Kitabı oku: «Unwetter»
Marijke Schermer
Unwetter
Roman
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Kampa
1
»Nehmen wir dein Auto?«
»Wir sind viel zu spät dran.«
Ihr Mann kommt aus der Küche, im schicken Anzug. Er ist groß und hager und hat ein ausgesprochen schönes Gesicht. Der Topf in seinen Händen und das Geschirrtuch über seiner Schulter zeugen von ganzem Einsatz. Er stellt den Topf auf den Tisch und wirft das Tuch Richtung Büfett, das er um ein Haar verfehlt. Leo lacht mit hohem, klarem Stimmchen. Alicia, das Nachbarsmädchen, das zum Aufpassen da ist, bindet Osip ein Lätzchen um. Sie hat sich in ein paar Wochen vom androgynen Kind zur Jahrmarktsattraktion gewandelt. Wangen und Lippen sind rot angemalt, und sie trägt idiotische Klamotten, die viel zu viel Haut frei lassen. Sie küssen die Kinder zum Abschied, und Emilia muss sich beherrschen, um nicht auch Alicia über den Kopf zu streichen.
»Du fährst. Wir schaffen es.«
Sie prescht die Auffahrt hoch und biegt auf die Straße. Der erste Streckenabschnitt führt über den Deich, durch das wellige Flussdelta, auf einer schmalen Landstraße zwischen Pappeln entlang. Die untergehende Sommersonne hat nicht mehr viel Kraft, und es bläst ein tüchtiger Wind. Auf den Wiesen zu ihrer Rechten stehen Schafe. Wenig später, auf der Autobahn, kann sie richtig schnell fahren, das macht sie gerne. Sie reden nicht viel. Durch das Fenster weht eine Erinnerung an lange Fahrten in den Süden herein, die nackten Beine aus dem Fenster, singend. Kurz vor Amsterdam entspinnt sich eine kleine Diskussion darüber, wie sie am besten zum Leidseplein kommen.
»Wahrscheinlich hast du recht«, sagt sie und fährt so, wie sie es für am besten hält. Sie spekuliert auf einen Parkplatz nah am Theater und hat Glück. Das Lösen eines Parkscheins würde genau die Zeit kosten, die sie nicht mehr haben, beschließen sie. Sie rennen quer über den Platz und werden fast von einem Radfahrer erwischt. Bruch ruft, beim nächsten Mal sollten sie sich ein Hotelzimmer nehmen; für einen Moment kommt der Wunsch in ihnen auf, sie könnten sich vom Stadtleben aufsaugen lassen, statt später, garantiert wieder gehetzt, in die Stille zurückkehren zu müssen.
Sie rennen ins Schauspielhaus, die Treppe zum Rang hinauf. Sie sind die letzten, bevor rundum die Türen geschlossen werden. Er knüllt ihre Mäntel unter seinen Sitz und zwickt sie kurz in die Seite.
Nach dem Applaus, beim Verlassen des Saals, verlieren sie sich aus den Augen. Emilia sucht eine Weile. Bruch wartet weder an der Tür noch oben an der Treppe auf sie. Sie irrt durch die Gänge, schaut auf ihr Handy. Keine Mitteilung. Vermutlich hat Bruch Vincent getroffen, den Regisseur der Aufführung, der ein alter Freund von ihm ist. Im Foyer bestellt sie sich ein Bier. Die Schauspielerin, die die Blanche spielte, hat die ganze biedere Inszenierung gerettet. Jeden Satz von Tennessee Williams machte sie Wort für Wort zur Verkündigung. Ich habe Gott gedankt dafür, dass Sie da waren, denn Sie schienen gütig zu sein – ein Spalt im Felsen der Welt, in dem ich mich verstecken konnte! Sie ließ die innere Verzweiflung hervorbrechen wie eine Woge, der kein Einhalt zu gebieten ist. Für Emilia ist irgendwo an diesem Abend ein Gefühl der Leere aufgeklafft, das sie mit tiefer Bedeutung assoziiert. Es hat sie melancholisch gemacht.
Sie geht auf den Ajax-Balkon hinaus. Er ist so leer und verlassen, dass sie sich fragt, ob es überhaupt gestattet ist, dass sie sich hier aufhält. Aufeinandergetürmte Getränkekisten stehen herum und zwei windschiefe Sonnenschirme. Es hat geregnet. Sie kramt in ihrer Tasche erfolglos nach Zigaretten. Gähnt. Und da packt sie plötzlich jemand von hinten, fasst ihre Schulter mit eisernem Griff. Eine große, warme, leicht nach Kreuzkümmel riechende Hand legt sich über ihr Gesicht und drückt ihr die Augen zu, zwei Finger liegen schräg über ihren Lippen, mit Fingerkuppen, deren Hornhaut spürbar ist. Ihr Rücken stößt an einen massigen Leib. Hinter ihren Augen explodiert etwas. Eine Stichflamme panischer Angst. Gleich darauf schwinden ihr alle Kräfte, ihr Körper wird formlos, und sie sinkt völlig schlapp, ohne den geringsten Fluchtreflex oder irgendeine Gegenwehr, auf die großen, harten, regennassen Betonplatten nieder.
»He, Emilia, was tust du denn?« Verzögert dringt die Stimme durch die rauschende Stille. Es ist Frank, der oft genug an ihrem Esstisch gesessen hat. Ein Spaßvogel, ohne Zweifel, und in der Tat mit diesem an Kreuzkümmel erinnernden Körpergeruch behaftet, wie sie sich nun erinnert, sie hätte ihn daran erkennen können.
»Machst du jetzt Spaß?«, ruft er von oben. Es vergehen bestimmt zwanzig Sekunden, in denen die Nässe von den Fliesen in den Stoff ihrer Kleidung kriecht und in denen sie sich fragt, ob sie ihre Reaktion mit irgendeiner Bemerkung ungeschehen machen könnte. Dann erst findet Emilia Muskeln und Knochen wieder und richtet sich auf.
»Ich wollte dich nicht erschrecken.« Er stammelt noch weiter, dass er sie necken wollte, dass sie raten sollte, wer er ist, das kenne sie doch, oder? Mit seinen borstigen schwarzen Augenbrauen hat er etwas Verwildertes an sich. Er sagt, es sei ein spontaner Impuls gewesen, wie unpassend der war, sei ihm erst aufgegangen, als es schon zu spät gewesen sei. Sie nimmt eine Zigarette von ihm an, lässt sich Feuer geben, inhaliert. Sie rauchen und blicken auf den Platz hinunter, auf die Leute in Ausgehlaune, die zwischen den Straßenbahnen umherwuseln. Emilia fröstelt in ihrer dünnen Bluse.
»Ist ja gemeingefährlich«, sagt sie, »solche Impulse zu haben.«
Er beteuert erneut, dass es ihm leidtue.
Wenn du das noch einmal sagst, denkt Emilia, hau ich dir eine runter.
Im Spiegel sieht sie, wie blass sie ist. Sie stützt sich auf das Waschbecken. Aus ihrem Kehlkopf kriecht die Erinnerung an einen Sommerabend empor, eine Erinnerung, die sie mit Erfolg in einen fernen Winkel ihres Systems verbannt und in den Schlafmodus versetzt hatte. Die Tür hinter ihr öffnet sich und schnatternd kommen sie herein, junge Mädchen. Sie verzieht sich auf eine Toilette, schließt behutsam ab. Dann lässt sie ihre Tasche fallen, fasst sich an den Hals und ringt nach Luft. Anschließend drückt sie die Hände flach auf die kalten Wandkacheln. Sie atmet wieder, aber zu weit oben, zu schnell. Gleich muss sie sich übergeben. Sie setzt sich. Keine Angst, du stirbst nicht, der Atem selbst bringt dich in Atemnot, du bist in Sicherheit, im Heute. Auf der anderen Seite der Tür erörtern die Mädchen die Frage, ob sie noch auf eine Party gehen sollen oder nicht. Ihre Stimmen sind hell und melodiös. Während sie ihnen lauscht, bekommt sie ihren Atem allmählich unter Kontrolle. Sie klatscht sich wieder Blut in die Wangen. Erst als der Toilettenvorraum leer ist, verlässt sie ihre Kabine. Sie geht durch den halbrunden Flur mit den Schauspielerporträts zurück und die weich ausgelegte Treppe hinunter, wo sie auf halber Höhe an Frank vorbeikommt. Er unterhält sich mit jemandem und fasst dabei mit beiden Händen um seinen Schlips wie um eine Rettungsleine. Er zwinkert ihr zu, als teilten sie ein Geheimnis. Im Foyer unten legt jemand Musik auf. Tanzmusik, aber niemand tanzt. Sie holt sich noch ein Bier. Bruch kommt zu ihr und schiebt die Hand unter ihre Bluse auf ihren nackten Rücken.
»Hier bist du! Die ganze Zeit schon? Ich hab dich gesucht.«
»Hier bin ich, Bruch. Hier bin ich schon die ganze Zeit.«
»Lass uns gehen, bevor irgendwer anfängt, Brando zu imitieren.« Er reicht ihr den Mantel, sie leert ihr Glas. Sie gehen hinaus, es regnet wieder.
»An Marlon Brando scheiden sich die Geister«, sagt Bruch unter dem Vordach. »Es gibt Menschen, die ihm nicht widerstehen können, wenn er nach Stella ruft, und es gibt Menschen, die das sehr wohl können.« Sie biegen um die Ecke. Er bleibt vor einem Lokal stehen. Da haben sie früher schon einmal gesessen. Sie weiß noch, dass er damals ein grünes Oberhemd trug. Sie weiß noch, dass sie sich an dem Tag die Haare hatte schneiden lassen, denn sie fasste sich immerzu an den Kopf, um zu fühlen, wie kurz sie waren. Sie weiß noch, wie deutlich sie spürte, dass sie ihn liebte. Sie weiß noch, dass sie ein Glas Wein trank, bevor sie den Schwangerschaftstest, auf den sie kurz davor gepinkelt hatte, unter der Serviette hervorholte. Und dass Bruch weinen musste. Vor Rührung. Da war sie drauf und dran gewesen, ihm alles zu erzählen.
Das Lokal hat sich verändert, wenn sie auch nicht genau sagen könnte, wie, aber die Wand mit Hirschgeweihen und Kuckucksuhren, auf die sie damals blickte, ist noch da. Sie bestellen Wein und lassen sich auf der Sitzbank nieder.
»Wie fandst du’s?«, fragt sie.
»Ich fand’s grässlich. Und du?«
»Es ist ein so unglaublich schönes Stück …«
»Genau! Deswegen!«
»Ich liebe dieses Stück einfach unglaublich.«
»Ja, das sagtest du bereits.«
»Darf ich das denn nur einmal sagen?«
»Nein, aber nach einem Mal weiß ich es.«
»Ja.«
»Es ist also nicht nötig.«
»Übrigens, beim ersten Mal sagte ich, dass es schön ist. Und beim zweiten Mal, dass ich es liebe.«
»Unwesentlicher Unterschied.«
»Was wesentlich anderes. Nicht alles, was ich schön finde, liebe ich.«
»Nein, aber du findest schon alles, was du liebst, schön.«
»Ist das so?«
»Ist das nicht so?«
»Ich weiß nicht. Was ist schön?« Sie hofft, dass er jetzt nicht sagt: Du bist schön. Er sagt gar nichts. Sie denkt an das Spiel, das sie früher immer spielten, wenn sie in einem Lokal saßen. Sie malten sich das Leben der Leute um sie herum aus. Warum haben sie irgendwann damit aufgehört?
»Weißt du noch, wie wir hier gesessen haben? Wie wir hier erfuhren, dass ich Leo erwartete?«
»Das war nicht hier.«
»Doch, das war hier.«
»Nein, nein. Das war nicht hier. Das war auf keinen Fall hier.« Er blickt misstrauisch, als wollte sie diese Erinnerung hinterlistig in jenen Abend einschmuggeln.
»Wo war es denn dann?«
»Weiß ich nicht.«
»Wie kannst du dann wissen, dass es nicht hier war?«
»Das weiß ich einfach. Kann doch sein, oder? He, da ist Vincent. Vin!« Bruch reckt den Arm in die Höhe. Vincent steuert auf sie zu. Er wirft seinen Mantel und seine Taschen und Blumensträuße auf einen Stuhl, während er sich an ihrem Tisch niederlässt, als seien sie hier verabredet und er sei endlich da. Auf seine unverbesserliche Art, mit der er auf vertraut macht, beugt er sich vor.
»Ich bin geflüchtet. Es lässt sich ja doch nichts mehr ändern. Es ist, was es ist. Daran veränderst du nichts mehr. Ich kenne mich. Ich versuche trotzdem noch, den Leuten alles zu erklären, was sie nicht begriffen haben. Morgen in der Zeitung werden sie ohnehin kein gutes Haar an mir lassen. Ich kapier nicht, wieso ich mir das noch antue. Zuerst ist es meine Idee, dann wird es zu meiner Verantwortung, und am Ende ist es meine Schuld. Es sei denn natürlich, alle finden es gut, dann ist es natürlich ihr Verdienst. Schauspieler. Hinterhältige Bande. Warum bin ich nicht einfach Arzt geworden oder sonst was Respektables, so wie du, Bruch. Arzt! Wunderbar! Sinnvoll! Mein Gott! Apropos Ärzte, ich werde demnächst Tschechow machen, in Den Haag. Aber Leute, he! Was ist das lange her! Wie hat es euch gefallen? Ach nein, lasst, sagt lieber nichts. Es sei denn, es ist was Nettes. Für mich das Gleiche, was sie trinken, eine ganze Flasche, bitte. Ich hab dieses Stück echt begriffen, glaubt mir, Blanche und Mitch und Stella und Stanley, die sind hier«, er schlägt sich hart mit der Faust auf die Brust, »in meinem Herzen. Ich bin sie. Ich verstehe sie. Letztlich wollen sie alle das Gefühl haben, dass sie von Bedeutung sind. Letztlich ist alles, was sie antreibt, die Suche nach Liebe. Was uns alle antreibt. Was mich antreibt. Was auch euch antreibt.« Emilia vermeidet es, Bruch anzusehen. Er legt ihr unter dem Tisch die Hand aufs Bein.
»Es war sehr speziell, Vin. Sehr speziell.«
»Ja, nicht, ja, das war es, es war echt speziell. Ich hab Sachen in dem Stück entdeckt, die ich vorher komischerweise nie gesehen habe, Sachen, die andere also auch immer ungenügend rausgearbeitet haben. Wenn du es erst weißt, ist es aber glasklar. Wenn du’s mal weißt, kapierst du nicht, wie du das je übersehen konntest. Emilia, Schatz. Wie geht es dir? Wie hat es dir gefallen?« Bruch zwickt sie ins Bein.
»Blanche war gut.«
»Christine, ja, Christine war gut. Sie hat mich zwar zur Verzweiflung getrieben, die Frau spielt ja nur vor Publikum, bei den Proben macht sie gar nichts, aber heute Abend hat sie alles gegeben, das stimmt, heute Abend war sie gut. Christine ist vielleicht deshalb so gut, weil sie sich in einer ähnlich prekären Lage befindet wie Blanche. Ihr Mann hat sie verlassen, und sie ist allein, und sie ist zu alt, eine Spur zu alt, und das weiß sie. Prost. Schön, mal wieder mit euch zu reden. Endlich mal Menschen, die was Sinniges sagen.«
»Zu alt für was?«
»Zu alt für eine schöne neue, junge Liebe. Eine Frau jenseits der fünfundvierzig sollte es sich dreimal überlegen, bevor sie das, was sie hat, über Bord wirft.«
»Aber er hat doch sie über Bord geworfen, wenn ich das richtig verstanden habe?«
»Lass gut sein, ich erspare euch lieber die ganze Geschichte.« Er kneift die Augen zu und ergänzt in süffisantem Tonfall: »Und ich habe keine Lust auf eine Diskussion über die Frage, ob ich jetzt gerade etwas Frauenfeindliches gesagt habe. Was mich betrifft, ist es eine völlig wertfreie Feststellung. Ich kann nichts dafür, ich sage nur, wie es ist. Das Ende! Wie hat euch das Ende gefallen?« Er gießt die Gläser voll. Sie stoßen an. Bruch gibt ein paar wohlwollende Allgemeinplätze über das Ende von sich, die Vincent allesamt zu seinen Gunsten auslegt, während er den Wein in sich hineinschüttet. Emilia und Bruch erheben sich schließlich, warten darauf, dass Vincent aufhört zu reden, was er nicht tut. Emilia bezahlt die Rechnung. Bruch unterbricht Vincents Redefluss, um sich zu verabschieden. Als sie an der Tür sind, ruft Vincent ihnen nach, dass er bald mal bei ihnen reinschauen werde, wenn er denn je einen Tag frei habe, was verdammt noch mal nie der Fall sei, weil ihn das verflixte Theater immer wieder in die Arena rufe.
Sie gehen schweigend zum Auto. Wenn sie in einer anderen Stimmung wäre, würde Emilia Vincent jetzt nachäffen. Aber dieses Monologisieren von ihm, die Schmierenkomödie, die er aufgeführt hat, war einfach zu deprimierend. Bruch setzt sich ans Steuer und startet den Motor schon, bevor sie die Tür zugemacht hat. Er hat zu viel getrunken, um zu fahren. In der Stille des Wagens, auf Straßen, die immer leerer werden, denkt sie an das Aufeinandertreffen mit Frank. Sie fragt sich, ob Bruch ihn gesehen hat. Sie fragt sich, wo er war, als sie auf der Toilette war. Sie fragt sich, woran er denkt. Er biegt in die Zufahrt zu ihrem Haus ein und macht den Motor aus. Da der Weg abschüssig ist, können sie den Wagen im Leerlauf weiterrollen lassen. Es dauert noch fast eine Minute, bis er zum Stehen kommt.
»Vincent hat so getan, als wäre diese ganze Vergewaltigungsszene seine Erfindung. Eine neue Erkenntnis oder so.«
»Und eigentlich war es nicht mal eine Vergewaltigung.«
»Wie meinst du das?«
»Dass er es inszeniert hat, als machte es irgendwie Spaß.«
»Ja?«
»Das fand ich am schlimmsten.«
»Ich dachte, du fandst es schön.«
»Ich sagte, dass ich das Stück schön finde.«
»Oh.«
»Das Stück. Von Williams.«
»Ja, ja, ja, ich weiß, von wem das Stück ist.«
Als sie die Haustür öffnet, schlägt die Küchentür mit einem lauten Knall zu. Im Kaminofen knistert ein Feuer, und alle Lichter brennen. Auf dem Büfett steht eine angebrochene Flasche Single Malt aus ihrem Geburtsjahr, und ein letzter Rest Eiswürfel schmilzt in der Form vor sich hin. Die Terrassentüren sind offen, und der Vorhang weht wie ein Segel nach draußen. Das Geschirrtuch, das Bruch am früheren Abend Richtung Büfett warf, liegt noch an derselben Stelle auf dem Boden. Alicia ist nirgendwo zu entdecken. Emilia ruft sie. Es kommt keine Antwort.
Diese Küche wurde überstürzt und ungeplant verlassen. Emilia stockt der Atem in der Kehle, und Panik treibt ihr Gänsehaut über den Körper. Sie lässt ihre Tasche und ihren Mantel auf den Küchenfußboden fallen und rennt die Treppe hinauf. Als sie die Tür zu Osips Zimmer aufstößt, sieht sie in dem hineinfallenden Streifen Licht sofort, dass er in seinem Bett liegt. Sie legt eine Hand auf sein Köpfchen, um zu fühlen, ob er lebt. Er gibt einen kleinen Laut von sich. Warm, schlafend, unversehrt, folgert sie, während sie leise die Tür schließt und die Leos öffnet. Das Rechteck seines Betts leuchtet weiß und starr in dem dunklen Zimmer. Keine Decke, keine Stofftiere, kein Leo. Sie schlägt mit der Faust auf den Lichtschalter, und das Licht macht den Anblick des leeren, unordentlichen Zimmers für einen Moment extrem alltäglich. Über den Boden verstreutes Spielzeug, Stifte mit den Verschlusskappen daneben auf dem kleinen Tisch. Aus dem Kleiderschrank hängen Sachen heraus. Auf dem kleinen Sofa liegt eine enthauptete Puppe. Automatisch schaut sie sich kurz nach dem Kopf um, den sie nicht findet. Ein Sammelsurium aus Steinen und Muscheln und Zweigen türmt sich auf der Fensterbank. Die Vorhänge sind nicht zugezogen, das Fenster ist gekippt. In der Spiegelung der Scheibe sieht sie sich selbst, einen Fleck. Sie sollte rufen, denkt sie, während sie stumm das Zimmer verlässt und Bruch die Treppe heraufkommen sieht.
»Was ist denn los? Was tust du?«
»Leo ist weg«, sagt sie.
»Was meinst du mit weg? Wovon sprichst du?«, fragt er, als sie sich auf der Treppe, zurück nach unten, an ihm vorbeischiebt. Sie läuft in die Küche und sinkt neben ihrem Mantel und ihrer Tasche auf die Knie, um das Handy zu suchen. Bei einer Kindesentführung kommt es auf jede Sekunde an, mit jeder Stunde, die jemand nicht gefunden wird, halbieren sich die Chancen auf ein gutes Ende. Warum rennt Bruch nicht in den Garten, warum ruft er nicht, tut er nicht irgendwas? Sie sieht vor sich, wie Leo, in seine Decke gerollt, über eine Schulter geworfen und weggetragen wird. Sie sieht vor sich, wie er geschlagen, gequält, missbraucht wird. Sie sieht verschiedene Szenarien seiner Ermordung vor sich. Sie sieht vor sich, wie seine Leiche in den Fluss geworfen, in einem Erdloch verscharrt, in einen Müllsack gesteckt wird. Durch die offenstehenden Türen, in denen die Vorhänge hin- und hergeschlagen werden, sind Blätter hereingeweht. Emilia kippt ihre Tasche aus – Taschentücher, Tampons, Lutschbonbons, Bleistifte, eine Brotrinde, ein USB-Stick, Haarnadeln, Notizhefte, eine Zeitung, Playmobilfiguren, Geld, Kundenkarten, Zigaretten, Wimperntusche und ein Schnuller.
Warum wohnen sie hier? So gottverlassen weit draußen.
2
Sie entdeckten ständig etwas Neues. Einen dritten und einen vierten Pflaumenbaum, eine Spirale aus Steinen, die irgendwann jemand sorgsam ausgewählt und so dort hingelegt hat, Stachelbeersträucher, ein in den Stamm der Linde geritztes Herz, Rosen, einen ausgetrockneten Brunnen, einen Winkel voller Minze und Melisse, den sie ihre Teeplantage tauften. Sie entdeckten, dass der kleine Hügel hinten kein Hügel war, sondern ein überwucherter Schutthaufen. Wenn etwas reif war, pflückten sie es. Sie machten Mirabellenmarmelade. Kuchenteig, in den sie Pflaumen schütteten, was ein matschiges, rosafarbenes, säuerliches Etwas ergab, das völlig auseinanderfiel. Sie machten Apfelmus und Apfelkuchen. Eine Nachbarin kam vorbei und zeigte ihnen den überall wuchernden Giersch. Bruch entdeckte online, dass Giersch nicht nur eine Plage war, sondern auch etwas, woraus man Suppe oder Pesto machen konnte. Sie waren fest entschlossen: Sie würden nicht die Natur bezwingen, sondern es andersherum machen und sich selbst zähmen lassen.
Der Herbst verwandelte in Windeseile das gesamte Bild des Gartens. Die Aussicht auf weitere Auswirkungen der Jahreszeiten, wie prägend diese hier sein würden, erfüllte sie mit Ehrfurcht. Sie wurden sich bewusst, dass es ewig dauern würde, bis sie hier ganz zu Hause waren. Mit Leo im Tragesack machten sie Spaziergänge über ihr eigenes Grundstück. Achtzig Meter vom Haus entfernt der morsche Steg, der Fluss, der von links nach rechts strömte, immer von links nach rechts, wie eine Gedichtzeile, sagte Bruch an dem Abend, da ihnen das aufgefallen war.
Anfangs hatten sie Wohnzeitschriften gekauft und sich in Küchenstudios umgesehen. Sie hatten Skizzen gemacht und verschiedene Möglichkeiten durchgespielt. Sie wollten Wände durchbrechen, die Treppe versetzen, den Dachboden ausbauen. Doch schon nach einer Woche beschlossen sie, die gelbe Fünfzigerjahreküche einfach so zu lassen, wie sie war. Und in den Wochen darauf ließen sie nach und nach auch alle ihre anderen Vorhaben fallen. Das Haus war genau richtig, mochte es auch noch so veraltet und baufällig sein. Emilias Lieblingsort war vorläufig der Wintergarten. Dessen Fensterscheiben hatten eine kaum wahrnehmbare Verfärbung, wodurch das Licht dort unglaublich war. Emilia lag mit Leo auf dem Bauch in dem warmgelben, staubigen Schein und verschlief ganze Nachmittage.
Bruch würde seine neue Stelle am regionalen Krankenhaus erst Mitte Oktober antreten, und Emilia hatte Babypause. Sie waren praktisch ununterbrochen zusammen. Sie packten Umzugskartons aus. Sie lasen, lagen im Gras, schauten in die Wolken und schwammen im Fluss. Sie betrachteten Leos stilles, ernstes Gesichtchen. Er war wehrlos und schien zugleich mit etwas verbunden zu sein, das außerhalb ihrer Reichweite lag, eine Verbindung, die ihm Autonomie verlieh. Er war ein pflegeleichtes Baby. Wenn er weinte, konnte sie ihn trösten. Er schlief viel und trank problemlos. Während der Schwangerschaft hatte sie eine Abneigung gegen die sich ausstülpende Körperlichkeit gespürt, insbesondere die Öffentlichkeit dieser Transformation. Aber derartige Gedanken über sich selbst hatte sie jetzt nicht mehr, sie war da und sie war nicht da.
Einmal holte sie Bruch einen runter, während sie Leo stillte. Blickte auf Leos kleine Lippen an ihrer Brustwarze und auf das konzentrierte Gesicht Bruchs. Sie war in ein neues Universum gelangt, von der Außenwelt isoliert, eine Intimität von schwindelerregender Tiefe. Es bestand kein Gegensatz zwischen ihrem Körper in seiner Funktion als Ernährer und Beschützer ihres Kindes und als Bestandteil der sexuellen Beziehung zu ihrem Mann, alles floss nahtlos ineinander über. Ihr Glück war ein Rausch, der ihr Dasein ganz wirklich machte und sie selbst zugleich verwischte. Es hatte die Intensität des Verliebtseins, aber weitaus mehr Gewicht und nichts Flatterhaftes. Es war nicht so, dass sie keine Gedanken gehabt hätte. Eher so, als wäre ihre Persönlichkeit abhandengekommen. Sie war Kopf, und sie war Körper, aber es gab kein übergeordnetes Ganzes, keine Verantwortung, kaum Reflexion. Sie war nicht mehr verankert. Bevor sie das erlebte und nachdem es wenig später verging, war es für sie völlig un- denkbar gewesen, dass es so etwas gab und wie schön es war.
Sie kamen auf die Idee, ein Fest zu geben. Mutter und Kind besuchen und Hauseinweihung in einem Aufwasch. Es sollte der krönende Abschluss dieser Phase ohne Verpflichtungen sein und auch den Beginn der neuen Realität markieren. Sie verschickten mit Pflaumenflecken verzierte Einladungen und gaben Herbstlaub in die Kuverts. Sie räumten auf und richteten Betten für Übernachtungsbesuch her. Sie reservierten die drei Zimmer in der örtlichen Pension. Bei den Nachbarn kauften sie Hähnchen, die vor ihren Augen betäubt, geköpft, gerupft, ausgenommen und eingepackt wurden. Sie hängten Lampions im Garten auf.
»Essen wir draußen an einem langen Tisch? Oder ist es zu kalt dafür?«
»Es ist viel zu kalt.«
»Jacob findet garantiert, dass das hier ’ne Ruine ist.«
»Jacob ist selbst ’ne Ruine.«
»Meinst du, dass alle kommen?«
»So gut wie alle.«
»Sollen wir es abblasen?« In der Küche fing Leo an zu schreien.
»Quatsch.«
»Ich gehe einkaufen.«
»Leo schreit.«
Sie nahm Schlüssel und Geldbeutel vom Schrank, ging zur Tür hinaus, stieg ins Auto, ignorierte Bruch, der ihr von der Tür aus nachrief und mit den Armen fuchtelte. Sie fuhr zum Supermarkt. Sie machte Einkäufe. Danach setzte sie sich in ein Café und trank Kaffee. Sie las die Zeitungen, sie las die Prospekte, die auf dem Tisch lagen, sie las die Speisekarte. Als sie sich endlich auf den Heimweg machte, fühlte sie sich krank. Sie fuhr die schmale Landstraße entlang. Die Milch nässte ihre Bluse.
Bruch war sauer. Er hatte sich drei Stunden lang aufgeschmissen gefühlt.
»Er schläft, Bruch.«
»Seit fünf Minuten!«
»Ich weck ihn jetzt.«
»Vor Erschöpfung! Nicht!« Sie machte ihren Oberkörper frei und hob Leo aus seiner Wiege. Er musste ihr Erleichterung verschaffen, denn sie platzte schier. Sie sah, wie Bruch auf sie schaute. Auf das Kind, das mit rotem Kopf seine Mutter fraß. Auf die Mutter, die mit ebenso rotem Kopf und bleichen, nassen Brüsten auf dem Sofa saß und heulte. Es war vorbei: das Zeitloch, das Paradies der Gedankenlosigkeit, die Idylle.
Es kamen rund fünfundzwanzig Leute. Freunde von ihr, Freunde von Bruch. Ihre Kollegen Eddy und Martijn und Josepha. Mascha und Abdul, die einzigen Menschen, die sie gemeinsam kennengelernt hatten, bei einem Spanienurlaub, und die, wie sich dann herausstellte, damals in derselben Straße wohnten. Ihre beiden Brüder waren da. Bruchs Schwester Philippa mit ihren drei Töchtern, die sich schon nach einer Stunde wieder verabschiedete. Seine Eltern, die in ihren feinen Sachen alt und steif aussahen. Sie zeigten in der einsetzenden Dämmerung den Garten und die Aussicht, und wie viel Platz sie hatten. Sie zeigten die Dämmerung selbst.
»Schaut mal«, sagte Bruch, »schaut mal, wie die Farben schwinden, wie sich alles zu einem Kontrast vereinfacht, und wenn kein Mond da ist, sieht man später gar nichts mehr, nicht die Hand vor Augen, Leute, schaut euch das an!«
Sie ließen sie die Stille hören. Die Stille im Garten, zwischen den rauschenden Bäumen und dem glucksenden Wasser und dem Rascheln kleiner Tiere. Bruch zählte die Namen von Bäumen und Pflanzen auf, und Arend, der Mann der Frau mit dem Giersch, verbesserte ihn ständig, bis Bruch schließlich bei allem sagte: »Und das, meine Damen und Herren, das ist also die Kastanie.« Er mimte die städtische Version seiner selbst, die zu ihren städtischen Freunden passte, bei denen die Natur eher als Verschrobenheit galt.
Jemand fragte, was es eigentlich bedeute, wenn man im Deichvorland wohne, wie groß die Wahrscheinlichkeit von Überflutungen sei. Ihr Bruder Jacob nahm die Zigarre aus dem Mund und sagte: »Emilia und Bruch finden Gefallen an diesem Risiko. Hier zu wohnen, dehnt die statische Sicherheit der Familie zu einem zerbrechlicheren und von daher bedeutsameren Glück aus. Es kann jeden Augenblick vorbei sein. Lässt sich auch nicht versichern, also wenn es schiefgeht, und das tut es immer, bleibt nichts als der Kern der Existenz.« Man lachte, doch als sie Jacobs Blick auffing, sah sie die Wut in seinen Augen. Sie hätte in seiner Nähe bleiben sollen. Er betrachtete ihren Wegzug als Verrat. Sie unterdrückte die Anwandlung, sich im hintersten Winkel des Hauses zu verkriechen. Stattdessen machte sie den Champagner auf und schnitt den Birnenkuchen in Stücke. Leo verschlief das alles schön zugedeckt in einem Weidenkorb.
Als die Magie erst einmal gebrochen war, entschwanden jene ersten Wochen in das Reich der Träume. Emilia fiel schnell in Altvertrautes zurück. Obwohl sie nicht das Gefühl gehabt hatte, dass ihr etwas verloren gegangen war, fand sie ganz offensichtlich etwas wieder, etwas Bekanntes, etwas Zwangsläufiges.
3
Hoch über ihr ist die Decke. Im Putz verzweigen sich die Risse wie Flussläufe. Die Sonne strömt ins Zimmer und bildet eine Pfütze auf dem Parkett. Emilia versucht zu erraten, wie spät es ist. Sie vertut sich um eine Stunde. Das Vakuum, in dem man zwar die weiche Wärme des Bettes registriert, aber das Bewusstsein noch nicht wieder zurück ist, hat heute höchstens drei Sekunden angehalten. Dann war ihr alles wieder präsent. Die Jungs. Alicia. Die Aufführung. Frank. Unten hört sie fröhliche Stimmen und das Rennen kleiner Füße. Von weit her weht das Quengeln einer Mähmaschine herein. Emilia kippt sich den kalten Tee, der neben ihrem Bett steht, in die trockene Kehle. Ein Kater ist das körperliche Äquivalent zur Beschämung.
Sie steht auf, zieht eine Strickjacke über, meidet ihren Anblick im Spiegel, verlässt das Zimmer. Die Küche ist aufgeräumt, der Inhalt ihrer Tasche in einer Schale deponiert. Die Whiskyflasche steht wieder oben auf dem Schrank. Obwohl sie diesen Whisky mehr als zehn Jahre lang aufbewahrt hat und er nun wie sie zweiundvierzig Jahre alt ist, hat er nicht besonders gut geschmeckt. Bruch gießt ihr Kaffee ein und fragt mit einem Anflug von Spott in der Stimme, ob es gehe. Sie nickt. Aber er hat sich schon abgewendet. Ja, sagt sie, ja, es geht. Er fragt, ob es okay ist, dass er jetzt gleich schwimmen geht. Natürlich, sagt sie. Sie wünschte, er würde sie in den Arm nehmen. Er läuft die Treppe hinauf. Aus dem Augenwinkel sieht sie Osip, der mit einer kleinen Gießkanne den Fußboden wässert. Leo liegt auf dem Bauch und schaut sich einen Film an. Emilia nimmt die Zeitung vom Tisch, entwindet Osip die Gießkanne und drückt ihm stattdessen einen Keks in die Hand, wirft ein Handtuch auf den nassen Fußboden und setzt sich neben Leo. Nach einem halben Artikel liegt die Zeitung auf dem Boden, Osip sitzt bei ihr auf dem Schoß, und Leo erzählt simultan zum Film, was sich darin abspielt. Durch den Garten läuft Bruch auf den silbrig glitzernden Fluss zu. Er hängt seinen Bademantel über den Pfosten. Taucht ins Wasser. Mit seiner bleichen Haut. Pflügt mit angespannten Muskeln unter der Oberfläche dahin. Warum hat sie ihm nicht von Frank erzählt? Weil es eigenartig und peinlich war und schwer nachzuerzählen. Weil es ihr zur Gewohnheit geworden ist, Dinge nicht zu erzählen. Im ersten Sommer ihrer Beziehung hat sie den Tenor gesetzt, als sie beschloss, ihm nicht zu erzählen, was passiert war. Was passiert ist, macht mich nicht aus, rechtfertigte sie das sich selbst gegenüber, im Gegenteil: Es würde sich vor mich schieben und ihm die Sicht auf mich nehmen. Es ist ein Akt der Autonomie zu entscheiden, ob ein Vorfall eine Rolle in deinem Leben spielen darf oder nicht. Stimmt das? Kann man das als Standpunkt gelten lassen, oder ist das eine Ausflucht? Kann sie das zurücknehmen? Kann man Jahre, nachdem eine Frage gestellt wurde, noch eine Antwort darauf geben? Ihr fallen Gedanken ein, die sie vergessen hatte. Als der Mann ihr mit der Faust ins Gesicht schlug, dachte sie an das eine Mal, da sie als Kind eine Spritze ins Bein bekam. Der Arzt schlug ihr mit der flachen Hand auf den Po, ihre Aufmerksamkeit war abgelenkt, weshalb sie sich entspannte und weniger bewusst spürte, wie kurz darauf die Nadel in ihre Haut drang. Sie hatte sich, so klein sie war, durch diese fadenscheinige Methode hintergangen gefühlt.
Leo erzählt, wie die Figuren in dem Film heißen, und Emilia soll raten, ob sie gut oder böse sind. Das ist leicht, denn man kann an ihrem Aussehen deutlich ablesen, wo sie auf dem ethischen Spektrum angesiedelt sind. Leo lehnt sich an sie und wickelt ihr Haar um seine Händchen. Osip probiert, auf ihren angezogenen Knien zu balancieren, fällt aber immer wieder um, worauf sie ihn kitzelt, bis er kreischt und sich ihrem Griff zu entwinden versucht. Bevor sie Kinder bekam, wusste sie nicht, dass der Kontakt so körperlich sein würde, so sinnlich, so grenzenlos.
Der Faustschlag bleibt ihr im Sinn. Wie oft hatte er sie geschlagen? Sechsmal, zwanzigmal? Mit welchem Schlag brach er ihr den Kiefer? War es überhaupt möglich, es Bruch jetzt noch zu erzählen? Wusste sie noch, wie es abgelaufen war? Ist etwas zwölf Jahre später noch zu rekonstruieren? Das Gesicht, das sie immer und überall wiedererkennen zu können glaubte, ist ihrer Erinnerung entschwunden. Als sie sich bemüht, es sich zu vergegenwärtigen, ähnelt es Franks Gesicht, doch sie ist sich sicher, dass es nicht wirklich Ähnlichkeit damit hatte, dass das einzig und allein mit gestern zu tun hat und ihr Gedächtnis ihr einen dummen Streich spielt, um zu verdeutlichen, wie wenig sie sich darauf verlassen kann.
»Er ist zu Ende.«
»Dann mach mal aus.«
»Ich will noch einen Film gucken.«
»Nein, Leo, mach aus.«
»Aber ich will noch einen Film gucken! Der war ganz kurz.«
»Leo.«
»Bitte. Mama? Mama! Der war echt ganz kurz.«
»Nein.«
»Liest du mir dann was vor?«
»Später.« Leo stampft böse in die Küche.
Alicia sagte, sie sei erpresst worden. Leo wollte im großen Bett schlafen, nicht in seinem eigenen. Sie bat um Entschuldigung. Erpresst, womit?, wollte Emilia fragen, aber Alicia sah sie mit einer solchen Verachtung an, dass sie schwieg. Bruch ließ sich überhaupt nicht mehr blicken. Sie hatte nach Atem ringend inmitten ihres Tascheninhalts gehockt. Zugesehen, wie Alicia ihre Kontonummer auf die Wandtafel schmierte, weil sie nicht erwartete, dass Emilia noch das Portemonnaie zücken würde. Zugesehen, wie sie das Glas, das sie anfangs noch hinter ihrem Rücken versteckt hatte, in aller Seelenruhe austrank, bevor sie es leise in die Spüle stellte.
Osip schläft in der Sofaecke ein. Sie isst das Ei, das vor ihr auf der Anrichte steht, und schält einen Apfel. Bruch ist schon seit einer Stunde weg. Ist das nicht sehr lange, in einem ziemlich kalten Fluss? Sein Bademantel hat den Pfosten in einen Mast mit roter Flagge verwandelt. Leo hockt bei seinen Legosteinen. Sie stellt einen Teller mit dem Apfel neben ihm auf den Boden und breitet eine Decke über Osip. Geht dann in den Garten. Es ist windig und noch kälter, als sie dachte. Sie läuft durch das hohe Gras. Nicht mehr lange, und es wird zu hoch für den Rasenmäher sein, sodass man ihm nur noch mit der Sense beikommt. Als Kind legte sie im großen Garten hinter ihrem Elternhaus immer eine kleine lilafarbene Decke zwischen die mannshohen Brennnesseln, zog Hose und Jacke aus und ließ sich in Unterwäsche zum Lesen nieder, gleichermaßen versteckt und gefangen. Das Rufen ihrer Mutter hörte sie irgendwo weit weg.
Sie zupft an seinem Bademantel. Auf dem Steg stehen seine Slipper. Der Wind wirft lange Wellen mit spitzen Kämmen auf dem grauen Wasser auf. Das Wasser steht hoch. Am anderen Ufer stehen zwei Kühe und beäugen sie. Schwimmt er immer so lange? Schwimmt er zuerst stromaufwärts oder stromabwärts? Sie dreht sich um und geht zurück, vage beunruhigt, aber nicht gewillt, diese Empfindung zuzulassen. Das Haus steht klein und geduckt in der Mitte des Gartens. Unter einer großen Plane auf der einen Seite liegen Baustoffe, Holzbalken und eine Aluleiter. Die Küche, der Ausbau des Dachbodens, schließlich und endlich werden sie das doch alles machen.
Drinnen ist alles beim Alten, ihr Gehen und Kommen sind unbemerkt geblieben. Osip schläft, Leo spielt, den Apfel hat er nicht angerührt. Emilia steht eine Zeitlang regungslos in der Küche. Sie muss etwas gegen das Gefühl tun, das sie erfasst hat. Sie muss zusehen, dass sie sich wieder den normalen, alltäglichen Dingen zuwendet und vergisst, was sie sich zu vergessen vorgenommen hatte.
Unwillkürlich entfährt ihr ein Schrei, als die Türklingel die Stille durchbricht. Wer ist das? Am Sonntagmorgen. Um halb elf. Jemand, der sagt, dass Bruch ertrunken ist? Leo schaut zu ihr herüber. Als Emilia die Hand auf die Klinke legt, um die Tür zum Flur zu öffnen, wird hinter ihr die Terrassentür aufgeschoben. Sie erschrickt erneut. Dreht sich langsam um. Bruch steht mit nassen Haaren und vor Kälte fleckigem Gesicht im Türrahmen. Sie starrt ihn an. Er macht einen Klimmzug am Türsturz.
Es klingelt noch einmal.
»Erwartest du jemanden?«, fragt Emilia.
»Sophie und Douwe, oder nicht? Jetzt schon?« Er schaut auf die Uhr.
»Scheiße. Vergessen.« Sophie ist eine Kollegin von Bruch. Sie und ihr Mann Douwe haben versprochen, beim Abriss des Schuppens hinten im Garten zu helfen.
»Man darf nicht Scheiße sagen«, sagt Leo. »Ich mach auf!«
»Okay. Sag, dass wir gleich kommen.« Und in einem plötzlichen Energieschub schießen Bruch und sie die Treppe hinauf, während Leo zur Haustür läuft. Bruch geht ins Badezimmer und dreht die Dusche auf. Sie geht ins Schlafzimmer. Als sie vor dem Kleiderschrank steht, tritt Bruch hinter sie, fasst sie um die Taille und küsst ihren Nacken. Er schiebt die Hand unter ihr T-Shirt auf ihre Brust. Die Hand ist vom Flusswasser kalt und steif. Emilia stöhnt. »Du stöhnst«, flüstert er ihr ins Ohr. Dann lässt er sie los und verschwindet unter die Dusche. Sie zieht sich langsam an. Im Badezimmer kämmt sie sich die Haare und steckt sie hoch, während der Spiegel beschlägt. Dann geht sie die Treppe hinunter und holt auf den letzten Stufen tief Luft, als wollte sie unter Wasser tauchen.
»Wie seid ihr euch eigentlich begegnet?« Sie stellt die Frage, weil sie sich wünscht, dass man ihr die Gegenfrage stellt, dass man ihre Geschichte hören will.
»Gar nicht.«
»Wir sind uns nicht begegnet.«
»Ich kann mich nicht erinnern, dass Sophie je nicht da war.«
»Seine Schwester hat mit meiner Schwester gespielt.«
»Wir gingen in dieselbe Schule.«
»Ich eine Klasse unter ihm.«
»Wir haben zusammen schwimmen gelernt.«
»Wir spielten draußen mit allen anderen gleichaltrigen Kindern aus dem Dorf.«
»Das waren so etwa zehn, zwölf.«
»Seine Mutter nähte Kleider für meine Puppe.«
»Wir haben uns zum ersten Mal geküsst, als wir fünfzehn oder sechzehn waren, glaube ich.«
»Ja, so in etwa.«
»Aber da waren wir schon zwei Jahre zusammen.«
»Als wir studierten, ich in Leiden, er in Delft, haben wir uns mal für ein Dreivierteljahr getrennt.«
»Hat aber nichts gebracht. Wir haben uns vermisst.«
»Wir fühlten uns amputiert.«
»Ein kleiner Abstecher, um endgültig festzustellen, dass es nichts zu suchen gab.«
»Wir hatten schon alles gefunden.« Wie um ihre Worte noch zu illustrieren, pflückte sie während dieses Duetts Gras von seiner Hose, und er hielt die Hand auf, um die Grashalme entgegenzunehmen und auf den Tisch zu legen. Als wären seine Beine auch ihre Beine. Ihre Hände waren genauso aufeinander eingespielt wie die Rechte und die Linke ein und derselben Person. Ob diese Erprobung eines Lebens ohneeinander, eines Lebens mit anderen, wohl primär sexueller Natur gewesen war, oder ging es dabei auch noch um etwas anderes? Ist das Intimleben von Jugendlieben tiefer und intensiver oder gerade nicht, weil es da kein Geheimnis gibt, keine unbekannte Vergangenheit, keine Kluft, die überbrückt werden muss? Worin liegt eigentlich das Geheimnis? Darin, dass der andere ein Leben hatte, das ihn außerhalb deiner Reichweite geformt hat?
»Und jetzt wohnen wir neben dem Haus, in dem Douwe aufgewachsen ist.«
»In der Straße, in der ihr früher Räuber und Gendarm gespielt habt?«
»Genau.«
»Und eure Kinder?«
»Vierzehn, fünfzehn und siebzehn.«
»Und die haben auch in dieser Straße Räuber und Gendarm gespielt.«
»Oder vielleicht auch was anderes als Räuber und Gendarm.«
Bruch gießt Wein in die Gläser und pflückt nun auch Grashalme von seiner Kleidung. Die Entwicklung eines Kindes zu einem Mann oder zu einer Frau von vierzig kann nicht ohne Um- und Irrwege verlaufen. Oder doch? Ist die Voraussetzung für lebenslange Liebe ein offener Blick? Oder ein stabiler Charakter? Oder eine Art effektiven Desinteresses?
»Und ihr?« Nun führen Bruch und sie ihr kleines Theaterstück auf. Erzählen die Geschichte, die sie, wie jedes Paar, nicht zum ersten Mal und mit eingeschliffenen Formulierungen auftischen. Die gemeinsame Version ihrer Geschichte. Die Geschichte, die eigentlich nichts erzählt. Die Geschichte, welche die Sicht auf den Abgrund verstellt. Emilia trinkt einen Schluck von ihrem Wein. Sophie, Douwe und Bruch haben den ganzen Nachmittag gearbeitet. Sie selbst ist im Haus geblieben und hat versucht, ganz für die Kinder da zu sein. Sie ist mit ihnen in die Badewanne gegangen, sie hat auf dem Dachboden gelesen, während die beiden dort spielten, sie hat gekocht, während hysterische Zeichentrickstimmen durchs Haus schallten. Sie hat gegen die Schläfrigkeit, gegen die lähmende Langeweile dieses Tages angekämpft. Die drei da sehen gesund und aufgeräumt aus. Sie haben Arbeitsklamotten an und Staub in den Haaren. Sie haben Appetit. Sie haben heute etwas zustande gebracht, und wenn es nur ein Haufen Schutt auf einem Anhänger ist.
»Auf einer Party meines Bruders.«
»Aber daran erinnert sie sich nicht.« Gelächter. Immer.
»Beim zweiten Mal, für mich also beim ersten Mal, im Krankenhaus. Ich habe einen Nachbarn hingebracht, der angefahren worden war. Bruch arbeitete dort. Wir begegneten uns zufällig in der Eingangshalle. Kamen ins Gespräch. Gingen in seiner Mittagspause im Park spazieren.«
»Und du warst?«
»Dreißig.«
»Vierunddreißig.«
»Wir trafen uns jeden Tag, aber noch nicht bei uns zu Hause. Wir liefen durch die Stadt, hockten in Kneipen und Straßencafés.«
»Es war ein warmer Sommer.«
»Wir lagen in Parks auf dem Rasen. Wir fuhren mit irgendeiner Straßenbahn bis zur Endhaltestelle und liefen zu Fuß zurück.«
»Wir knutschten an Straßenecken und in Kneipen, und wir liefen und liefen und redeten über alles Mögliche, nichts Großartiges.« Das stimmte. Damals erzählten sie einander noch fast nichts aus ihrem Leben. Sie waren über dreißig, da hatte sich Stoff von einem halben Leben angesammelt. Aber sie lebten nur im Jetzt, so etwa muss es gewesen sein, sie erinnerten sich an keinen Grund mehr, sondern an ein Gefühl von Freiheit und eine Idee von Aktualität. Was sie jetzt von etwas hielten, wie sie es jetzt sahen. Sie waren draußen und ganz für sich. Sie waren die ersten Menschen. Die sommerliche Stadt war ihr Paradies. Sie beschrieben sich gegenseitig, wie sie wohnten. Er hatte eine Wohnung im sechsten Stock. Ein quadratisches Ding, sagte er, drei Zimmer, Küche, Bad um einen breiten Flur. Sie fragte sich, ob diese ganzen Ausweichmanöver bei der Balz womöglich bedeuteten, dass er eine feste Beziehung hatte. Wenn dem so war, dann machte das nichts. Es gab nur ein Ziel, wohin sie ihre Gefühle trieben. Wenn er noch anderweitig gebunden war, brauchte es nur ein kleines bisschen Zeit, um das zu klären, dann war es nur dieses kleine bisschen Zeit, das zwischen ihnen und diesem Ziel stand.
Er erzählte, dass er dort früher mit einer Freundin zusammengewohnt hatte. Vergangenheitsform, aber er sagte nicht, wie lange dieses Früher schon her war. Sie hieß Mariette und lief Marathon, mehr erfuhr sie nicht. Sie weiß noch, wie sie auf seine Hände schaute, auf die langen, schlanken Finger, und dass sie an die Patienten dachte, die er damit anfasste. Sie weiß noch, wie sich seine Hände unter und in ihre Kleidung stahlen und er sie anfasste, gierig, fest und präzise. An jenem letzten Tag der Anfangszeit forderte sie ihn auf, die Augen zu schließen und sie so genau wie möglich zu beschreiben. Gruselig war das, und erregend. Es war, als zeichnete er sie, als fügte sich ihr Körper seiner Beschreibung und als würde sie allmählich zu der, die sie ihm nach war, als füllte sie die Konturen aus, die er ihr gab. Wie neu gemacht ging sie nach Hause. Als sie, beschwipst vom Wein und ganz erfüllt von ihrer Verliebtheit, vor ihrer Haustür stand, tauchte er plötzlich neben ihr auf, ihr Belästiger. Sie hatte eine Einzimmerwohnung im zweiten Stock und teilte den Hauseingang mit sechs anderen Bewohnern, die ständig wechselten, sie nahm an, dass er in einem der anderen Apartments wohnte. Nicht einen Moment war ihr in den Sinn gekommen, dass dieser fremde Mann ihretwegen da war. Sie grüßte ihn. Sie ließ ihn herein, sie selbst ließ ihn herein, er brauchte keine Tür aufzubrechen. Er brauchte nur ihre Barrieren niederzureißen.
»Urplötzlich, von einem Tag auf den anderen, wollte sie mich nicht mehr sehen. Wir hatten auf einer Restaurantterrasse gegessen. Lasagne. Ich hatte Nachtdienst. Der fing um zehn Uhr an. Ich musste in die entgegengesetzte Richtung, und sie begleitete mich ein Stück, bevor wir uns verabschiedeten. Als ich sie am nächsten Morgen anrief, nahm sie nicht ab. Ich hinterließ eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter. Nachdem ich mich ausgeschlafen hatte, rief ich erneut bei ihr an. Wieder ohne Erfolg. Ich rief immer wieder an, vermutete, dass ich etwas vergessen hatte, dass sie etwas vorgehabt hatte, mit einem Freund oder einer Freundin, raus aus der Stadt, keine Ahnung. Ich wusste nicht mal, wo sie wohnte. Schon in welcher Straße, aber nicht die Hausnummer, wir hatten uns noch nie zu Hause besucht, wir hatten uns immer nur im Freien, an öffentlichen Orten getroffen. In der Nacht hatte ich wieder Dienst, und von dort aus versuchte ich erneut, sie zu erreichen. Inzwischen würde sie wohl wieder zu Hause sein, nahm ich an, doch sie nahm nicht ab. Ich hinterließ wieder eine Nachricht auf Band. Beunruhigt mittlerweile. Am nächsten Tag konnte ich nicht schlafen. Ich rief den Freund an, der mich zu der Party bei ihrem Bruder mitgenommen hatte. Über den bekam ich die Nummer von Jacob. Er wollte mir aber ihre Adresse nicht geben. Ich rief wieder und wieder bei ihr an, konnte aber keine Nachrichten mehr auf Band sprechen. Eine Woche später rief Jacob mich an. Er sagte, dass Emilia mich vorläufig nicht sehen wolle und ich nicht mehr anrufen solle. Sie müsse nachdenken«, sagte er.
»Wow. Und wie lange hat das gedauert?«
»Fast drei Monate. Und ich hatte nichts von ihr. Nicht mal ein Foto. Ich vergaß, wie sie aussah. Ich dachte schon, ich hätte sie geträumt.«
4
Emilia schließt die Hände um ihr Glas Tee und legt den Kopf auf den Tisch. Aus diesem schrägen Winkel schaut sie ihm zu. Er räumt die Küchenschränke aus und verstaut alles in Kartons und Kisten. Auf Knien zieht er die Töpfe hervor, Staubflocken wirbeln hinterher. Zwischen seinem Shirt und seinem Hosenbund ein Streifen weißer Rücken. Er hält ab und zu etwas hoch, woraufhin sie ja sagt oder manchmal auch nein. Bei einem Nein verschwindet es in der Mülltüte. Der Erfolg einer Ehe besteht darin, dass man die Haushaltsführung des anderen erträgt.
Bruch ist ein schöner Mann. Sein relativ großer Kopf mit dem störrischen braunen Haar, die Augenbrauen, der weiche Mund, die sprühende Unabhängigkeit in seinem Blick, seine Haut, sein leicht gekerbtes Kinn und dessen Symmetrie, die Verbindung aus Stärke und Sanftheit, all das hat eine magnetische Wirkung. Erst wenn man ihn von hinten oder von der Seite sieht und der Blick nicht auf sein Gesicht gelenkt wird, fällt ins Auge, wie hager und schlaksig sein Körper ist. Hat er nichts an, sieht man, dass seine Hüftknochen und Knie spitz herausstehen und sein bleicher Rücken mit Leberflecken übersät ist.
Sie hat ihn kennengelernt, als er schon vollendet war, als er den Eindruck erweckte, vollendet zu sein. Er war vierunddreißig. Er hatte einen weißen Kittel an, aus dessen Brusttasche eine Reihe Stifte hervorschaute. Internist, Immunologe, interessiert an Formen der Selbstzerstörung des Körpers. Er hatte einen Beruf, er hatte ein Leben, er hatte einen Backenbart, der nicht pubertär oder flippig war, sondern perfekt zu seinem Gesicht und seinem verhältnismäßig adretten Haarschnitt passte. Er hatte eine Eigentumswohnung. Sie stellt sich vor, sie hätte ihn schon gekannt, als er zehn war, bevor er diesen ausgeprägten Adamsapfel bekam, als sich sein Körper noch auf dem Weg zu der Größe befand, die in ihm angelegt war. Sie stellt sich vor, sie hätten als Kinder zusammen auf der Straße gespielt.
»Unvorstellbar, nicht?«
»Was?«
»Douwe und Sophie.«
»Hmmm.«
»Nicht?«
Er brummelt irgendwas vor sich hin.
»Ich finde das unvorstellbar.«
»Sieht aber doch ganz gut aus.«
»Findest du?«
»Du nicht?«
»Meinst du nicht, dass das was von Vater-Mutter-Kind-Spielen hat?«
»Ja, vielleicht.« Er richtet sich auf und schiebt die vollen Kartons Richtung Wintergarten.
»Was meinst du mit: Sieht ganz gut aus?« Bruch macht sich jetzt an die Oberschränke, räumt sie aus und türmt alles auf der Anrichte auf. So ausgebreitet scheint es viel mehr zu sein, als die Schränke jemals fassen könnten. Geordnet nehmen die Sachen sehr viel weniger Platz ein.
»Bruch? Was meinst du mit: Sieht ganz gut aus?«
»Wie ich’s sage, sie scheinen glücklich zu sein, es sieht nicht so aus, als seien sie irgendwo stecken geblieben. Ich hab nicht genug Kartons.« Er geht nach oben.
»Ich finde es kindisch!« Er kommt die Treppe herunter, bleibt auf der untersten Stufe stehen und sieht sie an, mit einem missbilligenden, fast tadelnden Blick. Sie wiederholt ihre Worte. Er stellt die Kartons ab. »Ich finde das unerwachsen! Mir ist das suspekt. Warum sollte man bei seinem Sandkastenfreund und im Dorf bleiben? Da nimmt man das Leben doch gar nicht ernst. Zumindest ist man überhaupt nicht daran interessiert, mal was zu erleben, oder?«
»Wer sagt denn, dass sie nichts erleben? Vielleicht erleben sie mehr als wir. Vielleicht gerade sie. Was ist denn Glück?«
»Stillstand etwa?«
»Also weil du eine Reihe von Freunden hattest, bevor du mir begegnet bist, hast du etwas erlebt, hast das Leben ausgekostet, hast daraus gelernt, bist erwachsen geworden?« Sein Gesichtsausdruck ist unverhohlen spöttisch. Sie denkt an die Phase, in der sie mit ihrem Bruder zusammen Heroin geraucht hat. Als Freizeitdroge. Etwas, das man niemals machen würde, wenn man mit seinem Schulfreund verheiratet war. Erst als sie entdeckte, dass ihr Bruder auch ohne sie Drogen nahm, dass er süchtig war, dass sie nur als Alibi diente, als sein Schutzschild, wurde ihr klar, auf welchen Abgrund sie sich zubewegten. Sie verriet Jacob, schaltete ihren anderen Bruder Viktor ein und rief seinen Hausarzt an.
»Und sie nicht.«
»Was sie nicht?«
»Sie sind nicht erwachsen, weil sie sich kennenlernten, als sie drei waren, ja?«
»Ja.«
»Du liebe Güte, El, wer führt sich denn hier jetzt kindisch auf?«
»Ich finde das einfach komisch! So symbiotisch.«
»Symbiotisch ist doch was Gutes, oder? In Beziehungen.«
»Ernsthaft.«
»Ich meine es ernst.«
»Glaubst du, dass sie sich besser kennen, als wir uns kennen?«
»Ja.«
»Aber es kann auch sein, dass man sich, gerade weil man die ganze Zeit zusammengluckt, gar nicht wahrnimmt, oder?«
»Ja.«
»Wenn man keinerlei Ansichten entwickelt hat, ohne den anderen dabei im Blick zu haben.«
»Ja, ja.« Er seufzt.
»Warum denkst du, dass sie sich besser kennen als wir uns?«
»Sie kennen die Familie, aus der der andere kommt, einer kennt die Eltern des anderen, was weiß ich. Sie wissen, welchen Rang der andere früher auf dem Schulhof hatte.«
»Das weiß ich auch von dir.«
Bruch sieht sie an.
»Nicht wirklich der Anführer, scheinbar gleichgültig, aber trotzdem tonangebend.«
Er lacht.
»Und?«
»Wenn ich jetzt ja sage, ist es dann wahr?«, fragt er.
»Soll ich dir mal mein Elternhaus zeigen? Sollen wir nach Groningen fahren, damit ich dir zeigen kann, mit welcher Aussicht ich aufgewachsen bin?«
»Das wäre nett.«
»Nett?«
»Interessant. Gern.«
»Glaubst du, dass du mich dann besser kennenlernst? Glaubst du, man kann sich nach zwölf Jahren noch besser kennenlernen?«
»Ja, natürlich.«
»Willst du das?«
»Ja. Warum nicht?«
»Ich war ein unglückliches Kind.«
»Ja, das weiß ich.«
»Glaubst du, es würde helfen, wenn ich dir noch genauer erzähle, wie unglücklich ich war?«
»Bei was helfen?«
»Mich besser kennenzulernen.«
»Sind wir jetzt in irgendeinem Projekt gelandet, Emilia? Einem Projekt, in dem ich dich besser kennenlerne?«
Bedauern bringt einen um, sagte ihr Vater. Sie hasste ihn für diesen Satz. Er bedauerte in ihrem Beisein die Vergangenheit, ignorierte sie dabei, ertränkte in diesem Bedauern jede Möglichkeit der Annäherung oder Besserung. Aber jetzt spürt sie, wie sie selbst die gleiche klamme Unruhe beschleicht. Sie hat ihre Chancen verpasst. Nach zwölf Jahren ist man für die Geheimnisse des anderen nicht mehr so empfänglich wie am Anfang. In der ersten Zeit damals veranlasste sie jede Einzelheit, die Bruch ihr erzählte, zu stundenlangem Sinnieren und Spekulieren über die Art seiner Gedanken und Gefühle, die Geheimnisse seines Charakters, die Details der Ewigkeit von vierunddreißig Jahren Leben vor ihr. Bei jeder Neuigkeit, die er ihr über sich erzählte, wurde alles wieder auf den Kopf gestellt, und sie ordnete Informationen um, füllte Lücken aus und setzte sich ein Bild zusammen, das ihr mit jeder weiteren Version begehrenswerter vorkam. Die Art, wie man jemanden kennenlernt, wenn man verliebt ist, dieses grenzenlose Interesse an Einzelheiten und Trivialitäten ist nicht wiederholbar.
»Vielleicht«, sagt er, während er vor ihr steht und die Fäuste auf den Tisch stützt, »vielleicht führen Douwe und Sophie ja ein ganz ähnliches Gespräch über uns. Sie finden es vielleicht abartig, wie alt wir waren, als wir uns ineinander verliebt haben. Und glauben, dass das niemals echt sein kann.«
»Und denken, dass wir Torschlusspanik hatten.«
»Angst davor, allein sitzen zu bleiben.«
»Vielleicht glauben sie nicht, dass ich drei Monate nachdenken musste.«
»Wer tut das schon?« Er sieht ihr in die Augen. Der Moment dauert ewig. Dann richtet er sich endlich auf und wendet sich ab.
»Ich mach das morgen fertig.«
»Tu das«, sagt sie.
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