Kitabı oku: «Gesundmacher Herz»
Markus Peters
Gesundmacher Herz
Wie es uns steuert, verbindet und heilt
Der geniale Impulsgeber für Körper und Seele

VAK Verlags GmbH
Kirchzarten bei Freiburg
Die Methode HEARTMATH® ist eine registrierte Marke des Institute of HeartMath (IHM). Auch HerzIntelligenz® ist ein eingetragenes Markenzeichen. Aus Gründen des besseren Lesbarkeit wurde jedoch im Fließtext größtenteils auf die Darstellung des ® verzichtet.
Gewidmet meinen Kindern
Arnim, Hannah und Jannis
Vorbemerkung des Verlags
Dieses Buch dient der Information über Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge und Selbsthilfe. Wer sie anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Autor und Verlag beabsichtigen nicht, Diagnosen zu stellen und Therapieempfehlungen zu geben. Die Informationen in diesem Buch sind nicht als Ersatz für professionelle medizinische Behandlung bei gesundheitlichen Beschwerden zu verstehen.
Inhalt
Einleitendes Essay
Das Herz – ein Paradigmenwechsel beginnt
Kapitel 1
Das Verständnis vom Herz im Wandel der Zeit
Kapitel 2
Das Herz – Vermittler in Sachen Gefühle!
Kapitel 3
Harmonie und Balance –bestimmend für die vegetative Gesundheit
Kapitel 4
„Alles schwingt“ – Chronobiologie und Chronomedizin Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Maximilian Moser
Kapitel 5
Harmonie lässt sich trainieren –das Vegetativum in Balance
Kapitel 6
Die Kraft des Herzens – Gefühle wirken
Kapitel 7
Typisch Mensch: Leben gegen die natürlichen Rhythmen
Kapitel 8
Verzeihen, Beten, Meditieren …
Kapitel 9
Erstaunliche Zusammenhänge: Herz – Erde – Sonne
Kapitel 10
Grundlagen wirksamer Therapie: Vegetativum und chronische Entzündungen
Kapitel 11
Bluthochdruck und Herzerkrankungen – seelische Verletzungen nicht übersehen!
Kapitel 12
Burn-out – vor allem eine Frage der Lebensperspektive
Kapitel 13
Krebs – immer eine Schicksalsfrage
Kapitel 14
Auf dem Weg zu einer neuen Herzlehre!
Ausblick
Zum guten Schluss …
Nützliche Adressen und Internetseiten
Über den Autor
Einleitendes Essay
Das Herz – ein Paradigmenwechsel beginnt
Das Herz ist eine Pumpe! Auf den Seiten dieses Buches werden Sie viele – meist durch „harte“ Forschungsergebnisse abgesicherte – Argumente finden, warum diese Aussage, für sich genommen, hinterfragt werden sollte. Trotzdem ist es nicht einfach so, dass mit diesem Buch eine alte, überholte „Wahrheit“ komplett gegen eine andere, neuere ausgetauscht werden soll. Ganz und gar nicht: Es ist aus meiner Sicht sogar ein großes Problem, dass in den (Natur-) Wissenschaften – und insbesondere in der Medizin –, allzu oft so getan wird, als seien die jeweils aktuellsten Erkenntnisse plötzlich die eine, einzige und von nun an allein noch zu beachtende „Wahrheit“. Dabei übersieht man jedoch häufig, dass die Wahrheit von heute der Irrtum von morgen ist.
Was ich damit meine, möchte ich buchstäblich an einem „Weltbild“ erklären: An dem Bild oder vielmehr den Bildern, die sich die Menschen in den letzten zwei, drei Jahrtausenden von ihrer Welt gemacht haben.
Mit dem Beginn der Neuzeit setzte sich allmählich der Gedanke durch, dass die Erde wohl doch keine Scheibe sei, sondern eine Kugel: Seefahrer brachen in das unbekannte Nirgendwo der Weltmeere auf und entdeckten unter Entbehrung, Lebensgefahr und mancher Täuschung neue Kontinente. In dieser Phase der Entdecker dachte auch Nikolaus Kopernikus über die Stellung der Erde im Weltall neu nach und griff eine Idee auf, die schon im antiken Griechenland einmal gedacht worden war: Die Erde ist ein Planet (ein „Wanderer“), wie die anderen „Wandelsterne“ auch, und sie kreist um die Sonne – und nicht etwa die Sonne um die Erde. Damit löste Kopernikus das alte, sogenannte geozentrische Weltbild durch ein heliozentrisches ab.

Zunächst allerdings hatte sich viele Jahrhunderte lang das hier abgebildete – unter anderen von Aristoteles im Detail ausgearbeitete – geozentrische Weltbild gehalten, nicht zuletzt auch deshalb, weil es der antiken Ansicht über das Verhältnis von Mensch, Erde und Kosmos, wir können auch sagen: Menschen und Götter, entsprach.
Vor allem ein Phänomen aber ließ sich mit diesem einfachen Weltbild nicht in Einklang bringen: Gelegentlich scheinen die Planeten – aus Gründen, die zu erklären, hier zu weit führen würde –, auf ihrer Bahn um die Erde herum plötzlich wieder ein Stück zurückzulaufen. Mit dem Versuch, auch dieses merkwürdige Verhalten durch eine Theorie zu belegen, wurden für jeden einzelnen Planeten verschiedene gegeneinander bewegliche „Sphären“ angenommen. Da mit der Zeit aber immer weitere Zusatzkonstrukte notwendig wurden, um die Stellung der Planeten berechnen zu können, wurde dieses Weltbild immer komplizierter. Mit anderen Worten: Es wurde zunächst versucht, die alte Theorie durch Zusatzerklärungen zu „retten“, ehe Kopernikus dann ein neues Modell in die Diskussion brachte.
Schon bald allerdings stellte sich heraus, dass auch das Modell des Kopernikus keine befriedigenden Ergebnisse zu bringen vermochte, weil Kopernikus noch an dem Gedanken einer exakten Kreisbewegung, von den alten Griechen als unumstößliche Bedingung formuliert, festgehalten hatte. Erst Kepler löste sich in einem mühsamen Forschungsprozess über Jahre von diesem Axiom (einer „gesetzten Bedingung“) und erkannte, dass die Planeten sich auf elliptischen und nicht auf kreisförmigen Bahnen um die Sonne bewegen.
Ehe Kepler jedoch sein Werk vollenden konnte, trat zunächst Tycho Brahe mit einem sehr interessanten Weltmodell hervor. Er entwickelte eine vollkommen neue Idee des Sonnensystems, in der sowohl geo- als auch heliozentrische Aspekte enthalten waren.

In diesem Modell des Tycho Brahe kreisen zwar Sonne und Mond um die Erde, die Planeten jedoch kreisen um die Sonne. Durch diesen „Trick“ konnte Tycho Brahe auch ungewöhnliche Planeten-Erde-Konstellationen erklären.
Um dieses Modell zu entwickeln, hatte Tycho Brahe durch sorgfältige Himmelsbeobachtungen eine bis dahin nie dagewesene Menge an Daten zusammengetragen, die er übrigens – wenn auch unfreiwillig – an Johannes Kepler weitergab, der sie dann für die Weiterentwicklung des von Kopernikus vorgedachten Weltbilds nutzte. Damit wurde das im Prinzip auch heute noch geltende „heliozentrische“ Modell zunehmend im Bewusstsein der Welt verankert.
Trotzdem ist das alte geozentrische Weltbild auch heute nicht etwa falsch. Selbst für das Weltbild nach Tycho Brahe sprechen immer noch bestimmte Aspekte. Warum ist das so?
Nun, ob ein Weltbild „stimmt“, hängt immer davon ab, welchen Nutzen es für die Lösung einer bestimmten Aufgabe zu erbringen vermag. Der Mensch, der in der Nacht auf dem Rücken liegt, die Sternbilder identifizieren und wissen möchte, wann und wo welcher Planet zu sehen sein wird, der wird immer „Geozentriker“ sein. Wollte er die Planetenstellungen vom Standpunkt der Sonne aus einschätzen, würde diese einfache Aufgabe unnötig verkompliziert. Und dieser Gedanke lässt sich verallgemeinern: Jedes Weltbild hat seine Richtigkeit, je nachdem welche Frage wir beantwortet haben möchten. Oder anders formuliert:
Das eine, einzig wahre Weltbild gibt es schlicht nicht!
Was will uns all das nun für das Thema dieses Buchs sagen? Die Antwort lautet: Es gibt auf alles in dieser Welt unterschiedliche Sichtweisen – und jede Sichtweise hat ihre Berechtigung. Es ist ja auch nicht so, dass durch das Auftauchen neuer Erkenntnisse alle alten Erkenntnisse umgehend ihren Wert verlören. Und wenn man nur ein einfaches Problem zu lösen hat, dann wird dafür ein einfaches (wenn auch nicht in allen Einzelheiten „wahres“) Erklärungsmodell oft nützlicher sein, als ein zwar aktuelles, aber schlicht zu komplexes Modell – so wie jeder von uns eben zum „Geozentriker“ wird, wenn er ein bestimmtes Sternbild sucht oder am Stand der Sonne die Tageszeit abschätzen möchte.
Auch wenn ich in diesem Buch also neue – bislang in der gängigen Medizin noch nicht allgemein wahrgenommene – Forschungsergebnisse vorstelle und mit Erkenntnissen aus zahlreichen anderen Wissenschaftsbereichen verbinde, dann meine ich nicht etwa, damit nun die „eine einzige Wahrheit“ über das Herz zu präsentieren. Obwohl ich natürlich fest davon überzeugt bin, dass es für die Herzmedizin mehr als nützlich wäre, sich (fachübergreifend) neuen Erkenntnissen zu öffnen! Denn wenn ich als Arzt nicht nur weiß, sondern wirklich verstanden und erfahren habe, dass das Herz über eine eigene Intelligenz verfügt und in höchst realer Weise das Zentrum unseres Gefühlslebens ist, dann wird mir das eine völlig neue Sicht auf viele Zusammenhänge in unserer Welt ermöglichen. Wenn es aber darum geht, durch eine Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiografie) herauszufinden, wie ein Herz konkret arbeitet und wie seine Herzklappen funktionieren, dann wird der engere, aber eben auch einfachere Blick auf das „Herz als Pumpe“ vielleicht der angemessenere sein. Ebenso wird es sein, wenn es zum Beispiel gilt, ein Kunstherz zu konstruieren oder eine Herztransplantation durchzuführen.
Generell lässt sich also sagen: Für bestimmte Untersuchungen oder um die exakte Wirksamkeit bestimmter Medikamente einschätzen zu können, mag das „alte“ Bild vom Herzen genügen. Sobald ich aber nach Therapieansätzen suche, die über das rein Körperliche hinausgehen, muss sich der Blick weiten und auch Zusammenhänge einbeziehen wie die zwischen Stress und Gefühlen, ja, sogar von Meditation, Gebet und Verzeihenkönnen. Schaue ich als Arzt hingegen allein auf das Herz mit seiner ohne Zweifel beeindruckenden „Mechanik“, dann werde ich vielleicht auch dann zum Beispiel eine Bypass-Operation als einzige Therapiemöglichkeit erkennen können, selbst wenn mir klar sein sollte, dass ich damit die eigentlichen Ursachen der Herzerkrankung nicht beseitigen kann.
Noch spannender ist es aus ärztlicher Sicht aber, dass ich durch eine erweiterte Kenntnis des Herzens und seiner vielfältigen Aufgaben und Fähigkeiten, neue Therapiemöglichkeiten sogar bei Krankheiten, die scheinbar mit dem Herzen gar nichts zu tun haben, zu sehen vermag (wie Krebserkrankungen). Ein gutes Beispiel dafür ist der Gastbeitrag von Prof. Dr. Maximilian Moser vom Human Research Institute, führend in der noch recht neuen Wissenschaft der Chronobiologie, der als einer renommiertesten Forscher zum Bereich Herzfrequenz-Variabilität in Kapitel 4 spannende Parallelen zwischen den Funktionen des menschlichen Herzens und musikalischen Phänomenen zieht.
Um es kurz zu sagen: Ziel dieses Buches ist es nicht etwa, bewährte Methoden der Kardiologie zu widerlegen oder beiseitezuschieben, sondern darüber hinausgehend den Blick zu öffnen für die vielfältigen und faszinierenden Möglichkeiten, die die neuesten Forschungsergebnisse gerade auch aus anderen Fachgebieten offerieren.
Und damit eröffnet sich gleichsam nebenbei auch eine völlig neue Sicht auf die Welt, zum Beispiel die, dass das Herz in eine Welt hineinwirkt, in der Raum und Zeit keine Bedeutung mehr haben, bei der sich die Trennung zwischen Ich und Welt auflöst: Wir sind durch das Herz mit dieser Welt verbunden und zwar auf eine sehr unmittelbare Weise.
Der fachkundige Leser wird immer wieder an verschiedenen Stellen im Buch kritische Anmerkungen machen können und vielleicht Studien vorzuweisen wissen, die zu anderen Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommen, als den hier vorgestellten. Hierzu möchte ich Folgendes anmerken: Wie wir aus der Quantenphysik wissen (und wie ich es in diesem Buch auch ansatzweise ausführen werde), hat der Beobachter auf das zu beobachtende Objekt einen unmittelbaren Einfluss. Es gibt – das ist eine wichtige Erkenntnis der Quantenphysik – keine wirklich letztgültige, „objektive“ Wissenschaft. Jede Sicht auf die Welt ist durch den Betrachter und sein Erkenntnisinteresse geprägt, wie wir oben andeutungsweise schon gesehen haben.
Auch sind die Grundlagen dessen, was hier dargestellt wird, bei Weitem noch nicht abschließend erforscht, sodass es zuweilen auch einander widersprechende Interpretationen einzelner Sachverhalte geben kann.
Ferner kommt hinzu, dass die hier vorgestellten Ergebnisse zum Teil noch sehr neu sind (zumindest aus Sicht des Mediziners), und dass in den nächsten Jahren viele weitere Erfahrungen und Forschungsergebnisse hinzukommen werden. Der darin begründeten Unzulänglichkeit dieses Buches bin ich mir durchaus bewusst, stand ich doch auch immer wieder vor der Frage, wo eine Grenze zu ziehen wäre bei der Darstellung umgreifender Zusammenhänge. Es geht mir in diesem Buch um einen ersten, neuen Entwurf einer künftigen Herzlehre – auch wenn es in Einzelheiten ganz sicher noch Korrektur- und Diskussionsbedarf gibt.
Letztlich könnte jedes der folgenden Kapitel ein eigenes Buch sein! Deshalb will auch dieses Buch weiter wachsen – und zwar mit Ihrer Hilfe! Gerne dürfen Sie mich auf Fehler, Unzulänglichkeiten, auf Ergänzungen und auf Ihre (gerne persönlichen) Erfahrungen aufmerksam machen. Beziehen sich diese Einwände oder Anregungen auf konkrete Arbeiten anderer forschender Menschen, so bitte ich um die Zusendung der entsprechenden Veröffentlichungen oder Quellenangaben.
Entsprechend sind natürlich auch die Literaturhinweise am Ende der meisten Kapitel keineswegs erschöpfend, sondern stellen nur eine Auswahl möglicher weiterführender Bücher dar!
Zur weiteren Entwicklung der hier vorgestellten Zusammenhänge gibt es auch eine Website im Internet, wo Sie sich über aktuelle Fragen, neue Erkenntnisse und auch über Vorträge und Ähnliches informieren können: www.gesundmacher-herz.de
In diesem Buch sind immer wieder auch praktische Übungen und Hinweise enthalten, die hier allerdings nur angerissen werden können. Während Übungen meist eines gemeinsamen Tuns bedürfen, muss ein Buch doch immer im Abstrakten bleiben. Auf der Website werde ich, soweit meine zeitlichen Kapazitäten dies zulassen, meine Vorträge und Seminare ankündigen; gerade in den Seminaren wird es dann auch um praktische und meditative Übungen gehen. Aber unabhängig davon sollte es Ihnen eine „Herzensangelegenheit“ sein, sich selbst übend auf den Weg zu machen, um die inneren Seiten Ihres Herzens besser kennenzulernen.
Auch das muss noch gesagt werden: Das vorliegende Buch kann, will und darf einen Besuch beim Arzt nicht ersetzen; es darf auch nicht dazu verführen, eigenmächtig Medikamente abzusetzen oder dergleichen. Für solche Schritte bedarf es stets der fachkundigen Begleitung durch einen erfahrenen Arzt oder Heilpraktiker!
Kapitel 1
Das Verständnis vom Herz im Wandel der Zeit
Das Herz als Pumpe anzusehen, ist eine Entwicklung der Neuzeit, geprägt vom abendländischen Geist der Aufklärung. In vielen anderen Kulturen werden mit dem Herzen völlig andere Konzepte verbunden! Sich dies einmal klarzumachen, ist schon deshalb sinnvoll, um so die übliche Anmaßung der westlichen Wissenschaftswelt zu hinterfragen. Dass deren Ansichten in unserer Kultur als die einzig wahren angesehen werden, sagt noch gar nichts aus. Zumal als „Instrument“ der Wahrheitsfindung hier allein ein streng naturwissenschaftliches Vorgehen zugelassen ist – paradoxerweise verbunden mit dem Anspruch der einzig wahren Gültigkeit. Im Grunde handelt es sich dabei um die moderne Form eines geistigen Kolonialismus.
Nun würde es zu weit führen, hier einen Überblick über eine Kulturgeschichte des Herzens zu geben. Und das ist auch nicht nötig, da es ein solches Buch bereits gibt.1 Aber einige wenige Gedanken zur Geschichte der Herzlehre sollen hier doch vorgetragen werden:
Die wohl älteste religiöse Kultur, die auch – obwohl so gut wie unbekannt – heute noch ausgeübt wird, ist der Sufismus, der ursprünglich im Zweistromland, also im Gebiet des heutigen Irak und Iran, praktiziert wurde. Durch die Begründung des Islam durch Mohammed (ca. 570 – 632) wurde der Sufismus dann ein Teil der mystischen islamischen Lehre, auch wenn dies nicht mit den Intentionen der Sufis einhergehen muss – etwa unter dem Aspekt, dass dem Sufismus jeglicher weltliche Machtanspruch wesensfremd ist.
Das Herz nimmt im Sufismus eine zentrale Position ein, da es das Organ ist, mit dessen Hilfe die Rückbesinnung2 auf Gott möglich ist. Durch eine mystische Versenkung in die Weisheit des Herzens wird geistige Erkenntnis möglich und ein Weg zu Gott geebnet. Der Sufist geht deshalb einen radikalen Übungsweg, der ein Leben lang andauert, um über die Herzenskräfte eine unmittelbar göttliche Verbindung herzustellen. Auf diesem Grundgedanken basierend entstand im Laufe der Jahrtausende eine regelrechte sufistische Herzenswissenschaft.
In der alten ägyptischen Kultur hingegen war es erstrebenswert, ein „Herz aus Stein“ zu haben – was aber, ganz anders als in unserem Sprachgebrauch, für ein „festes Herz“ stand. Dieses feste Herz nahm im spirituellen Leben der alten Ägypter eine zentrale Rolle ein, während das Gehirn als unwesentlich galt. Das zeigte sich auch beim Einbalsamieren, das ein wichtiger Schritt war, um ein Weiterexistieren nach dem Tode zu sichern: Bei der Einbalsamierung wurden alle Organe aus dem Leichnam entfernt und in separaten Gefäßen aufbewahrt – nur das Herz wurde wieder zurückgelegt. Warum?
„Als zentrales inneres Organ ist das Herz sowohl Ursache als auch Zeuge von allem, was der Mensch je in seinem Leben Gutes und Böses getan hat. Es weiß alles, denn es besitzt ein Gedächtnis, die Intelligenz. Deswegen wird es nach dem Tode für den Verstorbenen Zeugnis ablegen. Am jüngsten Tag ist das Herz der Gefährte des Toten, es wird an seiner Seite für ihn aussagen – nicht gegen ihn. Dabei wird es (in Form eines Herzenssteines oder -käfers) auf eine Waage gelegt und gegen das Symbol der Rechtsgöttin Maat ausgewogen. Ergibt sich dabei ein Gleichgewicht, so wird der Tote auch im Jenseits in harmonischem Gleichgewicht leben. In dieser kritischen Situation war ein Steinherz natürlich von großem Nutzen … Das harte Herz war ein Symbol der Selbstbeherrschung und besonnenen Verhaltens.“3
Auch im christlichen Glauben spielt das Herz (so etwa in der Theologie des Thomas von Aquin) eine zentrale Rolle als das Organ, das allein in der Lage ist, das von Gott Mitgeteilte glaubwürdig zu empfangen und anzunehmen, auch wenn es in den Worten und Taten anderer Menschen gleichsam verborgen ist. Anders als im Sufismus ist das dafür benötigte „offene“ Herz aber nicht das Ergebnis eines asketischen Schulungswegs, sondern zunächst ein göttliches Gnadengeschenk.
Nach diesen wenigen aphoristischen Ausführungen folgen wir abschließend noch einmal den Worten von Høystad:
„Trotz aller Unterschiede in Form und Funktion scheint das Bild des Herzens in allen hier (in seinem Buch, M. P.) untersuchten Kulturen einen gemeinsamen Ursprung zu haben: ein empfindsames und warmes, offenes und flexibles Herz, das auf die Dinge reagiert, die in und um den Menschen geschehen. Alle diese Erfahrungen haben dem Herzen typische metaphorische Funktionen gegeben, die offenbar überall gelten. Vor allem vermittelt das Herz die grundlegenden menschlichen Emotionen, Liebe und Mitgefühl, Leidenschaft und Leid. Es ist seine Funktion, sich sinnlich spürbar zu regen, wenn der Mensch und seine Integrität gekränkt werden. Dies hat dazu geführt, dass das Herz selbst als einsichtsvoll und bewusst gilt und nicht nur als Symptom oder Symbol der Einsicht oder des Bewusstseins. Diese ethische Funktion des Herzens erklärt, warum es in vielen Kulturen zum Sitz der Seele und des Gewissens gemacht wurde.“4
Zu Beginn dieses Kapitels war von der anmaßenden Haltung der abendländischen Kultur die Rede, die häufig unreflektiert mit ihrem reduktionistischen Bild vom Herzen als einer Pumpe meint, die einzig wahre Herzlehre gefunden zu haben. Ein Ziel dieses Buches ist es, anhand aktueller naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse der letzten Jahre zu zeigen, dass „die Alten“ mit ihren hier angerissenen Ansichten gar nicht so falsch lagen! Folgen Sie mir also zu den spannenden neuen Entwicklungen, die sich rund um das Thema Herz in der letzten Zeit eröffnet haben und die unsere so sicher scheinenden Ansichten infrage stellen werden!
Zum Weiterlesen und Vertiefen
Fuchs, Thomas: Die Mechanisierung des Herzens: Harvey und Descartes, Suhrkamp 1992
Høystad, Ole Martin: Kulturgeschichte des Herzens, Böhlau Verlag 2006
Sheldrake, R.: Der Wissenschaftswahn, O. W. Barth 2012
Kapitel 2
Das Herz –Vermittler in Sachen Gefühle!
Das reine Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal
Selbstverständlich achten und hören wir auf das, was unser Herz uns mitzuteilen hat. Unser Herz „klopft bis zum Hals“, der Herzschlag „dröhnt in unseren Ohren“, das Herz „rast“ bisweilen und manchmal „stolpert“ es sogar und löst Angst aus. All das spüren wir und wir verstehen auch die darin liegende Botschaft.
Es sind aber nicht nur diese besonderen Situationen, in denen das Herz uns etwas über uns und unsere Befindlichkeit mitzuteilen hat – das Herz „spricht“ unablässig. Diese besondere Sprache ist jedoch nicht ohne Weiteres zu entschlüsseln. Interessanterweise sind wir – jedenfalls hier in der westlichen Welt – überhaupt erst in der Lage, die Sprache unseres Herzens zu verstehen, seit uns die moderne Informationstechnik dabei helfen kann. Und das liegt daran, dass die Auskünfte, die das Herz zu geben hat, in seinem Rhythmus verborgen sind.
Fühlt man den eigenen Puls, so wird man – im Normalfall – den Eindruck haben, als sei dieser vollkommen regelmäßig. Misst man ihn aber ganz genau aus, kann man feststellen, dass die Zeiträume zwischen den Herzschlägen doch unterschiedlich lang sind. Wobei sich diese Abweichungen lediglich im Millisekundenbereich bewegen, also nur mit sehr genauen Messinstrumenten überhaupt zu erfassen sind.
Moderne Messtechnik zusammen mit computergestützten Auswertungsverfahren bietet diese Möglichkeit. Schauen wir uns deshalb einmal genauer an, wie die „Kurve“ eigentlich aussieht, die Ergebnis eines Elektrokardiogramms (EKG) ist:

Diese Abbildung zeigt die unterschiedlichen Phasen des Herzschlags, wie sie durch ein EKG gemessen und aufgezeichnet werden. Die genaue zeitliche Dauer eines Herzschlags lässt sich am exaktesten durch den Abstand zwischen den scharfen Zacken (den sogenannten R-Zacken) ermitteln, die gleichsam den Höhepunkt eines jeden Herzschlags darstellen.
Mit dem Alltagsverstand betrachtet, könnte nun angenommen werden, dass ein möglichst gleicher Abstand zwischen den R-Zacken (eine exakt getaktete Herzfrequenz also) der Idealfall und jede Abweichung ein Übel sei. Tatsächlich jedoch ist der Zeitraum zwischen den R-Zacken immer unterschiedlich lang – und das ist auch gut so, wie wir später noch sehen werden.
Zunächst aber geht es darum, diese feinen Unterschiede in der Frequenz des Herzschlags so präzise wie möglich zu ermitteln – was dann etwa so aussehen könnte:

Da die Werte der Abweichungen sehr klein und deshalb für Berechnungen etwas umständlich zu handhaben sind, behilft man sich mit einem kleinen Trick: Die genaue Zeit zwischen einem und dem nächsten R-Zacken (zum Beispiel 0,811 Sekunden) wird umgerechnet auf die vertrautere Größe Herzschlag/Minute (das ergibt in diesem Fall = 74 Schläge/Minute).
Würde das Herz also beispielsweise immer genau mit der Frequenz des Abschnitts A in der obigen Abbildung schlagen (= 0,789 Sekunden), so ergäbe das einen regelmäßigen Puls von 76 Schlägen / Minute. Die Frequenz des Abschnitts B (0,769 Sekunden) entspräche hingegen einem Puls von 78 Schlägen/Minute und so weiter:

Und weil – wie oben zu sehen ist –, die Frequenzen des Herzschlags eben nicht gleichmäßig, sondern „variabel“ sind, wird dieses Phänomen „Herzfrequenz-Variabilität“5 genannt – ein Begriff, der in diesem Buch noch sehr häufig auftauchen wird.
Die bei der Messung der Herzfrequenz-Variabilität entstehende Zahlenreihe (in unserem Beispiel also 76,78,80,74 usw.) kann nun in Form einer Kurve einfach dargestellt werden. Das Bild, das dabei entsteht, kann allerdings höchst unterschiedlich aussehen – und spiegelt direkt und gut verständlich wider, in welcher emotionalen Verfassung sich eine Versuchsperson oder ein Patient befindet.
Es kann deshalb gesagt werden: Die Herzfrequenz-Variabilität ist immer dann ein Signal für einen positiven Gemütszustand, wenn sich die Zeitabweichungen zwischen den R-Zacken eines EKG in einem annähernd regelmäßigen, sinusförmigen Rhythmus wiederholen.
Negative Gefühlszustände (wie Ärger) führen zu einer uneinheitlichen, unharmonischen, unrhythmischen und scharf gezackten Kurve.

Positive Gefühlszustände hingegen (wie Wertschätzung) zeigen einen eher regelmäßigharmonischen, gleichsam „schwingenden“ Verlauf.
Herzfrequenz-Variabilität und Geburtshilfe
In der Geburtshilfe ist die Herzfrequenz-Variabilität des ungeborenen Kindes ein wichtiges Indiz für seine Gesundheit. Eine Reduzierung der Herzfrequenz-Variabilität (also eine Tendenz hin zu einem exakt getakteten Herzschlag) bedeutet Gefahr für das Kind und führt unter Umständen zu der Entscheidung, die Entbindung sofort – zum Beispiel durch einen Kaiserschnitt – durchzuführen.
Dabei ist die Herzfrequenz-Variabilität beim ungeborenen Kind sehr viel ausgeprägter als später im Kindes- oder gar im Erwachsenenalter. Allgemein nimmt die Variabilität der Herzfrequenz mit jedem Lebensjahr weiter ab. Das erklärt auch, warum eine Abnahme der Herzfrequenz-Variabilität im Mutterleib als Anzeichen einer unmittelbaren Lebensgefahr für das Kind gesehen wird.
Die „Sprache des Herzens“ ist somit – der Informationstechnik sei Dank – zumindest ansatzweise entschlüsselt. Damit aber tatsächlich von einer Sprache die Rede sein kann, muss der Sprechende – in unserem Fall also das Herz – aus sich heraus etwas mitzuteilen haben, also über so etwas wie eine eigene „Intelligenz“ verfügen. Das allerdings widerspricht dem Bild, das wir traditionellerweise vom Herzen haben. Das Herz ist doch – so haben wir es alle gelernt – nur ein pumpender Muskel, der eine zwar beeindruckende Kraft- und Ausdauerleistung vollbringt, ansonsten aber eher „dumm“ ist. Gesteuert wird die Herztätigkeit, das erscheint uns immer noch selbstverständlich, allein durch das Gehirn.
Tatsächlich aber ist dem ganz und gar nicht so: Neurowissenschaftler wissen vielmehr schon seit einer ganzen Weile, dass das Herz ein eigenes unabhängiges Nervensystem aufweist, das große Ähnlichkeit mit dem Nervensystem des Gehirns hat. Das Herz besitzt – so wissen wir heute – mindestens 40 000 Nervenzellen (Neuronen). Das entspricht immerhin der Menge von Neuronen, über die auch verschiedene Funktionskerne des Gehirns (zum Beispiel der für das Riechen zuständige Hirnbereich) verfügen. Damit ist die Voraussetzung für einen „gleichberechtigten“ Informationsaustausch zwischen dem Nervensystem des Gehirns und dem des Herzens gegeben.
Wobei die Erkenntnis, dass es eine Verbindung zwischen den Nervensystemen des Gehirns und denen des Herzens gibt, ebenfalls nicht neu ist. Allerdings nahm man noch bis in die 1970er-Jahre hinein an, dass diese Verbindung nur deshalb gebraucht werde, damit das Herz die „Befehle“ des Gehirns verstehen und umsetzen könne.
Erst um 1975 herum stellten die Physiologen John und Beatrice Lacey fest, dass die Nervenverbindung zwischen Gehirn und Herz alles andere als eine Einbahnstraße ist.6 Es stimmt zwar, dass das Gehirn „Anordnungen“ an das Herz schickt. Die Laceys entdeckten aber, dass das Herz scheinbar auch so etwas wie einen eigenen Willen hat. Die Nervenzellen des Herzens (wenn man so will: das herzeigene Gehirn) senden also nicht nur Daten an das Gehirn, sondern sie beeinflussen es auch in durchaus entscheidender Weise:
Kommunikationswege Herz – Gehirn
Die aktuelle Forschung hat bisher vier Wege identifiziert, auf denen die Kommunikation zwischen Herz und Gehirn stattfindet:
1. Die neurale Kommunikation
Das Herz sendet seine Informationen über den Vagusnerv und die Nerven des Rückenmarks an das Gehirn (und umgekehrt).
2. Die biochemische Kommunikation
Auch die Hormone sind Informationsträger, über die Herz und Gehirn miteinander in Verbindung treten. Hormone sind ja nichts anderes als chemische Substanzen, die mit dem Blutstrom durch den Körper geschickt werden, um in bestimmten Organen gezielte Reaktionen auszulösen. Auch auf diesem Weg kann das Herz Informationen empfangen, „verstehen“ und weiterleiten. Das Herz vermag aber auch selbst Hormone zu bilden (zum Beispiel das Atriopeptin, das unter anderem daran beteiligt ist, den Blutdruck sowie den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt des menschlichen Körpers im Gleichgewicht zu halten). Hier steht die Forschung allerdings noch ganz am Anfang.
3. Die biophysikalische Kommunikation
Das Herz treibt nicht nur das Blut durch die Blutgefäße des Körpers, jeder Herzschlag erzeugt auch eine Druckwelle im Blut, die sich viel schneller durch den Körper bewegt als das Blut selbst und die wir als Pulsschlag wahrnehmen können (die Aufgabe des Herzens als „treibende Pumpe“ ist allerdings infrage zu stellen, wie in Kapitel 13 gezeigt werden wird). An dieser Druckwelle kann der Rhythmus der Herzfrequenz-Variabilität gemessen (und dann analysiert) werden, sie kann aber in gleicher Weise auch Informationsträger für das Gehirn sein.
4. Die energetische Kommunikation
Das Herz erzeugt – wie andere Organe auch –, ein pulsierendes elektromagnetisches Feld, dessen Wellen (ähnlich wie bei einem Mobilfunknetz) Informationen transportieren können. Dieses elektromagnetische Feld ist das stärkste im menschlichen Körper (etwa 5000-mal stärker als das des Gehirns), und es kann mit entsprechend empfindlichen Messgeräten bis zu einem Umkreis von drei Metern gemessen werden. Die Forschung hierzu steht ebenfalls noch am Anfang, es gibt aber Hinweise darauf, dass sich die elektromagnetischen Felder von Herz und Gehirn gegenseitig beeinflussen. (Quelle: Childre/Martin: Die HerzIntelligenz®-Methode)
Nach John und Beatrice Lacey verhält es sich also so, dass Herz und Gehirn nahezu gleichberechtigt miteinander kommunizieren, und dass sich das Herz dabei durchaus nicht nur in der Rolle des Befehlsempfängers befindet. Einen klaren Hinweis darauf, dass das Herz oft seiner eigenen „Logik“ folgt und nicht nur den Befehlen „von oben“, brachte erstmals folgende Beobachtung:
Üblicherweise wird davon ausgegangen, dass das Gehirn in bestimmten, zum Beispiel gefährlich erscheinenden oder besonders anstrengenden Situationen Erregungssignale an den Körper sendet, die dann unter anderem dazu führen, dass das Herz seinen Puls beschleunigt. Die Laceys konnten jedoch beobachten, dass gar nicht selten genau das Gegenteil geschieht: Das Herz verlangsamt unter Missachtung der Befehle des Gehirns seine Tätigkeit (wohingegen alle anderen Organe erwartungsgemäß mit Erregung reagieren)! Es scheint also tatsächlich so, als würde das Herz kritisch überprüfen, ob die vom Gehirn angeordnete Erhöhung des Herzschlags tatsächlich die situationsangemessene Reaktion ist.
Noch spektakulärer aber war die Entdeckung, dass das Herz nicht nur weisheitsvoll7 und sinnhaft mit den vom Gehirn ausgehenden Befehlen umgeht, sondern dass es auch seinerseits das Gehirn in seiner Aktivität zu beeinflussen vermag. Damit kam zum ersten Mal der Gedanke, dass eben nicht nur das Gehirn, sondern auch das Herz in der Lage sei, menschliches Verhalten wesentlich zu beeinflussen.
Ausgehend von den bahnbrechenden Beobachtungen und Erkenntnissen der Physiologen John und Beatrice Lacey haben seither zahlreiche weitere Wissenschaftler nachweisen können, dass das Herz – ablesbar an der Herzfrequenz-Variabilität – direkten Einfluss nimmt auf die Aktivitäten der Gehirnbereiche, in denen wir Erkenntnisse und Gefühle verarbeiten.
Konkret heißt das (unter anderem), dass das Verstehen der „Sprache des Herzens“ auch der Schlüssel ist für ein besseres Verständnis unserer Emotionen. Bereits seit Mitte der 1980er-Jahre weiß man, dass die auch heute noch verwendete, den sogenannten Intelligenztests zugrunde liegende Definition des Intelligenzbegriffs zumindest sehr einseitig ist. Howard Gardner, Professor für Neurologie an der Boston University, unterschied als Erster mehrere sehr verschiedene Formen von Intelligenz. Neben der logisch-mathematischen Intelligenz gibt es demnach auch eine räumliche, eine musikalische, eine körperbezogene sowie eine emotionale Intelligenz.
John Mayer, Psychologe an der Universität von Hampshire, erarbeitete in den späten 1980er-Jahren dann zusammen mit seinem Kollegen Peter Salovey (Yale University) eine Theorie der emotionalen Intelligenz – sie umfasst fünf Bereiche: (1) Das Kennen der eigenen Emotionen sowie (2) deren Kontrolle und dazu noch die Fähigkeiten zur (3) Selbstmotivation, zum (4) Erkennen der Emotionen anderer Menschen und schließlich zum (5) „Managen“ zwischenmenschlicher Beziehungen.
Und seit Mitte der 1990er-Jahre schließlich wissen wir aufgrund sorgfältiger Untersuchungen durch Daniel Goleman, Professor für Psychologie an der Harvard University, dass diese emotionale Intelligenz für ein erfolgreiches Leben wesentlich wichtiger ist als die allgemein immer noch so hoch geschätzte mathematisch-logische Intelligenz.
Diese Erkenntnisse zur emotionalen Intelligenz gehören nur am Rande zum Thema dieses Buches, aber sie unterstreichen doch, welche ganz praktische Bedeutung es haben kann, aus der Herzfrequenz-Variabilität direkte Rückschlüsse auf die emotionale Verfassung eines Menschen ziehen zu können. Bereits hier wird nämlich deutlich, dass die Herzfrequenz-Variabilität Ausgangspunkt neuer Therapiemöglichkeiten sein kann – was im weiteren Verlauf dieses Buchs noch detailliert dargestellt werden soll.
Das dabei zum Einsatz kommende Grundprinzip ist relativ einfach: Wenn wir lernen, mithilfe der Herzfrequenz-Variabilität auf unser Herz zu „hören“, dann können wir im Weiteren auch lernen, bewusster mit unseren Emotionen umzugehen.
Kommen wir noch einmal auf den Anfang dieses Kapitels zurück:
Wir hatten gesehen, dass eine „ungeordnete“ Herzfrequenz-Variabilität immer dann zu beobachten ist, wenn wir von negativen Emotionen (Zorn, Angst, Unsicherheit usw.) beherrscht werden. Umgekehrt „schwingt“ die Herzfrequenz-Variabilität ausgeglichen und harmonisch, wenn wir uns auch so fühlen (siehe Abbildungen). Das Sichtbarmachen der Herzfrequenz-Variabilität gibt also die Möglichkeit, unseren emotionalen „Haushalt“ zu kontrollieren und ihn – und genau darin liegt der mögliche therapeutische Effekt – auch zu trainieren.
Zum Weiterlesen und Vertlefen
Einen weiteren Zugang zur Physiologie des Fühlens zeigt:
Husemann, Armin: Der musikalische Bau des Menschen, Verlag Freies Geistesleben 2003
Kapitel 3
Harmonie und Balance – bestimmend für die vegetative Gesundheit
Das Herz ist die eigentliche Lebensmitte. Wir bezeichnen damit das leibliche Organ, an dessen Tätigkeit das leibliche Leben gebunden ist. Aber es ist ebenso geläufig, darunter das Innere der Seele zu verstehen, offenbar weil das Herz am stärksten an dem beteiligt ist, was im Inneren der Seele vorgeht, weil der Zusammenhang von Leib und Seele nirgends deutlicher zu spüren ist.
Edith Stein: Endliches und ewiges Sein, 1935
Im vorangegangenen Kapitel wurde nach einem Schlüssel zur „Sprache des Herzens“ gesucht. Wir haben gesehen, dass der Zeitabstand von Herzschlag zu Herzschlag (genauer: von R-Zacken zu R-Zacken) im Normalfall immer etwas ungleichmäßig ist, wobei die Unterschiede im Millisekundenbereich liegen. Wie fein diese Unterschiede aber auch sein mögen, so bieten sie mit entsprechender technischer Unterstützung doch die Möglichkeit, relativ einfach zu erkennen, ob sich eine Testperson in einer eher negativen oder eher positiven Gefühlslage befindet. Und: Je „schwingender“ sich dabei der Rhythmus der Herzfrequenz-Variabilität darstellt, desto besser ist dies für die Gesundheit (oder auch Gesundung!) des Menschen.
Bereits hier zeichnet sich also das Potenzial ab, das in der Möglichkeit liegt, die Herzfrequenz-Variabilität exakt erfassen und auswerten zu können. Die Medizin bekommt damit nicht nur neue Instrumente der Diagnostik in die Hand, sondern kann daraus auch Therapiemöglichkeiten ableiten, insbesondere für alle Krankheitsbilder, die ursächlich mit dem vegetativen Nervensystem zusammenhängen – wie Bluthochdruck oder Burn-out. Und es spricht heute bereits sehr viel dafür, dass das aus der Analyse der Herzfrequenz-Variabilität sich ergebende Diagnose- und Therapiepotenzial noch weit über diesen Anwendungsbereich hinausgeht – was im weiteren Verlauf des Buches noch gezeigt werden soll.
Der wichtigste Ansatzpunkt ist dabei die Erkenntnis, dass der Mensch (wie jedes Lebewesen) ein durch und durch rhythmisches System darstellt. Wobei sich die verschiedenen Rhythmen – je nach Gefühlslage und Gesundheitszustand –, als mehr oder weniger harmonisch oder chaotisch, starr oder auch gleichmäßig schwingend zeigen können.
Grundlage für diese neue Sicht auf das menschliche Herz und darüber hinaus auf den ganzen Menschen als rhythmisches Wesen ist die sogenannte Chronobiologie. Dieses noch vergleichsweise junge Forschungsgebiet befasst sich „mit der zeitlichen Organisation in Physiologie und Verhalten von Organismen. In dieser Organisation spielen Rhythmen, häufig von endogenen (inneren) biologischen Zeitgebern (Uhrsystemen) verursacht, eine große Rolle.“8
Allerdings muss bedacht werden, dass diese Forschung sich noch in einem sehr frühen Stadium ihrer Entwicklung befindet – vergleichbar vielleicht dem Stand der anatomischen Wissenschaft zu Zeiten Leonardo da Vincis. Es sind auf diesem Gebiet also noch sehr viele neue und weiterreichende Erkenntnisse zu erwarten. Und manches, was man heute bereits zu wissen glaubt, wird sich noch als falsch herausstellen.
In Deutschland begann die chronobiologische Forschung mit Prof. Dr. Gunther Hildebrandt, der später Direktor des Instituts für Arbeitsphysiologie und Rehabilitationsforschung der Universität Marburg wurde, und als einer der Väter der Chronobiologie weltweit gilt.
Hildebrandt hatte sich bereits in den 1950er-Jahren, er war damals noch als junger Mediziner in einer Kurklinik tätig, von seinen Patienten die Erlaubnis geben lassen, nachts in ihre Zimmer kommen zu dürfen, um bei ihnen im Schlaf stündlich die Puls- und auch Atemfrequenzen zu messen. Selbstverständlich war er noch weit von den heutigen Möglichkeiten der Messtechnik und der computergestützten Auswertung großer Datenmengen entfernt. Dennoch konnte er bereits mit solch einfachen Mitteln feststellen, dass Puls- und Atemfrequenz in einem ganz bestimmten rhythmischen Verhältnis (im Schlaf etwa 4:1) zueinanderstehen.
Damit hatte Gunter Hildebrandt etwas entdeckt, was in der Folge für die gesamte Chronobiologie bestimmend sein sollte. Denn dass sämtliche Vorgänge im menschlichen Körper rhythmisch durchorganisiert sind, diese Erkenntnis war schon damals nicht neu:
– Einatmen und Ausatmen
– Schlafen und Wachen
– Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung
– Regelblutung und Eisprung
All das sind Rhythmen, die lange bekannt sind. Wirklich neu hingegen war die Erkenntnis Hildebrandts, dass wohl die meisten oder sogar alle diese Rhythmen (zumindest bei einem gesunden Menschen) in einem bestimmten Verhältnis zueinanderstehen, gleichsam miteinander gekoppelt sind. Hildebrandt war also der erste Wissenschaftler, der die diesen Rhythmen innewohnende Ordnung entdeckt und beschrieben hat.9
Zum Verständnis dieser Ordnung hilft es, sich klarzumachen, dass die verschiedenen Rhythmen drei körperlichen Bereichen zugeordnet werden können:
– Der Kopf ist der Sitz der Hauptsinne sowie des zentralen Nervensystems,
– im Brustkorb befinden sich die (rhythmisch besonders intensiv spürbaren) Organe Herz und Lunge,
– im „unteren Menschen“ mit Bauch und Beinen ist die Bewegungs- und Stoffwechselorganisation beheimatet.
© fotolia-corellio / [M] Fricke
Dabei ist es so, dass die Nerven nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip funktionieren. Ein Nerv kennt also – wie ein Computer auch – nur zwei „Zustände“, zwischen denen er im Millisekundenabstand wechseln kann: aktiv oder inaktiv, ein oder aus.
Die Rhythmen der Atmung oder auch des Herzschlags verlaufen demgegenüber in Wellenform – an- und abschwellend im Sekunden- oder Minutenbereich.
Und die Rhythmen schließlich, die die Stoffwechselprozesse oder den Monatszyklus der Frau bestimmen, spielen sich in Tages-, Wochen- oder Monatszeiträumen ab – und sind darüber hinaus auch noch sehr komplex aufgebaut mit vielgestaltigen Wechselwirkungen.
Auch Krankheitsverläufe sind in der Regel rhythmisch gegliedert. So ist seit Langem bekannt, dass im Fall einer Lungenentzündung die Körpertemperatur morgens unter Umständen ganz normal sein kann, während sie jeden Abend auf hohe Temperaturen ansteigt. Dieses Wissen erlaubt es dem Arzt nun umgekehrt, aus einem typischen Rhythmus der Temperaturkurve die Diagnose Lungenentzündung abzuleiten oder zu bestätigen. Ein besonders deutlicher Fall ist auch der charakteristisch-rhythmische Verlauf einer Malariaerkrankung, bei der sich die Fieberschübe alle zwei oder drei Tage wiederholen.
Aus welcher Perspektive wir den Menschen also auch betrachten, er stellt sich dar als ein höchst komplexes, rhythmisches „System“. Dieses Gesamtsystem darf man sich alles in allem durchaus vorstellen wie ein sehr großes, kompliziertes Mobile, bei dem sich zahlreiche Elemente in einem labilen Gleichgewicht befinden. Wird auch nur eines dieser Elemente bewegt, so hat dies Auswirkungen auf den Zustand aller anderen Elemente, die ebenfalls in mehr oder weniger kräftige Schwingungen versetzt werden. Diese Schwingungen werden dann kontinuierlich schwächer, bis sich erneut ein Gleichgewicht eingestellt hat. In dieser zugleich geordneten und schwingenden Weise sind – beim gesunden Menschen – alle Rhythmen im Körper untereinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig.
Das Bild vom Mobile macht auch deutlich, dass es bei organischen Rhythmen nicht etwa um einen maschinenartig starren, exakten Takt geht, sondern um ein flexibles Ein- und Ausschwingen – stets mit dem Ziel, Steuerungsprozesse harmonisch ablaufen zu lassen und ein umfassendes Gleichgewicht zu erreichen.
Und das gilt selbstverständlich auch für die Herzfrequenz-Variabilität. In Kapitel 2 wurde bereits kurz erwähnt, dass ein exakt getakteter Puls (ein Puls also, der überhaupt keine Herzfrequenz-Variabilität aufweist), alles andere als ideal wäre. Das wussten sogar schon chinesische Ärzte vor mehr als 2000 Jahren, als sie sinngemäß die folgende medizinische Regel formulierten:
Ist der Puls so regelmäßig wie der Specht im Wald klopft, oder wie die Regentropfen, die vom Dachrand fallen, dann stirbt der Patient innerhalb von drei Tagen.
In unserer modernen Medizin hingegen geriet man in dieser Frage zunächst auf einen Irrweg. Vorherrschend war die Vorstellung, dass das menschliche Herz tunlichst so regelmäßig und exakt arbeiten sollte wie etwa ein Motor. Die in den 1970er-Jahren – mit der Entwicklung einer entsprechend genauen Messtechnik – mögliche Entdeckung der Herzfrequenz-Variabilität löste deshalb unter Internisten zunächst eher Beunruhigung aus. Insbesondere bei jungen Menschen, die entwicklungsbedingt eine ausgeprägtere Herzfrequenz-Variabilität aufweisen, wurde diese Unregelmäßigkeit sogar als eine ärztlich zu behandelnde Störung angesehen – man verschrieb den Betroffenen Betablocker um ihren „Puls zu stabilisieren“ …
Dahinter stand die Idee der sogenannten Homöostase, die angehenden Ärzten übrigens bis heute im Studium nahegebracht wird. Diese Vorstellung geht davon aus, dass der menschliche Körper eine Art System sei, das nach dem „Hochfahren“ irgendeines Faktors (zum Beispiel des Blutdrucks) diesen einfach und direkt wieder auf den ursprünglichen Stand herunterregelt.
Diese – in unserer technisch orientierten Zeit ja naheliegende – Idee eines sich gleichsam mechanisch regulierenden Systems erscheint heute im Licht der Chronobiologie jedoch als überholt. Die sich allmählich durchsetzende neue Grundidee ist, dass der menschliche Körper eben nicht versucht, irgendeinen starren Idealzustand beizubehalten und diesen nach jeder Störung umgehend wieder herbeizuregulieren. Der Körper ist vielmehr in hohem Maße „schwingungsfähig“ – und er muss es auch sein.
Noch weit wichtiger aber ist die – im Bild des Mobiles anschaulich gemachte – Erkenntnis, dass alle Lebensprozesse und Lebensrhythmen voneinander abhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Bezogen auf das Thema Puls, heißt das beispielsweise: Eine Anstrengung oder eine aufregende Situation führt selbstverständlich zu einem plötzlich und kräftig erhöhten Puls und einem damit ebenfalls steigenden Blutdruck. Der Körper reagiert darauf aber nun nicht damit, allein den Faktor „Blutdruck“ wieder zurückzuregeln. Die Chronobiologie weist vielmehr nach, dass sich der Blutdruck nach einer Belastung zunächst in die Gegenrichtung reguliert und dann wieder zurückschwingt. Was sich, mit abnehmender Intensität, mehrfach wiederholt, bis der „Normalzustand“ wieder erreicht ist.
Und das gilt auch nicht nur für einen Faktor (etwa den Puls), sondern für das komplette, vielgestaltige Mobile aller Lebensprozesse und -rhythmen. Wird irgendwo in diesem System auch nur ein einziger Faktor aus dem Gleichgewicht gebracht, kommt das Ganze in Unruhe und muss sich wieder neu „einschwingen“ oder einpendeln.
Heute sind bereits sehr viele dieser Rhythmen in verschiedensten Studien untersucht und gemessen worden. Diese Messergebnisse zeigen eine große Bandbreite. Schaut man sich aber die jeweils am häufigsten vorkommenden Frequenzen an, dann zeigt sich doch etwas Verblüffendes: Alle gemessenen Rhythmen haben eine starke Tendenz, sich in einem bestimmten Verhältnis zueinander einzupegeln – und zwar in einem ganzzahligen Verhältnis.
Ein Beispiel dafür wurde schon erwähnt: In der entspannten Tiefschlafphase (etwa zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens) kommen bei einem gesunden Menschen ziemlich genau vier Pulsschläge auf einen Atemzug (siehe dazu auch Kapitel 4). An diesem Phänomen wird auch deutlich, dass das rhythmische System des Menschen einerseits sehr flexibel auf von außen kommende Anforderungen reagiert (zum Beispiel bei starker Leistungsanforderung durch erhöhten Puls und schnellere Atmung), andererseits aber bei vollkommener Ruhe in ein überindividuelles Gleichgewicht zurückfindet. Eine solche Tendenz zu einer Art natürlichem Gleichgewicht ist inzwischen vielfach bestätigt.
So stehen rhythmische Funktionen wie Lidschlag, Schlucken, Saugen oder Magenperistaltik ebenso wie das fortlaufende Steigen und Fallen des Blutdrucks in einer nachgewiesenen Abhängigkeit vom Herz- und Atemrhythmus. Das gilt aber nicht nur für unwillkürlich ablaufende Körperfunktionen: Auch rhythmische Tätigkeiten wie Gehen, Radfahren und Joggen sind mit dem Herz-/Atemrhythmus gekoppelt – die Synchronisation oder Kopplung von Rhythmen funktioniert also auch bei bewusst durchgeführten Tätigkeiten.
Inzwischen bestätigen zahlreiche empirische Untersuchungen somit das, was schon zu Beginn dieses Kapitels gesagt wurde: Der Mensch ist – wie jeder andere Organismus auch – ein durch und durch rhythmisches Wesen.
Und ein entscheidender Impulsgeber ist dabei das Herz. Wie das funktioniert, lässt sich an einer höchst spannenden Entdeckung aus dem 17. Jahrhundert sehr gut illustrieren:
Christian Huygens (1629 – 1695), ein holländischer Mathematiker und Physiker mit großem Interesse an Mechanik, hat unter anderem die erste Pendeluhr konstruiert, zum Patent angemeldet und im Laufe seines Lebens auch eine stattliche Sammlung solcher Uhren zusammengetragen. Eines Tages dann stellte er zu seiner Überraschung fest, dass sich die Pendel aller in einem Raum befindlichen Uhren synchron bewegten, also immer gleichzeitig in die gleiche Richtung ausschlugen. Das erschien Huygens sehr unwahrscheinlich und er brachte diesen synchronen Rhythmus durcheinander, indem er alle Uhren kurz anhielt und zu verschiedenen Zeitpunkten wieder in Gang setzte. So oft er dies aber aber auch tat, es dauerte nie sehr lange, bis alle Uhren ihre Rhythmen wieder einander angeglichen hatten.
Damit hatte Huygens – auch wenn er es selbst noch nicht erklären konnte – ein in der Natur überall zu beobachtendes Phänomen entdeckt: die Frequenzkopplung. Und heute wissen wir, dass es immer der stärkste Impulsgeber (also zum Beispiel das größte Pendel) in einem rhythmischen System ist, auf den hin sich alle anderen Rhythmen synchronisieren.
Im menschlichen Körper nun sind Herz und Lunge die kräftigsten Impulsgeber, die deshalb auch in der Lage sind, andere rhythmische Systeme zu beeinflussen, sie in ihren Rhythmus „hineinzuziehen“. Da der Mensch keine Maschine ist, funktioniert diese Synchronisation – anders als bei einer Sammlung von Pendeluhren – allerdings nicht automatisch und auch nicht in jedem Fall. Umfangreiche Untersuchungen mit vielen Versuchspersonen haben aber gezeigt, dass das Herz seine synchronisierende, harmonisierende Funktion immer dann zur Wirkung bringen kann, wenn auch die Gefühlslage des Menschen ausgeglichen und harmonisch ist.
Es kann also heute mit Fug und Recht behauptet werden, dass das Herz als zentraler „Dirigent“ der rhythmischen Ordnung im Menschen wirkt. Und da praktisch alle körperlichen Vorgänge im Menschen rhythmisch durchgegliedert sind, hat das Herz, zusammen mit der Atmung, die zentrale integrierende und koordinierende Funktion im menschlichen Organismus. Und gleichzeitig ist das Herz – wie in den folgenden Kapiteln noch zu zeigen sein wird – das zentrale Organ für die gefühlsmäßige Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt.
Rein körperlich-funktional werden die Rhythmen der menschlichen Lebensprozesse allerdings vom vegetativen Nervensystem – dem Vegetativum – gesteuert. Und das Vegetativum nutzt dafür wiederum zwei „Gegenspieler“: den Sympathikus und den Parasympathikus. Generell kann man sagen, dass der Sympathikus die Aufgabe hat, den menschlichen Körper leistungsbereit, abwehrbereit, kampfbereit, fluchtbereit zu machen („fight or flight“). Der Parasympathikus will demgegenüber eher für Ruhe, Entspannung und Regeneration sorgen.
Das Vegetativum wirkt dabei auf sämtliche Organe ein und nutzt die Gegenspieler Sympathikus/Parasympathikus gleichsam als Hebel, um den Körper in einen situationsangepassten Zustand zu versetzen. Sicht- und spürbar wird das zum Beispiel in angstbesetzten Schrecksituationen: Der Mensch wird blass, kalter Schweiß bricht aus, auch die Hände werden kalt – je nach Konstitution. Genau umgekehrt verhält es sich bei einer freudigen Erregung. Das Vegetativum wirkt im Körper also sofort und überall – und es moduliert somit auch die Herzschlagabfolge (und damit die Herzfrequenz-Variabilität).
Etwas zugespitzt könnte man sagen, dass der Sympathikus dafür sorgen will, dass das Herz in einem möglichst exakt-gleichmäßigen Takt schlägt (und so seine „Truppen“ kampfbereit aufmarschieren lässt). Gelänge dem Sympathikus dies, wäre der Puls also nahezu regelmäßig. Die Kurve der Herzfrequenz-Variabilität sähe im Extremfall dann etwa so aus:

Diese Kurve zeigt zwar keinen vollkommen gleichmäßigen Puls (das kann es bei einem lebendigen Organismus nicht geben), aber doch einen Puls mit einer sehr geringen Herzfrequenz-Variabilität (was medizinisch gesehen ein deutliches Alarmzeichen ist).
Tritt nun jedoch die ausgleichende, abmildernde Wirkung des Parasympathikus hinzu, dann resultiert daraus eine ausgeprägt rhythmisch-harmonische Herzfrequenz-Variabilität:

Wie schon im ersten Kapitel gezeigt, lässt eine solche gleichmäßig „schwingende“ Herzfrequenz-Variabilität auf einen ausgeglichenen Gemütszustand schließen.
In der Praxis kommt es aber relativ häufig auch dazu, dass die Herzfrequenz-Variabilität überhaupt keinem erkennbaren Rhythmus folgt:

Die medizinisch-therapeutischen Schlussfolgerungen, die aus diesen unterschiedlichen Bildern der Herzfrequenz-Variabilität zu ziehen sind, werden uns später noch beschäftigen. Hier wollen wir zunächst dem schon angedeuteten Phänomen nachgehen, dass die starken Impulsgeber Herz und Lunge einen klar erkennbaren Einfluss auch auf andere Rhythmen des Organismus haben. So lässt sich beispielsweise eine solche Angleichung von Rhythmen sogar zwischen der Herzfrequenz-Variabilität und den Gehirnwellen feststellen:

Das obere Diagramm links zeigt das bereits bekannte Bild einer harmonischen Herzfrequenz-Variabilität. Diese Schwingungen entstehen, wie im Detail ab Seite 21 dargestellt, wenn die winzigen zeitlichen Abweichungen von einem Herzschlag zum nächsten (= Herzfrequenz-Variabilität) nicht ungeordnet, sondern harmonisch rhythmisiert erfolgen. Das kleinere Diagramm rechts daneben zeigt, welche Zeitabweichungen dabei am häufigsten gemessen wurden. In diesem Fall liegt der Schwerpunkt eindeutig bei 0,1 Hertz. Genauer gesagt: Die Abweichungen bei den Zeiträumen zwischen den einzelnen Herzschlägen lagen am häufigsten um und bei 0,1 Sekunden. Der insgesamt gemessene Bereich der zeitlichen Abweichungen bewegt sich dabei zwischen null und etwa einer halben Sekunde.
Wenn nun parallel zur Herzfrequenz-Variabilität auch der Verlauf der Gehirnwellen aufgezeichnet wird, dann zeigt sich an der Grafik auf Seite 40, rechts unten, insoweit eine Übereinstimmung zwischen dem Rhythmus der Herzfrequenz-Variabilität und dem der Gehirnwellen, als auch bei den Gehirnwellen die Frequenz 0,1 Hertz am häufigsten vorkommt – Herz und Gehirn haben sich in ihrem Rhythmus also weitgehend synchronisiert.
Und diese Koppelung von Rhythmen hat nun einen hochinteressanten Effekt: Es ist nämlich nicht nur so, dass das Herz andere körperliche Rhythmen beeinflusst, sondern umgekehrt hinterlassen diese anderen (sonst nicht so einfach zu messenden) Rhythmen des Vegetativums gleichsam „Zeichen“ in den Rhythmen der Herzfrequenz-Variabilität. Und diese können mithilfe von Zeitreihenanalysen aus den Werten der Herzfrequenz-Variabilität herausgelesen werden.
Das klingt ziemlich kompliziert – und das ist es auch. Im Bild kann man sich das etwa so vorstellen, wie man aus einiger Entfernung eine bewegte Meeresoberfläche wahrnimmt: Da gibt es die langen, starken Grundseen (vergleichbar vielleicht dem dominierenden Herz-/Atemrhythmus). Innerhalb dieser Grundseen sind nun weitere Wellen unterschiedlicher Länge und Höhe zu erkennen, die die Grundseen wiederum in einen bestimmten Rhythmus unterteilen. Und schließlich gibt es das sogenannte Kabbelwasser, das die gesamte Wasseroberfläche noch einmal rhythmisch kleinteilig gliedert.
© Fricke-Jensen
Und ähnlich diesem Blick auf eine bewegte Meeresoberfläche, zeigt sich in den Messdaten der Herzfrequenz-Variabilität tatsächlich die gesamte komplexe Rhythmik des vegetativen Nervensystems. Konkret: Aus den Messdaten der Herzfrequenz-Variabilität lassen sich recht präzise Rückschlüsse auf den Gesamtzustand des Vegetativums ziehen.
Dass das und wie das möglich ist, zeigt ein einfaches Beispiel: Wenn wir es bei einer normalen Herzfrequenz-Variabilität zum Beispiel mit einem Viervierteltakt zu tun hätten (jeder vierte Taktschlag wäre also etwas „betonter“, ein wenig anders als die anderen), dann könnte es sein, dass gleichzeitig auch noch jeder siebte Taktschlag eine Betonung bekommt (kürzer oder länger ist als der Durchschnitt). Fällt von Zeit zu Zeit nun so ein siebter Taktschlag mit einem vierten Taktschlag zusammen, ergäbe sich ein sehr spezieller, komplexer Rhythmus.


Die erste Reihe zeigt einen 4/4-Takt, bei dem jeder vierte Schlag betont ist. Diesem Takt wird nun ein zweiter Takt überlagert, bei dem jeder siebte Schlag besonders stark betont wird.

Zählt man nun den Wert (die Stärke) der betonten Schläge zusammen, ergibt sich ein bereits recht komplexer Rhythmus unterschiedlich stark betonter Schläge. Man kann aber erkennen, dass sich die beiden Ausgangsrhythmen aus diesem Rhythmus wieder herausrechnen ließen.
Diese Abbildungen zeigen natürlich nur ein sehr einfaches und schematisches Beispiel für einen in der Herzfrequenz-Variabilität sichtbar werdenden zusammengesetzten Rhythmus. Bei einer echten Auswertung ginge es um ein sehr viel feineres Zusammenspiel, ein sehr viel komplizierteres Geflecht unterschiedlicher Rhythmen, die sich dann nur noch mithilfe entsprechender Software durch Anwendung spezieller mathematischer Verfahren (Zeitreihenanalyse, Fourieranalyse) aus der Herzfrequenz-Variabilität herausrechnen lassen.
Der Aufwand lohnt sich aber, denn die Ergebnisse erlauben Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des ganzen Menschen. Und der ist umso günstiger zu beurteilen, je deutlicher sich in den Zahlenreihen der Herzfrequenz-Variabilität ein harmonischer, schwingender Rhythmus erkennen lässt, der sich möglichst im Einklang mit anderen körperlichen Rhythmen befindet.
Außerdem wissen wir ja bereits – die bisherigen Forschungsergebnisse sind da eindeutig –, dass eine rhythmisch schwingende Herzfrequenz-Variabilität auf einen positiv gestimmten emotionalen Zustand schließen lässt. Die große Bedeutung dieser Erkenntnis liegt nun darin, dass hier der Ansatzpunkt für neue und zum Teil verblüffend wirksame Therapieformen liegt. Denn wenn es gelingt, etwa durch bestimmte Übungen, sich bewusst in einen positiven Gemütszustand (Wertschätzung, Liebe, Gelassenheit usw.) hineinzuversetzen, so wirkt dies direkt harmonisierend und damit auch gesundend auf das Vegetativum. Das folgende Schaubild zeigt solche Effekte:

Dieses Schaubild zeigt, wie sich die Rhythmen von Atmung, Herzfrequenz-Variabilität und Pulswellenlaufzeit10 von ungeordnet (links) hin zu harmonisch-schwingend (rechts) entwickeln können, wenn das Vegetativum durch eine entspannende Übung11 ins Gleichgewicht gebracht wird.
Wobei sich die Wirkung einer solchen Übung auf das vegetative Nervensystem an den durch sie ausgelösten Veränderungen der Herzfrequenz-Variabilität exakt und in Echtzeit ablesen lässt – eine Rückmeldung, die für den Erfolg einer Therapie natürlich entscheidend ist. Was diese Rückmeldung möglich macht, ist die bereits erwähnte Zeitreihenanalyse, die es mit Computerunterstützung erlaubt, große Datenmengen schnell auf die in ihnen verborgenen Gesetzmäßigkeiten (sprich: Rhythmen) zu untersuchen.
Praktisch sieht das dann so aus, dass der Patient einen Messclip am Ohr trägt, der die Pulsdaten direkt in einen PC überträgt. Dort wird die Herzfrequenz-Variabilität erfasst, ausgewertet und in eine Grafik umgesetzt12:

Im oberen Teil dieser Bildschirmdarstellung wird die Messung der Herzfrequenz-Variabilität gezeigt. Mit inzwischen geübtem Blick lässt sich unschwer erkennen, dass die Herzfrequenz-Variabilität hier eher ungeordnet, unharmonisch verläuft.
Neu ist der untere Teil des Schaubilds, der – mit einer Zeitreihenanalyse aus der Herzfrequenz-Variabilität herausgerechnet – den Gesamtzustand des Vegetativums anzeigt. Konkret geht es um die Frage, ob aktuell (zum Beispiel unter Stress) der Sympathikus bestimmend ist oder der Parasympathikus (wie im Tiefschlaf). Dies zeigen die Säulen im unteren Teil der Schaubilder auf dieser und der nächsten Seite. Sie sind also so etwas wie eine Momentanalyse des Vegetativums. Dafür wird laufend die Herzfrequenz-Variabilität der jeweils letzten zehn Sekunden analysiert und dabei unter anderem errechnet, ob sich die in der Herzfrequenz-Variabilität erkennbar werdenden Rhythmen in einem definierten Idealbereich bewegen oder ob sie mehr oder weniger weit davon abweichen.
Dabei gilt: Befinden sich die Säulen im unteren Bildschirmbereich ganz links, dann hat der Sympathikus die Überhand. Je mehr die Säulen sich nach rechts hin verlagern, desto stärker hat der Parasympathikus an Einfluss gewonnen. Ideal wäre es demzufolge, wenn sich die Säulen – wie im folgenden Schaubild auf Seite 47 – vor allem im mittleren Bereich (also bei einer Herzfrequenz-Variabilität um 0,1 Hertz herum) zeigen.
Diese Möglichkeit, mithilfe einer computergestützten Zeitreihenanalyse eine laufende Rückmeldung über den aktuellen Gesamtzustand des Vegetativums auf dem Bildschirm sichtbar zu machen, erlaubt es nun, die Herzfrequenz-Variabilität nicht nur diagnostisch zu nutzen, sondern auch als therapeutisches Werkzeug einzusetzen – wovon in späteren Kapiteln berichtet werden wird. Im folgenden Gastbeitrag von Prof. Dr. Moser aus Graz werden die chronobiologischen und chronomedizinischen Grundlagen ausführlich dargestellt. Es handelt sich hier um die Resultate jahrzehntelanger Forschung auf höchstem wissenschaftlichem Niveau.

Zum Weiterlesen und Vertiefen
Eller-Brendl, D.: Herzratenvariabilität; Verlagshaus der Ärzte 2010
Hildebrandt, G.; Moser, M.; Lehofer, M.: Chronobiologie und Chronomedizin / Biologische Rhythmen – medizinische Konsequenzen, HRI-Gesundheitsleitsystem 2013 (in Vorbereitung)
Kapitel 4
„Alles schwingt“ – Chronobiologie und Chronomedizin
Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Maximilian Moser
Der Mensch schafft nicht nur, er ist auch Klang und Musik. Neue Ergebnisse der Chronobiologie zeigen, dass menschliche Körperrhythmen eine erstaunliche Übereinstimmung mit den aus der Musik vertrauten Schallfrequenzbereichen zeigen.
Musikalische Grundtöne liegen im Bereich von 16 Hertz (untere Hörgrenze = tiefster Orgelton) bis zu 1000 Hertz (= hohe Pfeife). Das entspricht ziemlich genau dem Frequenzumfang, den wir auch im Nervensystem vorfinden. Einzelne schnelle Neuronen entladen sich mit bis zu 1000 Hertz und Neuronenverbände im Gehirn schwingen zum Beispiel mit den 10 Hertz, die uns als Alpha-Rhythmik bei entspannter Ruhelage mit geschlossenen Augen bekannt sind. Schlag und Takt der Musik finden sich noch in einem anderen Teil unseres Körpers wieder: Der einzelne Schlag stimmt in seinen Tempoangaben sehr gut mit dem Herzschlag überein. Im Viervierteltakt ist das Verhältnis von Atmung zu Herzschlag, wie bereits erwähnt, vier zu eins enthalten. Der Schlag der Musik gibt also unseren Herzschlag, der Takt unsere Atmung wieder.
Auch die Dauer von Musikstücken können wir in unserem Organismus finden. Während ein kurzes Lied vielleicht eine Minute dauert, kann sich eine voll ausgespielte Wagner-Oper über mehrere Stunden ziehen. Dies ist auch der Frequenzbereich des Stoffwechsels in unserem Organismus. In der Leber finden sich zum Beispiel Durchblutungsrhythmen, die vom Sauerstoffbedarf des Gewebes bestimmt werden. Und unser gesamter Stoffwechsel wird im sogenannten basalen Ruhe- und Aktivitätszyklus (BRAC-Zyklus) alle eineinhalb Stunden aktiviert und dann wieder ruhiggestellt. Auch unsere Aufmerksamkeit, vom Stoffwechsel gesteuert, schwingt in diesem Zyklus. Dies ist auch der Grund, warum Redner über alles sprechen können, nur nicht länger als eineinhalb Stunden.
Mit diesen drei Bereichen des Organismus – Nervensystem, Herz-Kreislauf-System und Stoffwechsel – haben wir auch schon drei wichtige Bereiche des chronobiologischen Spektrums im Organismus angesprochen, die von Hildebrandt und Mitarbeitern13 als Teil eines komplexen rhythmischen Systems identifiziert wurden:
© Human Research Institut 2013 / Fricke
Die Abbildung zeigt den weiten Bereich der biologischen Rhythmen von einer Tausendstelsekunde (unten) bis zu Jahren (oben). Praktisch jeder Körperparameter unseres Organismus schwingt im Tagesgang (Mitte). Die langsameren Rhythmen wie der Tagesgang des Erdentags, das Sonnenjahr oder auch der lunare Zyklus zeigen unsere Anbindung an die kosmischen Rhythmen unseres Sonnensystems. Die schnelleren Rhythmen spiegeln die Rhythmik des Nervensystems (ganz unten), des Kreislaufs (Mitte) und des Stoffwechsels (oben) wider (nach Hildebrand et al. 1998; Moser et al. 2006).
Wie eingangs bereits erwähnt wurde, besitzt der Organismus nicht nur eine Raumstruktur, sondern auch – und diese sensationelle Erkenntnis hat die Chronobiologie im Laufe der letzten Jahrzehnte gemacht –, eine mindestens ebenso komplexe Zeitstruktur. Der Grund, warum dies nicht früher entdeckt wurde, liegt darin, dass Raumstrukturen gesehen werden können, Zeitstrukturen jedoch nur gehört – wenn sie die dafür richtige akustische Schwingungsfrequenz haben und laut genug sind. Erst die modernen Methoden der Signalanalyse haben es ermöglicht, Zeitstrukturen zu verstärken oder auch visuell darzustellen. Während die Raumstrukturen des Organismus seit der Renaissance genau untersucht wurden (etwa in der Anatomie von Andrea Vesalius), sind die Zeitstrukturen erst seit wenigen Jahren visuell zugänglich und zwar im sogenannten Chrono-Cardiogramm.
Unsere Arbeitsgruppe hat das Chrono-Cardiogramm 1992 entwickelt. Aus der Herzfrequenz-Variabilität kann es verschiedene Körperrhythmen visuell darstellen. Ein ganzer Tag und sogar noch längere Zeitabschnitte in den Herzrhythmen können auf diese Weise höchst anschaulich überblickt werden. Damit ist nun eine Chronodiagnostik aus der Herzfrequenz-Variabilität möglich und Therapien können in ihrer Wirkung beobachtet sowie auch dem Patienten gezeigt werden (siehe dazu auch Kapitel 3). Schauen wir uns nun ein Chrono-Cardiogramm und weitere Kennwerte im Detail an.
Im Chrono-Cardiogramm auf der folgenden Seite handelt es sich um die Kennwerte einesgesunden 11-jährigen Jungen. Gezeigt wird imobersten Teil des Bildes ein Überblick überdie vegetative Rhythmik des Herzens, die ein Abbild der gesamten vegetativen Situation ist. Im zweiten und vierten Bild von oben sind Vagus und Sympathikus-Aktivität sowie dazwi-schen der vegetative Quotient dargestellt. BeiLetzterem sieht man die nachmittags (links)schwankende Dominanz von Sympathikus und Vagus, die in der Nacht (Mitte) in eine vagale(blaue), am Morgen (rechts) dann in eine sympathische (rote) Vorherrschaft übergeht. Die Herzfrequenz (Herzrate) im fünften Bild und der Puls-Atem-Quotient ergänzen dieDarstellung. Im Tätigkeitsprotokoll (Diagramm unten) sind die belastenden (oben, rot)und erholsamen (unten, blau) Aktivitäten erkennbar, wertvoll für die individuelle Beratungvon Patienten (siehe www.humanresearch.at).
© Human Research Institut 2013
Die auf Seite 51 abgebildeten Körperrhythmen zeigen Abläufe, die an die Themen großer Symphonien erinnern. In ihrem Zusammenspiel erinnern sie an die rhythmische Interaktion etwa von Violinen und Kontrabass im Orchester.
Synchronisation und Koordination verschiedener Körperrhythmen sind dabei für die Qualität des Schlafes von großer Bedeutung. Der medizinische Begriff der „Schlafarchitektur“ zeigt, dass auch alltägliche Lebensvorgänge „Kunstwerke“ enthalten, die unserem Bewusstsein bis vor Kurzem nicht zugänglich waren. Vergleichbar mit einem Kunstwerk, so ist es die gekonnte Mischung aus Chaos und Ordnung, die nicht nur die Qualität des Lebens, sondern auch die Gesundheit unseres Organismus bestimmt.14 Die Wiederherstellung der verloren gegangenen Harmonie dieser Polaritäten könnte eines der Geheimnisse der Wirkung von Musiktherapien sein.
Musik und Medizin haben gemeinsame Wurzeln in den Urzeiten der Menschheit. Noch heute verwenden Schamanen Rhythmus und Melodie, um jenen speziellen Zustand einleiten zu können, der Heilung bewirkt. Trotz dieser engen Verbindung zwischen Musik und Therapie gibt es wenig Wissen über das genaue „Wie“ der heilenden Wirkung von Musik und Rhythmus. So konnte zwar eine beruhigende Wirkung von Mozarts Musik15 festgestellt werden, Blutdrucksenkung und Verringerung von Stresshormonen durch Musik sind beschrieben16, gestörter Schlaf wird verbessert17, und das Burn-out-Syndrom sowie Stimmungstiefs werden durch Musikstunden reduziert18. Auch die Lernleistung von Schülern in mathematischen Fähigkeiten wurde durch das Üben von Musik verbessert19 sowie kognitive Fähigkeiten20. Eine durchgängige Theorie der heilenden und fördernden Wirkung von Musik ist jedoch, auch aufgrund fehlender Messungen, nicht vorhanden oder zumindest nicht allgemein anerkannt.
Werfen wir nun einen physiologischen Blick auf Schwingungsvorgänge im menschlichen Organismus, die wahrscheinlich eine wichtige Basis unserer Gesundheit sind.
Paradigmenwechsel in der modernen Biologie und Medizin
In der Biologie und Medizin findet derzeit, wie bereits erwähnt, ein äußerst interessanter Paradigmenwechsel statt: Der Begriff der Homöostase, also die Tendenz des Organismus, Körperparameter immer gleichzuhalten, wird aufgrund neuer Erkenntnismodelle infrage gestellt und durch das Konzept der Homöodynamik ersetzt (siehe auch Kapitel 3)21: „panta rhei“ = „alles fließt“, alles schwingt im Organismus. Diese Idee eines schwingenden Lebens ist viel besser mit den Konzepten einer „musikalischen Medizin“ in Einklang zu bringen als der alte Begriff der Homöostase. Schon Novalis schreibt: „Jede Krankheit [ist] ein musikalisches Problem – ihre Auflösung eine musikalische Auflösung.“ Und: „Die musikalischen Verhältnisse scheinen mir recht eigentlich die Grundverhältnisse der Natur zu sein.“22 Dieses Schwingen des Lebens braucht nun, auch dank der neuen Bilder, nicht mehr metaphorisch verstanden zu werden, sondern lässt sich physikalisch und chronobiologisch nachweisen: Es gibt kaum einen Körperparameter, der nicht im Rhythmus von Tag und Nacht schwingt, und der nicht in das chronobiologische System des Organismus durch Phasen- oder Frequenzbeziehungen eingebunden ist.23
Nun war es lange Zeit gar nicht so leicht, das Schwingen im Körper zu messen – wahrscheinlich der Grund, warum biologische Schwingungsphänomene erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt, ihre Forschung lange Zeit belächelt und ihre Bedeutung erst am Ende des 20. Jahrhunderts erkannt wurde. Heute sind Zeitschriften wie Nature und Science voll mit Artikeln über Chronobiologie und Chronomedizin, und die Erkenntnisse aus innovativen Messungen schaffen es, in die Listen der „wissenschaftlichen Durchbrüche des Jahres“ Eingang zu finden. Obwohl viele Forscher noch Schwierigkeiten damit haben, bei der Fülle von Einzelerkenntnissen das große Ganze zu sehen, wird es immer klarer, dass Koordination ein Grundprinzip der Rhythmik des Körpers ist, und dass die vielen Teile zu einem Ganzen zusammenwirken, dessen Komplexität erst langsam verstanden wird24. Das Bild eines Zeitorganismus entsteht, in dem agonistische (gleichgerichtete) und antagonistische (gegeneinander gerichtete) Rhythmen in Kooperation und Wechselspiel, wie die Muskeln und Sehnen einer Vesal’schen Anatomie, zusammenwirken und den Ablauf des Lebens organisieren.
Während die Wissenschaft also gerade dabei ist, eine „Anatomie der Zeit“ zu entwickeln, beginnen sich bereits erste Anzeichen einer „Histologie der Zeit“ zu entfalten.25 Mikrorhythmus wirkt mit Makrorhythmus zusammen; und es zeigt sich immer deutlicher, dass unser Organismus im Bereich der Zeit genauso komplex gestaltet ist wie im Bereich des Raums.26
Da unser optischer Sinn ein hohes Wahrnehmungsvermögen im Bereich des Räumlichen hat, jedoch ein geringes im Zeitlichen, ist uns bisher die zeitliche Dimension des Menschen nur dort nicht entgangen, wo „Zeit zum Raum wird“, wie es Richard Wagner im Parzival ausdrückt. Dies geschieht nicht nur bei Bäumen in Gestalt der Jahresringe, sondern auch in der menschlichen Niere in den Harnsteinen, in denen sich der Tagesgang der Harnsäurekonzentration als Schichtung äußert.

Leben hinterlässt auch räumliche Zeitspuren, wenn Wachstumsvorgänge (wie bei Bäumen) rhythmisch moduliert auftreten. Im Fall des Harnsteins bewirkt der nächtliche Anstieg der Harnkonzentration eine rhythmische Fällung, die zu einer Schichtung des Konkrements führt (aus: Hildebrandt et al. 1998).

Diese Streifung wird durch das circa-septan (7-tägig) modulierte Wachstum von Zellen bei der Bildung des Zahnschmelzes vor Zahndurchbruch gebildet und spiegelt nicht die soziale Woche, sondern die endogene, etwa siebentägige Rhythmik des menschlichen Organismus wider, die auch bei vielen Heilungsvorgängen zu beobachten ist (Bild aus: Dean, 2000).
Ein weiteres Beispiel: Der Aufbau des Zahnschmelzes zeigt Tages- und sogar Circa-Siebentages-Rhythmen, eine Tatsache, die zwar lange bekannt ist27, aber erst seit wenigen Jahren chronobiologisch erforscht wird.
Untersucht man die Körperrhythmik mit der Wahrnehmung des Musikers, so enthüllt sich ihre nahe Verwandtschaft zur Musik.28 Umgekehrt wird auch die Entstehung der Musik aus der Körperrhythmik erkennbar, wenn frühe Aufzeichnungen von Musik mit der physiologischen Rhythmik verglichen werden: Brevis, die kurze Note der ursprünglichen Gregorianik, dauert etwa einen Herzschlag lang, und Longa, die Länge dieser choralen Musik, wird in einem Atemzug gesungen. Sie stehen zueinander in einem Verhältnis von vier zu eins. Musikalisch ist das eine Doppeloktave und entspricht genau dem Verhältnis des Herzschlags zur Atmung, das beim gesunden Menschen im tiefen Schlaf gefunden wird (siehe die Abbildung).
Dass sich die Physiologie des Menschen in der Musik widerspiegelt, wird aus der Tatsache verständlich, dass Menschen diese Musik gemacht und mit ihrem Atem im Gesang oder mit dem Musikinstrument gestaltet haben. Im Lauf der Musikgeschichte – auch zu einer Zeit, als Medizin und Musik sich schon längst getrennt hatten –, gab es immer wieder Versuche, Musik und Rhythmus therapeutisch einzusetzen. Bekannt sind die Bach’schen Goldbergvariationen, die ja ausdrücklich als musikalisches Therapeutikum gegen die Schlaflosigkeit des Grafen Keyserlingk komponiert wurden. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dann Musik gemeinsam mit dem Tanz als Ausdrucksmittel des Tanzenden in einen neuen therapeutischen Kontext gestellt. Eurythmie, die von Rudolf Steiner zusammen mit Lory Meier-Smits ab 1912 entwickelte Form des Ausdruckstanzes, war von Anfang an als therapeutisches Kunstmittel konzipiert. In der etwas später entstandenen Heileurhythmie werden bestimmte Laute und Lautfolgen bewusst als Heilmittel für den kranken Organismus eingesetzt.
In traditionellen Kulturen bei sogenannten „Naturvölkern“ kann man vereinzelt noch die ursprüngliche Bedeutung und vielleicht sogar eine der Entstehungsbedingungen von Musik beobachten. Musik erleichterte schwere körperliche Arbeit durch Rhythmus und brachte Freude und Schwung in das Leben29, sie begleitete jedes Fest und sang Kinder in den Schlaf. Körperrhythmen wurden durch Musik ausgedrückt und verstärkt. Das ganze Leben war Musik. Für traditionelle Afrikaner ist es heute noch unverständlich, wenn Europäer räumlich getrennt von den Musikern zwei Stunden still verharren und einer Oper oder einem Konzert lauschen. In ihrer Heimat tanzt und spielt das ganze Dorf mit, wenn Musik gemacht wird. Es wäre eine Strafe, nicht mitspielen zu dürfen! Dies berichtet Bernd Bechtloff, der Perkussionist des bekannten Musikers Hubert von Goisern, nach einer musikalischen Tournee durch Afrika.
Menschliche Arbeit ist ursprünglich so sehr mit Musik verbunden, dass viele Handwerkzeuge vollwertige Musikinstrumente abgeben. Sie synchronisieren durch Masse und Größe den Arbeitsablauf mit Körperbewegung, Herzschlag und Atmung. Aus dem Stampfrhythmus entsteht quasi von selbst rhythmische Musik nach menschlicher Metrik. Im Gegensatz zum späteren rigiden Takt der Maschinen ist diese Rhythmik aber flexibel und schwingend.
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