Kitabı oku: «Die Frau des schönen Mannes»
MARIO SCHNEIDER
Die Frau
des schönen
Mannes
ERZÄHLUNGEN
mitteldeutscher verlag
INHALT
Cover
Titel
Sebastian
Ich mag dich sogar sehr!
Gespräche mit oben – Olga
Gespräche mit oben – Winnie
Gespräche mit oben – Katharina
Das Krokodil in der Kammer
Buenos dias, Vater!
Die Amsel
Kleine Stadt – alte Menschen
Darf ich jetzt aufstehen?
Tiefsee
Das Grübchen meiner Geliebten
Gegen drei Uhr nachts
Begegnung
Der Geburtstag
White Spot
Die Frau des schönen Mannes
Dank
Weitere Informationen
Impressum
SEBASTIAN
Sie mussten mich damals, ich war zehn Jahre alt, mit einem Seil aus der roten Felswand bergen. Hinaufgekommen in unsere Bärenhöhle war ich wie so oft, doch dieses eine und letzte Mal hatte mich eine Furcht ergriffen, die ich nicht kannte.
Mein Bruder und ich hatten dort oben in unserer Höhle, die nur etwas mehr war als ein Felsvorsprung im Sandstein, viele Stunden und ganze Ferien auf der Lauer liegend verbracht. Wir hatten Wildschweine und Wölfe mit Holzkohle an die Wände gemalt und uns selbst mit Pfeil und Bogen dazu. Dann aßen wir unseren Proviant, tranken das Quellwasser vom Fuße des Felsens und erzählten uns Geschichten vom Wald und den Monstern, die darin hausten. Wie wohl war uns bei dem Gedanken, dort oben sicher zu sein, denn hinauf zu uns würde niemand gelangen.
Doch an diesem Tag kletterte ich allein und ohne meinen Bruder, denn der war gestorben, zwei Tage oder eine Woche zuvor. Und mühelos gelangte ich in unser Versteck, saß dort ohne Proviant und ohne Geschichten, und ich weinte und hörte mein Weinen im Echo des Waldes. Und es war mir, als weinten die Bären und Wölfe und selbst die Monster mit mir. Es wurde Nacht, und ich schlief dort ein und wurde geweckt von Stimmen, die näher kamen im Wald. Ich hörte sie rufen nach mir. Ich sah die zitternden Lichter zwischen den Bäumen, und ich konnte nicht antworten, das weiß ich noch.
Es war damals ungewöhnlich, einen Toten offen aufzubahren, doch meine Eltern und Großeltern wollten es so, denn ihr Junge hatte so schön ausgesehen auf dem weißen Laken. Von da an ging ich jeden ersten Sonntag eines Monats in die Kirche und zündete eine Kerze an. Ich habe nie an Gott geglaubt, nicht mal, als ich zehn war und mein Bruder starb, aber ich dachte trotzdem, er würde uns sehen, die Kerze und mich. Das habe ich drei Jahre getan und dann nie wieder. Eine Kirche sollte ich erst viele Jahre später wieder betreten.
»Da, Papa! Ich will da hoch!«
Paul zeigte auf die Zwillingstürme der Marktkirche. Auf einer kleinen Brücke, die beide Türme in einem leichten Bogen verbindet, liefen einige Touristen entlang.
»Darf ich da hoch?«
Ich erklärte ihm, dass er noch zu klein dafür wäre.
»Ich will da hoch, Papa«, wiederholte er.
Nun war Geschick gefragt, denn meinem Sohn konnte man schwer etwas ausreden.
»Da dürfen keine kleinen Kinder rauf«, sagte ich, und dann schlug ich ihm einen Kompromiss vor: Kirche ja, Türme nein. Er akzeptierte, denn für ihn war die Aussicht, zum ersten Mal eine Kirche von innen zu sehen, Abenteuer genug.
Als wir das kühle Eingangsportal der Marktkirche betraten, spürte ich eine dumpfe Angst in mir. Paul stöberte schon in einem Regal mit Gesangsbüchern herum. Ich nahm eine Kerze aus der hölzernen Kiste und warf einen Euro in die Pappschale. Er hatte es gesehen und fragte mich prompt:
»Was machst du da?«
»Ich habe eine Kerze gekauft«, sagte ich.
»Wozu brauchen wir eine Kerze?«
Ich ging vor ihm her durch einen Rundbogen in die Halle, und er lief mir nach, auf eine Antwort wartend. Ich spürte, wie er mich von hinten ansah.
»Was machen wir denn mit der Kerze?«
Manchmal wird man vom eigenen Kind in Ecken gedrängt, aus denen man nicht herauskommt, und man muss gestehen; und ich wusste ja, dass ich es ihm irgendwann erzählen würde, also warum dann nicht gleich. Ich blieb stehen, drehte mich zu ihm um, kniete mich sogar vor ihn hin und sagte:
»Ich zünde die für meinen toten Bruder an.«
Pauls Augen leuchteten.
»Du hast einen Bruder?«
Ich sah sein verwundertes Gesicht. Ich kenne es sehr gut, immer wenn sich eine Welt vor ihm öffnet, spricht es aus ihm gleichermaßen wie es fragt. Seinen kleinen Mund hat er dann halb geöffnet, ich sehe zwei winzige Zähne, und seine Augenbrauen ziehen sich zusammen.
»Ich hatte einen Bruder, er ist tot.«
»Wie die Dinos?«
Ich lachte kurz und schmerzvoll. Dieses helle Staunen, was gäbe ich für die Leichtigkeit eines derartigen Vergleichs.
»Ist er ausgestorben?«
Ich nahm meinen Sohn fest in den Arm, und es war dieses Gefühl, das beides ist, Trauer um einen Toten und übergroßes Glück, einen solchen Jungen zu haben.
»Ja, er ist gestorben. Nicht direkt wie die Dinos, aber er ist gestorben.«
Paul lief auf den großen Mittelgang zu, blieb dort stehen und deutete nach links unter die Orgelempore auf eine kleine Holztür.
»Darf ich da rein?«, fragte er.
»Nein, da können wir nicht rein«, antwortete ich und war froh, das Thema so schnell beendet zu wissen, doch dann sagte er:
»Vielleicht ist ja dein Bruder da drin.«
»Nein, ist er sicher nicht«, sagte ich, und ich wusste schon, dass wir kurze Zeit später die Klinke nach unten drücken würden.
»Wir können doch mal nachschauen. Wollen wir nicht mal reingehen, ihn suchen? Vielleicht haben sie ihn ausgestellt.«
»Er ist ja nicht drin, Paul. Komm jetzt«, sagte ich.
›Ausgestellt‹, auf was für Ideen Kinder kommen. Wir waren oft im Museum gewesen, und dann hieß es von Paul nur: ›Ich will das Mammut und den Dinoknochen sehen.‹
Er zog mich am Arm und auf die Tür zu.
»Komm, wir wollen reingehen, ihn suchen.« Und ich ließ mich ziehen. Ich weiß nicht, in welcher Sekunde man sich zu etwas entschließt, ob man nachgibt oder streng bleibt, es muss da aber diese Sekunde geben, denn oft stehen die Entscheidungen auf der Kippe und können, scheinbar durch einen Luftzug, ins Eine oder Andere fallen.
Ich hoffte, die Tür wäre verschlossen, doch sie war es nicht.
Paul schob sie vorsichtig und geräuschlos auf. Er zögerte, hineinzugehen, und so blieben wir auf der abgetretenen Schwelle stehen und schauten in ein finsteres Gewölbe, das nach Weihrauch und faulem Holz roch. Der hintere Teil verlor sich im Dunkel. Durch ein kleines rundes Loch in der Decke fiel ein staubiger Lichtstrahl auf eine in den Boden eingelassene, steinerne Grabplatte. Auf der rechten Seite stand eine Holzbank vor einem schweren Samtvorhang. An der Wand gegenüber hing ein großes, fast erblindetes Triptychon. Die Farben waren so stark nachgedunkelt, dass man in dem schummrigen Licht kaum etwas darauf erkennen konnte. Eine Lanze, ein Stück Wolke, ein längliches, schmerzverzerrtes Gesicht.
Unsere Augen hatten sich etwas an die Dunkelheit gewöhnt, und so konnten wir den hinteren Teil des Raumes sehen. Paul zog vorsichtig an meinem Arm und flüsterte: »Da ist jemand.« Auch er sah den Mann, der dort hinten auf einem Stuhl saß, den Kopf auf den Tisch gelegt hatte und offensichtlich schlief; aber kaum, dass Pauls Stimme verklungen war, wachte er auf, wandte sich zu uns um und fragte mit kräftiger Stimme aus dem Gewölbe heraus:
»Kann ich Ihnen helfen?«
Die Situation war mir unangenehm, und ich wandte mich leise an meinen Jungen: »Komm, wir stören den Herrn«, und dann lauter nach hinten in den Raum: »Entschuldigen Sie bitte.« Ich drehte mich um und zog Paul am Arm, in Richtung der Tür. Doch er, den Alten immer noch fest im Blick, plapperte mit großer Zuversicht:
»Ist der Bruder hier? Wir suchen Papas Bruder. Er ist gestorben. Ist er hier?«
Ich blieb stehen, drehte mich wieder um. Paul griff mit einer Hand mein Hosenbein und wartete die Antwort ab.
»Entschuldigen Sie, dass wir stören. Die Tür war nicht verschlossen. Entschuldigung.«
»Nicht so schlimm, kommen Sie ruhig herein«, sagte der Pfarrer. »Wie heißt er denn, der Bruder?«
Paul sagte: »Weiß ich nicht.« Dann schaute er mich an und fragte: »Wie heißt er denn, Papa?«
Und ich sagte, obwohl ich es nicht wollte: »Sebastian.«
Ich hatte das Gefühl, dass dieses Wort den Raum anders durchmaß als alle anderen Worte, als dauere es eine Ewigkeit, bis es verklungen war, und mir fiel auf, wie lange ich diesen Namen nicht laut ausgesprochen hatte.
Der Mann stand von seinem Stuhl auf und kam durch das Gewölbe auf uns zu. Ich sah in ihm alle seine Vorgänger, wie sie die Grabsteine unter sich abgenutzt hatten und nur durch das Darüberstreifen ihrer weichen Gewänder. Hier in diesem Raum herrschte die Zeit milder, dachte ich.
Der Pfarrer war bei uns, beugte sich zu Paul hinunter, und es hätte kein Finger zwischen seine Nase und die meines Sohnes gepasst, und sagte:
»Wieso denkst du, dass er hier ist?«
Mein Junge, davon unbeeindruckt, gab ihm direkt ins Gesicht zurück:
»Weiß nicht. Ist er hier?«
»Schon möglich«, sagte der Pfarrer.
Ich fand diese Antwort unerhört, doch fiel es mir schwer, ihm zu widersprechen. Mich interessierte, worauf er so geheimnisvoll hinauswollte. Mein Junge wandte sich von ihm ab und deutete auf eine große hölzerne Truhe mit einem halbrunden Deckel.
»Darf ich da reinschauen?«
Der Pfarrer richtete sich auf. Sein Gesicht wurde von dem Lichtstrahl getroffen, und seine Züge glichen kurze Zeit denen des Leidenden auf dem Triptychon hinter ihm.
»Aber sicher«, sagte er und beobachtete, wie Paul hinüberlief, den Deckel der Truhe anhob und hineinblickte.
»Da ist ja nichts drin.«
Mit diesem Pfarrer stimmte etwas nicht. Während er und mein Sohn die alten Schränke öffneten und auf der Suche nach meinem Bruder die Schubladen aufzogen, stand ich da und hörte immer noch den Namen, und ich hörte ihn aus dem Wald zu mir klingen, das Echo meines verzweifelten Rufes.
Nachdem der Alte und Paul sich niedergekniet und unter der abgestellten Kirchenbank gesucht hatten, dies ging nicht ohne einiges Gelächter ab, stützte sich der Pfarrer auf die Bank und sagte:
»Schau doch mal hinter dem Vorhang hier nach.«
Sofort sprang Paul hoch, lief zum einen Ende des Vorhangs und versuchte, ihn aufzuziehen. Er hatte Mühe, den schweren Samt zu bewegen, aber der Alte war schon bei ihm, packte mit an und gemeinsam zogen sie ihn auf. Dahinter war eine Feldsteinmauer, und an dieser hing ein mannshohes Kreuz und am Kreuz ein von Holzwürmern durchlöcherter, staubig-grauer Jesus.
Paul wich einen Schritt zurück.
»Papa, sieh mal, ist das dein Bruder?«
Der Pfarrer lächelte und beugte sich zu meinem Sohn hinunter. Er nahm den kleinen Kopf zwischen seine Hände und lachte laut auf, als er sagte: »Ja, mein Junge, das ist deines Vaters Bruder, er ist unser aller Bruder.« Paul blickte diesen Priester verblüfft an. »Das ist jemand, der für uns gestorben ist. Verstehst du das? Er hat sich geopfert, für uns alle, auch für dich.«
Mir schien, mein Sohn versuchte, mit dem Kopf zu schütteln, doch der Pfarrer hielt ihn fest. Ich ging auf diesen Alten zu, nahm den Arm meines Jungen und zog ihn fort.
»Wir gehen dann mal wieder«, sagte ich streng, mehr zum Pfarrer als zu meinem Sohn, und fast hätte ich den Alten für seine Unverfrorenheit gerügt, da sagte er:
»Entschuldigen Sie. Das war wohl nicht richtig. Warten Sie! Einen Augenblick noch.« Er ging zu seinem Tisch zurück, öffnete eine kleine Schatulle, nahm etwas heraus und kam wieder zu uns zurück.
Er ergriff Pauls Arm und legte es in seine Hand. Ich konnte nicht gleich erkennen, was es war.
»Hier, nimm das, mein Junge. Es ist ein kleines Geschenk, aber es ist mehr wert als alle Geschenke der Welt.«
Die dreiste Art des Alten machte mich beinahe sprachlos.
»Nein, danke. Das reicht jetzt«, sagte ich, doch bevor ich weitersprechen konnte, unterbrach mich Paul:
»Oh ja, Papa, darf ich es haben? Ach bitte, Papa! Ich möchte es behalten.«
Und dann sah ich, was der Pfarrer ihm gegeben hatte. Es war ein kleiner Jesus am Kreuz, und er war aus Kautschuk, wie die Indianer und Soldaten, mit denen ich als Kind gespielt hatte.
»Na gut, wenn es denn sein muss. Bedank dich bei dem Herrn«, sagte ich zu Paul, und er ganz artig: »Danke.«
Wir waren wieder heraus aus der Kirche. Die Frühjahrssonne schien schräg über den Marktplatz, und wir gingen in Richtung Eisstand, der wohl den ersten Tag geöffnet hatte. Paul griff meine Hand und fragte mich: »Was ist das, geopfert?«
Es war noch recht kühl draußen, und ich steckte die andere Hand in die Jackentasche, da fühlte ich die Kerze. Die hatte ich über diesen Pfarrer ganz vergessen, und ich ärgerte mich darüber.
»Was heißt das, geopfert?«
Ich überlegte. »Das ist eine seltene Eigenschaft des Menschen«, antwortete ich.
»Ja, aber was genau?«
Ich musste etwas länger darüber nachdenken, und Paul wartete geduldig auf meine Antwort.
»Stell dir vor, du möchtest ein Eis und wir wären arm und hätten kein Geld, und da steht ein kleiner Junge vor der Eistruhe und bekommt gerade eine schöne große Tüte von dem Verkäufer. Sagen wir, der Junge hat lange gespart dafür, und nun sieht er dich, wie du gerade von mir hörst, dass ich kein Geld hätte und es deshalb nichts wird mit Schoko und Erdbeer. Da kommt dieser kleine fremde Junge auf dich zu und gibt dir sein Eis. Was sagst du dazu?«
»Toll. Was für ein Junge!«, sagte Paul wie aus der Pistole geschossen.
»Nun, meinst du, es gibt viele von solchen Jungen?«
»Ich glaube nicht.«
»Das nennt man: geopfert.«
»Ach.« Nach einer kleinen Pause sagte er: »Hat sich dein Bruder auch geopfert?«
»Oh nein.«
»Wieso ist er dann tot?«
»Er ist als Kind sehr krank geworden und dann gestorben.«
»Was hat er denn gehabt?«
»Eine seltene Krankheit.«
»Das versteh’ ich nicht«, sagte Paul.
»Ich auch nicht«, sagte ich.
Normalerweise wäre das mit Paul der Anfang eines langen, eines sehr langen Gespräches gewesen, doch an diesem Tag hatte er wohl gespürt, dass ich die Antwort wirklich nicht wusste und dass mir die Unterhaltung schwerfiel und mich bedrückte. Deshalb nahm er mit seiner kleinen Hand die meine und ging mit mir nach Hause.
In den kommenden Tagen konnte ich Paul dabei beobachten, wie er mit seinen Indianern und Soldaten spielte, und zwischen ihnen tauchte immer dieser Jesus auf. Er ging an seinem Kreuz durch die Reihen der Kämpfer, manchmal schwebte er an ihnen vorüber und sie blickten ihm nach und riefen laut, und ich konnte in der Küche hören, was sie riefen, und ein Schmerz durchlief mich, wenn mein Junge wieder und wieder verkündete:
»Sebastian ist da! Er wird uns helfen, er hat so viel Kraft! Sebastian ist ein Held!«
Dann schlug er mit dem Jesus in die feindlichen Reihen und fegte sie davon.
ICH MAG DICH SOGAR SEHR!
Die ›Queen Mary 2‹ war beim letzten Mal direkt vor meinem Hotelfenster vorbeigefahren. Ich konnte in die tausend beleuchteten Kabinen schauen und die tausend Fernseher hinter den halb durchsichtigen weißen Gardinen flackern sehen.
Dieses Hotel hier hatte nichts dergleichen zu bieten. Das Zimmer war eng, und an den Wänden waren graue, feuchte Flecken. Ich fühlte die Anwesenheit von hunderten dumpfen Gestalten, die dieses Zimmer bewohnt und abgenutzt hatten. Neben dem Bett hatten sie sich die Schuhe ausgezogen und dabei an der Tapete schwarze und braune Kratzer hinterlassen. Die Energiesparlampe an der Decke tauchte den hohen Raum in eine kalte Schäbigkeit. Das war alles so erbärmlich, und ich war es auch. Das wurde mir jetzt klar. ›Ich werde anrufen und das absagen‹, dachte ich. ›Die werden sagen, gebucht ist gebucht. Haben ja auch sicher recht damit. Also gut, dann wird es so sein.‹
Ich schaltete das große Licht aus, ging im Halbdunkel zum Fenster, und warf einen kurzen Blick auf die gegenüberliegende Häuserzeile, an der ein großes Schild »Kino« ab und zu die Farbe wechselte. Ich zog die Gardinen zu und machte die kleine Nachttischlampe an. Ich holte meinen Laptop aus der Tasche, klappte ihn auf und legte ihn aufs Bett. iTunes war noch offen. Ich klickte auf den Ordner ›Easy‹ und dann auf den Titel 1. Ich schaute auf die Uhr. Es war genau zehn. Es klopfte.
›Pünktlich‹, dachte ich ›Das ist absurd.‹
Ich ging zur Tür, drückte die Klinke nach unten und zog schwer, gegen den automatischen Verschluss, die Tür auf.
Da waren fünf Sekunden, in denen ich mich nicht zurechtfand. Sie war die schönste Frau, der ich je die Tür geöffnet hatte. Sie war vollkommen in Schwarz gekleidet. Das Einzige, was ich von ihr sah, war ihr Gesicht, das mich nicht anschaute, sondern an mir vorbei ins Hotelzimmer blickte. Mir war klar, dass sie so eine Absteige nicht gewohnt war, denn sie war keine, die man für fünfzig Euro bekommen konnte. Noch bevor ich etwas sagen konnte, tat sie es. »Was soll das denn für ein Hotel sein?«
»Ja, entschuldige, das … normalerweise, das Hotel, in dem ich sonst immer bin, war ausgebucht, Zahnarztkongress. Ich wusste nicht, dass das hier so aussieht. Entschuldige.«
Erst jetzt sah sie mich direkt an, und ich konnte in ihrem Blick sehen, dass sie überlegte, ob sie bleibt oder wieder geht. Sie traf ihre Entscheidung sehr schnell. »Naja, machen wir das Beste draus.« Sie trat einen Schritt auf mich zu und lächelte. »Darf ich?«
»Ja natürlich, komm rein.«
Sie ging an mir vorbei ins Zimmer. Sie war einen Kopf kleiner als ich und roch nach einem Parfüm, das mir bekannt war. Eine meiner Ex-Freundinnen hatte es getragen. Ich schloss die Tür. Sie blieb in der Mitte des Zimmers direkt vor dem Doppelbett stehen und drehte sich zu mir um. »Wie ist dein Name?«
»Martin.«
Sie gab mir ihre Hand, und ich berührte sie zum ersten Mal. Es war eine kleine Hand, und sie passte genau in die meine.
»Monique.«
Wir schauten uns direkt in die Augen. Ihre waren schwarz und sanft. Es schien mir, als wäre etwas Ehrliches darin. Ich ließ ihre Hand los und ging zum kleinen Glastisch am Fenster. »Es gibt hier keine Minibar, deswegen war ich vorhin noch etwas einkaufen.«
Sie lachte kurz, als sie den Sekt und die Schokolade sah. »Ist ja süß.«
»Willst du was?«
»Wir sollten erst das mit dem Geld klären«, sagte sie freundlich.
»Ja, entschuldige, natürlich.«
»Ich weiß, viele machen das hinterher. Aber meine Agentur besteht darauf, dass ich es vorher kläre.«
»Na klar, kein Problem«, sagte ich und ging hinüber zur Garderobe, an der meine Jacke hing. Ich gab ihr die 350 Euro. Sie steckte das Geld, nachdem sie es gezählt hatte, in ihre Handtasche und fragte schnell, so, als hätte es diese Übergabe nie gegeben: »Was ohne Alkohol hast du wohl nicht?«
Ich fragte, ob sie Bionade mag.
»Oh ja, das trink’ ich gern.«
Ich bückte mich, holte zwei Flaschen aus der Einkaufstüte, öffnete sie und hielt ihr eine hin. Sie nahm sie, schaute mich kurz an und stieß ihre Flasche gegen die meine. »Prost«, sagte sie und setzte sich auf die Liege an der Wand, gegenüber dem Bett. »Das ist ein bisschen wie in einem Studentenwohnheim hier.«
Ich lächelte und setzte mich zu ihr. »Stimmt.«
Wir schauten uns beide stumm im Zimmer um. Ich dachte, ich müsste etwas sagen, da sie nichts sagte. »Ich mache das hier zum ersten Mal und weiß nicht so richtig, wie das abläuft.« Natürlich, ich war nervös und hatte Angst. Als ich bei ihrer Firma anrief, hatte ich gehofft, sie würde sich einfach nur ausziehen, dann mich und wir würden es miteinander treiben. Nun kam mir diese Vorstellung unangenehm fremd vor.
»Das hängt von dir ab«, sagte sie und als ich nichts erwiderte, »Wir können uns erst etwas unterhalten und dann werden wir weitersehen, oder?«
›Danke, unterhalten, das ist gut, danke‹, dachte ich. »Ja, das ist gut.«
»Warum hast du eigentlich mich verlangt? Ich meine, in der Agentur sind so viele gut aussehende Frauen, warum gerade ich?«
»Du warst mir am sympathischsten«, und das war die Wahrheit. Ich sah mich am Schreibtisch in meiner Wohnung sitzen, meinen aufgeklappten Laptop und die Bilder dieser Frauen vor mir. Aber nur sie konnte es sein. In ihrem Blick stand keine laszive Antwort, sondern eine stille Frage. Unter ihrem Namen blinkte in roter Schrift das Wörtchen »NEU«.
»Und wieso machst du das?«, fragte sie mich.
Das kam mir unpassend vor. Ich zögerte. Mir war nicht klar, warum ich das tat. Doch, es war mir klar. Ich wollte Sex, nur Sex.
»Ich wollte das einfach ausprobieren, und da ich gerade solo bin, dachte ich, jetzt oder nie.«
»Du hast keine Frau?«, fragte sie mich.
»Seit einem Jahr.«
»Ach so, würdest du das hier nicht machen, wenn du eine Frau hättest?«
»Nein, da würde doch etwas nicht stimmen, oder?«
Sie schaute mich einen Augenblick an, dann sagte sie: »Du bist mein erster Kunde«, und klopfte mir dabei vertraulich auf den Oberschenkel, »du hast doch nichts dagegen, wenn ich dich so nenne, nein, du bist mein erster Kunde, der keine Frau hat.«
Ich war verblüfft. »Das glaub’ ich nicht.«
»Ist aber so, die haben fast alle Frauen.« Sie überlegte. »Und Kinder. Die zeigen mir gleich am ersten Abend die Fotos von den Kindern und ihrer Frau und erzählen dann, wie hübsch sie sind und wie toll sie ist oder wie kompliziert.«
Sie trank einen Schluck. »Ich habe den Glauben verloren, dass es anständige Männer gibt, glaub’ mir. Du bist da wirklich der Erste. Das imponiert mir.«
Ich fühlte mich geschmeichelt, und gleich darauf kam ich mir wieder abartig und schlecht vor, ja, wie jemand, der etwas unsagbar Schlechtes tut. ›Wir könnten uns doch einfach nur unterhalten. Sie behält das Geld, und am Ende bedanke ich mich bei ihr für den schönen Abend.‹ Das war eine gute Idee, und dabei wurde mir ganz wohl. Ich fühlte mich wie ein guter Mensch.
»Wie lange machst du das schon?«, fragte ich so normal wie möglich.
»Vier Monate«, antwortete sie.
»Das ist nicht lange.«
»Das ist sehr lange«, sagte sie. Sie kramte in ihrer Handtasche. »Darf ich rauchen?«, fragte sie in ihre Tasche hinein.
»Ich glaube schon, auf dem Tisch steht ein Aschenbecher.«
»Ja schon, aber du schläfst hier.«
»Ach so.« Ich überlegte. »Ja, ja, das geht schon.« Sie öffnete die Schachtel ›P&M‹ und nahm sich eine Zigarette heraus.
»Darf ich auch?«, fragte ich.
»Du rauchst?«
»Nur wenn ich nervös bin.«
Sie hielt mir die Schachtel hin. »Du wirkst ganz und gar nicht nervös.«
»Das ist äußerlich.«
Sie zog den Rauch, nachdem sie ihn mit der Nase ausgeblasen hatte, mit dem Mund wieder ein. Es war, als wäre sie allein auf der Welt.
Ich bemerkte, wie ich sie anstarrte.
»Was ist?«, fragte sie.
»Du bist so schön.«
Sie lächelte. »Och, danke, ich verstehe trotzdem nicht, wieso du mich ausgesucht hast.«
»Wegen deiner Augen. Sie sahen ehrlich aus.«
»Ach komm, das glaubst du ja selbst nicht, oder?«
Es gab auch ein Bild von ihr, auf dem sie halb nackt war, und ihr Körper war makellos. »Nein, wirklich«, sagte ich.
»Du siehst auch gut aus«, sagte sie und schaute mir ins Gesicht.
›Das muss sie jetzt sagen‹, dachte ich.
»Das meine ich ernst, ich wäre vorhin fast wieder gegangen.« Sie ruckte kurz mit ihrem Kopf. »Wegen dem Zimmer. Ich bin geblieben, weil du nett aussiehst. Und ich glaube, du bist es auch.«
›Das muss sie jetzt sagen.‹ Sie nahm einen letzten Zug, dann drückte sie die Zigarette im Ascher aus. »So, jetzt könnt’ ich einen Sekt vertragen.«
»Oh ja, sicher.« Ich ging hinüber zum Tischchen und griff die Flasche. Ich ließ den Korken nicht knallen, holte zwei Zahnputzgläser aus dem Bad und setzte mich wieder neben sie. Ich traute mich nicht, auf die Uhr zu schauen. Ich hatte Lust auf sie und wusste nicht, wie viel Zeit mir von den zwei Stunden noch geblieben war. Wir stießen an. Dann erzählte sie mir von ihrem letzten Urlaub am Mittelmeer, von ihrem Ex-Freund, mit dem sie noch zusammenwohnte, von ihren zwei Hunden, ihren drei Kanarienvögeln, ihrer Eidechse und der Schildkröte, die dreißig Jahre älter war als sie.
»Von wem hast du sie?«, fragte ich. Sie trank ihren Sekt aus und antwortete nicht.
Ich streichelte ihren Arm, mit dem sie sich auf dem Bett abstützte, und sie blickte verwundert auf meine Hand, wie sie ihren Arm streichelte. Wir schwiegen, und ihr Lächeln wurde zu der Frage, die sie dann auch stellte: »Das ist seltsam, oder?«
›Ja, sie hat recht, es ist seltsam, ich verliebe mich gerade in sie. Aber es ist nicht echt, und das ist seltsam.‹
»Ja«, sagte ich. ›Ich möchte sie jetzt küssen, und sie wird es zulassen.‹ Ich beugte mich zu ihr, griff unter ihren Arm, zog sie etwas zu mir heran und küsste sie. Ihr Mund war weich, und ihre Zunge begegnete der meinen mit solcher Bereitschaft und Ruhe, dass ich mich ihr voll und ganz überließ.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir uns küssten. Es war der beste Kuss, es war der Kuss meines Lebens, mit einer Frau, die ich nicht kannte und die ich gekauft hatte, die mich küsste, als würde sie mich lieben, die mich küsste wie keine der Frauen, die mich geliebt hatten.
Mir war schwindlig, und ich beugte mich von ihr zurück.
»Du küsst gut«, sagte sie.
›Das muss sie jetzt sagen, natürlich muss sie das.‹
»Ich gehe jetzt kurz ins Bad, und du kannst ja versuchen, etwas gemütlicheres Licht zu machen.« Und dann war sie weg.
Ich war bereit. Ich löschte die Nachttischlampe und öffnete die Gardine etwas. Ein Spalt Licht schlug ins Zimmer und wechselte immerfort die Farbe. Sie kam aus dem Bad, als es blau wurde. Sie hatte nur noch schwarze Unterwäsche an, und ihr Körper erschien mir noch weißer und strahlte in dem Blau, dem Rot und dem Grün. Sie war wie eine Galionsfigur und hinter ihr ein Schiff aus schwarzem Stahl, das sie schwer zu mir ins Zimmer schob.
Ich lag ausgestreckt auf dem Bett und wartete auf ihre Hände, die mich ausziehen würden. Sie knöpfte mein Hemd auf und küsste sanft meine Brust. Ich nahm ihr kleines, weißes Gesicht zwischen meine Hände, zog sie zu mir und küsste ihren Mund. Und ich dachte: ›Das ist Wahnsinn.‹ Ich nahm nicht wahr, wie sie meine Hose auszog, wie sie meine Strümpfe von den Füßen streifte und meine Shorts über die Beine zog. Ich war bereit. Die ganze Zeit über. Ich öffnete ihren BH. Ihre Brüste waren klein, die Haut wie Samt. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihren Slip auszog. Dann lag sie neben mir und schaute mir in die Augen. »Du machst mich nervös«, sagte sie. Ich spürte ihren warmen Körper.
»Wie?«
»Du machst mich nervös.«
Ich verstand das nicht. ›Meint sie das ernst?‹
Sie küsste meine Schulter, und ihre Zunge fuhr meinen Hals entlang und langsam hinab an meiner Brust.
›Meint sie das ernst? Was ist hier los? Ich mag sie. Das kann nicht echt sein. Wie kann so etwas echt sein?‹
»Halt, warte.« Ich zog sie zu mir nach oben. »Warte«, sagte ich.
Sie schaute mich fragend an. Dann umarmte sie mich. Wir passten genau zusammen. Unsere Körper passten ganz genau zusammen. Ich drückte sie fest an mich, und sie verschwand in mir, denn sie wollte verschwinden und ich nahm sie auf, weil ich gewartet hatte auf jemanden wie sie.
»Du magst mich. Das ist das Problem, stimmt’s?«
»Ja, es ist verrückt, wir kennen uns nicht, aber ich mag dich.«
»Nein, das ist nicht verrückt, ganz und gar nicht, ich mag dich auch.«
›Sie muss das sagen‹, dachte ich, und dann sagte ich es: »Du musst das sagen.«
Ihre Stimme veränderte sich, ich spürte etwas Verletztes darin. »Du glaubst mir nicht?«
»Nein, entschuldige, ich glaube dir nicht. Du musst das sagen.«
»Glaubst du, ich würde einen meiner Kunden so umarmen wie dich? Glaubst du, ich würde mich von einem meiner Kunden so küssen lassen wie von dir? Ich mag dich, ich mag dich sogar sehr.«
Ein heißer Schwindel überkam mich. »Das kann nicht sein«, sagte ich, und da hatte ich bereits aufgegeben. Ich glaubte ihr. »Das kann doch nicht sein.«
Sie drückte sich fest in mich und sagte so still und so sicher, wie man nur die Wahrheit sagt: »Es ist aber so.«
Sie verbarg ihren Kopf in meinen Armen.
»Mir ist kalt«, flüsterte sie.
Ich deckte uns zu. Es war warm und wohl, und ich schloss meine Augen. Wir lagen sehr lange so. Bis der Wecker klingelte, denn sie hatte zu Beginn, wie sie es wohl immer bei ihren Freiern tat, ihr Handy auf ein und eine dreiviertel Stunde gestellt.
»Musst du jetzt gehen?«
»Nein, noch nicht, wir haben noch eine Viertelstunde.« Sie richtete sich im Bett auf und saß jetzt neben mir. »Ich möchte mit dir schlafen«, sagte sie. »Ich würde jetzt sehr gern mit dir schlafen.«
Ich wollte nicht. Ich konnte nicht. »Nein, entschuldige, lass uns bitte nur hier sitzen.«
Sie legte sich wieder neben mich und lehnte ihren Kopf auf meine Schulter.
»Lea.«
Ich hatte sie verstanden, sie hatte ›Lea‹ gesagt. »Wie?« fragte ich.
»Lea, ich heiße Lea. Das ist mein richtiger Name. Lea, und ich bin nicht sechsundzwanzig, sondern dreiunddreißig.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. ›Ist das ihr richtiger Name? Sie sagt das immer, zu jedem. So macht sie aus allen Freiern Stammkunden‹, dachte ich. »Du siehst nicht aus wie dreiunddreißig«, sagte ich.
»Ich weiß, deswegen haben die mich auch jünger gemacht. Und wie heißt du?«, fragte sie.
»Na Martin.«
»Ach, das ist dein richtiger Name?«
»Ja sicher.«
»Die meisten nehmen sich andere Namen und haben ein extra Handy. Du machst das wirklich zum ersten Mal.«
Ich sah halb unter der Decke ihre rechte Brust, wie sie leicht meinen Bauch berührte. Es fühlte sich schön an, sie war etwas kalt. Ich legte meinen Arm fester um ihre Hüfte und zog sie näher zu mir heran.
»Warum machst du das?«, fragte ich.
Sie schaute mich an und ich sah zwischen ihren Augenbrauen eine kleine Falte. »Was?«
»Na, das hier.« Ich deutete auf uns. »Warum hast du damit vor vier Monaten angefangen? Warum sagst du den Männern, dass du sie magst?«
»Das tue ich nicht. Ich sage es ihnen nicht. Ich habe es nur dir gesagt.«
»Gut, du hast es nur mir gesagt, aber was war vor vier Monaten? Wieso vor vier Monaten?«
»Es gab verschiedene Gründe, damit anzufangen.«
Ich wartete.
»Ich habe in einer Wasserspenderfirma gearbeitet, weißt du, die Dinger, die beim Arzt stehen, mit einem rosa und einem blauen Knopf, für normales und gekühltes Wasser. Ich war fürs Controlling der Firma zuständig. Zweihundert Angestellte. Sechzig Stunden Arbeit die Woche. Ich habe das gebraucht. Ich war immer ansprechbar. Mein Handy war die ganze Nacht an. Es kam vor, dass mein Chef vier Uhr morgens aus China angerufen hat, und ich bin rangegangen. Ich habe immer alles bis zur Erschöpfung gemacht. Eines Abends kam ich nach Hause. Mein Freund, wir waren schon getrennt, hat mir die Füße massiert, wir verstehen uns immer noch sehr gut. Er massierte mir die Füße, und ich merkte, wie mir der linke einschläft. Es war unangenehm. Ich sagte ihm, er solle doch links mal etwas mehr machen. Ich spürte nichts. ›Weiter oben und kräftiger‹, sagte ich. Er schaute mich komisch an. Ich sagte, dass er kräftiger zudrücken soll, denn ich hab’ gar nichts gespürt. Er drückte voll zu. Wir hatten gerade gegessen, und die Teller standen noch rum. ›Nimm die Gabel da!‹, sagte ich zu ihm. Er wollte erst nicht. Dann nahm er sie und stach leicht in meinen Oberschenkel. Ich spürte nichts. Es war beängstigend. Ich hab’ die Gabel genommen und so lange gedrückt, bis es zu bluten anfing. Er schaute mich an. So hatte ich ihn noch nie gesehen. So ängstlich. Ich fragte, was los ist. Er sagte nur, dass mit meinem Gesicht etwas nicht stimmt. Ich bin sofort ins Bad und schaute in den Spiegel. Meine linke Gesichtshälfte hing nach unten, wie geschmolzen, wie geschmolzenes Wachs. Es war so eine Art Schlaganfall. Es hat vier Wochen gedauert, bis ich meinen Mundwinkel wieder bewegen konnte. Mit der Arbeit war es erstmal vorbei. Ich dachte, es geht nie wieder weg. Jetzt ist es einigermaßen okay. Bis auf das hier.« Sie deutete auf ihr linkes Auge, das sich nicht bewegte und mich stumm anschaute.
Ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit so einer Geschichte. Aber es sind wohl immer solche Geschichten. Dann sagte ich so etwas wie »Krass« oder »Das ist schlimm.« Was soll man da sagen.
»Du bist der Erste, dem ich das erzähle«, sagte sie, und ich dachte: ›Das muss sie jetzt sagen. Wie gemein das ist, dass ich so etwas denke, wie gemein und niederträchtig, so etwas zu denken.‹ Vielleicht war ich ja wirklich der Erste.
Sie wusste nichts über mich, und ich kannte diese Geschichte. Ich fragte sie, warum sie es nicht ihren Eltern erzählt hat; und dies war die zweite Frage, die sie an diesem Abend nicht beantwortete. Sie blickte mir nur fest in die Augen.
Ich ruderte sie schweigend über den See, in seichteres Gewässer, zu einer Insel, auf der man durchatmen kann, auf der man sich aufrecht hinsetzt und durchatmet. Sie holte tief Luft, und ich liebte sie dafür. Ich glaube jetzt, dass sie damals wirklich frei atmen konnte.
Sie blieb drei Stunden bei mir und bat mich, mir ihre Nummer geben zu dürfen. Ich wunderte mich nicht und klappte mein Handy auf. Sie diktierte. »Null, eins, sieben, eins, fünf, fünf, drei, sieben, zwei, fünf. Hast du’s?« Ich tippte auf ›Nummer speichern‹. »Ja, ich hab’s.« Das Handy forderte mich auf, den Namen einzutippen. Ich schaute sie an, und was ich jetzt tat, war schlimm. Ich sagte es langsam und laut, während ich es eintippte: »Lena.«
Sie reagierte sofort und lächelte noch: »Nein, nein, Lea.«
Es schmerzte mich. Erst jetzt fiel ihr auf, was ich getan hatte. Sie wurde wütend. »Wolltest du mich gerade testen? War das ein Test, ja? Du wusstest genau, dass ich Lea heiße. Du wolltest wissen, ob ich das erfunden habe, oder?« Ich schaute ihr in die Augen, die leicht schielten, schwarz und tief waren und in die sich eine Trauer mischte.
»Entschuldige«, sagte ich und dachte: ›Ich wollte dir nicht wehtun, aber ich kann das alles nicht glauben.‹ Doch ich sagte es ihr nicht.
Zum Abschied standen wir in der Tür zum Flur und küssten uns. Ein Kuss, in dem man noch den Schmerz schmeckt. Es war, als würden wir uns sicher wiedersehen.
Ich habe sie nie angerufen. Ich hatte Angst vor der Wahrheit, vor der einen wie vor der anderen.
GESPRÄCHE MIT OBEN – OLGA
Es war an einem heißen Sommertag, als Olga, über den Patienten Baranow gebeugt, das Ende der Bauchsonde mit dem Schlauch zum Tropf verbinden wollte. Da sprang die Tür des Krankenzimmers auf, und Andrej, ein junger Pfleger, stürmte herein. Olga drehte sich erschrocken um, noch den Katheter in ihrer Hand.
»Er ist dran! Er ist dran!« Andrej schnappte nach Luft, denn er war die fünf Treppen aus der Verwaltung, immer vier Stufen auf einmal nehmend, heruntergesprungen, und nun konnte er nur noch in kleinen Stückchen sprechen.
»Oben! Am Telefon! Schnell!«
Olga wusste nicht gleich, worum es ging, doch dann begriff sie.
Sie drehte sich noch einmal zu dem Patienten um, dann wieder zu Andrej gewandt sagte sie: »Mach du das hier!« Er war schnell bei ihr und übernahm den Schlauch. Dann rannte sie los, und ohne zurückzuschauen rief sie: »Danke!«
Andrej schrie ihr noch hinterher: »Und grüß ihn von mir! Grüß ihn!«
Der Patient Baranow hatte seine Augen geschlossen und hörte dies alles nur durch den dichten Schleier aus Schmerzmitteln und dumpfer Erschöpfung.
Olga musste nun diese fünf Treppen hinauf. Auf dem Gang kam ihr die Oberschwester entgegen und blieb überrascht mitten im Weg stehen. Olga lief auf sie zu und mit den Worten »Entschuldigen Sie, aber er ist dran!« knapp an ihr vorbei.
Sie hörte noch, wie ihr die Schwester nachrief, dass sie ihn grüßen solle, dass sie ihm alles Gute wünschen solle, alles Gute.
Als sie außer Atem oben in der Verwaltung ankam, wartete ihre Freundin Irina Andrejewna schon ungeduldig auf sie, streckte ihr den Hörer entgegen, und als Olga ihn vorsichtig an ihr Ohr hielt, war die Raumstation bereits über Europa hinweggeflogen, hatte, während Olga vom dritten in den vierten Stock gelaufen war, fünfhundert Kilometer zurückgelegt und war nun mit ihrem Mann an Bord im Erdschatten über der Mongolei verschwunden.
Olga setzte sich enttäuscht, noch außer Atem, an den kleinen Tisch im Raucherraum neben der Personalabteilung. Einige Minuten saß sie da und konnte an nichts denken, nur fluchen konnte sie. Sie zündete sich eine von ihren dünnen weißen Zigaretten an. Das Zimmer war schäbig. An der Wand hing ein einziges verblasstes Bild von der Küste des Schwarzen Meeres. Auf der Wachstuchdecke vor ihr stand ein Aschenbecher, sonst nichts. Sie zählte die Stummel darin. Es waren vierundzwanzig. Als sie zu Ende geraucht hatte, drückte sie ihre Zigarette aus und sagte leise: »Fünfundzwanzig.«
Sie sah aus dem offenen Fenster nach draußen. Von dort aus, wo sie saß, konnte sie ihre Wohnung im neunten Stock des gegenüberliegenden Plattenbaues sehen. Sie dachte daran, wie sie am Abend wieder allein dort drüben im Wohnzimmer sitzen und der Fernseher flimmern würde. Sie sah sich selbst dort hin- und herlaufen und dachte daran, wie schön es sein wird, wenn ihr Mann zurück ist. Sie dachte, dass sie dann unbedingt tapezieren müssten, denn oben in einer der Zimmerecken blätterte schon etwas Tapete von der Wand. Sie fegte immer mit dem Besen die Spinnweben von der Decke, aber wie lange würde sie dazu noch die Kraft haben?
Sie ärgerte sich darüber, dass sie ihr nicht vorher Bescheid gesagt hatten, dass sie überhaupt nie vorher Bescheid sagen würden; und dann fiel ihr ein, dass Irina Andrejewna jeden Tag eineinhalb Stunden mit der Bahn quer durch die Stadt fahren musste, um auf Arbeit zu kommen, und ihr fiel wieder auf, wie groß Moskau eigentlich war. Irgendwer hatte ihr erzählt, dass wenn man diese Stadt einmal zu Fuß durchqueren wolle, es zwei Wochen dauern würde.
Gleich darauf musste sie an den Patienten Baranow denken, dass es ihn am schlimmsten erwischt hatte, viel schlimmer als all das, was ihr bisher in ihrem Leben passiert war. Er war sicher einmal ein hübscher Mann gewesen, selbst der kahle Kopf stand ihm noch gut. Sie dachte, ein Mensch sollte so nicht sterben müssen wie er. Sie dachte daran, wie sie ihm zwei Tage zuvor die Wahrheit nicht mehr verschweigen konnte, als er immer wieder nachgefragt hatte, wie es stünde mit ihm, sie könne es ihm ruhig sagen, er würde keinen Ärger machen, aber er müsse es wissen, ob der Professor diese Woche noch kommen würde. Er hatte sie wirklich gefragt: »Liebe Olga, sagen Sie mir ehrlich, kommt der Professor diese Woche noch zu mir?« Und sie hatte nur kurz innegehalten und genickt und nichts gesagt, denn sie wusste, dass er wusste, was es bedeutet, wenn der Professor kam.
Warum musste ihr Mann auch so ein Mensch sein, der sich hingibt für solch eine Sache, der sich freiwillig einsperren lässt, auch wenn es das erhabenste Gefängnis der Welt ist, eingesperrt ist er, und dann formulierte sie den Satz, den sie dachte, noch einmal um: ›Nein‹, dachte sie, ›eingesperrt hat er sich selbst, schon immer hat er sich einschließen lassen.‹
Damals schon hatte er den Versuch gemacht, neunzig Tage auszuhalten in einem Raum, der noch kleiner war als die Station, in der er jetzt saß. Er durfte sie, seine Frau, nicht sehen, das gehörte dazu, denn sie wollten wissen, ob ein Mensch stark genug sei, diese ganze Zeit allein nur mit sich selbst zurechtzukommen.
Sie hatte ihn einmal besucht. Davor gestanden hatte sie, vor diesem Raum aus Holz, der von außen aussah wie das schlecht gebastelte Haus eines Kindes und drinnen wie der Nachbau einer Station, die man irgendwann einmal zu den Sternen schicken wollte. Sie hatte damals davorgestanden und gedacht: ›Was wird er jetzt gerade machen, in diesem Moment? Spielt er Schach mit sich selbst? Kratzt er sich am Kopf? Liest er in einem Buch? Schreibt er einen Brief an mich? Wäscht er sich gerade das Gesicht?‹ Was konnte er schon tun da drin.
Sie hatten ihr angeboten, ihn über eine der Kameras sehen zu können, und eigentlich war sie nur deswegen hingefahren; aber als dann nur diese dünne hölzerne Wand zwischen ihr und ihm war, konnte sie es nicht mehr. Sie wollte ihn nicht so sehen, sie wollte nicht wissen, was er tat, wie er aussah nach zwei Monaten Isolation. Sie wusste, dass er ihr fremd sein würde, denn er musste sich sehr weit im Zentrum seines Selbst befinden, und von dort aus kann nur etwas wie Fremdheit von einem Menschen abstrahlen, und davor hatte sie mehr Angst als vor der Zeit der Trennung, die noch vor ihnen lag.
Sie hatten ihr gesagt, dass er sich sehr gut mache, dass er sich wohl fühle und alles wirklich gut verlaufe, viel besser als bei seinem Vorgänger, der nach einem Monat abbrechen und, wie sie erfahren hatte, ›behandelt‹ werden musste. Ihr Mann musste nicht abbrechen, er musste auch nicht behandelt werden. Ihr Mann brauchte niemanden, auch nicht sie, obwohl er immer das Gegenteil behauptete: er könne das alles nur, weil er wüsste, dass sie auf ihn warte, weil er sich ihrer sicher war, und das konnte er auch sein, dachte sie. Er hatte sich nun mal in den Kopf gesetzt, das zu schaffen, zum Wohle der Wissenschaft, zum Ruhme des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates, der großen Sowjetunion, dass man später, ja, vielleicht irgendwann sogar er selbst, zum Mars und noch weiter hinaus ins Universum fliegen könne. Sie lag immer mit sich im Streit darüber, ob sie stolz oder wütend auf ihren Ehemann sein sollte, der etwas so Unmenschliches fertigbrachte.
Das alles dachte sie jetzt, während sie schon seit einiger Zeit Ringe mit ihrem Zeigefinger auf das Tischtuch malte. Und dann dachte sie noch, dass sie all das niemandem erzählen konnte, denn sie hatte Angst, sie würden ihn dann nicht mehr hoch lassen, und das wäre tatsächlich das Einzige, was er ihr nie verzeihen würde.
GESPRÄCHE MIT OBEN – WINNIE
Winnie war ein Mädchen vom Lande. Sie war tausend Meilen entfernt vom Meer aufgewachsen, in einer Kleinstadt mitten in Wyoming. Ein kräftiger Fluss zog sich linkerhand des Highways durch das Städtchen und teilte den Ort in zwei Hälften. Auf der grünen, bewässerten Seite erstreckten sich endlose Maisfelder und dazwischen breite Streifen Weideland. Auf der anderen Seite der Stadt verlor sich eine verdorrte Steppe in den Schluchten und Hängen eines steinigen Vorgebirges. Die Luft, die Winnie ihre gesamte Kindheit hindurch eingeatmet hatte, war trocken und staubig von den hinter ihrem Haus vorbeiziehenden Rinderherden. Es gab nur drei Attraktionen in ihrem Ort: Die jährlich stattfindende Parade der Kriegsveteranen, ein Schwimmbad und den ›mysterious suitcase man‹, einen Freund ihres Vaters, der im Besitz einer Sammlung von 1200 verschiedenartigen, zum Großteil kuriosen, aber leeren Koffern war.
Winnies Eltern hatten sich, als sie vierzehn Jahre alt war, scheiden lassen, und da sie zwei angesehene Bürger der Stadt waren, störte sich niemand daran. Ihr Vater leitete die örtliche Zweigstelle einer kleinen regionalen Bank. Er war beliebt, saß den ganzen Tag in seinem winzigen Büro an der Hauptstraße, und alle Leute aus der Gegend brachten ihm ihr Geld. Er war Bankdirektor und Kassierer zugleich und bürgte mit seinen stämmigen zwei Metern und seiner allen im Ort bekannten Treffsicherheit für die Ersparnisse der Bürger. Die Bank schloss ihre Filiale im Ort kurz nach der Scheidung. Der Vater wurde arbeitslos und Stammgast in der Bar gegenüber. Er hätte sicher in einer anderen Stadt eine Arbeit finden können, aber er wollte nicht weg. Schließlich gab man ihm eine kleine Anstellung als Pförtner im Rathaus. Diese Demütigung nahm er scheinbar widerstandslos hin, aber Winnie kannte die Wut, die in ihm steckte und oft aus ihm herauskam, wenn sie allein mit ihm war. Dann schimpfte er auf die Leute, die ihn entlassen hatten, und über den Bürgermeister, der ihm die neue Stelle verschafft hatte.
Winnies Mutter war Ärztin für Allgemeinmedizin, und trotz einer neu erbauten Klinik in der benachbarten Stadt lief ihre eigene kleine Praxis gut, denn sie war bei den Farmern angesehen, nicht etwa weil sie eine gute Ärztin war, sondern weil sie etwas von Pferden und Rindern verstand.
Die Vorfahren ihrer Mutter, italienische Einwanderer, waren Farmer gewesen. Die Großmutter ihrer Großmutter hatte auf der Überfahrt in die neue Welt ihren zukünftigen Mann, einen unerschrockenen und robusten Iren, kennengelernt. Sie war bereits schwanger, als sie sich auf den Weg in den Westen machten. Aber sie konnte die beschwerliche Reise auf dem California Trail nicht fortsetzen, und so blieben das satte Grün der Küste und der Traum ihres Mannes vom großen Goldfund eine Illusion. Man ließ ihren Planwagen in der Wildnis Wyomings zurück. Ihr Mann schlug vier Pflöcke in die staubige Landschaft und baute ein Haus und einen Stall. Andere Familien siedelten sich in der Nachbarschaft an. Das Städtchen wuchs, und es entstand nur aus einem einzigen Grund, weil sie es alle nicht geschafft hatten. Eine Siedlung von Versagern und Schwächlingen. Nichts anderes hatte Winnie je von diesen Leuten, den Gründungsvätern der Stadt, gedacht. Und die Beteuerungen ihres Geschichtslehrers, Mr. Willarby, die Farmer hätten fruchtbaren Boden und üppiges Weideland vorgefunden, konnten Winnie nicht davon abbringen. Für sie waren alle auf halber Strecke im Staub oder Morast steckengeblieben.
Winnie wollte weg aus der Provinz, sie wollte an die Westküste und dort an einem angesehenen College Medizin studieren, aber trotz guter Leistungen in der örtlichen High School gelang es ihr nicht, an einer der großen Universitäten aufgenommen zu werden. Schließlich gab sie sich mit einem zweitklassigen College in Oakland zufrieden und versprach ihrer Mutter, sobald als möglich auf die University of California zu wechseln. Sie verließ ihr Heimatstädtchen, als sie einundzwanzig war und hatte nicht vor, wiederzukommen. Nach zwei Jahren war der Wechsel an eine andere Universität für sie in weite Ferne gerückt. Das Studium fiel ihr schwerer, als sie gedacht hatte. Sie hatte sich damit abgefunden, in Oakland zu bleiben und dort ihren Abschluss zu machen.
Eine Jugendfreundin ihrer Mutter hatte in San Francisco eine renommierte onkologische Praxis, und Winnie konnte während der Semesterferien den Sommer über dort arbeiten. Da Winnie jung, attraktiv und nicht auf den Mund gefallen war, teilte man sie als Urlaubsvertretung der Empfangsdame ein. Sie koordinierte die Termine und kümmerte sich um die Kunden, die im Wartezimmer saßen und alle eines gemein hatten, sie waren reich. In dieser Praxis gab es keine Patienten, es gab nur Kunden. Man wollte diesen Leuten nicht das Gefühl geben, krank zu sein.
Eines Morgens kam Winnie zur Arbeit, öffnete das Kalenderprogramm und sah, dass jemand die Termine des Tages ausgetragen und einen einzigen Kunden eingetragen hatte. Kurz darauf rief ihre Chefin alle Mitarbeiter im Wartezimmer zusammen und erklärte, dass im Laufe des Tages, wann, wisse sie nicht genau, ein Milliardär zu einer Magenspiegelung kommen würde. Sie müsse nicht betonen, wie wichtig ein solcher Besuch für die Praxis sei. Er wolle von niemandem direkt angesprochen werden und ausschließlich über seinen Manager mit den Mitarbeitern kommunizieren.
Drei Stunden später klingelte das Telefon, und der Manager kündigte Steves Erscheinen an.
Winnie erinnerte sich später oft daran, wie zunächst die beiden Leibwächter die Lage erkundeten und dann Steve, begleitet von Sanchez, dem Manager, die Empfangshalle betrat. Steve ging den großen, in den Marmor eingelassenen goldenen Koordinatenstern auf und ab, ließ sich in einen Sessel fallen, stand wieder auf, ging einige Meter und setzte sich dann auf eine Bank am Fenster. Sanchez besprach mit ihrer Chefin noch einmal den Ablauf.
Winnie kannte diese Kunden, und sie kannte deren Angst, denn die unterschied sich in nichts von der gewöhnlicher Leute. Winnie hatte sich besonders um diese Kunden zu kümmern und sie abzulenken. Sie hatte ein Talent, die Leute auf andere Gedanken zu bringen. Also ging sie um den Tresen herum. Die Bodyguards hielten sie wohl für ungefährlich, denn sie zuckten nicht einmal, als sie sahen, dass sie sich ihrem Schützling näherte. Winnie bemerkte den nervösen Blick ihrer Chefin, wie sie an Sanchez vorbei zu ihr hinübersah.
Steve saß da und starrte stumm auf den Boden, bis Winnies Füße vor ihm auftauchten. Da schaute er zu ihr auf, und sie sah sein bleiches Gesicht.
»Sie müssen keine Angst haben«, sagte sie. »Daran ist noch niemand gestorben, glaube ich.«
Steve warf einen kurzen Blick hinüber zu seinen Leibwächtern, dann lächelte er Winnie zu und sagte, dass das nicht sehr überzeugend klinge. Sie erklärte ihm, wie man einem Kind etwas erklärt, dass sie bereits seit drei Wochen in der Praxis wäre und seitdem niemand gestorben sei, also werde wohl auch er es überleben.
Sanchez war hinter sie getreten, und sie hörte ihn sagen, dass alles vorbereitet sei. Steve stand auf, er war einen Kopf größer als Winnie, und sie wich vor seinem stämmigen Körper zurück. Er ging mit einem Lächeln an ihr vorbei und sagte: »Fast hätte ich mir gewünscht, dass Sie meine Hand halten. Aber es ist kein schöner Anblick, ein Mann mit einem Schlauch im Mund.«
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und zwinkerte ihm nur kurz und ein wenig verlegen zu.
Winnies Chefin hatte ihr gesagt, dass es gut wäre, wenn das Erste, was dieser Milliardär nach der Narkose sehen würde, ein hübsches Gesicht wäre. Kurze Zeit später saß Winnie im Aufwachraum neben Steve und wartete darauf, dass er zu sich kam. Er atmete ruhig, sein kräftiger Brustkorb hob und senkte sich. Andere Männer konnte sie kaum anschauen, wenn sie so dalagen und schnarchten oder aus ihrem Mund der Speichel lief, aber Steves Züge hätte sie stundenlang betrachten können. Sie hatte sein Anmeldeformular gesehen und wusste, dass er sechsundvierzig war. Steve hatte kaum Falten, einige feine um die Augen herum und zwei kleine, tiefere um den rechten Mundwinkel. Seine Haut war gepflegt und makellos, die Augenbrauen gezupft, die langen Wimpern schwarz und gleichmäßig. Zwischen all dieser Zartheit lag seine große und etwas schiefe Nase. Es war nicht seine Schönheit, sondern der Ausdruck in seinem Gesicht, der Winnie faszinierte, als wäre dieser Mann der zufriedenste Mensch auf der Welt.
Als Steve die Augen öffnete, Winnie ansah und sie ohne zu zögern fragte, ob sie mit ihm am nächsten Tag essen gehen würde, sagte sie: »Ja.«
Sie hatten gute Zeiten gehabt, ja, das erste Jahr war Winnie wie ein Traum erschienen. Die Wünsche, die sie äußerte, erfüllte ihr Steve ausnahmslos und mit kindlicher Freude. Winnies Ansprüche waren jedoch so klein und unscheinbar vor den unvorstellbaren Möglichkeiten, die Steve ihr bieten konnte, dass er nur lachte und sie abküsste und ihr die ›Wünschchen‹, wie er sie nannte, erfüllte. Eines Tages erklärte er ihr, dass es so nicht weitergehen könne, sie werde sich von nun an überraschen lassen müssen.
Steve zeigte ihr die Welt. Eine Welt, die nur für wenige Menschen existierte. Eine Welt neben der Welt. Ihre erste Reise führte sie nach Europa. Sie flogen von San Francisco nach Florida in einem großen Flugzeug, auf dem Steves Name mit riesigen blauen Buchstaben geschrieben stand. Sie flog also mit Steve und diesem Flugzeug, das Steve hieß, nach Florida. Er tat ihr gegenüber so, als gehöre ihm das alles nicht, er tat so, als wäre dieser ganze Reichtum auch für ihn etwas Neues und Einzigartiges. Er sagte zu ihr: »Ich habe das Gefühl, alles, was ich erreicht habe, erst mit dir richtig genießen zu können.« Und Winnie spürte, dass er das wirklich glaubte.
Als sie auf dem Flughafen in Fort Lauderdale gelandet waren, wartete eine Limousine auf sie. Steve hielt die Fahrt über seine Augen geschlossen und wiederholte ständig: »Ich bin gespannt, was uns erwartet.« Und Winnie sperrte ihre Augen auf, um nichts zu verpassen. Sie fuhren auf ein Hafengelände, eine Kaimauer entlang und auf einen weißen Ozeandampfer zu. Eine Laderampe war heruntergelassen, und Winnie konnte es nicht glauben, das Auto fuhr die Rampe hinauf und in den Bauch des Schiffes hinein. Hinter ihr schloss sich die Luke, und ein lauter und tiefer Ton erklang. Steve öffnete seine Augen, lächelte und sagte: »Ich hoffe, du wirst nicht seekrank.«
Was dann folgte, waren die schönsten Wochen in Winnies Leben. Der Ozean. Sie hatte nicht gewusst, dass sie eine Seefahrerin ist. Sie hatte die Meere immer als Wüsten aus Wasser empfunden, aber an dem Abend, als sie das erste Mal an Deck dieses Schiffes stand und spürte, wie es die mächtigen Wogen unter sich teilte, da fühlte sich Winnie zu Hause und an ihrem Platz.
Steve gab sich die größte Mühe, sie zu unterhalten. So fuhren sie die schönsten Mittelmeerhäfen an und spazierten Arm in Arm durch die Gässchen, und Winnie zeigte auf diesen Palazzo und jene Kirche. Sie staunte über die vielen Jahrhunderte, die es in diesem Europa gegeben haben musste, und der Nacken tat ihr bald weh vom vielen Nach-oben-Starren. Sie liebte es, wenn Steve unvermittelt stehenblieb, als hätte er etwas Wichtiges vergessen und sie lange und fest küsste.
Sie erlebten die Sonnenuntergänge nicht mehr an Deck, sondern auf den Boulevards und Promenaden der Côte d’Azur, auf den Terrassen der Hotels und Casinos und während rauschender Feste in verwunschenen Gärten. Sie durchquerten die griechischen Gewässer, ankerten vor Inseln, an denen, wie Steve erzählte, Odysseus gestrandet sein musste. Sie gingen an endlosen Schlangen von Touristen vorbei und standen ganz allein, Hand in Hand, in den Hallen der Museen, und Winnie hörte ihr eigenes Flüstern und Steves tiefe Stimme durch die Säle klingen. Sie sahen die lichtüberfüllte Kathedrale von Palma, liefen ungestört durch die Gänge des Colosseums und standen staunend in der Sixtinischen Kapelle. Sie schauten von der Akropolis hinab auf das laute Athen und liefen, von niemandem beobachtet, durch die Tempelstadt Karnak.
Winnie speiste mit echten Prinzessinnen, Scheichs, Ministern, Generälen, berühmten Schauspielern, Malern und Rennfahrern, wobei ihr die Rennfahrer die liebsten waren.
Doch es dauerte nicht lange, bis Winnie eine Müdigkeit überkam, eine Erschöpfung und schließlich doch die Langeweile. Sie verstand nicht, worüber sich diese Menschen, mit denen sich Steve umgab, unterhielten, sie verstand deren Späße nicht und überhaupt nichts, wenn es um deren alltägliche Probleme ging.
Eines Abends, Winnie hatte leichte Kopfschmerzen, trat ihr die Frau eines Geschäftspartners von Steve entgegen und sagte: »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie schwer es ist, in Alexandria vernünftige Handschuhe zu bekommen.« Winnie konnte nicht mitreden, auch wenn Steve sich redlich mühte, sie auf dem Laufenden zu halten. Es gelang ihr nicht, an diesen Gesellschaften teilzuhaben. Sie kam sich vor, und dieses Gefühl steigerte sich von Woche zu Woche, wie jemand, der sich eingeschlichen, wie jemand, der keinerlei Berechtigung zu einem derartigen Leben hat. Oft fing sie Blicke auf, die sagten: ›Du bist nur eine Episode.‹ Andere, und das tat ihr weitaus mehr weh, schienen großes Interesse an ihr zu haben, aber Winnie spürte, dass es eine Neugier war, die sich ebenso gut auf den Häuptling eines Urwaldstammes beziehen konnte. »So, so, Ihr Vater ist Pförtner in einem Rathaus. Wie originell.« Ja, irgendwer hatte tatsächlich »originell« gesagt.
Ab und zu landete ein Helikopter auf dem Deck, und Steve flog zu irgendeiner geschäftlichen Verabredung aufs Festland. Wenn er dann über Nacht blieb, stieg Winnie die vier Decks zum Schiffspersonal hinunter und lud sie auf ein paar Getränke ein. Die Partys, die dort gefeiert wurden, hellten ihre Stimmung regelmäßig auf.
Nach drei Monaten Mittelmeerkreuzfahrt traten sie die Heimreise an.
Eines Nachts, mitten auf dem Atlantik, wachte Winnie auf. Es war stockfinster im Schlafzimmer. Steve lag nicht neben ihr. Sie bemerkte, wie das Schiff schwankte. Sie hörte, wie im Badezimmer etwas umfiel und auf dem Marmorboden hin- und herrollte. Sie stand auf, zog sich ihren Abendmantel über und verließ das Zimmer. Sie torkelte durch die Gänge, die Treppen hinauf; Winnie wusste, dass man bei starkem Seegang den Lift nicht benutzen sollte. Ein unheilvolles Donnern wurde lauter, und sie folgte ihm, wie hypnotisiert, stieß beim Gehen immer wieder gegen die Wände. Vor der Tür zum Skysalon standen Miguel und Dominic und hielten Winnie davon ab, hineinzugehen. Sie blickte durch das Bullauge der Tür. Der schwarze Flügel hatte sich von seinen Beinen gerissen, die nur noch als zersplitterte Stümpfe in ihren Halterungen steckten. Sie sah, wie der amputierte Flügel durch den Salon rutschte, wie er Tische und Stühle mit entsetzlichem Lärm vor sich herschob und gegen die Wände schmetterte. Die Saiten in ihm klangen bei jedem Schlag, und Winnie ergriff ein Entsetzen vor dieser höllischen Musik.
Sie stieg die Treppe zur Brücke hinauf und trat ein. Charles, der Kapitän, saß nicht in seinem Sessel. Er stand frei vor dem großen Fenster, gegen das die Gischt der Wellen schlug. Sein Körper vollführte schwindelerregende Bewegungen in alle Richtungen. Dann schien es nicht mehr Charles zu sein, der sich bewegte, sondern das schwere Schiff, das um seinen Kapitän herum schwankte.
»Kein Grund zur Sorge«, sagte er zu ihr, und dabei lächelte er den Steuermann an. »Zum Glück ist das hier kein Fischkutter.«
Sie fragte, wo Steve sei, und Charles antwortete nur: »Online.«
Winnie lief nach unten und in Steves Arbeitszimmer. Er saß an seinem Schreibtisch, und Sanchez lümmelte auf dem Sofa, die Beine auf die Lehne gelegt. Wie der Kapitän schienen auch die beiden vollkommen unbeeindruckt von dem, was draußen vor sich ging. Sie saßen in dieser Kabine wie in einem Büro in San Francisco. Als Steve ihr beunruhigtes Gesicht sah, sagte er, dass er sich gleich um den Flügel kümmern werde.
»Was machst du?«, fragte sie ihn und versuchte, nicht ängstlich zu klingen. Eine Frage, die sie ihm noch nie gestellt hatte.
»Wir müssen das noch schnell erledigen. Nachher ist sicher der Empfang weg«, sagte Steve.
Es muss an dem Unwetter gelegen haben, dass sie zu seinem Schreibtisch ging und sich neben ihn stellte. Sie wollte von ihm in die Arme genommen werden. Sie hatte Angst. Steve küsste kurz ihre Hand, und Winnie sah, wie Steve eine Zahl von einem Blatt ablas und in den Computer eintippte, eine nicht enden wollende Zahl, und sie sah, wie er dahinter vermerkte: ›Terminüberweisung: Montag 9:00 Uhr ausführen.‹ Dann schickte er die Nachricht ab. »So, fertig«, sagte er, und Winnie fragte, was das für eine Überweisung gewesen sei. Steve blickte zu ihr auf und antwortete: »Das ist eine Spende.«
»Eine Spende für wen?«, fragte Winnie, und Steve sagte: »Für eine gute Sache.«
In diesem Moment neigte sich das Schiff in einer anhaltenden Bewegung nach rechts, und Winnie hielt sich an Steves Schreibtisch fest. Es fühlte sich an, als würde dieses Kippen nie aufhören, und ihr stockte der Atem. Steve und Sanchez erhoben sich und standen ganz schräg im Raum. Das Schiff drehte sich langsam zurück, und Winnie atmete erschöpft aus.
Als sie die Brücke erreichten, übersah Steve die Lage und besprach sich mit Charles. Beide stellten fest, dass es eine ungemütliche Nacht werden würde. Und das wurde es auch.
Winnie bat Steve, mit ihr unter Deck zu kommen, doch er erklärte ihr, dass er auf der Brücke bleiben müsse und dass es auch für sie besser wäre, wenn sie bei ihnen bliebe. Denn ein Sturm sei im Bauch eines Schiffes schwerer zu ertragen als auf der Brücke. Sie wäre auch geblieben, aber sie ertrug das harte Schlagen der Gischt gegen die Fenster nicht. Sie erschrak, wenn sich das Schiff nach rechts oder links legte und die schwarzen Wellen sich vor und neben ihr wie riesige Felswände aufstellten. Und sie ertrug das unaufhörliche Schwanken des Kapitäns nicht länger.
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