Kitabı oku: «MORTIFERA»

Yazı tipi:

Markus Saxer

MORTIFERA

Düstere Geschichten

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverfoto © ninared – Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

COVER

TITEL

IMPRESSUM

ÜBER DEN AUTOR

JUDITH UND HOLOFERNES

DAS WEISSE GESICHT

BEGEGNUNG IN DER KATHEDRALE

DA VINCI’S MAGIERIN

MONDFINSTERNIS

DAS PORTRÄTFOTO

DIE GOLDENE TASCHENUHR

MARFAS SCHATTEN

GORGO 2012

SINFONIE DES TODES

DAS GEHEIMNIS DER FENSTERROSE

VANITAS

EIN FREMDER IN DER BADEWANNE

ELYSIA UND IHR SPIEGEL

BARBARAS BABY

FEMME FATALE

DAS GEISTERKIND

HERR ADAM SIEHT SCHWARZ

IM GARTEN GETHSEMANE

DAS GESCHÖPF DER SENNEN

DER DOPPELTE FALSCHE MOZART

LEBENDE TATTOOS (scherzhaftes Outro)

Markus Saxer, 1961, lebt mit seiner Familie in Stettlen/CH. Zahlreiche Kurzgeschichten des Autors mündeten im Laufe der Jahre in Romanheften, Buch- und Hörbuch-Anthologien. Im 2004 wurde sein erster Roman DIE SYMMETRIE DES BÖSEN beim deutschen VirPriV-Verlag publiziert. Das Buch wurde in der Sparte Roman-Debüt für den Deutschen Phantastik Preis2005 nominiert.

Im 2013 wurde sein Krimi TÖDLICHES MANUSKRIPT vom Engelsdorfer Verlag in Leipzig herausgegeben.

Das älteste und stärkste Gefühl des Menschen ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.

H.P. Lovecraft

JUDITH UND HOLOFERNES

Das Hotelzimmer lag in tiefem Schweigen. Theo de Fago schob die Gardine zur Seite und schaute auf die ins Sonnenlicht getauchten Weinberge und auf den Spiegel des Sees, dessen aquamarinblaue Oberfläche sich sanft kräuselte. Diese Landschaft hatte etwas von einer Hochglanzpostkarte an sich, erschien ihm künstlicher und weniger real, als die Frau auf dem Ölgemälde über dem Sekretär. Zum wiederholten Mal seit seiner heutigen Ankunft im Kurhotel Engel wandte er sich diesem Bild zu. Von ihm ging eine enorme Suggestivkraft aus, sodass er mit hinter dem Rücken verschränkten Händen nahe an die Bildgestalt trat. Die majestätische Dame im Gewand aus goldenem Damast hielt wie eine Trophäe einen abgeschlagenen Kopf an einem Haarbüschel in der linken Hand. Dass diesem Haupt mit den höchst unansehnlichen Blutgefäßen des Halses das Gesicht fehlte, verlieh der Darstellung etwas höchst Surreales. Die beringte Rechte der Schlächterin umklammerte den Griff eines bluttriefenden Kurzschwerts. Ihr mit einem purpurroten Band zusammengehaltenes Haar floss in langen, welligen Flechten nach hinten über ihre Schultern. Blutdurst, Triumph und kühle Leidenschaft blitzten in ihren Augen. Um ihren Mund lag ein grausamer und doch sinnlicher Zug.

Komm, schienen diese Lippen ihn aufzufordern, komm zu mir und erwecke mich zum Leben!

Die Drastik der Darstellung war schlicht atemberaubend. Theos Empfindungen wechselten zwischen Ablehnung und Faszination, wobei letztere allmählich obsiegte. Er streckte die Hand so weit aus, dass er mit dem Finger beinahe den Firnis dieses todestrunkenen Werks berühren konnte. Langsam breitete sich ein Kribbeln in seinem Körper aus. Er spürte, wie sich die Schönheit dieser düsteren Heldin heimtückisch in sein Herz schlich. Eine Heldin, die auf ihn lebendiger und leidenschaftlicher wirkte, als so manche Zeitgenossin aus Fleisch und Blut. Die Stille im Zimmer mochte nicht zuletzt von diesem Bild ausgehen, dessen Aura den Betrachter absolut gefangen nahm. Theo versenkte sich immer tiefer in dieses Meisterwerk. Es stachelte seine Phantasie an und ließ ihn die Zeit und seine Umgebung vergessen. Erst als es dämmrig wurde, riss er sich davon los. Er packte seinen Koffer aus, räumte die Sachen in den Schrank und ging dann etwas geistesabwesend aus dem Hotelzimmer, um in der Gaststube das Abendessen einzunehmen.

Theo händigte den Zimmerschlüssel dem kahlköpfigen Alten in der schwarzen Livree an der Rezeption aus. »Sagen Sie, dieses Bild in meinem Zimmer …«

Der Alte schob die Unterlippe vor, schaute auf die Schlüsselnummer und sagte: »Soll ich dieses schaurige Bild vielleicht aus Ihrem Zimmer entfernen, mein Herr?«

»Nein, nein. Ich bin ganz fasziniert davon. Leider konnte ich keine Signatur auf der Leinwand entdecken. Wissen Sie, wer es gemalt hat?«

Der Alte schüttelte bedächtig den Kopf: »Einen Moment bitte, ich hole die Chefin.«

Die Dame, die kurz darauf hinter den Hoteltresen trat, lächelte den Gast an und warf einen Blick in das Gästebuch. »Womit kann ich Ihnen dienen, Herr de Fago?« Ihre Stimme passte zu ihren wachen Augen und den graumelierten, kurz geschnittenen Haaren, die ihr herbes Gesicht betonten.

»Ach, ich wollte mich bloß erkundigen, von wem das Bild auf Zimmer 207 stammt.«

Sie zuckte die Achseln. »Das weiß man nicht. Mangels Signatur konnte es bislang noch keinem Künstler zugeordnet werden. Wieso fragen Sie?«

»Na ja, es gefällt mir. Ich finde, es ist vortrefflich gemalt.«

»Sind Sie vielleicht Kunstsammler?« Sie stützte sich mit den Händen auf dem Tresen ab.

Lächelnd winkte er ab. »Nein. Aber dieses Bild könnte mich vielleicht dazu verleiten, mit dem Sammeln von Kunstwerken anzufangen. Verkaufen Sie es mir?«

»Wissen Sie, obschon wir keine Expertise davon besitzen, und eine genaue Datierung dadurch nicht möglich ist, stufe ich es als ziemlich wertvoll ein.«

»Der Preis würde keine Rolle spielen. Wirklich nicht.« Theo war es etwas peinlich, dass er sein Interesse an dem Bild so unverhohlen zur Schau stellte.

»Ich muss Sie leider enttäuschen, aber das Bild ist unverkäuflich.«

Theo nickte enttäuscht. »Ich verstehe … Wie sind Sie dazu gekommen? Und wer ist diese Dame mit dem Schwert?«

»Hm. Also kurz nachdem ich hier das Hotelmanagement übernommen hatte, entdeckte ich das Bild im Winkel einer Abstellkammer, eingehüllt in ein Wachstuch. Wahrscheinlich stellt es Judith mit dem Haupt des Holofemes dar – ein in der klassischen Malerei sehr beliebtes und oft variiertes Motiv. Aber das ist lediglich meine Vermutung.«

»Schade, dass dieser Holofernes kein Gesicht besitzt, denn dann wäre das Bild vollkommen.«

»Nun ja … Alles Menschliche an sich ist stets unvollkommen. Wäre etwas vollkommen, dann wäre es nicht mehr menschlich, sondern göttlich, nicht wahr?« Nach dieser Entgegnung wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Telefon zu, das schrill ihre Rede unterbrach. »Antonio!«, rief sie ärgerlich nach dem Alten, ehe sie den Hörer abnahm, »alles muss man hier alleine machen …«

Nachdem Theo mit einigen Kurgästen ein leichtes Abendmahl in der Gaststube eingenommen hatte, kehrte er in sein Zimmer zurück. Unter Judiths Blicken ging er ins Badezimmer und stieg unter die Dusche. Im weißen Bademantel mit der Goldstickerei Kurhotel Engel und nassen, nach hinten gekämmten Haaren, legte er sich eine Weile aufs Bett und starrte an die Decke. Eigentlich war er hier, um übers Wochenende fernab von Familie und Kinderlärm eine Dissertation zu prüfen. Aber das Gemälde übte eine geradezu magische Anziehungskraft aus, sodass er seinen Kopf drehen und es ansehen musste. Jetzt, nachts, schien es von einem schwelenden Licht erfüllt, das die Frauengestalt fast plastisch hervortreten ließ. »Judith«, murmelte er nachdenklich, »oder wer immer du sein magst, meine unerschrockene Heldin.«

Der kleine, zu allem entschlossene Mund in ihrem Gesichtsoval, raubte ihm fast den Atem, er konnte einfach nicht wegschauen.

Komm, erwecke mich zum Leben!

Er wusste, dass es abartig war, ein solch blutrünstiges Weib zu verehren. Und trotzdem … Um seine Unruhe zu kaschieren, setzte er sich auf den Rand der Matratze, drehte das Radio an, suchte und fand einen Klassik-Sender. Das Andante von Mahlers sechster Sinfonie erscholl und verbreitete eine trübe Stimmung. Musik, wie eine Verbindung zum Unendlichen und Unfassbaren. Theo stand auf, nahm sich eine Erdbeere aus dem Fruchtkörbchen und verzehrte sie genüsslich vor dem offenen Fenster. Kühle Nachtluft strömte herein, umhüllte ihn wie eine Decke.

Nach weiterer eingehender Betrachtung des Gemäldes, das nun wie schwerer Wein seine Sinne benebelte, entschloss er sich, um jeden Preis in dessen Besitz zu gelangen. Es mutete ihn selbst verrückt an, aber er war gerade dabei, dieser Judith rettungslos zu verfallen. Sie musste ihm gehören, ihm allein, und gierig streckte er seine Hand danach aus. Theo merkte, wie er vor Begierde anfing zu zittern. Als er das Bild von der Wand nahm, glitt kalt und schnell wie eine Messerspitze ein Schweißtropfen zwischen seinen Schulterblättern hinunter. Schnell biss er sich auf die Unterlippe, ein winziger Blutstropfen trat hervor. Bebend hielt er den Rahmen fest in den Händen und küsste versessen Judiths Lippen. Ein Schauer der Erregung rieselte durch seinen Körper.

Seine Sachen hatte er gepackt, das Bild in ein Badetuch gewickelt. Ohne die Konsequenzen seines Handelns zu bedenken, schlich Theo frühmorgens auf Zehenspitzen samt der Diebesbeute die Hoteltreppe hinunter. Einmal blieb er kurz stehen und lauschte. Jemand schnarchte. Klopfenden Herzens stieg er weitere Stufen hinab, duckte sich auf einem Treppenabsatz – und sah direkt auf Antonio. Doch der Alte schlief mit offenem Mund und in sich zusammengesackt auf einem Stuhl hinter dem Tresen. Lautlos durchquerte Theo de Fago das Foyer, verließ das Kurhotel und eilte zu seinem Wagen; dabei beschlich ihn permanent das Gefühl, jemand sei ihm dicht auf den Fersen. Immer wieder blickte er sich um, doch er sah nichts. Er spürte nur ein Zittern, ein Vibrieren der Luft, als signalisiere die Dunkelheit die Präsenz einer Art Energie oder das unsichtbare Vorhandensein von etwas Fremdartigem.

Theo fuhr durch schlafende Dörfer. Anfänglich grinste er noch wie im Wahn vor sich hin, doch bald schon spürte er die Müdigkeit auf den Lidern lasten und auch auf dem Fuß, der das Gaspedal trat. Während er mit links den Wagen steuerte, schaltete er mit dem rechten Zeigefinger die Innenbeleuchtung an und bewunderte das Gemälde auf dem Beifahrersitz. Da bemerkte er erschrocken, dass die Frau auf dem Bild fehlte. Unwillkürlich machte er einen Schlenker mit dem Wagen, korrigierte aber sofort, fuhr sich mit der rechten Handfläche zweimal rasch übers Gesicht und versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn.

Die Müdigkeit spielt mir einen Streich. Oder vielleicht sind es die überreizten Nerven …

Plötzlich spürte er den Druck von Fingern auf seiner Schulter und schrie überrascht auf. Mit weit aufgerissenen Augen warf er den Kopf herum.

Wie ein Gespenst saß Judiths Inkarnation stumm in voller Lebensgröße auf dem Rücksitz, mit Augen, die wie zwei Sterne glitzerten.

Theo konnte kaum glauben was er sah. Fassungslos saß er mit offenem Mund reglos in seinem Sitz.

Er hatte tatsächlich die Forderungen ihrer Lippen eingelöst und sie zum Leben erweckt …

Eine Autohupe zerfetzte die Stille der Nacht. Theos Herz raste, gehetzt blickte er nach vom und wurde von Scheinwerfern geblendet. Entsetzt stellte er fest, dass er von seiner Spur abgekommen war. Er riss hektisch das Steuer herum, verwechselte in seiner Panik die Pedalen und gab Vollgas.

Judiths Finger streichelten sachte sein Haupt, ehe sie sich in seinem Haar festkrallten und seinen Kopf brutal nach hinten rissen, bis er brüllte. In Sekundenschnelle schnitt sie ihm mit dem Kurzschwert die Kehle durch und säbelte ihm den Kopf ab. Blutfontänen spritzten an die Scheiben und über die Armaturen, während der Wagen schleudernd in einer Rechtskurve die Straße verließ und sich wuchtig um einen Baum wickelte.

Das Wrack wurde im Morgengrauen geborgen. Die Bergungskräfte trafen auf eine männliche, aber kopflose Leiche im Wageninneren. Der Schädel wurde trotz intensiver Suche nicht gefunden.

Auf dem rechten Vordersitz entdeckte man ein blutbeflecktes Frottiertuch, das über einem alten Gemälde lag. Es stellte eine in Prunk gekleidete Frau dar, die ein abgeschlagenes Haupt an den Haaren hielt. Und dieses Haupt trug unverkennbar die in Agonie verzerrten Gesichtszüge Theo de Fagos.

DAS WEISSE GESICHT

Vorgestern fand er ein Foto in der Post. Darauf war nichts weiter als sein Briefkasten abgebildet. Verblüfft und mit einer leisen Beklemmung schaute er es sich an. Kein Vermerk auf der Rückseite. Gewiss nur ein dummer Scherz, dachte er und kehrte in sein Haus zurück. Depressiv und ängstlich wie er war, geriet er dennoch ins Grübeln.

Nachts fand er keine Ruhe, knipste immer wieder die Nachttischlampe an und betrachtete wiederholt dieses so banale, wie rätselhafte Foto, suchte nach versteckten Hinweisen, fand jedoch nichts. So machte er die Lampe endgültig aus. Ein weißes Licht zeichnete die Form des Schlafzimmerfensters auf den Boden. Die Möbel, größer als bei Tag, fleckten undeutlich das Dunkel. Er faltete die Hände über dem Bauch und starrte das schwarze Rechteck der Zimmerdecke an. Wie ein offenes Grab grinste die Decke herab. Er schloss die Augen, konnte aber nicht einschlafen. Ein unerträgliches Gemisch aus körperlicher Müdigkeit und dem Gefühl von etwas, das ihn innerlich aufzehrte, zermürbte ihn. Gedanken, bevölkert von abscheulichen Existenzen und Wesen ohne Leben, tobten auf einmal in seinem Gehirn. Etwas Unwägbares, Gestaltloses, das in der Finsternis zu lauem schien, peitschte seine Nerven zusätzlich auf, während sein Herz geradezu galoppierte. Er atmete mehrmals hintereinander tief ein und aus, versuchte es mit mentalen Entspannungsübungen. Es half nichts, der Schlaf floh ihn wie einen Verdammten, wies ihn ab, wie Ölzeug das Wasser. Er hörte die Zeit fallen, Tropfen um Tropfen.

Als er dann doch kurz einschlief, hatte er ein unheimliches Traumbild: Das schmale, weiße Gesicht einer Fremden, das zitterte wie auf dem Grund eines Flusses. Zwei dunkle Augen mit starrem Blick …

Gestern lag erneut ein Foto in seinem Briefkasten. Diesmal hatte der mysteriöse Fotograf seine Haustür abgelichtet. Zuerst regte er sich darüber auf, doch später bekam er Angst. Etwas Ungeheuerliches schien sich ihm auf leisen Sohlen zu nähern, unaufhaltsam pirschte es sich heran. Noch machte es Halt vor seiner Tür, aber wie lange noch?

Nachdem er ein Bad genommen und sich mit dem Frottiertuch abgetrocknet hatte, griff er nach dem Rasiermesser und stellte sich vor den Spiegel, der noch beschlagen war. Er betrachtete sein verschwommenes Spiegelbild, die Schneide nahe am Hals. Jäh kam ihm die verrückte Idee, es hätte sich vielleicht gleichzeitig mit den beiden Aufnahmen ein unsichtbares Wesen in sein Haus eingeschlichen und beschlossen, sich in seinem Körper einzunisten, sich seine Stimme und seine Bewegungen anzueignen. Und nun war es vielleicht dieses Wesen, nicht er, das statt seiner das Rasiermesser hielt. Seine Hand zitterte so heftig, dass er sich eine kleine Schnittwunde zufügte. Blut troff ins Waschbecken und vermengte sich mit Wassertröpfchen zu einem purpurnen Rinnsal. Als er wieder in den Spiegel blickte, schien es ihm, als schaute dieser andere zurück.

Oder diese andere?

Er kniff die Augen zusammen, als könne er so besser sehen. Tatsächlich, es war das Gesicht aus seinen Träumen. Zwei stetig dunkler werdende Augen hefteten sich auf ihn, bis ihn das Grauen packte. Der Spiegel wurde klar, das Gesicht eisig scharf. Aus dem Mundwinkel der Frau rann ein Blutfaden. Ihr Blick verwandelte sich in quälendes Starren – der Blick einer Wahnsinnigen. Leise bewegte sie die aschfahlen Lippen, und wäre da nicht diese Totenstille gewesen, er hätte geglaubt, sie rede mit ihm. Ihr Antlitz war voll morbider Schönheit und schlug ihn in seinen Bann. Ihre stechenden Pupillen ließen ihn nicht mehr los. Mit einem Mal brach ein Stöhnen die Stille. Das Rasiermesser entglitt seinen Fingern und landete auf der Badematte neben der Wanne. Am ganzen Körper zitternd war ihm, als verfinsterte sich der Tag, als würde alles zerrinnen, als würde er selbst aus der Zeit herausfallen. Kalter Schweiß brach ihm aus, schlagartig hatte er Eiswasser in den Adern. Allmählich verflüchtigte sich ihr Gesicht und machte seinem Ebenbild Platz. Es erschien ihm fremd. Eine Weile sah er auf seine eigene Visage, ehe er langsam realisierte, wie ihm das Blut aus der Schnittwunde am Hals warm den Körper herunterrann. Ihm wurde schwindlig. Nach Atem ringend krallte er sich am Rand des Waschbeckens fest und sackte in die Knie.

In derselben Nacht kauerte er auf dem Bett, überdachte alles nochmals und fühlte sich fix und fertig. Er nippte an der Teetasse und öffnete das Nachtschränkchen. Völlig überrascht war er, als neben den beiden ersten Fotos noch ein drittes lag. Darauf war seine Haustür einen Spaltbreit geöffnet, und durch diesen Spalt – es lief ihm eiskalt den Rücken runter – schaute das weiße Gesicht aus seinen Träumen. Er rang nach Atem. Wie hypnotisiert starrte er eine Weile auf die Aufnahme, ehe er sie durchs Zimmer schleuderte und hoffte, nicht den Verstand zu verlieren.

Er ging ins Bad, schluckte eine Valiumtablette, legte sich anschließend aufs Bett und knipste die Nachttischlampe aus. Ein Streifen Mondlicht lag wie ein hell leuchtendes Band auf dem Boden. Als er endlich in die Anderwelt zwischen Traum und Wachen glitt, hörte er am Rande seines Bewusstseins das regelmäßige Atmen eines Schläfers.

Sein eigener Atem?

Wie schon am Morgen im Bad, vernahm er wieder dieses Stöhnen. Sofort war er hellwach und blickte panisch auf das Foto, das im Zimmerwinkel schimmerte.

Was, wenn das darauf abgebildete Wesen Gestalt annehmen und ihm entgegentreten würde?

Wie ein ängstlicher Junge zog er sich die Decke über den Kopf und verscheuchte diesen Gedanken. Glücklicherweise ließ ihn das Schlafmittel sachte wegdämmern. Während er schlief, sah er zeitgleich die Dinge um sich herum so klar wie im Wachzustand, sah sich durch eine unerklärliche Verdoppelung selbst in seinem Bett liegen. Ganz weiß war sein Gesicht, so wie das der Fremden. Leise bewegten sich seine Lippen, er beugte sich quasi über sich selbst und merkte mit Schaudern, dass sie seinen Platz eingenommen hatte. Schreiend spürte er, wie ihm das Blut mit grässlichen Geräuschen durch den Kopf schoss. Er hielt sich die Ohren zu, versuchte die Augen zu schließen, konnte es nicht, wollte wegblicken – es gelang ihm nicht.

Erst als sie die Hände hob, wurde es still in seinem Kopf. Wie durch Zauberei fiel auch die Angst von ihm ab. Er überlegte, ob er sie nach den Fotos fragen sollte.

»Du selbst hast diese Fotos gemacht.«

Hatte sie das eben gesagt, oder hatte es ihm ein Gedanke ins Gehirn geflüstert?

Während er darüber sinnierte, wurde ihm bewusst, wie schön sie war und wie selbstsicher sie nackt auf den Laken ruhte. Auf ihrem schmalen Gesicht kämpften fahles Mondlicht und Schatten miteinander. Trotz ihres zwingend-fordernden Blicks war er jetzt ganz entspannt, was ihm unter den gegebenen Umständen sehr merkwürdig erschien. Seine Furcht war wie weggeblasen, jegliche Müdigkeit von ihm abgefallen. Er war gar so kühn, sich neben sie aufs Bett zu setzen, woraufhin ein Lächeln ihre Mundwinkel verzog. Es war das Lächeln eines nichtmenschlichen Wesens, doch ging ein solcher Zauber von dieser Gestalt aus, dass er auf unerklärliche Weise angezogen wurde. In seinem Taumel wagte er es, ihr behutsam eine Haarsträhne hinters Ohr zu streichen. Sie schloss die Augen und seufzte genießerisch. Langsam glitten seine Finger in die dichte schwarze Masse ihres Haars. Ein Duft wie von vermodernden Blumen lag in der Luft.

»Wer bist du?«, flüsterte er.

»Komm …«, las er von ihren Lippen ab.

Er beugte sich über sie und schaute sie an. Sie schlug die Augen auf und es schien, als würde die anbrechende Morgenröte darin glimmen. Sacht berührten seine Lippen die ihren – sie waren kalt. Blitzartig umschlang sie ihn mit Armen und Beinen, krallte sich fest wie eine Ertrinkende. Schlagartig wurde ihm klar: Er war ihre Beute und nicht ihr Meister. Trotz oder gerade wegen dieses vollständigen Ausgeliefertseins, packte ihn eine widernatürliche, tierische Begierde. Wild vollzog er mit ihr den Liebesakt – gierig und sehnsüchtig. Auf dem Höhepunkt der Wollust erstickte er seinen Lustschrei keuchend in ihrem Haarschwall. Dann versuchte er, sich von ihr zu lösen, aber sie gab ihn nicht frei. Gesättigt und ernüchtert wollte er sein Fleisch von ihrem Fleisch reißen, aber sie hielt ihn im Schraubstock ihrer Glieder fest. Er hielt still in der Hoffnung, sie würde ihn freilassen. Sie hielt jedoch noch fester, verdrehte lauernd die Augen und öffnete ein wenig die Lippen. Wieder erklang dieses Stöhnen, das sie zwischen den Zähnen hervorpresste.

Bestürzt hatte er das Gefühl, mit ihr in die Tiefe zu stürzen, mit ihr sterben zu müssen. Ein glühender Schmerz durchzuckte ihn, als sie ihm schlagartig die Zähne in die Schulter bohrte. Sich aufbäumend hörte er sich selbst schreien, während er seine Hand auf die blutende Wunde drückte. Sobald ihr Körper unter ihm erschlaffte, sprang er mit einem Satz vom Bett auf, obwohl der Schmerz in seiner Schulter wütete. Bebend, aber fasziniert, sah er im Zwielicht des heranreifenden Tages ihren schmalen, zarten Körper wie tot auf dem Bett liegen. Ein dünner Blutfaden rann ihr vom Mundwinkel. Nie zuvor hatte er etwas Grausigeres und zugleich Schöneres gesehen.

In diesem Moment wurde die Schlafzimmertür aufgerissen.

Er wirbelte herum, doch da war niemand. Vor ihm klaffte nur schwarz der leere Türrahmen. Unschlüssig überlegte er, ob die Tür nicht vielleicht die ganze Zeit über offen gestanden hatte, und seine überreizten Nerven ihm einen Streich spielten. Er wandte sich wieder der Schläferin zu, doch an ihrer Stelle lag nun sein Körper: Die Gliedmaßen gebrochen, überall blutend, als hätte man ihm die Haut heruntergerissen. Von diesem Anblick zutiefst verstört, fing er an, wie ein in die Enge getriebenes Tier zu schnaufen, stürzte ins Bad und kühlte sein Gesicht mit kaltem Wasser. Tropfnass blickte er in den Spiegel, direkt in sein neues Ebenbild: ein schmales, totenbleiches Gesicht mit dunklen Augen, die ihn wahnsinnig anstarrten. Der Anblick schnürte ihm die Kehle zu. Einerseits lag sein Körper tot und verstümmelt im Schlafzimmer, andererseits war er auf gespenstische Weise noch am Leben.

Aber er war jetzt sie, war das Opfer des teuflischen Spiels, das sie mit ihm trieb!

Langsam öffnete sich sein Mund, er wollte schreien, brachte aber keinen Laut hervor. Er blickte wie aus dem Helm eines Tiefseetauchers, dem man gerade den Luftschlauch durchgeschnitten hatte. Eine Träne quoll ihm aus dem Auge und tropfte auf den Grat seines Wangenknochens. In dem Moment wurde er Zeuge eines erschreckenden Phänomens: Er sah im Spiegel, wie sie auch innerlich von ihm Besitz ergriff, schaute zu, wie er sich gegen seinen Willen mit dem Handrücken den grotesken Blutfaden aus dem Mundwinkel wischte und danach seine blassen Brüste in den Händen wog. Mit Abscheu bemerkte er, wie das schöne Antlitz einen sinnlichen Zug bekam.

Wie ferngesteuert holte er seine Digitalkamera und knipste sich vor dem Spiegel. Vom Blitz geblendet rieb er sich die Augen, legte den Fotoapparat auf den Wäschekorb und ließ mechanisch ein heißes Bad einlaufen. Vielleicht musste er tun, was sie wollte, vielleicht war er nur noch ihre Marionette. Er setzte sich in das dampfende Nass, flocht die Finger um die Knie und merkte, dass sie ihn einlullen wollte. Sein Wille wurde schwächer, aufgesaugt von ihrem Willen, der langsam in ihm wuchs. Der vollständige Verlust seiner eigenen Identität war nur noch eine Frage der Zeit.

Doch noch regte sich Widerstand in ihm. Aus dem Augenwinkel sah er das Rasiermesser auf der Badematte links von sich. Was, wenn er … Sofort spürte er, wie sie sich wütend in ihm aufbäumte, wie sie ihm Schläge versetzte, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Er bündelte all seine schwindende Energie, sein letztes Häufchen eigenen Willen. Es gelang ihm, seine innere Feindin ein paar Sekunden lang niederzuringen, das Rasiermesser zu ergreifen und sich damit die Pulsadern aufzuschneiden. Sie kreischte und tobte in ihm wie eine verrückte Gefangene, die wütend an den Gitterstäben ihres zu engen Käfigs rüttelt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht wartete er ab, bis ihre Kräfte nachließen und verebbten. Diesen Kampf hatte er für sich entschieden. Sein letzter Kampf …

Zitternd betrachtete er seine blutüberströmten Unterarme. Völlig erschöpft schloss er die Lider, stöhnte, lehnte sich zurück und wartete auf die Agonie. Unaufhörlich floss der Lebenssaft aus seinen Adern. Er röchelte, sein Bewusstsein schwand, dabei sank er immer tiefer in die Wanne, um schließlich ganz unterzutauchen. Sein schwarzes Haar fächerte sich im Wasser auf, die Haarspitzen trieben gleichzeitig mit einigen Luftblasen aufwärts. Seine Lider öffneten sich. Noch ein letztes Aufbäumen, dann war er ertrunken.

Weiß schimmerte sein Gesicht auf dem Grund der Badewanne durch das rötliche Wasser hindurch. Zwei dunkle Augen mit starrem Blick.

BEGEGNUNG IN DER KATHEDRALE

Draußen tobte ein Schneesturm und die sakrale Stätte, in der ich mich zum Schutz niedergelassen hatte, war für mich wie das ruhige Auge eines Zyklons. Um diese Tageszeit war die dreischiffige Kathedrale von Saint Belem menschenleer. Die Kirchenorgel strahlte in den ganzen Raum und brachte die kalte Luft zum Vibrieren, während die Steinwände den Weihrauch von Jahrhunderten ausdünsteten.

Mit einem Knarren öffnete sich plötzlich hinter mir das Südportal. Ich spürte den eisigen Luftzug im Nacken und hörte Schritte. Man kann sich meine Überraschung vorstellen, dass sich gleich darauf ein älterer Herr direkt neben mich auf die Bank setzte, wo es doch mehr als genügend freie Plätze gab. Er zog seinen Hut vor mir, und ich nickte ihm zu. Beide lauschten wir in der Folge andächtig der majestätischen Musik, während ich den Mann aus dem Augenwinkel beobachtete. Er schien das spitzbogige, mit Maßwerk verzierte Buntglasfenster in der linken Wandfläche zu betrachten. Es zeigte, wie ich nun bemerkte, den Sündenfall von Adam und Eva.

Mein Name ist Peter Gent, ich handle mit Antiquitäten und bin seit vier Jahren verwitwet. Meine Frau Ruth starb bei einem Autounfall. Als ich sie damals im pathologischen Institut identifizieren musste, schien ihr Leichnam von einem flirrenden Glanz umgeben. Ich griff nach ihrer Hand, dabei verrutschte das Leintuch und gab den Blick frei auf ihren zerfetzten Oberkörper.

Dieser Anblick, der mir rasch das Bewusstsein nahm, verfolgt mich bis zum heutigen Tag. Mit Ruth war auch ein großer Teil von mir gestorben, und im Nebel der Depression bin ich noch immer unfähig, ein neues Lebenskapitel aufzuschlagen.

Die Musik war verstummt. Der Fremde wandte sich mir zu und fragte: »Kommen Sie oft hierher und beten?«

»Nein, ich bete nie. Allein der Schneesturm trieb mich hierher«, sagte ich.

»Warum beten Sie nie?«

»Weil mir der alte Knabe da oben ohnehin nicht antworten würde.«

»Wie recht Sie haben«, sagte er gemessen lächelnd und deutete auf den Sündenfall. »Haben Sie schon darauf geachtet? Kein Mensch weiß heutzutage mehr, dass dieses Werk von Gérard Garouste stammt. Unfähige Kunsthistoriker ordneten es einer falschen Epoche zu.«

Darauf wusste ich nichts zu erwidern.

Er blickte mich durchdringend an und ich sah in seine wachen, listigen Augen, über denen buschige Brauen thronten. Sein Gesicht erschien mir kraftvoll. Er war in Ehren ergraut und wirkte sehr gepflegt, vielleicht an der Grenze zur Dekadenz. Ich schätzte ihn um die fünfundsechzig. Auf mich machte er den Eindruck eines erfolgreichen Geschäftsmanns. Der schwere, holzige Geruch seines Aftershaves stieg mir in die Nase und machte mich fast ein wenig trunken. Ich legte den Kopf in den Nacken und schaute nach oben. Die baldachinartigen Rippengewölbe mit dem Sternenmuster schienen in himmlische Sphären entrückt. Ich hatte das Gefühl eines rauschartigen Emporgehobenwerdens. Die dünnen, in die Höhe schießenden Rundpfeiler weckten in mir die Imagination von Antennen des Glaubens. Ich blickte zum Chor, in dessen Mitte befand sich ein monumentales Triumphkreuz, das mit Vogelkot beschmutzt zu sein schien.

Der Alte neben mir räusperte sich und sagte: »Darf ich Ihnen vielleicht eine kleine Geschichte erzählen?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Warum nicht? Es würde uns ein wenig die Zeit verkürzen, nicht wahr?«

»Genau das dachte ich mir auch … Dann also los. Wie Sie wissen, mein Herr, schuf Gott am Anfang Himmel und Erde und setzte danach die Sterne ans Firmament. Aber man muss sich fragen, was einem Schöpfer all seine Werke nützen, wenn niemand zugegen ist, der sie betrachtet und sich daran erfreuen kann. Gott wird zur selben Einsicht gekommen sein, denn bald schon formt er aus den Elementen der Natur den ersten Menschen und haucht ihm seinen Odem ein. Er muss jedoch feststellen, dass Adam sich mit der Zeit sehr einsam fühlt. Daher stellt er ihm ein Weib namens Eva zur Seite …«

So erzählte er mir die Schöpfungsgeschichte, die einige mir unbekannte Aspekte hervorhob, und ich lauschte ihm mit Zurückhaltung. Am Ende heftete er den Blick auf das große Kruzifix und wollte von mir wissen, was ich über die genauen Todesumstände Christi wüsste.

»Nun, Sie wissen selbst, dass er gekreuzigt wurde. Da fällt mir gerade ein, dass ich neulich eine Sendung über das Turiner Grabtuch …«

»Ach«, fiel er mir ins Wort, »verschonen Sie mich bloß mit diesem mittelalterlichen Fetzen Stoff, bei dem es sich nur um eine Fälschung Leonardo da Vincis handelt.« Er winkte verächtlich ab. »Sie müssen wissen«, führte er fort, »dass dieses Linnen mit dem geisterhaften Abdruck eines Gekreuzigten ein Auftragswerk für den damals amtierenden Pabst war. Damit sollten die Pilger in Scharen angelockt werden, auf deren Spenden die Kirche erpicht war. Leonardo fertigte also diese falsche Reliquie an, aus den Evangelien wusste er ja genau um die Verletzungen, die Jesus auf seinem Leidensweg zugefügt wurden. Er hat die Fälschung auch recht gut hingekriegt, muss man sagen. Mit Ausnahme der Fußwunden, die bei ihm über den Rist verlaufen. Aber woher hätte er auch wissen sollen …«

»Was?«

»Dass die Soldaten des römischen Hinrichtungskommandos Jesus die Nägel seitlich durch die Fersenbeine trieben.«

»Und woher wissen Sie es? Ist das nicht nur ein Detail?«

»Nun, ich weiß es einfach, und es ist mehr als nur ein Detail.«

»Inwiefern?« Er hatte mich neugierig gemacht.

»Sehen Sie, die Passionsgeschichte muss im direkten Kontext zum Sündenfall betrachtet werden. Christi Kreuzigung war nicht ausschließlich das Werk von Menschen, denn die römischen Schergen handelten größtenteils fremdbestimmt, ohne sich aber dessen bewusst zu sein. Dysmas und Gestas, die beiden Leidensgenossen Jesu rechts und links von ihm, wurden mit Stricken an den Kreuzen fixiert. Christus hingegen nagelte man ans Holz … Aber wieso eigentlich diese unterschiedlichen Vorgehensweisen bei der Hinrichtung? Haben Sie sich diese Frage noch nie gestellt?«

»Offen gestanden, nein«, sagte ich, worauf sein Blick verschlagen und rätselhaft wurde. Sodann fuhr er in einer Stimme, die niemals irrt fort: »Dann erkläre ich es Ihnen und Sie verstehen dann, warum Christus Gott um Vergebung für seine Peiniger bat, da diese nicht wüssten, was sie täten. Die Sache ist wie folgt: Nachdem Gott das erste Menschenpaar aus dem Paradies verbannt hatte, wandte er sich an die Verführerin, die Schlange. Er sagte zu ihr, er werde dereinst einen Mittler auf Erden senden, der ihr das Haupt zertreten würde. >Ach<, gab die Schlange zur Antwort, eifersüchtig bist du bloß auf mich, weil ich den Menschen die Erkenntnis über Gut und Böse verschaffte. Ohne diese Fähigkeit aber könnten sie sich immer nur für dich entscheiden. Ist es das, was du wolltest? Ihnen die Wahlfreiheit rauben? Was jenen Mittler anbelangt, Jesus, wie er heißen wird, er möge zu mir kommen. Ich werde auf ihn warten. Trachtet er danach, mir das Haupt zu zertreten, so will ich im Gegenzug Evas Tat ungeschehen machen, indem ich dir die Frucht darreiche, die sie vom Baum der Erkenntnis pflückte, indes auf meine Weise: Ich hänge sie in Gestalt deines Sohnes Jesus zurück an den Baum, aber dies wird der bittere Baum des Todes sein. Die Menschen werden ihn verspotten, geißeln und seine Fersen durchstechen‹.«

Ich blickte auf das Kruzifix, dessen Längsbalken die Mittelachse einer strengen und vollkommenen Symmetrie im Chor- und Altarbereich bildete. In qualvoller, tödlicher Verzerrung blickte das Antlitz des Schmerzensmannes auf die vorderen, leeren Bankreihen. Von einer unbestimmten Unruhe ergriffen, drehte ich dem Fremden das Gesicht zu: »Verzeihung, wer sind Sie eigentlich? Und was wollen Sie von mir?«

Kühl und abschätzend musterte er mich: »Mein Name ist nicht wichtig, Peter Gent.«

»Woher wissen Sie wer ich bin?«

»Peter, ich weiß so vieles. Aber wissen Sie, dass Ihre Frau im zweiten Monat schwanger war, als sie in ihrem Wagen in den Tod raste?«

Ich erstarrte und stierte ihn fassungslos an. Das Herz pochte mir bis zum Hals.

»Nun«, fuhr er wie amüsiert fort, »Ihr Blick spricht Bände. Sie wussten es mit Bestimmtheit nicht. Es war auch kein Unfall, sondern ein Suizid … Gewiss denken Sie noch ab und zu an die kokette junge Dame, der sie vor sechs Jahren den Florentiner Barockspiegel aus dem siebzehnten Jahrhundert verkauften. Immerhin wurde sie Ihre Geliebte. Doch Ruth, Ihre Frau, ist Ihnen auf die Schliche gekommen. Als sie Ihre ständigen Seitensprünge nicht länger verkraften konnte, brachte sie sich um, hinterließ Ihnen jedoch keinen Abschiedsbrief, denn sie wollte nicht, dass Sie sich bis an Ihr Lebensende mit Selbstvorwürfen quälen müssten.« Er hüstelte ostentativ.

Mich fror es bis ins Mark und ich zitterte, währenddem er weiter ungehemmt auf dem Geheimnerv herumdrückte, den er in mir getroffen hatte: »Ihr toter Sohn wäre übrigens ganz nach Ihnen gekommen, Peter, Sie können also davon ausgehen, dass Sie der leibliche Vater des Jungen …«

»Halten Sie den Mund, Sie dreckiges Schwein!« Die Wut hatte meine Erstarrung gelöst und ich wollte schon auf ihn einprügeln, doch die Kraft, die von seinen Augen ausging, ließ mich innehalten. Fest und gebieterisch ruhte sein Blick auf mir. »Bei der Kollision«, fuhr er gelassen fort, »wurde Ihrer Frau der Brustkorb eingedrückt. Sie verblutete und erstickte langsam und höchst qualvoll, während Sie sich zur selben Zeit mit Ihrer Gespielin vergnügten.«

Seine Worte fuhren wie Hiebe auf mich herab, und um mich herum begann sich alles zu drehen. Wie angenagelt hockte ich auf der Bank, und mir wurde speiübel.

Er stieß mich an und holte dann aus der Tasche seines Mantels einen Apfel hervor, den er mir unter die Nase hielt: »Sehen Sie, einen solch prächtigen Apfel pflückte Eva einst von meinem Baum … Wissen Sie, so wie euer Gotte brauche auch ich ab und zu einen Menschen als Zeuge meiner erhabenen Werke. Einstein hat einmal gesagt, Gott würfelt nicht, und er findet meine Zustimmung. Gott hat niemals gewürfelt, aber er spielt seit jeher mit mir Schach. Und wir werden wohl noch viele Züge ziehen. Und Sie, Peter, sind nur einer jener unbedeutenden Bauern auf unserem Schachbrett, der leicht geopfert werden kann. Wahrlich, noch ehe der Winter dem Frühling weichen muss, werden Sie sich mir ergeben, das garantiere ich Ihnen. Der Geruch Ihres Blutes wird wie köstlicher Weihrauch zu mir herabsteigen. Ihr Schicksal ist besiegelt!«

Als er mich aus engen Pupillen tückisch anfunkelte, überkam mich eine irre Furcht. Stumm schaute ich zu, wie er in den Apfel biss. Saft spritzte mir ins Gesicht und jäh fühlte ich mich auf eine nicht zu benennende Weise besudelt. Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, stand der Versucher auf und verließ die Kirche. Ehe das Portal ins Schloss krachte, hörte ich noch den Schnee knirschen.

Der Sturm schien sich gelegt zu haben. Genau genommen hatte er sich mitten in meine Seele verlagert, um sich dort weiter auszutoben. Zusammengekauert wie ein wirbelloses Tier saß ich da und bebte. Und zum ersten Mal in meinem Leben fing ich an zu beten.

Die Besucher der Abendmesse setzten sich auf die Bänke. Mein Blick schweifte zu der Eule, die sich gerade auf dem Kruzifix niederließ. Seltsamerweise schien außer mir keiner der Kirchgänger von dem Todesvogel Notiz zu nehmen.

DA VINCI’S MAGIERIN

Die Flammen der Talgkerzen ließen Milanas Antlitz wie Bernstein erstrahlen. Ihre Augen funkelten wie die erlesenen Diamanten an ihren Fingerringen. Als sie sich über die Phiole beugte und dem rötlich-braunen Fluidum zerriebene Bärengalle beimischte, fiel ihr das schwarze Haar übers Gesicht. Beißender Gestank stach ihr in die Nase, sodass sie sich abwendete. Nachdem die Sanduhr abgelaufen war, füllte sie das blubbernde Elixier in eine Flasche ab. Die rußgeschwärzte Kammer, die Leonardo da Vinci für sie gemietet hatte, war bis unter die Decke vollgestopft mit Kisten und Kästen, mit Tiegeln und Töpfen, in denen sich Alraune, Arsenik, Quecksilber und dergleichen befanden.

Milana eilte mit dem Elixier aus dem Haus, schwang sich auf den Rücken des Wallachs und ritt mit flatterndem Kapuzenumhang am Tiber entlang zu einem von Roms Galgenplätzen. Der Mond puderte das violette Dunkel des Flusses mit silberner Helligkeit. Der Inhalt des von Meister Leonardo in Spiegelschrift abgefassten Pergaments schoss ihr im Stakkato durch den Kopf:

Das von mir untersuchte Linnen mit dem Fischgrätmuster zeigt die Blutspuren eines Gekreuzigten, haut Pabst Leo X. wurde das Linnen bei Grabungsarbeiten in einem geheimen Bogengrab in Jerusalem entdeckt, und über Umwege gelangte es in die Hände des Heiligen Stuhls. Die Nagelwunden auf dem Tuch verlaufen über Fußrücken und die Handgelenke, die Unterschenkel weisen Brüche auf. In einer Ecke auf der Geweberückseite befindet sich die Inschrift Jesus Nazarenus Rex Iudaeorum (…) Weshalb ich von Euch ein Elixier erbitte, das die Blutgerinnung einer frischen Leiche um ein paar Stunden verzögert, da Tote, wie Ihr ja wisst, üblicherweise nicht zu bluten pflegen (…) Mein Schüler Boltraffio wird Euch eine Stunde vor Sonnenaufgang bei dir Blutbuche erwarten.

Der Eure, L

Giovanni Boltraffio, der Malerlehrling da Vinics, wartete bereits am vereinbarten Treffpunkt. Unruhig trat der Rotschopf von einem Fuß auf den anderen, als Milana auf dem Pferd heranpreschte. Sie stieg ab, händigte dem Jungen das Elixier aus und wies ihn an: »Boltraffio, höchste Eile ist geboten! Donadini muss die ganze Flasche noch in seiner Zelle austrinken, sonst kann das Mittel die Wirkung nicht voll entfalten, verstehst du?«

Er nickte eifrig: »Gewiss, Milana, gewiss.« Und schon hatte er sich mit der Flasche aus dem Staub gemacht.

Die Magierin hörte den Wallach wiehern. Sie ging zu ihrem Pferd und drückte ihm die Lippen zwischen die Nüstern, aus denen das Tier Dampfkegel blies.

Kurz vor Sonnenaufgang wurde Piero Donadini von den Schaulustigen mit lauten Rufen empfangen. Mit hinter dem Rücken zusammengebundenen Händen wurde er vom Henker im Licht vieler Fackeln zum Galgen hochgeführt. Zwei Tage zuvor hatte der zum Tode Verurteilte im Streit einen Widersacher erschlagen, als dieser nach einem Faustkampf plötzlich ein Messer in der Hand hielt. Zu Donadinis Pech war sein Gegner mit einem hohen geistlichen Würdenträger verschwägert, weshalb man kurzen Prozess mit ihm gemacht hatte.

Auch Da Vinci wohnte der Hinrichtung bei. Er war oft auf diesem Platz, um die Grimassen der Sterbenden zu wissenschaftlichen Zwecken zu studieren.

Der Delinquent krümmte sich und stöhnte, denn das Elixier verursachte ihm grausame Magenkrämpfe. Zwei Schergen packten ihn unter den Armen und hielten ihn aufrecht, während ein Priester mit erhobenem Kruzifix aus der Bibel rezitierte. Die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich über den Horizont, als man dem Todeskandidaten die Kapuze überstreifte und die Schlinge um den Hals legte.

Da Vinci nahm das Barett vom Haupt. Die Zeit schien für einen Moment stillzustehen. Der Henker betätigte den Holzhebel, der die Falltür entriegelte, sodass Donadini nach unten fiel. Der Strang straffte sich und das Genick brach mit einem Knacken. Ein Raunen ging durch den gaffenden Pöbel. Manch einer bekreuzigte sich. Als der Gehenkte leblos am Seil pendelte, schnitt man ihn ab, warf ihn auf einen Heukarren, breitete ein Tuch darüber und überführte den Leichnam in die Werkstatt da Vincis.

Die Folge der Klopfzeichen an der mit Beschlagnägeln versehenen Tür drang wie eine Melodie an Da Vincis Ohr: Milana! Er wusch sich rasch das Blut von den Händen und erinnerte sich daran, wie er damals als Siebenjähriger mit einem Holzreif im Garten der Loggia gespielt hatte, als sie in Gestalt eines schwarzen Milans vom Himmel herabstürzte, mit schwingenden Flügeln Auge in Auge vor seinem Gesicht schwebte, um ihn aus dem Schnabel in den Mund zu füttern. Seitdem war die Gestaltwandlerin Milana seine geheime Mäzenin und Lehrerin, die ihn in Alchemie, Naturmystik und anderen Wissenschaften unterwies.

Er trocknete sich die Hände mit einem Tuch und öffnete die Tür. Milana trat ein, die Haarfülle durch ein Perlennetz gebändigt. Leonardo umarmte sie herzlich und genoss die Duftwellen von Amber und Moschus die sie verströmte. Er trat zwei Schritte zurück und breitete die Arme aus: »Meine Teuerste! Hätte ich Euch Eurem Willen nach zu den Untersuchungen des Grabtuchs im päpstlichen Hof beigezogen, würdet Ihr jetzt ganz gewiss in einem Verlies der Engelsburg schmoren.«

»Wieso meint Ihr?«

»Allein Euer Vergehen, ein so verteufelt schönes Weib zu sein, hätte den Kierikern gewiss gereicht, in Euch eine Ketzerin zu sehen. Mal ganz abgesehen von Euren Zauberkünsten …«

Milana lachte: »Ihr und Eure Galanterien, Leonardo! Dabei seid Ihr der Häretiker von uns beiden. Wüsste der Pontifex davon, dass Ihr in der Bruderschaft der Johanniter seid, hätte ich in der Engelsburg zweifellos Eure Gesellschaft genießen dürfen.« Ihr Blick fiel auf den mit Wunden übersäten Leichnam Donadinis auf dem Tisch. Dessen Gesicht war verfärbt und um seinen Hals zog sich ein blutunterlaufener Striemen. Die Magierin zog eine Braue hoch und fragte: »Wie brachtet Ihr diesen Mann dazu, das Elixier aus freien Stücken einzunehmen?«

»Man schloss einen Kontrakt mit ihm ab. Nachdem er eingewilligt hatte, tischte man ihm letzte Nacht ein Festmahl auf. Den Nachtisch reichte man ihm in Form einer jungen, in ihrem Metier höchst bewanderten Edelkurtisane. Nun, Ihr versteht schon …« Da Vinci strich sich den Bart.

»Verstehe«, sagte Milana und blickte auf Leonardos Leinenhemd, das voller Blutspritzer war. »Doch was genau hat es damit auf sich?«

»Als ich dem Pabst die Einzelheiten meiner Entdeckungen auf dem Grabtuch erläuterte, wurde sein Blick ein schwarzer Abgrund und sein Gesicht totenblass. Einer alten Prophezeiung zu Folge, durften dem Messias nach seinem Tode die Glieder nicht gebrochen werden. Aber die Blutspuren bezeugten, dass dies der Fall war.«

»Pabst Leo ist nicht dumm«, räumte sie ein. »Er weiß, kein Mensch kann mit gebrochenen Beinen auf Erden wandeln – nicht einmal der Messias. Diese Eure Entdeckung hat das körperliche Auferstehungsmysterium Christi hinweggefegt, doch ist ja genau dieser Ostermythos das Fundament der Kirche.«

»Eure Schönheit wird allein durch die Schärfe Eures Verstandes überflügelt.«

»Und weshalb lässt die Kirche dieses Tuch nicht einfach verschwinden?«

»Weil die Ausstellung des Grabtuchs, wie der Pontifex mir sagte, vor dem Beginn meiner Untersuchungen in ganz Italien verlautbart wurde. Schon bald soll es in Turin den Gläubigen gezeigt werden. Natürlich rechnet Leo X. mit hohen Geldspenden, man weiß ja von seinem aufwändigen Lebensstil …«

Sie nickte. »Und nun begehrt der Papst von Euch eine Fälschung, damit niemand die geheimen Details auf dem Tuch sehen kann.«

»Ihr sagt es.«

»Leonardo, bedenkt, dass Ihr nun ein gefährdeter Mitwisser seid. Und ist der Klerus erst im Besitz Eurer Fälschung …«

»Wird mein Leben gewiss nicht mehr die dreißig Golddukaten wert sein«, ergänzte Da Vinci, »die dort auf dem Tisch für Eure Dienste bereit liegen. Nehmt den Beutel an Euch, bevor ihr geht.« Mit diesen Worten durchbohrte er ein Handgelenk des Toten. »Ihr kennt wohl meine Vorliebe für versteckte Auftritte in meinen Werken«, führte er vergnügt fort. »Ich werde der falschen Reliquie meine Gesichtszüge verpassen. Welch ein Vergnügen, wenn Abertausende Gläubige mein Antlitz anbeten werden, in der irrigen Annahme, es handle sich um das Abbild Christi.«

»Euer Sinn für Humor in Ehren. Aber eine solche Eitelkeit kann Euch leicht den Kopf kosten.« Milanas Blick schweifte über zahlreiche am Boden verstreute Studien zur menschlichen Anatomie, um dann ein Weilchen auf dem unvollendeten Gemälde der Felsgrottenmadonna zu verharren.

»Euer Elixier ist wunderbar. Wie lange hält es sein Blut noch flüssig?«, fragte er.

»Etwa bis Sonnenuntergang.«

»Das dürfte reichen«, murmelte Da Vinci zufrieden. »Dann kann ich in Ruhe das Eisenoxid mit den roten Farbpigmenten mischen und zur Anwendung bringen.«

Milana hatte den Geldbeutel in die Saumtasche ihres Kleids gesteckt und sagte: »Ich muss gehen. Lucrezia erwartet mich.« Sie war direkt hinter ihn getreten und raunte ihm ins Ohr: »Wisst Ihr, Ihr seid ein ganz schön blutrünstiger Kerl …«

Er lächelte, und als er sich umwandte, huschte sie gerade lautlos zur Tür hinaus.

Zehn Tage später strömten Tausende Pilger in die königliche Kapelle des Johannes-Doms von Turin, um vor dem ausgestellten Grabtuch mit dem geisterhaften Abdruck eines Gekreuzigten niederzuknien und zu beten. Ihre Spenden flossen geradewegs in die Kassen des Vatikans.

Eines Nachts saß Da Vinci in Gesellschaft seiner Schüler Salai, Melzi und Boltraffio in einer römischen Taverne. Kurz zuvor hatte ein Kurier des Papstes dem Maler das vereinbarte Honorar von einhundertfünfzig Golddukaten überbracht. Grund genug, ein bisschen zu feiern. Die Schankmagd mit den Rundungen einer aus Holz geschnitzten, weiblichen Galionsfigur schenkte ihnen Wein nach. Ihr Mieder stand in der Mitte tief geschlitzt offen, ihr schöner Busen zeigte sich den Männern in voller Pracht. Die Runde war ausgelassen, man aß, trank, lachte und redete laut durcheinander. Ab und zu lauschten alle den Fabulierern und Lautenspielern.

Gegen Mitternacht trennte sich der Meister von seinen Schülern. Nach einem kurzen Marsch erreichte er seine Werkstatt. Als er die Tür aufschließen wollte, vernahm er gedämpfte Stimmen hinter sich. Er drehte sich um und sah, wie sich ihm zwei Männer näherten. Im hellen Mondschein glänzten ihre Körper wie Silber. Messerklingen blitzten in ihren Händen auf.

Keiner der drei Männer bemerkte den schwarzen Punkt, der vom Himmel herab auf sie zueilte, immer größer und beängstigender wurde, sich in gewaltige Flügel auswachsend, zwischen denen plötzlich ein spitzer Vogelschnabel vorstieß. Blitzschnell hackte die scharfe Schnabelspitze den beiden Meuchlern in die Augen, sodass sie aufbrüllten und mit den Händen vor dem Gesicht auf die Knie fielen.

Stark erregt schaute Da Vinci zu, wie sich der Raubvogel zu einer schemenhaften Gestalt wandelte, sah Milanas Gesicht auftauchen, so wie man ein Antlitz zwischen Traum und Wachen wahrnimmt, ehe es wieder verschwindet. Die Schattengestalt schmolz zu einem kleinen Körper mit dunklen Schwingen. Klopfenden Herzens beobachtete der Meister den Milan, der sich in den Nachthimmel emporschwang.

Alarmiert durch die Schmerzensschreie der Geblendeten, kamen Melzi und Salai angerannt. Mit Blick auf die halb ohnmächtigen, sich am Boden wälzenden Männer befahl Da Vinci eine Kutsche herbeizuschaffen und seine gesamte Habe aufzuladen.

Nachdem dies geschehen und alles verladen war, kehrte der Maler Rom für alle Zeiten den Rücken.

Viele Jahre später, in einer eiskalten Winternacht, öffnete Da Vinci das Fenster in seiner Mailänder Werkstatt, ehe er das Kaminfeuer mit Holzscheiten nährte. Als er mit einem Krug Wein aus dem Keller zurückkehrte, fand er Milana vor, die in einem dunklen Kleid mit Stickereien und senkrechten Brokatfalten am Sims des offenen Fensters lehnte. Der Vollmond über ihr sah aus wie eine bleich leuchtende, in den Himmel emporgeschleuderte Diskusscheibe. Der alte Maler lächelte glücklich.

Die nächtliche Besucherin schloss das Fenster und trat näher. In ihren Augen, die im Laufe der Jahrhunderte viel gesehen hatten, lag eine Spur von Trauer. Sie nahm Da Vincis Gesicht ganz sanft in ihre Hände, und der Alte spürte einmal mehr den unbeschreiblichen Zauber, der von dieser Frau ausging.

»Meine Zeit ist gekommen, Leonardo. Noch ehe der Monat im Zeichen der Mondesverbrennung steht, muss ich Euch für immer verlassen. Ich habe Euch an die Grenzen des Wissens und darüber hinaus geführt. Mehr vermag ich Euch nicht zu lehren.«

Da Vinci nickte und schwieg eine Weile. Dann, mit einem traurigen, matten Glanz in den Augen bat er: »Gestattet mir, Teuerste, vorher noch Euer Porträt zu vollenden. Bitte, setzt Euch ein letztes Mal auf den Stuhl hinter der Staffelei, ich will mich beeilen …«

Fieberhaft und mit fliegendem Pinsel arbeitete Meister Leonardo in den nachfolgenden Stunden das Porträt Milanas zu Ende, während sie ihm geduldig Modell saß. Als er ihr stumm zunickte stand sie auf: »Es ist Zeit, Abschied zu nehmen, mein Lieber.«

Der Maler seufzte und ein Schatten verdüsterte sein müdes, alterszerfurchtes Gesicht. Ein letztes Mal umarmten sie sich innig, ehe die Magierin seine Werkstatt verließ.

Mit Tränen in den Augen setzte sich da Vinci in den Armsessel, strich sich eine lange weiße Haarsträhne aus dem Gesicht und trank Wein. Er wischte sich mit dem Ärmel seines Mantels die Augen trocken, betrachtete das Ölporträt Milanas, ergötzte sich an den Hintergrundmotiven, die er über die abgerundete Silhouette ihres Gesichts gemalt hatte: Eine zerklüftete, von Bächen durchkreuzte Landschaft, die sich in der Ferne vor einem grünblauen Himmel verlor; Nebelschwaden, die zwischen den Klippen geheimnisvoll auf- und abwogten.

Ein neuer Tag war angebrochen. Eine blasse Sonne drang durch die hohen, schmalen Fenster in den Raum. Der Feuerschein des Kamins mischte sich in das weiße Winterlicht. Da Vincis Augen ruhten auf dem Antlitz der Magierin – auf dem langen, in der Mitte gescheitelten Haar, den fleischigen Lidern, von denen das zähflüssige Licht eines Lächelns ausging. Dieses Lächeln flutete über die weichen Flächen ihres Gesichts zu dem kleinen, festen Mund mit der geschwungenen Oberlippe, die sich an das korallenrote Lächeln der Unterlippe dicht anschloss.

Der Maler konnte nicht wissen, dass dieses Porträt ihm dereinst Weltruhm verschaffen sollte, und nachfolgende Generationen es irrtümlicherweise für das Abbild einer gewissen Lisa La Gioconda, besser bekannt unter dem Namen Mona Lisa, halten würden.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺276,35

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
150 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783954885954
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar