Kitabı oku: «Klima Killer»

Das Buch
Der Klimaaktivist Volker Renz, Mitgeschäftsführer einer weltweit agierenden Umweltschutzorganisation, reicht eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe ein. Die Beschwerde richtet sich gegen die Bundesregierung, die nicht genügend unternimmt, um die bevorstehende Klimakatastrophe abzuwenden. Er sieht sein Leben und das aller Bundesbürger in Gefahr. Das Grundgesetz aber garantiert dessen Unversehrtheit. Auch werden Gesetze, die den Schutz der Umwelt und ihren Erhalt für künftige Generationen garantieren, durch den laschen Klimaschutz missachtet.
Eine Kammer des Bundesverfassungsgerichts hält die Beschwerde für zulässig und begründet. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.
Während die Klimaaktivisten in Sektlaune feiern, hecken Vertreter der Ölmultis einen teuflischen Plan aus.
Der Autor
Markus Palic, Jahrgang 1953, arbeitete nach dem Studium der elektrischen Energietechnik über drei Jahrzehnte in verschiedenen Bereichen und Positionen in der Energiebranche. Anfangs beim Badenwerk in Karlsruhe in der Leitungsplanung. Zuletzt als Geschäftsführer eines regionalen Energieversorgungsunternehmens. Gleichzeitig war er Lehrbeauftragter für das Fach „Energiewirtschaft in liberalisierten Energiemärkten“ an der Fachhochschule Aachen, Campus Jülich. Seit einem knappen Jahrzehnt lebt er wieder in Karlsruhe.
Nach zwei energiewirtschaftlichen Fachbüchern, zwei Kriminalromanen, die im Milieu der Energiewirtschaft spielen, und einem Schwarzwälder Historienkrimi, ist Klimakiller sein vierter Kriminalroman.
MARKUS PALIC
KLIMA KILLER
EIN UMWELTKRIMI

Die fiktive Handlung und die darin vorkommenden Unternehmen und Personen sind frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung mit existierenden Firmen sowie lebenden, realen Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.
© 2020 Lauinger Verlag, Karlsruhe
Projektmanagement, Lektorat: Miriam Bengert
Umschlaggestaltung, Bildbearbeitung, Satz & Layout: Sonia Lauinger
Korrektorat: Elisa Klausmann, Sarah Sigle
Titelfotos: © Klaus Eppele, www.bildidee.net,
und aus dem Buch »Karlsruhe – Kaleidoskop einer Stadt«, Bundesverfassungsgericht / Generalbundesanwaltschaft S. 19 und Umspannwerk bei Durlach / Rheinhafen-Dampfkraftwerk S. 44/45, Lauinger Verlag
Druck: ARKA, Polen
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes (auch Fotokopien, Mikroverfilmung und Übersetzung) ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt auch ausdrücklich für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen jeder Art und von jedem Betreiber.
ISBN: 978-3-7650-2153-4
Dieser Titel erscheint auch als E-Book:
ISBN: 978-3-7650-2154-1
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»Die reinste Form des Wahnsinns ist es,
alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen,
dass sich etwas ändert.«
Albert Einstein

INHALT
BÖSES ERWACHEN
VOR SIEBZEHN MONATEN
VOR SECHZEHN MONATEN
VOR VIERZEHN MONATEN
KONSORTIUM
AUSKUNDSCHAFTEN
KLIMA
RÜCKZUG
DROHUNG
ZWISCHENBERICHT
RIB-EYE
GEFAHR
UMZUG
SCHUTZ
IM HOTEL
BERATUNG
ZWISCHENFALL
EINWEIHUNG
DRUCK
BEVORMUNDUNG
VERWIRRUNG
ÄRGER
TRÜGERISCHE NACHRICHT
PROTESTE
GEHEIMES TREFFEN
ABZUG
TRÜFFELSPAGHETTI
BESINNUNG
AUFKLÄRUNG
ROSSOS VERMÄCHTNIS
FAHNDUNG
DATEN
VERHANDLUNG
DODGE
VERFOLGUNG
DOPPELMORAL
ENTFÜHRUNG
AUSSPRACHE
BEFREIUNG
ERKENNUNG
ENTDECKUNG
VERKÜNDUNG
EPILOG
DANKE
WEITERE BÜCHER VON MARKUS PALIC
BÖSES ERWACHEN
Als sie aufwachte, überkam sie eine heftige Übelkeit. Den beißenden Geruch des Betäubungsmittels spürte sie immer noch in der Nase. Eleonore Berger saß an Händen und Füßen gefesselt auf einem Stuhl in einem feuchten Sandsteingewölbekeller, in den fahles Licht durch vier schmale Kellerfenster hereinschimmerte. Ein Knebel steckte in ihrem Mund, der mit einem Klebstreifen an ihren Wangen befestigt war. Bloß nicht übergeben, dachte sie. Das könnte tödlich enden. Jetzt galt es, besonnen zu sein. Blitzschnell rekonstruierte sie, was geschehen sein musste. Sie erinnerte sich daran, wie die Außentür des Kellers mit einem Mal aufgesprungen war und sie daraufhin hastig mit dem Schlüssel am Schloss der Tür, die vom Keller in den Wohnraum führt, herumhantiert hatte, als sie von hinten ein kräftiger Arm umklammerte und ihr von einem üblen Geruch schwarz vor Augen geworden war. Danach: Filmriss.
Und jetzt dieser merkwürdige Keller, der muffig nach abgestandenen Spirituosen, nach Bier und kaltem Tabakrauch stank. Ein paar altmodische Kneipentische und unbequeme Holzstühle standen im Raum verteilt. In einer Ecke befand sich etwas, das saussah wie eine Bar mit Regalen an der Wand. Über dem Tresen hing eine Vitrine von der Decke, in der verschimmelte belegte Brötchen und Bretzeln lagen. Es war wohl eine verlassene Kneipe oder etwas Ähnliches. Dann erinnerte sie sich an das Telefonat mit Schätzle, der sie beruhigen wollte als sie realisierte hatte, dass sie im Begriff war entführt zu werden. Solche Dilettanten!
Von ihrem Peiniger war keine Spur. Er rechnete wohl nicht damit, dass sie so schnell wieder aufwachen würde.
Die Wand mit den Kellerfenstern grenzte an eine vielbefahrene Straße. Unentwegt donnerten schwere Lastwagen am Haus vorbei und verdunkelten den Raum für einige Augenblicke. Die Erschütterungen brachten die Gläser in den Wandregalen immer wieder leise zum Klirren. Hoffentlich gab es hier keine Mäuse oder gar Ratten, schoss es ihr durch den Kopf. Ein Wimmern entfuhr ihr, durch den Knebel in ihrem Mund.
Der Entführer hatte ihre Beine gefesselt, aber sie könnte sich mit dem Stuhl nach vorn beugen. Ihre Füße reichten bis zum Boden. Die Beine waren knapp unterhalb ihrer Knie mit breiten Kabelbindern am Stuhl festgezurrt. Ihre Hände hatte der Entführer hinten mit der Stuhllehne zusammengebunden. Der Strick schnitt ein und es schmerzte. Sie könnte hüpfen und sich im Raum bewegen. Aber was würde es nützen?
Dann fiel ihr Blick auf die Sandsteinmauer. Die raue Oberfläche der Steine. Daran könnte sie das Klebeband abschaben. Sie würde ihre Wangen dabei sicher verletzen. Das war aber allemal besser als das, was sie in ihrer Situation zu erwarten hatte.
Noch etwas benommen, aber fest entschlossen, beugte sie sich mit dem Stuhl leicht nach vorne. Der Gleichgewichtssinn spielte ihr einen Streich und sie wäre beinahe kopfüber gestürzt. Im letzten Augenblick ließ sie sich kraftvoll mit dem Stuhl zurückfallen. Mit einem lauten Krachen barst der Stuhl, und sie stürzte rücklings auf dessen Einzelteile. Das morsche Stück hatte die Aktion nicht überstanden und zerlegte sich unter der Wucht des Aufpralls. Der Rücken tat ihr höllisch weh. Das würde blaue Flecken geben.
Der gebrochene Teil der Lehne hatte so viel Spielraum gelassen, dass sie die Fesseln abstreifen konnte. Ihre Hände waren nun frei. Sie beugte ihren Oberkörper nach oben und winkelte die Beine an. Mit wenigen Handgriffen zog sie die Stuhlbeine aus den Beinfesseln und riss das widerspenstige Klebeband mit einem Ruck vom Mund. Das tat höllisch weh. Dann spuckte sie den Knebel aus und stand auf.
Das Smartphone. Sie betastete ihre Brust. Es war noch da. Was ein Glück, dachte sie, zog es unter ihrer Bluse hervor, wo sie es nach dem letzten Telefonat vor der Entführung von oben in den BH gesteckt hatte. Sie wählte die Nummer von Schätzle. Besetzt. Danach versuchte sie es bei ihrem Mann im Gericht.
»Was ist los, Eli?«, fragte er.
»Man hat mich entführt. Ich weiß nicht, wo ich bin. Lass die Polizei mein Handy orten. Und bitte beeil dich. Ich weiß nicht, wann der Entführer wiederkommt«, flüsterte sie mit zittriger Stimme und legte gleich wieder auf.
Eleonore lief dann zur Eingangstür, die einige Treppenstufen höher lag. Sie rüttelte einige Male an der verschlossenen Tür und gab schließlich auf.
Hinter dem Tresen sah sie die Umrisse einer weiteren Tür. Sie lief zu ihr und drückte die Klinke. Die Tür sprang auf. Dahinter lag ein fensterloser, düsterer Kellerraum mit Getränkevorräten. Sie tastete nach einem Lichtschalter und fand ihn neben der Tür. Eine trübe Funzel beleuchtete ihn kaum mehr als das Licht durch die offene Tür. Am anderen Ende der Kammer war eine weitere Tür. Doch diese ließ sich weder durch Drücken noch durch Ziehen öffnen. Sie saß nach wie vor in der Falle. Nur eine Chance gab es noch: In der Tür zum Lokal steckte ein Schlüssel. Sie verschloss die Tür, setzte sich im Vorratsraum auf eine Bierkiste und tippte auf ihrem Smartphone das Wiederholungssymbol für den letzten Anruf. Dann hob sie es ans Ohr und wartete. Kein Rufzeichen. Sie schaute auf das Display. Kein Netz.
Was sollte sie jetzt tun? Noch einmal in den Gastraum gehen und es dort versuchen? Oder lieber in der Vorratskammer bleiben und abwarten? Sie entschied sich dafür, in der Kammer abzuwarten, was geschehen würde. Wenn ihr Mann schnell gehandelt hatte, wäre die Ortung sicher erfolgreich, und die Polizei wäre in null Komma nichts da. Sie setzte sich erneut auf die Bierkiste und wartete. Und wartete. Die Minuten wurden zur Ewigkeit.
Dann hörte sie durch die verschlossene Tür, dass sich in der Gastwirtschaft etwas bewegte. Kalter Schweiß schoss ihr auf die Stirn und sie knipste den Lichtschalter vorsichtig aus. Sie fing an zu zittern. Er war wieder da.
»Das gibt’s doch nicht. Die kann doch nicht weg sein«, hörte sie eine laute Männerstimme schreien. Stühle und Tische wurden verrückt. Sobald er den kaputten Stuhl entdeckte, würde er sich einen Reim darauf machen, was passiert war. »Wo verdammt ist sie?« Sie konnte es so deutlich hören, als ob er neben ihr stünde. Dann hörte sie die Klinke der Tür zur Vorratskammer knacken. Jemand stemmte sich gegen sie. Aber sie gab nicht nach. Dann ein Stoß. Ein zweiter. Und noch einer, jetzt wuchtiger. Die Tür sprang auf und der große, breitschultrige Mann stand im Türrahmen. Er füllte ihn fast vollständig aus. Das trübe Licht im Hintergrund umstrahlte seine scherenschnittartige Silhouette wie durch eine Traumlinse. Sie starrte ihn einige Augenblicke lang an, konnte sein Gesicht aber nicht erkennen. Es musste der Mann sein, den sie mit ihrem Smartphone einige Stunden zuvor fotografiert hatte.
VOR SIEBZEHN MONATEN
»Das klappt niemals«, sagte Tina Engler zu ihrem Geschäftsführerkollegen Volker Renz und beäugte ihn mitleidvoll. Beide standen im Flur des Berliner Büros von Actis e. V., in dem die deutsche Sektion der weltweit agierenden Umweltschutzorganisation ihren Sitz hatte.
Engler erinnerte mit ihren gewellten dunklen Haaren, dem ovalen Gesicht und den großen hellen Augen an die junge Ingrid Bergmann. Sie trug einen enganliegenden Hosenanzug, der ihre makellose Figur betonte. An den Ohrläppchen baumelten übergroße Ohrringe aus dickem Golddraht, die eine verschlungene Acht darstellten. Das Zeichen für Unendlichkeit. Sie verantwortete in der Sektion das Ressort »Marketing«.
Renz verkörperte den Vollblutprofi für Kommunikation und leitete das Ressort »Öffentlichkeitsarbeit«. Im tadellos sitzenden Anzug hätte der gutaussehende, stets verschmitzt lächelnde Enddreißiger auch Vorstandsvorsitzender eines Dax-Unternehmens sein können.
»Wieso nicht? Warum traust du mir das nicht zu?«, fragte Renz gereizt.
»Weil die so etwas schon zigmal abgeschmettert haben, die stecken doch alle unter einer Decke. Du wirst es erleben«, erwiderte sie.
»Ich finde, es ist in jedem Fall einen neuen Versuch wert. Die öffentliche Meinung hat sich in den letzten Jahren geändert. Die Deutschen werden immer umweltbewusster. Bionahrung, Bioklamotten, Energiesparen, spritsparende Autos, Elektroautos, alles im Trend. Das kann die Richter nicht unbeeinflusst lassen. Ich werde es auf jeden Fall noch einmal versuchen.«
»Versteh mich nicht falsch«, lenkte sie ein, »ich unterstütze dich, wo immer ich kann. Ich glaube nur nicht, dass die in Karlsruhe jemals umfallen.«
»Was meinst du mit umfallen? Das sind doch keine Politiker, die sich kaufen lassen. Oder glaubst du das etwa?« Renz runzelte die Stirn.
»Lass uns doch lieber militanter werden, damit die Bevölkerung endlich aufwacht«, provozierte Engler, ohne auf seine Frage einzugehen.
»Das bringt nur Ärger. Noch nie ist die Bevölkerung aufgewacht, wenn eine Gruppe militant wurde. Gleichgültig, für welche edlen Ziele sie kämpfte. Dafür gibt es dutzende von Beispielen aus der Vergangenheit. Du kannst gefühltes Unrecht nicht mit objektivem Unrecht bekämpfen. Wir müssen es so versuchen, müssen sie mit den eigenen Waffen schlagen«, desillusionierte Renz sie.
Nach einer kurzen Pause, in der sie sich nachdenklich ansahen, dann in Renz’ Büro schlenderten und sich am ovalen Besprechungstisch in Replikas von Charles-Eames-Chairs hineinfallen ließen, fuhr er fort.
»Ich habe mich mit den Emissionszahlen von Treibhausgasen in den letzten Jahren ausführlich beschäftigt«, sagte er bedächtig und wippte mit seiner Lehne nach hinten.
»Das Umweltministerium veröffentlicht sie jährlich auf’s Neue, mit überschäumendem Enthusiasmus.«
»Ja und?«, fragte sie.
»Nix und. Oberflächlich betrachtet sieht es gut aus. Der Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen ging in Deutschland von 1,2 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalenten im Referenzjahr 1990 auf etwas über 900 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr zurück. Diese Statistik kennst du sicher. Möchtest du einen Kaffee?« Renz deutete auf das andere Ende des Besprechungstisches, auf dem eine Pumpkanne aus Edelstahl und einige bunte Tassen standen.
»Ja gerne. Das ist ein gutes Viertel weniger, was willst du also?«, fragte sie lakonisch, nachdem sie den Anteil von Kohlendioxid überschlagen hatte.
»Ich würde diese Fuzzis vom Ministerium am liebsten lynchen«, sagte Renz, während er zur Kaffeekanne ging und zwei Tassen füllte. Für sie schwarz, für sich mit Milch.
»Warum? Das klingt ziemlich unlogisch.«
»Da ist nichts unlogisch«, räusperte sich Renz, stellte die Tassen vor ihnen ab, setzte sich und fuhr gereizt fort.
»Zwischen dem Jahr der Wiedervereinigung und 2010 sanken die Emissionen. Das war aber nicht das Verdienst der Politiker, wie sie es gerne verkaufen! Und wenn doch, dann auf eine ganz und gar unbeabsichtigte Weise. Das verdanken wir einzig und allein dem dramatischen Zusammenbruch der Industrie in den neuen Bundesländern mit ihren ineffizienten Produktionsanlagen. Und seitdem liegt der Ausstoß bei uns Jahr für Jahr ziemlich stabil bei über 900 Millionen Tonnen. Obwohl der Anteil regenerativ erzeugter Energien ständig zunimmt.«
»Gut, bisher ist das alles nicht wirklich neu für mich.«
»Natürlich nicht. Neu ist vielleicht, dass die Senkungsziele, die sich die Bundesregierung gesetzt hat, so niemals erreicht werden.«
»Und wieso nicht?«
»Bist du so naiv oder willst du mich provozieren?«
»Tu doch mal so, als wollte ich dich provozieren«, sagte sie und lächelte ihn an.
Durch die offene Tür lugte der Kopf von Erich Hardt in Renz’ Büro. Ein Vorstandsmitglied der Organisation. Er hielt sich gerade in Berlin auf und erledigte seine Post, die sich in den Zeiten ansammelte, in denen er seinem Hauptjob als Geschäftsführer einer Firma für biologische Tiernahrung nachging. Blondgelockt, groß und sportlich mit einem Faible für klassische Musik, summte er ständig populäre Opernmelodien vor sich hin.
»Was habt ihr da Interessantes?«, warf er in die Runde, nachdem er zuvor einem Teil der Unterhaltung auf dem Flur gelauscht hatte.
»Volker will es wieder einmal versuchen«, sagte sie in Richtung Tür.
»Was will er versuchen?«
»Er will sich mal wieder beschweren.«
»Bei wem? Über was?«, wollte Hardt wissen und stand nach wenigen Schritten und mit einem neugierigen Gesichtsausdruck mitten in Volkers Büro.
»Ich bereite gerade eine Verfassungsbeschwerde gegen die Klimakiller vor«, offenbarte Renz und drehte sich energisch zu Hardt um.
»Klimakiller? Wie meinst du das?«
»Der Treibhausgasausstoß bedroht unser aller Unversehrtheit. Die Verursacher und diejenigen, die nichts dagegen tun, sind Klimakiller. Oder wie würdest du sie bezeichnen?«
»Ja, ja, das klingt plausibel, aber wo ist da der Zusammenhang zu unserer Unversehrtheit?«
»Ganz einfach. Der Ausstoß führt nachweislich zu Wetterextremen wie Hitzewellen und Starkregen. Stürme werden stärker. Langanhaltende Hitzeperioden gefährden die Trinkwasserversorgung und die Landwirtschaft. Starkregen führt vermehrt zu gefährlichen Erdrutschen und Überschwemmungen. Heftigere Stürme erhöhen das Risiko, dass mir ein Baum auf den Kopf fällt. Also gefährden sie nicht nur meine und unser aller Unversehrtheit, sondern viel schlimmer: unsere Existenz. Es gibt nur wenige Idioten, die den Zusammenhang zwischen dem Ausstoß von Treibhausgasen und dem Klimawandel bestreiten«, redete sich Renz in Rage.
»Ist ja gut, beruhige dich. Wir stehen auf deiner Seite und unterstützen dich.«
Hardt senkte den Kopf und rieb sich nachdenklich die Stirn. »Haben wir das nicht vor einiger Zeit schon einmal versucht?«
»Doch, klar. Aber ohne Erfolg.«
»Und jetzt denkst du, dass wir, oder besser du, Erfolg haben werden?«, fragte Hardt.
»Das weiß ich nicht, werde es aber versuchen. Es kostet nichts, und wir können nur gewinnen.« »Dir liegt viel daran, nicht wahr?«
»Sehr viel. Ich möchte, dass diese ganze arrogante Bande von Luftverpestern endlich zu Kreuze kriecht. Das möchte ich!«
»Dann mal viel Glück«, wünschte Hardt und schickte sich an, das Büro zu verlassen. Im Türrahmen drehte er sich noch einmal um und schaute zu den beiden zurück.
»Sollten wir die Beschwerde nicht besser als Organisation einreichen?«
»Das geht nicht«, erwiderte Renz, »das Grundgesetz ist auf den Schutz von Jedermann abgestellt. Die Beschwerde einer Organisation könnte als unzulässig abgewiesen werden. Es wäre zu riskant.«
»Okay, dann macht das so«, sagte Hardt und verschwand aus der offenen Tür.
Renz’ Telefon läutete. Er stand auf, ging zu seinem Schreibtisch und hob ab, während er sich mit einem Hohlkreuz auf die Schreibtischkante setzte.
»Renz.« Pause.
Er schaute an die Decke, als ob er dort etwas lesen könnte. Dann senkte er seinen Kopf und schaute auf seinen aktenbeladenen Schreibtisch.
»Danke, das klingt nicht gut«, sagte er nachdenklich, »zu den Details melde ich mich kommende Woche.« Danach beendete er das Gespräch und setzte sich erneut an den Besprechungstisch, nahm seine Tasse und schlürfte daran. Er sah besorgt aus.
»Hast du die Senkungsziele, zu denen sich die Bundesregierung verpflichtet hat, in deine Betrachtung einbezogen?«, knüpfte Engler an die Unterhaltung zuvor an.
»Und ob«, zischte Renz. »Ziele, die man einfach so vereinbart, ohne sie erfüllen zu wollen. Oder besser: ohne sie erfüllen zu können.«
»Wie kommst du darauf?«, fragte sie und lächelte, um ihn aufzuheitern. Der Versuch misslang.
»Machen wir uns nichts vor. Sie versprechen Senkungsziele, für deren Einhaltung sie keine wirklich wirksamen Gesetze machen, damit sie auch eingehalten werden können. Das sind alles nur Fensterreden. Und fadenscheinige Ausreden, wenn die Ziele dann nicht erreicht werden.« Er verdrehte die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wie soll das auch gehen?«, fuhr er fort.
»Wie meinst du das?«
»In den vergangenen acht Jahren blieben die Emissionen mit leichten Schwankungen mehr oder weniger auf dem gleichen Niveau. Bei über 900 Millionen Tonnen! Begründung: Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum. Bis 2020 sollten sie auf 750 Millionen Tonnen sinken? Einfach so? Das sind 150 Millionen Tonnen weniger. Kannst du mir erklären, wie das ohne knallharte Maßnahmen gehen sollte?«
»Sie haben aber doch versprochen, die Klimaschutzziele von Paris einzuhalten«, wandte sie ein.
»Wenn du mich fragst, hat es mit dem ›Versprochen‹ eine andere Bewandtnis. Sie haben sich versprochen, als sie die Ziele festlegten. Das ist doch alles wischiwaschi, unverbindlich«, Renz wurde energisch, und Röte stieg in sein glattrasiertes Gesicht. »Ich möchte nicht wissen, wie viel Tonnen an Treibhausgasen mit dem alljährlichen, immer monströseren Wanderzirkus von Klimakonferenzen verballert werden. Und das, ohne auch nur einen kleinen Schritt voranzukommen«, setzte er nach.

Dann klingelte das Mobilteil des Telefons, das er, nach dem beendeten Telefonat zuvor, mitgebracht und neben sich auf den Besprechungstisch abgelegt hatte. Er hob es ans Ohr und hörte einige Augenblicke aufmerksam zu.
»Zum Teufel, nein«, schrie er in das anthrazitfarbene Gerät und beendete das Gespräch.
VOR SECHZEHN MONATEN
»Das könnte zu einem heißen Eisen werden«, sinnierte die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Bundesverfassungsgericht in Gesellschaft ihrer drei Kollegen, nachdem sie den Inhalt der Verfassungsbeschwerde ausführlich studiert und das Wesentliche herausgearbeitet hatte. Sie reichte ihnen Kopien. Alle vier waren Erich Berger, einem der Richter des ersten Senats am Bundesverfassungsgericht, zugeordnet. Der Geschäftsverteilung nach fiel ihm unter anderem der Bereich »Umweltrecht« zu.
Anne Winter war eine rational denkende Juristin, die beide juristischen Examina vor Kurzen mit Bravour bestanden hatte und danach mit einem Thema zum Völkerrecht promoviert wurde. Die blonde Enddreißigerin war die Vorzeige- und Quotenfrau des Quartetts, das Berger beriet.
Das männliche Trio bestand aus einem erfahrenen Kollegen, der kurz vor seiner Pensionierung stand, und zwei jüngeren Juristen, die wegen ihrer Aufenthalte an unterschiedlichen juristischen Lehrstühlen für Staatsrecht und anschließenden Tätigkeiten an mehreren Gerichten als ausgewiesene Experten für die Themen galten, die Berger als Berichterstatter vertrat. Wer zum höchsten deutschen Gericht abgeordnet wurde und sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter seinen Wert bewies, hatte danach in der ganzen Republik in den Justizverwaltungen glänzende Aufstiegschancen. Dass ein Jurist als wissenschaftlicher Mitarbeiter sein Berufsleben in dieser Institution beendet, war dagegen eine große Ausnahme.
Die vier saßen in schöner Regelmäßigkeit zwanglos im kleinen, lichtdurchfluteten Aufenthaltsraum des Gerichtsgebäudes an einem der wenigen Tische und diskutierten die eingereichten Verfassungsbeschwerden. An diesem Tag schien endlich wieder die Sonne, und Sommergefühle erwachten. Die Magnolien-Blüten waren längst verblüht und die Blätter lagen verstreut auf dem kurzgeschnittenen Parkrasen. In den zahllosen Blumenrabatten, die den Schlossgarten durchzogen, konkurrierten nun die Sommerblumen um die Wette.
Der Job der wissenschaftlichen Mitarbeiter bestand darin, zu beurteilen, ob die eingereichten Beschwerden zulässig waren oder nicht, bevor sie die Anträge mit ihren Stellungnahmen den zuständigen Verfassungsrichtern zur Entscheidung vorlegten. Unzulässige und offensichtlich unbegründete Beschwerden waren sehr beliebt, weil nach deren Ablehnung keine Arbeit mehr damit verbunden war. Und das betraf mehr als 97 Prozent der eingereichten Beschwerden. Auch wenn einer abgelehnten Entscheidung ein umfangreiches Votum vorausging, so zog sie keine weitere Bearbeitung mehr nach sich. Das erleichterte die Arbeit enorm. Aus den Augen, aus dem Sinn. Eine nicht zur Entscheidung angenommene Beschwerde hatte keine Chance, in der einen oder anderen Weise beschieden zu werden. Beschwerdeführer, deren Existenz von einer abgelehnten Beschwerde bedroht war, hatten nur noch die Möglichkeit aus dem Geltungsbereich des Deutschen Grundgesetzes auszuwandern. Das Bundesverfassungsgericht traf hier die letzte Entscheidung. Weitere Instanzen: Fehlanzeige.
Das Quartett traf stets eine Vorauswahl und empfahl dem Verfassungsrichter, dem es zuarbeitete, sie nach Prüfung der Anträge zur Entscheidung anzunehmen oder, wenn sie keine grundsätzliche verfassungsrechtliche Bedeutung hatten, abzuweisen. Die endgültigen Entscheidungen über die Annahme trafen die Richter in Kammern. Eine Kammer bestand aus drei Verfassungsrichtern. Die acht Richter eines Senats verteilten sich auf drei Kammern. Ein Richter fungierte gleichzeitig in zwei Kammern. Bei wichtigen Fragen entschied der gesamte Senat per Mehrheitsbeschluss. Bei einem Patt galt die Beschwerde als abgewiesen.
»Wie kommst du darauf?«, fragte der ältere Kollege. Winter hob das Schriftstück seitlich, mit der Vorderseite zu den drei Kollegen hoch und führte die Kugelschreiberspitze mit einem Seitenblick an der Textpassage entlang, die den Kern der Beschwerde enthielt. Sie las die Passage vor. Der Text endete mit einer Aufforderung.
… der Bundesregierung aufzugeben, Maßnahmen anzuordnen, die gewährleisten, dass der deutsche Beitrag für das im Pariser Abkommen vorgegebene Zwei-Grad-Celcius-Ziel der globalen Klimaerwärmung durch eine wirksame Reduzierung von Treibhausgasemissionen in allen emittierenden Sektoren sicher erreicht wird.
Die Beschwerde richtete sich also gegen die Bundesregierung, die angeblich nichts Wirksames zur Eindämmung von Treibhausgasemissionen unternahm, welche Ursachen des Klimawandels seien. Nach Ansicht des Beschwerdeführers Volker Renz, einem bekannten und eloquenten Mitglied der Actis-Geschäftsführung, verstieß sie gleich gegen zwei Artikel des Grundgesetzes: Artikel 2, Absatz 2 und gegen Artikel 20a in Gänze.
Artikel 2 garantiert das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Der Mitte der 90er Jahre im Zuge der Modernisierung des Grundgesetzes aufgenommene Artikel 20a verpflichtet den Staat, die natürlichen Lebensgrundlagen nicht nur für die derzeit lebenden Bundesbürgerinnen und -bürger, sondern auch in Verantwortung für künftige Generationen zu schützen.
Beides, so der Aktivist, würde ohne wirksame Gesetzgebung zur Reduzierung des Treibhausgasausstoßes nicht erreicht. Die aktuellen gesetzlichen Instrumentarien seien unzureichend und untauglich, um die körperliche Unversehrtheit vor den Folgen des drohenden Klimawandels zu schützen. Ganz zu schweigen vom Schutz der Lebensgrundlagen für künftige Generationen. Diese würden sukzessiv zerstört werden. Die in schöner Regelmäßigkeit mit einem irrsinnigen Aufwand an Menschen und Material veranstalteten Klimaschutzkonferenzen endeten mit Zielvorgaben, die ganz offensichtlich keines der Unterzeichnerländer einzuhalten gewillt sei. Zahnlose Regelwerke! Das, was vor gut einem Vierteljahrhundert mit den allerbesten Vorsätzen zum Klimaschutz in Rio begann, habe überhaupt nichts gebracht. Statt, wie dort vereinbart, zu sinken, stiegen die Treibhausgasemissionen weltweit von Jahr zu Jahr und gefährdeten die Lebensgrundlagen für Mensch und Tier.
»Du hast recht, das ist ein ziemlich heißes Eisen«, bestätigte einer der jüngeren Kollegen, nachdem er gemeinsam mit den anderen den Text überflogen hatte.
»Allerdings«, führte er weiter aus, »handelt es sich bei Artikel 20a um ein Staatsziel. Darauf lässt sich keine Beschwerde eines Bürgers stützen.«
»Das ist richtig. Die Kombination klingt aber sehr plausibel«, ergänzte Anne Winter. »Denkt ihr, die Annahme wäre dennoch gerechtfertigt?«, fragte sie in die Runde.
»Das will gut überlegt sein«, meinte der ältere Kollege.
»Der Antragsteller stützt sich auf eine Argumentation, die wir schon mehrfach diskutiert haben. Aber so plausibel habe ich sie bisher weder gehört noch gesehen«, meinte einer der Jüngeren.
»Aha, und was ist da jetzt so plausibel? Was haben wir bisher noch nicht durchschaut?«, wollte Winter wissen.
»Bislang gab es nichts zu durchschauen. Hier wird jetzt ein Zusammenhang zwischen Treibhausgasemissionen und der Gefahr für Leib und Leben der Menschen hergeleitet. Das Grundgesetz garantiert aber deren Unversehrtheit. Das hat uns bisher noch niemand so schlüssig vorgelegt. Ließe sich zweifelsfrei nachweisen, dass die Zunahme von Treibhausgasen in der Atmosphäre eine Lebensgefahr für auch nur einen Bürger der Bundesrepublik darstellt, müssten wir handeln. Zumindest wäre die Beschwerde nicht so einfach aus der Welt zu schaffen«, führte der Jüngere weiter aus.
»Zu dem Thema gibt es«, wandte der Ältere ein, »soweit ich das überblicken kann, unterschiedliche Auffassungen. Es gibt Experten, die den Hype um den Klimawandel kritisch sehen.«
»Du zählst den amerikanischen Präsidenten jetzt aber nicht zu den Experten, oder?«, lächelte der Jüngere.
»Nein, den meine ich nicht. Es gibt auch einige renommierte Wissenschaftler, die es bezweifeln. Zum Beispiel ein Nobelpreisträger für Physik, der es für Mumpitz hält.«
»Wer soll das sein?«, hakte der Jüngere nach.
»Den Namen habe ich mir nicht gemerkt. Irgendwas mit Gifer, oder so.«
»Du meinst sicher Ivar Giaever, der hatte in den 70ern den Nobelpreis für Physik bekommen, für etwas mit Supraleitung. Keine Ahnung, was das bedeutet. Jedenfalls hatte das Thema nichts mit dem Klima zu tun. Es versteht nicht jeder Physiker von allem etwas«, meinte Winter.
»Das mag schon sein«, erwiderte der ältere Kollege, »aber die Argumentation klang, soweit ich mich erinnere, irgendwie plausibel. Die Änderung der Durchschnittstemperatur sei nicht signifikant, hatte er gemeint. Es ginge tatsächlich um etwas wie null Komma irgendwas Grad Celsius Erwärmung seit der Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Also falsch klang das nicht.«
»Wer sagt dir, dass der nicht von Lobbyisten gekauft wurde?«, fragte der Jüngere.
»Das erinnert mich an die frühen 70er, als der Club of Rome seinen Bericht zu den Grenzen des Wachstums veröffentlichte. Mit viel Enthusiasmus und mit noch mehr Sorge haben wir den Bericht damals verschlungen. Bei ungemindert fortgesetztem Ressourcenverzehr, hieß es da, hätten wir in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts alle Ressourcen aufgebraucht. Alles von renommierten Wissenschaftlern prognostiziert. Und was ist passiert? Nix! Den Raubbau haben wir beschleunigt und leben so gut wie noch nie zuvor. Also bitte: Vorsicht! Die Ausführungen von diesem Physiker klangen jedenfalls sehr authentisch. Ich glaube nicht, dass den jemand gekauft hat. Auf YouTube habe ich mir neulich ein sehr interessantes Video dazu angesehen, das war für mich ziemlich überzeugend«, sagte der ältere Kollege und sah den jüngeren provozierend an. »Wer sagt dir, dass es bei der Gegenseite keine gekauften Lobbyisten gibt?«, setzte der Ältere nach.
»Welche Lobbyisten denn?«
»Na, die von den Umweltaktivisten bezahlt werden.«
»Was soll das jetzt?«, erregte sich der Jüngere. »Du weißt doch ganz genau, dass die Umweltaktivisten klamm sind. Sie können sich keine Lobbyisten leisten. Sie sind die Lobby!«
»Die Protagonisten des Klimawandels und die Leugner trennt eine tiefe Kluft, das habe ich auch schon recherchiert«, platzte Winter in die Diskussion.
»Leugner klingt ja immer gleich wie Holocaust-Leugner. Das ist sehr negativ besetzt. Vielleicht sollten wir uns auf Kritiker verständigen. Das ist sauberer«, warf der Ältere ein.
»Okay«, sagte Winter genervt, »es gibt offenbar zwei gegensätzliche Meinungen. Das können wir bis zur Götterdämmerung weiterdiskutieren, ohne dass etwas Vernünftiges dabei herauskommt. Ich denke, es macht keinen Sinn, hier an dem Thema, ohne den nötigen Sachverstand, weiter zu arbeiten. Die Beschwerde sollten wir zur Annahme empfehlen und uns in der mündlichen Verhandlung anhören, was wirklich Sache ist.«
Ohne Vorwarnung stand Erich Berger am Tisch, zu dem er sich lautlos hingeschlichen hatte, um seine Crew zu überraschen.
»Na, kommen Sie voran?«, fragte er mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck.
»Wir haben die Beschwerden der letzten Tage durchgearbeitet und fanden eigentlich nur eine, bei der wir meinen, dass sie angenommen werden sollte. Die anderen sind mehr oder weniger substanzlos.«
»Gut«, sagte Berger zu Winter, »bringen Sie bitte alle gleich in mein Büro.«
Die Runde löste sich auf und Winter folgte Berger durch die gläsernen Flure in dessen Büro. Sie legte ihm den Stapel ihrer untersuchten Eingaben auf den Tisch. Obenauf lag der Fall: Verfassungsbeschwerde Renz.
»Danke, Frau Winter, gute Arbeit wie immer«, sagte Berger und nickte anerkennend, nachdem er die Akte von ihr angenommen und überflogen hatte. Im Eiltempo las er den entscheidenden Schlusssatz.
»Sie empfehlen die Beschwerde anzunehmen?«, meinte er und lächelte.
»Ja, ich denke, das müssen wir«, sagte sie.
»Gut, wir werden es morgen in der Kammer beraten.«
VOR VIERZEHN MONATEN
Zu unvorsichtig drehte Renz die Drahtschlinge auf, die den Korken in den Flaschenhals der Champangerflasche presste. Der Korken knallte heraus wie ein Geschoss und hinterließ an der Schallschutzdecke eine Delle, bevor er von einer der Wände abgelenkt auf den Boden seines Büros donnerte und wie ein aufgezogenes Spielzeugauto zwischen den Beinen der Anwesenden weiterfegte. Der edle Perlwein quoll schäumend aus der Flaschenöffnung. Eilig schoben sich Sektgläser darunter.
Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Renz’ Abteilung versammelten sich in seinem Büro, um die Annahme der Beschwerde in Karlsruhe gemeinsam mit seiner Geschäftsführerkollegin Engler und einem der Vorstände zu begießen. War eine Beschwerde erst einmal angenommen, war schlagartig alles offen. Die Freude war groß.
»Wenn ich ganz ehrlich bin, hätte ich darauf gewettet, dass die Karlsruher deine Beschwerde wie Gift behandeln«, zeigte sich Hardt überrascht.
»Wir sind noch lange nicht am Ziel«, relativierte Renz.
»Na hör mal«, fuhr Hardt in Feierlaune fort. »Wenn die in Karlsruhe sich schon mal die Köpfe zerbrechen, dann ist das die halbe Miete.«
»Ja, da hast du wohl recht«, meinte Renz und nippte lustlos an seinem Glas.
Renz kämpfte gerade an mehreren Fronten. Seine Frau hatte ihn verlassen und verlangte ohne Vorwarnung die Scheidung. Und was ihn noch viel schlimmer traf: Sie beanspruchte das alleinige Sorgerecht für die beiden Kinder. Renz schien wie paralysiert und versuchte dennoch fröhlich zu wirken. Engler prostete ihm zu und stellte sich neben ihn.
»Was ist los mit dir, du siehst nicht gerade glücklich aus?«, flüsterte sie ihm zu.
»Lass uns nach nebenan gehen«, sagte er und deutete auf die Tür zu seinem Sekretariat.
»Das kannst du jetzt nicht machen, sie sind wegen dir hier. Das käme nicht gut an«, antwortet sie und lehnte sich an die Fensterbank.
»Okay, dann nachher«, sagte er und wandte sich mit einem gezwungenen Lächeln seinem Team zu. Sie mochten ihn und unterstützten ihn bei seinen Aktivitäten. Sie begleiteten ihn auch gerne zu den Demonstrationen. Er hatte immer wieder spektakuläre Aktionen ideenreich ausgetüftelt, die die Aufmerksamkeit der Presse und der Öffentlichkeit stets auf die Organisation und ihre Ziele lenkten.
Dass das Bundesverfassungsgericht die Beschwerde zur Entscheidung annahm, kam für die meisten überraschend, obwohl sie es sich sehr gewünscht hatten. Umso stolzer waren sie auf ihren Chef.
Der hingegen sah aus wie ein Häufchen Elend. Viele wussten, was los war, aber sie sprachen nicht darüber. Jedenfalls nicht in seiner Gegenwart. Und schon gar nicht mit ihm.
Nach dem Umtrunk und dem üblichen Tratsch gingen alle wieder in ihre Büros. Lediglich Engler stand mit ihrem leeren Glas lässig an die Fensterbank gelehnt und wartete, bis die Letzten das Büro verlassen hatten.
»So, jetzt aber! Was ist los mit dir?«
»Du weißt ja sicher, dass es bei uns zuhause nicht zum Besten steht«, sagte Renz, und seine Augen wurden glasig.
»Nein, das wusste ich nicht. Aber das kommt sicher wieder ins Lot«, tröstete sie ihn.
»Leider nein. Es sieht nicht so aus.«
»Ist es ’was Ernstes?«
»So könnte man es nennen«, fuhr er fort. »Anne ist vergangene Woche ausgezogen. Sie hat tagsüber, während ich hier war, einen Umzugswagen kommen lassen und die Hälfte der Möbel mitgenommen. Die Kinder natürlich auch. In dem Brief, den sie zurückließ, schrieb sie, dass sie es nicht mehr länger mit mir aushalten könne. Ich sei ständig unterwegs und würde sie und die Kinder nur schlafend sehen. Dann könne sie auch gleich woanders leben. Sie will die Scheidung und die Kinder.«
»Weißt du denn, wohin sie gezogen ist?«
»Ich nehme an zu ihrer Mutter. Sie hat ein großes Haus am Wannsee. Weißt du, Anne kommt aus begüterten Verhältnissen. Seit dem Tod ihres Vaters haust ihre Mutter in dem viel zu großen Haus und fühlt sich von Gott und der Welt im Stich gelassen. Ich bin nicht sicher, ob das nicht der eigentliche Grund für die Probleme zwischen Anne und mir ist. Meine Schwiegermutter hat Anne in der Vergangenheit immer wieder mit Wünschen und Forderungen unter Druck gesetzt. Betreutes Wohnen oder ein Altenheim kamen für sie nicht infrage. Wenn es jemand auch nur erwähnte, drehte sie sofort durch. Da hat sie lieber uns terrorisiert.«
»Das wusste ich nicht. Das ist …, das ist ja fürchterlich.«
»Da ist noch was«, sagte er und schaute ihr in die Augen.
»Mach’s nicht spannend.«
»Anne ist schwanger.«
»Dann wird ja doch alles wieder gut.«
»Das glaube ich eher nicht.«
»Wieso nicht?«, fragte sie neugierig.
»Das Kind ist nicht von mir.«
»Oh! Weißt du von wem?«
»Nein. Dass sie schwanger ist, weiß ich auch erst seit gestern. Ich habe zigmal versucht sie auf ihrem Handy anzurufen. Gestern hat sie dann endlich abgenommen. Bei der Gelegenheit erzählte sie es mir. Nicht aber, von wem sie schwanger ist und wo sie sich mit den Kindern einquartiert hat. Selbst nach den vielen Jahren Ehe haben wir uns geliebt. Jedenfalls dachte ich das. Wäre da nicht diese Hexe von Schwiegermutter, hätte uns sehr wahrscheinlich nichts und niemand auseinanderbringen können. Meine Arbeit war ihr wegen den Arbeitszeiten zwar von Anfang an ein Dorn im Auge, sie fand aber die Ziele, die wir verfolgen, immer gut und unterstützte sie auch.«

»Was machst du jetzt?«, fragte Engler und fasste ihn an beiden Händen. Er senkte den Kopf und räusperte sich.
»Ich habe keine Ahnung, wie es ausgeht. Ich werde mich hier reinhängen, so gut ich kann. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Ich habe mehr Zeit für die Arbeit und vor allem: Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn es mal später wird.« Sie ließ seine Hände los und sah ihn besorgt an.
KONSORTIUM
In der Hamburger Zentrale der Mineralölgesellschaft WELL Deutschland herrschte, ebenso wie in vielen anderen Chefbüros von Unternehmen, die mit dem Verkauf von fossilen Energieträgern ihr Geld verdienten, Nervosität und Ratlosigkeit. WELL stand schließlich für GUT, also für gute Erdölprodukte. Das hatte eine lange Tradition.
Den Verantwortlichen in den Führungsetagen wurde nun mehr und mehr bewusst, welche katastrophalen Folgen ein positiver Richterspruch in Karlsruhe für die Zukunft ihrer Unternehmen hätte. Die Annahme der Beschwerde verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Auf Twitter und Co. explosionsartig. Die meisten Medien triumphierten nach dem Motto: Endlich passiert da was. Endlich geht es den Ölmultis an den Kragen. Die Stimmen der Klima-Skeptiker, die man nach Kräften unterstützt hatte, verloren offenbar an Wirkung. Allein die Bezeichnung »Leugner«, wie sie in der Presse zunehmend diffamiert wurden, signalisierte allerhöchstes Ungemach.
Mit Sorgenfalten auf der Stirn malten sich die Öl- und Erdgasmanager der multinationalen Konzerne aus, welche Signalwirkung eine Bestätigung der Verfassungsbeschwerde über die Grenzen Deutschlands hinaus haben würde. Wenn Deutschland mal wieder als Musterknabe voranginge, kämen andere Länder sicher bald hinterher.
Mit großem Eifer rechneten die Spezialisten der Unternehmen aus, wie sehr die Belegschaften schrumpfen müssten, wenn in ihrem Sektor die im Pariser Abkommen angepeilte CO2-Reduktion gesetzlich vorgeschrieben würde. Und bei Nichterreichen der Senkungsziele drohten dann womöglich ruinöse Sanktionen. Eine CO2-Steuer, wie sie jüngst im Klimapaket der Bundesregierung angepeilt wurde, wäre da noch das kleinere Übel. Die könnte man einpreisen. Aber eine Begrenzung, eine Quote oder womöglich ein Stopp, das wäre eine Katastrophe. Das konnte man auf keinen Fall zulassen.
Allein in der Mineralölindustrie wären zigtausende Mitarbeiter davon betroffen. Hochrechnungen mit drohenden Massenentlassungen schüchterten bisher immer noch ein. Politik und Bevölkerung. Diese Keule hatte stets gewirkt. Aber, würde sie es diesmal auch?
Nur die Stromerzeugung, auf deren Konto mehr als ein Drittel der Emissionen in Deutschland ging, träfe es noch härter. Die Kohleförderer und -verstromer waren in der Vergangenheit aber immer wieder auf die Füße gefallen. So war es bei der Steinkohle und so würde es sicher auch bei der Braunkohle sein. Immer hochpolitisch. Wenn es zu dem vieldiskutierten Kohleausstieg käme, würde man den Unternehmen das Geld aus Berlin vorn und hinten reinstecken. Und den Strukturwandel in den betroffenen Regionen wahrscheinlich mit zig Milliarden fördern. Die Mineralölbranche dagegen musste sich immer selbst helfen. Das würde sich nie ändern.
Ohne miteinander zu sprechen, hatten nun alle in der Branche das dringende Bedürfnis in dieser Angelegenheit enger zusammenzuarbeiten, um das Schlimmste abzuwenden. Die Gefahr einte die sonst gegeneinander kämpfenden Konkurrenten. Die Lobbyarbeit in den Parlamenten und in Regierungskreisen, die sie schon seit Jahrzehnten gemeinsam betrieben, hatte immer sehr gut funktioniert. Dort waren sie vereint, ohne sich gegenseitig in die Karten schauen zu lassen. Das war gut so. Deshalb blieb die Gesetzgebung bisher auch so unverbindlich. Aber Karlsruhe war eine andere Nummer. Unkalkulierbar. Die galten als unbestechlich. Dort gab es keine Lobbyisten. Bisher jedenfalls.
»Vielleicht wäre das ein Ansatzpunkt, den man neben der verstärkten Lobbyarbeit in Berlin weiterspinnen müsste. Sozusagen ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln«, sagte der WELL-Geschäftsführer Theodor Zenker und lehnte sich in seinen gepolsterten Chefsessel zurück. Der promovierte Chemiker, Anfang fünfzig, meist in einem gutsitzenden Zweireiher, hatte den Chefsessel erst vor wenigen Monaten erklommen. Weit gereist hatte er das Unternehmen in der ganzen Welt vertreten. Überall Eindrücke gesammelt. Das sollte sich jetzt auszahlen. Den politischen Trend zur Verringerung der Treibhausgase hatte er verinnerlicht, und zu seinem Amtsantritt auch als Ziel für die Arbeit in seiner Ölgesellschaft propagiert. Allerdings hatte er keine Antwort auf die Frage, die er sich selbst immer wieder stellte: Wie sollte das zusammen gehen? Das prosperierende Geschäft mit fossiler Energie und die Reduktion von Treibhausgasen. Nichts war widersprüchlicher. Nichts verrückter. Im tiefsten Inneren überwog schließlich die existentielle Einsicht: Wess’ Brot ich ess’, dess’ Lied ich sing.
»So etwas haben wir zwar noch nie gemacht, aber die Lage war auch noch nie so ernst. Sie war noch nie so bedrohlich«, sagte er zu seinen beiden engsten Mitarbeitern.
»Wie meinen Sie das?«, fragte sein Assistent. Anton Waldner saß neben dem Verantwortlichen für die Unternehmensentwicklung vor dem monströsen Schreibtisch seines Chefs in einem der bequemen Gästesessel. Beide smart, mit Buttondown-Hemden aus nachhaltiger Produktion und in dunklen Designeranzügen.
»Wir müssen uns irgendwie Zugang zum Verfassungsgericht in Karlsruhe verschaffen. Und zwar schnell!«
»Aber wieso denn?«, fragte Waldner.
»Das glaube ich jetzt nicht«, schnauzte ihn Zenker an, »Sie werden doch mitbekommen haben, dass das Verfassungsgericht über die Beschwerde von Actis zu den Treibhausgasemissionen entscheiden wird.«
»Nein, ich war letzte Woche im Urlaub, und du?«, fragte er, während er seinen Kopf zu seinem Nebensitzer drehte.
»Natürlich«, entgegnete der Unternehmensentwickler, »aber wo ist das Problem?«
»Ja, geht’s noch?«, erregte sich Zenker.
»Der eine weiß nichts davon und der andere hält es für harmlos. Wo bin ich denn hier? Ist Ihnen nicht klar, was auf dem Spiel steht? Die Autobauer spielen verrückt und wollen nur noch Elektroautos bauen. Die Neubauten brauchen kaum noch Energie. Das Bisschen erledigen sie elektrisch. Altbauten werden im großen Stil energetisch saniert. Für den kläglichen Rest wird der Anteil der Regenerativen par ordre du mufti ständig erhöht. Und jetzt auch noch das! Wenn es so weitergeht, können wir den ganzen Sprit im Boden lassen. Das sollten Sie sich klar machen.«
»Ich halte das nicht für harmlos«, verteidigte sich der Unternehmensentwickler, »ich kann mir nur nicht vorstellen, dass die Beschwerde durchkommt.«
»Bei vorstellen können wir es diesmal nicht belassen. Wir müssen es sicherstellen! Verstehen Sie, wir müssen dafür sorgen, dass die Richter die Beschwerde auf den Mond schießen. Ich habe keine Lust, den Laden hier dicht zu machen.« »Halten Sie das wirklich für möglich? Das Verfassungsgericht hat der Regierung beim Klimaschutz in ähnlichen Fällen immer einen großen Spielraum gelassen. Schließlich tut sie auch einiges.«
»Was denn?«, provozierte Zenker.
»Eine ganze Reihe von Regelungen und Gesetzen zur Luftreinhaltung und Vorgaben für Schallemissionen. Das Bundesimmissionsschutzgesetz allein ist eine Schwarte mit über 70 Paragrafen. Und sie basteln eifrig an einem ganzen Klimapaket. Dann die Euro-Normen bei Autos …« Zenker unterbrach ihn.
»Das ist alles bekannt. Offenbar führt es aber nicht zu der gewünschten Verringerung beim Ausstoß von Treibhausgasen. Die Senkungsziele, die zuletzt in Paris vereinbart wurden, lassen sich auf diese Weise mit Sicherheit nicht erreichen.« Er blickte beide nachdenklich an.
»Allein, dass sie die Beschwerde angenommen haben, könnte eine Zeitenwende signalisieren. Eine positive Entscheidung wäre fatal! Das müssen wir um jeden Preis verhindern.«
»Wie stellen Sie sich das vor?«, fragte der Assistent.
»Wie gesagt, wir müssen uns Zugang zum Verfassungsgericht verschaffen. Besser noch zu den Richtern. Wir müssen sie auf unsere Seite ziehen.«
»Wie bitte sollen wir das anstellen? Von Karlsruhe weiß ich nur, dass es irgendwo in Süddeutschland liegt.«
»Ich denke, dass wir uns dort auch gar nicht sehen lassen sollten. Das wäre vielleicht zu auffällig. Es reicht, wenn wir zur mündlichen Verhandlung aufkreuzen. Wenn es denn zu einer kommt.«
»Wie könnten die Richter dann beeinflusst werden?«, wollte der Unternehmensentwickler wissen.
»Im Süden Europas gibt es einige Organisationen, die auf so etwas spezialisiert sind. Die italienische Ölgesellschaft hat zu ihnen sicher gute Kontakte. Das werde ich ausloten.« »Sie meinen aber doch nicht die Mafia?«, fragten beide erschrocken.
»Ich würde sie nicht so bezeichnen. Es sind einfach nur Organisationen, die sich auf Einflussnahme verstehen. Mehr nicht.«
AUSKUNDSCHAFTEN
Er schlenderte scheinbar gedankenverloren vom Karlsruher Schlossplatz aus in westlicher Richtung. Die jungen Bäume, die den Fußweg beidseitig säumten, begannen damit, ihr buntes Herbstkleid überzuziehen und verloren die ersten Blätter. Die welkenden Blumen auf den verstreut platzierten Beeten im benachbarten Park verströmten einen dumpfen Blumenduft. Auf der angrenzenden Straße fuhren immer wieder Autos aus einer Unterführung unter dem Schlossplatz herauf und bogen in einer scharfen Kurve nach links ab.
Ein Achtzylinder, dessen Auspuffanlage manipuliert zu sein schien, näherte sich röhrend, als wolle er die Schallmauer durchbrechen. Reflexartig steckte er seine rechte Hand unter das Jackett und drehte sich blitzschnell zu der Krawallkiste um. Der schwarze Pick-up schoss an ihm vorbei und bog, wie die anderen vor ihm, nach links ab. Ein Karlsruher Kennzeichen. Ein Einheimischer. Also wohl keine Gefahr.
Antonio Rosso hatte seine Kindheit in Hückelhoven verbracht, einem Provinznest am linken Niederrhein. Sein Vater, ein gebürtiger Italiener aus Palermo, hatte Ende der 60er als Gastarbeiter bei der Zeche Sophia Jacoba als Bergmann angeheuert und es nach einigen Jahren zum Steiger gebracht.
Er würde in die Fußstapfen des Vaters treten, das war allen klar gewesen. Auch ihm. Unter Tage auf sich gestellt, verantwortungsvolle und harte Arbeit, bei guter Bezahlung. Und über Tage eine Familie mit einer geliebten Frau und Kindern, die zu ihm aufschauten. Jedenfalls hatte er das gedachte. Es kam anders.
Als Anfang der 90er Jahre der Beschluss zur Schließung der damals modernsten Steinkohlezeche Europas fiel, verließ Antonio kaum zwanzigjährig seine Eltern, die in Deutschland blieben. Er ließ sich in Süditalien, gegen ihren ausdrücklichen Willen, von der Organisation anwerben. Der Kontakt zu seinen Eltern brach ab. Er blieb unverheiratet und kinderlos. Als Spezialist für das Ausspähen und Auffinden von Personen war er in den letzten Jahren mehrfach in Deutschland unterwegs gewesen. Er sprach Deutsch mit einem leichten niederrheinischen Einschlag, als wäre es seine Muttersprache. Er nannte sich gern Ermittler. Allerdings auf der anderen Seite des Gesetzes.
Der Weg führte ihn weiter, vorbei an einem Gebäudekomplex mit auffallend großen Fenstern. Offenherzig zeigte sich das Areal im herbstlichbunten Schloga, wie viele Karlsruher ihren Schlossgarten liebevoll nannten. Den Ende der 60er Jahre errichteten Zweckbau auf der Schlosswiese, einen Steinwurf vom Schloss entfernt, schloss eine kniehoch an mächtigen Steinpollern befestigte Kette ab. Lediglich ein schmaler Durchlass war zu erkennen. Die großzügig befensterten Flachbauten mit einer amorphen Aluminiumfassade schienen ineinandergesteckt zu sein. Ein Polizei-Kombi parkte neben dem Eingang, und eine Frau in Uniform stand rauchend vor einem kleinen Pförtnerhäuschen mit einem Schlagbaum über der Zufahrt.
Zwischen der Einfahrt zu einer Tiefgarage und einem mehrgeschossigen, repräsentativen Bau führte ihn der Fußweg über einen Parkplatz weiter in Richtung Schlossgarten.
Mächtige Zweige einer uralten Hängebuche, die hinter einem Gitterzaun emporragte, bogen sich bedrohlich über den Weg und bildeten einen grünen Tunnel. Auf der anderen Seite des Durchlasses, im südwestlichen Bereich des Schlossgartens, kam eine Gruppe aus mehreren stattlichen historischen Gebäuden mit schräg verlaufenden Glaswänden und Glaskuppeln zum Vorschein. Hinter ihnen schimmerten exotische Pflanzen durch angelaufene Scheiben hindurch. Ungewöhnlich, dachte er. Die Baumgruppe umschloss ein mannshoher Gitterzaun. Und das Gerichtsgebäude? Das hatte weder einen Zaun noch sonst ein Hindernis, das überwunden werden musste. Konnte das wirklich das Verfassungsgericht sein? Transparent und jedwedem Angriff schutzlos ausgeliefert. Es wäre kinderleicht, einen Sprengsatz zu deponieren, der alles in Schutt und Asche legte. In Palermo, von wo aus sie ihn wegen seiner guten Deutschkenntnisse und natürlich, weil er ein kaltblütiger Profi war, zu dieser Aktion abkommandiert hatten, schützten die Paläste der Justizbehörden die höchsten und sichersten Zäune. Stacheldraht inklusive.
Hatte er sich verlaufen? Im Stadtplan, den er mitgenommen und kurz zuvor auf dem Schlossplatz wie ein Tourist mit freiem Blick auf die beeindruckende gelb-weiße Schlossfassade aufgefaltet und studiert hatte, sprang das mit einem gelben Marker hervorgehobene Gebäude förmlich aus dem Plan. Es musste das Gericht sein. Daran bestand kein Zweifel.
Dann fiel ihm auf, dass sich in wenigen Metern Abstand zur Rückfront über die Länge des gesamten Gebäudekomplexes ein befestigter Pfad durch den Bewuchs schlängelte, der einem Wildwechsel ähnelte. Daneben ein blaues Schild mit dem Piktogramm einer Überwachungskamera. Aha, da patrouillierten wahrscheinlich auch Sicherheitskräfte. Sicherheit also, auch ohne Zaun.
Der Auftrag lautete diesmal, das Gerichtsgebäude und seine Umgebung sorgfältig auszukundschaften. Dabei sollte er das Sicherheitssystem erkunden und notieren, welche Personen das Gebäude regelmäßig betraten oder verließen. Die Personen sollte er fotografieren. Anschließend musste er seinem Chef im nordrhein-westfälischen Basislager Bericht erstatten. Wer der Chef war, wusste er nicht. Und wo er genau saß, auch nicht. Das war branchenüblich. Damit schützte sich die Organisation. Wer nichts wusste, konnte selbst unter Folter nichts ausplaudern.
Für die Kommunikation nutzte er eine Mailadresse mit dem Namen »RuggeroX« und der nichtssagenden Endung gmx.de. Die fand er bei seiner Ankunft in Karlsruhe in einem Umschlag gemeinsam mit dem Stadtplan auf dem Tisch seines Zimmers im City-Hotel, in das er sich unter falschem Namen einquartiert hatte. Seine eigene, vermutlich gehackte Mailadresse hatte er vor Monaten von einem IT-Spezialisten der Organisation in seiner Heimatstadt zugesteckt bekommen. Im Internetcafé, unweit vom Hotel, hatte er sich den Auftrag heruntergeladen, durchgelesen, eingeprägt und gleich wieder gelöscht. So machte er es immer.
Nach wenigen Metern erreichte er einen Halbkreis aus weißen Bänken, die auf Natursteinpflaster um ein rundes Erdhäufchen herumstanden, in das sicher irgendwann noch ein Baum gepflanzt werden würde. Er setzte sich auf eine der Bänke und bestaunte die exotischen Bäume, unter denen er lediglich einen riesigen Mammutbaum bestimmen konnte. Im Vordergrund, vor einem begrünten Rondell, stand eine Linde, hinter der zwei Gärtner ein Rasenstück zu einem Beet umgruben. Weiter hinten ragte aus der Gebäudezeile ein von zwei Türmen flankierter riesiger Torbogen, der in den hinteren Teil des Schlossgartens führte.
Ein Stück weiter standen Tische und Stühle. Eine Außenbestuhlung? Ein Café? Bingo! Beim Näherkommen offenbarte sich tatsächlich ein Café, dessen Bestuhlung neben einem gigantischen Gefache aus Profileisen stand, das früher einmal ein Gewächshaus gewesen sein musste. Auf einem am Baustellenzaun angebrachten Banner stand: Botanischer Garten. Auf einem weiteren: Badische Weinstuben im Botanischen Garten, Café und Restaurant.
Eine junge Bedienung trällerte die Melodie eines aktuellen Songs, während sie die Tische abwusch und Speisekarten darauf kunstvoll drapierte. Keine Gäste. Also musste das Café gerade geöffnet worden sein.
»Einen Cappuccino bitte«, rief er ihr zu. Sie nickte und verschwand hinter der Eisenkonstruktion über eine stählerne Wendeltreppe in das Obergeschoss des langgezogenen Sandsteinbaus.
Von seinem Platz aus konnte er auf der gegenüberliegenden Seite die Rückfront des Gerichtsgebäudes durch den üppigen Bewuchs schemenhaft erkennen. Hinter den Fenstern saßen Menschen vor Bildschirmen. Sie lasen und schrieben. Die fröhliche Bedienung brachte den Cappuccino und stellte ihn vor Antonio auf den Tisch.
»Darf ich bitte gleich bezahlen?«, fragte er und lächelte ihr zu. »Irgendwann müssen Sie«, erwiderte sie und lächelte fröhlich zurück.
»Es macht zwei Euro achtzig.« Er streckte seine Hand vorsichtig in die rechte Innentasche seines Jacketts, ohne es sichtbar zu öffnen, und holte seine Geldbörse heraus. Er reichte ihr drei Euro.
»Stimmt so.« Daraufhin nahm sie das Geld, nickte lächelnd und ging zu den Tischen hinter ihm, um mit der Reinigungsprozedur fortzufahren.
Während er an seinem Cappuccino schlürfte, beobachtete er die Umgebung und überlegte. Von hier aus konnte er nichts ausspähen. Hier sah er hinter Bäumen, Büschen und Sträuchern, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gerichts ihrer Arbeit nachgingen. Er musste auf die andere Seite des Gebäudes und dort die Eingangsseite beobachten. Er trank aus, warf der Bedienung einen freundlichen Blick zu und lief in Richtung Schloss.
Doch noch ein Zaun. Kniehoch und wirkungslos trennte er den Spazierweg vom Areal des Gerichtsgebäudes. Den hätten sie auch weglassen können, dachte er und lief auf dem Spazierweg weiter, um an die Vorderseite zu gelangen. Hinter den steinernen Pollern, die er zuvor schon mit den dazwischen gespannten Eisenketten als unwirksamen Schutz erkannt hatte, lag eine Parkanlage mit weiteren exotischen Bäumen. Eine Gruppe Jugendlicher zwängte sich zwischen zwei Pollern, die auf dem Weg zum Eingang standen, hindurch. Ein Polizist stand regungslos daneben. Sie sahen aus wie eine Besuchergruppe. Offensichtlich konnte man als Besucher in das Innere des Gebäudes gelangen. Der Gedanke faszinierte ihn. Als die Gruppe durch den Eingang nach und nach das Gebäudeinnere erreichte, sah er hinter den großen Fensterscheiben einen Counter, an dem die Besucher anstanden und ihre Personalausweise vorzeigten. Danach ging es durch eine Sicherheitsschleuse weiter.
Das schied aus. Er konnte es nicht in Kauf nehmen, seinen gefälschten Ausweis zu zeigen. Noch schlimmer wäre die Sicherheitskontrolle. Wo in drei Teufels Namen sollte er seine Waffe verstecken?
Im Park entdeckte er mehrere Sitzgelegenheiten. Die Sitze aus Eisengerüsten, hölzernen Sitzflächen und Rückenlehnen standen unverrückbar auf Betonfundamenten. Er setzte sich auf einen der Sitze mit Blick auf die Frontfassade des Gerichts. Auch hier verhinderte der dichte Bewuchs einen freien Blick auf das Gebäude. Doch von der Stelle aus, an der er saß, konnte er den Eingang durch eine Lücke im Dickicht gut erkennen.
Wenige Meter entfernt stand mitten im Park ein großer runder Springbrunnen, an dem Kinder mit Förmchen und Eimerchen spielten. Sie balancierten auf der kniehohen Balustrade und sprangen abwechselnd in das seichte Becken und auf das Parkgelände. Immer wieder schrien Mütter und Väter laut auf, um die Kinder vor der einen oder anderen Gefahr zu warnen. Die Kinder scherten sich aber wenig um Warnungen. Das bunte Treiben ging ohne Unterbrechung weiter.
Er nahm die Kamera aus der etwas ausgebeulten Außentasche seines Jacketts und schaltete sie ein. Die NIKON Coolpix P1000 verfügte über einen unglaublichen Super-Zoom, so dass er aus großer Entfernung konturenscharfe Details einfangen konnte. Er richtete sie mit der größten Zoomeinstellung und höchsten Auflösung auf den Eingangsbereich des Gerichtsgebäudes und sah neugierig auf den kleinen Bildschirm. Immer wieder hielten dunkle Limousinen vor dem Eingang, aus denen gut gekleidete Damen und Herren ausstiegen und im Gerichtsgebäude verschwanden. Ebenso oft verließen andere das Gebäude. Nach einiger Zeit kamen auch die jugendlichen Besucher wieder aus dem Gebäude. Dummerweise konnte er nur diejenigen fotografieren, die aus dem Gebäude herauskamen. Die Hineingehenden sah er nur von hinten. Na ja, dachte er, alle, die hineingehen, müssen ja irgendwann auch wieder herauskommen. So saß er einige Zeit, peilte angestrengt den Eingangsbereich an und fotografierte, was ihm vor die Linse kam.
»Was tun Sie da?«, fragte jemand mit einer sonoren Stimme hinter ihm. Als er sich umdrehte, standen zwei Polizisten weniger als zwei Meter von ihm entfernt und musterten ihn mit angespannter Miene. Er stand langsam auf und drehte sich zu ihnen. Bei einem der beiden pendelte eine Maschinenpistole quer vor seiner Brust. Er hielt sie mit beiden Händen fest, mit dem Finger neben dem Abzug.
KLIMA
»Guten Morgen, meine Damen und Herren. Heute wollen wir uns etwas genauer mit den Auswirkungen von Treibhausgasemissionen auf das weltweite Klima befassen«, lautete die Begrüßung von Sebastian Engler.
Engler, Anfang fünfzig, war Professor für Klimatologie an der Potsdamer Universität. Die Vorlesungen aus der Reihe Klimawandel fanden in diesem Semester jeweils mittwochmorgens statt. Die Vorlesung an diesem Morgen war wie gewöhnlich gut besucht. Die Studentinnen und Studenten drängten sich bis in die oberen Ränge des Audimax.
»Wir beginnen mit der Veränderung der globalen Mitteltemperatur zwischen 1880 und 2017. Das ist der Zeitraum, in dem sich allein die Konzentration von CO2 in der Luft von circa 290 auf über 400 ppm erhöhte. 1880 habe ich deshalb gewählt, weil wir ab da über verlässliche globale Temperaturdaten verfügen. Wir können davon ausgehen, dass vor dieser Zeit die Emissionen von CO2 und dessen Aufnahme durch Pflanzen – wenn wir von den Anfängen der Kohlenutzung einmal absehen – nahezu ausgeglichen war. Man könnte sagen, es existierte bis dahin ein weitgehend nachhaltiges Wirtschaften ohne nennenswerten Einfluss auf das Klima.«
Das erste Chart, das der Beamer auf die weiße Wand über den abgesenkten Tafeln warf, enthielt einen waagerechten Strahl, auf dem die Jahreszahlen von 1880 bis 2017 abgetragen waren und nach oben und unten eine Skalierung in 0,2-Grad-Celsius-Schritten, die von -0,2 ganz unten bis +1,0 Grad ganz oben reichte. Darauf waren zwei gezackte Kurvenverläufe zu sehen. Die schwarze Kurve verlief über den gesamten Zeitraum unregelmäßig zwischen -0,2 und +0,2 Grad. Die rote zappelte bis in die 1950er Jahre in der Nähe der schwarzen mit, entfernte sich dann aber rasant nach oben und endete 2017 bei +1,0 Grad.
»So sähe es aus, wenn die Treibhausgasemissionen nicht zugenommen hätten.« Er folgte mit dem Pointer der unruhigen schwarzen Linie.
»Das bedeutet, wir hätten im gesamten Zeitraum keine signifikante Veränderung der globalen Temperatur wahrgenommen. In die Simulation sind übrigens alle bekannten klimarelevanten Ereignisse, wie Vulkanaktivitäten und Sonnenflecken, die es in dieser Zeit gab, eingeflossen.« Er machte eine kleine Atempause.
»Und hier«, er fuhr mit dem grünen Punkt des Pointers an der roten Kurve entlang, »sehen Sie den Verlauf der mittleren Temperatur, wie sie rund um den Globus gemessen und zu einer globalen Mitteltemperatur zusammengefasst wurde. Gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter liegen wir im Jahr 2017 schon bei einem Plus von etwa ein Grad. Ich halte das, im Gegensatz zu vielen Skeptikern, für äußerst signifikant.«
Ein Student in der zweiten Reihe zeigte auf.
»Ja, bitte?«
»Woher wissen wir, dass die Simulation, die Sie ohne anthropogene Einflüsse gemacht haben, korrekt ist? Vielleicht hätte sich das Klima auch so in der gleichen Weise verändert.«
»Gute Frage«, entgegnete Engler und klickte auf das nächste Chart der Präsentation.
In der gleichen Skalierung zeigte die Abbildung jetzt neben der roten Kurve eine neue blaue, die mit wenigen und sehr geringen Abweichungen der roten folgte.
»Die blaue Kurve zeigt hier die Simulation der globalen Temperaturentwicklung unter Einfluss des anthropogenen Treibhausgasausstoßes in dieser Zeit mit demselben Klimamodell. Das bedeutet, dass die Simulation mit großer Wahrscheinlichkeit gute Daten liefert. Wir haben festgestellt, dass der Temperaturanstieg aus der Simulation mit wenigen Ausnahmen sogar unter den gemessenen Werten liegt. Wir müssen davon ausgehen, dass es da verstärkende, oder besser, beschleunigende Effekte gibt, die wir noch nicht so genau kennen. Das bedeutet auch, dass sich die Klimaerwärmung schneller als bisher angenommen fortsetzen könnte. Wohlgemerkt: könnte.«
Er machte wieder eine kleine Pause und klickte zum nächsten Chart, das zwei Satellitenaufnahmen der Eisbedeckung vom arktischen Meer zeigte. Deutlich zu sehen waren eine Aufnahme links aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, die eine nahezu vollständige Bedeckung zeigte, und rechts eine weitere von 2013, die nur noch Eisfragmente erkennen ließ.
»Darüber können wir nicht diskutieren«, fuhr er fort, »das ist Fakt. Nahezu die Hälfte des Eises ist weg. Und das, meine Damen und Herren, ist äußerst klimarelevant. Selbst wenn wir, wie die Kritiker behaupten, nicht davon ausgehen sollten, dass der Vorgang durch Treibhausgase entstand, wofür wir sehr überzeugende Beweise haben, dann ist es doch Fakt. Von der NASA eindrucksvoll belegt. Das sind weiß Gott keine Fake News, die jemand bezweifeln könnte, der ernstgenommen werden will. Auch dann nicht, wenn er sich Präsident nennt.« Engler lächelte.
Eine Studentin in der vorderen Reihe hob die Hand.
»Ja, bitte.« Engler deutete auf sie.
»Ist das der Grund für den Anstieg des Meeresspiegels?«, wollte sie wissen.
»Ja und nein. Schwimmendes Eis, wie in der Arktis, erhöht beim Schmelzen den Meeresspiegel nicht, weil es exakt so viel Wasser verdrängt, wie nach dessen Schmelze entsteht. Nur geschmolzenes Festlandeis erhöht den Wasserspiegel direkt. Davon gibt es an anderen Stellen eine ganze Menge. Und was wir nicht vergessen dürfen ist die Wärmeausdehnung des Wassers bei der weltweiten Temperaturerhöhung.« Er zeigte mit dem Pointer auf die flache andere Hand.
»Das Eis ist kristallin und kann die einfallende Solarstrahlung wie ein Spiegel zu einem guten Teil ins All reflektieren. Das Meer ist dunkel, es absorbiert also die Wärmestrahlung größtenteils und erwärmt sich. Deshalb schmilzt mehr Eis, als sich in der kalten Jahreszeit nachbilden kann. Vergrößert sich die Meeresoberfläche, erwärmt es sich stärker und das Ganze fängt wieder von vorne an. So lange, bis das letzte Eis verschwindet«, sagte er und lief einige Schritte vom Katheder zu den Zuhörern.
Der Student aus der zweiten Reihe zeigte erneut auf.
»Was noch?«, fragte Engler.
»In Ihrem Manuskript zur Vorlesung steht, dass nicht ganz 0,04 Prozent der Atmosphäre aus CO2 besteht. Wie ist es möglich, dass so eine winzige Menge eine derartige Wirkung hat?«
»Es ist nachweislich passiert, also ist es möglich«, sagte er, lachte und stellte sich wieder zurück an sein Pult.
»Scherz beiseite. Seit 1824 wissen wir dank Fourier, dass es einen Zusammenhang zwischen Gasen in der Atmosphäre und den Temperaturen auf der Erde gibt.« Einige verdrehten die Augen.
»Aha, Sie scheinen sich zu erinnern«, sagte Engler mit einem spitzbübischen Lächeln.
»Das war genau der Fourier, mit dessen Analyse man Sie in der Mathematikvorlesung gequält hat. Er fand damals schon heraus, dass Verbrennungsgase die Wärmestrahlung der Sonne zwar passieren lassen, aber die von der Erde abgestrahlte Wärme zu einem Teil zurückhalten. Wäre das nicht so, hätten wir eine Durchschnittstemperatur von weniger als minus 18 Grad. Leben auf dem Planeten wäre ausgeschlossen. Umgekehrt führt die Anreicherung der Atmosphäre mit diesen Treibhausgasen zu ihrer weiteren Erwärmung. Zufrieden?« Der Student nickte.
Als Engler das nächste Chart mit einem Vergleich der Treibhausgas-Emissionen der Länder in der Welt als Tortendiagramm einblendete, bemerkte er, dass sich ein Mann um die fünfzig in einem dunklen Trenchcoat in die oberste Reihe des Hörsaals hineinquetschte. Der Mann lenkte Englers Aufmerksamkeit einige Augenblicke auf sich. Für gewöhnlich kamen Hörer in diesem Alter nicht zu seinen Vorlesungen. Hin und wieder kiebitzten Kollegen aus anderen Fakultäten, wenn er etwas Neues hatte. Aber die kannte er. Diesen Mann hatte er noch nie gesehen.
Während er mit seinem Pointer auf der Projektion unkonzentriert umherzeigte, öffnete sich die Tür neben den Tafeln. Seine Assistentin Mazzoti kam herein, ging zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr.
»Ein Anruf für dich.«
»Das passt jetzt aber gar nicht«, sagte er leise, während er das Head-Set-Mikrofon mit der Hand verdeckte.
»Es ist ein Anruf aus Karlsruhe. Die Dame sagte, es sei sehr wichtig.« Sie hielt ihm einen Zettel hin.
»Okay, dann übernimm du das bitte«, erwiderte er und legte den Pointer aufs Katheder.
»Frau Dr. Mazzotti wird die Vorlesung fortsetzen«, sagte er ans Auditorium gerichtet, zog umständlich das Head-Set über seinen Kopf und drückte es ihr zusammen mit dem kleinen Sender in die Hand. Aus der anderen nahm er den Zettel und verschwand mit einem Blinzeln durch die Tür, durch die sie zuvor hereingekommen war.
Mazzotti kannte den Stoff und war es gewohnt, hin und wieder für ihren Chef einzuspringen. Sie war mit Ende zwanzig erst vor kurzem an Englers Lehrstuhl promoviert worden. Etwas untersetzt ähnelte sie mit ihren dunklen, schulterlangen Haaren und ihrer runden Nickelbrille eher einer jungen Grundschullehrerin als einer Wissenschaftlerin.
Nachdem sie das Head-Set angelegt hatte, fuhr sie nahtlos mit dem Vorlesungsthema fort.
»Wie Sie sehen, emittierte China 2015 mit knapp 30 Prozent den weltweit höchsten Anteil an CO2, gefolgt von den USA mit 14 und Europa mit 10 Prozent. Deutschlands Anteil lag lediglich bei rund 2,2 Prozent. Dennoch unternimmt die Bundesregierung Anstrengungen, um unseren Anteil so weit wie möglich zu senken. In den letzten Jahren leider ohne spürbaren Erfolg.« Sie umriss mit dem Pointer die jeweiligen Ausschnitte im projizierten Tortendiagramm.
Der Mann im Trenchcoat zwängte sich aus der letzten Reihe und verließ lautlos den Hörsaal.
Mazzotti fuhr mit der Präsentation fort und klickte die nächste Folie an: »Hier sehen Sie das weltweit noch zur Verfügung stehende Budget, das wir an CO2 in die Atmosphäre pusten dürfen, um das Zwei-Grad-Ziel der Klimaerwärmung gerade noch einzuhalten. Insgesamt verbleibt uns nach dem Pariser Klimaschutzabkommen noch ein Budget von maximal 600 Gigatonnen.«
Es erschien wieder ein Liniendiagramm, auf dessen Grundlinie Jahreszahlen von 1990 bis 2050 abgetragen waren. Darüber zogen sich gleichmäßig verteilt und parallel zur unteren Grundlinie, die für 0 stand, gestrichelte Linien in Zehnerschritten von 10 bis 50 Gigatonnen CO2 pro Jahr. Eine rote, unregelmäßige Kurve zappelte beginnend bei 1990 mit 28 Gigatonnen bis 2016 auf über 40 Gigatonnen. Danach folgten drei unterschiedlich farbige Kurven mit unterschiedlichen Verläufen. Die erste blaue verlief im Anschluss unmittelbar nach 2016 geschwungen nach unten und kam bei 2045 an der Grundlinie bei 0 Gigatonnen an.
»Das wäre unser Wunschszenario gewesen.« Sie folgte mit dem Pointer der blauen Linie.
»Die Fläche, die sie unter der abfallenden blauen Kurve ab 2016 sehen, ist das verbleibende Budget. Hätten wir 2016 mit der Absenkung begonnen, wären wir noch recht elegant aus der Misere herausgekommen. Wie Sie wahrscheinlich alle wissen, hat der weltweite Klimagas-Ausstoß seit 2016 nicht ab-, sondern zugenommen. Das führt uns zu dem nächsten, etwas ehrgeizigeren Verlauf der Ausstoßmengen.«
Die zweite, rote Kurve, die bei 2016 begann, verlief noch bis 2020, dem Trend folgend, ansteigend. Danach aber fiel sie steil nach unten und berührte die Nulllinie bereits bei 2040. »Das bedeutet, wenn wir später mit der Reduktion beginnen, müssen wir die Nulllinie, also den vollkommenen Stopp des Ausstoßes klimaschädigender Gase, deutlich früher erreichen. Die Flächen unter den Kurven sind nämlich gleich groß und entsprechen in beiden Fällen demselben Budget.« Sie machte eine kleine Pause.
»Besonders sportlich wird es, wenn wir mit der Reduktion noch später beginnen. So wie es derzeit aussieht, lassen sich die Regierungen dieser Welt noch mehr Zeit, bevor sie mit der Dekarbonisierung der Wirtschaft beginnen.«
Die dritte, violette Kurve zeigte einen weiteren Anstieg bis 2025. Danach fiel sie besonders steil nach unten ab und traf die Null-Emissions-Linie schon bei 2035.
»Würden wir dem letzten Szenario folgen, müsste der Ausstoß binnen zehn Jahren von über 40 Gigatonnen pro Jahr auf null reduziert werden«, kommentierte sie den Kurvenverlauf.
»Wie ich schon sagte, es wäre ausgesprochen sportlich, dies zu erreichen, und alle Länder dieser Erde müssten auch mitziehen. An Letzterem habe ich große Zweifel. Allerdings können wir selbst bei der Einhaltung eines dieser Szenarien nicht mit Gewissheit voraussagen, dass es zu keiner weltweiten Klimakatastrophe kommt.«
Deprimiert folgten die Studenten der weiteren Vorlesung. Alles, was noch folgte, klang nach no future.
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