Kitabı oku: «Mann 2020»

Yazı tipi:


Markus Margreiter

Mann 2020

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 editiona, Wien

www.edition-a.at

Cover: Isabella Starowicz

Satz: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-99001-352-6

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Gewidmet den beiden Damen

meines Herzens, meiner Familie,

meinen Freunden und

allen Männern

INHALT

DIE PROSTATA

DIE SEXUALITÄT

EREKTIONSSTÖRUNGEN

DAS TESTOSTERON

DIE HORMONE

DIE FRUCHTBARKEIT

ERNÄHRUNG UND SPORT

DIE ZUKUNFT

ICH HABE ZWEI GESICHTER.

Das eine wirkt beängstigend. Wenn ich in einer geselligen Runde sage, dass ich Urologe bin, »Dr. Margreiter, grüß Gott«, dann sieht man das Entsetzen in den Augen der Männer. Urologe. Aha. Das heißt, er zieht diesen Handschuh an und macht die Untersuchung, die kein Mann haben will. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger. Dort hinten. Rektal. Und dann gibt es noch die gemäßigtere Fraktion, und zwar die Männer, die ein schlechtes Gewissen kriegen und leise murmeln: Ah ja, genau, da sollte ich ja auch mal wieder hin, zum Urologen.

Spannend wird die Sache, wenn ich mein anderes Gesicht zeige. Das wirkt beruhigend. Wenn ich nämlich in der gleichen Runde sage: »Hallo, grüß euch, ich bin der Markus Margreiter. Ich bin Facharzt und leite ein Zentrum für Männergesundheit.« Dann ist es tatsächlich so, dass jeder große Augen macht und es cool findet, nachfragt: »Hey! Männergesundheit, total interessant, kann ich brauchen, na sicher. Was macht man da? Wo kann man sich anmelden? Gleich bei dir?«

Ich habe gelernt: Men’s Health ist hui, Urologe ist pfui. Die Kollegen vom Fach mögen mir hier verzeihen, aber es ist so unter Männern. Unter skeptischen Männern.

Daher Gesicht Nummer zwei für den Mann 2020, damit nicht gleich am Anfang eine schlechte Stimmung aufkommt: »Hallo, ich bin Markus Margreiter, und ich kümmere mich um Männergesundheit.«

Interessanterweise komme ich genau aus der anderen Ecke. Begonnen habe ich in der Gynäkologie. Von der Eva zum Adam also. Erst die Frauen verstehen, jetzt die Männer heilen.

Frauen sind in gesundheitlichen Fragen deutlich aufgeschlossener. Wenn eine Frau sagt, sie geht zum Gynäkologen, lässt sie entweder etwas kontrollieren oder hat ein gesundheitliches Anliegen. Aber es ist nie offenkundig mit Sex gekoppelt oder gar mit Potenzproblemen. Das hängt beim Mann ja irgendwie mit drinnen. Das hat man im Kopf, wenn dann die Frau sagt: »Du solltest einmal zum Urologen gehen, Schatzi«, dann glaubt jeder: Da geht gar nichts mehr im Bett oder es gibt ein Problem mit der Prostata. Ich habe das in den Jahren oft von Patienten gehört. Die Statistik zeigt: Auch heute gehen vier von fünf Männern nur zum Urologen, weil die Frau sie dazu drängt. Von selbst klappt das anscheinend nicht. Oder nur schwer, mit leisem Unbehagen, dort unten. Und meistens erst, wenn schon ein Problem da ist.

Was ich mit diesem Buch bezwecken möchte, ist dreierlei: Aufklärung leisten. Neues zeigen. Und Hoffnung geben. Ich möchte Männergesundheit in den richtigen Fokus stellen. Ich möchte motivieren, Angst nehmen und Mut machen.

Das ist mein Anliegen. Das ist meine Aufgabe. Das ist mein Ziel. Das Buch soll zeigen, dass es guttut, sich mit seiner Gesundheit auseinanderzusetzen, ja, dass es sogar Spaß macht. Es soll die Freude vermitteln, die ich täglich bei der Ausübung meines Berufes habe. Es soll zeigen, wie harmlos es für einen Mann ist, zum Arzt zu gehen.

Wir werden uns mit der Arbeit am Mann selbst auseinandersetzen, wir werden sehen, dass die Prostata viel zu stiefmütterlich behandelt wird, für das, was sie kann; wir werden uns mit dem prickelnden Thema Sexualität beschäftigen, mit dem Tabuthema Erektionsstörungen, mit dem Kraft-Stoff Testosteron, mit regenerativer Medizin, mit Anti-Stresstherapien und natürlich mit dem Duett des gesunden Alterns: Ernährung und Bewegung. Der Mann 2020 unter der Lupe der Wissenschaft. Wir werden Erstaunliches erkennen, das kann ich versprechen.

Ja, es hat sich sehr viel getan in den vergangenen zwanzig Jahren. Es gab viele bahnbrechende Entwicklungen in der Medizin, vor allem in der geschlechterspezifischen Medizin, der Gender-Medizin, die sich sogar zu einer eigenen Sparte entwickelt hat. Dinge, die wir vor dreißig, vierzig Jahren nicht für möglich gehalten haben, funktionieren heute. Neue Techniken zum Beispiel, um dem Mann mit Potenzproblemen wieder zu Standhaftigkeit zu verhelfen.

Auch haben sich neueste minimalinvasive Therapien bei Prostataerkrankungen herauskristallisiert: zum Beispiel eine Behandlung mit Wasserdampf oder die Prostata-Arterien-Embolisation. Letztere mache ich in Zusammenarbeit mit einem interventionellen Radiologen, Professor Florian Wolf, einem Studienkollegen von mir. Wir können heute bahnbrechende und schonende Therapien bei jeglicher Form von Prostataerkrankung anbieten. Wir haben auch neue faszinierende Ansätze für die Behandlung von Erektionsstörungen. Wo man kein Viagra danach braucht. Wo man die Gefäße wieder auf Vordermann bringt. Das muss man sich vorstellen wie bei einem Herzinfarkt: Die winzigsten Gefäße, die man bisher nicht beachtet hat, stentet man heute, das heißt, Gefäße im Penis werden gedehnt und gestützt. Wir verwenden mittlerweile ganz winzige Stents, weniger als zwei Millimeter Durchmesser, und der Patient kann nachher eine völlig normale Erektion haben. Das Ganze funktioniert ohne Narkose, nur mit lokaler Betäubung. Über eine Punktion in der Leiste oder im Arm geht man über die Arterie hin zu den kleinsten Gefäßen im Becken. Die Beckengefäße hat man früher kaum beachtet. Und man hatte natürlich auch nicht die technischen Möglichkeiten. Heute haben wir dafür ganz spezielle Röntgen-OP-Tische, wo man wie bei einer Computertomografie die Bildgebung am Tisch machen kann und genau sieht, in welchem Gefäß man drinnen ist, dreidimensional. Die Eingriffe dauern nicht lange, und gleichzeitig kann man Männern unglaublich helfen. Die Kombination der Verfahren ist übrigens einzigartig auf der ganzen Welt, ein Full Service for the Aging Male.

Der Patient, nennen wir ihn Herbert, kam mit einer vergrößerten Prostata zu uns in die Klinik, er hatte Probleme beim Harnlassen und gleichzeitig Erektionsstörungen. Wir wissen, dass zwei Drittel der Patienten mit gröberen Prostataproblemen auch Erektionsstörungen haben. Jetzt haben wir Herrn Herbert einerseits ohne Narkose, ohne operativen Eingriff, an der Prostata behandelt, die schrumpft über die Zeit, und andererseits seine Gefäße mit Stents behandelt – damit hat er ein volles Service bekommen. Er ist Anfang sechzig, zum Teil haben das auch jüngere Patienten. Tatsächlich war das weltweit das erste Mal. Diese Techniken habe ich mit meinen Kollegen weitergeführt.

Vor drei Jahren habe ich gesagt, wenn ich aus der Medizinischen Universität herausgehe, will ich meinen Fokus noch mehr auf die Männergesundheit legen. Das hat sich schön ergeben. Meine ganze berufliche Laufbahn war davon geprägt, dass ich mir für Menschen Zeit genommen habe.

Ich habe verschiedene Credos. Zum Beispiel: Ich schau genau. Wenn ein Mann zu mir in die Ordination kommt, betrachte ich ihn ganzheitlich und nahezu unmerklich: Wie kommt er bei der Tür herein? Wie ist seine Körperstatur und Hautbeschaffenheit? Was sagen seine Gestik und Mimik? Wie ist unsere Interaktion? Ich mache mir ein Bild, ich überlege schon, was Mit-Faktoren sind. Das kann die Hautfarbe sein – bitte nicht falsch verstehen – ich meine, ob jemand blass ist oder gerötet, ob er schwitzt, kurzum: wie jemand in der sozialen Interaktion ist. Weil man auf diese Art unglaublich viel herauslesen kann. Das mache ich nicht, damit sich jemand ungut fühlt oder durchleuchtet vorkommt. Aber das ist etwas Grundlegendes, etwas Entscheidendes, um herauszufinden: Wo sind die Probleme? Und genau das interessiert mich über die Jahre. Menschen in ihrer ganzheitlichen Erscheinung. Mannsbilder.

Im Wesentlichen ist es so, dass ich im Rückblick gesehen, von Kindheit an eine gewisse Faszination am Geschlechterthema hatte. Frau und Mann fand ich wahnsinnig interessant. Eines meiner ersten Bücher, als ich lesen konnte, war ein medizinisches Buch: Der Mensch, ein Biologiebuch, und das mit fünf. Das hat mich damals schon interessiert. Reproduktion, Hormone, Herz, Nieren, Knochen und Skelett. Ich fand das immer verlockend, vor allem was sich da in einem drinnen tut, die Verbindung zwischen Frau und Mann und die weitere Entwicklung. Schon damals habe ich mir gesagt, es wird dich einmal in die Medizin verschlagen. Dort ist dein Platz.

Bei uns in der Familie war es offenkundig, wir sind alle in sehr unterschiedlichen Richtungen tätig. Mein Vater war in der Wirtschaft, eher die rationale Ebene in der Familie. Meine Mutter war eine sehr emanzipierte Frau, die sehr fortschrittlich dachte, sie war Psychologin. Ich glaube, dass ich von Jugend an einen anderen Zugang zum Menschen mitbekommen habe. Es war ein gelungener Ausgleich: das Rationale meines Vaters und die emotionale, empathische Mutter. Letztlich hat sich mein Fokus in der Schule auf das Naturwissenschaftliche gerichtet. Nicht zuletzt, weil da auch die Mädchen waren. Ich kann sagen, dass ich sehr viel Glück in meinem Leben hatte und bin dafür sehr dankbar. Ich hatte eine wunderbare Familie und eine Basis des Vertrauens in meinen Eltern. Ich habe mir beim Lernen, vor allem während des Medizinstudiums und für meine amerikanischen Medizin- und Zulassungsprüfungen, leichtgetan. Und ich hatte schließlich großartige Mentoren, Lehrer und auch Kollegen, ohne die ich nicht dort wäre, wo ich heute bin, und nie das Wissen hätte, das ich heute habe; einmal ganz abgesehen davon, dass dabei auch tiefe Freundschaften entstanden sind. Meine Patienten profitieren von diesen Wegbegleitern, die mich im Zug meiner Karriere an Stationen haltmachen ließen, an denen ich ohne sie vielleicht vorbeigerauscht wäre.

Der Ausnahmemediziner Professor DDr. Johannes Huber hat mir schon während des Studiums die Hormone und die Reproduktionsmedizin nahegebracht und für beides das Feuer in mir entfacht. Er begleitet mich nun schon während meines gesamten beruflichen Weges und ist bis heute ein höchst geschätzter Austauschpartner für Hormonfragen. Professor DDr. Michael Marberger war ein harter und strenger Lehrer. Er hat mich immer gefördert und holte mich aus Amerika zurück nach Wien. Ihm verdanke ich neben meinen vielen ehemaligen Kollegen an der Universitätsklinik meine fundierte urologische Ausbildung. Professor Dr. Shahrokh Shariat war ein Wegweiser in eine zukunftsorientierte, sehr wissenschaftliche Sicht der Dinge. Unter seiner Führung schrieb ich meine Habilitation, wurde zum Assoziierten Professor ernannt und übernahm die Leitung der Andrologie an der Universitätsklinik für Urologie im AKH Wien.

Medizinisch prägte mich das Jahr mit dem gesamten Ärzte-Team um Professor Patrick Walsh und Professor Alan Partin der James Buchanan Brady Urology Clinic in Johns Hopkins wie kein anderes. In diesem Jahr operierte ich so viel wie nie zuvor und verbrachte so viele Stunden im Krankenhaus, dass man sagen kann, ich hatte ein Spitalsbett dort. Die dortigen Professoren, die zur Weltelite in der Urologie zählen, gaben mir sehr viel Wissen mit sehr viel Herzlichkeit mit.

Man kann sagen, dass mein Weg zum Mann über die Frau geführt hat. Nach meinem Studium dachte ich, ich gehe in die IVF, kurz für In-vitro-Fertilisation, künstliche Befruchtung. Weil mich die Hormone immer interessiert haben. So bin ich in der Klink mit Johannes Huber zusammengekommen. Irgendetwas in meinem Bauch sagte: Wunderbar – aber. Ich habe bei einem der Kinderwunsch-Päpste Professor Wilfried Feichtinger wissenschaftlich mitgearbeitet, aber gespürt, dass mir da thematisch etwas fehlt. Nach meinem Turnus bin ich nach München gegangen und habe dort ein halbes Jahr IVF gemacht, ich fand die Hormone reizvoll, doch die Gynäkologie war’s eben nicht. Damals habe ich festgestellt, dass es kaum jemanden gibt, der sich mit männlicher Unfruchtbarkeit auseinandersetzt. Das war genau zu der Zeit, 2000 bis 2005, wo die Gynäkologen den Mann hormonell de facto mitbehandelt haben, und ich habe gesagt: Ich schaue, wo es auf der Welt das Zentrum für männliche Unfruchtbarkeit gibt. Das war damals an der Cornell Universität in New York. Noch vor meiner urologischen Ausbildung bin ich nach NY gegangen und habe dort ein sogenanntes post doc fellowship gemacht, bei den führendenen Ärzten auf dem Gebiet der männlichen Unfruchtbarkeit, Professor Peter Schlegel und Professor Marc Goldstein, der mich übrigens auch auf den Geschmack des Marathon-Laufens brachte. Auf einem urologischen Kongress in Atlanta bot mir dann der Ordinarius der Wiener Universitätsklinik, Professor Michael Marberger, eine volle Ausbildungsstelle an seiner Abteilung an, was damals ausgesprochen selten war. Zurück in Wien ereilte mich rasch wieder das Fernweh nach NY. Daher habe ich auch etwas später die einmalige Chance genutzt, wieder nach Amerika zu gehen, konkret nach Baltimore in die renommierte Johns Hopkins Universität, dem Mekka der Urologie. Und dort eben gab es den Papst der Prostata: Patrick Walsh, er hat schon 1982 eine Operation der Prostata gemacht, mit der die Nerven erhalten bleiben konnten. Davor war jeder Patient nach einer Prostata-OP impotent, und die meisten waren inkontinent. Walsh, eine Ausnahmefigur, hat in seinem Leben rund 7.000 solcher OPs gemacht. Die Giganten der Urologie waren dort. Ich durfte eine einjährige Ausbildung bei ihnen machen. Für Amerika musste ich Prüfungen nachholen, um operieren zu dürfen, das Zusatzstudium habe ich in sechs Monaten geschafft. Es war sicher das härteste Jahr in meinem Leben, dort in Baltimore. Morgens arbeiten, abends Evaluationen von unseren Profs, alle drei Monate Mentoren-Gespräche. Viel Feedback von den Patienten, das einem weitergegeben wird. Das war toll. Ich habe viel mitgenommen. Man agiert so eng miteinander, mit den Oberärzten, operieren, analysieren, therapieren. 20-Stunden-Tage. Von dort zurück, dann Habilitation, danach habe ich den andrologischen Bereich mit aufgebaut, die vergangenen Jahre geleitet, mehr als zehn Jahre war ich im AKH. Und bin letztendlich mit einem eigenen Männergesundheitszentrum in der Wiener Privatklinik Confraternität angekommen. Männergesundheit, Sexualität, all die Bereiche habe ich zum Zentrum des Mannes werden lassen. Willkommen im Men’s Health Center Vienna.

Bitte nicht falsch verstehen: Männergesundheit, darauf gibt es kein Monopol. Das hat niemand gepachtet. Weder der Arzt, noch der Ernährungsberater oder der Lifestyle-Mediziner, der einen am Ergometer checkt, noch der Sportmediziner oder der Fitnesstrainer. Bei Männergesundheit horchen aber alle auf. Das ist frisch, jugendlich, viril. Besser als das Schreckwort Urologie. Leider passiert es ja allzu oft, dass wir Mediziner gut gemeinte medizinische Empfehlungen klingen lassen, als würde man die Patienten mit erhobenem Finger ermahnen. Das soll in diesem Buch nicht vorkommen. Keine zu medizinische Sprache, sondern eine, die wir Männer verstehen. Allem voran eine menschliche Sprache. Wichtig ist es mir, Ihnen die Inhalte auf Augenhöhe zu vermitteln. Auf Augenhöhe mit den Männern.

Ich möchte auch keine Dogmen aufstellen. Die gibt es in der Medizin nur selten oder sie werden nach einiger Zeit widerlegt.

Jeder Mensch ist individuell.

Kein Mann gleicht dem anderen.

DIE PROSTATA

Eigentlich sollte jeder Mann den Tag mit einem »Danke« beginnen. »Danke«, sollte jeder von uns zu seiner Prostata sagen, »du bist ein großartiges Organ, ich bin stolz, dass ich dich habe.«

Falls Sie sich jetzt fragen, was ein Urologe mit so einem obskuren Rezept will, kann ich Sie beruhigen. Ich sage das nicht als Arzt, ich sage das als Mann. Als Arzt sage ich, warum wir uns bei der Prostata bedanken können.

Die Prostata ist eines der wichtigsten Geschlechtsorgane des Mannes. Ohne die Prostata gäbe es uns alle nicht. Einmal nur vom Beitrag des Mannes aus betrachtet, wäre die Menschheit nicht existent. Das haben wir diesem kleinen, kastanienförmigen Knödelchen zu verdanken, das uns letztlich zum Mann macht. Wollte man einen Mann biologisch auf das Wesentliche reduzieren, er wären Prostata und Hoden.

Und was tun wir zum Dank dafür? Wir ignorieren sie.

Fragen Sie irgendeinen jungen Mann auf der Straße, ob er sich um seine Prostata kümmert, Sie werden wenig zu hören bekommen. Die Prostata ist ein Alt-Herren-Thema, mit dem man sich Zeit lassen kann. Das ist die herrschende Einstellung bis zu dem Moment, in dem wir sie als Problem wahrnehmen. Dann allerdings geht es ziemlich rasant, von einem Moment auf den anderen. Gerade noch war sie unbeachtetes Inventar, das tagein tagaus verlässlich ihren Dienst tut, und auf einmal ist sie eine Krankheit.

Wären wir uns schon in jungen Jahren bewusst, was wir an ihr haben, hätten wir länger was von ihr. Denn alles, was wir an unserem Körper ignorieren, hat etwas potenziell Negatives, das heißt, es kann uns einmal auf den Kopf fallen.

Aber es gibt ein Leben dazwischen. Ein gutes, gesundes, sexuell erfreuliches Leben, im Laufe dessen man der Prostata schon einiges Gutes tun kann, damit sie erst viel später oder gar nie zum Problem wird. Grundsätzlich darf sich jeder von uns schon einmal darauf einstellen, dass er sich irgendwann auf die eine oder andere Weise mit seiner Kastanie wird auseinandersetzen müssen, so wie er irgendwann auch schlechter hört, nicht mehr so gut sieht, der Blutdruck steigt oder ein Knie jault. Wobei die Prostata sehr viel Geduld hat, medizinisch nennen wir das Latenz. Mit der Latenz einer Prostata könnte man auf Godot warten, ohne dass einem fad werden würde.

Anders gesagt: Die Prostata ist nicht wehleidig. Bis sie meldet, dass etwas nicht stimmt, stimmt wirklich schon etwas nicht. Der typische Umgang des Mannes mit sich selbst, auweh, jetzt spüre ich etwas, ich nehme ein Medikament, und dann ist alles wieder gut, greift nicht bei der Prostata. Sie hat gern durchgehend Aufmerksamkeit, kontinuierliche kleine Schritte sind ihr das Liebste. Und beginnen kann man damit schon mit dreißig.

Passiert nicht, ich weiß.

An dieser Stelle finde ich es angebracht, ein Geständnis abzulegen: Als junger Mann hat mich meine Prostata genauso wenig interessiert. Nicht einmal als junger Arzt. Da ich mich der Gesundheit des Mannes und damit der Prostata über die Hormone und die Sexualmedizin angenähert habe, habe auch ich ihr meine Aufmerksamkeit erst später geschenkt.

Als Organ, das erst ernst genommen wird, wenn es Probleme macht, teilt die Prostata das traurige Schicksal des Blinddarms. Nur, dass der Blinddarm nicht so großartig ist. Im Gegensatz zur Prostata hat er keine Aufgabe, er hat nicht das Geringste zu tun. Die Aufgaben der Prostata hingegen sind riesig und unglaublich erfreulich.

Wir brauchen sie für

• das Empfinden in der Lendengegend,

• die Bildung eines Großteils des Ejakulats,

• den Samenerguss,

• und den Orgasmus.

In ihr mündet alles, was für die Sexualität und die Fortpflanzung zuständig ist. Höchste Zeit also, sich mit ihr bekannt zu machen. Ich übernehme das gerne.

Gestatten: die Prostata, man kennt sie auch als Vorsteherdrüse. Und das schon sehr lange. Es war der Arzt und Anatom Herophilos von Chalkedon, der sie 300 vor Christus erstmals beschrieb und ihr den Namen gab. Pro und statos bedeutet vor und stehend und bezieht sich auf ihre Lage unter der Blase und auf ihre prominente Rolle dort.

Bis ins 16. Jahrhundert war es anatomisch gespenstig ruhig um die männliche Drüse, bis 1538 das erste Bild von ihr auftauchte, eine Illustration in der anatomischen Schrift von Andreas Vesalius, Tabulae anatomicae heißt sie, falls es wen interessiert. Und auch dann dauerte es immer noch seine Zeit, bis sie richtig unter die Lupe genommen wurde.

Bis ins 40. oder 50. Lebensjahr eines Mannes verhält sich die Prostata praktisch symptomlos. Außer bei Patienten, die sie aufgrund einer Infektion zu spüren bekommen, aber das kann man ja nicht unbedingt der Prostata vorwerfen. Erst ab dem mittleren Alter regt sie sich schließlich, vor allem streckt sie sich. Sie wird größer. Die Hyperplasie ist ein Thema des Älterwerdens, was erklärt, warum über Prostata-Vergrößerungen erst im 18. Jahrhundert etwas nachzulesen ist: Damals lag die Lebenserwartung der Männer weit unter der heutigen, sie starben, bevor die Prostata ächzen konnte.

Außerdem haben Hyperplasie und auch Prostata-Krebs viel mit der Ernährung zu tun, die damals noch nicht die beste war, weder in ausreichender noch in nährstoffreicher Hinsicht.

Heute sehen wir den Einfluss des Essens auch an der Häufigkeit dieser Erkrankungen und dem dramatischen Unterschied in den Ernährungsgewohnheiten zwischen der westlichen Welt und Asien. In Asien war Prostata-Krebs fast nicht existent. Fleischkonsum ist dabei ein Riesenthema, vor allem aber Kuhmilch. Ganz abgesehen von der Heiligkeit der Kühe sind viele Asiaten lactoseintolerant. Außerdem essen sie generell mehr Obst und Gemüse und weniger tierisches Fett und Eier.

Anhand der Ergebnisse der US-amerikanischen Health Professional Follow-Up Study 2012 an 40.000 Angehörigen von Gesundheitsberufen lässt sich ganz gut absehen, was der Prostata schmeckt und was ihr schadet.

Reduzieren Sie

• die Nahrungsmengen an sich,

• rotes Fleisch und Wurstwaren,

• und gezuckerte Getränke.

Es gibt einen ganz eklatanten Zusammenhang zwischen Prostata-Krebs und Limonaden, das zeigte eine Studie, 2014 veröffentlicht im American Journal of Clinical Nutrition: Softdrinks and the risk of cancer and cardiovascular desease. Es genügen pro Tag schon ein bis zwei Dosen Coca-Cola, Sprite und dergleichen, um das Risiko auf Prostata-Krebs zu erhöhen.

Essen Sie mehr

• fetten Fisch, die Omega-3-Fettsäuren wirken anti-entzündlich und anti-tumorös,

• und Tomaten, sie enthalten das Vitamin Lykopin, dem eine heilende Wirkung zugeschrieben wird, man nennt es mittlerweile schon das Tomaten-Vitamin.

Außerdem sollten sie Ihrer Prostata zuliebe das Rauchen einstellen und mehr Sport betreiben. Übergewicht erhöht das Risiko auf Prostata-Krebs. Bewegung hemmt nicht nur die Entstehung eines Karzinoms, es wirkt selbst bei diagnostizierten Krebspatienten lebensverlängernd.

Jaja, höre ich Sie jetzt denken, ich kenne die Regeln. Tatsächlich sind es die üblichen Verdächtigen, die auch der Prostata schaden, und die bekannten Wohltäter, die ihr guttun. Im Grunde sind es die gleichen Faktoren, die die WHO oder der World Cancer Report 2007 gegen das generelle Krebsrisiko auflisteten. In den Kapiteln Ernährung und Bewegung erfahren Sie mehr darüber.

Prävention ist also der beste Verbündete, um die Prostata gesund zu halten. Gesund bedeutet in ihrem Fall die Abwesenheit folgender Erkrankungen:

• Die gutartige Prostata-Vergrößerung, wir Mediziner nennen das Hyperplasie. Sie macht mit Beschwerden beim Harnlassen auf sich aufmerksam, man erkennt sie in den meisten Fällen daran, dass man beim Pinkeln ein halbes Buch auslesen könnte.

• Die Gruppe der Prostata-Entzündungen, im Fachjargon Prostatitis. Diese Infektionen entstehen meistens aufgrund von Bakterien, können aber auch ohne sie auftreten. Ebenso hierher gehören die funktionellen Störungen, die sich mit Schmerzen oder Spannungszuständen in der Prostata-Region bemerkbar machen. Sie betreffen oft den Beckenboden, die dortigen Faszien und den Halteapparat.

• Der Krebs, die bösartige Entartung der Prostatazellen. Wie wenig man landläufig das eine vom anderen unterscheiden kann, erfährt man am besten am Stammtisch: Wenn dort der Toni ein paar Wochen lang nicht erschienen ist, weil er’s an der Prostata hat, bedeutet das immer nur das eine: Der Toni ist operiert worden da unten, jetzt kann er nimmer und verliert den Harn. Und schon ist der Toni impotent und inkontinent, als Mann praktisch insolvent. Dabei hatte der Toni möglicherweise nur einen harmlosen Eingriff wegen einer ganz normalen Prostata-Vergrößerung. Zwischen dem und einer radikalen Entfernung der Prostata im fortgeschrittenen Krebsstadium liegt ein weites Feld, das den meisten Männern völlig unbekannt ist.

In Wahrheit beginnt das Rätselraten aber schon viel früher. Bei Fragen wie:

Was ist die Prostata eigentlich?

Wo liegt sie überhaupt?

Und was macht sie den ganzen Tag?

Sollten Sie darauf keine Antworten haben, lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen. Bei meinen Vorträgen im Rahmen von Gesundheitsaktionen in Firmen mit männerlastiger Belegschaft frage ich zum Auflockern immer ins Auditorium: »Prostata, hm? Hat das nur die Frau? Oder nur der Mann?« Sie würden sich wundern, wie man da ins Grübeln kommen kann.

In diesem Zusammenhang sei der hohe Stellenwert sogenannter Setting-spezifischer Gesundheitsaktionen erwähnt. Dabei werden Menschen in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld in eine medizinische Vorsorge eingebunden. Studien zeigen deutlich, dass darüber die Gesundheit nachhaltig verbessert und Erkrankungen frühzeitig erkannt werden können. Daher ein großes Lob an Firmen wie OMV und Siemens, für die ich schon solche Männergesundheitsaktionen organisieren und durchführen durfte. Auch dort fragte ich nach, wer nun wirklich eine Prostata hat und blickte in viele ratlose Männergesichter.

Um keine Unklarheit aufkommen zu lassen: Die Prostata ist rein männlich. Sie zählt zu den akzessorischen Geschlechtsdrüsen und ist ein wichtiges Bindeglied zwischen Hoden, Samenleiter und Außenwelt. Falls Sie am Stammtisch glänzen wollen: Das Pendant im weiblichen Körper sind die Paraurethralen oder Skeneschen Drüsen.

Bei jungen Männern zwischen 20 und 30 hat die Prostata ein Volumen von etwa 15 Millilitern, im Alter kann sie sich zu einem Pfirsich auswachsen. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn ein 50-Jähriger eine Kastanie von 40 bis 50 Millilitern in sich herumträgt, was etwa ihrer dreifachen Größe entspricht. Wirklich aussagekräftig ist das alles aber letztlich nicht. Es gibt Patienten, die mit einer 150-Milliliter-Prostata zu mir kommen und weniger Symptome haben als jemand mit einem Winzling von 30 Millilitern. Die Größe der Prostata geht also nicht automatisch mit dem Schweregrad der Symptome einher. Willkommen im Irrgarten der Diagnostik.

Könnte man einfach so einen Blick in den Körper werfen, fände man die Prostata leicht nach vorne geneigt direkt unter dem Blasenhals, wo sie den ersten Teil der Harnröhre umschließt, die sogenannte prostatische Harnröhre. Nach hinten hin kuschelt sie sich ans Rektum, was die gefürchtete Fingeruntersuchung nahelegt. Das ist die einzige Möglichkeit, die Kastanie abzutasten, es gibt keinen anderen Weg ohne Hilfsmittel von außen. Auf der anderen Seite, also nach vorne hin, stößt die Prostata an das Schambein, nach unten an den Beckenboden.

Womit wir bei einem Begriff sind, auf den Männer rein gar nicht reagieren. Der Beckenboden ist, sofern man überhaupt von ihm gehört hat, reine Frauensache. Was für ein Irrtum. Denn im Becken des Mannes fließt extrem viel zusammen, rund um die Prostata herum zentriert sich die Männlichkeit.

Zwischenfrage: Kennen Sie Ihren Beckenboden?

Kein Drama, wenn Sie jetzt den Kopf schütteln, die meisten von uns wissen gar nicht, dass sie einen haben. Tatsache ist aber, dass wir ohne ganz schön blöd dastehen würden. Generell hat der Beckenboden eine wichtige Haltefunktion nach unten für den Stützapparat und die Rückenmuskulatur. Gemeinsam mit dem Zwerchfell, das nach oben hin wirkt, entscheidet er über die gesamte Rumpffestigkeit.

Obwohl der Aufbau etwas unterschiedlich ist, verhält sich der Beckenboden in den Grundfunktionen bei Mann und Frau gleich. Der feine Unterschied besteht in den Durchtrittsöffnungen. Die Frau hat drei, für Harnröhre, Scheide und Enddarm, beim Mann sind es zwei, weil Harn und Geschlechtstrakt sich einen Weg teilen.

Ist die Muskulatur im Beckenboden eher schwach, merkt man das beim Harnlassen. Bei Frauen zeigt sich das mit Inkontinenz nach Geburten. Bei Männern betrifft es das berühmte Nachtröpfeln, für das meistens die Prostata beschuldigt wird. In vielen Fällen liegt es aber an fehlgesteuertem An- und Entspannen der Beckenbodenmuskeln.

Was tun?

Zusammenzwicken und loslassen. Als müsste man ganz dringend, und es wäre keine Toilette in der Nähe. Das ist eine Übung, die in viele Richtungen nützt. Der Aufwand ist überschaubar: An- und Entspannen, mehr ist nicht nötig, um den Beckenboden in Form zu halten. Da auch die Muskeln, die für den Orgasmus zuständig sind, im Beckenboden verankert sind, wirkt sich die Übung auch in der Sexualität erfreulich aus.

Wenn wir uns weiter im Zentrum der Männlichkeit umschauen, begegnen wir rund um oder in der Prostata noch ein paar Mitspielern des Orchesters, das die Sexualität dirigiert.

Zum Beispiel die Nerven, die für die Erektion zuständig sind. Sie laufen in der Hülle, die die Prostata umgibt. Ohne diese Nerven keine Manneskraft.

Oder eine Produktionsstätte der Samenflüssigkeit. Die meisten wissen das nicht, aber als exokrine Drüse bildet die Prostata selbst einen großen Teil des Ejakulats, immerhin etwa ein Drittel. Die Hoden liefern nur zehn Prozent der Samenzellen. Ungefähr fünfzig Prozent stammen aus den Samenbläschen, die an der Prostata dranhängen. Das Sekret enthält ganz wichtige Bestandteile, die die Spermien beweglich halten. Ohne diese Beweglichkeit keine Zeugungsfähigkeit.

Ein anderes Sekret, das sogenannte Prostata-spezifische Antigen, kurz PSA, verhilft zur Verflüssigung des Ejakulats. Das ist nötig, weil das Ejakulat in dem Moment, da es zusammengemischt wird, so zähflüssig ist, dass es die Samenzellen schwer hätten, sich ihren Weg über die Gebärmutter zu bahnen und sich mit der Eizelle zu verbinden. Ohne PSA kein Weiterkommen.

Wieder ein anderes Sekret ist für die Säure zuständig, die gebraucht wird, um den pH-Wert im weiblichen Geschlechtstrakt gut abzupuffern, damit die Samenzellen überleben können.

Die Menge des Ejakulats ist übrigens keine Messlatte für die Potenz. Sie hängt einmal ganz banal davon ab, wie groß die Samenblasen sind, die die Flüssigkeit produzieren. Zweitens spielt die Ernährung eine Rolle. Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand der Prostata sind möglich, allerdings anders, als man es erwarten würde. Eine vergrößerte Prostata erkennt man nicht an einer gewaltigen Ladung Samenflüssigkeit. Im Gegenteil, oft verringert sich die Menge dann sogar, oder die Ejakulation wird schmerzhaft.

So ein Schmerz im schönsten Augenblick kommt zum einen daher, dass sich ja nicht nur das funktionelle, gute Drüsengewebe vergrößert. Zum anderen werden die 30 bis 50 Ausführungsgänge von der Größe so abgedrückt, dass sie nicht mehr gut gereinigt werden. Diese winzigen Gänge und Schläuche, von denen auch kaum ein Mann eine Ahnung hat, verhalten sich dann wie eine umgekehrte Brause.

Eine der Hauptrollen in all diesem Zusammenspiel haben die Hormone über. Was Hamlet oder Mephisto am Theater sind, ist das Testosteron in der Entwicklungsgeschichte unserer Kastanie. Erst das Testosteron macht die Prostata während der Pubertät zu einem funktionsfähigen Organ. Und die Balance der Hormone, insbesondere von Testosteron, Östrogen und Progesteron ist ganz entscheidend für spätere Probleme.

WIE ERKENNT MAN SIE NUN, DIE PROBLEME?
DIE MÖGLICHKEITEN DER DIAGNOSTIK

In der Diagnostik hat sich auf dem Gebiet der Prostata-Erkrankungen in den vergangenen Jahren immens viel getan.

• Die einfachste und leichteste Methode ist nach wie vor die Fingeruntersuchung, die den meisten Männern solchen Respekt abringt. Sie ist vielleicht unangenehm, aber schmerzlos.

Die Daumenregel dabei: Eine gesunde Prostata fühlt sich etwa so an, als drücke man mit dem Finger der einen Hand auf die zur Faust geballte andere Hand, und zwar genau zwischen Daumen und Zeigefinger. Im Fall von Prostata-Krebs hat man das Gefühl, etwas danebengegriffen und auf einen Knöchel gedrückt zu haben.

Mit der Fingeruntersuchung lassen sich etwaige Knoten ertasten, sie gibt Aufschluss über Größe und Beschaffenheit. Die Prostata kann sich elastisch, teigig oder verhärtet anfühlen, da gibt es riesige Unterschiede. Die Oberfläche gibt erste Hinweise auf mögliche Probleme. In jedem Fall bekommt man Informationen über die Spannung im Beckenboden und im Schließmuskel. Aus medizinischer Sicht ist es ungemein wichtig, den Patienten anzugreifen. Erst dabei bekommt man als Arzt ein Gefühl für die Sache und erfährt wesentlich mehr als aus den leblosen Labor-Werten. Obwohl diese ebenso wie die Harnuntersuchung wichtig für die Diagnostik ist.

• Eine ebenso einfache und bewährte Untersuchung ist die Harnflussmessung. Statt direkt in die Toilette pinkelt der Patient in einen Trichter. Simple Übung und im Normalfall absolut schmerzlos. Über einen Kurvenverlauf erkennt der Urologe, wie gut das Harnlassen funktioniert. Zeigt sich ein klassischer glockenförmiger Verlauf mit maximaler Flussgeschwindigkeit, kann man gleich wieder einpacken, dann ist die Miktion vollkommen in Ordnung. Flussgeschwindigkeit ist übrigens nicht mit Druck zu verwechseln. Druck durch Pressen ist beim Harnlassen nie etwas Gutes.

Pinkeln, man sollte es nicht glauben, ist ein perfekt orchestrierter Ablauf. Ab dem Moment, wo man sich hinstellt, setzt die unwillkürliche Muskulatur um die Blase und um die Prostata eine regelrechte Kaskade in Gang. Es ist nicht die Schwerkraft, die da die Arbeit macht, es ist der Blasenmuskel, der sich einerseits zusammenzieht und gleichzeitig den Schließmuskel der Harnblase, der sich auf Höhe der Prostata befindet, entspannt. Über den Beckenboden bedienen wir den willkürlichen Schließmuskel, der den Harnstrahl stoppt oder aktiviert. Deswegen gehört auch der Beckenboden immer mit in die Diagnostik hinein, insbesondere bei Patienten, die wiederholt Schmerzen mit der Prostata haben.

Man kann übrigens auch beim Pinkeln etwas falsch machen. Wenn man sich dabei nicht wirklich völlig entspannt, lernt man sich auf Dauer etwas Falsches ein, ähnlich wie beim Atmen. Harnlassen ist also nichts, was man nebenher macht, zwischen zwei Terminen, das Handy am Ohr und den Kopf bei der nächsten Präsentation. Es ist eine Krankheit unserer Gesellschaft, ständig überall erreichbar sein zu müssen. Auf die Toilette geht man allein, ohne Stress. Hinstellen, Beckenboden und Körper entspannen, nichts denken. Das wäre das Gesündeste.

Eine andere Art von Stress ist der heimliche Wettbewerb in der Disziplin Zurückhalten. Viele Männer fühlen sich umso stärker, je mehr Menge sie ansammeln und dann eindrucksvoll auf einmal abgeben können. Wer jetzt den Kopf schüttelt, war noch nie stolz, seinen Namen in den Schnee schreiben zu können, und ich meine den ganzen, nicht nur Herbert.

Einen Tag lang durchzuhalten, ohne auf die Toilette zu gehen, ist jedenfalls keine Heldentat. Man kann damit sogar einiges anrichten. Die Blase und die Muskelfasern werden überdehnt, verlieren ihre Kraft und können sich nicht mehr so gut zusammenziehen. Betreibt man das langfristig, entstehen zum Teil irreparable Schäden an der Blase.

• Ein ganz genialer Tumor-Marker ist das PSA, wir hatten es schon als Sekret, das die Samenflüssigkeit verdünnt. Das Enzym oder Protein erleichtert uns die Diagnose von Prostata-Krebs, der davor nur mit der Fingeruntersuchung festzustellen war, ganz entscheidend. Nach der Zulassung der Untersuchung 1986 stieg die Zahl der Früherkennungen tatsächlich sehenswert an, die Krebserkrankungen gingen entsprechend zurück.

Allerdings war die Geschichte nicht ungetrübt. Vor einigen Jahren ließen eine US-amerikanische und eine europäische Studie aufhorchen, die durch die Medien gingen und den Benefit der PSA-Untersuchung in Verruf brachten.

Der Kritikpunkt war letztlich durchaus einsichtig. Weil die Urologen eine Zeitlang so glücklich waren über die Möglichkeit, die ihnen diese Tumorhinweise boten, wurde biopsiert, was das Zeug hielt. Selbst wenn der Wert nur leicht erhöht war, schaute man sich zur Sicherheit auch das Gewebe an. Ich erspare Ihnen jetzt die Tücken der Diagnostik, rückblickend kann ich nur sagen, wir haben damit Heerscharen von Männern verunsichert und ihnen so einige Sorgen bereitet.

Fakt ist, dass PSA ein guter Marker ist, der aus vielen Gründen erhöht sein kann, der schlechteste davon ist Prostata-Krebs, und selbst der tritt nur in den selteneren Fällen ein. Ein etwas erhöhter PSA-Wert bedeutet also nicht immer sofort: um Gottes willen, Krebs. Er bedeutet: Da ist etwas, das man sich anschauen sollte. Dieses Etwas kann eine Prostata-Vergrößerung, eine Entzündung oder einfach nur eine Alterserscheinung sein. Heute wissen wir: Warnt der PSA-Wert, besteht kein Grund zur unmittelbaren Panik, man soll den Kopf aber auch nicht in den Sand stecken.

• Die Magnetresonanz ist eine Errungenschaft, mit der wir eine sehr gute bildgebende Diagnostik dazugewonnen haben. Die Prostata ist dabei nicht nur in ihrer Größe und Struktur, sondern auch in ihren Veränderungen zu sehen. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten, meist frühzeitig und mit einer relativ hohen Treffsicherheit.

Nach einem Schulnotensystem wird in PI-RADS (Prostate Imaging – Reporting and Data System) klassifiziert, also P wie Prostata. Beim weiblichen Brustkrebs misst man in BIRADS, B für Brust.

• PI-RADS 1 ist eine Prostata, wie Gott sie schuf. Sieht man so gut wie nie, außer man beglückt einen 20-Jährigen mit der Untersuchung.

• PI-RADS 2 ist ein typischer Befund, der eine Prostata mit Anzeichen einer gutartigen Vergrößerung zeigt. Leider kann auch hier in wenigen Fällen Krebs vorliegen.

• PI-RADS 3 lässt bereits eine Läsion erkennen, die von den Radiologen nicht eindeutig als gut- oder bösartig eingestuft werden kann. Das bedeutet Kontrolle oder eine Probenentnahme zur weiteren Diagnostik.

• PI-RADS 4 ist eine sehr suspekte Läsion und damit ein deutlicher Hinweis auf eine bösartige Veränderung.

• PI-RADS 5 ist aus radiologischer Sicht ein sicherer Krebsnachweis, das MRT zeigt ein Karzinom. Die endgültige Diagnose stellt man nur mittels Biopsie, ohne weitere Informationen gibt es keine Therapie.

• Der Ferrari der bildgebenden Diagnostik ist derzeit das sogenannte PSMA-PET-MR, die Kombination einer nuklearmedizinischen Untersuchung mit einem hochsensitiven Marker für Prostata-Krebs-Zellen und dem MRT. Das gibt es übrigens auch in Kombination mit der Computertomografie als PSMA-PET-CT. PET ist eine Emissions-Tomografie, die schon erfolgreich bei der Schilddrüse im Einsatz ist.

Man spritzt radioaktive Substanzen, die sich im veränderten Gewebe anreichern, und es mit der grandiosen Detailauflösung der MRTs darstellen. Die Möglichkeiten, die man damit hat, sind enorm. Vor allem bei Patienten, die bereits ein Prostata-Karzinom haben, vielleicht auch schon operiert wurden, erhält man mit PSMA-PET-MR einen Hinweis darauf, ob es womöglich wieder aufgetretenist. Früher blieb einem nichts anderes übrig, als abzuwarten, ob der Wert wieder hinaufging.

Für Sie klingt das jetzt vielleicht nur, als freute sich ein Arzt über ein neues Verfahren, das ihm die Arbeit erleichtert. Es ist weit mehr. Es ist eine Revolution.

Zwischenfrage: Wer hat Angst vor einer Biopsie?

Alle. Allein schon das Wort auszusprechen, ist ein heikler Moment. Aus fachlicher Sicht wird bei einer Biopsie Gewebe aus dem Körper zur pathologisch-histologischen Aufarbeitung entnommen. Männer haben da ein weniger medizinisches Bild vor sich. Sie sehen rotglühende Stricknadeln auf sich zukommen, die ihnen in der nächsten Sekunde da unten hineingerammt werden. In den Anfängen dieser Untersuchung war die Vorstellung nicht ganz so weit daneben wie heute. Man tastete sich mit einer Fingerschiene quasi blind zur Prostata vor und schnitt mit einer Hohlnadel einen Zylinder heraus. Und das alles bei vollem Bewusstsein.

Inzwischen erledigt man das Ganze mit ungeheuer sympathischen, schlanken Ultraschall-Sonden und meistens über den Enddarm. Mit dem Schall geht es an der Innenauskleidung des Enddarms bis zur richtigen Stelle, wo eine feine Nadel durch den Darm direkt in die Prostata vordringt. Von all dem kriegt der Patient nichts mit, er liegt entweder in Narkose, aber in den meisten Fällen genügt eine örtliche Betäubung direkt bei den Nerven neben der Prostata.

Eine andere Biopsie-Variante heißt im Fachjargon transperinal und bedient sich nur eines anderen Winkels. Die feinen Nadeln gehen durch den Bereich zwischen Hodensack und After, das Perineum oder auch Damm genannt. Der Darm bleibt dabei unangetastet.

Wenn man durch den Darm geht, und Keime in die Prostata kommen können, sind Infektionen die größte Gefahr, wenn auch sehr selten. Üblicherweise kann das der Körper gut bearbeiten. Wenn jemand mit dem Immunsystem Probleme oder bereits eine Infektion hat, empfiehlt sich doch eher die transperinale Methode. Das kleinere Risiko sind Blutungen, die grundsätzlich immer passieren können, wenn man mit einer Nadel in den Körper sticht.

Die Prostata-Biopsie wird neuerdings auch mit den MRT-Bildern kombiniert und führt als sogenannte MRT-Fusions-Biopsie zu einer höheren Treffsicherheit. Sozusagen der Porsche unter den Biopsie-Verfahren.

WAS HEISST DAS ALLES FÜR SIE?
DIE THERAPIEMÖGLICHKEITEN BEI PROSTATA-KREBS

Es heißt vor allem: keine Panik. Die Nachrichten sind mehr als gut: Wir haben heute so gute Therapieformen in der Tumorbiologie, dass Prostata-Krebs in den meisten Fällen komplett geheilt werden kann. Selbst in fortgeschrittenen Stadien können wir die Krebserkrankung zu einer chronischen Erkrankung machen. Der exzellenten Forschung und dem unglaublichen Einsatz vieler hervorragender Kollegen gilt hier der Dank.

In den vergangenen 40 bis 50 Jahren gab es bei den Prognosen weniger Krebserkrankungen so einen deutlichen Rückgang wie bei Prostata-Krebs. Das Risiko, daran zu sterben, sank in den westlichen Ländern in den vergangenen 15 bis 20 Jahren deutlich. Und das bezieht sich nicht nur auf das onkologische Ergebnis, sondern auch auf die Lebensqualität. Wir konnten nicht nur die Nebenwirkungen der Therapien eindämmen, wir fanden auch heraus, dass man mitunter gar keine braucht.

Nicht jeder Prostata-Krebs muss behandelt und schon gar nicht operiert werden. Es gibt viele Männer mit einem Karzinom, das man nur kontrollieren und regelmäßig im MR beobachten muss. Vielleicht macht man noch einmal eine Biopsie, um Veränderungen zu untersuchen. Ansonsten lebt der Patient mit dem Krebs mittlerweile sehr gut.

Was tun?

Sollten Sie mit der Diagnose Prostata-Krebs konfrontiert sein, bewahren Sie Ruhe. Ein Prostata-Karzinom muss man nicht morgen operieren, es wächst in den meisten Fällen sehr langsam. Man hat also Zeit, um sich über die Behandlungsoptionen klar zu werden. Das heißt aber auf keinen Fall, die Diagnose oder etwaige Anzeichen nicht ernst nehmen zu müssen.

Das war nicht immer so. Schauen wir uns die Erfolgsgeschichte der Therapiemöglichkeiten kurz an:

Als einer der Ersten führte Hugh Hampton Young, damaliger Chef der Urologie im Johns Hopkins Hospital in Baltimore, 1904, also vor mehr als hundert Jahren eine Prostata-Operation durch. Er setzte den Schnitt im Dammbereich, was heute nur noch ganz selten gemacht wird.

1941 wiesen die amerikanischen Wissenschaftler Charles Huggings und Clarence Hodges nach, dass sich fortgeschrittene Prostata-Karzinome zurückbilden, wenn man ihnen das Testosteron entzieht. Man entfernte dazu nicht den gesamten Hoden, sondern schälte nur das funktionelle Gewebe heraus. Mittlerweile haben wir so gute Medikamente, dass selbst das obsolet ist. Es war der Beginn der Hormon-Therapie, 1966 bekam Huggins dafür den Nobelpreis.

Ein gewaltiger Meilenstein war 1982 die erste nervenschonende radikale Prostatektomie von Urologen-Papst Patrick Walsh, der später einer meiner Lehrer war. Lange bevor ich nach Johns Hopkins kam, hörte ich von ihm, als ich während meiner Allgemeinausbildung auch auf der Urologie gearbeitet habe. Schon damals faszinierte mich dieser Walsh, der in Baltimore so nervenerhaltend operierte. Die Prostata war immer eine große und schwierige OP, sie ist die Königsklasse in der Urologie, allein schon wegen der Lage. Wir konnten uns alle nicht vorstellen, wie Walsh das machte, und ob das alles überhaupt so stimmte, die österreichische Skepsis eben. In Wien, wie auch im Rest der Welt, ging man nach der geltenden radikalen Technik vor, indem man sie zur Gänze samt einem Teil des umgebenden Gewebes entfernte. Nerven zu schonen war damals kein Thema in der Chirurgie.

Für den Patienten hat sich mit der Walsh-Methode eine Welt verändert. Früher war es nach einer Prostata-OP vorbei mit dem Liebesleben, die durchtrennten Nerven machten eine Erektion unmöglich. Heute erhält man mit den Nerven auch in vielen Fällen die Sexualität, das Leben kann ganz normal weitergehen.

1991 gelang Professor Ralph Clayman, auch eine Kapazunder aus dem Urologen-Mekka in Baltimore, erstmals eine laparoskopisch durchgeführte Prostata-OP. Wir reden hier von Knopflochchirurgie, von winzigen Schnitten, von Kameras. Der Unterbauch wird mit Luft aufgeblasen, man operiert mit Stablinsenoptiken. Der Vorteil liegt in der schnelleren postoperativen Wundheilung und Erholung.

2001 erregte die erste robotische Prostata-Ektomie im Henry Ford Hospital in Detroit Aufsehen. Es war nicht der erste Einsatz von Robotern, die verwendete man schon länger. Aber erst dieses System, der daVinci-Roboter, brachte den wirklichen Durchbruch. Die Sensation war, dass der Chirurg erstmals getrennt von der Maschine agierte. Das heißt jetzt nicht, dass der Roboter operiert, und der Chirurg in der Kantine sitzt.

Wobei er das durchaus könnte, denn die Verbindung zwischen den beiden geht nur über ein Kabel. Der Arzt sitzt an einer Konsole, wo er die dreidimensionale Darstellung sieht, mit beiden Armen hineingreift und mit beiden Händen so etwas wie Greifzangen bedient und damit den Roboter steuert. Eine Revolution.

Und dahinter ein Evolutionssprung. Denn durch die Videoaufzeichnungen wurde es großen Auditorien möglich, bei der Operation zuzuschauen.

Schaut man noch ein bisschen weiter dahinter, taucht schnell das amerikanische Militär im Blickfeld auf. Wie so oft ist es auch in die Fortschrittsgeschichte des Roboters in der Medizin involviert. Der Gedanke war, Verletzte in Kriegsgebieten operieren zu können, obwohl die Chirurgen irgendwo friedlich an ihren Konsolen saßen. Dafür gab es gewaltige finanzielle Starthilfen für die Entwicklung der neuen Technologie. Die Rechnung ging nicht auf, es hakte an der Datenübertragung, die nicht mitmachte. Wenn wir nicht gerade mit Termingeschäften an der Börse beschäftigt sind, stört uns eine Latenzzeit von einer Sekunde nicht. Operationen aber müssen in Echtzeit ablaufen. Heute nähert man sich dem Ziel schon nach und nach an, die Investition der Rüstungsindustrie wird letztlich nicht hinausgeworfenes Geld gewesen sein.

Auch die Pharmaindustrie investiert schöne Summen in die Forschung. Vor allem die Medikamente, die bei bestehenden Prostata-Karzinomen eingesetzt werden, haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren enorm weiterentwickelt.

So segensbringend es war, das Testosteron zu drosseln, um die Krebszellen am Wachsen zu hindern, löste es doch nicht alle Probleme. Im Gegenteil, man handelte sich damit ein paar neue ein. Das fehlende Testosteron zeigte nachhaltige Nebenwirkungen, zum Beispiel reagierte die Libido darauf gekränkt, und Depressionen hatten freie Bahn.

Man weiß auch schon länger, dass Prostata-Karzinome trotz Testosteron-Entzug nach einer gewissen Zeit weiterwuchsen. Man wusste nur nicht, warum. Bis wir vor kurzem verstanden haben, wie schlau Prostata-Krebs-Zellen sind. Aha, sagen die sich nämlich, sobald wir ihnen den Hormon-Hahn abdrehen, soso, ihr stoppt uns das Testosteron, dann produzieren wir es eben selber. Und das tun sie auch, sie machen sich unabhängig. Selbst die Signalwege, die durch Testosteron in einer Zelle entstehen, können sie nachspielen und sich ihre eigenen Wege suchen. Unglaublich, was eine Zelle, dieser kleinste Teil unseres Körpers, alles zustande bringt. Die neuen Therapien auf der hormonellen Schiene fußen auf diesem Verständnis.

Vor der Hormon-Therapie gab es überhaupt nur die Optionen zu operieren oder zu bestrahlen. Alle Versuche, bei Prostata-Krebs Chemo-Therapien einzusetzen, die bei anderen Krebsarten durchaus erfolgreich sind, scheiterten. Jeder Krebs hat seinen eigenen Mechanismus, wie er sich teilt und wie er wächst. Jedes Gewebe reagiert unterschiedlich auf die Formen der Chemo-Therapie. Manche setzen dort an, wo sich der Krebs teilt. Im Zellkern drinnen, genau dort, wo die Erbinformation repliziert wird, wo ein Spindelapparat ausgebaut wird und diese Informationen hin- und hergleiten und auseinandergehen. Es gibt Chemotherapeutika, die diesen Spindelapparat zerstören. Klingt nach einem todsicheren Vorgehen, funktioniert aber nicht bei jeder Krebszelle. Denn jede hat ihre eigene Art, sich weiterzuentwickeln.

Weil Chemo-Therapien grundsätzlich nur Zellen zerstören, die sich schnell teilen, beeinträchtigen sie auch die Fruchtbarkeit. Die Zellen im Eierstock und vor allem in den Hoden sind, wie Haarzellen, sehr schnell teilende Zellen. 2004 kam dann erstmals ein Chemotherapeutikum zum Einsatz, das es mit der flinken Truppe des Prostata-Karzinoms aufnehmen konnte.

Seit 2011 geht die jüngste Entwicklung von Medikamenten in die Richtung, den Mechanismus der Zellen, sich selbst Testosteron zu produzieren, zu unterdrücken. Und zwar ohne Chemo-Therapie. Wir werden sehen, wo uns das in den kommenden Jahren hinführt. Und danach müssen wir das nächste Medikament finden, das wir brauchen, wenn die Zellen gelernt haben, sich auch dagegen zu wehren. Was wir bereits haben, sind ganz neue Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen und für deren Entdeckung es 2018 einen Nobelpreis gab.

Generell ist die Zukunft der Therapie recht verheißungsvoll. Alles weist in Richtung weniger radikaler Therapieformen. Über das MRT lassen sich Veränderungen der Prostata schon so gut lokalisieren, dass man sie fokal behandeln kann. Anders gesagt: Es ist nicht mehr notwendig, alles zu entfernen, man beschäftigt sich nur noch mit den betroffenen Teilen. Und dafür stehen uns ganz neue Methoden mit den unterschiedlichsten Energieformen zur Verfügung.

Das Thema Prostata-Krebs ist ein riesiges, man kann damit viele Bücher füllen. Den Rahmen dieses Buches würde es sprengen, es soll auch nicht dessen Zielsetzung sein. Sollten Sie vom Prostata-Krebs betroffen sein oder sich für weitere Details interessieren, kann ich Ihnen das ausgezeichnete Buch meines ehemaligen Lehrers, des Ordinarius’ der Wiener Urologischen Universitätsklinik Professor Shariat mit dem Titel Prostatakrebs Vorbeugung. Diagnose. Therapie empfehlen. Auch die ausgezeichneten Informationsbroschüren und Awareness-Kampagnen sind eine gute Hilfe, allen voran die Lose Tie-Aktion der Österreichischen Krebshilfe gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie und dem Berufsverband der österreichischen Urologen.

ES MUSS NICHT IMMER GLEICH PROSTATA-KREBS SEIN.
DIE PROSTATAHYPERPLASIE

Die gutartige Vergrößerung ist das häufigste Thema in Zusammenhang mit der Prostata. Jeder dritte Mann über fünfzig hat eine vergrößerte Prostata und mehr oder weniger Beschwerden damit. Wir reden von 300.000 übergroßen Kastanien, die auch in ärztlicher Behandlung sind. Fast 30 Prozent aller Männer sind aufgrund einer Hyperplasie operiert worden.

Man fragt sich, was ein so duldsames Organ wie die Prostata dazu bringt, sich im Laufe der Zeit so aufzuplustern. Manchmal liegt es an genetischen Einflüssen, die man bisher nur ansatzweise entschlüsseln konnte. Meistens an den altersbedingten Änderungen im Hormonhaushalt. Durch die Unterschiede in der Balance zwischen den verschiedenen Hormonen bekommt die Prostata einen Reiz, der die normalen, gutartigen Zellen dazu bringt, sich zu vermehren. Sie entarten nicht wie beim Krebs, wo sie beschließen, von Engeln zu Teufeln zu werden.

So ganz lassen sich Engel und Teufel auf Anhieb allerdings nicht unterscheiden. Die Teufel des Prostata-Krebses verursachen keine Schmerzen und halten sich daher lange im Verborgenen.

Die Engel der Hyperplasie machen sich oft beim Wasserlassen bemerkbar, trotzdem heißt Vergrößerung nicht automatisch Beschwerden. Es gibt Männer mit einer Prostata von Orangengröße, die sie fast nicht tangiert, und andere, denen schon kleine Veränderungen sehr zusetzen. Prostata-Krebs zeigt sich nur sehr selten und wenn, dann im späten Stadium, auf der Toilette. Da durchzublicken ist eher der Job des Urologen.

Für alle, bei denen der Strahl nicht mehr wie aus einem Feuerwehrschlauch schießt, heißt das nicht sofort, das Schlimmste befürchten zu müssen. Nicht jeder, der beim Harnlassen Probleme hat, muss Angst vor Krebs oder Operation haben.

SYMPTOME DES UNTEREN HARNTRAKTES
HARNSPEICHERUNG

• Bedürfnis, öfter zu urinieren, als üblich

• Vermehrtes, nächtliches Urinieren

• Plötzlicher Harndrang

• Schwierigkeiten mit dem Urinieren zu warten

• Unfreiwillige Entleerung der Harnblase

BLASENENTLEERUNG

• Schwacher Harnstrahl

• Geteilter oder sprühender Harnstrahl

• Häufig unterbrochener Harnstrahl

• Drücken beim Urinieren ist erforderlich

• Längere Zeitdauer, bis der Harnfluss beginnt

• Das Urinieren dauert länger als üblich

• Akuter oder chronischer Harnverhalt

NACH DER MIKTION

• Gefühl, dass die Blase während des Urinierens nicht vollständig entleert werden kann

• Unfreiwilliger Harnverlust oder Harnträufeln kurz nach Verlassen der Toilette

Quelle: BPH Patienteninformation der EAU

Tippen Sie also eher auf Hyperplasie oder eine überaktive Blase, wenn Sie

• nachts öfter aufstehen und auf die Toilette müssen,

• das Gefühl haben, dass bei Harndrang das nächste WC nicht weiter als drei Meter entfernt sein sollte,

• Harn verlieren, wenn es doch mehr als drei Meter sind.

Es können Harnwegsinfektionen auftreten. Die Blasenwand kann sich verdicken. Ähnlich wie beim Darm können sich Divertikel aus der Blasenwand stülpen. Es kann zu Harnstopp oder Harnverhalten kommen, weshalb der Patient nicht mehr auf die Toilette gehen kann und einen Katheter braucht. Trinkt man zu wenig, kann die Nierenfunktion so eingeschränkt sein, dass ein Rückstau entsteht.

Trinken ist in diesem Zusammenhang etwas ganz Entscheidendes. Viele trauen sich nur noch zu nippen, weil sie nicht wissen, wann Sie ihre Prostata auf die Toilette treibt, und vor allem, wo eine ist, die Sie in ein paar Sekunden erreichen können. Dafür gibt es sogar den Ausdruck des Toilet-Mappings. Werfen Sie einen Blick in Ihren App-Store, es gibt so einige Toilet-Finder, die einen den schnellsten Weg zum nächstliegenden Pissoir zeigen, und trinken Sie wieder mehr.

• Die einfachste Therapie bei leichten Symptomen der Hyperplasie ist: abwarten und die Beschwerden erleichtern. Wenn die Nächte mehr mit Wasserlassen als mit Schlafen draufgehen, versucht man, seine eineinhalb, zwei Liter Flüssigkeit bis 18:00 zu trinken. Verhaltenstraining, sozusagen.

• Die Alternativmedizin setzt darüber hinaus sehr auf den Einfluss des Beckenbodens. Ist er einigermaßen trainiert, wirkt sich das auf die Beweglichkeit im Beckenring und der Hüfte aus, was beim Harnlassen hilft. Gezieltes Beckenbodentraining ist die nachhaltigste Therapie. Ich arbeite hier sehr gerne mit ausgezeichneten und auf den Mann spezialisierten Kolleginnen und Kollegen der Orthopädie, Physikalischen Medizin, Physiotherapie und Osteopathie zusammen.

• Auch mit Phytotherapie ist bei leichten Formen etwas auszurichten. Die Kräuterheilkunde hat in der Wissenschaft und der Medizin längst ihren Platz erobert: Kürbiskerne, Sägepalme & Co. sind durchaus eine Option bei leichten Beschwerden wegen gutartiger Prostata-Vergrößerung.

• Medikamentös lässt sich die gutartige Prostata-Vergrößerung schon lange behandeln. Die einen Präparate erleichtern die Symptome, andere zielen darauf ab, die Größe der Prostata zu reduzieren. Allerdings häufig mit erheblichen Nebenwirkungen. Nahezu alle Medikamente wirken sich auf die Sexualfunktion aus. Das Mittel, das die Symptome lindert, birgt noch dazu das Risiko einer retrograden Ejakulation. Der Samen schießt beim Orgasmus nicht mehr nach außen heraus, sondern in die Blase hinein. Schädlich ist das an sich nicht, aber die Psyche hat doch ihre Schwierigkeiten damit.

Das andere Medikament funktioniert, indem es in den Hormonhaushalt eingreift, dort die Umwandlung von Testosteron in dessen aktiven Metaboliten Dihydrotestosteron mindert und damit das Wachstum der Prostata bremst. Die Verkleinerung wirkt allerdings über die Kastanie hinaus und verringert auch die Lust der Libido auf vollen Einsatz. Das Ergebnis ist null Bock. Außerdem können sich beide Mittel auf die Erektionsfähigkeit auswirken. Der Sex läuft also nur noch auf Fünfeinhalb.

Die Pharmaindustrie war nicht faul auf dem Gebiet. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich herauskristallisiert, dass niedrig dosierte Potenzmittel mehr können, als das, wofür sie entwickelt wurden. Hochinteressante Therapie. Ein Präparat, das sehr lang wirksam ist, zeigt bei täglich winziger Dosierung fast keine Nebenwirkungen. Die Symptome der Hyperplasie werden gelindert, als angenehmer Nebeneffekt verbessert sich auch die Erektion. Die Therapie wird in Österreich von der Kassa leider nicht übernommen, man muss sie selbst bezahlen.

Eine Operation der gutartig vergrößerten Prostata ist dann zu überlegen, wenn die medikamentöse Therapie nicht funktioniert, und sich die Lage zusehends verschlechtert. Es kann sein, dass sich die Blase nicht mehr vollständig entleeren kann und deshalb Restharn entwickelt. Der Patient kann wiederholt unter Harnwegsinfekten oder Harnstopp leiden. Irgendwann lassen sich die Symptome nicht mehr wirklich erleichtern, die Zeit des Abwartens ist vorüber.

Operation ist dabei nicht gleich Operation. Früher ging man durch einen offenen Schnitt von außen hinein. Dann fand man den Weg durch die Harnröhre und verkleinerte die Prostata mit Strom. Man nimmt kleine Gewebsstücke heraus und schneidet mit einer speziellen Form von Strom. Das ist die traditionelle Vorgehensweise, gilt weiterhin als der Gold-Standard und ist für viele Männer eine gute Behandlungsform. Man hat dann auch begonnen, anstelle von Strom einen Laser zu verwenden. Vom Prinzip her ist der Zugang mittels Operation durch die Harnröhre aber der gleiche, und unterscheidet sich in Methode, Ergebnis und möglichen Folgen nur wenig von der klassischen Variante.

DIE PROSTATA-ARTERIEN-EMBOLISATION

Heute können wir eine gutartig vergrößerte Prostata allerdings auch ganz anders kleinkriegen. Operieren ohne OP sozusagen. Dazu stehen uns neuerdings verschiedene Optionen zur Verfügung. Prostata-Arterien-Embolisation heißt die minimalinvasive Methode, bei der die Vergrößerung über den Blutweg behandelt wird. Der Patient braucht keine Narkose, wir fast keine Vorbereitung.

Wie bei einer Herz-Katheter-Untersuchung liegt der Patient, es ist Herr Herbert, auf einem Röntgen-Tisch. In der Leiste punktieren wir die Arterie und dringen mit einem ganz feinen, hauchdünnen Katheter durch größere Gefäße in die feinsten Gefäße der Prostata vor. Dann spritzen wir selektiv, nur in diesem Gefäß, Mikropartikel ein. Winzige Kügelchen, die ihren Weg zu den allerkleinsten Gefäßen finden und sie verschließen. Dieser Vorgang nennt sich Embolisation. Über den Verschluss der Gefäße bildet sich die Vergrößerung der Prostata zurück. Man kann sich das vorstellen wie bei einer Pflanze, die man nicht mehr gießt.

Die Vorteile sind erheblich. Man muss nicht operieren, nicht mehr schneiden. Über das Blutgefäß nimmt man einen natürlichen Weg ans Ziel und die Patienten sind am nächsten Tag schon wieder mobil. Minimalinvasiver geht es kaum. Und: Die Methode hat kaum einen negativen Effekt auf die sexuellen Funktionen. Erektionsstörungen sind sehr selten, die retrograde Ejakulation noch seltener. Auch für eine noch so schonende Behandlung wie die PAE gilt es, die spezifischen Limitationen zu beachten und die Therapie auf den jeweiligen Patienten abzustimmen.

Für uns Ärzte ist die Technik eine Herausforderung und mit sehr viel Knowhow verbunden. Die Gefäße im Becken sind eine Art dichtes Labyrinth, in dem man sich lange nicht ausgekannt hat. Es ist schwierig, die einzelnen Gefäße zu identifizieren, die richtigen Wege in den verschiedenen Darstellungen zu finden.

In Österreich waren mein Kollege, der interventionelle Radiologe Professor Florian Wolf, und ich Vorreiter. Obwohl die Technik seit mehr als zehn Jahren international routinemäßig im klinischen Einsatz ist, ist sie bei uns erst langsam im Kommen. Der Grund dafür ist die nötige Kombination von interventioneller Radiologie und Urologie. Solche fachübergreifenden Teams finden sich nicht leicht.

Ich hatte großes Glück mit Dr. Wolf. Gemeinsam haben wir in den vergangenen fünf Jahren ungeheure Erfahrung gesammelt. Als wir damit begannen, flogen wir auf der ganzen Welt herum, um uns die Methode anzuschauen. Wir luden die Päpste auf dem Gebiet zu uns nach Wien ein. Die ersten Patienten haben wir zusammen mit den Pionieren operiert, bald konnten wir die Technik weiterentwickeln.

Heute können wir damit auch Erektionsprobleme über den Blutweg mitbeheben. Full Service for the Aging Male. Das Rundum-Service für den Mann von fünfzig plus. In einer einzigen Sitzung sind Patienten ihre Beschwerden mit der Prostata und ihre Erektionsstörungen los.

WASSER ZU WASSER:
DIE BEHANDLUNG DER PROSTATA MIT WASSERDAMPF

Als jüngste minimalinvasive Errungenschaft setzen wir die sogenannte konvektive Wasserdampfablation mit dem Rezūm-System ein. Wir spritzen dabei ein paar Tropfen sterilen Wasserdampf in die innere Zone der Prostata, die die Vergrößerung und die Beschwerden verursacht. Die thermisehe Energie wirkt direkt auf die Zellen, sie sterben ab, die Prostata schrumpft.

Nach einigen Wochen ist der Weg für den Harnfluss wieder frei. Inkontinenz ist annähernd ausgeschlossen, die Ejakulation ist nahezu unbeeinträchtigt. Das Verfahren dauert zehn bis fünfzehn Minuten und geht meist ambulant vonstatten. Auch wenn die Zahl der Studien noch überschaubar ist, sind die ersten Ergebnisse vielversprechend. Meine persönlichen Erfahrungen mit dieser Therapie sind sehr gut. Wie bei allen anderen Behandlungen heißt es immer, für den Patienten die individuell bestmögliche Therapie zu finden.

WAS IST MIT DEN SEELISCHEN SCHMERZEN?
DIE PROSTATA UND DIE PSYCHE

Es fasziniert mich immer, wie sehr Psyche und Prostata miteinander verbunden sind. Kaum tauchen Probleme auch nur am Horizont auf, setzt das einen Gedankenkreisel in Gang, der einem Mann zuerst den Schlaf und dann fast den Verstand raubt. Die Angst, nicht mehr Mann sein zu können, lastet oft schwerer auf ihm als körperliche Schmerzen. Umgekehrt sehe ich bei Männern, die gerade erfolgreich behandelt wurden, wie sie regelrecht aufblühen.

Es muss dabei gar nicht um Krebs gehen. Die Sorgen und Ängste des Mannes sind nicht von der Diagnose abhängig, sie quälen Krebspatienten ganz genauso wie Männer mit Infektionen.

Bei Männern mit Prostatitis beginnt sich alles nur noch um das konstante Druckgefühl zwischen den Beinen zu drehen. Plötzlich leben sie mit einem leicht schmerzlichen Ziehen zwischen den beiden Beinen in der Dammregion, sie spüren es beim Stehen, Schlafen und Sitzen, und es lässt sich nicht ignorieren. Das macht die Männer regelrecht verrückt. Je mehr Ziehen, desto angespannter wird man, je angespannter man ist, desto mehr zieht oder schmerzt es.

Bei der vergrößerten Prostata drückt das ewige Aufstehen in der Nacht auf die Schlafqualität. Das merkt man oft länger nicht, aber irgendwann wird die Tagesmüdigkeit zum Thema und die Angst vor Krebs größer. Sie vertreibt auch noch den Schlaf, den einem das nächtliche Harnlassen übriglässt. In so einem Zustand muss man noch häufiger auf die Toilette, und es pinkelt sich noch mühsamer.

In diesem Stadium ist dann auch das Sozialleben betroffen. Die Partnerin hat vielleicht schon ein eigenes Zimmer bezogen, um nicht immer aus dem Schlaf gerissen zu werden, aber es gibt ja auch noch Freunde und gesellschaftliche Verpflichtungen. Wenn man alle halbe Stunde aufs WC muss, kann man in kein Theater mehr, nicht mehr in die Oper. Selbst im Vorstadtkabarett erregt man irgendwann Missfallen, geschweige denn am Stammtisch, wo man sich dann auch noch entsprechende Sprüche anhören kann.

Die Diagnose Prostata-Krebs ist sicher die einschneidendste und verändert das Bewusstsein zum eigenen Körper, seiner Verletzbarkeit und Vergänglichkeit enorm. Sie geht sogar über das eigene Leben hinaus, weil letztlich auch die Sexualität, Zeugungsfähigkeit und Kontrolle über das Wasserlassen eingeschränkt sind. Angst beeinträchtigt auch die Erektionsfähigkeit, daran ist leider nicht zu rütteln. Egal, woran die Prostata krankt, es kommt, mal mehr und mal weniger, zu einer Veränderung der Sexualität.

Mehr ist es, wenn die Samenwege durchtrennt werden. Dann produzieren die Hoden zwar noch Samenzellen, aber sie kommen nicht mehr heraus. Mit so einem trockenen Orgasmus ist der Mann in seiner Männlichkeit in Frage gestellt. Die meisten Männer müssen sich erstmals mit dieser Männlichkeit auseinandersetzen, ich sehe das häufig.

Und auch hier habe ich gute Nachrichten für Sie: Das muss nicht notwendigerweise eine deutliche Verschlechterung sein. So paradox das klingt, es kann sich sogar positiv auswirken, weil man Sexualität mit der Partnerin anders bespricht und auslebt.

WAS IST EIGENTLICH MIT DER GANZHEITLICHEN SICHT DER DINGE?
EIN AUSFLUG ZU DEN CHAKREN

Es gibt viele Zugänge zur menschlichen Gesundheit. Wir als Schulmediziner gliedern den Menschen in seine Einzelteile, die ganzheitliche Medizin ist etwas Übergeordnetes. Ich habe aus Erfahrung gelernt, dass unterschiedliche Betrachtungsweisen oft zu denselben Ergebnissen führen. Auch in Sachen Männergesundheit, ein Gebiet, auf dem Chakren nicht unbedingt das Erste sind, nach dem ein Patient fragt.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Mediziner nimmt einen Teilaspekt heraus, macht seine Untersuchungen und diagnostiziert eine vergrößerte Prostata. Der Energetiker betrachtet die Gesamtheit und sagt: Das Sakral-Chakra ist nicht geöffnet.

Der Urologe kann eine Diagnose stellen und erklären: Dein Testosteron ist zu niedrig, daher bist du chronisch müde und lustlos. Der Energetiker kann nicht sagen, was genau los ist, aber er weiß, dass etwas nicht in Ordnung ist. Vielleicht ein Problem mit den Nerven? Eventuell etwas im Hormonhaushalt. Womöglich eine vergrößerte Prostata.

Die Prostata steht in Zusammenhang mit dem zweiten, dem Sakral-Chakra, was bei näherem Hinsehen sehr logisch erscheint. Dort geht es, wie die Übersetzung klar macht, um das Süße oder die Lieblichkeit. Die großen Themen des zweiten Haupt-Chakras sind der Fluss der Lebensenergie, im Groben Lebendigkeit, Verlangen und Begehren. Aber auch Lebensfreude, Emotionen, Lust, Sexualität, Kreativität und schöpferische Kraft gehören dazu. Es steht in Resonanz zum orange-farbigen Licht und zum emotionalen Körper. Element ist das Wasser.

Ich arbeite in meiner Praxis einmal die Woche mit einer Physiotherapeutin und Energetikerin zusammen. Vor allem für Männer mit Problemen im Bereich Beckenboden, Prostata oder Sexualität kann sie einiges tun. Ihre Rückmeldungen, wie sie Energien im Becken spüren, sie beeinflussen und auflösen kann, sind extrem interessant.

Wenn der Mann in seiner Männlichkeit komplett ist, dann steht er klar im Sakral-Chakra. Lebensenergie, Sexualität, Emotionen. Bei einem Mann, der so im Saft steht, mit Liebe an die Dinge herangeht und sexuell aktiv und erfüllt ist, ist das Sakral-Chakra weit geöffnet. Die Chakren-Lehre nennt die Symptome, die auf einen Verschluss hinweisen: Lustlosigkeit, chronische Müdigkeit, Verlust der Lebensfreude und Lebensenergie, Schwierigkeiten mit Intimität und Orgasmus. Das sind definitiv Dinge, die einander beeinflussen. Und sie decken sich vollkommen mit meiner medizinischen Sicht. Ein Verschluss in diesem Bereich führt auch zu einem Verschluss der Männlichkeit, und das wirkt sich auf die Psyche aus.

DIE SEXUALITÄT

Sexualität ist eines der schönsten, wichtigsten und komplexesten Themen der Gesundheit. Wobei Gesundheit ein Gedanke ist, der Männern dabei am wenigsten in den Sinn kommt.

Sexualität ist für die Gesundheit ebenso wichtig wie die Gesundheit für die Sexualität. Das klingt jetzt nicht sehr erotisch, ich weiß. Für Männer ist guter Sex der geilste Einfall der Natur, ihn bloß als Barometer dafür zu nehmen, dass man nicht krank ist, ist nicht das, was man sich als Mann gern vorstellt. Und doch ist es so.

Viele Männer kommen erst durch Holprigkeiten in der Sexualität dahinter, dass sie gesundheitliche Probleme haben. Für viele ist eine kleine Unebenheit da unten erst der Moment, der sie überhaupt zu einem Arzt treibt. Da können die Symptome schon laut »Hallo« schreien, erst wenn im Bett was nicht stimmt, ist medizinischer Rat gefragt. Viele meiner Patienten hatten keine Ahnung von ihren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, diese Diagnose bekamen sie erst durch ihren Urologen.

Sex ist nichts rein Organisches. Auch das drängt sich im männlichen Gehirn beim Gedanken daran nicht unbedingt vor. Für Männer ist Sexualität eine körperliche Angelegenheit. Solange der mechanische Hebearm funktioniert, ist die Welt in Ordnung. In Wahrheit bezieht sich Sexualität aber auf alles, was Frau und Mann betrifft. Von Keimdrüsen bis Geschlechterrollen.

Männliche Sexualität beginnt, wenn wir ein Magazin durchblättern, und das muss nicht einmal der Playboy sein. Wenn wir uns ein Bild anschauen, das uns anspricht, werden automatisch Hormone ausgeschüttet und die biologischen Abläufe in Gang gesetzt. Letztlich ist das größte Sexualorgan des Menschen das Gehirn. Das ist der Ort, an dem alles entspringt. Der Sexualreiz wird im Gehirn gebildet. Die Kernregion liegt im limbischen System, dort kommt es zur Aktivierung. Die Art, wie sie entsteht, was sie auslöst, unterscheidet unsere Präferenzen. Mag man eher kindliche oder üppige, weibliche oder nicht-weibliche Körperstrukturen. Da gibt es verschiedene Raster. Ob dort auch entschieden wird, ob man hetero- oder homosexuell ausgerichtet ist, ist noch nicht ganz geklärt.

Die nüchterne Definition der Sexualität umfasst drei Dimensionen:

• Fortpflanzung

• Lust

• Beziehung

Diese Dimensionen ergeben drei determinierte Erlebnisqualitäten:

• das Biologische

• das Psychologische

• das Soziale

In dieser Bandbreite liegt eines der häufigsten Missverständnisse, die in der Sexualität vom Mann ausgehen: Beim Sex geht es um das Funktionelle, und danach kommt lang nichts. Irgendwo gibt es sie, die Bedürfnisse der Frau und die Notwendigkeiten in der Beziehung. Aber ohne Erektion gibt es keinen Akt, also braucht man sich darüber auch keinen Kopf machen. Erektion gut, alles gut. Tja, das ist ein Irrtum. Denn sehr häufig geht es der Frau ganz und gar nicht um die tollste Erektion der Welt.

Ich weiß noch, wie mich ein Patient angerufen und dringendst um einen Termin gebeten hat, es war der Herbert. Jetzt müsse er kommen, jetzt sofort, seine Beziehung sei am Scheitern. Ich gab ihm einen kurzfristigen Termin und empfing einen unter Hochspannung stehenden Mann. Es ging um ein Rezept für Viagra, er brauche es jetzt, jetzt sofort. Nur das Rezept, mehr braucht er nicht. Ich könnte ihm das schon geben, sagte ich, glaubte aber nicht, dass es das eigentliche Problem lösen würde. Ich lud ihn ein, das nächste Mal mit seiner Partnerin zu kommen, und schickte ihn außerdem zum Sexualtherapeuten. Er ging tatsächlich hin. Er erkannte, wie sehr er unter Druck gestanden hatte, und nach dem Gespräch sagte er mir, er habe zum ersten Mal verstanden, dass es seiner Frau tatsächlich nicht nur um seine Erektion gehe, sondern Zuneigung, Zärtlichkeit, und darum, Gefühl auszutauschen. Er war ein völlig anderer Mensch.

Die Geschichte vereint in sich, was unter dem in den vergangenen Jahren etwas strapazierten Begriff der bio-psycho-sozialen Dimension der Sexualität zusammengefasst ist. Eins greift ins andere. Was der Körper zu erledigen hat, ist von dem, was im Geist herumgeht, uns im Unterbewusstsein prägt und in der Entwicklung beeinflusst, nicht trennbar. Sexualität ist das Kommunikationsmittel in Beziehungen, sie ist deren höchste, weil intimste Form. Der bekannte Wiener Gynäkologe, Hormonpapst und Buchautor Professor Johannes Huber hat das wissenschaftliche Trio einmal nahezu poetisch eingefangen: »Erotik ist der körperliche Ausdruck des Geistes.«

Natürlich gibt es auch Männer, bei denen in der Beziehungs- und Sexualitäts-Dimension alles bestens ist, die aber zum Beispiel durch eine Krebsoperation von heute auf morgen keinerlei Erektion mehr haben können. Hier ist es umso wichtiger, die funktionellen Komponenten wieder in Ordnung zu bringen.

Meine sexualmedizinische Ausbildung zum Fellow of the European Society of Sexual Medicine und meine langjährige andrologische Tätigkeit haben mich bunte Facetten der Sexualität und ihre vielen Spielgefährten im Menschen gelehrt und mich damit auf therapeutischer Ebene im medizinischen Bereich und auf psychologischer Ebene gerüstet. Es ist nicht ganz selbstverständlich, dass sich ein Urologe mit diesen Gebieten beschäftigt, Sexualität in ihrer komplexen Gesamtheit gehört nicht zu den ursächlichsten Belangen des Fachs. Den Rest lehrt mich die Erfahrung. Sie zeigt mir, dass es in der Sexualität keine Norm gibt, was die Arbeit immer interessant macht.

Nehmen wir nur die Frequenz, eine medizinisch gar nicht so relevante Frage, aber als Hintergrundinformation oft ganz nützlich. Wie oft soll ein Mann Sex haben, um in der Norm zu liegen? Ich habe Männer in der Praxis, die sagen, wenn sie nicht zweimal am Tag Sex haben, bricht die Welt zusammen. Ich habe Männer, die ihre Beziehung mit zweimal im Monat perfekt finden. Ich habe Männer, für die zweimal Sex im Monat schon etwas viel ist. Und ich habe Paare, die damit glücklich sind, zweimal im Jahr miteinander zu schlafen. Und alle fühlen sich zufriedengestellt.

Ich brauche die Angaben über die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs für keine Diagnose, ich könnte sie auch nicht überprüfen. Mitunter erinnern sie mich ein bisschen an den Ärztewitz, in dem ein 83-Jähriger zum Urologen kommt und sagt, sein Nachbar sei 86 und erzähle, er habe noch dreimal im Monat Sex, ob man denn da nicht auch bei ihm etwas machen könne. Sicher, sagt der Arzt, erzählen Sie es halt auch.

Aber im Ernst, die Ejakluationsfrequenz hat eine Relevanz. Eine unlängst publizierte Studie im renommiertesten urologischen Journal, dem European Urology, zeigte ganz klar, dass Männer, die zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr mehr als 20 Ejakulationen pro Monat haben, ein geringeres Risiko für Prostata-Krebs aufweisen, als alle, die nur einmal wöchentlich zum Höhepunkt kamen.

Jedenfalls zweifle ich nicht an der Bandbreite der sexuellen Frequenz, denn es gibt eine Gelegenheit, bei der sie tatsächlich eine Rolle spielt und letztlich an den Tag kommt. Nach einer Vasektomie, der Unterbindung der Samenleiter zu Verhütungszwecken, ist zur Bestätigung, dass keine Samenzellen mehr im System vorhanden sind, nach etwa zwei bis drei Monaten ein Spermiogramm nötig. Diese zwei bis drei Monate entsprechen 30 bis 50 Ejakulationen. Allerdings nicht bei jedem. Der eine rechnet nach und sagt, dann sehen wir uns frühestens in zehn Jahren. Der andere gibt mir die Hand und sagt: »In zwei Wochen bin ich wieder da.«

Unter uns: Im Durchschnitt haben Männer zwischen ein und dreimal in der Woche Sex, und die zwei bis drei Monate bis zum Spermiogramm sind bei den meisten realistisch.

Die drei Dimensionen der Sexualität sind auch verantwortlich dafür, dass sie sich im Laufe des Lebens in ihrer Erlebnisqualität etwas verändert. Wobei das Sexualleben nicht erst mit der Pubertät in die Gänge kommt. In Wahrheit beginnt es schon viel früher, als wir denken. Die Grundlagen für die Beziehungskomponente werden bereits im Baby gelegt, vor allem beim Stillen. Die Sexualität spielt also schon in unsere Entwicklung hinein. Die Lust-Dimension gibt es sogar schon intra-uterin. Bereits im Mutterbauch wurde eine Form von Stimulation festgestellt, der früheste Nachweis von Selbstbefriedigung.

Abhängig von Lebensphase und Alter präsentiert sich die Sexualität dem Mann in Fantasie und Realität völlig anders. Bei sehr jungen Männern dominiert die Lust, irgendwann schlagen sich Fortpflanzung und Beziehung dazu, später wird der Gedanke an Kinder wieder marginaler.

Ich hatte einige Patienten, die sich in einer langjährigen Beziehung nach einigen Kindern vasektomieren ließen, sich dann trennten und eine jüngere Partnerin kennenlernten, bei der die biologische Uhr gerade laut zu ticken begann, und die unbedingt noch Nachwuchs wollte. Die meisten Männer sehen diesen Wunsch ein, viele geben ihm irgendwann nach.

Ich habe einen Patienten vor meinen Augen, der mit 65 zu mir kam. Seine Freundin war Mitte 20, er hatte schon zwei Kinder, sie wollte noch welche. Er war sehr entspannt und bat mich, seine Vasektomie rückgängig zu machen. Da das in seinem Fall nicht möglich war, entnahm ich Samenzellen direkt aus dem Hoden, was letztlich genauso geholfen hat. Die beiden sind heute glückliche Eltern.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
224 s. 8 illüstrasyon
ISBN:
9783990013526
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Bookwire
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