fahrt durch die Nacht zwingen lassen, mit der dem verunglückten Chef in keiner Weise geholfen war.
Ein Unfallwagen überholte sie mit Blaulicht und heulender Sirene, bog nach links ab.
Herr Thomas zuckte zusammen, aber Eva reagierte überhaupt nicht. Sie schien weit, weit fort zu sein.
Er folgte dem Unfallwagen. Die Scheinwerfer erfaßten das blau-weiße Schild mit der Aufschrift: »Ruhe! Hospital!« Dann tauchte das Krankenhaus zu ihrer Rechten auf, ein weißes Gebäude mit einer breiten Einfahrt.
Herr Thomas parkte den Wagen im Inneren des Hofes, stieg aus und wollte Eva helfen. Aber sie kam ihm zuvor und ging mit steifen hölzernen Schritten auf die erleuchtete Pforte der Unfallstation zu.
Er lief ihr nach, holte sie ein.
In der Anmeldung hatten die Sanitäter zwei Tragen mit blutigen stöhnenden Bündeln abgestellt, die sicher noch vor kurzer Zeit selbstbewußte, gesunde Menschen gewesen waren.
Eva schenkte ihnen keinen Blick. Wie eine aufgezogene Puppe ging sie auf die diensthabende Schwester zu. Aber als sie ihre Frage stellen wollte, versagte ihre Stimme. Sie brachte nicht mehr hervor als einen rasselnden Atemzug.
Herr Thomas sagte rasch: »Herr Urban Horster aus Baden-Baden … er muß vor einer Stunde eingeliefert worden sein. Autounfall.«
Die Schwester warf einen Blick auf ihre Liste.
»Zimmer 14 im ersten Stock … am Ende des Ganges.«
»Danke.«
Herr Thomas legte stützend seine Hand unter Evas Ellenbogen, und sie ließ es sich widerspruchslos gefallen. Er führte sie die steinerne Treppe hinauf.
Es roch wie in allen Krankenhäusern nach Äther, Lysol und Bohnerwachs, aber dazwischen war noch etwas anderes, der süßliche, durchdringende Geruch von Blut und Schweiß, Eiter und Wunden.
Sie kamen an vielen Türen vorbei. Schwestern liefen über den Gang mit blassen, übermüdeten Gesichtern.
Vor der Tür Nr. 14 blieb Herr Thomas stehen.
»Soll ich nicht doch erst allein …?«
Eva schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte sie mühsam.
Er klopfte, aber von innen kam keine Antwort. Dann drückte er die Klinke nieder und öffnete lautlos die Tür. Er trat als erster ein – ein verzweifelter Versuch, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Aber sie folgte ihm so rasch, daß er nicht einmal die Möglichkeit hatte, sie zu warnen.
Sie sahen es beide fast gleichzeitig.
Ein Bett war leer, und auf dem anderen, gleich neben dem Fenster, lag eine stille, starre Gestalt, vom Kopf bis zu den sehr gerade ausgerichteten Füßen mit einem weißen Leintuch bedeckt. Ein Toter.
Sie standen und schauten, und er fand nicht einmal mehr den Mut, sie anzusehen.
Nach einer Weile löste sie sich von seiner Seite und trat auf das Bett zu. Sie hob die Hand und schlug das Leintuch am Kopfende zurück.
Das Gesicht des Toten war friedlich, die geschlossenen Augen lagen tief in den Höhlen, um seine Lippen lag etwas wie ein sehr weises, verklärtes Lächeln.
Es war nicht Urban Horster.
In diesem Augenblick sank Eva in sich zusammen. Alle Kraft hatte sie verlassen. Dumpf fiel sie zu Boden.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einer flachen, harten Liege. Ein junger Arzt in einem weißen Kittel fühlte ihren Puls.
»Na, endlich!« sagte er und sah sie mit einem unbekümmerten Lächeln an. »Fühlen Sie sich besser?«
Sie richtete sich ruckartig auf.
»Mein Mann …«
Der junge Arzt drückte sie sanft zurück. Er hatte einen blonden, dichten Bürstenhaarschnitt, und in seinen Augen stand etwas, das verriet, daß das ganze Leben für ihn noch ein wunderbares Abenteuer war.
»Sie können jetzt doch nicht zu ihm«, sagte er, »er ist gerade in den OP gebracht worden.«
»Er ist also nicht …?«
»Nein. Man hatte ihn wenige Minuten, bevor Sie in das Zimmer kamen, herausgeholt. Die Schwester bei der Anmeldung konnte das nicht wissen. Es muß ein schöner Schock für Sie gewesen sein …«
Eva Horster hob den Arm, um auf ihre Uhr zu sehen.
»Wie lange war ich …?«
»Eine gute Stunde. Aber immerhin haben Sie sich den passenden Ort für Ihre Ohnmacht ausgesucht.« Der junge Arzt lachte. »Vorige Woche hatten wir noch einen viel tolleren Fall. Eine junge Frau wollte ihren Mann besuchen, der mit dem Motorrad verunglückt war. Bei dieser Gelegenheit hat sie die Wehen bekommen … gleich hier im Krankenhaus. Eine halbe Stunde später war sie entbunden.«
Eva hörte gar nicht, was er sagte. Auf ihren Schläfen lastete ein dumpfer Druck, und sie hatte Mühe, ihre Gedanken zu ordnen.
»Eine Stunde«, wiederholte sie, »und er ist jetzt erst in den Operationssaal gekommen … aber ist denn das nicht viel zu spät, hätte man nicht gleich …«
»Regen Sie sich nicht auf«, sagte der junge Arzt, »bitte! Das schadet Ihnen, und Ihrem Gatten nutzt es nichts. Er konnte nicht vorher operiert werden, weil er sich noch in einem schweren Schockzustand befand. Wir mußten ihn erst erwärmen, Sympatol-Strophantin zur Stützung des Kreislaufs und Traubenzuckerinfusionen geben. Er hat darauf angesprochen, das ist schon ein gutes Zeichen.«
»Und Professor Meyer?«
»War gar nicht dumm, daß Sie ihn angerufen haben. Ein Spezialist ersten Ranges. Er führt die Operation persönlich durch.«
Eva seufzte tief.
»Übrigens, ich glaube, ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen«, sagte der junge Arzt. »Ich bin Doktor Krüger …«
Aber Eva hörte gar nicht mehr hin. Sie hatte die Augen geschlossen und die Hände zum Gebet gefaltet – einem flehenden Gebet, das ihrem Mann und ihrer Liebe galt.
Urban Horster lag auf dem Operationstisch. Sein Gesicht war abgedeckt, der Schädel kahl rasiert. Im kalten schattenlosen Licht der Operationslampe zeigte sich die Deformation der Schädeldecke.
Der Narkosearzt hatte eine Dosis Curare gespritzt, um eine vorübergehende völlige Erschlaffung der gesamten Muskulatur zu bewirken. Nur so war es möglich, den Trachealkatheter vorsichtig durch die erschlafften Stimmbänder einzuführen. Mit Hilfe eines aufblasbaren Gummiballs hatte er ihn so gegen die Wände der Luftröhre gepreßt, daß er sich weder verschieben noch verrutschen konnte. Das andere Ende des Katheters verband er außerhalb des Mundes über ein Ventil mit dem Schlauch des Narkoseapparats.
Jetzt hob er den Blick und sah Professor Meyer an.
»Fertig!«
Die Atmung des Patienten hatte nicht für eine Sekunde ausgesetzt. Die Mischung von Lachgas und Sauerstoff drang in die Lungen.
Die Operationsschwester überprüfte noch einmal seine Lage. Der Körper des Patienten durfte während der Operation keinerlei Druck ausgesetzt sein, sein Kopf lag locker in der Stütze. Noch einmal bestrich sie die Kopfhaut mit Jod.
Professor Meyer hatte sich auf dem verstellbaren Drehstuhl hinter dem Kopf des Patienten niedergelassen. Links neben ihm stand sein Assistent, ein Arzt der Unfallstation. Die Operationsschwester stellte sich zur Rechten des Professors neben den Instrumententisch und reichte ihm das Skalpell.
Bedächtig führte der Professor den ersten halbkreisförmigen Schnitt und schlug den Hautlappen zurück.
Die große Wunde blutete kaum. Der Assistenzarzt betätigte den Sauger. Das Gefäß wurde sichtbar, er ergriff es mit Klemmen.
»Strom!«
Der Assistent legte die Diathermienadel an und trat auf das Kontaktpedal. In wenigen Sekunden war die Blutung gestillt, das Gefäßende verschmort.
Der Schädelknochen lag frei, die Bruchstelle wurde deutlich sichtbar.
Professor Meyer ergriff den elektrischen Bohrer und legte nacheinander mehrere Bohrlöcher in einem Viereck an, dessen eine Seite die Bruchstelle war.
Die OP-Schwester reichte ihm die Gigli-Säge. Mit der Hand sägte Professor Meyer von Bohrloch zu Bohrloch die Knochendecke durch.
»Kreislauf?« fragte er.
»Nicht zufriedenstellend«, antwortete der Anästhesist, »Puls schwach.«
»Geben Sie noch eine Blutkonserve!«
Der Anästhesist hatte schon vor der Operation eine Dauertropfinfusion an einer Knöchelvene angelegt, durch die er dem Patienten während des Eingriffs die noch zusätzlich notwendigen Medikamente direkt zuführen konnte. Jetzt schloß er eine Blutkonserve an.
»Puls immer noch schwach, aber regelmäßig«, konnte er nach einiger Zeit melden.
»Versuchen Sie weiter den Kreislauf mit allen Mitteln zu stützen!«
Professor Meyer hob das herausgesägte Knochenstück behutsam ab und reichte es der Operationsschwester. Sie legte es sofort in die bereitgehaltene physiologische Kochsalzlösung.
Die Hirnhaut lag frei. Sie war stark gespannt, blauschwarz schimmerte eine Blutung durch.
Die OP-Schwester reichte Professor Meyer ein feines Skalpell.
»Achtung!«
Ganz leicht ritzte er die Dura an, und in dickem Schwall schoß das Blut heraus.
Professor Meyer wartete, bis der Hirndruck schwand und das Gehirn wieder normale Pulsationen zeigte. Dann, auf einen Wink von ihm, begann der Assistent die blutenden kleinen Gefäße elektrisch zu verschorfen, bis das Gehirn frei von jeder Nachblutung war.
Vorsichtig untersuchte Professor Meyer das Operationsgebiet, vergewisserte sich, daß kein Knochensplitter ins Hirn gedrungen war, daß es sich bei der Unfallverletzung um einen glatten Bruch gehandelt hatte. Das Gehirn hatte sich infolge der Blutstauung aus Raummangel zusammengepreßt. Der Professor führte deshalb noch eine Liquorauffüllung durch, um Unterdruckerscheinungen zu verhindern.
Dann setzte er die Knochendecke wieder ein. Das Vernähen des Hautlappens überließ er dem Assistenten.
Für ihn war die Operation beendet.
Eva Horster fuhr auf, als Professor Meyer in das Untersuchungszimmer trat, auf dessen Liege sie ein wenig eingedöst war – die Spritzen, die der junge Dr. Krüger ihr gegeben hatte, waren nicht ohne Wirkung geblieben.
Sie erkannte ihn sofort, obwohl sie ihn noch nie gesehen hatte. Dieser große Mann mit dem durchfurchten Gesicht, der hohen Stirn und den klugen Augen hinter funkelnden Brillengläsern konnte nur der berühmte Neurochirurg sein.
»Herr Professor …?«
Sie setzte sich auf und schwang die Beine zu Boden.
»Sie dürfen ruhig liegen bleiben, gnädige Frau«, sagte der Professor beruhigend.
»Nein, nein, ich bin doch nicht krank!« widersprach sie, obwohl sie sich schwindelig und elend fühlte.
Professor Meyer zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.
»Wir haben Glück gehabt, gnädige Frau«, sagte er, »die Operation ist komplikationslos verlaufen. Das Allgemeinbefinden des Patienten ist den Umständen entsprechend zufriedenstellend.«
»Wird er … gesund werden?«
»Ihr Gatte lebt. Damit sollten wir uns, denke ich, im Augenblick zufriedengeben.«
Eva strich sich eine Locke ihres rotblonden Haars aus der Stirn.
»Sagen Sie mir ganz ehrlich, Herr Professor … welche Chance hat er?«
»Eine gute. Aber es hat keinen Zweck, wenn wir uns etwas vormachen. Die Operation ist geglückt. Jetzt kommt es darauf an, ob sein Kreislauf sich erholt und sein Herz durchhält. Außerdem …« Er zögerte.
»Ja?«
»… es ist möglich, daß sich noch andere Komplikationen ergeben. Ich hatte noch keine Gelegenheit, den Patienten allgemein zu untersuchen. Aber mein Kollege nimmt an, daß er durch den Unfall auch eine Rückgratverletzung davongetragen hat … bitte, erschrecken Sie nicht! Ich kann diese Diagnose noch nicht bestätigen, und selbst wenn sie stimmt, können erst langwierige Untersuchungen ergeben, ob das Rückenmark geschädigt ist.«
»Und was würde das bedeuten?« fragte Eva mit einer Stimme, die ihr selber fremd klang.
»Lähmungserscheinungen. Aber darüber läßt sich jetzt noch gar nichts sagen. Ich nehme an, Sie haben Vertrauen zu mir …«
»Ja, Herr Professor.«
»Dann werden Sie sicher damit einverstanden sein, daß der Patient, sobald sein Allgemeinzustand es zuläßt, nach Freiburg in die Universitätsklinik überführt wird.«
Eva Horster nickte. »Wie lange wird es dauern, bis er wieder gesund ist?«
Professor Meyer lächelte. »Noch vor einer Stunde hätten Sie alles darum gegeben, daß er überhaupt am Leben bleibt. Jetzt werden Sie schon ungeduldig und möchten ihn am liebsten gleich mit nach Hause nehmen.«
»Wie lange?« fragte Eva noch einmal.
»Im besten Fall … Monate.«
Sie nickte, als ob er ihr nur etwas bestätigt hätte, was sie selber schon geahnt hatte. »Kann ich ihn sehen?« fragte sie.
Der Professor zögerte. »Dazu würde ich Ihnen nicht raten. Sein Kopf ist vollkommen bandagiert, und es ist noch gar nicht abzusehen, wann er wieder zu Bewußtsein kommt …«
»Ich werde so lange warten«, sagte sie mit fester Stimme.
Es war heller Tag, als Eva endlich zu ihrem Mann geführt wurde. Sie hatte Herrn Thomas längst nach Hause geschickt, weil sie ihm nicht zumuten wollte, die ganze Nacht mit ihr zu warten.
»Sie müssen jetzt sehr tapfer sein«, sagte die Schwester, die sie begleitete.
Eva nickte.
Sie war ganz gefaßt, dennoch blieb sie unwillkürlich auf der Schwelle des kleinen Zimmers stehen, in dem ihr Mann lag. Eine eisige Hand griff nach ihrem Herzen. Sie erkannte ihren eigenen Mann nicht. Sein ganzer Kopf war in weiße Binden eingehüllt, nur die Nasenlöcher und der Mund waren sichtbar. Sein rechter Arm steckte in einem Gipsverband.
»Auch die Augen?« stammelte sie kaum hörbar.
»Ein Bluterguß« sagte die Schwester, »sie sind völlig verschwollen, aber die Augäpfel sind unverletzt. Sie müssen ihm das sagen, wenn er danach fragt!«
Eva trat näher. Auf dem Nachttisch lagen Urban Horsters Brieftasche, sein Geldbeutel, seine Schlüssel und – eine goldene Rose.
»Urban«, sagte sie und nahm seine gesunde Hand, »mein lieber Urban …«
»Du …« sagte er schwach.
Seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen, und dennoch fühlte Eva ihr Herz bei diesem Klang höher schlagen.
»Du hattest einen Autounfall«, sagte sie, »aber du wirst wieder gesund werden. Du brauchst nichts zu fürchten …«
Er entzog ihr seine Hand, tastete zum Kopfverband.
»Bin ich … blind?«
»Nein, die Augen sind nur verbunden. Du wirst wieder sehen können … schon in ein paar Tagen. Glaube mir!«
»Ja, Eva …«
Sie nahm das Schmuckstück, das auf dem Nachttisch lag.
»Die goldene Rose … ist sie für mich? Bist du deswegen nach Straßburg gefahren?«
»Verzeih mir«, sagte er schwach.
»Genug«, sagte die Schwester, die sich während des ganzen Gesprächs nicht von der Tür gerührt hatte. »Sie müssen jetzt gehen, Frau Horster!«
Eva beugte sich über ihren Mann und küßte ihn zart auf den Mund.
»Ich komme wieder, Urban … bald!«
3
Als Eva erwachte, fiel heller Sonnenschein durch die Vorhangspalten. Aus dem Park tönte das Hämmern der Arbeiter vom neuen Schwimmbad her.
Sie begriff, daß sie zu Hause war, daß sie einen halben Tag und eine ganze Nacht geschlafen haben mußte. Alles, was sie durchgemacht hatte, lag wie ein Albdruck hinter ihr, der sich im Sonnenschein zu einem Nichts verflüchtigte.
Ihr Mann lebte, er würde gesund werden. Selbst wenn es Monate dauern sollte, er würde gesund werden, sie war sich dessen ganz sicher. Alles würde wieder gut werden.
Sie sprang aus dem Bett, lief ins Badezimmer, stellte sich unter die Brause, zog sich an. Dann erst fiel ihr auf, daß es seltsam still im Haus war – natürlich, Teddy und Susi waren längst in die Schule gegangen.
Im Kinderzimmer fand sie einen Zettel: »Bin mit der Kleinen spazierengefahren – Alice.« Alice war in der Unfallnacht herübergekommen, um sich um die Kinder zu kümmern.
Eva war diese Spazierfahrt nicht ganz recht. Sie hatte Sehnsucht nach Babsy, hätte sie gern jetzt gleich in die Arme genommen und an ihr Herz gedrückt.
Sie zerknüllte den Zettel, lief in die Küche und richtete sich das Frühstück.
Das Telefon schrillte.
Ihr erster Gedanke war: Urban! Ob sich sein Zustand verschlechtert hatte?
Sie lief in die Halle hinüber und nahm den Hörer ab.
Eine tiefe, ein wenig heisere Mädchenstimme meldete sich.
»Guten Morgen, gnädige Frau … hier spricht Lona Simon!«
»Wer?« fragte Eva Horster verständnislos.
»Die Hotelsekretärin!«
»Ach so!« Eva kannte Lona Simon flüchtig vom Sehen, aber sie war ihr durchaus kein Begriff.
»Zwei Herren von der Bank sind hier«, sagte die Hotelsekretärin. »Sie möchten Sie sprechen. Es ist sehr dringend. Darf ich sie zu Ihnen schicken? Oder wollen Sie selber herüberkommen?«
»Von der Bank?« fragte Eva. »Aber von diesen Dingen habe ich doch keine Ahnung!«
»Es handelt sich um den Kredit, den Herr Horster aufgenommen hat. Einen Kredit von fünfhunderttausend Mark. Wenn ich die Herren richtig verstanden habe, möchten sie Ihnen einen Vorschlag wegen der Rückzahlung machen.«
Irrte sie sich, oder klang aus der Stimme des Mädchens eine Spur Schadenfreude?
Noch begriff Eva Horster nicht, um was es ging, aber eine böse Vorahnung sagte ihr, daß die eigentlichen Schwierigkeiten jetzt erst begannen.
»Ich komme«, erklärte sie kurz.
Sie hatte den Hörer kaum aufgelegt, als ihr klar wurde, daß sie einen Fehler gemacht hatte.
Es wäre entschieden besser gewesen, die Herren von der Bank nicht sofort, sondern erst am Nachmittag zu empfangen. Auf diese Weise hätte sie Zeit gewonnen, sich über die finanzielle Lage des Hotels zu orientieren. Es mußte Verträge geben, Abmachungen, eine Korrespondenz, aus der sämtliche Tatsachen hervorgingen. So aber hatte sie sich selber in die Lage gebracht, völlig unvorbereitet in dieses wichtige Gespräch zu gehen. Sie ärgerte sich, daß sie sich so hatte überrumpeln lassen.
Einen Augenblick überlegte sie, ob sie nicht doch noch zurückrufen und versuchen sollte, den Termin des Gesprächs zu verschieben. Aber damit hätte sie ihre Schwäche bekannt und sich eine Blöße gegeben. Außerdem war sie durch die Andeutungen, die Lona Simon gemacht hatte, so beunruhigt, daß sie es schwer ertragen hätte, noch länger zu warten. Sie wollte der Wahrheit jetzt auf den Grund gehen.
Sehr nachdenklich und betroffen ging sie nach oben und zog sich an. Es schien ihr bedeutsam, das richtige Kleid für diese Gelegenheit zu wählen. Sie wollte die Herren von der Bank beeindrucken, und sie wußte auch, daß die richtige Aufmachung ihr eigenes Selbstbewußtsein heben würde.
Sie war nahe daran, ihr schwarzes französisches Kostüm zu wählen, aber sie verwarf diesen Gedanken dann doch, weil man es für Trauerkleidung hätte halten können. Endlich entschied sie sich für ein taubenblaues Kostüm und eine weiße Spitzenbluse. Sehr sorgfältig machte sie ihr Gesicht zurecht, bürstete ihr rotblondes, leicht gelocktes Haar bis es schimmerte. Aber immer noch war sie mit ihrem Aussehen unzufrieden. Sie hätte schön sein können, wenn nicht ein Zug von ängstlicher Spannung in ihrem Gesicht gewesen wäre. Sie versuchte, ihr Spiegelbild anzulächeln, aber es wurde nur eine Grimasse daraus.
Entschlossen wendete sie sich ab, lief die Treppe hinunter, verließ das Haus und ging durch den Park, an der Baustelle des Schwimmbads vorbei, auf das Hotel zu.
Sie wußte, daß eine Hintertür neben der Küche in einen langen Gang mündete, der direkt vor die Tür zum Büro führte, und die Versuchung war groß, diesen Eingang zu benutzen. Aber sie wollte sich nicht in das Hotel ihres Mannes wie ein Feigling hineinschleichen.
Die breiten Glastüren, die von der Halle in den Park führten, waren jetzt im Vorfrühling noch geschlossen. So ging sie um das Hotel herum und betrat es durch die Schwingtür, die einer der livrierten Hausdiener vor ihr aufriß.
Der Mann grüßte ehrerbietig, aber seine hellen Augen zeigten Überraschung und Neugier.
Eva Horster nickte ihm kurz zu und ging weiter. Ohne links und rechts zu sehen durchschritt sie die elegante Halle, in der es zu dieser Vormittagsstunde lebhaft zuging. Die Hausdiener hatten Gepäckstücke herunter gebracht, Gäste standen am Empfang und zahlten, andere schienen erst vor kurzem eingetroffen zu sein.
Unwillkürlich biß Eva die Zähne aufeinander. Sie hatte das unbehagliche Gefühl, angestarrt zu werden, und kam sich wie ein unbefugter Eindringling vor.
Als sie am Empfang vorbeiging, entschuldigte sich Herr Thomas bei einem Gast, den er gerade beriet, öffnete die halbhohe Teakholztür und trat auf sie zu.
»Guten Morgen, gnädige Frau!«
Sie erwiderte seinen Gruß, verhielt unwillkürlich den Schritt.
»Wie geht es Herrn Horster?« fragte Herr Thomas so leise, daß sie ihn kaum verstand.
»Danke«, antwortete sie genauso gedämpft, »er hat die Operation gut überstanden.«
»Gott sei Dank!«
Sie war schon an ihm vorbei, als sie sich noch einmal umdrehte und zurückkam.
»Ich danke Ihnen, Herr Thomas«, sagte sie und reichte ihm die Hand, »für alles. Sie waren mir eine große Hilfe … in jener Nacht.«
»Ich wünschte, daß ich mehr hätte tun können«, murmelte er.
Aber sie erkannte an dem warmen Schimmer in seinen Augen, daß er sich über ihr Lob freute.
Das Vorzimmer war leer.
Eva registrierte es mit Verwunderung. Sie blieb zögernd stehen. Aus dem Chefbüro klangen laute Stimmen, Gelächter, Gläsergeklirr. Mit einem Ruck öffnete sie die Tür. Im gleichen Augenblick wurde es totenstill.
Zwei Herren erhoben sich. Der eine war klein, flink und elastisch wie ein Kastenteufelchen, der andere war ein großer dicker schwerfälliger Mann. Lona Simon, die ihnen Gesellschaft geleistet hatte, machte eine Bewegung, als ob sie ebenfalls aufstehen wollte, blieb aber dann doch sitzen.
Mit einem Blick erkannte Eva die Situation. Eine halbvolle Flasche französischer Cognac stand auf dem Tisch, drei Gläser waren gefüllt. Lona Simon hielt eine brennende Zigarette in der Hand. Der enge Rock war ihr bis über die Knie hinauf gerutscht. Ein maisgelber, sehr knapper Pullover umspannte ihre feste Brust und hob sich vorteilhaft gegen ihre braune glatte Haut und ihr schwarzes Haar ab.
»Guten Morgen, meine Herren«, sagte Eva mit einer Sicherheit, über die sie sich selbst wunderte. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu lange warten lassen.«
»Aber keineswegs«, versicherte der Kleinere der beiden, »wir haben …«
Er stockte.
»Ich sehe schon«, sagte Eva sarkastisch, »Sie haben sich die Zeit nicht lang werden lassen!«
Sie wandte sich an die Hotelsekretärin.
»Möchten Sie mir die beiden Herren nicht vorstellen, Fräulein Simon?«
»Direktor Presser und Prokurist Klein von der Presser-Bank«, erklärte Lona Simon träge.
Eva Horster reichte den Herren nicht die Hand.
»Ich bin Frau Horster«, sagte sie, »bitte, nehmen Sie doch wieder Platz!«
Mit einem Anflug von Wohlerzogenheit warteten die beiden, bis sie sich gesetzt hatte.
»Fräulein Simon«, sagte Eva scharf, »würden Sie mir, bitte, die Unterlagen bringen!«
»Welche Unterlagen?« fragte Lona frech, ohne sich aus ihrem Sessel zu rühren.
»Die Verträge und die Korrespondenz zwischen meinem Mann und der Presser-Bank.«
Lona Simon hob die sorgfältig gezupften Augenbrauen.
»Ab wann?«
»Das wird gar nicht nötig sein, gnädige Frau«, sagte Prokurist Klein rasch, »es handelt sich um ein ganz unformelles Wechselgeschäft.«
Er bückte sich, nahm eine schwarzlederne Aktentasche auf, die, an seinen Sessel gelehnt, auf dem Boden gestanden hatte, legte sie auf seine Knie und öffnete sie.
»Wir sind gekommen, um Ihnen diese Wechsel zu präsentieren!«
Eva merkte, wie ihr Mund trocken wurde.
»Bitte, Fräulein Simon«, sagte sie gepreßt, »lassen Sie uns allein!«
»Wie Sie wünschen!«
Die Hotelsekretärin sprang auf und warf mit einer holb trotzigen, halb verächtlichen Bewegung ihre dunkle Haarmähne in den Nacken.
In dieser Sekunde sah Eva die beiden Pflaster, die sie sich über Wangenknochen und Kinn geklebt hatte – aber sie schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit und vergaß sie sofort wieder, als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte.
Direktor Presser nahm seine Zigarre aus dem Mund.
»Es sind zehn Wechsel«, sagte er, »jeder lautet über zwanzigtausend. Sie sind korrekt ausgestellt und tragen die Unterschrift Ihres Gatten.«
Prokurist Klein hatte die Wechsel wie einen Fächer ausgebreitet, den er Eva zeigte, ohne ihn aus der Hand zu lassen.
»Aber«, wandte sie ein, »die Wechsel tragen kein Fälligkeitsdatum.«
»Richtig«, erklärte Direktor Presser. »Das Datum werden wir jetzt in Ihrer Gegenwart einsetzen. Sie werden zahlen … oder wir werden sie zu Protest gehen lassen.«
Ohne es zu merken hatte Eva die Hände im Schoß verkrampft. Sie war totenblaß geworden. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, starrte sie dem Unglück entgegen, das unaufhaltsam wie eine Lawine auf sie zurollte.
»Aber … ich verstehe nicht …« stammelte sie, nur von dem einzigen Wunsch beseelt, Zeit zu gewinnen. »Wie konnte mein Mann … warum hat er denn …«
»Er brauchte Geld, um das Schwimmbad zu bauen«, erklärte Prokurist Klein nüchtern.
Eva war viel zu bestürzt, um zu merken, daß er einen raschen Blick des Einverständnisses mit Direktor Presser wechselte.
»Aber … warum ausgerechnet Wechsel! Und solche Wechsel! Hätte er nicht eine Hypothek …«
Direktor Presser schnitt ihr das Wort ab.
»Nein«, sagte er, »das Hotel ist mit Hypotheken schon überlastet. Nur durch ein Wechselgeschäft konnte er das nötige Geld auftreiben.«
»Ich verstehe nicht«, erwiderte Eva, »trotz allem, was Sie mir sagen … ich verstehe das Ganze überhaupt nicht! Vor drei Jahren, als wir heirateten, habe ich doch eine nicht unbedeutende Summe in das Hotel gesteckt …«
»Stimmt«, antwortete Direktor Presser trocken. »Mit diesem Geld sind Sie als Teilhaberin und mitverantwortliche Gesellschafterin eingestiegen.«
»Ich habe mich nie darum gekümmert«, sagte Eva schwach, »mein Vormund hat diese Verträge gemacht, ich habe nur unterschrieben. Aber dieses Geld, wo ist es denn geblieben?«
»Sie dürfen nicht denken, daß Ihr Gatte verantwortungslos oder leichtfertig gehandelt hat, gnädige Frau«, sagte Prokurist Klein rasch. »Ein Hotel zu besitzen ist heutzutage eine kostspielige und riskante Angelegenheit. Unsummen werden jährlich allein dadurch verschlungen, daß man es immer im allerbesten Zustand halten muß. Herr Horster hat mit dem Geld, das Sie in die Ehe gebracht haben, längst fällig gewordene Renovierungen durchführen lassen. Die Halle ist umgestaltet worden, die Bäder wurden neu installiert, um sie auf einen Stand zu bringen, wie sie vor allem der amerikanische Gast unbedingt erwartet.«
»Aber das Schwimmbad«, rief Eva Horster, »warum mußte er es bauen, wenn er sich das Geld nur unter solchen …« sie schluckte, »solchen Bedingungen verschaffen konnte?«
Direktor Presser zuckte die Schultern.
»Das war eine Spekulation. Wahrscheinlich plante er, die Zimmerpreise erheblich hinaufzusetzen, sobald das Becken erst fertig war. Er hätte das Haus auch dann noch voll bekommen und mindestens die Hälfte der Wechsel bis zum Herbst auslösen, die anderen verlängern lassen können. Niemand rechnet schließlich damit, daß ihm ein Unfall zustößt.«
»Ach so«, sagte Eva, »Sie sind also nur deshalb … weil mein Mann verunglückt ist … deshalb sind Sie gekommen!«
»Selbstverständlich!« sagte Direktor Presser und zog an seiner Zigarre. »Verstehen Sie uns richtig … wir sind aus Sorge um unser Geld und um das Hotel hier.«
»Mein Mann wird nicht sterben, wenn Sie das glauben«, sagte Eva verzweifelt. »Er hat die Operation gut überstanden und –«
» – wird Monate brauchen, bis er wieder auf den Beinen ist«, fiel ihr Direktor Presser ins Wort. »Sie brauchen uns nichts vorzumachen, gnädige Frau, wir sind orientiert. Wir haben unsere Späher.«
Eva schwieg; sie fühlte die Blicke der beiden Männer auf sich gerichtet.
»Und wenn ich die Wechsel nun auslöse?« sagte sie endlich.
»Das können Sie nicht.«
»Was werden Sie also tun?«
»Gnädige Frau«, sagte der Prokurist, »ich fürchte, dies Gespräch ist ganz schief gelaufen. Wir wollen Sie ja weder bedrohen noch bedrängen, nicht wahr, Hugo?«
Zum erstenmal nannte er seinen Vorgesetzten beim Vornamen, und der nickte so heftig, daß die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fiel.
»Wir sind gekommen, um Ihnen einen sehr kulanten Vorschlag zu machen. Die Lage ist doch folgende: Ihr Gatte fällt die ganze Saison über arbeitsmäßig aus, Sie selber verstehen nichts vom Geschäft … das soll kein Vorwurf sein, sondern nur eine Feststellung. Um Sie aus dieser Klemme zu bringen … und natürlich, um unser Geld zu retten … haben wir beschlossen, das Hotel in eigener Regie zu übernehmen. Damit sind Sie aus jeder Verantwortung heraus.«
»Natürlich hat das Hotel mit dem Grundstück einen Wert, der nicht vollständig von den Hypotheken und den Wechseln abgedeckt ist«, sagte det Dicke. »Sobald wir eine Bestandsaufnahme gemacht haben, werden wir sehen, was Ihnen bleibt. Sie bekommen das Geld entweder ausbezahlt und können eine kleine Pension damit beginnen …«
»… oder«, ergänzte der Prokurist, »Sie lassen es im Hotel stehen und bekommen monatlich Zinsen und Dividenden ausbezahlt, bestimmt soviel, daß Sie mit den Kindern sorglos davon leben können …«
»Wenn Sie Wert darauf legen«, sagte der Dicke, »werden wir in dem Kaufvertrag ausdrücklich festlegen, daß Ihr Gatte weiter als Geschäftsführer arbeitet, sobald er wieder ganz in Ordnung ist …«
Sie sahen Eva Horster erwartungsvoll an.
»Und wenn ich nicht einwillige?« fragte sie.
»Dann müssen Sie die Wechsel einlösen … oder wir lassen sie zu Protest gehen«, erklärte der Prokurist.
»Sag doch so was nicht«, widersprach Direktor Presser mit gespielter Gutmütigkeit, »dazu wird es die gnädige Frau doch nicht kommen lassen … das würde ja bedeuten, daß das Hotel versteigert wird, und was dabei heraus kommt … o Gott!«
»Danke«, sagte Eva und stand auf, »ich danke Ihnen, meine Herren, daß Sie sofort zu mir gekommen sind!«
Die beiden wechselten einen erstaunten Blick.
»Soll das heißen …?« fragte Prokurist Klein.
»Ja. Bevor ich in dieser Angelegenheit irgend etwas entscheiden kann, muß ich Rücksprache mit meinem Mann nehmen.«
»Aber warum wollen Sie Ihren Gatten mit diesen Dingen beunruhigen?« fragte der Dicke. »Aus Ihrem Gesellschaftervertrag geht klipp und klar hervor, daß Sie allein genau so zeichnungsberechtigt sind wie Ihr Mann!«
»Das glaube ich Ihnen«, sagte Eva gefaßt, »aber ich möchte trotzdem …«
»Setz die Daten ein, Fritz«, sagte der Dicke, »los, setz die Daten ein …«
Der Prokurist warf Eva einen Blick zu, mit dem er wohl andeuten wollte, wie sehr er selber diesen Ausgang des Gesprächs bedauerte, der aber auf sie wie die reinste Heuchelei wirkte. Dann öffnete er seine Mappe, zog die Wechsel wieder heraus und begann flink zu schreiben.
»Das bedeutet für Sie«, sagte der Dicke kalt, »daß Sie das Geld innerhalb von drei Tagen bezahlen müssen. Aber wir sind keine Unmenschen. Sollten Sie zu der Einsicht kommen, daß es so nicht geht … unser Angebot bleibt für Sie offen.«
Schweigend öffnete Eva die Tür und ließ die beiden Herren hinaus.
Genau zehn Minuten hielt Lona Simon es aus. Dann konnte sie ihre Neugier nicht länger bezwingen. Sie klopfte sacht an die Tür des Chefbüros und trat ein.
Eva Horster saß hinter dem schweren antiken Schreibtisch ihres Mannes, eine zarte, verloren wirkende Gestalt.
Aber Lona Simon empfand kein Mitleid, sondern nur ein Gefühl des Triumphes, das sie nicht unterdrücken konnte, obwohl sie wußte, wie töricht es war. Der Niedergang des Grandhotels Horster würde auch für sie das Ende seiner sorglosen Zeit bedeuten, den Verlust eines reichen und großzügigen Geliebten.
Wir sitzen im gleichen Boot, dachte sie, ich muß mich zusammennehmen! – Laut sagte sie: »Darf ich aufräumen?«
Eva hatte ihr nicht einmal das Gesicht zugewandt.
»Ja, bitte«, sagte sie gedankenabwesend.
Die Hotelsekretärin stellte die Cognacflasche an ihren Platz in den Wandschrank, trug Gläser und Aschenbecher in den anliegenden Waschraum, leerte und reinigte sie, räumte sie fort.
Dann trat sie dicht vor den Schreibtisch.
»Brauchen Sie mich noch?«
»Nein«, sagte Eva in dem gleichen gedankenverlorenen Ton.
Aber Lona Simon ging nicht. So einfach konnte sie nicht gehen.
»Ich fürchte, Sie haben die Sache ganz falsch angepackt«, sagte sie.
Jetzt endlich wandte Eva ihr den Blick zu, einen so völlig verstörten und verzweifelten Blick, daß er jeden anderen bestimmt tief gerührt hätte.
»Was soll das heißen?« fragte sie.
»Sie hätten den Herren um den Bart gehen müssen«, erklärte die Hotelsekretärin. »Solchen Leuten muß man schmeicheln. Sie waren in bester Stimmung, bis Sie hereinkamen … aber dann war es natürlich aus.«
Eva entging nicht die Unverschämtheit dieser Belehrung, aber sie brachte im Augenblick nicht die Kraft auf, das Mädchen zurechtzuweisen.
»Was ist dieser Direktor Presser für ein Mann?« fragte sie.
»Ein Halsabschneider«, erklärte Lona unumwunden. »Er hat sein Vermögen mit dunklen Geschäften gemacht, immer hart am Rande der Gesetze. Er ist ein Typ, der über Leichen geht … und sein Kumpan, der agile Fritz Klein, ist nicht um einen Deut besser.«
»Warum«, fragte Eva, »hat mein Mann ausgerechnet mit solchen Leuten Geschäfte gemacht?«
Lona Simon lachte auf.
»Das ist eine Frage! Weil er nirgendwo anders das nötige Kleingeld bekommen konnte. Aber ihm machte das nichts aus. Er konnte mit denen umspringen … das hätten Sie sehen sollen … ihm gegenüber hätten sie niemals gewagt so aufzutreten.«
Unaufgefordert zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich.
»Solche Typen«, sagte sie, »leiden unter scheußlichen Minderwertigkeitskomplexen. Sie wissen ja selber sehr gut, daß sie nichts taugen und daß kein anständiger Mensch sie anerkennen wird. Trotz ihrer Millionen. Man muß ihnen bloß schmeicheln, dann kann man sie um den Finger wickeln.«
»Offensichtlich war ich nicht sehr geschickt«, gab Eva zu.
»Nein. Ganz und gar nicht«, bestätigte Lona Simon.
Eva schwieg.
»Was werden Sie jetzt tun?« fragte die Sekretärin.
»Ich weiß es noch nicht.«
»Sie können das Geld nicht anderswo auftreiben«, erklärte Lona Simon, »selbst Urban …« sie stockte und fügte rasch hinzu: »Horster wäre das nicht gelungen. Aber jetzt, wo er ausgeschaltet ist, ist es völlig aussichtslos.«
Eva hatte den kleinen Versprecher nicht einmal bemerkt.
Sie stand auf, mußte sich für eine Sekunde an der Schreibtischkante festhalten, weil sie spürte, daß ihre Knie nachgaben.
»Ich denke, Sie können die laufenden Arbeiten selbständig erledigen«, sagte sie, »ich werde jetzt zu meinem Mann fahren.«
Als Eva die Garage am Haus aufschloß, um ihren kleinen Wagen herauszuholen, kam Alice, ein gutmütiges älteres Mädchen, gerade vom Spaziergang zurück. Sie schob den Kinderwagen mit der kleinen Babsy vor sich her, und die Kleine jauchzte auf und streckte ihre Ärmchen der Mutter entgegen.
In diesem Augenblick war es Eva, als wiche ein Albdruck von ihrer Seele. Sie nahm das Kind aus dem Wagen, hob es hoch in die Luft und drückte es an ihr Herz.
Eine heiße Welle von Freude durchströmte sie. War dieses Kind, ihr Mann, ihre Liebe, ihre kleine Familie nicht viel wichtiger als alle geschäftlichen Sorgen? Was bedeutete ihr schon das Hotel? Nichts, gar nichts. Es war ja völlig bedeutungslos, ob sie es aufgeben mußten oder nicht – diese unerwartete Entwicklung der Dinge war vielleicht ein Geschenk des Himmels.
Vom Beginn ihrer Ehe an hatte das Hotel immer zwischen ihr und ihrem Mann gestanden. Jetzt begriff sie, daß er seit Jahren unter dem Druck übergroßer finanzieller Belastungen gelebt hatte. War das Hotel erst verloren, würden sie einen ganz neuen Anfang machen können. Vielleicht würden sie wirklich zusammen eine kleine Pension aufbauen, vielleicht würde sich Urban auch eine Stellung suchen müssen. Sobald er erst gesund war, würde er überall Arbeit finden – es gab ja überhaupt nur eine einzige Sache, die im Augenblick wirklich wichtig war: daß er wieder gesund wurde.
Evas Hochgefühl hielt an, bis sie das Krankenhaus betrat. Es steigerte sich noch, als der junge Dr. Krüger ihr sagte, daß der Patient eine ruhige Nacht verbracht hatte.
»Sie dürfen ihn fünf Minuten sprechen«, mahnte er, »länger nicht. Daß ihm jede Aufregung schaden würde, brauche ich Ihnen wohl nicht ausdrücklich zu sagen.«
»Natürlich nicht«, sagte Eva rasch und begriff selber nicht, wie sie auch nur für eine Sekunde die Idee hätte erwägen können, mit dem Schwerkranken über die Zukunft des Hotels zu sprechen.
»Leider sieht es so aus, als ob seine Wirbelsäule tatsächlich auch etwas abbekommen hätte«, berichtete Dr. Krüger. »Aber das besagt nicht, daß das Rückenmark geschädigt ist. Außerdem … Professor Meyer ist eine Kapazität auf diesem Gebiet. Wenn alles gut geht, werden wir den Patienten in etwa einer Woche nach Freiburg überführen lassen können und der Professor wird ihn schon wieder auf die Beine bringen.«
»Wichtig ist nur, daß er lebt und wieder zu uns zurückkommt«, sagte Eva mit fester Stimme, »und wenn er sein ganzes Leben im Rollstuhl sitzen müßte …«
Der junge Arzt sah sie an, Bewunderung und Mitleid im Blick. Er hätte einiges darauf sagen können, denn er wußte, was für eine furchtbare Belastung ein gelähmter Mensch für sich selber und seine Familie bedeuten kann. Aber er zog es vor zu schweigen.
»Wichtig ist nur, daß man beisammen ist«, sagte Eva.
»Sie haben sicher recht«, bestätigte Dr. Krüger, aber es klang nicht sehr überzeugt.
Er öffnete die Krankenzimmertür und trat hinter ihr ein.
»Hallo, Herr Horster«, sagte er fröhlich, »Sie haben Besuch! Ich bringe Ihnen Ihre Frau!«
Urbans Kopf war noch völlig eingebunden, auch die Augen waren von dicken Verbänden bedeckt. Bei den Worten des Arztes bewegte er stumm die Lippen und die linke Hand.
Eva war mit zwei Schritten bei ihm, ergriff seine Hand und zog sie an die Lippen.
»Urban«, sagte sie, »Geliebter …«
»Eva«, murmelte er schwach.
»Der Herr Doktor sagt, er ist sehr zufrieden mit dir«, erzählte Eva.
»Das stimmt«, bestätigte Dr. Krüger, »in zwei Tagen kommt der Augenverband herunter. Dann wird auch die Schwellung zurückgegangen sein, und Sie können wieder sehen.«
»Belügt ihr mich auch nicht?«
»Aber nein«, sagte Eva rasch, »was sollte das denn für einen Zweck haben? Professor Meyer hat mir auch gesagt, daß du wieder sehen wirst.«
»Ich … was ist mit meinen Beinen los? Ich kann sie … gar nicht … bewegen!«
Eva warf einen hilfeflehenden Blick zu Dr. Krüger.
»Das hängt mit Ihrer Kopfverletzung zusammen«, erklärte der Arzt, »das ist eine Nachwirkung des Schocks. Aber auch das werden wir wieder in Ordnung bringen.«
»Ich habe Angst …« sagte Urban Horster kaum hörbar.
»Aber das brauchst du nicht, wirklich nicht«, versicherte Eva mit fester Stimme. »Du bist in guten Händen … in den allerbesten, glaube mir.«
»Ich habe Angst, daß ich … ein Krüppel bleiben werde!«
»Nein. Das ist nicht wahr. An so etwas darfst du gar nicht denken! Die Ärzte sind sicher, daß du wieder gesund werden wirst, und ich bin es auch!«
»Hätte ich doch nur nicht …«
Dr. Krüger machte Eva über den Kopf des Patienten ein Zeichen, und sie verstand sofort.
»Den Kindern geht es gut«, sagte sie munter, »allen dreien. Ich habe ihnen natürlich nichts von deinem Unfall erzählt, um sie nicht zu beunruhigen. Sie wissen nur, daß du verreist bist. Wenn es dir wieder besser geht, werde ich sie mitbringen.«
»Das Hotel«, sagte Urban Horster, »du mußt dich um das Hotel kümmern.«
»Natürlich«, versprach sie, »das werde ich auch.«
Sie zwang sich zu einem kleinen Lachen.
»Du weißt, ich bin gar nicht so dumm, wie ich aussehe … und du hast tüchtige Mitarbeiter. Die paar Wochen, die du noch im Krankenhaus bleiben mußt, werden wir schon allein fertig werden.«
»Die Presser-Bank …«
Sie fiel ihm ins Wort.
»Ich weiß Bescheid. Es ist alles in Ordnung. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen.«
»Du darfst dir das Hotel nicht abknöpfen lassen, hörst du? Du darfst nicht …«
Urban Horster machte eine vergebliche Anstrengung, sich aufzurichten.
»Aber nein«, versicherte Eva hastig, »natürlich nicht! Die Herren waren sehr verständnisvoll. Sie … sie haben mir versprochen, mit ihren Forderungen bis zum Herbst zu warten!«
»Jetzt aber Schluß!« erklärte Dr. Krüger energisch. »Hör sich einer so etwas an! Gestern schon mit einem Fuß im Himmel, und heute wieder mitten drin in den Geschäften. Sie haben eine sehr tüchtige kleine Frau, Herr Horster, sie wird schon ohne Sie fertig werden. Wir Männer sind absolut nicht so unentbehrlich, wie wir gern glauben.«
Er nickte Eva zu.
»Sagen Sie Ihrem Gatten rasch Lebewohl! Wenn er ein braver Junge ist, dürfen Sie morgen wieder kommen!«
Eva drückte noch einmal die kraftlose Hand ihres Mannes und gab ihm einen zarten Kuß auf die spröden Lippen. Dann stand sie auf und verließ, von Dr. Krüger begleitet, das Zimmer.
Auf dem Gang blieb sie stehen.
»Herr Doktor«, sagte sie, »ich werde morgen und übermorgen wahrscheinlich nicht kommen können …«
Zu ihrer Erleichterung stellte er keine Fragen.
»Das macht gar nichts. Besuche tun den Patienten nur halb so gut, wie die meisten Angehörigen glauben. Wir werden ihm einfach sagen, daß Sie die nächsten Tage nicht kommen dürfen, weil er sich zu sehr für seine Geschäfte interessiert. Das wird ihm wahrscheinlich eine Lehre sein.«
»Ja«, sagte Eva, »ja! Ich danke Ihnen, Herr Doktor!«
Sie reichte ihm die Hand, und er hielt sie länger fest, als nötig gewesen wäre.
»Haben Sie Sorgen?« fragte er.
Sie hob mit einer stolzen, entschlossenen Bewegung den Kopf.
»Ich werde damit fertig werden!«
Eva hatte begriffen, daß es für sie nur einen einzigen Weg gab, wenn sie das Leben ihres Mannes und ihre Liebe retten wollte: Sie mußte das Geld auftreiben, um die Wechsel einzulösen.
All ihre Vorstellungen von einem kleinen privaten Glück waren Illusionen gewesen. Seit drei Generationen war das Grandhotel Horster im Besitz der Familie. Seinen Verlust hätte Urban Horster nur schwer überlebt, bestimmt aber hätte er ihn ihr nie verziehen. Sie mußte das Werk seiner Väter für ihn erhalten, um jeden Preis.
Es gab einen einzigen Menschen, an den sie sich um Hilfe wenden konnte: den Rechtsanwalt Konrad Kilius, ihren Jugendfreund. Er hatte sie sehr geliebt, und bevor Urban Horster in ihr Leben getreten war, hatte sie selbst geglaubt, einmal seine Frau zu werden. Ihre Absage hatte ihn schwer getroffen. Sie wußte, wie sehr sie ihm damals weh getan hatte, und niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, wieder eine Verbindung mit ihm aufzunehmen oder ihn gar um Hilfe zu bitten, wenn sie nicht in diese äußerste Notlage geraten wäre.
Selbst wenn ihr Vormund noch gelebt hätte, würde sie sich eher an diesen starrköpfigen alten Herrn gewandt haben, als an den Freund aus vergangenen Tagen. Auch das wäre ein Weg nach Canossa gewesen, aber sie hätte ihn nicht als so demütigend empfunden.
Evas Vormund hatte Urban Horster von Anfang an abgelehnt, hatte ihn für einen bedenkenlosen Mitgiftjäger gehalten, und erst als Eva mündig war und selber über ihr Leben und das ererbte Vermögen ihrer Eltern bestimmen konnte, hatte er endlich nachgegeben. Aber es war nie mehr zu einer Versöhnung gekommen.
Jetzt, da Eva begriff, wie sehr ihr Mann Geld gebraucht hatte, erfüllte es ihr Herz mit doppeltem Stolz, daß er ihr niemals geraten hatte, den Vormund auszusöhnen. Dabei wäre es dem reichen alten Mann ein leichtes gewesen, ihnen zu helfen, wenn er nur wollte. Er hätte sie auch bestimmt in seinem Testament bedacht, wenn nicht – aber es war unsinnig, sich jetzt noch Gedanken darüber zu machen. Der Vormund war vor einem halben Jahr gestorben.
Es blieb nur noch ein einziger Mensch: Konrad Kilius.
Eva kehrte nicht in ihr Haus zurück, weil sie fürchtete, dort der Kinder wegen vielleicht nicht ungestört sprechen zu können. Sie fuhr vor dem Hotel vor, gab einem der Hausdiener die Autoschlüssel und bat ihn, den Wagen zur nächsten Tankstelle zu bringen, fahrbereit machen zu lassen und ihn vor ihr Haus zu stellen.
Dann durchschritt sie – diesmal ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob man sie beobachtete oder nicht – die Hotelhalle und trat in das Chefbüro. Sie setzte sich hinter den Schreibtisch ihres Mannes, nahm den Hörer des Haustelefons ab, wählte die Nummer des Vorzimmers.
Die Hotelsekretärin meldete sich.
»Bitte, Fräulein Simon«, sagte sie, »verbinden Sie mich mit Rechtsanwalt Konrad Kilius in München … nein, die Nummer habe ich nicht, Sie müssen sie selber feststellen. Ich warte.«
Sie zündete sich eine Zigarette an und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war zwei Uhr vorbei. Gegessen hatte sie heute mittag noch nichts, aber sie spürte auch nicht den leisesten Appetit. Sie brauchte nur schnell ein paar Sachen zusammenzupacken und ins Auto zu legen. In gut vier Stunden konnte sie in München sein.
Das Telefon klingelte. Sie nahm den Hörer ab.
Als sie die Stimme von Konrad Kilius hörte – eine sehr männliche gepflegte Stimme, deren Klang sie fast vergessen hatte und die doch nach all den Jahren so vertraut war, als ob sie sie erst gestern zuletzt gehört hätte – gab es ihr einen kleinen Schlag aufs Herz.
»Hallo«, sagte er ungeduldig, und noch einmal: »Hallo …«
Endlich fand sie die Kraft zu antworten.
»Hier spricht Eva«, sagte sie mühsam.
»Eva!« rief er – und das Glück in seiner Stimme trieb ihr das Blut in die Wangen.
»Eva … du?«
»Ja, ich«, antwortete sie und wußte nicht recht, was sie nun sagen sollte.
»Bist du in Schwierigkeiten?«
»Ja …«
Sie räusperte sich, um ihre Stimme frei zu bekommen.
»Ich bin in großen Schwierigkeiten, Konrad. Du bist der einzige Mensch, der mir helfen kann … vielleicht!«
»Was ist? Sprich deutlicher!«
»Nicht jetzt, nicht am Telefon. Ich komme zu dir.«
»Bist du in München?«
»Nein, ich bin noch in Baden-Baden. Aber wenn Du Zeit für mich hast … ich kann nach sechs Uhr bei dir sein.«
»Hast du überhaupt meine neue Adresse? Ich wohne München-Bogenhausen, Holbeinstraße 21 …«
»Ich werde es schon finden. Bis nachher dann!«
»Fahr vorsichtig!« hörte sie ihn noch sagen, als sie schon im Begriff war aufzulegen.
Typisch Konrad, dachte sie, immer war er so besorgt um mich, immer zärtlich, voll Rücksichtnahme. Der ideale Ehemann. Nur daß ich ihn nicht geliebt habe und niemals lieben werde. Mein Gott, warum ist das Leben nur so kompliziert!
Eilig drückte sie ihre Zigarette aus, stand auf und trat ins Vorzimmer.
Lona Simon sah ihr erwartungsvoll entgegen.
»Ich habe das Gespräch bekommen«, sagte Eva, »danke. Bitte, bestellen Sie mir jetzt sofort ein Einzelzimmer im Königshof in München. Mit Bad. Ich bin wahrscheinlich morgen abend wieder zurück, spätestens übermorgen. Wenn etwas Wichtiges sein sollte, können Sie mich im Königshof erreichen.«
Sie ging, ohne eine Antwort abzuwarten.
4
Rechtsanwalt Konrad Kilius bewohnte ein schönes altes Haus in München-Bogenhausen. Kanzlei und Wohnung lagen auf dem gleichen Stock. Obwohl in der Kanzlei, wie Eva von unten gesehen hatte, noch Licht war, entschloß sie sich, am Privateingang zu klingeln.
Die Tür wurde so rasch geöffnet, als ob Konrad Kilius nur auf ihre Ankunft gewartet hätte, und dann stand er ihr gegenüber, ein schlanker blonder Mann mit leicht gebeugten Schultern, in dessen klugem schmalem Gesicht reine Freude leuchtete.
»Eva, mein Liebling«, sagte er und zog sie in seine Arme.
Das Gefühl der Erleichterung und des Geborgenseins war so groß, daß sie es sich widerstandslos gefallen ließ. Während er sie fest umschlungen hielt und sanft hin und her wiegte wie ein unglückliches Kind, spürte sie plötzlich, wie ihre mühsam erzwungene Haltung zerbrach. Hilflos begann sie zu weinen, heiße, erlösende Tränen.
»Weine nur«, sagte er, »weine, mein Liebling … wein dich nur aus! Es wird ja alles wieder gut!«
Endlich, nach langen Minuten, gewann sie ihre Fassung zurück. Sie löste sich aus seiner Umarmung, zog ein Batisttüchlein aus ihrer Handtasche und wischte sich die Tränen ab.
»Ich bin ja so dumm«, sagte sie, »bitte, verzeih mir … ich weiß ja selbst gar nicht, warum ich mich so dumm benommen habe.«
»Niemand braucht sich echter Tränen zu schämen«, sagte er zärtlich.
Er schob seine Hand unter ihren Ellbogen, führte sie in sein Wohnzimmer, einen großen, gemütlich eingerichteten Raum, dessen breites Fenster den Blick in den Garten freigab. Aber draußen hatte es bereits zu dunkeln begonnen. Er zog den blauen Samtvorhang zu.
Das Licht in der Stehlampe brannte.
Er drückte sie in einen der lederbezogenen Sessel, nahm ihr gegenüber Platz, so nahe, daß er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sie zu berühren. Er legte seine Hand auf ihre kalten nervösen Finger, die das feuchte Tüchlein zusammendrehten.
»Nun sag mir erst einmal, was los ist, ja? Nein, sag mir gar nichts, laß mich raten. Dein Mann hat dich betrogen, das war das Ende all deiner Träume! Und jetzt bist du hier … laß’ mich doch erst ausreden … damit ich die Scheidungsklage für dich einreiche!«
»Nein«, sagte sie erstaunt, »wie kommst du auf so etwas? Das ist es gar nicht … ach, wenn es nur das wäre! Urban ist schwer verunglückt, und heute morgen … eine Bank hat mir Wechsel über fünfhunderttausend Mark präsentiert. Ich muß das Geld aufbringen oder … wir verlieren das Hotel!«
Er zog seine Hand zurück.
»Und deshalb kommst du zu mir?«
»Ja, Konrad, glaub nicht, daß es mir leicht gefallen ist. Aber … es gibt sonst niemanden, der mir helfen könnte … der mir helfen würde. Ich brauche dieses Geld und …«
Sie sah ihn aus verzweiflungsvoll flehenden Augen an.
»… ich bin bereit, jeden Preis dafür zu zahlen! Verstehst du? Jeden!«
Es hatte sie unendliche Überwindung gekostet, diese Worte auszusprechen. Jetzt schlug sie die Augen nieder, sie wagte es nicht, Konrad Kilius anzusehen.
Er war aufgesprungen, begann mit großen Schritten im Raum auf und ab zu gehen, trat endlich an das Fenster, schob den Vorhang zurück und starrte in die Dämmerung hinaus.
Das Schweigen wurde unerträglich.
Sie fühlte, wie er sich qäulte, aber seine Qual berührte sie nicht. Ihr Herz war bei ihrem Mann, dessen Leid ihr unsagbar größer erschien. Sie dachte nur an Urban, an ihre Ehe, an die Verantwortung, die sie auf sich genommen hatte.
Sie stand auf, ging auf Konrad Kilius zu, legte zart ihre Hand auf seine Schulter.
»Bitte, Konrad«, sagte sie, »bitte!«
Er wandte sich ihr zu, und in seinen hellen Augen brannte eine solche Leidenschaft, daß sie unwillkürlich vor ihm zurückwich.
Eine Sekunde lang glaubte sie, daß er sich auf sie stürzen, sie in die Arme reißen würde. Aber er tat es nicht.
»Nein«, sagte er gepreßt, »nein, Eva. Was du von mir forderst, ist unmöglich! Es ist furchtbar!«
»Aber …«
»Du spekulierst mit meiner Liebe. Ich kann dir das nicht übelnehmen, denn ich begreife, um was es dir geht. Aber die Rechnung geht nicht auf. Ich liebe dich, ja, ich liebe dich … mehr als mein Leben. Ich will dich nicht für wenige verzweifelte Stunden besitzen, nicht für eine Nacht oder zwei, nein, fürs ganze Leben. Ich habe seit damals auf dich gewartet, als du dich für den anderen entschiedst. Vielleicht war es falsch, einfach zu warten, vielleicht hätte ich kämpfen sollen …«
»Nein«, sagte sie, »nein, Konrad. Das hätte keinen Sinn gehabt!«
»Ich weiß…«
Sie holte tief Atem.
»Und das Geld«, sagte sie, »du könntest es mir nicht geben? Auch ohne …«
Sie brach ab, unfähig, weiterzusprechen.
»Ich könnte dieses Haus verkaufen«, sagte er, »es gehört mir. Aber ich würde mehr damit verlieren als nur das Haus. Ein solcher Schritt würde mich um Jahre zurückwerfen, ich würde einen Teil meiner Klienten verlieren …«
Er ging zum Tisch, nahm seine Pfeife, klopfte sie hart gegen die Aschenschale aus.
»Aber ich täte es für dich, wenn du … für immer zu mir kämst.«
»Auch ohne Liebe?«
»Ja. Es würde mir genügen, wenn du hier bei mir wärest … zu wissen, daß du meine Frau bist. Alles andere …« Er zuckte die Schultern.
»Ich gehöre zu Urban!«
Er nahm Tabak aus einem ledernen Beutel und begann sorgsam seine Pfeife zu stopfen. Sie sah, daß seine Finger zitterten, aber sie empfand kein Mitleid. Nicht einmal ein Schuldgefühl. Er war nicht mehr der Freund, er war der Gegner, mit dem es zu kämpfen galt.
»Du brauchtest nur eine Hypothek aufzunehmen«, sagte sie.
Er ließ die Pfeife sinken und sah sie an.
»Nein, das werde ich nicht tun. Ich liebe dich, Eva, aber ich bin kein Narr. Ich denke nicht daran, mich für die Frau eines anderen zu ruinieren.«
Er setzte seine Pfeife in Brand.
»Es tut mir leid, daß ich dich enttäuschen muß«, sagte er, »und ich würde es dir keineswegs übelnehmen, wenn du jetzt gingst.«
Es gab nichts, was sie in diesem Augenblick lieber getan hätte. Sich wortlos umzudrehen, diesen Mann, auf den sie alle Hoffnungen gesetzt hatte, zu verlassen, wäre eine ungeheure Erleichterung für sie gewesen. Aber es ging nicht um ihren verletzten Stolz, es ging nur um das Ziel, das sie sich gesetzt hatte.
»Du hast sehr viel erreicht, seit wir uns zuletzt gesehen haben«, sagte sie beherrscht, »du scheinst sehr gut zu verdienen. Sicher hast du dich nicht nur mit Strafsachen befaßt …«
»Fast gar nicht«, gab er zu, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen.
»Also mußt du reiche Klienten haben. Wenn du nur wolltest, würdest du bestimmt jemanden für meine Sorgen interessieren können.«
Er sah sie kopfschüttelnd an.
»Eva, Eva, was hat diese Ehe aus dir gemacht!«
»Nicht die Ehe, sondern die Not«, sagte sie.
Sie ließ sich wieder in einen Sessel sinken.
»Denk nach. Du kannst das Geld auftreiben, ich weiß es. Natürlich würde ich die entsprechenden Zinsen zahlen.«
Er schwang sich auf die Lehne eines Sessels, der ihr schräg gegenüber stand.
»Wann brauchst du es?« fragte er.
Er sprach jetzt genauso sachlich wie sie.
»Bis übermorgen.«
»Das wird kaum zu machen sein.«
»Es ist nicht einfach, ich weiß, aber es muß gehen. Schließlich kann ich Sicherheiten bieten. Natürlich lasten Hypotheken auf dem Hotel, aber dieser Bankmensch hat mir selber gesagt … der Wert des Hotels und des Grundbesitzes geht weit über die Hypotheken und die Wechselbelastungen hinaus.«
»Dann begreife ich nicht, warum du nicht einfach diese Bank bittest, die Wechsel zu verlängern.«
»Glaubst du denn, ich hätte das nicht versucht? Aber sie wollen nicht. Weil mein Mann schwer verletzt ist und es Monate dauern wird, ehe er die Leitung des Hotels wieder übernehmen kann.«
Sie strich sich mit einer müden Bewegung eine Locke ihre rotblonden Haares aus der Stirn.
»Zu mir haben sie kein Vertrauen.«
»Wahrscheinlich zu Recht«, kommentierte er trocken. »Oder verstehst du etwas vom Hotelwesen? Hast du in den letzten Jahren mit deinem Mann zusammen gearbeitet?«
»Es gibt nichts, was man nicht lernen könnte.«
»Sicher nicht. Aber man braucht einige Zeit dazu, und gewöhnlich fängt man von unten an und übernimmt nicht gleich die Führung.«
»Ich weiß, daß ich es kann«, sagte sie entschieden. »Ich werde es können, weil ich muß.«
»Eva«, sagte er, »nimm doch Vernunft an! Du hast dich da in eine Idee hineingesteigert, die einfach undurchführbar ist. Du ahnst nicht, wie schnell ein Hotel heruntergewirtschaftet ist … die Bankleute wissen das, deshalb fürchten sie um ihr Geld.«
»Sie haben kein Vertrauen zu mir … du solltest mich aber besser kennen!«
»Ich liebe dich, deshalb kann ich dich nicht richtig beurteilen. Vielleicht sehe ich dich sogar völlig falsch. Aber darum geht es ja gar nicht. Eva, warum überläßt du diesen Leuten nicht das Hotel? Ich halte das für die absolut vernünftigste Lösung. Wenn du dich dazu entschließen könntest, würde ich mit dir kommen und einen entsprechenden Vertrag aufstellen. Ich würde für dich herausholen, was eben herauszuholen ist … ich verstehe mich auf solche Sachen. Du wirst nicht behaupten, daß dein Herz so an diesem alten Kasten hängt.«
»Es ist kein … ach, du verstehst mich überhaupt nicht. Urban würde mir nie verzeihen, niemals, wenn ich jetzt versage. Stell dir vor, er wäre genesen und käme zurück und müßte erfahren, daß ich sein Hotel, sein Lebenswerk, verschleudert habe. Das wäre das Ende unserer Ehe.«
Mit halb geschlossenen Augen beobachtete er sie nachdenklich durch den Qualm seiner Pfeife.
»Bildest du dir das nicht nur ein?«
»Nein. Ich bin ganz sicher. Das Hotel … es bedeutet Urban alles.«
»Mehr als du?«
»Ja«, sagte sie tonlos.
Er legte die Pfeife auf den Rand des Aschenbechers und richtete sich auf.
»Wenn das so ist«, sagte er langsam, »sehe ich vielleicht doch eine Lösung. Ich werde dich mit einem Geschäftsmann zusammenbringen, wenn du mir versprichst …«
»Alles!« sagte sie heftig.
»… zu mir zu kommen, falls du es nicht schaffst. Für immer.«
»Das wird nicht geschehen.«
»Aber wenn …«
»Dann hat mein Leben ohnehin keinen Wert mehr. Ich verspreche dir … dann werde ich zu dir kommen.«
»Eine deiner liebenswertesten Eigenschaften«, sagte er mit einem hintergründigen Lächeln, »ist deine entwaffnende Ehrlichkeit. Aber das macht nichts. Für mich wird dein Leben immer wertvoll sein. Du versprichst mir also, falls es schiefgeht, dich scheiden zu lassen? Und meine Frau zu werden?«
»Ja«, sagte sie. »Ja!«
Aber in ihrem Herzen wir sie davon überzeugt, daß es niemals dazu kommen würde.
Lona Simon, die Hotelsekretärin, war Urban Horster direkt unterstellt gewesen. Es gab also keine Vorgesetzten, den sie, da der Hotelier verunglückt, seine Frau verreist war, um Erlaubnis hätte bitten müssen, das Hotel für ein paar Stunden zu verlassen. Wenn sie es trotzdem tat, so hatte sie dazu einen guten Grund.
Sie paßte den Moment ab, da Herr Thomas, der Empfangschef, in dem Speiseraum des Personals sein Mittagessen einahm, und trat zu ihm an den Ecktisch.
»Herr Thomas«, sagte sie mit einem Lächeln, das ihre kleinen weißen Zähne entblößte, »ich hoffe, Sie werden nichts dagegen haben, wenn ich heute nachmittag für ein paar Stunden verschwinde.«
Er sah erstaunt zu ihr auf.
»Darüber habe ich nicht zu bestimmen«, sagte er.
»Nicht? Ich dachte. Frau Horster hätte Sie gebeten, den Chef zu vertreten.«
»Das hat sie nicht.«
»Komisch«, sagte Lona Simon.
Da Herr Thomas sie nicht aufforderte, sich zu setzen, zog sie sich einfach einen Stuhl heran und ließ sich nieder.
Er betrachtete sie mit leichter Mißbilligung, ohne sich zu verhehlen, daß sie sehr appetitlich und reizvoll aussah in dem giftgrünen Kostüm, das mit einer großen buntkarierten Seidenschleife dekoriert war.
»Trotzdem, da Sie mich schon einmal gefragt haben, finde ich es nicht ganz richtig, wenn Sie ausgerechnet heute nachmittag fortgehen«, erklärte er. »Frau Horster kann jede Stunde zurückkommen.«
»Das wird sie nicht«, sagte Lona, »ich habe den Königshof in München angerufen. Sie bleibt noch eine Nacht.«
Lona betrachtete ihre spitz gefeilten, ziegelrot gelackten Nägel und fügte nach einer wohlberechneten Kunstpause hinzu:
»Falls sie überhaupt zurückkommt.«
Herr Thomas starrte sie an.
»Was soll das heißen?«
»Genau das, was ich gesagt habe!«
Lona zog ein Zigarettenpäckchen aus ihrer kleinen weißen Handtasche.
»Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen, wenn ich rauche?«
»Natürlich nicht.«
Herr Thomas zog sein goldenes Feuerzeug aus der Jackentasche, das er sich eigens zugelegt hatte, um auf die reichen Amerikanerinnen Eindruck zu machen, und ließ es aufschnappen. Lona beugte sich dicht an das Flämmchen heran.
»Danke«, sagte sie mit einem großen Augenaufschlag.
Herr Thomas steckte sein Feuerzeug wieder ein. Er war noch immer irritiert. Der Appetit war ihm vergangen, er schob seinen Teller von sich.
»Wie kommen Sie auf die Idee, daß Frau Horster vielleicht nicht zurückkommen könnte?«
»Liegt doch eigentlich nahe, finden Sie nicht auch?«
Sie musterte ihn mit verhaltenem Spott durch den Rauch ihrer Zigarette.
»Das kann ich wirklich nicht finden«, sagte er ärgerlich.
»Weil Sie nichts von Frauen verstehen. Ich an Frau Horsters Stelle würde mir auch sehr gut überlegen, ob es jetzt nicht der richtige Zeitpunkt wäre, abzuspringen. Das Hotel kann sie nicht halten …«
»Was?«
»Ach, Sie wußten das gar nicht? Es geht in den Besitz der Presser-Bank über. Aber Sie brauchen deshalb nicht zu erschrekken, Herr Thomas. Die Bank wird sämtliche Angestellte bestimmt mit Kußhand übernehmen.«
Lona nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette.
»Tragisch ist die Sache bloß für die Horsters.«
»Und für Sie, Fräulein Lona! Ihre Bindungen an dieses Haus gingen doch über das rein Geschäftliche ziemlich weit hinaus!«
Sie begegnete seinem Blick mit schmalen Augen.
»Stimmt«, sagte sie süß, »es tut mir aufrichtig leid um den armen Urban. Ich werde ihn übrigens nicht im Stich lassen. Wahrscheinlich wird er bald weiblichen Trost sehr gut brauchen. Wenn er erst allein dasteht.«
»Was Sie da behaupten, kommt einer Verleumdung gefährlich nahe!«
»O nein«, sagte Lona Simon und schnippte die Asche ihrer Zigarette auf den Boden, »ich sage nur, was ich weiß.«
»Was wissen Sie?«
»Seien Sie mir nicht böse«, sagte Lona sanft, »ich habe das Gefühl, ich habe schon zuviel geredet. Mein alter Fehler. Ich kann den Mund nicht halten.«
Sie machte Anstalten aufzustehen.
Er packte sie am Handgelenk und hielt sie fest.
»Hören Sie«, sagte er, »so kommen Sie mir nicht davon! Sie können mich nicht mit Ihren bösartigen Anspielungen nervös machen und dann einfach gehen!«
»Oh!« meinte sie erstaunt. »Sie sind persönlich interessiert an Frau Horster? Wenn ich das gewußt hätte …! Sie Armer, da kommen Sie entschieden zu spät.« Sie konnte sich nicht länger zurückhalten, sondern platzte heraus:
»Sie hat einen Geliebten!«
»Sind Sie wahnsinnig?«
Unwillkürlich ließ er sie los.
»Nicht im geringsten. Ich erzähle Ihnen nur, was ich weiß … und auch das nur, weil Sie mich dazu zwingen. Frau Horster ist zu ihrem Geliebten nach München gefahren.«
»Nein!«
»Doch. Und nachdem Sie das wissen, werden Sie auch die Berechtigung meiner Frage verstehen, ob sie überhaupt noch zurückkommen wird … ja, das ist das große Preisrätsel!«
Sie stand jetzt endgültig auf und drückte ihre Zigarette aus.
»Denken Sie mal darüber nach, Verehrtester! Und im übrigen, falls etwas Dringendes sein sollte … ich fahre jetzt zum Chef in die Klinik.«
Herr Thomas sprang auf.
»Sie wollen ihm doch nicht etwa sagen …?«
»Ach was, wo denken Sie hin! Ich will dem armen Mann doch nicht den Todesstoß verpassen. In seinem Zustand kann selbst eine Freudenbotschaft zuviel sein.«
Und damit verließ sie hocherhobenen Hauptes den Speiseraum, beschwingt von dem erhebenden Gefühl, einige sehr wirkungsvolle explosive Minen gelegt zu haben.
Es war gar nicht so einfach, zu Urban Horster zu gelangen, wie Lona Simon es sich vorgestellt hatte. Die Schwester bei der Anmeldung war nicht bereit, ihr die Zimmernummer zu nennen.
»Ich glaube nicht, daß der Patient überhaupt Besuch haben darf«, sagte sie, »da müssen Sie erst Herrn Doktor Krüger um Erlaubnis bitten.«
»Na schön«, gab Lona nach, »dann sagen Sie mir wenigstens, wo ich den Herrn Doktor finde!«
»Warten Sie, ich werde nach oben telefonieren.«
Es dauerte etwa zehn Minuten, bis Dr. Krüger in die kleine kühle Halle kam. Er sah Lona sofort – sie war nicht zu übersehen.
Sie saß da, die wohlgeformten Beine übereinandergeschlagen, so daß der enge Kostümrock bis über die schmalen Knie hinaufgerutscht war, und wippte mit dem einen ihrer giftgrünen Pumps. Ihr langes schwarzes Haar umgab das Gesicht wie ein dunkler, sehr wirkungsvoller Rahmen.
Donnerwetter! hätte Dr. Krüger beinahe gesagt, denn er war jung und lebenshungrig und ausgesprochen empfänglich für weibliche Reize. Er hatte es plötzlich sehr eilig, sie kennenzulernen.
»Assistenzarzt Doktor Krüger«, stellte er sich vor, »ich höre, Sie möchten Herrn Horster besuchen?«
Trotz seines bewußt sachlichen Tones entging es Lona nicht, daß sie Eindruck gemacht hatte – dafür hatte sie einen sechsten Sinn. Sie lächelte zu ihm auf und reichte ihm die Hand.
»Ja«, sagte sie, »das möchte ich. Aber diese strenge Schwester will es mir nicht erlauben. Sie scheint zu glauben, daß mein Besuch dem Patienten schaden könnte …«
»Bestimmt nicht«, sagte Dr. Krüger schmunzelnd, »jeder Mann, der Sie sieht, muß neuen Lebensmut bekommen.«
»Ich wußte, daß Sie so denken würden, Herr Doktor!«
Dr. Krüger zog sich einen Korbstuhl zu ihr heran und setzte sich.
»Trotzdem muß ich Sie etwas fragen … sind Sie mit dem Patienten verwandt? Er darf vorläufig nämlich nur den Besuch seiner engsten Angehörigen bekommen.«
»Verwandt?« wiederholte Lona gedehnt. »Nein, das ist nicht ganz zutreffend. Ich bin … seine Sekretärin.«
»Schade. Über Geschäfte zu sprechen ist dem Patienten nämlich ganz strikt verboten. Es regt ihn zu sehr auf.«
»Wer sagt Ihnen denn, daß ich mit ihm über Geschäfte sprechen wollte?«
»Nicht? Ich hatte gedacht …«
»Bitte, lassen Sie mich zu ihm, Herr Doktor, ich muß ihn sehen! Er … er sehnt sich bestimmt schon nach mir!«
»Ach so«, sagte Dr. Krüger und dachte wieder: Donnerwetter!
Eine Sekunde lang beneidete er den Patienten Urban Horster trotz seiner schweren Verletzungen heftig. So gut müßte man es auch mal haben! Eine schöne, kühle, damenhafte Frau und eine reizvolle Geliebte.
Lona beobachtete ihn verstohlen unter den gesenkten Wimpern.
»Sie dürfen nicht schlecht von mir denken, Herr Doktor!«
»Aber wie käme ich denn dazu! Ich weiß nur nicht … ich glaube, ich muß doch mit dem Professor sprechen …«
»Aber wozu denn! Fragen Sie doch einfach Herrn Horster, ob er mich sehen will! Ich bin Lona Simon. Sagen Sie ihm –«
Er fiel ihr ins Wort.
»Sie sind Lona Simon? Das hätte ich mir denken können.«
Jetzt war es an ihr, erstaunt zu sein.
»Bedeutet Ihnen mein Name irgend etwas?«
»Und ob! Der Patient hat dauernd nach Ihnen gefragt! Waren Sie etwa mit im Auto, als es passierte?«
Lona nickte. Sie legte ihre Hand auf den Arm des Arztes.
»Aber seine Frau weiß doch nichts davon … oder?«
»Nein. Wir wollten sie nicht unnötig beunruhigen.«
»Das ist sehr gut.«
Lona sprang auf. »Bitte, bringen Sie mich jetzt zu Herrn Horster. Der Ärmste! Vielleicht hat er sich sogar eingebildet, ich wäre tot!«
Lona Simon wußte, daß Urban Horster schwer verletzt war. Dennoch prallte sie unwillkürlich zurück, als sie ihn sah, und stieß gegen Dr. Krüger, der hinter ihr ins Zimmer trat.
Diese flüchtige Berührung genügt, um dem jungen Arzt das Blut ins Gesicht zu treiben. Aber ausnahmsweise interessierte sich Lona in diesem Augenblick nicht dafür, welch starken Eindruck sie auf Männer machte.
Sie sah nur Urban Horster, seine leblose, lang ausgestreckte Gestalt, den dick bandagierten Kopf und die Augen – diese armen Augen!
Man hatte ihm am Vormittag den Verband abgenommen, und er konnte wieder sehen, aber immer noch war das ganze Gebiet um die Augen herum dick verschwollen, blau und grün verfärbt, und mühsam blinzelte Urban Horster durch schmale Schlitze.
»Lona«, stammelte er, »du?«
Sie hatte ihren ersten Schreck überwunden und lief zu ihm hin, kniete sich neben sein Bett auf den Boden, nahm seine linke Hand und schmiegte ihre Wange hinein.
»Ja, ich bin’s, Urban«, stammelte sie, »ich bin’s! Ich weiß, was du gedacht haben mußt … aber ich konnte mich ja nicht mit dir in Verbindung setzen … mein Ärmster, mein Geliebter!«
Er tastete ungeschickt über ihr üppiges schwarzes Haar.
»Daß du lebst … daß du lebst, Lona! Das ist wie ein Wunder für mich!«
Sie sah zu ihm auf, die großen dunkelbraunen Augen voll Tränen.
»Es war auch ein Wunder«, sagte sie lächelnd, »ich habe gar nichts abbekommen, fast gar nichts. Nur ein paar Schrammen. Ich bin ausgestiegen und zur nächsten Tankstelle gelaufen, von dort aus habe ich die Polizei benachrichtigt!«
Plötzlich begegnete sie dem skeptischen Blick des Arztes.
»Ich wollte nicht, daß du angezeigt würdest«, fügte sie hastig hinzu, »du hast doch einmal gesagt …«
»Ja, ja, natürlich …«
Er streichelte ihr Haar, ihr Gesicht, ihren Hals.
»Und außerdem … deine Frau. Ich wollte nicht, daß sie etwas erfuhr. Mir wäre es ja gleich gewesen. Aber um deinetwillen«.
»Wo ist meine Frau?« fragte er. »Warum kommt sie nicht?«
Beinahe hätte Lona eine Andeutung gemacht, aber Dr. Krügers kühle Augen brachten sie zur Besinnung.
»Sie hat soviel mit dem Hotel zu tun, weißt du …«
»Das Hotel … was wird mit dem Hotel? Dieser Presser …«
»Mit dem Hotel ist alles in Ordnung«, sagte Dr. Krüger rasch. »Sie wissen, Sie dürfen sich deswegen keine Gedanken machen. Sie dürfen überhaupt nicht so viel denken, das ist nicht gut für Sie.«
»Ja«, stimmte Lona zu, »mach dir nur keine Sorgen. Es ist wirklich alles bestens. Mit Presser sind wir sehr gut fertig geworden.«
Es war ein Zufall, daß Lonas Behauptung mit Evas Aussage übereinstimmte. Urban Horster nahm sie als Wahrheit. Tatsächlich stand er immer noch unter dem Einfluß starker schmerzstillender Mittel und war gar nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen.
»Ich bin so froh, daß du gekommen bist«, sagte er aufatmend und schloß die Augen.
Dr. Krüger gab Lona ein Zeichen. Sie legte seine Hand sanft auf die Bettdecke zurück und erhob sich.
»Auf Wiedersehen, Liebster«, flüsterte sie und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer.
»Herr Horster macht sich dauernd Sorgen um sein Hotel«, sagte Dr. Krüger, als sie draußen auf dem Gang standen und er die Tür ins Schloß gezogen hatte.
»Mit Recht«, sagte Lona Simon, »wenn er erst wieder auf den Beinen ist, wird es dahin sein!«
Sie holte ein Spiegelchen aus ihrer Tasche und tupfte sorgsam die Tränenspuren aus ihren schönen Augen.
»Das darf er nicht erfahren«, sagte Dr. Krüger, »unter keinen Umständen.«
»Von mir bestimmt nicht«, erklärte Lona, die ihre gewohnte Keßheit schon wiedergewonnen hatte. »Diese Eröffnung werde ich gern seiner Frau überlassen.«
Sie ließ den Spiegel sinken und sah den Arzt an.
»Sie werden ihr doch nicht sagen, daß ich hier war?«
»Nein«, sagte Dr. Krüger, »trotzdem würde ich Ihnen nicht raten, allzuoft zu kommen. Der Patient schwebt immer noch in Lebensgefahr. Die kleinste Aufregung kann seinen Zustand von einer Minute auf die andere rapide verschlechtern. Und wenn es ausgerechnet hier zwischen seiner Gattin und Ihnen zu einem Zusammenstoß käme …«
»Keine Sorge«, sagte Lona, »ich bin mir gar nicht sicher, ob ich überhaupt noch einmal wiederkomme. Vielleicht werde ich sogar Baden-Baden sehr bald verlassen.«
Sie steckte sich eine Zigarette zwischen die sorgfältig nachgezogenen Lippen und ließ sich Feuer geben.
»Das kommt ganz darauf an, wie sich die Dinge für mich entwickeln …«
Der Anruf kam genau zwanzig Minuten nach zwei.
Eva Horster hatte den ganzen Tag ihr Hotelzimmer nicht eine Sekunde verlassen. Sie war ins Bad gegangen – die Verbindungstür halb geöffnet – während das Bett gerichtet und der Teppich gesaugt wurde. Sie hatte am Fenster gesessen und auf das Verkehrsgewühl am Stachus hinunter gestarrt, von dessen wechselnder Dichte sich die Tageszeiten ablesen ließen. Sie hatte sich das Essen aufs Zimmer bringen lassen – nicht, weil sie wirklich Hunger empfunden hätte, sondern nur um eine Unterbrechung in diesem endlosen zermürbenden Warten zu schaffen, und sie hatte mehr Zigaretten geraucht als sonst in einer ganzen Woche.
Doch dann, als das Telefon endlich klingelte, besaß sie im ersten Augenblick nicht die Kraft, den Hörer abzunehmen. Es hing zuviel von diesem Bescheid ab, den Rechtsanwalt Kilius ihr geben wollte – alles.
Sie zündete sich eine neue Zigarette an, tat ein paar tiefe Züge, und erst als der Apparat zum drittenmal läutete, nahm sie den Hörer ab.
»Hallo«, sagte sie mit leiser Stimme.
»Na endlich!«
Konrad Kilius sprach rasch, geschäftsmäßig, ohne eine Spur von Sentimentalität.
»In zehn Minuten bin ich bei dir und hole dich ab. Warte unten in der Halle auf mich.«
Sie tat einen tiefen Atemzug. »Hast du …?«
Aber sie kam nicht dazu, ihren Satz zu Ende zu sprechen, denn er hatte schon aufgelegt.
Aber es war auch nicht nötig, daß er länger zuhörte. Sie konnte sich ihre Frage selbst beantworten: Ja, er hatte einen Mann gefunden, der Geld Genug hatte, das Hotel zu retten – jetzt lag es nur noch an ihr, ihn davon zu überzeugen, daß er sein Geld gut anlegte.
Eva war fertig angezogen. Sie brauchte nur ihre Tasche und die Handschuhe zu nehmen und das Hotelzimmer zu verlassen. Als sie einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel warf, entdeckte sie in ihren klaren grauen Augen einen neuen, harten Glanz. Aber es blieb ihr keine Zeit über sich selbst nachzudenken und über das, was in diesen letzten Tagen mit ihr geschehen war.
Sie wartete nicht unten in der Halle, wie Konrad Kilius ihr geraten hatte, sondern trat auf die Straße hinaus. Die Sonne schien, und in der Luft lag der flimmernde Glanz eines verheißungsvollen Vorfrühlingstages.
Einen Augenblick lang stand Eva leicht geblendet von der unerwarteten Helligkeit, dann erkannte sie Konrad Kilius. Er kam mit großen Schritten, die Schultern leicht gebeugt, die Hände in den Taschen seines kurzen Trenchcoats, auf sie zu. Er lächelte, als er sie begrüßte, aber seine klugen Augen blieben ernst. Mit einer besitzergreifenden Geste schob er seine Hand unter ihren Ellenbogen.
»Ich denke, wir lassen den Wagen stehen«, sagte er, »und gehen die wenigen Schritte bis zur Sonnenstraße zu Fuß. Auf diese Weise sparen wir Zeit, und ich brauche nicht erst wieder nach einem Parkplatz zu suchen.«
Sie stellte keine Fragen, sondern versuchte sich seinem raschen Schritt anzupassen. Sie wußte, daß er jetzt von selbst reden würde.
»Der Mann heißt Georg Makulis«, sagte er, »kein sehr angenehmer Mensch, aber fünfzig Millionen schwer. Ich denke, das ist für dich das Entscheidende.«
»Ist er interessiert?«
»Ja, durchaus. Ich bin sicher, daß er dir das Geld geben wird.«
Unwillkürlich verhielt sie den Schritt.
»Konrad«, sagte sie, »ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll!«
»Gar nicht«, wehrte er ab und zog sie weiter, »ich bin keineswegs sicher, daß ich dir mit dieser Vermittlung einen Dienst erweise.«
»Aber …«
»Georg Makulis ist ein durchtriebener Mensch. Er hat in seinem ganzen Leben noch niemals etwas ohne Hintergedanken getan. Er wird versuchen, dir Sand in die Augen zu streuen, aber du darfst dich nicht verdummen lassen. Er gibt dir das Geld nur, weil er ganz sicher ist, daß du es ihm nicht zurückzahlen kannst.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Wirklich nicht? Das Hotel ist ihm nicht so wichtig, er ist scharf auf das Grundstück. Er will daraus teure, elegante Eigentumswohnungen machen. Er rechnet damit, daß du das Hotel herunterwirtschaften wirst, dann kann er das Ganze billig haben.«
»Na, dann verrechnet er sich eben.«
»Sei nicht zu sicher, Eva! Du darfst dich nicht blind in eine Gefahr begeben, deren Ausmaße du nicht erkennst, Georg Makulis hat sich noch nie verspekuliert, das ist seine große Stärke.«
»Ich habe keine Wahl«, sagte sie, »du weißt, daß ich das Geld brauche«.
»Nein. Du bildest es dir nur ein. Du hast immer noch die Möglichkeit, dich mit den Presser-Leuten zu einigen. Dann würde dir wenigstens etwas bleiben. Wenn du dich mit Makulis einläßt, wirst du alles verlieren … mit Stumpf und Stiel.«
»Warum erzählst du mir das?« fragte sie gereizt. »Dir sollte es doch eigentlich ganz recht sein …«
Darauf schwieg er. Sie wußte, daß sie ihn beleidigt hatte, aber es war ihr gleichgültig.
Georg Makulis war genau so, wie Eva sich ihn nach den Andeutungen des Rechtsanwalts vorgestellt hatte – eher noch unsympathischer. Ein schwerer Mann mit einem eckigen Kinn, einem schmalen Mund, den er beim Reden kaum öffnete, weil er seine schlechten Zähne nicht zeigen wollte, und tiefliegenden farblosen Augen.
Er empfing Eva Horster und den Anwalt mit überschwenglicher, unechter Herzlichkeit, drückte einen feuchten Kuß auf Evas Hand und schob ihr väterlich einen Sessel hin.
»Ah, da haben wir also die kleine Frau mit den großen Sorgen!« sagte er. »Ich bin froh, von Herzen froh, daß mein Freund Kilius Sie zu mir gebracht hat …«
Er schlug Konrad Kilius mit der plumpen Hand auf die Schulter.
»Mein Freund Kilius kennt mich! Er weiß, wo Hilfe not tut, da ist der alte Makulis immer bereit einzuspringen …«
Eva fiel ein, was ihr Lona Simon über die Millionäre und ihre Minderwertigkeitskomplexe gesagt hatte – diesmal stand alles auf dem Spiel, und sie wollte um keinen Preis wieder einen Fehler machen.
»Aber Sie sind doch gar nicht alt, Herr Makulis«, sagte sie lächelnd und ohne zu erröten.
Sie bemerkte den befremdeten Blick, den Konrad Kilius ihr zuwarf, aber das hinderte sie nicht daran, den reichen Mann anzustrahlen.
Georg Makulis genoß das schamlose Kompliment sichtlich.
»Also, nein, wirklich alt bin ich noch nicht, gnädige Frau«, sagte er befriedigt, »ein Mann in den besten Jahren sozusagen … wenn es darauf ankäme, könnte ich es, glaube ich, mit manchem jungen Windhund aufnehmen!«
»Da bin ich ganz sicher«, sagte Eva und lächelte weiter.
»Darf ich vorschlagen, daß wir uns jetzt mit der geschäftlichen Seite unserer Zusammenkunft befassen?« sagte Konrad Kilius kühl.
Georg Makulis sah ihn kopfschüttelnd an.
»Immer ungeduldig, diese jungen Leute, immer ungeduldig!«
Konrad Kilius holte aus der Jackentasche einen Stoß sorgfältig zusammengelegter Papiere hervor.
»Ich habe hier den Vertrag aufgesetzt«, sagte er, »wenn Sie beide ihn durchlesen möchten …«
Er gab Eva den ersten Durchschlag, dem Makler das Original.
Sie mußte sich zwingen, den Vertrag aufmerksam zu prüfen – oder wenigstens so zu tun. Sie las die Summe, las ›zahlbar sofort‹ und hätte am liebsten alles andere unbesehen unterschrieben. Aber sie durfte ihre Schwäche nicht so deutlich zeigen.
»Neun Prozent Zinsen«, sagte sie endlich, »das scheint mir ein bißchen hoch!«
»Vollkommen richtig«, stimmte Georg Makulis zu, »ich bin doch kein Halsabschneider! Da müssen Sie sich verhört haben, Kilius … machen wir acht Prozent daraus.«
»Wie Sie wünschen«, sagte der Rechtsanwalt kühl.
»Ich bin Witwer«, erklärte der Makler, »ein einsamer alter Mann … was sollte es für mich einen Zweck haben, Gelder zu scheffeln? Mehr als trinken und essen kann der Mensch nicht, sage ich immer …«
Er rieb sich die Hände.
»Mit acht Prozent bin ich einverstanden«, sagte Eva.
»Na schön, dann ändern wir jetzt den Vertrag, und dann unterschreiben wir«, sagte der Makler.
»Du weißt, daß du damit Herrn Makulis ein Vorkaufsrecht auf den gesamten Besitz einräumst«, sagte der Rechtsanwalt warnend.
»Diese Klausel muß bleiben«, erklärte Georg Makulis rasch, »darauf muß ich bestehen. Es ist eine reine Formsache, versteht sich … denn es wird sicher nie dazu kommen, daß Sie verkaufen müssen!«
Eva zuckte nicht mit der Wimper.
»Ich bin einverstanden«, erklärte sie.
5
Die Heimfahrt schaffte Eva in kaum mehr als drei Stunden. Sie fuhr unvernünftig schnell, sie wußte es selber, aber irgendwie mußte sie sich nach der Anspannung der letzten Tage Luft machen. Sie hatte den ersten Sieg auf dem schweren Weg, den sie sich selber gewählt hatte, errungen, und dieses Bewußtsein erfüllte sie mit einem rauschenden Hochgefühl, wie sie es nie zuvor gekannt hatte – nicht einmal damals, vor drei Jahren, als Urban Horster ihr vor dem Altar das Ja fürs Leben gab.
Aber im Hotel erwartete sie eine böse Überraschung.
Herr Thomas war nirgends zu sehen, und hinter dem Empfangstisch stand ganz allein der junge Assistent Dieter Brüdern. Mit rotem Kopf erklärte er auf Evas erstaunte Frage, daß der Empfangschef erkrankt sei.
»Krank?« fragte sie erstaunt. »Aber was fehlt ihm denn?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Dieter Brüdern verlegen, »ich glaube, er … er hat Ihnen einen Brief geschrieben!«
Er drehte sich um, zog einen dicken weißen Umschlag aus einem der Fächer und reichte ihn ihr mit einer kleinen Verbeugung.
Eva nahm den Brief entgegen, dreht sich um, während sie ihn las. Das Schreiben des Empfangschef enthielt, mit vielen Höflichkeitsformeln verbrämt, die Kündigung. »Aus gesundheitlichen Gründen muß ich meine Stellung leider sofort aufgeben«, las Eva, »ein Attest des Amtsarztes liegt bei.«
Mit steinernem Gesicht wandte sie sich dem Assistenten zu.
»Ist Herr Thomas noch im Haus?« fragte sie.
»Ich weiß es nicht«, antwortete der junge Mann, »wirklich nicht!«
Sie steckte den Brief in ihre Tasche und ging auf den Lift zu. Ein Boy riß die Türe vor ihr auf.
»Fahr mich nach oben«, sagte sie, »du weißt doch sicher, in welchem Zimmer Herr Thomas wohnt? Zeig es mir, bitte!«
Sekunden später hatten sie den fünften Stock erreicht. Von hier aus führte eine schmale steinerne Stiege unter das Dach, wo die Schlafräume der Angestellten lagen.
Der Boy lief vor Eva her und blieb vor einer der Türen stehen.
»Danke«, sagte Eva.
Sie drückte die Klinke nieder und trat ohne anzuklopfen ein.
Herr Thomas hatte einen geöffneten Koffer aufs Bett gestellt; er war dabei zu packen.
Er ließ die Krawatten sinken, die er gerade in den geöffneten Koffer hatte legen wollen, und starrte Eva mit einem seltsamen Ausdruck von Unglauben und Verwirrung an.
»Es tut mir leid, Sie stören zu müssen, Herr Thomas«, sagte Eva kühl.
Sie trat einen Schritt weiter in das Zimmer, ließ aber die Tür hinter sich angelehnt.
Er, der sonst immer so beherrschte Mann, wurde rot bis an die Haarwurzeln.
»Frau Direktor …« stammelte er.
Es war das erstemal, daß Eva Horster mit diesem Titel angeredet wurde, aber ihre Nerven waren so bis aufs äußerste gespannt, daß ihr das nicht einmal bewußt wurde.
»Sie wollen mich also verlassen, Herr Thomas«, sagte sie, »ausgerechnet in dieser Situation!«
»Aber ich … ich wußte ja gar nicht …«
Sie sah ihn fest aus ihren grauen Augen an, bis er den Blick senkte.
»Was wußten Sie nicht?«
»Daß Sie überhaupt zurückkommen würden!« platzte er heraus. Jetzt war es an ihr, verblüfft zu sein.
»Daß ich …?« wiederholte sie. »Aber, Herr Thomas … Sie konnten doch nicht im Ernst annehmen, ich würde das Hotel im Stich lassen?«
»Das Hotel … es wird doch verkauft!«
Sie hob die schmalen Augenbrauen.
»Wie kommen Sie darauf?«
»Stimmt es etwa nicht? Alle sagen es … die Presser-Bank wird das Hotel übernehmen. Es ist nicht mehr zu halten.«
»Selbst wenn Sie das annehmen«, sagte Eva kühl, »bedeutet das nur eine sehr fadenscheinige Entschuldigung für Ihr Verhalten. Sie hätten zumindest warten müssen, bis ich zurück war und Sie Gelegenheit hatten, persönlich mit mir zu sprechen. Ich bin bereit zu glauben, daß Ihre Gesundheit angegriffen ist … der Arzt bestätigte das ja … aber so krank werden Sie wohl kaum sein, daß Sie nicht mehr imstande sind, zumindest Ihren Nachfolger einzuarbeiten.«
»Frau Direktor«, sagte er erschüttert, »aber das alles ist …« Er suchte verzweifelt nach den richtigen Worten: »Ein furchtbares Mißverständnis!«
»Sie haben sich in Ihrem Kündigungsschreiben überaus klar ausgedrückt«, sagte sie hart, »Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie gegen Ihren Willen halten werde. Aber ich werde dafür sorgen, daß Ihr Verhalten in der Fachwelt bekannt wird. Sie werden sehr viel Zeit haben, Ihrer Gesundheit zu leben … wenigstens in dieser Saison werden Sie anderswo kaum eine Stellung bekommen.«
Sie drehte sich brüsk um und wandte sich zur Tür.
Was sie erwartet hatte, geschah. Herr Thomas lief ihr nach und versuchte sie aufzuhalten.
»Frau Direktor, bitte, lassen Sie sich doch erklären …«
Mit hoch erhobenem Kopf verließ sie den Raum.
»Wenn Sie mir noch etwas zu sagen haben, können Sie mich in meinem … im Büro meines Mannes aufsuchen!«
Sie ging, ohne ihn noch einmal anzusehen.
Eva fühlte sich erschöpft. Sie hatte einen langen und ereignisreichen Tag hinter sich. Wie gern wäre sie jetzt nach Hause gegangen, hätte sich um ihr Töchterchen und um die beiden Großen gekümmert. Aber sie verbot sich diese Schwäche. Noch war das Wichtigste nicht erledigt.
Sie trat in das Arbeitszimmer ihres Mannes, öffnete die Türen zum Waschkabinett, um sich ein wenig frischzumachen. Im Spiegel sah sie ihr schmales Gesicht, fast durchscheinend vor Übermüdung, die grauen Augen tief umschattet.
Urban, dachte sie, mein Gott, Urban!
Nie zuvor hatte sie solche Sehnsucht nach ihrem Mann gehabt, hatte sie so verzweifelt gewünscht, sich an seine Schultern zu lehnen, alle Sorgen ihm überlassen zu dürfen.
Aber Urban war weit fort, schwer verletzt, ahnte nicht einmal, welche Kämpfe sie seinetwegen durchstand, würde es vielleicht niemals ermessen.
Eva fuhr sich mit dem Taschenkamm durchs Haar, straffte den Rücken, wandte sich ab und trat an den Schreibtisch, dieses riesengroße antike Möbelstück, das so mächtig war, daß es den ganzen Raum beherrschte und sie fast dahinter verschwand, als sie sich setzte.
Ich werde ein dickes Kissen brauchen, dachte sie flüchtig, oder einen höheren Sessel. Aber das hat Zeit bis morgen.
Sie drückte auf die Telefontaste, die die Verbindung mit dem Vorzimmer herstellte, aber niemand meldete sich. Lona Simon war nicht zurückgekehrt.
Ich werde einmal ernsthaft mit diesem Mädchen sprechen müssen, dachte sie, ihre Dienstauffassung scheint mehr als schlampig zu sein! Wie Urban das nur dulden konnte! Oder nimmt sie sich ein solches Benehmen nur heraus, weil er durch den Unfall ausgeschaltet ist? Ich werde ihr jedenfalls meine Meinung sagen.
Sie zog den Terminkalender heran und machte sich Notizen.
In der obersten Schreibtischschublade entdeckte sie ein ledernes Notizbuch mit Adressen. Sie schlug den Buchstaben P auf, fand die Nummer der Presser-Bank, wählte.
Der Mann, der sich meldete, war der Nachtportier. Er konnte nichts anderes sagen, als daß die leitenden Herren und sämtliche Angestellte das Haus längst verlassen hatten.
Eva dankte und legte auf. Im Notizbuch ihres Mannes stand die Privatnummer Hugo Pressers, die sie jetzt wählte.
»Der Herr Direktor hat Gäste«, sagte eine schnippische Mädchenstimme, »er hat Auftrag gegeben, ihn nicht zu stören …«
»Aber es ist sehr wichtig … für ihn«, erklärte Eva mit Nachdruck, »sagen Sie ihm, daß Frau Horster ihn sprechen möchte …«
»Es geht wirklich nicht …«
Eva holte tief Atem.
»Frau Direktor Horster vom Grandhotel Horster«, sagte sie, »Herr Presser erwartet meinen Anruf. Er weiß, um was es sich handelt.«
»Na bitte«, sagte das Mädchen unbeeindruckt, »ich werde sehen … aber ich glaube nicht … bleiben Sie, bitte, am Apparat!«
Das Warten dauerte endlos. Eva war nervös, obwohl sie, wie sie sich selber immer wieder sagte, eigentlich gar keinen Grund dazu hatte. Sie hatte ja schon gesiegt. Alles, was jetzt noch geschehen mußte, waren nichts als Formalitäten.
Dennoch zog sie sich, den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr gepreßt, eine Zigarette aus der schweren ziselierten Dose, zündete sie sich mit dem Tischfeuerzeug an, nahm ein paar tiefe Züge, während sie sich überlegte, was sie sagen wollte.
Noch bevor sie Hugo Pressers Stimme hörte, klang sein asthmatisches Keuchen an ihr Ohr.
»Hallo, gnädige Frau«, sagte er beflissen, »also das freut mich … das freut mich wirklich! Ist die kleine Frau also doch zur Vernunft gekommen …«
»Sie irren sich«, unterbrach ihn Eva eisig.
Aber Hugo Presser war nicht zu bremsen.
»Sehr vernünftig von Ihnen, gnädige Frau!« fuhr er fort, als ob er ihren Einwand gar nicht gehört hätte. »Werden wir uns also arrangieren. Nur keine Sorge, der alte Presser hält sein Wort! Vielleicht werden die Bedingungen nicht mehr ganz so günstig sein wie bei unserem ersten Angebot, aber ein Wort ist ein Wort, nur keine Sorge, ich bin ein kulanter Geschäftsmann!«
Er kicherte vor Genugtuung.
»Herr Presser«, sagte Eva, »ich fürchte, Sie haben mich mißverstanden. Ich bin keineswegs bereit, mich mit Ihnen zu arrangieren. Ich werde die Wechsel einlösen. Ich habe das Geld.«
Einen Atemzug lang blieb es ganz still in der Leitung.
Dann war Hugo Pressers Stimme wieder da, aber jetzt nicht mehr einschmeichelnd, sondern böse und mißtrauisch.
»Das ist ein Bluff!« sagte er.
»Keineswegs. Ich habe das Geld wirklich. Ich habe Sie nur angerufen, um Sie zu fragen, ob es Ihnen genügt, wenn ich es morgen früh auf Ihr Konto überweisen lasse?«
»Nein«, bellte er, »kommen Sie mir nicht so! Das ist eine Verzögerungstaktik. Mit so etwas können Sie mich nicht hereinlegen! Entweder bar … cash down auf die Hand oder …«
»Ganz, wie Sie wünschen«, sagte Eva, »aber Sie werden sicher verstehen, daß ich eine solche Summe nicht in der Handtasche spazieren tragen möchte. Treffen wir uns also morgen früh auf meiner Bank … um zehn, wenn es Ihnen recht ist?«
»Wenn das ein Trick ist«, sagte Hugo Presser böse, »dann werden Sie etwas erleben, meine Teuerste, dann hilft kein Betteln und kein Flehen, dann werde ich …«
»Es bleibt also dabei … bis morgen früh, Herr Presser!« unterbrach Eva die Drohungen und legte auf, ehe er noch ein weiteres Wort sagen konnte.
Sie drückte die Zigarette aus, die fast ihre Fingerspitzen verbrannt hätte. Es war ein kühler Abend, dennoch standen ihr feine Schweißtröpchen auf der Stirn. Erst nach diesem Gespräch begriff sie ganz, was es bedeutet hätte, diesem Dunkelmann ausgeliefert zu sein.
Sie wollte sich gerade erheben, als an die Tür geklopft wurde und Herr Thomas eintrat.
»Entschuldigen Sie, bitte, wenn ich störe«, murmelte er, sichtlich verlegen und wagte nicht, sie anzusehen.
»Ich hatte Sie erwartet«, sagte Eva beherrscht.
Er blieb wenige Schritte vor dem Schreibtisch stehen und starrte auf seine gepflegten, sorgfältig manikürten Fingernägel.
»Ich möchte Sie um Verzeihung bitten, Frau Direktor«, sagte er mit Überwindung, »Ich fürchte, ich habe mich unglaublich benommen. Ich weiß selber nicht mehr, was in mich gefahren war …«
»Sie sind also bereit, so lange zu bleiben, bis Sie Ihren Nachfolger eingearbeitet haben?«
»Ich möchte meine Kündigung zurücknehmen … wenn es jetzt nicht schon zu spät dazu ist.«
Eva hatte Mühe, ihre Erleichterung zu verbergen. Wolfgang Thomas war eine erstklassige Kraft und durchaus nicht von heute auf morgen zu ersetzen.
»Haben Sie sich das auch gut überlegt?« fragte sie. »Das Grandhotel hat eine schwere Zeit vor sich … eine sehr schwere Zeit. Ich habe die Verpflichtungen, die wir der Presser-Bank gegenüber eingegangen waren, ablösen können … aber natürlich habe ich dazu einen neuen und sehr erheblichen Kredit aufnehmen müssen. Mein Mann wird wahrscheinlich bis in die Hauptsaison hinein für das Hotel ausfallen. Ich bin also auf mich allein und die Treue und den guten Willen meiner Mitarbeiter angewiesen …«
Sie machte eine kleine Pause und sah ihn fragend an.
»Es ist mir schrecklich, daß ich so versagt … daß ich Sie so enttäuscht habe«, sagt er, »aber ich verspreche … wenn Sie mir noch einmal vertrauen würden …«
Sie stand auf, trat auf ihn zu und gab ihm die Hand.
»Wollen wir beide es vergessen, ja?« fragte sie mit einem Lächeln, das die Anspannung ihres zarten Gesichtes löste.
Er beugte sich tief über ihre Hand.
»Ich danke Ihnen, Frau Direktor!«
»Setzen wir uns«, sagte sie, »ich hoffe, Sie haben noch ein paar Minuten Zeit für mich? Ich habe Ihnen einige sachliche Fragen zu stellen; Sie wissen ja, daß ich erst beginnen muß, mich über Verschiedenes zu orientieren.«
Sie ließ sich in der Sitzecke nieder.
»Soviel ich weiß, hat mein Mann früher ein Appartement hier im Haus bewohnt?«
»Ja, Frau Direktor.«
»Was ist mit diesen Räumen jetzt?«
»Wir vermieten sie nur zur Hauptsaison.«
»Sie stehen also leer?«
»Augenblicklich schon!«
»Dann lassen Sie sie, bitte, herrichten. Ich werde ab morgen hier im Haus wohnen.«
Lona Simon wohnte nicht im Hotel.
Sie hatte sich, dank Urban Horsters Großzügigkeit und der eigenen Skrupellosigkeit, am Stadtrand von Baden-Baden eine Wohnung einrichten können, die eines angehenden Film-Stars würdig gewesen wäre.
Aber als sie an diesem Abend von ihrem Krankenbesuch bei Urban Horster zurückkehrte, hatte sie kein Auge für den riesigen Buchara-Teppich, die tiefen modernen Ledersessel, die zarten, geschmackvoll aufeinander abgestimmten Farben der breiten Couch, der Vorhänge und Kissen. Sie war nachdenklich und sehr depremiert.
Die Situation, die durch den Unfall des Hotelbesitzers entstanden war, war auch für sie außerordentlich kompliziert. Sie war sicher, daß das Hotel in den Besitz der Presser-Bank übergehen würde, aber es reizte sie durchaus nicht, unter der neuen Regie zu arbeiten.
Sie war nicht mehr gewohnt, mit ihrem Gehalt allein auszukommen, und ihre Reserven mochte sie nicht angreifen, weil sie seit langem dazu bestimmt waren, ihr zum Erwerb eines kleinen Sportwagens zu verhelfen.
Natürlich wäre es ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht schwergefallen, sich an einem anderen Ort eine neue Stellung als Hotelsekretärin zu suchen, aber auch das war nicht gerade das, was sie sich erträumte. Es war sehr fraglich, ob sie auf Anhieb wieder einen zahlungskräftigen Liebhaber finden würde, und außerdem hätte sie, wenn sie Baden-Baden verließ, ihre geliebte Wohnung aufgeben müssen.
Lona Simon seufzte schwer, als sie die funkelnden Hähne über der Wanne ihres seegrün gekachelten Bades aufdrehte. Gedankenverloren begann sie sich auszuziehen, streifte die giftgrünen Pumps von den Füßen, hängte Rock und Jacke des Kostüms sorgfältig über einen Bügel, warf eine Handvoll Badesalz in das heiße Wasser und stieg in die Wanne.
Was, zum Teufel, soll ich jetzt tun? dachte sie. Es ist wirklich ein Jammer. Urban Horster, der arme Kerl, daß ausgerechnet ihm so etwas passieren mußte! Es geht schon seltsam in der Welt zu. Urban wird mir verdammt fehlen.
Sie drehte die Hähne zu, dehnte und streckte sich in dem schäumenden Wasser.
Wenn seine Frau wirklich einen Geliebten hat, dachte sie, habe ich noch eine Chance. Vielleicht wird sie sich scheiden lassen, jetzt, wo er am Boden liegt, oder er wird draufkommen und sie hinauswerfen. Dann könnten wir heiraten.
Natürlich, die Erfüllung wäre das nicht, denn das Hotel ist verloren für alle Zeiten. Aber als Hoteldirektor kann er immer noch arbeiten, und das wäre schließlich nicht das Schlechteste – falls er überhaupt jemals wieder auf die Beine kommt.
Das warme Bad übte eine wohltuende Wirkung auf Lonas Nerven aus. Ihre sorgenvollen Gedanken kamen zur Ruhe. Sie begann zu träumen – von jener herrlichen sorgenfreien Zukunft als Dame der High Society, die sie erstrebt hatte, seit sie die kleinbürgerliche Welt ihrer Kindheit hinter sich gelassen hatte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.