Kitabı oku: «Soziale Arbeit mit marginalisierten Jugendlichen»

Der Autor

Prof. Dr. Markus Ottersbach ist promovierter und habilitierter Soziologe und seit 2005 Professor für Soziologie an der Technischen Hochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Seit 2014 ist er dort Direktor der Instituts für interkulturelle Bildung und Entwicklung und Leiter des Forschungsschwerpunkts »Migration und Interkulturelle Kompetenz«. Seine aktuellen Schwerpunkte in der Lehre sind Migration, Soziale Ungleichheit und Soziale Arbeit. Markus Ottersbach hat zahlreiche Forschungs- und Evaluationsprojekte im Auftrag staatlicher Institutionen, Stiftungen und sozialer Einrichtungen geleitet und zahlreiche Monographien, Sammelbände und Artikel zu den Themen Migration, Stadtsoziologie, Politische Partizipation, Jugendsoziologie und Soziale Arbeit publiziert.
Markus Ottersbach
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037278-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037279-5
epub: ISBN 978-3-17-037280-1
mobi: ISBN 978-3-17-037281-8
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 1 Bedeutung und Probleme der Begriffswahl: Ein Plädoyer für den Begriff »marginalisierte Jugendliche«
3 1.1 Der Begriff der »Randgruppe«
4 1.2 Der Begriff der »sozialen Benachteiligung«
5 1.3 Der Begriff der »bildungsfernen Jugendlichen«
6 1.4 Der Begriff der »Ausgrenzung« bzw. der »Exklusion«
7 1.5 Der Begriff der »abgehängten Jugendlichen«
8 1.6 Plädoyer für den Begriff der »marginalisierten Jugendlichen«
9 1.7 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
10 2 Theoretische und analytische Vorbemerkungen: Makro-, Meso- und Mikroperspektive
11 2.1 Makrokontext: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
12 2.2 Mesokontext: Lebenslagen
13 2.3 Mikrokontext: Lebensstile und soziale Milieus
14 2.4 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
15 3 Methodologische Aspekte zur sozialwissenschaftlichen Erkundung der Lebenslage und der Lebensstile
16 3.1 Quantitative und qualitative Methoden
17 3.2 Entwicklung und Bedeutung der subjektiven Perspektive in modernen Gesellschaften
18 3.3 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
19 4 Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Lebenslagen marginalisierter Jugendlicher
20 4.1 Individualisierung
21 4.2 Pluralisierung
22 4.3 Globalisierung
23 4.4 Das Zusammenspiel von Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung in Bezug auf marginalisierte Jugendliche
24 4.5 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
25 5 Die Lebenslagen marginalisierter Jugendlicher
26 5.1 Ökonomisches Kapital
27 5.2 Kulturelles Kapital
28 5.3 Soziales Kapital
29 5.4 Politisches Kapital
30 5.5 Die Erkundung der Lebenslagen vor dem Hintergrund des Capability-Approach
31 5.6 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
32 6 Lebensstile, soziale Milieus und mögliche Entwicklungswege marginalisierter Jugendlicher
33 6.1 Lebensstile und soziale Milieus
34 6.2 Mögliche Entwicklungswege
35 6.3 Aktivierung und widerständige Praktiken marginalisierter Jugendlicher
36 6.4 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
37 7 Re-Inklusion und Verhinderung von Exklusion marginalisierter Jugendlicher als Herausforderungen für die Soziale Arbeit
38 7.1 Wichtige Eckpunkte: Sozialraum-, ressourcen- und diversitätsorientierte, kritisch-reflexive Soziale Arbeit
39 7.2 Bewährte Angebote und Methoden: Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit und Gemeinwesenarbeit
40 7.3 Weitere Erfordernisse: Soziales Lernen und inklusive Bildung durch das Zusammenbringen und Fördern von Jugendlichen unterschiedlicher sozialer Milieus
41 7.4 Neue Ansätze für diese Zielgruppe: Politische Jugendbildung, Internationale Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit
42 7.5 Partizipation und Agency in der Sozialen Arbeit
43 7.6 Grenzen sozialarbeiterischer Interventionen: Die Verantwortung der Politik
44 7.7 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
45 Literaturverzeichnis
Einleitung
In der Öffentlichkeit gelten marginalisierte Jugendliche im besten Fall als eine Gruppe, der mit Mitleid zu begegnen ist, und im schlimmsten Fall als eine Gruppe, deren Verhalten als asozial zu bezeichnen ist und die deshalb weggesperrt werden muss. Während die Vertreter*innen der ersten Sichtweise eher eine caritative Haltung zeigen, finden sich die Anhänger*innen der zweiten Perspektive in ganz unterschiedlichen Lebenslagen und sozialen Milieus wieder. Es sind nicht nur Bewohner*innen wohlhabender Quartiere, die diese Gruppe Jugendlicher homogenisieren und ihr verächtlich gegenüber auftreten, sondern auch Vertreter*innen der Mittelschichten und auch der Unterschichten selbst, die Vorbehalte gegenüber marginalisierten Jugendlichen äußern. Auch verschiedene Berufsgruppen sind dabei vertreten: Neben Politiker*innen gibt es auch zahlreiche Vertreter*innen der Medien, die an reißerischen und spektakulären Bildern von diesen Jugendlichen interessiert sind und diese partiell auch im Rahmen ihrer Profession selbst produzieren.
Gemeinsam ist den ›öffentlichen‹ Bildern von marginalisierten Jugendlichen, dass sie erstens einer differenzierten, sachlichen, wissenschaftlichen und professionellen Perspektive widersprechen und zweitens der Gruppe nicht wirklich helfen, ihre Situation zu verbessern.
Eine solche, differenzierte, sachliche, wissenschaftlich fundierte und professionelle Sichtweise muss als erstes vor allem Abstand davon nehmen, dass es sich bei der Gruppe der marginalisierten Jugendlichen um eine homogene Gruppe handelt. Auch wenn die Mitglieder dieser Gruppe sicherlich mit ähnlichen strukturellen Gegebenheiten konfrontiert sind, unterscheiden sich ihre Umgangsweisen mit diesen strukturellen Bedingungen doch erheblich. Dennoch ist die Analyse dieser strukturellen Bedingungen eine zentrale Aufgabe sozialwissenschaftlicher Forschung. Um konkrete und professionelle sozialarbeiterische Ansätze und Konzepte zu entwickeln, darf die Forschung bei dieser Analyse jedoch nicht verharren, sondern muss auch die subjektiven Be- und Verarbeitungsweisen dieser strukturellen Bedingungen durch die einzelnen Mitglieder der Gruppe marginalisierter Jugendlicher betrachten.
Um eine effektive, professionelle Unterstützung marginalisierter Jugendlicher aus Sicht der Sozialen Arbeit leisten zu können, ist es zunächst wichtig, die für die Zielgruppe üblichen Bezeichnungen kritisch zu betrachten. Inzwischen kursiert eine ganze Menge an Titulierungen, die die Gruppe mehr oder weniger etikettieren und stigmatisieren. Einen analytischen und nicht-stigmatisierenden Begriff für die Zielgruppe zu finden, ist jedoch nicht einfach. Ein möglichst wertfreier, den Entwicklungsprozess berücksichtigender und nicht-stigmatisierender Begriff für diese Gruppe ist der Begriff »Marginalisierte Jugendliche«. Er ist neutral, reflektiert den Prozesscharakter und verhindert eine Stigmatisierung der Gruppe.
Neben der kritischen Auseinandersetzung mit Begriffen geht es bei der Erarbeitung eines professionellen sozialarbeiterischen Handlungskonzepts auch um Kenntnisse über gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Lebenslage der betroffenen Jugendlichen, deren Lebensstile und soziale Milieus. Damit rückt die gesellschaftliche Partizipation marginalisierter Jugendlicher ins Zentrum der Analyse. Die gesellschaftliche Partizipation umfasst alle drei Aspekte: die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Aspekte der Lebenslage, die von Pierre Bourdieu auch als Kapitalformen bezeichnet werden und das Verhalten und Handeln der Jugendlichen prägen, und auch die – aktive oder auch passive – Gestaltung des Alltags durch die Jugendlichen selbst, die im Kontext ihrer Lebensstile und der Zugehörigkeit zu sozialen Milieus sichtbar wird.
Für die Soziale Arbeit ist die Unterstützung marginalisierter Jugendlicher eine Herausforderung. Die zahlreichen Restriktionen, denen die Zielgruppe im Kontext der gesellschaftlichen Partizipation ausgesetzt sind, erfordern ein besonderes Bewusstsein für die zentralen Eckpunkte Sozialer Arbeit, die sich als Sozialraum-, Ressourcen- und Diversitätsorientierung und einer kritisch-reflexiven Ausrichtung der Sozialen Arbeit benennen lassen. Notwendig sind sowohl bereits bewährte als auch innovative Ansätze und Angebote der Sozialen Arbeit, mit denen diese Jugendlichen erreicht und gefördert werden können. Die Jugendsozialarbeit, die Gemeinwesenarbeit (GWA) und inzwischen auch die Schulsozialarbeit sind bereits bewährte Angebote und Ansätze, die marginalisierten Jugendlichen wirkungsvolle Unterstützungsleistungen bieten. Um soziales Lernen und inklusive Bildung zu ermöglichen, ist es jedoch zudem wichtig, diese Jugendlichen auch in Angebote der politischen Jugendbildung, der internationalen Jugendarbeit und der Jugendverbandsarbeit einzubinden, also in Angebote der Jugendarbeit, die eher Jugendlichen der Mittelschichten vorbehalten sind. Mit anderen Worten geht es darum, gemeinsame Angebote für Jugendliche unterschiedlicher sozialer Milieus durchzuführen, um soziales Lernen und inklusive Bildung zu ermöglichen. Schließlich muss es auch darum gehen, die Grenzen sozialarbeiterischer Interventionen in Bezug auf eine Verbesserung der Situation marginalisierter Jugendlicher darzustellen und auf die Verantwortung der Politik für dieses Ziel zu verweisen.

Schwerpunkte dieses Buches bilden die Situation marginalisierter Jugendlicher, deren subjektive Bewältigungsformen, die Möglichkeiten einer Unterstützung dieser Jugendlichen durch das Hilfesystem der Sozialen Arbeit und die Benennung politischer Maßnahmen und Forderungen, um die Situation marginalisierter Jugendlicher nachhaltig zu verbessern.
1 Bedeutung und Probleme der Begriffswahl: Ein Plädoyer für den Begriff »marginalisierte Jugendliche«
Die Begriffswahl in den Sozialwissenschaften und auch in der Sozialen Arbeit ist von einer hohen Bedeutung, weil sie Professionalität repräsentiert, und Professionalität in der Sozialwissenschaft und vor allem auch in der Sozialen Arbeit sich u. a. durch die Reflexion der Auswirkungen einer Begriffswahl charakterisiert. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man von »asozialen« oder von »marginalisierten Jugendlichen« spricht. Bei diesem Beispiel wird die Differenz schnell deutlich, weil der aus der Alltagssprache stammende, erste Begriff diffamierend und diskriminierend ist. Mit diesem Begriff wird die Zielgruppe nicht nur homogenisiert und verallgemeinert, sondern auch verächtlich dargestellt. Ob man jedoch besser von »bildungsfernen« oder von »marginalisierten Jugendlichen« spricht, ist für Laien schon nicht mehr so leicht erkennbar. Beide Begriffe werden in (sozial-)wissenschaftlichen Kontexten verwendet und dennoch unterscheiden sich deren Implikationen. Zudem kann die Benutzung der Begriffe durchaus unterschiedliche Auswirkungen für die Zielgruppe haben.
Die Zielgruppe der Jugendlichen, um die es hier geht, ist jedoch tatsächlich begrifflich nicht leicht zu fassen, wenn man die Folgen der Begriffswahl berücksichtigt bzw. wenn man jegliche Arten von Diskriminierungen und Stigmatisierungen verhindern will.
Lange Zeit wurde diese Gruppe Jugendlicher als »Randgruppe« oder als »sozial benachteiligt« charakterisiert. Später nannte man sie »bildungsfern«. Im Zuge der Debatte um In- und Exklusion wurde die Gruppe auch als »exkludiert« oder »ausgegrenzt« bezeichnet. Im Anschluss an die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und der darauffolgenden Zunahme territorialer Ungleichheiten zwischen West- und Ostdeutschland sprach man auch von »abgehängten Jugendlichen«. Neue Publikationen tendieren eher dazu, von »marginalisierten Jugendlichen« zu sprechen1. Deutlich wird, dass in den Sozialwissenschaften, aber auch in den Arbeits- sowie Wissenschaftsbereichen der Sozialen Arbeit und der Pädagogik es einen sich schnell fortentwickelnden Begriffsgebrauch für diese Zielgruppe gibt. Im Folgenden wird deshalb kurz auf die Inhalte der verschiedenen Begriffe rekurriert und vor allem deren Implikationen, Folgen und Auswirkungen analysiert.
1.1 Der Begriff der »Randgruppe«
Der Begriff der Randgruppe wurde in Deutschland vor allem in den 1960er Jahren im Rahmen der Aktivitäten der Studentenbewegung als Bezeichnung für sozial Deklassierte in die öffentliche Diskussion eingeführt. Die Studentenbewegung und deren intellektuelle Vertreter*innen hatten auch Einflüsse auf die Sozialpolitik, die Sozialarbeit und die Sozialpädagogik2. Die Kritik an kapitalistischen Verwertungsinteressen und an der Ausbeutung des Proletariats bewirkte eine Politisierung innerhalb der Sozialarbeit und der Sozialpädagogik. War bei Marx noch die Arbeiterschaft das revolutionäre Subjekt, wurde diese durch Marcuse (1967) als Folge der sozialen Integration der Arbeiterschaft durch sozial Deklassierte und andere Minderheiten ersetzt. Sie sollten fortan zum Subjekt der Bildung einer neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsform avancieren. In diesem Kontext entwickelte Marcuse die Hoffnung, dass solche »Randgruppen« die Utopie einer besseren Welt realisieren sollten. In den 1980er Jahren verlor der Begriff vor dem Hintergrund des Beginns der Massenarbeitslosigkeit und des zunehmenden Einflusses Sozialer Bewegungen im Sozialbereich an Bedeutung (vgl. Brocke 1996). Seitdem wird er eher diskriminierend und stigmatisierend verwendet, wenn es z. B. um die Kritik abweichenden Verhaltens bzw. der Eigenverantwortlichkeit abweichender Personen geht. In der kritischen Sozialarbeit wurden mit dem Begriff der »Randgruppe« vor allem Jugendliche bezeichnet, die nicht dem Mainstream angehören. Darunter fielen z. B. kriminelle und gewalttätige Jugendliche, Punks, ausländische Jugendliche, Kinder aus kinderreichen Familien und von Alleinerziehenden, Straßenkinder und -jugendliche, Schulverweigerer, aber auch rechtsextreme Jugendliche. Angesichts der Individualisierung und der Pluralisierung unserer Gesellschaft verschwimmen klare schichtspezifische Zuordnungen jedoch immer mehr. Zudem bilden diese »Randgruppen« immer individuellere Lebensstile und differenziertere soziale Milieus aus, so dass sie kaum noch als eine gemeinsame Gruppe definiert werden können (vgl. auch Kilb 2010).
1.2 Der Begriff der »sozialen Benachteiligung«
Der Begriff der »sozialen Benachteiligung« steht in engem Zusammenhang mit dem Begriff der sozialen Ungleichheit. Aspekte der sozialen Ungleichheit wie Armut und Reichtum, rechtliche Einschränkungen und Privilegien, geringer und hoher Bildungsstatus, Krankheit und Gesundheit bilden die exogenen Faktoren,die Auswirkungen auf die Entwicklung der personalen Identität und das Selbstbild des Menschen haben. Armut, rechtliche Benachteiligung, geringe Bildungsqualifikation und Krankheit fördern somit die Entwicklung eines negativen Selbstbilds. Benachteiligungsfaktoren können auch kumulieren, sich gegenseitig bedingen und selbstverstärkende Verläufe in Gang setzen und damit die Entwicklung einer positiven Identität zusätzlich gefährden. Eine gelingende Lebensbewältigung ist dadurch gefährdet, so dass sozial benachteiligte Jugendliche häufig einen erhöhten Bedarf an sozialen Unterstützungsleistungen haben.
Der Begriff impliziert somit einerseits eine objektiv messbare und eine subjektive Komponente. Die objektive Seite sozialer Benachteiligung beschreibt Personen bzw. einzelne Gruppen mit niedrigen gesellschaftlichen Statuspositionen, deren Zugang zu wertvollen Ressourcen bzw. zu gesellschaftlicher Teilhabe und zur Erreichung bestimmter Ziele eingeschränkt ist (vgl. Stimmer 2000). Auch das Recht kennt den Begriff der »sozialen Benachteiligung«. Im § 13 SGB VIII Absatz 1 und 2 werden zwei Arten von Benachteiligungen von jungen Menschen unterschieden:
»1) die strukturelle soziale Benachteiligung: Davon betroffen sind junge Menschen, die aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe in ihren persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, in ihrem Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beruf sowie allgemein in ihrer Teilhabe an der Gesellschaft systematisch eingeschränkt werden; 2) die individuelle Beeinträchtigung: Als individuell beeinträchtigt werden junge Menschen angesehen, wenn persönliche Merkmale es ihnen erschweren, bestimmte, für ihre Entwicklung und die gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft wichtige psychische, kognitive oder soziale Anforderungen zu erfüllen«.
Soziale und individuelle Benachteiligung beeinflussen sich gegenseitig. Armut, geringe Bildungsqualifikation und Krankheit beeinflussen das Selbstbild; ein negatives Selbstbild kann wiederum Armut, geringe Bildungsmotivation und Krankheit begünstigen.
Im Kontext des Capability-Approach (vgl. Sen 1993) lässt sich soziale Benachteiligung als Mangel an Verwirklichungschancen beschreiben. Verwirklichungschancen spiegeln ein Bündel an Fähigkeiten wider, das als Ganzes eine Person in die Lage versetzt, ein erfüllendes Leben zu führen. Dazu gehören z. B. sich ausreichend ernähren, am gesellschaftlichen Leben partizipieren, über eine Wohnung und Kleidung verfügen, sich ohne Scham in der Öffentlichkeit zeigen und seine Meinung frei äußern zu können. Armut, Krankheit, rechtliche Diskriminierung jeder Art und geringe Bildungsqualifikation schränken diese Verwirklichungschancen ein, sie führen zu einem Mangel an Teilhabechancen.
Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht (vgl. Schlack 2003) kann eine soziale Benachteiligung auch eintreten, wenn die seelischen und körperlichen Grundbedürfnisse wegen ungünstiger äußerer Lebensbedingungen nicht oder nur unzureichend befriedigt und dadurch die Gesundheit und Entwicklung des Kindes beeinträchtigt werden. Soziale Benachteiligung ist somit auch eine Folge von Mängeln der primären Sozialisation und der Interaktion des Kindes mit seinen Bezugspersonen. Das Risiko dieser Form sozialer Benachteiligung nimmt jedoch mit dem Grad der sozialen Stressbelastung zu, und der sozioökonomische Status ist dafür ausschlaggebend. Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status schneiden bezüglich Mortalität, Morbidität und gesundheitsbezogener Lebensqualität statistisch gesehen deutlich schlechter ab als Kinder aus sozioökonomisch besser gestellten Familien.
Von immer größerer Bedeutung für die soziale Entwicklung und damit Indiz für soziale Benachteiligungen sind nicht nur die erwähnten Faktoren sozialer Ungleichheit, sondern auch der Wohnort bzw. die Region, in der der junge Mensch aufwächst: Strukturschwäche, die sich z. B. in Abwanderung (wie in einigen östlichen Bundesländern) und hoher Arbeitslosigkeit äußern kann, bedeuten geringere Zukunftsaussichten für junge Menschen.
Lange Zeit wurde die Zielgruppe als sozial benachteiligt (vgl. Korte 2006) mit möglichen Schwerpunkten auf Markt-, Rechts- oder Lernbenachteiligung oder als Träger von »Risikobiographien« bezeichnet (Büchner 2001; Spies & Tredop 2006). Der umstrittene Begriff der sozialen Benachteiligung (vgl. Geßner 2004) hat schließlich auch die Einführung zielgruppenspezifischer Angebote legitimiert. In Deutschland geschah dies sogar in institutionalisierter Form, z. B. durch die Gründung einer eigenen Schulform, die ehemals als Sonder- und nun als Förderschule bezeichnete Schule für Kinder und Jugendliche, die als sozial benachteiligt eingestuft worden sind. Auch im außerschulischen Bereich hat der Begriff mitunter bewirkt, dass zielgruppenspezifische Maßnahmen z. B. der Jugend- oder der Migrationssozialarbeit entwickelt wurden und nach wie vor angeboten werden. Der Haken dieser Programme ist häufig, dass sie über den Charakter der besonderen Förderung (positive Diskriminierung) die angesprochenen Zielgruppen stigmatisieren und somit das Problem einer institutionalisierten Diskriminierung »verlängern« (vgl. Bommes 1996, S. 44). Spätestens hier wird deutlich, dass der Begriff eine gesellschaftliche Konstruktion ist, die für die Betroffenen negative Auswirkungen haben kann.
1.3 Der Begriff der »bildungsfernen Jugendlichen«
Zahlreiche Institutionen, angefangen von der Bundeszentrale für politische Bildung bis hin zu kommunalen Einrichtungen der Jugendarbeit, deren Auftrag u. a. die Förderung der außerschulischen (politischen) Bildung von Jugendlichen ist, beschäftigen sich in letzter Zeit verstärkt mit einer scheinbar neuen Zielgruppe: den so genannten bildungsfernen Jugendlichen. Häufig wird der bezeichneten Gruppe Desintegration, fehlendes politisches Interesse, Schulverweigerung bzw. (Aus-)Bildungsverweigerung attestiert. Eine exakte Definition so genannter bildungsferner Jugendlicher sucht man in der Literatur bisher jedoch vergeblich. Als bildungsfern werden gemeinhin Jugendliche bezeichnet, die der schulischen Bildung relativ ferngeblieben sind, d. h. keinen Hauptschulabschluss erreicht haben. Eine kritisch orientierte sozialwissenschaftliche Perspektive sollte sich mit diesem vagen Verständnis jedoch nicht zufriedengeben. Denn welche Personen als bildungsfern einzustufen sind, hängt vom Bildungsbegriff ab. Ein rein leistungsorientierter Bildungsbegriff wie der bisher hier zugrunde gelegte misst Bildung anhand des Grades der Akkumulation von Wissen. Mit der mehr oder weniger genauen Erfassung des Wissenstands ist das Problem fehlender oder ausreichender Bildung aber noch nicht gelöst, denn umstritten ist auch, was Wissen ist. Versteht man Wissen als wissenschaftlich fundiertes, schulisch vermitteltes Wissen oder eher als lebensweltliches Wissen, deren beider Bedeutung im Übrigen für die Bewältigung des Alltags nicht unterschätzt werden sollte? Und wenn man Bildung als wissenschaftlich fundiertes Wissen versteht: Orientiert man sich dann an einer rein disziplinären oder eher an einer interdisziplinären wissenschaftlichen Perspektive? Gerade in hochkomplexen und stark ausdifferenzierten Gesellschaften ist interdisziplinäres Wissen erforderlich, um die aktuellen gesellschaftlichen Probleme lösen zu können. Ein kritischer Bildungsbegriff hingegen müsste neben der Erfassung des interdisziplinären Wissenstands auch noch zwei weitere Kompetenzen beinhalten. Zunächst ginge es darum, einen Theorie-Praxis-Bezug herzustellen, d. h. sich bei der Forschung an der Praxis zu orientieren und die Ergebnisse der Forschung wiederum in die Praxis einfließen zu lassen. Weiterhin wäre es wichtig, sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher Diskurse und öffentlicher Kontroversen möglichst unvoreingenommen eine eigene Meinung bilden zu können. Die Verbindung von Theorie und Praxis wie die eigene Urteilsfähigkeit und Mündigkeit wären somit weitere Aspekte dessen, was Bildung sein könnte (vgl. auch Adorno 1959). Zusammenfassend könnte man die Gruppe der bildungsfernen Jugendlichen etwa anhand folgender Kriterien kennzeichnen:
• Jugendliche, die nur einen geringen Wissensstand im Sinne schulisch relevanten Wissens erworben haben. Dies ließe sich relativ leicht an den Schulnoten bzw. -abschlüssen ablesen.
• Es wären demnach aber auch solche Jugendliche bildungsfern, deren lebensweltliches Wissen Defizite aufweist. Deutlich wird dieses Manko z. B. in der Unfähigkeit, Krisen zu bewältigen, und bei denjenigen, die nicht interdisziplinär denken und sich nicht auf einen intensiven Theorie-Praxis-Bezug einlassen können.
• Nach diesem Verständnis gehören auch diejenigen Jugendlichen dazu, die nicht in der Lage sind, öffentliche Kontroversen kritisch einzuschätzen und eine eigenständig entwickelte Meinung zu bilden.
Bei diesem relativ hohen Anspruch an das, was Bildung sein könnte, ergibt sich zweifellos die Frage, wer dann überhaupt als bildungsnah bezeichnet werden könnte. Auch bei Erwachsenen dürfte es im Übrigen schwierig sein, fündig zu werden. Ein weiteres Problem bei dem Versuch der Definition dessen, was bildungsferne Jugendliche charakterisieren könnte, ist die Etikettierung der damit bezeichneten Gruppe durch einen negativ konnotierten Begriff. Zudem wird wie beim Begriff der sozialen Benachteiligung lediglich ein Status beschrieben. Die sich hinter dem Status verbergende Dynamik der Entstehung der sozialen Benachteiligung oder der Bildungsferne bleiben außer Acht.
1.4 Der Begriff der »Ausgrenzung« bzw. der »Exklusion«
Im Kontext der Debatte um In- und Exklusion wurde die Gruppe auch als exkludiert oder ausgegrenzt bezeichnet. Vor dem Hintergrund der Systemtheorie (vgl. Luhmann 1984) werden Jugendliche als exkludiert oder auch ausgegrenzt (vgl. Kronauer 2002) bezeichnet, wenn sie von einem oder mehreren Subsystemen exkludiert bzw. ausgegrenzt werden. Exklusion oder Ausgrenzung können z. B. durch das Bildungs-, das Gesundheits-, das Wohnungssystem oder auch das rechtliche oder ökonomische System erfolgen. Wird ein Jugendlicher aus einem dieser Systeme exkludiert, stehen in der Regel andere Systeme wie die Sozialpolitik oder das Hilfesystem der Sozialen Arbeit zur Verfügung (vgl. Scherr & Bommes; Lüders 2013), um ihn zu re-inkludieren. Jugendliche können z. B. aus einer Schulform (z. B. Gymnasium) exkludiert werden und in eine andere Schulform (z. B. Sekundarschule) re-inkludiert werden. Sie können aber, vorausgesetzt sie haben die Schulpflicht erfüllt, auch ganz aus der Schule exkludiert werden. Dann stehen in der Regel andere Maßnahmen (meist solche des Hilfesystems bzw. der Sozialen Arbeit) zur Verfügung, um diese Jugendlichen wieder zu re-inkludieren. Oder die Statuspassage der Ausbildung wird nicht erreicht bzw. der Übergang zwischen Schule und Berufsausbildung misslingt, weil der Jugendliche nur einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Schulabschluss vorweisen kann. In einem solchen Fall droht das Misslingen einer Re-Inklusion in das (Ausbildungs-)System. Auch dann treten meist Maßnahmen des Hilfesystems in Kraft, um Jugendliche zu re-inkludieren. Neben den Maßnahmen zur Re-Inklusion existieren auch Angebote, die eine Exklusion verhindern sollen. Werden die Leistungen von Schüler*innen in der Schule schlechter oder ist gar die Versetzung in die nächst höhere Jahrgangsstufe gefährdet, gibt es die Möglichkeit, dies beispielsweise durch Nachhilfe oder Hausaufgabenhilfe zu kompensieren. Solche präventiven Maßnahmen können Exklusion und Ausgrenzung verhindern.
Neben der Re-Inklusion und der Verhinderung von Exklusion gibt es noch die Strategie der Verwaltung von Exklusion. Diese tritt ein, wenn die Möglichkeiten und Aussichten einer Re-Inklusion gering oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die Exklusion einer Person kann dann vor allem bei Fällen einer Mehrfach-Exklusion, z. B. durch das gleichzeitige Auftreten von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Wohnungslosigkeit, häufig nur noch verwaltet werden. Problemtisch bei der Verwendung der Begriffe der Exklusion und der Ausgrenzung ist auch hier, dass jeweils nur der Status beschrieben wird und der Prozess der Entstehung der Probleme jedoch ungenannt und ungeklärt bleibt.
1.5 Der Begriff der »abgehängten Jugendlichen«
Berücksichtigt man die immer noch existierenden territorialen Differenzen zwischen West- und Ostdeutschland, werden Jugendliche auch als abgehängt (Schubarth & Speck 2009) bezeichnet. Im Zuge der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten sind viele, vor allem gut qualifizierte ostdeutsche Jugendliche in Richtung Westdeutschland abgewandert. Die zurückbleibenden Jugendlichen in Ostdeutschland sind oftmals überproportional von Arbeitslosigkeit, mangelhafter Infrastruktur und niedriger Bildungsqualifikation betroffen, so dass sich viele von ihnen als ›abgehängt‹ empfinden. Der Begriff des »Abgehängt-Seins« kommt demjenigen des »Ausgegrenzt-Seins« sehr nahe und weist dieselben Probleme und Ungenauigkeiten auf.
1.6 Plädoyer für den Begriff der »marginalisierten Jugendlichen«
Eine weniger stigmatisierende Bezeichnung der gemeinten Gruppe anzuführen, ist jedoch nicht einfach. Eine neutrale und kritische Bezeichnung müsste nicht nur den Status beschreiben, sondern vor allem den Prozess der Entstehung der sozialen Benachteiligung, der Bildungsferne oder der Ausgrenzung hervorheben. Zudem müsste auch der Schuldgedanke auf der Seite des Signifikats, hier der spezifischen Gruppe der marginalisierten Jugendlichen, eliminiert werden. Beide Aspekte werden bei der Verwendung der bisher dargestellten und kritisierten Bezeichnungen für die Gruppe nicht berücksichtigt.
Aus diesen Gründen wird in aktuellen Publikationen eher der Begriff der »Marginalisierung« verwendet. Marginalisierung kennzeichnet die marginale Position einer Gruppe als Folge eines gesellschaftlich erzeugten, d. h. weitgehend unfreiwilligen und nicht selbst verschuldeten Prozesses. Er ist weitaus neutraler, weniger stigmatisierend, und zudem signalisiert er die Dynamik und die Prozesshaftigkeit, die erst dazu geführt haben, dass Jugendliche in eine marginale Situation gelangt sind. Vergleichbar mit dem Terminus »sozial benachteiligt« lässt sich auch der Begriff »marginalisiert« nicht nur auf Personen und Gruppen, sondern auch auf Quartiere anwenden. Lange Zeit sprach man von »sozial benachteiligten Quartieren« und meinte damit Viertel, in denen besonders viele (aber nicht nur!) sozial benachteiligte Personen und Gruppen wohnen. Ähnlich ist es auch mit marginalisierten Quartieren. Hier wohnen vielfach marginalisierte Personen und Gruppen. Dazu zählen Jugendliche und junge Heranwachsende, die von Exklusion bedroht sind oder bereits exkludiert wurden. Nicht alle Menschen in marginalisierten Quartieren sind auch selbst marginalisiert. In marginalisierten Quartieren wohnen durchaus auch wohlhabende oder gebildete Personen.Mit anderen Worten: Nicht immer deckt sich das als »marginalisiert« bezeichnete Quartier mit den dort wohnenden und als »marginalisiert« bezeichneten Personen und Gruppen. Andererseits gibt es marginalisierte Personen auch außerhalb marginalisierter Quartiere. Festzuhalten ist jedoch, dass in marginalisierten Quartieren der Anteil marginalisierter Personen überproportional hoch ist.
Köhler & König (2016) verdeutlichen im folgenden Schaubild, welche Gruppen Jugendlicher als marginalisiert bezeichnet werden können (
Abb. 1).

Abb. 1: Die Gruppen marginalisierter Jugendlicher nach Köhler und König (aus: Köhler, Anne-Sophie & König, Joachim (2016): Marginalisierte junge Menschen mit komplexen Problemlagen als Zielgruppe der Jugendsozialarbeit. Forschung, Entwicklung, Transfer – Nürnberger Hochschulschriften, Nr. 16. Nürnberg: Evangelische Hochschule Nürnberg, S. 21,https://www.nuernberg.de/imperia/md/jugendsozi alarbeit/dokumente/evhsnbg_forschung_marginalisierte-jugendliche_2.pdf)
Die dunklen Bereiche verdeutlichen die Gruppe marginalisierter Jugendlicher. Dazu gehören exkludierte bzw. ausgegrenzte, »schwer erreichbare« und auch »unsichtbare« Jugendliche. Schwer erreichbare Jugendliche sind solche, die exkludiert sind und durch Maßnahmen des Hilfesystems kaum noch angesprochen werden können, um sie zu re-inkludieren. Häufig wird ihre Exklusion dann nur noch verwaltet. Die Lebenslage unsichtbarer Jugendlicher ist Institutionen meist gar nicht bekannt, ihre Kommunikation ist stark eingeschränkt oder gar nicht vorhanden, sie sind sehr introvertiert, halten sich nur selten in der Öffentlichkeit auf und bewegen sich meist ausschließlich in virtuellen Welten bzw. in sozialen Netzwerken. Aufgrund ihrer Unsichtbarkeit sind sie überhaupt nicht mehr für Institutionen erreichbar.
Eingeschränkte Ressourcen bzw. eine Lebenslage, die durch Armut, Arbeitslosigkeit, fehlende Bildung, Krankheit der Jugendlichen selbst oder ihrer Bezugspersonen gekennzeichnet ist, können zu folgenden, von Köhler & König (2016, S. 23) aufgeführten, sozialen Problemen führen:
• übermäßiger Medienkonsum bei starker Nutzung sozialer Netzwerke,
• Freizeitgestaltung, die von Phantasie- und Interessenlosigkeit sowie von geringer Initiative für neue Angebote und geringer Bandbreite an Aktivitäten geprägt ist,
• Mangel an positiven Vorbildern und Bezugspersonen (z. B. Freund*innen, Lehrer*innen, Verwandte, Ausbilder*innen),
• Isolierungstendenzen, geringe soziale Einbindung und bewusster sozialer Rückzug prägen das Sozialverhalten,
• mangelnde und unrealistische Zukunftsvorstellungen als Ausdruck empfundener Perspektiv- und Chancenlosigkeit,
• sozial abweichendes Verhalten, Passivität und Schulverweigerung,
• Häufung lebenskritischer Ereignisse und/oder traumatischer Erfahrungen, verbunden mit Angst und Misstrauen,
• erzieherische Defizite bei Eltern und Erziehungsberechtigten,
• Abhängigkeit von Suchtmitteln und häufig psychische Erkrankungen,
• wenig Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit aufgrund häufiger Versagenserfahrungen und negativer Reaktionen durch Andere.
Hingewiesen werden muss an dieser Stelle jedoch darauf, dass solche Reaktionen auftreten können, nicht notwendigerweise auftreten müssen. Zudem gibt es durchaus marginalisierte Jugendliche, die erfolgreiche Bewältigungsformen für ihre Probleme entwickeln. Dazu gehören z. B. auch hohe Bildungsaspirationen und -erfolge oder auch Aktivitäten wie z. B. widerständige Praktiken. Betonen muss man allerdings wiederum, dass marginalisierte Jugendliche von den o. g. sozialen Problemen weitaus häufiger betroffen sind als privilegiertere Jugendliche.

Wichtig ist es hervorzuheben, dass der Begriff der Marginalisierung sowohl eine Polarisierung von Personen bzw. Gruppen als auch eine Stigmatisierung derselben impliziert. Mit andere Worten: In eine marginalisierten Lage geraten Personen und Gruppen erst, wenn neben der Polarisierung bzw. Segregation auch eine Stigmatisierung stattfindet. Die Unterscheidung dieser beiden Prozesse ist wichtig, da nicht jede segregierte Person oder Gruppe auch gleichzeitig einem Stigma unterliegt. Zudem kann der Ruf einer marginalisierten Person, einer Gruppe oder sogar eines Quartiers sich durchaus ändern3.
Als Akteurinnen und Akteure der Stigmatisierung treten immer wieder sowohl Vertreter*innen der Medien und der Politik, aber auch gesellschaftlicher Institutionen wie die Schule, das Jugendamt oder die Polizei auf. Insbesondere der gemeinsame Auftritt dieser verschiedenen Institutionen kann zur Marginalisierung bestimmter Personen und Gruppen beitragen und für diese von verheerender Bedeutung sein. Zitate konservativer Politiker*innen werden insbesondere von der Boulevard-Presse immer wieder in die Öffentlichkeit transportiert. Indem Medien durch einseitige Berichterstattung bzw. Verlautbarungen ein negatives Bild bestimmter Personen, Gruppen oder sogar Quartiere konstruieren, bilden beide Institutionen eine so genannte unheilvolle Allianz. So werden häufig die angeblich »hohe (Ausländer-)Kriminalität«, der »starke Drogenkonsum«, die »enorme Gewaltbereitschaft« bestimmter Personen und Gruppen, aber auch deren fragwürdige Werte und Normen als Schlagzeilen für die Titelseiten der Boulevard-Presse verwendet. Aber auch eine scheinbar sensiblere Berichterstattung, die Klischees und Pauschalisierungen wie »türkische Kultur«, die Bezeichnung türkischer Jugendlicher als »Machos« bzw. türkischer Frauen als »Opfer der Zwangsverheiratung« benutzt, trägt zu dieser, für marginalisierte Personen, Gruppen oder gar Quartiere unheilvollen Allianz von Medien und Politik bei. Deutlich wird hier, dass von bestimmten Medien immer wieder bestimmte Jugendliche und diese in der Regel auch nur in bestimmten Regionen bzw. städtischen Quartieren4 mit Phänomenen wie Drogen, Kriminalität und Bandentum in Verbindung gebracht werden. Jugend wird dann oft als ›Problem‹ konstruiert mit erheblichen Folgen für die Betroffenen. Hinzu kommt, dass bei den einseitigen Beschreibungen der Handlungen marginalisierter Personen und Gruppen mögliche Gründe für deren Entstehung regelmäßig vernachlässigt bzw. verzerrt wiedergegeben werden. Werden solche marginalisierte Personen, Gruppen und Quartiere von außen (z. B. durch Medien, durch politische Verlautbarungen oder auch durch die Wissenschaft) stigmatisiert, dann kann bereits die Angabe des Wohnorts bei der Jobsuche, in der Schule, bei der Polizei oder auf dem Wohnungsmarkt dazu führen, dass diese Personen in ein schlechtes Licht gerückt bzw. diskriminiert werden. Delinquente Karrieren können durch solche Prozesse forciert oder sogar angestoßen werden5.
Will man die Gründe der Marginalisierung der Jugendlichen analysieren, muss man sich die gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Lebenslage marginalisierter Jugendlicher, aber auch deren Lebensstile bzw. sozialen Milieus genauer anschauen.
1.7 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
In den Sozialwissenschaften und auch in der Sozialen Arbeit ist es wichtig, Wert auf die Wahl der Begriffe zu legen, weil mit den Begriffen häufig Wertungen, aber auch Vorurteile, Diskriminierungen und Stigmatisierungen verbunden sein können. Um eine professionelle Perspektive einzunehmen, müssen die Implikationen, Folgen und Konsequenzen der Begriffswahl reflektiert werden.
Die Benennung der hier behandelten Zielgruppe verdeutlicht, dass zunächst zwischen alltagssprachlichen und wissenschaftlichen Begriffen differenziert werden muss. Aber auch innerhalb der (Sozial-)Wissenschaften gibt es im Begriffsgebrauch Unterschiede, die meist erst deutlich werden, wenn man die Folgen und Auswirkungen der Begriffswahl reflektiert. So macht es durchaus einen Unterschied, ob von »bildungsfernen« oder »marginalisierten Jugendlichen« die Rede ist. Um Diskriminierungen und Stigmatisierungen der Zielgruppe zu verhindern, muss in Bezug auf die Zielgruppe deren Entstehungskontext berücksichtigt und eine individuelle Schuldzuweisung (wie beim Begriff der »bildungsfernen Jugendlichen«) vermieden werden. Auch die Darstellung des Status der Gruppe (wie beim Begriff der »sozialen Benachteiligung« oder auch beim Begriff der »Exklusion«) reicht nicht aus, um der Situation der Zielgruppe gerecht zu werden. Stattdessen wird in Bezug auf die hier thematisierte Zielgruppe für die Benutzung des Begriffs der »marginalisierten Jugendlichen« plädiert. Bei dieser Begriffswahl wird sowohl der Status der Gruppe neutral dargestellt als auch der Prozesscharakter berücksichtigt. Beide Aspekte tragen zudem maßgeblich dazu bei, eine Diskriminierung und Stigmatisierung der Zielgruppe zu verhindern.

Arbeitsanregungen
• Warum ist es erforderlich, sich im wissenschaftlichen Kontext von Begriffen der Alltagssprache zu distanzieren und spezielle wissenschaftliche Begriffe zu verwenden?
• Reflektieren Sie den Zusammenhang von Begriffswahl und Professionalität in der Sozialen Arbeit!
• Welche Argumente sprechen für die Verwendung des Begriffs der »marginalisierten Jugendlichen« in Bezug auf die hier thematisierte Zielgruppe?

Literaturempfehlungen
Brocke, Hartmut (1996): Randgruppen. In: Kreft, Dieter & Mielenz, Ingrid (Hg.): Wörterbuch Soziale Arbeit. Weinheim/Basel: Beltz.
Geßner, Thomas (2004): Was benachteiligt wen oder warum? Versuch einer Präzisierung des Konstrukts »Benachteiligung«. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik, Heft 1, S. 32–44.
Korte, Petra (2006): Der Benachteiligtendiskurs aus allgemeinpädagogischer Perspektive. In: Spies, Anke & Tretop, Dietmar (Hg.): »Risikobiographien«. Benachteiligte Jugendliche zwischen Ausgrenzung und Förderperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 25–40.
Lemert, Edwin M. (1982): Der Begriff der sekundären Devianz. In: Lüdersen, Klaus & Sack, Fritz (Hg.): Abweichendes Verhalten I. Die selektiven Normen der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 433–476.
Lüders, Christian (2013): Exklusion – der ewige Stachel der Kinder- und Jugendhilfe. In: DJI impulse. Bulletin des Deutschen Jugendinstituts, Heft 4, S. 7–9.
Ottersbach, Markus (2009): Jugendliche in marginalisierten Quartieren Deutschlands. In: Ottersbach, Markus & Zitzmann, Thomas (Hg.): Jugendliche im Abseits. Zur Situation in französischen und deutschen marginalisierten Stadtquartieren. Wiesbaden: Springer VS, S. 51–74.
Spies, Anke & Tretop, Dietmar (2006): »Risikobiographien« – Von welchen Jugendlichen sprechen wir? In: dies. (Hg.): »Risikobiographien«. Benachteiligte Jugendliche zwischen Ausgrenzung und Förderperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 9–24.
1 Auch andere Bezeichnungen wurden gewählt, wie z. B. »sozial schwache Jugendliche« oder »Jugendliche in prekären Lebenslagen«, auf die hier nicht eingegangen werden kann.
2 Damals gab es noch eine klare Trennung zwischen der Sozialarbeit, deren Tradition eher in der Armenfürsorge begründet ist, und der Sozialpädagogik, deren Zielgruppe eher Jugendliche sind und deren Angebote sich eher auf den Bildungsbereich beziehen.
3 Die Prozesse der Polarisierung und Stigmatisierung lassen sich auch in Bezug auf die Entstehung marginalisierter Quartiere nachweisen (vgl. Ottersbach 2004, 2009).
4 Es soll hier jedoch nicht der Eindruck erweckt werden, dass solche Entwicklungsverläufe nur sozial konstruiert werden, im Grunde genommen also gar keine problematische Entwicklung darstellen. Eine solche Perspektive müsste den tatsächlichen Leidensdruck vieler Jugendlicher in solchen Lebenslagen ignorieren und würde der Situation der Jugendlichen auch nicht gerecht. Die Frage ist letztendlich, ob die Fremd- und die Selbstwahrnehmung dieser Jugendlichen sich decken oder eben auseinanderklaffen. Im letzten Fall handelt es sich dann eindeutig um eine Stigmatisierung von außen.
5 Mithilfe der Labeling-Theorie (vgl. Lemert 1982, S. 433ff.) könnte man an solchen Beispielen aufzeigen, dass die »primäre Devianz« (das wären in diesem Beispiel die aufgrund der ökonomischen, rechtlichen und sozialen Ungleichheit entstehenden abweichenden Verhaltensweisen der Bewohner*innen) durch Stigmatisierung seitens Medien, Politik und Wissenschaft eine »sekundäre Devianz« provozieren kann (dies wäre die Inkorporation der von außen erfolgten Schuldzuweisung, die – je nach dem – zu verstärkter Apathie und Resignation oder Gewalt und Kriminalität führen kann).
2 Theoretische und analytische Vorbemerkungen: Makro-, Meso- und Mikroperspektive
Gesellschaftliche Prozesse zu verstehen oder gar zu erklären, ist seit ihrer Existenz das wichtigste Anliegen der Soziologie. Da gesellschaftliche Prozesse in aktuellen Gesellschaften dynamisch und hochkomplex sind, gibt es keine soziologische Theorie, die aktuelle Gesellschaften als Ganzes sowohl aus der Makro-, der Meso- oder der Mikroperspektive analysieren kann. Soziologische Theorien der Gegenwart konzentrieren sich deshalb meist auf eine der genannten Perspektiven.
Um einer Analyse der Lebenssituation marginalisierter Jugendlicher gerecht zu werden, müssen jedoch alle drei Perspektiven berücksichtigt werden.
2.1 Makrokontext: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Im Kontext der makrosoziologischen Perspektive sind zunächst die aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu analysieren. Moderne Gesellschaften kennzeichnen sich zunächst durch funktionale Differenzierung und durch ein Reflexiv-Werden. Damit verbunden sind die Rahmenbedingungen der Individualisierung, der Pluralisierung und der Globalisierung.
Zunächst ist festzustellen, dass moderne Gesellschaften sich durch eine funktionale Differenzierung kennzeichnen. Die Theorie funktionaler Differenzierung geht auf die systemtheoretischen Überlegungen Parsons und später Luhmanns zurück. Moderne Gesellschaften verändern sich ständig und werden angetrieben von zunehmender Komplexität. Historisch betrachtet, wurden in frühesten Gesellschaften Differenzierungen nach Geschlecht und Alter hierarchisiert. In archaischen Gesellschaften erfolgten Differenzierungen durch verschiedene Segmente (Familien, Clans, Dörfer), zwischen denen es kein soziales Gefälle gab. In der frühen Neuzeit wurden hierarchische Differenzierungen in Form von Schichtzugehörigkeiten (Stratifikation) sowie durch Zugehörigkeit in Zentrum und Peripherie abgelöst. Mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft wurden diese frühen Formen der Differenzierung immer stärker durch funktionale Differenzierungen ersetzt. Allerdings werden Stratifikationen nicht komplett durch funktionale Differenzierung ersetzt, sondern sind nach wie vor existent. So existieren nach wie vor Formen stratifikatorischer Differenzierung z. B. in Form von sozialer Ungleichheit, aber auch als Differenzierung der Bedeutung von Nationalstaaten (in der Politik), Unternehmen (in der Wirtschaft) oder von Schulen (im Bildungssystem) etc. Die Systemtheorie versteht unter funktionaler Differenzierung (vgl. Luhmann 1984), dass jedes Subsystem Gesellschaft nur unter seinem spezifischen Blickwinkel beobachtet. Das Teilsystem der Wirtschaft betrachtet Gesellschaft nur hinsichtlich ökonomischer Prozesse, das Rechtssystem nur in Bezug auf juristische Phänomene und die Wissenschaft ausschließlich, ob Sachverhalte oder Prozesse wahr oder falsch sind. Zudem werden die gesellschaftlichen Funktionssysteme wie Recht, Arbeit, Wohnen, Gesundheit, Bildung, Wissenschaft und auch die Soziale Arbeit immer komplexer und spezieller. Das Rechtssystem fächert sich auf in zahlreiche, spezielle Rechtsgebiete (Arbeitsrecht, Familienrecht, Strafrecht etc.), für die speziell ausgebildete Expert*innen zuständig sind.
Ein weiteres Kennzeichen moderner Gesellschaften ist das Reflexiv-Werden der Gesellschaft. Damit ist gemeint, dass die Existenz der aus der »ersten Moderne« (Beck, Giddens & Lash 1996) hervorgegangenen Risiken (wie z. B. der Klimawandel) in der »zweiten, reflexiven Moderne« erkannt, analysiert und bekämpft werden müssen (vgl. auch Beck & Bonß 2001). Die Theorie reflexiver Modernisierung zeigt auf, dass die erste, industrielle Moderne erhebliche Nebenfolgen bewirkt, die ihre eigenen institutionellen Grundlagen gefährden und somit zu politischem Handeln zwingen. Dies entspricht nach Beck einer Selbstkonfrontation von Modernisierungsfolgen mit den Modernisierungsgrundlagen und charakterisiert die zweite Moderne als Risikogesellschaft:
»Die Konstellationen der Risikogesellschaft werden erzeugt, weil im Denken und Handeln der Menschen und der Institutionen die Selbstverständlichkeiten der Industriegesellschaft (der Fortschrittskonsens, die Abstraktion von ökologischen Folgen und Gefahren, der Kontrolloptimismus) dominieren. Die Risikogesellschaft ist keine Option, die im Zuge politischer Auseinandersetzungen gewählt oder verworfen werden könnte. Sie entsteht im Selbstlauf verselbständigter, folgenblinder, gefahrentauber Modernisierungsprozesse. Diese erzeugen in der Summe und Latenz Selbstgefährdungen, die die Grundlagen der Industriegesellschaft in Frage stellen, aufheben, verändern« (Beck 1993, S. 36).
Die Forderung nach dem Umbau der Gesellschaft in Richtung ökologischer, ökonomischer, kultureller und sozialer Nachhaltigkeit erreicht inzwischen alle gesellschaftlichen Funktionssysteme in zunehmendem Maße.
Zu den weiteren Rahmenbedingungen moderner Gesellschaften gehören Aspekte wie Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung und deren Zusammenspiel.
Die These der Individualisierung moderner Gesellschaften ist vor allem von Beck (1986, S. 205ff.) aufgenommen und weiterentwickelt worden. Dem Autor gemäß ist nach dem Zweiten Weltkrieg ein neuer Modus der Vergesellschaftung aufgetaucht: die Individualisierung. Zunächst bedeutet er nichts anderes als Enttraditionalisierung. Die lange Zeit gültigen sozialen Kontrollnetze mit einer klaren und geschlossenen Weltanschauung und funktionierenden Autoritätsverhältnissen werden zugunsten eines Zuwachses an neuen Optionen, Freiheiten, Wahlmöglichkeiten und Chancen einer individuellen Lebensgestaltung abgelöst. Zwar gab es bereits in der Renaissance, in der höfischen Kultur des Mittelalters und im Protestantismus individualisierte Lebensstile. Allerdings nimmt die Individualisierung jetzt eine neue Gestalt und vor allem ein neues Ausmaß an.
Eine weitere wichtige Rahmenbedingung gegenwärtiger Zivilgesellschaften ist die Pluralisierung. Sie bezieht sich nach Beck (ebd., S. 161ff.) auf die Vervielfältigung der Formen sozialer Beziehungen6 und auf Lebensstile und ist mit der Individualisierung eng verbunden7. Die Pluralisierung der Beziehungsformen zeigt sich durch die Entstehung zahlreicher alternativer oder neuer Partnerschaftsformen. Single-Haushalte, nicht-eheliche Gemeinschaften, homosexuelle Paare, Lebensabschnittsgemeinschaften, Ein-Eltern-Familien, Familien mit Kindern, Ehen ohne Kinder, Zweck- und ›Sinn‹-Wohngemeinschaften treten neben die bislang statistisch gesehen am häufigsten anzutreffende Familie mit zwei Kindern, wie sie von Parsons (1956) noch als mehr oder weniger allgemeingültige »Normalfamilie« beschrieben worden ist. Während diese neuen Lebensformen für die inzwischen erwachsene Generation noch neu waren, wachsen Jugendliche heutzutage mit ihnen auf, d. h., sie empfinden sie als zum Alltag gehörend und nicht mehr als außergewöhnlich.
Als eine weitere gesellschaftliche Rahmenbedingung ist die Globalisierung anzuführen. Unter Globalisierung ist zunächst eine weltweite Verflechtung einzelner Subsysteme wie der Wirtschaft, der Wissenschaften, der Politik, der Medien und der Kultur zu verstehen. Diese Verflechtungen beziehen sich auf Staaten, Gesellschaften, Institutionen, Gruppen und Individuen. Historisch gesehen ist es wichtig zu sehen, dass Globalisierung nicht erst in diesem Jahrhundert erfunden wurde. Bereits im 15. und 16. Jahrhundert und spätestens im Zuge der Industrialisierung, der Arbeitsteilung und der Herausbildung des Kapitalismus als hegemonialer (Welt-)Wirtschaftsform werden wirtschaftliche Prozesse internationalisiert (vgl. Braudel 1986). Die damals entstehenden Formen des zweckrational geleiteten Wirtschaftshandelns bestimmen noch immer das Marktgeschehen, das sich aus Konkurrenzdruck, Innovationsdynamik, Rationalisierung und Werbung zusammensetzt, nur heute eben in einer globaleren Dimension und kaum noch durch politische, sondern fast nur noch durch ökonomische Macht gesteuert (vgl. Wallerstein 1974). Um das Ausmaß tatsächlicher Globalisierungstendenzen ausfindig zu machen, ist es erforderlich, Globalisierung in ihrer Vieldimensionalität8 zu begreifen, d. h. die Ausdifferenzierung der einzelnen Subsysteme in ihrer Komplexität und in ihrer Reziprozität zu interpretieren. Globalisierung ist eben deshalb so aktuell und effektiv, weil sie in immer mehr gesellschaftliche Subsysteme vordringt, dort die Strukturen verändert und somit Veränderungen für andere Subsysteme und Institutionen bewirkt. Diese Entwicklungen haben auch erhebliche Auswirkungen auf die Lebenslagen und Lebensstile Jugendlicher.
Im Umgang mit diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich demokratische Gesellschaften mit einer stabilen Gewaltenteilung zwischen Legislative, Judikative und Exekutive erheblich von totalitären Gesellschaften, in denen die staatliche Gewalt in den Händen Weniger oder sogar nur einer Person konzentriert ist. Bemerkbar machen sich diese Differenzen auch zwischen Gesellschaften, die demokratisch legitimiert sind und rechtsstaatliche Verhältnisse tatsächlich schützen, und denjenigen Gesellschaften, die zwar demokratisch legitimiert sind, jedoch versuchen, diese Gewaltenteilung zu reduzieren oder gar außer Kraft zu setzen9.
2.2 Mesokontext: Lebenslagen
Mesosoziologische Theorien orientieren sich an den gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen, die für die konkrete gesellschaftliche Inklusion der Menschen zuständig sind und deren Ausstattung, Aufgaben, Befugnisse und Ausrichtungen politisch initiiert sind. Institutionen, die Arbeit, Bildung, gesundheitliche Versorgung, Wohnraum oder auch Freizeitmöglichkeiten vermitteln bzw. bereitstellen, haben die Aufgabe, im Rahmen der Gestaltung der Lebenslage der Menschen diese zu inkludieren. Diese Institutionen (die Firma, die Schule, die Familie etc.) versorgen Menschen – in der Sprache Bourdieus (vgl. Bourdieu 1981; Bourdieu 1989) – mit unterschiedlichen Kapitalformen, wie ökonomisches, kulturelles oder soziales Kapital10. Als ökonomisches Kapital werden Vermögen, Besitz und Einkommen betrachtet, als Formen kulturellen Kapitals die Vermittlung von Bildungsqualifikationen und als soziales Kapital soziale Netzwerke oder soziale Beziehungen der Menschen untereinander. Von Bourdieu weniger beachtet, aber dennoch nicht unwichtig, könnte man das politische Kapital der Menschen noch anführen, das durch das Engagement bei Wahlen oder bei direkten Formen der politischen Partizipation deutlich wird.
Solche Kapitalformen können auch als Aspekte der sozialen Lage oder der Lebenslage aufgefasst werden. Die Lebenslage der Menschen ist sehr unterschiedlich, d. h. es gibt Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Menschen mit hoher und Menschen mit geringer Bildungsqualifikation, Menschen, die eher in wohlhabenden Quartieren, und solche, die eher in marginalisierten Quartieren wohnen. Verbunden mit der Prägung der Individuen durch Institutionen ist auch eine Vermittlung von Gesetzen, Normen und Ritualen. Menschliches Handeln wird durch Institutionen in Form von Gesetzen verpflichtend und in Form von Verhaltensnormen normativ reguliert11. Gemeinschaften erwarten zudem auch die Beachtung und Einhaltung von Regeln und Ritualen. Dies gilt nicht nur für religiöse Gemeinschaften, sondern auch für Fanclubs, Karnevalsvereine oder Männerbünde. Institutionen vermitteln implizites Wissen, dass inkorporiert werden muss, später routiniert abläuft und nicht mehr bewusst reflektiert wird. Zudem prägen Institutionen soziale Beziehungsgeflechte zwischen Individuen, indem sie diese nicht nur ermöglichen, sondern auch hierarchisieren und mit Inhalten versehen.
Am Beispiel der Institution Schule lässt sich verdeutlichen, dass diese Institution Lehrer*innen und Schüler*innen in bestimmten Räumlichkeiten zusammenbringt, deren Verhältnis einer Hierarchie unterwirft und bestimmte Regeln und Rituale des Verhaltens aller Akteurinnen und Akteure mehr oder weniger festlegt. Zudem vermittelt die Schule bestimmte Inhalte, d. h. ein bestimmtes Wissen, das durch Rituale wie Prüfungen abgefragt wird und auf dessen Basis Qualifikationen verteilt werden, die letztlich über In- und Exklusion von Schüler*innen entscheiden. Die institutionell vollzogene Inklusion seitens der Schule impliziert auch die fortdauernde Stratifikation z. B. in Bezug auf die Reproduktion sozialer Ungleichheit. Obwohl das Bildungssystem Chancengleichheit fördern soll, weisen die zahlreichen PISA-Studien (vgl. z. B. die PISA-Studien von 2006, Prenzel et.al. 2008, und 2018, Reiss, Weis, Klieme & Köller 2019) seit Jahren für Deutschland nach, dass die Schule maßgeblich zur Reproduktion des Schichtengefüges beiträgt. Am Beispiel des Bildungssystems zeigt sich sehr deutlich, dass die funktionale Differenzierung gesellschaftlicher Subsysteme die Fortdauer stratifkatorischer Prozesse in modernen Gesellschaften nicht verhindert. Auch die Sozialpolitik vermag dieses Manko nicht zu kompensieren. Zwar hat im Zuge des Ausbaus der Wohlfahrtssysteme in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Verbesserung der Lebensverhältnisse aller Bürger*innen in Deutschland stattgefunden. Dennoch ist die Hierarchisierung in Bezug auf Wohlstand damit nicht abgeschafft worden. Die sozio-ökonomische Distanz zwischen den Schichten hängt nach wie vor maßgeblich von konjunkturellen Schwankungen und sozialpolitischen Maßnahmen ab (vgl. Finanzkrise oder Corona-Krise).
2.3 Mikrokontext: Lebensstile und soziale Milieus
Mikrosoziologische Theorien beschäftigen sich mit den Alltagspraktiken der Menschen, also mit dem konkreten Verhalten oder Handeln der Menschen. Sie konzentrieren sich auf die Untersuchung der Lebensstile und der sozialen Milieus der Menschen. Lebensstile12 sind raum- und zeitabhängige, gruppenspezifische Arten der Lebensführung. Als Lebensstil wird »der Stil des Lebens (…) als ein geschlossenes Ganzes, (…) von dem aus alle Elemente seines Seins und Tuns einen einheitlichen, aufeinander bezüglichen Sinn erhalten«, aufgefasst (Simmel 1900). Darunter fallen z. B. gemeinsame Verhaltensweisen oder gleichartige Organisationsformen des Alltagslebens, gemeinsame Werte, Lebensvorstellungen, Lebensweisen, Interaktionsformen, Erfahrungen und Wissensbestände. Müller (1992, S. 374) benennt fünf Merkmale des Lebensstilansatzes: Ganzheitlichkeit, Freiwilligkeit, Charakter, die Verteilung von Stilisierungschancen und Stilisierungsneigung. Lebensstile implizieren sowohl ein materielles oder ökonomisches als auch ein kulturelles oder ideelles Substrat. Das materielle Substrat wird durch die soziale Herkunft, den Beruf, das Einkommen und die Vermögensverhältnisse einer Person repräsentiert, das kulturelle Substrat ergibt sich aus der sozialen Herkunft und der Familie, der Bedürfnisse, Interessen und Mentalitäten (vgl. Müller 1992, S. 377). Lebensstile werden sichtbar in vier verschiedenen Dimensionen oder Verhaltensbereichen: dem expressiven Verhalten (Freizeitverhalten und Konsummuster), dem interaktiven Verhalten (Wahl sozialer Netzwerke und Beziehungen, auch Mediennutzung), dem evaluativen Verhalten (Wertorientierungen und Einstellungen, Haltung zu Religion und Politik) und dem kognitiven Verhalten (Selbstidentifikation, Wahrnehmung und Zugehörigkeit zur sozialen Welt) (vgl. Müller 1992, S. 377ff.). Lebensstile implizieren ein gewisses Maß an Wahl- und Gestaltungsfreiheit. Das Ausmaß der Gestaltungsfreiheit variiert vor dem Hintergrund der Entwicklung und Veränderung sozio-ökonomischer Verhältnisse. Im Vergleich zur Nachkriegszeit gibt es heute zweifellos mehr Möglichkeiten für alle; dennoch ist diese Wahlfreiheit nach wie vor stark schichtabhängig.
Nach Bourdieu (1983, S. 277ff.) sind Lebensstile eine Art Medium zwischen gesellschaftlicher Struktur und individuellem Handeln. Lebensstile präsentieren sich nach Bourdieu als ein Konglomerat, das durch das jeweilige ökonomische Kapital (Einkommen, Vermögen und Besitz), soziale Kapital (soziale Beziehungen) und kulturelle Kapital (Wissen und Bildung) der Person definiert ist. Es konkretisiert sich im Geschmack (im ästhetischen Sinne) der Person, mit dem Ziel, die Grenze oder Linie zwischen intersubjektiver In- und Exklusion aufzuzeigen. Der Geschmack signalisiert gleichzeitig die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und die Distanz zu anderen Gruppen. Inszenierung und Distinktion sind die wichtigsten Mittel der Präsentation des Lebensstils.
Während sich Lebensstile auf Individuen beziehen, werden soziale Milieus als eine Gruppe von Menschen mit ähnlichen Lebensstilen definiert (vgl. Blasius 1994, S. 237). Soziale Milieus sind »Wertegruppierungen«, Gruppen mit ähnlichen Prinzipien der Lebensgestaltung, mit vergleichbaren Mentalitäten und Denk- bzw. Verhaltensweisen. Sie vermitteln »(…) durch Abgrenzung und Grenzerhaltung ein Gefühl sozialer Zugehörigkeit, vielleicht in verschiedenen Gradabstufungen eine Kollektividentität, die aber intern lose strukturiert ist: eine Kollektividentität ohne Kollektivbewusstsein« (Michailow 1994, S. 43, kursiv i. Orig.). In sozialen Milieus sammeln sich Menschen mit ähnlichem Einkommen, verschiedenen, jedoch auf ähnlichem Niveau befindlichen Berufen und mit vergleichbaren Bildungsqualifikationen. Es gibt weder eine völlige Unabhängigkeit noch eine absolute Deckungsgleichheit der sozialen Milieus mit der Schichtzugehörigkeit (vgl. Hofmann & Rink 1996, S. 190). Die Milieuzugehörigkeit ist aus Sicht des Individuums zwar nicht unendlich bindend, aber relativ veränderungsresistent. Die Bedeutung der Milieuzugehörigkeit für die einzelne Person ist zudem vor dem Hintergrund altersspezifischer Stilisierungsneigung auch stark altersabhängig, d. h. vor allem ein Bedürfnis Jugendlicher und Erwachsener, weniger von Kindern und älteren Personen (vgl. Müller 1992, S. 376).
Bourdieu (1997) bezeichnet das entscheidende Bindeglied zwischen gesellschaftlichen Strukturen und den Alltagspraktiken der Individuen als Habitus. Habitus ist demnach eine strukturierende Struktur (Struktur und Strukturierung), also eine Orientierung, innerhalb derer Handlungen getätigt werden (können und müssen). Im Zuge der Lebenszeit verfestigten sich diese inkorporierten Strukturen sogar dann noch, wenn sich die Kapitalformen oder Existenzbedingungen verändert haben. Der Habitus verfügt somit über eine in die Zukunft gerichtete Komponente, weil er aus der Vergangenheit über die erworbenen Erfahrungen in die Gegenwart hineinwirkt.
Diese individuellen, subjektiven Dispositionen, Präferenzen und Aspirationen sind auf einen jeweils besonderen sozialen Ort abgestimmt bzw. einem sozialen Milieu zugehörig. Der Habitus ähnelt somit dem Lebensstil, d. h., mittels des Lebensstils versuchen Menschen, Alltagspraktiken für den Umgang mit den entsprechenden Kapitalformen zu entwickeln oder mögliche Probleme, die sich aus bestimmten Kapitalformen ergeben, zu bewältigen. Armut, Krankheit, geringe Bildungsqualifikationen und Wohnungsprobleme können Lebenskrisen auslösen, die die Menschen zwingen, dafür geeignete Bewältigungsformen zu entwickeln. Soziale Milieus sind somit soziale Netzwerke von Menschen mit einem ähnlichen Habitus. Sie verfügen über ähnliche Alltagspraktiken, um die unterschiedlichen Aspekte der Lebenslage zu bewältigen. Menschen, die das alleine nicht schaffen, sind auf Hilfe angewiesen: Damit tritt die Soziale Arbeit auf den Plan. Ihre Funktion ist es, Menschen in prekären oder marginalisierten Lebenslagen zu unterstützen, vorausgesetzt, sie wollen diese Unterstützung auch tatsächlich nutzen.
2.4 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
Um die Lebenssituation von Zielgruppen der Sozialen Arbeit zu analysieren, müssen deren makro-, meso- und mikrosoziologischen Kontexte berücksichtigt werden. Moderne Gesellschaften kennzeichnen sich zunächst durch eine funktionale Ausdifferenzierung und ein Reflexiv-Werden. Als weitere Aspekte des makrosoziologischen Kontexts gelten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie die Individualisierung, die Pluralisierung und die Globalisierung. In Bezug auf den mesosoziologischen Kontext müssen die Lebenslagen marginalisierter Jugendlicher analysiert werden. Dazu gehören nach Bourdieu das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital der Jugendlichen. Der mikrosoziologische Kontext wird durch die Lebensstile und die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Milieus der marginalisierten Jugendlichen repräsentiert. Bourdieu nennt das verbindende Glied zwischen Lebenslagen und Lebensstilen Habitus. Der Habitus ist sowohl ein Produkt der Einwirkungen gesellschaftlicher Strukturen als auch deren Bewältigungsformen, die in den Lebensstilen und der Zugehörigkeit zu einem sozialen Milieu sichtbar werden. Über den Habitus werden die gesellschaftlichen Strukturen reproduziert oder auch Veränderungen angestoßen.

Arbeitsanregungen
• Beschreiben Sie die Bestandteile einer umfassenden soziologischen Analyse einer beliebigen Zielgruppe der Sozialen Arbeit.
• Beschreiben Sie die Aspekte der Lebenslage nach Bourdieu.
• Welche Funktion hat der Habitus im Kontext einer umfassenden soziologischen Analyse?

Literaturempfehlungen
Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Reinhard Kreckel (Hg.): Soziale Ungleichheiten (Soziale Welt Sonderband 2). Göttingen: Verlag Otto Schwarz & Co, S. 183–198.
Bourdieu, Pierre (1997): Zur Genese der Begriffe Habitus und Feld. In: Bourdieu, Pierre (Hg.): Der Tote packt den Lebenden. Schriften zu Politik und Kultur 2 (hg. von Margareta Steinrücke). Hamburg: VSA-Verlag, S. 59–78.
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Müller, Hans P. (1992): Sozialstruktur und Lebensstil. Der neue theoretische Diskurs über soziale Ungleichheit. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
6 An einigen Stellen spricht Beck (1986, S. 194f.) von Lebensformen, obwohl Lebensformen weitaus mehr sind als Beziehungsformen und er sich vor allem auf Formen sozialer Beziehungen bezieht.
7 Pluralisierung und Individualisierung sind aber nicht deckungsgleich. Sie bedingen sich nicht gegenseitig, da Pluralisierung ohne Individualisierung möglich ist. Gesellschaften können pluralistisch sein, ohne gleichzeitig eine Individualisierung zu realisieren. Individualisierung entsteht erst, wenn der Aspekt der freiwilligen und notwendigen Wahl realisiert ist. Deshalb ist Pluralisierung eine wichtige, aber keine hinreichende oder notwendige Voraussetzung für Individualisierung (vgl. hierzu Wohlrab-Sahr 1997, S. 27f.).
8 Giddens (1996, S. 84f.) interpretiert das Modell der Weltsystemtheorie als eindimensional, weil es lediglich die ökonomische Globalisierung berücksichtigt. Er (ebd., S. 92f.) differenziert zwischen vier Dimensionen der Globalisierung, dem kapitalistischen Weltsystem, dem System der Nationalstaaten, der industriellen Entwicklung mit dem Aspekt der internationalen Arbeitsteilung und der militärischen Ordnung. Ein weiterer, alle Dimensionen überwölbender Aspekt der Globalisierung ist die kulturelle Globalisierung in Form der Kulturtechniken, die ein wesentliches Element der reflexiven Moderne und der Diskontinuitäten, »(…) die zu einer scharfen Trennung des Modernen vom Traditionalen geführt haben« (ebd., S. 100), darstellt.
9 Zurzeit neigen z. B. Regierungen in Polen oder Ungarn einerseits dazu, rechtsstaatliche Errungenschaften wie eine unabhängige Justiz oder freie Medien zu bekämpfen, und andererseits, traditionelle Institutionen wie Familie, Kirche etc. gegenüber neuen sozialen Gemeinschafts- und Beziehungsformen besonders zu schützen und zu fördern.
10 Bourdieu führt auch noch das symbolische Kapital an (vgl. Bourdieu 1983), das eine Art übergeordnete Rolle innehat. Unter symbolischem Kapital versteht er die jeweilige Konkretisierung von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital. Alle drei Kapitalsorten finden ihren Ausdruck in Formen des symbolischen Kapitals, das eingesetzt wird, um den Lebensstil zu repräsentieren.
11 Der Unterschied zwischen Gesetzen und Normen wird vor allem bei den Auswirkungen und Folgen bei Verstößen sichtbar. Im Grunde sind Gesetze verpflichtend und Normen freiwillig. Bei Verstößen gegen Gesetze erfolgt – je nach Schwere der Gesetzesverletzung – eine gerichtliche Verurteilung mit anschließendem Strafvollzug, bei Verstößen gegen Normen erfolgen meist Disziplinarmaßnahmen.
12 Bereits Weber (1980, S. 236ff.) sprach von Lebensführung, Lebensgewohnheiten, Lebensgepflogenheiten oder von Habitus und bezog sich dabei auf eine von Standeszugehörigkeit und Bildung beeinflusste Ausdrucksform, deren Funktion darin besteht, Identität und Distinktion zu symbolisieren und als Mittel zur Schließung sozialer Beziehungen bzw. zur Aneignung von Lebenschancen einer Statusgruppe zu dienen (vgl. auch Müller 1992, S. 371ff.). Während Weber bei der Definition seines Lebensstilbegriffs den kapitalistisch motivierten, utilitaristisch-zweckrationalen Lebensstil vor Augen hatte, ist der Begriff später von Simmel in Bezug auf seinen identitätsstiftenden Aspekt weiterentwickelt worden (vgl. hierzu Ritter 1996, S. 61ff.).
3 Methodologische Aspekte zur sozialwissenschaftlichen Erkundung der Lebenslage und der Lebensstile
Während die so genannten ›harten‹ Daten des ökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Kapitals bzw. der Aspekte der Lebenslage und manchmal auch die Lebenszufriedenheit der Menschen eher mit quantitativen Methoden erforscht werden, werden bei der Erkundung der individuellen sozialen Handlungen meist qualitative Studien durchgeführt.
3.1 Quantitative und qualitative Methoden
Quantitative Studien orientieren sich an »objektiv« messbaren Fakten. Zunächst wird bereits vorher erarbeitetes Wissen zu Hypothesen ausformuliert. Diese werden mittels vollstandardisierter Befragungen oder anderer quantitativer Methoden überprüft, verifiziert oder falsifiziert. Fragebögen werden vor dem Hintergrund des bestehenden Wissens über ein Thema entwickelt und entweder schriftlich mit Anschreiben, Darstellung des Anlasses, der Untersuchungsabsicht und des Verwertungszusammenhangs der Studie, einer Zusicherung der Anonymität und der Mitteilung eines Rücksendedatums verschickt oder auch vis-à-vis abgefragt.
In der Sozialen Arbeit spielen quantitative Studien eine geringere Rolle als qualitative. In Bezug auf quantitative Daten kann meist auf den breiten Fundus der bundes- oder landesweiten sowie kommunalen statistischen Ämter zurückgegriffen werden. Statistiken zu relevanten, aktuellen Daten zu Themen wie Einwohner*innendichte, Wohnbebauung, soziale und kulturelle Einrichtungen, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfebezug, Bildungsstand etc. sind dort in der Regel verfügbar und müssen nicht gesondert erhoben werden. Hingegen müssen qualitative Daten der Klient*innen in der Regel selbst durch geeignete Methoden eruiert werden.
Qualitative Forschung trägt dazu bei, soziale Wirklichkeit durch intersubjektiv deutenden und sinnverstehenden Zugang zu erkunden. Soziale Wirklichkeit bzw. soziales Handeln entsteht nach Weber (1980, S. 1ff.) erst durch einen ihr bzw. ihm subjektiv verliehenen Sinn, der vom Gegenüber wiederum subjektiv gedeutet werden muss. Verstehen bedeutet somit stets Deutung des Sinns einer Handlung einer anderen Person aus eigener subjektiver Sicht.
Für die Soziale Arbeit sind qualitative Daten wichtig, um die Gründe des Handelns der Klient*innen zu erkunden. Denn nur wenn die Gründe und Ursachen der Handlungen deutlich geworden sind, können auch Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation entwickelt werden. Mit anderen Worten: Die Soziale Arbeit ist bei der Entfaltung ihrer Angebote und Maßnahmen auf eine aktive Mitwirkung der Klient*innen angewiesen.
3.2 Entwicklung und Bedeutung der subjektiven Perspektive in modernen Gesellschaften
Die hohe Relevanz, die moderne Gesellschaften der subjektiven Perspektive der Menschen zuweisen, ist sowohl historisch bedingt als auch territorial beschränkt. Mit anderen Worten: Weder im Mittelalter noch in Gesellschaften, in denen ein großer Teil der Einwohner*innen von Armut betroffen ist, spielt die subjektive Sichtwiese eine wichtige Rolle. Ganz anders in den heutigen westlichen Gesellschaften, die in der Tradition der Aufklärung bzw. der Individualisierung stehen: Säkularisierte und industrialisierte, demokratische Gesellschaften heben immer wieder den Wert des Individuums, des und der Einzelnen und seiner bzw. ihrer besonderen, subjektiven Sichtweise hervor. Insofern kann man behaupten, die subjektive Perspektive ist ein Produkt der westlichen, reflexiv gewordenen Moderne (Beck, Giddens & Lash 1996), deren Kern die Individualisierung darstellt.
Dabei ist der örtliche kaum vom zeitlichen Bezug der Entwicklung der Subjektivität zu trennen: Insbesondere in den hoch industrialisierten Ländern des Westens, in denen die Religion ihren Anspruch absoluter Wahrheit eingebüßt hat, spielt die Individualität eine zentrale Rolle. Zwei historisch bedingte Rahmenbedingungen sind zentral: die Industrialisierung und die Aufklärung.
Industrialisierung
Die Industrialisierung, die sich zunächst in den westeuropäischen Ländern und später auch in Nord-Amerika ausbreitete, hat die Vorbedingungen geschaffen, damit Wohlstand zum Leit- und Sinnbild moderner Gesellschaften avancieren konnte. Dieser erste, durch die Begründung einer neuen Produktionsweise eingeleitete Schritt der Individualisierung, geht bekanntermaßen einher mit der Arbeitsteilung bzw. der Trennung von Wohnen und Arbeiten, mit dem Beginn der bürgerlichen Gesellschaft, der Zunahme ökonomischer und utilitaristischer Beziehungen, der Zerrüttung traditioneller sozialer (Ver-)Bindungen, dem Zerfall der Lebensform des »ganzen Hauses«13 und der dörflichen Gemeinschaften sowie der Zunahme der Bedeutung des Individualismus als bürgerliches Ideal, wie es sich z. B. in Form der »Liebesheirat« oder der Selbstverwirklichung realisierte.
Der zweite, durch die Expansion wohlfahrts- und sozialstaatlicher Modelle in der Nachkriegszeit geprägte Schritt der Individualisierung stellte eine Radikalisierung und Universalisierung des Prozesses der Individualisierung dar und ging einher mit dem so genannten »Fahrstuhl-Effekt« (Beck 1986), der für die breite Masse der Bevölkerung ein Mehr an Einkommen, eine Reduzierung der Arbeitszeit und eine Verlängerung der Lebenszeit bedeutete. Die Zunahme des Wohlstands für alle zog einen weiteren Ausbau an Wahlmöglichkeiten nach sich, nicht nur in Bezug auf Beruf und Arbeit, sondern vor allem bezüglich der Pluralisierung der Lebensstile und Beziehungsformen. Allerdings implizierte die Zunahme an Wahlmöglichkeiten für alle gleichzeitig den Zwang zur Wahl. Damit hat die Bedeutung des Individuums und dessen Konkretisierung als Träger einer eigenen Identität nochmals deutlich zugenommen. Konnte Identität im Zuge der Nationalstaatsentwicklung und dessen Festigung noch lange Zeit nationalstaatlich als eine kollektive konstruiert und geprägt werden, so entwickelt sie sich im Kontext der Globalisierung und des Bedeutungsverlusts nationalstaatlicher Befugnisse einerseits und kultureller Traditionen andererseits immer mehr zu einer hochindividuellen, patchworkartigen Identität, bei der die individuelle Biografie, die Selbstbestimmung und die Eigenverantwortung inzwischen eine dominante Stellung einnehmen.
Die Aufklärung ist – neben der Industrialisierung – der zweite Strang der Individualisierung.
Aufklärung
Während vor der Aufklärung die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens noch weitestgehend religiös geprägt, sprich gottgegeben war, eröffnete sich für die Menschen im Zuge der Säkularisierung und noch deutlicher im Zuge des Dominanzverlusts der bürgerlichen Gesellschaft Mitte des 20. Jahrhunderts ein mannigfaltiges Angebot in Bezug auf das Verständnis bzw. die Erklärung des Lebensursprungs, des Lebenssinns und auch in Bezug auf Werte und moralische Vorstellungen14.
Komplettiert wird der Bedeutungsverlust der »großen Erzählungen« (Lyotard 1994) durch den Niedergang des Kommunismus. Damit sind die großen Leitbilder ad acta gelegt, der Mensch ist fortan dazu verurteilt, sich in seiner Freiheit zurechtzufinden und sich auf ständige Neuorientierungen einzulassen. Für alles wird er nun als individueller Entscheidungsträger verantwortlich gemacht, sei es, wenn es um die Wahl des Lebenspartners/der Lebenspartnerin, um die Bewältigung von Arbeitslosigkeit oder um die Abtreibung eines behinderten Kindes geht: Die Freiheit des Individuums schlägt um in eine unvermeidbare Verantwortung für sein Handeln. So werden im Alltag die Fragen nach der Sinnhaftigkeit und Biografizität subjektiven Handelns immer bedeutsamer. Kein Bewerbungsgespräch, keine freundschaftliche oder gar Liebesbeziehung, keine Veränderung im Leben kommen heute mehr ohne Offenbarung und Entfaltung der biografischen ›Rahmung‹ der Handlungen aus.
Mitunter bewirken und fördern die Produktion von Sinnhaftigkeit und »doing biography« sogar Bildungsprozesse (vgl. Bukow, Ottersbach, Tuider & Yildiz 2006). Begünstigt wird die Produktion von Sinnhaftigkeit und Biografizität heute andererseits durch die Entwicklung der Risikogesellschaften, in denen sich konventionelle Orientierungsmuster zunehmend auflösen und die Suche nach individuellen Nischen für den Einzelnen immer mehr zur Pflicht wird. Festgelegte oder determinierte Entwicklungen sind rar geworden, im Rahmen der »Multioptionsgesellschaft« (Gross 1984) und der Pluralisierung (Beck 1986) avanciert die Wahl zwischen zahlreichen Möglichkeiten immer mehr zu einer Qual, die auch darin münden kann, sich in der Wahl zu verlieren.
Die Bedeutungszunahme der Produktion sozialen Sinns und der Biografie im Alltag der Menschen hatte zweifellos auch Auswirkungen auf die Wissenschaften selbst. In der Soziologie wurden qualitative Methoden im Rahmen der stadtsoziologischen Untersuchungen der Chicagoer Schule in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts »entdeckt« (Kleinig 1995; Flick 2002, S. 20f.). Die wegweisende Studie von Thomas & Znaniecki (1918–1920) mit dem fünfbändigen Titel »The Polish Peasant in Europe and America« gilt als Prototyp qualitativer Forschung. Anthropologen wie Mead oder Malinsowski entdeckten später die Methode der Feldforschung für die Sozialwissenschaften. Trotzdem dominierten lange Zeit noch die experimentellen, standardisierenden und quantifizierenden Ansätze gegenüber den verstehenden, offenen und qualitativ-beschreibenden Methoden. In Deutschland nahm erst um 1970 die Bedeutung qualitativer Methoden vor dem Hintergrund der Kritik an quantitativer Sozialforschung zu (vgl. Flick 2002, S. 21). Feministisch orientierte Wissenschaftlerinnen (vgl. Becker-Schmidt & Bilden 1995) zeigten die Begrenztheit quantitativer Methoden in Bezug auf den Genderaspekt auf und ergänzten die Komplexität sozialer Lagen insbesondere von Migrant*innen um die Klassenzugehörigkeit. Auch die kritische Psychologie (Holzkamp 1983) kritisiert quantitative Forschung als Reproduktion von Herrschafts- und Anpassungswissen. In Deutschland hat vor allem Habermas (1967) die amerikanische Diskussion aufgegriffen und den symbolischen Interaktionismus und die Ethnomethodologie, neben dem sozialen Konstruktivismus die beiden wesentlichen Bausteine der qualitativen Sozialforschung, im deutschsprachigen Raum publik gemacht. Ende der 1970er Jahre avancierte die qualitative Forschung dann sogar zum »Modetrend« (Flick 2002, S. 22), maßgeblich bewirkt durch das narrative Interview durch Schütze und die »objektive Hermeneutik« durch Oevermann. Weiterhin wegbereitend waren auch Studien von Leithäuser, Volmerg, Salje, Volmerg & Wutka zur »Empirie des Alltagsbewusstseins« (1981) und von Berger & Luckmann (1987) zur »Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit«. Ende der 1980er Jahre wurden erste Lehrbücher und Einführungen zu qualitativen Methoden publiziert (vgl. Flick 2002, S. 23).
Heute wird die Produktion von Sinnhaftigkeit und Biografie immer mehr zum Dreh- und Angelpunkt der Konstruktion sozialer Beziehungen und somit auch zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Praxis. Im deutschsprachigen Raum hat die qualitative Sozialforschung deshalb zurzeit insbesondere in der Soziologie und der Pädagogik Hochkonjunktur. Reichertz (2009) spricht von einer »Institutionalisierung« qualitativer Sozialforschung, obwohl bereits wegen der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen (Stichwort »Reduktion der Arbeits- und Zeitintensität«) und knapper werdenden Drittmitteln (Stichwort »Dominanz der Rechenhaftigkeit von Daten im Zuge von Sparmaßnahmen«) wieder ein Abschwung erkennbar sei.

In der Sozialen Arbeit dominieren qualitative empirische Methoden. Ergebnisse aus quantitativen Studien, z. B. zur Entwicklung der Lebenslage bestimmter Zielgruppen, sind ebenfalls wichtig; für die Entwicklung konkreter Angebote der Sozialen Arbeit ist jedoch die Kenntnis der subjektiven Bewältigungsformen der Klient*innen erforderlich. Um diese zu eruieren, benötigt man qualitative Studien.
Im Folgenden soll auf die hier kursorisch dargestellten Aspekte gesellschaftlicher Inklusion mit Blick auf die Zielgruppe marginalisierter Jugendlicher ausführlicher eingegangen werden. Dabei werden zunächst die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, anschließend die Lebenslagen und zum Schluss die Lebensstile und sozialen Milieus marginalisierter Jugendlicher näher beleuchtet.
3.3 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen
Um die Lebenslage und Lebensstile von Bevölkerungsgruppen zu erforschen, werden in den Sozialwissenschaften sowohl quantitative als auch qualitative Methoden angewendet. Beide Erhebungsmethoden sind auch für die Soziale Arbeit relevant. In der Sozialen Arbeit dominiert jedoch die Erkundung qualitativer Daten, weil die Gründe und Ursachen des sozialen Handelns der Klient*innen erkundet werden müssen. Nur wenn diese bekannt sind, ist die Soziale Arbeit in der Lage, die Klient*innen in Bezug auf eine Verbesserung ihrer Lebenslage zu beraten.
In modernen Gesellschaften ist die Erkundung der Biografien auch für andere Wissenschaften von großem Interesse. Nicht nur in der Sozialen Arbeit, sondern im gesamten Alltag, in der Familie, in der Schule, auf der Arbeit, im Freundeskreis spielen sowohl die Präsentation eigener als auch die Erkundung fremder biografischer Verläufe eine große Rolle.

Arbeitsanregungen
• Beschreiben Sie die Bedeutung quantitativer und qualitativer Erhebungsmethoden für die Soziale Arbeit.
• Warum spielen qualitative Methoden in der Sozialen Arbeit eine wichtigere Rolle als quantitative?
• Welches sind die Gründe für die Bedeutungszunahme biografischer Methoden im Alltag der Menschen in den heutigen modernen Gesellschaften?

Literaturempfehlungen
Beck, Ulrich; Giddens, Anthony & Lash, Scott (Hg.) (1996): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Berger, Peter L. & Luckmann, Thomas (1987): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt/Main: Fischer.
Flick, Uwe (2002): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.
14 Das »ganze Haus« ist die Bezeichnung für das Zusammenleben in der frühen Neuzeit. Nicht die Familie, sondern das Haus bzw. die durch den Hausherrn geleitete Hausherrschaft galt als Grundlage der Lebensordnung. Im »ganzen Haus« lebten die Hausbesitzer (Hausvater und seine Frau), leibliche Kinder, Stiefkinder, Verwandte und das Gesinde (Mägde und Knechte) unter einem Dach. Es entsprach einer Hausgemeinschaft und einer Hauswirtschaft, d. h., es war zugleich Arbeitsstätte und Wohnort. Die Familie im modernen Sinn entstand erst im 18. Jahrhundert.
15 Schon Jean-Jaques Rousseau hat durch die »Lebensbeichte« in seinen »Bekenntnissen« (1981) bei seiner Leserschaft viel Aufmerksamkeit und Verständnis zu einer Zeit erregt, als Individualisierung und Biografizität noch Fremdwörter waren. Dennoch wurde mit solchen Publikationen der Individualisierung und deren Wirkungsmechanismen der Weg entscheidend geebnet.
4 Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Lebenslagen marginalisierter Jugendlicher
Wie bereits kurz erwähnt, lassen sich moderne Gesellschaften aus soziologischer Perspektive vor allem durch Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionssysteme (vgl. Parsons 1972; Luhmann 1984) und das Reflexiv-Werden der Gesellschaft kennzeichnen (Beck 1996).
In funktionierenden Rechtsstaaten dominieren ausdifferenzierte gesellschaftliche Funktionssysteme wie das Politik-, das Wirtschafts-, das Rechts-, das Gesundheits- oder das Wissenschaftssystem das Geschehen. Dies unterscheidet moderne Gesellschaften von ursprünglichen, segmentären Gesellschaften, in denen gleichwertige Segmente wie Familien, Stämme oder Dörfer das Leben der Menschen organisierten, oder auch von stratifikatorischen Gesellschaften, in denen hierarchische und vertikale Differenzierungen und eine starre Verbindung von Politik und Religion das Zusammenleben der Menschen dominierte. Jedes dieser ausdifferenzierten Systeme übernimmt in modernen Gesellschaften spezielle Funktionen. Für politische Entscheidungen ist die Politik verantwortlich, für Fragen der Wirtschaft ist das Wirtschaftssystem zuständig und für rechtliche Probleme und Fragen das Rechtssystem. Jedes Individuum gehört gleichzeitig verschiedenen Funktionssystemen an und bildet verschiedene soziale Rollen aus. Jugendliche sind gleichzeitig als Teil des Familiensystems Tochter bzw. Schwester oder Sohn bzw. Bruder, als Teil des Bildungssystems Schüler*innen, als Teil des Wirtschaftssystems Konsument*innen. Wie Erwachsene sind auch Jugendliche ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert, da sie sich permanent zwischen verschiedenen Teilsystemen bewegen und ihre Rolle wechseln müssen. Und angesichts der Dynamik und der Veränderung der einzelnen Subsysteme müssen auch sie ihr Verhalten ständig reflektieren und ggf. anpassen bzw. verändern.
Die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionssysteme spiegelt sich u. a. in der Ausformung des Schichtengefüges bzw. in der sozialen Mobilität der Jugendlichen wider. Die hierarchischen Strukturen und Klassen bzw. Schichten stratifikatorischer Gesellschaften werden allerdings dadurch nicht völlig eliminiert. Am Beispiel der Reproduktion sozialer Ungleichheit, die sich z. B. in der Existenz räumlicher Segregation bzw. marginalisierter Jugendlicher manifestiert, lässt sich dies nachwiesen. Innerhalb des Schichtengefüges moderner Gesellschaften bilden sich immer neue Bereiche und Facetten aus, d. h., das Schichtengefüge wird feingliedriger (vgl. Geißler 2014). Man spricht nicht mehr nur von der Ober-, Mittel- und der Unterschicht, sondern innerhalb der einzelnen Schichten finden weitere Ausdifferenzierungen statt. Die Ergebnisse der Sozialstrukturforschung verdeutlichen zudem, dass die Durchlässigkeit des Schichtensystems bzw. die soziale Mobilität der Jugendlichen zugenommen hat, gleichzeitig jedoch auch die soziale Ungleichheit größer geworden ist (vgl. ebd.; auf europäischer Ebene: Mau & Verwiebe 2009). Die Zunahme der Mobilität gilt zudem nicht nur für das Schichtengefüge, sondern auch für das Milieugefüge. Auch hier bilden sich innerhalb der sozialen Milieus neue Facetten heraus, das Milieugefüge der Jugendlichen wird ebenfalls feingliedriger und differenzierter (vgl. Vester, v. Oertzen, Geiling, Hermann & Müller 2001).
Ein weiteres zentrales Kennzeichen, das Reflexiv-Werden moderner Gesellschaften charakterisiert Beck als die »zweite, reflexive Moderne«15. Sie bezieht sich auf die Existenz der aus der »ersten Moderne« hervorgegangenen Risiken bzw. Nebenfolgen und auf den kritischen Umgang mit diesen. Die sich aus der ersten Moderne ergebenden Nebenfolgen haben eine Reflexion der ersten Moderne erzwungen (aber auch ermöglicht!) und insofern zu einer grundlegenden Veränderung geführt:
»Wenn einfache Modernisierung erstens die Auflösung und zweitens die Ablösung traditionaler durch industrielle Gesellschaftsformen meint, meint reflexive Modernisierung erstens die Auflösung und zweitens die Ablösung industrieller Gesellschaftsformen durch andere Modernen« (Beck 1996a, S. 39; kursiv i. Orig.).
In Bezug auf das Reflexiv-Werden spielen Jugendliche eine wichtige Rolle. Schon aus biologischen Gründen sind sie stärker als Erwachsene am Erhalt der Lebensbedingungen interessiert, die jedoch angesichts der »ersten«, industriellen Moderne in Gefahr geraten sind.
Die Bedeutung des Reflexiv-Werdens der Gesellschaft für Jugendliche zeigt sich vor allem bei der Zunahme der politischen Partizipation Jugendlicher. Nicht-staatliche und nicht-ökonomische Zusammenschlüsse auf freiwilliger Basis, soziale und vor allem politische Partizipation spielen bei der Bewältigung der Lebenslagen von Jugendlichen bzw. bei der Entwicklung von Jugendkulturen eine zunehmende Rolle.
Beide Aspekte, die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionssysteme und das Reflexiv-Werden der Gesellschaft sind bedeutsam für die Ausformung von Lebenslagen und Lebensstilen, respektive solche der Jugendlichen.
Die Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften und das Reflexiv-Werden der Gesellschaft sind eng verwoben mit den zunehmenden Prozessen der Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung, die auch erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Lebenslagen und -stile von Jugendlichen haben.
4.1 Individualisierung
Die Ausdifferenzierung und das Reflexiv-Werden moderner Gesellschaften sind eng mit der Individualisierung verbunden.
Die Individualisierung kennzeichnet sich durch folgende Prozesse und Entwicklungen: ein Abbau von Fremd- und eine Zunahme von Selbstbestimmung, eine Lockerung familiärer Bindungen, eine Anhebung des Bildungsniveaus und des verfügbaren Einkommens für die gesamte Bevölkerung, eine verbesserte und unabhängigere Lage der Frauen, die Verrechtlichung von Arbeitsbeziehungen, ein Mehr an Freizeit, neue Technologien, der Ausbau des Sozialstaats16, verbesserte Wohnverhältnisse, eine zunehmende Mobilität und ein Bedeutungsverlust der Religiosität. Mit diesen Prozessen ist eine Änderung des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft und eine generelle Aufwertung der Bedeutung des Individuums, eine Subjektzentrierung verbunden. Die Produktion neuer Beziehungen, Traditionen und Verhaltensmuster beruht auf Selbstverantwortung und Selbststeuerung bzw. auf Selbst-Organisation und Selbst-Politik, wie Beck (1997b, S. 184ff.) betont17. Begleitet werden diese Veränderungen von einer immer stärker voranschreitenden Ausdifferenzierung und Spezialisierung gesellschaftlicher Subsysteme (Luhmann)18, einer Zunahme bürokratischer Verfahren und einer Rationalisierung der zur Verfügung stehenden Zeit. Die individuell ausgestaltete Terminierung des Alltags führt langfristig gesehen weg von so genannten »Normalbiografien« hin zu individuell konstruierten Biografien, zu so genannten »Bastelmentalitäten« (vgl. Gross 1985).
Das Phänomen der Individualisierung beeinflusst die Lebenslage aller Individuen bzw. aller Altersgruppen, eben auch die Situation der Jugendlichen. Die Individualisierung schlägt sich nieder in einer Verlängerung der Altersphasen und einer Verinselung, Intimisierung und zunehmenden Organisation von Kindheit und Jugendphase, in der Kontakte zu Gleichaltrigen in einem immer stärkeren Maße durch vertikale Kontakte zu Älteren und reale Kontakte immer mehr durch virtuelle Kontakte in Form der neuen sozialen Medien ersetzt werden. Wissenschaftler*innen sprachen schon früh von einer »Entstrukturierung« oder »Destandardisierung« der Jugendphase (Olk 1985), von einer »individualisierten Jugendbiografie« (Fuchs 1983) oder einer »Entgrenzung der Jugendphase« (Schröer 2004; Krisch & Schröer 2020). Gemeint ist damit, dass die Jugendphase immer mehr einem »Moratorium« und immer weniger einer »Transition« (vgl. Reinders 2003) entspricht. Die klassischen Übergänge von Kindheit zu Jugend und von Jugend zur Adoleszenz werden aufgebrochen. Der erste Übergang erfolgt heute durch die frühere Geschlechtsreife schon in jüngerem Alter, der zweite Übergang wird durch den späteren Eintritt in die Berufsausbildung (und somit auch die Bildung einer Familie) deutlich hinausgezögert. Die Phase der Jugend wird damit insgesamt zeitlich ausgeweitet. Mit der Individualisierung der Jugendphase ist eine Zunahme an Chancen, aber auch an potenzieller Risikobelastung verbunden. Jugendliche sind bezüglich Berufs- und Partner*innenwahl sowohl mit neuen Möglichkeiten als auch mit neuen Entscheidungszwängen konfrontiert. Ferchhoff (2008, S. 108) spricht in diesem Zusammenhang von einem »kulturellen Supermarkt für Sinnangebote aller Art«.
Die Individualisierung ist in mehrfacher Hinsicht ein ambivalenter Prozess für die Jugendlichen:
• Erstens impliziert der Prozess sowohl einen Auf- als auch einen Ablösungs- oder besser Herstellungsaspekt. Der Auflösungsaspekt bezieht sich vor allem auf Traditionsbestände, die in modernen Industriegesellschaften einen elementaren Wandel erfahren haben. Unmittelbar damit verbunden ist ein produktiver Aspekt, d. h., es entstehen neue Traditionen, die von nun an Gültigkeit beanspruchen19. Die Ablösung alter durch neue Formen gesellschaftlicher Inklusion stellt nicht nur eine Bedrohung für Jugendliche dar (vgl. Beck 1997a, S. 32). Im Grunde genommen ist sie auch eine Chance, denn die neue Vergesellschaftungsform berücksichtigt einen höheren Grad an Individualität, Selbstverantwortung und an Freiwilligkeit, zumindest was den sozialen und kulturellen Bereich anbelangt. Jugendliche sind besonders stark vertreten, wenn es darum geht, alte Traditionsbestände infrage zu stellen. Freiwilligkeit und Selbstverantwortung werden von Jugendlichen gerade in demokratischen Gesellschaften besonders geschätzt. Diese Form der Ent-Traditionalisierung kann somit einerseits zu neuen Freiheiten und sozialen Beziehungen, andererseits aber auch zur sozialen Exklusion und somit zu einer ernstzunehmenden Gefahr für Jugendliche führen.
• Zweitens ist die Individualisierung auch eine neue Standardisierung. Die freiwillige Wahl sozialer Beziehungen und Traditionen hat nämlich einen ›Pferdefuß‹, sie basiert auf neuen Standardisierungen wie dem Zwang zur Wahl, zur individuellen Rechtfertigung und zur persönlichen Übernahme der mit dieser Wahl verbundenen Risiken20. Alle möglichen Krisen des Lebens sind von nun an mit einer individuellen Verantwortung behaftet, d. h. mangelnder schulischer Erfolg, Ausbildungs- und Arbeitsplatzverlust, Verschuldung, Drogenprobleme oder gar Obdachlosigkeit, alle diese Ereignisse werden als »Schicksalsschläge« interpretiert bzw. als einem individuellen Versagen geschuldet. Deutlich wird hier die Ambivalenz dieses Prozesses: Den vielfältigen, aber dennoch standardisierten Optionen und Entscheidungsmöglichkeiten wohnen zahlreiche Risiken inne, die Sicherheit und Verlässlichkeit reduzieren können. Solche Risiken bekommen Jugendliche besonders zu spüren, wenn es um den Wechsel von Statuspassagen (z. B. beim Übergang von der Schule zum Beruf) geht. Probleme werden dann häufig als individuelles Versagen interpretiert, das wiederum zu einer Auslösung oder Verstärkung von Lebenskrisen beitragen kann.
Die Individualisierung hat zudem Einfluss auf das soziale und politische Engagement der Jugendlichen. Aber auch hier gibt es ambivalente Auswirkungen in mehrfacher Hinsicht:
• Erstens können zunehmende Bildung, mehr freie Zeit und ein allgemein höheres, zur Verfügung stehendes Einkommen soziales und politisches Engagement fördern bzw. dazu beitragen, das Interesse für politische Zusammenhänge und die Bereitschaft zur Mit-Gestaltung der politischen Öffentlichkeit zu erhöhen. Die Tatsache, dass soziale und politische Partizipation einen Ersatz für verlorengegangene soziale Bindungen bieten, ist als positiver Effekt der Individualisierung zu betrachten. Denn wenn der Halt nicht mehr in der Familie gesucht und gefunden wird, dann bietet das soziale und politische Engagement Jugendlichen die Möglichkeit, diese Sicherheit in alternativen Netzwerken zu finden. Allerdings lassen sich auch negative Effekte der Individualisierung in Bezug auf dieses Engagement finden. Durch die Individualisierung möglicher Misserfolge in Bildung, Ausbildung und Arbeitssuche kann die Bereitschaft, sich politisch zu engagieren, möglicherweise auch eingeschränkt werden. Wenn die Wahl und die Rechtfertigung für diese Wahl immer mehr zu einem rein individuellen Akt werden, dann fühlen sich Jugendliche bei Versagen und Misslingen des eingeschlagenen Weges automatisch der Selbstverschuldung angeklagt. Gesellschaftlich bedingtes Scheitern muss dann von den Jugendlichen individuell verarbeitet werden. Diese Selbstverantwortung kann sogar so weit führen, dass strukturell bedingte Gefahren individuell zugerechnet werden (vgl. Heitmeyer, Mansel & Olk 2012, S. 10). Auch Creydt (1989, S. 116f.) stellt schon fest, dass »die objektive Dehumanisierung von sozialen Systemen subjektiv als Inkompetenz realisiert« wird, da die »Legitimation (…) so nah an die Individuen herangerückt [ist, M. O.], dass in dieser Interpenetration von Individuum und gesellschaftlicher Struktur letztere zu nahe am Individuum ist, als dass es die Kompetenz besäße, auf seine Wirklichkeit gestaltend Einfluß zu nehmen«.
Auf individuelles Versagen folgen in diesem Fall statt sozialem und politischem Engagement eher Resignation und Apathie, ggf. auch der Glaube an Verschwörungen und ein Rückzug ins Private.
• Zweitens ist mit der Individualisierung der Themen und des Engagements eine starke Standardisierung bzw. Institutionalisierung der Öffentlichkeit verbunden. Politische Öffentlichkeit wird heute immer öfter durch hochinstitutionalisierte und kommodifizierte Bewegungsorganisationen realisiert. Verdeutlichen lässt sich die Institutionalisierung des Engagements an Organisationen wie Amnesty International oder Greenpeace, die bei Jugendlichen ein weitaus hohes Ansehen genießen als politische Parteien oder Politiker*innen. Diese Standardisierung kann sowohl zu einer verbesserten Legitimation des Engagements als auch zu einer Vergleichgültigung (vgl. Ritter 1997) gegenüber der Politik beitragen. Aufgrund der Institutionalisierung schwankt politische Öffentlichkeit heute zunehmend zwischen Akzeptanz und Gleichgültigkeit. Vergleichgültigung kann ebenfalls politisches Desinteresse, Apathie, Resignation und den Rückzug in individuell genutzte Medien bewirken, der häufig mit Isolation und einer Reduktion realer sozialer Kontakte verbunden ist.
4.2 Pluralisierung
Die Pluralisierung bezieht sich vor allem auf eine Vervielfältigung der Formen sozialer Beziehungen und Lebensformen. Sie ist zunächst eng verbunden mit einer Veränderung des Geschlechterverhältnisses. Die Aufteilung entlohnter (Erwerbsarbeit) und nicht-entlohnter Arbeit (Haushalt, Kindererziehung) ist nicht mehr automatisch geregelt, sondern bedarf – insbesondere wenn Kinder vorhanden sind – immer öfter und meist lebenslang andauernder Aushandlungsprozesse zwischen Frau und Mann. Wer von beiden lohnabhängig arbeitet, entscheidet sich heute immer öfter nach Ausbildungsgang und Karrierechancen auf dem Arbeitsmarkt21. Jedenfalls ist die Verteilung von nicht entlohnter und Erwerbsarbeit nicht mehr automatisch nach der Geschlechtszugehörigkeit geregelt. Die Pluralisierung der Beziehungsformen findet sowohl innerhalb einer einzelnen Biografie (Längsschnitt) als auch in Bezug auf verschiedene, gleichzeitig vorhandene Biografien (Querschnitt) statt. Innerhalb einer Biografie kann eine Person je nach Lebensabschnitt nacheinander verschiedene Beziehungsformen durchleben und jederzeit wieder wechseln. Der bislang ›normale‹ Verlauf einer Biografie vom Single zur Ehepartnerin bzw. bis zum Ehepartner über Mutter oder Vater bis zur Rentnerin bzw. bis zum Rentner (häufig wieder Single) wird einerseits ergänzt durch zahlreiche andere Kombinationen (ewig Single oder vielleicht verheiratet, dann geschieden, später wieder verheiratet etc.), andererseits durch völlig andere Formen sozialer Beziehungen (in nicht-ehelicher Lebensgemeinschaft lebend, aber doch mit Kindern, oder als Single mit Kindern etc.). Parallel dazu gibt es im Querschnitt gleichzeitig zahlreiche verschiedene Lebensstile und soziale Milieus. Jugendliche versuchen, sich innerhalb dieser sozialen Milieus zu verorten und eine Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu zu entwickeln. Dies geschieht über die Aneignung eines bestimmten Lebensstils, dessen Charakter dem der Angehörigen des sozialen Milieus entspricht.
Die Pluralisierung der Beziehungsformen und die Pluralisierung der Lebensstile haben – vergleichbar mit der Individualisierung – ebenfalls ambivalente Auswirkungen:
• Erstens verstärkt die Pluralisierung einerseits die Auflösung tradierter sozialer Beziehungsformen und Lebensstile, andererseits ermöglicht sie die Herstellung neuer, alternativer sozialer Beziehungsformen und Lebensstile. Während tradierte soziale Beziehungsformen wie die Familie oder die Ehe und überlieferte Lebensstile wie der bürgerliche oder der proletarische Lebensstil an Bedeutung abnehmen, nimmt gleichzeitig der Stellenwert neuer sozialer Beziehungsformen zu. Insbesondere bei Jugendlichen findet die Bedeutung neuer Beziehungsformen und neuer Lebensstile immer mehr Beachtung22. Mit der Pluralisierung sozialer Beziehungen und Lebensstile werden also einerseits neue Möglichkeiten und soziale Sicherheiten geschaffen, andererseits werden neue Konfliktfelder eröffnet. Auf der einen Seite bieten die neuen sozialen Beziehungsformen und Lebensstile vielen Jugendlichen eine echte Alternative zu den tradierten Formen. Sie sehen in den neuen Formen ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen eher befriedigt als in den tradierten. Die sich aus der Pluralisierung sozialer Beziehungen ergebende und bereits angedeutete Unvereinbarkeit zwischen Kindererziehung, Haushalt und Lohnarbeit bei einer Person (alleinerziehend) oder bei zwei voll berufstätigen Personen birgt auf der anderen Seite jedoch neue Konflikte. Eine automatische Aufgabenverteilung gibt es nicht mehr, die anstehenden Aufgaben müssen immer wieder neu ausgehandelt werden. Im Gegensatz zu älteren Generationen gehören diese Diskussionsprozesse für Jugendliche inzwischen zum Alltag, sie werden in den meisten Fällen bereits in ihren Herkunftsfamilien mit diesen Themen konfrontiert und schon früh daran gewöhnt, Zeiten des Arbeitens innerhalb und außerhalb der Wohnung mit den Partner*innen auszuhandeln.
• Zweitens impliziert die Pluralisierung eine Abnahme der Verlässlichkeit, die mit traditionellen sozialen Beziehungen verbunden war. Die Sicherheit, die in sozialen Beziehungsformen und Lebensstilen gesucht wird, ist deutlich geringer als vorher. Dies begünstigt wiederum den (raschen) Wechsel, ihre zeitliche Begrenzung bzw. Temporalität (vgl. hierzu Hörning, Ahrens & Gerhard 1996, S. 37). Freie Wahl und permanente Revidierbarkeit bzw. Labilität der sozialen Beziehungsformen und der Lebensstile kennzeichnen die Ambivalenz der Pluralisierung. Insbesondere Jugendliche neigen deshalb häufig dazu, verschiedene Lebensstile und Zugehörigkeiten zu sozialen Milieus zu testen und ggf. auch wieder zu ändern.
Die Pluralisierung sozialer Beziehungen und der Lebensstile wirkt sich – ebenfalls vergleichbar mit der Individualisierung – auch auf das politische Engagement der Jugendlichen aus:
• Erstens werden durch die Pluralisierung neue Themen (vermutlich langfristig) und neue Formen des Engagements in die politische Öffentlichkeit transportiert. Sie bieten Anlass für politische Diskussionen, an denen Gruppen mit sehr divergierenden Interessen beteiligt sind. Die Vielfalt der Themen ermöglicht Jugendlichen, die sich bisher politisch passiv verhalten haben, neue Anschlussmöglichkeiten zu Gruppen und Milieus. Mit der Pluralisierung der Themen und Protestformen ist jedoch eine Zersplitterung des sozialen und politischen Engagements verbunden, die gemeinsame Aktionen und die Bildung eines starken Gegengewichts zum politischen Establishment erschwert.
• Zweitens werden mit der Pluralisierung sozialer Beziehungen und Lebensstile auf der einen Seite zusätzliche Entfaltungsmöglichkeiten geschaffen. Manche Autor*innen attestieren den neuen, frei gewählten Beziehungsformen und Lebensstilen einen subversiven Charakter (vgl. z. B. Schwengel 1988, S. 178ff.). Die Wahl der Beziehungsform bzw. die Inszenierung des Lebensstils ermöglichen Emanzipation und Widerstand gegenüber problematischen gesellschaftlichen Entwicklungen. Beide, Wahl und Inszenierung, implizieren die Kompetenzen der Selbstorganisation, der Selbsttätigkeit und der Reflexion, allesamt emanzipatorische Prozesse insbesondere für Jugendliche. Selbst die daraus möglicherweise entstehenden Konflikte sind gemäß dieser Sichtweise eine Quelle der Inklusion23. Auf der anderen Seite ist die Pluralisierung sozialer Beziehungen und Lebensstile mit einer neuen Standardisierung verbunden. Das Neue wird auch hier schnell reglementiert und verwaltet. Die rechtliche Anerkennung homosexueller Ehen und die annähernde Gleichstellung nicht-ehelicher Gemeinschaften verdeutlichen diesen Trend der Institutionalisierung neuer sozialer Beziehungen und alternativer Lebensstile. Mit der Institutionalisierung und der rechtlichen Absicherung dieser neuen sozialen Beziehungsformen ist jedoch das Problem der Vergleichgültigung verbunden. Neben der »Politisierung der Lebensstile« (vgl. dazu allgemein Giddens 1991; vgl. kritisch dazu: Ritter 1997, S. 99ff., 205ff.) gibt es eine »Vergleichgültigung der Lebensstile«. Bisher als privat definierte Probleme in sozialen Beziehungen werden nun zwar der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich niemand mehr dafür interessiert. Die anfängliche Betroffenheit kann mit der Zeit in Routine umschlagen. Für viele Jugendliche sind die Errungenschaften Sozialer Bewegungen wie die Frauenbewegung oder die Homosexuellenbewegung zu ›Normalitäten‹ geworden.
In engem Zusammenhang mit der Pluralisierung der Lebensstile steht die Pluralisierung des sozialen und politischen Engagements. Auch sie beinhaltet ambivalente Züge. Die Öffentlichkeitsformen selbst haben sich vervielfältigt. Zu differenzieren ist vor allem zwischen einer unterhaltenden und einer kritischen, politischen Öffentlichkeit24. Die vor allem im Zuge der 1980er Jahre vollzogene Pluralisierung des Medienangebots führte zu einer Konkurrenz um Einschaltquoten, die das gesamte Medienangebot revolutionierte. Aufgrund der hohen Erfolgsraten der privaten Anbieter wurden die öffentlich-rechtlichen Programme immer mehr gezwungen, sowohl inhaltlich als auch methodisch ihre Konzepte zu überdenken bzw. sich darin den privaten Anbietern anzunähern. Heute sind es vor allem die sozialen Medien, die bei Jugendlichen Aufmerksamkeit erregen und von ihnen genutzt werden. Diese Vervielfältigung der Medienformen und vor allem die partiell erzwungene Orientierung der Medien an kommerziellen Gegebenheiten haben vor allem Auswirkungen auf die inhaltliche Gestaltung der Medien: Neben den sachlichen, informativen und kritischen Aspekten der Öffentlichkeit nimmt die Funktion der Unterhaltung einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Information und Unterhaltung verschmelzen immer öfter zu Infotainment und die sozialen Medien dominieren den Alltag der Jugendlichen immer stärker. Die Folge ist, dass selbst kritische Medien nicht mehr nur eine sachlich präsentierte Berichterstattung leisten, sondern immer mehr Gewicht auf den Unterhaltungswert von Politikvermittlung legen. Bei der neueren Entwicklung der Medien vom Fernsehen bis hin zu den Online-Diensten, die keine grundlegende neue Form der Kommunikation hervorbringen, sondern als eine verbesserte Form der Verteilung und Beschaffung von Informationen angesehen werden muss, ist es bisher unklar, ob sie diese Tendenz verstärken. Umstritten ist, ob sie einer kritischen Berichterstattung dienlich sind und dadurch der Etablierung demokratischer Verhältnisse Vorschub leisten oder ob ihnen mit Skepsis zu begegnen ist, da sie die zwischenmenschliche Kommunikation ersetzen, zur Anonymität beitragen und die Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. Berücksichtigt werden muss dabei jedoch, dass gerade die neuen Medien aufgrund ihrer Beschaffenheit als Verbindung von Sendungs- und Empfangsstation Aktivität und Kreativität der Jugendlichen auch durchaus fördern können.
Auch die neuen Techniken der Kommunikation und der Informationsvermittlung gedeihen vor dem Hintergrund einer ambivalenten Medienwirkung. Die Nachrichten- und Informationsflut der verschiedenen Formen der Öffentlichkeit bewirken sowohl eine weitere Steigerung der Möglichkeiten als auch der Risiken. Die Medien, aber auch die zahlreichen politischen Initiativen servieren den Individuen gleichzeitig ein Übermaß an interessanten und wertlosen Informationen. Damit fällt die Entscheidung zwischen Wert und Unwert immer schwerer, so dass die Apathie ein immer wichtiger werdender Schutz gegen die Informationsflut der Medien geworden ist. Die Pluralisierung der politischen Öffentlichkeit scheint deshalb die Weisung, nicht möglichst viele Informationen anzusammeln, sondern sich nur noch bestimmte Informationen anzueignen, immer wichtiger werden zu lassen. Aus dem Dickicht der Flut an Informationen die Tatsachen und wichtigen Informationen herauszufiltern, ist gerade für Jugendliche vor dem Hintergrund ihres Alters und ihrer Erfahrungen besonders schwierig. Neue Studien weisen nach, dass die Nutzung der neuen Medien durch Jugendliche stark von der Zugehörigkeit zu sozialen Schichten, Milieus und vom Bildungsstand abhängt (vgl. Wolfert & Leven 2019, S. 218).
Auch die Pluralisierung der Öffentlichkeit in Form der Digitalisierung und der Mannigfaltigkeit der Medieninhalte bewirken sowohl eine Steigerung der Möglichkeiten als auch zusätzliche Risiken für Jugendliche. Die Differenzierung zwischen interessanten und wertlosen Informationen fällt immer schwerer; Routine, Apathie und Vergleichgültigung werden zu einem wesentlichen Schutzmechanismus gegen das Übermaß an Informationen. Insbesondere für Jugendliche stellt der aktuelle Überfluss an Informationen, Halbwahrheiten und Fake News eine besondere Herausforderung dar. Die Bildung einer fundierten, kritischen und ausgewogenen Meinung und Selbstfindungs- und Identifikationsprozesse werden dadurch enorm erschwert.
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