Kitabı oku: «Memento Mori»
Cover
Zitat
Ist es denn eine Sünde, sein Leben zu lieben?
Nicht gerade eine Sünde, aber ein Irrtum.
Henry Drummond, 1910
Titel

Mehr vom Autor
Mehr vom Autor unter
www.benecke.com
Copyright
Copyright © 2011 by Edition Roter Drache.
Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Postfach 10 01 47,
D-07391 Rudolstadt.
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
© Autorenfoto auf Seite 250: Rocksau Pictures für benecke.com
© Titelbildmotiv „Vielleicht schon Morgen“ von Frank Daske.
Buch- & Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache.
Textbearbeitung: Kristina Baumjohann.
Gesamtherstellung: Wonka Druck, Deutschland.
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
1. Digitale Auflage 2012
Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH
ISBN 9783944180045
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Erster Teil
Warum die Natur den Tod erfand
Blitz und Donner machen den Anfang
Lebende Geschöpfe wissen zu viel
Die Geheimschrift des Lebens kann jeder lesen
Unsterbliche Zellen, die den Tod bedeuten
Die vorprogrammierte Lebensdauer
Zellen haben ein Gedächtnis
Multiplizierte Wurmleben
Einige Todesgene sind schon bekannt
Selbstmord der Zelle
Wesen, die nicht sterben
Ewiges Leben hat einen entscheidenden Nachteil
Artensterben und Umweltveränderung
Sex wird erfunden
Zweiter Teil
Niemand will sterben
Am Ende des Tunnels sah ich ein Licht
»Was ist das jetzt für ein Schlaf, der dich gepackt?«
Den Körper für das Jenseits erhalten
Die ewig Ruhelosen
Wann beginnt das Altern?
Der Jungbrunnen im menschlichen Körper
Goethe, Hufeland und ein Missverständnis
Die Lebensaltertabelle
Die strahlende Kerze brennt schneller
Stärkt Sport die Lebenskräfte?
Das »französische Paradoxon«
Die kleinen Geheimnisse der fast und über Hundertjährigen
Lebensverlängernde Ernährung
Linus Paulings Liebesaffäre mit dem Vitamin C
Melatonin und andere gewinnbringende Selbstläufer
Biorhythmus: Taktstock des Lebens
Ursache und Wirkung verschwinden im Zahlenwirrwarr
Eine rhythmische Zeithöhle
Dritter Teil
Die Unsterblichkeit des Einzelnen – Mögliches und (heute) Unmögliches
Wann ist ein Mensch tot?
Gefangen im leblosen Körper
Wie tot ist ein totes Gehirn?
Niemals alt werden – Neotenie
Veränderung des Erbgutes durch Gentherapie
Dolly, das berühmteste Schaf der Welt
Kehren die Dinosaurier zurück?
Stammbäume des Lebens
Speichelspende für die Ewigkeit
Gehirnverpflanzung – Wunschtraum oder künftige Wirklichkeit?
Altes Gehirn, neuer Körper
Sinnliche Wahrnehmung wörtlich genommen
Frischzellen als Verjüngungsmittel?
Wem gehört die zweite Niere des Bundespräsidenten?
Nichtbiologische Probleme der Organverpflanzung
Kyborgs, Androiden, Menschmaschinen und künstliche Organe
Vierter Teil
Die Menschheit – unsterblich?
Wir leben nur, wenn die Erde lebt
Beifall aus unvermuteter Ecke
Die Welt platzt aus den Nähten
Klimawandel und die Folgen
Wozu brauchen wir viele Tier- und Pflanzenarten?
Überfischte Gewässer
Intensivlandwirtschaft
Artenvielfalt: Um welchen Preis?
Auswandern in den Weltraum?
Fünfter Teil
Der Sinn des Todes – biologisch betrachtet
Die Aufschlüsselung des menschlichen Erbgutes
Warum leben? Warum sterben?
Anhang
Literaturhinweise
Register
Zum Buch
Vorwort
Vorwort
Das Labor, in dem ich viele Jahre hindurch die Erbsubstanz lebender Menschen untersucht habe, ist nur durch wenige Türen vom Leichenkühlraum des Kölner Universitätsinstitutes für Rechtsmedizin getrennt. Das tägliche Nebeneinander des sichtbar gemachten Lebensbauplanes einerseits und des greifbaren Todes andererseits regte mich dazu an, dieses Buch zu schreiben. Schon während meines Biologiestudiums fragte ich mich: Warum müssen nahezu alle Wesen sterben trotz der langen Entwicklungszeit, die das irdische Leben in Anspruch genommen hat? Wäre Unsterblichkeit nicht ein praktisches und erstrebenswertes Ziel der Evolution?
Auf der Suche nach einer Antwort ging ich den seltsamen Berichten über eingefrorene Köpfe, die in Lagerhallen privater Firmen auf eine Wiedererweckung warten, ebenso nach wie den Forschungen, mit denen man die Alterungsgene ausschalten will. Ich traf Genetiker, die Lebensinformationen verändern, und Mediziner, die uralte Erbsubstanzstücke untersuchen. Ich arbeitete mit Entwicklungsbiologen, die die Entstehung jeder einzelnen Körperzelle eines Tieres durch das Mikroskop beobachtet haben, und fand Rechenmethoden, die scheinbar den Ablauf des Lebens erklären können. In staubigen Bücherbergen entdeckte ich Werke des Erfinders der Biorhythmen und die Lehren von Goethes Leibarzt.
Wie sich zeigte, ist der Wunsch nach ewigem Leben eine grundlegende und uralte Sehnsucht des Menschen. Seit jeher nutzen wir alle technischen Möglichkeiten, um Leben zu erhalten und zu verlängern.
Aber erst die biomedizinische Forschung der letzten Jahre hat uns dem alten Traum vom ewigen Leben ein Stück näher gebracht. Für Hunderte erblicher Krankheiten haben wir tatsächlich schon die auslösenden Gene und damit den möglichen Schlüssel für eine Heilung gefunden.
Seit vergangenem Jahr ist das Erbgut vieler Lebewesen entschlüsselt – zumindest so weit, dass wir damit sinnvoll arbeiten können. Weder die Anzahl der Gene des Menschen noch die Arbeitsweise der nicht kodierenden Erbsubstanzabschnitte ist aber bisher verstanden, und so bleibt es spannend im gerade beginnenden Jahrhundert der Bioforschung. Die Schönheit des Lebens, aber auch dessen zerbrechliche und zufällige Art bleiben dabei für viele Forscherinnen das befriedigendste Beschäftigungsfeld.
In der jetzt wirklichen Umwälzung des biologisch-medizinischen Denkens und Arbeitens geraten einige der im vorliegenden Buch beschriebenen Methoden wie das Tieffrieren menschlicher Körper, der Bau von Einmann-Überlebenswaben zur Besiedlung des Planeten Mars oder die massenhafte Lagerung aller Pflanzensamen zu scheinbaren Beinoten biotechnischen Wirkens. Vielleicht werden aber gerade unter gröberen Ansätzen einmal gedankliche Perlen sein, die uns helfen, Fortschritte zu machen. Zumindest in vielen der sich entwickelnden Ländern, in denen ich in den vergangenen Jahren als Wissenschaftler arbeiten durfte, bleibt der Blick aufs Ganze und Große wichtig.
Der biologische Sinn der Sterbens und die darin enthaltene Schönheit treten angesichts unserer zunehmenden Hinwendung zum Molekularen schärfer hervor als noch vor wenigen Jahren. Ich habe bei der Bearbeitung des deutschen Textes für die vorliegende Taschenbuchausgabe darauf Rücksicht genommen. Der Text wurde zudem gestrafft und aktualisiert.
Ich lade Sie hiermit zum unterhaltsamen und spannenden Blättern, Quer- und Wiederlesen in die Welt der Biologie, (Rechts-)Medizin, Kulturgeschichte und Zukunftsforschung ein. Bitte werfen Sie auch einen Blick in das Literaturverzeichnis. Es liefert Ihnen vielleicht den einen oder anderen Lesetipp.
Eine alte rechtsmedizinische Regel besagt, dass die Wirklichkeit stets einen Deut bunter ist als die Vorstellungskraft. Dieses Buch soll Ihnen zeigen, dass selbst eine Romanphantasie mit der Realität nicht mithalten kann.
Dennoch: Betrachten wir das biologische Wissen, das wir bis heute gesammelt haben, nüchtern, dann stellen wir fest, dass das Leben als Gesamtheit eine hartnäckige Zufälligkeit ist, eine Laune, die immer neue Geschöpfe hervorbringt, um sich selbst zu erhalten, und die eines Tages dort enden wird, wo sie begonnen hat: in der Gluthitze und Eiseskälte des Leblosen. Das Leben ist ein einziger Selbstzweck – aber der wundervollste und raffinierteste, den wir kennen. Sein Programm lautet Anpassung, Ausdehnung und Vervielfältigung. Dieses Buch schaut dem Lebensprogramm derart in die Karten, dass es die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Todes derart beantwortet, wie es Wissenschaftler aus Erfahrung am liebsten tun: mit der einfachsten erkennbaren Erklärung.
Mark Benecke
ERSTER TEIL
Warum die Natur den Tod erfand

„Alles, was lebt, muss sterben. Der Mensch ist das einzige irdische Geschöpf, dem es bisweilen gelingt, Unsterblichkeit zu erlangen.“
Publius Aelius Hadrian, um 100 n. Chr.
Vergiftete seine Frau Sabrina, seinen Schwager Servianius und seinen Enkel Dion, bevor er qualvoll an Wassersucht starb, weil sein Arzt ihm die Sterbehilfe verweigerte.
Blitz und Donner machen den Anfang
Ein schwüler Abend im Sommer 1952. In einem Labor in Chicago zuckt ein Lichtblitz durch einen Glaskolben, der mit kochendem Wasser und giftigem Methan-, Wasserstoff- und Ammoniakgas gefüllt ist. Der junge Forscher Stanley Miller ahmt damit die Umwelt nach, wie sie nach Meinung seines Chefs, des Chemie-Nobelpreisträgers Harold Urey, kurz vor der Entstehung des Lebens auf der Erde ausgesehen haben könnte. Tatsächlich entsteht in Millers Hexenkessel nach einigen Tagen beinahe Leben. Genauer gesagt, es bilden sich ein paar chemische Bausteine, die auch in Lebewesen vorkommen, vor allem Aminosäuren. Sie sind die Bestandteile aller Proteine, der wichtigsten Aufbaustoffe lebender Körper.
Anfangs entstand in Millers Kolben allerdings vorwiegend rötlicher Teer. Nach einigen Änderungen des Versuchsaufbaus wurde das Ergebnis aber interessanter, und beinahe hätte der deutsche Biologe Ernst Haeckel Recht behalten, der einem Kollegen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Scherz geraten hatte: »Na, kondensieren Sie nur, eines Tages wird‘s schon krabbeln.«
Der Übergang von unbelebter Materie zu lebenden Gebilden ist auch heute noch eines der interessantesten und komplexesten Themen der Biologie und Chemie. Der deutsche Nobelpreisträger Manfred Eigen beschäftigte sich jahrelang ausführlich mit diesem Problem, und es war noch 1994 das Thema eines Leitartikels des einflussreichen Wissenschaftsmagazins Nature.
Mit ihren Versuchen konnten Miller, seine Mitarbeiter und andere Forscher nur den ersten Schritt zur Entstehung von Leben nachvollziehen; weitere wollen bis heute im Labor kaum gelingen. So bleibt gültig, was der amerikanische Wissenschaftler Harold Klein einmal sagte: »Selbst das einfachste Bakterium ist aus der Sicht eines Chemikers so verdammt kompliziert, dass man sich kaum vorstellen kann, wie es entstanden sein soll.«
Andererseits waren Bakterien aber sicher nicht die ersten lebensähnlichen Gebilde, die auf der Erde entstanden. Das macht es leichter, über die Anfänge des Lebens nachzudenken. Jüngere Versuche einer Arbeitsgruppe um J. P. Ferris vom Rensselear Polytechnic Institute in Troy zeigen, dass die Bausteine der Proteine (die Aminosäuren) und die Bausteine der Nukleinsäuren (Nukleotide) sich in der Gegenwart zweier Mineralien der so genannten Ursuppe (Illit und Montmorillonit) zu Bioketten verbinden können, wie sie auch in Lebewesen vorkommen. Solche Molekülketten kann man sich sehr gut als Ausgangsstoff für die Entwicklung des Lebens vorstellen.
Millers Versuche haben gezeigt, dass das Leben offenbar vor unendlich langer Zeit in schwärzester Nacht bei Sturm und Blitz geboren wurde.1 Mit gewaltigem Aufwand ist seit damals ein bunter Strauß von Lebensformen erblüht: Adler, Krebse, Tannen, Pudel, Butterblumen – und Menschen. Sie alle haben eines gemeinsam: einen mehr oder weniger eindrucksvollen Auftritt auf der Bühne des Lebens und – den Tod.
Lebende Geschöpfe wissen zu viel
Höhere Pflanzen und Tiere bestehen aus unglaublich vielen Zellen. Manche dieser Lebensbausteine kann man mit bloßem Auge gerade noch erkennen, die meisten sind dazu jedoch zu klein. Sie sind so winzig, dass in einen einzigen Blutstropfen mehr als eine Million Zellen passen.
Die Zahl eine Million ist schwer vorstellbar. Ein Gedankenexperiment soll sie deutlich machen. Eine geöffnete Hand fasst etwa zweitausend Reiskörner; in beide Hände passen folglich viertausend Körner. Um eine Million Reiskörner halten zu können, sind demnach zweihundertfünfzig Menschen nötig, und wenn sie alle ihre Hand voll Reis in Kochtöpfe schütten, füllen sie deren fünfzehn. Fünfzehn Kochtöpfe voller Reiskörner: So viele Zellen enthält ein Tropfen Blut.
In einem Lebewesen wie dem Menschen arbeiten aber nicht nur Millionen, sondern Billionen Zellen geregelt zusammen. Gleichgültig, wie weit die Zellen eines Körpers voneinander entfernt sind: Sie stimmen ihre Tätigkeit aufeinander ab. Wäre das nicht der Fall, würde jeder Teil des Körpers tun und lassen, was er wollte. Eine Nervenzelle würde zum Beispiel das linke Augenlid dazu anregen, unablässig zu zucken. Oder ein kleiner Hautabschnitt, vielleicht am Kinn, würde trotz grimmiger Kälte plötzlich schwitzen, weil einige Schweißdrüsen ihre Arbeit aufgenommen haben. So könnte kein Körper funktionieren. Das Zusammenspiel der Zellen erfolgt durch chemische und elektrische Nachrichten.
In unserem Körper gibt es etwa zweihundert verschiedene Zelltypen, die jeweils ganz spezielle Aufgaben erfüllen. Zellen der gleichen Sorte haben die gleiche charakteristische Gestalt: Nervenzellen etwa sind oft lang gestreckt, und Schweißdrüsenzellen sind becherförmig. Der einheitlichen Form entsprechen gleiche Aufgaben – Nervenzellen leiten elektrische Signale weiter, Schweißdrüsenzellen produzieren Schweiß.
Jede Zelle enthält eine Arbeitsanweisung. In den Zellen der Schweißdrüse ist die genaue Anleitung zur Herstellung von Schweiß niedergeschrieben. Dieses Rezept befolgen die Zellen sehr genau. Auch Nervenzellen beachten eine innere Anleitung. Sie erzeugen elektrische Signale, die im Körper ganz bestimmte Vorgänge steuern, etwa den Schlag der Augenlider. Erreicht das Nervensignal sein Ziel (in unserem Beispiel das Augenlid), zucken die Muskelzellen dort zusammen, weil genau das ihre vorgegebene Aufgabe ist; sie können nicht anders.
Sind Zellen also regelrechte Fachidioten, die nur jeweils eine einzige Aufgabe erfüllen können? Tun sie immer, was der innere Plan vorschreibt? Ja, aber das ist nicht alles. Fast alle Zellen tragen einen stillen Schatz in sich, den sie normalerweise niemals nutzen. Er besteht aus Information.
Jede Zelle besitzt nicht nur den Plan für ihre eigene Spezialaufgabe, sondern auch die Anleitungen und Rezepte aller anderen Zelltypen. Das heißt umgekehrt: Die meisten Pläne, die eine Zelle mit sich herumschleppt, braucht sie gar nicht. Wo eine Zelle im Körper liegt und wie sie auch aussieht, ihr Wissensschatz ist genauso groß wie der jeder anderen Zelle desselben Körpers. Eine menschliche Schweißdrüsenzelle trägt die Anleitungen für den Bau von Adern, Knochen und Gehirnmaterial in sich, obwohl sie diese Dinge niemals herstellt. Und wenn es nur um die Information ginge, könnte eine Nervenzelle genauso gut Fett produzieren wie die entsprechenden Zellkollegen im Gesäß. Nur – sie tut es nicht. Das hat zwei Gründe.
Erstens beauftragt niemand die Zellen damit, auf einmal eine andere Funktion auszuüben. Dazu gibt es auch keinen Grund. Warum sollte eine Nervenzelle im Gehirn die Aufgabe einer Gesäßzelle übernehmen müssen? Zweitens haben die Zellspezialisten oft schon eine Lage im Körper eingenommen, die ihnen eine neue Aufgabe unmöglich macht, selbst wenn sie zu einer solchen veranlasst würden. Eine in den Knochen eingemauerte Zelle kann keine Tränen nach außen entlassen, und eine Fettzelle kann nicht am Denken teilnehmen. Dazu müsste sie ins Gehirn wandern, sich dort sehr lang strecken, sich mit Isoliermaterial umhüllen und Anschlüsse zu Nerven bilden. Ein Ding der Unmöglichkeit. Warum also werfen die Zellen ihre überflüssigen Baupläne nicht fort?
Sie tun es nicht, weil die scheinbar überflüssigen Informationen sehr wertvoll sein können. Das ist ein Überbleibsel aus alten Tagen, als die unsterblichen Geschöpfe entstanden, die später in diesem Buch beschrieben werden. Diese Lebewesen bestanden aus einer einzigen Zelle und benötigten fast alle Arbeitsanleitungen, weil sie alles selbst tun mussten. Denn obwohl es nötig war, Nahrung aufzuspüren, zu erbeuten und zu verdauen, gab es noch keine speziellen Seh-, Kaumuskel- oder Darmzellen.
Manchmal ist es auch beim Menschen nützlich, dass jede Zelle noch alle Pläne in sich trägt: Einige Zelltypen können nicht nur eine spezielle Arbeitsvorschrift lesen, sondern je nach dem Zustand der Umgebung auch zuvor überflüssige Anleitungen. Wenn eine Wunde heilt und anschließend die passenden Gewebe – meist Haut und Muskeln – wieder eingebaut werden, sind solche Multitalente am Werk. Meistens schwimmen sie im Blut herum und warten nur darauf, dass ein Unfall passiert. Sobald das Notsignal kommt, werden sie im Blutstrom an Ort und Stelle transportiert. Dort verhalten sie sich wie ein Notarzt, der am Unfallort das jeweils geeignete Instrument aus seinem Rettungskoffer zieht. Blutverklumper, Stoffe, welche die Bildung neuer Haut und Muskeln fördern, sowie schmerzlindernde Substanzen sind nur einige der Hilfsmittel, über die solche Rettungszellen (Thrombozyten, Leukozyten und Fibroblasten) verfügen.
Die Geheimschrift des Lebens kann jeder lesen
Wie sehen nun all die Rezepte, Karten und Pläne aus, von denen die Rede ist? Woraus bestehen sie? Sie liegen in den langen Molekülfäden, auf denen sich auch die Anleitungen für das Altern und Sterben finden. Wenn man ewig leben möchte, muss man also den Informationsfaden verändern, und dazu muss man genau wissen, wie er aufgebaut ist und wo auf ihm die einzelnen Anleitungen stehen.
Manchmal nennt man den Informationsfaden auch Erbsubstanz. Die Eigenschaften des Körpers, zum Beispiel die Augenfarbe oder Form der Nase, können durch den Informationsfaden von den Eltern auf die Kinder übertragen, also vererbt werden. Der chemische Name der Säure ist kompliziert. Er lautet deoxyribonucleic acid, zu Deutsch: Desoxyribonukleinsäure. Weil Wissenschaftler ebenso bequem sind wie alle anderen Menschen, kürzen sie den englischen Namen mit DNA ab. Der ausgeschriebene chemische Name hört sich etwas exotisch an und erinnert ein wenig an malerische Indianerwörter. Übersetzt heißt er: »saurer Zucker aus dem Kern der Zelle, der zu wenig Sauerstoff hat«.
DNA ist tatsächlich eine Säure, ähnlich wie die in Zitronen oder Essig, aber sie ist viel komplizierter zusammengesetzt. Im Zitronensaft schwimmen Zitronensäurebausteine in Wasser herum. Entzieht man dem Saft das Wasser, zum Beispiel durch Erhitzen, lagern sich die Bausteine zu einem hübschen Kristall zusammen. Solche Kristalle mögen gut schmecken und in der Sonne glitzern, aber sie sind auch einfältig. In ihnen kann keine Information gespeichert oder verschlüsselt sein, weil sie aus lauter gleichen Untereinheiten bestehen. Es ist ähnlich wie beim Schreiben, einer menschlichen Art der Informationsübermittlung: Man kann so viele gleiche Buchstaben aneinander reihen, wie man möchte: Ein Wort oder ein Satz kommt dabei nie heraus.
Der DNA-Faden einer Zelle besteht aus vier verschiedenen Arten von Säurebausteinen. Mit ihnen lassen sich Informationen verschlüsseln und speichern, genauso wie wir es beim Schreiben durch Buchstabenkombinationen tun: Die vier Bausteine des Informationsfadens sind in Dreiergruppen hintereinander angeordnet, bilden also gewissermaßen lauter Wörter aus drei Buchstaben. Lesemoleküle der Zelle nehmen sich dann der Reihe nach jede Dreiergruppe vor und Übersetzen sie in einen Zellbaustein. Es gibt vierundsechzig Dreiergruppen oder »Wörter«, von denen einige allerdings dieselbe Bedeutung haben. Mit ihnen sind alle Bau- und Arbeitspläne der Zellen geschrieben.
Ein bildhaftes Beispiel: Die vier Säurebausteine (»Buchstaben« oder Basen) heißen abgekürzt A (für Adenin). C (für Cytosin) , G (für Guanin) und T (für Thymin). Angenommen, ein Stückchen eines solchen Informationsfadens besteht aus der erfundenen Reihenfolge CCCGTTAAG. Sehr stark vereinfacht gesagt, erkennt der Leseapparat: CCC = Fett. GTT = am. AAG = Fuß. Heraus kommt also: Fett am Fuß. Es handelt sich um eine der Fettzellen, die am Anfang des Kapitels erwähnt wurden.
Die übersetzten Dreiergruppen ergeben in Wirklichkeit natürlich keine Worte oder Anweisungen. Die Zelle benutzt stattdessen Moleküle. Das macht aber eigentlich keinen Unterschied. Fett könnte wirklich entstehen, wenn auch nicht genau wie im angeführten Beispiel. Es sind einige molekulare Umwege nötig, und die Zelle braucht dazu eine Kette von mindestens zehntausend »Buchstaben« (das sind ungefähr dreißig Seiten dieses Buches). Die meisten Anleitungen in lebenden Zellen sind noch viel länger. Sie enthalten sogar Bereiche mit wirren Zeichenkombinationen, die der Leseapparat nicht versteht und durch Tricks »überspringen« muss.
Die Übersetzung der Anweisung in der DNA kann heutzutage schon jeder Schüler durchführen. Dazu nimmt man eine Zelle, bringt sie zum Platzen, zieht den Informationsfaden heraus, indem man Alkohol daraufgießt, und steckt den Faden in ein Plastikröhrchen mit einer Salzlösung. Das Röhrchen kommt in einen Apparat, der gerade halb so groß ist wie eine Waschmaschine. Das Gerät erkennt die »Buchstaben« A, C, G und T und druckt sie der Reihe nach aus. Steckt man das Röhrchen abends in diese Maschine, so ist am nächsten Morgen eine Seite mit einer Unmenge von C, G, A und T fertig gestellt. Wenn man Lust hat, kann man die Dreiergruppen nun selbst lesen. (Im Normalfall überlässt man diese Arbeit jedoch einem Computerprogramm. Es übersetzt oft genauer und stets schneller als ein Mensch.)
Obwohl die Geheimschrift der Zelle beeindruckend ist, sollte uns die dahinter steckende Idee vertraut sein: Auch Menschen verschlüsseln jeden Tag Dinge in einem Code aus Buchstaben. Dass es wirklich ein Code ist, merkt man daran, dass nicht jeder ihn versteht. Das Wort líomóid bedeutet Zitrone. Im Westen Irlands würde jeder wissen, was gemeint ist; der Sprachcode ist dort eben anders als hier.
Heute gibt es ein Wörterbuch für die Zellsprache. Man nennt es oft Codon-Sonne, weil die Dreiergruppen aus Säurebausteinen »Codons« genannt werden und das Schema mit etwas Phantasie wie die Sonne aussieht. Die Übersetzungsregeln der Codon-Sonne sind sehr einfach. Der Grundsatz »Je einfacher, desto besser« gilt in der Natur genauso wie im Alltag. Je einfacher und eleganter etwas aufgebaut ist, desto besser funktioniert es.
Wo auf dem Säurefaden liegt nun die Information für Altern und Sterben? Das erste Problem: Wenn ich die DNA aus einer einzelnen Zelle herausziehen möchte, um diese Anweisungen zu suchen, habe ich drei Probleme: Meine Finger sind zu dick, meine Arme zu kurz und meine Augen zu schwach.
Der Faden ist so dünn, dass ich ihn nicht mit den Fingern festhalten kann. Aus dem gleichen Grund kann ich ihn nicht sehen. Sogar das stärkste Vergrößerungsglas ist zu schwach dafür. Meine Arme sind zu kurz, weil der Faden einer einzigen Zelle zwei Meter lang ist – ich kann ihn nicht am Stück herausziehen. Eigentlich kommt noch ein vierter körperlicher Mangel hinzu. Mein Gehirn ist zu schwach. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein zwei Meter langer Säurefaden in einer Zelle liegt, die so klein ist, dass ich sie mit bloßem Auge nicht einmal sehen kann.
Eine weit ernstere Hürde besteht darin, dass die auf dem DNA-Molekül gesuchte Information so winzig ist. Strecken Sie zwei Meter Zwirn quer über den Tisch aus. Der Zwirn soll die DNA sein. Pieksen Sie mit einer Nähnadel in eine beliebige Stelle des Fadens. Wäre der Faden DNA, so hätten Sie mit einer Handbewegung bis zu fünfzehn Bauanweisungen für verschiedene Zellbestandteile aufgespießt. Diese »Bauanweisungen für Zellbestandteile« nennt man Gene. Manchmal ist ein Gen wirklich dasselbe wie exakt eine Anleitung, meist braucht der Körper aber viele Gene und zusätzlich DNA-Bereiche als Vorlage für ein einzelnes Endprodukt, beispielsweise ein Barthaar oder einen Knochen.
Gene, die zusammengehören oder sich ähneln, müssen nicht nebeneinander liegen. Es ist wie mit einem mehrbändigen Lexikon. Sie können alle Bände voneinander getrennt in der Wohnung aufstellen. Solange Sie die Standorte der Bücher im Gedächtnis behalten, können Sie auf jedes gewünschte Stichwort samt Querverweisen nachschlagen. Auch die Zelle weiß, wo auf der DNA die gewünschten zusammengehörigen Informationen liegen, und bringt sie zueinander.
Zurück zum Experiment mit der Zwirnfaden-DNA. Mit der Nadelspitze haben Sie soeben bis zu fünfzehn Gene aufgespießt. (Sie hatten dabei Glück, denn über 90 Prozent der DNA bestehen aus Nicht-Genen, deren Sinn uns bis heute verborgen ist.) Stellen Sie sich vor, jedes der getroffenen Gene habe eine Nummer, von 1 bis 15. Jede Nummer, also jedes Gen, ist eine Bauanleitung für eine Zutat in einem körpereigenen Rezept. Alle fünfzehn Zutaten ergeben gemeinsam ein nützliches Gesamtes, etwa das Rezept für Teile einer lichtempfindlichen Zelle im Auge oder für ein winziges Hohlkügelchen in der Zelle, das Moleküle transportiert.
Insgesamt enthält der Faden mehrere zehntausend verschiedene Rezeptteile. Stellen Sie sich vor, wie oft Sie in den Faden stechen können, ohne dieselben Zellrezepte ein zweites Mal zu berühren! Und wenn Sie oft genug zustechen, haben Sie auch das Rezept für »Altern ab dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr« getroffen. Wie kann man ein solches Rezept im echten DNA-Faden finden?
Mit Elektronenmikroskopen gelingt es, einzelne zarte Säurefäden sichtbar zu machen. Leider sind sie durch die notwendige Vorbehandlung mit einer dicken Metallschicht zugeschüttet. In Wirklichkeit erkennt man also nur das Metall, das darüber geschichtet ist. Auch hier ist die Information für »Altern« noch nicht zu sehen. Was tun?
Eine alte Genetikerregel lautet: Du findest ein Gen am besten, wenn du dir eine lebende Zelle anschaust, in der das gesuchte Gen nicht mehr arbeitet. Das hört sich widersprüchlich an, es funktioniert aber: Eine Zelle, die anders ist als alle anderen, ist oft leicht zu erkennen. Um das Gen für Altern zu finden, warte ich, bis eine Zelle auftaucht, die nicht altert.
Solche Zellen gibt es. Meistens ist ihr Auftreten jedoch kein Anlass zur Freude. Im Gegenteil. Meistens sind unsterbliche Zellen nichts anderes als Krebszellen.
Wie man aus Bananen DNA gewinnt
Irgendwo in der Erbsubstanz sitzen die Anweisungen für das Altern und Sterben. Wenn man aus einem solchen DNA-Faden die unerwünschten Alterungsbefehle herausschneidet, sollte ein unsterbliches Lebewesen entstehen – möchte man meinen. Dazu muss man zunächst an den Erbfaden gelangen. Eine einfache Methode der DNA-Gewinnung hat der Autor selbst erdacht und erprobt. Man nehme:
1/4 reife Banane
2 1/2 EL Kochsalz
ein dünner Schaschlikspieß (Holz)
einen Esslöffel hochwertiges Vollwaschmittel
Brennspiritus
Bananenviertel mit einer Gabel zerdrücken. Brei in ein Glas (0,3 Liter) geben, mit Leitungswasser auffüllen und einen Esslöffel hochwertiges Vollwaschmittel sowie 2 1/2 gehäufte EL Kochsalz zugeben. Kurz aufkochen umrühren, vom Herd nehmen. Abkühlen lassen und einen Schuss Brennspiritus zugeben. Mit dem Spieß (Spitze auf dem Boden des Glases) langsam rechtsherum rühren.
Um die Spitze wickelt sich nach kurzer Zeit eine geringe, aber gut sichtbare Menge einer gelatineartigen Substanz. Jetzt zieht man die Bleistiftspitze am Rand des Glases nach oben und zupft die Masse ab.
Man kann mehrmals in dem Bananen-Salz-Cocktail fischen. Immer wieder wickeln sich einige tausend Informationsfäden aus DNA und viele Proteine um die Bleistiftspitze. Würde man auf dieser DNA den Todescode finden, herausschneiden und den Rest des Informationsfadens wieder in eine Zelle einbauen, entstünde ein unsterblicher Bananenbaum.
(Der Versuch ist ungefährlich. Wenn Sie die DNA nicht herausgefischt hätten, hätten Sie diese zusammen mit der restlichen Banane verspeist.)
Unsterbliche Zellen, die den Tod bedeuten
In der DNA einer Familie mit erblicher Vierfingrigkeit ist gegenüber der DNA anderer Menschen eine Stelle verändert. Genauso verhält es sich mit der nicht alternden Zelle. Etwas in ihr ist verändert. Eine solche Änderung innerhalb des DNA-Informationsfadens nennt man Mutation. Jede Bauanleitung jeder Zelle kann mutieren. Das Rezept für Fünffingrigkeit kann sich ebenso verändern wie das für Altern oder jedes andere.
Eine DNA-Veränderung oder Mutation ist nicht von vornherein gut oder schlecht. Der erblich bedingte Verlust eines Fingers war beispielsweise die Voraussetzung dafür, dass sich die Hufe von Pferden, Milchkühen, Giraffen und Kamelen entwickeln konnten.
Niemand bezweifelt, dass Hufe für das Laufen auf vier Beinen vortrefflich geeignet sind. Der Verlust des Alterns hingegen ist nur für eine einzelne Zelle von Vorteil. Sie vervielfältigt sich rasch und erinnert vollkommen an die unsterblichen Urtiere, die noch vorgestellt werden. Das Krebsgeschwür ist eine Ansammlung praktisch gleicher, unsterblicher Zellen. Durch die ständige ungeregelte Teilung einer einzigen mutierten Zelle und ihrer Nachkommen kommt schließlich der ganze Körper aus dem Gleichgewicht: Das Krebsgeschwür drückt Leitungsbahnen zu, behindert die Funktion von Organen oder entstellt unter Umständen die Erkrankten.
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, wie aus einer normalen Zelle eine Krebszelle werden kann. Entsprechend gibt es sehr viele verschiedene Arten von Krebs. Wegen der vielen Entstehungs- und Erscheinungsformen von Tumoren wird es wohl niemals eine Behandlungsmethode gegen alle Krebsarten geben. Es gibt auch kein vorbeugendes Mittel dagegen. Das Zusammenspiel der Zellen des Körpers kann jederzeit aus dem Gleichgewicht geraten. Der Traum vom Sieg über den Krebs wird sich vermutlich nicht erfüllen. Ein Gutes hat die Krebsforschung aber in jedem Fall: Sie bringt unser Wissen um den Aufbau und die Vorgänge in Zellen seit dreißig Jahren enorm voran. Ohne die Krebsforschung wären sehr viele biomedizinische Fortschritte nicht (oder nicht so rasch) möglich gewesen. Seit wir Zellen besser verstehen, können wir viele andere Krankheiten behandeln, die eigentlich nicht unter den Begriff Krebs fallen. Außerdem haben wir vieles über Zellen gelernt, das wir bislang noch nicht praktisch nutzen konnten. So ist es oft in der Forschung: Versuche, die einem bestimmten Zweck dienen sollen, bringen ein anderes Wissensgebiet voran. Und umgekehrt kommt die Lösung für ein teuer und lange untersuchtes Problem oft aus einem Bereich, von dem man es nie erwartet hätte. Der Aufbau der DNA, der Geheimschrift des Lebens, wurde zum Beispiel erst durch rein physikalische Versuche (Röntgenbeugungsmuster) endgültig aufgeklärt.
Die vorprogrammierte Lebensdauer
Um den Tod zu verstehen, muss man etwas über das Altern wissen. Lange glaubte man, dass Zellen einfach sterben, weil sie nach einiger Zeit zu viele Abfallstoffe in sich tragen. Zellabfallstoffe entstehen durch Atmung, Verdauung und Bewegung. Diese Vorgänge benötigen Energie, und Energieerzeugung verursacht Abfall. Was den Atomkraftwerken die alten Brennstäbe sind, sind den Zellen unverwertbare winzigste Nahrungs- und Zellbestandteile. Diese Reste werden – ganz ähnlich wie verbrauchte Brennstäbe – sicherheitshalber umhüllt. Die Zelle kann den giftigen Müll oft nicht ausstoßen, deshalb bleibt er in ihr liegen. Man kann sich durchaus vorstellen, dass die Zelle sich auf diese Weise langsam selbst vergiftet, bis sie stirbt. Diese Idee soll im 16. Jahrhundert schon der streitbare Arzt Philippus Theophrastus Paracelsus vorgetragen haben. Ende des 19. Jahrhunderts wiederholte sie der Zellbiologe Elias Metschnikow. Als Biologe wundert man sich allerdings ein wenig über das (gewollte?) Vergiftungsmissgeschick der sonst so elegant gesteuerten Zellen.
Die berühmten Biologen Charles Darwin und August Weismann gingen Ende des 19. Jahrhunderts davon aus, dass eine Zelle sich ähnlich wie eine Maschine abnutzt. Dass dieser Vergleich hinkt, zeigt aber schon das Beispiel eines Muskels, der sich bei Nichtbenutzung, etwa im Gipsverband, zurückbildet. Eine Maschine würde so etwas nicht tun. Wenn eine Zelle sich schon wie eine Maschine verhalten soll, muss sie alle oder zumindest viele maschinenähnliche Eigenschaften zeigen und nicht bloß eine einzelne.
Eine wesentlich bessere Erklärung für den Tod der Zellen fanden die Forscher schließlich auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert, als sie eine Blutzelle in einem Glasschälchen züchten wollten. Sie setzten eine junge, lebendige Zelle in einen Flüssigkeitstropfen, stellten eine für das Wachstum günstige Temperatur ein, gaben Nährstoffe zu und sorgten für Sauerstoff zum Atmen. Die Zelle starb. Daraufhin verbesserten die Wissenschaftler die Lebensbedingungen der Zelle. Sie füllten eine Glasschale mit einem Gelee aus gekochten Algenzutaten und setzten die Zelle darauf. Nichts geschah. Sie gaben recht wahllos weitere Nahrungsstoffe zu. Nun überlebte die Zelle. Sie entwickelte sich aber nicht weiter. Da kam einer der Forscher auf die Idee, dem Nährboden Blutserum zuzusetzen (das Serum ist der Teil des Blutes, der nach Wegnahme der roten Blutkörperchen übrig bleibt). Von da an gedieh die Zelle hervorragend, das heißt, sie vermehrte sich. Eine in Kultur gehaltene Mauszelle zum Beispiel teilte sich in geeigneter Umgebung bis zu zwanzigmal. Warum, konnte sich zunächst niemand erklären. Es fiel jedoch auf, dass die Zellen sich bei Zugabe von einem Prozent Serum nicht so oft teilten wie bei einem Serumanteil von zehn Prozent. Das Serum musste das entscheidende Geheimnis des Wachstums und der Zellteilung in sich bergen.
Zur gleichen Zeit hatte der Chirurg, Zellkulturspezialist und Nobelpreisträger Alexis Carrel zusammen mit seinem Kollegen Albert Ebeling vom Rockefeller-Institut für Medizinische Forschung in New York Bindegewebszellen (Fibroblasten) aus einem Hühnerherz in körperwarmer Nährlösung am Leben erhalten. (Hühnchen – vor allem sehr frühe, ungeschlüpfte Entwicklungsstadien – benutzt man immer noch gerne als Forschungsmaterial, unter anderem, weil man Hühnereier leicht bebrüten und die Embryonen im teils vorsichtig geöffneten Ei gut untersuchen kann.) Carrels Kultur hielt sich sehr lange. »Am 17. Januar 1921«, schrieb er stolz seinem Kollegen Raymond Pearl, »werden die Bindegewebszellen des Hühnerherzens neun Jahre alt.« Erst nach insgesamt vierunddreißig Jahren warfen die Forscher die Schalen mit der immer noch lebenden Zellkultur – freiwillig und ohne besonderen Grund – fort.
Ursprünglich hatte sich Carrel vor allem für die Lagerung von Geweben (und nicht für ihre Züchtung) interessiert. Als der Chirurg einem Hund ein »fingerlanges Stück« der Bauchschlagader durch ein ebenso langes Stück einer Katzenvene ersetzte, benutzte er erstmals Gewebe, das zwanzig Tage auf Eis gelegen hatte. Die Operation gelang, und die Ader heilte ein. Nun wurde Carrel mutiger. Er wusste, dass sein Kollege Wentscher schon 1894 Haut übertragen hatte, die fünfzig Tage auf Eis gelegen hatte. Auch einen Versuch des Mediziners Ljungren, der Haut einen Monat außerhalb des Körpers aufbewahrt hatte, bewunderte Carrel. Als schließlich die ersten Organübertragungen des Forschers Garrè bekannt wurden, gab es für Carrel kein Halten mehr. Was ihm mit Adern gelungen war, musste auch mit größeren, sogar viel größeren Gewebestücken gelingen. Zusammen mit seinem Kollegen Guthrie brachte er es schließlich so weit, dass er einem Tier beide Nieren mit der zuführenden Bauchschlagader, der abführenden Hohlvene, dem Harnleiter und der Harnblase entnehmen und einem anderen Tier erfolgreich und dauerhaft einsetzen konnte. Aber auch mit diesem Kunststück war Carrel noch nicht zufrieden. Er tat sich mit seinem Kollegen Burrows zusammen und verbesserte einen Versuchsaufbau des Amerikaners Ross Granville Harrison, der 1907 Gewebestückchen von Fröschen in eine Nährlösung getaucht und zur Weiterentwicklung gebracht hatte. Harrison, damals Forscher an der amerikanischen Universität Yale, war damit der Erfinder der Gewebezüchtung. Carrel übertraf ihn jedoch, vor allem wegen seiner unermüdlichen Ausdauer.
Hermann Dekker beschrieb 1913 das Zuchtverfahren von Carrel folgendermaßen:
Von dem Gewebe wird ein kleines Stückchen von 1/10 – 1/2 mm Durchmesser, sagen wir von Stecknadelkopfgröße, auf ein Deckgläschen gebracht und mit dem präparierten frischen Plasma [Blutflüssigkeit ohne Blutkörperchen] bedeckt. Sofort wird dieses Deckgläschen, die Kultur nach unten, mit Paraffin auf einen hohlgeschliffenen Objektträger gekittet (um die Kultur feucht zu erhalten) und in einen Brutschrank gebracht. In diesem ›hängenden Tropfen‹ geht das Wachstum vor sich. Die ganze Prozedur erfordert rasches Handeln, ist das Werk von Augenblicken, damit das Gewebe nicht geschädigt wird und um den Zutritt von Keimen zu verhindern. Carrel und Burrows haben seit dem Jahre 1910 auf diese Weise fast alle Gewebe von Erwachsenen, von Hund, Katze, Ratte, Kaninchen, Huhn, außerdem Krebszellen vom Menschen kultiviert.2
Innerhalb von zwei Jahren wurde weltweit in allen großen Zeitungen über Carrels Versuche berichtet. Meist wurden die Experimente jedoch übertrieben: Aus den stecknadelkopfgroßen Gewebestücken wurden lebende Arme und Beine, die angeblich in Kulturen schwammen. Den wirklichen Wert der Gewebezüchtung, die eines Tages die molekulare Zellforschung ermöglichen würde, konnte damals noch niemand erkennen.
Die Forscher sind so närrische Käuze«, schrieb Hermann Dekker, »dass sie zunächst gar nicht nach dem praktischen Wert ihrer Forschungen fragen. Es genügt ihnen, wenn ihnen im stillen Laboratorium der Kopf heiß und das Herz warm wird in der großen Freude über die stillen Erfolge ihrer Arbeit.3
Ein sprachliches Missverständnis, wie beim etwas irreführenden Begriff »Gewebezüchtung«, liegt auch dem Bericht zugrunde, wonach der russische Forscher Krakow, ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Ohr eines Kaninchens und einen menschlichen Finger über die Zeit gerettet haben soll, indem er sie trocknete und später in Wasserdampf »zum Leben« erweckte. Diese Versuche lösten damals große Begeisterung aus. Antoni Nemilow, Professor für Anatomie und Zellkunde der Haustiere, schrieb dazu 1927 im damaligen Leningrad:
Der Versuch der Aufziehung einzelner Teile des Körpers außerhalb des Organismus bedeutet eigentlich schon einen Sieg über den Tod, denn er hat klar bewiesen, dass die Wissenschaft stärker ist als der Tod. Mag das Stückchen Rücken, das im Laboratorium von Carrel schon 15 Jahre lebt und wächst, auch sehr klein sein, es ist dem Tode, der bis dahin als unbesiegbar und allmächtig gegolten hat, entrissen. Dieses wachsende und lebende Stückchen Vogel widerlegt bedingungslos und ein für alle Mal den Aberglauben und alle Märchen von der höheren Gewalt des Todes, der über Willen und Vernunft des Menschen stehe.4
Obwohl es sich nicht um einen Hühnchenrücken handelte, sondern um einzelne Zellen aus einem Herz, kann man Nemilows Begeisterung verstehen. Tatsächlich bewunderten viele Wissenschaftler jener Zeit vor allem die Schönheit der Gewebekulturen, das heißt die Tatsache, dass es überhaupt möglich war, Zellen in Schalen zu züchten.
Zwischen 1940 und 1960 wurde die Gewebekultur von der Spielerei Einzelner zur Chefsache. Mittlerweile wusste man, dass die kleinsten Vorgänge in den Zellen die Grundlage des Lebens darstellen. Diese Stoffwechselabläufe wollte man nun enträtseln. Deshalb begannen sehr viele Labors damit, Zellkulturen als Ausgangsmaterial für ihre Forschungen zu züchten.
Anfang der Sechzigerjahre beobachtete Professor Leonard Hayflick, dass sich Bindegewebszellen in Schalen ungefähr fünfzigmal teilen (mindestens vierzig- und höchstens sechzigmal). Kurz vor Ende dieses Teilungsprozesses beginnt das so genannte »Phase-3-Phänomen«: Die Zellen teilen sich zuletzt, in Phase 3, immer langsamer (Alter) und sterben schließlich (Tod). In den Phasen 1 und 2 wachsen die Zellen mit gleich bleibender Geschwindigkeit heran, wenn man sie lässt. Sobald normale Zellen allerdings die Oberfläche ihrer Wachstumsschale mit einer einlagigen Schicht bedecken, beenden sie ihre Vermehrung vorläufig. Krebszellen teilen sich dagegen munter weiter. Solche unbegrenzt vermehrungsfähigen Zellen – zwei bekannte Typen tragen die Bezeichnungen »HeLa« und »L« – waren jahrzehntelang die Objekte, an denen die Krebsforschung stattfand. »Unsterbliche Zellen wie HeLa und L«, sagte Professor Hayflick schon in den Sechzigerjahren voraus, »haben eine oder mehrere anormale Eigenschaften.« Daraus ergab sich eine wichtige Erkenntnis: Kennt man erst einmal alle anormalen Eigenschaften, versteht man auch die Krebsentstehung. Vielleicht kann man dann vorbeugende Maßnahmen entwickeln, um Krebserkrankungen endgültig zu verhindern.
Zellen haben ein Gedächtnis
Das war auch Leonard Hayflick von Anfang an klar. Um die Zellen möglichst lange benutzen zu können, züchtete er die sterbliche Linie WI-38 heran, deren Kulturen er in viele kleine Portionen teilte und seit 1962 in flüssigem Stickstoff bei minus 192 Grad Celsius aufbewahrte. Zugleich konnte Hayflick die Zellen auf diese Weise an seine Kolleginnen und Kollegen in der ganzen Welt versenden, wann immer sie dies wünschten. (Es ist unter Wissenschaftlern üblich, Proben stets kostenlos auszutauschen.) Während WI-38 in den Siebzigerjahren zur bestuntersuchten lebenden Zelleinheit der Erde wurde, fiel Hayflick etwas Erstaunliches auf. Trotz ihres Eisschlafes konnten die Zellen sich merken, wie oft sie sich vor dem Einfrieren geteilt hatten. Taute man die Zellen auf, so machten sie nur noch genau so viele Teilungen durch, wie sie es auch unter normalen Bedingungen getan hätten. Es gibt also einen Zähl- und Speichermechanismus, der die Zellteilungen festhält. Ein solches inneres Zählwerk hatte man zwar in den Zellen erwartet, aber dass die Zelluhr so lange funktioniert, war eine Überraschung. Hayflick bestätigte 1990 stolz: »Wir haben in den letzten achtundzwanzig Jahren aus hundertdreißig Gefäßen wieder Zellen aufgetaut. Ihr Gedächtnis ist noch genauso gut wie 1962.«
Dieses Zellgedächtnis funktioniert auch bei Zellen, die aus einem lebenden Körper stammen. Je älter ein Mensch zum Zeitpunkt der Zellentnahme ist, desto geringer ist die Zahl der Zellteilungen in der daraus hergestellten Kultur. Nun wissen wir aber, dass sich die vielen Zellen eines Menschen im Laufe seines Lebens mehrmals komplett erneuern. Die innere Uhr tickt also nicht nur in jeder einzelnen Zelle und zählt deren Teilungen. Jede Zelle muss schon bei ihrer Entstehung darüber informiert sein, wie alt der übrige Körper ist.5
Jede Zelle des Körpers geht aus einer anderen, meist gleichartigen Zelle hervor. Man kann also annehmen, dass die Information über den Zustand des Körpers, in dem die Zellen leben, beim zellulären Schichtwechsel weitergegeben wird. Wie das im Einzelnen passiert, ist noch unbekannt. Einige Zellzählwerke und -uhren sind mittlerweile entdeckt worden. Man weiß aber immer noch nicht, welche molekulare Uhr zu welchem Ereignis, zum Beispiel zur Zählung der Zellteilungen, gehört.
Je älter ein Mensch ist, desto seltener können sich seine Zellen in einer künstlichen Kultur teilen. Gilt diese Regel für alle Zellen? Soweit es Zellen aus einem gesunden Körper sind, lautet die Antwort ja. Wie steht es aber mit Zellen von Menschen, die zu früh altern? Zwei Krankheiten, bei denen eine stark verfrühte Vergreisung eintritt, sind die Progerie und das Werner-Syndrom. Kinder mit Progerie sehen bereits mit neun Jahren aus wie Siebzigjährige, bei Patienten mit dem Werner-Syndrom setzt der körperliche Verfall einschließlich Arterienverkalkung, brüchiger Knochen und eines Hangs zur Zuckerkrankheit etwas später ein. Man hatte ausgerechnet, dass die Zellen in Gewebeteilen eines mit dem Werner-Syndrom geborenen Menschen sich in Kultur höchstens noch etwa zwanzig bis vierzigmal teilen müssten. Hayflicks Kollege S. Goldstein fand diese Frage besonders spannend und machte, wie es in den Naturwissenschaften üblich ist, die Probe aufs Exempel. Die Werner-Zellen teilten sich in Wirklichkeit nur noch höchstens achtzehn mal. Auch in dieser Untersuchung zeigte sich, dass das Altern der Werner-Kinder schneller als erwartet voranschritt. Mittlerweile weiß man mehr über die schlimme Erkrankung, und vielleicht gelingt es dadurch bald, die betroffenen Kinder von ihrem Leid zu erlösen.
Ein tödlicher Überlebenscocktail
Jeder Molekularbiologe oder -mediziner kann heute Wachstumsfaktoren herstellen. Er baut in den Informationsfaden von Bakterien die entsprechende Bauanleitung ein. In einer Flasche vermehren sich die kleinen Lebewesen samt der Zusatzbauanleitung und sondern dabei das gewünschte Lebenselixier ab.
Selbst wenn jeder Schluck dieses Getränks mehrere tausend Euro kostet – wer würde im Angesicht des Todes zögern zuzugreifen? Der Nervenwachstumsfaktor als Allheilmittel gegen den Abbau von Nerven bei der Alzheimerschen Krankheit wäre zweifellos ein Verkaufsschlager.
Leider ist der Cocktail – vorausgesetzt, er wirkt – giftig. Sterbende Zellen oder solche, die ihr Entwicklungsziel erreicht haben, würden sich weiterentwickeln, obwohl dies im Gesamtplan des Körpers nicht vorgesehen ist. Dadurch entstünden zum Beispiel unerwünschte Kontakte zwischen Nervenzellen, die normalerweise nicht zusammengehören. Eine Verbindung vom Sehnerv zum Hörbereich des Gehirns könnte etwa bewirken, dass man Farben hört. Andere falsch gewachsene Nerven können die Muskulatur unnötigerweise anregen. Dauernde Krämpfe wären die Folge. Wie neuere Forschungsergebnisse zeigen, führen falsch ausgeschüttete Wachstumsfaktoren beispielsweise auch zu Rheuma.
Der »Überlebenscocktail« aus Wachstumsfaktoren erfüllt seinen Zweck also nicht, weil die ausgewogenen Wechselwirkungen innerhalb des Körpers durch die willkürliche Zugabe der Überlebensproteine aus dem Gleichgewicht geraten würden.
Anfangs konnte man sich nur schwer vorstellen, dass die Entwicklung einer Zelle von einer so aberwitzig geringen Stoffmenge wie einigen Tropfen Blutserum abhängen sollte. Wie sich später zeigte, entscheiden noch nicht einmal alle Zutaten der Tropfen, sondern nur einzelne Bestandteile aus ihnen über Teilung oder Nichtteilung. Die guten Geister bei der Weiterentwicklung von Gewebekulturen, so stellte sich heraus, waren so genannte Wachstumsfaktoren.
Ihre enge Verknüpfung mit der Zellteilung kommt dadurch zustande, dass sie das Okay für viele Abläufe geben, die vor der eigentlichen Verdoppelung ablaufen. Fehlt ein Wachstumsfaktor als Informationsempfänger und -übermittler, so stockt das Wachstum der Zelle. Dann nützt es auch nichts mehr, wenn die äußeren Bedingungen (etwa das Nahrungsangebot oder Befehle anderer Zellen) eine Zellteilung wünschenswert oder zwingend machen. Wenn die Information mangels Wachstumsfaktor versackt, erfahren die übrigen Zellbestandteile nicht, dass sie nun gefordert sind. So kommt es auch, dass man Zellen in wachstumsfaktorfreier Zellkultur wochenlang halten kann, ohne dass sie sich teilen. Die Zellen finden dann alle Nährstoffe vor und »fühlen sich wohl«, sie können aber nicht an ihre innere Schaltzentrale melden, dass die Gelegenheit für Wachstum und Teilung gekommen ist.
Proteine sind Wachstumsfaktoren; jeder dieser Faktoren wirkt nur auf bestimmte Zelltypen, und jede Zellart benötigt eine genau auf sie abgestimmte Zusammensetzung von Wachstumsfaktoren. Der Körper stellt an festgelegten Orten spezielle Wachstumsfaktoren zu bestimmten Zeiten her. Dort liegen Zelltypen, die für eine Sorte von Wachstumsfaktoren empfänglich sind und sich an dieser Stelle vermehren beziehungsweise verändern sollen. Wie gering der Bedarf an Wachstumsfaktoren tatsächlich ist, zeigt das Zuckerdosenbeispiel: Man wirft einen Zuckerwürfel ins Meer und nimmt an, dass sich der gelöste Zucker auf alle Ozeane der Erde verteilt. Man kann dann aus jedem Meer der Welt eine Tasse Wasser schöpfen und findet darin noch zwei Moleküle des Würfelchens. In dieser Größenordnung liegen auch die Mengen von Wachstumsfaktoren, die vom Körper genutzt werden.6
Eines Tages versuchte man, eine junge Nervenzelle in einem Glasschälchen dazu zu bringen, dass sie sich auf ein Röhrchen ausrichtete. In ihre Nähe tropfte man mit diesem Röhrchen eine winzige Menge eines Wachstumsfaktors für Nerven. Nach einiger Zeit bildete die Zelle einen Fortsatz und reckte sich zum Röhrchen. Zog man das Röhrchen etwas beiseite und tropfte wieder ein wenig Wachstumsfaktor hindurch, folgte der Nerv abermals.
Die Wachstumsfaktoren fördern also nicht nur die Fortentwicklung einer Zelle, sondern die Zelle sucht auch aktiv ihren Wachstumsfaktor auf. Sie folgt einem Weg, der durch einen Überlebensstoff gesteckt ist. Zellausläufer, die keinen Wachstumsfaktor vorfinden, verkümmern.
Multiplizierte Wurmleben
Wenn jede Zelle zu einer festgesetzten Zeit stirbt, sollte auch ein ganzer Körper zu einem vorhersagbaren Zeitpunkt sterben. Bei Menschen ist der Tod einzelner Zellen jedoch schwer festzustellen. Außerdem sind menschliche Zellen während des Lebens zu vielen Einflüssen ausgesetzt, die einen genetisch vorprogrammierten Todestermin verändern können. Stress und Rauchen führen beispielsweise zu einem verfrühten Tod, ein geruhsameres Leben kann den Verschleiß des Körpers hinauszögern.
Es gibt jedoch Lebewesen, die der Beobachtung besser zugänglich sind. Sie erblicken nur für wenige Tage das Licht der Welt. Eines dieser Tiere ist der Fadenwurm Caenorhabditis elegans. Seine Todeszeit ist vorhersagbar.
Die kleinen Würmer kommen auf der ganzen Welt vor. In Blumenerde trifft man sie genauso an wie auf Äckern und Wiesen. Sie sind buchstäblich überall. Da sie nur einen halben Millimeter lang und zudem durchsichtig sind, fallen sie nicht auf. Biologen haben sich die Mühe gemacht, diese Tiere zu züchten und zu ermitteln, wie lange sie leben. Normalerweise sind es einundzwanzig Tage.
Spannend wurde es, als um 1990 C.-elegans-Würmer vollkommen gleichen Aussehens auftauchten, die im Schnitt einen halben Tag länger lebten. Die C.-elegans-Forscher in aller Welt entdeckten weitere Tiere, die nach 33, 25 oder 12,5 Tagen sterben. Der Forscherinstinkt war geweckt, und so suchte man nach der Ursache der veränderten Lebenszeit. Eine noch nicht ausgereifte Erklärungsmöglichkeit besagt, dass eine bestimmte Grundeinheit von Lebenstagen mit einer genetisch festgelegten Zahl, die größer oder kleiner als eins sein kann, multipliziert werden könnte. Woraus die Zellzeitmultiplikatoren bestehen, ist noch ungewiss. Vielleicht liegt das Geheimnis des verlängerten oder verkürzten Lebens in ausgewählten Bereichen der Erbsubstanz, die man »Todesgene« nennen könnte.
Einige Todesgene sind schon bekannt
In Caenorhabditis elegans, aber auch in der Taufliege Drosophila melanogaster konnten Genetiker bereits mehrere Gene finden, die gezielt Zellen des eigenen Körpers umbringen. Besonders berühmt sind zwei Selbstmordgene namens ced-3 und ced-4, die in jeder Körperzelle des Fadenwurms stecken.
Während der junge Fadenwurm heranwächst, sterben in ihm bestimmte Zellen zu vorhersagbaren Zeitpunkten ab. Das ist wenig dramatisch – derselbe Vorgang findet statt, wenn sich Menschenfinger bilden: Ohne programmierten Zelltod würden sich zwischen unseren Fingern Schwimmhäute spannen.
Wenn man zwei der Selbstmordgene im Wurm ausschaltet (das ist problemlos möglich), dann überleben sämtliche Zellen, darunter auch solche, die bei der Normalentwicklung sterben, um Raum für neu entstehende Organe zu schaffen. Thomas Johnson gelang es schon Anfang der Neunzigerjahre an der Universität Colorado, ein Todesgen des Fadenwurms auszuschalten und die Lebenszeit der Tiere dadurch zu verdoppeln. Ganz ähnliche Gene gibt es in den Zellkernen der Säugetiere. Besonders erwähnenswert sind auch so genannte Überlebensgene wie das Gen p53. Sie verhindern den programmierten Zelltod, ohne dass Todesgene ausgeschaltet werden müssten.
Einige US-amerikanische Entwicklungsgenetiker denken schon heute laut darüber nach, Medikamente für Menschen zu entwickeln, die Todesgene beeinflussen. Dieser Vision sind zumindest Taufliegen- und Fadenwurmforscher schon recht nahe.
In der Taufliege wurde beispielsweise ein Gen namens reaper (Sensenmann) entdeckt. Es leitet den kontrollierten Zelltod ein, sobald eine bestimmte Menge von Todessignalen in die Zelle gelangt. Schaltet man das Sensenmanngen aus, können selbst beschädigte oder kranke Zellen weiterleben. Medizinisch (das heißt beim Menschen) wäre so etwas nicht von Nutzen, denn beschädigte Zellen müssen unbedingt aufgelöst werden.
Bessere Kandidaten im Hinblick auf eine medizinische Altersvorbeugung könnten andere Todesgene wie der DNA-Abschnitt apo E sein. Man hat das Gen zwar noch nicht ausgeschaltet, aber an der Universität Harvard fand Thomas Perls Arbeitsgruppe heraus, dass sehr alte Menschen, denen das apo-Gen E4 von Natur aus fehlt, besonders gesund und lebensfroh sind. Natürlich kann man sich nicht ganz sicher sein, dass das Fehlen von apo E4 und das Altersglück wirklich zusammengehören. Wenn man aber die Ergebnisse psychologischer Tests, die das Wohlbefinden prüfen, mit molekularen Tests für das Fehlen von apo E4 vergleicht, gibt es Übereinstimmungen: Menschen ohne apo E4 geht es oft besser.
Sicher ist jedenfalls, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Altern, das streng genommen ab dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr beginnt, und dem Programm unserer Gene gibt, die das Altern fest vorschreiben.
Selbstmord der Zelle
Die Zeiger der Lebensuhr bestehen aus DNA. Wie aber funktioniert das von Genen gesteuerte Altern in der einzelnen Zelle?
Am Altern sind viele Zellvorgänge beteiligt. Einer der bekannteren ist das »Kappentragen«. Auf beiden Enden der DNA-Moleküle der einzelnen Chromosomen sitzt jeweils eine Art Kappe aus Wiederholungen der Basen folge TTAGGG, welche die DNA vor zersetzenden Stoffen schützt. Die Kappe ähnelt in ihrer Wirkung einem Ritterhelm, der Schwerthiebe abwehrt. Jedes Mal, wenn sich eine Zelle teilt und vermehrt, wird die Kappe vorübergehend abgenommen und nach vollendeter Teilung rasch wieder aufgesetzt. In alternden Zellen beobachtet man manchmal, dass die Schutzkappe von Teilung zu Teilung weniger haltbar zu werden scheint. In sehr alten Zellen ist sie bereits ziemlich brüchig oder verkürzt. Vielleicht wird sie von der Zelle absichtlich beschädigt. Das hat zur Folge, dass DNA-zerstörende Substanzen zuletzt ihren tödlichen Streich gegen die ungeschützte Erbsubstanz führen können.
So könnte sich auch erklären, warum sich alte Zellen nur noch schlecht züchten lassen und nach einer genau festgelegten Anzahl von Teilungen aufhören, sich zu vermehren: Die Schutzkappe der DNA ist zerstört. Selbst Sauerstoff und Wachstumsfaktoren nützen dann nichts mehr.
Doch warum weihen sich Zellen selbst dem Tod? Dafür gibt es drei Gründe. Der erste wurde bereits angesprochen. Beim Heranwachsen einer menschlichen Hand sind Selbstmordopfer notwendig, um die Finger herauszumodellieren. Es ist das gleiche Verfahren, mit dem auch ein Bildhauer aus einem Steinbrocken eine Figur entstehen lässt. Erst das Wegschlagen von Gestein führt zu den Formen des gewünschten Modells. Genauso ist es beim jungen menschlichen Embryo, der noch Schwimmhäute besitzt. Während die Finger und Zehen entstehen, sterben die dazwischenliegenden Hautbereiche ab. Das ist genetisch vorprogrammiert und sinnvoll.
Der zweite Grund für den absichtlichen Zelltod besteht darin, dass stark beanspruchte Zellen ersetzt werden müssen. Das gilt zum Beispiel für Hautzellen, die starkem Abrieb ausgesetzt sind. Aber auch die Zellen der Leber, die das Blut entgiften, können sich abnutzen. Früher oder später werden sie durch frische Leberzellen ersetzt. Alle Zellen des Körpers, die erschöpft sind und nicht mehr voll funktionieren, werden abgeschaltet und durch neue, frische Zellen ersetzt.
Auf diese Weise wird fast unser gesamter Körper mehrmals im Laufe unseres Lebens erneuert. Diese Generalüberholung geht in verschiedenen Organen allerdings verschieden schnell vonstatten. Besonders kurzlebig sind rote Blutzellen: 2,4 Millionen von ihnen sterben in jeder Sekunde in unserem Körper und werden sofort ersetzt. Leber- und Knochenzellen bleiben immerhin einige Jahre funktionstüchtig.
Lebensdauer einiger Zelltypen
| Mittlere Lebensdauer | |
| Magenzellen | 1,8 Tage |
| Luftröhrenzellen | 47,5 Tage |
| Lungenzellen | 81,1 Tage |
| Rote Blutkörperchen | 120,0 Tage |
| Haut des Ohres | 34,5 Tag |
| Haut auf den Lippen | 14,7 Tage |
Während eines Jahres bilden sich rein rechnerisch neu:
228 Dünndarmwände
192 Magenausgänge
25 Hautbedeckungen der Lippen
18 Lebern
8 Luftröhren
6 Harnblasen
Nach etwa sieben Jahren sind wir im wahrsten Sinne des Wortes neue Menschen; nur Nerven und Muskeln werden praktisch nicht erneuert. Dass wir dennoch nicht alle sieben Jahre zart wie Neugeborene aussehen, liegt daran, dass sich erstens nicht alle Zellen gleichzeitig und aufeinander abgestimmt erneuern und dass zweitens ein anderes »Programm« das »Erneuerungsprogramm« überlagert. Es heißt Altern und Sterben, und es führt dazu, dass die Erneuerungsrate und -güte abnimmt.
Gäbe es Letzteres nicht, so könnten sich menschliche Körper möglicherweise sehr lange oder gar ewig erneuern und zellulär verjüngen. Warum also muss der mühsam aufgebaute Organismus nach einigen Jahrzehnten sterben?
Die Antwort auf diese Frage ist der dritte Grund für das in der Erbsubstanz programmierte »freiwillige« Sterben der Lebewesen.
Auch wenn es einem lebenden Erwachsenen nicht einleuchtet, dass er zugunsten seiner Art sterben muss, ist das sozial notwendige Geschehen – eben Altern und Sterben – in seiner DNA vorherbestimmt. Der Grund dafür ist, dass sich während der Entwicklung des Lebens ein über dem Einzelnen stehendes Prinzip entwickelt hat: das der Anpassung an veränderte Umweltbedingungen. Unsterbliche Einzelmenschen könnten diese Anpassung nicht leisten, denn sie würden immer wieder nur sich selbst aus der immer gleichen Erbsubstanz herstellen.
Ändert sich die Umwelt, so können möglicherweise nur solche Nachkommen überleben, die wegen der Vermischung des Erbgutes der Eltern und vielleicht auch durch kleine Zufallsabwandlungen (Mutationen) des Erbgutes besser als ihre Ahnen in das neue Umgebungsgefüge passen. Da niemand vorhersagen kann, welche Art von Veränderung stattfindet – Hitze, Kälte, Wind, Umweltgifte oder vermehrte UV-Einstrahlung –, ist die natürlicherweise auf gut Glück betriebene Zeugung von Nachkommen mit verschiedenen Eigenschaften oft erfolgreich. Eltern, die vielgestaltige Nachkommen in die Welt gesetzt haben, sterben zwar, um ihren Nachkommen im wahrsten Sinne des Wortes Platz zu machen, aber ihre Gene, die sie zum (Groß-)Teil vererbt haben, überleben in den Kindern.
Diese treibende Kraft der Arterhaltung – das Erschaffen und Hegen leicht abgewandelter Nachkommen – steht weit über den privaten Interessen der Einzelnen. Deshalb tragen alle in der heutigen Welt lebenden mehrzelligen Wesen das übergeordnete Hauptprogramm in sich, das es ihnen ermöglicht, zu sterben und zuvor Kinder zu zeugen, die ihnen zwar ähneln, aber nicht völlig gleichen. Dieses Programm ist so fest in der Erbsubstanz verankert, dass es, allgemein gesprochen, nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Wie mächtig diese Grundkraft ist, kann man auch daraus erahnen, dass viele Menschen, die keine leiblichen Kinder haben können, einen dringenden Kinderwunsch verspüren.
Es ist die »Stimme der Erbsubstanz«, die dieses Verlangen bewirkt, der oft so genannte biologische Imperativ. – Doch keine Regel ohne Ausnahme. In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass Lebewesen eine Art Unsterblichkeit erlangen.
Wesen, die nicht sterben
Je weiter Biologen und Erdgeschichtsforscher in die Vergangenheit blicken, umso mehr wundern sie sich. Einst wurde die Welt von seltsam aussehenden Tieren und Pflanzen bevölkert. In urzeitlichen Meeren schwamm beispielsweise ein Krebs mit Namen Marrella splendens, der hinter seinen Facettenaugen furchtbare Hörner, so groß wie sein ganzer Körper, trug. Sein Rücken wurde von einem Paar gezackter Gestänge überdeckt, und seine Kiemen ragten seitlich aus der Körpermitte hervor. Übergroße gebogene Antennen erforschten die unwirtliche Umwelt. Das Tier passt in kein gängiges Schema der Biologie. Dabei lebte es vor nur fünfundsechzig Millionen Jahren, im Vergleich zur gesamten Erdgeschichte also vor recht kurzer Zeit. Die Dinosaurier waren gerade ausgestorben, als dieser skurrile Meeresbewohner auf der Bildfläche erschien.
Ein nicht weniger verwunderliches Wesen, das weder Tier noch Pflanze war, lebte weit früher im heutigen Australien, China und England. Es maß über einen Meter im Durchmesser und war vollkommen platt, zehnmal dünner als eine flach auf den Tisch gelegte Hand.
Die Oberfläche dieser Kreatur war ein wenig gefurcht, und in der Mitte war eine Längsachse zu erahnen. Das war alles. Auf der glatten Oberseite waren weder Kopf noch Antennen, Augen, Mund oder Schwanz zu erkennen. Vielleicht hat sich dieses Geschöpf wie unser heutiger Regenwurm fortbewegt – als riesige platte, gerunzelte Scheibe, die sich zusammenzog und wieder streckte. Nach Regenwurmart liefen ihr dabei vielleicht Muskelwellen über den Körper.
Diese Wurmscheiben krochen vor über sechshundert Millionen Jahren unter Wasser auf dem Grund umher, Millionen von Jahren, bevor es Dinosaurier oder gehörnte Krebse gab. Noch nicht einmal Insekten hatten sich zu jener Zeit in die Luft erhoben, und von Fischen war erst recht noch nichts zu erahnen.
Marrella-Krebse und Wurmscheiben erscheinen uns in Gestalt und Lebensweise bereits absonderlich. Aber schauen wir noch weiter in die Geschichte des Lebens zurück: Zu Urzeiten lebten Wesen, die eine noch weitaus merkwürdigere Eigenschaft besaßen. Sie waren beinahe unsterblich.
Das ewige Leben dieser Tiere birgt allerdings einen Widerspruch. Einerseits sterben »ewige Tiere« tatsächlich nicht (wenn sie nicht gewaltsam getötet werden). Es gibt bei ihnen keine Leichen. Andererseits jedoch besteht das einzelne Lebewesen als solches nicht dauernd fort. Alle Nachkommen der unsterblichen Urtiere sind Kopien desselben gemeinsamen Muttertiers, das sich schlichtweg aufteilt. Die kopierten Nachkommen gleichen der Mutter in allem: Vom Körperumriss bis hin zu ihrer Reaktion auf einen bestimmten Reiz, zum Beispiel eine Erschütterung oder einen Lichtblitz. Sie sind perfekte Abbilder ihrer Vorgängerin. Weil man die Nachkommen durch nichts voneinander und von ihrer Mutter unterscheiden kann, nennt man solche Lebewesen Klone (siehe Box »Klonen und Klonieren«).
Die unsterblichen Überlebenskünstler gibt es heute noch. Man begegnet ihnen tagtäglich, ohne es zu bemerken. In einem Tropfen aus einer Pfütze beispielsweise kann man eines dieser Urwesen auch ohne Vergrößerungsglas gerade noch erkennen: die Hydra. Das vielarmige Wesen kann nahezu jede Verletzung wieder ausgleichen, indem es die zerstörten Teile neu bildet.
Der Name der Hydra stammt aus der griechischen Sagenwelt. Dort gibt es ein Fabelungeheuer, dem für jeden ab geschlagenen Kopf mehrere neue wachsen. Auch in anderen Sagenkreisen taucht diese Idee auf, beispielsweise in den Heldengeschichten der Drachentöter. Diesen Sagen liegt eine Beobachtung zugrunde, die man offenbar schon vor einigen tausend Jahren machte. Auch wenn die antiken Berichterstatter mit der Größe des Monsters übertrieben, waren ihre Beschreibungen eine gute Vorlage für die Namensgebung des echten Tieres. In der Wirklichkeit ist es tatsächlich wie in der Sage: Den Hydren bereitet ein abgeschnittener Kopf keine Sorgen – er wächst einfach nach. Man kann eine Hydra sogar in fast beliebig viele Stücke zerschneiden oder durch ein feines Sieb drücken. Aus den kleinen Stückchen entstehen neue Hydren, oder die Stücke finden wieder zu einem gemeinsamen Körper zusammen.
Hydren vermehren sich, indem sie ab und zu kleine Ausstülpungen an ihrem Stiel bilden. Die Knospen wachsen zu neuen Tieren heran, lösen sich vom Elterntier und setzen sich irgend wo fest. Das Elterntier selbst überdauert die Jahrtausende nicht als einzelnes Wesen. Es überlebt in zahlreichen Teilen an verschiedenen Orten.
Eine andere Sorte unsterblicher Geschöpfe könnten so genannte Kugeltiere der Gattung Volvox sein.
Auch sie leben in Tümpeln und Pfützen. Da sie den Blattfarbstoff Chlorophyll in sich tragen, können sie sich mit Hilfe des Sonnenlichts ernähren. Manchmal vermehren sich die hohlen Kugeltiere in Massen und lassen dann ganze Gewässer grün erscheinen. 1981 entdeckten Jeffrey Pommerville und Gary Kochert, zwei Botaniker an der Universität von Georgia, dass jeder Einzelne der kugeligen Teichbewohner nach vier bis sieben Tagen eines natürlichen Todes stirbt.
Zuvor geben die hohlen Kreaturen in ihr Inneres Tochter-Volvoxe ab. Die Mutterkugel geht zugrunde und entlässt ihre Nachkommen, die dann heranwachsen und in sich wiederum Tochterkugeln bilden. So kann es vermutlich bis in alle Ewigkeit weitergehen, wenn keine Katastrophe dem Treiben Einhalt gebietet. (Hinzu kommt jedoch, dass auch Volvox eine innere Uhr zu haben scheint, die nach mehreren Generationen abläuft.) Der einzige offensichtliche Unterschied zwischen der Unsterblichkeit der Hydra und der des Kugeltieres ist, dass Hydra ihre Töchter nach außen abgibt, das Kugeltier dagegen nach innen. Alle Lebewesen, die in der Erdgeschichte vor den Kugeltieren entstanden sind, teilen sich bei ihrer Vermehrung in zwei neue Tiere auf. Vom Elterntier bleibt keine Spur. Volvox ist das erste Lebewesen, bei dem die Mutter zunächst erhalten bleibt und erst später stirbt. Deshalb sagt man, dass mit der Entstehung der Volvox-Hohlkugeln auch die ersten Leichen auf der Erde entstanden.
Die Teilungen ins ewige Leben – mit oder ohne Leiche – ähneln denjenigen von kopierten Menschen, die in diesem Buch an anderer Stelle vorgestellt werden (Seite 163ff.). Wenn es Wissenschaftlern oder Firmen demnächst gelingt, identische Menschen herzustellen, wiederholen sie im Grunde ein Experiment, das die Natur bereits in den Urtagen des Lebens vorgenommen hat. Der Unterschied: Die Natur hat diese Idee schon vor langer Zeit wieder aufgegeben. Und das aus gutem Grund.
Ewiges Leben hat einen entscheidenden Nachteil
Im Laufe der Jahrmillionen ging vielen Organismen die Vergänglichkeit verloren. Zwar leben auch heute noch zahlreiche solcher Wesen (vor allem Bakterien), aber je komplizierter die Lebewesen auf der Erde ausgetüftelt wurden, desto seltener kam das Unsterblichkeitsprogramm zum Einsatz. Warum ist das so? Und: Kann man, wenn man dieses Rätsel löst, den Zustand des ewigen Lebens wiederherstellen? Um das zu beantworten, nahmen Forscher die offenbar dem Jungbrunnen entstiegenen Tiere genau unter die Lupe.
Seit diese Lupe, in Form des Mikroskops, stark genug war, beobachtete man zum Beispiel »dies höchst merkwürdige, dem bloßen Auge völlig unsichtbare Geschöpf, bei dem sich Wunder auf Wunder häufen. Keine strenge Kälte, keine sengende Hitze soll es töten, und ein Tropfen Wassers das längst vertrocknete Leben zurückrufen.« Diese Beschreibung stammt aus dem vorletzten Jahrhundert. Was der Autor gesehen hatte, waren so genannte Rädertiere. Man bewunderte ihre Fähigkeit, gleichsam aus dem Staube aufzuerstehen. Der Pionier der Mikroskopie, Antony van Leeuwenhoeck, verfasste darüber 1673 in einfachen Worten einen berühmten Bericht für die Londoner Royal Society. Leeuwenhoeck hatte ein wenig Schmutz aus seiner Regenrinne in Wasser gelöst und darin die »Entstehung« winzigster Lebewesen direkt beobachtet. Weit über hundert Jahre lang konnte sich niemand erklären, woher die Tiere kamen. Viele Forscher wiederholten den Versuch mit Staub, den sie über mehrere Jahre in absolut dicht verschlossenen Gefäßen knochentrocken aufbewahrt hatten. Alle Forscher kamen zum gleichen Ergebnis. Aus der toten Materie »entstand«, wenn man sie anfeuchtete, innerhalb kürzester Zeit Leben.
Heutzutage erfreut sich jedes Schulkind daran, Heu oder Schmutz mit Wasser zu übergießen und nach einigen Tagen die nicht entstandenen, sondern auferstehenden Wesen zu beobachten. Es wundert niemanden, dass Tiere aus dem Heu zum Leben erwachen. Die winzigen Wesen verharren dort getrocknet und eingekapselt in ihrem Ruhestadium und warten nur darauf, dass ein Tropfen Wasser sie aus ihrem Dornröschenschlaf, dem latenten Leben, erweckt. Kaum ist das geschehen, beginnen sie zu fressen und sich fortzupflanzen. Damit haben sie es sehr eilig, denn eine erneute Trockenperiode könnte sie ja schon im nächsten Moment überraschen.
Wir wissen also, dass die einzelligen Tiere aus ihren Ruhekapseln hervorkriechen und nicht aus Wasser und Luft entstehen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit sind sie direkte Nachkommen von Tieren, die vor vielen hundert Millionen Jahren lebten: Eine Mutterzelle ist gewachsen und hat sich zweigeteilt. Die beiden Töchter haben gefressen, sind groß geworden und haben sich ebenfalls geteilt. Aus den so entstandenen vier Zellen wurden acht und so weiter. Dazwischen gab es durch Trockenheit erzwungene Ruhepausen und echte Katastrophen, die fast alle Nachkommen der Mutterzelle zerstörten. Doch einige Zellen überlebten und vermehrten sich umso schneller.
Diese Vermehrung durch direkte Teilung geht erstaunlich schnell vonstatten. Wenn eine Mutterzelle sich wohl fühlt, bringt sie innerhalb eines Tages mehr Nachkommen hervor, als es Menschen auf der ganzen Erde gibt.
Das ist ein Zustand ewigen Lebens. Obwohl die Mutterzelle als solche nicht mehr existiert, leben Bestandteile von ihr in allen Tochterzellen weiter. Bei Volvox und Hydra verhält es sich ebenso. Warum also pflanzen sich die meisten heutigen Lebewesen nicht mehr auf diese schnelle und praktische Art fort?
Schnelligkeit ist eben nicht der einzige Maßstab bei der Fortpflanzung. Je nach Lebensform beziehungsweise Lebensraum kann es wichtig sein, dass die Nachkommen in der Umwelt, in die sie entlassen werden, gut zurechtkommen. Die Schwierigkeit: Eltern können nicht wissen, wie die Umwelt ihrer Nachkommen aussehen wird. Wesen, die Kopien ihrer selbst herstellen, leben in ihren identischen Nachkommen zwar ewig weiter, es könnte aber sein, dass die gleichförmigen Zelltöchter sich in einer veränderten Umwelt nicht mehr wohl fühlen und krank werden. Schon eine kleine Änderung der Umgebungstemperatur kann den Stoffwechsel der Tiere gründlich durcheinander bringen. (Andererseits überleben kopierte Tiere viele kleinere Umweltschwankungen oft durch extrem hohe Nachkommenzahlen.)
Artensterben und Umweltveränderung
Viele Menschen sind besorgt über das Aussterben von Tierarten als Folge von Umweltveränderungen, wie sie oben beschrieben wurden. Das Artensterben an sich ist jedoch für Biologen nichts Ungewöhnliches. Seit es Leben gibt, verschwinden manche Arten unwiderruflich, während andere neu entstehen. Von allen jemals entstandenen Arten (insgesamt fünf bis fünfzig Milliarden) lebt heute nur noch jede tausendste. Zurzeit nimmt die Geschwindigkeit, mit der Arten aussterben, jedoch vermutlich stark zu: Die derzeit aussterbenden Arten sind an die neuen, oft von Menschen geschaffenen Umweltverhältnisse nicht mehr angepasst.
Ewiger Schlummer
Nicht nur Tiere, auch Pflanzen können in Ruhestadien leben oder schlummern. Pflanzen verkapseln jedoch nur ihre Samen, während einfach gebaute Tiere als Ganzes ins Ruhestadium übergehen können (zum Beispiel Amöben als »Zysten« oder Moostierchen als »Tönnchen«). Die Höchstlebensdauer von Pflanzensamen ist dabei nicht minder erstaunlich als die Überlebensleistungen verkapselter Tiere. So können Nachtkerzensamen länger leben als manche Menschen – sie werden bis zu achtzig Jahre alt. Auch Mais, Zwiebeln, Sellerie und Tabak bringen Samen hervor, die immerhin ein halbes menschliches Leben begleiten können. Die bislang bekannten »Bestleistungen« von Pflanzen, die nach überstandenen Samenruhen wieder erblühten:
| Wiesenklee | 100 Jahre |
| Kartoffel | 200 Jahre |
| Indische Lotosblume | 250 Jahre |
| Kriechender Hahnenfuß | 600 Jahre |
| Feldspark7 | 1700 Jahre |
Nun übertreffen allerdings die lebenden Pflanzen – in krassem Gegensatz zu lebenden Tieren – ihr eigenes Ruhestadium bei weitem. 400 Jahre alte Kirschbäume, 900 Jahre alte Rotbuchen, 1900 Jahre alte Linden und 4600 Jahre alte Borstenkiefern gibt es wirklich. Die Eiche, deutscher Inbegriff für Knorrigkeit und Beständigkeit, bringt es auf 1300 Jahre. Diese Höchstalter sind natürlich die Ausnahme. Eine »normale« Eiche wird nicht viel älter als 200 bis 300 Jahre und eine gewöhnliche Rotbuche nicht älter als 140 Jahre.8
Pflanzen leben also oft länger als ihre Ruhekapseln. Außerdem kann die lebende Pflanze zahlreiche weitere Keimzellen herstellen, das Ruhestadium nicht.
Auch ein Tier, das sich in sein Ruhegehäuse zurückzieht oder sich komplett in ein solches umbildet, bringt in dieser Zeit keine Nachkommen hervor.
Auch vor unserer Zeit gab es Perioden großer Umweltveränderungen, in deren Folge im Schnitt 65 Prozent aller Arten starben. Eine dieser Katastrophen trat kurz vor der »Kambrischen Explosion« ein. Eine unbekannte Ursache hat damals, auf der Grenze vom Präkambrium (vor sechshundert Millionen Jahren) zum Kambrium (vor etwa fünfhundertsechzig Millionen Jahren), fast das gesamte Leben der Erde ausradiert und eine komplette Lebenswelt, die Biophyten, vernichtet. Die Biophyten, vermutlich weder Pilze noch Pflanzen, noch Tiere, kennen wir nur noch aus präkambrischen Gesteinsabdrücken. Wir sehen in den Fossilien dieser fernen Zeit »Seefedern« oder »scheibenförmige Wurmtiere«, wissen aber nichts über die Biologie dieser Lebensformen.
Mit dem Kambrium verbreiteten sich die Vorläufer der heutigen Lebewesen sehr rasch. Daher die Bezeichnung »Kambrische Explosion«. Ob es zuvor eine wirkliche Explosion auf der Erde gab, die das Massensterben bewirkte, wissen wir nicht. Weitere Massensterben gab es beispielsweise im Mesozoikum vor etwa zweihundertsechzig Millionen Jahren, nach dem Trias vor etwa zweihundertacht Millionen Jahren und während des Übergangs von der Kreidezeit zum Tertiär vor etwa fünfundsechzig Millionen Jahren.
David Raup, Professor für Geophysik an der Universität Chicago, vermutet, dass Meteoriteneinschläge der Grund für diese Katastrophen waren. Im Abstand von etwa sechsundzwanzig Millionen Jahren, so glauben Raup und viele andere Forscher, können erdgeschichtliche Massensterben belegt werden. Als der Physiker Luis Alvarez aus Berkeley im Jahre 1980 erstmals die Idee des Massensterbens durch Meteoriteneinschläge veröffentlichte, glaubte ihm niemand. »Es war«, berichtet Raup, »als hätte jemand behauptet, die Dinosaurier seien von kleinen grünen Männchen aus einem Raumschiff erschossen worden.« Der verblüfften Ablehnung folgte aber rasch eine ernsthafte Diskussion. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass riesige, bis zu hundert Kilometer weite Krater genau aus der Zeit dreier der fünf großen erdgeschichtlichen Massensterben stammen. Vielleicht erweisen sie sich eines Tages als Zeugen der vermuteten Meteoriteneinschläge.
Das Massensterben ist aber nicht nur eine Katastrophe, sondern es hat auch einen biologischen Nutzen. So verficht David Raup in seinem Buch Extinction. Bad Genes or Bad Luck (1991) die Idee, dass die treibende Kraft der Evolution durch stufenweise Anpassung neuer Arten an die Umwelt (adaptive Radiation) nur deswegen möglich war und ist, weil nach Massensterben regelmäßig Platz für die neuen, besser angepassten Arten entsteht. Ohne Massensterben, ist sich Raup sicher, wäre die enorme Artenvielfalt auf der Erde nicht zu verstehen.
Für manche Lebewesen sind extreme Umweltveränderungen also Krisen oder Katastrophen, für andere gerade das Gegenteil. Besonders stark betroffen von katastrophalen Umweltveränderungen sind aber immer die von uns so genannten unsterblichen Tierarten, weil sie vollkommen gleichartige, nicht angepasste Nachkommen haben. Andere Lebewesen überleben Umweltveränderungen, weil sie ein Leben mit Sex führen.
Sex wird erfunden
Die geschlechtliche Fortpflanzung ist nicht nur wegen der damit verbundenen sinnlichen Erfahrungen von Vorteil. Eigentlich sind diese auch nur ein biologischer Trick, um Lebewesen dazu zu bringen, sich der biologisch vorteilhaften Arterhaltungsmethode zu bedienen.
Der eigentliche Witz der sexuellen Fortpflanzung besteht darin, dass die durch sie entstehenden Nachkommen nicht mit einem Elternteil identisch sind, sondern sich sowohl untereinander als auch von den Eltern unterscheiden. Bei Menschen ist das äußerlich gut zu erkennen. Bei anderen Lebewesen, deren Aussehen uns nicht vertraut ist, fällt es oft nicht auf. Wenn wir solche Tiere, zum Beispiel Fische, einem Test unterziehen, können wir deren Unterschiede aber trotzdem feststellen, zum Beispiel mit einem »genetischen Fingerabdruck«.
Betrachten wir eine einbrechende Eiszeit: Sinkt die Wassertemperatur eines Meeres dabei zum Beispiel um zehn Grad Celsius, so droht den meisten darin lebenden Fischen der Erfrierungstod. Einige Fische jedoch überleben den andauernden Kälteeinfluss. Sie tragen eine Eigenschaft in sich, die mit bloßem Auge nicht sichtbar ist: die Fähigkeit, ein Gefrierschutzmittel herzustellen. Die Frostschutzflüssigkeit ist anders zusammengesetzt als die Mittel, die im Winter dem Kühlwasser von Autos zugesetzt werden. Solche technischen Flüssigkeiten enthalten Verbindungen, die Alkohol ähneln, während der tierische Frostschutz durch ein Eiweiß (Protein) funktioniert. Man nennt es einfach Frostschutzprotein, abgekürzt FSP. Die Natur hat tatsächlich gefriergeschützte Fische hervorgebracht. Sie leben in den Eismeeren der Welt und zeugen Nachkommen, die sich immer noch voneinander unterscheiden. Es findet aber eine begünstigende Auswahl der Gefrierschutzeigenschaft statt. Kältefeste Fischeltern vererben das Gen für das Gefrierschutzmittel (meist) an ihre Kinder. Die Kinder sind deshalb besonders kältefest.
Gelegentlich besitzen aber einige Abkömmlinge der »Frostschutzeltern« keinen oder einen anders zusammengesetzten Frostschutz. Wäre es in diesem Moment nicht praktisch, wenn alle Nachkommen völlig gleich wären, so wie die Nachkommen der unsterblichen Räder- und Kugeltiere? So würde doch sichergestellt, dass der erwünschte Schutz nicht verloren ginge.
Nein, es wäre nicht praktisch. Eine Zeit lang könnten sich die gefriergeschützten Tiere auf diese Art zwar schnell vermehren. Aber die nächste Umweltveränderung kommt bestimmt, und an sie könnten sich die identischen Tiere ohne Sex nicht mehr anpassen. Deshalb ist es wichtig, dass stets einige Nachkommen genetisch ein wenig abgewandelt sind. Nur so können Erbeigenschaften auf Probe entstehen, die vielleicht – irgendwann einmal nützlich sein werden. Das gilt auch für Menschen.
Als Erste erkannten Charles Darwin und Alfred Russel Wallace diese Zusammenhänge. Am 1. Juli 1858 ließ Darwin vor der Königlichen Linne-Gesellschaft in London (Linnean Society of London) die Grundzüge der Evolutionstheorie vorlesen, die auf zwei Erkenntnissen beruht. Erstens: Alle Arten neigen zur Bildung leicht abgewandelter Einzeltiere, das heißt Mutanten (entweder durch Sex oder, bei unsterblichen Tiere in viel geringerem Maß, durch die in allen Lebewesen auftretenden, plötzlichen, kleinsten chemischen Veränderungen der Erbsubstanz). Zweitens: Auf Mutanten wirken im Laufe vieler Generationen auslesende Umwelteinwirkungen. Dadurch passen sich Arten der Umwelt an. Jedes neue Lebewesen einer Art kann dieser biologischen Fortentwicklung etwas Neues hinzufügen und ist damit die kleinste Einheit der natürlichen Auslese. Nur weil sich manche Mitglieder einer Art von anderen unterscheiden, kann sich das Leben fortentwickeln, an veränderte Umweltverhältnisse anpassen und neue Lebensräume für sich erschließen.
Sexuelle Tätigkeit ist dazu im Grunde nicht zwingend notwendig: Mutanten können auch, wie beschrieben, bei nichtsexuellen Zellteilungen durch plötzliche Mutationen entstehen. Der große Vorteil der Sexualität liegt aber darin, dass ständig und häufig neue Zusammenstellungen verschiedener Erbeigenschaften erprobt werden. So bleibt die Umweltanpassung auch bei Wesen erhalten, die nur wenige Nachkommen haben. Aber auch Tiere mit nach wie vor hoher Nachkommenzahl nutzen den Vorteil sexueller Vermehrung: Wasserflöhe etwa schalten bei für sie schlechten Umweltbedingungen von der Jungfernzeugung (nichtsexuell, identische Nachkommen) zeitweise auf die sexuelle Fortpflanzung um. Hier wird die Idee des Sex besonders klar: Umweltanpassung.
Sogar manche Bakterien bedienen sich der aktiven Vermischung von Erbgut als geeigneten Mittels zur genetischen Zukunftsvorsorge. Die scheinbar einfache Form des Bakteriensex besteht darin, über kurzerhand gebildete Zell-zu-Zell-Brücken kleine DNA-Stücke mit einem anderen Bakterium derselben Art auszutauschen und sich später mit der so veränderten Erbinformation zu vermehren.
Mehrzellige Lebewesen haben es da schwerer. Sie können einzelne ihrer Zellen nicht mit denen anderer Mitglieder ihrer Art durch Brücken verbinden. Daher setzen Mehrzeller auf ihre Nachkommen und kombinieren die Erbsubstanz von Spermien und Eizellen.
Um die Art mit genügender genetischer Vielfalt auszustatten, werden manche mehrzelligen Organismen, beispielsweise manche Fadenwürmer und Schnecken, sogar zu Zwittern, die sowohl Eizellen als auch Spermien in sich bilden. Diese nutzen sie zur gegenseitigen Befruchtung (und damit vorbeugender Neukombination von DNA), in Notfällen aber manchmal auch zur Selbstbefruchtung.
1 Erste Zellen sind vor etwa drei Milliarden Jahren entstanden, was deren versteinerte Abbilder belegen. In der Zeit davor, also in höchstens einer Milliarde von Jahren, entstanden Biobausteine. Wenn man die gesamte Zeit, seit es lebende Zellen gibt, einem Jahr gleichsetzt, sind menschenähnliche Wesen erst an Silvester um Viertel nach drei nachmittags auf der belebten Erde erschienen. Vor ihnen, im Oktober dieses einen Jahres, gab es bereits alle großen Gruppen wirbelloser Tiere, und um den 17. Dezember herum starben die Dinosaurier aus.
2 Dekker, H. (1913) Alexis Carrelund die Züchtung von Geweben erwachsener Warmblüter außerhalb des Organismus, Kosmos Handweiser für Naturfreunde 10 (1), S. 57.
3 Ebd., S. 61.
4 Nemilow, A. W. (1927) Leben und Tod, Leipzig, S. 99.
5 Die Beobachtung, dass Zellen das Alter des sie umgebenden Körpers kennen, hat man nicht nur an Fibroblasten, sondern auch bei Lungen-, Haut-, Leber-, Arterienwand-, Augenlinsen- und T-Zellen (einer bestimmten Zellsorte des Immunsystems) gemacht. Man benutzte sicherheitshalber Gewebe von abgetriebenen Föten bis hin zu Zellen neunzigjähriger Greise. Es bestätigte sich, dass alle Zellen – auch losgelöst von ihren ursprünglichen Nachbarzellen – ihr Zellalter kennen. Zellen aus jungen Körpern vollführten bis zu sechzig Teilungen, Gewebe von älteren Menschen teilte sich mit zunehmendem Lebensalter der Spender immer seltener.
6 Meine Rechnung: Ein Zuckerwürfel wiegt drei Gramm, das entspricht 1022 Zuckermolekülen (Zuckerteilchen). Die Meere enthalten insgesamt 1021 Liter Wasser. Das verrührte Würfelchen ergibt für jeden Liter Meerwasser zehn und damit pro Tasse zwei Zuckerteilchen.
Aus einem 1933 gehaltenen Vortrag des deutschen Chemikers Otto Hahn, des Mitentdeckers der Kernspaltung, stammt ein weiterer schöner Vergleich, der die Größenordnungen in der Botenstoff- und Teilchenwelt veranschaulicht: »Stellen Sie sich eine gewöhnliche Glühbirne vor. In dieser herrscht ein Vakuum. Würde man ein so winziges Loch in die Glühbirne bohren, dass pro Sekunde eine Million Luftmoleküle in das Vakuum gesaugt würden, so würde es mehr als 100 Millionen Jahre dauern, bevor im Inneren der Glühbirne derselbe Luftdruck (und damit dieselbe Luftteilchenzahl) herrschte wie auf der übrigen Erde.«
7 Sparke sind Adler-Blumenpflanzen (Spergulaceen), eher kleine, oft krautförmige, zweikeimblättrige Pflanzen. Die Samen sind kreisrund und ringsum geflügelt.
8 Die vermutlich älteste lebende Pflanze ist laut dpa eine Huon-Kiefer im tasmanischen Bergland, die möglicherweise dreißigtausend Jahre alt ist.
ZWEITER TEIL
Niemand will sterben

„Wir sind alle sterblich und werden es bleiben. Was die medizinische Forschung erreicht, ist nichts weiter als eine Veränderung in der Statistik der Todesursachen.“
Max Delbrück
Am Ende des Tunnels sah ich ein Licht
Viele Menschen sind davon überzeugt, dass es nach dem Tod weitergeht. Dafür scheint es Beweise zu geben. Menschen, die dem Tod knapp entkommen sind, berichten von Bildern, die deutlich zu zeigen scheinen, dass der Tod nur eine Pforte in eine unbekannte Zukunft ist. Meistens ist von einem »dunklen Tunnel« die Rede, an dessen Ende ein Licht aufscheint. Die Berichte ähneln sich in verblüffender Weise:
Ich fühlte mich leicht und glücklich. Als ich auf das verheißungsvolle Licht zuging, war ich zeit- und schwerelos. Ich sah verschwommen die Umrisse einer Person. Kurz bevor ich an meinem Ziel ankam, hörte ich meinen Namen. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Krankenbett und schaute in die Gesichter meiner Angehörigen. Ich konnte und wollte noch nicht sprechen. Den Keim des Glückes und Friedens, den ich in den Minuten auf dem Weg ins Jenseits erlebte, trage ich noch immer in mir. Mein Leben hat sich verändert. Ich habe keine Angst mehr zu sterben.
Solche Schilderungen sind nicht neu. Schon der römische Rechtsanwalt Apuleius (geb. um 125 n. ehr.) beschrieb in seinem Roman Der goldene Esel ein ähnliches Erlebnis: »Ich ging bis zur Grenze des Todes. Um Mitternacht sah ich die Sonne mit hellweißen Lichtstrahlen, vor die unteren und oberen Götter trat ich hin, von Angesicht zu Angesicht, und betete sie aus nächster Nähe an.«
Ein weiteres, häufig wiedergegebenes Szenario ist dieses:
Ich spürte, wie ich mich von meinem Körper löste. Langsam stieg mein Geist in die Höhe, und ich konnte auf meinen eigenen Körper herabschauen. Ich sah alles wie durch einen Schleier; sogar meine Angehörigen konnte ich erkennen, die um mich herumstanden. Ich war nicht verwundert, sondern seltsam entfremdet. Alles war verändert, aber dennoch wirklich.
Erlebnisse dieser Art scheinen mit der heutigen naturwissenschaftlich geprägten Sicht der Welt nicht zusammenzupassen. Doch Naturwissenschaftler und Mediziner erklären solche Erfahrungen ohne den Glauben an Übersinnliches. Sie vertrauen einer Deutung, die ihnen wissenschaftlich schlüssiger, das heißt belegbarer erscheint. (Das tun sie stets so lange, bis jemand eine überzeugendere Erklärung anbietet.)
Es ist natürlich kaum möglich, dass vollkommen unterschiedliche Menschen unter ganz verschiedenen Umständen und in verschiedenen Kulturen das gleiche merkwürdige Erlebnis haben. Ob sie nun gottesfürchtig, atheistisch, wichtigtuerisch, phantasiebegabt, schüchtern oder nichts von alledem sind, immer berichten sie von mindestens einem der beiden Todesmotive, dem Tunnel oder dem Über-dem-Körper-Schweben. Dass es sich um erfundene Geschichten handelt, ist also nicht wahrscheinlich. Es sollte einen Vorgang geben, der in allen Menschen gleich oder zumindest ähnlich abläuft, wenn der Tod naht. Wir wissen, dass der Körper bei jeder erdenklichen Gelegenheit Substanzen bildet, die gerade gebraucht werden. Wenn Sie Ihre Nase berühren, schütten die Nervenenden Stoffe aus, welche das Gehirn befähigen, die Nachricht »Nase berührt Finger« und »Finger berührt Nase« zusammenzusetzen. Erblicken Sie einen sexuell anziehenden Menschen, gibt eine Drüse Moleküle ab, die bewirken, dass Ihr Herz schneller schlägt und Ihre Gedanken sich verändern. Verlieren Sie etwas, das Ihnen teuer ist, führt das Zusammenspiel vieler ausgeschütteter Substanzen dazu, dass Sie sich ärgern und sich auf die Suche nach dem Verlorengegangenen begeben. Viele dieser Substanzen, etwa Hormone, sind bekannt und genau untersucht. Manche werden auch als Medikamente verwendet. Andere sind körpereigene Rauschgifte, die dem Morphium ähneln. Möglicherweise schüttet der Körper in Momenten größter Todesnähe eine Substanz aus, welche die beschriebenen Bilder hervorruft. Diese Todesmotive, so stellt man sich vor, sind den Menschen als eine Art Denkschablone von vornherein mitgegeben. Sie müssen nur noch abgerufen, das heißt erzwungen werden.
Offenbar ist dieser Mechanismus erblich und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Zwei Gründe sprechen dafür, dass es ihn tatsächlich gibt. Der erste: Etwas Ähnliches wie Denkschablonen kennen wir aus einem anderen Zusammenhang, dem der Wahrnehmung von Dingen. Der entwicklungsgeschichtlich bedingte Aufbau unseres Gehirns erzwingt ständig bestimmte Bilder in unserem Kopf, die der Wirklichkeit so nicht entsprechen. Dies betrifft etwa die Farb-, Helligkeits-, Form- und Größenwahrnehmung. Durch eine getönte Sonnenbrille nehmen wir eine Buchseite immer noch als weiße Seite wahr, und im Abendlicht unterscheiden wir die Farben so wie am Tage, weil unser Hirn aus den »verfälschten« Daten die reine Information gewinnt.1 Und unser Hirn nimmt die mit einem Zeichenstift flüchtig angedeuteten Umrisse eines menschlichen Körpers als solchen wahr. Die Nerven des Gehirns flicken fehlende Stückchen Linie von selbst hinzu. Das Gehirn informiert uns bewertend, sozusagen parteiisch, über unsere Außenwelt. Vieles sehen wir gar nicht, anderes wird hinzugefügt.
Augenfällig bewiesen wurde das von den beiden Forschern David Hubel und Torsten Wiesel. In zwanzigjähriger enger Zusammenarbeit an der Harvard Medical School hatten die Wissenschaftler festgelegte Wahrnehmungen bei Affen und Katzen beschrieben. Hubel und Wiesel zeigten durch Experimente an fein aufgebohrten Schädeln lebender Tiere, dass die Sehrinde ihrer Versuchstiere auf bestimmte Formen, Umrisse und Farben mit festgelegten, das heißt vorhersagbaren Signalen antwortete. Diese Signale werden an Zellen weitergeleitet, die nicht mehr nur nach einem vorgegebenen Schema antworten, sondern auch zusätzliche Informationen benachbarter Gehirnbereiche verwerten.
Weil der grundlegende Aufbau der Gehirne von Katzen und noch mehr der von Affen sich nur geringfügig vom menschlichen Hirn unterscheidet, schließt man daraus, dass auch der Mensch zumindest auf der unteren Verarbeitungsebene des Denkens wie ein Automat funktioniert.
Mit seinen Versuchen drängte das Forscherteam aus Harvard das mögliche Vorhandensein der Seele weit zurück. Im Einklang damit sagte Hubel, nachdem er 1981 erfahren hatte, dass er und sein Kollege Wiesel den Nobelpreis für Medizin bekommen sollten:
Man hat bisher immer gesagt: Ein Gehirn kann sich selbst beziehungsweise das [im Hirn gelegene, M. B.] Bewusstsein nicht verstehen, weil das dasselbe wäre, als zöge man sich am eigenen Schopf aus dem Wasser. Wir halten das für Unsinn. Man kann ein Gehirn genauso gut untersuchen wie eine Niere.2
Das Erstaunen über die Entdeckung der beiden Forscher war groß und hielt viele Jahre an. Danach war der Weg gebahnt für die Vorstellung, dass der Mensch nicht völlig frei denkt, sondern zumindest in manchen Situationen von Denkschablonen gelenkt werden kann.
Der zweite Grund, der für den beschriebenen Mechanismus spricht: Es gibt tatsächlich Stoffe, die der Körper beim Eintreffen oder beim Nahen des Todes herstellt. Sie führen zu einer vollständigen Entspannung der Muskeln. Deshalb hängen beispielsweise Mäuse, die von einer Katze ergriffen werden, schlaff in deren Maul.
Das angenehme, schwebende Gefühl, das manche dem Tode entronnenen Menschen beschreiben, rührt also von einer Lockerung der Muskulatur durch körpereigene Entspannungsstoffe her.
Auch das Glücks- und Friedensgefühl, das viele »Zurückgekehrten« empfinden, mag auf die Wirkung körpereigener Substanzen zurückgehen. Es ist bekannt, dass der Organismus sich selbst gelegentlich mit drogenähnlichen Stoffen versorgt. Sie können Schmerzen unterdrücken oder angenehme, lustvolle Gefühle hervorrufen. Wir versuchen oft, bewusst oder unbewusst, in Situationen zu gelangen, in denen unser Körper Glücksstoffe herstellt. Er produziert sie nicht nur bei Sonnenschein, Ruhe oder Sex, sondern unter Umständen auch bei übermäßiger Arbeit. Nicht umsonst bezeichnen wir Arbeitswütige als Workaholics.
Wenn der Körper in Todesnähe solche Drogen ausschüttet, um Schmerzen zu unterdrücken, die Muskulatur und den Geist zu entspannen, findet ein letztes Mal das Zusammenspiel von Körper und Geist in höchster Vollendung statt. Ein solcher Tod ist friedvoll und mild.
Warum der Mensch dieses Programm in sich trägt, ist allerdings unklar. Vielleicht ist der Tod für den Körper nur einer von vielen Alarmzuständen, die er alle mit einer ähnlichen Reaktion beantwortet.
»Was ist das jetzt für ein Schlaf,
der dich gepackt?«
Die Menschen früherer Kulturen verstanden nicht, was »Tod« bedeutet. Erst unsere naturwissenschaftliche Sicht liefert die Erklärung: Der Körper und / oder das Gehirn arbeiten nicht mehr.
Vermutlich lag es aber nicht an fehlendem Wissen, dass unsere Vorfahren den Tod nicht als biologisches Ereignis begreifen konnten. Vielleicht war auch die Kultur dieser Menschen insgesamt noch nicht so weit entwickelt, dass sie eine Betrachtung des eigenen Todes erlaubte. Das leitet man aus einem Text ab, der vor etwa hundert Jahren bei Ausgrabungen in der ehemaligen Stadt Ninive am Fluss Tigris zum Vorschein kam. In der Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal, der etwa 650 v. Chr. lebte, fanden sich Steintafeln, die in Keilschrift die Geschichte von Gilgamesch erzählen – das Gilgamesch-Epos. Der Inhalt dieser Geschichte ist derart überraschend und lässt so weitreichende Rückschlüsse auf die Entwicklung der Menschheit zu, dass ich etwas ausführlicher darauf eingehen möchte.
Lassen wir Kurt Aram, der sich zu Beginn dieses Jahrhunderts mit sehr alten Überlieferungen beschäftigte, vom Gilgamesch-Epos3 berichten:
In der Hauptsache dreht sich der Mythos um die Erschütterung des Gilgamesch, als er zum ersten Mal an seinem Freund Engidu den Tod kennenlernt und verzweifelte Anstrengungen macht, diesem ihm ganz unverständlichen Schicksal zu entgehen. Das Erlebnis ist so neu und unbegreiflich, daß es ganz im Mittelpunkt des Mythos steht, der bis zum Schluß nicht davon loskommt.
Fassungslos steht Gilgamesch vor dem toten Freund:
»Was ist das jetzt für ein Schlaf, der dich gepackt?
Finster siehst du aus und hörst nicht auf mich.«
Doch der erhebt nicht mehr sein Auge.
Gilgamesch berührt sein Herz, doch es schlägt nicht mehr. Da deckt er den Freund zu wie eine Braut.
Einem Löwen gleich brüllt er laut,
Einer Löwin gleich, die ihrer Jungen beraubt ist.
Er wendet sich hin dem Toten zu,
Er rauft sich die Haare.
Engidu, der Freund, ist jünger als Gilgamesch, er hatte schon Träume mit Todesahnungen, die Gilgamesch einfach nicht versteht. Gilgamesch scheut keine Mühe, keine Gefahr, kein Hindernis, um zu seinem Ahnen Ut-napischti zu gelangen, der nicht hat sterben müssen. Vielleicht kann er ihm gegen den Tod helfen. Als der Ahn ihn kommen sieht, sagt er zu sich selbst:
Warum fährt einer im Schiff, der nicht zu mir gehört?
Der da kommt, ist doch gar kein Mensch,
Die rechte Hand eines Mannes hat er doch nicht?
Ungetröstet kehrt er nach Uruk, seiner Heimat, zurück. Nun will er wenigstens wissen, wie es in der Unterwelt zugeht. Er bittet Ea, den einzig menschenfreundlichen unter den altbabylonischen Göttern, Engidus Geist aus der Unterwelt zu beschwören. Folgendes Zwiegespräch entspinnt sich zwischen Gilgamesch und Engidus Geist:
»Sag an, mein Freund, sag an, mein Freund,
Die Satzungen der Unterwelt, die du schautest, sag an.«
»Ich kann es dir nicht sagen, mein Freund, ich kann es dir nicht sagen,
Wollte ich dir die Satzungen der Unterwelt ansagen,
die ich geschaut habe,
Würdest du dich den ganzen Tag weinend hinsetzen müssen.«
»So will ich denn den ganzen Tag mich weinend hinsetzen.«
»Siehe den Leib, den du anfasstest, dass dein Herz sich freute,
Den frisst das Gewürm wie ein altes Kleid,
Mein Leib, den du anfasstest, dass dein Herz sich freute,
Ist dahingeschwunden, ist voll Staub.
In Staub ist er niedergekauert.
In Staub ist er niedergekauert.«
»Fragen wir nach dem Sinn des Ganzen, so faßt ihn die Wissenschaft mit dem etwas kümmerlichen Satz zusammen, daß gegen den Tod eben kein Kraut gewachsen ist.«
Bruchstücke des Gilgamesch-Epos sind bereits aus Urzeiten bekannt. Schon aus der Zeit der ersten babylonischen Dynastie (2000 v. Chr.) gibt es Niederschriften des Epos, und die Überlieferung selbst reicht bis in die vorbabylonisch-sumerische Zeit zurück, also bis in das 6. Jahrtausend v. Chr. Vermutlich ist die Geschichte aber noch viel älter. Der Archäologe Edgar Dacqué verglich das Gilgamesch-Epos mit den ihm bekannten Abbildungen von Maya-Handschriften (und mit Versteinerungen von Wassertieren aus der Zeit der Dinosaurier, dem Mesozoikum). Dacqué meint aus diesem Vergleich in Uta-napišti einen älteren Menschentyp zu erkennen.
Diese Menschen hatten ein anderes Verständnis von der Umwelt als wir: Sie dachten noch nicht »logisch«, also nicht folgerichtig-mathematisch. Deshalb sind auch ihre Erzählungen unlogisch.
Das Naturbild dieser Menschen bezeichnet man als natursichtig-magisch. Dazu noch einmal Kurt Aram:
Gestorben sind diese Menschen natürlich damals so gut wie heute, aber sie wurden sich dessen nicht bewußt, sowenig sich eine Biene dessen bewußt ist, was wir Tod nennen. Über den Zustand, daß einer wie im Schlaf daliegt, ohne wieder wach zu werden, daß Gewürm den Leib frißt wie ein altes Kleid, wehklagt und jammert auch der vorlogische Mensch, sowie der Tod als konkreter Fall ihm vor die Sinne kommt, aber über ihn reflektieren, sich Gedanken über ihn machen, wie wir es tun, vermochte er nicht. Nicht einmal so weit reicht die Reflexion bei Gilgamesch, daß auch ihn dieser Schlaf, aus dem man nicht wiederaufsteht, unter allen Umständen so gut wie Engidu ereilen wird. Er hofft vielmehr bei dem Ahnen, der nicht starb, auch für sich das Mittel gegen den Tod zu finden. Sonst würde er gar nicht die lange, abenteuerliche Fahrt, die immer wieder gerade das bedroht, was er retten will, nämlich sein Leben, bis zum Ende der Welt und über die Wasser des Todes unternehmen.4
Die uralte Legende ähnelt in vielen Punkten einem Traum.
Träume entstehen, »wenn das Großhirn müde ist«, und so folgerte man früher sogar, dass auch das traumähnliche Epos entstand, als die Menschen noch ein anders ausgeprägtes Großhirn hatten. Tatsächlich ist genau dieser Teil des Hirns die wesentliche Fortentwicklung auf dem Weg zum Homo sapiens sapiens – im Großhirn sitzt unser Geist. (Von allen Säugetieren hat der Mensch das verhältnismäßig größte Hirnvolumen. Dies macht uns Menschen nicht besser oder schlechter als alle anderen Lebewesen, ist aber der Grund für unsere derzeitige Macht über viele andere Geschöpfe.)
In unserem hoch entwickelten Denkapparat schlummern aber auch noch diejenigen Hirnanteile, die unsere frühen Vorfahren in sich trugen. Oft unterdrückt das Großhirn die Meldungen aus diesen tieferen Schichten. So erklärt es sich vielleicht, dass wir heute den Tod medizinisch verstehen und – soweit dies eben möglich ist – im Griff haben. Gleichzeitig fürchten wir uns jedoch wie unsere unlogisch denkenden Vorfahren vor dem rätselhaften Ereignis des Todes und vor allem davor, »wie ein altes Kleid vom Gewürm zerfressen« zu werden.
Den Körper für das Jenseits erhalten
Wie alt die Beschäftigung mit dem Tod ist, zeigt der Totenkult im Alten Ägypten. Die Ägypter nahmen zwar ein Weiterleben nach dem Tod ganz selbstverständlich an und fürchteten den Tod deshalb vielleicht nicht so stark wie andere Völker. Sie mumifizierten aber die Leichname, um den Verstorbenen eine schützende Körperhülle zu erhalten. Im Jenseits – so glaubten die Ägypter – erhielten diese dann einen neuen Leib.
Beim Leichenschmaus sang man sogar: »Das schöne Geschick ist eingetreten.« Dennoch grämten sich die Angehörigen aber wohl über den Tod eines lieben Menschen.
Das Vorbild der Mumienmacher und der beteiligten Priester war seit dem Mittleren Reich (um 2050-um 1570 v. Chr.) der tote Osiris. Auf Befehl des Sonnengottes Re war der Totengott Anubis vom Himmel herabgestiegen und hatte Osiris‘ Leiche für die Auferstehung hergerichtet. Die Seele des Mumifizierten war danach nur noch locker an den Körper gebunden.
Die Eingeweide des Verstorbenen wurden bei der Mumifizierung herausgenommen und mit Salz und Natron ausgetrocknet – Salze entziehen dem Gewebe das Wasser. In den Kanopen, besonderen Krügen, wurden die Eingeweide außerhalb des Körpers bestattet. Zur Einbalsamierung des restlichen Körpers dienten Harze, Öle und aromatische Substanzen. Zuletzt wurden Beigaben in den Körper gelegt, zum Beispiel Leinenpäckchen, Wachsfiguren und Nachbildungen von Skarabäuskäfern. Amulette aus Wachs deckten die Einschnittstellen ab, und goldene Körperauflagen schützten Lippen, Zunge, Finger und Zehen. Danach wurde die Leiche mit Unmengen von Leinenbinden umwickelt, in die weitere Amulette gebracht werden konnten. Um der Mumie ein möglichst lebensnahes Aussehen zu geben, wurde sie mit einer Kopfmaske und bemalten Kartonagen versehen. Herodot berichtet, eine komplette Einbalsamierung habe im Schnitt siebzig Tage gedauert. (Die aufwändige Methode eignet sich übrigens im Grunde, um Erbsubstanz zu erhalten. Besonders gegen Austrocknung ist DNA nicht besonders empfindlich, solange nicht andere, störende Einflüsse hinzukommen.)
Der auffallend gute Erhaltungszustand ägyptischer Mumien verleitete europäische Ärzte des Mittelalters bis ins 19. Jahrhundert dazu, Mumia vera aegyptica, Mumienstückchen oder -pulver, als Medikament zu verkaufen. In einigen Apotheken wurde Mumienpulver sogar noch bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges angeboten.
Die Wunderkräfte der Mumia-Substanz hielten sich in Grenzen. Arabische und persische Ärzte, von denen die Heilmethode stammte, hatten übersehen, dass die teerähnlichen Balsamierungsstoffe der Ägypter nichts mit den wirklich heilkräftigen Asphaltprodukten zu tun hatten, denen sie ähnlich sehen. Durch Zufall könnten Quecksilbersalze, die zur Einbalsamierung von Mumien verwendet wurden, tatsächlich einmal als Medikament gegen Krankheiten geholfen haben. Für diese Annahme spricht auch, dass »grüne Mumien« – mit grün werdenden Kupfersalzen behandelte Leichen – nicht zu Mumiapulver verarbeitet wurden. Das Kupfer hätte sich im Gegensatz zum Quecksilber vielleicht nicht für Kuren geeignet.
Ein weitverbreiteter Irrtum besagt, gut erhaltene Leichen, die in der Nähe von radioaktiver Strahlung (vor allem in Kirchen, etwa verursacht durch Bleiplatten) liegen, seien wegen der Strahlung konserviert. Das stimmt nicht. Alle Leichen dieser Art liegen an belüfteten Orten; es handelt sich aus rechtsmedizinischer Sicht um eine gewöhnliche Mumifizierung durch Austrocknung. Die Radioaktivität hat mit dem guten Erhaltungszustand nichts zu tun.
Wie die Ägypter, so hat jede Kultur ihre eigenen Gebräuche im Umgang mit den Toten. In Neuguinea werden die Leichen sogar in eigens entlaubten Baumkronen bestattet. Von einer solchen Baumbestattung berichtet Wulf Schiefenhövel. Der Mediziner, Völkerkundler und langjährige Mitarbeiter des Verhaltensforschers lrenäus Eibl-Eibesfeld lebte zwei Jahre lang (von 1974 bis 1976) im Hochland von Irian Jaya in Neuguinea. Dort, im Dorf Munggona unter etwa hundertachtzig Menschen des Stammes der Eipo, beobachtete er Folgendes:
Der etwa zweiundzwanzig Jahre alte Eipo Ebna stirbt am Nachmittag des 2. Juni 1975. Früh am nächsten Morgen beginnen »etliche Männer und Buben« damit, einen Bestattungsbaum, der etwa fünfhundert Meter vom Dorfkern entfernt wächst, herzurichten. Sie bauen ein Gerüst und schlagen die belaubten Äste ab; in der Krone des Baumes errichten sie ein Sitzgestell. »Kaberob, führender Mann vor allem für den sakralen Bereich des Dorflebens, drängt zur Bestattung«, berichtet Schiefenhövel. »Der Tote wird von den Männern, die die letzten Vorbereitungen am Baum vorgenommen hatten, etappenweise in die Höhe gezogen und so in das BestattungsgesteIl gesetzt, daß das Gesicht in die Bergregion Mangedelo zeigt. Dort befindet sich nach Eipo-Überlieferung das Geisterdorf des Mekdumanang-Klans, zu dem Ebna gehörte. Der Tote wird nun in dieser Stellung festgebunden und mit einer Hülle aus Farn und Kwelilya-Blättern (Pandanus adinobotrys) umgeben, so daß der Leichnam ganz bedeckt ist. Noch stehengebliebene Äste des Bestattungsbaumes werden eingekerbt und abgebrochen.« Vier Tage später, am 7. Juni, entfernen Stammesangehörige die Hülle aus Farn und Blättern, nehmen die Leiche aus dem Sitzgestell und versuchen, die Leiche in ein Tragenetz in der Baumkrone zu bringen. Dies misslingt, und so wird die Leiche an den Fuß des Baumes gereicht, dort in das Netz gebunden und vom Bruder des Toten in den Garten des lebenden Bruders getragen. Dort wird die Leiche erneut in einen Baum – »eine stattliche Casuarine« gezogen und in Hockstellung in der Krone bestattet. »All diejenigen«, schreibt Schiefenhövel, »die mit der Leiche in Berührung gekommen sind, die bereits deutlich Zeichen der Verwesung aufweist, reiben sich nach der Neubestattung die Hände und andere Hautpartien mit Brennesselblättern (beb, Laportea decumana).« Etwa ein Jahr später wird Ebna ein weiteres Mal bestattet. Ebnas Bruder und einige Helfer bringen die nun mumifizierte Leiche in ein eigens errichtetes Gartenhäuschen in einen Holzschrein. Dort skelettiert die Leiche endgültig. Manchmal überführen die Eipo ihre Toten nach dem völligen Zerfall unter überhängende Felsen, wo dann Schädel und Knochen ihre letzte Ruhestätte finden.
Die ewig Ruhelosen
Während also der tote Eipo irgendwann seine letzte Ruhestätte findet, berichten viele Mythen und Märchen von Menschen, die nicht sterben können, obwohl sie sich danach sehnen. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte des Grafen Dracula. Diese erst im 19. Jahrhundert entstandene Sagengestalt gründet sich nicht nur auf den historischen Fürsten Vlad Tepeš, der im 15. Jahrhundert einen Angriff der türkischen Heere mit vielen Kriegslisten zurückschlug. Auch alte Gerüchte und Gedichte über Vlad sowie die unterschwellig sexuelle Bedeutung, die den Vampirgeschichten in viktorianischen Zeiten innewohnte, trug zu ihrem Entstehen bei.
Die ursprüngliche Idee von Vampiren, die auf der Suche nach Opfern einsam umherstreifen, geht vermutlich auf eine wesentlich lebensnähere, wenn auch weniger romantische Beobachtung zurück. Diese Beobachtung können heute nur noch wenige Menschen machen, weil unsere Kultur den direkten Kontakt mit Leichen fast vollkommen vermeidet. Früher wurden Leichen nahezu immer bei Raumtemperatur aufgebahrt, damit Angehörige und Bekannte von der oder dem Toten Abschied nehmen konnten. Vor der Aufbahrung richteten Bestatter oder Verwandte den toten Körper her: Die Leiche wurde je nach ihrem Zustand gekämmt, geschminkt und angekleidet. Wenn sich die Sehnen zusammengezogen hatten und die Gliedmaßen gekrümmt waren, streckten so genannte »Leichenweiber« etwa die Knie mit aller Kraft durch und beschwerten sie mit einem Stein. Auch den bei vielen Toten geöffneten Mund pressten sie zu und klemmten ein Buch unter das Kinn. Vor der endgültigen Aufbahrung entfernten sie diese Hilfsmittel. Sehr häufig konnte man zu einem späteren Zeitpunkt beobachten, dass die Beine unvermittelt wieder zusammenklappten oder sich der Mund schmatzend »wie bei einem Vampir« öffnete. Der Arzt Christoph Hufeland bezeugt diese Vorgänge. Mehr als einmal dürften diese Phänomene dazu geführt haben, dass eine Leiche noch einmal gründlich untersucht wurde. Das tat man allerdings nicht aus Furcht vor Gespenstern, sondern um sicherzustellen, dass der oder die Verstorbene nicht scheintot war.
Besonders im 19. Jahrhundert war die Angst vor dem Scheintod sehr groß, und ganze Bücher beschäftigten sich mit der Frage, wie man einen Scheintoten richtig ins Leben zurückholen muss. Die Rezepte reichten vom »Einblasen von Luft in den Mund« über das »Öffnen einer Ader« bis zu »Senfwickeln mit Spanischer Fliege«. Bei solchen Rettungsversuchen musste man den Körper zwangsläufig bewegen. Dabei sahen die erstaunten Zuschauer gelegentlich, dass der oder dem Toten eine blutige Flüssigkeit aus dem Mund floss; die gleiche Beobachtung machen noch heute die Rechtsmediziner, wenn sie Leichen routinemäßig auf Messerstiche im Rücken untersuchen und sie zu diesem Zweck aufsetzen.5
Eine andere Erklärung dafür, weshalb blutrünstige Vampire erfunden wurden, liefert David Dolphin, Chemieprofessor an der Universität von British Columbia. Nach Dolphins Meinung war eine erbliche Krankheit, die im späten Mittelalter gehäuft in osteuropäischen Adelsfamilien auftrat, der Ursprung der Vampirsagen. Durch die verbreiteten Eheschließungen zwischen Verwandten wurden bestimmte veränderte, krankmachende Erbanlagen immer wieder zusammengebracht und so verstärkt ausgeprägt. Es handelt sich um die Krankheit namens Porphyrie oder Porphyria erythropoetica, bei der sich unter anderem die Oberlippe zurückzieht, während gleichzeitig die Haut rissig wird und blutet. Die Krankheit äußert sich besonders stark, wenn der oder die Erkrankte dem Sonnenlicht ausgesetzt ist. Ärzte des Mittelalters sollen den Kranken geraten haben, in abgedunkelten Räumen, also daheim in ihren Schlössern zu bleiben und zum Ausgleich für den eigenen Blutverlust Tierblut zu trinken. Jahrhunderte später behandelte man Porphyriekranke häufig mit dem Aderlass. Um den Lebenssaft zu ersetzen, mussten die armen Menschen, wie schon ihre Leidensgenossen im Mittelalter, Rinderblut trinken.
Auf einem Bild J.-F. Gueldrys aus dem 19. Jahrhundert, das den Titel Les buveurs de sang (Die Bluttrinker) trägt, ist das Leid der Porphyriekranken festgehalten. Man sieht einen Schlachter, der einem von seinem Kollegen gefesselten Rind warmes Blut aus dem Hals entnimmt, in einen Trinkbecher füllt und der ersten Kranken in einer Reihe von sechs oder sieben weiteren Unglücklichen reicht. Der Ausdruck des Ekels und Entsetzens, aber auch der Schicksalsergebenheit auf den Gesichtern der Geplagten ist offensichtlich. Dass Porphyriker blass sind und einen veränderten Zahnwuchs, dabei aber zugleich rote Zähne und Lippen haben können, macht verständlich, warum man die Kranken einst für Vampire gehalten hat.
Eine Übersicht über die Merkmale, die Tote wie Vampire erscheinen lassen können, hat 1997 der englische Naturforscher David Pescod-Taylor in der Zeitschrift Bizarre zusammengestellt. Pescod geht davon aus, dass eine ganze Reihe von Hautkrankheiten und so genannten späten Leichenerscheinungen wie Fäulnis, Hautablösung und -vertrocknung, Zahnausfall und Mumifizierung einzeln oder gemeinsam zu den erschreckenden Trugschlüssen geführt haben. (In den Jahren 2000 und 2001 sammelte die Transylvanian Society of Dracula auf Kongressen in Rumänien weitere spannende Erklärungen um Vampirlegenden, siehe http://tsdracula.org. Literatur zum Thema gibt es vom Autor ebenfalls: Vampire unter uns! Band I Rh.pos. & Band II Rh.neg., erschienen in der Edition Roter Drache).
Auch heute würde manch einer eine schmatzende Leiche, die im Sarg verschiedene Körperhaltungen einnimmt und aus deren Mund Blut rinnt, für einen Vampir halten. Genauso verständlich ist es, dass reiche, unnahbare Adelige, die mit geschürzten Lippen Blut tranken, Anlass zu Gerede gaben. Der Arzt Christoph Hufeland war um 1800 einer der Ersten, die diesem Irrglauben entgegentraten.
Der eigentliche Vampirmythos wurde hierzulande erstmals bekannt, als 1733 aus dem Dorf Servien an der damaligen türkischen Grenze von Toten berichtet wurde, die nachts aus den Gräbern stiegen und Blut saugten. Buchstäblich ganz Deutschland war beunruhigt und wurde – schon damals – von der Presse auf dem Laufenden gehalten. Schließlich ließ der Kaiser selbst die fraglichen Leichen ausgraben. Sie wurden durch ihr Herz gepfählt, geköpft und anschließend verbrannt – man wollte wirklich sichergehen. Ein im Auftrag des Kaisers erstelltes schriftliches Gutachten des Forschers Beyer wurde leider geheim gehalten und ist bis heute verschollen. Michael Ranft, der diesen Fall als Zeitzeuge erlebte, war aber fest davon überzeugt, dass es sich bei den vermeintlichen Vampiren um Scheintote handelte.
Er beschrieb die Erlebnisse dieser Umherwandelnden schon 1734 so:
Und wenn nun dieser erwachte Scheintote ein zärtlicher Haus- und Familienvater ist, wenn er nur mit höchster Anstrengung seiner kaum wiederkehrenden Lebenskraft der Gruft entging und kaum bis zu den Seinigen auf schwachen Füßen hinzuschwanken im Stande war – wenn dieser Ohnmächtige nun wahrnimmt, wie seine urplötzliche Rückkehr aus dem Gebiete der Gräber nichts als Entsetzen, Tod und Verderben unter den geliebten Seinigen verursacht: Wird er nicht teilnehmend selbst wieder dahinsinken und so hilfsbedürftig und verlassen und hilflos, wie er ist, vor Schmerz und Trauer auf der Stelle ebenfalls eine Beute des Todes sein, dem er als Scheinleiche nur zu seinem und der Seinigen Verderben auf kurze Zeit entgangen war?
Die literarische Figur des Grafen Dracula stammt aus Bram Stokers Buch The Undead von 1897. Als Vorlage für den Roman dienten zwei Bücher, die als Produkt einer verregneten Nacht im Jahr 1817 am Genfer See entstanden waren: Mary Shelleys Frankenstein (Shelley war damals gerade zwanzig Jahre alt) und Polidoris The Vampyre. Bram Stoker bezog sich jedoch im Gegensatz zu seinen Vorbildern Shelley und Polidori auf den rumänischen Prinzen der Walachei, Fürst Vlad Tepeš (»Vlad der Pfähler«). Vlad lebte im 15. Jahrhundert und war durch seine erfolgreichen und listig-grausamen Verteidigungskämpfe gegen ottomanische Soldaten berühmt geworden. Nachdem er in seiner Jugend bei den Türken gefangen war, regierte er mit exilbedingten Unterbrechungen von 1448 bis 1476. Sein Wissen um den Feind machte ihn im Krieg umso erfolgreicher.
Vlads Vater (Vlad der Dritte, Vlad Dracul) war ein »Dracul«, ein Ritter des Drachenordens des Heiligen Römischen Reiches. Da die Endung »-a« so viel wie »Sohn von« bedeutet, erhielt Vlad der Vierte den Namen »Dracula«, Sohn des Dracul. Im Volksmund wurde Vlad Dracul weniger würdevoll und wohl durch die Ähnlichkeit des Wortes mit »dracul« für »Teufel« mit dem Bösen in Verbindung gebracht. Immerhin sind von Vlad junior alle Gräueltaten überliefert, die ein Feldherr gegen seine Feinde verüben kann. Heute wissen wir aber, dass viele dieser Geschichte Lehrmärchen waren, die über die Stadt Buda an den Vatikan und von dort nach Zentraleuropa überliefert wurden.
In den Gebieten des heutigen Rumänien lebte die Überlieferung von Draculas Taten noch zu Bram Stokers Zeiten (und bis heute) fort. Der Theaterautor nutzte den scheinbar wahren geschichtlichen Hintergrund für seine Vampirgeschichte, und erst er gab dem Urvater aller Filmvampire seinen Namen: Dracula.
Dass der Glaube an Dracula auch heute noch erstaunlich verbreitet ist (oder von den örtlichen Tourismusbehörden gezielt gefördert wird), zeigt eine Meldung der rheinischen Tageszeitung Express, die beispielsweise unter der Schlagzeile »Dracula wieder aktiv« schrieb: »Für die einen sind es schlichte Feuchtigkeitsflecken auf Steinen, für die anderen grinst das Gesicht des Grafen Dracula von der Schloßmauer.
Echte Vampire
Eine Sorte von Vampiren gibt es wirklich. Sie leben aber nicht in Osteuropa, und sie tragen den putzigen Beinamen »Kleinfledermäuse«. Drei der Vampir-Fledermausarten ernähren sich tatsächlich durch Blutsaugen. So schleicht der nur zehn Zentimeter lange Gemeine Vampir Desmodus rotundus nachts auf allen vieren an seine Opfer (Säugetiere) heran und schneidet ihnen mit seinen messerscharfen Zähnen die Haut ein. Dann streckt er seine Zunge so weit wie möglich heraus und rollt sie seitlich nach unten zu einer Röhre. Durch diese spuckt er seinen Speichel, der gerinnungshemmende Substanzen enthält, in die Wunde und saugt Blut. Der Gemeine Vampir benötigt nur gelegentlich eine Blutmahlzeit von etwa einer Stunde, die dem Wirtstier kaum schadet, es sei denn, dass die Fledermaus Krankheitserreger, zum Beispiel Tollwut, verschleppt. Namensvettern der sogenannten Echten Vampire sind unter anderem der Kubanische Blütenvampir und der Jamaika-Fruchtvampir. Letzterer ernährt sich, wie der Name schon sagt, von Früchten und zeichnet sich durch ein wenig furchteinflößendes Merkmal aus: Er ist eines der Säugetiere mit der schnellsten Verdauung.
Ort der ›Erscheinung‹ ist ein Schloß im rumänischen Sighišoara, wo im 15. Jahrhundert der walachische Fürst Vlad Tepeš wohnte.« (Express, 4. Mai 1996) Der Autor hat den Ort besucht – es handelt sich in Wahrheit um eine Zeichnung des Fürsten, die unter dem Putz eines Restaurants auf der alten Mauer gefunden wurde.
Auch in Deutschland hört man gelegentlich von Menschen, die sich scheinbar wie Vampire verhalten. Fritz Haarmann und Peter Kürten, die bekanntesten deutschen Serienmörder, stillten ihren Blutrausch am Hals der Opfer. Beide mordeten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Kürten war vom »Rauschen des Blutes« seiner erstochenen Opfer hingerissen; er trank 1930 im Düsseldorfer Hofgarten erregt das Blut eines Schwanes, dem er den Kopf abgeschnitten hatte. Fritz Haarmann behauptete stets, er habe seine Opfer, meist Jugendliche, im Liebestaumel am Hals »totgebissen«. Nachweisen oder widerlegen konnte man ihm das »Totbeißen« nicht, da Haarmann die Leichen zerlegte und beseitigte. – Auch Blätter wie die Münchner Abendzeitung nutzen das Stichwort »Dracula« und melden unverdrossen: »Ein fünfundsiebzig Jahre alter Mann ging mit seinem Dachshund Jockei in Berlin spazieren, als ihn ein dreiundvierzig Jahre alter Mann mit dem Ruf ›Ich bin Dracula!‹ in den Hals biß. Der offenbar betrunkene Angreifer konnte überwältigt werden. Eine Stunde, nachdem der Hundehalter wieder nach Hause gegangen war, starb er – an Herzversagen.« (AZ, 6. April 1995)
Jenseits der Anekdoten sticht in der Geschichte von Graf Dracula mehr als alles die Last des ewigen Lebens und Umherirrens hervor; das nicht endende Leben macht die gräfliche Kreatur vor allem zutiefst unglücklich. Dracula ist dabei kein Einzelfall. Die meisten alten Geschichten von Untaten, einschließlich Poltergeistern und Zombies, sind beherrscht von Schwermut und Leid.
Auch der Fliegende Holländer ist ein unglückliches, einsames Wesen, das sich nach dem Tod sehnt. Der namenlose Kapitän soll um 1680 zu den ostindischen Niederlassungen Hollands bei Batavia gesegelt sein. In der Überlieferung war er ein guter Seemann, aber ein böser Mensch. Auf der Rückreise nach Holland tobte in der Nähe des Kaps der Guten Hoffnung ein Sturm, der Segel und Ruder des Schiffes beschädigte. Daher gelang es dem Kapitän trotz all seiner Kunst nicht, das Schiff um das Kap zu segeln. In seinem Zorn flüsterte ihm der Teufel ein, dass Gott selbst den Seemann an der Kapumsegelung hindere. Der Kapitän schwor daraufhin, dass er Gott trotzen und niemals den Kurs wechseln wolle, auch wenn er in alle Ewigkeit weitersegeln müsse. Seitdem ist der Fliegende Holländer, dessen Schwur als Strafe wahr wurde, unzählige Male gesehen worden. Zuletzt soll der einsame Ostindienfahrer im September 1942 gesichtet worden sein, als er von Kapstadt aus in die Tafelbucht fuhr. Davor will der englische König Georg V. als Leutnant nicht nur das Schiff des Fliegenden Holländers erblickt, sondern auch einen altmodisch gekleideten Herrn, der am Heck des fremden Seglers stand, gesehen haben.6
Viele Ungeheuer spiegeln auch zeittypische Ängste und Begebenheiten wider: Das Besondere an Viktor Frankensteins Leid ist, dass er ursprünglich von den Schriften der alten Ärzte und Naturkundler Cornelius Agrippa von Nettesheim, Albertus Magnus und Paracelsus zur Suche nach einem Lebenselixier angeregt wird. Er verwirft dann die Lehren dieser ihm »vorwissenschaftlich« erscheinenden Männer und wendet sich beim Studium an der Universität Ingolstadt den modernen Naturwissenschaften zu.
Die alten Ärzte wurden zu Shelleys Zeiten angesichts des Aufkeimens der modernen Naturwissenschaften gerne hart gerügt. So schrieb Christoph Wilhelm Hufeland, ein Zeitgenosse von Mary Shelley, über Paracelsus, der von etwa 1520 bis 1540 als Arzt arbeitete: »Aber er hatte die Gabe, seinen Unsinn in einer so dunklen und mystischen Sprache vorzutragen, dass man die tiefsten Geheimnisse darinne ahndete und noch hie und da darinnen sucht und daß es wenigstens ganz unmöglich war, ihn zu widerlegen.« Eine herbe Abfuhr an die alte Medizin, wie sie auch heute noch zu hören ist.
An dieser Schwelle von der altüberlieferten Heilkunst zum modernen Naturverständnis steht Frankenstein. Die ursprüngliche Idee – Leben zu erschaffen – behält Frankenstein aber auch nach seiner inneren Abkehr von den alten Ärzten bei; er benutzt vielmehr die modernen Naturwissenschaften, um seinen ursprünglichen (Alp-)Traum zu verwirklichen.
Genau auf dieser Ebene zwischen Wissen, Wahn und Wirklichkeit liegt auch der heutige Wunsch nach Unsterblichkeit. Viktor Frankenstein musste schmerzlich erkennen, wohin ihn dieser Wunsch geführt hatte. Als ein Schiff den verzweifelten Forscher kurz vor dessen Tod am Nordpol an Bord nimmt, erwähnt der Kapitän, dass auch er auf der Suche nach »der Herrschaft über die elementaren Feinde der Menschheit« sei, also auf der Suche nach einem Mittel gegen den Tod. Frankenstein antwortet ihm darauf: »Unseliger! Haben Sie aus diesem Giftbecher getrunken? Hören Sie mich an – ich will Ihnen meine Geschichte enthüllen, und Sie werden den Becher von Ihren Lippen schleudern!«
Es ist kein Zufall, dass alle Schöpfer untoter Figuren diese als ewig Gestrafte darstellen. Denn was wäre das ewige Leben anderes als Wiederholung, Leere, Müdigkeit und Langeweile? Was biopsychologisch höchst wahrscheinlich ist, machen Schriftsteller damit zur Gewissheit: Begrenzt nicht der Tod das Leben, so verliert es seinen Wert. Dass Künstler dies stärker empfinden, mag daran liegen, dass sie sich in ihren manchmal extremen Leben freier mit dem Sterben auseinander setzen müssen als viele andere Menschen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.