Kitabı oku: «Katakomben»

Yazı tipi:

Mark Prayon

Katakomben

Der Brüssel-Thriller

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Epilog

Impressum neobooks

Inhalt

KatakombenThriller

Prolog

Ihre Augenlider waren wie Blei, die Neonröhren tauchten die Umgebung in ein rotstichiges Weiß. Der Versuch, einen Schritt zur Seite zu machen, scheiterte. Jetzt spürte sie, wie sich die Riemen in ihr Fleisch bohrten. Sie brauchte nicht einmal eine Sekunde, um zu begreifen, in was für einer ausweglosen Lage sie war. Ein noch nie dagewesener Adrenalinstoß jagte durch ihren Körper. Ihre Glieder fühlten sich taub an. Wer waren die Schweine, die ihr das angetan hatten? Sie versuchte sich zu erinnern, an irgendetwas, das ihr helfen konnte, zu begreifen. Aber ihr fiel nichts ein. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das widerliche Licht. Als sie den Kopf zur Seite drehte, spürte sie ein höllisches Stechen im Nacken. Sie war dankbar dafür, dass ihre Hände ein wenig Spiel hatten, aber das Geräusch der Handschellen war unerträglich.

Ihr Blick wanderte unsicher durch den nackten Raum. Sie suchte nach Orientierung, aber sie fand nichts, was ihr helfen konnte – alles um sie herum schien beliebig und austauschbar.

Das Mädchen schwitzte am ganzen Körper, plötzlich ergoss sich ein warmer Harnstrahl über ihre straffen, leicht gebräunten Schenkel. Sie erschrak. Da war ein Klopfen, ein hohles gleichmäßiges Klacken. Kam es vom Fußboden? Sie war nicht sicher. Kam es näher? Ihr Mund war jetzt so trocken, dass sie nicht mehr schlucken konnte. Jetzt war es still. Sie drehte ihren Kopf so weit nach hinten, wie es ging. Ihren Schmerz ignorierte sie. Aber da war nichts außer einer weißen nackten Wand. Ihr Blick fiel auf die Röhren.

Nein, daher kam es nicht, definitiv. Jetzt kam das stakkatohafte Tack-Tack zurück, nur viel schneller! Schlagartig wurde ihr klar, was es bedeutete. Sie war nicht allein.

Eine mächtige Gestalt bäumte sich vor dem Mädchen auf, abwartend, bewegungslos. Das, was jetzt kam, steigerte die Erregung des Mannes ins Unermessliche. Er musterte das weiße Nachthemd, das so dünn war, dass er einen ungetrübten Blick auf ihre schweißnassen straffen Brüste hatte. Der Jäger musterte die weiche Haut ihrer gebräunten Schenkel ganz genau, dann ließ er seine Fingerrücken an ihnen entlang gleiten. Er presste seine dünnen rissigen Lippen zusammen, starrte in ihre verheulten Augen und fuhr herum. Dann riss er ein glühendes Brandeisen aus dem Feuer und drückte es dem Twen ins Fleisch. Das Mädchen schrie wie von Sinnen, sie konnte ihre verbrannte Haut riechen. Das Gesicht des Jägers verwandelte sich in eine lustvolle Grimasse. Eine schier endlose Sekunde war das Eisen in ihr. Das reichte, um den Mann in Ekstase zu versetzen. Der Speichel lief aus seinen Mundwinkeln, mit einer schnellen Handbewegung strich sich er über das nasse Kinn. Als er das glühende Metall aus ihr herauszog, brach das Schreien ab.

Das Mädchen wurde ohnmächtig, der Jäger stöhnte laut auf und drang in sie ein. Niemals hätte ein anderer das Begrüßungsritual übernehmen dürfen. Das Mädchen zu markieren, das waren sein Privileg und seine Leidenschaft. Jetzt gehörte sie ihm, wie die anderen auch.

Der Jäger schaute mit weit aufgerissenen Augen auf den großen Monitor. Es war Zeit Abschied zu nehmen, so hatte er es vor fünf Jahren bestimmt. Alles würde so kommen, wie er es sich gewünscht hatte. Leben und Tod – nur er allein hatte darüber zu entscheiden. Alles war genau geregelt. Dieses Jahr würde er das erste Kapitel schließen und ein neues beginnen.

1

Marc van den Berg hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Langsam musste er sich wohl daran gewöhnen. Er fühlte sich, als hätte er vor ein paar Stunden eine halbe Kiste Stella Artois geleert, was vorkam. Aber das war lange her. Zwei Wochen waren vergangen, seit sich Marie von ihm getrennt hatte. Waren es wirklich erst zwei Wochen? Für ihn war es eher eine Ewigkeit.

Es war das erste Mal, dass nicht er den Schlussstrich gezogen hatte. Sie hatte es gewagt, ihm den Laufpass zu geben, was ihn rasend machte. Es ließ sich schlecht mit seiner Eitelkeit vereinbaren, dass sie ihn in die Wüste geschickt hatte. Er würde nicht lange allein bleiben, soviel war sicher. Aber diese Aussicht konnte seine miese Laune nicht aufhellen, nicht jetzt. Van den Berg kannte seine Neigung zu unkontrollierten Ausrastern selbst am besten. Jetzt war es wieder soweit, er hätte platzen können vor Wut. Der Versuch, ruhig zu bleiben, scheiterte. Ein Bierglas, das halbvoll auf der Spüle klebte, landete mit Karacho auf den Kacheln. Grimmig und doch ein wenig abgekühlt betrachtete er die kleinen Glassplitter, die sich größtenteils um den Abfluss versammelten.

Beinahe zwei Jahre waren sie ein Paar gewesen. Länger als mit Marie hatte er es nie mit einer Frau ausgehalten und das, obwohl er schon 45 war. Er wusste im Grunde, dass er eigentlich zu keiner Beziehung fähig war.

Van den Berg schaute angriffslustig in den Spiegel und fuhr mit seinen kräftigen Händen durch sein dichtes mittellanges blondes Haar, dann über seine Bartstoppeln. Hatte er zugenommen? Wenn, dann nur ein wenig. Sein Sixpack war, zumindest ansatzweise, noch vorhanden.

Die Kathedrale St. Michel war in ein mattes Licht getaucht. Nichts deutete darauf hin, dass irgendwas anders war, als an jedem anderen Tag. Der kleine, mit dünnen Bäumen bepflanzte Park, der vor der Kirche lag, war beinahe menschenleer. Nur ein Clochard hielt sich in der Nähe des Gotteshauses auf, drei Stunden hatte er auf einer Bank gelegen. Es war der 25. November, der erste Advent kündigte sich an. Seit Tagen regnete es in der Stadt, die Temperaturen hatten stark angezogen.

Der Stadtstreicher hatte vor einer Weile damit begonnen, eine Flasche mit billigem Wodka zu leeren und war dabei eingeschlafen. Der Nieselregen wurde jetzt stärker. Der Alte hatte sich in eine dicke zu große Tarnjacke gewickelt, wie man sie beim Militär hat, dazu trug er eine schmutzige lilafarbene Hose, die grotesk aussah. Die dünne Decke, die er bis ins Gesicht gezogen hatte, war längst zu einem kalten nassen Lappen geworden. Plötzlich drang ein Knall durch die ruhige Nacht, so, als hätte jemand eine Autotüre zugeschlagen, aber es klang heftiger. Es war ein blechernes Geräusch, auf das sich der Penner keinen Reim machen konnte. Er hörte, wie ein Wagen beschleunigte. Das war kein gängiger Benzinmotor, eher schon ein Diesel. Der Alte wunderte sich über den Lärm, denn er wusste, dass der Bereich vor der Kirche für Autos gesperrt war. Dann wurde es still. Mit seiner zittrigen Hand riss der Obdachlose den wasserdurchtränkten Fetzen beiseite, stand auf und taumelte ein paar Meter durch den Regen.

Es dauerte eine Weile, bis er es schaffte, sich zu orientieren. Der Mann hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten, stolperte mehr in Richtung der Kirchentreppen, als dass er lief. Es ärgerte ihn, dass die Beine nicht gehorchen wollten. Nun stand er vor den schmalen Stufen, die ihm unendlich vorkamen. Er hatte noch immer Probleme, die Balance zu halten, immer wieder kippte er nach vorn. Sein Magen fing an zu rebellieren. Der Mann stützte sich mit seinen erfrorenen Händen auf einer Stufe ab, dann kotzte er den Wodka und das bisschen Linsensuppe auf seine rissigen Hände, die von der Kälte bläulich schimmerten.

Der Clochard war zäh, und an den Gestank von Erbrochenem hatte er sich in den Jahren auf der Straße gewöhnt. Langsam aber zielstrebig tapste er die Stufen hinauf. Auf der Hälfte verließen ihn die Kräfte, die Knie zitterten auf dem kalten Stein. Dieses Scheiß Rheuma, dachte er. Er richtete seinen Blick nach oben und sah durch die Bindfäden, dass etwas vor dem Eingang der Kirche lag. Was es war, blieb ihm verborgen - seine müden Augen kämpften mühsam gegen das künstliche Licht und die feinen Tropfen. Der Mann holte tief Luft und schaffte es auf allen Vieren bis an die Pforte. Mit dem Ärmel wischte er sich das Nass aus den brennenden Augen und blickte auf ein Mädchen, das hilflos auf dem Rücken lag. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Miene ein einziger Hilfeschrei.

Der Clochard erhob sich, während er das Mädchen fixierte. „Was ist mit ihnen?“, lallte er. Keine Reaktion. Der Alte schüttelte sich, in der Hoffnung so seine betäubten Sinne schärfen zu können. Er legte seine kräftigen Arme um den Körper der jungen Frau und rüttelte sie so heftig er konnte. Der Vagabund war auf einmal wieder ganz klar. Sein Magen zog sich zusammen, als er begriff, dass das Mädchen tot war.

Das blasse, ungeschminkte Gesicht der jungen Frau war zu einer schiefen Grimasse verzerrt, aber der Clochard sah, dass sie unglaublich schön war. Er fixierte ihre braunen sanften Augen und die makellose weiche Haut. Er schätzte sie auf achtzehn oder neunzehn Jahre. Was sie anhatte, erschien ihm merkwürdig, nicht nur, weil es viel zu dünn war für die Jahreszeit. Die junge Frau trug einen weißen Umhang, der einem Nachthemd ähnelte, sonst nichts. Ihre dunklen Haare waren streng zu einem Zopf zusammengebunden. Ihm wurde speiübel, er kotzte die Reste, die er noch im Magen hatte, neben die Pforte.

Keine Menschenseele verlor sich auf dem Boulevard de Berlaimont, der direkt an der Kathedrale vorbeiführte. Der patschnasse Alte ging langsam die Stufen herunter. Er vernahm den Dieselmotor eines Autos, das sich mit zügiger Geschwindigkeit näherte. Es war ein Taxi, das in Richtung De Brouckére unterwegs war. Der Clochard sprang auf die Straße, ruderte wild mit den Armen und stellte sich dem heranbrausenden Fahrzeug beschwörend in den Weg. Der Fahrer stieg kräftig in die Eisen und stoppte wenige Zentimeter vor den zittrigen Knien des Hilfesuchenden. Der Chauffeur, ein fast kahler Türke in den Dreißigern, riss die Türe auf und trat auf den nassen Asphalt. Der Fahrer brüllte die traurige Gestalt an, schrie etwas von irre und bescheuert. Der Penner deutete wortlos zur Kirche.

Van den Berg zuckte kurz zusammen, als sein Handy schellte - jetzt wurde ihm klar, wie übernächtigt er war. Am Klingelton erkannte er, dass der Anruf aus dem Präsidium kam. Wenn die Kollegen dran waren, warnte ihn die Titelmelodie der „Bourne“-Reihe, bei allen anderen Anrufern erklang ein beruhigender altmodischer Ring-Ring.

Eric Deflandre war dran. „Was gibt’s denn?“, fragte van den Berg gereizt. „Ein totes Mädchen“, antwortete der junge Polizist gehetzt. „Na, klasse!“ Van den Berg sparte sich langes Nachfragen und beeilte sich. Im Bad bearbeitete er seinen kräftigen Schopf mit einem Spezialwachs, das dafür garantierte, dass seine Haare ein wenig abstanden. Er zog ein eng sitzendes schwarzes T-Shirt aus dem Schrank und nahm eine dazu passende Lederjacke vom Sofa, die einen leichten Biker-Touch hatte. Keine fünf Minuten später saß der Polizist in seinem MG Cabrio, Typ MGB, Baujahr 84, und raste die Rue de la Loi hinauf zur Kathedrale St. Michel.

Zur gleichen Zeit bahnte sich ein schwarzer BMW den Weg durch den Wald. Andere hätten Mühe gehabt, das Anwesen zu entdecken, uralte Eichen und Tannen reichten dicht an die imposante Villa heran. Die schmalen kurvigen Wege waren schlecht asphaltiert und erschwerten die Orientierung, zumal sie immer nur ein Stück weit einzusehen waren. Der Fahrer, der sich in dieser Nacht auf das dunkle Haus zu bewegte, kannte die Strecke. Zielstrebig raste er den Weg bis zum Hauptportal des alten Bauwerks.

Als der Mann aus seinem Fahrzeug stieg, wurde es hell. Selbst aus der Nähe waren die Konturen des Gebäudes nur schemenhaft zu erkennen, so dicht standen die Bäume. Der Besucher war Mitte 30 und wirkte gediegen in seinem dunkelgrauen Kaschmirmantel. Die schwere schmiedeeiserne Tür öffnete sich und fiel überraschend leise ins Schloss, nachdem der Besucher eingetreten war.

„Sie werden erwartet, Monsieur Hugo“, sagte der kleine unscheinbare Mann, der im Entree gewartet hatte, mit ausgesuchter Höflichkeit.

Hugo verzichtete darauf, seinen Mantel abzulegen und eilte am Butler vorbei die breite Holztreppe hinauf. Im ersten Stock befand sich ein weitläufiger Raum, der sich fast über die gesamte Etage erstreckte. An den Wänden hingen alte Ölbilder und Zeichnungen. Einige von ihnen zeigten Wappen, die auf Papier oder Stoff geprägt waren. Im Raum standen schwere Eichenmöbel und herrschaftliche alte Sofas. In der Mitte des ovalen Zimmers wartete ein Mann, der Anfang 60 war. Er machte ein paar Schritte auf den Besucher zu. „Es gibt ein Problem“, sagte Hugo. Dabei wanderten seine Augen unruhig hin und her. Er bemerkte sofort, dass sich der Blick des anderen verfinsterte.

Van den Berg nahm seine coole schwarze Beanie vom Beifahrersitz, zog sie über sein Haar und trabte den kurzen Weg zur Kathedrale. Es regnete noch immer. Deflandre kniete völlig durchnässt bei dem toten Mädchen.

Van den Berg beugte sich zu der Leiche herunter. Sein Blick fiel auf das Nachthemd, das die grazile Figur des Mädchens betonte. „Ein schönes Mädchen“, flüsterte er wie in Trance. Der Kommissar wandte seinen Blick von der Toten ab und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Sexualverbrechen, soviel war wohl klar. „Der Penner da drüben hat sie gefunden“, unterbrach ihn Deflandre und deutete auf den Clochard, der zerstreut in seinen Plastiktüten kramte.

Van den Berg hatte in seiner Polizeilaufbahn schon viele Leichen gesehen, die meisten ließen ihn kalt. Aber dieses tote Mädchen hier rührte ihn von der ersten Sekunde an, so sehr, dass es ihm schwerfiel, klar zu denken. Der Anblick dieses toten Engels schnürte seinen Hals zu, er zwang sich, tief Luft zu holen. Ein paar Meter weiter hockte Thomas Verschacht mit einem Notizblock in der Hand. Der Polizeiarzt winkte van den Berg zu sich. „Ich kann dir noch nichts sagen“, sagte er ernst. Das faltige Gesicht des Mediziners schien eingefroren. „Eine schöne Scheiße ist das. Äußerlich ist sie unversehrt, jedenfalls soweit ich das bis jetzt sehen kann.“ Das Mädchen lag noch immer auf dem Rücken, den Kopf zur Seite gedreht, so wie sie der Clochard gefunden hatte. „Beeil dich, ich brauche Informationen“, fuhr van den Berg den Mediziner an. „Sehe ich aus, als mache ich hier ein Picknick?“ Van den Berg fasste dem Doc entschuldigend an die Schulter – ihm war klar, dass er sich wieder mal im Ton vergriffen hatte.

Das Mädchen war ungewöhnlich schön. Van den Berg betrachtete ihre weichen Gesichtszüge, die rehbraunen Augen, die zarte Figur. Er konnte jetzt nicht viel tun, erstmal waren die Pathologen dran. Und die Kollegen mussten herausfinden, wer die Tote war. Er fühlte sich wie ein Wasserkühler, der zu heiß gelaufen war. Es war definitiv das Beste, nach Hause zu fahren.

„Da ist noch etwas“, rief ihm Verschacht zu, als er auf dem Weg zum Wagen war. „Sie ist sozusagen tätowiert.“ Der Mediziner hob den Arm des Mädchens an und drehte ihn so, dass van den Berg das Zeichen sehen konnte. Auf der Innenseite war ein Kreis eingebrannt. Exakt in dessen Mitte befand sich eine Zahl: die Acht. „Ein eigenwilliges Motiv für ein Mädchen“, bemerkte van den Berg fragend. „Was ist heute schon noch eigenwillig? Manche lassen sich einen Totenkopf stechen oder die Schamlippen piercen“, erwiderte Deflandre grinsend. „Da ist so was doch ziemlich normal.“ „Normal ist das hier sicher nicht - das ist keine Tätowierung, das ist ein Brandmal“, widersprach der Arzt entschieden.

Van den Berg war das Teil gleich komisch vorgekommen. „Ein Brandmal also, so was verpasst man doch normalerweise nur Tieren …“ „Bei Pferden werden Brandzeichen gesetzt, zum Beispiel, um die Rasse zu markieren“, erklärte Verschacht. Van den Berg konnte sich keinen Reim darauf machen. In seinem Gesicht spiegelten sich gleichermaßen Ekel und Ratlosigkeit wider - er wollte nur noch weg.

Der Kommissar verabschiedete sich eilig von seinen Kollegen, aber nicht ohne ihm vorher noch einmal einzubläuen, schnell Ergebnisse zu liefern. Als er die Chaussée d´Ixelles entlangfuhr, schossen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Als er an Marie dachte, war er wieder auf 180.

Es war kurz nach Mitternacht. Vor den meisten Fenstern in der Rue de la Prairie am Gare du Nord waren die Rollläden bereits heruntergelassen. Nur wenige Huren warteten noch auf Kundschaft. Wenn um diese Zeit Freier in die schmuddeligen Straßen hinter dem Bahnhof kamen, dann waren es meist Männer, die aus den Kneipen am belebten „De Brouckére“ herüber schlenderten.

Die Gegend war ziemlich heruntergekommen, auf den Bürgersteigen waren Kondome und Bierdosen verstreut. An der Ecke standen zwei Gestalten, denen man von weitem ansehen konnte, dass sie nichts Gutes im Schilde führten. Ein älteres Touristenpaar aus Dänemark, das in der Gegend ziemlich fehl am Platz wirkte, winkte hektisch nach einem Taxi. An einem der Fenster hing die Jalousie auf halber Höhe, das Zimmer war leer. An der Scheibe klebte ein alter Zettel mit einem Foto: „Vermisst! Dorothee Lerisse.“

Der schwarze BMW bahnte sich zügig den Weg zurück durch den Wald. Hugo warf einen Blick auf das Stück Papier, das ihm der Mann gegeben hatte. Auf dem Blatt fanden sich handschriftliche Notizen, die in einer Art Tabelle geordnet waren.

Hugo schloss die Wohnungstür auf, warf den Mantel über das italienische Ledersofa, nahm sich einen Martini Bianco aus der Bar und gab zwei Eiswürfel dazu. Er lächelte, als er sich auf einen der schweren Sessel fallen ließ. Der elegante Mann ließ seinen Zeigefinger zärtlich über den goldenen Ring kreisen, der eine dezente Gravur trug, die eine Flamme darstellte. Hugos Wohnung war beinahe steril, die Regale leer und die strahlend weißen Wände völlig nackt. Die Einrichtung entsprach der eines repräsentativen Büros, modern und auf das Wesentliche reduziert. Während Hugo an seinem Glas nippte, studierte er aufmerksam die Liste, in der ein Dutzend Mädchennamen aufgeführt waren.

Wie immer sah er aus wie aus dem Ei gepellt: olivfarbener eleganter Anzug, graues Seidenhemd, teure Schuhe – alles nach Maß gefertigt. Entschlossen griff er nach seinem Notebook. Eigentlich hatte er für moderne Kommunikationsmittel nicht viel übrig, aber man konnte halt nur schlecht auf sie verzichten. Der Computer stand neben einem ultraflachen Smartphone auf dem frisch polierten Glastisch. Wichtige Dinge besprach Hugo nicht am Telefon. Seine Angst, abgehört zu werden, war zu groß, auch wenn es keinerlei Anhaltspunkte dafür gab, dass man ihn schon einmal angezapft hatte. Hugos E-Mail bestand aus nur einem einzigen Satz. „Morgen, 20 Uhr.“

Van den Berg hatte in der Nacht wieder nicht viel geschlafen. Um acht Uhr saß er in seiner großen, geschmackvoll eingerichteten Altbauküche und schob zwei Scheiben Weißbrot in den schicken Toaster. Er hatte die Elektrogeräte vor ein paar Jahren günstig bei einem Lagerverkauf erworben. Die modernen weißen Einbauelemente hatte er geschickt mit alten provenzalischen Schränken und einem massiven Holztisch kombiniert.

Er überlegte, ob er rausgehen und sein Frühstück bei Renard holen sollte. Das Traditionsgeschäft an der Chaussee d`Ixelles hatte den Ruf, die besten Torten und das feinste Gebäck in Ixelles herzustellen. An diesem Morgen konnte sich der Kommissar nicht dazu aufraffen. Verbissen knabberte er an trockenen Toastscheiben und spülte sie mit Kaffee herunter, den er schwarz mit ein wenig Zucker trank. Der Polizist ließ sich auf das alte Chesterfieldsofa fallen und legte die Smiths auf: „Bigmouth Strikes Again“.

Er dachte zurück an die wilden Achtziger, in denen er mit seinen Freunden durch die Straßen Gents gezogen war. Nie im Leben hätte er damals daran gedacht, Polizist zu werden. Auf Gesetze hatten er und seine Kumpels gepfiffen. Sie kifften so oft es ging und sie sprühten Graffiti mit den Namen ihrer Lieblingsbands an graue Fabrikmauern. Nachts fuhren sie zugedröhnt und ziellos durch die Gegend.

Der Dienst bei der Armee hatte van den Berg gründlich umgekrempelt. Da hatte er sich vorgenommen, sein Leben zu ändern, Gas zu geben. Und er wollte Macht haben. Als Polizist konnte er die Hebel bewegen, wie es ihm beliebte, wenn er böse Jungs jagte. Aber er musste sich unterordnen, was er hasste. In seinen ersten Jahren bei der Polizei war er regelmäßig mit seinen Vorgesetzten aneinandergeraten. Aber er hatte mächtige Fürsprecher im Präsidium, die sein kriminalistisches Talent erkannten und ihn förderten.

Vor allem Henk Wouters, ein Kommissar der alten Schule, hatte van den Berg nach Kräften gefördert, auch wenn der ihm immer eine Spur zu eitel war. Keiner der anderen jungen Polizisten hatte van den Bergs Spürnase und schon gar nicht dessen Willen. Mittlerweile ließ sich van den Berg nicht mehr herumkommandieren. Er fand immer irgendeinen Weg, seinen Kopf durchzusetzen. Was hatten ihn die Schreiberlinge von den bluttriefenden Boulevardblättern genervt, die keine Gelegenheit ungenutzt ließen, ihn zu einem Versager zu stempeln. Denn er weigerte sich, mit ihnen zu kooperieren. Die langatmigen Diskussionen mit Kollegen und Staatsanwälten hatten ihn beinahe zermürbt. Doch inzwischen kannte er die Spielregeln. Er wusste, wie er alle nach seiner Pfeife tanzen lassen konnte.

Vor drei Jahren hatte van den Berg zum letzten Mal großen Ärger bekommen, als er bei einem Verhör nach einer sehr speziellen Methode vorging. Eine ganze Nacht lang hatte er den Mordverdächtigen mit grellen Scheinwerfern geblendet. Das so erreichte Geständnis hatte das Gericht nicht zugelassen und der Kommissar musste es sich gefallen lassen, dass ihn der Polizeipräsident verbal in den Boden rammte. Seitdem war er wachsam und überschritt die hausinternen Grenzen nur noch dann, wenn man ihm nichts nachweisen konnte.

Das tote Mädchen weckte seine Kampfeslust, während er auf die Straße herunterschaute. Amüsiert beobachtete er eine junge Frau, die versuchte, ihren alten VW-Golf in eine Parklücke zu manövrieren und nach fünf Versuchen entnervt aufgab. Van den Berg schlüpfte in ein khakifarbenes T-Shirt, nahm seine braune Kapuzenlederjacke vom Sofa und sprang in seinen MG. Er trug fast immer Bluejeans, seine 44er-Füße steckten wahlweise in schwarzen Sneakers oder rustikalen braunen Lederschuhen.

2

Im Kommissariat wartete man schon. Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel seines Kollegen, der den Kommissar in Großbuchstaben aufforderte, sich schnell bei ihm zu melden. Eric Deflandre stammte wie van den Berg aus Flandern, allerdings nicht aus Gent, sondern Antwerpen. Er war im Gegensatz zu seinem Partner ein leidenschaftlicher Frühaufsteher und schon seit zwei Stunden eifrig bei der Arbeit.

Der junge Polizist war bei den Kollegen anfangs als Streber verschrien, als Besserwisser, als Neunmalkluger. Seine dunklen Haare trug er vorn und an den Seiten kurz, dafür aber bis in den Nacken, zudem hatte er ein Faible für auffällige Goldkettchen. Deflandre wusste von den Frotzeleien seiner Kollegen und war clever genug, cool zu bleiben.

Van den Berg hatte ihm ein paar Mal tüchtig den Kopf gewaschen. Mittlerweile zeigte Deflandre ab und an sogar soziale Züge. „Du wirst es nicht glauben, das Mädchen ist vergiftet worden.“ Van den Berg blickte seinen Kollegen überrascht an. „Vergiftet?“ „Warum auch nicht? Ist doch eine saubere Art, jemanden um die Ecke zu bringen. Es steht ja nicht jeder drauf, seinem Opfer die Kehle durchzuschneiden.“ Van den Berg nickte nachdenklich und strich über seinen Dreitagebart. Seine Halsschlagader sah nun furchterregend aus. „Link und feige, jemanden so zu töten. So ein Dreckskerl!“

Der Kommissar rief den Pathologen an, der versprach, umgehend in sein Büro zu kommen. Franz De Coster genoss ein hohes Ansehen unter den Polizisten, zumindest was seine Fähigkeiten als Mediziner betraf. Sein lehrerhaftes gestelztes Auftreten dagegen ging allen auf die Nerven. De Coster trug einen kunstvoll rasierten Kinnbart und war wie immer akkurat gescheitelt. Die rundliche Brille mit Goldrand wirkte seltsam in dem schmalen Gesicht.

„Curare“, begann De Coster wichtig. Er genoss die unwissenden Blicke der beiden Kollegen. „Spann uns nicht auf die Folter“, raunte van den Berg genervt.

„Curare ist ein kompetitiver Blocker des nikotinergen Acetylcholin-Rezeptors.“ De Coster lächelte überlegen in die Runde. Van den Berg holte tief Luft. „Komm auf den Punkt, Mensch!“ „Ein Pflanzengift“, erklärte De Coster. Die beiden Polizisten schauten sich ratlos an. Van den Berg sinnierte. Ein Pflanzengift also …

De Coster schien van den Bergs Gedanken zu lesen. „Selbstmord können wir vergessen und aus Versehen schluckt man so was ganz bestimmt nicht“, sagte der Doc, während er seine irritierende Brille abnahm. „Dieses Gift kommt in Europa praktisch nicht mehr vor. Es wird in Südamerika zur Jagd verwendet und aus den Blättern von Lianen gewonnen. Das Mädchen hat das Zeug sicher nicht besessen, aber das ist ja euer Job.“

„In Belgien gibt es das überhaupt nicht?“ De Coster schüttelte weise den Kopf. „Offiziell jedenfalls nicht mehr.“ „Was heißt nicht mehr?“ „Curare ist Anfang des 20. Jahrhunderts in Krankenhäusern bei verschiedenen Krankheitssymptomen eingesetzt worden, unter anderem bei Tollwut und Epilepsie. Heute ist Curare im Prinzip überflüssig, es wird durch synthetische Stoffe ersetzt.“

Die Polizisten wurden unruhig. Deflandre wippte auf seinem Stuhl herum wie ein unkonzentrierter Schuljunge. „So ein Mädchen zu vergiften, das ist echt krank.“ Van den Berg dachte nach. „Was für ein Mensch tut so was?“ De Coster setzte wieder sein wichtiges Gesicht auf. „Das Gift ist gespritzt worden, genauer gesagt in den linken Arm. Im Verdauungstrakt hätte es keinen allzu großen Schaden angerichtet, in der Blutbahn ist es allerdings absolut tödlich.“

Die beiden Cops schauten sich fragend an. „Welche Menge braucht man?“, raunte van den Berg ungeduldig. „Das kommt ganz darauf an. Bei unserem Mädchen dürften 30 Milligramm ausgereicht haben. Freiwillig nimmt so was niemand, selbst dann nicht, wenn man sich umbringen will. Curare bewirkt Atemstillstand – ein widerlicher Tod.“ De Coster mimte theatralisch einen Sterbenden. Van den Berg verzog sein Gesicht. Die zynische Art des Pathologen kotzte ihn an.

„Noch etwas: Das Mädchen hatte Sex, unmittelbar vor dem Tod.“ „Was heißt das?“, fragte der Kommissar gespannt. „Längstens eine Stunde vor dem Exitus – das Sperma hat es uns verraten.“ Van den Berg kräuselte die Nase, dann fiel ihm noch etwas ein. „Was ist mit diesem Brandzeichen? Kannst du sagen, wie lange sie das Ding schon auf dem Pelz hat?“ „Frisch ist das hübsche Stück nicht - ich bin sicher, die Süße hatte das schon ein paar Jahre drauf.“ Van den Berg kratzte sich den Hinterkopf. „Womit ist es gemacht worden?“ „Sieht mir ganz nach einem stinknormalen Brandeisen aus. Ich habe so was schon mal bei einem Rindviech gesehen, das hat genauso schick ausgeschaut. Aber ich checke das natürlich gerne für dich“, sagte der Pathologe grinsend.

Es konnte dauern, bis die Identität der Toten klar war, das Mädchen trug keinerlei Dokumente bei sich. „Wir müssen herausfinden, wer sie ist und die Kirche überprüfen“, sagte van den Berg, während er Deflandre herausfordernd anblickte. Die beiden rasten zur Kathedrale. Die Polizei hatte das Bauwerk bereits weiträumig abgeriegelt. Die mächtigen Säulen der gotischen Kirche beeindruckten den Kommissar, ihm fiel auf, dass Stühle aus Plastik aufgestellt worden waren, die er noch nie dort gesehen hatte. Die Spurensucher der Polizei untersuchten jeden Zentimeter Boden, um etwas Brauchbares zu finden. Sie suchten in der Kirche und draußen davor. Paul Renquin war der Leiter der Spürnasen - van den Berg kannte ihn seit Jahren. „Das ist eine Scheißarbeit hier“, rief Renquin zum Kommissar herüber. „Dann lohnt es sich wenigstens. Du liebst doch Herausforderungen“, erwiderte der giftig. „In der Kirche haben wir bislang nichts Auffälliges gefunden. Draußen gibt es einen Haufen Fußspuren, aber in diesem Matsch sind die nicht zu gebrauchen“, meinte Renquin schulterzuckend.

Van den Berg hätte das Gutachten der Autopsie am liebsten in die Ecke gepfeffert, aber er beherrschte sich. Als er an die letzten Minuten des Mädchens dachte, hielt er einen Moment inne. Er versuchte, die Höllenqualen nachzuempfinden, die das Mädchen in den letzten Minuten seines Lebens durchmachen musste. Er sah ein, dass das völlig unmöglich war.

Van den Bergs Wut war jetzt so groß, dass sie ihn zu zerreißen drohte. Er empfand nicht nur einen tiefen Hass für den Mörder des Mädchens, auch die Trennung von Marie arbeitete in ihm.

Sie hatte die Beziehung von heute auf morgen beendet, ihm Egoismus und Gefühllosigkeit vorgeworfen. Wie lächerlich! Sie hatten doch ständig über ihre Probleme diskutiert, stundenlang gestritten und Giftpfeile aufeinander abgefeuert. Inzwischen wusste er, dass er viel Zeit verschwendet hatte.

Die Spurensuche in der Kathedrale und in dem kleinen Park brachte die Ermittler nicht weiter. Van den Bergs Laune verschlechterte sich zusehends. Geduld zählte nicht gerade zu seinen Stärken, aber er ahnte, dass er die für diesen Fall brauchte. Solange der Todeszeitpunkt nicht feststand, war es schwierig, den Mord zu rekonstruieren, zumal sie nichts über das Mädchen wussten. Noch nicht einmal ihren Namen.

De Coster platzte ohne Vorwarnung in van den Bergs Zimmer. „Marc, ich habe die Fotos von den Beißerchen dabei.“ Van den Berg schaute gespannt auf. „Es dürfte aber schwer werden, über den Zahnarzt an ihre Identität zu kommen. Alles tadellos in Ordnung, keine Füllungen oder sonst was.“ De Coster schlug grußlos die Tür hinter sich zu und verschwand so schnell, wie er gekommen war. „Was bringt uns das jetzt?“, rief der Kommissar De Coster hinterher, der nicht mehr reagierte.

„Habt ihr die Vermisstenlisten durchgekämmt?“, fragte der Kommissar unwirsch, als er in das Büro seines Kollegen trat. Deflandre kramte in dem wirren Stapel Papier, der sich auf seinem Schreibtisch türmte. „Wir haben in den letzten Wochen zwei Anzeigen rein bekommen. Ein junges Mädchen - die ist nach der Disko nicht nach Hause gekommen und da ist noch ein Student, nach einem Ausflug an die Küste verschwunden.“ „Den Studenten können wir schon mal vergessen.“ „Das Diskomädchen wohl auch“, ergänzte Deflandre. „Sie ist zu jung.“ „Und da ist noch dieser Metzger - der hat seine Tochter als vermisst gemeldet- allerdings schon vor fünf Jahren. Das Mädchen hat auf dem Foto eine ziemliche Ähnlichkeit mit der Süßen.“ Van den Berg trommelte mit den Fäusten euphorisch auf den Tisch. Er hoffte, dass jetzt etwas Licht in den mysteriösen Fall kommen würde. „Sie heißt Catherine Bouvier. Der Vater ist 38 Jahre alt, die Mutter ist 40. Die beiden betreiben zusammen eine Metzgerei“, klärte Deflandre auf. „Ich glaube, die sollten wir gleich mal besuchen. Wo wohnen die Herrschaften denn?“ „In Anderlecht, gleich hinter dem Stadion.“

Van den Bergs Augen glänzten. „Da bin ich schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gewesen“, meinte der Kommissar, der wusste, dass der Royal Sporting Club Anderlecht einst eine echte Größe im europäischen Fußball gewesen war. Schon lange war der Klub nur noch in der belgischen Jupiler League topp.

Hugo war pünktlich. Sie trafen sich immer auf derselben Bank an dem kleinen See gegenüber dem Café Belga. Der andere nannte sich Jorge - sie sprachen spanisch. Der Mann war von imposanter Statur und überaus muskulös, was selbst sein weit geschnittener beiger Pullover nicht versteckte. Das dunkle lockige Haar hatte der Riese mit Gel nach hinten gekämmt. Der Spanier schaute düster drein, seine Augen sahen unheimlich aus. Erst als ihm Hugo das Papier mit den Namen reichte, lächelte er.

Eine Frau in einem schmierigen, abgewetzten Kittel öffnete dem Beamten die Tür. Sie wirkte wie fünfzig und war auffallend fett. „Ihr seid Bullen, nicht wahr? Ihr hättet ruhig mal anrufen können, anstatt einfach so aufzukreuzen“, zischte die Alte resolut. Van den Berg war kurz davor, zu einem verbalen Konter anzusetzen, hielt es aber für besser, die Atmosphäre nicht gleich aufzuheizen. „Madame Bouvier, richtig? Dürfen wir reinkommen?“ fragte er mit aufgesetzter Höflichkeit. Die Frau führte die Polizisten wortlos ins Wohnzimmer. Dem Kommissar fiel auf, dass die braunen lockigen Haare der Frau ziemlich fettig waren und unangenehm rochen. Auf dem rustikalen Eichentisch stand eine beige Plastikkanne, die einige Risse hatte, mit Kaffee. Die Frau stellte ein paar Kunststoffbecher in der gleichen Farbe dazu. „Bedient euch!“ Der Kommissar verzichtete und bedachte das Angebot mit einem angedeuteten Nicken. „Wir haben ein totes Mädchen gefunden.“

Die Frau setzte sich auf einen der speckigen Sessel, während sie die Polizisten irritiert anschaute. „Ist das Ihre Tochter?“ Das Foto zeigte das tote Mädchen vor der Kathedrale. Die Frau starrte auf das Bild, ihre Lippen begannen zu zittern. Erst nach einigen Sekunden nickte sie zaghaft. „Das ist sie!“, stammelte die Frau kaum hörbar. „Es tut mir sehr leid“, meinte van den Berg. Ihm wurde jedes Mal schlecht, wenn er diese Floskel benutzte. Die Polizisten gingen zum Fenster – die Frau sollte einen Moment für sich allein haben. Van den Berg war klar, dass das Überbringen von Todesnachrichten nicht zu seinen Stärken zählte. Er musste sich zusammenreißen, um bei der Befragung nicht allzu schroff rüber zu kommen.

„Ist ihr Mann zu Hause?“, fragte er ruhig. „Er ist was einkaufen. Er kommt sicher bald.“ Während die Metzgerin antwortete, wich sie van den Bergs Blick aus – ihre Augen waren auf ein Hirschgeweih gerichtet, das ihr gegenüber von der Wand herabhing. „Ihre Tochter ist seit fünf Jahren verschwunden gewesen. Wir müssen das leider noch einmal in allen Einzelheiten durchkauen“. „Was bringt das jetzt noch? Das habe ich doch schon tausend Mal erzählt“, murmelte die Frau, so als sprach sie mit sich selbst.

„Wir suchen den Mörder ihrer Tochter. Möchten sie, dass der Typ da draußen noch mehr Mädchen umbringt?“, entfuhr es van den Berg. Im gleichen Moment tat ihm sein gereizter Tonfall schon leid. „Ich habe ihr am Abend noch ein Stück Blutwurst rauf gebracht. Es muss kurz nach sieben gewesen sein. Wir hatten gerade den Laden zugemacht.“ Van den Berg wunderte sich über die präzisen Angaben der Frau zu Alltäglichkeiten, die so lange zurücklagen. „Und weiter?“ „Was soll ich ihnen erzählen? Wir haben nicht viel miteinander gesprochen.“

„Ist sie öfters nachts weggeblieben?“ „Fragen sie besser, wann die mal zu Hause war. Morgens ist sie immer zurück gewesen und hat gearbeitet“, erklärte die Frau mit tonloser Stimme.

„Catherine wäre jetzt 20, richtig?“ „Ja. Sie hat schon immer gemacht, was sie wollte. Ist mir auch egal gewesen. Solange sie nur im Laden mit angepackt hat.“ „Wohin ist sie gegangen, nachts?“ „Woher soll ich das wissen? Meinen sie, darüber hat sie gesprochen?“ In diesem Moment glaubte van den Berg eine Reaktion bemerkt zu haben, ein ganz leichtes Zucken der Mundwinkel, eine kaum merkliche Unsicherheit.

„Haben sie ein Foto von ihr?“ Die Frau nahm einen vergoldeten Bilderrahmen aus der Vitrine. „Wir haben es vor fünf Jahren aufgenommen, kurz bevor sie verschwunden ist. Das Geschäft ist damals 100 Jahre alt geworden“, sagte die Frau, die endlich anfing zu weinen. Einige Minuten hatte sie es geschafft, ihre Gefühle in Schach zu halten – jetzt schienen alle Dämme zu brechen.

„Macht es ihnen etwas aus, uns Catherines Zimmer zu zeigen?“ Die Frau reagierte erst nach einer gefühlten Ewigkeit, dann blickten ihre verheulten Augen zum Kommissar. „Was wollen sie da sehen? Es ist ein einziger Saustall, das kann ich ihnen sagen. Aber wie sie wollen!“ Ihre Stimme hatte sich verändert – sie klang jetzt geradezu energisch.

Zu dritt stiegen sie die morsche Holztreppe in den zweiten Stock des Hauses, das insgesamt einen maroden Eindruck machte. Die Frau hatte nicht übertrieben. Das Zimmer sah alles andere als einladend aus. Auf dem Sofa lagen abgetragene Jeans und Pullover, auf dem Fußboden waren zerrissene Jugendzeitschriften verstreut. Der Tisch war aus Kunststoff und verdreckt, im Zimmer lag ein fauliger Geruch, obwohl die Fenster auf Kippe standen.

Van den Berg wunderte sich darüber, dass die Mutter in den Jahren nicht auf die Idee gekommen war, das Chaos aufzuräumen. Der Kommissar blickte auf den Schreibtisch, der so gar nicht zum Rest der schäbigen Einrichtung passte. Er war aus Teakholz gefertigt und wirkte als einziges Möbelstück im Raum hochwertig. „Hübscher Tisch“, nuschelte der Kommissar. „Ich weiß nicht, woher sie den hat. Irgendwann stand er hier.“

Die Frau strich sich mit dem Zeigefinger über die Nase. Van den Berg blickte in den Kunststoffspiegel an der hinteren Wand und kontrollierte den Sitz seiner Haare – er stellte fest, dass sie noch immer ein wenig abstanden. „Guck mal hier“, rief Deflandre triumphierend, „ein paar Stadtpläne, da ist einiges eingezeichnet. Scheinen Nachtclubs zu sein.“ „Können wir die mitnehmen?“ Die Frau ignorierte die Frage zuerst, dann machte sie eine Handbewegung, die Zustimmung signalisieren sollte.

Van den Berg hörte, wie unten die Haustür ins Schloss fiel. Er schaute hellwach zu seinem Partner. Pascal Bouvier war nach Hause gekommen. Der Mann sah so aus, wie so viele Metzger, die der Kommissar kennengelernt hatte – kräftig und grob. Der Fleischer entlarvte die Besucher gleich als Polizisten. „Habt ihr meine Tochter endlich gefunden?“, fragte er unwirsch. Van den Berg blickte sein Gegenüber prüfend an. „Wir haben ein totes Mädchen gefunden und nehmen an, dass es sich um ihre Tochter handelt.“ Der Metzger ließ sich wie ein nasser Sack auf das alte, fleckige Wohnzimmersofa fallen.

Der massige Mann weinte hemmungslos, als er das Foto seiner Tochter betrachtete. „Herr Bouvier, ich verstehe, wie ihnen zumute ist. Wir müssen sie allerdings bitten, mit uns zu kommen. Wir müssen Klarheit haben, ob das Mädchen tatsächlich Ihre Tochter ist.“ Der Metzger hörte abrupt auf zu weinen – jetzt schwieg er.

Deflandre wandte sich noch einmal an die Frau, die geistesabwesend auf dem Sofa saß. „Wir hätten gerne noch die Adresse von Catherines Zahnarzt, nur zur Sicherheit.“ Der Blick der Frau war jetzt teilnahmslos, sie verzichtete auf Nachfragen. Die Polizisten sollten einfach nur verschwinden. Die Metzgerin hatte eine Abneigung gegen die Staatsmacht. In diesem Moment wollte sie erst recht keine Schnüffler um sich haben. Die Frau kritzelte eilig etwas auf ein Stück Papier und reichte es dem jungen Polizisten. Deflandre packte noch eine Haarbürste aus dem Kinderzimmer in den Plastikbeutel.

„Bingo!“, flüsterte Deflandre seinem Partner ins Ohr, während der Metzger hinten ins Auto stieg. Wenn van den Berg Opfer identifizieren ließ, wurden normalerweise zunächst zahntechnische Untersuchungen angestellt. Sie hatten gegenüber DNA-Analysen den Vorteil, kostengünstig zu sein. Van den Berg schätzte vor allem, dass er die Ergebnisse deutlich schneller in die Hände bekam. Aber in diesem Fall bekamen sie auch so schnell Gewissheit. Den Zahnarzt würden sie nicht brauchen.

Pascal Bouvier nickte kurz, als er das Gesicht des Mädchens betrachtete. Weinend stürzte sich der Dicke auf das tote Mädchen und legte seine fleischigen Arme um sie. Im gleichen Moment packten ihn die beiden Polizisten an der Jacke und zogen ihn zurück. Sie mussten all ihre Kräfte mobilisieren, um den bulligen Mann stemmen zu können. „Das geht nicht“, rief van den Berg streng. „Herr Bouvier, ihre Tochter hat hier ein sogenanntes Brandmal. Ich nehme an, dass Catherine das vor ihrem Verschwinden noch nicht hatte“, sagte der Kommissar. „Der Fleischer verzog angewidert die Mundwinkel, als er die Stelle betrachtete. „Nein!“ Der Fleischer verlor die Kontrolle. „Das Zeichen enthält eine 8. Gibt es irgendeine Verbindung zwischen Catherine und dieser Zahl?“ „Was weiß ich?“, polterte der Metzger, dem nicht der Sinn danach stand, irgendwelche Bullen-Fragen zu beantworten.

Den Kommissaren war klar, dass sie schlechte Karten hatten. Das Einzige, das sie bislang wussten, war die Identität der Toten. Ihr Name war Catherine Bouvier, daran gab es wenigstens keinerlei Zweifel mehr.

Der öffentliche Druck ging van den Berg bereits gehörig auf die Nerven. Die Massenmedien stürzten sich begierig auf den Fall und bombardierten die Pressestelle des Präsidiums pausenlos mit Anfragen. Wäre es nach van den Berg gegangen, dann hätte er die Ermittlungen ganz allein mit Deflandre geführt. Doch Staatsanwalt Jean Pierre Vermeulen bestand darauf, eine Sonderkommission zu bilden - der öffentliche Druck machte das unumgänglich.

Van den Berg blickte aus seinem Wohnzimmer auf die Kirche, deren Schlichtheit ihn beruhigte, wenn er aufgewühlt war. Aber in diesem Moment konnte ihn nichts besänftigen. Er war es gewohnt, dass sein Leben perfekt lief und dass er alles unter Kontrolle hatte. Den Einfluss auf Marie hatte er völlig verloren und auch der Fall lag in dichtem Nebel. Spontan beschloss er, seine Ex anzurufen. Sie klang verschlafen, als sie sich meldete. Er wartete eine Sekunde mit der Antwort.

„Ich bin’s, Marc.“ Marie schien überrascht. „Du bist es … Was willst du?“, fragte sie genervt. „Mit dir reden.“ „Ich weiß nicht, ob es noch Sinn macht“, erwiderte sie gelangweilt. Jetzt musste er sich ins Zeug legen. „Ich verlange gar nicht, dass du mir noch eine Chance gibst. Ich möchte nur, dass du mich anhörst.“ „Nur zu, ich spreche ja mit dir.“ „Ich möchte dich sehen, du weißt, dass wir nie gut miteinander telefonieren konnten.“

Der Kommissar musste sich mächtig anstrengen, um sanft genug zu wirken. „Ich lade dich ein ins Café Leffe am Grand Sablon.“ Mit ihrem Lieblingslokal traf er den Nerv. „Vielleicht hast du recht und wir sollten wirklich mal reden, aber mach dir keine Hoffnungen.“ „Sagen wir heute Abend um acht?“ „Okay!“

Van den Berg kam mit einem Strauß dunkelroter Rosen, er trug ein weißes Hemd, das er leger aufgeknöpft trug, darüber ein granitfarbenes Jackett von Versace. Marie präsentierte sich ganz anders als sonst, nämlich ungeschminkt und im grauen Strickpulli. Der Kommissar lachte ausgelassen und umarmte sie so innig, als sei alles in Butter. Sie bestellten Bier und herzhafte Speckröllchen. Wären sie in allem so ähnlich, wie in ihren kulinarischen Vorlieben, dann hätten sie kaum Probleme gehabt, dachte sich van den Berg, der sich Mühe gab, das Gespräch anzukurbeln.

„Ich habe dich vermisst“, sagte er entschlossen. Marie sah ihn überrascht an, bevor sie ihn mit einem Wortschwall überschüttete. „Ist dir klar, dass es so nicht weitergehen konnte? Hast du mal überlegt, wann wir in letzter Zeit mal zusammen waren? Ich habe ja kapiert, dass du mit deinem Job verheiratet bist. Aber du musstest ja ständig auf deine bescheuerte Rennbahn, und wenn du bei mir warst, ich weiß nicht, an was du da gedacht hast. Weißt du, ich bin einfach nicht mehr an dich rangekommen. Ich habe dir so oft gesagt: Ändere was! Und was kam von dir? Immer nur die gleichen Floskeln! Ich habe das Gefühl, dass ich in deinem Leben nicht mehr wichtig bin.“ Wenn Marie sich einmal in Rage geredet hatte, war sie nur schwer zu stoppen – er begriff, dass sie jedes ihrer Worte ernst meinte. „Das stimmt doch alles nicht“, konterte der Kommissar unwirsch.

„Ich habe dich ins Theater eingeladen, wir sind ans Meer gefahren, ich habe dir Blumen geschenkt.“ Marie musste lachen. „Natürlich hast du das, aber versteh doch! Darum geht es mir nicht. Ich brauche echt keinen Mann, der mich einlädt, der mich beschenkt – ich will einen, der für mich da ist, der Zeit investiert und der zuhört.“ „Du weißt, dass du einen wie mich nicht mehr finden wirst“, sagte der Kommissar ganz cool. „Denke an unsere Pläne – wir wollten Kinder, erinnerst du dich? Ist es dafür zu spät?“

Van den Berg glaubte, dass er Marie umstimmen konnte, auch wenn sie es war, die redete. Er hatte sich vorgenommen, nicht ausfallend zu werden, sich ihre Kritik anzuhören und sachlich darauf zu reagieren. Er wusste, dass er keinen Fehler machen durfte. Als das Essen kam, brach die Unterhaltung ab. Marie konzentrierte sich ganz auf die Speckröllchen, die sie in den großen Stücken in den Mund schob.

Nach dem Essen gähnte sie, um ihm klarzumachen, dass sie nach Hause wollte. Van den Berg spürte, dass es besser war, jetzt zu schweigen. Beim Verabschieden lachten sie. Der Kommissar war sich sicher, dass ihm Marie schon bald wieder aus der Hand fressen würde.

3

Ein Dutzend Polizisten waren in der Sondereinheit. Van den Berg hatte nicht die leiseste Absicht, die Kollegen bis ins letzte Detail in seine Kenntnisse und Pläne einzuweihen. Selbst Deflandre nicht, der sein engster Partner war. Und Vermeulen würde auch nur das zu hören bekommen, war er preisgeben wollte. Van den Berg wusste um sein Image als Einzelkämpfer und das war ihm herzlich egal. Deflandre war der Einzige, dem er vertraute. Manchmal brauchte er ihn, denn es gab Dinge, die nicht einmal van den Berg allein schaffen konnte.

Ich muss Nicole anrufen, dachte van den Berg und griff im gleichen Augenblick zum Hörer. Sie nahm nicht ab - der Kommissar sprach ihr ein paar verbindliche Sätze auf die Mailbox. Nicole Vandereycken hatte bereits einen exzellenten Ruf als Polizeipsychologin, obwohl sie erst 27 war. Es war fast genau ein Jahr her, dass sie zusammen mit van den Berg einen Ritualmord aufklärte, der das ganze Land in Atem hielt. Sie hatten eine 17-jährige in der Badewanne gefunden, der man die Zunge herausgeschnitten hatte. Van den Berg hatte sich in verschiedenen Sackgassen festgerannt.

Seinen Entschluss, eine Psychologin hinzuzuziehen, hatte er spontan gefasst und weil er nicht weiterkam. Nicole hatte keinen Schimmer von Polizeiarbeit, aber sie war klug - das hatte van den Berg schnell verstanden. Nicole war unvoreingenommen, dachte nicht in Konventionen, und sie war radikal. Die Psychologin legte los wie eine Dampfwalze, sie verdächtige jeden im Dunstkreis des toten Mädchens, die beste Schulfreundin, die Eltern, sogar die Großmutter. Die gesamte Verwandtschaft des Opfers war einem gnadenlosen Kreuzverhör ausgesetzt. Der Vater des Mädchens hatte einen Wutanfall bekommen, die Großmutter war in Tränen ausgebrochen, als sie begriffen, dass man ihnen den Mord zutraute.

Van den Berg war fasziniert davon, wie cool die Psychologin Widerstände wegsteckte. Bei ihrer unerbittlichen Art, Gesprächpartner in die Enge zu treiben, fühlte sich der Kommissar mitunter an die spanischen Inquisitoren des 15.Jahrhunderts erinnert. Mit Finten und Halbwahrheiten hatte sie den Hauptverdächtigen schließlich erst in Widersprüche verwickelt und dann so sehr in die Enge getrieben, dass er mitten in der Nacht ein tränenreiches Geständnis ablegte. Nicole genoss im Brüsseler Kommissariat fortan mindestens Respekt. Nur sie selbst war nicht mit sich zufrieden gewesen, sie ärgerte sich, nicht schneller auf die Lösung gekommen zu sein. Van den Berg holte eine schwere Schwarte aus dem Regal, die er tags zuvor in einem Antiquariat erstanden hatte – die Geschichte der Habsburger. Seine Lieblingsfigur war Karl V, der in Gent geboren war, genau wie er. Ihn faszinierte, wie es die alten Kaiser geschafft hatten, ein Riesenreich durch geschickte Kriegsführung zu erobern, in dem die Sonne niemals unterging, aber vor allem, indem sie die richtigen Frauen heirateten. Große Herrscher wie Karl V, die waren seine Kragenweite. Manchmal stellte er sich vor, mit einem gewaltigen Heer in die Schlacht zu ziehen und in der Wiener Hofburg oder im Prager Hradschin zu residieren.

Sein Interesse für das 16. und 17. Jahrhundert hatte auch damit zu tun, dass das mittlerweile so unbedeutende Belgien als Teil der spanischen Niederlande ein wichtiger Teil in Europa gewesen war. Es machte ihn traurig, dass die belgische Monarchie nur noch ein vergilbtes Abziehbild seiner ruhmreichen Vergangenheit war. Dennoch verfolgte er die Politik des belgischen Königs Albert II, an dem er dessen nicht ganz uneigennütziges Eintreten für die Einheit Belgiens schätzte. Flamen, die für die Loslösung Flanderns kämpften, machten ihn rasend.

Van den Bergs Telefon schellte. Das geht aber schnell, dachte sich van den Berg. „Du hast Sehnsucht nach mir, Herr Hauptkommissar?“, fragte sie mit ihrer hellen mädchenhaften Stimme. „Du hast es erraten, aber Hauptkommissar bin ich deswegen noch lange nicht“, gab er mit einem lauten Lachen zurück. Nicole wurde ernster: „Ich hab schon gehört von dem Mädchen. Hört sich wirklich nicht schön an. Habt ihr schon was?“ „Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich weiß gar nicht, wo wir anfangen sollen.“ „Dann ist ja klar, dass du mich angerufen hast!“ „Du weißt doch, ohne dich sind wir grundsätzlich aufgeschmissen“, flachste van den Berg. „Kannst du gleich kommen?“ „Wenn ich könnte, würde ich fliegen.“

Eine halbe Stunde später flog van den Bergs Bürotür auf. Der Kommissar strahlte bis über beide Ohren, als die Psychologin vor ihm stand. Schon während der letzten Ermittlungen hatte ihn die attraktive Frau mächtig beeindruckt. Jetzt stand sie im Türrahmen seines schlichten Arbeitszimmers, ihre dunkelbraunen langen Haare hatte sie streng nach hinten gekämmt und zu einem Zopf geknotet. Die hautenge Jeans und die perfekt sitzende braune Lederjacke waren unheimlich sexy. Nicole hatte sich daran gewöhnt, dass Männer ihr, der Unwiderstehlichen, unterstellten, dumm zu sein. Offen ins Gesicht sagte ihr das niemand, aber zwischen den Zeilen konnte sie es oft genug heraushören. Für derartige Vorurteile hatte Nicole nur ein charmantes Lächeln übrig.

Sie sprach selten darüber, dass sie in Paris und Barcelona studiert und ihr Diplom mit Auszeichnung gemacht hatte. Van den Berg wurde leicht nervös, als er auf ihren festen Arsch starrte.

„Wer zum Teufel vergiftet ein junges Mädchen und schmeißt es dann vor eine Kirche? Ich habe wirklich schon einige kranke Sachen gesehen, aber das hier ist echt das Heftigste“, meinte van den Berg mit weit aufgerissenen Augen. „Kannst du mir schon ein Täterprofil erstellen?“ „Klar, sofort, bis ins letzte Detail“, meinte Nicole, während sie eine doofe Grimasse zog.

Van den Berg setzte einen entschuldigenden Blick auf. Sie zog ein Notizbuch aus der Tasche und schrieb einige Stichworte hinein. „Eines ist dir sicher schon aufgefallen: Unser Mann steht auf junge Mädchen - wahllos hat er sie nicht ausgesucht, so wie er die hergestylt hat. Er hatte Sex mit ihr, bevor er sie umgebracht hat. Normalerweise töten Sexualtäter, um Spuren zu verwischen oder weil sie in Panik geraten. Das hier ist das Gegenteil. Er präsentiert das Mädchen wie eine Trophäe.

Die Frage ist, warum er sie umgebracht hat und dazu noch mit diesem Teufelszeug.“ Der Kommissar lauschte konzentriert. „Vielleicht hat der Typ einen Hass auf junge Frauen, zum Beispiel, weil er gekränkt worden ist.“ Van den Berg hob zweifelnd die Hände. „Das erklärt aber nicht, warum er das Mädchen vor der Kirche abgelegt hat.“ „Der Mann sucht die Öffentlichkeit - wahrscheinlich hat er ein starkes Geltungsbedürfnis. Vielleicht ist das ein religiöser Fanatiker, einer der Opfer bringt.“ „Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt?“ „Natürlich ist es das. Das sind reine Hypothesen. Ich brauche einfach mehr Informationen – du bist am Zug“, sagte Nicole und blickte van den Berg herausfordernd in die Augen. „Was soll das mit dem Brandmal?“ „Spricht dafür, dass er gerne Mädchen quält –muss höllisch wehtun, so ein heißes Eisen im Fleisch zu haben.“

Van den Berg stand nicht nur auf Nicole, weil sie so hübsch war. Genauso mochte er ihren messerscharfen Verstand und ihre Art, ohne Umschweife auf den Punkt zu kommen. „Du sprichst immer von „er“. Bist du sicher, dass „er“ keine Frau ist?“ „Ein zierliches hübsches Mädchen, das Nachthemd – für mich ganz klar eine männliche Handschrift.“ „Keine hohe Meinung, die du von uns Männern hast.“ „Findest du, ich hätte Grund dazu?“ Die beiden lachten. „Kannst du dir einen Reim auf die 8 machen?“ „Wahrscheinlich hat die Zahl weniger mit dem Opfer als mit dem Mörder zu tun. Die 8 ist die Zahl mit der größten Ästhetik – sie strahlt Harmonie aus.“ Van den Berg schaute Nicole skeptisch an. „Vor allem ist die 8 eine heilige Zahl – das ist sie übrigens in vielen Religionen. Im Christentum steht die 8 für Neubeginn.“ „Für Neubeginn? Hoffentlich nicht für den Beginn einer Mordserie. Das wäre das Letzte, was wir gebrauchen können.“

„Du weißt, dass ich gerne rum spinne, aber für eine fundierte Analyse dieses Brandmals haben wir einfach zu wenig Anhaltspunkte“, sagte Nicole ernst. „Verfluchte Scheiße, das passt mir alles überhaupt nicht. Ich glaube, wir werden uns an dieser Geschichte richtig die Zähne ausbeißen.“ Van den Berg ging zum Fenster und starrte in den Hof. Beide schwiegen und dachten noch eine ganze Weile nach. Dann hatte van den Berg genug. „Wir machen morgen weiter“. Der Kommissar brachte Nicole zur Tür und schaute ihr noch eine Weile nach, während sie den langen Gang entlanglief. Dann blickte er in den Spiegel, der an seiner Bürotür hing, und richtete seine Haare. Er sah viel jünger aus als 45, und das wusste er auch.

Nicoles Persönlichkeit hatte viele Facetten. Sie kam aus einem streng katholischen Elternhaus, ihre Schulzeit verbrachte sie größtenteils in einem Brüsseler Eliteinternat. Ihr Leben änderte sich schlagartig, als sie das Studium in die großen Metropolen brachte – sie verlor ihre Naivität und lernte die Spielregeln des Erfolges. An der Sorbonne begann Nicole, sich für Geschichte, Philosophie und moderne Kunst zu interessieren. Sie legte sich einen stattlichen Bekanntenkreis zu, mit Universitätsprofessoren, Künstlern, Managern und Musikern. Die meisten Kontakte waren oberflächlich – niemand wusste, wie Nicole wirklich tickte.

Dass die junge Frau nicht nur schön, sondern auch mit großer Intelligenz gesegnet war, erkannten die Menschen, die sie kennenlernten, schon nach kurzer Zeit. Aber das war schon das Einzige, das sie begriffen.

Nicoles herausstechende Eigenschaft war ihr Ehrgeiz. Schon in der Schule wollte sie immer die Beste sein und in der Regel erreichte sie das mit beeindruckender Leichtigkeit. Sie war so charmant, dass sie die Menschen blitzschnell um den Finger wickeln konnte. In Paris und Barcelona sprengte sie die Ketten, die ihr die Eltern angelegt hatten. Sie umgab sich mit Männern, die ihr die Eltern garantiert verboten hätten. Nicole stürzte sich in Affären und holte das nach, was ihr in den Jahren zu Hause verwehrt geblieben war. Manche Liaison drang bis in Nicoles vornehmes Brüsseler Elternhaus. Die Beziehung zu ihrem Vater bekam dadurch tiefe Risse.

„Also wenn ihr mich fragt, haben wir es mit einem Geistesgestörten zu tun“, rief van den Berg den Kollegen zu, die ihn im Sitzungszimmer erwarteten. Aber was ist schon geistesgestört, fragte er sich im gleichen Moment. Die anderen Polizisten signalisierten mit ihrem synchronen Nicken, dass sie im gleichen Moment exakt die gleiche Erkenntnis hatten. Allein Nicole signalisierte Skepsis. Van den Berg war klar, dass sie ihre Gedanken ebenso wenig in der Gruppe diskutieren wollte, wie er. „Frank und Robby, ihr geht sämtliche Tötungsdelikte in Brüssel der letzten fünf Jahre durch. Nehmt euch vor allem die Sachen vor, die richtig krank sind. Schaut, ob ihr irgendwelche Sachen findet, die mit Kirchen zu tun haben. Und die Tötungsdelikte, bei denen Gift im Spiel ist. Dann brauchen wir schnellstens eine Liste mit den Leuten, die infrage kommen, vor allem mit vorbestraften Jungs, die draußen rumlaufen. Und zwar schnell – und ich meine schnell.“ Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass sie mit routinemäßiger Recherche nicht weiterkamen. Die Runde löste sich auf. Van den Berg zog sich mit Deflandre und Nicole eilig in sein Büro zurück. Die Blicke der beiden Männer richteten sich auf die Psychologin.

„Ich glaube nicht an einen Verrückten“, sagte sie lakonisch. „Ich denke, der Täter geht sehr überlegt und strukturiert vor. Er hat sein Opfer bis vor die Kathedrale geschleppt, außerdem hat er am Tatort keine Spuren hinterlassen. Gut, das hat natürlich auch mit dem Wetter zu tun …“ „Dass er klug vorgegangen ist, schließt doch nicht aus, dass er geisteskrank ist“, wandte van den Berg ein. „Ein Psychopath ist nicht geisteskrank“, entgegnete Deflandre. „Eric hat recht“, bestätigte Nicole. „Ein Psychopath ist in der Lage, ganz logisch zu denken, aber er pfeift auf gesellschaftliche Normen und er kennt kein Mitgefühl. Wir haben es hier mit jemandem zu tun, der von etwas besessen ist, der etwas mitteilen will und der offensichtlich ein Spiel spielen will. Der Mann, den wir suchen, schiebt Gesetz und Moral beiseite - er spielt nach eigenen Regeln.“

„Meinst du nicht, das ist etwas mutig, nach dem, was wir bis jetzt wissen?“ „Wenn es dem Mörder nur darum gegangen wäre, zu töten, hätte er es viel einfacher haben können. Warum hat er die Kathedrale ausgesucht? Für den Täter war es ein großes Risiko, entdeckt zu werden. Nein, ich bin sicher, da steckt viel mehr dahinter.“

Freddy De Breuyn kam ins Büro – er stolperte über seine offenen Schnürsenkel, konnte es aber so gerade noch verhindern, den Boden zu küssen. Der Polizist war 56 und galt im Kommissariat als eine Art Unikum. Wegen seines unbeholfenen Auftretens wurde ihm meist der Schreibkram zugeschoben, also jene Arbeit, vor der sich die meisten Polizisten gerne drückten. De Breuyn war zwar ungelenk im Umgang mit Menschen, wenn es aber um das Recherchieren von Daten ging, war der Polizist ein unumstrittener Meister, denn dabei ging er überaus akribisch vor. Van den Berg hatte ihm die Detailsuche in der Datenbank nicht zufällig übertragen.

„Ich habe alles durch den Rechner gejagt“, meinte der Polizist, der mit seiner zu kurzen Hose und seiner schweren und zu großen Brille dem Klischee eines Sonderlings auch äußerlich entsprach. „Ich habe natürlich erstmal an den Ritualmord vor einem Jahr gedacht. Aber der Typ hat sich in der Haft ja gleich die Pulsadern aufgeschnitten- der scheidet ja wohl aus.“ Die Polizisten lachten über die eigenwilligen Ausführungen ihres Kollegen. Auf einen religiösen Zusammenhang und irgendwelche Kirchen bin ich nicht gestoßen, aber ich habe hier zwei Typen - die haben ihre Opfer vergiftet. „Erzähl schon“, zischte van den Berg wie elektrisiert.

„Der Witz ist, dass beide draußen rumlaufen. Nummer eins: Thierry Muller. Hat seiner Lebensgefährtin in der Nacht eine Spritze verpasst, die es in sich hatte. Ist vor sechs Monaten rausgekommen. Nummer zwei: Yves Grangé, er hat Diskobesuchern etwas in die Cocktails gemischt, das da nun wirklich nicht reingehört – E605, ein Insektengift. Er ist schon seit zwei Jahren draußen, seitdem unauffällig wie eine Betschwester. Wie gesagt: In beiden Fällen ist Gift im Spiel.“ Nicole guckte skeptisch. „Ich weiß nicht, ob das passt. Aber wir überprüfen das auf alle Fälle. Bestimmt nett, die Jungs kennenzulernen“, meinte van den Berg, der jetzt richtig aufgedreht war.

Sie hatten ein totes Mädchen. Aber was wussten sie schon über sie? Sie hatte bis zu ihrem Verschwinden in einem stinkenden Saustall gelebt. Und sie konnten davon ausgehen, dass sich das Mädchen nachts gerne in den Brüsseler Bars herumtrieb. „Wir sollten die Gegend um den Bahnhof abgrasen, da sind besonders viele Kreuze“, schlug Deflandre vor. „Der Stadtplan könnte uns weiterhelfen“, nickte van den Berg. Die Polizisten waren sich einig, am Abend an den Gare du Nord zu fahren, in eine Gegend, die sie gerne mieden, weil es da immer Ärger gab. Van den Berg würde Nicole mitnehmen.

Auf dem Weg nach Hause in die Rue de Stassart hielt van den Berg bei Renard. Die Verkäufer der Konditorei kannten ihn alle, er bestellte fast immer das Gleiche. Im Winter wählte er meist die knusprigen Schweineohren, mit feinster Schokolade überzogen. In der warmen Jahreszeit bevorzugte er die kleinen Erdbeertörtchen, die liebevoll mit Schokoguss arrangiert waren. Die süßen Leckereien waren symptomatisch für van den Bergs Lebensstil. Er war ein Genussmensch, und von allem wollte er nur das Beste.

Van den Berg fuhr zum verabredeten Treffpunkt. Als er auf die Rue de la Loi eingebogen war, klingelte sein Handy. „Komm sofort zur Église Sainte-Catherine!“, brüllte eine erregte Stimme in sein Ohr. Frank De Gruye, der erst seit zwei Monaten im Kommissariat arbeitete, klang kurzatmig. „Mal langsam!“, entgegnete van den Berg cool. „Es gibt eine Tote an der Catherine. Mehr wissen wir noch nicht. Ihr müsst da so schnell wie möglich hin.“ „Okay!“, presste van den Berg hervor. Er fühlte sich, als hätte er einen Matschklumpen im Kopf. „Sag Nicole und Eric Bescheid“, sagte er hastig, bevor er das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Als er einen Lastwagen rechts überholte, blieb er beinahe an einem Laternenmast hängen. Van den Berg kannte das Geräusch, wenn das Blech an irgendetwas vorbei schrammte, nur zu gut. Es war ihm egal, er fuhr weiter so schnell es ging.

Van den Berg bereitete sich darauf vor, dass ihn wieder etwas Grauenhaftes erwartete. Er dachte kurz an das Mädchen an der St. Michel – ihm wurde klar, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun hatten. Van den Berg raste auf die Kirche zu und stieg erst kurz vor dem Portal auf die Bremse. Ohne den Motor auszustellen, rannte er zur Tür, die verschlossen war. Es hatte wieder angefangen zu regnen, und es war kalt. Vor der Tür lag ein Mädchen, das in ein weißes Nachthemd gehüllt war, durch den Regen völlig durchnässt. Van den Berg kam sich vor wie in einer Zeitschleife, genau das hatte schon einmal gesehen. Zwei Streifenpolizisten, die zur Kirche gerufen worden waren, standen apathisch neben dem Kommissar. Van den Bergs Gesicht war krebsrot, seine Halsschlagader schwoll bedrohlich an. Intuitiv hob er den Arm des Mädchens an. Da war es wieder: das Brandmal. Wie bei der ersten Toten hatte der Mörder dem Mädchen eine Zahl eingebrannt. Diesmal war es die 1, ebenfalls inmitten eines Kreises.

Van den Berg verbrachte die nächsten Minuten vor sich hin fluchend auf der Bank vor dem Gotteshaus. Er blickte gen Himmel in den hartnäckigen Nieselregen. „Was ist los?“, rief Deflandre, der mit Nicole am Tatort eintraf. „Wieder ein junges Mädchen“, schrie der Kommissar mit beleidigtem Unterton, denn er empfand das Verbrechen wie eine persönliche Demütigung. „Ich bin mir jetzt sicher, dass wir es mit einem Psychopathen zu tun haben“, meinte Deflandre und schaute zu Nicole, als wollte er eine Zustimmung für seine Feststellung haben.

Die Psychologin, die mit ihren weichen Gesichtszügen und dem schicken Outfit nicht so recht in den Polizeidienst zu passen schien, dachte nach. Sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. „Ich habe leider recht behalten. Er ist auf junge Mädchen abonniert, was bei Sexualverbrechern nicht gerade außergewöhnlich ist. Es hätte mich überrascht, wenn er seinen Opfertypus geändert hätte.“ „Wir haben wieder dieses beschissene Brandmal“, fluchte van den Berg. Die Psychologin schaute sich das Zeichen genau an. „Eine 1“, sinnierte Nicole. „Die 1 – das Sinnbild für den Anfang und das Zeichen für Gott.“ Dann schwieg sie. „Das passt zu allem anderen, zu der Kirche und zu den Allmachtsphantasien, von denen du gesprochen hast“, meinte van den Berg. „Ja, aber ich bin mir nicht mehr sicher – aber frage mich nicht warum.“ „Wir überlassen das Feld den Kollegen. Wir brauchen Spuren“, sagte van den Berg, während er beschwörend die Hände nach oben reckte.

Sie entschieden, den Besuch am Gare du Nord erst einmal aufzuschieben, sie wollten später hinfahren. Erst mussten sie die Sonderkommission zusammentrommeln. Wenn sie dem Mörder nicht bald auf die Spur kamen, würden sie von den Schmierfinken zerrissen werden. Van den Berg dachte an die Boulevardpresse, an die lästigen Reporter, die jetzt erst recht penetrante und zynische Fragen stellen würden.

Zwei Opfer, beide vergiftet vor einer Kirche, dachte van den Berg. Ein hübscheres Thema konnte es für die billigen Blätter nicht geben. Im Besprechungsraum des Kommissariats waren alle Kollegen versammelt, als van den Berg ins Zimmer gehetzt kam. „Das Foto der Toten muss sofort an alle Medien raus. Fernsehen, Zeitungen, Internet!“

De Coster trat in den Raum, als sich die Zusammenkunft gerade aufgelöst hatte. „Ich bin sicher, dass wir es mit einem Profi zu tun haben. Spuren haben wir kaum gefunden, genau wie an der St. Michel. Das Opfer ist sehr wahrscheinlich wieder vergiftet worden, wir haben die gleichen Einstiche gefunden.“ Van den Berg dachte nach. „Sonst habt ihr nichts?“ „Doch“, sagte De Coster, der es manchmal gerne spannend machte. „Ich habe mir natürlich gleich das Brandzeichen angesehen.“ „Erzähl schon!“ „Es ist blasser als das, was ich mir schon anschauen durfte, ein Hinweis darauf, dass es älter ist. Die Unterschiede sind allerdings marginal, mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen.“ „Vielleicht lasse ich mir auch so was machen, sieht abgefahren aus“, scherzte Deflandre, der glaubte, er müsse die gereizte Stimmung ein wenig auflockern. Nicole lächelte gequält, die Psychologin hatte nicht viel übrig für die Scherze des Polizisten, den sie ziemlich albern fand.

„Vielleicht kommen wir auf die Bedeutung der Zahlen, wenn wir sie kombinieren, vielleicht stehen sie für die Buchstaben des Alphabets, für A und H.“ „Ich denke, es dürfte Tausende Möglichkeiten geben. Das ist eine große Scheiße!“, echauffierte sich van den Berg. „Das ist doch mal eine schöne Aufgabe für die lieben Kollegen, sie sollen alle Kriminalfälle auflisten, in denen Zahlen und Kreise eine Rolle spielen.“ Van den Berg machte eine wegwerfende Handbewegung. Nicole dachte nach. „Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, die Bedeutung des Kreises zu ergründen. Die Zahl ergibt aber ganz bestimmt einen Sinn“, legte sich Nicole fest. „Vielleicht ist es eine Jahreszahl 18 …“, schlussfolgerte van den Berg. „Aber was ist dann mit den beiden fehlenden Nummern?“ Sie waren sich einig, dass sie das Zahlenrätsel nicht lösen konnten – noch nicht.

Die Telefone im Kommissariat liefen heiß. Hunderte von Hinweisen gingen zum Foto der Toten ein. Die meisten waren wertlos, aber es kamen genügend Anrufe, die jeden Zweifel über die Identität der Toten beseitigten. Die Gesuchte war Dorothee Lerisse - die vermisste Prostituierte vom Gare du Nord.

Van den Berg fuhr mit Deflandre in die heruntergekommene Bahnhofsgegend. „Jetzt haben wir wenigstens doppelten Grund da aufzutauchen“, frohlockte der Kommissar. „Vielleicht holt der Mörder seine Opfer aus den Puffs“, meinte Deflandre. „Jedenfalls haben wir eine Nutte, aber wir wissen nicht, ob Catherine auch auf den Strich gegangen ist.“

Über einem Flatscreen tickerten Kurznachrichten von der belgischen Regierungskrise. „Bald ist Flandern unabhängig“, frohlockte Deflandre, der amüsiert in van den Bergs mürrisches Gesicht blickte. „Findest du nicht, dass unser Land schon klein und unbedeutend genug ist?“ „Wenn wir die Wallonen nicht mehr mit durchziehen müssen, haben wir alle mehr Kohle. Das ist es doch, was zählt.“ Van den Berg hob abwehrend die Hand. „Ist dir klar, dass uns die Wallonen auch schon mal durchgefüttert haben?“ „Das ist lange her. Mein Vater hat mir davon erzählt, wie hochmütig die auf uns herabgeschaut haben. Als Bauern haben die uns beschimpft. Jetzt kriegen die das doppelt und dreifach zurück.“ Der Kommissar verdrehte genervt die Augen. „Komm mal runter Eric, wir sind Belgier, basta!“

In der Rue de la Prairie hing immer noch der ramponierte Zettel, der Dorothee Lerisse als vermisst meldete. Im Fenster nebenan saß eine Frau, die mit der getöteten Hure eine gewisse Ähnlichkeit hatte. Auch sie hatte schulterlange dunkle Haare und ein Dekolleté, das man ohne zu übertreiben als üppig bezeichnen konnte. Die Frau öffnete die schäbige Holztür. „Was wollt ihr? Seid ihr Flics?“ „Erraten“, antwortete van den Berg lachend.

„Es geht um Dorothee Lerisse. Wie gut kannten sie sie?“ „Wir haben hier ein halbes Jahr zusammen angeschafft und hier im Haus zusammengewohnt - das heißt, in zwei Zimmern nebeneinander. Aber das ist Jahre her. Haben sie etwas von ihr gehört?“ „Schauen sie kein Fernsehen? Sie ist tot!“, bemerkte Deflandre schroff.“ Die Hure wurde blass. „Scheiße, man hat sie umgebracht, richtig?“ „Schon möglich“, wich van den Berg aus. Er kramte nach dem Foto von Catherine Bouvier in seiner Jackentasche. „Kennen sie die?“ Die Frau studierte das Foto und schüttelte den Kopf. „So eine Süße wäre mir bestimmt aufgefallen.“ Wie viele der Frauen hatten noch engeren Kontakt zu Dorothee?“ „Wie soll ich das noch wissen? Das ist lange her!“ „Wussten sie, dass das Mädchen minderjährig war?“ Die Nutte zuckte ungläubig mit den Schultern. „Glauben sie, ich lasse mir von den Mädels die Ausweise zeigen?“

Van den Berg fuhr zurück ins Kommissariat, Eric Deflandre blieb im Bahnhofsviertel. „Ich will morgen früh alle Frauen, die mit Dorothee in Kontakt standen, im Büro sitzen haben, okay?“ „Ich tue mein Bestes!“ gab Deflandre zurück.

4

Van den Berg schossen die Namen durch den Kopf, die Freddy De Breuyn seinem Rechner entlockt hatte: Thierry Muller und Yves Grangé. Er rief Nicole an - die beiden entschieden, sich in einer halben Stunde im Präsidium zu treffen. Van den Berg hoffte, dass die beiden Männer sie auf die richtige Spur führen würden. Sie hatten herzlich wenig in der Hand – das musste sich schnell ändern. „Wir fahren sofort los“, begrüßte er die Psychologin, die ganz in Schwarz gekleidet war.

Die beiden Vorbestraften waren ordnungsgemäß gemeldet. De Breuyn hatte allerdings vergeblich versucht, die Telefonnummern der verurteilten Mörder herauszubekommen. „Wir fahren erst zu Muller“, sagte van den Berg im Befehlston. Nicole lächelte charmant. „Warum nicht?“ Sie fuhren in hohem Tempo in Richtung Norden, nach Schaerbeek.

Die Kommune hatte sich in den letzten Jahrzehnten zu einem reinen Einwandererstadtteil entwickelt. Gewalt und Kriminalität gehörten zum Alltag im größten Brüsseler Bezirk. Sie bogen in die Rue Dupont ein, einer schmuddeligen Straße, deren bessere Zeiten lange zurücklagen. „Da muss es sein“, rief Deflandre.

Die beiden Polizisten sprangen ungeduldig aus dem Wagen. Van den Berg näherte sich der unscheinbaren Eingangstür mit gezogener Waffe. Das Namensschild am Briefkasten bestätigte, dass sie an der richtigen Adresse waren. Nicole kauerte lässig im Rücken ihres Kollegen. Van den Berg tippte vorsichtig auf die Klingel. Nichts rührte sich in dem Haus, das grau und unauffällig wirkte und sich in nichts von den Nachbargebäuden unterschied. Sie schellten erneut. Wieder kam keine Reaktion. Beim dritten Versuch vernahmen sie ein dumpfes Rumpeln aus dem Innern des Hauses. Dann war es wieder still.

Van den Berg überlegte kurz, ob er Verstärkung anfordern sollte. Im gleichen Moment schlug etwas von innen an die Tür. Die beiden wurden nervös, van den Berg entsicherte blitzschnell seine Waffe. Die Tür öffnete sich langsam. Vor ihnen stand ein etwa 50-jähriger Mann. Er trug einen weißen Bademantel, er war unrasiert und seine glasigen Augen blickten aus tiefen Augenhöhlen. „Was gibt´s?“, nuschelte die Gestalt. „Sind sie Thierry Muller?“ „Wer will das wissen?“ Van den Berg zog hastig den Dienstausweis aus seiner Innentasche.

Die Polizisten folgten dem Mann ins Wohnzimmer. Ein mächtiger Eichentisch stand am Ende des Raumes, an den Wänden hingen Reproduktionen von Werken aus der Zeit des Expressionismus. „Herr Muller, wo waren sie gestern und vorgestern?“, fragte van den Berg knapp. Nicole beobachtete den Mann konzentriert, während er seine Stirn in Falten zog und nachdachte. „Ich war zu Hause.“ „Was denn, die ganze Zeit? Arbeiten sie nicht?“ „Ich bin krank. Ich leide unter Pfeifferschem Drüsenfieber.“

Van den Berg musterte den Mann skeptisch. „Kann jemand bezeugen, dass sie die letzten Tage hier waren?“ Nein, ich lebe allein.“ Van den Berg warf Nicole einen fragenden Blick zu. Der Blick der Psychologin verriet, dass sie Muller bereits durchschaut hatte. Dieser schwächliche Typ sollte die Mädchen zu den Kirchen geschleppt haben? Das konnte sie sich schwerlich vorstellen. „Ich nehme an, sie sind in ärztlicher Behandlung?“, fragte van den Berg. Muller nickte und schrieb die Telefonnummer seines Docs auf einen Zettel. „Wir werden das überprüfen.“ „Worum geht es hier eigentlich? Von welcher Abteilung sind sie?“ „Wir ermitteln in einem Mordfall. Sie lesen wohl keine Zeitung?“

Muller machte Anstalten zu protestieren. „Unser Besuch ist reine Routine“, beruhigte ihn van den Berg. Die Polizisten verabschiedeten sich. „Dass der Typ ziemlich kaputt ist, dürfte klar sein, oder?“, meinte Nicole, als sie in den Wagen stieg. „Aber er hat kein Alibi. Vielleicht spielt er uns was vor. Wir lassen ihn observieren, bis wir mehr wissen.“ Nicole zögerte einen Augenblick. „Ist dir aufgefallen, dass Muller deinem Blick ein einziges Mal ausgewichen ist?“ Der Kommissar schaute Nicole verblüfft an. „Nein, wann denn?“ „Als du ihm klargemacht hast, dass es um Mord geht.“ „Und?“ „Er hat nicht nur weggeschaut, er hat sich mit seiner Hand über die Stirn gestrichen. Das war eine Spur zu heftig. Irgendetwas gefällt mir an dem Typen nicht.“ „Muller ist ein verurteilter Mörder, da darfst du nicht zu viel erwarten“, scherzte van den Berg.

Nicole lächelte nachdenklich. „Jedenfalls hat er das Mädchen nicht die Treppe raufgeschleppt.“ Van den Berg nickte. Er hatte Muller nicht mehr auf der Rechnung, aber ganz sicher war er sich nicht. „Ich werde mit seinem Arzt sprechen, dann wissen wir, ob er uns Märchen erzählt hat.“

Yves Grangé war in der Rue de Spa gemeldet. Der Zufall wollte es, dass die gutbürgerliche Straße, die an der großen Verkehrsachse Rue de la Loi lag, Nicole bestens bekannt war. Eine Freundin war vor ein paar Monaten nach Brüssel gezogen und lebte in der ruhigen Straße in einer Wohngemeinschaft. Van den Berg parkte seinen MG in zweiter Reihe neben einem Mercedes SL. Die beiden Polizisten begutachteten das helle Mehrfamilienhaus. Van den Berg studierte die Klingelschilder und den Briefkasten. „Kein Grangé! Scheiße!“ stöhnte der Polizist.

Van den Berg blickte noch einmal an der Hausfassade hoch. Ihm wurde schlagartig klar, dass die Suche nach dem zweiten Verdächtigen länger dauern würde. Er überließ Deflandre die Befragung der Nachbarn und fuhr ins Büro. Im Kommissariat kam ihm De Breuyn auf dem Flur entgegen. „Ich habe mit Mullers Arzt gesprochen. Der Typ leidet tatsächlich unter Pfeifferschem Drüsenfieber, seit mindestens einem Jahr. Außerdem säuft er wie ein Loch. Der Doc hält es für ziemlich unwahrscheinlich, dass dieses Wrack ganz easy eine Mädchenleiche so eine lange Treppe hinauf schleppt“, meinte der Polizist mit seinem typischen schrulligen Lachen " „Du bist ja echt fix, Freddy. Dann können wir den ja abhaken", erwiderte van den Berg nachdenklich. Irgendetwas gefiel ihm nicht an Muller, er kam nur nicht darauf, was es war.

Die Polizisten tappten im Dunkeln. Die Befragung der Prostituierten vom Gare du Nord hatte in puncto Catherine Lerisse rein gar nichts ergeben. Keine der Damen wollte das zarte Mädchen in der Rue de la Prairie gesehen haben. Was Dorothee betraf, glaubte sich eine Nutte zu erinnern, dass sie aus Liège stammte.

Die Suche nach Yves Grangé gestaltete sich schwierig. Keiner der Nachbarn hatte ihn offenbar jemals zu Gesicht bekommen. Der Mann schien ein Phantom zu sein. Deflandre fragte sich, ob die Rue de Spa eine Briefkastenadresse war, mit der der Gesuchte kriminelle Geschäfte abwickelte. Der Polizist wählte gerade van den Bergs Nummer, als ein unscheinbarer Mann im blauen Arbeitskittel an der Haustür auftauchte.

Deflandre wartete, bis er aufgeschlossen hatte, und hastete dann mit gezogenem Dienstausweis auf ihn zu. „Deflandre, Polizei Brüssel. Darf ich fragen, wer sie sind?“ Der Mann schaute Deflandre leicht verängstigt an und stellte sich als Hausmeister vor. „Gibt es einen Ort, an dem wir in Ruhe sprechen können?“ Der unscheinbare Mann lotste Deflandre in den Keller bis zu einer schweren Eisentür, hinter der die Heizungsanlage untergebracht war.

„Wir suchen diesen Mann“, sagte Deflandre, während er das Foto des Gesuchten gegen das schwache Deckenlicht hielt. Der Hausmeister zuckte mit den Schultern. „Wer soll das sein?“ „Yves Grangé, er ist in diesem Haus gemeldet.“ Deflandre sah dem Mann an, dass er eine Idee hatte. „Es gibt eine Wohnung ohne Namensschild, die ist vollkommen leer. Wir mussten da vor ein paar Wochen rein, Wasserrohrbruch!“ Deflandre nickte und wählte noch einmal van den Bergs Nummer. Der Hausmeister besorgte derweil den Schlüssel für die Wohnung.

Es stellte sich heraus, dass er kaum übertrieben hatte. Die Zweizimmerwohnung war tatsächlich fast leer, lediglich eine Matratze und ein kleiner Kühlschrank verloren sich in dem weiß getünchten Zimmer. Als sich Deflandre zum Kühlschrank herunterbeugte, vernahm er ein Knarren an der Haustür. Der Polizist fuhr herum und tastete nach seiner Dienstwaffe. „Ich bin es nur, Eric“. Van den Berg registrierte amüsiert, dass er seinen Kollegen erschreckt hatte. „Richtig gemütlich hier“, scherzte der Kommissar.

Die Polizisten diskutierten lebhaft darüber, was von der verlassenen Bude zu halten war. „Wahrscheinlich hat er die Wohnung nur angemietet, um irgendwo gemeldet zu sein", mutmaßte Deflandre. „Oder er hat die Wohnung aufgegeben, weil er schnell wegmusste", warf van den Berg ein. „Was mich viel mehr interessiert: Wie finden wir ihn?“ Der Polizist sah in der Fensterscheibe, dass jemand hinter ihnen stand. Es war Nicole, die sich lässig an den Türrahmen lehnte. Sie hatte die Unterhaltung der beiden schon eine Weile verfolgt.

Die Psychologin trug eine eng geschnittene weiße Bluse und eine schwarze Hose, die in auffällige Lederstiefel gesteckt war. „Merkwürdige Wohnung. Es wäre gut, wenn wir den Typen schnell finden würden“, sagte sie.

Grangé war abgetaucht. Die Heimlichtuerei und der bemerkenswerte Zustand seiner Behausung machten den Mann verdächtig, das war aber auch alles. Bis vor fünf Jahren hatte er als verurteilter Mörder in Saint-Gilles gesessen und war nach zehn Jahren Haft wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden. Der zuständige Psychologe hatte seinem Patienten in seinem Gutachten attestiert, keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr zu sein. Vor seiner Verhaftung waren Fahndungsfotos von Grangé in Umlauf, die einen muskulösen aber dennoch unscheinbaren jungen Mann zeigten.

Er hatte damals in einem Verlag als Buchhalter gearbeitet. Aber wo verdammt war er jetzt? Wo wohnte er? Was machte er? Wie konnten sie ihn bloß finden? Die Sonderkommission zog in Erwägung, ein Foto des Mannes an die Medien zu geben. Sie verwarfen die Idee. Van den Berg war der Meinung, der Tatverdacht reiche für diese Maßnahme nicht aus. Nicole gab zu bedenken, dass man den Verdächtigen so nur unnötig aufschreckte. Man fände leichter eine Spur zu dem Phantom, wenn man im Verborgenen ermittelte.

Van den Berg hatte Marie in De Haan kennengelernt. An seinen freien Tagen war der Kommissar häufig in den verschlafenen Küstenort gefahren. Er erinnerte sich gern zurück an den Frühlingstag. Die Sonne kämpfte gegen die grauen Wolken, ein kräftiger frischer Wind strich über das Meer und den breiten Strand. Der Kommissar mochte das raue Klima, das zu seiner temperamentvollen Natur passte.

Der Blick auf den Sand und das Wasser schärfte seinen Verstand, setzte Gedanken und Emotionen frei, die in Brüssel unter der Dunstglocke blieben. Er setzte sich neben die blonde Frau auf die Bank.

Es dauerte eine Weile, bis sie begannen, miteinander zu sprechen. Von Anfang an war van den Berg von der Frau fasziniert. Ihm gefielen der Klang ihrer Stimme und ihr Lächeln. Marie lebte in Paris, im vornehmen achten Arrondissement, in der Nähe des Eiffelturms. Sie studierte Deutsch und Spanisch an der Sorbonne. Nie hatte van den Berg eine leidenschaftlichere Beziehung erlebt, als mit dieser zierlichen Frau, die ihn immer wieder mit verrückten Ideen überraschte. Er dachte an den Tag, als sie am Kommissariat mit einer alten Harley-Davidson auftauchte und sie spontan an den Atlantik fuhren und erst im Morgengrauen in Biarritz ankamen.

Van den Berg verschanzte sich mit Deflandre und Nicole in seinem Büro. Er gab Anweisung, nicht gestört zu werden. Die Stimmung im Kommissariat war gereizt. Journalisten hatten sich am Morgen bei van den Berg gemeldet und ihn gefragt, warum es noch keine heiße Spur gab. Zwei grauenhafte Mordfälle mussten aufgeklärt werden, sie brauchten Ergebnisse und das möglichst schnell.

Die außergewöhnlichen Umstände des Verbrechens ließen die Phantasie der Journalisten ins Kraut schießen. Eine Boulevardzeitung erfand den „Negligé-Killer“, eine andere erschuf das „Giftmonster“. Van den Berg hatte eine tiefe Abneigung gegen die reißerische Berichterstattung der bunten Blätter.

Vor einem Jahr, als er sich mit dem bizarren Ritualmord beschäftigen musste, war er mit einem jungen ehrgeizigen Fernsehjournalisten aneinandergeraten, der ihm und seinen Kollegen in einer Live-Sendung Unfähigkeit bei den Ermittlungen vorgeworfen hatte. Er war auf den Provokateur mit Fäusten losgegangen, Deflandre hatte ihn im letzten Moment davon abgehalten, zuzuschlagen. Fotos der Auseinandersetzung, die den aufgebrachten Kommissar mit wutverzerrter Fratze in Großaufnahme zeigten, waren in einigen Zeitungen auf den Titelseiten gedruckt worden.

Mit Journalisten sprach er nicht mehr. Der Polizist hatte damals überlegt, alles hinzuschmeißen. Nur Marie und die Kollegen, die sich geschlossen hinter ihn stellten, hatten ihn umgestimmt. Jetzt war er wieder da, der öffentliche Druck, dem er sich nicht entziehen konnte, der ihn rasend machte.

Der Kommissar orderte einen ganzen Stapel Bücher über exotische Gifte. Er hatte wenig Lust, das Internet nach Informationen durchzuforsten, ebenso wenig wollte er die Recherche De Breuyn überlassen.

Er fand vor allem medizinische Abhandlungen über die Wirkungsweise des Giftes und über dessen früheren Einsatz als Medikament, im Wesentlichen das, was De Coster schon lang und breit doziert hatte. Als es ihm reichte mit der anstrengenden Lektüre, stieß er auf eine Passage, die ihn neugierig machte. Das Kapitel beschrieb ausführlich, wie Indianer im Amazonas Curare zur Jagd eingesetzt hatten und um sich gegen die Eroberer zur Wehr zu setzen. Aber ein Zusammenhang zu seinen Fällen fiel ihm nicht ein. Van den Berg eilte in den Besprechungsraum und holte die große Metalltafel aus dem Schrank, die er schon oft für Tatortskizzen und andere Aufzeichnungen benutzt hatte.

Mit einem schwarzen Filzstift skizzierte der Kommissar die Namen der Opfer, die Tatorte und die Personen im Umfeld der Toten. Dann schrieb er die Namen Muller und Grangé dazu. Van den Berg blickte zu Nicole. „Eric glaubt, dass wir es mit einem Psychopathen zu tun haben.“ „Es spricht einiges dafür, dass der Täter eine Persönlichkeitsstörung hat. Er hat seine Opfer vergiftet, wahrscheinlich wollte er, dass sie elendig ersticken. Mitgefühl ist für diesen Typen ein Fremdwort. Ich bin mir trotzdem nicht sicher, dass es ihm darum geht, seine Opfer leiden zu sehen.“ „Wenn er sie nicht leiden sehen will, warum denkt er sich dann so was Krankes aus?“ „Er will beachtet werden und Schrecken verbreiten. Er hat sich zwei große Kirchen ausgesucht, er hat zwei Menschen umgebracht, mit einem exotischen Gift, er hat Zeichen hinterlassen. Das ist deutlich.“

Deflandre grinste. „Da hat uns dein wallonischer Genius ja mal wieder ein großes Stück weitergebracht.“ Nicole blieb cool, sie fragte sich nur, woher ihr Kollege wusste, dass ihre Großeltern aus Liège stammten. Dem Kommissar platzte der Kragen. „Wenn du sonst nichts beizutragen hast, hältst du jetzt die Schnauze.“ Deflandre sah ein, dass es besser war zu schweigen.

Jemand klopfte an die Bürotür. „Ich habe doch gesagt, wir wollen nicht gestört werden“, raunte van den Berg. Es war Freddy De Breuyn, der vor der Tür stand und von der Anweisung offensichtlich nichts mitbekommen hatte. Van den Berg bat ihn herein. „Ich hoffe, du hast was Brauchbares. Das könnte die dicke Luft hier drin vertreiben.“ „Ich habe mich an unser Phantom gehängt. Er ist tatsächlich ein ganz großes Fragezeichen. In dem Verlag kennt ihn kaum noch jemand. Es gibt zwei Leute da, die mit ihm zu tun hatten, das war´s. Dann habe ich die Nachbarn gesucht, die damals in seiner Umgebung wohnten, ich habe dir die Kontaktdaten auf den Schreibtisch gelegt.

„Gute Arbeit“, lobte van den Berg. „Das Beste kommt doch noch.“ De Breuyn zögerte die Antwort extra ein Weilchen hinaus. Er wusste von den Frotzeleien auf den Fluren über ihn, den schrägen Vogel. Wenn seine akribischen Recherchen wieder einmal etwas Wichtiges zutage gefördert hatten, rächte er sich für die Gemeinheiten. „Erzähl schon“, rief Deflandre, der zu den größten Lästermäulern gehörte.

De Breuyn zog sein Mobiltelefon aus der Tasche. Die Polizisten schauten sich fragend an, Nicole schaltete am schnellsten. „Du hast seine Mobilnummer?“ „Exakt!“ Die triste Stimmung in van den Bergs Büro schlug blitzschnell in Euphorie um. „Dann wollen wir mal schauen, wo sich unser Freund rum treibt“, meinte van den Berg freudig erregt. Den Aufenthaltsort eines Flüchtigen per Handy zu ermitteln, war eine gängige Fahndungsmethode. Gleich der erste Versuch funktionierte, Grangé war geortet.

Als van den Berg hörte, dass sich der Gesuchte an der belgischen Küste herumtrieb, musste er an Marie denken und an De Haan. Er fragte sich, was sie gerade machte, was sie sagen würde, wenn er sie anrief. Würde er durchdrehen, wenn sie miteinander sprachen?

Van den Berg war erleichtert, als sich herausstellte, dass Grangé an einem anderen Küstenabschnitt unterwegs war. Er war in De Panne, einem lebhaften Ort an der französischen Grenze, wo viele Familien Kurzurlaub machten.

Sie hielten es für das Beste, sofort loszufahren, in einer Stunde würden sie dort sein. Sie debattierten noch kurz darüber, ob Nicole die Fahrt ans Meer mitmachen sollte.

Van den Berg wollte vermeiden, sie einem hohen Risiko auszusetzen, die Psychologin versprach, bei Gefahr im Verzug aus der Schusslinie zu bleiben. Der Kommissar wusste, dass die Psychologin ihm von großem Nutzen sein konnte, wenn sie Grangé schnappten. Sie nahmen den großen Peugeot, van den Bergs Dienstwagen. Deflandre übernahm das Steuer, Nicole und van den Berg setzten sich nach hinten, um ihre Vorgehensweise zu beraten.

Nicoles Blick fiel auf eine halbe Rolle Kekse, die hinten auf der Ablage hin und her rollte. „Futterst du nicht immer diese Sorte?“ Van den Berg fühlte sich ertappt. „Die habe ich hier wohl liegen gelassen.“ Es dauerte keine zwei Minuten, bis der Kommissar die letzten fünf Kringel verputzt hatte. Nicole und Deflandre beobachteten ihn interessiert dabei und amüsierten sich über seinen Heißhunger auf Süßkram.

Der junge Polizist war für seinen wilden Fahrstil berüchtigt - Deflandre hatte sich schon Anzeigen von Autofahrern eingehandelt, die sich von seinen waghalsigen Überholmanövern provoziert fühlten und sich bei seinem Vorgesetzten beschwerten. Van den Berg rüffelte seinen Kollegen regelmäßig, wenn er mit mehr als 200 Sachen über die Autobahn jagte. Jetzt aber ließ der Kommissar ihn gewähren. Er wollte diesen Grangé aufspüren, und das möglichst schnell. Es war die einzige Erfolg versprechende Fährte, die sie hatten, er durfte ihnen nicht durch die Lappen gehen – auf gar keinen Fall. Als sie in De Panne ankamen, waren nur wenige Menschen auf den Straßen unterwegs, der anhaltende Nieselregen hatte den Urlaubern die Lust auf ausgedehnte Spaziergänge vermiest. Es war nicht schwer, die Pension „Aan Zee“ zu finden.

Die schlichte Herberge unterschied sich kaum von den anderen grauen Häusern in der Umgebung. Van den Berg und Nicole betraten das Hotel durch die offene Tür. Deflandre blieb draußen und beobachtete das Gebäude von der Seite aus, sodass er gleichzeitig auch den Hintereingang im Auge hatte. Das bescheidene Foyer an der Rezeption machte zwar einen einfachen aber gepflegten Eindruck. Am Empfang saß ein Mann, der mindestens siebzig sein musste.

Konzentriert blickte der Alte über den Goldrand seiner Brille und studierte die Ankömmlinge. „Bonjour, wir sind von der Polizei Brüssel, Mordkommission.“ Der Mann schaute erstaunt, blieb aber gelassen. „Wir suchen einen Yves Grangé.“ „Der Name sagt mir nichts. Der wohnt bestimmt nicht hier.“ „Vielleicht nicht unter diesem Namen!“ Van den Berg fischte ein Foto aus der Tasche. Der Mann nickte. „Das könnte er sein“, murmelte er. „Er sieht etwas älter aus, aber …“

Er schlug das Gästebuch auf. „Peters, René Peters, ich denke, das ist er.“ „Ist er auf seinem Zimmer? Wann haben sie ihn zum letzten Mal gesehen?“ „Vor einer Stunde. Er ist nicht hier. Er geht mittags immer weg und kommt gegen Abend wieder.“ „Seit wann wohnt er hier?“, wollte van den Berg wissen. „Seit einer Woche.“

„Unser Freund ist gerne inkognito“, sagte der Kommissar lächelnd. Was führte Grangé im Schilde? Warum versteckte er sich in einer Pension in De Panne? War er der Mann, der zwei Menschen vergiftet und vor eine Kirche geworfen hatte? Sie fragten sich, ob er Verdacht geschöpft und nicht mehr in die Pension zurückkehren würde.

Sie machten einen weiteren Versuch, Grangé zu orten. Aber es gelang ihnen nicht – hatte er etwas gerochen und sein Handy entsorgt? Sie warteten im Wagen, Nicole verließ die beiden Kollegen ab und zu, um Getränke und Snacks zu besorgen.

Es begann zu dämmern und die drei Polizisten dachten darüber nach, ob Grangé überhaupt auftauchen würde oder ob sie nur ihre Zeit verschwendeten. Deflandre vertrat die Ansicht, dass das Phantom bereits über alle Berge war - van den Berg wusste nicht so recht, was er glauben sollte. Nicole war allerdings davon überzeugt, dass Grangé schon bald aufkreuzen würde.

Als van den Berg gerade im Begriff war, eine Schlafpause einzulegen, näherte sich ein kräftiger Mann in unauffälliger grauer Jacke. Mit schnellen Schritten eilte er auf den Hoteleingang zu. Der Wind hatte seine Haare völlig zerzaust. „Das ist er!“ Deflandre zog seine Waffe, lud sie durch und riss die Autotüre auf. „Warte, es ist zu spät, er ist schon fast im Hotel“, rief van den Berg. „Wir holen ihn uns besser im Zimmer.“

Die beiden Männer stiegen langsam aus dem Auto, während Nicole zurückblieb und das Hotel von jener Position aus beobachtete, die Deflandre zuvor eingenommen hatte. Die Polizisten sprachen kurz mit dem Concierge, der ihnen bestätigte, dass der Mann, der soeben im Hotel aufgetaucht war, mit demjenigen übereinstimmte, der als René Peters eingecheckt hatte.

Der Kommissar und sein junger Assistent schlichen die schmale Treppe hinauf bis in den zweiten Stock. Zimmer 23, hier musste er sein. Deflandre klopfte an die Tür ohne etwas zu sagen, van den Berg stand hinter ihm mit dem Revolver im Anschlag. Nichts rührte sich. Sie warteten eine halbe Minute, dann klopften sie erneut. Noch immer kam keine Reaktion aus dem Zimmer. Deflandre legte sein Ohr an die dünne Tür. Er hörte einen Windzug, das Fenster schien offen zu stehen, sonst vernahm er nichts.

„Grangé oder von mir aus Peters, wir wissen, dass sie hier sind. Öffnen sie die Tür, wir haben ein paar Fragen. Wir sind von der Polizei!“ Es vergingen weitere zwei Minuten, ohne dass sich etwas rührte. „Wir öffnen“, flüsterte van den Berg.

Deflandre steckte den Schlüssel in den Zylinder und schloss leise auf. Mit einem heftigen Ruck drückten die Polizisten die Tür auf und sprangen ins Zimmer. „Polizei - kommen sie raus!“ Das Bett war zerwühlt, Deflandre lief ins Badezimmer. „Scheiße, da ist auch niemand!“ Van den Berg rannte nach unten zur Rezeption. „Wie kommt man von der zweiten Etage zum Hinterausgang?“ „Über die Feuertreppe und das Dach!“ „Scheiße!“

Van den Berg ärgerte sich über seinen dämlichen Fehler, nicht gleich alle Fluchtmöglichkeiten in Betracht gezogen zu haben. In diesem Moment kam Nicole ins Hotel gestürmt. „Beeilt euch, er ist in Richtung Strand geflüchtet.“

Deflandre hielt sich für den schnellsten Polizisten Brüssels, mindestens das. Als Jugendlicher war er ein herausragender Leichtathlet gewesen und hatte es auf der Sprintstrecke zum belgischen Jugendmeister gebracht.

Er rannte in die Richtung, die Nicole ihm gewiesen hatte. Van den Berg hatte keine Mühe, ihm zu folgen, obwohl er zehn Jahre älter war als er. Der Kommissar genoss es, dass er noch so schnell auf den Beinen war. Deflandre hatte die Spur aufgenommen. Er sah einen großen Mann in dunkler Jacke, der den Strand entlang rannte. Das musste er sein.

Deflandre glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als van den Berg unvermittelt neben ihm auftauchte. Er hätte zu gern etwas gesagt, aber für Sprüche war jetzt keine Zeit. Sie zogen das Tempo noch einmal an, sie kamen dem Flüchtenden immer näher, keine 100 Meter lagen jetzt mehr zwischen ihnen. Der Strand war fast menschenleer, nur ein paar Familien gingen mit ihren Kindern am Meer spazieren. Es hatte aufgehört zu regnen. „Bleiben sie stehen, Grangé! Polizei!“, brüllte van den Berg so laut er konnte. Der Flüchtende rannte weiter, er drehte sich nicht einmal zu ihnen um.

Nur langsam gelang es ihnen, Grangés Vorsprung aufzuholen. Die Polizisten mussten anerkennen, dass ihr Gegner offensichtlich in guter Form war. Plötzlich blickte er einen kurzen Moment zu ihnen und wechselte mit einem flinken Haken die Richtung, jetzt rannte er vom Wasser weg in Richtung der dicht bebauten Promenade. „Wir müssen ihn kriegen, bevor er vom Strand runter ist“, rief van den Berg zu Deflandre. Der Polizist zog seine Pistole und feuerte eine Kugel in die Luft ab. „Das ist die letzte Warnung, Grangé!“ Der Gejagte drehte sich zu den Polizisten, im gleichen Moment stolperte er und ging zu Boden. Er raffte sich noch einmal auf, aber im tiefen Sand dauerte es zu lange, bis er Geschwindigkeit aufnehmen konnte, die Polizisten kamen immer näher.

Grangé schien unbewaffnet zu sein, sie verzichteten darauf, auf ihn zu schießen. Deflandre warf sich auf den Mann und packte seinen rechten Fuß. Das Phantom strauchelte und fiel bäuchlings in den Sand. Deflandre versetzte ihm einen Faustschlag aufs Kinn, während er auf ihm kniete. Van den Berg drehte Grangé auf dem Rücken, er keuchte und rang nach Luft. Er reckte die Hände nach oben als Zeichen, dass er keinen Widerstand mehr leisten würde. „Legen sie sich auf den Bauch – die Hände auf den Rücken!“, befahl Deflandre. Grangé gehorchte und drehte sich im nassen Sand.

Jetzt kam Nicole dazu, die auf van den Bergs Geheiß Abstand zu dem Verdächtigen gehalten hatte. Sie sah die Erleichterung in van den Bergs Gesicht, den Gesuchten endlich dingfest gemacht zu haben. „Ich wusste gar nicht, dass du so schnell laufen kannst“, flachste Deflandre, während er seinen Kollegen angrinste. „Du weißt vieles nicht“, gab van den Berg zurück.

Während die Psychologin den Wagen holte, führten die beiden Polizisten Grangé in Handschellen zur Promenade. Einige Urlauber hatten die Verhaftung mitbekommen und begafften den Gefangenen neugierig. „Kommt doch näher, dann könnt ihr besser gucken“, blaffte van den Berg die Touristen an. Grangé sah fast so aus, wie auf dem alten Fahndungsfoto, das van den Berg in der Tasche hatte. Sein Haar war etwas grauer geworden und er hatte ein paar Falten unter den Augen, ansonsten hatte er sich während seiner Haft nicht verändert. Sie setzten den gefesselten Mann nach hinten in den Wagen, Deflandre rutschte neben ihn.

Van den Berg und Nicole drehten sich zu ihm um. „Am besten, sie gestehen gleich alles, das spart uns allen viel Zeit“. Van den Berg erwartete nicht, dass der Mann seinem Wunsch nachkam, es war vielmehr ein Versuch, ihn zum Reden zu bringen. „Was sollte ich denn gestehen?“, fragte Grangé cool. „Verkaufen sie uns nicht für dumm! Sie haben zwei Menschen vergiftet und genüsslich krepieren lassen. Sie haben ja Erfahrung darin, Leute auf diese Weise umzubringen.“

Grangé wurde blass, seine Gesichtszüge waren regelrecht eingefroren. Er begann, wie wild an den Handschellen zu rütteln. „Ihr seid wohl völlig krank, wovon redet ihr überhaupt?“, fauchte er wie ein wild gewordener Tiger. Deflandre brachte Grangé schnell zur Räson, indem er die Handschellen enger zog. Nicole gab van den Berg das Zeichen auszusteigen. Sie wollte mit ihm allein sprechen. „Er war es nicht“ Die junge Psychologin schaute ihren Kollegen mit einer Selbstsicherheit an, die ihn verblüffte. „Ich habe ihn beobachtet. Als du ihm die Morde vorgehalten hast, war er irritiert. Ich glaube nicht, dass das gespielt war.“ Van den Berg zog nachdenklich die Augenbrauen hoch und sagte nichts. Die beiden stiegen wieder in den Wagen. Sie befragten Grangé nach seinem Alibi. „Ich bin seit einer Woche in De Panne in dieser beschissenen Pension.“ „Aber doch wohl nicht ständig?“, wandte Deflandre mit zynischem Unterton ein. „Ich war jede Nacht in meinem Bett, falls es euch interessiert. Ich war immer um neun im Hotel und habe es danach nicht mehr verlassen. Fragt doch den Nachtportier, dem entgeht nie etwas!“ „Da sie vorzugsweise den Hinterausgang benutzen, können wir uns das wohl sparen!“

Nicole schaute Grangé tief in die Augen. „Was tun sie hier in De Panne?“ „Ich wollte einfach weg aus Brüssel. Wissen sie was das bedeutet, zehn Jahre lang eingesperrt zu sein? Und dann raus zu kommen und nichts mehr zu haben, außer einem Bankkonto?“ „Ein Konto? Heißt das, sie haben Geld?“ „Ich habe gut verdient damals und auch ein paar Euro geerbt. Ich komme ein Weilchen zurecht, ohne dass ich arbeiten muss.“ „Was ist mit ihrer Wohnung in Brüssel?“ „Ich hab´s da nicht mehr ausgehalten, verstehen sie?“ „Sie waren also seit einer Woche nicht mehr in Brüssel?“ „Ich war seit Monaten nicht mehr dort.“ „Die Wohnung ist fast leer, es gibt kein Namensschild, niemand kennt sie in dem Haus. Schon etwas merkwürdig, oder?“ „Wie ich schon sagte, ich habe es in Brüssel nicht ausgehalten. Ich bin gar nicht dazu gekommen, die Bude einzurichten.“

Sie brachten Grangé ins Kommissariat. Die Polizisten schwiegen die gesamte Fahrt über. Deflandre und van den Berg wussten nicht, woran sie bei Grangé waren. Deflandre vermutete, dass er in der Sache drinsteckte und die Morde mit einem Komplizen eingefädelt hatte. Nicole hielt den Mann für absolut unschuldig, van den Berg mochte sich nicht festlegen. Der Kommissar tendierte aber eher zu Nicoles Position, vor allem deshalb, weil sich die Psychologin mit ihrer Einschätzung von Tatverdächtigen bislang so gut wie nie getäuscht hatte.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺165,84

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
300 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783754170793
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar