Kitabı oku: «Future Angst»

Yazı tipi:

Dr. Mario Herger

Future
Angst


Copyright 2021:

© Börsenmedien AG, Kulmbach

Gestaltung Cover: Daniela Freitag

Gestaltung und Satz: Daniela Dittrich

Herstellung: Daniela Freitag

Vorlektorat: Karla Seedorf

Korrektorat: Diane Kieselbach

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86470-771-1

eISBN 978-3-86470-772-8

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Für Gabriel, Darian und Sebastian.

And for May Kou.

INHALT

1.„Alexa hört ja immer zu!“

Wie schön wäre Technik ohne Menschen

Sind wir zu dekadent geworden?

2.Present Angst – Status quo

Die Zunge des Spechts

Das Funktionsdilemma

Ein Land voller Moralunternehmer

Erwähnungsumkehr

Die digitale Malaise

Dinglichkeit der Dinge

Verklagt die Innovatoren!

3.Past Angst – Goldmine der Absurditäten

Soziale Phasenverschiebungen

Die gute alte Zeit

Innovationen der Vergangenheit und damalige Reaktionen

Zombie-Ideen und Bullshit

Digitaler Cargo-Kult

Wirtschaftswachstum und Effizienzsteigerungen

Die Giraffe des Kaisers von China

Der Mann, der China liebte

Schlussfolgerungen

4.Past Chance – Wir konnten es einst!

Vom Mittelalter ins Maschinenzeitalter

Die Entstehung der Wissenschaften

China und der Islam: Paradigmen einer Stagnation

Die Geschichte von der bedeutendsten Erfindung der Menschheitsgeschichte

5.Present Angst – Die Gründe und Auswirkungen

Mindset

Institutionen

Megatrends

Profiteure

Signalwirkung

6.Future Chances – Zukunftsmaßnahmen

Mindset

Institutionen

Personen

Rahmenbedingungen

Technologiebewertung

7.Past the Future

Realismus

Moonshots oder Die Linderung des menschlichen Leids

Der drohende Bevölkerungskollaps

8.Design the Future

Endnoten

KAPITEL 1
„Alexa hört ja immer zu!“

Wenn Sie einen Moment in der Geschichte wählen müssten, um geboren zu werden, und Sie wüssten nicht im Voraus, wer Sie sein würden – Sie wüssten nicht, ob Sie in eine wohlhabende oder arme Familie, in welchem Land oder ob Sie als Mann oder Frau geboren würden –, wenn Sie blind wählen müssten, in welchem Moment Sie geboren werden möchten, würden Sie jetzt wählen.

Barack Obama, 2016

Ein Journalist eines deutschsprachigen Wirtschaftsmagazins fährt in meinem Auto mit. Er berichtet über digitale Trends und ist auf Erkundungstour im Silicon Valley. Als wir auf einer der Hauptverkehrsachsen einem der knapp 800 selbstfahrenden Autos, die hier getestet werden, begegnen, zücken wir beide unsere Smartphones, um es zu filmen. Irgendwie drücke ich im Eifer den falschen Knopf meines iPhone X, während ich als Fahrer auf den Verkehr achten muss, und merke erst im Nachhinein, dass ich kein Video aufgenommen habe. Mein Beifahrer allerdings schon – mit seinem iPhone 6. Das Video, das er mir nachher dankenswerterweise zusendet, ist von der Auflösung her so schlecht, dass ich es für meinen Blog nicht verwenden kann. Es ist Sommer 2018, zu diesem Zeitpunkt gibt es das iPhone X schon seit einem Jahr. Warum besitzt er, der über neueste Technologien berichtet, ein altes iPhone? In Autojahren entspricht das einem 30 Jahre alten Auto, das er nicht als Oldtimerliebhaber fährt, sondern mit der Einstellung: „Wozu brauche ich das neueste Zeugs?“

Im Herbst 2018 blättere ich durch die aktuelle Ausgabe von t3n, einem Magazin für Digitalos und Technologie-Enthusiasten. In einem Artikel werden prominente digitale Pioniere gefragt, was sie bei ihren Dienstreisen in ihren Rucksack packen. Der digitale Vorreiter eines großen deutschen Konzerns zählt auf: Laptop, Powerbank, Buch und – ich glaube, mich verlesen zu haben – sein iPhone 6. Wieder jemand, der ein digitaler Innovationsvorreiter in seinem Unternehmen sein sollte und alte digitale Werkzeuge verwendet.

Im März 2020 wurden meine Timelines auf den sozialen Medien mit Meldungen überflutet, in denen meine Kontakte von den Video- und Onlinekonferenzen mit ihren Mitarbeitern und Geschäftspartnern berichteten. Aufgrund der weltweiten Ausgangssperren durch den Coronavirus Covid-19 musste jedes Unternehmen die Mitarbeiter ins Homeoffice schicken und zur Weiterführung des Geschäftsbetriebs Online-Tools einsetzen. Aufmunternde Worte waren die Regel wie auch Tipps, wie diese Werkzeuge von Zoom, Skype, Google Hangouts, Microsoft Teams oder WebEx am besten zu verwenden wären. Ich war etwas baff. Spätestens seit meinem Umzug in die USA im Jahr 2001 gehörten solche virtuellen Konferenzen für mich zum Alltag. In meiner Zeit bei SAP war das die einzige Möglichkeit gewesen, mich mit meinen Kollegen in Deutschland, Israel, China und Indien auszutauschen und auf dem laufenden Projektstand zu bleiben. Zwei- bis dreimal täglich über Jahre hinweg wählte ich mich in solche Onlinekonferenzen ein und habe dabei alles miterlebt: von Verbindungsschwierigkeiten, irrtümlich der Videokonferenz beitretenden Kollegen bis zum kläffenden Hund in der Leitung.

Mir ist schon klar, dass ich mich damals als Mitarbeiter einer großen IT-Firma und dann noch speziell im kalifornischen Silicon Valley in einer technologischen Fortschrittsblase befand. Dennoch überraschte mich, wie sehr diese mindestens 20 Jahre alten Technologien für viele bei uns neuartige Technologie darstellten. Und da stellt sich mir die Frage, was in den letzten Jahren bei all den Konferenzen zu digitaler Transformation denn eigentlich diskutiert worden war? Ich war der Meinung gewesen, wir seien am Beginn, Technologien wie künstliche Intelligenz, Roboter, Chatbots, TensorFlow oder Blockchain auszuprobieren. Dann kristallisiert sich allerding heraus, dass ein simples Onlinevideokonferenzwerkzeug wie Zoom die Unternehmen und Mitarbeiter vor ungeahnte Herausforderungen stellt.

Wer glaubt, wir seien technisch bereits bestens gewappnet, den möchte ich darauf hinweisen, dass in derselben Krise Ärzte und Kliniken Informationen per Fax versandten und Schüler Hausaufgaben auf Papier ausgedruckt von der Schule abholen mussten.

Szenenwechsel: Las Vegas, Nevada. Am Vorabend der CES treffen sich drei Dutzend IT-Berater zu Vorträgen und zum Gedankenaustausch bei einem Dinner. Auf meine Frage, wer einen Sprachassistenten besitzt, bleiben alle Hände unten, dafür ertönt sofort aus dem Hintergrund der Vorwurf: „Alexa hört ja immer zu!“

Genau so funktionieren Sprachassistenten. Sie müssen zuhören. Das Zuhören der Technologie ist so wichtig, wie Licht uns sichtbar macht. Aber hier verbirgt sich die Angst, dass das Zuhören zum Ausspionieren verwendet wird. Diese Angst – ob berechtigt oder nicht – verhindert, dass sich diese IT-Berater damit auseinandersetzen, eine Voraussetzung dafür, dass sie die Funktionsweise und die heutigen Möglichkeiten begreifen, aber auch erkennen, wo diese Technologie aktuell noch scheitert. Und diese IT-Berater, die sich selbst ihren Kunden gegenüber als Technologievorreiter präsentieren und ihnen einen Schritt voraus sein sollten, um sie in die Zukunft zu führen, verwehren sich dem.

Szenenwechsel: Silicon Valley. Auf die Frage, warum manche immer noch ein fünf Jahre altes iPhone verwenden, erklärt ein Geschäftsführer, er habe schon einmal ein iPhone X bekommen, dieses aber ungebraucht einer Verwandten geschenkt, weil er mit seinem alten iPhone zufrieden sei. Als Autoliebhaber wäre er nie auf die Idee gekommen, ein 30 Jahre altes Auto zu fahren – das Äquivalent zur Entwicklungsgeschwindigkeit von Smartphones – sondern immer die neuesten Modelle.

Szenenwechsel: Ich befinde mich in Baden-Baden in Baden-Württemberg, der deutschen Innovationsschmiede vor 130 Jahren, wo Unternehmen wie Daimler-Benz, Bosch, Porsche, Steiff oder 1972 SAP gegründet wurden. Nach dem Vortrag zu Elektroautos und dem autonomen Fahren meldet sich eine Zuhörerin: „Woher soll nur all der Strom herkommen?“

Eine Frage, die mit Vorwürfen beladen ist und zu der die Fragende eigentlich keine Antwort haben will, sondern sie als Statement gedacht hat. Auf die Gegenfrage, ob sie wisse, wie viel Energie in die Bereitstellung von Flüssigkraftstoffen fließt (Hinweis: 2,8-mal so viel), schweigt sie und erbleicht, als wir uns die Zahlen genauer ansehen.

Szenenwechsel: Bad Nauheim in Hessen. Eine Veranstaltung der Automobilbranche, in der es um Lösungen rund um Schlösser, Klappen, Türgriffe und Scharniere geht. Von den 300 internationalen Teilnehmern heben weniger als fünf die Hand, als ich die Frage stelle: „Wer besitzt ein Smartphone mit Gesichtserkennung?“

Keiner von ihnen hat Erfahrung, wie Gesichtserkennung heute funktioniert und wie diese Technologie beispielsweise für den Zugang zu einem Auto verwendet werden kann. Auf mein Nachfragen, warum fast keiner so ein Smartphone hat, höre ich immer wieder als Antwort: „Ich will nicht, dass meine Daten bei irgendeiner amerikanischen Firma landen.“

Szenenwechsel: Eine Delegation mit dem deutschen Bundesminister für Wirtschaft und Energie besucht Start-ups und Firmen im Silicon Valley und trifft dabei auch deutsche Mitarbeiter und Gründer. Bei einer Veranstaltung bittet der Google-Innovationsevangelist Frederik Pferdt zu einer kleinen Übung. Die Delegationsteilnehmer sollen die Augen schließen und kleine Rechenaufgaben ausführen. „Eins plus eins ist zwei“, sagt Pferdt. Man hört nichts. „Zwei plus zwei ist vier.“ Alle sind konzentriert und mucksmäuschenstill. „Drei plus drei ist fünf.“ Der Bundesminister ruft laut: „Falsch!“ Pferdt macht unbeeindruckt weiter. „Vier plus vier ist acht.“ Und ein weiteres Mal: „Fünf plus fünf ist zehn.“ Keiner meldet sich.

Alle Augen gehen auf und Pferdt sagt: „Haben Sie bemerkt, dass von fünf Aufgaben vier korrekt waren, aber niemand hat dazu Lob ausgesprochen? Dafür war eine falsch und sofort wurde darauf reagiert und die Aufmerksamkeit messerscharf darauf fokussiert. Und genau das ist der Unterschied zwischen Deutschland und dem Silicon Valley: sich nicht mit einem Fehler aufzuhalten, sondern positiv zu denken, weiter neue Dinge auszuprobieren.“1

Szenenwechsel: Die Digitale Woche Kiel 2019 brachte Dutzende Referenten aus aller Welt zusammen und sollte der Bevölkerung aus Kiel und dem Umland einen Einblick in die Möglichkeiten und Aktivitäten der Stadt zu diesen Technologien geben. Neben der meiner Meinung nach äußerst gelungenen Veranstaltungsreihe bleiben mir vor allem zwei Dinge im Gedächtnis.

Einerseits, wie oft Kieler mir sagten, wie hässlich Kiel sei. Die Stadt hatte im Zweiten Weltkrieg als Heimathafen der Marine massiv unter Bombardierungen gelitten, die die mittelalterliche Bausubstanz restlos zerstört hatten. Meine Rundgänge durch die Stadt hingegen offenbarten anderes. Ich entdeckte eine nicht unerhebliche Zahl an Ziegelbauten im Bauhausstil, die dem heutigen Kiel eine ganz eigene, moderne Form verleihen. Die Kieler sahen selbst nicht, was für architektonische Juwelen sie hatten.

Der wesentlich überraschendere Moment kam aber, als ich in eine Diskussion mit Besuchern der Digitalen Woche Kiel zu den Schadenersatzzahlungen von Volkswagen im Zuge des Dieselskandals geriet. VW hatte zu diesem Zeitpunkt bereits um die 29 Milliarden Euro an Strafen zahlen müssen. Nicht diese Zahl echauffierte die Teilnehmer, sondern dass die „Amerikaner“ damit den Deutschen eins „auswischen“ wollten. Die Quintessenz dieser Diskussion war, dass nicht so sehr Volkswagen am Skandal schuld gewesen sei, sondern die Amerikaner, die das ausnutzen würden, um der deutschen Wirtschaft zu schaden und der eigenen zu helfen. Dasselbe Argument wird einige Wochen später von Teilnehmern einer deutschen Delegation bei einem Besuch im Silicon Valley vorgebracht.

Ich verstehe jetzt besser, wie Verschwörungstheorien entstehen und dazu beitragen, vom eigenen Versagen abzulenken: Man sieht sich als Opfer, nicht als Täter. Nicht die eigene Schummelei sei die Verschwörung, sondern deren Aufdeckung durch die Beschummelten. Und das verhindert, dass wir unsere Fehler sehen und daran arbeiten.

Szenenwechsel: Eine 100-köpfige Delegation aus Baden-Württemberg unter Führung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann macht es sich zum Abendessen gemütlich, während ich einen Vortrag zu den Entwicklungen in der Automobilindustrie im Bereich des autonomen und elektrischen Fahrens aus der Sicht des Silicon Valleys halte. Anschließend erlebe ich einen offensichtlich geschockten Kretschmann, der mit den Händen vor dem Gesicht und den Ellbogen aufgestützt neben mir am Tisch sitzt. Er meint: „Ich wusste, dass wir mit Elektroautos im Rückstand sind. Die Menge an Teslas hier im Silicon Valley ist nicht zu übersehen. Was ich nicht wusste, ist, wie weit autonomes Fahren hier bereits ist. Wir verlieren diese Industrie.“ Der Rest des Abends widmete sich der Frage, was wir tun könnten, damit Deutschland diese wichtige Industrie nicht verliert.

Szenenwechsel: Ein Berliner Bekannter postet im Herbst 2020, als die Zahl von Corona-Infizierten erneut in die Höhe geschnellt war, folgendes Gespräch, das er am Frühstückstisch mit seiner 14-jährigen Tochter, die die 10. Klasse eines Gymnasiums besucht, geführt hatte:2

T:Ab Montag haben wir wegen Corona drei Tage Homeschooling.

Ich:Ah, cool, Unterricht via Zoom?

T:Das hatten wir im März genutzt, die Nutzung wurde aber leider wegen Datenschutz verboten.

Ich:MS Teams?

T:Da hat die Schule zwar eine Lizenz, die wurde aber noch nicht an alle weitergegeben.

Ich:Aha. Jitsi?

T:Hatten wir auch ausprobiert. Ist leider ebenfalls wegen Datenschutz verboten.

Ich:Und wie lernt ihr jetzt?

T:Wir haben vor den Ferien Aufgaben ausgedruckt bekommen. Die bearbeiten wir jetzt zu Hause.

Mein Bekannter stellte sich die Frage, warum acht Monate nach Beginn der Pandemie mit einem längeren Lockdown die Schulen sich so schwertaten, auf digitalen Unterricht umzustellen. Die Schuld daran liegt nur teilweise bei den Schulen. Auch die Länder sowie die Eltern haben einen Anteil daran. In einem Gespräch mit einer der Lehrerinnen erfuhr er, dass die Schule auf Initiative der Lehrer, die Videokonferenzplattformen Zoom und Jitsi zu verwenden, von den Eltern über 50 E-Mails erhalten habe. Darin beschwerten sie sich über die Unverantwortlichkeit der Lehrkörper, eine Software zu verwenden, die den Datenschutz verletze.

Angesichts der Tatsache, dass Kinder in diesem Alter ohnehin bereits eifrig in unterschiedlichen sozialen Medien unterwegs sind, sabotieren hier unter anderem die Eltern die Fortführung des schulischen Betriebs in einer Krisensituation. Der Datenschutz ist heiliger als die Schulbildung der Kinder. Angesichts der Todesfälle während der Pandemie in Europa und den USA im Vergleich zu China wird dies zu einem Problem mit tödlichen Konsequenzen. Wie Jürgen Gerhards und Michael Zürn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreiben, komme …3

… man nicht darum herum, Informationen über das Bewegungsverhalten der Bürger und ihre Kontakte zu erheben. Dies stellt einen zumindest temporären Eingriff in die Privatsphäre dar. Wie bei allen politischen Zielkonflikten wäre hier eine öffentlich diskutierte Güterabwägung zwischen den drei zentralen Zielen „Vermeidung hoher Infektionen und einer hohen Sterblichkeit“, „Vermeidung eines Lockdowns mit hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgeschäden“ und „Schutz der informationellen Privatsphäre“ nötig gewesen. Eine solche Diskussion hat faktisch nicht stattgefunden. Stattdessen wurde sehr früh die Privatsphäre als sakrosankt gegenüber staatlichen Eingriffen erklärt. Wie die Erfahrungen demokratischasiatischer Länder aber zeigen, lassen sich durchaus Möglichkeiten finden, das Tracking von Personen mit dem Schutz der Privatsphäre zu verbinden.

Die Autoren sparen nicht mit Kritik an dieser – wie sie schreiben – „eigenartigen Schieflage bei der Gefahreneinschätzung“:

Insbesondere das zweite Versäumnis [Informationen über das Bewegungsverhalten, Anm.] verweist auf eine eigenartige Schieflage bei der Gefahreneinschätzung im Zuge der Digitalisierung innerhalb des Westens. Der Missbrauch von Daten ist fraglos ein reales Problem. In Westeuropa und Nordamerika neigt man vor diesem Hintergrund dazu, dem Staat digitale Eingriffe in die Privatsphäre weitgehend zu untersagen, aber zugleich der Kolonisierung der persönlichen Daten durch private Digitalgiganten tatenlos zuzusehen. Das ist der falsche Weg. Es bedarf einer scharfen Kontrolle der Unternehmen bei gleichzeitiger Handlungsermöglichung des Staates, insoweit er Gemeinwohlzwecke wie Gesundheit oder Verbrechensbekämpfung verfolgt.

Woher kommt diese Skepsis vor Technologie und Fortschritt in einem Kulturkreis, der sich seiner Ingenieure rühmt und German/Swiss/Austrian Engineering zu einem Markenzeichen für hochpräzise, verlässliche Technologien aller Art gemacht hat? Von Schweizer Feinmechanik, deutschem Automobil- und Maschinenbau bis hin zu österreichischen Seilbahnen und dem Tunnelbau – um nur ein paar zu nennen – finden sich auf der ganzen Welt Technologie und Ingenieure aus unserem Kulturkreis im Einsatz. Mit deutschen Maschinen werden weltweit die Güter der Welt produziert.

Wie gelangten wir von einer Gründerwelle von vor eineinhalb Jahrhunderten, die unseren Kulturkreis ergriffen und das Bild des schläfrigen deutschen Michels korrigiert hatte, zu diesem Zaudern und Zögern, zu dieser Ängstlichkeit, ja sogar zu dieser offenen Feindseligkeit gegenüber Wandel und Fortschritt? Warum lassen wir uns von übertriebenen Gefahren und falschen und falsch verstandenen Argumenten einschüchtern, die uns in einer Art Massenhysterie zu Fortschrittsfeinden machen? Selbst dort, wo das Neue viel besser für uns und die Umwelt ist als das Alte, sehen wir nur die Fehler des Neuen. Ja, eine Digitalkamera ist in der Herstellung umweltschädlich, aber Fotos einer Analogkamera auf Filmpapier zu entwickeln war immer ein chemischer Prozess, der über die Lebensdauer viel weniger nachhaltig ist.

Im vorliegenden Buch werden wir dazu viele Beispiele aus der Vergangenheit und Gegenwart sowie Gründe dafür besprechen wie auch Vorschläge für eine ausgewogenere Position, weg von einer für Menschen außerhalb unseres Sprachraums recht hysterischen Sichtweise auf Technologie und Fortschritt hin zu einer, wie ich hoffe, realitätsnäheren.

Sebastian Thrun, der in den USA lebende ehemalige Stanford-Professor für künstliche Intelligenz und Gewinner der DARPA Grand Challenge für autonomes Fahren, antwortet in einem Interview mit der Zeitschrift Forbes auf die Technologieskepsis mit folgenden für deutsche Ohren ungewohnt optimistischen Worten:4

Nun, zuallererst, jeder, der pessimistisch ist, bitte nicht. Bitte seien Sie nicht pessimistisch. Natürlich sind die Zeiten immer unsicher, aber wir haben uns gerade bewiesen, dass wir ein unglaublich großartiges Verfassungssystem in diesem Land haben. Wir haben enorme Fortschritte gemacht, fast alles, was Ihnen in Bezug auf Technologie wichtig ist – von Ihrem Smartphone über Ihre Toilettenspülung bis hin zu Ihrem Lichtschalter in Ihrem Haus, den Sie sicher alle zu schätzen wissen –, ist nicht älter als 150 Jahre. Das Flugzeug, das Smartphone, richtig? Die Vollnarkose bei Operationen, die Hüftprothese, Dinge, die vielen von Ihnen am Herzen liegen, sind nicht älter als 150 Jahre. Und ich sage 150 Jahre, weil ich die Menschheit – Menschen, Homo sapiens – auf etwa 300.000 Jahre datiere. Wenn wir also 300.000 Jahre nehmen und auf 150 Jahre schauen, ist das wie nichts. Es ist wie eine Mikrosekunde. Wenn das nun der Fall ist, wenn wir all diese wichtigen Dinge in den letzten – fast ausschließlich, nicht ganz, der Großteil war in Europa –, aber fast ausschließlich in den letzten 150 Jahren erfunden haben, was bringen uns dann die nächsten 150 Jahre? Werden wir einfach aufhören, Dinge zu erfinden? Ganz ehrlich? Ich denke, wir befinden uns in einer sich beschleunigenden Kurve von großartigen neuen Erfindungen. Und wir stehen erst am Anfang.

Die teleologische Frage, die sich aus dieser Betrachtungsweise ergibt und die wir uns stellen sollten, lautet: Was ist unsere Aufgabe, unsere Mission in der Welt? Wollen wir ein relevanter Teil dieser nächsten 150 Jahre sein und einen positiven Beitrag dazu leisten oder wehren wir uns dagegen und verraten damit einen Teil unserer eigenen Geschichte?

Wie schön wäre Technik ohne Menschen

Wer in den USA mit dem Auto unterwegs ist, wird rasch bemerken, dass die Kreuzungen anders geregelt sind als in Europa. Besonders in der Nacht wird das deutlich, wenn die Ampeln auf der leeren Straße rasch auf Grün für die eigene Fahrtrichtung schalten. An den meisten Kreuzungen sind unter dem Asphalt Induktionsschleifen angebracht, die auf den einzelnen Fahrspuren erkennen, ob sich dort ein Auto befindet. Damit werden die Ampeln je nach Bedarf geschaltet und dies verringert die Wartezeit. Die Technik reagiert hier in eingeschränktem Maße auf das Verhalten und die Bedürfnisse von Menschen.

Plötzliche Verhaltensänderungen können ganze Systeme aus dem Gleichgewicht bringen, wenn sie nicht flexibel angepasst werden können. Viele Onlineplattformen, die künstliche Intelligenz zur optimalen Steuerung von Inhalten und Vorschlägen einsetzen, sahen sich 2020 mit dem Covid-Lockdown konfrontiert – und mit stark veränderten Verhaltensweisen der Menschen. Die Algorithmen, die durch große Datenmengen und viel Arbeit der letzten Jahre zu optimierten Vorschlägen führen sollten, konnten mit Bestellungen zu Klopapier, Desinfektionsmitteln oder der Bestellung von Gütern, die üblicherweise nicht online vorgenommen wurden, nichts anfangen und waren mehr als verwirrt. Und die Ampeln an den nun fast leeren Straßen fuhren tagsüber ihre langen Schaltzyklen nach wie vor so, als ob es das sonst übliche Verkehrsaufkommen gäbe.

Wir Menschen haben mehr Einfluss auf Technologien, als wir annehmen. Sehr zum Leidwesen der Ingenieure, die solche Technologien entwickeln. Für sie stehen wir im Mittelpunkt und dort stehen wir im Weg. Um einen Liedtext des seligen österreichischen Liedermachers und Humoristen Georg Kreisler über Wien und die Wiener etwas holprig umzumünzen und stattdessen das Wehklagen von Ingenieuren auszudrücken:

Wie schön wäre Technik ohne Menschen!

Wir vergessen leicht, dass Technologie von Menschen für Menschen geschaffen wird. Auch wenn wir manchmal denken, sie wird gegen unser Wohl eingesetzt, so ist sie zumeist zu unserem Wohle gedacht. Keine Ingenieurin, die ich kenne, kein Naturwissenschaftler, mit dem ich das Vergnügen hatte zu plaudern, kam in diese Profession, weil sie oder er Übles vorhatten. Kein Arzt ergreift den Beruf, weil er Menschen mit Impfstoffen töten möchte. Auch ich studierte Chemieingenieurwesen deshalb, weil ich besser verstehen wollte, wie Chemie die Umwelt negativ beeinflusst und was dagegen getan werden kann. Dass Technologie nicht immer das tut, wofür sie ursprünglich gedacht war, kann die Menschen zu der Ansicht verleiten, dass das Übel von Anfang an das Ziel gewesen war.

Das hat vielleicht auch mit dem Phänomen der „Unsichtbarkeit von gut funktionierender Technologie“ zu tun. Eine Kaffeemaschine oder ein Fahrstuhl, die ihre Dienste klaglos verrichten, nehmen wir nicht wahr. Wehe aber, sie tun einmal nicht das, was sie sollen. Es funktioniert überraschend viel Technologie so reibungslos, dass wir gar nicht wahrnehmen, wie sie unser Leben vereinfacht oder gar erst in dieser Qualität ermöglicht.

Dabei ist Technologie nicht etwas, das zu uns via Gottes Gnaden „herabsteigt“, unser Leben schonungslos bestimmt und unabänderlich ist. Das ist die Meinung und Furcht der Technikdeterministen.5 Für sie ruft Technologie soziale, politische und kulturelle Anpassungen hervor, die einen sozialen und kulturellen Wandel zur Folge haben, ohne dass wir Menschen Einfluss darauf oder ein Mitbestimmungsrecht haben. Technologie wird von Menschen geschaffen, bestimmt und durch Menschen beeinflusst.

Was die Technikdeterministen – also diejenigen, die an eine aktuelle oder kommende Vormundschaft der Menschheit durch Technologie glauben und davor warnen – gerne übersehen, ist, dass auf Technologie selbst sozialer, politischer und kultureller Einfluss ausgeübt wird. Technologie steht und entsteht nicht in einem Vakuum. Sie kann erst dann zum Ausdruck und zur Anwendung kommen, wenn diese Rahmenbedingungen es erlauben. Tun sie es nicht, dann muss entweder die Technologie angepasst werden oder die Rahmenbedingungen müssen sich ändern. Geschieht das nicht, dann setzt sich die Technologie nicht durch und verschwindet. Manchmal für immer, manchmal nur vorübergehend.

Nehmen wir als Beispiel die heilige Kuh in unserem Land, das Automobil. Dessen Erfindung und Einführung am Ende des 19. Jahrhunderts hat sicherlich zu vielen Veränderungen sozialer und kultureller Natur geführt. Wir, die wir damals nicht gelebt haben, können uns den Gestank und den permanenten hygienischen Ausnahmezustand in den Städten angesichts der Tonnen von Pferdekot und tagelang liegen gebliebenen toten Gäulen in den Straßen nicht vorstellen. Trotz seines Ölgestanks und Lärms galt da das Automobil als Verbesserung. Autos erforderten bessere Straßen, die zu mehr Verkehr und damit intensiveren Beziehungen zwischen Regionen und Städten führten. Die Transportkosten für Waren und Personen sanken drastisch, das Einzugsgebiet für Produzenten erweiterte sich stark. Das schuf Gelegenheiten für Unternehmer und brachte Arbeitsplätze, die wiederum zu vermehrtem Wohlstand und mehr Austausch zwischen Regionen und Ländern führten.

Doch der Feind des Guten ist nicht das Bessere, sondern zu viel des Guten. Die Probleme, die uns zu viele Autos gebracht haben, scheinen uns fast schon wieder als vorherbestimmt und damit unabänderlich. Zumindest dachten wir das bis vor Kurzem. Und dann kommt eine Krise, die uns einen neuen Denkansatz erlaubt. Plötzlich ergreifen Städte während einer Pandemie die Chance eines zum Erliegen gekommenen Autoverkehrs und gestalten Straßen zu Fußgängerzonen und Fahrradspuren um. Die Leute entdecken die Fahrbahnmitte und das Fahrrad wieder für sich. Wie es ein Fahrradhändler mir gegenüber ausgedrückt hat, weil es weltweit zu einer Fahrradknappheit gekommen war: „Fahrräder sind das neue Klopapier.“

Dieser und andere sich seit einiger Zeit abzeichnenden Trends zum Automobil zeigen, dass nicht die Technik allein bestimmt, wie wir leben, sondern ein komplexes Wirken aus sozialen, politischen, kulturellen und natürlich technologischen Faktoren unsere Lebensqualität schafft. Die Technikdeterministen und -warner setzen auf unsere Hilflosigkeit angesichts dieser Technologien, um sie für ihre Zwecke auszunutzen. Genauso wie die Profiteure von Technologien die Alternativen verhindern. Technologie wird immer weniger als etwas zum Menschsein Beitragendes und stattdessen als etwas uns davon Entfernendes betrachtet.

In der BBC-Dokumentation „The Pleasure of Finding Things Out“ („Das Vergnügen, Dinge herauszufinden“) aus dem Jahr 1981 schildert Physiknobelpreisträger Richard Feynman, wie die Wissenschaften zum Wissen beitragen und nicht davon ablenken oder sogar etwas wegnehmen:

Ich habe einen Freund, der Künstler ist und manchmal eine Ansicht vertritt, mit der ich nicht so ganz einverstanden bin. Er hält eine Blume hoch und sagt: „Schau, wie schön sie ist.“ Und ich stimme zu. Dann sagt er: „Ich als Künstler kann sehen, wie schön das ist, aber du als Wissenschaftler nimmst das alles auseinander und es wird eine langweilige Sache.“ Und ich denke, dass er irgendwie verrückt ist. Zunächst einmal ist die Schönheit, die er sieht, auch für andere Menschen zugänglich und für mich auch, glaube ich …

Ich kann die Schönheit einer Blume schätzen. Gleichzeitig sehe ich viel mehr von der Blume, als er sieht. Ich kann mir die Zellen darin vorstellen, die komplizierten Vorgänge im Inneren, die auch eine Schönheit haben. Ich meine, es ist nicht nur Schönheit in dieser Dimension, auf einem Zentimeter; es gibt auch Schönheit in kleineren Dimensionen, die innere Struktur, auch die Prozesse. Die Tatsache, dass sich die Farben in der Blume entwickelt haben, um Insekten zur Bestäubung anzulocken, ist interessant; das bedeutet, dass die Insekten die Farbe sehen können. Daraus ergibt sich die Frage: Gibt es diesen ästhetischen Sinn auch bei den niederen Formen? Warum ist er ästhetisch? Alle Arten von interessanten Fragen, die das wissenschaftliche Wissen nur zu der Aufregung, dem Geheimnis und der Ehrfurcht vor einer Blume hinzufügt. Es fügt nur hinzu. Ich verstehe nicht, wie es subtrahieren kann.

Als Menschen scheinen wir zwischen diesen beiden Seiten eingekeilt. So wie eingesperrte Hunde durch Elektroschocks so lethargisch gemacht werden, dass sie selbst bei der Gelegenheit, diesem Schicksal zu enteilen, diese nicht ergreifen, genauso hält uns die „erlernte Hilflosigkeit“ davon ab, die Chancen der Technologien zu ergreifen und die Risiken zu vermeiden. Die Technikdeterministen und -warner wollen aller Technologie entsagen, die Technologieprofiteure uns diese alternativlos aufdrängen. Warum aber sollten wir wählen müssen und nicht mehr von den Chancen und dafür weniger von den Risiken haben? Das allerdings erfordert einen mündigen Technologienutzer. Und diese Erziehung beginnt bei uns selbst und bei unseren Kindern.

Sind wir zu dekadent geworden?

Meine Reaktion, wenn das deutsche LinkedIn erst mal

wieder jahrelang diskutiert über die Frage:

„Darf man jetzt eigentlich auch am Wochenende posten?“

Leute – Stock aus’m Rücken, machen!

Dina Brandt (Trotziger Millennial)6

Wir befinden uns im Zeitalter der Dekadenz, wie es Ross Douthat, der Autor von „The Decadent Society: How We Became the Victims of Our Own Success“ („Die dekadente Gesellschaft: Wie wir Opfer unseres eigenen Erfolges wurden“), schreibt. Dekadenz definiert er dabei als das Resultat einer Mischung aus wirtschaftlicher Stagnation, institutionellem Verfall und kultureller und intellektueller Erschöpfung. Wiederholung wird zur Norm, Innovation zur Ausnahme – und sie befällt alle öffentlichen und privaten Einrichtungen gleichermaßen. Das geistige und intellektuelle Leben scheint sich dabei im Kreis zu drehen und liefert weniger, als zu erwarten wäre. Die Stagnation und der Verfall sind dabei – ganz wichtig – ein Ergebnis des eigenen signifikanten Erfolgs.

Ich sage dazu immer, dass Zürich, Hamburg, Wien, Köln oder München „zu schön für Innovation“ seien. In welchen Regionen finden wir die innovativsten Gesellschaften? In Gegenden, wo Verfall und Funktionieren in einer inspirierenden Balance stehen. Nicht dort, wo zu viel nicht funktioniert. Auch nicht dort, wo zu viel gut funktioniert. Wenig überraschend, dass das Silicon Valley, Tel Aviv, Berlin oder Shenzhen offensichtlich dieses Gemisch aus gut und schlecht, verfallen und aufgeräumt, Chaos und Ordnung, Licht und Schatten bieten. All diese Orte sind einzigartig in der Art, wie der inspirierende Mix zusammenkommt.

Besucher im Silicon Valley sind oft erstaunt über die Rückständigkeit der hiesigen Infrastruktur. Stromkabel, die auf Holzmasten gespannt sind, Straßen, bei denen die Aufgabe des Asphalts rein im Verbinden der Schlaglöcher zu liegen scheint, und selbst Schecks – jawohl, auf Papier – sind nach wie vor übliche Zahlungsmittel im Land der Hochfinanz. Uber oder Lyft konnten nur dort entstehen, wo es zwar öffentlichen Nahverkehr gab, der aber gleichzeitig genau die richtige Prise schlecht ist, um eine Chance für innovative Unternehmer zu bieten. In der Schweiz mit ihrem perfekten und pünktlichen Eisenbahnsystem käme niemand auf die Idee, Alternativen dazu zu entwickeln. Man fände auch keine Investoren.

Mein Leben in Kalifornien, wo ich seit 2001 meinen Wohnsitz habe, gestattet die Sicht auf unsere deutschsprachige europäische Gesellschaft von außen. In seinem Buch „Psychotherapy East and West“ schrieb der Philosoph Alan Watts, dass man die starren Gesellschaftsstrukturen seiner Region als gegeben hinnimmt, ohne sie zu hinterfragen. Um zu erkennen, wie verrückt gewisse Einschränkungen und Regeln sind, müsse man „rausgehen“. Mit zwei Jahrzehnten Erfahrung in Kalifornien, wo die Gesellschaft von Immigranten aus aller Herren Ländern geprägt wird und das geografisch genauso weit weg von Asien liegt wie von Europa, ist mein Blick auf meine Herkunftsgesellschaft und Kultur einer von außen und zugleich von innen. Und das erlaubt einen an manchen Stellen schärferen, an anderen einen oberflächlicheren Blick auf die Besonderheiten, aber immer einen, der den Vergleich erlaubt, die Schwächen und Stärken aller „Philosophien“ zu sehen. Meine Verbundenheit mit dem Kulturkreis meiner Herkunft ist nicht in Zweifel zu ziehen und deshalb will ich mit den folgenden Kapiteln dazu beitragen, den Menschen hier und dort eine Hilfestellung zu geben. Genauso, wie ein Vater oder eine Mutter manchmal ihre Kinder schelten müssen, weil sie deren Bestes wollen, wird es auch in diesem Buch an kritischen Aussagen und schmerzhaften Erkenntnissen nicht mangeln. Wäre mir die Zukunft meiner Familie, meiner Freunde und Bekannten in Europa egal, würde ich die kritischen Stellen auslassen. Den Stress, mich der Kritik auf meine Kritik zu stellen, könnte ich mir ersparen. Doch die Zukunft Europas und meines Kulturkreises ist mir nicht egal und ich hoffe, meine Leserinnen und Leser sehen das genauso.

In „Future Angst“ sehen wir uns in den folgenden Hauptkapiteln zuerst mit „Present Angst“ den aktuellen Status quo an. Welche aktuellen Ängste prägen uns? Im dritten Kapitel „Past Angst“ begeben wir uns auf eine Zeitreise in die Vergangenheit und werden mit den Ängsten der Menschen vor den Technologie-Innovationen der Vergangenheit konfrontiert. Der Spiegel, der Fahrstuhl oder der Container waren auch einmal neu für die Menschen und die Sicht auf die Reaktionen der Menschen lässt uns unsere Reaktionen auf heutige Innovationen besser verstehen und einordnen. Im vierten Kapitel verbringen wir noch etwas mehr Zeit in der Vergangenheit, in der wir die „Past Chance“, von denen wir heute so profitieren und auf die wir stolz sind, zeigen und beweisen, dass wir es konnten. Und nichts hält uns davor zurück, es nicht auch heute wieder zu können. Im fünften Kapitel „Present Angst“ analysieren wir die Gründe und Verhaltensweisen, die uns heute davor zurückhalten, im Wettbewerb der Kulturen um neue Technologien zum positiven Nutzen der Menschheit ganz vorne mitzumischen. Es soll auch hilfreiche Begrifflichkeiten vermitteln, denn wenn wir die Ängste und Gründe nicht in Worte fassen können und kein Vokabular dafür haben, dann stehen wir hilflos davor. Versteht man diese, hält uns nichts davon ab, im sechsten Kapitel die „Future Chances“ zu ergreifen. Welche Maßnahmen müssen wir ergreifen, um die Dekadenz zu überwinden und neue Technologien nicht als etwas Beängstigendes und Feindseliges zu betrachten, sondern als Mittel zur Lösung der großen Probleme der Menschheit? Das siebte Kapitel „Past the Future“ erweitert den Betrachtungszeitraum über die nächsten 15 bis 20 Jahre hinaus zum Ende des Jahrhunderts. Bis dahin könnten sich heute als Problem identifizierte Trends ins Gegenteil verkehren und zu noch größeren Bedrohungen werden. Das klingt widersprüchlich, doch man lasse sich überraschen. Den Abschluss bietet „Design the Future“ mit einem unkonventionellen und transformativen Ansatz zu einem neuen Mindset.

Letztendlich geht es bei Technologie und Fortschritt nicht um diese selbst, sondern vor allem um den Menschen. Menschen entwickeln die Technologien, verwirklichen den Fortschritt und sollten deshalb auch Nutznießer davon sein. Nicht nur ein kleiner Teil der Menschheit, sondern möglichst alle. Technologie ohne Menschen ist nur Entropie ohne Wärme, niemandem nützlich und für niemanden schön.

KAPITEL 2
Present Angst – Status quo

Fortschritt wäre wunderbar – würde er einmal aufhören.

Robert Musil

Vor einiger Zeit postete eine Freundin eines dieser Fotos, die auch ich zu schießen pflege: von einem Büchertisch in einer Buchhandlung mit dem eigenen, neu erschienenen Sachbuch zwischen einer Reihe anderer Sachbücher. Die Nachbarschaft zu anderen Büchern erhöht die Bedeutung des eigenen. Michaela Ernst zeigte mit dem Bild, mit welchen anderen Titeln ihr absolut empfehlenswertes Buch „Error 404: Wie man im digitalen Dschungel die Nerven behält“ auf dem Tischchen vereint ist.

Was mir allerdings gleich ins Auge stach, war der Tenor der anderen Buchtitel zu digitalen Technologien und Systemen. Die auf dem Tischchen vereinigten Büchertitel waren:

•„Die große Zerstörung: Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht“

•„Der Preis des Profits: Wir müssen den Kapitalismus vor sich selbst retten“

•„Revolte: Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung“

•„Alles könnte anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“

•„Facebook: Weltmacht am Abgrund“

•„Das Leben nach Google: Der Absturz von Big Data und der Aufstieg der Blockchain“

•„Der Spion in meiner Tasche: Was das Handy mit uns macht und wie wir es trotzdem benutzen können“

•„Mindf*ck: Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird“

•„Weltsystemcrash: Krisen, Unruhen und die Geburt einer neuen Weltordnung“

•„Der größte Crash aller Zeiten: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft. Wie Sie jetzt noch Ihr Geld schützen können“

•„Nach dem Kollaps: Die sieben Geheimnisse des Vermögenserhalts im kommenden Chaos“

•„Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“

•„Wer schützt die Welt vor den Konzernen? Die heimlichen Herrscher und ihre Gehilfen“

Lässt sich erkennen, was mir ins Auge stach? Welches der Bücher spricht von hoffnungsfrohen Zukunftsszenarien und beschreibt die Gegenwart positiv? Die Antwort lautet: keines. Ich denke, es wird klar, worauf ich hinauswill. Die Prämisse jedes einzelnen abgebildeten Buchtitels ist, dass wir entweder bereits in einer digitalen, technologischen Dystopie leben oder diese unmittelbar bevorsteht, weil das bestehende System kollabieren wird. Kein einziger Titel behandelt die Sichtweise, wie Technologien bereits unser Leben verbessert haben oder es zukünftig verbessern könnten. Man beachte auch, dass jeder der Autoren genau diese Technologien verwendet, um solch ein Buch zu schreiben, zu recherchieren, anzupreisen und zu Vortragsrunden zu reisen.

Es ist mir schon klar, dass dieser eine Büchertisch in einer Wiener Buchhandlung nicht repräsentativ für alle Buchhandlungen im deutschsprachigen Raum ist und der Buchhändler die Auswahl selbst getroffen hat. Doch solch eine Auswahl kommt nicht von ungefähr. Zuerst einmal müssen die Verlage selbst solche Bücher zur Veröffentlichung bestimmen. Hätte der Buchhändler die Wahl, Sachbücher mit den Chancen zu diesen Themen aufzulegen, hätte er es vermutlich gemacht. Und die Verlage publizieren und die Buchhändler legen Bücher auf, die verstärkt gekauft werden. Und da gilt nach wie vor: „Only bad news are good news!“

Je reißerischer der Titel, je dystopischer das Szenario, je böser die Bösewichte, je bunter ausgemalt wird, dass wir in der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte leben, desto eher greifen wir danach und desto besser ist es für die Verkaufszahlen. Menschen sind evolutionär darauf konditioniert, Bedrohungen größere Aufmerksamkeit zu widmen als den positiven Dingen. Ignorierte Bedrohungen können uns das Leben kosten, verpasste gute Dinge holen wir bei nächster Gelegenheit nach.

Und genau das ist das Problem bei uns. Zwar gibt es im Silicon Valley, wo ich seit fast zwei Jahrzehnten wohne, auch Buchtitel dieser Art, doch behandelt ein Drittel bis die Hälfte der Sachbücher die positive Seite und die Chancen dieser Themen. Diese Negativität im deutschsprachigen Raum – und, wenn ich dazusagen darf, auch im französischen – ist ein mentales Hindernis für uns, um Chancen zu ergreifen und Großes zu leisten.

Es ist klar, dass mit jeder Technologie und jedem System Gutes und Schlechtes vollbracht werden kann. Doch Schuld daran hat der Mensch, nicht die Technologie selbst. Dennoch nutzen uns diese Technologien und Systeme mehr, als sie uns schaden. Und die Lösungen auf die geschaffenen Probleme sind zumeist weitere Technologien und Systeme. Das scheint allerdings hier nicht der Tenor zu sein. Der Tenor ist, sich davon zu lösen oder etwas völlig Utopisches zu erwarten: nämlich, dass die Menschen plötzlich alle gut werden, das Beste für andere im Sinne haben und generell radikale Änderungen vornehmen. Doch wie soll eine Gesellschaft, die dem Fortschritt skeptisch gegenübersteht, sich plötzlich radikal wandeln?

Es gibt keine alternative Sicht auf die Zukunft als diese negative, dystopische. Und genau das eine Bild zeigt unsere Zukunftsangst. Zukunft ist eine Bedrohung. Digitale und sonstige Technologien sehen wir vor allem als etwas, was unser Leben und unseren Lebensstil bedroht. Fast alle diese Technologien stammen aus anderen Ländern und wurden nicht von uns daheim erschaffen. Und vielleicht ist das der wahre Grund für unsere Zukunftsangst: Wir gestalten sie nicht mit, wir werden von ihr überrollt, wir haben das Gefühl, keine Kontrolle darüber zu haben, und wir sind vielleicht ein wenig neidisch auf diejenigen, die sie erschaffen. Der einzige Ausweg, den viele von uns zu sehen scheinen, ist, diese Technologien und Systeme schlechtzureden.

Die Zunge des Spechts

Die vorindustrielle Ära litt nicht an einem Mangel an Vorstellungskraft, sondern an einem Mangel an Umsetzungskraft.

Carl Benedikt Frey

An die 7.000 eng mit Notizen und Zeichnungen beschriebene Seiten umfasst Leonardo da Vincis Nachlass. Es wird vermutet, dass das einem Viertel seines umfangreichen Schaffens entsprach. Alle damals bekannten Bereiche der Wissenschaft und Kunst hatte er in seinen Notizen behandelt. So groß war da Vincis Wissensdurst gewesen, dass er sich immer wieder in neuen Fragestellungen verzettelte und nur wenige Auftragsarbeiten beenden konnte, sehr zum Missfallen seiner Gönner und Auftraggeber. Ein wahrer Renaissancemensch mit Tendenz zum Prokrastinieren.

Man konnte es Leonardo nicht übel nehmen, lebte er doch in einer spannenden Phase des Wandels in Europa. Die Renaissance war einerseits bestimmt durch das Interesse an den Lehren der klassischen Antike, andererseits aber auch durch das endgültige Loslösen von ihr und den Beginn der modernen Wissenschaften. Lange glaubten die Gelehrten, es ließen sich alle neuen Erkenntnisse durch intensives Studium der alten Schriften und Texte der antiken Gelehrten ableiten. Doch die „modernen“ Zeiten warfen zu viele neue Fragen auf, auf die es keine befriedigenden Antworten der Altvorderen gab. Bestimmte Indizien und Beobachtungen machten offensichtlich, dass die Antike nicht bloß keine Antworten auf neue Fragen hatte, sondern auch oft mit ihren Antworten auf alte Fragen falschlag. Man brauchte also neue Herangehensweisen. Und wie das so ist, tauchten immer wieder neue Fragen auf, die wiederum neue Methoden zur Beantwortung erforderlich machten. Man begann sich von der reinen theoretischen Ableitung aus Bekanntem zu lösen und Experimente als rechtschaffenes Instrument des Erkenntnisgewinns zu verstehen.

Da Vinci war ein wichtiger Vertreter, weil er intensiver als alle vor ihm und seinen Zeitgenossen eben genau solche Experimente durchführte. Als uneheliches Kind geboren, genoss er nicht die Vorzüge eines Buchgelehrten. Die wichtigsten Bücher damals waren in Latein verfasst, einer Sprache, in der er nie unterrichtet worden war, die er sich aber im Laufe der Jahre autodidaktisch aneignen sollte. Der Buchdruck war gerade erst erfunden worden und Bücher in der Muttersprache erst im Kommen, es führte somit kein Weg daran vorbei, Latein zu lernen.

Was ihm in dieser Beziehung fehlte, machte er durch Neugier und Experimentierfreude wett. Er konstruierte für viele seiner Fragestellungen Versuchsapparate, um die Antworten zu finden. Unter anderem entwickelte er ein Glasherz, um zu beobachten, wie sich die Herzklappen öffnen und schließen und das Blut dadurch fließt.

Sein ganzes Leben lang behielt er diesen unbändigen Wissensdurst. Selbst uns trivial erscheinende Dinge faszinierten ihn. Eine Liste aus dem Jahr 1490, die er in Mailand angelegt hatte, zeigte, was er lernen und tun wollte:1

•Die Abmessungen von Mailand und Umgebung

•Zeichne Mailand.

•Überrede den Arithmetikmeister, mir zu zeigen, wie man ein Dreieck quadriert.

•Frage Giovanni den Bombardier, wie die Mauer des Turms der Stadt Ferrara gebaut wurde.

•Frage Benedetto Protinari, auf welche Weise man in Flandern auf dem Eis geht.

•Frage einen Hydraulikspezialisten, wie man eine Schleuse, einen Kanal und eine Mühle auf lombardische Weise repariert.

•Frage Maestro Giovanni Francese, den Franzosen, nach der versprochenen Bemessung der Sonne.

•…

•Untersuche einen Gänsefuß: Wenn er immer offen oder immer geschlossen wäre, dann könnte das Tier sich kaum fortbewegen.

•Warum ist der Fisch im Wasser wendiger als der Vogel in der Luft, wenn es doch das Gegenteil sein müsste, da Wasser schwerer und dicker als Luft ist?

•Beschreibe die Zunge des Spechts.

Ein Sammelsurium an Fragen, die ihn beschäftigten, aber besonders der letzte Eintrag scheint uns ein Kuriosum zu sein. Eine Spechtzunge beschreiben? Wieso? Was ist daran interessant? Es handelte sich jedenfalls um kein Versehen, derselbe Eintrag findet sich auch Jahre später wieder.

1508 machte er eine Reihe von anatomischen Studien, für die er eine Liste erstellte. Wie so oft hatte er den Bogen Papier dicht beschrieben und vollgezeichnet. To-dos, Einkaufsliste und Zeichenstudien waren bunt durcheinandergewürfelt. Auf der einen Seite der Liste befanden sich Darstellungen von Anatomiewerkzeugen, auf der anderen kleine Zeichnungen von Blutgefäßen und Nerven, die er im Hirn eines verstorbenen 100-Jährigen untersucht hatte. Und dazwischen eine Liste aus benötigten Werkzeugen und Dingen, die er erledigen wollte:

•Lass Avicennas Buch von nützlichen Erfindungen übersetzen (Buch eines persischen Universalgelehrten aus dem 11. Jahrhundert);

•Liste von benötigten Werkzeugen:

Brille mit Hülle

Zünder

Gabel

Gebogenes Messer

Kohlekreide

Bretter

Papier

Weiße Kreide

Wachs

Glasstücke

Feinzahnige Knochensäge

Skalpell

Inkhorn

Bleistiftmesser

und einen Schädel

•Finde heraus, wie die Zunge des Spechts funktioniert.

Schon wieder die Zunge des Spechts und auf den nachfolgenden Seiten nochmals Einträge zu diesem Vogel:

•Mache die Bewegung der Spechtzunge (Fa’ il moto della lingua del picchio);2

•Beschreibe die Zunge des Spechts und den Kiefer des Krokodils (Scrivi la lingua del picchio e la mascella del coccodrillo).3

Menschliche Zungen, Spechtzungen und Krokodilkiefer. In seinem Wissensdurst hatte Leonardo da Vinci über die Jahre Dutzende Leichen von Menschen, aber auch von Pferden und anderen Tieren seziert. Damals von der Kirche nicht gern gesehen und sogar unter Strafe stehend waren das die ersten Ansätze von Wagemutigen wie da Vinci, den menschlichen Körper besser zu verstehen. Als Ingenieur, Maler, Skulpteur, Architekt und erster moderner Wissenschaftler war er stetig bestrebt, seine Disziplinen zusammenzubringen. Ja, eigentlich sah er sie gar nicht als getrennte Disziplinen an.

Um Gesichtsausdrücke und Körper in seinen Gemälden wirklichkeitsnah und lebendig darstellen zu können, musste er seinem Verständnis nach Muskeln und deren Wirkungsweisen verstehen. Das uns noch heute mysteriös erscheinende Lächeln der „Mona Lisa“ ist das Ergebnis seiner jahrzehntelangen Studien und der Suche nach dem Funktionieren und Wirken der Natur. Er wollte verstehen, wie Muskeln die Lippen, Wangen oder Stirn bewegten.

Die menschliche Zunge erschien ihm dabei als Ausreißer besonders interessant. Es handelt sich um den einzigen Muskel, der nicht durch Kontraktion, also durch Zusammenziehen wirkt, sondern durch Ausdehnung. Und weil er eben ein Universalinteressierter war, wollte er das beim Specht auch verstehen, vermutlich, um Erkenntnisse zur menschlichen Zunge zu erhalten. Immerhin war es leichter und weniger riskant in Bezug auf die Obrigkeit, an einen Tierkadaver zu gelangen als an eine menschliche Leiche.

Was ihm natürlich erschien – nämlich verstehen zu wollen, wie Dinge funktionieren, und aktiv danach zu streben, diese Fragen zu beantworten und Experimente zu entwickeln und auszuführen –, erfordert eine ganze Menge an Energie. Es wäre einfacher, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, und sie nicht weiter zu hinterfragen. Nicht aber Leonardo da Vinci. Sein ganzes Leben lang war er auf der Suche, die Welt zu verstehen und seine Arbeit aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse zu perfektionieren.


Abbildung 1: Bildnis der Ginevra de’ Benci, datiert zwischen 1474 und 1478

Wie sehr sich das auf seine Kunst auswirkte, sieht man am Vergleich zweier Porträts. Das von Ginevra de’ Benci fertigte er als junger Künstler zwischen 1474 und 1478 an, das als Mona Lisa bekannte Porträt der Lisa del Giocondo 30 Jahre später.

Da Vincis Ginevra ist technisch durchaus gekonnt und dem Stand der Zeit würdig. Allerdings ist eine nicht zu übersehende Leere im Gesicht, die das ganze Porträt wenig natürlich und lebhaft erscheinen lässt. Die ausdruckslosen Augen, die bleiche Haut, die wie angepappt wirkende Lockenpracht, die da Vinci als Lockenträger selbst so sehr liebte, lassen uns Ginevra als Zombie erscheinen.


Abbildung 2: Mona Lisa, datiert zwischen 1503 und 1506

Ganz anders die bei den Franzosen als La Joconde bekannte Mona Lisa. Nicht nur hatte da Vinci eine viel feinere Maltechnik entwickelt, auch die Perspektiven, die Farben, die Schatten und letztendlich die Erfassung der Gesichtszüge zeigen bei der Mona Lisa eine bis dahin unerreichte Stufe der Porträtmalerei. In ihrem geheimnisvollen Lächeln, das uns sogar noch 500 Jahre nach ihrer Erschaffung fasziniert, manifestiert sich Leonardo da Vincis Können, das er nicht nur durch die Malpraxis und den unermüdlichen Drang nach neuen Erkenntnissen verbesserte, sondern auch in seiner Furchtlosigkeit, verbotenerweise Leichen zu sezieren, um die Funktionsweise und das Zusammenspiel von Muskeln und Gewebe zu verstehen.

Was Leonardo da Vinci uns vorlebte, ist das, was wir heute als „Renaissancemensch“ bezeichnen. Den Universalgelehrten, den Polymath, der ein Leben lang seine Neugierde selbst für die unscheinbarsten Phänomene aufrechterhält.

Das steht im Kontrast zur digitalen Anti-Renaissance des modernen Menschen. Seit einiger Zeit stelle ich dem Publikum auf Konferenzen in oder Delegationsteilnehmern aus Europa ähnliche Fragen:

•Wer verwendet ein Smartphone mit Gesichtserkennung?

•Wer hat einen Sprachassistenten zu Hause?

•Wer hat schon einmal einen Ridesharing-Anbieter wie Uber verwendet?

•Wer spielt Pokémon Go?

•Wer hat schon einmal eine Spechtzunge skizziert?

Man muss dabei berücksichtigen, dass die Leute, denen ich diese Fragen stelle, nicht die Otto Normalverbraucher sind. Es handelt sich bei ihnen um Innovationsmanager, Produktentwicklungsleiter, Vorstände, IT-Berater, digitale Evangelisten, Journalisten zu digitalen Themen und Trends. Menschen, zu deren Aufgabe unter anderem zählt, ihre Organisationen und Gesellschaften in die Zukunft zu führen.

Die vorgebrachten Ausreden habe ich alle gehört: Das iPhone ist zu teuer. Ich brauche mein iPhone X nicht, ich habe es weitergeschenkt. Der Sprachassistent hört immer zu. Und überhaupt: Wer braucht so etwas?

Gleichzeitig besitzen aber fast alle der Anwesenden mit Autos eine Technologie, bei der der Preis (fast) keine Rolle spielt und die pro Jahr in Deutschland 3.500 Menschen tötet. Und Autos besitzt man doch, obwohl der öffentliche Verkehr in Europa gut ausgebaut ist. Alexa hat meines Wissens nach noch nie jemanden umgebracht und kostet weniger als ein paar Dutzend Euro. Meine erhielt ich auf einer Konferenz sogar gratis mit dem Teilnehmerticket. Aber den angeblichen Innovationsvorreitern Europas tropft der Angstschweiß von der Stirn, weil ein technisches Gerät zuhört oder so viel kostet wie ein Konferenzticket.

Diesen Argumenten hängt der Geruch nach Ausflüchten an. Sie zeigen einen erschreckend großen Mangel an Neugier und Willen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Ich möchte nochmals unterstreichen, dass ich hier weder vom Durchschnitt der Bevölkerung spreche noch das iPhone X oder Alexa als Dinge, die man unbedingt besitzen muss, bewerben will. Es handelt sich hier um Symptome einer tiefer liegenden Sorge. Dieselben Personen, die ihre Unternehmen und ihr Land in die Zukunft bringen sollen, sind an der Welt merkwürdig desinteressiert. Mit neuen Trends will man sich, wenn überhaupt, dann nur theoretisch, aber nicht praktisch beschäftigen. Somit können sie in ihrer Bedeutung kaum erkannt werden. Das führt dazu, dass die Initiative und Entwicklung nicht aus unseren Reihen kommen.

Man kann einfach nicht das Pingpongspielen lernen, indem man nur ein Buch darüber liest. Man lernt nicht das Autofahren, indem man zahlreiche Videos auf YouTube schaut. Man lernt auch „Digital“ nicht, indem man lediglich Konferenzen zu digitaler Transformation besucht. Man muss schon selber den Pingpongschläger in die Hand nehmen und aktiv werden, sich hinter das Steuer eines Autos setzen und das neueste Smartphone oder einen Sprachassistenten und Ähnliches selbst verwenden – und das regelmäßig und für längere Zeit.

Diese aktive Neugier, die Leonardo so sehr vereinnahmte, scheint uns zumindest teilweise abhandengekommen zu sein. Und das hat vermutlich mit unserer Erziehung und dem nachhaltigen Einfluss der Religion zu tun. Der Philosoph Michel Foucault schrieb, die Tradition lehre uns, der Neugier – insbesondere der Neugier auf die Schöpfung – dürfe man nicht ungestraft frönen:4

Neugier ist ein Laster, das abwechselnd vom Christentum, von der Philosophie und sogar von bestimmten Auffassungen der Wissenschaft stigmatisiert wurde. Neugierde, Vergeblichkeit. Das Wort jedoch gefällt mir. Für mich suggeriert es etwas ganz anderes: Es evoziert „Besorgnis“; es evoziert die Sorgfalt, die man für das, was existiert und existieren könnte, aufbringt; eine Bereitschaft, das, was uns umgibt, seltsam und einzigartig zu finden; eine gewisse Bereitschaft, unsere Vertrautheit aufzubrechen und ansonsten die gleichen Dinge zu betrachten; eine Inbrunst, das, was geschieht und was vergeht, zu klassifizieren, eine Lässigkeit in Bezug auf die traditionellen Hierarchien des Wichtigen und Wesentlichen.

Ohne die digitale Anti-Renaissance abzuschütteln und sich für das moderne Äquivalent der Spechtzunge zu interessieren, werden wir weder unsere Unternehmen noch Europa in die Zukunft bringen, geschweige denn diese Zukunft mitgestalten können. Wir müssen selbst experimentieren und ausprobieren und uns nicht nur Konferenzwissen aneignen. Wir müssen die Angst vor dem Unbekannten abschütteln und neugierig sein. Leonardo beschäftigte sich mit Dingen, die uns trivial erscheinen mögen, aber selbst im Trivialen sind Erkenntnisse verborgen, die weitreichende Bedeutung haben.

Vor einiger Zeit besuchte ich eine lokale Messe in der kalifornischen Stadt Fresno. Hier, mitten in dieser von Agrarland umgebenen Kleinstadt, hält die aus Laos eingewanderte Hmong-Bevölkerung alljährlich ihre einwöchige Kulturfeier mit vielen Ausstellern ab. In einer Halle gab es den Stand eines örtlichen Fortbildungsinstituts, bei dem eine Lehrerin demonstrierte, wie man mit einem Lockenstab unterschiedliche Arten von Locken in das lange Haar des Models machen kann. Ich war fasziniert. Noch nie hatte ich das beobachtet. Eine leichte Drehung hier, ein längeres Pressen da – und die Locken waren entweder kurz und eng oder lang und voluminös. Werde ich das Wissen darüber je brauchen? Bei meinem Kurzhaarschnitt eher nicht. Aber wer weiß heute schon, wo diese Erkenntnis einmal praktisch oder als Metapher zum Einsatz kommen kann. Zumindest hier in diesem Buch konnte ich sie schon einmal als Beispiel anführen.

Das Funktionsdilemma

Die Bedeutung deines Lebens ist etwas, das du schaffst.

Noam Chomsky

Es ist ein regnerischer Novembertag, als ich mich auf den Weg zu einem Vortrag vor Studenten und Absolventen der Technische Universität München ins neu eingeweihte Werksviertel mache. In diesem Stadtentwicklungsgebiet, von dem aus die Pfanni-Knödelfabrik jahrzehntelang die Bundesrepublik mit Fertigknödeln belieferte, befinden sich heute Bürogebäude, schicke Container mit Weinbars sowie gleich neben einem Partydach Schafe und Hühner auf einer „Dachalm“. Dass die Tiere dort überhaupt sein dürfen, war nicht dem Münchner Veterinäramt zu verdanken, das sich nicht dazu äußern wollte, ob sich Hühner und Schafe überhaupt miteinander vertragen. Das Amt übertrug die Verantwortung den Betreibern, sie dort anzusiedeln. Bei jeder Party auf dem begrünten Dach der ehemaligen Fabrik kommen die Schafe neugierig an die Partyzone heran, staunen und lauschen.

Genauso lauschten und staunten vermutlich die Studenten bei meinem Vortrag über die Technologietrends in der Automobilbranche. Fahrerlose Autos navigieren heutzutage sicher durch die Straßen der San Francisco Bay Area. Ein Physikabsolvent hob nach dem Vortrag die Hand und erklärte überzeugt:

Ich habe ein Haus in den Bergen und im Winter ist das immer zugeschneit. Da muss ich zehn Kilometer über schneebedeckte Straße fahren, um dorthin zu gelangen. Das wird ein autonomes Auto nie können.

Das war im Jahr 2019, genau 50 Jahre nach der ersten bemannten Mondlandung. Das war einige Tage, nachdem die Voyager-2-Sonde unser Sonnensystem verlassen und endgültig in den interstellaren Raum vorgedrungen war. Das war Jahre, nachdem Menschen in 10.000 Metern Tiefe mit U-Booten und Tauchrobotern im Meer die Welt erkundet haben, nachdem wir Raumsonden auf andere Planeten und Monde in unserem Sonnensystem gesandt haben und wir mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit auf unserem eigenen Planeten fliegen können.

Dennoch ist ein Physiker der TU München felsenfest davon überzeugt, autonome Autos würden nie eine zehn Kilometer lange schneebedeckte Strecke zurücklegen können – von derselben TU, dessen Hyperloop-Team viermal in Folge den Wettbewerb zum schnellsten Hyperloop-Pod gewonnen hat und sogar eine eigene Teststrecke um München erhalten wird.

Ich könnte diese Behauptung als einen statistischen Ausreißer ignorieren. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Ein Physiker macht noch keine TU. Doch ist dies kein Einzelfall, denn gerade aus dem deutschsprachigen Raum kommen zu selbstfahrenden Autos immer wieder solche Reaktionen. Kritischer sehe ich solche Aussagen, wenn sie von Ingenieuren stammen. Menschen, die ausgebildet wurden, Probleme zu identifizieren und Lösungen zu finden, die dem Wohl der Menschheit dienen.

Wer erinnert sich nicht an die Prüfungsfragen in der Schule und an der Universität, die üblicherweise die Form von „Finde den Wert von x“ aufweisen? Ich kann mich nicht erinnern, dass je eine Aufgabe die Prüflinge aufforderte, alle Gründe zu finden, warum etwas niemals funktionieren könne.

In den nächsten Kapiteln werden wir uns mit Beispielen zu Erfindungen und Innovationen aus der Vergangenheit befassen, die zeitgenössisch mit Skepsis oder sogar mit Warnungen vor dem moralischen Verfall der Gesellschaft aufgenommen worden waren. Oft zeichneten sich diese Erfindungen bereits ab. Dennoch fanden sich genügend „Expertenstimmen“, die das Streben nach der Lösung als vergebliche Liebesmüh und als etwas Widernatürliches bezeichneten. So druckte 1903 die New York Times unter der Schlagzeile „Flugmaschinen, die nicht fliegen“ („Flying Machines Which Do Not Fly“) zehn Wochen, bevor Wilbur und Orville Wright den ersten kontrollierten Flug mit einem Motorflugzeug erfolgreich absolvierten, eine Kolumne ab, die die bisherigen Fehlversuche als nichts Überraschendes darstellte.5

Wenn es also zum Beispiel tausend Jahre dauert, bis ein Vogel, der mit rudimentären Flügeln begonnen hat, für einen einfachen Flug geeignet ist, oder zehntausend Jahre für einen Vogel, der ohne Flügel begonnen hat und sie erst ausbilden musste, dann könnte man davon ausgehen, dass der Flugapparat, der tatsächlich fliegen wird, durch die gemeinsamen und kontinuierlichen Bemühungen von Mathematikern und Mechanikern in einer Million bis zehn Millionen Jahren entwickelt werden könnte – vorausgesetzt natürlich, dass wir inzwischen so kleine Nachteile und Unannehmlichkeiten wie das bestehende Verhältnis zwischen Gewicht und Festigkeit bei anorganischen Materialien beseitigen können.

Wie kommt es, dass gerade Technikexperten derart überzeugt davon sind, dass etwas nicht und niemals klappen wird? Und warum tendieren sie dazu, zuerst sämtliche Gründe aufzuzählen, warum etwas nicht funktionieren könnte? Ist unser Ausbildungssystem nicht eigentlich darauf ausgelegt, unsere Sinne darin zu schärfen und uns Werkzeuge an die Hand zu geben, Lösungen und Antworten zu finden? Wo also auf dem Weg vom Schüler, Studenten und Experten läuft da etwas schief?

Während die einen vor allem erklären, warum etwas nie klappen wird, befürchten die anderen, dass es zu gut klappen kann. Erstere agieren in einem Umfeld absoluter Sicherheit, die Letzteren hingegen leben in einem von Unsicherheit und Angst geprägten Umfeld.

Eine E-Mail, die ich zur Digitalisierung des Gesundheitswesens über eine Informationsplattform erhielt, drückte das aus. Der Autorin ging es vor allem um ethische Fragen und listete eine Reihe von Gefahren auf: digitale Gesundheits-Apps, die eine Abhängigkeit von Arbeitgebern schafften; die Anfälligkeit von Patientendaten, die gehackt werden könnten und das Arztgeheimnis verletzten; künstliche Körperteile, die uns zu Cyborgs machten; Organspenden, die zu einem lukrativen illegalen Organhandel führen würden.

Dieser Angstfokus erinnert an den Film „Die Truman Show“, in der Jim Carrey den Versicherungsangestellten Truman Burbank spielt, der – ohne sich dessen bewusst zu sein – der Hauptdarsteller einer Realityshow ist, die sich um sein Leben dreht. Von seiner Geburt bis zu seinem Berufseinstieg lebt er in der unter einer Kuppel gelegenen künstlichen Seestadt Seahaven. Damit er nicht den Wunsch entwickelt, verreisen zu wollen, und so die Illusion verlässt, in der er sich unwissentlich befindet, ließen sich die Showproduzenten viele Tricks einfallen, um in ihm die Angst vor Reisen zu verstärken. So soll sein Vater (ebenfalls ein Schauspieler) angeblich bei einem Bootsunfall verstorben sein. Und als der inzwischen misstrauische Truman Burbank ein Reisebüro aufsucht, um eine Reise nach Fidschi zu buchen, wo seine ehemalige Freundin angeblich hingezogen war, sieht man an diesen Wänden eher ungewöhnliche Plakate. Diese warnen vor Terroristen, Krankheiten, Wildtieren, Banden und von Blitzen getroffene Flugzeuge.

Würden wir in ein Reisebüro gehen oder eine Reiseplattform benutzen, die uns vor allem auf einen möglichen, aber sehr unwahrscheinlichen katastrophalen Ausgang einer Urlaubsreise hinweist? Und weitergedacht: Würden wir zu einer Ärztin gehen, uns in ein Krankenhaus legen oder eine Gesundheitsplattform benutzen, wenn diese hauptsächlich den lukrativen Organhandel oder die Gefahren aufzeigt, dass unsere Patientenakten in falsche Hände fallen und wir durch Körperimplantate wie Herzschrittmacher oder Hörapparate zu willenlosen Werkzeugen anonymer Technologieunternehmen werden? Wie würden wir uns beim Griechen oder Italiener um die Ecke fühlen, wenn dieser uns zuerst auf die Gefahren von Ersticken am verschluckten Essen, vor Verbrühungen an Heißgetränken, Alkoholproblemen und tödlich endenden Erdnussallergien hinweisen und die Hintergrundmusik ständig von Warnungen unterbrochen werden würde?

Vermutlich gar nicht gut. Wir suchen doch eigentlich nach einer Lösung für ein bestehendes Problem, nicht nach weiteren Problemen, die dieses noch verstärken würden, ohne dass uns eine Lösung angeboten wird. Und das Problem, das wir lösen wollen, ist, wieder gesund zu werden, den Hunger zu stillen oder den wohlverdienten Urlaub anzutreten.

Aus evolutionärer Sicht ist unser Fokus auf bedrohliche Szenarien verständlich. Es haben diejenigen überlebt und ihre Gene weitergeben können, die dem Brüllen eines Tigers die sofortige notwendige Aufmerksamkeit geschenkt haben. Heute, wo die Gefahr, einem Tiger zur Mahlzeit zu dienen, verschwindend gering geworden ist, reagieren unsere Affenhirne trotzdem immer noch wie vor Hunderttausenden von Jahren. Gefahren erhalten unsere sofortige Aufmerksamkeit, denn die richtige Antwort darauf garantierte unser Überleben.

Doch in einer modernen Welt kommen uns ebendiese so erfolgreich weitervererbten Gene in die Quere. Zehn Lösungen wiegen weniger schwer als ein Problem. Wir sehen vor allem die mit Rotstift markierten Fehler bei Klausuren, nicht die richtigen Antworten. Wir schießen uns auf ein gescheitertes Projekt ein und suchen nach den Schuldigen, anstatt kontrolliertes Scheitern zu ermöglichen und daraus für folgende Projekte zu lernen.

Damit sollen die Probleme nicht verharmlost werden. Datenschutz, die Auswirkungen von Körperimplantaten und Organhandel ebenso wie mögliche Risiken selbstfahrender Autos oder das Brandverhalten eines Elektroautos nach einem Unfall sind wichtige Themen. Doch sollten wir nicht vergessen, dass viele dieser potenziellen Gefahren recht selten eintreten und oft auch nicht in dem Ausmaß, wie sie von Warnern an die Wand gemalt werden.

Wir werden darauf zurückkommen, wie Technologieinnovationen in der Vergangenheit zu ähnlicher Skepsis geführt haben. Heute, wo diese Technologien für uns selbstverständlich sind, erscheinen uns die damaligen Ängste absurd. Stattdessen traten seit der Einführung dieser Technologien andere Probleme als die befürchteten auf, die wiederum durch Fortschritte in der Technologie gelöst werden konnten.

Viele der Argumente aus der Vergangenheit ähneln denen, die den heutigen Technologien vorgeworfen werden. Waren es damals der Spiegel, der Lift, die Glühbirne oder das Radio, so sind das heute die künstliche Intelligenz, das Smartphone, soziale Medien oder das autonome Auto. Das ist dieses Funktionsdilemma, vor dem wir stehen. Wie viel Gutes und Schlechtes bringt uns die Technologie? Wir können Lehren aus der Vergangenheit ziehen, wie wir ein gutes Gleichgewicht zwischen den Chancen und Möglichkeiten und den Risiken und Gefahren bei der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien finden können.

Trotz aller auftauchenden Probleme dürfen wir die Gründe für die Entwicklung dieser Technologien nie aus den Augen verlieren. Mit jeder Innovation stellt sich diese Frage nicht nur aufs Neue, sie fordert uns auch immer wieder neu heraus zu erkennen, wo dieses Gleichgewicht des größten Nutzens für die Menschheit eigentlich liegt. Schon im Jahr 1947 beschäftigte sich der britische Autor W. H. Auden in seinem Gedichtband „The Age of Anxiety“ („Das Zeitalter der Ängste“) mit den Auswirkungen der Industrialisierung auf die Suche des Menschen nach Inhalt und Identität.6 War es damals die Industrialisierung, so ist es heute unter anderem die Automatisierung durch künstliche Intelligenz, die ähnliche Fragen aufwirft.7 Was damals Ängste auslöste, wird heute als normaler Bestandteil unseres Alltags gesehen. Es fällt nur auf, wenn es nicht funktioniert oder wenn es nicht vorhanden ist.

Ein Land voller Moralunternehmer

Mancher findet nur darum ein Haar in jeglicher Suppe, weil er das eigene Haupt schüttelt, solange er isst.

Friedrich Hebbel

Was haben Regenschirme, Impfungen, Teddybären, Comics oder Spiegel gemein? Genau dieselbe Tatsache wie das Selfie, das Smartphone, das Elektroauto und der Walkman. Vor ihnen wurde – wie vor vielen anderen Erfindungen und Innovationen der Vergangenheit und der Gegenwart – von Moralunternehmern ausdrücklich gewarnt.

Moralunternehmer sind selbstberufene Menschen, die es sich zur Aufgabe machen, vor den ihrer Meinung nach hauptsächlich negativen Auswirkungen neuer Technologien und Gesellschaftsmodelle zu warnen.8 Zur Begründung werden soziale, moralische und ethische Normen herangezogen, die gemäß den Moralunternehmern zu einer Auflösung der Gesellschaft, degenerierten Kindern, dem Verlust von Traditionen und Normen und generell einem Verfall von Zivilisation und Kultur führen würden.

So wurden Teddybären verteufelt, weil sie kleine Mädchen davon ablenken würden, sich auf eine Mutterschaft vorzubereiten. Bei Spiegeln wurde die Gefahr gesehen, dass Mädchen und Frauen sich den ganzen Tag nur mehr vor dem Spiegel betrachten würden. Man ersetze Spiegel durch Selfie und die Argumente sind dieselben. Jonas Hanway zog vor 250 Jahren in London mit seinem Regenschirm den Spott seiner Mitbürger auf sich. All diese Erfindungen waren widernatürlich und ein Zeichen des Sittenverfalls, der Verweichlichung der Gesellschaft und des zivilisatorischen Niedergangs.

Dass eine Erfindung widernatürlich sei, einem moralischen Normbruch gleichkäme und damit die Gesellschaft und die Menschheit den Bach runtergehe, ist ein wiederkehrendes Motiv über all die Jahrhunderte. Nichts vereint die Menschheit mehr über die Zeitenspanne als das Jammern über den Sittenverfall und die Jugend von heute.

Mag das bei den Älteren als Spleen durchgehen oder ironisch gemeint sein – oftmals nostalgisch verklärt –, so betrachten Moralunternehmer, die sogenannten „Merchants of Bad“ („Verkäufer schlechter Nachrichten“), das als ihren Job.9 Es befeuert sie dabei oft nicht nur echter Glaube an ihre eigenen Argumente, die damit erhaltene Aufmerksamkeit bestärkt sie auch in ihren Anstrengungen. Es macht süchtig, eingeladen zu werden, seine Meinung öffentlich kundzutun und ernst genommen zu werden.

Ein interessantes Beispiel stellt der im Jahr 1895 in Nürnberg geborene Friedrich Ignatz Wertheimer dar, der später unter seinem amerikanisierten Namen Fredric Wertham Berühmtheit gewinnen sollte.10 Als Leiter einer psychiatrischen Klinik untersuchte er den Fall eines 17-Jährigen, der seine Mutter umgebracht hatte. Mit diesem Fall und weiteren Studien versuchte Wertham, einen Zusammenhang zwischen gewalttätigen und sexualisierten Comics und der Gewaltbereitschaft bei Kindern herzustellen. Er war derjenige, der zwischen Batman und Robin homosexuelle Tendenzen oder in Wonder Womans Lasso die Vagina erkannt haben wollte, und begann einen Kreuzzug gegen Comics, der bei konservativen Politikern auf offene Ohren stieß – und letztendlich im „Comics Code“ mündete, einer halbfreiwilligen Zensur und Regulierung der Darstellungen in Comics.

Selbst als der Comics Code eingeführt worden war und das öffentliche Interesse an Wertham zurückging, gab er nicht auf. Der Comics Code ging ihm nicht weit genug und er bemühte sich um eine Verschärfung. Doch ab diesem Zeitpunkt war das öffentliche Interesse an diesem Thema schon abgeklungen.

Moralunternehmer sind auch nach Erreichen ihrer Ziele nicht befriedigt. Sie leben davon, dass Menschen sich echauffieren, und suchen nach weiteren Argumenten oder neuen Themen, um als Warner aufzutreten. Die Aufmerksamkeit durch die Öffentlichkeit und die Reaktionen, die sie hervorrufen, korrumpieren Moralunternehmer. Wer einmal Blut geleckt hat, will immer mehr. So kommt es zu einem Wettlauf der „Experten“ um das nächste Thema, den nächsten Aufreger. Diese sind beliebte Talkshow- und Interviewgäste, weil sie einfach verständliche Meinungen vertreten und eine gute Show – und damit Einschaltquoten – liefern. Eine ausgewogene Meinung macht sich auf dem Bildschirm hingegen weniger gut. Auch ist womöglich ein tiefes Verständnis der Materie eher hinderlich, um dem Publikum Unterhaltung zu bieten.

Der Grund, warum Moralunternehmer immer Gehör finden, liegt an zwei Komplizen: den Journalisten, die nach sensationellen Schlagzeilen suchen, um ihre Verkaufszahlen zu steigern, und den Politikern, die mit Freude einen Missstand öffentlichkeitswirksam anpacken und damit ihre Tatkraft – natürlich – für das Wohl der Bevölkerung zeigen wollen.

1953 veröffentlicht der Philosoph Sir Isaiah Berlin sein Essay „Der Igel und der Fuchs“, in dem er große Autoren und Denker in zwei Kategorien einteilt. Auf der einen Seite die Igel, die eine große Idee propagieren, auf der anderen Seite diejenigen, die aus einer Reihe von Ideen und Prinzipien schöpfen und postulieren, dass die Welt nicht auf eine Idee oder ein Prinzip reduziert werden kann. Zu den Igeln zählte er beispielsweise Platon, Dostojewski oder Nietzsche, zu den Füchsen Aristoteles, Shakespeare oder Goethe.

Der Politwissenschaftler Philip Tetlock griff diese Einteilung für Vorhersagen im Bereich Zukunftsforschung auf.11 Experten und Analysten, die vor allem eine Idee oder ein vereinheitlichendes Prinzip, das oft auf ideologischem Denken basiert, wiederholt vorbrachten, lagen signifikant oft mit ihren Vorhersagen falsch. Diese nannte er die Igel. Diejenigen Analysten und Experten, die eine differenziertere Betrachtungsweise bevorzugten, lagen öfter richtig. Das waren die Füchse. Sie holen sich Information aus verschiedenen Quellen und suchen auch aktiv nach widersprüchlichen Informationen, um ihr Denken und ihre Schlussfolgerungen zu hinterfragen.

Da Vorhersagen nie zu 100 Prozent eintreten, fanden selbst Igel, die immer falschlagen, Gründe, warum sie trotzdem recht hatten. Oder sie verwarfen die Hinweise auf die falschen Vorhersagen mit einem Schulterzucken. Nicht nur das. Sie fanden sich auch ermutigt, ihre Ideen und Prinzipien auf andere Fachbereiche auszudehnen. Je mehr sie das machten, desto tiefer versanken sie in ihrer intellektuellen Fallgrube und waren immer weniger bereit, neue Informationen, die ihrer Idee widersprachen, aufzunehmen. Sie befanden sich in einer Filterblase, in der sie nur mehr bestätigende Information zuließen oder so interpretierten.

Moderne heimische Igel und Moralunternehmer, die durch unsere Talkshows tingeln und in ihren Büchern simple Meinungen und nur selten Lösungsvorschläge – und auch diese oft von recht simpler oder alternativ radikaler Natur – medienwirksam vortragen, sind unter anderem Richard David Precht oder Anders Indset. Sie fallen mehr durch die Fülle ihrer Locken und zitierbaren Bonmots auf als durch ihr Technologieverständnis oder ein wirkliches Verständnis des gesellschaftlichen Wandels. Sie blenden uns mit dem Einstreuen von diesem Philosophen hier oder jenem ungenannten Vorstandsvorsitzenden da, mit dem sie auf einem Empfang geplaudert haben, definieren aber niemals ihre Begriffe, erklären nicht die Technologie, schlüsseln ihre Argumente nicht logisch auf, zeichnen aber ein Bedrohungsszenario nach dem anderen. Als Konsequenz fordern sie ein radikales Umdenken, radikale Maßnahmen, echauffieren sich, wenn dies nicht passiert, und fühlen sich bestätigt, wenn sich die Welt nicht gemäß ihren Vorstellungen ändert. Und das tut sie eigentlich nie, weil sie – wie schon Wertham – sofort nach noch radikalerem Vorgehen verlangen und bereits beim nächsten zivilisationsbedrohenden Thema ihrer Empörung eloquent Ausdruck verleihen.

Moralunternehmer folgen dabei dem FUD-Prinzip („Fear, Uncertainty and Doubt“, „Furcht, Ungewissheit und Zweifel“), indem sie Angstgefühle auslösen.12 Dabei geht es ihnen immer um die Selbstdarstellung. Jemand, der all diese Gefahren und Konsequenzen erkennen kann, hat das System dank seiner intellektuellen Fähigkeiten durchschaut. Jeder andere, der statt von den Gefahren von den Möglichkeiten und Chancen des Fortschritts spricht, kann nur naiv sein und fällt auf die Eigeninteressen von Ingenieuren, Technikern und Unternehmen herein, die davon profitieren wollen.

Die Psychologin und Harvard-Professorin Teresa Amabile hat diese Verhaltensweise in Experimenten untersucht. Sie legte Studenten zwei Buchrezensionen vor. Eine war eher positiv formuliert, die andere kritisch. Anschließend sollten die Studenten die Intelligenz der Rezensenten einschätzen. Die Studenten bewerteten die Intelligenz des Verfassers der kritischen Rezension höher. Was die Studenten aber nicht wussten: Beide Buchkritiken waren von Amabile selbst verfasst worden.13 Wer war nun intelligenter? Teresa oder Amabile?

Was ist, wenn ein ganzes Land oder Kontinent zum Moralunternehmer wird? Deutschland und Europa sind auf dem besten Weg dahin. Deutschland mit seinen Warnungen vor Datenmissbrauch und Europa mit seiner scheinbar einzigen Art, mit Fortschritt umzugehen, indem man alles beinahe zu Tode reguliert, rufen international vor allem Augenrollen hervor.

Wie ging es mit Fredric Wertham und seinen Studien weiter? Vor einigen Jahren stellte sich in einer überraschenden Wendung der Dinge heraus, dass die Schlussfolgerungen in Werthams Studien unter anderem auf vorsätzlich gefälschten Daten basierten.14 Und das ist übrigens eine Lehre aus dem Umgang mit Moralunternehmern: Sie schrecken in ihrem blinden Eifer nicht davor zurück, Informationen zu ihrem Zwecke zu fälschen, bewusst auszulassen oder gleich zu erfinden.

Erwähnungsumkehr

In der gesamten Menschheitsgeschichte hat es nie genug von den guten Dingen gegeben. Nicht genug Essen, nicht genug Bildung, nicht genug Freizeit.

Byron Reese15

Jetzt haben wir genug von allem, nur nicht gut verteilt.

Ab dem Jahr 1880 erschienen im Baedeker, dem gedruckten Reiseführer der vordigitalen Zeit, Einträge, die Reisende auf eine Innovation hinwiesen und zugleich den Luxus der erwähnten Hotels beschreiben sollten. In der Liste dieser Annehmlichkeiten eines Hotels tauchten vermehrt Fahrstühle auf – nicht nur als Fußnote, sondern oft an erster Stelle noch vor dem zeitgleich eingeführten elektrischen Licht oder dem Bad im Zimmer. Waren Lifte zuerst nur in den besten Hotels einer Region zu finden, so verfügten bald immer mehr Hotels über Aufzüge als Standardausstattung. In einem Reiseführer von Norditalien mit Ravenna, Florenz und Livorno aus dem Jahr 1911 wurden Aufzüge nicht mehr explizit erwähnt – mit einer Ausnahme: Bei Billighotels wurde beispielsweise mit dem Satz „bescheidene Ausstattung, ohne Aufzug und Zentralheizung“ auf das Fehlen von Aufzügen hingewiesen. Die Erwartungen der Reisenden hatten sich in wenigen Jahren bereits so geändert, dass Aufzüge in Hotels eine vorausgesetzte Ausstattung waren, während hingegen das Fehlen vom Reiseführerverlag als erwähnenswert betrachtet wurde.16

Was der Aufzug um 1900 war, ist die Internetverbindung 100 Jahre später. Hotelgäste erwarten auf den Zimmern eine WLAN-Geschwindigkeit, die das Streamen von Filmen ohne störende Unterbrechungen und in perfekter Auflösung erlaubt. Ein Sprecher der österreichischen Wirtschaftskammer meinte dazu:17

Ein Bett ohne Frühstück kann man verkaufen, ein Bett ohne WLAN kann man nicht mehr verkaufen.

Die Erwartungen gehen über Hotelzimmer hinaus. Gute Internet- und Datenverbindungen werden heutzutage im ganzen Land erwartet. Im internationalen Vergleich zeigt sich durch die Art der Diskussion, was als Standard erwartet wird. Was Deutschland angeht, wird nicht auf das Vorhandensein schneller Datenverbindungen hingewiesen, sondern das Fehlen vielerorts erstaunt Besucher und wird als explizit erwähnenswert betrachtet. Wären die Länder Hotels im Baedeker, dann wäre Deutschland ein Billighotel.

Von einer erwähnenswerten Neuheit zu einem nicht weiter erwähnenswerten, nun vorausgesetzten Standard. Damit ändert sich oft auch die Art, wie aus einer emotionalen Perspektive darüber gesprochen wird. Was zuerst Ängste auslöste wie beispielsweise das Fahrrad, von dem Moralunternehmer erwarteten, dass es Menschen in Verrückte, nach Geschwindigkeit Süchtige verwandelte, wird nun zu einer Lösung. Das Fahrrad hilft Menschen, fit zu bleiben und Entspannung zu finden.

Die Frage, die sich für uns stellt, ist: Zu welcher Kategorie gehören wir? Bleiben neue Technologien für uns aufgrund unserer Verweigerungshaltung so lange neu, dass wir jahrzehntelang nur die Probleme wahrhaben wollen, aber nie die Annehmlichkeiten der Lösungen erkennen? Wie lange reden wir eigentlich schon vom digitalen Wandel? Das begann vor gefühlten zwei Jahrzehnten und nach wie vor sehen wir ihn als Problem, nicht als Lösung.

Die digitale Malaise

Verstehen Sie sich nicht als Opfer von Problemen, sondern als Erfinder von Lösungen.

Carsten Maschmeyer

Was hatten Apple, Microsoft und Amazon im Jahr 2020 gemeinsam? Jedes einzelne Unternehmen war an der Börse mehr wert als alle 30 im DAX gelisteten Unternehmen zusammen. Während diese drei Unternehmen jeweils nicht älter als 45 Jahre waren, hatten von den 30 deutschen Unternehmen bereits 24 mehr als 100 Jahre auf dem Buckel. Als im Jahr 1997 Steve Jobs wieder das Steuer bei Apple übernahm, war es drei Milliarden Dollar wert, weniger als ein Zehntel von Siemens. Mitte 2020 war Apple 18-mal so viel wert wie Siemens.

Alle 100 im Technologie-Index NASDAQ 100 gelisteten Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung sind Mitte 2021 mit 15 Billionen Dollar zusammen mehr wert als alle in Europa öffentlich gehandelten Unternehmen.18

Unternehmen in den deutschsprachigen Ländern konzentrieren sich dabei auf Maschinen- und Anlagenbau, die Automobilindustrie sowie den Chemie-, Pharmazie-, Werkstoff- und Medizintechniksektor, um nur einige zu nennen. Mit unseren Maschinen werden unter anderem die Produkte weltweit gefertigt, werden wir bewegt und dank dieser auch von Wehwehchen geheilt. Natürlich tut man mit dieser Aufzählung vielen anderen Sektoren unrecht, in denen unsere Hersteller ebenfalls erfolgreich tätig sind – beispielsweise im Lebensmittel- und Sportartikelbereich oder im Energiesektor. Gerade im letzteren haben wir eine Wende geschaffen, die zu nachhaltigeren Energieformen geführt hat und als Vorbild für viele andere Länder dient.

Doch auch wenn Unternehmen wie SAP und Infineon und viele kleine Softwarehäuser sehr rege sind, so kommt aus unserer Mitte kein digitaler Riese, der angesichts der Größe des Sprach- und Kulturraumes hätte entstehen müssen. Nun ist unser Reflex auf diese Fakten oft einer, der die Börsenbewertung als abgekoppelt von den „tatsächlichen“ Werten eines Unternehmens und dessen Wirken auf die Gesellschaften abkanzelt. Bei nüchterner Betrachtung stehen wir aber nicht einfach vor statistischen Anomalitäten, mit denen wir dieses Phänomen einfach wegerklären und die eigene Wirtschaft schönreden können.

In den Vorstandsetagen ist man sich darüber im Klaren, doch wirken sowohl das Management als auch die Belegschaft hilflos. Trotz eines Exportbooms und Gewinnen ist man sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass man die neuen Technologien weder beherrscht noch den Funken einer Chance zu haben scheint, diese anzuführen und zu dominieren.

Dies ist ein Paradebeispiel, wie die Wirtschaft unserer Länder von den Technologien des 21. Jahrhunderts abgehängt wird. Die Wirtschaft der Länder wandelt sich von einer von materiellen Werten dominierten hin zu einer, deren immateriellen Werte immer größere Bedeutung erlangen.

Wie sehr diese Schere auseinandergeht, sah man bei der Coronakrise. Während dieselben digitalen amerikanischen Konzerne enorme Wachstumsschübe erfuhren und sich beinahe schon für die Gewinnsteigerungen entschuldigten, mussten deutsche Unternehmen teils massive Verluste hinnehmen.

Digitale Technologie wurde zur Rettungsleine für die Bevölkerung, die wegen der Ausgangsverbote in Seuchenzeiten nur dank E-Commerce, Cloud-Lösungen, Videokonferenzwerkzeugen und Videostreaming-Dienstleistern sich mit dem Lebensnotwendigsten versorgen und teilweise die Arbeit und die Schule von zu Hause fortsetzen konnte. Und da wurde den Bürgern klar, wie sehr man Breitbandinternet und leistungsstarken Mobilfunk bislang vernachlässigt hatte. Unternehmen, für die die digitale Transformation nur ein Lippenbekenntnis war, hatten einige Mühe, die Infrastruktur zur Aufrechterhaltung des Betriebs einzurichten.

Nicht nur Unternehmen, auch die Regierungen und Behörden waren überfordert. Zwar gibt es seit Jahren, teilweise seit mehr als einem Jahrzehnt großspurige Digitalisierungsinitiativen und Digitalisierungskonzepte, aber getan hat sich wenig. Beispiel gefällig? Aus der Schweiz mussten wir vernehmen, dass

[d]ie vom Innendepartement (EDI) erlassene Verordnung über die Meldung von Beobachtungen übertragbarer Krankheiten des Menschen verlangt, dass Meldungen ans BAG [Bundesamt für Gesundheit] per Post, Kurier oder Fax gemacht werden müssen.19

Das BAG war so überfordert gewesen mit der eintrudelnden Papierflut, dass sie mit dem Zählen nicht nachkam. Man hatte auch tagelang übersehen, dass das Papier im Faxgerät zu Ende gegangen war, und so keine Meldungen mehr erhalten.20 Man weiß bis heute nicht, wie viele auf diese Weise nicht erfasst worden waren. Wie löste man das Zählproblem? Mit ganz modernen Mitteln: Einerseits bezog man die Zahl der Todesfälle von Wikipedia, andererseits legten die Mitarbeiter den Stapel an Formularen der gemeldeten Fälle auf eine Waage, um auf diese Weise die Fälle abzuschätzen. Es ist nicht bekannt, ob es sich um eine Digitalwaage handelte.

In England war man nicht besser vorbereitet. Dort fielen fast 16.000 Fälle unter den Tisch, weil man die Tabellenkalkulation Microsoft Excel verwendet hatte, deren Tabellen nur knapp etwas mehr als eine Million Zeilen zulassen.21 Als die gemeldeten Zahlen mehr als eine Million überschritten, war die Exceltabelle voll und weitere Datensätze fielen unter den digitalen Tisch.

Die Schwierigkeiten, neue Technologien zu akzeptieren, anzuwenden, sie zu entwickeln und innovativ voranzutreiben, birgt noch andere Risiken. Heimische Unternehmen könnten zu attraktiven Übernahmezielen und von gut finanzierten amerikanischen und chinesischen Digitalunternehmen einfach geschluckt werden – wenn sie Glück haben und mit der Zeit nicht einfach schließen müssen.

Während wir nach wie vor von den Erfolgen der Gründerzeit vor 1900 zehren, sollten wir schon längst die nächste Generation an Unternehmen starten und entsprechende Technologien entwickeln. Doch das will und will uns nicht gelingen. Aus unserer Mitte kommt mit Ausnahme von SAP kein einziges Unternehmen, das in den führenden Technologien des 21. Jahrhunderts allen anderen voranschreitet, das Maßstäbe setzt und zugleich Zehntausende von Arbeitsplätzen schafft. Es sind auch kaum Unternehmen am Start, um diesen Weg zu gehen.

So führt das Analystenhaus CB Insights eine Liste von sogenannten Unicorn-Start-ups – Unternehmen mit Bewertungen von einer Milliarde Dollar und mehr. Deutschland weist unter weltweit 487 Unicorns 13 und die Schweiz vier dieser seltenen „Einhörner“ auf. Im Vergleich dazu kommen China auf 122, die USA auf 235, das kleine Israel auf sieben und das Vereinigte Königreich auf 27 Unternehmen.22

Legen wir das auf die Größe der Länder um: Mit einer Basis von knapp 100 Millionen Einwohnern und 17 Unicorns im deutschsprachigen Raum käme Israel mit heute knapp 8,8 Millionen Einwohnern bei gleicher Bevölkerungszahl auf etwa 80 Unicorns, das Vereinigte Königreich mit 67 Millionen Einwohnern auf 40. Würden die USA mit 328 Millionen Einwohnen so schwach abschneiden wie Deutschland, dann dürften dort nur 72 Unicorns sein.

Wie man es auch dreht und wendet, es lässt sich an der Tatsache nichts ändern, dass wir Underperformer auf der globalen Bühne sind, wenn es um digitale Technologien geht. Die Ursachen sind vielschichtig und wir werden auf diese in späteren Kapiteln noch ausführlicher eingehen und auch Lösungen ansprechen.

Bezeichnend, wie Deutschland tickt, sind auch die Ereignisse um die DAX-Zusammensetzung der letzten Zeit. So fiel Mitte 2020 die Lufthansa aufgrund des durch Corona noch verstärkten Wertverlusts aus dem Leitindex DAX 30 und wurde – nicht etwa durch ein Technologieunternehmen, nein – durch das Unternehmen Deutsche Wohnen ersetzt. Einige Wochen nach diesem Tausch kollabierte mit Wirecard das einzige Digitalunternehmen neben SAP im DAX durch Betrug und musste Insolvenz anmelden.

Das Nachhinken schafft immer mehr ein Wettbewerbsproblem für unsere Wirtschaft, deren Skepsis sie selbst hinter die Technologieakzeptanz der Gesellschaft zurückfallen lässt. So wurden Ende 2018 in der Studie „Digital Dossier Österreich“ die Ergebnisse einer Bestandsaufnahme zur Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft in der Alpenrepublik vorgestellt. Dabei stellte sich heraus, dass gerade einmal 37 Prozent der Unternehmen Internetbanking verwenden, während der Anteil bei der Bevölkerung mit 65 Prozent knapp unter dem EU-Durchschnitt lag.23

Nur 28 Prozent der Unternehmen statteten laut der Studie ihre Mitarbeiter mit Geräten aus, die auch aus der Ferne Zugriff auf das Firmennetzwerk erlaubten. Im DESI, dem Digital Economy and Society Index, der die digitale Wettbewerbsfähigkeit von EU-Ländern bewertet, lagen Deutschland und Österreich auf den Plätzen 12 und 13 von 28.24

Der Digital Riser Report 2020 vom European Center for Digital Competitiveness in Berlin, der alle ein bis zwei Jahre die Länder hinsichtlich ihrer digitalen Wettbewerbsfähigkeit bewertet, sieht Deutschland unter den 18 bewerteten Ländern nur an 16. Stelle.25 Während Frankreich, Japan oder Kanada ihre Wettbewerbsfähigkeit teilweise deutlich verbessern konnten, verschlechtere sich diese in Deutschland dramatisch. In Europa war nur Italien noch schlechter unterwegs.

Es überrascht nicht, dass sich dieses schlechte Abschneiden der Wirtschaft bezüglich digitaler Infrastruktur auch im Schulsystem widerspiegelt. So landete Deutschland im Index der Bereitschaft für digitales lebenslanges Lernen des Centre for European Policy Studies an der 27. von 27 Stellen.26 Österreich hingegen gehört mit dem zehnten Platz zu den Musterschülern, auch wenn man weit hinter Estland und den skandinavischen Ländern liegt. Die Erwachsenen machen sich den Wert „digitaler“ Infrastruktur und Kompetenz für die Wirtschaft nicht klar und die neue Generation lernt sie nicht in der Schule. Digitale Analphabeten ziehen digitale Analphabeten groß.

Die Coronakrise und der damit einhergehende Lockdown richtete ein gigantisches Vergrößerungsglas auf die digitale Infrastruktur und digitale Kompetenz der europäischen Länder. In einem Gastbeitrag einer Mitarbeiterin aus der IT-Branche wurden die Schwierigkeiten bei der Arbeit von zu Hause behandelt, mit der die zweifache Mutter zu kämpfen hatte, während sie gleichzeitig ihre sieben- und elfjährigen Kinder betreuen musste. Auch wenn der Schwerpunkt des Beitrags auf dem Aufwand lag, der von den Schulen und Lehrern auf die Kinder und Eltern verlagert wurde, weil die Schulen den Lehrplan unbedingt durchbringen wollten und diese Mehrfachherausforderung für die Eltern thematisiert worden war, fiel mein Interesse auf die digitale Lebenssituation der Familie.27

Der Vater, ein Gymnasiallehrer, benutzte den Heimcomputer für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts. Diesen einen Computer musste sich die Familie irgendwie teilen, damit der Vater virtuellen Unterricht durchführen konnte und die Kinder Aufgaben herunterladen und ausdrucken konnten. Als IT-Mitarbeiterin hatte die Mutter hingegen ihren eigenen Laptop und konnte ihre Arbeit von zu Hause erledigen.

Viele andere Bekannte posteten Fotos von ihren neuen Homeoffice-Arbeitsplätzen, bei denen man merkt, wie überhastet sie eingerichtet worden waren. Dabei spreche ich nicht von Personen, die in ihrem Job keinen Computer verwenden, sondern für die er ein wesentliches Arbeitswerkzeug ist. Offensichtlich war Arbeiten von zu Hause etwas Neues. Das Foto einer 17-jährigen bayerischen Schülerin, die ihr Referat im verschneiten Garten abhalten musste, weil nur dort ihr Internet halbwegs stabil war, ging durch die Medien und zeigt, dass dies ein allgemeiner gesellschaftlicher Technologiemissstand ist.28

Auch diejenigen, die in der IT-Branche beschäftigt oder Start-up-Gründer sind, teilten aufgeregt ihre Erfahrungen und Bilder von den ersten Videokonferenzen, die sie von daheim aus geführt hatten.

Mir drängten sich gleich mehrere Fragen auf:

•Warum ist 20 Jahre, nachdem Videokonferenzen für mich zum täglichen Arbeitswerkzeug geworden waren, das für viele immer noch Neuland?

•Wieso ist die Grundausstattung der meisten Beschäftigten mit digitalen Werkzeugen nach wie vor so schlecht?

•Wieso ist das Arbeiten von zu Hause aus bislang so misstrauisch von den Unternehmen beäugt worden?

•Worüber hat man eigentlich all die Jahre auf den unzähligen Konferenzen zu digitaler Transformation referiert, wenn man bei den meisten Unternehmen nicht einmal die digitalen Basics eingeführt hat?

Dazu fällt mir gleich einmal die am eigenen Leib in Deutschland erlebte „digitale Wüste“ ein. In einem Land, in dem verlässlicher Mobilfunkzugang und flächendeckendes Breitbandinternet keine Selbstverständlichkeit sind, kann man nicht erwarten, dass die Bevölkerung und die Unternehmen bei der Heimarbeit digitale Werkzeuge verwenden können oder wollen.

Ein Zitat aus den Untiefen des Internets trifft das sehr gut. Nach dem Start der neuen Trägerrakete Falcon Heavy des von Elon Musk gegründeten amerikanischen Raumfahrtunternehmens SpaceX witzelte das extra-3-Magazin des NDRs:29

Auch Deutschland ist fit für die Zukunft: In vielen Regionen kann man den #FalconHeavy-Start sogar ruckelfrei streamen!

Während die Amerikaner wiederverwertbare Raketen mit landenden Raketenstufen bauen und damit als Leergewicht bei diesem Test Elon Musks Elektroauto ins All schießen, geben wir uns damit zufrieden, in vielen Regionen des Landes die Übertragung im Internet ruckelfrei streamen zu können. Im Land, das einstmals an vorderster Stelle der Entwicklung von Raketentechnologie stand.

Selbst dort, wo der Einsatz neuer Technologien gewünscht ist, wird oft halbherzig vorgegangen. Man will schwanger werden, aber nur ein bisschen. Die Einführung der Kassenbonpflicht mit dem 1. Januar 2020 war so ein Beispiel. So wurde auf digitale Registrierkassen umgestellt, die bei bargeldintensiven Geschäften wie Bäckereien die korrekte Abführung von Steuern ermöglichen sollten. So weit, so gut. Zugleich zwang der Gesetzgeber die Ladenbetreiber, jedem Kunden einen Kassenbon auf Papier auszuhändigen. Gerade bei Wirtschaftstreibenden mit viel Kundenverkehr und kleinen Transaktionen führte das zu einer absurden Situation.

So postete das Backhaus Kutzer aus der Oberpfalz Fotos auf Facebook, die die Auswüchse der Kassenbonpflicht vor Augen führten. Einen Monat lang hatte die Bäckerei die von den Kunden nicht angenommenen Kassenbons gesammelt und das Ergebnis abgelichtet. Der Bäcker versank förmlich in dem Berg aus unerwünschten Papieren.


Abbildung 3: Backhaus Kutzer mit Kassenbons 30

Dinglichkeit der Dinge

Als 17-jähriger Schüler verbrachte ich meine Sommerferien mit zwei jeweils einmonatigen Praktika. Der erste Job war eine Straße weiter von meiner Wohnung bei einem Fotohändler für professionelle Fotografen. Ich hatte die verantwortungsvolle Aufgabe erhalten, das Lager mit Secondhand-Fotoartikeln auszumisten. Man muss sich das so vorstellen, als ob in einem größeren Raum mit Regalreihen ein Elefant durchmarschiert war, einmal trompetete und sich dabei geschüttelt hatte, um befriedigt weiterzuziehen. Was ursprünglich ein Schulungsraum für Fotografen mit Einrichtungen für Studioaufnahmen gewesen war, hatte mit der Zeit und dem Wechsel und Abgang der Verantwortlichen den Charakter einer mehr als chaotischen Anordnung von Regalen und Objekten eingenommen. In knapp zwei Wochen hatte ich das Lager ausgemistet, dabei von großen Ventilatoren, damit die Haare der Models im Wind schön wehten, über antike Kameras bis hin zu einem hochbrennbaren Zellulosenitratfilm mit Aufnahmen einer Wehrmachtparade vor dem Führer einiges an verstaubten Schätzen ausgegraben.

Das waren alles greifbare, dingliche Dinge, noch lange bevor es digitale Kameras gab. Film kam in Rollen, das technologische neueste Must-have bei Kameras für Amateure war der Autofokus gewesen und für mich am aufregendsten waren Infrarotfilme im Kühlschrank, die vor allem bei Profifotografen zum Einsatz kamen. Das verstand ich als 17-jähriger Schüler ohne viel Erfahrung.

Der Kontrast zum zweiten Ferienmonat konnte nicht größer sein, als ich ein paar Straßen weiter in die Bankfiliale trat und dort vier Wochen mit dem Ablegen von Zahlscheinen und der Tageskalkulation ebendieser eher wenig beschäftigt war. Für mich machte allerdings den größten Eindruck in dieser zweitkleinsten Filiale in Wien ein persönliches Gespräch mit der Chefin am zweiten Tag. Diese hatte mich in ihr Büro beordert und eine halbe Stunde von den „Produkten“ und dem Geschäftsmodell der Bank erzählt. Ein Sparbuch, ein Konto oder ein Bankenkredit waren Produkte. Natürlich waren mir diese Dinge ein Begriff. Aber jemandem wie mir, der aus einer Arbeiterfamilie stammt, in der das Leben des Vaters an einer Werkbank statt-fand, waren nicht greifbare und abstrakte Dinge wie eben ein Sparbuch, ein Konto oder ein Kredit nicht als Produkte in den Sinn gekommen.

Abgesehen davon, dass die Finanzwelt für mich persönlich nicht als zukünftiges Berufsfeld interessant genug erschien, hatte ich verstanden, dass Produkte dinglichen und nichtdinglichen Charakter haben konnten. Letztendlich verschlug mich meine berufliche Laufbahn von einem eher dinglichen Studium der Chemie in eine Welt der nichtdinglichen Softwarebranche. 30 Jahre später hat sich dank des Siegeszugs digitaler Technologien die Vielfalt von Nichtdinglichem explosionsartig vermehrt. Nicht nur das: Selbst die scheinbar so dinglichen Produkte kommen ohne Nichtdingliches gar nicht mehr aus. Jede moderne Kamera kann ohne Millionen Zeilen von Softwarecode gar nicht mehr verwendet werden. Jede Ampelanlage und angeschlossene Verkehrssteuerung ist nur durch Software funktionstüchtig. Autos bewegen sich ohne Millionen Zeilen an Software keinen Zentimeter mehr vom Platz. Volkswagen beziffert die Zahl der Programmierzeilen in seinen Autos mit über 100 Millionen.31 Fernseher, Mikrowelle, Telefon, medizinische Geräte, Flugticketbuchung, Flugzeuge, Baumaschinen, Bauzeichner, Zugfahrpläne, Gerichte, ja, selbst Kunst und Kultur sind von technologisch Nichtdinglichem so abhängig geworden, dass ohne dieses die Arbeit nicht oder nur mehr sehr beschränkt möglich wäre.

Gleichzeitig haben diese äußerlich scheinbar wenig veränderten Produkte – Auto, Flugzeug, Kamera – recht wenig mit ihren Vorgängern gemeinsam. Ein Smartphone hat mit einem Wählscheibentelefon so viel gemeinsam wie ein Homo sapiens mit unserem 540 Millionen Jahre alten Vorgänger Saccorhytus coronarius.32

Umso erstaunlicher scheint, wie wenig Wertschätzung Produkten entgegengebracht wird, die nicht greifbar sind. Spiegel-Podcaster Sascha Lobo beantwortet Leserkommentare auf eine seiner Kolumnen, in der er die Rückständigkeit deutscher Unternehmen in der Digitalisierung und bei der Internet- und Mobilfunkinfrastruktur behandelt. Sie führen unbeabsichtigt genau diese gedanklichen Fehler vor.33

„Na und, Facebook ist bald tot, aber die Telekom lebt weiter.“

„Naja, Facebook ist eine digitale Plattform. Die Telekom besitzt Infrastruktur.“

„Falsch gedacht, Herr Lobo. Softwareprodukte stellen letztlich keine echten Werte dar. Zieht man den Stecker, ist alles weg.“

Man bitte den letzten Kommentator, das doch einmal den Leuten bei SAP zu sagen. Deren einziges Produkt ist Software, beschäftigt damit fast 100.000 Mitarbeiter und ist das wertvollste Unternehmen Deutschlands mit einer beinahe doppelt so hohen Marktbewertung wie das zweitwertvollste deutsche Unternehmen Volkswagen. Letzteres kämpfte im Jahr 2020 mit der Auslieferung seines neuen Hoffnungsträgers, dem Elektroauto ID.3, weil die Software nicht funktionierte. Zehntausende Fahrzeuge waren bereits produziert, ohne dass sie ausgeliefert werden konnten.

Wie ist das aber mit der Infrastruktur der Telekom? Lobo weist darauf hin, dass die Digital-Giganten Facebook und Google selbst über riesige Kabelinfrastruktur verfügen. Google beispielsweise besaß bereits im Jahr 2018 über 100.000 Kilometer an Unterseekabeln, Facebook knapp 92.000 Kilometer.34 Damit bricht die Mär vom Unterschied und dem Wert von Unternehmen mit Infrastruktur und solchen mit digitalen Plattformen zusammen. Es wird augenscheinlich, dass Google, Facebook und Co dingliche Infrastruktur und digitale Produkte haben, während die Telekom Infrastruktur, aber kein wirkliches digitales Produkt hat.

Und zieht man wirklich den Stecker, dann ist die Telekom genauso betroffen. Denn was, wenn nicht digitale Produkte, fließt denn durch die Kabel? Ist kein Strom mehr da, helfen der Telekom die ganzen Kabel, durch die nun nichts mehr fließt, nichts.

Wir können solche Kommentare selbstverständlich gerne dem uninformierten Teil unserer Gesellschaft zuschreiben, doch dem ist leider nicht so. Diese Aussagen werden von vielen Vorständen und Vordenkern ebenso unreflektiert kolportiert. Und ich höre von ihnen dann auf Kongressen – und wenn sie ins Silicon Valley auf Besuch kommen.

Der aus Griechenland stammende Biomathematikprofessor am MIT Manolis Kellis meinte zu der Zurückhaltung der Menschen und Unternehmen in Bezug auf digitale Technologien, dass wir Menschen selbst digitale Wesen seien. Unsere Gene seien selbst aus vier Basen zusammengesetzt, die durch einen Kopiermechanismus repliziert werden.35 Statt Nullen und Einsen kommen Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin zum Einsatz, aus denen so komplexe Wesen wie wir entstehen. So betrachtet ist digitale Technologie eigentlich sehr natürlich.

Verklagt die Innovatoren!

Woran erkennt man die disruptive Kraft von Unternehmen? An der Anzahl der Klagen, die gegen sie vor Gericht eingebracht werden. Eine disruptive Innovation hinterfragt alte Modelle und stellt den Status quo infrage, sehr zum Leidwesen der Platzhirsche, die es sich in diesem Feld bequem gemacht haben. Beispiele, die einem gleich einfallen, sind Uber, Microsoft, Facebook oder Google. Uber wurde in fast jeder Stadt, in der das Unternehmen seine Dienste anbot, von den lokalen Taxifirmen vor Gericht gezerrt. Microsoft, Facebook und Google wurden vor allem von Regierungen und Behörden angeklagt.

Das sind oft spektakuläre Prozesse und Verfahren, in denen es nicht selten um grundlegende Fragen der Rechtsauslegung geht. Ist Uber ein Taxiunternehmen? Warum wurden die vielen Regulierungen für das Personenbeförderungsgewerbe überhaupt notwendig? Und wie genau ist das mit dem Datenschutz und den Monopolen?

Sehen wir uns die Prozesse und das Vorgehen von Behörden gegen solche Disruptoren an, dann fällt auf, dass vor allem amerikanische Unternehmen, aber keine aus dem deutschsprachigen Raum belangt werden. Sind wir so viel braver? Nicht, wenn wir uns Volkswagen und den Dieselskandal oder Wirecard ansehen. Diese beiden Skandale waren Betrug und haben wenig mit disruptiver Innovation zu tun.

Ziehen wir die Anzahl der Gerichts- und Behördenverfahren gegen disruptive Start-ups als Maßstab für Innovation heran, dann kommt kaum disruptive Innovation aus unseren Breiten. Die Angst, verklagt zu werden, ist auch eine Angst vor der Zukunft.

KAPITEL 3
Past Angst – Goldmine der Absurditäten

Technologie: neues Zeugs, das nicht immer ganz so gut oder auf mysteriöse und unbekannte Art funktioniert.

Donald A. Norman

Mit dieser augenzwinkernden Definition von Technologie wollte der emeritierte Kognitionswissenschaftler und Usability-Experte Donald A. Norman darauf verweisen, wie Menschen Technologien gegenüberstehen. Etwas, das uns vertraut ist, das wir als selbstverständlich betrachten und gebrauchen, hat diese Mystik nicht nur verloren, sondern wird auch gar nicht als Technologie wahrgenommen. Technologie als etwas künstlich von uns Geschaffenes, das als Ergebnis wissenschaftlicher Erkenntnis eine praktische Anwendung fand, wird Teil des Alltags, ohne dass wir über die Hürden nachdenken, die es zu überwinden galt.

Schuhe würden wir heute eher nicht zu Technologie zählen. Ein Smartphone oder Auto selbstverständlich schon. Doch ich erinnere mich, wie wir im Kindergarten lernen mussten, Schuhe zu binden. Dazu gab es sogar einen Holzrahmen mit Schnürsenkeln, an dem wir übten. Und ich weiß ganz genau, dass ich da kein Naturtalent gewesen bin. Für die ersten Höhlenmenschen, die ein Stückchen Leder an die Fußsohlen pappten, war das ein epochemachender Schritt. Und wie wenig selbstverständlich Schuhe in der Form sind, wie wir sie heute kennen, kenne ich noch aus Erzählungen meiner Urgroßeltern: Einfache russische Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg hatten nur Fußlappen um die Beine gewickelt, statt Socken in ihren Stiefeln zu tragen.

Im Großteil der Menschheitsgeschichte wurden Erfindungen nicht bloß als etwas Widernatürliches, sondern sogar als gotteslästerlich betrachtet. Das findet Widerhall in Sagen und Legenden. Der griechische Titanengott Prometheus, dessen Aufgabe es ist, die Menschen zu beschützen, bringt diesen gegen den Willen von Zeus das Feuer. Zeus’ Strafe ist eines grausamen Diktators würdig: Prometheus wird verbannt, gefesselt und täglich von einem Adler besucht, der seine Leber aus dem Leib reißt und frisst.

Diese Angst davor, den Göttern die Geheimnisse entrissen zu haben oder in den natürlichen und gottgegebenen Kreislauf einzugreifen, diente und dient nach wie vor als Argument gegen den Fortschritt. Das Feuer, der Kompass, Teleskop und Mikroskop, Impfungen, Elektrizität und in moderner Zeit die Angst vor Teilchenbeschleunigern oder einer Maskentragepflicht zu Corona-Zeiten, die von fundamentalistischen Christen als Eingriff gegen das gottgeschaffene „Atmungssystem“ betrachtet wird, zeigen die tiefe Skepsis und Ignoranz – und bringt Menschen dazu, teils irrationale Entscheidungen zu treffen. Neugier damals wie heute hat die Konnotation, gefährlich zu sein. Kostet bloß nicht den Apfel vom Baum der Erkenntnis. Denn das führt zu Bewusstsein und zu Änderungen, die Gefahren anziehen.

Soziale Phasenverschiebungen

In der Geschichte der Menschheit gab es bislang drei sogenannte „soziale Phasenänderungen“. Der Begriff ist aus der Chemie entlehnt. Dort kennen wir beispielsweise Phasenübergänge zwischen fest, flüssig, gasförmig und Plasma. Wasser kann als Eis, als flüssiges Wasser, als Wasserdampf und als Plasma (in der Sonne) vorliegen. Jede Phase unterscheidet sich in ihren Eigenschaften und kann durch die Kombination äußerer Faktoren wie beispielsweise Temperatur und Druck, die auf den Stoff wirken, erzeugt werden.

Ähnliches spielt sich bei Übergängen von einer Phase der Menschheitsentwicklung in die nächste ab. Gewisse äußere Faktoren beeinflussen den Übergang. Die erste Phasenverschiebung war der Übergang von einer Gesellschaft aus Jägern und Sammlern zu einer sesshaften Agrarkultur. Was sich vordringlich änderte, war, was wir wann als Nahrungsmittel konsumierten. Was sich in zweiter Linie änderte, war die Notwendigkeit, Techniken zu entwickeln, um Landwirtschaft zu betreiben, Grundstücke abzugrenzen, Gesetze zu erstellen, Tiere zu domestizieren, um sie als Transport- und Arbeitstiere einzusetzen und zum Verzehr zu halten. Die Landwirtschaft erlaubte auch die Entstehung größerer Verbände, als es für Nomaden praktisch gewesen wäre, und zwar in Form von Städten. Arbeitsteilung wurde ein weiteres Element in dieser Phase, was wiederum zu Hierarchieunterschieden führte sowie zur Einführung von Geld, Schrift und Militär.

Der zweite Phasenübergang kam mit der industriellen Revolution, die durch unsere Fähigkeit, Energie in bis dato nicht möglichem Ausmaß auszuschöpfen, geprägt war. Von Menschen, Tieren, Wasser- und Windkraft als Energiequellen gingen wir dazu über, Energie aus Kohle mittels Dampf und Elektrizität und in späterer Zeit aus dem Atom oder der Solarenergie zu nutzen. Damit steigerten wir die Produktion und es kam zu einer Abwanderung vom Land in die Städte und Fabriken. Das führte in der ersten Zeit nicht zu einer Erhöhung des Lebensstandards für alle Menschen, sondern zwang viele von einem natürlichen Lebensrhythmus zu einem, der von Maschinen vorgegeben wurde. Und damit brachte es Armut für diejenigen, die sich nicht anpassen konnten oder wollten. Langfristig führten diese Änderungen zu einem steigenden Wohlstand für alle, der auch durch notwendige Änderungen der Fertigkeiten der Menschen ermöglicht wurde. Die Schulpflicht führte die breite Masse der Bevölkerung zu Schreib- und Lesefähigkeit, was wiederum neue Möglichkeiten bot.

Der dritte Phasenübergang, in dem wir uns aktuell befinden, ist der hin zu einer autonomen Zivilisation.1 Im Vergleich zu den vergangenen zwei Phasenübergängen sind die Treiber nichtdinglich, also nichtgreifbar. Es handelt sich dabei um Intelligenz, die wir auf Maschinen verlagern, um Information, die wir durch Maschinen erfassen und verarbeiten lassen, und um Zeit, die wir vorwiegend von der realen in den virtuellen Raum verlegen. Indem wir uns mit dem Fernseher, dem Computer oder dem Smartphone beschäftigen, verbringen wir mehr und mehr unserer Zeit in einem virtuellen Raum. Milliarden von Maschinen und Sensoren erfassen und vermessen die Welt und ergänzen unsere Sinne um zusätzliche Daten. Mit künstlicher Intelligenz erweitern wir den uns zugänglichen und nutzbaren Intelligenzraum.

Jeder Phasenübergang weist unterschiedliche Eigenschaften auf und kann zu problematischen Ergebnissen führen. Wenn Wasser zu Eis gefriert, können Rohre bersten. Verdampfendes Wasser kann zu Verbrühungen führen. Werden die Phasenübergänge richtig kontrolliert und eingesetzt, führen sie zu vorteilhaften Resultaten. Dampf wird zum Antrieb von Dampfmaschinen verwendet und Eis schützt Nahrungsmitteln vor dem Verderben.

Je nachdem, wie die Menschen diese Phasenübergänge erfahren oder vorhersehen, tendieren sie entweder zu einer skeptischen oder optimistischen Sicht der Entwicklung. Aus der Gnade der Spätgeborenen heraus erscheinen uns die ersten beiden Phasenübergänge von den Jägern und Sammlern zur Landwirtschaft und von einer Agrarwirtschaft zu einer industrialisierten Zivilisation als positiv, weil wir von den positiven Auswirkungen profitiert haben. Die negativen Auswirkungen von arbeitslos gewordenen Webern und Kinderarbeit in Fabriken und den damit einhergehenden sozialen Unruhen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts oder die Mangelernährung der ersten Agrarkulturen kennen wir nicht aus eigener Erfahrung, sondern nur aus den Geschichtsbüchern.

Das führt zu dem Paradox, dass wir meinen, unsere Zeit stehe vor den größten Umwälzungen der Menschheitsgeschichte und würde uns einerseits die schrecklichsten Auswirkungen, andererseits die glänzendste Zukunft bringen. Dystopie hier, Paradies da. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass dem nicht so ist. Weder kam es zu einem Zusammenbruch der Zivilisation noch führte sie uns in ein uneingeschränktes Paradies. Auf den nächsten Seiten möchte ich von einigen dieser vergangenen Ängste und Hoffnungen anhand von ausgewählten Erfindungen – die uns heute selbstverständlich und wenig kontrovers erscheinen – berichten. Wir werden somit sehen, dass die Ängste und Hoffnungen, die Argumente für und wider vorhersehbaren Mustern folgen und unsere Diskussionen sich heute nicht von denen unserer Vorfahren unterscheiden.

Die gute alte Zeit

Das ist es, was die Gegenwart ausmacht. Es ist ein bisschen unbefriedigend, weil das Leben unbefriedigend ist.

Gil Pender

Was macht man als erfolgreicher Drehbuchautor, um sich beruflich weiterzuentwickeln? Diese Frage stellte sich der Amerikaner Gil Pender und beschloss, sich in ein anderes literarisches Fach zu bewegen und einen Roman zu schreiben. Als Vorbild hatte er sich die 1920er-Jahre genommen, die er bewunderte. Er bedauerte, sie nicht selbst erlebt zu haben. Als ihn bei einem Aufenthalt in Paris spätabends ein Oldtimer mitnimmt, findet er sich in einer Gesellschaft wieder, die eine Kostümparty zu feiern scheint. Alle Teilnehmer sind in Mode der 1920er-Jahre gekleidet. Gil realisiert, dass die Personen auf der Party keine Geringeren als F. Scott Fitzgerald, Jean Cocteau, Josephine Baker und andere längst verstorbene Berühmtheiten sind.

Gil ist – wie meine filmhistorisch gebildeten Leser sicherlich rasch erkannt haben – der fiktive Charakter, den Owen Wilson in Woody Allens Film „Midnight in Paris“ aus dem Jahr 2011 spielt.2 Der Oldtimer, den Gil bestiegen hatte, hatte ihn in einer Zeitreise in diese Epoche zurückgebracht. Gil ist, wie leicht verständlich, völlig hingerissen und kann sein Glück nicht fassen. Er lernt Picassos Geliebte Adriana – gespielt von Marion Cotillard – kennen, die von ihrer Epoche gelangweilt ist. Sie träumt von der „Belle Époque“, in der sie gerne Maler wie Henri de Toulouse-Lautrec oder Edgar Degas kennengelernt hätte.

Am selben Straßenrand, an dem Gil von dem Oldtimer aufgegabelt und in die Zeit zurückversetzt worden war, wartet eine Kutsche, die sie in die – wie nun leicht zu erraten ist – Belle Époque bringt. Dort allerdings erfahren Adriana und Gil, dass die angebeteten Helden wiederum einer anderen Epoche, nämlich der Renaissance, nachweinen und ihre eigene erbärmlich langweilig finden.

Die Moral der Geschichte ist, dass wir diesen nostalgischen Filter der Vergangenheit überstülpen, die das meiste an Schlechtem aus dieser Epoche ausblendet und nur den Glamour durchlässt. Wir trauern einer verklärten Vergangenheit nach, die es so nie gegeben hat. Sie war selten einfacher, sie war zumeist gefährlicher und für die wenigsten Menschen gab es die Möglichkeiten, die vielen von uns heute offenstehen.

Lassen wir uns doch auf ein Gedankenexperiment ein und fragen uns, wann denn die Vergangenheit besser gewesen ist als die heutige? Und dies sollte uns leichtfallen, weil wir gerade in den Nachwehen der Covid-19-Pandemie stecken, also somit in einer Periode, die sicherlich kein Spaß ist. Vielleicht springen wir doch einfach einmal 100 Jahre zurück und landen zu Beginn der Goldenen Zwanzigerjahre.

Im Jahr 1920 befinden wir uns gerade in den Nachwehen einer noch größeren Pandemie, die 500 Millionen Menschen erfasst und geschätzte 50 Millionen Menschen dahingerafft hatte. Ein Impfstoff für die damals grassierende Spanische Grippe ist selbst 100 Jahre später nicht gefunden. Und das ist eine Epoche, in der wir jeden Tag auf den Straßen Kriegsinvaliden sehen. Menschen, die im Ersten Weltkrieg ein Bein, Auge, einen Unterkiefer, Arm und mehr verloren haben oder durch den Shell Shock – neumodern PTBS – unter Kriegstraumata litten. Ganz zu schweigen von den kriegsbedingt mangelernährten Menschen und dem Überschuss an Frauen, die wegen der vielen gefallenen Männern keine Familie gründen konnten. Dazu die große Änderung, die den Übergang von einer Monarchie in eine Demokratie gebracht hatte. Und die Wirtschaft, die von Rüstungsgütern auf zivile Produkte umstellen will, findet keine Abnehmer. Deutschland und Österreich ächzen unter den Kriegsreparationen an die Gewinner und Österreich sieht sich als den Rest, der von der Monarchie übriggeblieben ist, und als nicht lebensfähig.

Was ist, wenn wir großzügig den Zweiten Weltkrieg, der ganz sicher – auch nostalgisch verklärt – nichts Gutes an sich gehabt hatte, überspringen und 50 Jahre vorausgehen? im Jahr 1970 befinden wir uns in den Nachwehen der Studentenproteste, die USA sich mitten im Vietnamkrieg, nukleare Abrüstung wird durch die Friedensbewegung zu einem Thema und in Deutschland beginnt der RAF-Terror, der das Land mehrere Jahre in Atem hält. Knapp zwei Jahre später wird es zu einem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen in München kommen und im Jahr 1973 der Ölpreisschock die Wirtschaft treffen. Im Jahr 1975 gibt es eine Geiselnahme von OPEC-Ministern in Wien durch den venezolanischen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos, der Schakal.

Auf der positiven Seite lassen die Mondlandungen die Menschen von einer Zukunft im All träumen. Dieser Traum erfährt aber mit dem Explosionsdrama am Bord der siebten Mission Apollo 13 einen Dämpfer. Klar, die Tapeten von damals waren psychedelisch und Schlaghosen und lange Haare waren in, aber das war nicht unbedingt etwas, womit wir auf Dauer leben möchten. Und die Erfindung der Antibabypille hatte eine Neuverhandlung im gesellschaftlichen Umgang zwischen Männern und Frauen gebracht, die nach wie vor zu Spannungen führt. Und bevor ich es vergesse: Das Internet gab es auch noch nicht, dafür aber LSD und eine ganze Reihe neuer Rauschmittel.

Die 1970er sind also auch nicht ganz so toll, wie unsere Erinnerungen es uns weismachen wollen. Für mich allerdings schon, denn ich wurde im Jahr 1971 geboren. Wir wäre es mit 100 Jahren davor, mit dem Jahr 1870? Da war Deutschland noch in kleine Herzogtümer aufgeteilt und sollte den deutsch-französischen Krieg von 1870 bis 1871 nutzen, um mit dem Deutschen Bund zum ersten Mal ein vereinigtes Reich deutschsprachiger Staaten zu gründen. Die von den Franzosen abgepressten Reparationszahlungen führen zur Gründerzeit in Deutschland, langfristig aber zu weiteren, noch blutigeren Konflikten mit dem Nachbarn.

Transportmittel der Wahl waren nach wie vor das Pferd und die Kutsche, auch wenn die Eisenbahn und die Dampfmaschine einen rapiden Wandel losgetreten hatten. Damit gewann die industrielle Revolution an Geschwindigkeit, die eine Migration vom Land in die Städte zur Folge hatte. Viele Städte vervielfachten ihre Bevölkerungszahlen in nur wenigen Jahrzehnten und die Lebensbedingungen in den überforderten Städten unterschieden sich nicht viel vom Mittelalter. Erst zu diesem Zeitpunkt sollten die Stadtväter fundamental den Charakter ihrer Städte zu ändern beginnen.

Auch war man lieber nicht eine Frau, die vor der Entbindung stand. Die Theorien zu Viren und der Übertragung von Krankheiten befanden sich erst im Entstehen – und damit auch das Verständnis, wie wichtig Hygiene für die Gesundheit ist. Einige Ärzte wie Ignaz Semmelweis hatten erkannt, dass von Ärzten, die aus der Pathologie kamen, offenbar Krankheiten an entbindende Frauen weitergegeben wurden, sodass diese im Kindbett verstarben. Impfungen waren bereits bekannt, wurden allerdings noch mit Misstrauen beäugt.

Egal, welches Jahrzehnt in der Vergangenheit wir wählen und welches Jahrhundert oder sogar Jahrtausend wir betrachten, wenn wir – um den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama zu zitieren – uns auszusuchen hätten, wann wir geboren sein wollen, aber keinen Einfluss darauf hätten, ob als Mann oder Frau, in welchem Stand und in welches Land, wir würden mit hoher Wahrscheinlichkeit die heutige Zeit wählen. Und sollten wir doch – wider besseren Wissens – den Knopf für eine andere Epoche drücken, wir würden sehr bald unsere Entscheidung auf das Bitterste bereuen. Auch Gil Pender akzeptierte nach seinen Pariser Zeitreisen seine eigene Epoche als das, was sie ist: brutal wirklich, noch nicht nostalgisch verklärt und die beste aller Zeiten, die er noch beeinflussen und mitgestalten konnte.

Innovationen der Vergangenheit und damalige Reaktionen

Wie die Geburten der Lebewesen zunächst unförmig sind, so sind alle Neuerungen, die die Geburten der Zeit sind.

Sir Francis Bacon

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der japanische Schriftsteller Tanizaki Jun’ichirō ein kleines Pamphlet verfasst, in dem er auf die japanische Ästhetik einging und seine Meinung in einer recht ungeordneten Weise kundtat. Gerade dieser in Japan geschätzte Stil einer nonchalanten literarischen „Unstruktur“ fand bei seiner Leserschaft Anklang. Tanizaki reflektierte in „Lob des Schattens“ über das langsame Verschwinden des japanischen Stils durch die seit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnene Öffnung des Landes zum Westen hin. Für ihn war besonders der Verlust der Bauweise und der Innengestaltung japanischer Häuser beklagenswert. Er schildert seine Versuche, trotz moderner Glasfenster seinem Haus den Anschein traditioneller verkleideter Papieröffnungen zu geben – und scheitert kläglich, da er weder den japanischen noch den modernen westlichen Effekt erreicht. Auch lässt sich Tanizaki über die beste Art aus, wie die elektrischen Leitungen am wenigsten sichtbar einzubauen sind und klagt, dass moderne Glühbirnen nicht den heimeligen Schein alter Öllampen verbreiten. Das Dunkel in traditionellen japanischen Häusern zog er den lichtdurchfluteten neuen Gebäuden vor, weil diese das Geheimnisvolle bewahrten.

Auch wenn er den Lesern immer wieder versichert, dass dies der Lauf der Zeit sei, so ist seine Nostalgie für das verschwindende Alte nicht zu übersehen. Wie auch immer, er schien einen Nerv bei seinen Landsleuten getroffen haben, das Pamphlet erreichte einige Popularität.

Einige Jahre später bestellte Tanizaki einen Architekten zu sich, der ihm ein neues Haus bauen sollte. Der Architekt kam und teilte Tanizaki mit Stolz mit: „Ich habe ihr ‚Lob des Schattens‘ gelesen, Mr. Tanizaki, und ich weiß ganz genau, was Sie möchten.“ Der überrumpelte Tanizaki antwortete: „Aber nein, ich könnte doch nie in solch einem Haus leben!“3

Der Komfort der Gegenwart war selbst dem Nostalgiker Tanizaki wichtiger. Die Retrospektive verklärt, die Prospektive erschreckt. Die nächsten Kapitel bringen eine Reihe von amüsanten und doch nachdenklich machenden Beispielen aus der Zeit unserer Vorväter und -mütter, die vor Neuerungen standen, die sie damals so bewegten wie uns heute künstliche Intelligenz, Selfies oder Roboter.

Sehen wir uns ein paar Innovation aus der Vergangenheit an, die wir heute wie selbstverständlich hinnehmen: den Fahrstuhl, den Mülleimer, die Impfung, den Regenschirm, den Teddybären, das Stethoskop, den Spiegel, Elektrizität und in einem Spezialkapitel die „Krankheiten“, die sie verursachen.

Die Hochzeitsnacht im bewegten Raum

Für deutsche Ingenieure stellten Fahrstühle nicht die Novität dar, wie sie es in den USA Ende des 19. Jahrhunderts waren. Hierzulande wurden die angepriesenen Fahrstühle eher als „Kinderspielzeug“ denn als ingenieurstechnische Herausforderung betrachtet. Schließlich waren Lifte für mehrstöckige Gebäude vergleichsweise langsam und überwanden nur geringe Höhen. In den deutschen Kohlegruben mussten die Seilaufzüge Tausende Meter unter Tage überwinden – und das ziemlich rasant. Schafften die ersten Fahrstühle in Gebäuden eine Geschwindigkeit von 1,5 Metern pro Sekunde, waren es um das Jahr 1890 zwischen drei bis fünf Meter.4

Kein Vergleich zu den mehr als zehnmal so schnellen Grubenliften. Diese durften aber von den Bergleuten selbst nicht benutzt werden, sondern waren ausschließlich für den Materialtransport zugelassen. Zu häufig rissen die Seile, obwohl sie regelmäßig genauestens inspiziert wurden. Diese Seilrisse in Ländern mit vielen Kohlengruben riefen andere Ängste hervor als in den USA, wo es mit Ausnahme des Gold Rushs ab dem Jahr 1849 keine historisch lange kollektive Erinnerung an Grubenunglücke dieser Art gegeben hatte. Erst die Verwendung von Stahlseilen ab Mitte des 19. Jahrhunderts rief auch bei den Bergleuten keine Angst vor Seilrissen mehr hervor.

Deutschland zählte zu den Aufzugpionieren. So hatte der aus Jena stammende Mathematiker Erhard Weigel in seinem im Jahr 1670 errichteten siebenstöckigen Haus eine Besonderheit eingebaut. Es handelte sich um einen mit Flaschenzügen betriebenen Aufzug. Apropos Flaschen: Die brauchte man in diesem Haus nicht, er hatte sich nämlich auch eine Weinleitung direkt aus dem Keller legen lassen.

Auch die österreichische Kaiserin Maria Theresia, die von 1740 bis 1780 regierte und in ihrer Regierungszeit nicht nur 16 Kinder gebar und Kriege führte, sondern auch bei Mahlzeiten immer kräftig zugeschlagen hatte, war in ihren letzten Lebensjahren bereits durch Krankheiten so geschwächt, dass sie die Stufen der Wiener Kapuzinergruft, in der die Habsburger Kaiser begraben liegen, nicht mehr bewältigen konnte. Für sie ließ man einen kleinen Lift einbauen, der es ihr ermöglichte, in der Krypta ihrer Eltern zu beten.

Um das Jahr 1850 wurden die ersten Lifte in den USA eingebaut, um das Jahr 1870 waren alle größeren Hotels an der Ostküste mit solchen ausgestattet, und um das Jahr 1890 gehörten sie fast schon zur baulichen Standardausrüstung. Dabei veränderten sie nicht nur die Bauweise und Bauhöhe, sondern auch, was als „Beletage“ in einem Gebäude galt. Bis zum Siegeszug des Aufzugs beschränkte sich die Höhe von Gebäuden auf sechs oder sieben Stockwerke, wobei die besten Wohnungen im ersten oder zweiten Stock lagen und die schlechtesten unter dem Dach. Mit dem Aufzug konnten Häuser nicht nur in die Höhe wachsen – und das um einen zentralen Aufzugsschacht, der bei Neubauten dann als Erster errichtet wurde. Auch die besten Wohnungen befanden sich ganz oben, weit weg vom Straßenlärm und Schmutz, mit Zugang zu viel Licht und gutem Ausblick.

Wegen der Angst vor einem Seilriss waren nicht nur die Baubehörden Aufzügen gegenüber skeptisch, auch die Liftbenutzer trauten der Sache nicht über den Weg. Aus Sicherheitsgründen bevorzugte man hydraulische Lifte. Bei dieser Vorrichtung sitzt die Kabine auf hydraulischen Stangen, die sie langsam in die Höhe heben. Die Nachteile dieser Konstruktion sind unter anderem, dass eine entsprechende Vertiefung im Boden für die Stangen ausgehoben werden muss, die Geschwindigkeit der Fahrkabine relativ langsam ist und nur eine geringe Zahl von Stockwerken abgedeckt werden kann.

Tatsächlich war die Angst vor einem Seilriss völlig unbegründet. Es gibt bis vor dem Ersten Weltkrieg nur einen Bericht über einen tödlichen Unfall, bei dem die Kabine abgestürzt war. Und dieser Fahrstuhl war hydraulisch betrieben worden. Im Pariser Grand Hotel starben am 24. Februar 1878 drei Personen, ausgelöst durch technisches Versagen. Ein Gussstück, mit dem die hydraulische Stange unten an der Fahrstuhlkabine befestigt war, war gebrochen. Das Gegengewicht der Kabine hatte diese nun getrennt von der hydraulischen Stange mitsamt dem Hotelverwalter, dem Liftboy und einem Hotelgast unkontrolliert in den letzten Stock befördert. Dort riss beim Zusammenprall mit der oberen Begrenzung die am Kabinendach befindliche Kabelverbindung, woraufhin die Kabine in die Tiefe stürzte und unten zerschmetterte.

Eine größere Gefahr ergab sich nicht durch die Fahrt mit der Kabine selbst, sondern beim Ein- und Aussteigen. Die heute üblichen Schiebetüren waren erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgekommen. Vorher waren es vor allem Gittertüren gewesen, die manuell bedient werden mussten und die Kabine sicherten. Diese Gitter konnten auch dann geöffnet werden, wenn keine Fahrstuhlkabine bereitstand. Das führte dazu, dass immer wieder Menschen in die Tiefe stürzten. So ein Unfall ereignete sich im Warenhaus „Gerngroß“ auf der Mariahilferstraße in Wien, wie die Wiener Zeitung am 15. Mai 1916 zu berichten wusste:5

Der 47-jährige Angestellte Karl Rudolf wollte den Fahrstuhl benützen, um in den zweiten Stock zu fahren. Als der Fahrstuhl zwischen dem zweiten und dritten Stocke schwebte, stürzte Rudolf in die Tiefe des Schachtes und blieb mit schweren Verletzungen tot liegen. Es wird vermutet, daß Rudolf der Meinung war, der Fahrstuhl halte noch im zweiten Stock, während er sich bereits nach dem dritten Stock in Bewegung gesetzt hatte. Rudolf dürfte versucht haben auszusteigen und hierbei in die Tiefe gestürzt sein.

Wenn die Fahrstuhltüren die Benutzer nicht vor dem Absturz schützten, dann töteten sie diese manchmal gleich selbst. So berichtet das Neue Wiener Journal am 13. August 1904 von einem „schrecklichen Unfall“ in Berlin, den Prinz Friedrich Leopold als Augenzeuge miterlebte:6

Ein entsetzlicher Fahrstuhlunfall hat sich heute Nachmittags um 4 Uhr vor den Augen des Prinzen Friedrich Leopold zugetragen. Der Prinz, der bekanntlich in den nächsten Tagen Potsdam verläßt, um nach Ostasien abzureisen, besuchte heute die Firma Tippelskirch & Comp. in der Potsdamerstraße, um eine Reiseausrüstung zu besichtigen. Darauf bestieg der Prinz mit seinem Adjutanten den Fahrstuhl, der vom Wärter in Bewegung gesetzt wurde. Der Wärter macht einen Fehltritt und gerieth mit seinem Körper zwischen den Lift und die eisernen Schienen. Man brachte den Fahrstuhl sofort zum Stehen und alarmirte die Feuerwehr. Es dauerte lange Zeit bevor es gelang, den Unglücklichen aus seiner furchtbaren Lage zu befreien. Bald nach seiner Befreiung starb der Unglückliche unter den Händen der herbeigeholten Aerzte. Erst dann wurde der Prinz und der Adjutant aus dem Fahrstuhl gebracht.

Wenigstens war der Prinz unversehrt geblieben. Erst um das Jahr 1890 herum konnte mittels einer neuen Erfindung – elektrische Kontakte in den Türen und Kabinen – das Problem des unbeabsichtigten Türöffnens gelöst werden.

Weniger offensichtlich, aber doch besorgniserregend waren andere Auswirkungen, die durch diese Technologie hervorgerufen worden waren: die „Aufzugskrankheit“. Im Jahr 1890 wurde dieses Syndrom im Scientific American zum ersten Mal vorgestellt.

Der Aufzug in modernen großen Gebäuden hat nur einen Nachteil, nämlich die Krankheit, die er verursacht, wenn die Kabine plötzlich angehalten wird. Für Menschen mit einer empfindlichen Konstitution ist diese Krankheit oft eine so ernste Angelegenheit, dass der Aufzug für sie ein gefährlicher Segen ist. … Der Stillstand der Aufzugskabine bringt Schwindel im Kopf und manchmal Übelkeit im Magen mit sich. Die inneren Organe wollen in der Kehle aufsteigen.

Ähnliche Beobachtungen wurden schon Jahrzehnte vorher bei der ersten Benutzung von Eisenbahnen beobachtet, bei der manche Fahrgäste an nervösen Irritationen zu leiden begonnen hatten. Selbst wenn die Benutzung von Aufzügen üblich geworden war, so doch vor allem zum Hochfahren. Den Abstieg machte man nach wie vor über das Treppenhaus – bis die ersten forschen „Abenteurer“ den Aufzug auch zum „gefährlichen Runterfahren“ zu benutzen begannen. So schildern in der zweiten Fallstudie in Sigmund Freuds und Josef Breuers „Studien zur Hysterie“ die Autoren von einer plötzlichen neurotischen Episode bei der Patientin „Emmy v. N.“:

Auf Nachfrage erzählt sie, dass sich die Pension, in der die Kinder hier wohnen, im fünften Stock befindet und mit dem Aufzug erreichbar ist. Gestern bat sie die Kinder, den Aufzug auch für die Abfahrt zu benutzen, und wirft sich nun vor, dass der Aufzug nicht ganz zuverlässig sei. […]

Wie auch immer, vier Jahre nach ihrer ersten Erwähnung im Scientific American zitierte die Washington Post einen Arzt aus Chicago mit den Worten:

Die Fälle von Aufzugskrankheit nehmen zu. Sie wird jetzt gut definiert. Ihre Auswirkungen finden sich in einer erhöhten Anzahl von Fällen von Gehirnfieber und gestörtem Nervensystem.

Diese zuversichtliche Bekanntgabe der Ergebnisse des Chicagoer Arzt war offenbar die letzte Erwähnung der Krankheit in amerikanischen Publikationen. Rechtzeitig mit dem Verschwinden dieses Syndroms hatte bereits ein anderes seinen Platz eingenommen – und ist geblieben: Klaustrophobie. Die Angst vor engen geschlossenen Räumen wurde das erste Mal zwischen den Jahren 1870 und 1880 erwähnt, also genau dann, als Aufzüge vermehrt zum Einsatz kamen.

Fahrstühle waren auch der Schauplatz einer Reihe von Begegnungen und Geschichten. Das Buch „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann hat den Lift in einem Pariser Grand Hotel als zentralen Schauplatz, in dem Felix Krull als Liftboy arbeitet. Der Film „Abwärts“ aus dem Jahr 1984 handelt von vier Personen, die an einem Freitagabend in einem Frankfurter Bürohochhaus im Aufzug stecken bleiben und während des stundenlangen Wartens ihre Hölle miteinander und durch sich erleben. In vielen Actionfilmen mit von Jackie Chan, Angelina Jolie oder Jason Statham gespielten Helden sind Aufzugskabinen und Liftschächte Orte dramatischer Kämpfe auf engstem und gefährlichem Raum.

Spezielle Herausforderungen stellten Aufzüge für höfische Etikette und Protokolle dar. Zuerst ist da einmal die Frage zu klären, ob man in einem Aufzug den Hut abzunehmen hat oder nicht oder wie eng man zusammensteht. Ist das noch ein öffentlicher oder mehr ein privater Raum? Die ersten Aufzüge waren wie Zimmer eingerichtet, mit einem Sofa, Kandelabern und aufwendigen Glasverzierungen. Delikater war das, wenn wir von Herrschenden sprechen. Die Hochzeit der einzigen Tochter von Kaiser Wilhelm II., Prinzessin Viktoria Luise, im Jahr 1913 war die Quelle großer Sorge. Das beste Hotel in Berlin, das Hotel Adlon am Pariser Platz, sollte 800 hochrangige Gäste aus aller Welt beherbergen. Die Komplikation kam – wie kann es anders sein? – durch den Aufzug und die Attitüden der feinen Herrschaften zustande.

So hatte der Schwager des Kaisers, Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein, darauf bestanden, mit seiner Gattin im vierten Stock des Hotels untergebracht zu werden. Ein paar Tage vor der Hochzeit mussten der Herzog und die Herzogin aber in das zweite Stockwerk umziehen, weil der russische Zar dem Herzogenpaar einen Höflichkeitsbesuch abstatten wollte und es für den Zaren nicht infrage kam, den Aufzug zu benutzen. Zu viele Fragen waren und sind auch heute noch bei der Aufzugsbenutzung von Herrschenden offen. So war dem russischen Zaren nicht zuzumuten, mehrere Minuten in der Enge der Fahrstuhlkabine mit Adjutanten und anderen auszuharren. Und im zaristischen Hofprotokoll, das noch aus der Zeit Katharina der Großen stammte, fehlten natürlich Vorschriften zur Aufzugsbenutzung. Der russische Präsident Putin verwendet bis heute keinen Aufzug, weil deren Benutzung für die Leibgarde und den Sicherheitsdienst ein zu großes Risiko darstellt.

Doch auch als Schauplatz vergnüglicher und anzüglicher Geschichten dienten Aufzüge schon früh. Die Geschichte eines jungen Brautpaares schien in den Rubriken „Vermischtes“ bei der Boulevardpresse um die Wende des 20. Jahrhunderts besonderen Anklang gefunden zu haben. Sie erschien im Laufe des Jahres in Dutzenden Blättern. Heute würde man sagen, „sie ging viral“. Im Jahr 1909 beispielsweise druckte der Bludenzer Anzeiger dieses „Missgeschick“ aus Berlin ab.7 Ein frisch vermähltes Brautpaar war nach den Feierlichkeiten auf dem Weg in sein neues Zuhause, das über den damals noch unglaublichen Luxus von Nachtbeleuchtung und eines Aufzugs verfügte. Offenbar benutzten die jungen Eheleute den Fahrstuhl das erste Mal, denn der Ehemann stellte sich beim Einsteigen ungeschickt an. Ob wegen des konsumierten Alkohols, der Müdigkeit, des Wunsches nach baldiger Vollziehung der Ehe oder aus all diesen Gründen ist unklar. Jedenfalls ging genau in dem Moment die Nachtbeleuchtung aus, als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte. Sofort tastete der Gatte in der Dunkelheit nach dem Lichtschalter, erwischte aber den Halteknopf. Der Aufzug kam mit einem Ruck zum Stehen, was die junge Gattin heftig erschreckte. Voller Furcht bat sie ihren Mann, doch bitte keinen weiteren Knopf mehr zu drücken. Dieser – gehorsam, wie es nur frische Ehemänner sein können – folgte dem Wunsch seiner weinenden Gemahlin. Beide schliefen im Fahrstuhl ein. Am frühen Morgen entdeckte dann der Pförtner zu seiner Überraschung die beiden fest umschlungen auf dem Fahrstuhlbänkchen und befreite sie aus der misslichen Lage, die sie „in Seligkeit schwebend“ verbracht hatten.

Noch im Jahr 1945 gab es in Manhattan 15.000 Aufzugführer beiderlei Geschlechts, die am 24. September 1945 in Streik traten und damit 1.500 Bürogebäude ohne funktionierende Aufzüge hinterließen. Die Angestellten mussten lange Wege aus den obersten Stockwerken antreten. Solche Streiks richteten großen finanziellen Schaden für die Firmen in diesen Wolkenkratzern an. Noch immer gab es Liftboys und Elevator Girls, obwohl schon damals die Technologie für automatische Lifte vorhanden war. Aber immer noch war die Angst zu groß, in einem defekten Aufzug Hunderte Meter im leeren Schacht nur an einem Seil hängend ohne Liftboy verweilen zu müssen. Dabei hatte der Fachverband der Aufzugsindustrie (Elevator Industry Association) 1952 in einer Studie festgestellt, dass automatische Lifte fünfmal sicherer waren als solche mit Aufzugführer.8

Mitte der 1950er-Jahre wurden nach einigen weiteren Streiks die Bürogebäude schließlich vollständig auf automatische Aufzüge umgerüstet. Heute erschiene uns ein Liftboy als merkwürdig. Doch die Diskussion dürfte uns bekannt vorkommen, nur die Technologie hat sich geändert. Heute führen wir dieselben Diskussionen um die Sicherheit in von Menschen gesteuerten Autos und von autonomen Autos.

Der Präfekt, der dem Abfalleimer seinen Namen gab

Mit dem starken Wachstum der Städte in Europa, hervorgerufen durch die industrielle Revolution und die einsetzende Landflucht, standen die noch zumeist einen sehr dörflichen Charakter ausstrahlenden Städte des frühen 19. Jahrhunderts vor neuen Herausforderungen. Wohnungen mussten errichtet und Stadtmauern abgerissen werden und durchgehend gepflasterte Straßen sollten den Staub und Matsch reduzieren und sie bei jedem Wetter befahr- und begehbar machen. Straßenmobiliar wie Laternen, Sitzbänke, öffentliche Zeit- und Wetteranzeiger oder Urinale kamen als neue städtische Elemente hinzu, die das zivilisierte und hygienische Zusammenleben großer Menschenmassen ermöglichen sollten.

Auch der Abfall und der damit einhergehende Gestank und die Seuchengefahr wurden zu einem Thema. Abfälle wurden einfach auf die Straßen oder in nahe Flüsse gekippt. Pferdekot und dessen Gestank waren in den Straßen der Stadt allgegenwärtig. Die Pferde, die als Arbeitstiere zum Einsatz kamen, lebten im Durchschnitt nicht länger als zwei Jahre. Oft kollabierten sie mitten auf der Straße und wurden dort tagelang liegen gelassen, bis sie ausgetrocknet genug waren, damit man sie fortschaffen konnte.

Eine Lösung musste her. Und die manifestierte sich unter anderem in Mülleimern, die zuerst in jedem Haus, anschließend auf öffentlichen Plätzen und in Straßen aufgestellt wurden.

Unter der Zuständigkeit des französischen Präfekten Eugène Poubelle befand sich im Jahr 1883 auch die Stadt Paris. Um die hygienischen Zustände einer wachsenden Bevölkerung zu verbessern, erließ er im selben Jahr eine Verordnung, wonach jedes Haus über einen „Kehrichtkasten“ für seine Bewohner verfügen musste, in dem der Unrat abgelegt wird. Die Länge und Breite, die Farbe und das Material waren vorgeschrieben sowie, wann der Hauswart diesen vor die Haustür zu stellen hatte. Die Form dieser ersten Pariser Abfalleimer ähnelten einem überdimensionierten, abdeckbaren Blumenkasten mit zwei Tragegriffen an den Seiten, auf denen auch die Straßennummer angebracht war.

Diese an sich sehr lobenswerte Erfindung wurde allerdings– wie sollte es auch anders sein – nicht überall wohlwollend aufgenommen. So berichtet die Zeitung Der Vorarlberger am 22. Februar 1884, knapp zwei Monate nach Inkrafttreten der Verordnung, dass hauptsächlich eine Berufsgruppe gegen diese neue Einrichtung protestierte: die Lumpensammler.9

Vom 16. Jänner ist die Abfuhr des Kehrichtes auf drei weitere Jahre verpachtet und da heißt es in den Artikeln 18 und 19 des Vertrages ausdrücklich: „Die Unternehmer haben das Recht auf die vollständige Überlassung des Kehrichtes und können daher diejenigen gerichtlich verfolgen, welche Bestandteile desselben wegschaffen.“ Dadurch ist das Lumpensammeln thatsächlich unter Strafe gestellt und unmöglich gemacht.

Lumpensammler waren über Jahrhunderte entscheidend für den Buchdruck. Alte Lumpen, die sich zum Tragen nicht mehr eigneten, wurden als Rohstoff für die Papierherstellung verwendet. Damit war dieser Abfall wie auch beispielsweise Pferdekot ein Rohstoff, mit dem sich die Armen ihren Unterhalt verdienen konnten. Und die geschätzten Erlöse der Lumpensammler lagen im Jahr 1883 in Paris bei fast vier Millionen Francs im Jahr.10 Und das hatte ihnen der Präfekt nun per Verordnung weggenommen. Kein Wunder, dass es zu Anschuldigungen kam.

Das Ergötzlichste bei der Sache ist immerhin die Entrüstung der Radikalen über den Präfekten Poubelle, der durch die Verordnung sich eines ungeheuren Amtsmißbrauches schuldig gemacht haben soll.

Auch im deutschsprachigen Raum waren Lumpensammler vielen Verordnungen unterworfen. Egal, ob Schlesien, Preußen, Danzig, Nassau oder Breslau, um nur ein paar der Polizeigesetze oder fürstlichen Verordnungen zu nennen, diese Länder regelten, was Lumpensammler wann und wo an Unrat aufsammeln und verwerten konnten. Auswärtigen Lumpensammlern wurde die Ausübung der Tätigkeit meist unter Androhung von Strafe untersagt. Zahlreiche Polizeiberichte geben Zeugnis von tatsächlichen oder vorgeblichen Übertretungen durch die Lumpensammler. Der Wächter – Polizeianzeiger für Norddeutschland nennt für das Jahr 1852 die Fallzahlen für Preußen:11

19,732 Krämer und Lumpensammler zogen 1852 allein in Preußen umher und 9917 Musikanten machten gewerbeweise in Wirthshäusern Musik.

Eine Zeile weiter in diesem Artikel „Die Lage der Wandergesellen“ versteht man aber auch gleich, wieso Lumpensammler und herumziehendes Volk so stark reguliert wurden und unter Polizeibeobachtung standen.

Mit unglaublicher Schnelligkeit verbreiten diese fahrenden Leute, wie das Mittelalter sie genannt haben würde, Einfälle und Bemerkungen, Nachrichten und geistige Richtungen, welche Censur und Preßpolizei in den Tagesblättern unterdrückt, über ganz Deutschland bis in die kleinste Stadt, bis in das kleinste Dorf; sie sind das für ein Land, was das Männercasino oder der Frauencaffee für die Stadt ist und die Spinnstube für das Dorf war. Wer aber achtet auf sie. Wer geht ihnen nach?

Poubelles Erlass löste als Nebeneffekt dieses „Problem“. Auch wenn sich an der Verordnung zur Einrichtung von „Kehrichtkästen“ und der Auftragsvergabe an ein Privatunternehmen nichts mehr rückgängig machen ließ, die „Rache“ der Lumpensammler an Poubelle war eine andere: Im Jahr 1890 nahm das französische „Große Universalwörterbuch des 19. Jahrhunderts“ von Larousse das Wort „Poubelle“ als Bezeichnung für Mülleimer in sein Register als Eintrag auf. Bis heute heißt „poubelle“ im Französischen Mülleimer.

Was Jackie Chan wirklich umhaut

Erinnern wir uns noch an diese Pandemie, die für den besseren Teil von 2020 und 2021 weltweit das Leben und die Wirtschaft über Monate lahmlegte? Genau das passiert, wenn man für eine ansteckende Krankheit keinen Impfstoff hat. Was für uns moderne Menschen Covid-19 ist, waren vor 100 Jahren die Spanische Grippe, Masern, Pocken, Tuberkulose oder Röteln. Für uns stellen diese damals oft tödlichen Krankheiten meist keine direkten Erfahrungen mehr dar, weil wir dafür Impfstoffe, Medikamente und Behandlungsmethoden entwickelt haben. Wir kennen heute in der entwickelten Welt zumeist niemanden, der durch solche Krankheiten entstellt worden war. Anfang des 20. Jahrhunderts waren Menschen, die solche Krankheiten erfahren hatten, im Alltag nicht zu übersehen.

Das führt zu einer Unterschätzung der Gefahren, die von diesen – manche von ihnen verharmlosend „Kinderkrankheiten“ genannten – Viruserkrankungen ausgehen. Und damit überschätzt man die Gefahren, die von Impfungen ausgehen. Funktionierende Maßnahmen, die eine Pandemie und schwere Erkrankungen gar nicht erst ausbrechen lassen, sieht man nicht direkt. Sie zeichnen sich durch ihre Abwesenheit aus. Einzelne Fälle, die unter Millionen von Geimpften durch Impfnebenwirkungen auftreten, finden dann besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, die eine ganz besondere Form an Menschen hervorruft: die Impfgegner. Man glaube bloß nicht, diese seien eine Erscheinung unserer Zeit. Es gibt sie bereits so lange, wie es Impfungen gibt.

Bereits die österreichische Kaiserin Maria Theresia beschäftigte sich mit diesen Krankheiten. Sie selbst steckte sich durch den Kontakt zu ihrer an Blattern (auch als Pocken bekannt) erkrankten und dann daran verstorbenen Schwiegertochter Josepha mit dieser Krankheit an. Ohne Impfung sollte ein Drittel aller an Blattern Erkrankten nicht genesen. Maria Theresia aber gesundete, wenn nun auch durch Pockennarben entstellt. Wegen der Gefährlichkeit dieser Krankheiten, die mehrere Mitglieder der Kaiserfamilie dahingerafft hatten, bemühte sich die Regentin um ein Gegenmittel. Im Jahr 1718 hatte Lady Mary Wortley Montagu als Gattin des britischen Gesandten in der Türkei von der aus Asien stammenden „Inokulation“ gehört, bei der Viren aus den Wunden von an Pocken erkrankten, aber genesenen Menschen in kleine Wundritzen gerieben wurden.12 Vom britischen Königshaus ausgehend hatte sich die Inokulation dann von einem Kaiserhaus zum anderen weitergesprochen, auch wenn das Risiko mit zwei bis drei Prozent Erkrankungen bei den so Inokulierten im Vergleich zu heutigen Standards immer noch vergleichsweise hoch war. Als im Jahr 1796 dann dem englischen Landarzt Edward Jenner der Durchbruch mit Impfungen gelang, bei denen noch weiter abgeschwächte Viren per Injektion verabreicht wurden, begannen die Krankheiten an Schrecken zu verlieren.13 Im Jahr 1807 führte dann Bayern als erstes Land weltweit die Impflicht ein, gefolgt von Hessen und Preußen. Kaiser Wilhelm unterzeichnete im Jahr 1874 das Reichsimpfgesetz.

Der englische Name für Impfungen „vaccinations“ stammt übrigens von der Quelle der ersten Impfstoffe. Es war schon länger bekannt, dass Melkerinnen, die sich mit Kuhpocken angesteckt hatten, nicht an Pocken erkrankten. Die ungefährlichen Kuhpocken dienten dann als Grundlage für den Impfstoff. Der lateinische Name für „von der Kuh“ lautet „vaccinus“, und Jenner wählte „vaccination“ als Bezeichnung für diese Form der Immunisierung.

Doch selbst 100 Jahre nach Einführung der Impfplicht in Bayern blieb der Widerstand groß. Die Wiener Montags-Post veröffentlichte am 4. November 1907 gleich auf der Titelseite einen großen Leitartikel, der unter dem bedrohlichen Titel „Ein ernstes Wort zu rechter Zeit“ für die Impfgegner Partei ergriff. Nachdem eine Blatternepidemie ausgebrochen war, hatte sich der Hohn und Zorn der Abgeordneten im niederösterreichischen Landtag auf die Impfgegner ergossen. Mit dem (anonymen) Leitartikler der Montags-Post war da nicht zu spaßen! So schreibt er dort:14

In diesem Zwecke bediente [die orthodoxe Medizin] sich der Presse, die – im guten Glauben an den angeblichen Segen der Impflanzette – ihr auch diesen Liebesdienst erwies. In der „Wiener Allgemeinen Zeitung“ vom 5. September d. J. wird die aufopferungsvolle Kulturarbeit der Impfgegner, also auch die der zahlreichen impfgegnerischen Ärzte und Professoren als ein „verbrecherisches Treiben“ bezeichnet.

Im Namen der Impfgegnervereine Deutschlands und im Namen von Millionen von Impfgegnern protestieren wir gegen diese groben Beleidigungen der orthodoxen Medizin ganz energisch und weisen alle diese in’s finstere Mittelalter gehörigen Angriffe als unberechtigt zurück.

Fast beleidigt wirkt der Leitartikler, als er das fehlende Interesse an einem Impfgegner-Pamphlet bei den ärztlichen „Impffreunden“ scharf kritisiert:

Auf der Naturforscherversammlung zu Frankfurt vertrat der soeben genannte Professor Hermann seinen neugewonnenen Standpunkt als Impfgegner und bat seine Kollegen, die Ärzte, sein Buch, das er ihnen gratis zur Verfügung stelle, mitzunehmen. Von den 200 Exemplaren, die zur Mitnahme auslagen, war – ein einziges verlangt worden! Beweist denn das aber nicht sehr drastisch, daß die sogenannten Fachleute – hier mit einer einzigen Ausnahme – so viel wie gar kein Interesse an der Klarstellung der Impffrage haben, durch solche Ignoranz allerdings die heilige Pflicht eines ernsten Forschers brutal mit Füßen treten.

Die Schuldigen waren somit nicht nur die Forscher, die ihrer „heiligen Pflicht“ nicht nachkämen, sondern auch noch andere, denen man auch heute das große Geschäft unterstellt, wie man in der folgenden Zeile sieht:

Die Impfung oder wie es in der anderen Sprache sehr bezeichnend heißt, das Impfgeschäft, ist nichts anderes als ein Dogma der medizinischen Hierarchie.

40 Jahre nach einer Kontroverse im Parlament hatte sich nichts geändert, wie es auch 100 Jahre nach dem Erscheinen dieses Artikels immer noch so sein sollte. Die Pharmaindustrie will Geld mit uns machen und drängt uns deshalb Medikamente und Impfstoffe auf. Zum Glück gibt es Ehrenmänner:

Wir erinnern an die Worte des uns allen als Ehrenmann bekannten Dr. med. Hofer, mit denen er vor 40 Jahren das Verhängnis des Impfzwanges von Oesterreich abwandte, an die Worte, die er im Juni 1868 im Wiener Parlamente laut und mutig in die Welt rief: „Ohne physiologische Beweise bleibt mir die Impfung eine Charlatanerie, ohne Physiologie gibt es keine Wissenschaft, und die Impfung ist, ich möchte sagen: ein wissenschaftliches Verbrechen.“

Besonders in Deutschland waren die Impfgegner zahlreich und scheinbar gut organisiert. So berichtet die Wiener Klinische Wochenschrift am 16. April 1896:15

Im 7. Decennium war die Agitation der Impfgegner besonders lebhaft, sie hat aber seither noch wesentlich zugenommen. Im Jahr 1877 betrug die Zahl der von Impfgegnern eingereichten Petitionen nur 21, im Jahre 1891 dagegen 2951 mit 90.661 Unterschriften.

Die Wochenzeitschrift vergisst nicht, auf folgende Tatsache hinzuweisen:

Bemerkenswerth ist, dass die Unterschriften grösstentheils aus den Kreisen ungebildeter oder halbgebildeter Laien stammten, dass dagegen Aerzte nur sehr spärlich darunter vertreten waren.

Gegen Impfungen aufzutreten bot sogar politische Vorteile, wie die Grazer Tagespost am 16. Mai 1876 berichtet:16

Vom Schweizer Anti-Impfverein erhalte ich die Nachricht, daß die Glarner Landgemeinde den Impfzwang beinahe einstimmig abgeschafft habe und daß die anderen Kantone bald nachfolgen dürften. Auch in England haben die Impfgegner bei den letzten Wahlen der Quardians glänzend gesiegt; In Reighley wurden 13 Impfgegner von 15, in Dewsberg 21 Impfgegner von 25 gewählt.

Mehrere Jahrzehnte lang fanden Impfgegnerkongresse statt, der vermutlich letzte seiner Art im Jahr 1914 in Rom, auf dem ein Büchlein mit einem Verzeichnis von ausgewählten Impfgegnern aus ganz Europa zusammengetragen worden war. Gleich 1.171 Namen sind darin aufgeführt – mit der Entschuldigung des Autors, dass er nicht die vollständige Liste mit mehr als 20.000 Mitgliedern hier anführen könne.17

Wie man sieht, stand die Vereinsmeierei der Schweizer, Österreicher und Deutschen schon damals in voller Blüte und ist keine Erfindung unserer Zeit. Und Fake News auch nicht. Keine der drei in dieser Nachricht vom Schweizer Anti-Impfverein genannten Orte existieren in England.

Nur wenige Wochen nach dem Impfgegnerkongress in Rom lagen die Heere der europäischen Länder einander schon in den Schützengräben gegenüber und Impfungen sollten den Zoll, den dieser vier Jahre währende Weltkrieg den Ländern abverlangen sollte, reduzieren. Millionen mehr Soldaten wären an Krankheiten auf den Schlachtfeldern verreckt, hätte es nicht die Impfungen gegeben. Die Spanische Grippe, die am Ende des Krieges sich auszubreiten begann, zeigte, welch verheerende Folgen eine Krankheit haben kann, wenn man keine Impfstoffe dagegen hat.

Aber vielleicht darf man Impfgegnern gar keinen Vorwurf wegen deren Abneigung machen. Es könnten andere Gründe für ihren Widerstand vorliegen, die sie vielleicht gar nicht so gerne an die große Glocke hängen möchten und deshalb andere Gründe vorschieben. Der Schauspieler Jackie Chan, der uns vor allem durch seine todesverachtenden Stunts und seinen Humor in wilden Kung-Fu-Filmen bekannt ist, verliert beim Anblick von Impfnadeln und Spritzen nicht nur seinen Humor, sondern wird sofort ohnmächtig. Ein fünfzehn Meter tiefer Fall vom Uhrturm? Kein Problem. Einen Faustschlag auf die Nase? Gib mir mehr! Eine Impfnadel? Jackie Chan muss wiederbelebt werden.18

Wenn es Müll auf den Regenschirm regnet

Du hast deinen Kopf auch nur, damit es dir nicht in deinen Hals regnet.

Karl Farkas als der „G’scheite“ zu Ernst Waldbrunn als dem „Blöden“ in einer ihrer Simpl Doppelconférencen.

Man stelle sich den Anblick vor, den der Kaufmann und Reiseschriftsteller Jonas Hanway amüsierten Londonern bot. Nach vielen Jahren in Lissabon, Russland und Persien hatte er nach einem Aufenthalt in Frankreich eine neuartige Gerätschaft mitgebracht. Einen „Parapluie“, der in Anlehnung an den fernöstlichen „Parasol“ nicht vor der Sonne, sondern vor Regen schützen sollte.

Der Pariser Kaufmann Jean Marius war ein anerkannter Taschenmacher und hatte bemerkt, wie regnerische Tage seinen adeligen Kundinnen die aufwendig gestalteten Perücken ruinierten.19 Friseure und Perückenmacher galten damals als Künstler und entsprechend hoch waren die Preise, die man für eine Frisur zahlen musste. Zwar gab es bereits erste Regenschirme, diese waren aber so sperrig und schwer, dass sie kaum jemand benutzen wollte oder konnte. Marius verbesserte die Konstruktion und schuf im Jahr 1709 eine leichtgewichtige Version. Dieser weniger als ein Kilogramm schwere Schirm konnte zusammengefaltet, in drei Teile zerlegt und damit bequem getragen werden. Als Luxusartikelhersteller, der die Geschmäcker seiner Pariser Kundinnen kannte, wusste Marius, dass nur ein elegant aussehender Parapluie Anklang finden würde. Er wählte gediegene Materialien und verarbeitete sie kunstvoll und fein, sodass sie zur aktuellen Mode seiner Klientel passten. Diese Gerätschaft war dann auch der letzte Schrei in Paris, mit dem Jean Marius selbst den Sonnenkönig Ludwig XIV. als prominenten Kunden gewinnen konnte.

Die französische Entstehungsgeschichte und der Enthusiasmus der Franzosen mag erklären, warum Jonas Hanway in London ein ziemlich rauer Wind entgegenblies, als er um das Jahr 1750 das Mitbringsel aus Paris zum ersten Mal ausführte. Seine Landsleute machten sich lustig über ihn. Es war den empörten Londonern schnuppe, dass Hanway seinen Parapluie nicht aus reiner Eitelkeit benutzte, sondern um seine Perücke und seine Gesundheit zu schonen. Es half ihm allerdings, dass er ohnehin Exzentriker war und sich keinen Deut um den Spott und Hohn seiner Mitbürger kümmerte. Selbst als ihm wiederholt das für Briten wohl übelste Schimpfwort entgegenschallte, nämlich „Franzose“, ging er unbeirrt mit dem Regenschirm seinen Weg. „Franzose sein“ kam für echte Briten im 18. Jahrhundert einem „Weichei“, „Unterhosenbügler“ und „Hedonisten“ gleich.

Ebenso stand der Regenschirm für einige Moralapostel seiner Zeit als ein Zeichen, dass der Träger eines solchen schlicht und einfach vulgär sei. Entweder könne man sich eine Kutsche oder Sänfte leisten oder man stehe zu seiner Armut, trage seinen Mantel und werde klitschnass. Wo kämen wir in diesem Weltbild hin, wenn sich jemand keine Kutsche leisten könnte, aber im Regen trotzdem trocken bliebe, anstatt sich eine aufrichtige und ehrliche Lungenentzündung zu holen?

Der größte Widerstand dieser „unbritischen“ mobilen Gerätschaft kam von den Kutschern. Wollte man in London trockenen Fußes seiner Wege gehen, kamen nur eine zweirädrige Mietskutsche oder eine Sänfte infrage. Die Kutscher und Träger sahen ihr Geschäft bedroht, das besonders bei feuchtem Wetter anzog. So einfach wollten sie sich ihr Einkommen nicht streitig machen lassen. Wann immer sie Hanway mit seinem Regenschirm ansichtig wurden, überschütteten sie ihn mit Beleidigungen und Müllresten. Ein Kutscher versuchte, ihn sogar zu überfahren, und bekam von Hanway dafür eine Tracht Prügel mit dem vielseitig einsetzbaren Parapluie.20


Abbildung 4: Jonas Hanway (1712 – 1786) im Londoner Regen mit Parapluie. Illustration von Richard Caton Woodville (1825 – 1855)

Warum der Regenschirm ausgerechnet in Großbritannien, wo man doch eigentlich erwarten könnte, dass aufgrund des Klimas eine solche Erfindung mit offenen Armen aufgenommen werden müsste, auf Ablehnung stieß, ist heute nur mehr schwer nachvollziehbar. Nichts sieht für uns heute britischer aus als ein Gentleman mit Melone auf dem Kopf und Schirm unter dem Arm. Jeder Schauspieler mit Baskenmütze und einem Baguette unter dem Arm geklemmt wird sofort als Franzose erkannt. Setzt er eine Melone auf und klemmt sich einen Schirm unter den Arm, ist er Brite. So verankert sind diese Stereotypen für uns, dass wir darüber gar nicht mehr nachdenken. Doch im 18. Jahrhundert sah die Welt anders aus.

Formen des Parasols waren schon mindestens 2.000 Jahre früher in China, im alten Ägypten, bei den Griechen und Römern und auch im Aztekenreich bekannt, um vor Sonne zu schützen. Vor allem adelige Frauen benutzten ihn, um ihre weiße Haut zu bewahren. Als Brite mit dem Selbstverständnis, (bald) einen Großteil des Erdballs zu beherrschen, war das Wetter ein Bestandteil, der die „echten“ Engländer und Schotten erst ausmachte und abhärtete. Die Insellage und das Wetter formten den Körper und den Geist und führten dazu, dass Briten robust, unabhängig und einfach anders waren als andere Völker. Die Verwendung eines Regenschirms bedrohte diese Körper- und Charakterbildung.

Die Regenschirmskeptiker hatten – genauer betrachtet – noch umfassendere Gründe vorzubringen. Von Wind und Wetter umgeben zu sein schien das Natürliche. Alle Anstrengungen, diese vom Körper abzuhalten und ihn vor der Natur zu isolieren, indem man wind- und wetterfeste Kleidung schuf und anzog, ließ die „Luft“ außen vor. Das schien unnatürlich. Selbst damalige Krankenschwestern in Krankenhäusern weigerten sich, Frischluft durch Ventilatoren in die Patientenzimmer zu pumpen, weil die „Kontrolle von Luft“ als blasphemisch galt. Eine gab zu Protokoll, dass sie „die allmächtige Luft bevorzuge, nicht die künstliche“.21 Aufmerksamen Beobachtern fällt dazu sofort der moderne Widerstand konservativer Fanatiker in den USA ein, die Schutzmasken während der Coronakrise mit der Begründung ablehnten, dass das „gottgegebene Atmungssystem“ nicht behindert werden solle.

Nicht nur im regnerischen Britannien stieß der Parapluie auf Ablehnung. Waren die Gründe in London eher geschäftlicher Natur und darüber hinaus der stark im englischen Selbstverständnis verankerten Feindschaft zu den Franzosen geschuldet, so fiel es in anderen Ländern mehr unter die Kategorien „Status“ und „Macht“. Während Ludwig XIV. kein Problem damit hatte, dass sein Hof und seine Untertanen sich das Gerät zunutze machten, war das in Persien ganz anders: Derselbe Jonas Hanway hatte bei einem Vorbeizug eines persischen Prinzen in einer aufwendigen Prozession diesen mit einem Parasol vor der Sonne geschützt gesehen. Hanway, der später zurück in London – trotz all der negativen Erfahrungen mit seinen Mitmenschen – ein Philanthrop werden sollte, erkannte darin früh eine Möglichkeit, den Menschen in Persien Gutes zu tun und so nebenbei ein Geschäft zu machen. Er ließ eine verkleinerte Form des Parasols anfertigen und sie unter das Volk bringen. Mit einem etwas anderen Ausgang, als er sich das erhofft hatte. Ein Parasol war im persischen Reich ein Zeichen von königlichem Status und Macht. Dass nun jeder Standeslose auch so ein Ding besitzen sollte, kam einer Majestätsbeleidigung gleich. So sehr hatte sich Hanway verschätzt, dass er überstürzt Persien verlassen musste, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen.

Selbst heute noch kann ein Regenschirm zu politischer Aufregung führen. So echauffierten sich die konservativen Pundits in den USA, als im Jahr 2013 der amerikanische Präsident Barack Obama bei einer Ansprache im Freien sich und seinen Staatsgast, den türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan, von Marinesoldaten durch Regenschirme schützen ließ.22 Das hatte dem Uniformprotokoll der Marinesoldaten widersprochen, die in Uniform keinen Regenschirm benutzen dürfen.

Ausgenommen sind interessanterweise Frauen in Uniform. In den Uniformprotokollen fast aller Armeen der Welt spiegelt sich hier ein nach wie vor gültiges Männlichkeitsverständnis wider und das deutet implizit an, dass Regenschirme unmännlich seien. Oder eben französisch, wie schon Jonas Hanway im Jahr 1750 erfahren musste. Und dabei wollen wir einmal außer Acht lassen, dass Regenschirme von Agenten immer wieder eingesetzt werden – nicht, um sich vor Regen zu schützen, sondern um unerkannt einem Staatsfeind eine Giftmischung durch die Regenschirmspitze zu verabreichen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn Teddybären Nationen bedrohen

Der Teddybär ist eng mit deutscher Wirtschaftsgeschichte verbunden. Margarete Steiff, eine ihr Leben lang an Kinderlähmung leidende Schwäbin, hatte damals für eine Frau – noch dazu für eine behinderte Frau – etwas Ungewöhnliches getan: Sie wurde Unternehmerin und schenkte den Kindern der Welt den Teddybären. Im Jahr 1902 hatte ihr Neffe Richard den ersten Teddybären entwickelt, bereits im Jahr 1907 wurden fast eine Million davon gekauft. Speziell in den USA war das Plüschtier, das seinen Namen dem amerikanischen Präsidenten Theodore „Teddy“ Roosevelt, einem leidenschaftlichen Bärenjäger, verdankte, ein Riesenerfolg.

Die Zeitungen berichteten ausführlich darüber. Eine ganze Seite des The San Francisco Sunday Call vom 18. November 1906 widmete sich reich illustriert dem Teddybärphänomen. Viel öffentliche Aufmerksamkeit erhielt die Omnipräsenz von Teddybären in Kinderhänden. Vor allem überraschen uns aber Berichte, dass Teddybären offenbar bei erwachsenen Frauen der letzte Schrei waren.

Sommerbesucher in einem bestimmten Pariser Hotel waren es gewohnt, ein oder zwei besonders schöne Französinnen mit Teddybären als Begleiter ins Restaurant kommen zu sehen, die an den Seiten der Damen platziert waren, während der einstige Lieblingshund, die französische Bulldogge, mit Fledermausohren oben allein seine Gefühle pflegte. Seine arme kleine Nase – oder was es davon noch gibt – ist ziemlich beleidigt, und er fragt sich, wie lange sein lächerlicher Rivale noch regieren wird.

Auch über eine der neuesten Mode nach elegant gekleidete junge Dame wird berichtet, die von einem Knuddelbären als Kompagnon begleitet wurde, der mit ernster Miene auf dem Beifahrersitz ihres elektrisch angetriebenen Columbia Victoria saß, während sie mit „äußerster Unbekümmertheit“ durch den Central Park in New York preschte.

Das Mädchen sah völlig ahnungslos aus, dass sie irgendetwas Ungewöhnliches oder Erstaunliches tat, als sie an den Scharen von Fußgängern vorbeirollte und sich ihren Weg durch das Gewirr von Fahrzeugen bahnte, die sich in einer langen Prozession bewegten. Sie wurde augenblicklich zum Mittelpunkt für jedes Augenpaar, und der Gedanke, der in den Köpfen derer aufblitzte, für die dieser Anblick eine Neuheit war – hat der Teddybär nun sowohl den Platz des Pudels als auch den der Puppe eingenommen?

Was uns die offizielle Geschichtsschreibung des Steiff’schen Plüschtierimperiums verheimlicht, ist die Kontroverse, die Teddybären in den USA auslösten. So erschien in den Zeitungen des Landes ein Abdruck einer Predigt, die Pfarrer Michael G. Esper am Sonntag, dem 7. Juli 1907 in der katholischen Pfarrei St. Joseph in Michigan gehalten hatte:23

Rassenselbstmord, die größte Gefahr, der sich diese Nation heute gegenübersieht, wird von der Marotte gefördert und ermutigt, die guten alten Puppen unserer Kindheit durch das schreckliche Ungeheuer namens Teddybär zu ersetzen. Die eigentlichen Mutterinstinkte eines heranwachsenden Mädchens werden abgestumpft und oft zerstört, wenn dem Kind erlaubt wird, ein unnatürliches Spielzeug dieser Art mit der liebevollen Zuwendung zu überhäufen, die so schön ist, wenn sie einer Puppe zuteilwird, die ein hilfloses Kind darstellt. Mir bot sich noch nie ein ekelhafterer Anblick als das Schauspiel eines kleinen Mädchens, das diese Pseudo-Tiere streichelt, liebkost und sogar küsst. Es ist eine Schande für das amerikanische Volk, das unter der Verkümmerung des Mutterinstinkts der zukünftigen Frauen leiden wird, durch diesen Ausbund an Abscheulichkeiten, die schädlichste und abstoßendste Naturfälschung, die je begangen wurde.

Diese Predigt wurde in den nächsten Wochen in sämtlichen US-Zeitungen abgedruckt, sie ging viral.

In der Washington Post vom 8. Juli 1907 wurde von einem weiteren Zwischenfall mit einem Teddybären berichtet. Ein vierjähriger Knabe namens Edward N. Hackett war aus einem Fenster im dritten Stock in Brooklyn gekippt und auf eine darunterliegende Markise gefallen. Von der war er abgerollt. Weil er sich dabei die ganze Zeit an seinen Teddybären festgeklammert hatte, hielt er diesen auch noch, als er am Boden ankam. Beim Aufprall bremste das Plüschtier seinen Sturz und der kleine Edward kam unversehrt davon. Während diese gute Teddybärennachricht im Blattinneren versteckt war, befand sich auf der Titelseite derselben Ausgabe aber Espers Predigt unter der Schlagzeile: „Die Teddybär-Modeerscheinung zerstört den mütterlichen Instinkt und führt zum Rassenselbstmord!“ Schon damals galt das Motto „Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“.

Und das war der Auftakt zu einer großen Kontroverse um die knuddeligen Teddybären, die als so gefährlich angesehen wurden, dass sie eine ganze Zivilisation ins Verderben stürzen können. Nur, woher kam dieser Widerstand?

Dazu muss man wissen, dass Kinder als Miniaturversionen von Erwachsenen betrachtet wurden. Es war selbstverständlich, dass man sie zur Arbeit heranzog und Spielzeug und Kinderbücher einen moralischen und erzieherischen Unterton hatten. Wir bemerken das, wenn wir alte Kinderbücher und Märchen lesen. Alles war darauf ausgelegt, Kinder auf ihre zukünftige Rolle in der Gesellschaft und Arbeitswelt vorzubereiten. Mädchen erhielten Spielzeug, das Fähigkeiten vom Bügeln, Nähen bis zum Aufziehen von Kindern vermittelte. Knaben machten sich mit dem Schießgewehr vertraut. Kinderbücher sollten erwünschte und „richtige“ Verhalten aufzeigen.

Genau deshalb war ein Teddybär so kontrovers. Während Puppen Mädchen auf ihre Rolle als Mutter vorbereiteten – also somit erzieherisch „wertvoll“ waren –, stellten Teddybären ein abstraktes, unnatürliches Wesen dar, das gemäß den Moralaposteln dieser Zeit auf keine gesellschaftlich nützliche Aufgabe vorbereitete. Und die jungen Damen, die in Teddybärenbegleitung Pariser Restaurants besuchten oder einen als Beifahrer in ihren Elektroautos in New York ausführten, bestätigten nur die Befürchtungen. Gebärfähige Frauen, von denen erwartet wurde, dass sie den Fortbestand der Zivilisation sicherten, indem sie endlich heirateten und Kinder gebaren, widmeten sich lieber einem monströsen Plüschtier. Und das kam noch dazu aus Deutschland.

Wir als moderne Menschen sind selbstverständlich darüber erhaben, dank des Fortschritts schmunzeln wir nur mehr über die Rückständigkeit und den Eifer dieser Frömmler. Wer sieht heute noch Teddybären als Gefahr für den Erhalt der Rasse und Symbol des Niedergangs unserer Zivilisation?

Aber die Dämlichkeit der Teletubbies, die Gewaltorgien bei „Tom und Jerry“, die Spinnereien von Pippi Langstrumpf, die einen Aufstand gegen die Erwachsenenwelt macht, Videospiele, die Kinder einsam und gewaltbereit machen, das sind heute selbstverständlich absolut berechtigte Sorgen vor dem Zusammenbruch unserer Zivilisation. Das ist etwas ganz anderes!

Von Weinfässern, Napoleon und dem Stethoskop

So wie die Melone und der Regenschirm für den Engländer und die Baskenmütze und das Baguette unter dem Arm für den Franzosen stereotypisch sind, ist es für den Arzt der weiße Kittel und das Stethoskop um den Nacken. Dieses heute nicht wegzudenkende und so einfache medizinische Gerät fand nicht von Anfang an Anklang bei der Ärzteschaft.

Selbst der weiße Kittel war bis ins 19. Jahrhundert eigentlich schwarz und üblicherweise völlig verdreckt gewesen. Die Ärzte waren stolz auf das getrocknete Blut, den Eiter und andere Verunreinigungen, die von ihrer Arbeit und ihren Heilkräften zeugten. Erst durch den österreichisch-ungarischen Arzt Ignaz Semmelweis, der erkannt hatte, dass Ärzte, die in einem berüchtigten Wiener Krankenhaus aus der Pathologie kommend zur Geburtenstation wechselten und wegen fehlender Desinfektion zur erhöhten Sterblichkeit bei Gebärenden beitrugen. Verursacht durch den sogenannten Kindbetttod und durch die Entdeckung der Keimtheorie durch Louis Pasteur wurde man sich so langsam bewusst, dass verschmutzte schwarze Kittel ein schlechtes Zeichen für Hygiene waren.

Auf die Idee zum Stethoskop war der französischen Landarzt René Marie Théophile Hyacinthe Laënnec durch den österreichischen Arzt und Librettisten Johann Leopold Auenbrugger gekommen. Letzterer hatte die Perkussion als medizinische Technik zur Untersuchung von Lungenkrankheiten erfunden. Die Inspiration dazu erhielt er aus seiner Kindheit. Der Vater schickte den Grazer Gastwirtssohn immer in den Weinkeller und trug ihm auf, den Füllstand der Weinfässer durch Klopfen auf das Fass zu bestimmen. Daran erinnerte er sich, als er als Arzt in Wien begann, die Brustkörbe seiner Patienten abzuklopfen. Dabei gelang es ihm, die ersten Diagnosen bei Lungenkrankheiten zu stellen. Wie musikalischer und damit wienerischer kann man eine solche Untersuchungsmethode benennen, die als Perkussion Eingang in das medizinische Werk finden sollte? Kein Wunder: Auenbrugger hatte nicht nur ein Libretto für das Singspiel „Der Rauchfangkehrer“ von Antonio Salieri geschrieben, sondern war im Jahr 1775 auch dessen Trauzeuge gewesen.

Die Übersetzung von Auenbruggers Behandlungsmethode aus dem Lateinischen ins Französische durch Jean-Nicolas Corvisart, niemand Geringerem als der Leibarzt Napoleons, aus dem Jahr 1808 fiel Laënnec in die Hände. Er las die Schrift Auenbruggers mit Interesse und sie kam ihm im Jahr 1816 bei der Visite einer stark übergewichtigen jungen Patientin mit Herzproblemen wieder in den Sinn. Die übliche Methode, sein Ohr an den Brustkorb zu legen und abzuhören, kam aufgrund der starken Beleibtheit und der Keuschheit der jungen Frau nicht infrage.

Er entsann sich Auenbruggers Schrift, rollte ein Blatt Papier und schnürte es zusammen. Diese Rolle legte er mit einer Öffnung an die Brust der Patientin. An das andere Ende presste er sein Ohr und konnte somit den Atemgeräuschen und dem Herzrhythmus lauschen. Das war die erste primitive, aber nützliche Version des Stethoskops, das Laënnec zuerst einmal „Pectoriloque“ taufte.

Ich erinnerte mich zufällig an eine einfache und bekannte Tatsache in der Akustik … die große Deutlichkeit, mit der wir das Kratzen einer Stecknadel an einem Ende eines Holzstücks hören, wenn wir unser Ohr an das andere Ende anlegen. Auf diese Anregung hin rollte ich sofort eine Papierrolle zu einer Art Zylinder und brachte ein Ende davon im Bereich des Herzens und das andere Ende an meinem Ohr an. Ich war nicht wenig überrascht und erfreut, als ich feststellte, dass ich dadurch die Tätigkeit des Herzens in einer Weise wahrnehmen konnte, die viel klarer und deutlicher war, als ich es je durch das unmittelbare Anbringen meines Ohres hätte tun können.


Abbildung 5: Laënnecs hölzernes Stethoskop, wie es sich im Science Museum in London befindet.

Laënnec hatte die Bedeutung seiner Erfindung erkannt und verwendete sehr viel Zeit darauf, sie weiterzuentwickeln, bis er die praktischere und heute bekannte Form des Stethoskops vor sich hatte. Sein neues medizinisches Gerät bot einige Vorteile. Neben dem Abhören des Brustkorbs erlaubte es auch seinen weiblichen Patienten, ihre Keuschheit zu bewahren. Laënnec musste nicht mehr sein Ohr auf die Brust seiner Patientinnen pressen, um Lungenuntersuchungen durchzuführen, mit dem Stethoskop hielt er sie auf Distanz. Auch konnte ein Arzt die Ansteckungsgefahr verringern, indem er nicht selbst den Patienten berühren musste. Und so nebenbei wurde damit die bisher alternativ eingesetzte Methode der Uroskopie abgelöst. Das war nichts andere als das Lesen aus einer Urinprobe durch einen „Experten“. Die Harnschau galt übrigens schon bei den alten Griechen als Scharlatanerie, dank der Arbeit von Auenbrugger und Laënnec zog die physische Diagnose in den medizinischen Alltag ein.

So viele Vorteile, die diese Erfindung brachte, und so viele Probleme, die auf einen Schlag gelöst wurden, führten sicher unweigerlich zu einem Begeisterungssturm unter den Ärzten dieser Zeit? Nicht so schnell. Wir können bereits vermuten, dass dem sicher nicht so gewesen war. Doch welche Gründe waren wohl gegen den Einsatz des Stethoskops gefunden worden?

Es sollte 20 Jahre dauern, bis das Stethoskop Anklang bei der Ärzteschaft finden sollte. Die verzögerte Akzeptanz spiegelte die konservative Natur der älteren Ärzte wider, die dagegen waren, Herztöne lernen zu müssen. Sie wollten auch kein Instrument zwischen ihre „heilenden Hände“ und den Patienten kommen lassen. Ein Zitat des englischen Arztes John Forbes aus dem Jahr 1821 zeigt das deutlich:

Dass es ungeachtet seines Wertes jemals in den allgemeinen Gebrauch kommen wird, ist äußerst zweifelhaft; weil seine nutzbringende Anwendung viel Zeit erfordert und sowohl dem Patienten als auch dem Arzt einige Schwierigkeiten bereitet; weil sein Farbton und sein Charakter fremd sind und im Gegensatz zu all unseren Gewohnheiten und Assoziationen stehen.

Forbes hatte Laënnecs Buch „De l’auscultation médiate: ou traité du diagnostic des maladies des poumons et du cœur, fondé principalement sur ce nouveau moyen d’exploration“ („Von der mediatrischen Auskultation: Oder die diagnostische Behandlung von Krankheiten der Lunge und des Herzens, basierend auf dem neuen Untersuchungsgerät“) aus dem Französischen ins Englische übersetzt. Diese Arbeit hätte sich Forbes vermutlich nicht angetan, wäre das Buch eine reine Abhandlung über das Stethoskop gewesen. So übersetzte er das gesamte zweibändige Werk und fühlte sich verpflichtet, in seinem Vorwort als Übersetzer seine Skepsis zum neuen Untersuchungsgerät für die Ewigkeit auszudrücken. Den Siegeszug trat das Instrument dann aber doch an. Dieser wurde vor allem durch die jungen Ärzte ermöglicht.

200 Jahre später und in die Jahre gekommen, ist das Stethoskop nach wie vor eines der wichtigsten Instrumente für die Ärzteschaft. Und das, obwohl es bereits bessere neue Instrumente gäbe, die es ersetzen könnten. KI-unterstützte Ultraschallgeräte in der Größe eines Handys, die den Herzschlag und die Lungenfunktion nicht nur hörbar machen, sondern auch die Herzkammern anzeigen und zusätzlich noch die Flüssigkeitsmenge in der Lunge errechnen, kosten verhältnismäßig wenige Tausend Euro. Trotzdem hängen die Ärzte an ihren analogen Stethoskopen.24 Warum? Weil es finanziell einträglicher ist, die Patienten mit teuren und stationären Echokardiogrammen und Ultraschallgeräten vom Spezialisten untersuchen zu lassen. Damit fallen pro Jahr Milliarden an Mehrkosten für Versicherungen und damit für uns Patienten an. Bevor wir über die Ärzteschaft von vor 200 Jahren und deren Widerwillen schmunzeln, sollten wir uns fragen, was moderne Ärzte davon abhält, neue Technologien einzusetzen. Und die Gründe scheinen um einiges verwerflicher zu sein als diejenigen ihrer Kollegen um das Jahr 1800.

Die tragische Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet er, der Erfinder des modernen Stethoskops, René Laënnec, im Alter von 45 an einer Lungenkrankheit – Tuberkulose – erkrankte und mit einer mittelalterlichen Methode, dem Aderlass, behandelt wurde. Das gab ihm, der immer unter einer angeschlagenen Gesundheit gelitten hatte, den Rest. Wie es seiner jungen, übergewichtigen Patientin ergangen war, bei der er zum ersten Mal seine spontane Erfindung ausprobiert hatte, hat uns die Chronik nicht überliefert.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Man kann keinen unbenutzten Spiegel kaufen.

Das Bedürfnis, sich selbst betrachten zu können, wird dem eitlen Narziss aus der griechischen Mythologie zum Verhängnis. Nachdem er stolz mehrere Verehrerinnen abgewiesen und sich eine von ihnen enttäuscht das Leben genommen hat, wird Narziss von Nemesis, der Göttin des (gerechten) Zornes, dazu verdammt, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben, von dem er seinen Blick nicht mehr abwenden kann, was ihn letztendlich zu Tode bringt.

Einige Tausend Jahre vorher schon, nicht unweit davon in der heutigen Türkei, wurden vulkanische, glasartige Gesteine glattgeschliffen. Der sogenannte Obsidian ist ein Überbleibsel von rasch abgekühlter Lava, der dank seiner Kristallstruktur teils durchsichtig und, wenn geschliffen, reflektierend sein kann. In Grabesstätten im heutigen Çatalhöyük wurden mehrere dieser Obsidianspiegel als wertvolle Grabbeigaben entdeckt. Diese waren nicht größer als ein Handteller und filterten wegen ihrer natürlichen Färbung die meisten reflektierten Farben heraus. Diese primitiven Spiegel, in denen man sich selbst erkennen konnte, wurden vor allem Frauen als Grabbeigabe beigelegt.

Es ist nicht bekannt, ob die Menschen die Spiegel verwendeten, um sich selbst darin zu betrachten, ob sie bei religiösen Ritualen Verwendung fanden oder vielleicht, um die Zukunft vorherzusagen. Tatsächlich ist im Fachbuch „The Wiccan’s Dictionary of Prophecy and Omens“ der neureligiösen Wicca-Bewegung – so eine Art moderner Hexer- und Hexenverband – der Begriff „Katoptromantie“ zu finden, der unter anderem die Weissagung und die Aufschlüsselung verborgener Geheimnisse aus der Vergangenheit aus Spiegeln beschreibt. Wie auch immer, bei der Betrachtung meines zerknautschten Morgengesichts im Spiegel entschlüsselt sich für mich immer das Geheimnis, was ich gestern gemacht haben muss, um so auszusehen, und ich kann weissagen, was ich heute sicher nicht machen werde.

Spiegel fanden sich in allen Zivilisationen. Die Römer hatten welche, bei den Olmeken im heutigen Mexiko wurden Spiegelsteine gefunden, ebenso bei den Maya, den Etruskern, den Ägyptern und bei den Bewohnern einer Pfahlbausiedlung am Neuenburgersee in der heutigen Schweiz. In China wurden vor etwa 4.000 Jahren die ersten Spiegel aus Metallen gefertigt. Selbst Jahrtausende später und nach einigen technologischen Weiterentwicklungen waren Spiegel aus Stein, Glas oder Metall vor allem klein und teuer. Mehr als sein Gesicht konnte man nicht erkennen. Sich selbst betrachten konnten sich ausschließlich Adelige mit dem notwendigen Bargeld.25

Um das Jahr 1400 begannen mit Zinnblech hinterlegte und mit Quecksilber beschichtete Glasspiegel aus Venedig Europa zu erobern – und das für saftige Preise. So kostete ein reichlich verzierter und in einem Silberrahmen angefertigter Spiegel mit 8.000 Pfund mehr als die Gemälde des begehrtesten Künstlers der Hochrenaissance Raffael, die es schon für Schnäppchenpreise ab 3.000 Pfund gab. Kein Wunder, dass Venedig die Fertigungstechniken der Spiegelproduktion als Staatsgeheimnis hütete und die Spiegelmacher als Künstler betrachtete und mit einigen Privilegien bedachte.26

[Venedig] schützte und überwachte [die Spiegelmacher] und gewährte ihnen viele Privilegien wie das Recht, Töchter von Adligen zu heiraten.

Das konnte der Sonnenkönig Ludwig XIV. nicht ausstehen, der wohl für damalige Zeiten mit seinem französischen Hofstaat den Zenit der Eitelkeit darstellte. Er lobte eine hohe Prämie aus, wenn es gelänge, venezianische Spiegelmacher nach Frankreich zu locken. Anfang 1660 gelang das auch und mehrere Spiegelmacher zogen aus der Lagunenstadt nach Frankreich. Doch damit begann eine neue Episode des „Spiegelkriegs“. Schon einige Jahre später erkrankten und verschieden gleich drei der Künstler. Die Franzosen vermuteten eine gemeine Giftattacke der eifersüchtigen Venezianer, und das nicht ganz unbegründet. Im Jahr 1547 hatten zwei abtrünnige Spiegelmacher, die nach Deutschland ziehen wollten, ein vorzeitiges Ende gefunden, und die Familienmitglieder anderer Abtrünniger waren zu Strafarbeiten verurteilt worden. Die nächsten Jahrzehnte hatte es einige Gewalt gegen Spiegelmacher und deren Familien gegeben, die aus Venedig wegziehen und ihre Betriebsgeheimnisse mitnehmen wollten.

Durch eifriges Experimentieren fanden die Franzosen schließlich den Schlüssel zur Spiegelmacherei und mit der Einweihung des Spiegelsaals in Versailles im Jahr 1684 wurde es den Venezianern klar, dass ihr gut gehütetes Geheimnis gelüftet war. Dass es dazu gekommen war, war dem französischen Finanzminister Jean-Baptiste Colbert zu verdanken, der im Jahr 1665 die königliche Spiegelmanufaktur „Manufacture Royale de Glaces de Mirroirs“ eingerichtet hatte, um das Wirtschaftswachstum anzutreiben und Frankreich bei der Produktion von Luxusgütern vom Ausland unabhängig zu machen. Sobald die Produktion aufgenommen worden war, wurde der Import von venezianischen Gläsern und Spiegeln untersagt.

Die Todesursache der beiden ersten Venezianer in den Diensten des Sonnenkönigs hatte allerdings nichts mit Attentätern aus Venedig zu tun. Der Tod war vielmehr durch die giftigen Substanzen bei der Herstellung von Spiegeln bedingt, bei der unter anderem das giftige Quecksilber zum Einsatz kam. Nicht nur das Quecksilber wurde als Gift angesehen. So beschrieben Zeitgenossen bei der Einweihung des Spiegelsaals den Effekt der endlosen Reihen an Spiegeln:

In Versailles haben die Wände Augen, und die mit Spiegeln bedeckten Galerien schaffen eine beängstigende Sicht. … Der Spiegel ersetzt die Realität durch seine eigene symmetrische Nachbildung, ein Theater der Reflexion und des Kunstgriffs.

Erst durch die vom deutschen Chemiker Justus von Liebig im Jahr 1835 erfundene Silberschicht, die auf eine Glasfläche kostengünstig aufgetragen und mit einem Schutzlack versehen werden konnte, sanken die Preise bei der Herstellung von Spiegeln und sie konnten kostengünstig großformatig hergestellt werden.

Die Erfindung des Spiegels, vor allem, wenn er so groß war, dass man sich vollständig darin betrachten konnte, war für die Menschen, die sich zum ersten Mal darin sahen, augenöffnend. Wie es uns heute geht, wenn wir unsere Stimme zum ersten Mal auf einem Tonband oder einer Videoaufnahme am Computer hören, ging es den Menschen mit ihrem Ebenbild. Die innere Vorstellung, wie man selbst aussieht, kollidiert mit dem wirklichen Bild. Es gestattet eine realistische Einschätzung und den Vergleich mit anderen, der nicht unbedingt zum eigenen Vorteil ausfallen muss.

Der aus Israel stammende Professor für Psychologie und Verhaltensforschung an der Duke University Dan Ariely berichtet von seiner Jugend, als er eine solche Erkenntnis durchleben musste. Als er seinen Wehrdienst bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften absolvierte, war eine Kiste mit Leuchtgranaten, in deren Nähe er sich befunden hatte, in Brand geraten und explodiert. Die brennenden Trümmer hatten ihn getroffen und ihm schwere Brandverletzungen zugefügt. Er musste mehrere Jahre im Krankenhaus bleiben und einen äußerst schmerzhaften Heilungsprozess durchleben. Einige Monate nach dem Unfall, als er das erste Mal wieder auf eigenen Beinen humpeln konnte, ging er den Krankenhausflur entlang und kam an einem Spiegel vorbei. Er blickte nur kurz hinein und sah eine verstümmelte, hagere Person in Bandagen und mit halb verbranntem Gesicht. Erst einige Augenblicke später wurde ihm klar, dass er sein eigenes Spiegelbild sah. In seiner Vorstellung war er nach wie vor der junge, gutaussehende Israeli und nicht dieser Krüppel gewesen. Innerlich war er derselbe geblieben, aber sein Körper hatte eine schreckliche Transformation durchgemacht, die Einfluss auf seine Chancen beim anderen Geschlecht und letztendlich auch auf seine Berufswahl haben sollte.

Mit der Erfindung des Spiegels manifestierten sich auch andere Widerstände, speziell, wenn ein Spiegel nicht zur Ausübung religiöser Zeremonien oder zur Weissagung diente. Man begann, vom langsamen Gift zu sprechen, das die zwanghafte Betrachtung des eigenen Spiegelbilds bei manchen Menschen auslöste. Sie konnten sich davon nicht mehr lösen. Diese Menschen waren laut den Kritikern vor allem Frauen.

In den Galerien und Museen der Welt hängen Hunderte Gemälde von Frauen, die ihren Blick in ihrer Reflexion im Spiegel verloren haben. Manche gehen sogar so weit, dass sie ihr eigenes Spiegelbild küssen. Was die vorwiegend männlichen Künstler den weiblichen Subjekten in ihren Werken vorwarfen, traf auf die Künstler selbst klarerweise nicht zu. Wenn sich Männer im Spiegel betrachteten, dann war das rein künstlerischen Zwecken zuzuschreiben. Eitelkeit war ihnen zufolge ein Laster der Weiblichkeit. Dabei verewigten sich die Maler selbst immer wieder durch Spiegel in ihren Gemälden. In Selbstporträts als spitzbübischer Künstler, der Frauen bei der Anprobe betrachtet und sich ironisch ins Bild schummelt, oder einfach, um seine Fähigkeit als Künstler zu demonstrieren, wenn es sich um einen spiegelnden Gegenstand handelt, der das Ebenbild verzerrt darstellt. Also ein Mann vor dem Spiegel: Ironie und Kunst. Eine Frau vor dem Spiegel: Eitelkeit.


Abbildung 6: Eitelkeit von Auguste Toulmouche, circa 1870

Mitte des 19. Jahrhunderts zogen Spiegel in immer mehr Haushalte ein und wurden somit für breitere Bevölkerungsschichten zum Alltagsobjekt. Und das rief, wie nicht anders zu erwarten, die Moralapostel der damaligen Zeit auf den Plan, deren Kritik sich vor allem gegen die Weiblichkeit wandte. In einer Zeitung namens The New York Ledger von 1890 fand sich folgender Satz in einer Abhandlung zum Spiegel:

Frauen sind eine Spezies der Selbstanhimmlung.

So findet sich in der Ausgabe des Chicago Record aus dem Jahr 1895 folgendes Zitat:

Die Eitelkeit wurde geboren, als der Spiegel entdeckt wurde.

Und so ging es weiter. Der Spiegel wurde als Problem, als Ablenkung, als korrumpierendes Element und als Peinlichkeit betrachtet. Was uns heute selbstverständlich und fast schon omnipräsent erscheint, etwas, woran wir keine Gedanken mehr verschwenden, war damals genauso neu wie kontrovers und wurde zum Anlass genommen, anderen Menschen zu erklären, was Sünde sei, welche moralische Gefahr durch die Eitelkeit bestehe und wer daran Schuld habe.

Mit all der – vorwiegend männlichen – Kritik wird ein wesentlicher Punkt übersehen. Frauen wurden und werden nach wie vor vor allem aufgrund ihres Äußeren bewertet. Trotz all des Gelabers um „innere Werte“, erfahren besonders Frauen diese Diskriminierung tagein, tagaus. Ein Blick in den Spiegel ermöglicht es ihnen, selbst „ihren Wert abzuschätzen“, oder anders ausgedrückt, wie sie von anderen – nämlich Männern – bewertet werden. Schon in den meisten Märchen werden Gut und Böse mit Schönheit und Hässlichkeit gleichgesetzt, ein dominierendes Narrativ unserer Kultur.

Weil die Diskussion um die Eitelkeit mit der weiten Verbreitung von Spiegeln ab Mitte 1800 einsetzte, müssen auch die Umweltbedingungen berücksichtigt werden. In den Berichten der zeitgenössischen Blätter wird immer wieder auf den Ruß und den Schmutz hingewiesen, der mit dem Einsetzen der industriellen Revolution und der Transportmittel in der Luft lag und sich wie ein Film über die Kleidung und das Gesicht legte. Durch einen raschen Blick in einen Taschenspiegel konnte man prüfen, ob der Umweltschmutz schon seinen Tribut an das Aussehen gefordert hatte.

Spiegel gab es bald in allen Formen, selbst auf Handschuhrücken waren sie angebracht. Die Eitelkeit war bei Weitem nicht auf Frauen beschränkt. Denn wie rasierten sich denn Männer und woher wussten sie, ob ihr Schnauzbart richtig gezwirbelt war? Ein Ladeninhaber in Chicago bestätigte das auf Anfrage. Im Jahr 1885 war ein Artikel mit dem Titel „Die Eitelkeit der Männer“ erschienen, der in vielen Zeitungen nachgedruckt werden sollte. Der Reporter fragte den Ladeninhaber, wer denn all die Kunden seien, die diese kleinen Taschenspiegel und Pflegesets kaufen. Nicht die Frauen sind unsere besten Kunden, meinte der Inhaber, es seien Männer, egal, ob „sie Affen oder Apollon“ seien, es wäre gleich.

Auch andere Gefahren gingen von Spiegeln aus, und damit sind nicht eventuelle Schnittwunden an zerbrochenen Spiegelscherben oder das laut Aberglauben damit verbundene siebenjährige Pech gemeint. Die Chicago Tribune vom 8. Dezember 1912 warnte in einem Beitrag mit der dramatisch klingenden Schlagzeile „Diese kleinen tödlichen Spiegel“ von einer gefährlichen Begebenheit eines jungen Fräuleins namens Helen, die mit einen jungen Herrn namens Jack verabredet gewesen war. Als sie ihn auf der anderen Seite der vielbefahrenen Straße erblickt hatte, „zückte sie ihren Spiegel und Puderdose und begann, ihr rosa Näschen zu pudern“. Weil sie das gedankenverloren mitten auf der Fahrbahn getan hatte, konnte sie von Glück sagen, dass der Verkehr vor ihr knapp zum Halt gekommen war. Ein Einzelfall? Nicht wirklich, laut der Chicago Tribune, die eifrig versicherte, dies passiere in Chicago tausendmal pro Tag.

Daran hat sich bis in die Gegenwart nichts geändert. Heute ist es weniger der Spiegel als vielmehr das Smartphone, das seinen Platz bei den Kritikern und Moralaposteln eingenommen hat. Das Selbstbildnis hat einen neuen Namen erhalten: Selfie. Und wer kriegt wieder sein Fett ab? Frauen. Influencerinnen, YouTuberinnen, Make-up-Künstlerinnen und weibliche Instagramer sind die neuen Ziele der Eitelkeitsverdammer. Die Besessenheit vom Selbstbild, Selbstverliebtheit und die exhibitionistische Zurschaustellung des eigenen Körpers und Ebenbildes sind Ziele der Attacken. Und wie damals schon befürchten Kritiker den moralischen Verfall und den Zerfall der Zivilisation. Doch eigentlich geht es um etwas anderes: Es geht um den weiblichen Körper und wer diesen kontrollieren darf.

Dass es ebenso viele männliche Vertreter in der Kategorie Eitelkeit gibt, geht fast schon unter. Ebenso, dass die meisten Follower der weiblichen Influencer Männer sind. Nur ist die Rolle hier umgekehrt. War Narziss noch derjenige, der seine weiblichen „Follower“ abblitzen ließ, so sind die weiblichen Instagramerinnen für die männliche Gefolgschaft unerreichbar. Verspätet, aber doch trifft die männlichen Kritiker der gerechte Zorn der Nemesis.

Und es werde Licht!

Doch Petrus fand den Schalter nicht. Als er den Schalter endlich fand, da war die Birne durchgebrannt.

Otto Waalkes

Die Theaterbesucher hatten sich gerade in den Zuschauersaal begeben und warteten gespannt auf den Beginn der Vorstellung. Es wurden an diesem 8. Dezember 1881 im sieben Jahre zuvor mit Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ feierlich eröffneten Wiener Ringtheater – an der Ringstraße, auf der gerade erst die Wiener Stadtbefestigung geschliffen worden war – „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach gegeben. Fast alle der 1.700 Plätze waren besetzt. Hinter der Bühne wurde das Gaslicht angezündet, das wegen einer fehlerhaften Anzündungsvorrichtung nicht gleich anging. Während die Techniker den Fehler behoben, strömte weiterhin ungehindert Gas aus. Der nächste Zündfunke erwies sich als fatal. Das angesammelte Gas explodierte und setzte die Bühnentechnik in Brand, von wo sich das Feuer auf die Bühne und dann auf den Zuschauersaal ausbreitete. Gleichzeitig fiel damit das restliche Gaslicht aus und es wurde dunkel.

Erst verspätet begann man, die Zuschauer zum Verlassen des Wiener Ringtheaters aufzufordern. Doch die Türen der Ausgänge gingen nur nach innen auf und die mittlerweile verständigte Polizei war der Meinung, das Theater sei schon vollständig evakuiert worden. Deshalb hielt sie Helfer davon ab, das in Vollbrand stehende Gebäude zu betreten. Eine Verkettung weiterer unglücklicher Umstände – so wurde erst nur ein Dachbrand gemeldet und ein einziger Löschzug geschickt, der dann wiederum aus den abgedrehten Hydranten kein Wasser ziehen konnte – führte zur vollständigen Zerstörung des Theaters.

Nachdem im Inneren des Gebäudes kein Laut mehr zu hören war, vermeldete der zuständige Polizeirat: „Alles gerettet!“ Erst am nächsten Tag wurde das Ausmaß der Katastrophe bekannt, als man die verkohlten Leichen im Schutt fand. Offiziell waren 384 Tote zu beklagen, inoffiziell sprach man aber von 1.000 Toten. Um die 500 Personen hatten sich durch Fenster- und Balkonsprünge ins Freie retten können. Der Großteil der Opfer war bereits innerhalb der ersten 15 bis 20 Minuten an den Rauchgasen erstickt.

Gaslaternen stellten einen großen Fortschritt in der Beleuchtungstechnik dar und hatten die Öllaternen abgelöst, die wiederum die Kerzenbeleuchtung ersetzt hatte. Öllaternen rußten weniger als Kerzen und machten damit den Beruf der Lampenputzer hinfällig, deren Aufgabe es war, mehrmals bei einer Vorstellung die Spiegelreflektoren zu reinigen, den Docht zu kürzen – auch als „putzen“ oder „schneuzen“ bekannt – und abgebrannte Kerzen auszutauschen.27 Der Auftritt der Lampenputzer in den Pausen und während der Vorstellung wurde vom Publikum unterschiedlich bewertet. Machten sie ihre Aufgabe gut, wurden sie mit Beifall überschüttet. In England hingegen wurden die „candlesnuffer“ oft übel behandelt. Doch immer wieder durften sie in kleinen Rollen in den Theaterstücken selbst auftreten oder sprangen für sich unpässlich fühlende Schauspieler ein. Was sie nicht verhindern konnten, war der unangenehme Geruch der Kerzen, den die Zuschauer, speziell die in den oberen Reihen, einatmen mussten, was bei Schauspielern, Sängern und Musikern, die den Dämpfen jeden Abend ausgesetzt waren, sogar zu berufsbedingten Krankheiten führte. Lichtputzer schienen auch so eine Art Universaljob gehabt zu haben.28

Aus Hamburg ist bekannt, daß man die Lichtputzer „die Acteurs und Actrizen richten, puzzen und schneuzen“ ließ.

Die Gasbeleuchtung wiederum machte die Öllaternen obsolet, deren Öl immer wieder nachgefüllt werden musste. Sowohl Kerzen als auch Öllaternen hatten den Nachteil, dass sie wenig geeignet waren, offenen Raum zu beleuchten. Ab dem Jahr 1807 wurden Gaslaternen im Londoner Westminster zum ersten Mal als Straßenbeleuchtung eingesetzt. Im zwischen Chemnitz und Dresden gelegenen Freiberg wurde im Jahr 1811 vom Chemiker Wilhelm August Lampadius die erste Gaslaterne in Betrieb genommen. Mit der Gaslaterne, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts in allen Städten Einzug finden sollte, wurden nicht nur die Städte sicherer und den kriminellen Elementen ihre Arbeit erschwert, die sich nun nicht mehr so einfach verstecken, ihren Opfern auflauern und in der Dunkelheit unerkannt verschwinden konnten, es wurden auch neue Berufsgruppen geschaffen. Der Laternenanzünder wurde so zu einem anerkannten Beruf, dessen Aufgabe es war, jeden Abend in den Straßenzügen auf einer Leiter die Laternenmasten hochzuklettern, den Gashahn aufzudrehen und mit einer Dochtstange das Feuer zu entzünden. Am Morgen wurde dann das Gas wieder abgedreht. Zu den Aufgaben der Laternenanzünder gehörte es auch, dass den Laternen „von muthwilligen Frevlern und betrunkenen Leuten kein Schaden zugefügt“ wurde.

Die Anforderungen an Laternenanzünder waren verhältnismäßig hoch. So schrieb Kurt Tucholsky über die Berliner Voraussetzungen, um das Laternenanzünderhandwerk zu ergreifen:

Die Anforderungen an den Beruf sind hohe; der Mann, der sich als Aspirant vorstellt, muß über tadellose Papiere verfügen, aus politisch unbelasteter Familie stammen, eine freiwillige Übung bei einer Reichswehrbrigade mitgemacht haben und die Primareife eines Oberrealgymnasiums besitzen. Die Ausbildung erfolgt auf den Technischen Hochschulen, die Teilnahme an den dortigen Leibesübungen ist für den künftigen Verwaltungsbeamten absolut unerläßlich (Rumpfbeugen, Geschmeidigkeit des Körpers). Die Vorlesungen umfassen: Wesen und Begriff der Lichtwissenschaft; Geschichte des Beleuchtungswesens, unter besonderer Berücksichtigung des betreffenden Bundesstaates; Theorie der Lichtgebung; Ablicht und Anlicht; zur Soziologie der Beleuchtungswissenschaften. Dem Studium folgt ein Staatsexamen. Nach zehn bis zwölf Jahren Wartezeit erfolgt gewöhnlich die Ernennung zum Laternenanzünder, nach weiteren zwanzig bis dreißig Jahren die Beförderung (nicht: Ernennung) zum Chef-Laternenanzünder.

Die Einführung der Gaslaterne im öffentlichen Raum ging nicht ohne Widerstand vonseiten einer anderen Berufsgruppe, der Laternenträger, einher. Diese waren eine Art mobile Lichtquelle, die man mieten konnte, wenn man in der Dunkelheit unterwegs war. Die Pariser Laternenträger verdienten sich oft noch ein Zubrot, weil sie als Polizeispitzel tätig waren und am nächsten Morgen der Polizei alles Auffällige aus der Nacht zuvor meldeten. Die Londoner Laternenträger hingegen waren häufig der anderen Seite, also der Unterwelt zuzuordnen, und führten ihre Aufraggeber häufig auflauernden Straßenräubern zu, bevor sie sich selbst durch Löschen ihre Laterne unerkannt aus dem Staub machten.

Noch heute befinden sich Gaslaternen im Einsatz. In Berlin waren es im Jahr 2018 immer noch 30.000 Gaslaternen, auch wenn deren Tage aus Kostengründen gezählt sind und sie ersetzt werden sollen.29 Ebenso sind in Düsseldorf, Frankfurt, Dresden, Mainz, Warschau und Prag Gaslaternen noch im Einsatz und verteilen ihr warmes Licht.

Auch in diesem Fall setzte natürlich die Kritik ein, als die Gaslaternen durch elektrisches Licht ersetzt wurden. In Buffalo und auf New Yorks Straßen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Kohlebogenlampen aufgestellt, die die Kreuzungen und Straßen in gleißendes Licht hüllten. Sie waren sogar so grell, dass die Nacht zum Tage wurde, die Menschen bleich aussahen und die Umgebung kalt wirkte – und Kritiker begannen den gelblichen Schein der Gaslaternen zu verherrlichen. Die Kohlebogenlampe, die nur von einer zentralen Stelle aus eingeschaltet werden konnte und keine lange Ausbildung benötigte, begann, den Beruf des Laternenanzünders zu verdrängen. Zwar mussten wöchentlich die langsam abbrennenden Kohlestäbe der Lampe nachjustiert werden, aber kamen auf 50 Gaslaternen noch ein Laternenanzünder, so konnte nun ein Elektriker gefahrlos, ohne irgendwo hinaufklettern oder jede einzelne Laterne abgehen zu müssen, diese einfach mit dem Umlegen eines Schalters ein- und ausschalten.

Die Unruhe unter den Laternenanzündern wurde durch die Gefahren des elektrischen Lichtes noch verstärkt. Am 12. März 1888 hatte ein Schneesturm in New York die Straßen unpassierbar gemacht. Dicke Eiszapfen hatten sich auf den Stromkabeln gebildet, die in den vergangenen Jahren auf Masten und Häusern eiligst von unterschiedlichen Stromgesellschaften errichtet worden waren. Viele dieser Pioniere gingen auch gleich wieder pleite und mehr und mehr Kabel waren funktionsuntüchtig geworden und teilweise heruntergerissen, sehr zum Leidwesen der New Yorker. Der Schneesturm hatte das Seine dazu beigetragen und bis zum April fanden sich herunterhängende Kabel auf den Straßen. Am 15. April 1888 berührte ein spielender Junge eines dieser herunterhängenden Kabel. Funken sprühten, der Körper des Jungen wurde auf die Straße geschleudert und Umstehende eilten zu Hilfe. Es konnte aber nur mehr der Tod des Jungen festgestellt werden.30 Todesfälle, die von der unsichtbaren Gefahr von Elektrizität ausgingen, häuften sich. Sechs Jahre lang waren die vielen oberirdisch angebrachten Kabel vor allem ein öffentlicher Schandfleck gewesen, nun trugen sie den Ruch tödlicher Gefahr in sich. Als weitere Unfälle publik wurden und die Presse darauf ansprang, befahl die Stadt, Stromkabel von nun an unterirdisch zu verlegen.

Schon früher hatte Elektrizität Brände verursacht und das hatte mit der anfänglich mangelnden Isolierung der Kabel zu tun. Blanke Drähte wurden unter den Tapeten und Fußböden verlegt und es genügte eine Kleinigkeit, dass es zu Kabelbränden und Stromschlägen kam. So wurde im Jahr 1883 im Anwesen von J. P. Morgan, dem Banker, der die Erfindungen von Thomas Edison finanzierte und als erster Haushalt elektrisches Licht installiert hatte, der Schreibtisch und der Teppich in der Bibliothek angesengt und es musste der Boden herausgerissen werden. Tatsächlich machte sich Edison an die Arbeit, geeignetes Isolationsmaterial für die Drähte zu entwickeln.

Die Gefahren wurden in Relation zu anderen Risiken jedoch weit übertrieben. Im Jahr 1888 starben in New York 64 Personen durch Tramwayunfälle, 55 durch Omnibusse und Wagen, 23 durch Leuchtgas und ganze fünf durch einen Stromschlag. Man sieht schon, auch an der Aufmerksamkeit gegenüber den Gefahren des Neuen hat sich bis in die heutige Zeit nichts geändert.

Doch selbst diese Geburtswehen konnten den Siegeszug des elektrischen Lichts nicht aufhalten, zu groß waren die Vorteile. Nach und nach verschwanden die Gaslaternen fast vollständig aus dem Straßenbild, auch wenn Nostalgiker die von Gaslaternen ausgehende warme Atmosphäre vermissen und sich über das „kalte“ elektrische Licht beschweren. Im Jahr 1924 bedauerte die New York Times:31

Das Laternenanzünderwesen in der großen Metropole ist Opfer zu großer Fortschritte geworden.

Ähnliche Kritik hört man vor wenigen Jahren, als elektrische Lampen durch andere elektrische Lichttechnologie ausgetauscht wurden. Filme in Los Angeles zeigen oftmals eine nächtliche Panoramaaufnahme der Stadt. Die Stadt bildet den Hintergrund für einen Filmhöhepunkt im wahrsten Sinne. Das Liebespaar küsst sich das erste Mal, die wilde Verfolgungsfahrt findet dort ein Ende mit einem der Fahrzeuge den Steilhang hinunterstürzend oder ein Schusswechsel zwischen den Guten und den Bösen hinterlässt mindestens eine Leiche, wenn nicht mehrere.

Die nächtliche Atmosphäre der Stadt ist Filmfans seit Jahrzehnten durch den gelblich-goldenen Schein der städtischen Lampen vertraut. Doch dieser änderte sich um das Jahr 2013, weil die Stadtverwaltung damit begonnen hatte, die 210.000 Natriumdampflampen gegen LED-Leuchten auszutauschen. Der Vorteil für die Stadt lag auf der Hand: LED-Leuchten verbrauchen viel weniger Strom und ihr Licht ist heller. Aber ihr Licht wird auch als kälter wahrgenommen als das der Natriumdampflampen. Und damit habe sich die Ästhetik von Filmen in Los Angeles für immer verändert.32 Für die Filmemacher selbst ist das eine Erschwernis. Obwohl das Licht der alten Natriumdampflampen monochromatisch war und die Ausleuchtung eines Filmsets erschwerte, gab es der Szene eine einzigartige Stimmung. Die neuen blau-weiß leuchtenden LED-Lampen hingegen zeigen aufgrund ihrer Eigenschaften manche Farben gar nicht oder nicht richtig an, was selbst in der Postproduktion nicht korrigiert werden kann.33

Man muss gar nicht an die Westküste der USA, um eine Diskussion zu Straßenlampen und deren Lichtspektrum zu führen. Die Fotos von Chris Hadfield, der von 2012 bis 2013 ein halbes Jahr als Astronaut auf der Internationalen Raumstation ISS verbrachte, zeigen das nächtliche Berlin, das durch die Lichtfarben der Straßenlampen noch sauber in Ost- und Westberlin getrennt werden kann. Während im Westen in kühlem Weiß strahlende Leuchtstoffröhren und Quecksilberdampflampen im Einsatz sind, zeigt der östliche Teil warmes gelbliches Licht, das durch die Natriumdampflampen erzeugt wird.34

Der Ringtheaterbrand in Wien hatte weltweite Konsequenzen. Neben der Einrichtung freiwilliger und später berufsmäßiger Feuerwehren wurden strengere Vorschriften zu Fluchttüren und brandhemmender Inneneinrichtung in Vorstellungsräumen erlassen, die solche Katastrophen in Zukunft verhindern sollten. Welche Art von Lichttechnologie man auch einführte, die Bedenken blieben dieselben und Brandgefahr war immer gegeben. Eine umgefallene Kerze, ausströmendes Gas oder ein blankes Kabel konnten die Ursachen sein. Noch etwas blieb gleich: Wann immer man in Wien von einer erfreulichen oder unerfreulichen Begebenheit in einem Theaterhaus spricht, darf dabei nicht vergessen werden zu erwähnen, welches Stück von welchem Autor oder Komponisten auf dem Plan stand. Somit wissen wir auch heute noch, dass im Ringtheater Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ und Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ die Aufführungen am ersten beziehungsweise am letzten Spieltag waren.

Fratzen und Krankheiten

Was ein Mann schöner ist wie ein Aff, is ein Luxus!

„Tante Jolesch“ von Friedrich Torberg

Abgesehen von den Erfindern und Benutzern neuer Technologien scheint eine andere Profession von diesen ebenso zu profitieren: die Ärzteschaft. Wir haben bereits von der Aufzugskrankheit gehört, die Fahrstuhlbenutzer bei der Einführung dieser Innovation befiel. Zuerst, wenn es nach oben ging, später, als man Aufzüge auch zum – man halte nun den Atem an – zum Herunterfahren benutzte. Die ersten Eisenbahnen sorgten für die „Eisenbahnkrankheit“, die durch die hohen Geschwindigkeiten und das Rütteln der Waggons verursacht wurde.35 Sigmund Freuds Theorie war, dass der Körper einen „Schutzschild gegen Stimuli“ hatte, der bei fortwährendem Ausgesetztsein gegenüber diesem Reiz zu einer graduellen Desensibilisierung der „Bewusstseinsschicht der Haut“ führe.36

Neben Krankheitssymptomen, die durch Bewegung zu zeitweiligem Schwindel und Erschöpfung führten, identifizierten die Ärzte noch weitere Krankheiten, die lang anhaltendere Effekte hatten – so zumindest meinten es die Experten. Wer will denen schon widersprechen? Es handelte sich dabei um „Faces“, also um „Gesichter“ oder korrekter „Fratzen“, die durch die neue Technologie entstanden.

Das Fahrrad war eines der ersten dieser Innovationen, bei denen das beobachtet wurde. Das „bicycle face“ oder Fahrradgesicht entstand durch die Geschwindigkeit, mit der tollkühne Velozipedisten durch die Gegend sausten und nicht nur ahnungslose Passanten verschreckten, sondern durch den Winddruck sich selbst der Gefahr aussetzten, ihre Gesichter zu entstellen. Der auf das Gesicht einwirkende Wind verziehe die Wangen und das Kinn, zwinge zum Zusammenkneifen der Augen, lasse die Ohren flattern und hinterlasse – sofern man nicht sorgsam genug im Geschwindigkeitsrausch sei und die Lippen zu einem Lächeln öffne – auf den Zähnen die Spuren unvorsichtiger Insekten, die dort vorzeitig ihr Ende fanden. Speziell weibliche Velozipedisten wurden davor gewarnt mit dem Hinweis, dass sie aufgrund dieser Entstellungen auf ewig alte Jungfern bleiben würden. Okay, das mit den Insekten auf den Zähnen habe ich erfunden, das mit der alten Jungfer stimmt aber so.

War das Fahrrad schon gefährlich, dann erst recht das Automobil. Das Automobilgesicht („automobile face“) wurde erwartungsgemäß auch als Krankheit identifiziert und folgerichtig diese Erfindung des Teufels verdammt. Als dann Orville und Wilbur Wright im Jahr 1908 die ersten öffentlichen Schauflüge mit ihrem Flyer in Le Mans und in Washington, D. C., durchführten und es klar wurde, dass Flugzeuge ein reales Ding sind, identifizierte noch im selben Monat der erste Arzt – ein Phrenologe, also „Schädelkundler“ – das wenig überraschend so benannte „aeroplane face“ („Flugzeuggesicht“), das auf charakteristische Eigenschaften von Flugzeugpionieren und damit die Weiterentwicklung der Menschheit hinweisen ließ. Die New York Times vom 30. August 1908 berichtete darüber mit humoristischer Skepsis:37

Ein gewisser Londoner Phrenologe, der sich selbst als Entdecker des „Fahrradgesichts“ und des „Automobilgesichts“ bezeichnet, hat nun mithilfe einer illustrierten Arbeit das „Flugzeuggesicht“ entlarvt. Er hat einige Zeit lang die Gesichtszüge der Herren WRIGHT, FARMAN, DELAGRANGE, BLERIOT und SANTOS-DUMONT betrachtet und bestimmte, allen gemeinsame Merkmale notiert und tabellarisch aufgelistet, die sich in saubere Unterscheidungen und Launen von Herz und Verstand verjüngen.

[…] Und aus diesen Daten zieht der Phrenologe die Folgerung, dass mit dem Fortschreiten der Wissenschaft und Kunst des Fliegens alle, die ihr frönen, ein Gehirn erwarten können, das ungewöhnlich über den Augenbrauen massiert ist und durch Vernachlässigung in anderen Richtungen leidet und schrumpft […]

Das alles ist interessant, wenn auch nicht absolut überzeugend. Mark Twain, so meinen wir, war es, der einmal glaubte, die Gesetze der Physiognomie so festgelegt zu haben, dass er den Beruf eines jeden auf einen Blick erkennen konnte. Er wählte zwei Herren aus und erklärte nach einer sorgfältigen Untersuchung ihrer Gesichter den einen zum Humoristen und den anderen zum Bestatter. Auf persönliche Nachfrage entdeckte er seinen Fehler. Das lächelnde und joviale Gesicht gehörte dem Bestatter, und die traurige und tränenüberströmte Visage war die des Humoristen.

Zu diesen furchtbaren Gesichtsentstellungen gesellten sich noch das „U-Bahn-Gesicht“ („subway face“)38, das „Golf-Gesicht“ und das „Pingpong-Gesicht“39, das „Kino-Gesicht“ („moving picture face“)40, das Gesicht, das man im Jahr 1910 aufsetzte, sofern man über ein „sehendes Telefon“ verfügt,41 und das „Radio-Gesicht“, von dem Frauen im Jahr 1925 in England sprachen, weil sie sich beim konzentrierten Zuhören vor dem Radio vor „wireless wrinkles“, also „drahtlosen Gesichtsfalten“ fürchteten.42

Lustig, diese Menschen vor 100 Jahren? Wie primitiv musste die Generation unserer Ur- und Ururgroßeltern wohl gewesen sein, nicht wahr? Nicht so schnell. Schon einmal vom „duck face“ gehört, also dem Gesicht, das Gerüchten zufolge vor allem junge Frauen machen, wenn sie bei einem Selfie die Lippen zuspitzen und diese dabei einem Entenschnabel ähneln? Oder schon einmal den Smartphone-Nacken beobachtet, der bei Jugendlichen bleibende Schäden vom ständigen Herunterblicken auf das Smartphone in ihren Händen hinterlässt?

Nicht nur die Angst vor der Entstellung von Gesichtern durch neue Technologien ist uns modernen Menschen von unseren Vorfahren vor 100 Jahren geblieben, auch andere Befürchtungen verlieren nicht ihren Schrecken. Der Telegraf brachte nicht nur eine Flut an Informationen in entlegene Gegenden, bei denen man fürchtete, sie würden zu einer Überreizung des Nervensystems führen und den gewohnten Tagesablauf von Menschen ändern, man verdächtigte ihn auch der Übertragung von Krankheiten. Als im Jahr 1849 eine Choleraepidemie durch die jungen Vereinigten Staaten fegte, wurde die Schuld an der so raschen Verbreitung den Telegrafenleitungen zugeschrieben und konsequenterweise nahmen die Bewohner die Sache in die eigene Hand. An vielen Orten wurden die Telegrafenleitungen umgesägt. Damit schlug man zwei Fliegen mit einer Klappe: Ärzte und Psychologen befürchteten nämlich auch, durch die immer stärker werdende Vernetzung der Menschen durch Telegrafen und durch die wachsende und damit enger zusammenlebende Bevölkerung in den Städten würde es zu einer „Übersozialisierung“ und damit zu mehr Nervenleiden kommen.43

Wie ist das heute? Nicht anders, wie öffentliche Diskussionen beweisen. Von angeblich krankmachenden Handystrahlen, nicht nachgewiesenem „Infraschall“ bei Windturbinen, der „Reisekrankheit“, die Experten bei einer Fahrt in autonomen Autos vorhersagen, bis hin zum Gegenteil der „Übersozialisierung“, nämlich der „Einsamkeit durch soziale Medien“ reicht die moderne Palette an Ängsten. Selbst das moderne Äquivalent der angeblichen Übertragung der Choleraepidemie durch Telegrafenleitungen gibt es: die Verbreitung von Covid durch 5G-Sendemasten.44 200 Jahre nach den ersten Impfgegnern finden diese nach wie vor regen Zulauf, allerdings mit einem modernen Twist. Heute ist es weniger die Angst vor den Schäden einer Impfung selbst (auch die gibt es) als die Angst vor einer Regierung, die Menschen damit einen Chip – vermutlich vom Microsoft-Gründer Bill Gates gefördert – injizieren wollen, um so über ihre Aufenthaltsorte immer Bescheid zu wissen und sie aus der Ferne kontrollieren zu können.

Ein Spaßvogel nahm diese Impfskeptiker nach dem Erhalt der Covid-Impfung und dem vermeintlichen Injizieren solcher Chips auf die Schippe, indem er auf Twitter postete: „Habe nun die Covid-Impfung erhalten, aber Internetempfang ist immer noch schlecht. Was ist los?“

Wir sehen schon: Erfinder, Wissenschaftler, Technologen, Ingenieure haben kein Problem damit, technologische Probleme zu lösen. Die wahre Herausforderung ist, Menschen psychologisch darauf vorzubereiten. Und das haben sie nie gelernt.

Zombie-Ideen und Bullshit

„Mögen hätt’ ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

Karl Valentin

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der sich seit Jahren in einer eigenen Kolumne der New York Times mit der Wirtschaftspolitik der USA und anderer Staaten auseinandersetzt, brachte auf eine Frage des KI-Forschers Lex Fridman nach dem Respekt vor anderen Meinungen das Konzept der „Zombie-Ideen“ vor.45 Zombie-Ideen und -Argumente sind diejenigen, die durch Fakten und wissenschaftliche Studien (längst) widerlegt sind und trotzdem wie Zombies von deren Anhängern am Leben erhalten werden. Hier ist eine kleine Auswahl der klar belegten Widerlegungen:

•Homöopathie funktioniert über den Placeboeffekt hinaus nicht.

•Die Erde ist keine Scheibe.

•Impfungen funktionieren und retten bei Weitem mehr Menschenleben, als sie durch Impfschäden zu gefährden.

•Der Klimawandel ist real und durch Menschen verursacht.

•Die Wirtschaftskonzepte von Ayn Rand sind Humbug.

•Der „Trickle-down-Effekt“ bei Steuernachlässen für Reiche existiert nicht.

•Die Erde ist klar älter als 5.000 Jahre.

•Die Mondlandungen haben stattgefunden.

Eine respektvolle, wenn auch kontroverse Diskussion kann nur dann stattfinden, wenn sie auf Fakten und der Akzeptanz wissenschaftlicher Methoden basiert. Alles andere wäre Krugman zufolge Unsinn und stelle nur eine Zeitverschwendung dar. Solchen Diskussionen müsse man keinen Respekt entgegenbringen.

Richard Dawkins beispielsweise, Biologe und bekannter Atheist, der die Absurdität eines Gottesbegriffs oder des Glaubens an Schöpfung sehr kämpferisch vertritt, scheut nicht davor zurück, mit Kirchenvertretern zu diskutieren. Ein amerikanischer Bischof drückte in einem Interview seinen tiefsten Respekt vor Dawkins aus, weil er in den Diskussionen durchaus die Position des anderen zu verstehen versucht. Dem Bischof gefielen diese intellektuell sehr ansprechenden Diskussionen mit Dawkins, hingegen hat er selbst ein Problem mit religiösen Eiferern seines eigenen Glaubens, denen Vernunft und Ratio fremd sei.

Einige der von Krugman genannten Zombie-Ideen kommen uns sicherlich bekannt vor und betreffen nicht nur amerikanische Vertreter dieser Ideen. Auch bei uns gibt es ein zahlreiches Angebot solcher Ideen, die uns Zeit und Kapazität nehmen, die wirklich relevanten Probleme anzupacken. Beispiele gefällig von klaren Widerlegungen?

•Elektroautos sind in der weiten Mehrheit der Fälle umweltfreundlicher als Verbrenner.

•Die Datenschutzgrundverordnung hat vor allem heimischen Unternehmen geschadet.

•Chemtrails gibt es nicht.

•Der Dieselskandal wurde nicht deshalb von den Amerikanern aufgedeckt, weil sie den deutschen Automobilherstellern schaden wollten.

Wer meint, dass sich einige dieser Zombie-Ideen nicht von Verschwörungstheorien unterscheiden lassen, liegt nicht ganz falsch. Verschwörungstheorien liefern noch Gründe in Bezug auf die Schuldigen und deren Motiven nach. Die globale Pharmaindustrie versuche, die Homöopathie zu vernichten, weil sie um ihre Milliardenerlöse fürchte. Der Klimawandel sei von schwedischen Aktivistinnen erfunden worden, um der Wirtschaft zu schaden und Jobs zu vernichten. Der Dieselskandal sei von den Amerikanern zur mutwilligen Schädigung der deutschen Autoindustrie losgetreten worden. Chemtrails werden von der Bundesregierung versprüht, um uns zu kontrollieren. Covid-19 stamme aus chinesischen Giftlaboren und sollte die Wiederwahl Trumps verhindern.

Medien, die solchen Stimmen aus falsch verstandener Sorge um eine ausgewogene Berichterstattung Raum geben oder um Leser- oder Zuschauerzahlen zu steigern, machen sich mitschuldig am Fortbestand von Zombie-Ideen.

Es ist verständlich, dass manche der Diskussionen um Zombie-Ideen für den Laien nicht leicht durchschaubar sind. Ein befreundeter Arzt zeigte mir ein während der Covid-19-Krise veröffentlichtes halbstündiges Video, in dem die ergriffenen Maßnahmen kritisiert wurden und scheinbar gut recherchierte und vertrauenswürdige Quellen herangezogen worden waren. Als Arzt an der Front der Pandemie war er beeindruckt, wie seriös und wissenschaftlich die Argumentationskette schien, hätte er es nicht besser gewusst und seinen Bullshit-Detektor eingeschaltet gelassen. Und da meinte er, wäre es ihm klar gewesen, wie leicht es sei, Laien zu beeindrucken und zu verwirren.

Der Philosoph Harry Frankfurt beschrieb Bullshit als das, was Menschen erzeugen, wenn sie versuchen, jemanden zu beeindrucken oder zu überreden, ohne sich darum zu kümmern, ob das, was sie sagen, wahr oder falsch, korrekt oder inkorrekt ist. Üblicherweise folgt solch Bullshit Brandolinis Gesetz, benannt nach dem italienischen Informatiker Alberto Brandolini, der nach der Beobachtung einer Talkshow mit dem ehemaligen italienischen Premierminister Silvio Berlusconi Folgendes sagte:46

Die Menge an Energie, die benötigt wird, um Bullshit zu widerlegen, ist um eine Größenordnung größer als [die, die benötigt wird], um ihn zu produzieren.

Bullshit und Zombie-Ideen sind keine Erfindungen der Neuzeit. Francis Bacon, der als Vater der empirischen Wissenschaften angesehen wird, warf den Magiern, Wunderheilern und der Religion nicht vor, dass sie von den beobachteten Phänomenen besessen gewesen wären, sondern dass sie nicht nur nicht daran interessiert waren, diese zu verstehen oder erklärbar zu machen, sondern sie im Gegenteil sogar teilweise noch zu vernebeln, um selbst daraus einen Vorteil zu ziehen. Bacon meinte in seinen „The Refutations of Philosophies“:

Das Kennzeichen der echten Wissenschaft ist, dass ihre Erklärungen den Dingen das Geheimnisvolle nehmen. Schwindelei kleidet die Dinge so, dass sie wunderbarer erscheinen, als sie es ohne das Kleid wären.

Obwohl sich die Wissenschaften bemühen, den gegenteiligen Ansatz zu vertreten, gelingt das nicht immer. Selbst in der Wissenschaft werden die Teilgebiete mittlerweile so obskur, dass nicht einmal mehr Fachkollegen alles verstehen, was in ihrem Feld geschieht. Es überrascht nicht, dass es der Mehrheit der Bevölkerung schwerfällt, wissenschaftliche Methoden zu verstehen und Argumenten zu folgen.

Eine Anekdote eines Neurowissenschaftlers soll das verdeutlichen. Auf einem Flug saß er neben einem Rechtsanwalt, der ihn erkannt hatte. Vor zehn Jahren habe er ihn auf einem Kongress bei einem Vortrag zu den letzten Ergebnissen seines Forschungsgebiets über das Funktionieren des menschlichen Gehirns gehört. Der Anwalt fragte ihn, woran er denn jetzt forsche. Auf die Antwort des Neurowissenschaftlers, dass er nach wie vor Gehirnforschung betreibe, reagierte der Anwalt völlig perplex. Immer noch? War das etwa noch nicht gelöst? Dem Neurowissenschaftler fiel wie Schuppen von den Augen, dass der Rechtsanwalt, ein studierter und intelligenter Mann, offensichtlich nie gelernt und verstanden hatte, was wissenschaftliche Forschung umfasste und wie sie funktionierte.

Wissenschaftliche Neugierde kann auch bei Laien zu Interesse an neuen Fakten führen. Untersuchungen des Rechtsprofessors Dan Kahan mit seinem Team an der Yale University zeigten, dass weniger an Wissenschaft interessierte Versuchspersonen wenig Offenheit gegenüber Fakten zeigten, die ihrer eigenen politischen Gesinnung widersprachen.47 Nicht das Wissen über die Art, wie Wissenschaft funktioniert, sondern die wissenschaftliche Neugierde beeinflusste die Auswahl an Informationen.

Und das ist ein Problem. Wenn die Mehrheit nicht mehr versteht, was die Aufgabe der Wissenschaft ist, was sie leistet und wie sie funktioniert, und wenn die politische Gesinnung nur die Rosinen aus den wissenschaftlichen Fakten pickt, die der eigenen Überzeugung entsprechen, wird der Wert der Wissenschaften nicht richtig erkannt und wertgeschätzt und dies kann zu demokratischen Entscheidungen und einer öffentlichen Meinung führen, die die Wissenschaften – eine der größten Errungenschaften der westlichen Welt – in ihrer Arbeit behindern oder im Extremfall abschaffen und in den Untergrund treiben.

Der an der Yale University lehrende Mediziner und Sozialwissenschaftler Nicholas A. Christakis meint, wir sollten uns weniger vor den schlechten Dingen fürchten, die die Wissenschaft in einer Gesellschaft anrichten könnte, als vielmehr davor, was eine Gesellschaft der Wissenschaft antun kann.48 Einen Vorgeschmack darauf gab es während der Covid-19-Pandemie, als Wissenschaftler wie der deutsche Virologe Christian Drosten in der Öffentlichkeit Anfeindungen der übelsten Sorte bis hin zu Morddrohungen über sich ergehen lassen musste, nur weil er in seiner Funktion als Leiter der Berliner Charité als wissenschaftlicher Berater der Bundesregierung hinzugezogen wurde und Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche vorschlug. Seinem US-amerikanischen Pendant, dem Immunologen Anthony Fauci, ging es nicht anders. Fauci hatte es allerdings einen Deut schwerer, weil seine eigene Regierung alles tat, um ihm zu widersprechen, und teilweise entgegengesetzte Maßnahmen ergriff.

Ohne die Wissenschaften und ein umfassendes Verständnis von deren Funktionsweise und Wert würden Gesellschaften ohne Zweifel einen Rückschritt in ihrer Entwicklung machen. Der Aberglaube würde wieder vorherrschen, Religionen würden uns wieder die Welt zu erklären versuchen und nicht auf Fakten basierende Entscheidungen würden zum Schaden der Allgemeinheit getroffen. Daraus folgende Handlungen und Vorschriften würden jenen gleichen, die wir bei Cargo-Kults beobachten.

Digitaler Cargo-Kult

Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.

Arthur C. Clarke

Als ich neun Jahre alt war, zog meine Familie von einem Randbezirk Wiens in die Mitte der Stadt. Anstatt uns ein Zimmer zu teilen, bekamen meine Geschwister und ich nun jeder unser eigenes Refugium. Die Wohnung war zwar größer geworden, doch aufgrund ihres Grundrisses fanden die Bücherregale und Bücher meines Vaters keinen Platz mehr im Wohnzimmer und wurden in meinem Zimmer untergebracht. Ist meine Bibliothek in den Jahrzehnten seither auf mehr als 3.000 Bände angewachsen, so beschränkte sich die Sammlung damals auf vielleicht ein Zehntel. Unter den Büchern meines Vaters zum Weltall und den Sternen befand sich auch ein Band eines Bestsellerautors, der es mit steilen Thesen und gewagten Narrativen zu einem gewissen Ruf gebracht hatte.

In seinen Werken verwob der Schweizer archäologische Funde und Legenden aus aller Welt mit moderner Technologie und spann daraus Geschichten, die beweisen sollten, dass die Erde bereits vor vielen Tausend Jahren von Außerirdischen besucht worden war und diese Kontakt mit der Menschheit aufgenommen haben mussten. Als Beweise führte der Autor beispielsweise die Anordnung von Pyramiden auf allen Kontinenten an, die ihm zufolge den Zweck gehabt haben mussten, außerirdischen Raumschiffen die Navigation zu erleichtern, oder die Abbildungen mysteriöser, menschenähnlicher Figuren, die aussahen, als hätten sie Raumanzüge getragen. Eine feuerspeiende und vertikal angeordnete Schlange auf einem antiken Bauwerk interpretierte er als Darstellung einer startenden Rakete.

Erich von Däniken, so der Name des Autors der millionenfach verkauften Werke, ließ sich nie durch wissenschaftliche Argumente in seinen Thesen beirren. Als Inspiration diente ihm der sogenannte Cargo-Kult.49 Dieses Phänomen war zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, als während des Zweiten Weltkrieges zuerst die Japaner und dann die Amerikaner Militärbasen auf der südpazifischen Insel Tanna des Inselstaats Vanuatu eingerichtet hatten. Beide Seiten hatten zur Vorbereitung der Landung und zur Unterstützung ihrer Truppen mit Flugzeugen per Fallschirm Fracht abgeworfen, die Nahrungsmittel, medizinische Ausrüstung und Waffen umfasste. Fahrzeuge, Panzer und Flugzeuge wurden ebenso auf die Insel geschafft und Flugfelder, Unterkünfte und Verteidigungslinien eingerichtet.

Dass auf der Insel Eingeborene lebten, die noch nie mit Menschen aus anderen Kulturen Kontakt gehabt hatten, ging im Eifer des Gefechts der Weltkriegsparteien beinahe unter. Die Melanesier waren allerdings mehr als beeindruckt. Die vom Himmel fallenden Reichtümer, die unbekannten Objekte, die sie da sahen, die Maschinen und die Bräuche dieser weißhäutigen Menschen mussten ihnen wie Zauberei vorgekommen sein. Was sie da genau sahen, blieb den Melanesiern verborgen, dazu fehlte ihnen der Kontext. Was bedeuteten die Rituale der Menschen, die in die metallenen und lärmenden Riesenvögel stiegen und abhoben? Wozu dienten diese gläsernen Gestelle, die sich die Piloten auf die Nasen setzten und die Augen verbargen? Und wie ging der Hüftschwung der weiblichen Armeeangehörigen?

Als mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Frachtlieferungen aufhörten, fanden sich rasch einige charismatische Inselbewohner, die den Leichtgläubigen versprachen zu wissen, was man tun müsse, um die Götter gnädig und zur Aufnahme der vom Himmel fallenden Reichtümer zu bewegen. Man musste Flaggen setzen und die Rituale der Soldaten sowie die Einrichtungen der Amerikaner mit eigenen Mitteln nachahmen.

Das ist ein sogenannter „Cargo-Kult“, der seinen Namen aus dem englischen Wort für „Fracht“ ableitet. Darunter versteht man den Aberglauben, dass gewisse Rituale und Nachahmungen von Gegenständen, deren Zweck man nicht versteht, die Götter oder Ahnen zur Lieferung von ebendiesen Objekten und anderen Reichtümern bewege.

Der britische Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke beschrieb im Eingangszitat, wie solche Gegenstände – vulgo „Technologie“ – auf die weniger entwickelte Zivilisation wirken mussten: wie Zauberei.

Für unsere Vorfahren um das Jahr 1800 müsste die Begegnung mit einem Smartphone einen ähnlichen Effekt haben. Dass wir damit die Stimme einer Person auf einem anderen Kontinent hören, mit der Person sprechen und wir sie auch sehen können und mit demselben Gerät auf das gesamte Wissen der Menschheit Zugriff haben, ist absolute Magie. Ein paar Jahrzehnte früher und wir wären wegen dieses Teufelswerks auf dem Scheiterhaufen wegen Hexerei gelandet. Unsere Vorfahren 100 Jahre später um das Jahr 1900 wären davon zwar immer noch beeindruckt, aber es wäre für sie technisch bereits vorstellbar gewesen. Die ersten transatlantischen Kabel waren unter anderem von Siemens bereits verlegt worden, Rechenmaschinen bereits im Einsatz und Ton- und Filmtechnik dank Thomas Edison der letzte Schrei.

Während wir die einfältigen Melanesier belächeln und Dänikens Ideen als unterhaltsam, aber blühende Fantasie einordnen, sind wir selbst auf dem besten Weg, zu einer Gesellschaft mit reichen Biotopen an Cargo-Kulturen zu werden. Immer mehr der von uns genutzten Erfindungen und Innovationen unserer Vorfahren und Zeitgenossen verstehen wir immer weniger. Weder unsere Smartphones, unsere Flugzeuge noch unsere Computer oder Autos begreifen wir heute noch zur Gänze, viele nicht einmal im Ansatz.

Das an sich wäre nicht so schlimm, denn dazu ist die Welt und sind die vom menschlichen Erfindergeist geschaffenen Technologien zu komplex geworden. Das Problem beginnt dann, wenn es zu einer kognitiven Dissonanz zwischen diesen Technologien und unserem Streben kommt.

Es ist mehr als Ironie, wenn Fundamentalisten im Namen eines unsichtbaren und eingebildeten höheren Wesens – auch bekannt als Gott oder Allah – ihre Gesellschaft in eine vermeintlich einfachere mittelalterliche Zeit zurückbringen wollen und dazu Satellitentelefone verwenden und soziale Medien für die weltweite Rekrutierung von Unterstützern einsetzen. Dieselbe kognitive Dissonanz findet sich in unseren Reihen, wenn Menschen nicht an die Evolution, dafür aber an intelligentes Design glauben und sich trotzdem jedes Jahr brav zur Grippeimpfung anstellen.

Es stimmt schon: Göttliche Wesen verhalten sich auf genauso mysteriöse Weise wie Smartphones, Satellitentelefone und Impfstoffe. Und je weniger wir davon verstehen, desto mehr steigt die Gefahr, dass wir neue Möglichkeiten und Anforderungen nicht erkennen. Wenn wir aber nicht mehr erkennen können, woher der Fortschritt kommt, dann sehen wir ihn nicht mehr als von Menschen geschaffen, sondern als Übernatürliches an. Die kausale Verbindung zwischen Wissenschaft, Forschung und Innovation und Fortschritt geht verloren.

Uns geht es dabei wie den Melanesiern. Viele dieser neuen Technologien kommen plötzlich und ohne Vorwarnung über uns. Und deren Nutzen ist nicht immer gleich zu verstehen. Wenn die heutigen Technologien uns ausreichend Nahrung und Behausung, Licht und Wärme und Netflix gewährleisten, dann erscheinen weitere Innovationen nicht mehr die überlebenssichernden, großen Sprünge zu machen, wie sie in primitiveren und gefährlicheren Zeiten möglich schienen.

Das sind selbstverständlich Trugschlüsse. Unsere Welt ist nicht nur komplexer geworden, es fordern uns auch andere Gefahren und Herausforderungen heraus. Die Tatsache, dass wir in weniger als einem Jahr einen Impfstoff für eine Seuche bereitstellen konnten, sagt etwas über den Fortschritt aus, vor allem wenn wir die Auswirkungen der Spanischen Grippe 100 Jahre vorher als Maßstab heranziehen. Aber selbst diese Monate erschienen uns nicht nur zu lang, es starben auch zu viele Menschen an dem Virus. Unseren Kindern wünschen wir einen Impfstoff in kürzerer Zeit, am besten schon Stunden nach dem Auftreten eines Virus. Und das erfordert weiteren Fortschritt. Dabei können wir jedoch nicht willentlich einschränken, wo Fortschritt zu geschehen hat und wo nicht, denn die Innovationen in einem Feld können Innovation in einem anderen Bereich erst ermöglichen.

Allen gemein ist der Zugang und der Glaube an Technologie und Wissenschaft. Diese nicht zu verstehen oder sogar absichtlich missverstehen zu wollen führt dann zu solchen Beschlüssen wie dem des bayerischen Landtags, der für eine neue Studie stimmte, ob sich homöopathische Mittel als Antibiotika-Ersatz eignen.50 Und das, nachdem die Ergebnisse einer Metastudie nach der anderen die Wirkung von Homöopathie als durch die Wirklichkeit nicht belegbares Wunschdenken – als Zombie-Idee – bestätigen.

Vielleicht aber müssen wir einen anderen Weg gehen, um dem Schicksal zu entgehen, zu einem Cargo-Kult zu werden. Manche mechanischen Taschenuhren, die mich faszinieren, entblößen ihre Eingeweide durch einen gläsernen Schaudeckel. Die ineinandergreifenden Zahnräder, die Unruh, die Federn und beweglichen Teile wirken zwar kunstvoll und mysteriös, ihre Bewegungen hypnotisierend, aber sie signalisieren zugleich, dass sie von Menschen geschaffen und für mich verstehbar sind. Vielleicht ist das ein Grund, warum wir in den Ländern der Maschinenbauer und Chemiker so daran hängen: Es ist buchstäblich begreifbar.

Digitale Technologie hingegen gewährt uns diesen Einblick nicht. Immer mehr wird Technologie von uns abgeschottet, indem sie in Gehäuse ohne Schrauben vor uns versteckt wird oder Software uns den technischen Blick auf Dateisysteme vorenthält. An modernen Autos zu manipulieren ist ohne Software unmöglich und wenn, steht die Gefahr des Garantieverlusts im Raum. Die Funktionsweise neuronaler Netze – und wie sie zu ihren Ergebnissen kommen – ist selbst für Experten kaum mehr nachvollziehbar.

Dabei hilft nicht, dass diese Undurchsichtigkeit von den Herstellern teilweise so gewollt ist. Anstatt uns vor den Wundern der Technologie staunen zu lassen, wird alles getan, um uns vor den Innereien zu bewahren, vorgeblich im Namen der Sicherheit oder Benutzerfreundlichkeit, wobei tatsächlich oft nur Eigeninteressen vorliegen und man sich nicht in die Karten schauen lassen möchte.

Digitale Technologien haben etwas Geheimnisvolles an sich. Statt mechanische Teile bewegen sich Elektronen, die unsichtbar sind. Sie sind das moderne Äquivalent des göttlichen Wirkens. Vielleicht bestärkte das die Autobauer in der Illusion, deren Software, die auf mysteriöse Weise wirkt, sei anderen so fremd, dass sie die darin verpackten Schummeleien nicht erkennen würden. Diese Illusion wurde sehr öffentlich zunichtegemacht.

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