Kitabı oku: «Leichenfund am Concordiasee»

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Leichenfund am Concordiasee

1  Titel Seite

2  2. Salzlandkrimi

3  Titel

4  Prolog

5  Leichenfund am Concordiasee

Titelseite

2. Salzlandkrimi

Ein herzliches Dankeschön an die Polizeischule Aschersleben sowie der Polizeidirektion Süd und Steffen Claus für die Unterstützung. Weiterhin möchte ich mich bei Bridget Nash, Thea Theil und Cornelia Roth für die Hilfestellung bedanken.

Die Personen und Handlungen dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Titel

Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt.

Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mit Hilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Autorin untersagt.

Alle Rechte vorbehalten © September 2021

Impressum:

Texte:© Copyright by Marion Romana Glettner

Umschlag:© Copyright by Wine van Velzen

Prolog

Ein älterer Mann mit Weste saß in den frühen Morgenstunden am Ufer des Condordiasees und angelte. Es war windstill und langsam hellte sich der Himmel auf. Der See war ruhig und das Wetter ideal, damit Fische anbissen. Ein Kescher und Eimer lagen im Gras. Der Mann starrte auf den Schwimmer und wartete darauf, dass ein Fisch anbiss. Plötzlich hörte er laute und streitende Männerstimmen. Danach folgten Knallgeräusche und Geschrei. Er wollte gerade nachsehen, was los war, als sein Schwimmer unter Wasser gezogen wurde. Ein Fisch hatte angebissen. Schnell zog er die Angel ein, aber der Fisch war im See verschwunden. Zur gleichen Zeit hörte der Angelsportler eine Autotür zuknallen, den Motor starten und Lichtkegel entfernten sich in Richtung Straße nach Aschersleben. Erbost darüber, dass sein Fang misslungen war, stand er auf und ging in die Richtung, woher der Streit kam. Auf einem Rasenstück am Uferbereich bemerkte der Angler zahlreiche Abdrücke auf der Erde. Plötzlich sah er einen Schuh. Im Gebüsch lag ein Mann. Schlief er? Er erschrak, als er die unnatürliche Lage des Körpers sah und vermutete, dass es eine Leiche war. Schlagartig erblasste er und fast wäre er vor lauter Angst getürmt. Der Petrijünger sah sich um und lauschte. War noch jemand hier, der ihm gefährlich werden konnte? Nichts war zu hören. Sein Herzschlag beruhigte sich etwas. Der Angler nahm mit seiner zittrigen Hand sein Handy aus der Westentasche und rief die Polizei an. Nach einer gefühlten Ewigkeit traf Kommissar Ben Schön von der Mordkommission mit seinen Leuten am Tatort ein und übernahm die Ermittlungen.

Leichenfund am Concordiasee

1. Kapitel

Kurz vor Mitternacht streiften zwei vermummte Gestalten durch ein Villenviertel in Staßfurt. Die Männer hielten sich zwischen Bäumen oder hinter Hecken versteckt. Es war sehr dunkel, da es sich um eine Nacht handelte, wo der Mond hinter den Wolken verschwunden war. Ein Tor quietschte, als die Unholde daran rüttelten. Heftig zogen sie daran, aber es blieb verschlossen und so schoben sie sich durch eine Lücke in der Buchsbaumhecke auf das Grundstück. Leise in gebückter Haltung schlichen sie über die Rasenfläche bis zum Haus. Nirgendwo fanden sie Einlass in das ausgespähte Anwesen. Alle Fenster waren fest verschlossen, keine Maus kam hier herein. Nicht einmal eine Katze schlich über das Grundstück. Es herrschte Totenstille, kein Schrei eines Käuzchens oder den eines anderen Tieres konnten sie wahrnehmen. Die Gangster umrundeten das Gebäude und wollten die Hintertür aufbrechen. Der Bewegungsmelder reagierte prompt und löste Alarm aus. Licht überflutetet das Grundstück, eine Sirene ging in hohen Tönen los. Erschrocken über die Helligkeit und die laute Sirene rannten sie über das Grundstück und retteten sich mit einem Sprung über die Hecke. Sie rannten die Straße entlang, bis sie beim abgestellten Wagen waren. Blitzschnell sprangen sie hinein und rasten davon.

An einem schönen sonnigen Märztag entdeckte meine Freundin Anne im Schaukasten neben dem Eingang zur Freizeitanlage am Löderburger See eine Einladung, für das jährliche Campertreffen. Solche Treffen gab es in jedem Jahr, einschließlich zahlreicher Veranstaltungen für Sonnenanbeter und Schwimmer.

„Interessante Neuigkeiten wird es geben“, dachte sie.

Einige der anwesenden Dauercamper unterhielten sich lautstark. Es mutete wie im Entenstall an, so laut war das Geschnatter aus den Parzellen. Dem Stimmengewirr nicht folgend, bekam Anne nur Wortfetzen mit, sie war in Eile.

„Möglicherweise erfahre ich heute Abend während des Treffens mehr“, überlegte meine Freundin.

Annes Borderdcolliehündin hütete das Grundstück am See und meine Freundin ging in ihrem blauen Jogginganzug gut gelaunt in Richtung Veranstaltungszelt. Bevor sie das Zelt erreichte, wurde sie von einigen Campern angesprochen. Es hatte sich natürlich herumgesprochen, dass Anne, Lisa und ich, als Hobbydetektivinnen im letzten Sommer bei der Lösung eines Kriminalfalles, der sich in unserer Gegend abspielte mitgeholfen hatten, die Täter zu überführen. Anne wurde von einer dicken Camperin vom Platz zur Seite genommen und angesprochen. Die Moppelige war total aufgeregt und ihr Gesicht puterrot. Die Hobbydetektivin Anne achtete nicht auf die Schwelle vor dem Zelt und wäre beinahe gestolpert. Gerade noch rechtzeitig bekam die Stolpernde einen Stofffetzen vom Eingang des Festzeltes zu fassen, um so den Sturz zu verhindern. Das fehlte ihr gerade noch, dass sie sich verletzte. Anne strich ihre Hose sauber und warf ihren blonden Pferdeschwanz in den Nacken.

„Was ist denn los?“, wollte Anne aufgeregt wissen.

„Stell dir einmal vor. Bei einem flüchtigen Bekannten in der Nachbarschaft sprang vor einigen Tagen die Alarmanlage am Haus an. Die Sirene hörte man noch drei Straßen weiter. Wenn du ein wenig Zeit hättest, würde ich es dir gern erzählen. Ich hörte auch von einigen Einbrüchen. In unserem Viertel tauchten dann Männer in Uniform auf, die an den Haustüren klingelten und fragten, ob man was gesehen oder beobachtet hätte. Sie erklärten, dass die Leute größere Mengen Bargeld sowie Schmuck nicht im Haus haben sollten und boten an, es an sich zu nehmen. Natürlich gegen ein Formular, auf dem gelistet wurde, was die Bewohner den Beamten in Obhut gaben. Später, wenn die Einbrecher gefangen worden waren, könnten sie ihr Hab und Gut auf dem Polizeirevier wieder abholen. Leider waren das keine echten Polizisten, denn sie haben sich nie wieder gemeldet“, erzählte Karin, eine Camperin vom See. Zu erwähnen wäre noch, dass diese Polizisten nur bei den älteren Menschen klingelten und dass sie anscheinend sehr dringlich auf sie eingeredet hätten. Anne stutzte.

W as sind das nur für arglose, dumme Menschen. Man sollte, man, bevor man Geld, Schmuck oder andere Wertgegenstände jemandem an der Haustür anvertraut, selbst wenn sie sich als Polizisten ausgeben, auf der Dienststelle anrufen und sich erkundigen, ob diese Personen auf dem Revier bekannt sind.

Insgeheim dachte sich Karin, dass Anne bessere Beziehungen zur Polizei habe und etwas mehr von den Ermittlungen erfahren würde. Annes Neugier war schnell geweckt. War das eventuell ein neuer Fall für unser Trio?

Die Sonne kitzelte mich an meinem freien Tag wach. In meiner Nase begann es zu kribbeln und meine Haut erwärmte sich. Genüsslich streckte ich mich im Bett aus, stand auf und lief in meinem blauen Schlafanzug und barfuß in die Küche, um mein Frühstück zuzubereiten. Während mein Ei kochte, der Kaffee durchlief und das Körnerbrötchen bräunte, schaute ich nach, ob die Sonntagszeitung bereits auf meinem Abtreter lag. Meine überaus neugierige Nachbarin brachte sie oft nach dem Gassigehen mit in die erste Etage und warf die News auf meinen Abtreter. Rasch entriegelte ich meine Wohnungstür, hob eilig die Lektüre auf, denn ich hoffte unentdeckt zu bleiben. Plötzlich öffnete sich die Tür gegenüber.

„Hallo Mona, musst du heute nicht in den Radiosender?“, überraschte mich meine dicke Nachbarin.

Ihr bissiger Terrier stürmte zähnefletschend auf mich zu. Das Tier ging auf alles los was Beine hatte. Ich mag Hunde, aber dieser war nicht erzogen und hörte auch nicht. Sein Frauchen war die Neugier in Person und mischte sich überall ein. Aus diesem Grund war ich nur freundlich und kurz angebunden.

„Nein,heute nicht“, war meine Antwort und ich schloss die Tür.

Ich vernahm noch, wie meine Nachbarin ihren Rüden anbrüllte.

„Schnäuzelchen komm her! Die Tante mag uns nicht!“

Meine Nachbarin schmiss die Tür mit einer Wucht zu, wobei die Pfosten vibrierten. Hatte sie wieder hinter der Tür gesessen und spioniert? Nach diesem Auftritt war ich froh wieder meine Ruhe zu haben und begab mich in die Küche. Der Kaffee war durchgelaufen und das Brötchen duftete herrlich. Erst mal in Ruhe frühstücken und dabei die Zeitung lesen, danach könnte der Tag beginnen. Bei meiner zweiten Tasse Kaffee fiel mein Blick auf einen Bericht. Beinahe hätte ich mich vor Aufregung an dem heißen Gebräu verschluckt. Wie gebannt hefteten sich meine Augen an den Artikel:

„BANKRAUB IM SALZLANDKREIS!“

Schon wieder? Das konnte doch nicht wahr sein. Das war mittlerweile der zweite Überfall in unserer Region. Nun war es an der Zeit, dass die drei Detektivinnen Mona, Anne und Lisa wieder in Aktion traten und den zweiten Fall lösten. Natürlich wieder in Zusammenarbeit mit Kommissar Ben Schön, mit dem wir seit einigen Jahren befreundet waren. Umgehend nahm ich den Telefonhörer zur Hand und wählte zuerst die Telefonnummer von Anne. Denselben Anruf erhielt Lisa von mir, auch sie war neugierig, doch ich ließ die Katze noch nicht aus dem Sack.

„Wir treffen uns morgen nach dem Mittagessen wie immer am Löderburger See, oder habt ihr keine Zeit?“, sprudelte ich aufgeregt los.

„Um was geht es denn?“, erkundigte sich Anne neugierig.

„Es ist wichtig und ich erzähle es Dir und Lisa morgen. Nach dem Mittagessen fahre ich zum See“, legte ich fest.

Lisa und Anne platzten beinahe vor Neugier, als wir uns wie verabredet auf dem Campingplatz trafen. In unserem ersten Fall konnten wir bereits Kommissar Schön bei der Aufklärung eines Mordfalles helfen. Damals wurde im Lausehügel bei Güsten eine unbekannte männliche Leiche gefunden. Während Kommissar Ben Schön mit dem LKA Magdeburg zusammen arbeitete, ermittelten wir Undercover in einem Schönheitssalon und in der Erotikszene. Nebenbei deckten wir eine Einbruchsserie auf und fanden die Drahtzieherin des Mordes. Wir sollten uns aus weiteren Ermittlungen heraus halten, weil Anne in Gefahr geriet, aber hier war wohl wieder unsere Initiative gefragt.

Gleich nach dem Mittagessen zog ich mir meine Jeans und ein Shirt an. Vorsichtshalber packte ich meinen weichen Lieblingspullover in die Tasche. Oft war es frisch am See und mir war schnell kalt. Dieser Situation wollte ich entgehen, bibbernd auf fremde Sachen angewiesen zu sein. Zumal mir Annes Sachen um die Schultern viel zu weit waren. Mit einem Stoffbeutel in der Hand, in dem ich Knabbergebäck und Mineralwasser dabei hatte, ging ich frohgelaunt die Treppe hinunter und um den Block, wo mein Auto parkte. Ich setzte mich in meinen Toyota, startete und machte mich auf den Weg zum Treffpunkt. Die Sonne schien und die Luft war angenehm warm auf meiner Haut. Kurz hinter Winningen kurbelte ich mein Autofenster runter, um die herrliche frische Luft zu genießen. Riesige gelbe Rapsfelder flogen an mir vorbei, die Laubbäume zeigten die ersten Knospen und säumten die Straße. Herrlich! Der Himmel war blau, außer ein paar winzigen weißen Federwölkchen. Ich musste mich auf den Verkehr konzentrieren, da einige Fahrer hinter mir zu dicht auffuhren. Ich ließ mich nicht beirren und fuhr vorschriftsmäßig weiter. Ab der Kreuzung zum Flugplatz Cochstedt führte mich die Straße nach Schneidlingen steil bergab. An dieser Stelle hatte es schon etliche Unfälle gegeben. Ich traute meinen Augen nicht, als mich einige Fahrzeuge an diesen Stellen rasant überholten. Beinahe hätte es einen Zusammenstoß zwischen zwei entgegengesetzten Wagen gegeben. Automatisch trat ich auf die Bremse, wobei das hinter mir fahrende Fahrzeug mir bedrohlich nahe auffuhr. In der Senke kam die Tankstelle in Schneidlingen in Sicht. Dahinter auf einem eingezäunten Grundstück grasten Pferde, welch friedlicher Anblick. Ein hübscher Apfelschimmel erregte mein Aufsehen. Ich fuhr weiter in Richtung Staßfurt. Bis zum See war es nicht mehr weit. Ein braunes Hinweisschild deutete mir den Weg. Fast hätte ich es übersehen.

Nach wenigen Minuten und einigen engen Kurven stellte ich meinen Toyota auf dem Parkplatz neben dem Campingplatz ab und sah, dass die Autos von Anne und Lisa bereits dort parkten. Gleich neben der Parkfläche befand sich ein hoher Zaun, welcher das Freizeitgelände umgab. Einige Meter am Zaun entlang befand sich ein großes Eisentor, wodurch die Camper fahren durften. Dort stellte ich mich hin und stieß einen lauten Pfiff aus. Annes Borderdcolliehündin Blacky machte sich bemerkbar und kündigte mich an. Schwanzwedelnd kam sie an das Tor gerannt und sprang vor laute Freude im Kreis. Anne kam mit einem Schlüsselbund in der Hand lächelnd hinterher gelaufen, schloss das Tor auf und wie immer war die Begrüßung herzlich. Kaum wurde das Tor geöffnet, sprang die Hündin an mir hoch und freute sich auf ein Leckerli, welches ich gewohnheitsmäßig in meiner Hosentasche verstaut hatte. An den Garagen und Wohnwagen vorbei folgte ich Anne und Blacky auf einem breiten Kiesweg zu ihrem Grundstück mit Wohnwagen. Schon als ich vor ihrem Gartenzaun stand, nahm ich die vielen üppig blühenden Blumen in den Töpfen wahr. Es sah wunderschön und bunt aus. Als gelernte Gärtnerin besaß meine Freundin Anne einen grünen Daumen. Rings um die Anlage grünte und blühte alles. Entlang des Zaunes hatte sie Schilf als Sichtschutz angepflanzt, was gut war gegen neugierige Nachbarn. Am Grundstücksrand standen große Blumentöpfe mit vielen Pflanzen wie Geranien, Hornveilchen und Petunien. Als wir am Vorzelt ankamen, sah ich Lisa bereits auf der brauen Bank sitzen und ihren mitgebrachten Salat putzte. Verschmitzt sah sie mich an, denn sie wusste, was ich von Salat hielt. Auf dem Tisch in der Nähe des Ufers standen bereits zwei Gläser mit einer Flasche Saft und Mineralwasser. Anne bemerkte meinen fragenden Blick, begab sich umgehend in das Vorzelt und kam anschließend mit einem weiteren Glas für mich zurück. Blacky bekam von ihrem Frauchen einen Knochen. Die Hündin verzog sich in eine Kuhle hinter einem Baum und das Knacken des Knochens war nicht zu überhören.

„Komm und setz dich zu uns“, wurde ich aufgefordert.

„Ich ziehe mich kurz im Wohnwagen um. Ist das ok für euch?“

Mit meiner Tasche ging ich in Annes Vorzelt, packte den Inhalt auf den Tisch auf der linken Seite und zog mich um. Über meinen neuen blauen Bikini zog ich vorsichtshalber das T-Shirt. Anschließend ging ich zurück zu meinen Freundinnen. Gemütlich saßen wir in unserer Freizeitkleidung am Tisch und hielten Smalltalk. Eine plötzlich auftretende Windbö ließ Lisa frösteln, eilig legte sie sich ihren mitgebrachten weiten Pullover um die Schulter. Am Horizont stieg bereits die Sonne höher und die Luft würde sich schon bald erwärmen.

„Nun spann uns nicht auf die Folter“, begann Anne und sah mich fragend an.

Blacky kam zu mir gelaufen, lag zu meinen Füßen und sah mich an, so als ob sie mir zuhören wollte. Ich erzählte von dem Bericht aus der Zeitung und von den Einbrüchen. Gespannt stützten meine Freundinnen ihre Arme auf dem Tisch ab und hörten interessiert zu. Ich nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas und die Hündin zeigte die Zunge, als wollte sie mir sagen, dass sie auch Durst hatte. Kurz entschlossen stand ich auf, holte Schlabberwasser aus der kleinen Küche und goss es meiner vierbeinigen schwarzweißen Freundin in eine Schüssel. Sofort schleckte sie alles leer. Also doch.

„Setzt dich wieder zu uns“, meinte Lisa und die Freundinnen rückten ihre Stühle etwas beiseite.

„Und wo überall?“, wurde ich von Anne und Lisa gefragt.

Unter sechs Augen führten wir unser geheimes Gespräch, weil es immer neugierige Ohren gab. Oft dachten die lieben Nachbarn, dass wir es nicht bemerkten. Selbst sprachen sie sehr laut und lärmten. Das Radio dröhnte laut aus irgendeinem Zelt und die Kinder tobten herum. Ohne Rücksicht auf andere Camper wurde gefeiert bis in die Morgenstunden. Manchmal konnten wir hören, was gerade im Fernsehen lief. Wenn wir uns unterhielten, wurden die Geräusche und Gespräche aber leise, denn die Neugierde siegte und die angrenzenden Leute lauschten. Heute sollte der Buschfunk nicht gefüttert werden.

„In der Presse stand, dass in Aschersleben und Giersleben in Banken eingebrochen wurde“, fuhr ich fort.

„Was?“, reagierte Anne erschrocken und krempelte ihre Ärmel hoch.

Das konnte doch nicht sein. Lisa kraulte das schwarz-weiße Fell der Hündin und vor Erregung bekam Anne rote Wangen.

„Davon weiß ich nichts. So etwas spricht sich doch herum“, meinte sie.

„Was meint ihr? Wollen wir versuchen, den Fall zu lösen?“, murmelte ich in die Runde.

„Klar. Das wäre dann unser zweiter Fall. Allerdings müssen wir noch mit Kommissar Ben Schön sprechen.“

„Hoffentlich erzählt er uns etwas über die Banküberfälle. Das könnte schwierig werden.“

Im ersten Fall hatten die Privatdetektivinnen dem Kommissar bei einem Mordfall geholfen und sind nun mit ihm befreundet. Allerdings sollten wir uns künftig zurück halten, weil Anne fast umgebracht wurde.

„Kommt, wir laden den Kommissar für morgen an den See ein. Das Wetter soll herrlich werden. Vielleicht kommt auch die Gerichtsmedizinerin Monika Müller mit“, regte ich an.

„Gute Idee, Mona. Das machen wir“, kam die Zustimmung meiner Freundinnen.

Ich hatte bereits mein schwarzen Handy in der Hand und wählte Bens Nummer. Nach dem zweiten Klingelton wurde abgehoben und mein Herz klopfte vor Aufregung. Ob der Kommissar wohl morgen kommen würde?

„Hallo Ben. Schön, dass ich dich erreiche. Störe ich?“, fragte ich vorsichtig nach.

Vor Aufregung strich ich mir durch mein kurzes dunkles Haar.

„Hallo Mona. Du störst nicht. Was gibt es denn? Habt ihr wieder einen Fall?“, wollte er neugierig wissen und wünschte, dass es nicht so war.

Während ich einen Kloß im Hals hatte, ahnte er bereits die Antwort. Hatte er mich durchschaut? Ich hoffte nicht. Mein Handy hatte ich laut gestellt, damit meine beiden Hobbydetektivinnen mithören konnten.

„Ich wollte fragen, ob du morgen Lust hast an den See zu kommen. Vielleicht kommt Monika ebenfalls mit“, forschte ich vorsichtig nach.

„Nun bin ich aber neugierig und komme gern. Wir sehen uns dann am See“, versprach der Kommissar.

Lisa und Frau Doktor Müller sagten ebenfalls zu. Was war nur mit unserer blonden Hobbydetektivin los?

„Was hast du?“, fragte ich Anne.

„Ich wurde von einer Camperin angesprochen, ob ich ihr helfen könnte“ , antwortete die Hobbykriminalistin und spielte mit ihrem blonden Pferdeschwanz.

Dabei rollte sie ihr blondes Haar immer um einen Zeigefinger.

„Um was geht es denn?“, fragte nun auch Lisa.

„Lasst uns erst einmal ins Wasser springen. Dann grille ich uns etwas Leckeres. Später erfahrt ihr alles aus erster Hand“, kommentierte Anne, stand auf und lief über ihre Stufen am Grundstück in den See. Typisch Anne. Anne war eine Wasserratte. Lisa und ich liefen in den Wohnwagen und zogen uns um. Neugierig sah uns die Hündin hinterher. In schnittigen Bikinis und Badelatschen nahmen wir den Weg zum Sandstrand und die Hündin wollte mit. Sie lief hinter uns her.

„Du kannst nicht mit. Pass auf das Grundstück auf“, sprach ich Blacky an.

Traurig drehte sie sich um und legte sich in eine Kuhle auf dem Grundstück. Wir gingen in Badelatschen den Weg an den Campingwagen vorbei bis zu einer braunen Bank. Sie stellten gerade neben der Bank ihre Latschen ab, als Lisa stutzte.

„Was ist los“, fragte ich.

„Irgendwer beobachtet uns. Ich spüre die Blicke.“

Verdutzt sah ich mich um. Nur Badegäste, Kinder spielten laut auf dem Rasen mit einem Ball und im Wasser waren Wassersportler und Schwimmer zu sehen. Viel Lärm und Lachen von Badegästen und Campern.

„Komm ins Wasser“, meinte ich und zog Lisa mit mir mit.

Wir tobten und lachten im See bis, unsere Mägen knurrten. Anne hörte das grummelnde Geräusch, schwamm bis zum Steg an ihrem Grundstück und ging die Steinstufen hinauf, um den Grill anzuzünden. Sie schaute entsetzt auf ihre Füße, welche grün waren. Was war das? Ein Blick zurück ins Wasser zeigte, woran es lag. Auf dem Grund des Wassers befanden sich überall Algen. Ein großer grüner Teppich hatte sich vor Annes Seeeinstieg ausgebreitet. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Nachdem sich Anne abgetrocknet und umgezogen hatte, hörte sie von den Nachbarn Lockrufe ausstoßen. Nun neugierig geworden, schaute sie aus dem Vorzelt. Mit einem Schlag wurde ihr klar, woher der riesige und ekelige Algenteppich kam. Die Nachbarn fütterten ein Schwanenpaar mit fünf Jungen. Klar, die ließen ihre Hinterlassenschaften ab und so bildeten sich die Algen. Das würde viel Arbeit bedeuten, alles zu beseitigen.

Nun wurde aber schnell der Grill angeschmissen. Alle hatten sicher Hunger. Es würde einige Zeit dauern, bis wir essen konnten. Mein Hungergefühl war so stark, dass ich mich entschloss, ebenfalls aus dem Wasser zu steigen. Einige Camper und Gäste hatten das Knurren in meinem Magen bestimmt schon gehört. Lisa ging es ähnlich wie mir und sie folgte mir.

„Ich habe einen riesigen Hunger“, sagte ich zu Lisa und gemeinsam gingen wir barfuß den Sandstrand bergauf bis zu einer Bank, wo unsere Badelatschen auf uns warteten.

Einige Camper saßen vor ihren Wohnwagen auf Stühlen und grillten bereits. Der deftige Fleischgeruch stieg uns in die Nase, ein lautes Grummeln in unseren Mägen war das Ergebnis. Ein Blick durch das Schilf zeigte uns, dass Anne am Grill hantierte.

„Es dauert noch etwas. Der Salat steht noch im Kühlschrank und hilft vorerst gegen den Riesenhunger“, rief sie uns zu.

Annes Camperfreunde mussten es gehört haben und luden uns winkend zu sich ein.

„Kommt zu uns. Möchtet ihr etwas essen?“, wurden wir gefragt und angelächelt.

Hatten sie unser Magenknurren gehört? Hoffentlich nicht. Die Einladung ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir bewegten uns in Badelatschen auf die Einladenden zu. Fast wäre ich über ein Grasbüschel gestolpert, konnte mich aber gerade noch abfangen. Lisa packte mich noch rechtzeitig am Arm, bevor ich fiel. Ich war so hungrig, dass ich nicht auf den Weg achtete. Die Camperfreunde holten uns Stühle aus ihrem Wohnwagen und stellten sie draußen an den Tisch. Wir setzten uns und bevor wir etwas sagen konnten, lagen bereits Schmorwürste und Steaks auf den Tellern. Auch Ketchup und Getränke luden zum Schmausen ein. Wir konnten uns kaum beherrschen, aber das Essen lockte zu sehr. Unsicher warf ich einen Blick in die Richtung von Annes Grundstück. Nichts war zu hören. Wir mussten uns zusammennehmen, um nicht das Fleisch gierig in uns reinzuschlingen. Es mundete herrlich und das Besteck klapperte beim Essen. Auf das Bier verzichteten wir, weil wir noch Auto fahren mussten und da tranken wir generell keinen Alkohol. Lisa warf gerade einen neugierigen Blick auf diverse leckere Salate, als Annes Ruf ertönte.

„Das Essen ist fertig!“, schallte es zu uns herüber.

Eilig standen wir auf, bedankten wir uns bei den Campern für das Essen und gingen zurück auf Annes Grundstück. Wie es aussah, hatte sie uns nicht gesehen, wie wir bei den Campern schlemmten. Leise öffnete ich die braune Holztür am Zaun von Annes Grundstück und steuerten auf das Vorzelt zu. Lisa folgte mir grinsend. Als ich mich zu ihr umsah, bemerkte ich an ihrem Mund Reste von Ketchup.

„Warte einmal. Du hast Ketchup am Mund“, meinte ich leise zu Lisa.

Ich zog Lisa zu mir ins Vorzelt, wo unsere Sachen lagen, nahm ein Tempotaschentuch aus meiner Tasche und wischte ihr den Ketchup aus dem Gesicht. Nicht, dass Anne bemerkte, dass wir heimlich etwas genascht hatten. Anne rief uns von draußen etwas zu.

„Bringt ihr bitte das Geschirr und Bestecke mit?“, hörten wir unsere Freundin, welche am Grill stand und das Fleisch wendete.

„Du nimmst die Teller und ich das Besteck“, forderte ich Lisa leise auf.

Die Hündin ahnte, dass es bald etwas zu fressen gab. Sie rannte laut bellend zwischen uns und Anne hin und her, als ob sie sagen wollte, dass wir schneller laufen sollten. Mit vollen Händen eilten wir an den Tisch und stellten alles ab. Wir verteilten Geschirr und Besteck, die Gläser standen bereits an unseren Plätzen. Das Fleisch duftete nebenan auf dem Grill und der Rauch zog gerade nach oben in die Zweige des Laubbaumes.

„Setzt euch. Sicher habt ihr großen Hunger!“, meinte Anne.

„Ich muss euch etwas erzählen“, meinte unsere Freundin vom Grill.

Sie berichtete die Sache mit den Schwänen. Nun aber erzählte sie so laut, dass es die Nachbarn hören mussten. Dabei sah uns Anne forschend an, als ob sie bemerkt hatte, dass wir bereits geschlemmt hatten. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen, ließ mir allerdings nichts anmerken. Anne hatte schließlich noch nichts gegessen. Hoffentlich hatte sie nichts bemerkt und verdächtige Spuren hatte ich beseitigt.

Damit es nicht auffiel, schlugen wir bei den Speisen zu. Unter unserem Tisch zu unseren Füßen lag Blacky und wartete artig auf Knochen von den Steaks und Stückchen von den Schmorwürsten. Nach dem ausführlichen Gelage wollten wir gerade den Tisch abräumen, als plötzlich eine Frau mittlerem Alters an der Gartentür stand und zu uns sah.

„Hallo Anne!“, ertönte eine aufgeregte Stimme zu uns.

Neugierig drehten wir uns um. Was wollte die Frau? Was gab es so dringendes zu berichten, dass sie uns stören musste? Fast hätte Lisa die Teller fallen lassen, so erschrocken war sie.

„Hallo Karin, komm herein“, rief Anne.

Die gewichtige Dame betrat das Grundstück und Anne stellte sie uns als Camperin vor, welche unsere Hilfe benötigte.

Die uns Unbekannte nickte uns flüchtig zu. Was wohl so viel heißen sollte, dass wir ebenfalls zuhören sollten. So kannten wir unsere Freundin Anne nicht. Neugierig hörten wir zu, was es so interessantes zu berichten gab. Karin wusste nicht richtig, wie sie beginnen sollte und rang mit ihren Händen. Anne half ihr beim Einstieg.

„Das ist Karin, eine Camperin. Sie bat mich um Hilfe, besser gesagt um unsere.“

Nun wurden wir hellhörig. Noch ein weiterer Fall?

Zuerst stellten wir uns vor.

„Anne kennst du sicher. Sie ist auch Hundetrainerin, was du vielleicht nicht weißt. Lisa ist Allgemeinärztin aus Magdeburg und ich wohne in Aschersleben und arbeite bei Radio Hbw. Wir lieben Krimis und wenn uns etwas interessiert, helfen wir manchmal der Polizei.“

Die Blondine schluckte erst vor Aufregung und begann schließlich zu berichten.

„Wurde bei dir eingebrochen? Wenn ja, was wurde denn gestohlen?“, fragten wir nach.

„Nichts. Das ist es ja. Ich habe nachgesehen, auch im Tresor.“

„Du hast einen Tresor?“

„Ja, da sind Schmuck und Geld deponiert. Aber in der Wohnung standen auch wertvolle Dinge, die hatte der Einbrecher stehenlassen. Auch in anderen Häusern in der Nähe, gab es Einbruchsversuche.“

„Ja, es waren zwei Polizisten in Uniform hier und haben sich alles angesehen, sowie ein Protokoll aufgenommen. Es wird gegen unbekannt ermittelt, aber viel Hoffnung machten mir die Polizisten nicht.“

„Unser Viertel ist gut situiert, will ich mal sagen, also ich meine, keine Fabrikarbeiter oder so, leben da. Die Häuser waren alle teuer und auch die Einrichtungen haben eine Stange Geld gekostet. Die Leute, die da wohnen, können es sich auch leisten, wenn ihr versteht, was ich meine.“

„Wir Frauen treffen uns manchmal zu Hauspartys. Immer bei einer anderen Familie“, betonte die Camperin.

„Entschuldige bitte, was sind Hauspartys?“, fragte Anne vorsichtig nach.

„Wir Damen treffen uns gelegentlich und laden Frauen ein, die zum Beispiel auf teure Unterwäsche oder Schmuck stehen. Die Anbieter für solche Verkaufspartys haben wir auf der Straße getroffen.“

„Also, solch eine Art Tupperparty? Kann es nicht sein, dass eine der Frauen den Diebstahl begangen hat?“, fragten wir neugierig.

„Nein, das glaube ich nicht. Die Frauen, die Schmuck oder Reizwäsche anbieten sind so nett und sehen absolut vertrauenswürdig aus. Wir probieren bei einem Gläschen Sekt alles aus und kaufen dann einige Produkte. Aber ich las in der Presse von Betrügern, die mit einem Ketten-Ketten-Trick Frauen abzocken.“

Davon hatten wir noch nie gehört.

„Da wurden Frauen auf der Straße angesprochen und in ein Gespräch verwickelt.“

„Ja und?“

„Manchmal wurde nach dem Weg gefragt. Unter vorgetäuschter Dankbarkeit wurde Körperkontakt hergestellt und dabei Schmuck gestohlen. Die Opfer bemerkten es erst viel später und bis dahin waren die Täter verschwunden.“

2. Kapitel

Die beiden seit Jahren befreundeten Bauarbeiter saßen in der glühenden Mittagshitze auf einer Baustelle in Aschersleben. Das Thermometer zeigte genau wie gestern 36° an, es war unerträglich heute zu arbeiten. Die Missgelaunten öffneten ihre Lunchboxen mit den eingepackten Broten. Der Käse war bereits am Rand angetrocknet, die Wurststücke sahen traurig aus und die Tomatenviertel waren lasch. Sogar das Brot war trocken und schmeckte nicht. Die übellaunigen Männer waren wütend auf ihre Arbeit und ihren Vorarbeiter, immer in der Hitze für wenig Lohn zu schuften, war nicht ihr Ding.

„Ich habe die Schnauze voll von dieser Drecksarbeit. Bei der Gluthitze für einen Hungerlohn schuften, aber was soll ich tun? Ich brauch ja die Kohle. Unser Capo mault auch ständig, dass nicht alles schnell genug geht. Leider brauche ich die Knete, für meine Freundin, die hohe Ansprüche stellt“, nörgelte Blondi.

Mit seinen schweißigen, von der Arbeit übersäten schwieligen Händen nahm er seine Wasserflasche und trank, dabei rann ihm der Schweiß über sein Gesicht.

„Recht hast du. Mich kotzt diese Schwerstarbeit auch an. Aber wie soll man an Knete kommen? Meine Madame möchte reisen, am liebsten weit weg, da reicht Malle nicht. Ich würde ja gerne im Geld schwimmen. Dann könnte ich meiner Perle so einiges bieten. Aber so, mit diesem Hungerlohn?“

„Das wäre es doch. Endlich reich zu sein“, meinte sein Kumpel.

„Aber wie sollen wir das anstellen?“

Der kräftige Arbeiter wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. Die beiden Männer sahen sich an und grübelten vor sich hin.

„Wir sind doch auf unterschiedlichen Baustellen in der Region beschäftigt. Lass uns doch mal sehen, ob sich ein lohnendes Objekt findet. Diesen Scheißjob mache ich garantiert nicht ewig“, nörgelte der Maurer.

Dabei sah er seinen verschwitzten Freund mit zusammengekniffenen Augen herausfordernd an. Sie saßen auf den Holzbalken am Straßenrand und hingen ihren Hirngespinsten nach. Sie tranken den Rest ihrer Wasserflaschen mit einem Zug leer. Ein paar Stunden bis zum Feierabend mussten sie noch durchhalten. Am Ende eines jeden Arbeitstages wurden die Baufahrzeuge auf den vorgesehenen Parkflächen abgestellt. Der kräftige Arbeiter setzte sich auf den Radlader und sein Kumpel schwang sich auf den Bagger. Gemeinsam tuckerten sie in Richtung des Abstellplatzes.

„Morgen ist auch noch ein Tag und vielleicht haben wir dann eine Idee, wie wir an Geld kommen, ohne viel zu schuften“, meinte Blondi.

„Vielleicht haben wir mal Glück und versuchen es in einer Lotterie, die erzählen ja immer was von einem Mega-Los.“

„Ach komm. Das ist Schwachsinn. Der Alte regt mich auf“, knurrte sein schlanker Freund.

Mit einem Handschlag verabschiedeten sich die Freunde, setzten sich in ihre Wagen und fuhren in entgegengesetzter Richtung nach Hause. Am Abend saß der Maurer frustriert mit seiner Mutter in der Küche. In Gedanken versunken spann er seine Idee weiter. Er sinnierte über sein bisheriges Leben und verschlang dabei gierig sein Abendbrot. Seine von ihm geliebte Mutter hatte früher schon einmal wegen Betruges im Knast gesessen. Sie war aus Geldmangel mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die vollbusige Blondine hatte mehr als nur einmal Nahrungsmittel und Kosmetik gestohlen und war jedes Mal erwischt worden. Weitere Male hatte sie Leute um Geld betrogen. Er hatte Glück, dass er während der Zeit bei seiner Tante unterkam, sonst wäre er in einem Heim gelandet. Bei seiner Tante hatte er es besser als bei seiner Mutter. Die Verwandte hatte einen Mann, der gut verdiente und seinen Vater kannte der Bauarbeiter leider nicht. Bei Tante Annabell gab es am Abend immer etwas Anständiges zu essen. Wie gerne würde er jetzt ein saftiges Steak mit Pommes oder ein dickes Kotelett mit Röstzwiebeln und Bratkartoffeln futtern. Er hatte es seiner Tante zu verdanken, dass er wenigstens einen Schulabschluss bekam. Sie achtete darauf, dass er Hausaufgaben machte und lernte. Nachdem seine Mutter wieder aus dem Knast entlassen wurde, lebte er wieder bei ihr. Er musste sich eingestehen, dass er selbst Schuld an seinem Leben ist. Das sieht er heute ein, wäre er nicht immer so faul zum Lernen gewesen, hätte er einen besseren Abschluss bekommen, oder er hätte sich weiterbilden können.

„Ich habe die Schnauze von dieser schweren Arbeit gestrichen voll, Mutter. Ich brauche Geld.“

„Was willst du tun? Deine Möglichkeiten sind sehr begrenzt“, gab sie zurück.

„Irgendwas muss es doch geben, um an Kohle zu kommen, um endlich sorgenfrei leben zu können.“

„Dazu brauchst einen gut durchdachten Plan. Auf keinen Fall darfst du dich erwischen lassen. Im Knast nützt dir das ganze Geld nichts. Mit einem raffinierten Banküberfall hättest du schon einmal ausgesorgt. Ich würde es nachts tun. Da ist niemand in der Bank. Ihr habt doch Baufahrzeuge“, gab sie ihrem Sohn einen Tipp.

„Ich überlege mir etwas. Mein Kumpel macht sicher auch mit, weil er ebenfalls eine Menge Knete braucht.“

Mit diesen Worten im Kopf schlich der Sohn nachdenklich in sein Zimmer. Er grübelte an einer Idee, die zu einem Bankraub führen sollte. Er war so von seiner zündenden Idee begeistert, dass er nicht schlafen konnte. Es war eine verwegene Idee, die er morgen mit seinem Kollegen besprechen wollte. Es müsste uns doch gelingen an die Kohle der Reichen zu kommen.

Am nächsten Tag standen die beiden Bauarbeiter wieder zusammen und hoben Boden aus. Der Maurer erzählte von seiner Idee eine Bank zu überfallen. Vor Überraschung fiel dem Hilfsarbeiter fast die Schippe aus der Hand. Er war gerade dabei, Sand durch ein großes Sieb zu schaufeln. Das Blondi diese Idee seiner Mutter verdankte, behielt er für sich. Die Mittagspause näherte sich. Der kräftige Mitarbeiter erklärte seinem Kumpel, dass sie heute nur noch den Weg pflastern mussten. Die Arbeiten auf dieser Baustelle waren dann beendet. Wer weiß, wohin es dann ging und ob die Kollegen wieder zusammen arbeiten konnten. Der Plan ging ihnen nicht aus dem Kopf.

„Den Bruch ziehen wir heute Nacht durch, danach hauen wir ab und morgen sind wir über alle Berge. Heute ist hier im Ort Markttag. Wir kaufen uns etwas zum Mittag und sehen uns um.“

Der Dominante stieß seinen Kumpel freundschaftlich in die Seite. Dann wandten sie sich an ihren Chef.

„Chef, wir machen Mittag! Sollen wir dir etwas mitbringen?“

„Nein. Lasst mal. Hauptsache ist, ihr seid pünktlich wieder auf der Baustelle.“

Das ließen sich die beiden Freunde nicht zweimal sagen und zogen sich im Bauwagen um. Einige Minuten später standen sie in Jeans und Hemden vor dem Baustellenwagen.

„Nun aber los.“

Am Straßenrand parkte der alte BMW von dem Maurer, der sich gern als Chef aufführte. Beim Öffnen quietschte die Fahrertür etwas, sie musste dringend geölt werden. Zügig stiegen sie ein und fuhren mit Höchstgeschwindigkeit auf einen Parkplatz in Marktnähe, damit sie nicht weit gehen mussten. Auf dem Ossietzkyplatz fanden sie noch eine Parklücke, stiegen aus und schlenderten Richtung Marktplatz. Es war Donnerstag und Markttag mit diversen Buden. Der Platz war gefüllt mit Ständen an Obst, Fisch, Blumen und Textilien, aber das interessierte die Männer nicht. Ab und zu sahen sie auf ihre Armbanduhren, damit sie die Pausenzeit einhielten. Sie hatten noch etwas vor und ihr Vorarbeiter war ein Ekelpaket wie er im Buche stand. An einem Stand kauften sie Mettbrötchen und Schmorwürste. Es reichte aus, um das Magenknurren zu beseitigen. Während sie aßen, ließen sie ihre Blicke durch die Gegend schweifen. Wo waren hier Banken, Polizisten und mögliche Fluchtrouten? Die Hoffnung auf den Bruch in der Nacht stieg. Der Maurer schloss seinen BMW auf und grinste schelmisch. Sicher hatte er bereits eine Idee.

„Was schaust du so?“, meinte der Hilfsarbeiter unruhig und wischte sich seine fettigen Hände an der Jeans ab.

„Steig ein. Ich habe eine Lösung für unser Geldproblem.“

„Was? Das ging aber schnell.“

„Ich erzähle es dir unterwegs.“

Zügig ging es zurück auf die Baustelle. Diese befand sich noch bis Feierabend am Ortsrand. Am folgenden Tag zogen sie zur nächsten Baustelle. Somit bot sich der Banküberfall für diese Nacht an.

„Sprich schon“, forderte der blonde Hilfsarbeiter.

„Wir sind doch vorhin an einigen Banken vorbei gekommen.“

„Ja und? Ist mir nicht entgangen.“

„Eine davon knacken wir heute Nacht“, offenbarte ihm der Kräftige euphorisch.

„Und wie stellst du es dir vor?“

„Hör gut zu.“

Der Möchtegernchef wusste, dass sein Freund manchmal etwas verpeilt war und gerne etwas durcheinander brachte.

„Wir nehmen den Radlader von der Arbeit und fahren damit in die Bank. Dort rammen wir die Ladeschaufeln in die Mauer und verschwinden mit dem Tresor.“

„Cool, aber dazu müssen wir erst mal den Fahrzeugschlüssel haben, der Chef wird ihn uns kaum überlassen.“

„Der Schlüssel hängt im Arbeitswagen am Schlüsselkästchen“, meinte der schlanke Kollege nervös.

„Da brauchst du gar keine Angst zu haben. Der Spind ist niemals verschlossen und der Boss schaut da nie hin, das habe ich selbst schon oft beobachtet.“

„Kurz vor Feierabend nimmst du den Schlüssel vom Haken und steckst ihn ein. Wir treffen uns pünktlich um Mitternacht auf der Baustelle.“

„Ok“, antwortete der Hilfsarbeiter und war total aufgeregt.

Ihm schwitzten die Hände, die er sich an seine Arbeitssachen abwischte, so aufgekratzt war er. Bisher hatte er noch nie eine Bank überfallen. Kleinere Delikte wie Diebstähle waren für ihn ja in Ordnung. Aber ein Banküberfall? War das nicht eine Nummer zu groß für ihn? Hoffentlich ging das gut.

Große Bedenken breiteten sich in seinem Kopf aus. Er malte sich beinahe bildlich aus, was alles schiefgehen konnte, bei so einem Bruch. Der Bauarbeiter hatte einen höllisch guten Plan, von dem sein Kumpel nichts wissen durfte. Seit einiger Zeit traf er sich mit der Freundin des Kumpels, die er schon seit geraumer Zeit begehrte. Schon ihre schlanke Figur und die blonden, langen Haare törnten ihn mächtig an. Ab und zu traf er sich heimlich mit ihr in seinem Auto zu einem Quickie. Er war sich total sicher, dass die Geliebte, wenn er ihr etwas bieten könnte, sich für ihn entscheiden würde. Momentan war sie noch die Freundin von seinem Kumpel. Noch! Die beiden Bauarbeiter suchten gerade alles für den Umzug auf die nächste Baustelle zusammen. Nebeneinander hergehend, sich nach allen Seiten umsehend, unterhielten sie sich über ihr Vorhaben.

„Und wie stellst du dir den Banküberfall genau vor? Hast du einen Plan?“, unterhielten sie sich leise.

„Pass auf. Wir nehmen den Radlader und fahren auf Nebenstraßen zu der kleinen Bank in Aschersleben. Von dort fährst du durch die äußere Glastür. Wir reißen mit den Ladegabeln den Geldautomat aus der Wand und verschwinden. An einer geheimen Stelle an einem Teich öffnen wir den Bankautomat und nehmen die Knete raus. Den Geldautomat lassen wir in dem See verschwinden, das merkt sicher keiner. Ich war schon mal dort.“

„Und wenn uns jemand sieht?“, mokierte sich der Schlanke.

Er war sich unsicher und total beunruhigt.

„Nachts ist niemand in der Bank und die Straßen sind leer. Uns bemerkt sicher niemand. Und nun reiß dich zusammen.“, herrschte ihn der Maurer an.

„Du nimmst dir heimlich den Schlüssel für den Radlader aus dem Bauwagen und ich hole mir den Schneidbrenner und packe ihn in meinen Kofferraum. Ich habe mir alles haarklein überlegt. Wir treffen uns Mitternacht hier. Dann fahren wir nach Aschersleben zur Bank. Ich fahre mit meinem BMW voraus und du folgst mir mit dem Radlader. Wenn ich an der Bank angekommen bin, sehe ich nach, ob die Luft rein ist. Ich gebe dir ein Signal auf dem Smartphone, sagen wir ein Däumchen. Wenn du mein Zeichen bekommen hast, fährst du mit dem Radlader in die Bank, reißt den Tresor aus der Mauer und verschwindest in Richtung Stadtausgang über die Nebenstraßen. Ich fahre voraus und führe dich zum See, dort schweißen wir den Tresor auf und verschwinden mit der Beute.“

„Und dann?“, fragte der Hilfsarbeiter.

„Ganz einfach. Der See ist sehr abgelegen und ziemlich tief. Dort versenken wir den Tresor für immer und ewig, den findet garantiert kein Schwein mehr. Dann fahren wir zurück zur Arbeit und stellen den Radlader ab, hängen die Autoschlüssel zurück und ich bringe den Schneidbrenner an seinen Platz. Es merkt niemand, dass alles benutzt wurde.“

„Genial“, meinte sein Kumpel und rieb sich bereits die Hände.

In seinen Gedanken hatte er sich einen Plan ausgedacht, was er mit dem Geld anfangen wollte. Dazu gehörten ein neues Auto und eine Reise ohne Rückkehr mit seiner Liebsten, die er allerdings noch davon überzeugen musste.

Am nächsten Tag arbeiteten die Männer wie gewohnt auf einer Baustelle in Giersleben, da dort der Gehweg neu bearbeitet werden musste. Der Hilfsarbeiter träumte irgendwie vor sich hin und sein Kumpel war sich nicht sicher, ob er den Plan verstanden hatte. Mit einem Stups in die Seite holte er seinen Kollegen in die Realität zurück.

„Hast du alles verstanden?“, raunzte er ihn an.

„Ja doch. Das kann ich mir merken“, moserte der Bauarbeiter.

Musste er sich immer so als Chef aufspielen?

„Also bis Mitternacht auf der Baustelle und bleib unauffällig.“

Sie wollten sich gerade verabschieden, als Blondis Handy klingelte. Es war seine Mutter am anderen Ende der Strippe. Das konnte nicht wahr sein.

„Hallo, was ist los? Ich habe zu tun“, fuhr er seine Mutter an.

„Hör auf. Du hast gleich Feierabend. Ich brauch deine Hilfe.“

„Um was geht es denn?“, fragte er genervt.

„Ich habe einen Farbdrucker für zehn Euro bei einer Firmenauflösung vorbestellt. Du müsstest ihn abholen.

Weil das Gerät etwas größer ist, nimm deinen Kumpel mit und bringt es her. Sicher hast du etwas Geld bei dir. Leg es aus und du bekommst es nachher zurück.“

„Muss das sein? Was willst du damit?“

„Das geht dich nichts an! Mach einfach, was ich dir sage“, kam schroff von der Mutter zurück.

Bevor er etwas sagen konnte, hatte seine Erzeugerin aufgelegt. Sie rieb sich geheimnisvoll die Hände. Ihr Plan würde aufgehen.

„Die Alte regt mich auf. Ich bin doch nicht ihr Depp, den sie herumkommandieren kann“, meinte ihr Sohnemann erregt.

Er musste seinen Ärger raus posaunen, aufbrausend wie ein Choleriker machte der Möchtegernchef seinem Zorn Luft.

„Los, komm mit. Wir müssen für meine Mutter einen Farbdrucker abholen. Du musst mit anfassen.“

„Oh Mann. Es wird höchste Zeit, dass wir an Knete kommen, damit wir hier abhauen können“, maulte sein Kumpel.

Gerade als der muskulöse Maurer sein Handy einstecken wollte, tauchte eine SMS auf dem Display auf. Nach einem kurzen Blick darauf, las er die Adresse, wo er den Drucker abholen sollte. Das war wieder klar. Die Adresse befand sich am anderen Ende des Ortes.

„Auf, los geht’s. Wir nehmen deine Rostlaube und holen das Teil ab.“

„Prima, wie immer ich“, maulte der Bauarbeiter.

Er wagte aber nicht zu widersprechen, weil er ohne seinen Kumpel wohl nicht an die Kröten kam. Gemächlich trabte er zu seinem Wagen und hörte seinen Kollegen schon hinter sich und ihm zurufen.

„Vorwärts, komm endlich in die Hufe!“

Nach einer halbstündigen Fahrt parkten sie vor dem Firmengelände. Als sie das Gebäude betraten, tummelten sich dort bereits Personen, die auch vom Ausverkauf der Waren profitieren wollten.

„Wer ist hier der Chef?“, rief der Muskelbepackte laut in die Runde, denn langes Warten war nicht sein Fall.

Kurze Zeit später stand ein Mann mittleren Alters vor ihm. Mit beiden Händen in die Seite gestemmt, wollte er grantig wissen, was dieser wollte.

„Ich soll einen Farbdrucker abholen, den meine Mutter für zehn Euro vorbestellt hat.“

„Zehn Euro? Da haben sie sich verhört. Für dreißig Euro können sie ihn haben. Er ist noch da.“

„Verhört? Sie spinnen wohl und treiben nur den Preis hoch“, grölte der Muskelprotz und dabei schwollen ihm vor Wut die Adern am Hals an. Sein Kumpel hielt sich vorsichtshalber etwas abseits, da er ihn kannte. Hoffentlich rastete sein Freund nicht aus. Das fehlte ihm gerade noch.

Die anderen Personen, die ebenfalls etwas kaufen wollten, beobachteten das Geschehen interessiert. Blondi stand direkt vor dem Firmenchef und drückte diesen wutschnaubend an die Wand. Bevor die Situation eskalierte, schritt sein Kumpel ein und riss beide auseinander. Die Polizei konnte er nicht brauchen. Immerhin hatten die beiden Freunde noch etwas vor. Der Firmenchef hatte seine Hände gehoben und wollte ebenfalls keinen Ärger.

„Also gut. Nimm das Scheißding und verschwinde. Der Farbdrucker steht dort hinten in der Ecke. Ich will dich hier nie wieder sehen, sonst hole ich die Polizei“, maulte der Geschäftsführer.

„Hier hast du die Knete!“

Der Bauarbeiter kramte einen Zehneuroschein aus seiner Geldbörse und drückte diesen dem Unternehmer in die Hand. Die Freunde eilten in die Richtung wo der Farbdrucker stand.

„Oh Mann! Das ist vielleicht ein großes Teil. Das können wir nur gemeinsam schaffen.“

Er hatte beinah die Größe eines Tisches. Gemeinsam hoben sie das Gerät an und schleppten dieses, ohne einen Blick auf die Leute zu werfen, auf die Straße. Dort stellten sie es am Boden ab.

„Mensch. Mach die Kofferraumklappe auf und klapp die Rücksitze um, sonst passt der Drucker nicht in dein Auto“, wies der Kräftige an.

„Ich mach ja schon und nerv mich nicht“, polterte der Hilfsarbeiter.

Nach einigem Hin- und Herrücken, war es endlich geschafft.

„Lass uns fahren, damit wir es hinter uns haben. Hoffentlich bricht mein Auto nicht zusammen“, brummte der Betonmischarbeiter.

„Mecker nicht herum. Mit der Knete kannst du dir ein neues Auto kaufen.“

„Noch haben wir die Kohle nicht.“

Endlich waren sie vor dem Haus der Mutter angekommen. Sie hatte die Beiden vom Fenster aus gesehen und öffnete sofort die Tür.

„Gut, dass ihr da seid.“

„Stellt den Farbdrucker in das Schlafzimmer. Ich habe dort Platz geschaffen.“

Seine Alte wies ihnen mit dem Zeigefinger den Platz.

„So eine Schlepperei“, fluchte ihr Spross.

„Stellt das Ding ordentlich hin“, befahl die Mutter, als sie sah, dass ihr Sohn es schräg auf den Boden abstellte.

„Was willst du damit? Geld drucken?“, meinte ihr schlechtgelaunter Sohn.

„Das geht dich nichts an“, meinte die vollbusige Mutter schnippisch.

Für ihr Alter sah die Frau noch ganz passabel aus. Schlank, mit blonden Haaren, die sie hochsteckte und dadurch immer elegant und schick aussah, zog sie viele Blicke auf sich. Ohrringe, Make up, modische Klamotten und tolle Schuhe verrieten ihre einstige Schönheit. Zuletzt hatte sie es in einem Einkaufscenter bemerkt, als sie Blicke auf ihrem Rücken spürte. An besagtem Tag trug sie einen langen Mantel und hohe Stiefel. Ihre neue Handtasche hatte sie im Internet für ein paar Euro ergattert. Auf den ersten Blick sah diese sehr teuer aus. Auch Schmuck trug sie gern, das war der Lady wichtig. Ringe und Nagelmodelage zierten ihre Hände. Immer nach dem Motto „Kleider machen Leute“.

Es war ihr überaus wichtig, wie das Umfeld sie wahrnahm. Auch Menschen konnte sie gut manipulieren, gerade in die Augen sehen und lügen. Bisher hatte es fast immer geklappt und sie konnte sich ihr Vertrauen erschleichen. Nur einmal ging es schief und die Frau wurde angezeigt. Für kurze Zeit durfte sie im Knast verweilen, aber sie lernte dazu. Und zwar, sich nicht mehr erwischen zu lassen und vorsichtiger zu sein. Insgeheim hatte sie einen perfiden Plan, den sie noch ordentlich ausfeilen musste. Vielleicht konnte sie die Freundin ihres Sohnes für den teuflischen Plan benutzen. Allerdings musste die Mutter noch herausfinden, womit sie die junge Frau erpressen konnte. So anständig wie sie gerne wirkte, war sie nicht, man hätte sie durchaus als falsche Schlange bezeichnen können. Sie war gelernte Schmuckdesignerin, arbeitete aber als Verkäuferin in einem Juwelierladen, da es Designerinnen wie Sand am Meer gab. Im Angestelltenverhältnis fand sie in dieser Gegend keinen Job und zur Selbständigkeit fehlte ihr das Geld. Bei dem bevorstehenden Treffen würde sie der Freundin ihres Sohnes auf den Zahn fühlen. In einer gewissen Weise war ihr der Sohn ähnlich, allerdings fehlte ihm die Raffinesse. Wäre sie damals nicht im Knast gelandet, wäre er nicht so ein Weichei geworden.

„Ich mache euch etwas zu essen. Kommt dann in die Küche und vorher ab ins Bad und die Hände waschen.“

„Machen wir“, kamen die Stimmen der Freunde.

„Die Alte regt mich auf“, wetterte der Sohn leise zu seinem Kumpel und rieb sich die Hände unter dem Wasserhahn.

Etwas später saßen sie gemeinsam am Küchentisch und warteten auf etwas Leckeres. Die Gesichter der Männer wurden immer länger, als Brettchen, Brot und Wurst auf den Tisch gestellt wurden.

„Immer nur Brot. Es hängt mir zum Hals raus, soll das was Ordentliches sein? Ich will auch einmal Steaks essen. Ich bin ein Mann. Ist das zu viel verlangt?“ schnauzte er seine Mutter an.

Jutta kannte ihren Sohn und ignorierte einfach seine Kommentare. Es war besser so. Immerhin war er erwachsen und hatte eine Freundin. Er konnte ihr auf die Nerven gehen. Wenn er wollte, konnte dieser getrost ausziehen, aber dafür war er zu bequem, obwohl er eine kleine Wohnung gemietet hatte, wo er sich mit seiner Freundin traf. Sein Schatz hatte nur ihren bequemen Lebensstil im Kopf.

„Bring deine Freundin doch einmal mit nach Hause, damit ich sie besser kennenlernen kann. Ich habe sie bisher nur kurz gesehen.“

„Oje “, dachte sich Blondi. Das fehlte ihm gerade noch. Seine Mutter sollte ihn damit einfach in Ruhe lassen.

„Ja, ja“, kam nur kurz zurück.

Der Hilfsarbeiter saß ruhig mit am Küchentisch, knabberte an dem mehrere Tage alten Brot und hörte gespannt zu. Das Brot quietschte bereits, als er dieses mit Margarine bestrich. Die Auswahl an Wurst war begrenzt und Käse sowie weitere leckere Beilagen suchte er vergebens.

Trotzdem dauerte es nicht lange, bis alles verspeist war. Die Männer hatten nach der schweren Arbeit einfach Hunger. Der Kollege vom Sohn war müde und kaputt vom Arbeitstag und der Schlepperei. Bis zum Einbruch in der Nacht wollte er sich noch etwas ausruhen. Fast hätte er sich die Augen gerieben. Langsam bekam er Augenringe und diese konnte er nicht brauchen. Er schob seinen Holzstuhl zurück und wollte aufstehen, um sich zu verabschieden, als ihm sein Freund zuvor kam.

„Komm mit. Ich bringe dich raus.“

Dem Betonmischarbeiter kam das sehr entgegen und er stiefelte seinem Kumpel hinterher. Draußen sprach er ihm leise ins Gewissen, damit seine Mutter es nicht hörte. Sie hatte manchmal Ohren wie Rhabarberblätter.

„Du fährst jetzt nach Hause und holst mich kurz vor Mitternacht ab. Bloß nicht klingeln, ich stelle mir den Wecker am Handy.“

Es hätte nicht viel gefehlt, da hätte der schlanke Kollege nachgefragt, warum sein Freund nicht zur Baustelle fährt, als ihm einfiel, dass sein Auto noch dort stand.

„Bis nachher. Mach dir keine Gedanken. Wir holen uns die Kohle und verschwinden.“

Beinahe wurde er euphorisch, bei dem Gedanken an die Asche. Enthusiastisch stieg er in sein Auto und bretterte los. Während der Fahrt träumte er von seiner Zukunft mit Geld und Freundin. Er musste aber einen klaren Gedanken behalten. Als sein Kumpel in die Wohnung seiner Mutter zurück gekehrt war, begann diese schon wieder zu nerven.

„Hör mal, Junge. Bring doch einfach einmal deine Freundin zum Kaffeetrinken mit. Ich kaufe dann auch Kuchen. Ich möchte sie nur besser kennenlernen.“

Dabei stellte sie sich direkt vor ihren Sohn, damit er ihr zuhörte.

„Was wollte sie nur damit wieder erreichen?“, dachte ihr Sohn.

Der Maurer wollte heute auf gar keinen Fall mit seiner Mutter streiten. Er musste sich bis Mitternacht erholen und den Banküberfall noch einmal in Gedanken durchspielen. Wenn er das Geld hätte, würde das Treffen mit seiner Freundin und der alten Meckerliese der Vergangenheit angehören.

„Sorry. Ich bin müde und muss mich ausruhen. Ich will heute nicht mehr gestört werden. Hast du mich verstanden?“, knurrte Blondi seine Mutter an.

Ohne ein Wort eilte er in sein Zimmer, schloss die Tür etwas zu laut und legte sich in sein Bett. Noch schnell den Weckdienst am Handy auf kurz vor Mitternacht einstellen, bevor er einschlief. Mitten in der Nacht ließ ihn ein vibrierendes Geräusch aufschrecken. Was war das? Irritiert und verschlafen schreckte er auf und stellte fest, dass lediglich sein Handy ihn geweckt hatte. Um seine Mutter nicht zu wecken, zog er sich leise Jeans, dunklen Pullover und Schuhe an. Vorsichtshalber hatte sich der Bauarbeiter von einem Motorradkumpel einige Sturmhauben besorgt, die er nicht mehr brauchte. Dieser hatte sich eine nagelneue Montur zu seinem schnittigen Motorrad genehmigt. Wer weiß, wozu es gut war, dass er die Sturmhauben mitnahm. Mit den Sturmhauben und dem Autoschlüssel in der Hand schlich er über den dunklen Flur auf die Straße. Einige Meter von der Tür entfernt saß sein Kumpel in seinem Wagen und wartete. Als sich Blondi auf den Beifahrersitz setzte, bemerkte er die Anspannung und Nervosität seines Kumpels. Seine Hände zitterten und er ergriff fest das Lenkrad, damit es der Möchtegernchef nicht bemerkte. Dafür war es allerdings schon zu spät.

„Mensch, krieg dich wieder ein. Du bist vielleicht eine Memme.“

„Du hast gut reden. Es wird ein Banküberfall und wenn es schief geht?“, argumentierte der Hilfsarbeiter nervös.

„Mach dir nicht ins Hemd. Zu dieser Zeit ist kein Mensch in der Bank und auf der Straße sicher auch nicht. Da ist tote Hose. Was soll da schief gehen?“

Gemeinsam fuhren die beiden Männer auf die Baustelle.

„Alles klar? Du holst den Radlader und fährst hinter mir her.“

„Was ist mit dem Schneidbrenner?“ hakte sein Kumpel nach.

„Der liegt schon in meinem Auto.“

„Jetzt fahr schon los. Ich fahre voraus. Die Sturmhauben setzen wir erst kurz vor der Bank auf.“

Der Maurer saß in seinem Wagen und vermied es, die Hauptstraßen zu benutzen. Es war besser, wenn sie nicht bemerkt wurden. Mitten in der Nacht waren die Beiden ein seltsames Gespann. Bis in die Stadt mussten sie leider die Hauptstraßen benutzen. Weiter zum Zentrum fuhren sie die Nebenstraßen entlang dem Bach „Eine“. Auf dem Fußweg entlang des Baches kam ihnen ein Liebespärchen entgegen, welches eng umschlungen und küssend den Weg entlang des Ufers schlenderte. Die beiden Verliebten hatten besseres zu tun als auf die Männer zu achten und das war gut so. Einige Meter hinter dem Liebespaar schlurfte ein alkoholisierter Mann mittleren Alters daher. Hatte er sie bemerkt? Hoffentlich nicht. Das wäre fatal. Einige Minuten später parkten sie vor dem Bankgebäude. Die Spannung stieg und der ängstliche Arbeiter begann schon wieder zu zittern. Hoffentlich legte es sich wieder, denn diese Unsicherheit konnte der Möchtegernchef nicht brauchen. Vorsichtig sah er sich nach allen Seiten um. Kein Mensch war weit und breit zu sehen und alle Fenster waren dunkel. Sogar der Mond hatte sich hinter dicken Wolken versteckt. So war es schön dunkel, gerade richtig für ihr Vorhaben. Die Luft war also rein und der Maurer gab seinem Kumpel das verabredete Zeichen loszufahren. Dieser verstand sofort, stülpte sich ebenfalls seine Sturmhaube über und steuerte den Radlader durch die gläserne Eingangstür der Bank. Es schepperte gewaltig, Glas splitterte und verbreitete sich überall auf dem Fließenfußboden. Es knirschte, als das Fahrzeug über das Glas fuhr. Kraftvoll rammten sich die Gabeln in die Mauer und rissen den Geldtresor aus der Wand. Putz und Steine fielen auf den Fußboden. Plötzlich hörte er einen Warnpfiff von seinem Freund. Sie mussten schnell weg, aber wie? Wenden mit dem Radlader im Vorraum funktionierte nicht, weil der Raum zu eng war. So musste er mit dem Tresor auf den Gabeln rückwärts durch die Außentür fahren. Er war so nervös und wusste nicht, was draußen los war. Den Hilfsarbeiter packte die Panik und er wollte nur noch weg, bevor sie noch erwischt wurden.

Beim Rückwärtsfahren passierte es, dass der hintere Teil des Radladers ein Stück von der Mauer am Eingang rammte. Dabei fiel der Tresor von den Gabeln des Radladers. So ein Mist. Endlich war er draußen. Sein Kumpel fuhr auch bereits los, hastig folgte er ihm. Im Rückspiegel sahen sie noch, wie Lichter in einigen Wohnungen angingen. Es war momentan nur wichtig, nicht erwischt zu werden. Die Männer fuhren über unterschiedliche Nebenstraßen zurück zur Baustelle. Dabei hatten sie großes Glück, dass sie niemand bemerkte. Der Adrenalinspiegel hatte das Höchstmaß erreicht. Während der Muskulöse am Straßenrand wartete, stellte sein Kollege den Radlader an seinen Stammplatz ab und es sah aus, als ob er nie weg war. Er stieg aus und besah sich das Heck des Baufahrzeuges, ob Spuren von dem Crash zu sehen waren. Aber außer Schmutz war alles soweit in Ordnung, was für eine Baustelle normal war. Als hartgesottener Kerl ließ sich der Bauarbeiter nicht anmerken, dass er genauso aufgekratzt war wie sein Kumpel.

„Was war los bei dir?“, prustete der Möchtegernchef.

Er machte seinem Ärger Luft.

„Da fragst du noch? Ich habe das gemacht, was du gesagt hattest. Du hättest eben alles besser vorbereiten sollen. Du hattest das Warnzeichen gegeben, mir blieb doch keine andere Wahl“, mokierte sich der Schlanke.

Das ließ sich der Schlanke nicht auf sich sitzen und konterte.

„Wer hatte denn den Tresor verloren? Konntest du etwa nicht lenken?“

„Hör bloß auf. Du hast mich mit deinem Warnsignal nervös gemacht. Ich wusste nicht, was draußen bei dir los war. Das war deine Aufgabe.“

„Sind wir vielleicht geschnappt worden? Schade, dass wir den Banktresor nicht erbeutet haben, aber beim nächsten Einbruch klappt es besser. Ich arbeite daran.“

„Da bin ich aber gespannt. Das Geld aus dem Bruch hatte ich schon verplant. Und nun?“

„Morgen ziehen wir mit der Baustelle um nach Giersleben. Dort sehen wir uns um und ich überlege mir etwas anderes“, meinte Blondi.

„Wir können froh sein, wenn die Polizei heute nicht schon vor unserer Tür steht“, meinte der ängstliche Kollege schlecht gelaunt.

„Wieso?“

„Vielleicht wurde unser Autokennzeichen erkannt oder jemand hat die Polizei angerufen, weil es gekracht hatte, als ich durch die Tür bretterte. Immerhin wurden die Leute in der Umgebung wach und überall gingen die Lichter an. Das du so entspannt bleiben kannst?“

Langsam beruhigten sich die Freunde wieder, aber die Enttäuschung war groß. Das hatten sie sich einfacher vorgestellt und das Geld bereits verplant.

„Lass uns nach Hause fahren und etwas schlafen. Wir müssen früh raus. Ich überlege mir wegen einem neuen Einbruch etwas.“

Der Hilfsarbeiter nahm diese Situation so hin und stieg in seinen Ford. Etwas anderes konnte er auch nicht tun. Gemeinsam machten sie sich in getrennten Fahrzeugen auf den Heimweg. Angst machte sich breit. Ob die Polizei bereits nach ihnen suchen würde oder schon vor ihrer Tür stand? Wie sollten sie sich da verhalten? Nur nicht verrückt machen lassen. Unterwegs sahen sich die Freunde immer wieder um, ob da auch kein Polizeiwagen unterwegs war. Obwohl weit und breit keine Polizei zu sehen war, konnten die Beiden nicht schlafen. Bei jedem Geräusch schreckten sie hoch. Am nächsten Morgen wachten sie schweißgebadet auf. Schnell hatten sie sich wieder im Griff, als sie sahen, dass alles wie gewohnt war. Hoffentlich blieb es auch so. Die vollbusige Mutter bemerkte die Anspannung ihres Sohnes und sprach ihn darauf an.

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