Kitabı oku: «Franz und das Schwarz», sayfa 2
Miss Almadeamor
Als Franz sein Bewusstsein zurückerhielt, umschloss ihn eine sommerliche Behaglichkeit. Wohltuende Wärme durchströmte ihn aus seiner innersten Tiefe heraus, benetzte sein Herz und seine Haut und entspannte sanft seine Glieder.
Verschwommen blickte er sich um, konnte jedoch so gut wie nichts erkennen. Er rieb sich die Augen. Alles wirkte doppelt. Die Umrisse pulsierten, waren mal nah und dann wieder fern. Alles drehte sich und stand auf dem Kopf, ehe es sich wieder entfernte. Auch sein Empfinden, ob er lag oder saß, schien ihn zu trügen. Als würde er auf dem Kopf stehen, tastete er um sich und spürte, dass er in eine riesige aufgeplusterte Decke gehüllt war.
Allmählich sah er erste schärfere Konturen und nach und nach erkannte er, dass er sich in einem großen Raum befand. Das Bett stand in der Mitte des Zimmers und er lag mit dem Rücken zu einer Eingangstür. Vor ihm zeigte sich ein kleiner Kamin mit einer Kochstelle. Rechts daneben hockte eine alte Dame auf einem antiken Hocker. Der Rest des Raumes quoll über von Bücherregalen, deren Inhalt wohl geordnet schien. Überall sah man Kärtchen mit Buchstaben und Verweisen.
»Miss Alma! Miss Almadeamor! Er ist munter.« Iocus setzte sich vor Franz auf die Decke und schaute ihn höhnisch an.
»Wo bin ich?«
Die Dame streckte sich und stand mit quietschenden und knarrenden Gelenken auf. Sie ergriff ihren kleinen Stock, der wie eine geschwungene Wurzel aussah, aber am oberen Ende den Kopf eines Franz unbekannten Tieres hatte. Es besaß scharfe Augen und spitze Zähne.
Dann drehte sie sich um und schaute ihn liebevoll an. Ihre Augen beanspruchten die Hälfte ihres Gesichtes. Darunter war eine winzige Brille auf einer noch winzigeren Nase. Der Mund schien nur ein kleiner Strich, kaum wahrzunehmen zwischen den vielen Falten. Ein dennoch breites Lächeln setzte sie auf, als sie sagte: »Oh! Das ist gut. Nur gut.«
Sie wackelte mit kleinen Schritten zu einem Regal, zog ein Buch heraus, dann ein weiteres und noch ein drittes; schlurfte zum Kamin, gab einen Pfiff von sich und von der Decke fielen zwei Tassen. Sie nahm das erste Buch und goss daraus eine teeartige Flüssigkeit in die Tassen. Dann packte sie das zweite und dritte Buch und wiederholte die Prozedur. Franz konnte nicht erkennen, was es war. Als sie fertig war, kam sie zu ihm, gab ihm eine Tasse und setzte sich wieder auf den kleinen Hocker.
»Trink nur fein! Trink, trink!«
Iocus schwirrte an den Buchreihen vorbei. Hin und her, hoch und runter, brabbelte vor sich hin und kam dann wieder zurück. Franz war geistig noch nicht anwesend. Er war weg. Sehr weit weg. Doch konnte er den Ort, an dem er sich gerade befand, nicht genau definieren. Als wäre er aus mehreren Stockwerken direkt in seinen Körper gefallen und sein innerer, geistiger Körper bei seiner Rückkehr ins Hier und Jetzt auf seinen fleischlichen geprallt.
Iocus stupste ihn und animierte ihn zum Trinken.
Er nahm einen Schluck von seinem Tee und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Bitter und sauer schmeckte das Getränk der alten Dame. Doch als er es hinunterschluckte, wurde es süß und warm. Er trank die ganze Tasse in einem Zuge aus und schien plötzlich voll bei Sinnen.
Unvermittelt stand er auf und ging ein wenig umher. Irgendwie fühlte er sich für den Bruchteil eines Momentes fast schon gut. Es war ungewohnt für ihn. Er verscheuchte das positive Gefühl und kehrte wieder zur inneren Unruhe zurück, die ihn schon so lange umtrieb. Franz setzte sich auf die Bettkante und schaute das Mütterchen an.
»Na, Znarf? Tat dir der Tee gut?«
»Oh ja! Es war fast schon beängstigend, liebes Mütterchen. Etwas, dass ich lange nicht mehr verspürt habe. Eine Freiheit von schlechten Gedanken. Wie eine Freundlichkeit zu mir selbst.«
»Ich kann mir gut vorstellen, dass das sehr ungewohnt und fremdartig für dich war. Darum habe ich dir auch einen nicht so starken Tee gemacht. Das hättest du noch nicht vertragen. Zu lange schon trägst du deine Last.«
»Er war sehr lecker. Vielen Dank.«
»Nun, nichts zu danken, kleiner Znarf!«
»Warum sagt ihr alle Znarf zu mir? Das verstehe ich am wenigsten bisher. Und was waren das für grässliche Geräusche, bevor ich hier in dein Haus eintrat?«
Das Mütterchen erhob sich, nahm den kleinen Hocker und kam näher an ihn heran. Dann setzte sie sich wieder und stöhnte kurz auf.
»Ach! So viele Fragen. So viele Fragen. Nun, wo fange ich am besten an? Iocus, was sagst du?«
»Eh, am besten am Ende, Miss Almadeamor, hihi, hihi.«
»Du bist albern. Wird Zeit, dass du wieder der Alte wirst.« Sie schüttelte den Kopf und dachte einige Momente nach, ehe sie begann: »Wie geht es dir, lieber Znarf?«
»Gerade eigentlich recht gut. Ich spüre eine angenehme Wärme in mir. Nicht ganz so vertieft in meiner Unruhe wie sonst.«
»Nein, nein. Nicht jetzt. Gerade bist du sicher. Kein Problem kann dich hier erreichen. Mein Haus ist ein Schutz. Eine Barriere, die auch der Schwarze Mann nicht zu durchbrechen vermag. Nur waren meine Freiheiten früher weitaus größer. Und nicht nur das: Eigentlich gab es überhaupt keine Grenzen für mich. Und es gab ein reibungsloses Leben zwischen dir und mir. Zwischen allen Bewohnern deines Geistes. Dann aber kam der Schwarze Mann. Und er empfand vieles als schlecht. Als erdrückend und nicht lebensnützlich. Da du ihn hast gewähren lassen, nahm er Stück für Stück alles, was er konnte.«
»Das ist viele Jahre her, habe ich recht?«, fragte Franz traurig.
»Oh ja. Deine Bewohner leiden. Viele sind nicht mehr da. Viele sind gestorben. Sind vom Schwarzen Mann und seinen Schergen vernichtet worden. Manche nur vertrieben, so wie ich. Manche wurden in ihrer Art und ihrem Denken manipuliert, so wie der kleine Argwohn.«
»Wer bist du? Was hat der Schwarze Mann gegen so ein liebes, kleines Mütterchen?«
»Ich bin dein Gewissen. Versuche dir zu helfen, dich zu schützen. Habe dem Schwarzen Mann eine Einschränkung gesetzt. Hinten im Jammertal. Da hatte er einen kleinen Tümpel. Den Tümpel der Trauer. Aber die Hindernisse hielten nicht. Du hast sie geöffnet und so hat er sich nach und nach ausgebreitet. Mich hat er als Erstes bedroht. Wenn die Dunkelheit sich einschleicht jede Nacht, kann ich nicht raus. Würde ich auch nur die Hand nach draußen stecken, würde es mich von innen zerfressen.«
»Was ist so schlimm an dir? Ich verstehe es nicht.«
»Vielleicht war ich zu streng? Obwohl, nein. Das glaub ich nicht. Er wollte einfach volle Macht. Und nicht mehr eingepfercht in einem dreckigen Tümpel leben. Er möchte dich regieren. Deine Trauer ist sein Leben.«
»Was kann ich dagegen tun?«
»Oh, das ist nicht leicht. Aber du bist hier. Das ist gut. Der erste Schritt wird sein, dass du es glaubst.«
»Was soll ich glauben?«
»Dass er da ist. Dass er real ist, tief in dir. In deinem Sein. In allem, was du bist.«
»Der Schwarze Mann?«
»Ja, genau der.«
Franz sah sich um und ging zum Fenster. Als er sich direkt davorstellte, wich er zurück. Grüne, gelbe und scharfe rote Augen sahen ihn an. Ohne Körper. Alles andere war pure Nacht.
»Keine Angst. Die Schergen kommen hier nicht rein. Die Moral hält weiter stand.«
Er ging rückwärts zum Mütterchen und drehte sich erst bei ihr wieder um.
»Warum muss ich glauben, dass er ist?«
»Weil er dich sonst ganz bekommt. Sonst hast du keine Angst. Siehst keinen Sinn darin, ihn zu bekämpfen.«
Franz sank auf den Boden und igelte sich ein. Er fing bitterlich an zu weinen und wippte leicht hin und her. Er weinte leise. Doch jede Träne schnitt eine tiefe Wunde in sein Herz. Es war, als wäre es schon seit vielen Jahren vertrocknet. Als liefen die Tränen mit ihrem Salz in all die Risse und brannten wie Feuer darin. Er weinte lange. Und erst, als er nicht mehr konnte, weil seine Augen schmerzten, hörte er auf. Das Mütterchen gab ihm einen neuen Tee und streichelte ihm über den Kopf.
»Der Schwarze Mann hat sehr viel Macht. Er ist ein Tier. Er ist besessen von Trauer und Gier nach Selbstmitleid«, sprach das Gewissen ernüchternd.
»Er war es all die Zeit, der mich so kriechen ließ ganz tief unter der Erde.«
»Das hast du gut erkannt. Doch du hast nun einen Namen. Mit einem Namen lässt sich besser kämpfen. Und du musst kämpfen, bis er nur noch eine Träne in einem weggeworfenen Taschentuch ist.«
»Sag mir, Mütterchen: Bin ich ein schlechter Mensch?«
Wieder tätschelte sie ihn am Kopf. »Ach wo! Wer sagt denn sowas? Du hast es nicht gewusst. Das hast du nie. Hast auch die Schleusen nicht mit Wissen oder Macht geöffnet. Es ist einfach nur passiert, hast ihn einfach gewähren lassen. Dazu kommt der größte Feind, die Unzufriedenheit. Sie erst hat den Schwarzen Mann verführt, nach mehr Macht sich auszustrecken. Es ist ein Zusammenspiel von so vielen Dingen, Erlebnissen und Gefühlen. Es ist schwer durchzublicken, wie genau alles entstand. Aber ich habe dich die Jahre über gesehen. Du hast dich lange sehr gewehrt. Ich bin sehr stolz auf dich. Hast Großes auch erreicht. Doch diese Pest, dieser Krebs, er war zu machtvoll.«
»Und? Ist es jetzt zu spät?«
»Für manche, ja, wie ich schon sagte. Viele hatten nicht die Kraft. Sie sind auf halbem Wege wohl verloren gegangen. Aber für dich? Niemals. Hör nur hin, sei ganz still!«
Und so lauschte Franz in die Stille und tatsächlich: Ganz leise hörte er einen feinen, glockenartigen Singsang. Er hörte ihn nicht mit seinen Ohren. Er hörte ihn mit all seinen Sinnen und besonders mit seinem Herzen. Aber er schien unendlich weit weg zu sein. Gar nicht auf diesem Planeten, so kam es Franz vor.
»Was ist das? Es ist schön.«
»Das ist dein Funken.«
»Mein Funken?«
»Ja, dein Leben. Deine Liebe, deine Freude. Dein ganz eigenes Glück.«
»Es ist noch nicht erloschen?«
»Es kann niemals ganz erlöschen, nur mit dem Tode. Es kann nur verschlossen werden, aber den Schlüssel kann man finden und dann wird es frei sein.«
»Und wo finde ich den Schlüssel?«
»Oh, das kann ich dir nicht sagen. Es wird auch nicht nur einer sein, denn dann wäre es ganz einfach. Einen habe ich hier.« Sie zog an einer Kette, die sie um den Hals trug und an der ein kleiner, feiner Schlüssel hing. Sie löste ihn von der Kette und gab ihn Franz.
»Meinen hast du. Heb ihn gut auf! Aber wie viele du noch brauchen wirst, das kann auch ich dir nicht sagen. Du musst deinem Weg folgen, weiterziehen. Und auf der Reise wirst du schon merken, wo du wieder einen Schlüssel erhältst. Der Weg formt sich für dich. Das wirst du spüren. Verlasse ihn nicht und versuche zu lernen und zu handeln! Helfe dem einen oder anderen, bezwinge vielleicht auch manchen auf deinem Weg, und wenn du ankommst beim Schwarzen Mann, befreie deinen Funken aus seiner Hand! Aus seinem Würgegriff. Erlöse ihn aus dem Verlies.«
Franz schluckte schwer.
»Der Schwarze Mann hat meinen Funken?«
»Ja, aber hab keine Angst! Du wirst genug Verstand und Mut auf deinem Weg lernen, um ihn zu besiegen und zu bezwingen.«
»Ich muss darüber reflektieren, Mütterchen. Aber ich denke, mir bleibt keine Wahl. Ich möchte, dass es wieder geordnet in mir ist. Möchte, dass Harmonie in mir sich birgt.«
»Oh, Harmonie? Die hast du, kleiner Znarf. Manchmal auch zu viel.«
»Kann man denn zu viel Harmonie haben?«
»Nein. Da hast du recht. Das kann man nicht.«
Beide mussten schmunzeln.
Das Mütterchen fügte noch hinzu: »Aber andere meinen, man könne zu viel an Harmonie besitzen. Das wirst du noch verstehen.«
Franz nickte.
»Aber warum sagt ihr alle Znarf zu mir? Dass es mein Name rückwärts ist, das habe ich verstanden. Aber warum?«
»Nun, was denkst du? Nach dem, was du nun weißt?«
Franz schloss seine Augen, um in sich hineinzuhorchen.
Nach einigen Minuten schlussfolgerte er: »Ihr seid ich. Und ich bin ihr. Das ist meine Welt. Von innen, meine Spiegelwelt? Ihr alle seid meine Gedanken und Gefühle, also meine Spiegelbilder. Darum redet ihr mich so an.«
Das Mütterchen schloss zufrieden seine Augen und wippte lächelnd mit dem Köpfchen auf und ab.
»Du bist ein kluger Junge. Viel mehr brauche ich nicht zu sagen. Es ist aber auch eine Art Anderswelt. Das, wo du herkommst, würden die meisten als die Gutwelt bezeichnen. Und dass du hier bist, wird dort, in der sogenannten besseren, der angeblich richtigen Welt, nicht jedem gefallen.« Sie strahlte innere Zuversicht aus und fuhr fort: »Aber du wirst es schon schaffen und den Schwarzen Mann besiegen. Es ist schön, dich hier zu haben.«
Iocus surrte zu den beiden, er hatte ein kleines Nickerchen gemacht.
»Seht!«, piepste er. »Es wird hell. Wir müssen weiter.«
Das Mütterchen stand auf und begleitete die beiden zur Tür. Sie verabschiedeten sich mit einer kleinen Umarmung und dann stieg Franz die Veranda hinab und blickte sich noch einmal um.
Er war verwundert. Das Haus war so winzig, der Raum aber so groß gewesen.
Doch er konnte nicht weiter darüber nachdenken, Iocus zog wieder an ihm. Sie schritten um das Häuschen und gingen weiter in den Wald. Mit Freude stellte Franz fest, dass er nicht mehr rückwärtsgehen musste.
Der Pythagoräer
Sie liefen einige Stunden im Morgengrauen durch den Finsterwald. Hier und da huschten schwarze Schatten mit leuchtenden Augen an ihnen vorbei.
Je näher eines dieser Wesen an Franz herankam, umso kälter wurde ihm. Doch allmählich schien er sich daran zu gewöhnen. Sie unternahmen nichts, rannten einfach nur umher und gaben verstörende Geräusche von sich. Entweder war es ihnen schon zu hell oder Franz musste irgendetwas an sich haben, das sie davon abhielt, ihm irgendetwas anzutun, schlussfolgerte er. Doch dann zuckten die Bäume und begannen zu kriseln. Als ob Franz durch eine Filmwelt schreiten und die Filmrolle verenden würde. Alles wurde schwarz und es dröhnte ein helles Pfeifen in seinen Ohren.
Im nächsten Moment kamen Franz und Iocus an einen Ort, der noch suspekter schien. Sie befanden sich inmitten eines unendlich weitläufigen Raumes. Nicht weit von ihnen sahen sie ein Zimmer, das der Länge nach aufgeschnitten war. Darin befand sich eine große Tafel, wie man sie aus jeder Schule kennt. Eine riesige Seifenblase umschloss den Raum.
Bunte Dreiecke und diverse andere geometrische Formen und Körper flogen durch die Luft. Große, kleine. Mal nur zweidimensional, manchmal auch dreidimensional. Stellenweise waren sie mit Nummern oder Formeln versehen. Der Boden war in einer Sprache beschrieben, die Franz nicht verstehen konnte.
Vor der Tafel bemerkte er einen kleinen Mann, der an seinem vollgestellten Schreibtisch lehnte. Fast noch ein Junge. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt und rieb sich den Hinterkopf.
Langsam gingen die beiden auf den Raum zu. Vor der Seifenblase stoppte Franz und berührte sie kurz mit seiner Hand. Sie hatte eine eigenartige Konsistenz. Nicht fest, aber auch nicht flüssig. Es war aber auch nicht wabbelig wie Pudding. Kalt, doch dahinter wurde es warm.
Franz gab sich einen Ruck, schloss seine Augen und sprang hindurch.
Als er seine Augen wieder öffnete, hatte sich alles wieder vollständig verändert. Die Tafel schien in beide Richtungen kein Ende zu nehmen. Und auch nach oben hin reichte sie bis in die Wolken. Überall war sie mit winzigen Zahlen und Formeln beschrieben. Leitern in den unterschiedlichsten Größen hatte man an sie gelehnt. Der Mann rieb sich weiter seinen Kopf und – ja, wirklich – es kamen kleine Rauchwölkchen aus seinen Ohren. Franz ging um den Schreibtisch herum und sah sich den Mann an.
Er war recht dünn, hatte wild zerzauste lange Haare. Einen langen weißen Bart trug er, der ihm zu allen Seiten abstand. Franz hätte schwören können, dass er von hinten noch jung ausgesehen hatte. Drei Brillen trug er übereinander, welche sich schwer in seine Nase gruben. Eine andere hielt er in der Hand und zwei weitere ruhten auf seinem Kopf. Er hatte nicht viel an. Nur ein langes, cremeweißes Hemd.
Iocus setzte sich hinter den Mann auf den Schreibtisch und wollte gerade beginnen, ihn zu ärgern. Doch Franz vereitelte seinen Plan und durchschnitt die Stille.
»Guten Tag!«
Der Unbekannte weitete seine Augen, schob die zwei Brillen von seinem Kopf und setzte sie sich auf die Nase. Dann drehte er sich zu ihm um. Seine Augen waren nur noch schwer und tanzend zu erahnen hinter den fünf Brillen.
»A. Wa u hi?«
Franz war irritiert. Was hatte er gesagt?
»Guten Tag. Ich bin Franz. Oder wie ihr jetzt sagen würdet, Znarf. Wer bitte seid Ihr?«
Der Mann stöhnte genervt. »A. I sa do. I wß do w u is!«
»Es tut mir leid. Ich kann Sie nur ganz schlecht verstehen.«
»Ate umeude. Ix auhn u. Mis. As mis!«
Er warf die Brille aus der Hand, schritt zur Tafel und stieg eilig eine Leiter hinauf. Dann sprang er von da aus hinüber zu einer anderen. Kurz machte er halt, wischte etwas mit seinem Hemd an der Tafel weg. Daraufhin sprang er eine Leiter zurück, stieg diese noch höher hinauf, sprang weiter zur nächsten, rüber zu einer anderen und ließ sich schließlich bis fast ganz unten hinabgleiten. Dort schrieb er etwas an die Tafel, fiel auf den Boden, rannte und rannte, bis Franz ihn nicht mehr sehen konnte. Franz wollte schon hinterher, hörte jedoch, wie der Mann hinter ihm wieder angebraust kam. Franz drehte sich um und sah, wie der Verrückte erneut etwas an die Tafel schrieb, ein paar Meter weiter Zahlen und Buchstaben wegwischte und direkt etwas Neues an ihrer statt kritzelte.
Jetzt kam er verschwitzt und schnaufend zurück.
Als er wieder da war, setzte er sich im Schneidersitz auf seinen Schreibtisch und sagte: »I of. I is e. I of. Nx Löug. I br Löug.«
Nun mischte sich Iocus ein: »Znarf, du musst ihm helfen! Er ist nicht mehr bei Sinnen. Du musst mit ihm die Lösung finden. Für seine Formel.«
Franz sah sich die Tafel an und ihm wurde flau. Wie sollte man bei dieser Rechnung eine Lösung finden? Gab es die überhaupt? Waren es viele Rechnungen oder gar nur eine? Wie viele Jahre arbeitete dieser Mann schon daran und wie sollte Franz sich auf die Schnelle hineindenken?
»Ich kann es nicht. Ich seh hier nicht durch!«
»Denk nach, Znarf! Du musst wissen, wie es geht.«
»Ich kann ihn ja noch nicht einmal fragen. Ich kann nicht mit ihm reden. Kein Wort verstehe ich. Dies ist nicht lösbar. Das ist nicht fair.«
»Überleg dir was! Irgendwas muss es doch geben.«
Auch Franz rieb sich jetzt den Kopf und sah sich um. Dann trat er an den Schreibtisch. Er sah, dass darauf verkehrt herum ein Namensschild stand, und drehte es um.
Dr. Intelligentia, Paolo (Pythagoräer)
Franz wühlte tief in seinem Wissen. Es hemmte ihn der Gedanke, dass die Aufgabe keine Lösung zu haben schien. Geistig gelähmt war er von seiner Angst, nicht zu begreifen, nicht verstehen zu können. Er merkte, wie sich kein einziges Zahnrad in ihm mehr drehte. Da lag ein Stock quer in seinem Kopfe.
»Ich muss hier raus«, stieß er hervor und sprang durch die Blase. Draußen sah er wieder die vielen farbigen, geometrischen Formen und die merkwürdige Schrift. Er ging hinter das Zimmer und entdeckte, dass der große Raum hier in einem Punkt endete. Und dahinter, es war fast wie ein Loch, verbarg sich ein idyllischer Ort. Ein klarer Bach in einem blühenden Wald. Er sah ein Reh und Vögel. Eilig rannte Franz zurück in den kleinen Raum und packte den Mann am Arm. Dieser schrie und fuchtelte wild um sich, aber dennoch kam er mit.
Als sie gemeinsam den Punkt erreichten, schubste Franz ihn in das Loch und sprang gleich mit hinein.
Jetzt saßen sie auf einem riesigen Baumstumpf direkt am Bach. Das Reh blickte sie an und fraß dann weiter. Die Vögel sangen, Bienen schwirrten umher. Beide genossen die Ruhe und den Klang der Natur. Franz spürte förmlich, wie der Mann zur Ruhe kam. Als sie eine ganze Weile so gesessen hatten, fing der Mann an zu reden.
»Oh, das ist so schön. Wie lange war ich nicht mehr hier? Hab Zeit und Raum komplett vergessen.«
»Ich kann dich ja doch verstehen. Die Ruhe tut dir gut, oder?«
»Ja. Die Sonne. Kein Lärm. Die Tiere. Die Luft.« Er atmete lang und laut ein. »Mein Kopf arbeitet wieder ein klein wenig langsamer. So lange Zeit stand er nicht still. Versucht doch, die Lösung für dein Leben zu finden.«
»Es tut mir sehr leid, dass ich dir so selten deine Ruhe gab und du immerzu so schwer am Rechnen warst.«
»Es ist schon gut. Das geht ganz von allein. Egal, was du auch machst, ich wurde immer wilder, immer besessener. Davon, alles richtig wohl zu machen.«
»Woran arbeitest du genau?«
Der Mann überlegte eine Weile, ehe er antwortete. Vorher setzte er sich noch eine kleine Raupe auf die Hand, die langsam seinen Arm hochwanderte.
»Ach, weißt du, das ist sehr kompliziert. Das Leben, dein Leben. Ich als dein Verstand versuche, dein Leben in eine Formel zu bekommen. Sodass du eine klare Lösung hast. Doch zu viele Klammern, zu viele Probleme entstehen. Sodass ich nicht mehr weiß, wie viele Formeln es nun schon sind.«
Sie standen auf und gingen langsam ein Stück am Fluss entlang. Sie unterhielten sich über den Aufbau von mathematischen Formeln und darüber, wie man sie strukturierte, wie man sich einige gut einprägen und sich neue aus alten, schon bekannten, herleiten könne.
Der Mann war müde. Das sah Franz ihm an. Die Rauchwolken stiegen unablässig aus seinen Ohren und Franz wusste, dass er niemals aufhörte zu denken, zu zermartern.
»Weißt du, wo ich herkomme und lebe, befindet sich nicht weit von mir ein Fluss. Er durchwandert wundervoll und mit so viel Würde eine alte, barocke Stadt. Wie eine Schlange windet er sich in unzähligen Schleifen hindurch. Überall spielt sich das Leben der Natur, der Ruhe und dennoch auch der Moderne ab. Ich gehe gern dorthin, verweile in Ruhe und verträumt an verschiedenen Orten des Wassers und seines Ufers. Oft fällt es mir schwer, richtig zu genießen, genau hinzuhören, was das Wasser und seine Stille mir sagen möchten. Ich habe oft den Eindruck, es möchte einen erwecken. Wachrütteln aus Zwängen und Krämpfen des Alltags.«
Dr. Intelligentia schwieg, stimmte aber mit einem Nicken zu.
Franz fuhr fort: »Auch da, wo ich als kleiner Junge gelebt habe, war ich umgeben von der Stille und Liebe der Natur. Nicht weit von unserem Haus gab es einen kleinen Bach. Dort habe ich viel Zeit verbracht. In der Nähe stand eine alte und verfallene Mühle, die für kaum noch jemanden interessant erschien. Leider konnte man sie nicht mehr betreten, das Wetter hatte ihr schon zu sehr zugesetzt. Aber ich bin gern an diesem Ort gewesen. Auch da sah ich Rehe, wenn ich lang genug still und ruhig am Bach gesessen und gewartet habe. Kein Geräusch von mechanischem oder industriellem Leben vernahm man dort. Es plätscherte langsam und beruhigend, aber immer im Wandel, das kleine, verschlafene Bächlein. Lange Zeit habe ich diesen Platz oft besucht, habe erste Lieder geschrieben, sie der Natur und den versteckten Tieren vorgesungen.«
»Aber irgendwann war ich alt genug«, sagte der Verstand und blickte Franz an. »Bereit zu wirken und zu denken. Und das Leben stellte viele Fragen und Anforderungen an dich.«
»Das ist wohl wahr. Und umso schwerer erscheint es mir, vollen Nutzen aus solch wunderbaren Plätzen zu ziehen. Immer schwerer wird es, die Zeit für solche Orte zu finden.« Franz hing Gedanken und Erinnerungen nach, die er mit den Orten des Wassers verband. So viel Wunderbares hatte er dort erlebt. Hatte mit Freunden bei unzähligen Gesprächen an Bächen verweilt. So viele Dinge, die sich tief in sein Herz eingebrannt hatten, ihn bis heute formten, standen in Verbindung zum Wasser. Manch eine verletzende Begegnung beschwor der Duft des Flusses wieder herauf. Dennoch übte die Bewegung und Natürlichkeit des Wassers einen tiefen Reiz der Ruhe und Verbundenheit auf ihn aus.
Franz blickte umher und sah, wie zwei Käfer miteinander kämpften, bis einer auf dem Rücken landete und dann von Ameisen gefressen wurde. Der Anblick gefiel ihm nicht und so schaute er in den Bach. Dort sah er, wie ein Reiher kam, sich einen Frosch schnappte und damit im Maul davonflog. Kurz darauf erblickte er, wie ein Fisch aus dem Wasser sprang und eine Mücke fraß. Und ein Vogel pickte an einem Baum Maden aus der Rinde.
Mit einem Mal hatte Franz eine Idee.
Er gab dem Pythagoräer zu verstehen, dass sie wieder zurücksollten. So gingen sie wieder zu dem kleinen Loch, stiegen eine dünne Leiter hinauf und kletterten zurück in den großen Raum. Sie liefen um die Blase herum und erreichten wieder das Zimmer mit der großen Tafel.
»Was fehlt dir genau, lieber Dr.?«
»Wenn ich das nur wüsste!«
Franz grinste ihn an. »Genau das ist es: eine Unbekannte.«
Der Verstand fasste sich an den Kopf, rückte sich alle seine Brillen zurecht und begann ein weiteres Mal, wie wild umherzurennen und zu klettern. Er wurde immer schneller, bis man nicht mehr sah, wo er sich eigentlich gerade befand. Man hörte es wischen und kritzeln. Überall rieselte es Kreide und tropfte es Wasser.
Nach einer Weile stand er verschwitzt und schwer atmend neben Franz und setzte sich auf den Boden. Er lehnte sich an den Schreibtisch und schlief ein.
Franz sah sich nun die Tafel an. Formeln über Formeln. Doch überall war nun ein neues Zeichen aufgetaucht. Es war ein großes X. Überall, wo der Verstand nicht weitergekommen war, hatte er ein X eingefügt. Weiterhin stand keine Lösung am Ende der Gleichungen. Doch Franz merkte, dass das Wissen um diese Unbekannte und dass man sie nicht kennen musste, ihn beruhigte.
Er setzte sich daneben und dachte ernsthaft nach. Alte Erinnerungen reanimierte er in sich. Franz spürte, wie verstaubte Schubladen im Innersten sich öffneten. Es stiebte in seinem Kopf, roch nach Moder und war dunkel. Doch das große X wirkte wie eine Lampe, mit der er nun durch die Reihen in seinem Bewusstsein schritt. Er durchleuchtete alles, was sich bisher in seinem Leben abgespielt hatte. Entscheidungen, Gefühle, Gedanken, Pläne, Ziele. Alles, was er irgendwie noch aus sich hervorholen konnte, betrachtete er in Ruhe und in Frieden. Und er erlebte zum ersten Mal, wie er fast wertungslos an die Dinge heranging. Er sah sie an, wendete sie und durchdrang ihre ganze Existenz. Ihm war egal, ob es ihm gefiel, ob er traurig war oder glücklich. Er sah die Zeichen und Ereignisse seines Lebens jetzt ganz anders. Er erspähte die Unbekannte, die er niemals hatte definieren können. Erst im Nachhinein konnte man ihr einen Wert geben. Genau das machte ihn glücklich. Franz hatte versucht, mit allen Unbekannten umzugehen. Hatte sie nie verstoßen. Er wollte sie einfügen in seine Formel. Doch nicht jede Unbekannte, nicht jedes X oder Y befand sich an der passenden und richtigen Stelle. Und er wusste, es würde auch weiterhin so gehen. Es gab keine Formel für sein Leben. Nicht für das Leben. Das Leben ist Formel und Lösung zugleich. Ohne berechenbares Ergebnis. Erst der Tod, wenn er ihn ereilen würde, war das Ergebnis. Er war die Zahl hinter dem Gleichheitszeichen, die alle Unbekannten mit einbezog. Ganz, ganz, ganz am Ende.
Franz stand auf und drehte sich um. Er ließ den Blick über den Schreibtisch schweifen und sah auf dessen Mitte einen Schlüssel liegen.
Er steckte ihn in seine Hose und nickte Iocus zu. Seite an Seite stiegen sie aus der Blase und gingen hinter den Raum. Sie sprangen ins Loch und liefen lange Zeit am Bachlauf entlang, beobachteten die Natur, genossen die Ruhe und lieblich frische Luft. Währenddessen hing Franz alten Erlebnissen hinterher und stellte fest, dass er noch lange nicht wertfrei war.
