Kitabı oku: «Lost in Privilege», sayfa 2
Kapitel 2
EIN MILLENNIAL STELLT SICH VOR
Nach den Hintergrundinformationen zu den Millennials möchte ich nun noch einen Vertreter dieser Generation etwas genauer vorstellen: mich.
Die Idee des eigenen Buches kam mir im Sommer 2020. Damals hatte ich gerade meinen Master erfolgreich absolviert und befand mich von Montag bis Freitag in einem Eight-to-five-Job. Auch wenn die Wochenendaktivitäten aufgrund von Corona stark beeinträchtigt waren, gab es durchaus andere Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Was also brachte mich dazu, meine Freizeit zu opfern und mich stundenlang vor den Laptop zu setzen?
Davon werde ich auf den folgenden Seiten ebenso berichten wie von meiner eigenen Geschichte. Mein Buch soll keine Autobiografie sein, in der ich kleinschrittig meine bisherigen 27 Jahre wiedergebe. Dafür war mein Alltag dann doch meistens sehr durchschnittlich. Die vorgestellten Ansätze leben aber von meinen persönlichen Erfahrungen. Um diese zu verstehen und entsprechend einordnen zu können, sollten vorab einige Stationen aus meinem Leben bekannt sein.
Dazu werfe ich einen kurzen Blick auf meine Jugendzeit, auf die Schul- und Studienzeit, prägende Momente und Gefahrensituationen, die Gründe für meinen Umzug nach Hamburg, die Auslöser meiner Sinnkrise und schließlich die Schritte, die mich dazu gebracht haben, diese Krise beenden zu wollen. Ich bin mir darüber im Klaren, dass dadurch sehr viel Persönliches in diesem Buch steckt. Meiner Ansicht nach kann aber genau das dabei helfen, sich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen und vielversprechende Schlüsse für den eigenen Alltag zu ziehen.
DIE GRÜNDE FÜR DIESES BUCH
Kreativität
Ich kann nicht von mir behaupten, dass es schon immer mein Traum war, ein eigenes Buch zu verfassen. Allerdings war ich in meinem Umfeld schon früh dafür bekannt, gute Texte schreiben zu können. Oft bekam ich Lob für die passende Formulierung von Mails, Nachrichten oder Geburtstagskarten. Im Studium schrieb ich gerne Hausarbeiten und merkte, dass ich mich bei wissenschaftlichen Texten teilweise minutenlang mit der Formulierung einzelner Sätze beschäftigen konnte, bis sie mir schließlich passend erschienen. Auch während der Anfertigung meiner Masterarbeit blitzten zwischendurch Momente auf, in denen ich fast schon Spaß am Schreiben hatte. Jedoch hatte ich nie die Absicht, diesem Bereich besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Ein wichtiger Grund für meinen kleinen Ausflug in die Autorenwelt war daher die Erkenntnis über die eigene Kreativität. Ich glaube nicht, dass sie von jetzt auf gleich einfach so da war, zumindest komme ich rückblickend zu diesem Schluss. Wahrscheinlich hatte ich sie schon immer in mir, was mir in dieser Zeit durch verschiedenste Umstände erst so richtig bewusst wurde.
Ich weiß nicht, inwieweit ich mit 27 Jahren ohnehin einen neuen Zugang zu meiner Kreativität gefunden hätte oder ob der Corona-Lockdown einen großen Anteil daran hatte. Auf jeden Fall wurde dieser Prozess durch Social Distancing beschleunigt, weil ich mich über einen längeren Zeitraum viel intensiver mit mir und meinen Gedanken beschäftigen konnte. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, meine wahren Interessen zu erkennen und entsprechend auszuleben. Das Ergebnis war ein kreatives Projekt, was ich mir kurz zuvor selbst nicht zugetraut hätte.
Vielleicht dauerte es auch deshalb so lange, weil ich nicht in mein eigenes Weltbild eines Kreativen passte. Mein privates aber vor allem berufliches Umfeld wird bestätigen können, dass ich generell ein Fan von Struktur und Ordnung bin und es damit auch gerne mal übertreibe. Ein Kreativer war für mich jemand, der wie ein zerstreuter Professor in seinem eigenen Chaos lebt und seine Ideen wirr und ohne offensichtliche Struktur auf Schmierzetteln aufschreibt. Mittlerweile weiß ich, dass sich strukturiertes Arbeiten und Kreativität keinesfalls ausschließen.
Mitteilungsbedürfnis
Natürlich steckte auch ein gewisses Mitteilungsbedürfnis hinter meiner Absicht, ein Buch zu schreiben. Möglicherweise war es der Versuch, all das loszuwerden, was mir auf der Seele brannte und wofür ich Tage gebraucht hätte, um es meinem Umfeld in dieser Ausführlichkeit erzählen zu können. Kurz bevor ich mich dem Schreiben widmete, merkte ich, dass ich zunehmend Spaß daran bekam, inspirierende Gespräche zu führen. Dabei verspürte ich einen immer stärkeren Drang, meine eigenen Erfahrungen zu teilen.
Der erste große Ausbruch meines Mitteilungsbedürfnisses kam dann etwa einen Monat vor meinem Entschluss, ein Buch zu schreiben. Im Juni 2020 hatte ich gerade zum ersten Mal seit Monaten ein Wochenende in der Heimat verbracht und befand mich nun auf der Autobahn von Köln nach Hamburg. Um die Fahrzeit möglichst angenehm zu gestalten, hörte ich eine Folge des erfolgreichen Podcasts Gemischtes Hack. Da ich die aktuelle Episode bereits auf dem Hinweg gehört hatte, griff ich zu einer Folge, die einige Monate alt war. In der Kategorie »Fünf schnelle Fragen an…« stellte Felix Lobrecht folgende Frage an Tommi Schmitt: »Was hast du in der Shutdown-Zeit bisher über dich gelernt?«
Ohne es aktiv zu forcieren, schossen mir unzählige Gedanken durch den Kopf, wie ich auf diese Frage antworten würde. Intuitiv drückte ich auf Pause, um meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Auf einmal stellte ich mir vor, ich würde zusammen mit Felix und Tommi den Podcast aufnehmen und müsste nun eine Antwort geben. Das tat ich dann auch. Ich sprach es nicht laut aus, aber ich brachte meine Gedanken so strukturiert zusammen, dass sie eine ausführliche Antwort bildeten. Es vergingen fast 20 Minuten, bis ich meine imaginäre Antwort beendet hatte und den Podcast fortsetzte.
In den nächsten Minuten folgte ich dem Podcast nur flüchtig, denn ich versuchte, meine Intention für dieses ungewohnte Verhalten zu erkennen. So etwas hatte ich noch nie bewusst wahrgenommen und dementsprechend überrascht war ich von mir selbst. »Was war das denn gerade?«, ging es mir durch den Kopf, während ich mich allmählich der Hansestadt näherte. Irgendwie merkte ich, dass da etwas in mir schlummerte, was es zu wecken galt.
Dieses Gefühl verfolgte mich die nächsten Tage und ich überlegte mir täglich neue Fragen, die ich in einem Podcast beantworten würde. Irgendwann wurde es inhaltlich so viel, dass ich mich an den Schreibtisch setzte, um meine Gedanken am Laptop festzuhalten. Als ich fertig war, hatte ich bereits drei Seiten geschrieben. Ich speicherte den Entwurf, ohne zu wissen, was daraus einmal werden sollte.
Das eigene Projekt
Etwa zur gleichen Zeit begannen um mich herum immer mehr Freunde und Bekannte, ihre eigenen Projekte zu starten. Ein eigener VW-Bus hier, eine Instagram-Seite für Fotografie dort. Menschen in meinem Umfeld fanden ihre Leidenschaft und konnten sich einem persönlichen Projekt widmen, während ich mich weiter auf der Suche nach Ähnlichem befand.
Dies sollte sich allerdings schlagartig ändern, als es Anfang Juli 2020 mit meiner Familie auf die dänische Ostseeinsel Bornholm ging. Bis dahin hatte ich mehrere Monate mit der Anfertigung meiner Masterarbeit verbracht, meine Asienreise Corona-bedingt absagen müssen und kurz vor dem Urlaub mit großem Stress auf der Arbeit zu kämpfen. Dazu machten mir die Folgen der Corona-Einschränkungen mehr und mehr zu schaffen. Dieser Urlaub kam daher genau zur richtigen Zeit. Allen Besonderheiten zum Trotz gestaltete sich die Zeit auf der Insel sehr erholsam und ich konnte die letzten Monate endlich hinter mir lassen.
Mein Podcast-Erlebnis hatte mich dazu gebracht, meinen Laptop mitzunehmen, um an dem Entwurf weiterzuarbeiten. Ich strukturierte die ungeordnet gesammelten Gedanken und fügte neue Inhalte hinzu. Mir fiel auf, dass ich deutlich kreativer war als noch zuhause in Deutschland. Schnell hatte ich eine grobe Gliederung und mein Entwurf erstreckte sich bereits über 30 Seiten. Noch immer wusste ich nicht so ganz, wohin mich diese Texte bringen sollten. Doch allmählich bekam ich eine Ahnung, was die logische Konsequenz von meinem Entwurf war.
Nach sechs Tagen trat ich die Heimreise an, während der Rest der Familie noch etwas länger auf der Insel blieb. Schon auf der Überfahrt realisierte ich, wie aufgetankt und erholt ich mich fühlte. Ich war in einem regelrechten Rausch an Kreativität und Tatendrang, sodass mich ein Gefühl des Aufbruchs überkam. Zuhause angekommen wollte ich den Rausch allerdings nicht einfach so für meinen gewohnten Alltag »verschenken«. Es entwickelte sich der Wunsch, diese Energie für etwas ganz Persönliches und bestenfalls Selbstverwirklichendes zu verwenden.
Nach meinem Master hatte sich eine innere Leere breitgemacht, da meine berufliche Entwicklung unter anderem durch Corona ins Stocken geraten war. Ich sah in einem eigenen Projekt die Chance, diese Leere zu füllen und 2020 doch noch für etwas zu nutzen. Ich wollte dieses seltsame Jahr nicht so ohne Weiteres als verlorenes Jahr abhaken. Noch am selben Abend setzte ich mich wieder an den Laptop und schrieb weitere fünf Seiten mit Ideen auf.
Von nun an kreisten meine Gedanken von morgens bis abends um meinen Entwurf. Aus allen Alltagssituationen versuchte ich, Inspiration für mein Werk zu gewinnen. Gerade in der Anfangszeit des Schreibens wollte ich keine noch so kleine Idee verpassen. Mein Vollzeitjob kam mir zu dieser Zeit fast schon in die Quere. Am liebsten hätte ich mich mehrere Monate ausschließlich dem Schreiben hingegeben. An den Wochenenden im Sommer saß ich gelegentlich schon ab 7:30 Uhr am Schreibtisch, um meine kreativste Phase des Tages bestmöglich ausnutzen zu können.
Täglich kamen neue Passagen und Seiten hinzu und ich musste mich ernsthaft damit befassen, dass ich gerade dabei war, mein eigenes Buch zu schreiben. Schon längst handelte es sich nicht mehr nur um ein paar Ideen, sondern um ein eigenes Projekt. Mein ganz persönliches Projekt. Auf einmal hatte ich ein großes Ziel vor Augen. Ich erstellte einen ersten Coverentwurf, druckte ihn aus und befestigte ihn mit Büroklammern auf einem Buch aus meinem Regal. »So könnte dein Buch einmal aussehen«, sagte ich zu mir und konnte mir ein breites Lächeln nicht verkneifen.
Nach und nach entwickelte sich aus der wachsenden Überzeugung zu meinem Projekt die Vision, das Buch meiner Familie zu Weihnachten zu schenken. Somit hatte ich auch meinen Zeitplan und es verschwanden letzte Zweifel. Ich versank jeden Tag tiefer in der Welt des Schreibens und mein Buch füllte sich mit Leben.
Zu diesem Zeitpunkt war die Veröffentlichung noch gar kein Thema. Durch das Schreiben wollte ich eigentlich nur ein paar Erinnerungen an mich selbst festhalten. Daraus wurde eine Art Therapie in Form eines Projektes, in das ich sehr viel Herzblut stecken konnte. Die Idee der Veröffentlichung kam mir erst nach ein paar Wochen. Mit Self-Publishing fand ich eine Möglichkeit, meine Geschichte zu teilen und dabei weiterhin die volle Kontrolle über die Inhalte zu behalten. Ich wollte mir in gewisser Weise selbst beweisen, ein solches Projekt eigenständig auf die Beine stellen zu können, und verzichtete daher bewusst auf professionelle Hilfe beim Cover und bei der Korrektur. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass dieses Buch nicht mit der Absicht entstanden ist, in einer Bestsellerliste zu landen oder finanzielle Freiheiten zu bringen. Es ist einfach nur das Ergebnis einer länger andauernden Suche nach einem kreativen Projekt.
Ein Beispiel sein
Aber natürlich war und ist es mein Wunsch, dass dieses Buch einige Menschen erreicht. Nachdem ich mich ein Jahr mit meiner eigenen Entwicklung befasst hatte, verspürte ich zunehmend Interesse daran, anderen meine Erfahrungen weiterzugeben. Dabei stieß ich immer häufiger auf sehr offene Ohren und positives Feedback zu meinen Geschichten. Gleichzeitig begannen vereinzelt Freunde damit, aktiv ihr Handeln zu hinterfragen, und ich bekam den Eindruck, dass dies vielen Millennials so ginge.
Es beschäftigte mich, dass diese privilegierte Generation teilweise Probleme damit hat, das eigene Leben zu ordnen. Dass von außen betrachtet alle erfolgreich ihren Weg gehen, der allerdings bei vielen von Unsicherheit und großem Druck begleitet wird. Ich hatte das Gefühl, ein gutes Beispiel zu sein, wie man eine solche Krise hinter sich lassen kann, um gestärkt daraus hervorzugehen.
Als ich das Buch schrieb, wohnte ich bereits seit über zwei Jahren in Hamburg. Obwohl die Stadt in Teilen als sehr alternativ gilt und obwohl Persönlichkeitsentwicklung schnell mit Spiritualität in Verbindung gebracht wird, führte ich kein alternatives Leben. Ich machte im Grunde das, was ein 27-Jähriger aus behüteten Verhältnissen heutzutage so macht und versank täglich in der von Corona beeinträchtigten Durchschnittlichkeit. Das betone ich deshalb so explizit, weil für Veränderungen oftmals eine weitreichende Umstellung der eigenen Gewohnheiten erwartet wird. Das ist meiner Meinung nach allerdings nicht nötig. Bestimmte Lebensumstände können in einer Phase voller Zweifel zwar alles andere als förderlich sein, vieles von all dem passiert aber einzig und allein im Kopf und genau das möchte ich durch meine persönlichen Erfahrungen vermitteln.
Auch wenn ich sehr stolz auf mich und meine Entwicklung bin, möchte ich nicht behaupten, dass ich es seit meinem Fokus auf die Persönlichkeitsentwicklung zu etwas Großem geschafft habe oder ein unfehlbarer Mensch geworden bin. Ich bin überzeugt von meinen Erfahrungen als alltagstaugliches Beispiel und glaube an die Wirksamkeit der Ansätze. Aber ich setze nicht voraus, dass sie auch automatisch in dieser Form bei allen anderen funktionieren. Es gibt viele Wege, um eine Sinnkrise zu beenden. Der Ausflug in die Persönlichkeitsentwicklung kann einer davon sein.
Nicht nur mit den Inhalten, auch mit dem Buch an sich möchte ich ein wenig zum Nachdenken anregen. Es ist ein kleiner Beweis dafür, dass sich erfüllende Tätigkeiten nicht nur da finden lassen, wo wir sie vermuten. Manchmal begegnen sie uns auch, wenn wir einmal unsere Zweifel zur Seite schieben und einfach anfangen das zu tun, wofür wir brennen. Ich werde im Verlauf des Buches nicht müde darin, meine persönliche Bedeutung von Lost in Privilege immer wieder zum Ausdruck zu bringen. Einfach, weil ich eine solche Begeisterung noch nie für eine Tätigkeit empfunden habe. Sie dient mir als Bestätigung, seit Sommer 2019 einen Weg eingeschlagen zu haben, der mir ganz neue Möglichkeiten offenbaren kann.
Gemeinsam mit meinen persönlichen Erfahrungen und Meinungen, mit den Ansätzen der Persönlichkeitsentwicklung und den Praxistipps zu jedem Thema möchte ich damit zum Nachdenken anzuregen und im besten Fall zur Nachahmung animieren.
MEINE GESCHICHTE
In Kölle jebore
Das Licht der Welt erblickte ich 1993 in Köln. Bis heute bin ich meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie sich bei meiner Geburt gegen unsere Heimatstadt und für die Domstadt entschieden. Die Tatsache, dass ich ne kölsche Jung bin, hebt meinen ohnehin übertriebenen Lokalpatriotismus nochmal auf eine andere Ebene.
Doch genau genommen habe ich noch nie in meinem Leben in Köln gewohnt. Die ersten 23 Jahre verbrachte ich bis auf ein paar Ausnahmen in einer nahegelegenen Kleinstadt. Dort herrschten hervorragende Bedingungen, um eine Familie zu gründen, und so blicke ich heute auf eine behütete Kindheit zurück. Ich wuchs in einer ruhigen Reihenhaussiedlung auf, ging in den Kindergarten, später in die Grundschule und spielte beim städtischen Fußballverein. In allen Bereichen fand ich problemlos Freunde und konnte mich zu jeder Zeit über ein funktionierendes Sozialleben freuen.
Schon früh hatte ich das Privileg, mindestens einmal im Jahr mit meiner Familie in den Urlaub zu fahren. Dabei ging es meistens im Sommer für drei Wochen auf die dänische Ostseeinsel Bornholm, die dadurch wie ein zweites Zuhause und zu einem paradiesischen Zufluchtsort wurde. Im Alter von 20 Jahren hatte ich bereits über ein Jahr meines Lebens auf dieser Insel verbracht. Eine Anreisemöglichkeit ist bis heute die Fährverbindung vom deutschen Kurort Travemünde ins schwedische Trelleborg, von wo aus es nach einer kurzen Autofahrt zu einem anderen Hafen weiter nach Bornholm geht. Die Orte Bornholm und Travemünde spielen eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit meiner Sinnkrise und werden im weiteren Verlauf das ein oder andere Mal auftauchen.
Nach der Grundschule folgte ich meinem vier Jahre älteren Bruder und ging auf das erzbischöfliche Gymnasium der Stadt. Die Zeit knüpfte nahtlos an meine behütete Kindheit an, da der Schulalltag nicht mit dem einer städtischen Schule zu vergleichen war. Rückblickend bin ich sehr froh, dass ich bis zur achten Klasse weiterhin im Fußballverein angemeldet war, um auch das Leben außerhalb der Schule zu kennen. Auf einer Schule, auf der es fast keine Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund gab, auf der vor dem Unterricht gebetet werden sollte und auf der es selten bis nie Gewaltprobleme gab, konnte man durchaus davon ausgehen, dass dies auch auf die gesamte Gesellschaft übertragbar war. Heute würde man wahrscheinlich von einer Filter Bubble sprechen, in der eine völlig eigene Realität herrschte.
Ich möchte aber nicht sagen, dass ich die Wahl der Schule bereue. Auch wenn ich die religiösen Werte nur bedingt lebte, fühlte ich mich sehr wohl und genoss eine sehr gute Schulausbildung. Gleichzeitig fand ich auf dem Gymnasium enge Freunde, die mich bis heute begleiten. Bevor ich allerdings mein Abitur erfolgreich abschloss, musste ich noch die große Hürde der Pubertät überstehen. Diese sollte sich als äußerst aufwühlende Zeit herausstellen, in der ich mich mehr und mehr in einem Gedankenchaos verlor.
Die Jugendkrise
Dieses Gedankenchaos sorgte letztlich dafür, dass ich zum Ende meiner Jugend mehrere Jahre mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Ich muss gestehen, dass ich ein wenig gezögert habe, ob ich dieses Kapitel mit aufnehmen soll. In Deutschland gelten Depressionen und psychische Probleme im Allgemeinen traurigerweise auch heute noch als Tabuthema, obwohl aktuellen Studien zur Folge bis zu neun Prozent der deutschen Bevölkerung jährlich an Depressionen erkrankt sind. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen. Auch gebe ich dadurch sehr persönliche Informationen von mir preis.
Aber es hätte sich falsch angefühlt, diesen Teil von mir zu verschweigen, zumal ich mich dafür auch nicht schäme. Im Gegenteil. Ich bin stolz darauf, diese Zeit überstanden zu haben, und zähle sie mittlerweile zu den wichtigsten und prägendsten Abschnitten meines Lebens. Das Teilen meiner Geschichte soll außerdem Betroffene ermutigen, sich deshalb nicht zu verstecken oder gar schlecht zu fühlen. Ich möchte einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass dieses wichtige Thema die berechtigte Aufmerksamkeit erhält, weshalb ich kurz auf meine Erfahrungen eingehen werde.
Alles begann im Alter von etwa 16 Jahren. Ich war ein perfektes Beispiel dafür, dass äußere Umstände nicht immer ausschlaggebend für innere Zufriedenheit und Glück sind. Ich konnte weiter ein privilegiertes Leben führen, hatte finanzielle und soziale Absicherung, schrieb gute Noten und lebte von außen betrachtet ein klassisches Teenagerleben. Dennoch konnte ich mich in dieser Zeit nicht auf die positiven Dinge des Lebens konzentrieren und besaß wenig Selbstvertrauen. Natürlich ist es normal, dass in der Pubertät die Gedanken verrücktspielen und dass ein hormongeladener Junge nicht unbedingt mit sich selbst im Reinen ist. Doch entwickelten sich aus meinen pubertären Gedanken schnell immense Selbstzweifel. Ich fühlte mich unwohl in meinem schmächtigen Körper und hatte das Gefühl, alle anderen hatten mehr Glück im Leben. Schon damals sorgten digitale Plattformen wie ICQ und Schüler-VZ für ständiges Vergleichen und verstärkten meine Zweifel.
Irgendwann wurden diese zu sich häufenden depressiven Schüben, bis ich mich schließlich wochen- und monatelang leer und niedergeschlagen fühlte. Es brauchte dazu nicht einmal mehr einen triftigen Grund. Ich wachte morgens nach einem erholsamen Schlaf auf und suchte mir bewusst traurige Musik aus, um positive Stimmung gar nicht erst zuzulassen. Einfach nur, weil ich nicht anders konnte. Gesellschaft wurde in dieser Phase für mich verstärkt zur Anstrengung, weshalb ich mich ein bisschen aus meinem Sozialleben zurückzog. Das war allerdings die einzige sichtbare Auswirkung und selbst die ist für einen Teenager, der das Gaming für sich entdeckt hatte, nicht unbedingt verhaltensauffällig. Ich meldete mich in einem Inlineskater-Hockey-Verein an, ging weiter normal zur Schule und besuchte Geburtstage, sodass ich niemandem einen Vorwurf machen kann, dass dies nicht auffiel.
Im Alter von 18 Jahren realisierte ich allmählich, dass es sich dabei nicht einfach um pubertäre Gedankengänge handelte. Nur war ich damals nicht in der Lage, mich anderen zu öffnen, um dieses Thema anzusprechen. Das sollte sich kurz darauf ändern, als ich meine erste Freundin kennenlernte. Sie redete mir schon vor der Beziehung Mut zu, professionelle Hilfe zu suchen, was ich kurz darauf auch tat. Mit 18 zum Therapeuten. Das kennen die meisten nur von Kindern, die in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind oder schon früh Schicksalsschläge erlitten haben. In Kombination mit der Beziehung brachten die Gespräche zeitnah etwas Leichtigkeit zurück, die allerdings wieder verschwand, als die Beziehung zwei Jahre später zu Ende ging. Vieles von dem, was ich besiegt geglaubt hatte, wurde wieder freigelegt. Ich hatte Sorge, wieder in dieses Loch zu fallen.
Nach mehreren Monaten tiefer Trauer und sozialen Rückzugs kam ich zum ersten Mal in meinem Leben an einen wichtigen Punkt. Ich realisierte, dass ich für das Beenden eigener Krisen selbst verantwortlich war. Als sich die Emotionen langsam gelegt hatten, schloss ich das Kapitel mit einem Kurzurlaub in Travemünde ab und nahm wieder aktiv am Leben teil.
Das Bachelorstudium
Wahrscheinlich geprägt durch die zahlreichen Urlaube auf Bornholm hatten mich Transportmittel und insbesondere Schiffe schon immer begeistert. Auch mangels sinnvoller Alternativen folgte ich nach dem Abitur erneut meinem Bruder und begann ein duales Studium mit Schwerpunkt Logistikmanagement in meiner Heimatstadt. Für die dreimonatigen Praxisphasen pendelte ich entweder zu meiner Arbeit in der Nähe von Düsseldorf oder zog dort in eine möblierte Wohnung. Da ich meinen Lebensmittelpunkt nicht von zuhause entfernen wollte, verbrachte ich jedes Wochenende bei meinen Eltern.
Der Schritt ins Arbeitsleben traf mich Ende 2013 mit voller Wucht und ich hatte große Probleme mit dem neuen Alltag. Der Tagesablauf, die Verantwortung eines Jobs und die deutlich verringerte Freizeit machten mir schwer zu schaffen. Es dauerte mehrere Monate, bis ich mich an dieses neue Leben gewöhnt hatte. Dann allerdings konnte ich mich voll und ganz auf meine Ausbildung konzentrieren und erste Erfolge im Job verzeichnen. Die interessanteren Geschichten wurden aber verständlicherweise in den Theoriephasen an der Fachhochschule geschrieben. Auch wenn ein duales Studium kein klassisches Studentenleben bietet, holte ich in diesen drei Jahren einiges nach, was ich unter anderem in meiner Jugendzeit versäumt hatte. Speziell in den Sommersemestern gab es Phasen, in denen ich mit meinem Kurs mehrmals die Woche in Köln feiern war und in denen ich merkte, dass ein Singleleben ohne Verpflichtungen und Termine auch Vorteile mit sich bringen kann.
Gleichzeitig merkte ich, wie gut es tat, mein Sozialleben wieder in Gang zu bringen, neue Leute kennenzulernen und enge Freundschaften aufzubauen. Mit der Zeit wurde ich selbstbewusster und taute zunehmend auf. Ein Kommilitone sagte mir am Ende des zweiten Studienjahres, dass ich deutlich aktiver in der Gruppe geworden sei. Zwar agiere ich bis heute in ungewohntem Umfeld zunächst unauffällig, doch war diese Bemerkung für mich ein Zeichen dafür, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand.
Später war ich so aufgetaut, dass ich für das obligatorische Auslandssemester von meiner ursprünglichen Idee, an eine renommierte Uni in Schweden zu gehen, absah und stattdessen mit drei Kommilitonen im Frühjahr 2016 nach Riverside in Kalifornien reiste. Ich könnte jetzt berichten, wie faszinierend es war, eine amerikanische Universität zu besuchen und wie sehr ich mich fachlich weiterbilden konnte. Doch ehrlich gesagt standen die dreieinhalb Monate eher im Zeichen persönlicher Entwicklung und einmaliger Erfahrungen. Die Vorlesungen begannen erst vier Wochen nach unserer Ankunft und fanden hauptsächlich abends statt. Zudem hatten wir uns am sogenannten Extension Center eingeschrieben, bei dem die Kurse an maximal drei Tagen in der Woche angeboten wurden. Wir hatten also ausreichend Freizeit, in der wir das Land, die Menschen und die Kultur von Amerika kennenlernen konnten.
Da wir uns zu viert ein Auto gemietet hatten, machten wir unzählige Ausflüge und Roadtrips. Besonders die zahlreichen Nationalparks wie der Yosemite National Park, der Grand Canyon oder das Monument Valley waren beeindruckende Anblicke. In unserem Alltag tauchten wir in den kalifornischen Lifestyle von Los Angeles ein, genossen unser Leben am Pool oder den bekannten Pazifik-Stränden und feierten Partys, wie man sie aus College-Filmen kennt. Es war alles in allem eine aufregende Zeit, an die ich mich für immer gerne zurück erinnern werde.
Zurück in Deutschland musste ich noch ein Semester absolvieren, bis ich im Oktober 2016 in das Vollzeit-Arbeitsleben einsteigen konnte. Meine Bachelorarbeit hatte ich bereits vor dem Auslandssemester abgegeben und bestanden, sodass ich im Grunde »nur« noch ein paar Kurse absitzen musste. Von meinem Dekan wurde mir zum Abschluss des Studiums vermittelt, dass ich Teil der hoffnungsvollen Arbeitnehmer von morgen sei und möglichst zügig eine erfolgreiche Karriere einschlagen sollte.
Genau deshalb hatte ich möglicherweise ein großes Problem damit, nach meinem Studium zunächst als Sachbearbeiter einzusteigen. Ich redete mir ein, ich sei für deutlich mehr berufen und wollte am besten direkt die Assistenz der Niederlassungsleitung werden. Heute weiß ich, dass dieser Schritt für mich sehr sinnvoll war. Zum einen hatte ich das Glück, in ein aufgeschlossenes und hilfsbereites Team zu kommen, mit dem ich auch außerhalb der Arbeit etwas unternehmen konnte. Zum anderen schaffte ich dadurch notwendige Grundlagen für meine weitere berufliche Laufbahn.
Besondere Erfahrungen
Ich glaube, es ist nichts Besonderes, dass ich mit Mitte 20 meinen Einstieg ins Arbeits- bzw. Studentenleben gefeiert habe, neue Leute kennengelernt habe, viele neue Eindrücke gesammelt und gleichzeitig auch persönliche Rückschläge erlitten habe. All diese Erfahrungen zählen meiner Meinung nach zu normalen Umständen, die wir alle wahrscheinlich so oder so ähnlich schon erlebt haben und aus denen wir unsere ganz eigenen Erkenntnisse gewonnen haben. Abgesehen davon trägt jeder Mensch allerdings noch ganz persönliche Erfahrungen mit sich, die in dieser Form nur wenige andere erlebt haben. Das können normale Alltagssituationen sein oder aber Gefahrensituationen, die besonders prägend waren.
Auch ich habe solche Erfahrungen gemacht, von denen ich im Folgenden kurz berichten möchte. Das mache ich nicht nur, weil ich so gerne erzähle, sondern vor allem, weil sie einen nachhaltigen Einfluss auf mich hatten. Die drei kleinen Geschichten spielten sich dabei alle im Zeitraum von 2016 bis 2017 ab.
Die erste Erfahrung war der Besuch von Ground Zero in New York, wo wir auf der Rückreise aus Kalifornien für ein paar Tage stoppten. Eventuell kennen viele das Memorial aus Dokumentationen oder waren selbst schon einmal dort. Für alle anderen möchte ich eine kurze Beschreibung geben. Neben dem 2015 neu eröffneten One World Trade Center sind zwei riesige quadratische Brunnen in den Boden eingelassen, die den Grundrissen der ehemaligen Twin Towers entsprechen. In den Rand der Brunnen sind die Namen der über 2.700 Todesopfer der Anschläge vom 11. September 2001 graviert.
Ich erinnere mich noch genau, wie erdrückend der Anblick dieser Gedenkstätte war. Die Stimmung in unserer Gruppe war über das gesamte Auslandssemester hinweg fröhlich bis albern. Als wir von der Greenwich Street auf das Gelände des Memorials einbogen, war davon schlagartig nichts mehr zu spüren. Mit einem Mal hatte es uns die Stimme verschlagen und wir standen mehrere Minuten einfach nur wie angewurzelt vor einem der Brunnen. Je mehr Eindrücke wir aufnahmen, umso erdrückender wurde die Atmosphäre. Wir blickten auf die riesigen Brunnen, die die Dimensionen der Twin Towers verdeutlichten. Das benachbarte One World Trade Center diente als Höhenvergleich zu den Türmen, die innerhalb kürzester Zeit in sich zusammengestürzt waren. Und dann waren da noch weinende Angehörige, die eine weiße Rose in einen der eingravierten Namen steckten und damit den Terroranschlag auf einmal personalisierten.
Bis heute habe ich keinen Ort auf dieser Welt besucht, der mich so sehr hat erstarren lassen wie das 9/11-Memorial. Natürlich war ich mit acht Jahren nicht in der Lage, die Tragweite des Ereignisses entsprechend einzuordnen, und habe den 11. September 2001 nicht so intensiv erlebt wie beispielsweise meine Eltern. Dennoch gibt es genügend Dokumentationen, Bilder und Videos von den Anschlägen, um das Ausmaß zu kennen. Und diese Bilder im Kopf wurden plötzlich unglaublich real, als ich knapp 15 Jahre nach den Anschlägen direkt am Ort des Geschehens stand.
Für die zweite Erfahrung war eine solche Transformation von Gedanken in die Realität hingegen nicht notwendig, da ich sie zum Zeitpunkt des Geschehens aus nächster Nähe miterlebte. Im August 2017 lag ich gerade mit drei Freunden an der Playa de Bogatell in Barcelona, als uns die Eilmeldung zu einem Anschlag auf der beliebten Einkaufsstraße La Rambla erreichte.