Kitabı oku: «Lost in Privilege», sayfa 4
Dadurch habe ich mich auf eine spannende, immer noch andauernde Reise begeben, auf der ich mich besser kennengelernt habe als je zuvor, und mit der ich meine Sinnkrise beenden konnte. Das alles war nur möglich, weil ich mich voll und ganz auf dieses neue Thema eingelassen habe, weshalb ich abschließend dazu ermutigen möchte, es selbst einmal auszuprobieren.
| PRAXISTIPPS |
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sehr schwer ist, die Ansätze aus Büchern in den eigenen Alltag zu integrieren. Daher beende ich jedes Kapitel mit ein paar Praxistipps. Diese sind in ihrem Anspruch und Umfang steigend und bauen gelegentlich aufeinander auf. Gemeinsam haben sie das Ziel, dir die eigene Umsetzung zu erleichtern. Einiges davon ist aus den von mir gelesenen Büchern übernommen, andere Tipps habe ich mir selbst überlegt. Vielleicht wird nicht in jedem Kapitel etwas für dich dabei sein. Doch ich kann dir bestätigen, dass die Tipps bei mir teilweise wahre Wunder gewirkt haben. Am Ende des Buches wartet eine vollständige Checkliste, auf der alle Praxistipps aufgeführt sind und auf der du deine Fortschritte abhaken kannst.
1. Ein Buch kaufen
Wir beginnen ganz banal. Im digitalen Alltag können analoge Bücher eine wahre Bereicherung sein. Sie können entschleunigen und ermöglichen uns, unseren Horizont zu erweitern. Da ich dir mit meinem Buch auch ein wenig Inspiration mit auf den Weg geben möchte, hast du diesen Schritt im besten Fall schon erledigt. Für weitere Inspiration verweise ich auf die vorgestellten Buchempfehlungen. Selbstverständlich ist dieser Tipp nicht nur auf die Persönlichkeitsentwicklung begrenzt.
2. Mit dem Buch arbeiten
Inspirierende Bücher sollten nach dem Lesen nicht einfach im Regal verschwinden. Besorge dir daher Textmarker, bevor du dein nächstes Buch liest. Durch das Markieren und Notieren wichtiger Stellen können die Inhalte viel intensiver abgespeichert werden. Mit verschiedenen Farben bekommt das neu gelernte Wissen eine angemessene Struktur und lässt sich so deutlich einfacher nachschlagen. Das kann dabei helfen, persönliche Veränderungen einzuleiten oder neue Informationen zu verinnerlichen.
3. Mit einer inspirierenden Person befassen
Nimm dir einen Abend Zeit und informiere dich ausführlich über eine Person, die für dich inspirierend ist. Lies Artikel, Bücher und Social-Media-Beiträge, höre Podcasts oder schaue dir Videos zu dieser Person an. Je mehr inspirierende Informationen zur Verfügung stehen, umso größer ist die Chance, dass sich daraus eine Initialzündung entwickelt, die wiederum eigene Veränderungen in Gang setzt.
ALLEIN SEIN
| JULI 2020 |
Trotz Corona ging es auch dieses Jahr mit der Familie nach Bornholm. Dieses Mal aber nicht nur mit meinen Eltern, sondern auch mit meinem Bruder und seiner Freundin. Wie auch im Jahr zuvor lag eine anstrengende Phase hinter mir. Bis April hatte ich meine Masterarbeit geschrieben, der Job wurde zunehmend stressiger und wie wir alle war ich seit Monaten den Auswirkungen der Corona-Pandemie ausgesetzt. Aufgrund der dadurch ausgerufenen Reisebeschränkungen stand auch bis zuletzt ein kleines Fragezeichen hinter dem Urlaub, weshalb ich meine Vorfreude bewusst unterdrückte. Umso unwirklicher war es, als wir Anfang Juli mit dem Auto von der Fähre fuhren und die Einreisekontrolle erfolgreich hinter uns brachten.
Das Wetter spielte von Anfang an nicht so wirklich mit. Es war sehr durchwachsen und wenn sich die Sonne einmal zeigte, wurde sie meistens von starkem Wind begleitet. Ich versuchte mich davon jedoch nicht herunterziehen zu lassen. Schließlich befand ich mich immer noch im Urlaub. Allerdings merkte ich, dass mir der Stress der letzten Wochen deutlich in den Knochen hing und ich nicht so recht entspannen konnte. Das lag auch daran, dass ich im Vergleich zum letzten Jahr gemeinsam mit meinen Eltern angereist war und seit Eintreffen auf der Insel durchgehend in Gesellschaft aufhielt. Das war natürlich auch der Sinn eines gemeinsamen Familienurlaubs und tat sehr gut. Dennoch hatte ich das Gefühl, ein bisschen Zeit allein zu brauchen, um endgültig anzukommen.
Als sich die Sonne am zweiten Abend erstmals zeigte, verabschiedete ich mich kurzerhand zu einem kleinen Spaziergang in den Dünen. Da sich die Wege in den letzten 20 Jahren nicht verändert hatten, wusste ich genau, wo ich langgehen konnte und welche Orte besonders schön waren. Obwohl es sehr windig war, ging ich anschließend über eine kleine Treppe runter zum Strand. Die Sonne, die langsam hinter den Bäumen verschwand, hüllte den Strand in herrliches Licht und erzeugte eine passende Atmosphäre. Ich setzte mich in den Sand und genoss den Ausblick auf die stürmische Ostsee. Mit einem Mal pausierten meine Gedanken. Die Masterarbeit, der stressige Job und Corona waren plötzlich verschwunden. Stattdessen ließ ich ganz klassisch »die Seele baumeln«. Ich saugte die beruhigende Stimmung dieses Momentes auf und begann allmählich, emotional in diesem Urlaub anzukommen.
Ich dachte an das zurückliegende Jahr, an den letzten Urlaub und an das, was sich seitdem in meinem Leben geändert hatte. Mit einem Mal kamen all die persönlichen Erfolge wieder zum Vorschein. Sofort sah ich mich in einer unglaublich positiven Grundstimmung und blickte voller Vorfreude auf die kommenden Tage. Nach etwa 20 Minuten entschloss ich mich dazu, vom Strand aufzubrechen und zurück zu unserem Ferienhaus zu gehen. Dort angekommen setzte ich mich zu meinen Eltern auf die Terrasse, schnappte mir ein Bier und stieß mit ihnen auf ein paar erholsamen Tage auf Bornholm an.
Bedeutung des Alleinseins
Um die Bedeutung des Alleinseins zu verstehen, ist zunächst eine Abgrenzung zur Einsamkeit wichtig. Obwohl die Begriffe allein und einsam zwei unterschiedliche Zustände beschreiben, werden sie oft identisch verwendet. Hierfür möchte ich einmal die Definitionen aus dem Duden zur Hilfe nehmen:
allein
ohne die Anwesenheit, Gegenwart eines anderen oder anderer, getrennt von anderen, ohne Gesellschaft, für sich
einsam
für sich allein, verlassen; ohne Kontakte zur Umwelt
Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass Alleinsein eher auf einen sichtbaren Zustand hinweist, während Einsamkeit enger mit einer negativen Empfindung verbunden ist, die für Außenstehende nicht unbedingt erkennbar sein muss. Eine Person, die gerade auf Gesellschaft verzichtet und allein ist, muss sich noch lange nicht einsam fühlen.
Wie man so hört, tun dies aber interessanterweise recht viele Millennials und das sogar, obwohl sie über ausreichend Gesellschaft und soziale Kontakte verfügen. Insbesondere Singles suhlen sich in dieser Emotion, wenn sie trotz großem Freundeskreis und vielen Terminen niemanden haben, mit dem sie ihren Weg gemeinsam gehen können. Eine Beobachtung, die im Übrigen auch schon vor Corona zu erkennen war. Einige Charaktere haben große Probleme damit und versuchen, ihre Einsamkeit zu verdrängen, indem sie auch das Alleinsein verhindern wollen. Wenn sie nicht durch Studium, Ausbildung und Beruf ohnehin im Dauerstress sind, verplanen sie sich ihr Wochenende und hetzen von Termin zu Termin. Für sie ist Alleinsein etwas Schlechtes, was von außen mit nicht vorhandenen Freunden gleichgesetzt werden könnte.
Doch was wäre denn, wenn man sich ganz bewusst dazu entschieden hätte, eine bestimmte Aktivität allein zu machen? Wenn man bewusst einen Tag auf Gesellschaft verzichtet hätte, um zum Beispiel am nahegelegenen Badesee ein bisschen durchzuatmen und Zeit für sich zu nehmen? Meine Geschichte zu Beginn des Kapitels kann hierfür ein gutes Beispiel sein. Dieser Moment am Strand wäre für mich wahrscheinlich niemals so intensiv gewesen, wenn ich ihn in Gesellschaft erlebt hätte.
Alleinsein ist daher kein Indiz für Einsamkeit, sondern hat in Wirklichkeit eine völlig unterschätzte Bedeutung. Das Alleinsein gibt uns die Möglichkeit, unsere Gedanken einmal zu ordnen und das eigene Handeln zu reflektieren.
In dieser Zeit können wir uns einfach nur ausruhen oder uns mit den großen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Wir können uns sammeln, neue Ziele formulieren und die eigenen Interessen ausfindig machen. Wie soll man denn mit all dem Grundrauschen um sich herum erkennen, ob der BWL-Studiengang oder das neue Hobby wirklich etwas für einen ist? Auch großen Investitionen, Urlaubsplänen oder der Beurteilung eigener Entscheidungen widmet man sich besser losgelöst vom Alltagsstress. Darüber hinaus ermöglicht ein Zustand ohne Gesellschaft, bestimmte Erlebnisse zu verarbeiten, indem wir uns intensiv mit ihnen befassen. So kann verhindert werden, dass die Erinnerungen sofort wieder überlagert werden. Für eine ausgeprägte und zielführende Selbstreflexion braucht es somit in der Regel Zeit und Abstand und genau das lässt sich durchs Alleinsein erreichen.
Emotionale Intelligenz
Seit einigen Jahren ist der Begriff der emotionalen Intelligenz verstärkt in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz sind in der Lage, Gefühle zu erkennen, richtig zu deuten und bestenfalls positiv zu beeinflussen. Dies gilt dabei nicht nur für die eigenen Gefühle, sondern auch für die Gefühle anderer. Emotional intelligente Menschen verfügen über ein ausgeprägtes Beziehungsmanagement und können sich gut in andere Menschen hineinversetzen.
Immer häufiger wird die Ausprägung emotionaler Intelligenz ins Verhältnis zum Intelligenzquotienten gesetzt. Dieser beschreibt bekanntlich im Allgemeinen die intellektuellen und kognitiven Fähigkeiten eines Menschen. Beide Intelligenzen lassen sich durch spezielle Tests in einer entsprechenden Kennzahl (EQ bzw. IQ) wiedergeben. Einige wissenschaftliche Ansätze gehen mittlerweile so weit, dass sie dem EQ eine mindestens genauso große Bedeutung zusprechen wie dem klassischen IQ. Auch im Recruiting erhält der EQ zunehmend größeren Stellenwert.
Die große Aufmerksamkeit erreichte die emotionale Intelligenz 1995 durch Daniel Goleman. Die Ansätze des amerikanischen Autors und Wirtschaftsjournalisten möchte ich im Folgenden nutzen, um die Grundlagen von emotionaler Intelligenz aufzuzeigen. Er selbst übernahm den Begriff dabei aus einem wissenschaftlichen Artikel, in dem John D. Mayer und Peter Salovey fünf Jahre zuvor erstmals von diesem Ausdruck Gebrauch machten.
EMOTIONALE INTELLIGENZ
Selbstwahrnehmung
Eigene Gefühle wahrnehmen und verstehen
Selbstmanagement
Kontrolle über eigene Gefühle und Handlungen
Motivation
Tiefgründiger Antrieb, der monetäre Anreize übersteigt
Empathie
Gefühle anderer wahrnehmen und verstehen
Beziehungsmanagement
Zwischenmenschliche Beziehungen verstehen und beeinflussen
In dieser Definition ist die Selbstwahrnehmung der erste von fünf Schritten und liefert damit so gesehen die Grundlage für emotionale Intelligenz. Alleinsein ist auch deshalb so wichtig, weil sich dadurch die eigene Selbstwahrnehmung trainieren lässt. Die ungefilterte Auseinandersetzung mit der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt kann emotionale Intelligenz erhöhen, sodass der Alltag deutlich reflektierter betrachtet werden kann. Wir können die Empfindungen zu einem bestimmten Thema einfacher erkennen, besser verstehen und schließlich der Ursache dafür auf den Grund gehen. Es entsteht ein zusätzliches Hilfsmittel, mit dem sich eigene Handlungen und Entscheidungen nach dem ausrichten lassen, was wir irgendwo tief in uns wirklich wollen.
Die Typ-Frage
Die Aufforderung zu mehr Zeit mit sich selbst lässt sich allerdings nicht pauschalisieren, da sie auch von individuellen Lebensumständen und Charaktereigenschaften beeinflusst wird. Ich selbst merke beispielsweise, dass ich als introvertierter Mensch recht viele Aktivitäten sehr gut ohne Gesellschaft erledige. Meine Lernerfolge sind deutlich größer und ich bin produktiver auf der Arbeit, wenn ich für mich allein bin. Auch erwische ich mich teilweise dabei, dass ich Alltagssituationen wie Einkaufen, Spazieren oder das Planen eines Urlaubs gerne mal allein mache.
Ich zähle zu den Menschen, die sehr gerne und sehr viel reflektieren und das nicht erst, seitdem ich mich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftige. Im Sommer 2019 wird das ein zusätzlicher Grund für meine Sinnkrise gewesen sein. Hätte ich nicht auch damals vieles hinterfragt und auf die Goldwaage gelegt, wären wahrscheinlich deutlich weniger Fragen aufgetaucht. Für meinen heutigen Alltag habe ich durch die letzten zwei Jahre noch einmal einen anderen Zugang zur Selbstreflexion gefunden und suche deshalb immer wieder ganz bewusst einen Zustand ohne Gesellschaft.
Eine solche Begeisterung fürs Alleinsein teilen bei weitem nicht alle Millennials und manchen von ihnen tut es auch überhaupt nicht gut. Gerade bei emotionaler Vorbelastung benötigen sie Gesellschaft, um nicht in ein emotionales Stimmungstief abzurutschen oder die Gefahr psychischer Krankheiten zu erhöhen. Momente ohne Gesellschaft wären hier vielmehr Nährboden für negative Gedanken und können einen gefährlichen Abwärtsstrudel verursachen. In so einer Situation wäre es ratsam, für den Anfang eine Person als Absicherung in der Nähe zu wissen, um sich langsam ans Alleinsein zu gewöhnen.
Im Unterschied dazu gibt es viele Millennials, die es einfach nicht mehr gewohnt sind, ohne Gesellschaft durchs Leben zu gehen. Der Terminkalender ist voll und jeden Abend steht eine andere Aktivität mit anderen Freunden an. Durch Schule, Ausbildung und Studium haben sich mehrere Freundeskreise gebildet, die es alle in regelmäßigen Abständen unter einen Hut zu bringen gilt. Da bleibt nicht mehr viel Zeit fürs Alleinsein und damit bleibt auch die Selbstreflexion gerne mal auf der Strecke. Gerade dann wäre es an der Zeit, sich gelegentlich aus der Hektik zurückzuziehen. Ist man ständig damit beschäftigt, alle Freunde unter einen Hut zu bekommen, kann man sich selbst sehr schnell aus den Augen verlieren.
Es liegt auf der Hand, dass ein Single deutlich weniger Probleme damit hat, Zeit für sich selbst zu finden. Eventuell wohnt man sogar allein und kann den gesamten Tag nach eigenen Interessen gestalten. In einer Beziehung ist diese freie Entscheidung nicht immer ganz so leicht. Schließlich muss man die Partnerin oder der Partner davon überzeugen, dass man sich für ein paar Augenblicke zurückziehen möchte. Mit der falschen Wortwahl oder im falschen Moment kann dadurch kurzerhand eine größere Diskussion ausgelöst werden. Doch meiner Meinung nach sollte sich eine funktionierende Beziehung ohnehin nicht durch ausschließlich gemeinsame Aktivitäten auszeichnen, sondern auch durch die Akzeptanz und besonders die Möglichkeit zu individuellen Aktivitäten.
Digital allein sein
Das Alleinsein hat durch die Digitalisierung eine weitere, nicht zu unterschätzende Komponente dazugewonnen. Physisch allein zu sein bedeutet schon lange nicht mehr, keine Kontakte zu anderen zu haben. Wir alle haben seit März 2020 wahrscheinlich unzählige Beispiele dafür gesammelt, dass wir auch mehrere Tage am Stück bei uns in der Wohnung verbringen und trotzdem mit anderen in Kontakt treten können.
Für eine Ausnahmesituation wie die Pandemie oder auch für das eigene Sozialleben sind digitale Möglichkeiten eine große Bereicherung. Für Erfolge im Bereich der Selbstwahrnehmung stellen sie jedoch ein erhebliches Hindernis da. Denn die Verlockung ist natürlich groß, während des Alleinseins mit anderen in Kontakt zu treten, den Instagram-Feed zu checken oder Storys zu posten. Für die Selbstwahrnehmung hat das fast denselben Effekt wie ein Abend mit physischer Gesellschaft. Auch wenn wir keine anderen Personen in unserer Nähe haben, wird dadurch die Konzentration von uns selbst auf andere gerichtet. Ziel des Alleinseins ist es daher, sich nicht nur physisch zurückzuziehen, sondern vor allem auch digital für den Moment allein zu sein. Da digitale Abhängigkeit ein so großes und bedeutendes Thema ist, werden wir darauf im Verlauf des Buches noch genauer zu sprechen kommen.
Der Wechsel macht's
Um das Kapitel abzuschließen, möchte ich noch einmal auf die Bedeutung von Alleinsein und Einsamkeit zurückkommen. Denn auch wenn Momente ohne Gesellschaft wichtig für die eigene Reflektion sind, sollten sie kein Dauerzustand werden. Dann nämlich besteht die Gefahr, dass sich aus dem Alleinsein tatsächlich Einsamkeit entwickelt oder dass der Verlust sozialer Kontakte psychische und physische Auswirkungen hat.
Genau das wurde mir im August 2020 sehr deutlich aufgezeigt. Mein Buch entwickelte sich stetig weiter und ich war so darin versunken, dass ich mich auch an den Wochenenden sehr stark zurückzog, um Fortschritte beim Schreiben zu erzielen. In einer Welt ohne Corona wäre das überhaupt kein Problem gewesen. Ich wäre fünf Tage die Woche im Büro gewesen, hätte dort täglich neun Stunden in Gesellschaft verbracht und der Feierabend bzw. das Alleinsein hätte für mich einen ganz anderen Stellenwert gehabt. Bedingt durch Homeoffice und aufgrund der geltenden Kontaktbeschränkungen hatte ich mich im August allerdings nur sehr wenig in Gesellschaft aufgehalten. Es fehlte daher an einem Ausgleich für das Alleinsein am Wochenende. Obwohl ich mich mit einer erfüllenden Tätigkeit beschäftigte, machten sich Unwohlsein und Antriebslosigkeit breit. Da ein Arztbesuch keine Besserung ergab, entschied ich mich dazu, wieder aktiver in das gesellschaftliche Leben einzutauchen und auch die Arbeit teilweise wieder aus dem Büro zu erledigen. Schon nach den ersten Tagen trug diese Maßnahme Früchte und die Beschwerden verschwanden.
Ein gesunder Mix aus Alleinsein und Gesellschaft ist somit wahrscheinlich das Erfolgsrezept. Wie die beiden Zustände verteilt sein sollen, basiert auf persönlichen Präferenzen. Ein generelles Bewusstsein darüber, dass eine Kombination der beiden Zustände vielversprechende Wirkungen erzielen kann, kann gleichzeitig auch in einer erhöhten Wertschätzung für den jeweils anderen Zustand resultieren. Nach einem Wochenende voller Gesellschaft sehnen wir uns nicht selten nach ein paar Minuten Ruhe für uns. Auf der anderen Seite fühlen sich gesellige Tage nach einer langen Zeit allein wieder besonders lebhaft an.
Es versteht sich von selbst, dass dieses Konstrukt aufgrund von Corona etwas schwieriger zu kontrollieren ist und seine volle Wirkung erst wieder zeigen kann, wenn Gesellschaft uneingeschränkt möglich ist und der Verzicht darauf nicht nur durch Kontaktbeschränkungen und Lockdown herbeigeführt wird.
Bis dahin ist es vielleicht eine Chance, das Alleinsein einmal etwas stärker in den Fokus zu rücken. Die Möglichkeiten hierzu sind auf jeden Fall unglaublich vielfältig. Von der Couch bis zum Spaziergang durch die Stadt stehen alle Türen offen. Öffentliche Orte im Freien wie der nahegelegene Park oder ein Badesee sind genauso geeignet wie das Lieblingscafé um die Ecke. Mit ein bisschen mehr Zeit kann man natürlich auch eine kleine Reise in Angriff nehmen, sobald es wieder erlaubt ist. Hierauf werde ich allerdings im nächsten Kapitel genauer eingehen.
Wer das Alleinsein noch nie wirklich bewusst forciert hat, für den werden die ersten Versuche möglicherweise noch etwas ungewohnt sein. Mit ein wenig Übung kann sich hier dann aber sehr schnell eine gewisse Routine einstellen, die es ermöglicht, die Vorteile des Alleinseins voll und ganz auszuleben.
| PRAXISTIPPS |
1. Spazieren gehen
Ich glaube zwar, dass der Spaziergang durch Corona schon längst den Weg in deinen Alltag gefunden hat, dennoch soll an dieser Stelle noch einmal die Bedeutung in den Vordergrund gestellt werden. 10 bis 15 Minuten täglich können eine große Wirkung haben, vor allem wenn wir sie allein absolvieren. Für Menschen, die Probleme mit dem Alleinsein haben, kann Begleitung für den Anfang Abhilfe schaffen.
2. Allein an einem öffentlichen Ort sein
Schnapp dir dein neues Buch, deine Lernunterlagen oder einfach nur dich selbst und setze dich für mindestens 30 Minuten allein an einen öffentlichen Ort deiner Wahl. Ganz allein an einem solchen Ort zu sein, kann die eigenen Gedanken teilweise sehr stark anregen und bei der Selbstreflexion helfen.
3. Ein Wochenende lang allein sein
Auch dieser Tipp wäre vor Corona noch deutlich weitreichender gewesen. Aber vielleicht steht das nächste Wochenende ja mal ganz bewusst im Zeichen des Alleinseins und der Selbstreflexion. Freu dich darauf, dass du 48 Stunden lang das machen kannst, was du möchtest. Hör in dich hinein und versuche, dadurch die eigene Selbstwahrnehmung zu stärken.
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