Kitabı oku: «Die Prinzessin von Clèves»

Yazı tipi:

Marie-Madeleine de La Fayette

Die Prinzessin von Clèves

Inhaltsverzeichnis

Vorerinnerung.

Erstes Buch.

Zweytes Buch.

Drittes Buch.

Viertes Buch.

Impressum

Vorerinnerung.

Eben die Gründe, die mich bestimmt hatten, der Zaide ein Deutsches Gewand zu geben, haben mich vermocht, der Schwester derselben ein Gleiches zu thun. Die Verfasserinn beyder verdient es wohl, ihren Talenten und ihrem Herzen nach, unsern Landsmänninnen so vorteilhaft bekannt zu werden, als sie es ihren Zeitgenossinnen war, und die Prinzessinn von Cleves kann ihr, in so fern feines Gefühl, Tugend, strenge Moralität, Einfall und Adel aus diesem Werke wie aus ihr selbst sprechen, diesen Dienst unwidersprechlich leisten.

Wer die Zaide gelesen hat, wird finden, daß sie und die Prinzessinn von Cleves von Einer Hand und aus Einem Herzen seyn müssen, nur hat jene eine mehr romantische und buntere Einfassung, als diese, die ein sanftes, einfaches, aber ganz vollendetes Gemählde eines zärtlichen und edlen Herzens ist, in welchem Liebe und Tugend um den Vorrang streiten. Ich gestehe, daß ich kein darstellendes Werk kenne, wo diese Aufgabe mit mehr Zartheit, feinem Gefühl, und tugendhafter Kenntniß des weiblichen Herzens durchgeführt und zu einem moralischen Zwecke geleitet worden wäre, als in diesem, und wer die sanfte, auf die innigste Kenntniß der Liebe gebauete Stufenfolge vom ersten Eindrucke bis zum äußersten Grade derselben auffassen und ihr nachgehen will, wird finden, daß er einen in Handlung gesetzten Kommentar über jene Leidenschaft gelesen hat.

Auch in Absicht der schriftstellerischen Kunst ist die Prinzessinn von Cleves, wie Zaide, sehr vorzüglich. Die Einfassung der erstern (die freylich für Deutsche Leser weniger interessant ist, als für Französische, und die deßhalb in meiner Bearbeitung hier und da verengert werden mußte) ist mit großer Einsicht und mit der tiefsten Kenntniß der wahren historischen Charakteristik jener Zeiten und jener Menschen abgefaßt und mit einer Täuschung um das eigentliche romantische Gemählde geschlungen, die selbst den ernsthaften Geschichtsforscher verleiten könnte, die nähern Umstände der Liebschaft der Prinzessinn von Cleves mit dem Herzog von Nemours in den Annalen jener Zeiten aufzusuchen. Denn keine einzige historische Angabe ist entstellt, kein einziger Character verschoben oder der Dichtung auch nur in dem kleinsten Zuge angepaßt worden.

Der Plan ist einfach und geht von der ersten Periode an ohne Sprünge, ohne Zwang der Verwicklung und von dieser der Entwicklung entgegen, und selbst das, was vom Anfange herein Episode scheint, zeigt sich, gerade wie in der Zaide, endlich als Motiv oder Erläuterung der Angaben im Hauptfaden der Geschichte. Ich wünschte, daß der Herr von Blankenburg, bey der Abfassung seines Versuchs über den Roman, hauptsächlich bey dem, was er von der Motivirung und Vorbereitung der Begebenheiten sagt, sich dieser beyden Romane erinnert hätte: sie halten in diesem Puncte noch strengere Proben aus, als die dort angezogenen und zur Nachahmung zergliederten Werke.

Der Styl ist ungekünstelt, elegant und korrect, und selbst die strengsten Französischen Litteratoren erkennen diese Vorzüge an. Ich habe gethan, was ich konnte, um bey Gelegenheit dieser Verdeutschung nicht auf mich anwenden zu lassen, was die Verfasserinn anderswo von schlechten Uebersetzern sagt: daß sie ungeschickten Lakeyen zu vergleichen wären, welche die Komplimente, die man ihnen aufträgt, in Grobheiten verwandeln. Ich habe mich bestrebt, das Original so wenig verlieren zu lassen, als Werke dieser Art, die im Tone der feinen Welt, der Liebe und Galanterie sprechen, in unserer Sprache beständig verlieren müssen. Ob dieß ein Unglück für unsre Sprache wie für unsre Nation ist, mag ich nicht untersuchen; aber ich wünschte doch, daß man mit unserer Sprache Alles sagen könnte. Daß man dieß mit ihr nicht könne, scheinen noch viele unserer Gelehrten nicht zu glauben, die ihren unerschöpflichen Reichthum in Absicht der Dichtkunst kennen und selbst verschwenderisch genutzt haben; aber es ist gewiß, daß sie in Absicht der raschen, feinen, schmeichelnden Wendungen in der höhern und galanten Conversation, gerade so arm ist, als die Französische in Absicht der Gegenstände, die für ihre Schilderung Herz, Einfalt, Erhabenheit und Kühnheit verlangen. Wir sprechen, gegen die Franzosen gehalten, in unsrer Gesellschaftssprache, so schlicht, eingeschränkt und zum Theil roh, als die Franzosen, gegen uns gehalten, in ihrer Tochtersprache witzig, oder überspannt, aber immer nüchtern ober amphigourisch sprechen. Man hat schon die Güte gehabt, die ich mit herzlichem Dank erkenne, und mir einen leichten Conversationston zugeschrieben; aber ich darf darum doch versichern, daß ich noch einen großen Weg zu thun zu haben glaube, eh' ich mich der Zufriedenheit der Kenner Französischer Conversationssprache werde werth halten können: besonders seitdem ich mit eignen Augen und Ohren mich von den Französischen Societäten und ihrem Tone habe unterrichten und seitdem ich aus der Uebersetzung eines meiner kleinen Romane [Maurice, roman de Fr. Schulz, traduit de l'Allemand d' après la nouvelle edition. Lausanne Paris, 1789.], dessen Style man gerade in Deutschland jene Tugend zuschrieb, nur zu deutlich habe sehen können, wie langsam und schwerfällig, selbst der rascheste Deutsche Vortrag, in Französische Worte übergekleidet, fortschreiten muß. Aber wir und unsre Sprache befinden uns deßhalb um nichts schlimmer. So lange wir für Galanterie, Frivolität, Conversation, Bonmot ec. keine eigenen Wörter haben, so lange werden wir auch keine Weiber, die bloß aus Mode ihren Männern untreu sind, keine niedlichen Wichtigkeiten, keine in System gebrachte Afterrede und keine lachende Beleidigungs-Schmäh- und Demüthigungskunst haben. Fast möchte ich sagen: kein Mensch kann etwas thun, was er nicht nennen kann; und wäre dieser Grundsatz ganz wahr, so wünschte ich, daß wir eine Menge Dinge den Franzosen nicht, eine Menge anderer aber, ihnen pünktlich Deutsch nachsagen könnten.

Weimar, den 1. December 1789.

Erstes Buch.

In den letzten Jahren der Regierung Heinrichs des Zweyten war der Französische Hof eine Feenwelt mit Menschen bevölkert. Pracht, Galanterie, Ritterwesen und Schöngeistern liefen in einem Punct zusammen, und gewährten ein Schauspiel, dessen Glanz auch den blendete, der es wußte, daß es in dem Labyrinthe tausendfacher Cabalen gegeben wurde.

Diane von Poitiers, Herzoginn von Valentinois, hielt schon seit zwanzig Jahren die Neigung des Königs gefesselt, und die Feste und Feyerlichkeiten, die sich bey Hofe drängten, waren alle ihr zu Ehren angestellt. Ihr Nahmenzug und ihre Farben zeigten sich überall, und sie selbst konnte sich überall zeigen, weil die Gegenwart der Königinn sie berechtigte, überall zu seyn, wo diese war.

Die Königinn, Catharine von Medicis, war noch schön, obgleich nicht mehr in der ersten Jugendblüthe. Sie liebte Pracht, Aufwand und Vergnügungen, aber Begierde zu herrschen war ihre Leidenschaft. Es schien, als ob ihr die Neigung des Königs für die Herzoginn nicht schmerzlich fiele, und nie ließ sie Eifersucht laut werden; aber sie verstand die Kunst der Verstellung in hohem Grade, und es war sehr schwer, ihre Gefühle und Gedanken zu ergründen. Politik bestimmte sie, Jene in ihrer Nähe zu behalten, weil sie dadurch den König in ihrer Nähe behielt.

Der König fand großen Geschmack an dem Umgange mit Weibern, selbst mit solchen, in die er nicht verliebt war. Wenn Cirkel bey der Königinn war, fehlte er nie, weil sich da alles, was Schönes und Reitzendes von beyden Geschlechtern bey Hofe war, zusammen fand.

Nie muß ein Hof so viel schöne Männer und Weiber aufzuweisen gehabt haben. Die Natur schien hier Schönheit mit Größe vermählen zu wollen. Die Prinzessinn Elisabeth, nachmahlige Königinn von Spanien, entwickelte damahls schon einen außerordentlichen Geist und die siegende Schönheit, die nach der Zeit so traurige Folgen für sie hatte. Marie Stuart, Königinn von Schottland, mit welcher sich vor kurzem der Dauphin vermählt hatte, und die man die Königinn Dauphine nannte, war an Geist und Körper gleich vollkommen. Die Erziehung, die sie am Französischen Hofe erhalten hatte, gab ihr alle Bildung und Feinheit desselben, ein natürlicher Hang zog sie zu allem, was schön war, und schon in früher Jugend war sie Liebhaberinn und Kennerinn desselben. Die Königinn Catharine fand, wie des Königs Schwester, viel Geschmack an Versen, am Theater und an Musik, die Vorliebe Franz des Ersten zu den Musenkünsten, lebte noch in Frankreich, und da sein Sohn Vergnügen an Jagden, Turnieren und andern Ritterspielen fand, so wechselten Unterhaltungen jeder Art bey Hofe. Was ihm aber die höchste Würde und Majestät gab, war eine große Anzahl von Männern, die jeder in seiner Art die Bewunderung und der Ruhm ihres Zeitalters waren.

Dem Könige von Navarra verschafften hohe Abkunft und Hoheit der Seele allgemeine Achtung. Er glänzte im Felde, und sein Wetteifer mit dem Herzog von Guise, hatte oft bey ihm den Muth und das Auge des Generals in Tollkühnheit und Faust des gemeinen Soldaten verwandelt. Jener hatte aber auch Proben von einer glücklichen Unerschrockenheit gegeben, die des Neides der größten Generale werth waren. Sein Muth hatte noch andere Vorzüge im Gefolge. Er hatte einen umfassenden, scharfen Blick, eine große Seele, und war für kriegerische und politische Geschäfte gleich geschickt. Sein Bruder, der Cardinal von Lothringen, verband mit einem nie zu befriedigenden Ehrgeitze, einen lebhaften, feinen Geist, und die Gabe einer siegenden Beredsamkeit, während ein dritter Guise, Chevalier, nachmahls Großmeister von Guese, durch wahre, männliche Schönheit, durch Witz und feinen Verstand den Zankapfel der Weiber und durch Heldenthaten die Bewunderung von Europa wurde. Der Prinz von Conde war in Absicht des Körpers von der Natur stiefmütterlich versorgt worden, aber er hatte eine stolze Seele voller Ansprüche, und eine reichliche Gabe von Witz und Verstand, die ihn selbst in den Augen der schönsten Weiber sehr liebenswürdig machten. Der Herzog von Nevers war im Geräusche der Waffen und in dem Wirbel großer Würden und Geschäfte schon gealtert, aber immer noch war er der Abgott des Hofes. Er hatte drey Söhne, wovon der mittlere, den man den Prinzen von Cleves nannte, es werth war, seinen glänzenden Nahmen zu tragen, und zu erheben: er verband mit Muth und Liebe zur Pracht und Größe, eine kluge Vorsicht, die selten ein Vorzug der Jugend zu seyn pflegt. Der Vidame von Chartres war in der Kunst des Krieges wie der Liebe gleich geübt und berühmt. Eine männliche Schönheit, durch den Zauber eines edlen Anstandes, durch Muth, Unternehmungsgeist und Freigebigkeit gehoben, gab ihm einen Glanz, der ihn einer Vergleichung mit dem Herzog von Nemours werth gemacht hätte, wenn mit diesem Meisterwerke der Natur irgend ein Wesen hätte verglichen werden können.

Daß der Herzog von Nemours einer der schönsten Männer war, die je gelebt haben, war an ihm nur ein Vorzug vom zweyten Range: was ihn über alle übrige hinaufsetzte, war eine gewisse, alles besiegende Wendung seines Verstandes, seiner Züge, seiner Worte und seiner Handlungen, die ihm ausschließend eigen blieb. Ein Frohsinn, dessen Ergießungen Männern so sehr als Weibern gefielen, eine geschmeidige Leichtigkeit im Tanzsaale wie in den Schranken, und eine Art sich zu kleiden, die Alle nachahmten, aber keiner nachmachen konnte: dieß zusammengenommen gab seinem Wesen einen Zauber, der Auge und Ohr fesselte, wenn er erschien, und wo er erschien. Keine Dame bey Hofe, die sich durch seinen nähern Antheil nicht geschmeichelt gefunden, hätte, wenige, denen er diesen Antheil kund gab, die ihm widerstanden hätten, einige sogar, denen er denselben nie zeigte, und die ihn darum doch sehnsuchtsvoll im Herzen trugen.

Er hatte ein so gutes Herz und einen so starken Hang zur Galanterie, daß er in diesem Puncte nie etwas mit Undank aufnahm, wenn ihm auch von mehr als Einer Hand gebothen wurde, und mithin hatte er gewöhnlich mehr als Eine Liebschaft; aber es war schwer, zu bestimmen, wohin seine wahre Liebe gefallen wäre. Er kam oft zur Königinn Dauphine, und ihre Schönheit und ihr sanftes Herz, das gern jedermann gefallen und gefällig seyn wollte, verbunden mit der besondern Achtung, die sie für den Herzog blicken ließ, hatten oft der Vermuthung Raum gegeben, daß er seine Wünsche bis zu ihr hinauf flattern ließe.

Eine Schönheit erschien um diese Zeit bey Hofe, die außerordentlich seyn mußte, weil sie selbst hier, wo man das Schöne selbst zu sehen gewohnt war, Bewunderung erregte. Sie staunte aus gleichem Haufe mit dem Vidame von Chartres und war eine der reichsten Erbinnen im Lande. Ihr Vater war früh gestorben, und hatte sie unter der Aufsicht seiner Gattinn, der Frau von Chartres, einer Dame von außerordentlich sanftem und tugendhaftem Caracter zurückgelassen. Diese hatte nach dem Verlust ihres Gemahls mehrere Jahres vom Hofe entfernt gelebt, und während dieser Zeit ihre ganze Sorgfalt auf die Erziehung ihrer Tochter verwandt. Aber nicht bloß ihren Verstand und ihre körperlichen Vorzüge hatten sie auszubilden, auch Tugend und Liebe zur Tugend hatte sie ihr einzuflößen gesucht. Viele Mütter der großen Welt meinen, es sey genug, unter den Augen der Tochter nie von Liebe und Galanterie zu sprechen, um sie davor zu schützen. Frau von Chartres war der entgegengesetzten Meinung: sie machte ihrer Tochter oft Gemählde von Liebe, und zeigte ihr die schönen Seiten derselben, um sie desto glaubhafter vor ihren gefährlicheren warnen zu können; sie erzählte ihr von der Verstellungskunst und Flatterhaftigkeit der Männer; machte sie auf die häuslichen Zerrüttungen, die eine Liebschaft im feinen Tone im Gefolge hätte, aufmerksam, und ließ sie auf der andern Seite bemerken, wie ruhig und heiter das Leben einer gewissenhaften Gattinn dahin flösse, und welchen Glanz und welche Erhabenheit Tugend einem schönen Weibe von hoher Geburt gewährte. Aber diese Tugend, sagte sie ihr, könnte sie nur durch das strengste Mißtrauen gegen sich selbst und durch feste Anhänglichkeit an ihren Gemahl in ihrer Stärke erhalten.

Fräulein von Chartres war eine der glänzendsten Partien damahliger Zeit, und in einem sehr frühen Alter hatte man ihr schon mehr als Eine Verbindung vorgeschlagen; aber ihre Mutter, die großen Stolz in ihrer Tochter setzte, hatte sie alle ihrer unwerth gefunden. Jetzt, als sie sechszehn Jahre alt war, sollte sie bey Hofe erscheinen. Der Vidame von Chartres kam ihr und der Mutter entgegen, und war über ihre außerordentliche Schönheit erstaunt, aber mit Recht: eine Haut von ungewöhnlicher Weiße, ein blondes Haar, regelmäßige Züge, und ein gewisser Reitz in ihrem Wesen gaben ein Ganzes, das blendend ausfiel, und ihr ausschließend eigen blieb.

Den Tag nach ihrer Ankunft fuhr sie, um sich einen Schmuck auszusuchen, zu einem Italiäner, der mit dergleichen durch die ganze Welt handelte. Dieser Mann war mit der Königinn von Florenz gekommen, und hatte sich durch seine Geschäfte so bereichert, daß sein Haus mehr dem Hause eines Großen, als eines Kaufmanns glich. Fräulein von Chartres war kaum dort, als der Prinz von Cleves vorfuhr. Er ward durch ihre Schönheit so überrascht, daß er es nicht bergen konnte. Sie erröthete über den Ausbruch seiner Bewunderung, faßte sich aber, und gab auf das, was der Prinz sagte und that, nur in sofern Acht, als es die Regeln der Höflichkeit gegen einen Mann, wie er zu seyn schien, verlangten. Er war voll Verwunderung mit ihr beschäftiget und konnte nicht begreifen, wer dieß schöne Weib seyn möchte. das ihm ganz unbekannt war. An ihrem Wesen und ihrer Begleitung sah er wohl, daß sie von hohem Range seyn; ihre Jugend bewies ihm auch, daß sie noch Mädchen seyn müßte; da er aber keine Mutter bey ihr sah, und sie der Italiäner mit Madame anredete, wußte er nicht, wie er sich herausfinden sollte, und Erstaunen behielt immer noch die Oberhand bey ihm. Er bemerkte, daß seine Blicke sie verlegen machten: eine ungewöhnliche Erscheinung bey Personen ihres Alters, die den Eindruck ihrer Reitze beständig mit Vergnügen bemerken; es schien ihm sogar, daß sie triebe, fortzukommen, und wirklich entfernte sie sich ziemlich übereilt. Der Prinz beruhigte sich darüber mit dem Gedanken, daß er nun erfahren würde, wer sie wäre, aber er erstaunte nicht wenig, als ihm dieß niemand sagen konnte. Er blieb von ihrer Schönheit und dem bescheidenen Glanze der Tugend, der ihr Wesen sanft belebte, so durchdrungen, daß seit diesen Augenblicken eine heftige Leidenschaft, aus Liebe und Ehrfurcht in einander verschmolzen, den Anfang in seinem Herzen nahm.

Den Abend dieses Tages war er bey Madame, der Schwester des Königs. Diese Prinzessin stand in allgemeiner Achtung des Einflusses wegen, den sie auf ihren Bruder hatte; und dieser Einfluß war so stark, daß der König beym Friedensschlusse Piemont zurückgab, um sie mit dem Herzoge von Savoyen zu vermählen, für den sie bey der Zusammenkunft Franz des Ersten mit dem Papst Paul dem Dritten zu Nissa eine lebhafte Zuneigung gefaßt hatte. Da sie viel Verstand, viel Gefühl und Geschmack für das Schöne hatte, so fanden sich alle rechtliche Menschen zu ihr, und zu gewissen Zeiten war der ganze Hof bey ihr versammelt.

Der Prinz von Cleves kam wie gewöhnlich. Er war mit der Schönheit des Fräuleins von Chartres noch so tief beschäftigt, daß er von nichts anderm sprechen konnte; er erzählte sein Abenteuer öffentlich, und sprach mit Lob und Entzücken von dem schönen Mädchen, das er gesehen, aber nicht gekannt hätte. Madame sagte: Wunder, wie er sie mahlte, gäb' es nicht; wäre aber ein ähnliches vorhanden, so müßt' es allgemein gekannt seyn. Die Frau von Dampiere, aus dem Gefolge der Prinzessinn und Freundinn der Frau von Chartres, sagte der erstern ins Ohr: es wäre höchst wahrscheinlich das Fräulein von Chartres gewesen, die der Prinz von Cleves gesehen hätte. Hierauf wandte sich Madame an ihn, und sagte, wenn er sich morgen wieder einfinden wollte, könnte sie ihm die Schönheit zeigen, die so stark auf ihn gewirkt hätte.

Den folgenden Tag erschien Fräulein von Chartres wirklich bey Hofe. Sie ward von den beyden Königinnen außerordentlich gütig und von allen übrigen mit einer Bewunderung empfangen, die auf allen Seiten in Lobsprüche ausbrach. Sie nahm diese mit einer edlen Bescheidenheit auf, und schien sie nicht zu hören, oder wenigstens keinen Stolz, darin zu setzen. Sie verfügte sich darauf zur Schwester des Königs, die ihr über ihre Schönheit viel Verbindlichkeit sagte, und ihr darauf erzählte, in welche Verwunderung sie den Prinzen von Cleves gesetzt hätte. Dieser erschien bald nachher. „Kommen Sie näher,“ rief ihm Madame entgegen; „und sehen Sie, ob ich nicht Wort gehalten habe. Ist sie es nicht, die Sie suchten; und danken Sie es mir wohl, wenn sie durch mich weiß, welche Bewunderung Sie für sie fühlen?“

Der Prinz von Cleves freute sich, daß das Mädchen, welches er so liebenswürdig gefunden hatte, von einem Range war, der ihrer Schönheit nicht nachstand; er näherte sich ihr, und bath sie, nicht zu vergessen, daß er der erste ihrer Bewunderer gewesen, und daß er, ohne sie zu kennen, die Ehrfurcht für sie gefühlt hätte, die ihr in jeder Rücksicht zukäme.

Er entfernte sich mit dem Chevalier von Guise. Beyde waren Freunde, beyde lobten Anfangs das Fräulein von Chartres, ohne sich Zwang anzuthun. Endlich schien es ihnen, daß sie zu stark lobten, und bald hörten sie auf, sich ihre Gedanken über sie mitzutheilen. Aber sie waren gezwungen, die folgenden Tage, wo und so oft sie sich sahen, von neuem anzufangen.

Das Fräulein von Chartres war lange der Gegenstand der Conversationen. Die Königinn überhäufte sie mit Lob und Achtung; die Königinn Dauphine nahm sie unter ihre Günstlinge auf, und bath ihre Mutter, sie recht oft zu ihr zu bringen; die Töchter des Königs ließen sie zu allen ihren Vergnügungen rufen: so war sie vom ganzen Hofe geliebt und bewundert, nur nicht von der Herzoginn von Valentinois. Diese fürchtete nicht etwa von ihr Gefahr für sich; eine lange Erfahrung hatte sie überzeugt, daß sie bey dem Könige nichts für sich zu fürchten hatte; aber sie haßte den Vidame von Chartres, den sie durch eine Verbindung mit einer ihrer Töchter hatte an sich ziehen wollen, der sich aber an die Königinn geschlossen hatte, so sehr, daß sie eine Person, die seinen Nahmen trug, und für die er viel Theilnehmung zeigte, unmöglich mit günstigen Augen ansehen konnte.

Der erste überraschende Eindruck, den die Schönheit des Fräuleins von Chartres auf den Prinzen von Cleves gemacht hatte, verwandelte sich bald in eine heftige Liebe. Er wünschte, sich mit ihr zu verbinden; aber er fürchtete, daß es der Stolz der Frau von Chartres nicht zulassen würde, ihre Tochter einem Manne zu geben, der nicht der ältere Sohn seines Hauses war. Indessen war dieß Haus eines der größten, und des Prinzen älterer Bruder: der Graf von Eu, hatte sich vor kurzem mit einer Dame vermählt, die dem Königlichen Hause so nahe verwandt war, daß es mehr Schüchternheit der Liebe war, als gegründete Ursache, die dem Prinzen jene Besorgniß einflößte. Er hatte eine Menge Mitbewerber, unter denen ihm der Chevalier von Guise der fürchterlichste schien, weil er hohe Geburt, persönliche Vorzüge und den Glanz der ausgezeichneten Gnade des Königs für seine Familie in sich vereinigte. Der Chevalier hatte das Fräulein von Chartres seit dem ersten Tage, da er sie sahe, geliebt, und er war der Liebe des Prinzen von Cleves, wie dieser der seinigen, auf die Spur gekommen. Ob sie gleich Freunde waren, hatten sie doch gleiche Ansprüche zurückhaltend gemacht, und ihnen keine Erklärung erlaubt; ihre Freundschaft war lau geworden, ohne daß sie wechselseitig Muth genug hatten, sich zu verständigen. Jener Zufall, daß der Prinz das Fräulein von Chartres zuerst gesehen, schien ein glückliches Vorzeichen für ihn zu seyn, und ihm einigen Vortheil über seinen Nebenbuhler zu geben; aber er mußte von Seiten des Herzogs von Nevers, seines Vaters, große Schwierigkeiten fürchten. Dieser stand in genauer Beziehung mit der Herzoginn von Valentinois, und diese war gegen den Vidame; Ursache genug für ihn, nie in eine Verbindung seines Sohnes mit dessen Nichte zu willigen.

Frau von Chartres, die ihre Tochter mit so viel Sorgfalt Tugend gelehrt hatte, fuhr mit gleicher Sorgfalt damit an einem Orte fort, wo sie höchst nöthig war, und wo verführerische Beyspiele große Gefahr droheten. Ehrsucht und Galanterie waren die Seele dieses Hofes, und beschäftigten hier die Männer und Weiber gleich stark. Ueberall Cabale und entgegengesetztes Interesse, und die Damen waren so enge darein verwickelt, daß sich den Liebschaften Politik, und Politik den Liebschaften wechselsweise beymischten. Niemand war ruhig oder gleichgültig: man wollte empor, gefallen, nützen oder schaden, man wußte nichts von langer Weile, und Vergnügen ging mit Intrigue Hand in Hand. Die Damen standen in besonderer Beziehung mit der Königinn Catharine, oder mit der Königinn Dauphine, oder mit der Königinn von Navarra, oder mit der Schwester des Königs, oder mit seiner Mätresse. Neigung, Pflichten des Wohlstandes, Familienverhältnisse, gleicher Character, hatten diese verschiedenen Verbindungen zu Unterlagen. Die über die erste Jugend hinaus waren, und strengere Grundsätze schautrugen, waren auf der Seite der Königinn; die jüngern, die Freude und Liebe schätzten, auf der Seite der Königinn Dauphine. Die Königinn von Navarra hatte ihre Günstlinge, war jung und vermochte viel über ihren Gemahl, der mit dem Connetable von Guise in Verbindung stand, und dadurch viel Einfluß bekam. Die Schwester des Königs war auch noch schön, und hatte mehrere Damen auf ihrer Seite, und die Herzoginn von Valentinois hatte Alle, die sie gnädig anblicken wollte; aber ihr gefielen nur wenige, und außer einigen, die ihr Vertrauen und ihre Zuneigung hatten, weil gleiche Gemüthsart sie an sie zog, hatte Keine Zutritt bey ihr, die Tage ausgenommen, wo es ihr gefiel, einen eben so zahlreichen Hof als die Königinn um sich zu versammeln.

Alle diese verschiedenen Parteyen regten Neid und Wetteifer gegen einander auf. Die Damen, die darein verwickelt waren, empörten Neid und Gunst oder Eifersucht und Liebhaber gegen einander, und das Interesse der Ehrsucht und Größe war oft mit dem geringfügigern der Liebe, das aber nicht weniger empfindlich und begehrlich war, genau verschmolzen. So war der Hof in einer ewigen, aber regelmäßigen Bewegung und Spannung, die ihn für junge Herzen, sehr anziehend, aber auch sehr gefährlich machten. Frau von Chartres kannte diese Gefahr und dachte auf Mittel, ihre Tochter davor zu schützen. Sie bath sie, nicht als Mutter, sondern als Freundinn, sie um alles, was man ihr von Liebe sagte, wissen zu lassen, und versprach ihr Rath und Hülfe in Dingen, die einen oft in Verlegenheit setzen, wenn man jung, und unerfahren ist.

Der Chevalier von Guise hatte seine Gefühle und seine Plane in Absicht des Fräuleins von Chartres so wenig hehl, daß bald der ganze Hof darum wußte; aber er sah immer große Schwierigkeiten in seinem Wege. Er wußte wohl, daß er keine Partie für sie war, weil sein Vermögen ihrem Range nicht zusagte, und weil seine Brüder seiner Vermählung entgegen seyn würden, in der Besorgniß, ihr Haus sinken zu sehen: die gewöhnliche Folge, wenn die jüngern Söhne einer Familie heirathen. Der Cardinal von Lothringen ließ ihn auch wirklich bald merken, daß es so sey; er mißbilligte seine Neigung für das Fräulein von Chartres und erklärte sich mit Heftigkeit gegen ihn darüber, doch ohne den wahren Grund kund zu geben. Dieser war ein heimlicher Haß gegen den Vidame von Chartres, der nach der Zeit heftig ausbrach. In jede andere Verbindung würde er eher gebilligt haben, und er erklärte sich gegen diese so laut, und so ohne alle Schonung, daß die Frau von Chartres sich dadurch empfindlich beleidiget fühlte. Sie unterließ nichts, dem Kardinal zu zeigen, daß er nichts zu fürchten, daß sie an diese Verbindung nie gedacht hätte. Der Vidame that dasselbe, und fühlte das Benehmen des Cardinals noch tiefer, weil er von seinen Ursachen noch besser unterichtet war.

Der Prinz von Cleves hatte seine Neigung eben so wenig geheim gehalten, als der Chevalier von Guise. Sein Vater sah ihm mit Unwillen zu; indessen glaubte er nur Eines Worts bey seinem Sohne zu bedürfen, um ihn anderes Sinnes zu machen. Desto mehr erstaunte er, als er diesen gefaßt und entschlossen fand, dem Fräulein von Chartres seine Hand anzubiethen. Er mißbilligte diesen Plan, ward warm und heftig, und barg dieß so wenig, daß die Ursachen davon bald bey Hofe bekannt wurden und selbst vor die Frau von Chartres kamen. Es war ihr nicht zweifelhaft, daß diese Heirath Vortheile für seinen Sohn gehabt haben würde, und sie erstaunte, daß die Häuser Cleves und Guise sich gegen eine Verbindung erklärten, die ihnen wünschenswerth seyn mußte. Der Verdruß darüber drang sie, auf eine Partie für ihre Tochter zu denken, die sie über die empor hob, die sich über sie empor dünken. Ihre Wahl blieb endlich bey dem Prinzen Dauphin, dem Sohn des Herrzogs von Montpensier, stehen. Er konnte heirathen, und war ohne Zweifel die glänzendste Partie bey Hofe. Da Frau von Chartres großen Verstand besaß und von dem mächtigen Credit des Vidame unterstützt wurde, so hatte ihr feines Benehmen glücklichen Erfolg. Der Prinz Dauphin schien diese Verbindung zu wünschen, und es schienen nun weiter keine Schwierigkeiten im Wege zu seyn.

Der Vidame von Chartres ließ den Herrn von Unwille, der beym Könige viel, und bey dem Prinzen von Montpensier alles galt, durch die Königinn Dauphine gewinnen, für welche er eine heftige Leidenschaft nährte. Er war entzückt, daß sie ihn in einer Sache, die sie lebhaft zu wünschen schien, brauchen wollte, und versprach ihr seine ganze Thätigkeit. Aber die Herzoginn von Valentinois hatte schon Nachricht von dieser zu stiftenden Vermählung gehabt, hatte sorgfältig dagegen gearbeitet und den König so dawider gewonnen, daß er dem Herrn von Anville auf seinen Vortrag erklärte: er mißbillige diese Verbindung und befehle ihm, dem Prinzen von Montpensier dieß zu sagen.

Man kann denken, daß Frau von Chartres unendlich litt, einen Plan gescheitert zu sehen, der sie, wenn er geglückt wäre, über alle ihre Feinde erhoben hätte, ihnen jetzt aber, da er mißglückte, so große Vortheile über sie gab.

Niemand wagte es mehr, an Fräulein von Chartres zu denken. Man fürchtete, entweder dem Könige zu mißfallen, oder von ihr abgewiesen zu werden, nachdem sie zur Hand eines Prinzen Hoffnung gehabt hätte. Aber dem Prinzen von Cleves stand keine von diesen Betrachtungen im Wege. Durch den Tod seines Vaters, ward er um diese Zeit Meister seines Willens, und sobald die Trauer nach den Regeln des Wohlstandes vorüber war, dacht' er eifrigst auf Mittel, sich die Hand des Fräuleins von Chartres zu verschaffen. Er freute sich, daß er ihr seinen Antrag gerade zu einer Zeit thun konnte, wo jener Vorfall alle übrigen Mitbewerber entfernt hatte, und wo er fast gewiß war, daß man sie ihm nicht verweigern würde; aber diese Freude ward durch die Besorgniß gestört, daß ihr Herz nicht für ihn spräche, und gern hätte er die Gewißheit, ihre Hand ohne ihr Herz zu bekommen, für das Glück ihr zu gefallen hingegeben.

Der Chevalier von Guise hatte ihm eine Art von Eifersucht erweckt; da sie aber mehr aus der Kenntniß der großen Vorzüge desselben, als aus dem Benehmen des Fräuleins von Chartres gegen ihn, entstanden war: so dacht' er einzig darauf, zu erforschen, ob er das Glück hätte, daß sie seine Absichten auf sie billigte. Er sah sie immer nur bey den Königinnen oder in den Assembleen, und es war schwer, eine besondere Unterredung mit ihr zu haben. Aber er fand doch Mittel, ihr seine Absichten und sein Herz zu entdecken. Er drang voll Ehrfurcht in sie, ihm zu sagen, was sie für ihn empfände, und betheuerte ihr: seine Gefühle für sie wären von der Art, daß sie ihn auf immer unglücklich machen würden, wenn sie nur aus Pflicht sich dem Verlangen ihrer Mutter nicht widersetzte.

Fräulein von Chartres hatte ein gutes und edles Herz. Das Benehmen des Prinzen erfüllte sie mit wahrer Erkenntlichkeit, und diese gab ihrer Antwort einen gewissen sanften, und gütigen Ton, der hinreichte, einem Manne mit so viel Liebe im Herzen sehr angenehme Hoffnungen zu erwecken. Sie theilte ihrer Mutter diesen Auftritt mit, und diese sagte ihr: sie fände so viel Glanz und große Vorzüge an dem Prinzen, und er entwickelte so viel Erfahrung und Klugheit für seine Jahre, daß sie mit Freuden einwilligen würde, wenn sie Neigung fühlte, sich mit ihm zu verbinden. Fräulein von Chartres erwiederte: daß sie dieselben Vorzüge an dem Prinzen bemerkte, und daß sie lieber ihm als jedem andern ihre Hand geben würde, daß sie aber keinen besondern herzlichen Zug für ihn fühlte.

Den folgenden Tag ließ der Prinz der Frau von Chartres seinen Antrag thun. Sie nahm ihn an und fürchtete nichts, daß sie ihre Tochter einem Manne gab, den sie nicht liebte. Der Ehevertrag war geschlossen, man benachrichtigte den König davon und die Vermählung ward erklärt.

Der Prinz von Cleves war glücklich, aber nicht ganz zufrieden. Er sahe mit Unruhe, daß die Empfindungen des Fräuleins für ihn, Achtung und Erkenntlichkeit blieben, und er konnte sich nicht schmeicheln, daß sie anziehendere verbärge, weil sie bey dem Verhältnisse, worin sie jetzt standen, dieselben kund geben konnte, ohne ihrer ausserordentlichen Sittsamkeit untreu zu werden. Er beklagte sich fast täglich gegen sie darüber.

„Sie fühlen für mich nur eine Art von Gefälligkeit,“ sagte er zu ihr: „die für mein Herz nicht genug ist. Sie zeigen weder Unruhe, noch Ungeduld, noch Verlangen. Meine Liebe wirkt nur so auf Sie, als eine Anhänglichkeit wirken würde, die sich nur auf Ihr Vermögen und nicht auf Ihr persönlichen Vorzüge gründete.“

Ihre Klagen sind ungerecht, erwiederte sie: Ich weiß nicht, was Sie über das, was ich thue, noch zu wünschen haben, und es scheint mir, daß der Wohlstand mir nicht erlaubt, mehr zu thun.

,,Es ist wahr,“ versetzte er: „Sie lassen mich etwas vermuthen, das mich ganz zufrieden machen könnte, wenn es wirklich da wäre. Der Wohlstand hält Sie nicht zurück, vielmehr ist er es, der Sie bestimmt, das für mich zu thun, was Sie thun. Ich habe weder Ihre Neigung noch Ihre Liebe gewonnen, und meine Gegenwart macht Ihnen weder Freude noch Unruhe.“

Sie können unmöglich zweifeln, sagte sie: daß ich mich nicht freuete, wenn ich Sie sehe, und ich werde bey Ihrem Anblicke so oft roth, daß Sie wohl eben so wenig ungewiß seyn können, ob mich Ihre Gegenwart unruhig macht oder nicht.

„Ich erkläre mir Ihr Erröthen richtig,“ erwiderte er: „es entsteht aus einer Regung Ihrer Sittsamkeit und nicht Ihres Herzens, und ich ziehe nur den Vortheil daraus, den ich daraus ziehen muß.“

Fräulein von Chartres wußte nicht, was sie hierauf antworten sollte. Diese feine Unterscheidungsart ging über ihre Kenntnisse und Erfahrung. Der Prinz sah klar genug, daß sie nicht genug zu seiner Befriedigung für ihn fühlte, da sie nicht einmahl zu begreifen schien, was diese für ihren Genuß verlangte.

Der Chevalier von Guise kam wenige Tage vor der Hochzeit von einer Reise zurück. Er hatte gegen seinen Plan zu einer Verbindung mit dem Fräulein von Chartres sich so viel Hindernisse häufen sehen, daß er dessen Ausführung nicht hoffen konnte; dennoch schmerzt' es ihn empfindlich, sie in den Armen eines Andern zu sehen, und dieser Schmerz konnte seine Liebe nicht unterdrücken. Dem Fräulein von Chartres waren seine Gefühle für sie nicht unbekannt geblieben. Er ließ es sie wissen, als er zurückkam, daß sie die Veranlassung zu der Schwermuth wäre, die sich in seinem Wesen zeigte, und er hatte so große Verdienste und gesellschaftliche Vorzüge, daß es schwer war, ihm Schmerz zu erwecken, ohne Mitleid für ihn zu fühlen. Dieß fühlte sie auch, aber zu andern Empfindungen führte es sie nicht. Sie entdeckte ihrer Mutter, wie leid ihr die Unruhe des Chevaliers thäte.

Frau von Chartres bewunderte die Offenherzigkeit ihrer Tochter, und mit Recht: nie muß sie ein Mädchen so ungekünstelt und in dem Grade besessen haben; aber eben so sehr wunderte es sie, daß ihr Herz seine Freyheit behauptete, um so mehr, da sie wohl sahe, daß der Prinz von Cleves eben so wenig auf sie gewirkt hatte, als alle übrige. Deßhalb suchte sie mit großer Sorgfalt sie an ihren Gemahl zu knüpfen und ihr begreiflich zu machen, daß sie ihm viel schuldig wäre, da er sie, noch ohne sie zu kennen, geliebt, und sie allen übrigen Partien vorgezogen hätte, zu einer Zeit, wo niemand an sie zu denken wagte.

Die Heirath ward vollzogen. Die Trauung geschah im Louvre. Der König und die Königinn kamen mit dem ganzen Hofe zum Souper bey der Frau von Chartres, die sie mit außerordentlicher Pracht bewirthete. Der Chevalier konnte sich, ohne aufzufallen, dem Feste nicht entziehen; aber er war seiner Schwermuth so wenig Meister, daß sie ohne Mühe bemerkt werden konnte.

Der Prinz von Cleves fand nicht, daß seine Gemahlinn mit dem Nahmen auch ihre Gefühle verändert hätte. Als Gemahl erhielt er große Rechte über sie; aber in ihrem Herzen keine andere Stelle. Daher kam es, daß der Gemahl Liebhaber blieb: Immer blieb ihm noch etwas über ihren Besitz hinaus zu wünschen übrig, und so vollkommen gut sie auch mit ihm lebte, war er doch nicht ganz glücklich. Er behielt eine heftige und unruhige Leidenschaft für sie, die seine Freude trübte. Eifersucht hatte keinen Theil daran: denn nie muß ein Mann so wenig gestimmt gewesen seyn, sie zu fassen, und ein Weib, sie zu erwecken. Und doch war mitten am Hofe Gefahr für sie. Sie war alle Tage bey den Königinnen und bey der Schwester des Königes; alles, was jung, liebenswürdig und eroberungssüchtig war, kam zu ihr, oder fand sie bey dem Herzoge von Nevers, ihres Mannes Bruder, dessen Haus jedermann offen stand. Aber in ihrem Wesen lag so viel ehrfurchterweckendes und so viel Abneigung gegen Liebschaften, daß selbst der Marschall von Saint-Andre, der als Günstling des Königs sehr unternehmend war, die Wirkung, die sie auf ihn gethan, nur durch Aufmerksamkeit und Diensteifer kund zu geben wagte. Vielen andern ging es wie ihm. Frau von Chanres wachte, neben dem vorsichtigen Benehmen ihrer Tochter, noch über die mindesten Regeln des Wohlstandes so genau, daß eine Annäherung an sie vollends unmöglich schien.

Während dieß am Hofe vorging, war der Herzog von Nemours zu Brüssel und mit einem großen Plane beschäftigt. Der Graf von Randan, der vom Könige nach England gesandt worden war, um der Königinn Elisabeth wegen ihrer Thronbesteigung in seinem Nahmen Glück zu wünschen, hatte unter andern die Beobachtung von daher zurückgebracht, daß die neue Königinn, neben ihrer genauen Kenntniß von dem Systeme des französischen Hofes, von dem Rufe des Herzogs von Nemours so voll gewesen, und so oft von ihm gesprochen habe, daß er alles über sie vermögen, und daß er wohl gar ihr Gemahl werden könnte. Der König sprach noch den ersten Abend mit dem Herzoge darüber, und ließ ihm von dem Grafen von Randan alles erzählen. Er glaubte, der König scherzte, als er aber das Gegentheil sah, sagte er: Wenn ich mich, um Ew. Majestät zu gehorchen und zu dienen, mit diesem abenteuerlichen Unternehmen befasse, so bitte ich Sie, es so lange geheim zu halten, bis der Erfolg mich rechtfertigt. Ich möchte ungern so eitel scheinen, daß ich mir einbilden könnte, eine reitzende Königinn, die mich nie gesehen, könnte mich aus Liebe heirathen wollen. — Der König versprach es ihm, und der Graf von Randan gab ihm den Rath, nach England überzusetzen, unter dem ungekünstelten Vorwande, daß er reiste; aber dazu konnte sich der Herzog nicht entschließen. Er schickte seinen Liebling Lignerolles, einen jungen fähigen Mann, nach England, um die Königinn auszuforschen, und eine Verbindung anzuknüpfen, während er nach Brüssel reiste, um den Herzog von Savoyen, der mit dem Könige von Spanien dort war, zu besuchen. Hier empfing er Couriere aus England, und sandte dergleichen dahin. Seine Hoffnung stieg mit jedem Tage, und endlich meldete ihm Lignerolles, daß es nun Zeit sey, durch seine Gegenwart zu vollenden, was so glücklich angefangen wäre. Diese Nachricht machte ihm so große Freude, als sie ein junger ehrgeiziger Mann fühlen mußte, der sich durch seinen bloßen Ruf zu einem Throne geführt sieht. Sein Geist hatte sich allmählig an die Vorstellung dieses hohen Glückes gewöhnt, und was er vorher als unausführbar verwarf, hatte sich mit seiner Einbildungskraft zuerst, und als diese die Hindernisse überschleyert hatte, auch mit seinem Verstande zu vereinigen gewußt.

Er schickte ohne Aufschub einen Courier nach Paris, um einen prächtigen Wagen zu bestellen, damit er in einem Glanze in London erschiene, der seinem großen Plane angemessen wäre; und er selbst eilte, nach Hofe zu kommen, um dem Beylager des Herzogs von Lothringen mit der zweyten Tochter des Königs beyzuwohnen. Er kam den Tag vor dem Verlöbniß an, berichtete noch denselben Abend dem Könige, wie es mit seinem Vorhaben stände, und bath um Rath und Befehle in Absicht dessen, was noch zu thun wäre. Darauf verfügte er sich zu den Königinnen. Die Prinzessinn von Cleves war nicht zugegen, sie sah ihn also nicht, und erfuhr nicht einmahl, daß er angekommen war. Alles hatte ihr den Herzog von Nemours als den schönsten und angenehmsten Mann bey Hofe geschildert, und besonders hatte ihn die Königinn Dauphine ihr mit solchen Farben gemahlt, und so oft von ihm gesprochen, daß sich Neugier und sogar Ungeduld in ihr regten, ihn zu sehen.

Sie blieb den ganzen Tag des Verlobnisses zu Hause, um sich zu dem Ball anzukleiden, der den Abend im Louvre nach einem Feste gegeben werden sollte, und als sie erschien, bewunderte man allgemein ihre Schönheit und ihren geschmackvollen Anzug. Der Ball nahm seinen Anfang. Sie war mit dem Chevalier von Guise im Tanzen begriffen, als nach dem Eingange des Saales zu, ein Geräusch entstand, wie wenn jemand käme, dem man Platz machte. Der Tanz war vorbey und die Prinzessinn im Begriff, einen Tänzer für sich auszuzeichnen, als ihr der König zurief, den zu nehmen, der so eben ankäme. Sie sah sich um, und erblickte einen Mann, der ihrer Vermuthung nach kein andrer seyn konnte, als der Herzog von Nemours. Er schritt über einige Stühle, um zum Tanzplatze zu kommen.

Es war schwer, durch den herrlichen Bau des Herzogs, wenn man ihn zum erstenmahl sah, nicht überrascht zu werden, besonders diesen Abend, wo ein sorgfältig gewählter Anzug den natürlichen Schimmer seines Wesens verstärkte; aber eben so schwer war es, die Prinzessinn von Cleves das erstemahl zu sehen, ohne von Bewunderung übermannt zu werden.

Der Herzog ward durch ihre Schönheit im äußersten Grade überrascht, und als er ihr näher kam, und sie ihm die Verneigung machte, konnte er einen lauten Ausbruch seiner Bewunderung nicht zurückhalten. Als sie anfingen zu tanzen, lief durch den ganzen Saal ein halblautes Gemurmel von Lobsprüchen. Der König und die Königinnen erinnerten sich, daß sich beyde nie gesehen hätten, und fanden etwas sonderbares darin, daß sie mit einander tanzten, ohne sich zu kennen. Sie riefen sie zu sich, als der Tanz geendigt war, ließen ihnen nicht Zeit, vorher jemand zu sprechen, und fragten sie: ob sie nicht gern wissen möchten, wer sie wären, und ob sie es nicht erriethen?

„Ich weiß es,“ erwiederte der Herzog: „aber die Prinzessinn, von Cleves hat nicht gleiche Gründe zu errathen, wer ich bin. also wünscht' ich, Ew. Maj. sagten ihr meinen Nahmen.“

„Ich glaube,“ versetzte die Königinn Dauphine: „sie weiß Ihren Nahmen so gut, als Sie den ihrigen.“ —

„Ich gestehe Ew. Maj.,“ sagte die Prinzessinn von Cleves, und schien ein wenig verlegen: „daß ich nicht so gut rathen kann, als Sie denken.“

„Sie rathen sehr gut,“ erwiederte die Königinn Dauphine: „Es liegt sogar etwas Verbindliches für den Herzog darin, nicht gestehen zu wollen, daß Sie ihn kennen, ohne ihn gesehen zu haben.“

Die Königinn unterbrach sie, um den Ball fortzusetzen. Der Herzog forderte die Königinn Dauphine auf. Sie war vollkommen schön, und hatte es dem Herzoge vor seiner Abreise nach Flandern geschienen; aber die Prinzessinn von Cleves hielt den ganzen Abend seine Bewunderung gefesselt.

Der Chevalier von Guise, der sie immer noch heftig liebte, war bey jenem Auftritt an ihrer Seite gewesen, und hatte ihn mit peinlicher Unruhe angesehen. Er glaubte, ihn für ein Vorzeichen halten zu müssen, daß das Schicksal den Herzog bestimmt hätte, Liebe für sie zu fassen; und sey es, daß er eine Verstörtheit in ihrem Gesichte bemerkt hatte, oder daß ihn die Eifersucht mehr sehen ließ, als zu sehen war; er glaubte, der Anblick des Herzogs habe auf sie gewirkt, und er konnte sich nicht enthalten, ihr zu sagen: der Herzog sey sehr glücklich, ihr unter Umständen bekannt geworden zu seyn, die so viel romantisches und ungewöhnliches hätten.

Die Prinzessinn war, als sie nach Hause kam, noch so sehr mit dem beschäftigt, was auf dem Ball vorgefallen war, daß sie, so spät es auch war, noch in das Zimmer ihrer Mutter ging, um es ihr zu erzählen. Sie lobte dabey den Herzog mit einem gewissen Wesen, das ihre Mutter auf eben den Gedanken brachte, den der Chevalier von Guise geäußert hatte.

Den Tag darauf war Beylager. Die Prinzessinn sah den Herzog wieder. Sein Wesen war ganz Grazie. Sie ward dadurch noch stärker als gestern überrascht.

Die folgenden Tage sah sie ihn bey der Königinn Dauphine, sah sie ihn mit dem Könige Ball spielen, sah sie ihn beym Ringelrennen, hörte sie ihn sprechen: und beständig sah und hörte sie, daß er alle übrige weit hinter sich zurückließ, daß er überall, wo er war, durch seinen Verstand und durch sein Aeußeres die Conversation an sich zog. In wenig Zeit hatte er einen großen Eindruck auf sie gemacht.

Gewiß ist es aber auch, daß der unwiederstehliche Zug, den der Herzog für sie fühlte, ihm jene Lebhaftigkeit und jenes anziehende Wesen gab, welche die Vorbothen des Wunsches zu gefallen sind, und die ihn liebenswürdiger machten, als er je gewesen war; und da sie einander oft und wechselsweise eins in dem andern das Vollkommenste am Hofe sahen, so war es kein Wunder, wenn sie einander bald unendlich gefielen.

Der Herzog verlor allen Geschmack an seinen vorigen Liebschaften, erinnerte sich ihrer nicht einmahl, ob er sie gleich während seiner Abwesenheit fortgeführt hatte, und gab sich nicht die Mühe, Ursachen zum Bruche zu suchen, und Vorwürfe und Klagen anzuhören. Die Königinn Dauphine, die ehemahls stark auf ihn gewirkt hatte, konnte sich gegen die Prinzessinn von Cleves nicht behaupten, sogar seine Reise nach England lag ihm nicht mehr so stark am Herzen, und er betrieb die Vorkehrungen dazu nicht mehr mit dem Eifer, als vorher. Er kam oft zur Königinn Dauphine: weil die Prinzessinn von Cleves oft bey ihr war, und er sah es nicht ungern, daß man sich in den Vermuthungen in Absicht seiner Gefühle für die Königinn bestärkte. Die Prinzessinn schien ihm so großer Aufopferung werth, daß er ihr lieber seine Liebe nicht kund geben, als es wagen wollte, sie dem Publicum kund werden zu lassen. Nicht einmahl dem Vidame von Chartres sagte er etwas davon, der sein vertrautester Freund war, und dem er sonst nichts geheim hielt. Er benahm sich mit so viel Vorsicht, und gab so sorgfältig Acht auf sich, daß niemand seine Liebe ahndete, ausgenommen der Chevalier von Guise; und die Prinzessinn von Cleves selbst würde Mühe gehabt haben, sie zu bemerken, wenn die Neigung, die sie selbst für ihn fühlte, sie nicht gedrungen hätte, auf sein Wesen genau Acht zu geben. Es war ihr nicht zweifelhaft, daß er sie liebte.

Es ward ihr nicht so leicht, ihrer Mutter zu entdecken, was sie von den Gefühlen des Herzogs hielte, als es ihr bey ihren andern Liebhabern geworden war. Sie hatte sich nicht ausdrücklich vorgenommen, es zu verschweigen, aber sie sprach nicht mit ihr davon, Ihre Mutter bemerkte es nur zu gut, und eben so gut die Gefühle ihrer Tochter für ihn. Diese Entdeckung machte sie sehr unruhig, weil sie die Gefahr einsahe, die sie lief, von einem Manne wie der Herzog geliebt zu werden, und selbst Neigung für ihn zu fühlen. Daß letzteres so sey, davon überzeugte sie vollends ein Vorfall, der einige Tage nachher sich zutrug.

Der Marschall von Saint-Andre, der jede Gelegenheit ergriff, Pracht und Schimmer zu zeigen, bat den König und die Königinnen zu einem Souper in seinem neuen Hotel, das vor kurzem fertig geworden war, unter dem Vorwand, es ihnen zu zeigen. Es war ihm lieb, auch zugleich die Prinzessinn von Cleves diesen Aufwand, der bis zur Verschwendung ging, sehen zu lassen.

Einige Tage vor dem Souper hatte sich der König Dauphin, dessen Gesundheit überhaupt nicht die stärkste war, nicht wohl befunden, und niemand vor sich gelassen. Seine Gemahlinn war den ganzen Tag bey ihm gewesen. Den Abend, als er sich besser befand, ließ er alles herein, was in seinem Vorzimmer war, und die Königinn entfernte sich. Sie fand in ihrem Zimmer die Prinzessinn von Cleves und einige andere Damen, die sie am liebsten um sich sah. Es war schon ziemlich spät, und da sie nicht angekleidet war, ging sie nicht zur Königinn, und ließ sagen, daß sie für niemand sichtbar sey. Sie befahl, ihre Diamanten zu bringen, um für sich zu dem Ball des Marschalls zu wählen, und der Prinzessinn von Cleves davon zu geben. Sie waren noch darüber beschäftigt, als der Prinz von Conde erschien, dem alle Thüren offen standen. Die Königinn Dauphine sagte, er käme wahrscheinlich von ihrem Gemahl, und fragte ihn, was man dort vornähme.

Man streitet sich mit dem Herzog von Nemours,“ erwiederte der Prinz: „und er vertheidigt seine Behauptung mit solch einer Wärme, daß sie ihn angehen muß. Ich glaube, er hat eine Geliebte, die ihm Unruhe erweckt, wenn sie auf einen Ball geht, sonst würde er nicht behaupten, daß es für einen Liebhaber höchst quälend sey, auf einem Ball zu sehen, was man liebt.“

„Sonderbar!“ sagte die Königinn Dauphine: „Der Herzog will nicht, daß seine Geliebte auf einen Ball gehen soll? Ich habe wohl geglaubt, daß ein Gemahl etwas dagegen haben könnte! aber einem Liebhaber hätte ich diesen Gedanken nicht zugetrauet.“

„Und doch,“ erwiederte der Prinz: „findet der Herzog, daß ein Ball unerträglich für einen Liebhaber sey, er mag Gegenliebe haben oder nicht. Wird er geliebt, sagt er so hat er den Verdruß, sich einige Tage hindurch weniger geliebt zu wissen, und es gäbe kein weibliches Wesen, behauptet er, das die tiefe Beschäftigung mit ihrem Putze nicht verhinderte, an ihren Liebhaber zu denken, und tief beschäftigt wären sie alle damit; die Sorgfalt, die sie auf den Anzug wendeten, wäre für jedermann und nicht bloß für ihren Liebhaber; wenn sie auf einem Ball wären, wollten sie allen gefallen, die sie sähen, und wenn sie mit ihrer Schönheit zufrieden wären, hätten sie eine Freude, wovon dem Liebhaber nur der kleinste Theil zufiele. Würde man nicht geliebt, sagt er, so litte man noch mehr, wenn man seine Geliebte in großer Gesellschaft sähe. Je mehr sie bewundert würde, desto unglücklicher fühlte man sich, nicht von ihr geliebt zu seyn, und man fürchtete beständig, daß ihre Schönheit eine glücklichere Liebe entstammen möchte. Genug, er behauptet, nur die Qual, seine Geliebte auf einem Ball zu wissen, und nicht darauf seyn zu können, sey mit der Qual zu vergleichen, sie auf einem Ball zu sehen.“

Die Prinzessinn von Cleves that, als ob sie nicht auf das hörte, was der Prinz von Conde sagte, aber sie verlor kein Wort davon. Sie errieth ohne Mühe, wie vielen Theil sie an der Behauptung des Herzogs hatte, besonders an der, daß es sehr quälend sey, seine Geliebte auf einem Ball zu wissen, wo man nicht wäre; denn er konnte nicht auf dem Ball des Marschalls seyn, weil ihn der König dem Herzog von Ferrara entgegen schicken wollte.

Die Königinn Dauphine lachte mit dem Prinzen von Conde über die Meinung des Herzogs.

„Es ist nur Ein Fall,“ fuhr der Prinz fort: „wo der Herzog nichts dagegen hat, daß seine Angebethete auf einen Ball geht.“ —

„Und dieser wäre?“ sagte die Königinn Dauphine.

„Wenn er selbst den Ball gäbe,“ fuhr der Prinz fort: „Er sagte, als er voriges Jahr Ew. Majestät einen gegeben, hätt' ers für eine große Gunst aufgenommen, daß seine Geliebte gekommen wäre, wenn sie auch nur Sie zu begleiten geschienen hätte; denn Theil an einem Feste nehmen, das der Liebhaber gäbe, wäre große Wohlthat für ihn.“

„Der Herzog hat Recht,“ erwiederte die Königinn Dauphine lächelnd: „Er konnte es sich lieb seyn lassen, daß seine Angebethete auf seinen Ball kam, damahls gab er einer so großen Menge von Weibern diesen Nahmen, daß niemand auf seinem Ball gewesen wäre, wenn sie sich nicht eingefunden hätten.“

Der Prinz von Conde hatte kaum angefangen, von der Meinung des Herzogs über den Ball zu erzählen, als sich die Prinzessinn von Cleves stark versucht fühlte, nicht auf den Ball des Marschalls zu gehen. Sie machte den Grundsatz, daß man nicht zu einem Feste gehen müßte, das ein Liebhaber gäbe, bald zu ihrem, und es war ihr lieb, aus strengen Grundsätzen einen Schritt nicht zu thun, der eine Gunst für den Herzog gewesen wäre. Indessen nahm sie den Schmuck mit, den ihr die Königinn gegeben hatte, aber noch denselben Abend, als sie ihn ihrer Mutter zeigte, äußerte sie, daß sie nicht Lust hätte, Gebrauch davon zu machen; der Marschall gäbe sich große Mühe, zu zeigen, daß sie ihm nicht gleichgültig wäre, und es wäre ihr klar, daß er die Vermuthung erwecken wollte, als ob sie Theil an dem Feste hätte, welches er dem Könige gäbe; unter dem Vorwande, die Honneurs zu machen, könnte er sich wohl so bedeutend gegen sie benehmen, daß sie ins Gedränge dadurch käme.

Die Frau von Chartres bestritt diesen Gedanken eine Weile als sonderbar; als sie aber ihre Tochter beharrlich fand, fügte sie sich, sagte aber, sie müßte sich krank machen, um einen gültigen Vorwand zu haben. Der Grund, den sie angäbe, würde nicht einleuchten, man müßte sogar vorbauen, daß man ihm nicht einmahl auf die Spur käme. Die Prinzessinn entschloß sich gern, einige Tage das Zimmer zu hüthen, und nicht wohin zu gehen, wo der Herzog von Nemours — nicht war; aber er reiste ab, ohne es zu wissen und ohne sich darüber freuen zu können, daß sie nicht auf den Ball ginge.

Den Tag nach dem Ball kam er zurück und erfuhr, daß sie nicht darauf gewesen sey; da er aber nicht wußte, daß ihr jene Conversation bey dem Könige Dauphin kund geworden, so fiel es ihm nicht ein, daß erst glücklich gewesen wäre, sie davon abzuhalten.

Den folgenden Tag war er bey der Königinn und unterhielt die Königinn Dauphine. Die Frau von Chartres erschien mit ihrer Tochter und beyde traten zu ihr. Die Prinzessinn war mit jener kleinen Nachläßigkeit angezogen, die eine überstandene Krankheit anzukündigen pflegt. „Sie sind so schön,“ sagte die Königinn Dauphine zu ihr: „daß Sie unmöglich krank gewesen seyn können. Mir däucht, der Prinz von Conde hat Sie mit der Behauptung des Herzoge gewonnen und Sie haben nicht auf den Ball des Marschalls gehen wollen, weil Sie ihm sonst viel Wohlthat erwiesen hätten.“ — Die Prinzessinn ward roth, daß die Königinn Dauphine so glücklich gerathen hatte, und daß sie es in Gegenwart des Herzogs äußerte.

Jetzt sah die Frau von Chartres, warum ihre Tochter nicht hatte auf den Ball gehen wollen. Um zu verhindern, daß der Herzog nicht auf gleiche Gedanken käme, nahm sie das Wort mit einer Ernsthaftigkeit, die lautre Wahrheit zu sagen schien. „Ich versichre Ew. Majestät,“ sagte sie: „daß Sie meiner Tochter mehr Ehre anthun, als sie verdient. Sie war in der That krank, aber ich glaube, wenn ich es nicht verhindert hätte, sie hätte Ew. Majestät begleitet und sich so entstellt gezeigt, wie sie war, um die Herrlichkeit des Festes zu sehen.“ — Die Königinn nahm diese Wendung auf Glauben an, und den Herzog schmerzte es, Schein der Wahrheit darin zu sehen. Indessen ließ ihr das Erröthen der Prinzessinn immer noch Grund zu vermuthen, daß die Bemerkung der Königinn Dauphine nicht ganz ohne Wahrheit wäre. Erstere war anfangs unwillig, daß der Herzog Ursache bekam zu glauben, daß er sie vom Balle des Marschalls abgehalten hätte; aber bald darauf fühlte sie eine Regung von Verdruß, daß ihm ihre Mutter diese Ursache ganz genommen hatte.

Die Frau von Chartres hatte ihre Tochter nicht wollen merken lassen, daß sie ihrer Neigung für den Herzog auf der Spur wäre: sie besorgte, sie dadurch zurückhaltend zu machen. Einmahl lenkte sie das Gespräch auf ihn, sagte viel Gutes von ihm, und webte einige entgegengesetzt wirkende Lobsprüche in so fern für ihn ein, daß sie sein kluges Benehmen in Absicht der Liebe rühmte, die er als Zeitvertreib und nicht bindend und ernsthaft behandelte. „Man hat freylich die Vermuthung gewagt,“ sagte sie: „daß er eine heftige Leidenschaft für die Königinn Dauphine fühlte; ich sehe auch, daß er oft zu ihr kommt. Ich rathe dir, so wenig als möglich mit ihm zu sprechen, weil man, bey der Anhänglichkeit der Königinn Dauphine für dich, leicht darauf fallen könnte, dich für ihre Vertraute zu halten, und du weißt, daß dieß keine angenehme Rolle wäre, die man dir zutheilte. Wenn dieser Argwohn lauter würde, rieth' ich dir wohl, etwas seltener zu ihr zu gehen, damit du nicht in ein galantes Abenteuer mit verwickelt würdest.“

Die Prinzessinn von Cleves hatte nie etwas dieser Art von der Königinn Dauphine und dem Herzoge gehört, mithin überraschte sie diese Aeußerung ihrer Mutter dergestalt, und sie glaubte so klar zu sehen, daß sie sich in den Gefühlen des Herzogs unendlich geirrt hätte, daß sie die Farbe veränderte. Ihre Mutter ward es gewahr. Es kam mehr Gesellschaft. Die Prinzessinn entfernte sich und verschloß sich in ihr Zimmer.

Die Aeußerung ihrer Mutter hatte ihr die Augen über ihre Gefühle für den Herzog von Nemours geöffnet und ihr Schmerz darüber war unbeschreiblich. Bis jetzt hatte sie noch nicht gewagt, es sich selbst zu gestehen. Nun sahe sie, daß das, was sie für ihn empfand, das sey, was ihr Gemahl so dringend von ihr verlangt hatte; aber sie fand, daß es sehr beschämend sey, für einen Andern zu empfinden, was einem Gemahl zukäme, der es verdiente. Sie fühlte sich beleidigt und ängstlich zugleich, daß der Herzog sie bey der Königinn Dauphine zum Vorwand nehme, und diese Besorgniß bestimmte sie, ihrer Mutter zu erzählen, was sie ihr noch nicht entdeckt hatte.

In dieser Absicht ging sie den andern Morgen in ihr Zimmer; aber sie fand, daß sie einen Anfall von Fieber hatte, und deßhalb wollte sie ihr nichts sagen. Indessen schien diese Unpäßlichkeit so geringe, daß die Prinzessinn von Cleves den Nachmittag die Königinn Dauphine besuchte. Sie fand sie mit drey andern Damen, die sie vorzüglich lieb hatte, in ihrem Cabinett. „Wir sprechen vom Herzoge von Nemours,“ sagte die Königinn zu ihr: „und wir wundern uns über die Veränderung, die seit seiner Zürückkunft von Brüssel mit ihm vorgegangen ist. Vorher hatte er ein Heer von Weibern, und das war in der That ein Fehler an ihm, denn er behielt alle bey, sie mochten es werth seyn oder nicht. Seit seiner Zurückkunft will er keine von allen kennen, und — genug, er ist ganz verändert. Selbst sein Humor ist es: seine Heiterkeit und Lebhaftigkeit haben sich sehr verringert.“

Die Prinzessinn sagte nichts dazu, und bedachte voll Beschämung, daß sie alles, was man von der Veränderung des Herzogs sagte, seiner Liebe für sie zugeschrieben hätte, wenn sie nicht jetzt den wahren Grund wüßte. Sie fühlte eine Regung von Unwillen gegen die Königinn Dauphine, daß sie verwundert den Grund einer Sache suchte, die ihr genau genug bekannt seyn müßte. Sie konnte sich nicht enthalten, ihr einen Wink darüber zu geben. Als sich die andern Damen entfernen wollten, näherte sie sich ihr und sagte ganz leise: „Was Ew. Maj. jetzt sagten, war das auch für mich gesagt? Und wollen Sie es vor mir geheim halten, daß Sie die Ursache sind, wenn sich der Herzog von Nemours so verändert hat?“ — „Sie sind ungerecht gegen mich,“ erwiederte die Königinn: „Sie wissen daß ich vor Ihnen nichts geheim halte. Es ist wahr, daß mich der Herzog vor seiner Abreise nach Brüssel merken zu lassen schien, daß er etwas für mich fühlte; aber seitdem er zurück ist, scheint er sich nicht einmahl daran zu erinnern. Ich gestehe, daß ich neugierig bin, zu wissen, was ihn so umgestimmt hat. Es wäre ein Wunder, wenn ich es nicht herausbrächte:“ setzte sie hinzu: „der Vidame von Chartres, sein vertrautester Freund, liebt eine Person, bey der ich etwas gelte, und durch diesen Canal will ich mir Auskunft verschaffen.“ — Die Königinn Dauphine sagte dieß mit einem Wesen, das die Prinzessinn von Cleves wahr fand, und sie fühlte, daß sie wider ihren Willen in eine ruhigere und sanftere Stimmung dadurch gesetzt worden war.

Als sie zu ihrer Mutter zurück kam, erfuhr sie, daß es weit schlimmer mit ihr geworden sey. Das Fieber war heftiger geworden, und nahm auch die folgenden Tage so zu, daß es eine gefährliche Krankheit ward. Die Prinzessinn war trostlos, und kam nicht aus dem Zimmer ihrer Mutter weg. Ihr Gemahl war auch ganze Tage dort, weil ihm die Frau von Chartres sehr werth war, weil er verhindern wollte, daß sich seine Gemahlinn dem Schmerze ganz überließe, und weil er sich glücklich fühlte, sie zu sehen. Seine Liebe hatte sich nicht vermindert.

Der Herzog von Nemours, der ihm immer viel freundschaftliche Zuneigung bezeigt hatte, war seit seiner Zurückkunft von Brüssel nicht anders für ihn gestimmt. Unter dem Vorwande, ihn zu besuchen, fand er während der Krankheit der Frau von Chartres einigemahl Gelegenheit, seine Gemahlinn zu sehen. Er wählte sogar solche Stunden, wo er wohl wußte, daß er nicht zu Hause wäre, und um ihn zu erwarten, ging er dann in das Vorzimmer seiner Gemahlinn, wo er immer gute Gesellschaft fand. Die Prinzessinn kam oft dahin und ihre Traurigkeit verminderte ihre Reitze in den Augen des Herzogs nicht. Er zeigte ihr, wie großen Theil er an ihrer Betrübniß nähme, und sprach mit einem so sanften und ehrfurchtsvollen Wesen zu ihr, daß sie sich leicht überzeugte, die Königinn Dauphine sey es nicht, die er im Herzen trüge.

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