Kitabı oku: «Ich wünschte, ich wäre hier: Langeweile im Zeitalter des Internets»
Mark Kingwell
Ich wünschte, ich wäre hier
Langeweile im Zeitalter des Internets
Aus dem Englischen von
Andreas Simon dos Santos

Mark Kingwell, geb. 1963, ist Professor für Philosophie an der University of Toronto. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Sozialtheorie, Politischer Philosophie, Ästhetik und Popkultur. Er ist Mitglied der Royal Society of Canada und wurde mehrfach für seine wissenschaftliche Arbeit und Lehre ausgezeichnet. Seine zahlreichen Essays und Artikel erscheinen u. a. im Harper’s Magazin und seine Monografien wurden in zehn Sprachen übersetzt, darunter Better Living (1998), The World We Want (2000). Auf Deutsch erschien zuletzt Nach der Arbeit (2018).
Andreas Simon dos Santos hat in Münster und Berlin Anglistik, Italianistik und Politologie studiert. Er arbeitet als Übersetzer, Redakteur, Texter, Korrektor und Ghostwriter.
»Es hilft nichts: Die Langeweile ist nicht einfach. Wir entgehen der Langeweile (bei einer Arbeit, einem Text) nicht mit einer Geste der Ungeduld oder Ablehnung. So wie die Lust am Text eine ganze indirekte Produktion voraussetzt, so kann die Langeweile keine wie immer geartete Spontaneität beanspruchen: Es gibt keine ehrliche Langeweile: Wenn der geschwätzige Text mich persönlich langweilt, dann weil ich in Wirklichkeit die Anforderung nicht mag. Doch was, wenn ich sie mögen würde (wenn ich irgendeinen mütterlichen Appetit darauf hätte)? Die Langeweile ist nicht weit von Glückseligkeit entfernt: Sie ist Glückseligkeit gesehen von der Küste der Lust.«
Roland Barthes, Die Lust am Text (1973)
Inhalt
VORBEMERKUNG:
Langeweile in Zeiten der Plage
VORWORT
TEIL 1
Der Zustand
TEIL 2
Der Kontext
TEIL 3
Die Krise
TEIL 4
Wie kann es weitergehen?
DANK
KOMMENTIERTE BIBLIOGRAFIE
INDEX
ENDNOTEN
Vorbemerkung:
Langeweile in Zeiten der Plage
Anfang 2020 gewöhnten wir uns alle an die neue Normalität von Covid-19, an das Abstandhalten, an Selbstisolation und Quarantäne. Inmitten des Ausnahmezustands stellte sich bei vielen neben großen Befürchtungen ein Gefühl beharrlicher, quälender Langeweile ein. Die allgemeine Sorge zog sich über das Frühjahr bis in den Sommer, und man begann sich zu fragen, ob die staatliche Seuchenbekämpfung die Bürgerrechte noch stärker mit Füßen treten würde, aber auch, ob das Virus zurückkehren würde und ob man – inmitten zunehmender Gereiztheit und Unruhe – gar selbst bereits erkrankt war oder nur in einen Zustand der Apathie verfallen war.
Bald war man es leid, von »Abflachung der Kurve«, »Eindämmung des Virus« und von Forderungen nach Ausweitung der staatlichen Maßnahmen zu hören. In den Städten sah man vor dem Fenster leere, leblose Straßen. Gassigänger, Flaschensammler und radelnde Essenslieferanten waren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens. Sind Sie in ihrem Zimmer auf und ab gegangen und haben sich gefragt, ob es möglich ist, sich zu Tode zu langweilen? Ja, ist es.
Der verwegene Schauspieler George Sanders, am besten bekannt als zynischer Theaterkritiker Addison DeWitt in Alles über Eva (1950), hinterließ drei Abschiedsbriefe. In einem stand: »Liebe Welt, ich verlasse Dich, weil ich mich langweile. Ich habe das Gefühl, lange genug gelebt zu haben. Ich überlasse Euch in dieser süßlichen Kloake Euren Sorgen. Viel Glück.« Auf Dreharbeiten in Spanien, beendete der 65-Jährige sein Leben mit Pentobarbital.
Das war im April 1972 – der »grausamste Monat«, wie es T. S. Eliot, ein gelangweilter Bankangestellter, in seinem Gedicht Das Ödland schrieb. Heute, im April 2020, offenbart die Viruskrise die sozio-ökonomischen Bruchkanten in unseren Gesellschaften mit voller Brutalität. Kleinselbständige, die von Mini-Aufträgen aus dem Netz leben, stehen vielerorts vor dem finanziellen Abgrund, in Ländern ohne Kurzarbeitergeld wurden viele Arbeitnehmer kurzerhand auf die Straße gesetzt oder man griff trotz Verbots zu befristeten Entlassungen. Beschäftigte im Gesundheitswesen arbeiteten bis zur Erschöpfung, während Dienstpersonal, Fluglinienangestellte und Kulturschaffende um die nackte Existenz bangten – um nur ein paar Berufe zu nennen. Wie wir nun häufig gehört haben, könnte sich die Wirtschaftskrise als weit schlimmer erweisen als die Große Depression.
Und so gerieten wir in ein Wechselbad der Gefühle, Phasen lähmender Angst und bleierner Apathie wechselten mit einer eigentümlich fiebrigen Nervosität, eine der quälendsten Erscheinungsformen der Langeweile. Manchmal kommt es einem vor wie der »lange, dunkle Fünfuhrtee der Seele«, wie der englische Science-Fiction-Kultautor Douglas Adams scherzhaft die Langeweile der Unsterblichkeit nannte. Zu anderen Zeiten ist es eine stille, innere Rage, in der alles in Gang kommt, aber nichts beginnt – eine Seele, die sich selbst zerfleischt.
Vor zweihundert Jahren bezeichnete der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer mit scharfem Blick die Langeweile als einen besonderen Zustand der modernen Welt. Er meinte damit natürlich nicht, dass sich Menschen vor dem – in Europa – relativ wohlhabenden frühen 19. Jahrhundert nie gelangweilt hätten. Was ihm auffiel, waren vielmehr neue Möglichkeitsbedingungen von Langeweile: In Zeiten sicherer Unterkünfte, ausreichender Nahrung, freier Zeit, kultureller Anregung (oder ihrem Mangel) hatten die Menschen die Muße, sich mit der eigenen Identität in einem gleichgültigen Universum auseinanderzusetzen.
Für einen großen Teil der Welt haben Konsum und die Kräfte des freien Marktes um ihn herum eine Situation der Monetarisierung dessen geschaffen, was ich im Weiteren neoliberale Langeweile nenne. Dies wurde von der Technologie und ihren verschiedenen Interfaces der profitablen Kurzzeitbefriedigung enorm unterstützt. Wann immer unmittelbare Stimulation versagt, erwacht ein neues unmittelbares Verlangen, das sich nur temporär durch neue Stimulierung lindern lässt. Scrollen, Twittern, Shoppen, Liken und Posten wirken in Kombination wie eine Versklavung des Bewusstseins. Diese Erfahrung kapitalistisch ausgebeuteter temporärer Langeweile ist eine Form der Abhängigkeit und zugleich ein Luxusgut, wie es Thorstein Veblen in seiner Analyse des demonstrativen Oberschichtkonsums in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieb. Heute betrifft der kritische, nicht mehr ganz so demonstrative Konsum Videospiele, Streaming-Dienste und die Nutzung der sozialen Netzwerke.
Langeweile offenbart eine Art psychischen Konflikt, wo, wie es der Psychotherapeut Adam Phillips ausdrückt, der »paradoxeste Wunsch sich regt, der Wunsch nach einem Begehren«. Ein abwesender Wunsch erster Ordnung (»Ich habe nichts, was ich tun möchte«) wird mit einem Wunsch zweiter Ordnung beklagt (»Ich wünschte wirklich, ich wüsste es«). Daher rührt die seltsame Unruhe und Beklemmung der Langeweile, ein Juckreiz an Stellen, wo man sich nicht kratzen kann. Jeder Wunsch erster Ordnung, so sehr er auch aus kognitivem Junkfood bestehen mag, scheint den Reiz zu beruhigen, aber nur zeitweilig – Kartoffelchips für die Seele.
So zeichnet, wie Schopenhauer schrieb, die Langeweile »zuletzt wahre Verzweiflung auf das Gesicht«. Man denke an einen Lebenslänglichen, an Soldaten, die zur Eile angetrieben werden, nur um am Bestimmungsort wieder warten zu müssen, an einen unheilbar Schlaflosen, einen Teenager auf einem erzwungenen Familienausflug oder einen durch und durch fremdbestimmten Arbeiter. Sie alle erleben wahre Langeweile. Selbst die Glücklichsten unter uns kennen in ihren Berufen sicher Phasen, in denen sie nichts als öde Langeweile erwartet.
In diesen viralen Zeiten, wo die Arbeit, wo unsere Zwecke und sogar unsere Bewegungsfreiheit umfassend überdacht werden, ist Langeweile zu einem schleichenden Feind geworden. Und doch, sie bleibt auch eine Art von Sahnehäubchen, ein Ausweis sozioökonomischer Privilegiertheit, die Klage der Gesunden und Reichen, wenngleich nicht der Weisen. Das ist das Paradox des paradoxen Verlangens nach einem Verlangen: Es ist ein Zeichen von Erregung und gleichzeitig ihrer Abwesenheit. Es kann einen anöden, gelangweilt zu sein, und so erzeugt man eine Spirale der Aufmerksamkeitsökonomie.
Wenn wir darauf reagieren, indem wir einem Gefühl der Einsamkeit oder des Ennuis, der Acedia oder des Weltschmerzes ewig davonlaufen, bereiten wir nur einem neuen psychischen Konflikt den Weg – einem neuen Markt der Möglichkeiten. Wenn die gegenwärtige Langeweile nicht zu philosophischer Reflexion, sondern stattdessen zu neuen Formen und Momenten des Konsums führt, wäre das zugleich eine verpasste Gelegenheit und eine Kapitulation vor den gegenwärtigen Verhältnissen.
Wenn Sie das Glück haben, sich gerade zu langweilen, und nicht einfach nur abstrampeln, um über die Runden zu kommen, geben Sie sich nicht der Melancholie hin oder fliehen in einen schicken neuen Stimulus. Schauen Sie aus dem Fenster, das selbst ein Fenster zur Seele ist. Nehmen Sie die Bürde, auf der Welt zu sein, an. Sie können sich selbst nicht entkommen, aber Sie können die Bedingungen Ihrer eigenen Möglichkeit untersuchen.
Um ein weiteres Genie der existenziellen Langeweile, Samuel Beckett, zu zitieren: »Ich kann nicht weitermachen, ich werde weitermachen.« Es gibt keine andere Option – nicht einmal, bei allem gebotenen Respekt für George Sanders, der Selbstmord, den Shakespeares Hamlet ins Auge fasst. Noch einmal Beckett: »Du bist auf der Erde, dagegen gibt es kein Mittel.« Langeweile ist keine Krankheit, sondern ein aufschlussreiches Symptom in Zeiten der Corona-Krise.
Vorwort
»Vielleicht ist ein Schuss Langeweile ein notwendiger Bestandteil des Lebens.«
Bertrand Russell, Die Eroberung des Glücks (1930)
1999 landete der britische Künstler Martin Parr einen überraschenden Bestseller, der seinen Weg auf zahllose Wohnzimmertische fand. Boring Postcards lieferte genau das, was der Titel versprach: einen dicken Band mit 160 Bildern aus Parrs privater Sammlung der ödesten Ansichten und Sehensunwürdigkeiten des britischen Lebens. Reizlose Bahnhöfe, Fabrikgebäude mit Backsteinfassaden, leere Interieurs, Motelzimmer, Hotelfoyers, langweilige Postämter und triste Autobahnabschnitte, sie alle gaben sich bei dieser unheimlichen Feier der Fadheit und Banalität ein Stelldichein. Viele Menschen fanden das Buch lustig, manche auch traurig. Niemand schien es im Geringsten langweilig zu finden – ganz im Gegenteil.
Und doch zeigen die Bilder zwischen den Buchdeckeln natürlich wirklich trübsinnige Orte und nichtssagende Bauwerke, wie nützlich sie auch immer sein mochten zur Erfüllung alltäglicher Zwecke. Mir erging es mit dem Buch wie vielen anderen: Ich fand es zugleich aufschlussreich und vertraut. Wie andere Objets trouvés, das heißt ästhetisch umgewidmete Alltagsgegenstände, bot es das, was Arthur Danto die »Verklärung des Gewöhnlichen« nannte. Wir erkennen hier die Banalität eines so großen Teils unserer baulichen Umgebung und zugleich die Schmerzlichkeit unseres Bedürfnisses nach Verbindung und Austausch. Warum wohl sollte jemand, fragt man sich unwillkürlich, einen Parkplatz oder einen Mautposten zum Gegenstand einer Ansichtskarte machen? An manchen der Orte sind Menschen zu sehen, aber viele sind bar jeden Lebens, wie von einer Neutronenbombe entmenschte Szenerien leerer Alltäglichkeit. Sie illustrieren die Eintönigkeit des täglichen Lebens selbst dort noch, wo sie mit der modischen Vorstellung von »Alltagsfotografie« kokettieren – triviale Bilder, die, in einen anderen Kontext gesetzt, schlaglichtartig eine gewöhnliche, aber tiefe Sehnsucht zum Ausdruck bringen.1 Parr fügte keinen Kommentar oder eine Theorie hinzu, sondern ließ die Bilder schlicht für sich selbst sprechen.
Als Parr 2000 und 2001 einen Band mit amerikanischen und deutschen Postkarten folgen ließ (Boring Postcards USA und Langweilige Postkarten 2), erklomm das Projekt neue Höhen. Nun gesellten sich noch klotzigere Autobahnen, Mauthäuschen, Flughäfen, Grenzübergänge, Wohntürme, leere Swimmingpools und Vorstadtparzellen zum Aufgebot eintöniger Umgebungen. Blättert man durch diese Bücher, besonders Boring Postcards USA, wirken sie wie eine Bebilderung der Autofahrten durch die amerikanische Provinz, auf die sich Humbert Humbert in Nabokovs Roman Lolita begibt, ein unwirtlicher Katalog neonerleuchteter Schnellrestaurants, Lebensmittelfilialen, Imbissständen, Tankstellen und Motels, der zu einer Polemik gegen das Nachkriegs-Amerika mit seiner geistlosen, entnervenden Prosperität anschwillt. Parr indes enthält sich stets solcher Wertungen. Wieder vermittelt diese Sammlung eine feierliche Stimmung, in die sich doch Traurigkeit mischt. Verlebe tolle Tage, wünschte, Du wärst hier! Nein, wirklich: Ich wünschte, Du wärst hier, denn hier ohne Dich bin ich weniger ich selbst.
Postkarten begleiten uns seit Langem, doch selten schlug die Welle ihrer Beliebtheit so hoch wie vor hundert Jahren, als es der letzte Schrei war, Freunden und den Daheimgebliebenen lithografierte Postkarten von den Orten zu schicken, die man bereist hatte. Eines meiner Lieblingsstücke solcher Ephemera ist eine Postkarte des Woolworth-Hauses in New York (1912), die mir vor einigen Jahren in einer Scheune in New Hampshire in die Hände fiel. Eine mit Federhalter gezeichnete Wellenlinie markiert die Spitze des hoch aufragenden Gebäudes. »Bin letzten Winter da oben gewesen«, werden die Lieben daheim auf der Farm informiert. Selbst die Farben früher Bildpostkarten werden zu einer vertrauten Palette blasser Töne von Comicheft-Qualität, so sehr, dass spätere Ansichtskarten aus den 1970er-Jahren mit ihrer Hochglanzoptik unangebracht und irgendwie falsch wirken. Während die Leute Millionen von Groschenpostkarten verschickten, bot sich Amateuren mit preisgünstigen tragbaren Fotoausrüstungen die Möglichkeit, »Echt-Photos« zu schießen und die Ergebnisse in Kleinauflage mit einer Liebhabergemeinde zu teilen: Instagram für das Industriezeitalter. Millionen von Postkarten, viele davon so strahlend langweilig wie alles aus Parrs Sammlung, wurden zwischen 1905 und 1912, dem Höhepunkt der Postkartenmode, hergestellt.
Eine Postkarte ist jedoch nicht nur ein Bild, und das ist einer der Gründe, warum ich Postkarten als visuelle Begleitung des folgenden Textes verwende. Sie erzählen eine Geschichte des Ichs auf der Suche nach sich selbst. Postkarten sind Elemente innerhalb großer Systeme – von großen und kleinen Wohnorten und Städten, von Postdiensten und Druckereien, vom Tourismusgeschäft und Urlaub und von Familie, Freunden und Mitarbeitern. Das Bild ist eigentlich nur der Anlass oder der Träger, um ein persönliches Signal zu geben, ein winziger Knoten innerhalb des weiten Netzes kollektiven und kommunikativen Handelns. Ebenso ist die Botschaft auf der Rückseite nachrangig gegenüber der Tatsache, dass die Postkarte überhaupt geschickt wird. Wer schon einmal einen sonntäglichen Flohmarkt durchstöbert hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass viele alte Postkarten überhaupt keine schriftliche Botschaft trugen, sondern nur eine Adresse. Die gesuchte Verbindung war die eigentliche Fracht.
Dies ist ein Buch über unsere Suche nach solchen Verbindungen und die Gefahren und Chancen, die in diesem Netz des Begehrens enthalten sind. Die langweilige Postkarte bietet mehrere bedeutsame Einsichten. Die erste ist, dass die langweilige Postkarte gar nicht langweilig ist. Es gibt hier eine Dynamik, in der wir zuerst das triste oder nichtssagende Bild registrieren und es irgendwie unglaublich finden, um uns dann zu einer Würdigung des Bildes zu bewegen, die das Gegenteil von langweilig ist und, wie wir ebenso sagen könnten, das Gegenteil der Nostalgie, die häufig von alten Briefen geweckt wird. Dann ist da ein sich anschließender Moment der ironischen Dopplung, der die beiden vorangehenden Ideen in herrlicher Spannung hält. Lustig? Ja. Traurig? Auch das. Faszinierend? Unbedingt. Die langweilige Postkarte gibt uns in visueller Form so etwas wie einen Hinweis darauf, wie Langeweile allgemein funktionieren könnte – oder, um genauer zu sein, wie wir Langeweile auf eine Art und Weise fassen könnten, die philosophisch von Interesse ist. Ein solches Verständnis zu kultivieren ist der Hauptzweck dieses Buches.
Es gibt hier eine zweite Einsicht darüber, was ich das Interface nenne. Weil wir in einer Welt leben, die von Technologie beherrscht wird, und auch weil sich mein Augenmerk hier auf viele technologische Details richtet, könnte man den Eindruck gewinnen, dass Schnittstellen ein ausschließliches Merkmal des Computerzeitalters seien. Mehr noch, es gibt eine Tendenz, die Idee des Interface auf eine spezifische Plattform oder ein bestimmtes Programm zu verkürzen. Wie ich im Folgenden argumentieren werde, sind selbst digitale Benutzerschnittstellen mehr als das: Sie umfassen den Nutzer, die Nutzungserfahrung, sogar die taktilen Elemente der mit bestimmten Programmen verbrachten Zeit (Wischen, Klicken, Daumentippen etc.). Noch weiter gefasst gehören zum Interface soziale, politische und ökonomische Faktoren, die im spätkapitalistischen Leben alle im Spiel sind, von den materiellen Bedingungen und der laufenden Verelendung, die das Gerät in unserer Hand oder auf unserem Schreibtisch ermöglicht hat, bis zu den psychologischen und geistigen Bedingungen, die sich auf die Zeit, die wir mit ihnen verbringen, auswirken.
In einem noch weiteren Sinne ist das Interface eine geeignete Beschreibung vieler nichttechnischer Elemente der menschlichen Existenz. Ich meine damit einfache Dinge wie Türschwellen, Hauseingänge, Fenster und Durchgangsräume, die wesentlich für die je verschiedene Ausformung des Angebotscharakters (affordance) von Arbeitsstätten und Heimen sind. Ich meine darüber hinaus komplexere Merkmale der Interaktion, der Grenzbereiche und Durchgangswege wie eben Mautstationen, Abflughallen, Parkplätze und Motelzimmer, die in Parrs Katalog der Langeweile eine besondere Rolle spielen. Dies sind Zwischenräume, in denen wir nicht ganz wir selbst sind, im Schwebezustand auf dem Weg zu etwas, das die Postkarte andeutet, aber nie darstellt. Langeweile hat damit zu tun, aufgehalten zu werden, Frustration zu empfinden darüber, festzustecken, und den heftigen Wunsch zu verspüren, nie wieder in eine solche Sackgasse zu geraten. Die langweilige Postkarte gibt die Szenerie der Langeweile als Wohlergehen selbst wieder, das – zumindest auf den ersten Blick – öde ist.
Weiter unten werde ich näher auf Heideggers vielbeachtete Erörterung der Langeweile eingehen, die ihn befiel, als er einmal auf einem Bahnhof zum Warten gezwungen war. Heute könnten wir uns genauso gut einen Flughafen vorstellen, mit scheinbar endlosen Phasen der Langeweile, die trotz aller Gegenwehr, kostenlosem WLAN und ablenkenden Einkaufsstraßen irgendwie nie ganz zu lindern sind. Solche Attraktionen verlieren jeden Reiz, weil wir an jenem Ort nur sind, um irgendwo anders hinzureisen. Der Flughafen ist sozusagen der neoliberale Bahnhof der heutigen Zeit. Per Definition eine Zone des Nirgendwo, ein Utopia im wörtlichen Sinn, ist er ein Nicht-Ort, wo nichts geschieht und nichts getan werden kann. Jede Anstrengung ist fruchtlos und die Frustration nie weit entfernt. Der einzige Zweck eines Flughafens besteht darin, ihn hinter sich zu lassen.3 Mit den verstreuten Hotels und Motels des Lebens verhält es sich genauso, jene anonymen, temporären Zimmer, wo wir nur eine Nacht verweilen. Auch diese Räume, häufig deprimierend in ihrer Anonymität und Austauschbarkeit, sind Interfaces. So strukturiert und sogar komfortabel sie sind, stecken wir in ihnen ewig fest, auf dem Weg zu etwas anderem. Postkarten, die von solchen Orten geschickt werden, die solche Orte abbilden, sind besonders trübsinnig, Zwischenräume purer Ödnis.
Manchmal wird der kurzzeitige Stillstand eines Hotels permanent, so wie im Bates Motel in Alfred Hitchcocks Psycho (1960), wo die weibliche Hauptfigur (Vivien Leigh) auf der Flucht mit der Beute eines Banküberfalls von dem nervös zuckenden, von seiner Mutter besessenen Norman Bates (Anthony Perkins) unter der Dusche erstochen wird.4 Es gibt den einlullenden Song Hotel California, der größte Hit der Eagles (1976) mit seinem rosafarbenen Champagner auf Eis, wo eine reiche Lady seltsamerweise unter der Taucherkrankheit (bends) zu leiden scheint (ein Wortspiel mit Mercedes Benz), ein Etablissement, wo man jederzeit ein- und auschecken kann, und doch – es sei verraten – nie wieder wegkommt. Treffend sprechen die Kritiker sozialer Medien vom eingebauten Hotel-California-Effekt, wenn eine Plattform es durch ihr Schnittstellendesign gezielt erschwert, sie wieder zu verlassen – ein zentraler Kritikpunkt in den folgenden Ausführungen.5
Den vielleicht lebhaftesten Ausdruck findet dieses Festsitzen an einem Ort in Thomas Manns Der Zauberberg (1924), wo sich der junge Schiffbauingenieur Hans Castorp für drei Tage in ein Nobelsanatorium begibt, um dort schließlich wie gebannt sieben Jahre zu verbringen. Dies, obwohl er gar nicht unter Tuberkulose leidet, jener Krankheit, die in der Heilanstalt mithilfe der sauberen Bergluft kuriert werden soll. Während die Tage und Monate vorbeifliegen, ist Castorp nie ausdrücklich gelangweilt, trotzdem ist sein Leben auf dem Berggipfel angesichts der Sinnlosigkeit seiner behaglichen Indolenz in einem allgemeinen, vagen Sinn irgendwie öde. Warum kann er denn nicht einfach irgendetwas tun? Die Zeit selbst, legt Mann nahe, dehnt sich aus und zieht sich zusammen, je nach unseren Stimmungen und Zuständen. Was sind schließlich schon sieben Jahre? Castorp hat entdeckt, dass ihm der Zwischenraum der vorübergehenden Behausung als dauerhafter Zustand zusagt. Andere Menschen könnten dieselben äußeren Bedingungen in den Wahnsinn treiben.
Es gibt noch ein weiteres Hotel, wo dauerhafte Klausur zur Gefahr wird, und zwar in Form einer Metapher, deren sich der ungarische Marxist Georg Lukács bediente, um die Abgehobenheit anderer linker Philosophen zu geißeln. »Ein beträchtlicher Teil der führenden deutschen Intelligenz, darunter auch Adorno, hat das ›Grand Hotel Abgrund‹ bezogen«, schrieb er, »ein – wie ich bei Gelegenheit der Kritik Schopenhauers schrieb – ›schönes, mit allem Komfort ausgestattetes Hotel am Rande des Abgrunds, des Nichts, der Sinnlosigkeit. Und der tägliche Anblick des Abgrunds, zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten oder Kunstproduktionen, kann die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.‹«6 Während wir uns selbst und anderen vorzugaukeln versuchen, uns in rigoroser Kritik zu üben, verlieren wir uns, so legt Lukács nahe, in selbstzufriedener Bequemlichkeit. Ich persönlich beurteile Adorno milder, doch der Hauptkritikpunkt stimmt. Der Zweck der Philosophie besteht, nach Marx’ berühmtem Ausspruch, darin, die Welt zu verändern, statt einfach neu zu interpretieren.
Bevor wir mit dem weitermachen, was, wie ich hoffe, ein kleines Beispiel einer solchen Art von Philosophie ist, noch eine Randnotiz. Lukács’ Lieblingsautor war Thomas Mann, den er in seiner umfangreichen Literaturkritik ausgiebig verteidigt. Tatsächlich soll der ungarische Philosoph als Vorbild für Leo Naphta gedient haben, den strengen jüdisch-jesuitisch-marxistischen Intellektuellen, der Castorps geistige Welt beherrscht und endlos mit dem hedonistischen Humanisten Luigi Settembrini streitet. (Naphta erschießt sich später bei einem Duell mit dem Italiener selbst.) Die Figur des Naphta ist weit ungezwungener und zynischer als Lukács, der 1956 Imre Nagys antisowjetischer Regierung als Kabinettminister beitrat und als Folge mit Exekution und Deportation nach Rumänien bedroht wurde.
Und schließlich noch ein Wort über Stimmungen. In allem Schreiben teilt sich eine Befindlichkeit mit, wie mir scheint, und manchmal verändert sie sich im Lauf eines Buches. Eine solche Befindlichkeit, erinnert uns Heidegger, ist nicht einfach ein psychologischer Zustand oder eine Art Affekt. Befindlichkeiten sind ein grundlegender Ausdruck unseres In-der-Welt-seins, der Art, wie wir in ihr leben und unterwegs sind.7 Ich bin daher ständig in dieser oder jener Weise gestimmt. Stimmungen bedingen und spiegeln zugleich die Welt, wie wir sie vorfinden, wie wir zu uns selbst und der Welt stehen. Sie gehören unabdingbar zum menschlichen Dasein, zum Verständnis unserer Existenz und unserer Aussichten. Daher werde ich auf den folgenden Seiten zu Beginn jedes Teils meine vorherrschenden Befindlichkeiten angeben. Ob diese Aktualisierungen nun für die Leser erhellend sein mögen oder nicht, ich biete sie an in dem Geist, eine der Grundbedingungen für die Möglichkeit eines jeden Buches zu teilen – eine Bedingung, deren Bedeutung zu häufig, besonders in der wissenschaftlichen Literatur, geleugnet oder überdeckt wird. Bücher werden schließlich von Menschen geschrieben. Zumindest meistens …
Teil 1
Der Zustand
STIMMUNGSBERICHT
unheimlich
ruhelos
frustriert
»Das Leben, Freunde, ist langweilig.
Das darf man nicht sagen.«
John Berryman, Dream Song 14 (1969)
»Allein, noch nie ist in der Philosophie der Fall erhört worden, wo eine platte Selbstverständlichkeit nicht gerade die abgründige Schwierigkeit des Problems hinter sich versteckt hielt.«
Martin Heidegger,
Die Grundbegriffe der Metaphysik (1929–30)
ICH WÜNSCHTE, ICH WÄRE HIER
Langeweile ist eine der geläufigsten menschlichen Erfahrungen, trotzdem scheint sie sich beharrlich einem vollständigen Verständnis zu entziehen. Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, gelangweilt zu sein, doch was genau den Zustand des Gelangweiltseins auslöst, was ihn ausmacht und was aus ihm folgt, ist weit weniger klar. Ist Langeweile eine Funktion der Muße, sodass es, wie manche meinen, vor dem Zeitalter Schopenhauers so etwas wie Langeweile gar nicht gab? Oder ist die aus dem Mittelalter bekannte Sünde der Acedia – eine Art Apathie, ein Überdruss an jeder Art des Tätigseins – vielleicht ein passender Vorläufer? Stürzt uns die Langeweile in ein Wechselbad widersprüchlichen Verlangens oder konträrer Zustände oder beides? Kurz: Wenn ich mich angesichts eines gefüllten Kühlschranks darüber beklage, dass es nichts zu essen gibt, oder wenn ich in hundert Fernsehkanälen vergeblich nach etwas Gescheitem suche, wer oder was ist dann genau daran schuld?
Es überrascht daher nicht, dass es viele gelehrte Darstellungen der Langeweile oder verwandter Zustände gibt. Dazu gehört eine erlauchte kleine Traditionslinie, die (mindestens) von Schopenhauer über Kierkegaard und Heidegger bis Adorno reicht, aber auch eine jüngere psychologische Literatur, die das Augenmerk auf das »kreative Potenzial« der Langeweile richtet.1 Der aktuelle Diskurs über Technologie und Kultur greift zudem immer wieder auch die Gefahren der Langeweile auf, mit welchen Mitteln sie sich erkennen und bekämpfen lässt und aus welchen Gründen dies geboten sein könnte.
Ganz gleich, ob die Langeweile positiv oder negativ gesehen wird, ob sie als etwas erscheint, das gefürchtet und verabscheut oder gesucht und kultiviert werden sollte, so verbindet alle vorangehenden Modelle der Langeweile doch die Annahme eines beständigen, der Erfahrung zugänglichen Subjekts. Das heißt aber auch, dass der philosophische Status der gelangweilten Subjekte weitgehend opak bleibt, eben weil vorausgesetzt wird, dass er bereits verstanden wird. Besonders bei Heidegger und in der psychoanalytischen Literatur wird indes spürbar, dass dies nicht ganz ausreichen könnte: Langeweile erscheint nicht so sehr als Merkmal einer gegebenen Landschaft, sondern eher der Person, die ihr gegenübertritt oder sich schlicht in ihr befindet.
Was verrät Langeweile über die gebrochene, geisterhafte Subjektivität und ihre Beziehung zum Glücklichsein? Vor einem Jahrhundert suchten moderne Dichter und Künstler nach Wegen, das fragmentierte Subjekt, das zersplitterte Ich des Menschen im 20. Jahrhundert auszudrücken, dessen kohärente Individualität in gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen zerrieben wurde, sodass von ihm bestenfalls Schemen blieben, zu wenig, um sich gegen den eigenen Ruin zu stemmen. Heute, wo das Ich aus wahllos verstreuten Datenfragmenten besteht – Twitterfeeds, Posts auf Instagram, Einkaufspräferenzen und Texttrends, eingefangen von Algorithmen, die uns besser zu kennen scheinen als wir uns selbst –, stellt sich die Herausforderung mit neuer Dringlichkeit. Welche Hoffnung gibt es unter solchen Bedingungen auf Integration und Beständigkeit? Und, um auf unsere Frage zurückzukommen, was hat Langeweile damit zu tun? Wir können uns auf die Suche nach einer möglichen Antwort machen, indem wir die verschiedenen Darstellungen des Zustands der Langeweile genauer kategorisieren. Oder sollte ich sagen der »Zustände«, weil eine offenkundige erste Einsicht hier darin besteht, dass die im Spiel befindliche Erfahrung ganz unterschiedlich ausfallen kann, abhängig vom theoretischen Rahmen, der verwendet wird, um sie zu kritisieren oder (weniger häufig) zu feiern. Wie stets ist dabei in Erinnerung zu behalten, dass der konzeptionelle und methodische Rahmen einer Untersuchung die Art der Ergebnisse, für deren Ermittlung er gestaltet wurde, bestimmt.
Wir alle, zumindest in den wohlhabenderen Teilen des Planeten mit ihrer Fülle an Stimuli, sind uns wohl des Problems bewusst. Ich sitze vor einem Bildschirm. Eine Netflix-Sendung läuft, die ich alle paar Minuten unterbreche, um in Reaktion auf einen kleinen Signalton, der mir eine eingehende Nachricht meldet, meine E-Mails zu checken. Zur geeigneten Tageszeit ist ein stummgeschaltetes Baseballspiel auf einem Fernseher in der Nähe zu sehen. Auf dem Schreibtisch liegt mein Handy, das unablässig Sprachnachrichten von Bekannten über triviale Alltäglichkeiten liefert. Einige davon beantworte ich. In einem anderen Tab ist ein Webbrowser geöffnet, falls ich irgendwelche Fakten überprüfen möchte, ohne mein nachlassendes Gedächtnis zu bemühen, bei Amazon ein Buch bestellen will, das ich fast vergessen hätte, oder plötzlich Lust bekomme, mich auf einem Surfpfad von dürftiger und sicherlich flüchtiger Relevanz zu dem durchzuklicken, was ich noch immer mein Leben nenne. Ich kann mich auf nichts festlegen, ganz zu schweigen abwenden von dem Licht, das von den Bildschirmen in eine andere Realität geworfen wird. Ich bin aufgewühlt, ruhelos, überstimuliert. Die Aufmerksamkeit, die ich schenke, verzehrt mich. Ich bin ein Zombie-Ich, ein Geist, der durch ein riesiges Gebilde aus Technologie und Kapital schwebt, angeblich geschaffen für meinen Komfort und meine Unterhaltung. Und doch kann ich mich hier nicht finden.
Vielleicht sollte ich anmerken, auch als faire Warnung vor tendenziösen Positionen in den nachfolgenden Ausführungen, dass ich trotz gelegentlicher Anfälle von üppigem Medienkonsum eine Art moderner Maschinenstürmer bin. Ich bin nicht auf Facebook, Twitter oder Instagram. Ich habe ein Twitter-Konto, aber noch keinen einzigen Tweet verschickt. Ich texte nicht. Mit Herman Melvilles Figur des Bartleby sage ich: »Ich möchte lieber nicht.« Ich habe ein denkbar primitives Klapphandy, das keiner außer einem Kind der 60er-Jahre als »smart« bezeichnen würde, obwohl ich es selbst schick finde – smart im Sinne der Modezeitschriften. Selbst meine Eltern verbringen mehr Zeit online als ich. Mir ist klar, dass die meisten Menschen heute nicht so leben oder leben möchten. Doch darum kreist meine Argumentation. Es liegt natürlich keine besondere Tugend in meinen kleinen Verweigerungen. Es sind lediglich Marotten, Äußerungen akademischer Exzentrizität in einer im 21. Jahrhundert sanktionierten Form. Die Entscheidung für den Lebensstil eines modernen Maschinenstürmers offenbart sich stets als umgepoltes Luxusgut in einer allgemeinen Luxusgut-Ökonomie von ausufernder Fülle.
Wie stark Langeweile empfunden wird, besonders jene Spielform, die ich als »neoliberal« bezeichne, hängt von den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie ab, an der wir meist willig teilnehmen. Solche Mechanismen ernten unsere Aufmerksamkeit, indem sie uns allenthalben Zerstreuung, Verbindungen und Kommunikation über soziale Medien feilbieten. Webseiten werden nach Menge der Aufrufe oder Verweildauer der Nutzer bewertet, während jene, deren Aufmerksamkeit geerntet wird, sich selbst mit Likes, Retweets und hohen Freundes- und Follower-Zahlen dazu beglückwünschen. In all diesen Akten verrichten wir die Arbeit der Aufmerksamkeitsökonomie. Doch an der Wurzel dieser unheimlichen Ökonomie, die uns dazu bringt, uns selbst zu verzehren und unser Begehren und unsere Aufmerksamkeit selbst in Waren zu verwandeln, die wir umsonst fortgeben, liegt nicht eine spezifische Plattform oder das Medium. Vielmehr ist es die Schnittstelle, das Interface: die komplexe, häufig unsichtbare Serie von Beziehungen, die unsere Individualität und Sehnsucht mit Technologie und strukturellen Interessen verknüpft. Nicht alle Schnittstellen sind mit Bildschirmen verbunden, aber alle mit Subjekten und ihrem Begehren. Unsere »Selbst-Kommodifizierung«, mit der wir uns in der Aufmerksamkeitsökonomie selbst zur Ware machen, verwandelt uns in nichtsahnende Arbeiter für das Kapital. Sie macht uns auch reihenweise zu Opfern der Langeweile, allzu oft süchtig nach Mitteln, die fälschlicherweise Linderung versprechen, aber nur Wiederholung liefern. Da sitzen wir, Schatten-Ichs, von innen ausgehöhlt durch Entfremdung von unserer eigenen Aufmerksamkeit.
Diese Kritik des Interface und der neoliberalen Langeweile ist keine übliche Kulturkritik*. Ich behaupte zwar, dass einige der Merkmale des Interface für uns unsichtbar sind und daher eine genaue kritische Prüfung erfordern, doch eines der auffälligsten Merkmale der Aufmerksamkeitsökonomie besteht darin, dass sie zwar ideologisch ist, aber nicht im Verborgenen wirkt. Soziale Medien und Internetgiganten machen kein Geheimnis daraus, dass sie unsere Daten sammeln, indem sie mit unserer Lust zu schauen, zu sprechen und zu tippen spielen. Überraschungen gibt es nur dort, wo Daten heimlich verkauft werden – wie die Millionen von Nutzerdaten, die Facebook an den britischen Datenauswerter Cambridge Analytica weitergab. Doch selbst hier trug Facebook den ökonomischen Sieg davon, da die Senatsanhörungen zur Aufklärung der Logik folgten, dass der Konzern zu groß zum Scheitern sei, gestützt durch ein gerüttelt Maß an Unverständnis des Internets vonseiten der älteren Kongressmitglieder.2 Für Leute mit altbackenem Wirtschaftswissen ist es schließlich überraschend, wie sich ein milliardenschweres Unternehmen wie Facebook ohne Mitgliederbeiträge finanziert. Das liegt daran, dass Mitgliederbeiträge nicht in Dollar oder Euro bezahlt werden, sondern mit der Zeit der Nutzer, ihrer seelischen Energie und ihrem Selbst. Wir glauben, dass wir die Werkzeuge des Interface benutzen; tatsächlich benutzen die Werkzeuge uns. Langeweile ist das Symptom, nicht die Krankheit. Die Metapher hinkt, ist aber trotzdem nützlich: Psychische Rastlosigkeit ist ein Virus im Ruhezustand; Langeweile ist die symptomatisch gewordene Krankheit; die Kontakte mit dem Interface markieren das Infektionsstadium. Um von einer medizinischen zu einer mythischen Metapher überzugehen: Es ist die Langeweile, die wir wie einen Dämon exorzieren wollen. Sie ist das Leiden, das wir lindern müssen, und doch bringen unsere üblichen Methoden keine Abhilfe, außer die Verderbnis einer Seele, die im Krieg mit sich selbst liegt, weiter zu nähren.
Neue Wirtschaftsformen schaffen neue Typen von Arbeitskräften, neue Waren und neue Ungerechtigkeit. Die sozialen Kosten der Aufmerksamkeitsökonomie sind belegt: eine Zunahme von ungelernten Berufen wie Paketpacker bei Amazon, die bald systematisch durch Automatisierung, Roboter und Drohnen wieder abgewickelt werden; die Dominanz kurzfristiger Dienstleistungsjobs ohne soziale Absicherung und Infrastruktur; die signifikanten Kosten eines inaktiven, von Bildschirmen bestimmten Lebens (Fettleibigkeit, Analphabetentum etc.). Aber der eigentliche Schaden ist vielleicht weniger offensichtlich. Ich werde in einem späteren Abschnitt noch auf die sich wandelnde Beziehung zwischen Arbeit und Glück zurückkommen; hier mag die Anmerkung genügen, dass Langeweile nie das alleinige Vorrecht fantasieloser Teenager oder einfallsloser Philosophen ist. Wenn wir selbst das Produkt werden, das wir verbrauchen, hat sich die Vorstellung von Arbeit entschieden verschoben. In der Vergangenheit wurde die kolonisierende Kraft der Arbeit erkannt, die sich ausdehnte, um die Zeit selbst zu füllen und zu beherrschen, sodass es keine klare Grenze mehr zwischen Arbeitsstunden und freier Zeit geben konnte. Das Interface, das sich die Langeweile zunutze macht, verwandelt uns alle in unbezahlte Arbeiter für die Werbeindustrie, die jene scheinbar kostenlosen Plattformen tragen. Wir sollten uns daran erinnern, dass es so etwas wie eine kostenlose Transaktion nicht gibt. Diese Art der Transaktion zahlt man mit der eigenen Individualität, der eigenen Freiheit und dem eigenen Glück.
URSPRUNG
Ein Kollege erzählte mir einmal, es habe in der Berliner U-Bahn ein Plakat gegeben, das einen jungen Mann mit stumpfem Gesichtsausdruck zeigte, das Inbild eines entleerten Geistes. Darunter habe der – möglicherweise ironisch gemeinte – Satz gestanden: »Langeweile ist der Ursprung des Philosophierens.«
Ich konnte die Geschichte nicht verifizieren, aber Langeweile* hat im Deutschen natürlich eine lange Tradition als ein Zustand des Ennuis mit besonderer Bedeutung: nicht nur verstanden als eine entnervende Erfahrung oder anödende Begegnung, sondern als eine Befindlichkeit, die tief in einen legitimerweise als existenziell zu bezeichnenden Zustand hinabreicht. Es fragt sich allerdings, ob es angemessen ist, diesen Zustand mit dem Ursprung der philosophischen Reflexion in Zusammenhang zu bringen oder mit dem, was in der Phänomenologie als »Einklammerung der natürlichen Haltung« bezeichnet wird, um die Struktur des Bewusstseins selbst aufzudecken. Eine abweichende Darstellung des »Ursprungs« würde tiefe Langeweile hier als eine notwendige Bedingung der Reflexion postulieren, nicht über die Bürde und Gabe des Bewusstseins, sondern auch über die damit verbundene Frage nach dem Sinn des Lebens. Sind wir, wenn uns tiefe Langeweile befällt, besonders empfänglich für die großen »philosophischen« Fragen über Bewusstsein, Leben und Tod?
Ein solches Postulat würde verlangen, nicht nur den Status der Langeweile als philosophieanregende Erfahrung zu verteidigen, sondern sie mit anderen Aspiranten auf den Platz als »Ursprung der Philosophie« zu vergleichen. Traditionell gehören dazu das Staunen (der griechische Begriff thaumazein, wie er sich in den Platonischen Dialogen findet, besonders im Theaitetos und Menon3) und die unmittelbarere Konfrontation mit der Aussicht auf den Tod (wie in Ciceros sokratisch gefärbtem Ausspruch, »Philosophieren heißt nichts anderes, als sich auf den Tod vorzubereiten«). Kann die Langeweile mit diesen kanonischen und scheinbar respektableren Stammbäumen der philosophischen Haltung konkurrieren? Wenn ja, um welche Art der Langeweile geht es hier? Unterscheidet sie sich von dem, was wir »übliche« oder nicht-philosophische Langeweile nennen könnten? Wenn ja, inwiefern? Des Weiteren: Kann die Philosophie induzierende Art der Langeweile aktiv herbeigeführt werden oder überkommt sie uns stets unverhofft? Gibt es spezifische Reflexionsmethoden, mit denen sich die Langeweile in aktivere und explizitere Formen des philosophischen Denkens heben lässt?
Doch was, wenn die Langeweile, die philosophische Reflexion anstößt, tatsächlich in vertrautere Formen philosophischer Antriebe eingehüllt oder unentwirrbar mit ihnen verbunden wäre? Platon lässt Sokrates die altbekannte Geschichte von Thales von Milet erzählen, dem hochtalentierten Astronomen und Naturphilosophen, der, als er hinauf zu den Wundern des Sternenhimmels schaute, in einen Brunnen stürzte. Blickte er zu den Gestirnen hinauf, weil ihn das gewöhnliche Leben um ihn herum anödete? Tatsächlich war Thales von alltäglichen Phänomenen fasziniert, doch was ihn schier überwältigte, waren die fernen Mysterien der Sterne und das vertraute Gefühl unserer Bedeutungslosigkeit in den Weiten des Universums – ein früher Vorschein von Kants Idee des Erhabenen. Dieses unvermittelte Gefühl der Nichtigkeit unserer Existenz ist nicht Langeweile als solche, fühlt sich jedoch dennoch verwandt an, so wie Aufschub und Abhängigkeit, wie wir noch sehen werden, benachbarte psychologische Zustände sind. Der Sinn entweicht der Szenerie, ausradiert von der Gewaltigkeit des Realen. Wir schrumpfen zu einem winzigen Punkt zusammen, und das übliche Denken – ganz zu schweigen von der gewohnten Sorgfalt, wohin wir unseren Fuß setzen – wird ausgelöscht. Das Staunen wird üblicherweise als erhebend betrachtet, während die Langeweile als entnervend gilt, aber vielleicht gibt es hier eine größere Affinität, als es auf den ersten Blick erscheint.
Gestützt wird diese Vermutung durch Platons Verständnis der Philosophie als Vorbereitung auf den Tod, als »Lernen zu sterben«, die Aufforderung, die harte Erkenntnis unserer Sterblichkeit nicht als schreckliche Last zu schultern, sondern unverzagt als Aufgabe anzugehen. Die optimistische Version dieser scheinbaren Neigung zum Todeskult im sokratischen Denken ist die stoische Akzeptanz dessen, was nicht anders sein kann, die Annahme der frostigen, aber rationalen Schlussfolgerung, dass der Tod, wie die Zeit vor der Geburt, schlicht ein Zustand des Nicht-Seins ist. Wittgenstein drückt es so aus: »Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.«4 Das hier relevante »Lernen« ist nicht im gewöhnlichen Sinn des »Wie« gemeint, sondern der Tod soll aus der richtigen Perspektive betrachtet werden. Wittgensteins Betonung des Zeitlichen fängt, vielleicht ungewollt, die Affinität zur Langeweile ein. Selbst wenn wir uns die Unsterblichkeit als »unendliche zeitliche Dauer« vorstellen könnten – vermeintlich eine gute Sache –, lehrt uns die Langeweile, dass eine Ahnung davon im täglichen Leben nur allzu verbreitet ist. Was sonst ist Langeweile schließlich als das Gefühl, dass sich die Zeit wie ein endloses Feld ausdehnt: nicht die göttliche Transzendenz der ewigen Gegenwart, William Blakes »Ewigkeit in einer Stunde«, sondern die elende Abfolge von Augenblicken, die sich wie Falltüren öffnen, und die endlos weiterzugehen scheint, ohne Atempause oder Rettung. Das wird euch lehren, wie man stirbt, meine Freunde, und zwar in einer Weise, dass das Nicht-Ereignis des Todes, der Tod als Vergessen, langsam höchst willkommen erscheinen könnte. Das ist die Verzweiflung der Langeweile, die einen Menschen zweifellos in eine nachdenkliche Stimmung über die drohende Leere des Lebens versetzen muss – die Zerbrechlichkeit unserer üblichen Gründe, weiterzumachen.
Es ist jedoch allzu einfach, die Langeweile als philosophisch interessant zu kennzeichnen und dann mit unseren sterblichen Geschäften fortzufahren wie zuvor. Hier sind weitere Nachforschungen nötig, die ich im Folgenden unternehmen will. Wir müssen die Idee ernst nehmen, dass die Langeweile ein Quell der Philosophie sein könnte, den zugrunde liegenden Behauptungen zugunsten philosophischer Langeweile aber auch mit gebotener Skepsis begegnen. Wir müssen, mit anderen Worten, versuchen, jeden möglichen Übergang von einem Zustand der alltäglichen Langeweile, die beinahe immer als unangenehm oder sogar höllisch erfahren wird, zu einem (mutmaßlich wertvollen) Zustand aktiver philosophischer Reflexion phänomenologisch zu rekonstruieren. Die Folgen eines solchen Perspektivwechsels sind offenkundig: Wenn es sich tatsächlich lohnt, philosophisches Denken zu kultivieren, dann hat die Langeweile vielleicht einen besonderen und bislang nicht hinreichend gewürdigten Platz im Spektrum des alltäglichen menschlichen Bewusstseins.
Aber lassen wir uns bei unserer Untersuchung von Vorsicht leiten. Vielleicht ist der geistige Zustand, den wir »Reflexion« nennen, bei genauerer Betrachtung gar nicht wertvoll. Diese letzte gedankliche Wendung hinsichtlich des Denkens könnte dann die Möglichkeit eröffnen, dass die Langweile nicht als willkommene, wenn auch ungewöhnliche Einladung zur Erkenntnis dient, sondern als eine Art Frühwarnsystem vor den Gefahren des sich seiner selbst zu sehr gewahr werdenden Bewusstseins. Während die Philosophie versucht, den besonderen Status der Langeweile in ihren Beziehungen zum Begehren zu klären, ist die Zeit (und der Zustand, der Diskurs der Philosophie, das spitze Ende des Stocks, der das Sortieren übernimmt) anfällig für alle möglichen Bedrohungen, die sie auf Langeweile reduzieren. Der Beginn der Philosophie ist sonderbarerweise auch ihr Ende. Das ist, was ich den Teufelskreis der philosophischen Langeweile nennen würde.
Es gibt kein Entkommen aus diesem Zirkel, aber ich werde nahelegen, dass es mehr oder weniger kreative und glückliche Wege gibt, wie wir unseren ewigen Verstrickungen in die sich allzeit erneuernden Windungen des Bewusstseins begegnen können.
WARUM WEITERMACHEN?
Der Psychoanalytiker Adam Phillips beginnt einen seiner besten Essays mit den Worten: »Jeder Erwachsene erinnert sich der Öde seiner Kindheit, und das Leben jedes Kindes ist durchsetzt mit Anfällen von Langeweile, jenes Zustands gespannter Erwartung, in dem etwas in Gang gesetzt wird und nichts beginnt, einer unklaren Unruhe, in der der absurdeste und paradoxeste Wunsch sich regt, der Wunsch nach einem Begehren.«5 Im »Wunsch nach einem Begehren« klingt Tolstois ganz ähnliche Formulierung »das Verlangen nach einem Verlangen« an.6 Dieser verquere Zustand ist nicht auf Kinder beschränkt, und obwohl er als absurd und paradox betrachtet werden könnte, ist er nichtsdestoweniger verbreitet und dringlich. Der Stillstand des Verlangens, das gegen sich selbst arbeitet, ist der Anfang, aber nicht das Ende der Langeweile. Und so ist die Langeweile, verstanden im Sinne von Verlangen, der erste Schlüssel zur besonderen Fähigkeit der Langeweile, philosophische Reflexion anzustoßen, aber es gibt noch weitere Hinweise, die es zu entschlüsseln gilt, und eine noch komplexere Lösung hinsichtlich des Geheimnisses des Bewusstseins.
Schopenhauer ist der Doyen der Studien über die Langeweile, der erste Philosoph der westlichen Tradition, der diesen Zustand ernst nahm und seine zunehmende Verbreitung erkannte. Zum Teil begünstigten die besseren materiellen Lebensbedingungen seine Ausbreitung. Für einen beträchtlichen Teil des aufstrebenden Bürgertums, das sich um das Lebensnotwendige keine Sorgen mehr zu machen brauchte, beantworteten sich die Fragen, was man ersehnen und was man tun solle, nicht länger von selbst. Wie erwähnt hatten die mittelalterlichen Philosophen und Theologen bereits das besondere Laster der Acedia, der schwermütigen Erstarrung, die eine emotionale Nähe zur Langeweile aufweist, in einigem Detail seziert. Aber dieser umnachtete Zustand, der sowohl in griechischen wie christlichen Beschreibungen tugendhaften Handelns erwähnt wird, galt dort als ein Versagen des Geistes, das zu Pflichtvergessenheit führen konnte, nicht als eine emotionale und existenzielle Befindlichkeit, die eine völlig rationale Reaktion auf den eigenen gesellschaftlichen und kulturellen Zustand ist.
Erich Fromm bemerkte Mitte des 20. Jahrhunderts, dass sich der Mensch von anderen Lebewesen weder durch den aufrechten Gang noch den Werkzeuggebrauch noch seine Fähigkeit zu lachen unterscheide, sondern gerade dadurch, dass die menschliche Spezies die einzige Lebensform sei, die mit der Fähigkeit gesegnet und verflucht ist, nach ihrem eigenen Zweck zu fragen. »Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich langweilt, unzufrieden ist und sich aus dem Paradies ausgeschlossen glaubt. Die eigene Existenz ist ihm zu einem Problem geworden, das er lösen muss und dem er nicht entfliehen kann«, schrieb Fromm in Den Menschen verstehen. In dieser Auffassung klingt eine frühere existenzialistische Erkenntnis an. Fromm wandte sich damit zugleich gegen die »Lähmung der schöpferischen Potenz des Menschen«, die, als unvermeidlicher Teil des Problems, aus der Erfahrung der Langeweile erwachse.7 Langeweile war, aus seiner Sicht, eine Erfahrung der alltäglichen Verdammnis. »Ich bin davon überzeugt, dass die Langeweile zu den schlimmsten Foltern gehört. Sollte ich mir die Hölle ausmalen, so wäre das der Ort, an dem man sich unablässig langweilt.«8
All dies zeichnet sich bereits in Schopenhauers bahnbrechender Analyse ab. Er nimmt die Sezierung der komfortablen, industrialisierten sozialen Existenz der Menschen, die Fromm vornimmt, um über ein Jahrhundert vorweg. Das menschliche Leben, sagt Schopenhauer in Die Welt als Wille und Vorstellung, »schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her, zwischen dem Schmerz und der Langeweile, welche beide in der Tat dessen letzte Bestandteile sind«. Langeweile sei »nichts weniger, als ein gering zu achtendes Übel: sie malt zuletzt wahre Verzweiflung auf das Gesicht«.9 Der gelangweilte Mensch erfährt nach einer Lesart eine Art des psychischen Konflikt in Form eines Festsitzens. Um den Schmerz zu lindern, sucht er einen Stimulus. Aber da es keinen besonderen Wunsch gibt, der sich gegenüber einem anderen aufdrängt, fällt das Ich in einen hoffnungslosen Kampf mit sich selbst zurück, den es ohne offenkundiges Rohmaterial, auf das sich die Energie einer Lösung richten könnte, nicht auflösen kann. Langeweile ist, in seiner einfachsten Form, ein Verlangen, das auf sich selbst zurückfällt, was in der Unfähigkeit mündet, in irgendeiner zielgerichteten oder glücklichen Weise zu handeln. Die höllische Qualität der Langeweile, die wahre Verzweiflung, die sie auf das Gesicht malt, ist zu einem Großteil eine Funktion der Banalität des Zustands. Warum kann ich nicht einfach etwas wollen? Warum kann ich nicht einfach etwas tun?
Wir sind wahrscheinlich alle allzu vertraut mit der Erfahrung: vor einem Bücherregal stehend, in dem es nichts zu lesen gibt; die erzwungene Stille einer langen Autofahrt, in der es nichts gibt, um uns von der endlos öden Sicht aus dem Fenster abzulenken; die Zeit, die wir wartend in einer Schlange verbringen, im Warteraum einer Arztpraxis oder in einer Abflughalle; die langen Abende, die sich nach dem einsamen Abendbrot ausdehnen ohne das Versprechen irgendeines Ereignisses oder einer Spur von Freude. Langeweile wird häufig, wenn nicht immer als eine Art temporärer Abgrund erlebt, ein schmerzliches Bewusstsein der verrinnenden Zeit; es ist die existenzielle Spielart der einfachen Dauer, die eine alltägliche Erfahrung zu einem scheinbar endlosen, das Bewusstsein überziehenden und beherrschenden Warten auf nichts vertieft.10 In mancher Hinsicht, wie wir sehen werden, nimmt Langeweile den Charakter einer Sucht an, besonders wenn äußere gesellschaftliche Bedingungen dafür sorgen, dass sie kultiviert wird, dort, wo sich aus anhaltenden Phasen der Langeweile und Stimulation Profit ziehen lässt. Es gibt die Gefahr, dass eine solche Erfahrung der Langeweile die Widerstandskraft des Subjekts schwächt, während es zugleich den existenziellen Einsatz erhöht. Im Gegensatz zu den Momenten der von klassischen Autoren beschriebenen stillen Verzweiflung könnte man meinen, dass es Süchtige leicht haben: Selbst wenn sie ohnmächtig sind, das Problem zu lösen, wissen sie zumindest, was ihr Problem ist!
Ich werde sogleich einige dieser verbundenen Stränge hinsichtlich der Wünsche und Zeitlichkeit voneinander trennen, da die Erfahrung der Langeweile – besonders in Beziehung zu ihrer Fähigkeit, philosophische Reflexion anzuregen – weder einfach noch monolithisch ist. Langeweile eröffnet tatsächlich eine Möglichkeit zu tiefer Reflexion über das eigene Ich und sogar allgemeinere philosophische Probleme. Und es gibt hier breiten Raum für Ironie, eine Gabe, die sich als wesentlich für die Erfahrung philosophischer Langeweile erweisen könnte. »Von einem Grundsatz ausgehen, das ist, wie erfahrene Leute zu verstehen geben, sehr verständig«, schreibt Kierkegaard in der Stimme des A-Autors von Entweder/Oder. »Ich schließe mich ihnen an und gehe von dem Grundsatz aus: alle Menschen sind langweilig.«11 Die Stimme fährt dann fort, eine Globaltheorie der Langeweile anzubieten, in der Schopenhauers Lamento von nur 15 Jahren zuvor widerhallt:
»Was Wunders denn, dass es mit der Welt rückwärts geht, dass alles Üble mehr und mehr um sich greift, sintemal die Langeweile zunimmt und Langeweile eine Wurzel ist alles Übels. Dies kann man wahrnehmen gleich vom Anfang der Welt an. Die Götter langweilten sich, darum schufen sie die Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum ward Eva erschaffen. Von diesem Augenblick an kam die Langeweile in die Welt, wuchs an Größe in genauer Entsprechung zum Wachstum des Volks. Adam langweilte sich allein, alsdann langweilten Adam und Eva sich im Verein, alsdann langweilten Adam und Eva und Kain und Abel sich im Familienkreis (en famille), alsodann nahm die Menge des Volks in der Welt zu und langweilte sich en masse.«12
Selten wurde eine umfassende Metaphysik forscher dargeboten.
Die A-Stimme reflektiert weiter, dass es, da kein Entkommen aus diesem Zustand möglich sei, keine bessere Strategie gebe, als die berühmte Kierkegaard’sche Idee der »Wechselwirtschaft«: Die Anwendung willkürlicher Entscheidungen, das »ablenkende« Reizen empfänglicher Menschen und ähnliche Unterhaltungen. A begeht hier einen zweifachen Fehler. Erstens verkennt er, dass, während es zwar tatsächlich langweilige Menschen gibt, die Langeweile auch im Auge des Betrachters liegen könnte. Wohl jede Mutter ermahnt irgendwann ihr Kind, dass regelmäßige Langeweile nur geistig arme oder faule Menschen befällt. Das ist die Krux von Berrymans eingangs zitiertem Gedicht: Das Eingeständnis, gelangweilt zu sein, kommt der Selbstbezichtigung gleich, selbst ein öder Mensch zu sein. Das stimmt zwar nicht unbedingt, aber es enthält einen Kern der Einsicht: Manchmal bin wirklich ich selbst das Problem, nicht du.
Zweitens, und das ist der ernstere Einwand, schlägt A vor, auf die Langweiligkeit aller Menschen zu reagieren, indem er an die Stelle der Wünsche oder Interessen, die sie tatsächlich nicht haben, ein willkürliches oder launisches Verhalten setzt. Hier erkennen wir, wie ich meine, den grundlegenden Fehler eines Verständnisses von Langeweile, das in ihr in erster Linie etwas Schreckliches sieht. Denn damit verbindet sich die Idee, die Lösung des Festsitzens aufgrund des Fehlens jeglichen konkreten Wunsches sei darin zu suchen, einen – beliebigen – Wunsch zu finden, der die Leerstelle ersten Grades ausfüllt. Aber der Wunsch, der so gefunden oder fabriziert wird, muss unweigerlich willkürlich oder fingiert anmuten, von eben jener Verzweiflung befleckt, die er zu leugnen trachtet. Darüber hinaus werden erfundene Wünsche immer an der im Hintergrund stehenden Anforderung scheitern, dass Wünsche und Handlungen bedeutsam sein sollten. So können sie nur daran scheitern, das Glück seelischer Harmonie zu bescheren. Vielmehr wird hier die Ruhelosigkeit der Langeweile einfach mit anderen Mitteln fortgesetzt; wir huschen von Verlangen zu Verlangen, ohne dass wir uns für ein einzelnes entscheiden können, das »nachhallt« (um es mit einem Wort von Harry Frankfurt zu sagen). Langeweile lässt sich nicht so einfach besiegen.
»Richter William«, ein weiteres Pseudonym Kierkegaards in Entweder/Oder, liefert einen weiteren Einwand gegen den allzu leichten Sieg über die Langeweile, wie ihn Figur A in Aussicht stellt. Nur konkretes ethisches Handeln sei ausreichend, um die Starre der Langweile zu überwinden. Zum Teil ist dies eine Angelegenheit der langwährenden Abneigung Kierkegaards gegenüber dem dialektischen Idealismus Hegels, der meinte, alle geistigen und seelischen Konflikte würden in einer neuen Synthese aufgehoben. Aber es ist auch oder ebenso ein Merkmal von Kierkegaards Verständnis von Ironie. Tatsächlich finden wir eine komplexe Einsicht über die Ironie in einem seiner frühesten Werke, der Dissertation, die er nicht unter einem seiner verschiedenen Pseudonyme, sondern unter eigenem Namen veröffentlichte: Über den Begriff der Ironie. Hier finden wir diese emphatische Sentenz: »Langeweile ist das einzig Stetige und Zusammenhängende, das der Ironiker besitzt. Langeweile, diese inhaltslose Ewigkeit, diese genusslose Seligkeit, diese oberflächliche Tiefe, diese hungrige Übersättigung.«13 Hier kündigt sich bereits, so könnte man es interpretieren, die oben zitierte Passage über die »Wurzel allen Übels« aus Entweder/Oder an, doch ich ziehe es vor, die Sätze positiver zu deuten. Der Ironiker riskiert die Langeweile, aber es handelt sich, so könnte man sagen, um eine aktive Langeweile, eine militante Ironie. Im Kontrast zur leeren Langeweile einer lediglich negativen Ironie kann sie zum Handeln führen.14
Ist denn nicht die Bürde des Weiterlebens die überwältigendste Aufgabe von allen? Warum sich die Mühe machen? Auch ist zu beachten, dass wahre Verzweiflung ebenso von einem Übermaß an Wunscherfüllung herrühren kann, nicht nur von ihrem Mangel. Wenn das Leben der Himmel auf Erden wäre, wo »Tauben gebraten herumflögen«, schrieb Schopenhauer unter Rückgriff auf den Topos des Schlaraffenlands, »werden die Menschen zum Teil vor Langeweile sterben oder sich aufhängen«.15 Der Ironiker antwortet, dass wir praktisch bereits im Schlaraffenland leben, wo beinahe jeder Wunsch erfüllt werden kann und wo sich als Folge das Verlangen in Knäuel unsteter Nichtigkeit verstrickt, die das Augenmerk auf die verstreichende Zeit richten. Die spannende Frage lautet nicht, ob dieser Zustand banaler Verzweiflung in einem traurigen Endspiel mündet, zugleich das Verlangen wie die Zeit, wie Hamlet das nannte, in einem Akt der Selbsttötung beenden zu wollen.
Interessanter ist die scheinbar unplausible Tatsache, dass mehr Menschen ihr Leben nicht beenden möchten, dass sie fortfahren, die Langeweile zu ertragen, selbst dort noch, wo sie das Gefühl eines kohärenten Ichs und seiner sinnvollen Beziehung zur Welt aushöhlt. Dies ist sicher ein Hinweis – wenngleich ein dunkler und beängstigender –, dass die Langeweile uns weit mehr zu offenbaren hat als unsere gewöhnliche eigene Angst. Hier wird Philosophie geboren, weil hier die abgründige Erfahrung alltäglichen Verlangens auf die Sinnfrage trifft.
FESTSITZEN
Heidegger ist der hervorragendste der vielen Erben der Idee, die Philosophie erwachse aus der Langeweile in Form der Sorge. Die zentrale Diskussion findet sich in seiner Vorlesung vom Wintersemester 1929/30, veröffentlicht als Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt – Endlichkeit – Einsamkeit.16 Diese vierstündige Vorlesung ist zurecht berühmt wegen der ausführlichen Ausarbeitung von Heideggers nuanciertem Denken über die tiefsten Fragen der Philosophie in der Phase nach Sein und Zeit und vor seinen späteren Werken aus der Nachkriegszeit. Ein Schlüsselabschnitt, etwa hundert Seiten oder mehr, ist der Langeweile gewidmet.
In dieser langen – und, ja, manchmal öden – Erörterung zählt Heidegger drei Formen der Langeweile auf, die das sich verstärkende Gefühl der Dringlichkeit kennzeichnen, das diese scheinbar alltägliche Erfahrung herbeiführt. Deutlich kürzer lassen sich diese drei Formen wie folgt zusammenfassen: 1.) Langeweile als langgezogenes Warten, ein Gefühl, das sich die Zeit vor uns ausdehnt, herbeigeführt durch irgendeine Erfahrung oder ein Merkmal der Welt; 2.) Langeweile einer generalisierten und leicht überraschenden Art, häufig erst im Nachhinein bemerkt und assoziiert mit einem spezifischen Merkmal der Welt statt eines zeitlichen Bereichs; und 3.) was man fundamentale Langeweile nennen könnte, Ennui erlebt als etwas, das die gesamte Weite des Bewusstseins des Daseins von seiner eigenen Existenz überspannt.
Die ersten beiden Formen werden mit spezifischen Beispielen erkundet, die zu den lebendigsten in Heideggers Werk gehören. Die Langeweile des Wartens wird anhand des banalen Szenarios diskutiert, einen Zug zu verpassen oder eine Fahrzeit falsch geplant zu haben, sodass man auf einen späteren Zug warten muss. Es gibt hier tatsächlich nichts zu tun als zu warten, und das Warten wird als eine sonderbare Bürde empfunden, obwohl (oder gerade) weil es in dem besonders ausgewiesenen Wartesaal des Bahnhofs, wenn man so will, ausgeteilt wird. »Wie entgehen wir der Langeweile, in der uns, wie wir selbst sagen, die Zeit lang wird?«17 Die rhetorische Frage birgt ein Universum der alltäglichen Verzweiflung, denn wir entgehen ihr nicht. Langeweile dieser Art ist genau dasjenige, dem wir nicht entgehen können! »Diese tiefe Langeweile ist die Grundstimmung«, sagt Heidegger. »Wir vertreiben uns, um ihrer Herr zu werden, die Zeit, sofern diese uns in der Langeweile lang wird. Die Zeit wird uns lang. Soll sie denn etwa kurz sein? Wünschen wir uns nicht, jeder von uns, eine recht lange Zeit? Und wenn sie uns lang wird, vertreiben wir sie und dieses Langwerden!«18
Dieses Paradox von Länge und Kürze offenbart, warum die Langeweile von Bedeutung ist. Das Gelangweiltsein verunsichert unsere Welterfahrung. Wir sind in der Zeit stecken geblieben, schieben womöglich die Schuld, in dieser Weise exiliert zu sein, vergebens auf den Bahnhof und seinen unerbittlichen Fahrplan. Uns ist unbehaglich, wir sind mit unserem Wunsch, auf dem Weg zu sein – ganz gleich, wie belanglos die Reise oder das Ziel – havariert. »Tiefe Langeweile – ein Heimweh. Heimweh, ein Heimweh – hörten wir irgendwo – sei das Philosophieren. Langeweile – eine Grundstimmung des Philosophierens. Langeweile – was ist sie?«19 Jetzt zeigt die Frage selbst eine gewisse Verzweiflung an: Was ist sie? Wie Heidegger sofort nahelegt, gibt es »fast handgreiflich« eine Beziehung zur Zeit. Diese Beziehung offenbart wiederum die dreifache Frage: Welt, Endlichkeit, Vereinzelung. Um diese Fragen klar zu erkennen, müssen wir nicht nur der Versuchung widerstehen, die Langeweile sozusagen zu vertreiben, sondern, was noch schwieriger ist, die Tendenz vermeiden, die Langeweile mit dem zu identifizieren, was wir für ihre Ursache halten. Dies ist der Wesenskern von Heideggers zentraler Unterscheidung zwischen Langeweile und der Langweiligkeit.
Alles lässt sich als Ursache von Langeweile postulieren. Dies ist Teil ihres nimmermüden Erfindungsreichtums im Bereich des Bewusstseins. Ist es der Bahnhof selbst, der langweilt? Oder das Theaterstück, oder unser Tischgenosse, oder die unbeholfene Rede? Darüber nachzusinnen bedeutet, einen Fehler zu begehen und eine Gelegenheit zu verpassen. Um eine von Heideggers existenzialistisch-phänomenologischem Diskurs etwas entrückte, jedoch verwandte Sprache zu verwenden, könnten wir fragen: Was ist die perlokutive Kraft der Aussage »Ich langweile mich«? Auf einer Ebene ist es eine selbstreflexive Klage: Ich erlebe gerade Langeweile. Zudem klingt darin jedoch eine implizite Forderung an, die Langeweile möge enden, dass die wahrgenommene Ursache der Langeweile (vielleicht sogar unser aktueller Gesprächspartner oder Gefährte!) aufhören möge, langweilig zu sein.
Aber ist das eine kohärente Forderung, wenn einfach alles (irrtümlich) als Ursache der eigenen Langeweile betrachtet werden könnte? Wir könnten das, nach Stanley Cavells Auffassung über die Funktionsweise von Entschuldigungen, transitive Langeweile nennen. Das heißt, manch eine Langeweile hängt von einer komplexen Beziehung des Langweilenden zum Gelangweilten ab, und die Langeweile gehört zur Struktur dieser Beziehung, sie ist nicht bloß ein isolierter psychologischer Zustand. Hier ein Beispiel aus einem Roman von Kingsley Amis (selbst ein eifriger, wenn auch kein professioneller Phänomenologe der Langeweile): »›Von Zeit zu Zeit‹, sagte Graham mit gewichtiger Miene, ›wirft mir meine Frau vor, sie für langweilig zu halten. Es scheint ihr nicht in den Sinn zu kommen, dass es daran liegen könnte, dass sie langweilig ist.‹ Er trat auf Patrick zu und fügte von Mann zu Mann hinzu: ›Nach ihrem Verständnis ist ihre Langweiligkeit etwas, das ich tue.‹«20 Wir sollen mit Grahams Klage sympathisieren, das heißt uns hinter die Ansicht stellen, dass es 1.) objektive Standards der Langweiligkeit gebe, und 2.) dass seine Gattin diese mit ihrer Langweiligkeit erfülle. Transitive Langweiligkeit ist eine etwas kompliziertere Geschichte: Langeweile ist mindestens dyadisch (zweiteilig), eine Funktion des Gelangweilten, der auf das trifft, was er oder sie langweilig findet. Aber der Mittelbegriff ist, wie so oft, der wichtigste, jedoch der am wenigsten untersuchte. Mit anderen Worten, wie kommt es dazu, dass etwas (irgendetwas, irgendjemand) langweilig gefunden (erfahren) wird?
Die Konturen der Dyade sind je nach Kultur und sogar Sprache variabel. In Edward St Aubyns Roman Schöne Verhältnisse sorgt sich eine Amerikanerin, schon angesteckt zu sein »von der schrecklichen Furcht [der Engländer] davor, ein Langweiler zu sein, und den langweiligen Mitteln und Wegen, mit denen sie diesem Schicksal unermüdlich knapp entrannen«. Eine andere von Aubyns Romanfiguren bemerkt: »Im Englischen […] kann man ›Langweiler‹ sein, so wie Anwalt oder Konditor, und die Langeweile so zum Beruf machen – in den meisten anderen Sprachen ist ein Mensch lediglich langweilig, ein vorübergehender Zustand.«21 »Was man erstrebt«, erwidert ein anderer, »ist Ennui.« Woraufhin eine Amerikanerin, die nun die Nase voll hat von den selbstverliebten englischen Scherzen, erwidert: »Natürlich […], das ist ja auch viel mehr als bloß das französische Wort für unseren guten alten Freund Langeweile. Das heißt ›Ich finde alles langweilig, also bin ich faszinierend‹. […]«22
In der Tat: Was immer die Tücken englischer Substantive sind, es gibt einen Grund, dass diese Form der Langeweile mit einem unübersetzbaren französischen Wort bedacht wird; man kann hier nicht umhin, an die Reihe erlesen gelangweilter Ästheten zu denken, die in den Romanen von Proust und Huysmans auftauchen – die später auch von Oscar Wilde und Harold Acton gefeiert werden, aber mild bespöttelt von Evelyn Waugh in der Figur des Anthony Blanche, dem stotternden Dandy, der wohlig durch ein Megafon einer Gruppe von verdutzten Studenten T. S. Eliots Gedicht »Das öde Land« rezitiert und danach schmachtet, von ein paar s-s-strammen J-J-Jungs der wackeren Sportsfreunde in den College-Springbrunnen getaucht zu werden. Charles Ryder, der Ich-Erzähler dieser merkwürdigen Geschichte von Religiosität und Alkoholismus, ist zuerst amüsiert, schließlich aber abgestoßen von Blanches affektierter Pose überlegenen Weltschmerzes.
Vielleicht ist diese englische oder allzu englische Vorstellung »gediegener« Langeweile am Ende schlicht langweilig. Oder schlimmer, womöglich ist sie eine Art Falle, die durch die Gravitationskraft endlosen Geredes und narzisstischer Selbstbespiegelung den anderen Pol der Plauderdyade markiert. Egozentriker, wie gelehrt auch immer, sind wie Betrunkene: Es dreht sich alles nur um sie. Kingsley Amis’ Sohn Martin schrieb in einem ganz anderen Roman, Night Train, niemand sei fataler als ein Langweiler auf einem Barhocker, ein besoffener Philosoph. »Und jetzt bläht er sich und flucht und macht die Kellnerinnen blöd an«, berichtet die Erzählerin, eine Kommissarin, die den Verdächtigen an der Hotelbar beobachtet. »Und langweilt den Barkeeper zu Tode. Fragt den Jungen nach seinem letzten ›Nümmerchen‹. Herrgott, sind Besoffene nicht sowas von peinlich? Barkeeper kennen sich bei Langeweile und Langweilern bestens aus. Ist ihr Beruf. Sie können nicht weg.«23
In dieser Geschichte, könnte man anmerken, ist das Thema eben genau jene Art von existenzieller Verzweiflung, die nicht die Traurigen, sondern die Glücklichen in tödlicher Weise heimsuchen könnte. Ein unerklärter Tod, ein scheinbarer Selbstmord, hat die Erzählerin an diesen Ort geführt, wo sie jemand observiert, der die Ursache dafür sein könnte. Aber das Opfer, die schöne und brillante Jennifer Rockwell, wäre dem zweifelhaften Charme des versoffenen, halbseidenen Schürzenjägers, der seine Langweiligkeit wie ein Virus oder üblen Geruch verbreitet, niemals erlegen. Nein, sie beging ihren Selbstmord aus metaphysischeren Gründen, nämlich, dass es selbst von einem vollkommenen Leben zu wenig zu erwarten gebe – gutes Aussehen, Verstand, Karriere, ein gesegnetes Sexleben mit ihrem gutaussehenden Philosophenfreund und alles andere. Mike Houlihan, die herausragende Ex-Kommissarin des Morddezernats, die von Jennifers am Boden zerstörtem Vater, einem Polizeidirektor, beauftragt wurde, den Mörder zu finden, kann nur Ennui und Leere ausfindig machen.
Mike ist trockene Alkoholikerin und weiß alles über Selbstmord. Sie kennt die Statistiken über Nachahmer, räumliche Nähe, Anfälligkeit bestimmter Berufe, hemmende Faktoren und vielleicht vor allem die Rolle, die neurodepressive Drogen dabei spielen können. Alkoholismus, sinniert sie, sei »Selbstmord auf Raten« – eine Charakterisierung, mit der zuvor unter anderem F. Scott Fitzgerald bedacht wurde. Jennifers Tod vermeidet die Ratenzahlung mittels Drogenabhängigkeit, aber ihre Motive lassen sich nicht in gängigen Psychologielehrbüchern finden. Was, wenn, um die Begriffe zu tauschen, Langeweile Mord auf Raten wäre? Was, wenn das Gefühl unserer kosmischen Bedeutungslosigkeit die zarten Bande des Lebens, selbst des glücklichen, zerreißt? Dann könnte der Selbstmord als einziger Ausweg erscheinen, die alltägliche Qual zu beenden, um die Strafe der gewöhnlichen Existenz zu begrenzen. Ja, und was wäre, wenn diese sterbliche Logik die scheinbar Zufriedenen ebenso überzeugte wie die Betrübten und Niedergedrückten? Ist es möglich, wortwörtlich zu Tode gelangweilt zu sein? Während Mike Houlihan die Fäden der nihilistischen Entscheidung Jennifers entwirrt, stößt sie auf falsche Fährten, tote Enden und freudlose Witze – die Lügen, die Jennifer hinterließ, damit Mike oder sonst jemand etwas in der Hand hätte, um ihren trauernden Vater zu trösten. Aber dieses sinnstiftende Narrativ ist Unsinn und Mike weiß es. »Was kann ich ihm sonst sagen?«, fragt sich Mike gegen Ende des Romans. »Sir, Ihre Tochter hatte keinerlei Motiv. Sie hatte nur ihre Maßstäbe. Strenge. Denen wir nicht genügt haben.«24
Hohe Maßstäbe der Bedeutung und des Sinns, die vom gleichgültigen Universum verhöhnt werden. Am Ende könnte eine Alkoholikerin auf dem Weg der Besserung wie Mike durch diese schauderhafte Kette von Ereignissen in den falschen Trost des Trinkens zurückgetrieben werden – der Grund und die Lösung aller Lebensnöte.25 Und so werden die Gelangweilten, durch Eintauchen in Whisky, zu den Langweilern. Es ist auch der Weg, auf dem, in Mikes Fall wie in so vielen anderen, die Lebenden zu Toten werden.
WAS BEDEUTET DAS ALLES?
Heideggers zweite und dritte Form der Langeweile verfolgen dieses Bündel an Fragen hartnäckig, niemals damit zufrieden, die faule Selbstbeweihräucherung des aristokratischen (oder pseudoaristokratischen, hip aufbereiteten) Ennuis als Ausflucht anzubieten. Das zentrale Beispiel in der ersten Form war die offenkundig langweilende Erfahrung »toter Zeit« auf dem Bahnhof: »Was vermag da alles die Zeit! Sie hat Macht über Bahnhöfe und lässt es geschehen, dass diese langweilen.«26 Doch die zweite Form der Langeweile ist noch faszinierender. »Wir sind irgendwo abends eingeladen. […] Also gehen wir hin. Es gibt da das übliche Essen mit der üblichen Tischunterhaltung, alles ist nicht nur recht schmackhaft, sondern auch geschmackvoll. […] Es findet sich schlechthin nichts, was an diesem Abend langweilig gewesen wäre, weder die Unterhaltung noch die Menschen, noch die Räume. Man kommt also ganz befriedigt nach Hause […] – und da kommt es: Ich habe mich eigentlich doch gelangweilt, an dem Abend, bei dieser Einladung.«27 Aber wie das? Heidegger will es sofort wissen. Und doch ist die Antwort natürlich allzu offensichtlich: Wenn die erste Form der Langeweile vor allem eine Erfahrung der Frustration über das schleppende Vergehen der Zeit war, ist diese Form ein Hinweis auf Ennui im Hinblick auf die Bedeutungslosigkeit der Zeit, selbst wenn sie angenehm verbracht wird. Kurz, wenn es um Zeit geht, ist Zeitvertreib allzu häufig schlicht Zeitverschwendung; und nun fungiert der Mangel an Frustration, gerade das geschmeidige Dahingleiten solchermaßen verschwendeter Zeit, gewissermaßen als Prophylaxe gegen die allgemeine Ansteckung durch Langeweile.
Zum Teil, weil nichts Besonderes als langweilig empfunden wird, treibt uns diese »tiefere« Form der Langeweile, obwohl vielleicht für sich genommen wirkungslos, auf diese Weise unaufhaltsam zu einer Konfrontation mit der Zeit, die von Anfang an lauerte. Wo wir unser Leben nur »mitplätschern« lassen, wie Heidegger es ausdrückt, muss das Problem schließlich in den Vordergrund rücken: Langeweile entspringt der Zeitlichkeit des Daseins. Während die erste Form des Gelangweiltseins von außen an uns herantritt, erwächst die zweite Form der Langeweile eindeutig aus dem Dasein selbst.
Nun kommt die dritte Form der Langeweile ins Spiel, die einzige, die wirklich eine philosophische Stimmung zu wecken vermag. Hier erkennt Heidegger – ironisch »nach den Ferien«, das heißt der Semesterferien über Weihnachten – die tiefe Langeweile als Gegenstand des Philosophierens. Sie ist, wie er sagt, mit keinem Beispiel oder einer Erfahrung verbunden; vielmehr lasse sie sich in dem allgemeinen Ausdruck »es ist einem langweilig« einfangen.28 Es ist einem langweilig, durch die Stadt zu gehen. Es ist einem langweilig, den Nachmittag mit Lesen zu vertreiben. Es ist einem langweilig, ein Familienessen vorzubereiten. Es ist einem langweilig, überhaupt hier zu sein. Selbstredend gibt es kein »Heilmittel« oder eine Alternative zu dieser Langeweile, keinen Weg, auf dem man ihrem Zugriff entfliehen oder ihre Schliche überlisten könnte. Nun machen, vielleicht zum ersten Mal, Frustration und Ennui einer Art von Verzweiflung Platz. »Wer Londons müde ist«, so lautet ein berühmter Ausspruch Samuel Johnsons, »ist lebensmüde.« Genau – weil die objektiven Anregungen dieser großen Stadt kein Ende haben. Genauer, das Ende der Anregung ist ein Zeichen einer tiefen Malaise der Existenz selbst. Diese »Leere«, bemerkt Heidegger, »macht […], dass alles gleich viel und gleich wenig gilt«29. Derart von Wert entleert, ist das Leben selbst wertlos.
Die gute Nachricht ist natürlich, dass für Heidegger »dieses ›es ist einem langweilig‹ – so tief es aufsteigen mag – […] nicht den Charakter der Verzweiflung« hat.30 Das unpersönliche »einem« weist (anders als »mir«) auf einen ursprünglichen Zustand, nicht auf ein Leiden, sondern ein grundlegendes Merkmal des Betriebssystems des Daseins. Jetzt können wir »dem Wort Langeweile eine wesentlichere Bedeutung geben«, das heißt: »Langeweile – die Weile wird lang. […] Das Langwerden der Weile ist das Weitwerden des Zeithorizontes, dessen Weitwerden dem Dasein nicht etwa Befreiung und Entlastung bringt, sondern es gerade umgekehrt mit der Weite bedrängt.«31 Man könnte sagen, Heideggers Langeweile, die uns »bedrängt«, aber nicht »verzweifeln« lässt, konkurriere mit der Wiener Redensart »Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst«, ohne die befreiende Ironie der letzteren. Aber obwohl es hier tatsächlich keine Befreiung gibt, erwächst uns eine neue Erkenntnis. Zusammenfassend und wie gewöhnlich kursiv lautet sie: »Die Langeweile ist der Bann des Zeithorizontes, welches Bannen den der Zeitlichkeit zugehörigen Augenblick entschwinden lässt, um in solchem Entschwindenlassen das gebannte Dasein in den Augenblick hineinzuzwingen als die eigentliche Möglichkeit seiner Existenz […].«32 Die Langeweile in ihrer verallgemeinerten Gleichgültigkeit gegenüber der Welt wirft drängend die grundlegenden Fragen der Philosophie auf, die »keine Buchfragen, keine literarischen Fragen oder Fragen irgendeiner Richtung einer Philosophie und Schule sind, sondern Fragen, die die wesentliche Not des Daseins selbst stellt […].«33
Am Ende verweist Heidegger mit einem finalen Stoß jene auf die Plätze, die Philosophie im Sinne von Gelehrsamkeit und »Lesen und Rezensieren von philosophischer Literatur« für die Antwort auf eben diese Frage halten. Auch dies ein Versuch, zu überwinden und zu entlasten. »Nur wenn wir es aus dem Philosophieren selbst erfahren, werden wir mit ihrem Wesen vertraut. […] Philosophie ist nur da, um überwunden zu werden.« Tatsächlich wird hier eine Art des »Sich-Gehenlassens« angemahnt: »Wach wird sie [die tiefe Langeweile] nur, wenn wir ihr nicht entgegenhandeln.«34
So erwachsen die grundlegenden Fragen der Philosophie aus der Langeweile, vielleicht nicht ausschließlich, aber beharrlich. Was ist Welt? Was Vereinzelung? Was Endlichkeit? Die »platte Selbstverständlichkeit«, einen Zug zu verpassen oder ein angenehmes, aber banales Abendessen in Gesellschaft zu verbringen, offenbart das tiefe Herz der Existenz, »die abgründige Schwierigkeit des Problems«35 des Daseins, überhaupt zu existieren.
PRÜFSTAND DER POLITISCHEN VORSTELLUNGSKRAFT
Wahrscheinlich war zu erwarten, dass Theodor W. Adorno angesichts des Mangels an struktureller Spezifität in jeglichen allgemeinen existenziellen Darstellungen der Langeweile die Geduld verlieren würde. In seinem wunderbar schrulligen späten Aufsatz »Freizeit«, der den Kern von Adornos eigener Auffassung der Langeweile enthält, wird Heidegger nicht erwähnt; stattdessen macht er darin Schopenhauer herunter, den länger gedienten und zugänglicheren philosophischen Verwandten, wegen des blinden Flecks, einen bestimmten Zustand der Spannung von Arbeit und Freizeit als grundlegend für das menschliche Dilemma konstruiert zu haben.36 »Schopenhauer formulierte früh eine Theorie über die Langeweile«, bemerkt Adorno. »Seinem metaphysischen Pessimismus gemäß lehrt er, dass entweder die Menschen an der unerfüllten Begierde ihres blinden Willens leiden oder sich langweilen, sobald sie gestillt ist.«37
Schopenhauer war erst 26 Jahre alt, als er seine Theorie des Willens und der Vorstellung formulierte, was Nietzsche (im Wettbewerb der jungen Genies selbst nicht gerade ein traniger Nachzügler) bemerkenswert fand, da es ein hoch aufstrebendes Verlangen bezeugte, das, sublimiert zu philosophischer Neurose, eine vorhersehbar selbstschützende Geste in Form der Askese inspirierte. Adorno psychologisiert nicht in dieser Weise. Stattdessen erkennt er das grundlegende Problem, den eigenen Zustand als bezeichnend für einen universellen Zustand zu nehmen. Schopenhauers Lehre sei, argumentiert Adorno, »nicht zu hypostasieren, nicht als schlechthin gültig, womöglich als Urbeschaffenheit der Gattung Mensch zu betrachten«. Stattdessen sollten wir mithilfe konkreterer Kategorien des Kulturmaterialismus erkennen, dass Langeweile »eine Funktion des Lebens unterm Zwang zur Arbeit und unter der rigorosen Arbeitsteilung« ist. »Sie müsste nicht sein.«38
Sowohl die Diagnose wie die Anregung alternativer struktureller Bedingungen sind typisch. Tatsächlich ist »Freizeit« ein knappes, wirkungsvolles Destillat all dessen, was an Adornos Kulturkritik eigentümlich und erfreulich ist. Die grundlegende Behauptung des Aufsatzes ist vertraut genug: Unter spätkapitalistischen Bedingungen ist die Kraft der Idee der Arbeit so stark, dass selbst die Stunden außerhalb des tätigen Lebens von den Imperativen des Nutzens, der Aneignung und der ständigen Reproduktion des Konsumzyklus kolonisiert werden. Die sogenannte Freizeit – das Wochenende oder der Feierabend – ist überhaupt nicht frei. Anders als die wahre Muße des griechischen Ideals – wo skhole (σχολή) eine Zeit frei von allen Sorgen bezeichnete, außer der Kontemplation letzter Realitäten – sei sie vorgeprägt und verzweifelt. »Freizeit ist an ihren Gegensatz gekettet«, sagt Adorno. »Dieser Gegensatz, das Verhältnis, in dem sie auftritt, prägt ihr selbst wesentliche Züge ein.«39 Zu diesen Charakteristika gehöre die falsche Idee, dass die Freizeit in einem tiefen oder authentischen Sinn erholsam sei, statt praktisch eine Aufladestation für die riesige Matrix der Arbeit selbst. Freizeit, fährt Adorno im selben Abschnitt fort, hänge ab »vom gesellschaftlichen Gesamtzustand. Der aber hält nach wie vor die Menschen unter einem Bann.«
So wird der Anschein, dass die Freizeit ein Kontrast, womöglich gar eine subversive Herausforderung der Hegemonie der durch Arbeit organisierten Zeit sei, zerschlagen: Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall; die beiden sind Verbündete, Kehrseiten ein und derselben ideologischen Münze. »Freizeit steht indessen nicht nur im Gegensatz zur Arbeit. In einem System, wo Vollbeschäftigung an sich zum Ideal geworden ist, setzt Freizeit schattenhaft die Arbeit unmittelbar fort.«40 Das ist bitter, doch es gibt Hoffnung für die Herausforderung in den durchscheinenden Konturen dieses inneren Widerspruchs. Unabweislich sei der Verdacht, so Adorno, »Freizeit tendiere zum Gegenteil ihres eigenen Begriffs, werde zu dessen Parodie. In ihr verlängert sich Unfreiheit, den meisten der unfreien Menschen so unbewusst wie ihre Unfreiheit selbst.«41 Ist dies einmal erkannt, so ließe sich der Würgegriff, in dem sich die Freizeit als verdeckter Agent der Arbeitswelt befindet, vermutlich abschütteln.
Sofort, auch dies wohl wieder typisch, zerschmettert Adorno seine eigene theoretische Hoffnung. Zum Teil liegt das an seinem eigenen tief verwurzelten Elitedenken. Viele Menschen, bemerkt er, behaupten, ihre »Hobbys« in ihrer Freizeit zu genießen, doch diese Hobbys – man denkt hier an einen Werkraum mit Werkzeugen zur Holzbearbeitung im Keller oder Schuppen voller Golfschläger und Angelruten – lenkten einen schlicht von der Unfreiheit der Freizeit ab. Daher eine der am meisten theoriebeladenen Definitionen von »Hobby«, auf die man wohl stoßen kann: »der Ausdruck hobby [läuft] auf das Paradoxon hinaus, dass jener Zustand, der sich als das Gegenteil von Verdinglichung, als Reservat unmittelbaren Lebens in einem gänzlich vermittelten Gesamtsystem versteht, seinerseits verdinglicht ward gleich der starren Grenze zwischen Arbeit und Freizeit«.42 Adorno verbringt seine Zeit im Gegensatz dazu mit Lesen, Schreiben und Musikhören. Dies sind keine Hobbys, es sind intellektuelle Tätigkeiten.
Kurz, die Botschaft lautet in etwa so: Ich bin Theo Adorno und Sie sind es nicht. Sie haben Hobbys, ich habe intellektuelle Zeitvertreibe einer höheren Ordnung von Ernsthaftigkeit. Et voilà! Natürlich ist das ein Fehltritt von beträchtlichem Ausmaß, der zu der Art von Reaktion einlädt, die Pierre Bourdieu gegen solche selbstgefälligen Werturteile den eigenen Geschmack betreffend bereithielt.43 Es gibt keinen größeren und blinderen Fleck als die Schwäche mancher Intellektueller, ihre eigenen Geschmacksurteile zulasten aller anderen zu verabsolutieren. Kurz, die Hobbys des einen können nicht die eines anderen ausstechen, was ihren Wert betrifft, selbst – ja besonders – nach Adornos eigener Darstellung der unfreien »Freizeit«.
Ich werde diesen Einwand hier nicht weiter verfolgen, mir genügt die Anmerkung, dass Adornos Selbstgefälligkeit die folgenden Urteile darüber färbt, wie Menschen ihre arbeitsfreien Stunden verbringen, was uns schließlich zu seiner Darstellung der Langeweile bringt, die ihren Wert hat, wenngleich er auf recht holprigem Weg dorthin gelangt. Nachdem er Hobbys in toto verworfen hat, geißelt Adorno besonders zwei Zeitvertreibe, die seinen besonderen Zorn zu wecken scheinen: Zelten und Sonnenbaden. Das Zelten, zur Zeit der Veröffentlichung des Aufsatzes 1972 unter jungen Leuten in Europa sehr beliebt, brandmarkt er mit Begriffen, die sich auch in anderen zeitgenössischen Quellen finden, wie bei den »Situationisten«, aber auch in weniger theorielastigen Milieus wie den älteren Naturschutzbewegungen, welche die Camping-Mode der Nachkriegszeit infantil und oberflächlich fanden. Modernes Zelten, so der Vorwurf, ist eine Pseudo-Suche nach Authentizität. Im Gewand einer »Rückkehr zur Natur« daherkommend, ist es tatsächlich nur ein Anhängsel der üblichen Produktions- und Konsumptionsabläufe, besonders in Form des Zubehörfetischismus. Camping erfindet die Natur in ähnlicher Weise wie Turners Gemälde die Sonnenuntergänge: Die Natur wird zur Ware und für leichte Konsumierbarkeit hergerichtet.
Dies ist, wie gesagt, vertrautes Terrain und das Hauptaugenmerk könnte sich nun schlicht darauf richten, dass jüngere Reflexionen über das Zelten wieder in eine gegenläufige Richtung gehen (vgl. z. B. Matthew de Abaituas Studie zu dem Thema44). Die Kritik des Sonnenbadens ist, wenn überhaupt, noch bizarrer. Adorno sieht diese scheußliche Freizeitbeschäftigung als klare Illustration von Hegels Begriff des abstrakten oder leeren Zustands des modernen Bewusstseins. Der grundlegende Vorwurf lohnt ein ausführlicheres Zitat. »Prototyp ist das Verhalten jener, die in der Sonne sich braun braten lassen, nur um der braunen Hautfarbe willen, und obwohl der Zustand des Dösens in der prallen Sonne keineswegs lustvoll ist, möglicherweise physisch unangenehm, gewiss die Menschen geistig inaktiv macht.« Dieser letzte Punkt wird nirgendwo validiert oder auch nur erklärt, aber Adorno ist in Fahrt: »Der Fetischcharakter der Ware ergreift in der Bräune der Haut, die ja im Übrigen ganz hübsch sein kann, die Menschen selber; sie werden sich zu Fetischen. Der Gedanke, dass ein Mädchen, dank seiner braunen Haut, erotisch besonders attraktiv sei, ist wahrscheinlich nur noch eine Rationalisierung. Bräune ist zum Selbstzweck geworden, wichtiger als der Flirt, zu dem sie vielleicht einmal verlocken sollte.«45
Man mag sich hier über Details streiten, ganz zu schweigen von den unhinterfragten ideologischen Annahmen der Passage, besonders über die Geschlechterrollen; doch hier ist es, wo die Festung der modernen Langeweile geschliffen werden muss. »Im Zustand des Dösens kulminiert ein entscheidendes Moment der Freizeit unter den gegenwärtigen Bedingungen: die Langeweile.«46 Die Menschen sind in ihrer Freizeit so gelangweilt, dass sie gelegentlich diese Tatsache nicht einmal mehr bemerken. Auf der bisweilen hektischen Suche nach Wochenendvergnügungen können wir Fluchten aus dem Bewusstsein beobachten, die sowohl Adorno wie Heidegger erkennen würden. Bei ruhigeren Beschäftigungen wie dem Zelten, stillen Hobbys und scheinbar zweckfreier Zeitvergeudung wie Sonnenbaden herrscht dieselbe Eile der Flucht, jedoch überdeckt von einem Schleier halbbewusster politischer Annahmen über den Kontrast – tatsächlich eine Komplizenschaft – zwischen Arbeit und Freizeit. Adornos bedeutender Beitrag ist hier die Erkenntnis, dass das Knäuel des Begehrens nicht fest in der menschlichen Psyche verankert oder gar in der ursprünglichen Beziehung des Menschen zur Zeitlichkeit angelegt ist, sondern eine spezifische und deshalb veränderbare gesellschaftliche Bedingung darstellt. Wie so häufig in der für die Frankfurter Schule typischen Ausprägung von Kulturkritik ist das Endergebnis ein Ruf nach Emanzipation. Oder, um genauer zu sein, der Selbstemanzipation. Viel mehr als beißende Kritik an den Verblödungstendenzen des modernen Lebens kann Adorno allerdings nicht liefern, vielmehr müssen die Sonnenanbeter ja aufstehen und ihre Ketten aus Sonnencremes und Kakaobutter selbst sprengen. Das Solarium ist nichts anderes als das Grab des politischen Bewusstseins!
Das ist für sich genommen schön und gut, aber wir sind hier mit einem vertrauten Dilemma konfrontiert. Der Moment des »Durchblicks« der Reflexion der Kritischen Theorie bei Aspekten des modernen Alltagslebens allein scheint Emanzipation nicht wahrscheinlicher zu machen. Noch sind wir tatsächlich immer überzeugt, dass Emanzipation oder auch nur ein hochkritisches Bewusstsein die richtige programmatische Reaktion auf solche Alltagsbeschäftigungen wären. Manchmal reicht es vielleicht, sich einfach nicht mehr zu bräunen. Unter diesen Vorbehalten ist es dennoch erfrischend zu entdecken, dass sich bei Adorno aus der Erfahrung der Langeweile eine philosophische, aber auch politische Richtung herausschält. Langeweile ist politisch, weil sie die gleichzeitige Leere und Fremdbestimmtheit unserer Existenz veranschaulicht. »Vermöchten die Menschen über sich und ihr Leben zu entscheiden; wären sie nicht ins Immergleiche eingespannt, so müssten sie sich nicht langweilen«, schreibt Adorno. »Langeweile ist der Reflex auf das objektive Grau. Ähnlich verhält es sich mit ihr wie mit der politischen Apathie.«47
Schließlich könnte es das schädlichste Merkmal der Langeweile sein, dass sie uns vergessen macht, dass Langeweile in dieser Weise politisch ist. Sie ist, in einem tiefen Grundton der Gedanken- und Wunschlosigkeit, eine besonders toxische Form des falschen Bewusstseins, die Menschen befällt, welche unter dem Joch der »Frei-Zeit« leben. »Der Zusammenhang zwischen der Politik und ihren eigenen Interessen ist ihnen undurchsichtig, deshalb weichen sie vor der politischen Aktivität zurück«, folgert Adorno. »Eng gehört zur Langeweile das berechtigte oder neurotische Gefühl der Ohnmacht: Langeweile ist objektive Verzweiflung. Zugleich aber auch der Ausdruck von Deformationen, welche die gesellschaftliche Gesamtverfassung den Menschen widerfahren lässt. Die wichtigste ist wohl die Diffamierung der Fantasie und deren Schrumpfung.«48
Darauf könnte die gemessenste Antwort lauten: Wichtig, falls wahr. Die offene Frage lautet hier – eine, die Adorno mit seiner eigenen Annahme der neurotischen Leere des Geistes von Menschen während der Langeweile ausschließt –, ob die Fantasie tatsächlich durch Langeweile deformiert wird. Ich werde argumentieren, dass dies nicht der Fall ist, obwohl auch hier Adornos Beitrag zur Beziehung der Langeweile zur Philosophie dadurch nicht negiert wird. Im Gegenteil, wir können im eigenen tastenden Selbstbewusstsein der Langeweile kein Gefängnis erkennen, wo das Bewusstsein in einer sich selbst auslöschenden Leere gefangen ist, sondern einen möglichen Prüfstand gerade jener Möglichkeiten der politischen Fantasie, um die sich Adorno sorgt. Abermals, doch nun mit einer neuen, politischen Wendung: Langeweile ist nicht das Ende, sondern der Anfang.
WARTEN LERNEN
In kurioser, aber nicht präzendenzloser Weise scheinen die zeitgenössische Psychologie und Neurowissenschaft die literarischeren Einsichten eines früheren Jahrhunderts der philosophischen Reflexion zu bestätigen. »Langeweile ist paradoxerweise eine motivierende Kraft/ein Katalysator des Handelns«, folgert eine Studie von 2014. »Langeweile könnte uns auf die Notwendigkeit stoßen, uns neu einzurichten, ein neues Hobby oder einen neuen Job zu suchen. Das Gefühl kann also dazu führen, Herausforderungen zu suchen, und darin liegt das Paradox, dass Langeweile, die von vielen mit Lethargie in Zusammenhang gebracht wird, tatsächlich antreibend sein und die Suche nach ›Veränderung und Abwechslung‹ anstoßen kann.«49
Natürlich sehen diese jüngeren Vertreter der kreativen Langeweile in deren motivierenden Aspekten – Langeweile als Ursprung einer reflexiven, vielleicht philosophischen Haltung – wenig mehr als einen Antrieb, um die mutmaßliche »Lethargie« des Zustands zu überwinden. Die Belege, so die zentrale Schlussfolgerung, »legen nahe, dass Langeweile manchmal eine Kraft zum Guten sein kann. Das heißt, dass es eine lohnende Übung sein könnte, Langeweile bei der Arbeit, in Bildung und Freizeit zu akzeptieren. Was den Einzelnen betrifft, der sich mit einem Problem müht oder nach kreativen Lösungen sucht, so legen die Befunde unserer Studie nahe, dass eine langweilige Aufgabe (besonders eine Leseübung) dabei helfen könnte, ein kreativeres Ergebnis zu erzielen.«50 Wenn wir uns die psychologische Literatur näher ansehen, offenbart sich ein therapeutisches Programm zur Rehabilitierung der Langeweile, indem ihre vermeintlich negativen Merkmale neu gedeutet werden als Chance für kreatives Denken, ganz ähnlich wie Tagträume, Brainstorming und andere Formen und Methoden des »Querdenkens« und Ideensammelns verstanden werden. Tatsächlich vermeidet ein solches taktisches Verständnis im Sinne einer therapeutischen Zähmung oder Domestizierung der Langweile, was die wahrhaft philosophische Langeweile verspricht: nicht künftige Erleichterung, sondern erneuerte Sorge. Die sogenannte kreative Langeweile nimmt den Zustand nur halbernst, indem sie den Teufelskreis der Langeweile – die sich selbst erneuernden und immer weiter vertiefenden Erfahrungszirkel der Langeweile – mithilfe einer ängstlichen Umdeutung umgeht. Fürchtet euch nicht! Die Langeweile mag unangenehm sein, aber sie hält im Kern kreative Möglichkeiten bereit!
Das ist grundfalsch, nicht zuletzt, weil man so der wahrhaft langweiligen Erfahrung, seiner eigenen Langeweile entgegenzutreten, auszuweichen versucht. Philosophische Langeweile ist nicht weniger langweilig, weil sie philosophisch ist – im Gegenteil. Heidegger versteht das: Langeweile ist der Ursprung der Philosophie wegen der Fragen, die sie uns aufzwingt; aber der Anfang ist hier zunächst auch schon das Ende, weil die geordnete Untersuchung der Langeweile keine Erleichterung bringt. Es ähnelt dem Paradox, dass bei dem philosophischen Versuch auftritt, den Begriff des gesunden Menschenverstands zu fassen: Je mehr wir diese höchst naheliegende Kategorie untersuchen, desto stärker entzieht sie sich unserem Verständnis. Der Philosoph steht dem eigentümlichen Dilemma gegenüber, vielleicht klarer als sonst jemand zu erkennen, dass die Welt, die uns begegnet, genauso bleiben muss, wie sie ist, wenn sie überhaupt erkannt werden können soll, obwohl sie oder er – irgendwie um fünf Ecken – weiß, dass die Dinge in Ruhe zu lassen etwas ist, was die philosophische Untersuchung gerade nicht vermag.
Schlimmer noch ist vielleicht das dämmernde Bewusstsein, dass unsere Versuche, die Welt zu begreifen, und unsere Welterfahrung sich der Langeweile womöglich bereitwillig zuwenden müssen, um alle Nuancen auszuschöpfen. Der namhafte analytische Philosoph Timothy Williamson artikuliert hier sehr gut, was auf dem Spiel steht. »Ungeduld auf der Langstrecke technischer Reflexion ist eine Form der Oberflächlichkeit, die sich häufig nur mühsam mit einem pathetischen Plädoyer für Tiefe tarnt«, schreibt er in einem dicken Band mit dem Titel The Philosophy of Philosophy.51 Es gelte daher: »Ernste Philosophie ist immer langweilig für Menschen mit einer geringen Aufmerksamkeitsspanne.« Noch ist dieser immanente Imperativ auf die Heideggers der philosophischen Welt beschränkt. »Selbst ein großer Teil der analytischen Philosophie bewegt sich zu schnell voran in der Hast, zu den aufreizenden Stellen zu gelangen.« Williamson beklagt daher: »Details erhalten nicht die sorgsame Behandlung, die sie verdienen: Zentrale Behauptungen werden vage formuliert, grundlegend verschiedene Formulierungen behandelt, als wären sie gleichbedeutend, Beispiele werden unzureichend beschrieben, Argumente eher mit Gesten angedeutet als ordentlich ausgearbeitet, ihre Form bleibt unerklärt und so weiter.«
Man kann sich mit Fug und Recht fragen, was die »aufreizenden Stellen« im Diskurs der analytischen Philosophie sind, die weithin wegen ihrer leservergraulenden Trockenheit und Fachsprachlichkeit verschrien ist, aber der generelle Vorwurf könnte alle Richtungen der philosophischen Betätigung betreffen. »Schlampige Arbeit wird manchmal durch Anmaßung, blumige Sprache, gnomische Kürze oder einnehmende Formlosigkeit maskiert. Doch häufig gibt es keine besondere Maskerade: Produzenten und Konsumenten haben sich schlicht nicht genug Mühe gegeben, die Details zu überprüfen.« Diese Malaise verlangt aus Williamsons Sicht nach einer besonderen Reaktion: »Wir brauchen die unglamouröse Tugend der Geduld, eine Philosophie zu lesen und zu schreiben, die so deutlich strukturiert ist, wie es die Schwierigkeit des Gegensands verlangt, und die Strenge, von ansprechender Prosa, die diese strengen Maßstäbe nicht erfüllt, unbefriedigt zu bleiben.« Kurz: »Die Angst, sich selbst oder die eigenen Leser zu langweilen, ist ein großer Feind der Wahrheit.« (Ein Kritiker dieses behäbigen Werks spottete, dass es Williamson »meisterhaft gelingt, diese Angst in den Griff zu bekommen«.52)
Man ist versucht zu erwidern, dass diese Schlussfolgerung voreilig und zu glatt ist – ein aufreizendes kleines Paradox, das zugunsten einer zweifachen Langeweile in der Philosophie argumentiert. Die Schlussfolgerung scheint zumindest eine mögliche Hintertür offenzulassen: Warum Energie darauf verschwenden, anderen den Reiz, Wert oder die Dringlichkeit philosophischer Fragen näherzubringen, wenn man zu seiner beinharten Verteidigung ins Feld führen kann, dass die Sache ja schließlich langweilig sein soll. Doch nicht so eilig. Philosophische Reflexion über die Langeweile und Langeweile als Ursprung der Philosophie erhöhen hier den Einsatz und klären die Probleme. Die Philosophie soll schwer sein, aber das erfordert nicht, dass sie langweilig sein muss. Es gibt, mit anderen Worten, eine noch fortgeschrittenere Ansicht im Hinblick auf den Teufelskreis der Langeweile, eine, die Williamsons Tugend der langweiligen Geduld transzendiert, ohne ihrem begrenzten Wert in bestimmten Debatten hinderlich zu sein.
Der Schlüssel liegt hier, wie ich meine, darin, den Impuls psychologischer und einiger philosophischer Darstellungen zu unterdrücken, aus der Langeweile eine Tugend zu machen. Langeweile ist unangenehm, nervtötend, frustrierend und manchmal sogar zerrüttend. Wir sollten uns nicht einbilden, dass ein aus dieser Erfahrung erwachsendes positives Ergebnis – neue, kreative Ideen oder philosophische Einsichten – die ursprüngliche Erfahrung rehabilitiert. Tatsächlich hat Langeweile das Potenzial, eine Rolle bei der Weckung einer philosophischen Haltung zu spielen, nur weil sie dauerhaft unangenehm ist: Wir können nicht zu der Frage vordringen, wie Bedeutung in der Welt überhaupt möglich ist, sofern wir nicht wirklich die furchtbare Realität eines (zeitweiligen) Zustands erfahren haben, aus dem alle Bedeutung verschwunden ist. Die erlebte Realität der Sinnlosigkeit ist, so könnte man sagen, eine notwendige Bedingung einer Untersuchung der Möglichkeit von Bedeutung. Etwas anderes zu glauben bedeutet lediglich, einer etwas gediegeneren Version der üblichen Fluchten vor der Langeweile zu erliegen, wie sie sich etwa in verzweifelt lebhaften geselligen Runden, im Eintauchen in zerstreuende Medien und allgemein in einem unablässigen Drang zu jedweden Aktivitäten zeigen, die jede Chance darauf, nichts Besonderes zu tun oder zu denken, zunichtemachen – wie zum Beispiel, wenn wir in einer langen Bahnfahrt feststecken.
Wir müssen, mit anderen Worten, lernen zu warten und eine Art Savoir-attendre-Haltung kultivieren, wie etwa Guy Debord am Ende von Die Gesellschaft des Spektakels rät: »Dadurch hat sich der Wahn in derselben Position wiederhergestellt, die ihn zu bekämpfen beansprucht. Die über das Spektakel hinausgehende Kritik muss viel mehr zu warten wissen.« (»Par là le délire s’est reconstitué dans la position même qui prétend le combattre. Au contraire, la critique qui va au-delà du spectacle doit savoir attendre.«)53 Eine unbekümmerte Kritik des Spektakels stellt lediglich seine Fehler in neuer, wahnhafter Form wieder her; stattdessen ist es erforderlich, dass effektive Kritik eine Art von stiller Geduld besitzt – nicht zu verwechseln mit Williamsons schrittweiser technischer Sisyphusarbeit.
Ebenso, und häufig aus demselben kulturellen und politischen Grund, ist die vorrangige Weisheit der Langeweile nicht in den philosophischen Einsichten zu finden, die aus ihr erwachsen können, so wichtig diese sein mögen. Der Wert liegt vielmehr gerade in der Offenheit solchen Wartens, das allein der Langeweile zum Aufschwung verhilft. »Gegen die Langeweile kämpfen Götter selbst vergebens«, schrieb Nietzsche in Der Antichrist.54
Genau, die Götter helfen uns hier nicht weiter. Wir können uns nur selbst retten – nicht, indem wir mit der Langeweile in der Hoffnung ringen, sie zu besiegen, oder indem wir sie schließlich vertreiben, sondern vielmehr, indem wir ihren langsamen, beharrlichen, kraftraubenden Ruf, wenn auch mit einiger Furcht, begrüßen. Dann, nur dann sind wir in der Lage, zu philosophieren. Wenn wir Glück haben, werden, bei allem Respekt für Williamson, die so erlangten Resultate selbst nicht langweilig sein; aber es gibt keine Garantie, und gelangweilt zu sein durch einen philosophischen Diskurs mag, ironischerweise, einer der zentralen Ursprünge einer echten philosophischen Haltung sein. Das zumindest ist seit je die Erfahrung von Generationen von Studenten, die in stickigen Hörsälen festsitzen und sich fragen, was sie dort machen …
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