Kitabı oku: «Warum die Schweiz reich geworden ist»

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Titel

Markus Somm

Warum die Schweiz reich geworden ist

Mythen und Fakten eines Wirtschaftswunders

Stämpfli Verlag

Impressum

Für meine Familie: Sophie, Max, Paula, Marie, Hans und Anita

Autor und Verlag danken der AVINA STIFTUNG für den Werkbeitrag.

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek www.dnb.de.

© Stämpfli Verlag AG, Bern · 2022

Korrektorat · Benita Schnidrig, Stämpfli Verlag AG, Bern

Umschlag · Nino Angiuli, Basel

Bilder auf dem Umschlag · Johannes Schiess, Appenzeller Weberpaar bei der Arbeit am Handwebstuhl, um 1830; Aquarell; und Arbeiterinnen in der Lebensmittelfabrik von Maggi Kempthal, Schweiz: Fassonnierung von Maggi-Suppenstangen, Mai 1913. Foto: Nestlé Historical Archives, Vevey

Gestaltung · Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld

Der Stämpfli Verlag wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2o21–2o24 unterstützt

ISBN Print 978-3-7272–1288-8

ISBN E-Book 978-3-7272-1684-8

Inhalt

Einleitung

Warum wir es uns nicht mehr leisten können, die Wurzeln des Schweizer Wohlstands zu verkennen.

Das Wirtschaftswunderland

Berge, Schutt, Geröll: Kaum ein Land in Europa hat schlechtere Voraussetzungen als die Schweiz.

Warum Textilien?

Kleider sind wie Nahrungsmittel lebensnotwendig – und doch haftet ihnen etwas Überflüssiges, ja Frivoles an. Ausgerechnet der nüchternen Schweiz bringen sie Glück.

Die Glaubensspaltung und ihre Folgen

In Locarno unerwünscht, in Zürich geduldet, dann beneidet: Wie protestantische Flüchtlinge aus dem Tessin ihre neue Heimat an den Welthandel anschliessen.

Im Samt- und Seidenfieber

Zürich steigt innert weniger Jahre zu einer der bedeutendsten Seidenstädte Europas auf, geradeso wie Basel und Genf.

Aufstieg einer Dynastie

Die Werdmüller sind die ersten einheimischen Kapitalisten. Die besten Imitatoren und die besten Originale zugleich.

Triumph der Baumwolle

St. Gallen – der heimliche Riese. Schon im Mittelalter hat seine Leinenindustrie Europa beherrscht, dann erobert seine Stickerei die Welt.

Die dunkle Hinterlassenschaft der Sklaverei

Wenn die Schweiz auch keine Kolonien hat – sie ist in die Sklaverei verstrickt. Verdankt sie ihr gar den Aufstieg?

Escher Wyss oder wie die Schweiz zur Maschine findet

Hans Caspar Escher – verhinderter Architekt, gerissener Werkspion, glänzender Industrieller – gründet die erste schweizerische Weltfirma.

Land der Unternehmer

Schon 1830 hat sich die Schweiz zu einem Industrieland verwandelt. Es ist eines der ersten in Europa. Es holt England ein.

Bilanz

Warum die Schweiz? Eine Analyse.

Ausgewählte Literatur

Personenregister

Inhalt
Einleitung

Im September 2020 überklebten ein paar junge linke Aktivisten das Schild des Escher-Wyss-Platzes in Zürich mit dem Namen von Rosa Parks, einer amerikanischen Bürgerrechtlerin. Sie wollten damit gegen eine angebliche Verstrickung von Alfred Escher in die Sklaverei protestieren.1 Escher (1819–1882), ein berühmter Staatsmann und Unternehmer des 19. Jahrhunderts, stand in der Kritik, weil zwei seiner Onkel mit Skla­­ven eine Kaffeeplantage auf Kuba betrieben hatten. Insgesamt besassen sie rund neunzig Sklaven. Als einer der Onkel 1845 starb, beerbte ihn Eschers Vater. Er verkaufte die Plantage und strich das Geld ein. Gut möglich, dass irgendetwas davon schliesslich bei Alfred landete, als er Jahre später das Erbe seines Vaters antrat.2 Ob der Vater beim Verkauf der Plantage überhaupt einen Gewinn realisiert hatte, ist offen, zumal er seinen Brüdern einst das Geld für den Kauf des Betriebs vorgestreckt hatte. Wenn, dann war es unter dem Strich vermutlich ein kleiner Be­trag, bestimmt nicht so gross, dass damit der Gotthardtunnel hätte finanziert werden können, wie ein deutscher und ein niederländischer Historiker vor kurzem behauptet haben.3 Alfred Escher hatte seinerzeit den Bau der Eisenbahn durch den Gotthard ini­tiiert. Wusste er von den Sklaven? Sicher, denn er hatte, so weiss man heute, seinem Vater beim Verkauf der Plantage geholfen. Das war alles. Darüber hinaus, so Joseph Jung, der beste Kenner seiner Biografie, war er nicht involviert gewesen: «Dieser war nun aber nie in seinem Leben auf Kuba, noch hat er je Skla­ven gehalten.»4

Offensichtlich unterlagen die Jungsozialisten aber einem Irrtum: Der Platz in Zürichs Westen heisst Escher-Wyss-Platz, weil sich hier früher der Standort der Firma Escher Wyss befand. Alfred Escher hatte nie etwas mit dem Unternehmen zu tun. Der Gründer dieser einstigen Zürcher Weltfirma, Hans Caspar Escher (1775–1859), war zwar mit ihm verwandt, aber so weit aussen, dass man Escher Wyss beim besten Willen nicht vorhalten konnte, mit kubanischen Sklaven Geld verdient zu haben. Der letzte gemeinsame Vorfahr war ein Urururur-Grossvater von Alfred Escher gewesen. Er hatte von 1626 bis 1710 gelebt.

Dieser Protest am falschen Objekt ist vielleicht symptomatisch für den Stand der Debatte: Warum ist die Schweiz so reich geworden? Symp­to­matisch, weil manche Leute Alfred Escher nicht mehr von Escher Wyss unterscheiden können. Symptomatisch aber vor allem, weil immer neue, wildere Theorien aufkommen, wenn es darum geht, die Karriere der Schweiz zu erklären.

Tatsächlich wirkt diese Karriere auf den ersten Blick sonderbar. Das kleine Land mitten in den Alpen verfügt über keine nennenswerten Roh­stoffe, es liegt fernab von den Meeren, Berge und Täler herrschen vor, von Zivilisation, so möchte man meinen, war lange nichts vorhanden. Mit rech­­­ten Dingen konnte das doch nicht zu- und hergegangen sein.

Jahrelang hatte es geheissen, das Bank­geheimnis habe den Reichtum der Schweiz begründet. Oder man führte ihn auf die Tatsache zurück, dass das Land im 20. Jahrhundert von keinem Weltkrieg verwüstet worden war, was die Schweizer, schlau und eigensüchtig, wie sie waren, mit allerlei schmutzigen Geschäften zu verhindern wussten – besonders während der Gewalt­herrschaft der Nazis in Deutschland. Die Unterstellung wurde nie belegt, doch blieb sie haften. Zu eingängig, da moralisch aufgeladen, schien diese Erzählung, die begreiflich machte, was so schwer zu begreifen war.

Neuerdings ist die Sklaverei in den Vordergrund gerückt. Historiker, aber auch Politiker gehen davon aus, dass die Schweiz – obschon ohne Kolonien – eben doch aus dem Kolonialismus und dessen grauenhaftester Institution, der Sklaverei, Nutzen gezogen hat. Wenn auch selten der gan­ze Wohlstand des Landes damit erklärt wird, so doch ein wesentlicher Teil davon, zumal die gleichen Leute den Kapitalismus des Westens insgesamt mit diesem Unrecht in Zusammenhang bringen. Wohl erscheint diese These so plausibel, weil sie vom schlechten Gewissen lebt, das die Europäer und Nordamerikaner gelegentlich befällt, wenn sie sich die bedrückenden Verhältnisse in der Dritten Welt vor Augen halten: Warum sind wir so reich – und diese ist so arm?

Den meisten dieser Theorien ist eines gemeinsam: Sie unterschätzen das Land. Zum einen, was die ungeheure Wirtschaftskraft der Schweiz anbelangt, zum andern verkennen sie, wie lange schon die Schweiz darüber verfügt. Ein Bankgeheimnis allein genügt nicht, um eine der leistungsfähigsten Exportindustrien der Welt hervorzurufen – die hier war, bevor man überhaupt von Schweizer Banken gesprochen hatte. Der Reich­tum der Schweiz war schon in ausserordentliche Höhen gestiegen – Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, als Europa in eine dreissigjährige Periode der Selbstzerstörung abglitt. Und die Sklaven in Amerika lieferten Rohstoffe nach Europa, zu einem Zeitpunkt, da die Schweiz längst industrialisiert war. Die Sklaven­arbeit stellte nicht die blutige Voraussetzung ihres Auf­stiegs dar.

Tatsächlich beginnt die Geschichte der reichen Schweiz viel früher, als den meisten heute bewusst ist, und die Ursachen ihres erstaunlichen Auf­stiegs sind andere als jene, von denen man gemeinhin so hört. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts wiesen einzelne Gegenden der Schweiz einen so hohen wirtschaftlichen Entwicklungsstand auf, wie ihn in Europa nur wenige andere Regionen erreichten. Es gab hier zahllose Produktionsstätten und Handelshäuser, und schweizerischen Unterneh­mern und Kaufleuten begegnete man auf den wichtigen Markt­plät­zen des Kontinents, es wurden Rohstoffe aus aller Welt eingeführt, verarbeitet, veredelt und in rauen Mengen nach Europa und Übersee verkauft. Export war König. Wenn es ein Land gab, das zu den frühen Pionieren des Kapi­ta­lismus und der Globalisierung zählte, dann die Schweiz, der Aussenseiter und Sonderling unter den Nationen.

Es ist diese sehr weit zurückreichende Tradition des wirtschaftlichen Erfolgs, die zu einem massgeblichen Teil erklärt, warum es diesem Land schon so lange so gut geht. Je nachdem, welche Statistik man heranzieht, gehört die Schweiz nach wie vor zu den fünf reichsten Ländern der Erde, gemäss Internationalem Währungsfonds lag sie im Jahr 2021 mit einem Bruttoinlandprodukt pro Kopf von rund 95 000 $ auf Rang 2, gemäss Weltbank auf Rang 4, während die UNO sie auf Rang 3 verortete.5 Noch sind vergleichbare Zahlen für das 18. Jahrhundert nicht greifbar, auch wenn die Wissenschaftler sich darum bemühen, diese historischen Daten zutage zu fördern, aber mit Sicherheit ergäbe sich ein ähnliches Bild: Die Schweiz hätte sich schon zu jener Epoche in den vorderen Rängen wiedergefunden. Es trifft nicht zu, dass sie bis noch vor wenigen Jahrzehnten ein Armenhaus gewesen ist.

Das wirkt heute umso bemerkenswerter, als die Schweiz im 18. Jahr­hundert politisch gesehen das vielleicht rückständigste Staatswesen des Kontinents darstellte: Was als alte Eidgenossenschaft in die Ge­schichte eingegangen ist, war eine einmal fröhliche, dann zerstrittene, immer chaotische, oft handlungsunfähige Ansammlung von dreizehn souveränen Orten, den Vorläufern der heutigen Kantone – jeder für sich ein eigener Mikrostaat. Hinzu kamen ein paar Verbündete, die «zugewandten Orte», sowie viele gemeinsam verwaltete Untertanengebiete; im grossen Ganzen entsprachen die Aussengrenzen dieser alten Eidgenossen­schaft jenen der aktuellen Schweiz. Das war jedenfalls kein moderner Staat, sondern ein Relikt aus dem Mittelalter, das man in Europa belächelte oder für überholt hielt. Wie lange noch hatte es Bestand? Zumal es sich auch militärisch und aussenpolitisch um einen Zwerg handelte, der stets unter der berechtigten Paranoia litt, bald von den Riesen in der Nachbarschaft über­­wältigt zu werden. Wenn je ein Kleinstaat seit Jahr­hunderten überlebt hatte, dann die Schweiz – aber für immer? Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts das unglückliche und viel umfangreichere Polen von den drei Grossmächten Preus­­sen, Russland und Österreich kaltblütig aufgeteilt wurde, gab es in der Schweiz viele Melancholiker, die sich fragten, ob dies nicht auch der Eidgenossenschaft widerfahren könnte.

Anarchie, Ohnmacht, Streitsucht: All dies hat der damaligen Schweiz wohl nicht sonderlich gut getan, aber sie auch nicht allzu stark behindert. Ich möchte in diesem Buch die «Karriere eines Landes» schildern. Dabei erzähle ich die Geschichten von Unternehmern, die reüssierten oder scheiterten, ich folge Kaufleuten auf ihren verschlungenen Wegen auf den Welt­­märkten oder ihrem Höllenritt in den Abgrund, ich berichte von Werkspionen aus bester Familie, die in Italien Geschäftsgeheimnisse stahlen, und sich trotzdem für gute Protestanten hielten, last, but not least beschreibe ich einen Triumph: Seit der Reformation kamen Tausende von Flüchtlingen und Einwanderern in der Schweiz an. Zuerst freundlich emp­­fangen, dann abgelehnt, oft schikaniert, verzweifelten die einen, während die anderen sich doch durchsetzten und ganze Industrien ins Leben riefen, die sonst wohl nie in der Schweiz entstanden wären. Wenn sie starben, wurden sie als Bürger in ihrer neuen Heimat begraben, angesehen und betrauert. In dieser Hinsicht war das Land eine Krisengewinnlerin, aber eine, die sich dafür nicht zu rechtfertigen hatte. Inmitten von Kriegen und Verfolgungen seit gut fünfhundert Jahren blieb vielleicht kein anderes Land in Europa trotzdem vernünftig und friedlich. Man zahlte dafür allerdings einen Preis: den Preis einer unheroischen Existenz – und erhielt dafür ein gutes Leben. Die meisten Einwohner der Schweiz zogen das Letztere wahrscheinlich vor.

Wann fing diese Karriere an? Streng genommen vor etwa 135 bis 25 Millionen Jahren, dann wurden die Alpen aufgefaltet, ein Gebirge, ohne das die Geschichte der Schweiz – auch ihre Wirtschaftsgeschichte – kaum zu verstehen ist. Ein solcher Ansatz wäre sicher allzu exzentrisch. Stattdessen möchte ich mich auf eine etwas spätere Periode konzentrieren: auf die Jahre zwischen 1500 und 1830. Ich komme darauf, weil ich so eine Vorgeschichte, ein Heldenepos, eine Tragödie und ein Happy Ending zugleich erzählen kann.

Wenn man davon ausgeht, dass die industrielle Revolution das zentrale Ereignis jeder Wirtschaftsgeschichte darstellt, dann gibt es nur ein Vor­­her und ein Danach.

In den Jahren um 1780 waren in England ein paar phänomenale und entscheidende Innovationen gemacht worden: Spinnmaschinen, mechanische Webstühle und Dampfmaschinen steigerten über Nacht die Produk­tivität der englischen Industrie. Weil niemand so billig so viel zu produzieren vermochte, stürzten die Preise für viele Güter in den Keller, insbe­­son­­dere Textilien, und England eroberte die Welt – nicht mit Truppen, sondern mit Maschinengarn. Wer mitzog, konnte viel Geld verdienen, wer zu spät kam, den bestrafte der Markt. Das Maschinenzeitalter brach an.

Davon war auch die Schweiz stark betroffen, ja vielleicht kein anderes Land so stark wie sie. Hier stand eine der grössten vorindustriellen Textil­branchen Europas. Unruhe in den Alpen. Man hatte viel zu verlieren. Vor der industriellen Revolution war die Schweiz schon reich gewesen – nachher war sie noch reicher, in den Jahren dazwischen war sie in die Armut versunken. Wie war das möglich? Wie überstand ein Land, das wirtschaftlich schon höchst entwickelt war, die industrielle Revolution, von der es zunächst ruiniert zu werden drohte, aus der es danach aber Nutzen zog wie wenige sonst?

England war vorangegangen und hatte alle seine Konkurrenten aus dem Feld geschlagen. Kaum hatten sich die Europäer auf dem Kontinent von diesem Schock erholt, setzte allerdings eine Aufholjagd ein, an deren vorderster Spitze sich die Schweiz bewegte. Ausgerechnet während der napoleonischen Zeit, da schier endlose Kriege nahezu ganz Europa verwüsteten, nachdem Revolution und Fremdherrschaft auch die Schweiz zerlegt hatten, wurden im Land die ersten Maschinen aufgestellt, es schossen mechanische Spinnereien in die Höhe, es wurde eine der ersten Maschinenfabriken des Kontinents gegründet. Die Firma hiess Escher Wyss. Das Jahr war 1805.

1830 hatte sich die Schweiz zu einem modernen Industrieland verwandelt. Ein früher Vorreiter der Industrialisierung. Und das englische Parlament, etwas beunruhigt, schickte 1835 einen Experten ins Land, der herausfinden sollte, warum die Schweizer Unternehmer den Engländern jetzt auf sämtlichen Weltmärkten so wirkungsvoll Konkurrenz machten.

Ich breche meine Erzählung deshalb um 1830 ab. Eine erste Etappe war erreicht, die entscheidende wohl. Was nachher folgte, baute darauf auf, innert weniger Jahrzehnte entstanden die meisten jener Firmen, die wir heute noch kennen. Sulzer, BBC, Nestlé, die Basler Chemie, schliesslich Banken und Versicherungen. 1848 wurde der moderne Bundesstaat ins Leben gerufen. Zu jenem Zeitpunkt zählte die Schweizer Textil- und Maschinenindustrie bereits seit Jahren zu den modernsten der Welt.

Um dieses Buch zu schreiben, begab ich mich nicht ins Archiv und betrieb keine eigene Forschungsarbeit. Ich stütze mich weitgehend auf Sekun­därliteratur. Diese allerdings ist unerschöpflich. Was Reformation, indus­trielle Revolution, Sklaverei und napoleonische Zeit anbelangt sowie­so, aber auch was mein engeres Erkenntnisinteresse betrifft: Zur schwei­­ze­ri­schen Wirtschaftsgeschichte liegen zahllose, ausgezeichnete Werke vor – wenn auch vielleicht die meisten ihren Fokus auf eine Zeit richten, die nach meinem Untersuchungszeitraum liegt. Ich nenne bloss die wichtigsten: Eine nach wie vor souveräne Übersicht bietet Jean-François Bergier in seiner «Wirtschaftsgeschichte der Schweiz»6, die er schon in den 1980er Jahren publiziert hat. Unverzichtbar, um den frühen Durchbruch der schweizerischen Textilindustrie zu erfassen, ist Walter Bodmers Abhandlung zum Thema: «Die Entwicklung der schweizerischen Textilwirtschaft im Rah­men der übrigen Industrien und Wirtschafts­zweige» aus dem Jahr 1960, ferner Peter Dudziks «Innovation und Investi­tion» (1987) sowie Ulrich Pfisters Standardwerk zur zürcherischen Proto­industrie, «Die Zürcher Fabriques», das 1992 erschienen ist.

Zwar gilt Leo Weisz als ein Aussenseiter unter den Historikern, mehr Wirtschaftsjournalist als Wissenschaftler, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb zeichnete ihn ein scharfer Blick für Zusammenhänge aus, die andere übersahen, speziell ausgeprägt war sein Gespür für vergessene Anek­doten. Seine vielen Bücher sind eine Fundgrube. Mehr als das hinterliess natürlich Hans Conrad Peyer, einer der grossen Wirtschaftshistoriker unseres Landes, ich profitierte besonders von seiner «Verfassungsgeschichte der alten Schweiz» sowie von seiner rigoros quellenbasierten Studie: «Von Handel und Bank im alten Zürich». Das Gleiche gilt für Rudolf Brauns «Das ausgehende Ancien Régime in der Schweiz» und Ulrich Menzels «Auswege aus der Abhängigkeit». Von keinem Autor habe ich vielleicht mehr über den schweizerischen Sonderweg gelernt. Glänzend ist schliesslich Joseph Jungs «Das Laboratorium des Fortschritts. Die Schweiz im 19. Jahr­hundert», worin er sich vorwiegend um die Zeit nach 1830 kümmert. Wir steuern gewissermassen die Vorgeschichte bei.

Zum Schluss noch drei Hinweise auf die internationale Literatur, die ich konsultiert habe: Die amerikanische Ökonomin Deirdre McCloskey legte unlängst eine Trilogie zur Geschichte des westlichen Kapitalismus vor, «The Bourgeois Era», die wenig Fragen offenlässt. Ebenso umfassend ist die Arbeit von Pim de Zwart und Jan Luiten van Zanden, zwei niederländischen Autoren: «The Origins of Globalization. World Trade in the Making of the Global Economy, 1500–1800». Last, but not least schrieb Thomas McCraw mit «Prophet of Innovation» eine brillante Biografie über Joseph Schumpeter, den vielleicht anregendsten Theoretiker, wenn es darum geht, ein Phänomen zu erklären, das auch dieses Buch über weite Strecken prägt: den Unternehmer, den schöpferischen Zerstörer. Ohne solche eigenwilligen, oft unbeliebten, immer interessanten Menschen hätte auch die Schweiz nie jene Karriere zustande gebracht, die ich jetzt erzähle.

Nachdem die Jungsozialisten den Escher-Wyss-Platz umgetauft hatten, schlugen die Jungfreisinnigen, also junge rechte Aktivisten, zurück. Sie nahmen sich ihrerseits die Strassenschilder linker Prominenz vor. In der Spiegelgasse überklebten sie eine Gedenktafel, die daran erinnerte, dass Lenin, der russische Revolutionär, hier einmal gelebt hatte: «Alfred-Escher-Strasse» hiess es nun.

Im Gegensatz zu Escher hatte Lenin tatsächlich die Sklaverei in Russland wieder eingeführt. Kaum an der Macht, liess er Konzentra­tions­lager einrichten, wo politische Gegner, Adlige, Popen, oder einfach vorlaute Vertreter der «Bourgeoisie» versklavt wurden. Die meisten überlebten nicht.

Markus Somm

im September 2021

Vgl. Rey, Claudia, Politische Debatten werden über Strassenschilder ausgetragen: Zürcher Jungpolitiker überkleben Lenin-Gedenktafel mit Alfred-Escher-Schild, in: NZZ, 4. Dezember 2020, https://www.nzz.ch/zuerich/zuerich-jungfreisinnige-und-jusos-ueberkleben-strassenschilder-ld.1590 366, abgerufen am 6. Juli 2021.

Heinrich Escher, der Vater, starb 1853 in Zürich.

Beckert, Sven, Brandon, Pepijn, Mit Blut und Schweiss, in: NZZ am Sonntag, 28. Juni 2020: «Die Schweizer Familie Escher besass im 19. Jahrhundert eine Kaffee­plantage auf Kuba, auf der Sklaven schuften mussten. Dies bescherte den Eschers einen erheblichen Teil ihres Vermögens. Alfred Escher erbte das Geld und verwendete es für den Bau der Gotthardbahn.» Das ist eine groteske Annahme: Insgesamt kostete die Gotthardbahn am Ende rund 230 Millionen Franken, heute entspräche das einem Betrag von 12,6 Milliarden Franken. So viel dürfte die Kaffee­plantage in Kuba nicht abgeworfen haben. – Die Finanzierung des Tunnel­baus war übrigens hochkomplex. Es beteiligten sich das Deutsche Reich, das König­reich Italien, die Eidgenossenschaft, diverse Kantone und Gemeinden sowie ein inter­nationales Finanzkonsortium, das unter der Führung der Berliner Disconto-Gesell­schaft stand, sowie die beiden Kölner Institute A. Schaafhausen'scher Bank­verein und Salomon Oppenheim junior und Compagnie. Das Konsortium umfasste auch zahlreiche renommierte Schweizer Firmen, darunter die Schwei­­zerische Kredit­anstalt oder verschiedene Bahngesellschaften.

Jung, Joseph, Aufgewärmte «teuflische Angriffe», in: Tages-Anzeiger, 10. Juli 2017, https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/aufgewaermte-teuflische-angriffe/story/26467 853, abgerufen am 13. Juli 2021.

International Monetary Fund, GDP per capita, current prices U.S. dollars per capita (2021), https://www.imf.org/external/datamapper/NGDPDPC@WEO/OEMDC/ADVEC/WEOWORLD, abgerufen am 13. Juli 2021; The World Bank, GDP per capita, current US $ (2020), https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD?most_recent_value_desc=true, abgerufen am 13. Juli 2021; UNECE, Gross domestic product (GDP) per capita (2019), https://w3.unece.org/PXWeb/en/Country Ranking?IndicatorCode=12, abgerufen am 13. Juli 2021.

Für alle folgenden Titel finden sich die präzisen bibliografischen Angaben im Literaturverzeichnis.

Das Wirtschaftswunderland

Im Mai 1744 erfuhr Hans Conrad Gossweiler, dass die Seidenernte in Italien dieses Jahr besonders gut ausfallen würde. Deshalb wartete er mit seinen Bestellungen zu. Sicher würde der Preis für die Rohseide weiter fallen, dachte sich der Zürcher Seidenfabrikant, so dass es ungeschickt gewesen wäre, jetzt schon einzukaufen. Da auf dem Seidenmarkt aber nie etwas «sicher» war, liess Gossweiler seinen Lieferanten in Italien keine Ruhe. Fast jede Woche schrieb er ihnen einen Brief. Er erkundigte sich nach dem Preis, fragte nach der Ernte, wollte alles wissen über die Politik. Zu Recht, wie sich schon im Juni herausstellte, als man ihm mitteilte, dass die Ernte doch nicht so üppig werden würde. Allgemein rechnete man jetzt damit, dass die Preise so hoch liegen würden wie vor einem Jahr, also ziemlich hoch, zumal die Nachfrage inzwischen deutlich angezogen hatte. Den meisten Fabrikanten mangelte es an Rohstoffen, die Lager gähnten vor Leere. Ausserdem herrschte Krieg in Europa. Der österreichische Erbfolge­krieg (1740–1748) ergriff immer mehr Länder, bis so gut wie alle grossen Mächte daran beteiligt waren. Das musste den Preis für die Seide beeinflussen, keine Frage, bloss wusste niemand, in welche Richtung. Was sollte Gossweiler tun? Kaufen oder warten? Viel stand auf dem Spiel. Denn Seide war teuer, als Rohstoff genauso wie als Endprodukt, und wer schon zu teuer einkaufte, ging unter. Gossweiler behielt die Nerven. Im August schliesslich hatte sich die Lage wieder geändert, denn offenbar hatten die Seidenraupen Italiens doch viel mehr Seide abgesondert als erwartet, der Preis sank mit einem Ruck, und Gossweiler kaufte endlich ein. Er bestellte in Bergamo und Verona.

In der Regel fuhr er nicht selbst nach Italien, um seine Seide zu holen, sondern er setzte auf Spediteure, die er gut kannte, wie etwa die Firma Paravicini in Chiavenna oder Huber in Walenstadt. Sie erledigten den Transport. Sie packten die Seide in Bergamo und Verona auf Kutschen, verluden sie aufs Schiff, wo immer ein Fluss oder ein See sich als Transportweg anbot, und nutzten diesen einzigen wirklich bequemen Verkehrsweg so lange als möglich, bis es in die Berge ging, wo man nur mehr mit Maultieren vorwärtskam. Rund zwei Wochen später traf die Ware in Zürich ein. Hier gab sie Gossweiler sogleich an seine zahlreichen Arbeiter weiter, die allerdings nicht in Zürich tätig wurden, sondern in Männedorf und Stäfa. Es waren Bauern, die nebenbei in ihren Kellern Seide spannen und woben. Heim­arbeiter nannte man sie: Männer, Frauen, oft Kinder, die gegen einen geringen Lohn die rohe Seide in weiches, kostspieliges Tuch verwandelten. Kaum hatten sie ihre Arbeit verrichtet, tauchte ein Mitarbeiter von Goss­weiler auf, sammelte die fertige Ware ein und spedierte sie per Schiff nach Zürich zurück. Von hier aus verschickte sie Gossweiler in alle Welt: nach Frankreich, nach Spanien, nach Holland, nach Frankfurt und Leipzig, ja selbst nach Russland und Nordamerika. Gossweiler, der sich wohl zu Recht als den besten Seidenspinner von Zürich bezeichnete, betrieb ein hochrentables Unternehmen. Dabei erwarb er sich ein Vermögen und Res­pekt, sein Geschäft war kapitalistisch und globalisiert, als es diese Begriffe noch gar nicht gab.

Hans Conrad Gossweiler lebte von 1694 bis 1760 in Zürich. Er war ein typischer Kaufmann und Fabrikant dieser Stadt, wie es damals im 18. Jahr­hundert viele gab, ja Zürich war dank ihnen zu einer der reichsten Städte Europas aufgestiegen – was man zwar nicht gerade zur Schau stellte, aber im Stillen sehr wohl genoss. Wie Gossweiler produzierten die Zürcher Fabrikanten Seidenstoffe, zunehmend auch solche aus Baumwolle, sie importierten aus Italien, aus dem Nahen Osten oder aus der Karibik ihre Rohstoffe, liessen sie auf dem Land von Heimarbeitern veredeln und lieferten ihre Waren in alle Herren Länder.

Es hatte sich ein Wirtschaftswunder zugetragen, das auch die Zeit­genossen verblüffte. Es war eine kapitalistische Zitadelle entstanden in einem Europa, wo die meisten Menschen noch als Bauern ihr Leben fristeten – mehr schlecht als recht, nur knapp sich über dem Subsistenzniveau durchbringend, was sie erwirtschafteten, brauchten sie sogleich auf. Jede Missernte, jeder Krieg stürzte sie in Not, es drohte der Hungerstod. Im Kanton Zürich kam das ebenfalls vor, doch immer seltener. Bald schien es undenkbar.

1723 war in Paris ein «Lexikon des Handels» erschienen, wo alle wichtigen Länder und Städte der damaligen Weltwirtschaft behandelt wurden. Der Autor hiess Jacques Savary des Brûlons. Unter dem Stichwort «Zurich» hatte er geschrieben: «Die Zürcher haben aus ihrem Staat ein veritables Peru gemacht, obwohl sie über keinerlei Gold- oder Silberminen verfügen»1, womit Savary sehr viel Reichtum andeutete, denn Peru galt dank seiner Minen als ein Land von unermesslichen Schätzen. Es gehörte zu jener Zeit den Spaniern. «Doch im Gegensatz zu den harten Spaniern, die aus Peru so viel Gold und Silber herausgezogen haben, was sie auf Kosten des Blutes der armen Indianer taten, die sie in den Minen zur Arbeit zwangen, haben die Herren von Zürich ihren Staat und ihre Untertanen allein mit ihren Fabriken reich gemacht.»2 Savary musste es wissen. Er war hauptberuflich Generalinspektor des französischen Zolls und hatte die vielen Waren aus Zürich zu kontrollieren, die in Frankreich auftauchten.

Zürich stand nicht allein, ganz im Gegenteil, seit gut einem Jahr­hun­dert hatte sich in vielen Regionen der damaligen Schweiz – der sogenannten alten Eidgenossenschaft – immer mehr Industrie ausgebreitet. Ob in Basel oder Genf, ob in St. Gallen und der gesamten Ostschweiz, in Glarus, im Aargau: Überall war die Industrie gewachsen, bis sie, im Ausland lange kaum beachtet, im 18. Jahrhundert europäische Dimensio­nen angenommen hatte. Diese Schweiz des Ancien Régimes, wie man sie später auch bezeichnen sollte, ein merkwürdiges Relikt aus dem Mittelalter, erwies sich zugleich als eines der modernsten Länder, was seine Wirtschaft anbelangte.

Um 1780 war es zum wichtigsten Zentrum der europäischen Textil­industrie aufgestiegen. In diesem Jahr betrug der schweizerische Export 3 Millionen £, im Jahr 1800 5 Millionen £, was in beiden Fällen etwa zwei Prozent des gesamten Welthandels entsprach.

Wenn wir uns vor Augen halten, dass die Weltbevölkerung sich zu jener Zeit auf etwa eine Milliarde Menschen belief und die Eidgenos­senschaft bloss 1,7 Millionen Einwohner davon beherbergte, wird deutlich, als wie überproportional wir diesen schweizerischen Anteil am Welt­­handel einzuschätzen haben: 1,7 Millionen sind 0,17 Prozent im Verhältnis zu einer Milliarde, die Schweizer lieferten also mit zwei Prozent rund zwölf Mal mehr Waren, als ihre Bevölkerungszahl hätte annehmen lassen. Was für eine erstaunliche Exportleistung – besonders für ein Land, das in den Augen der meisten Europäer noch kurz zuvor nur eines zu exportieren gewusst hatte: die brutalsten und teuersten Söldner der Weltgeschichte. Doch im 18. Jahrhundert sah alles anders aus. Aus einer Nation der Söldner war ein Land der Fabrikanten, Kaufleute und Arbeiter geworden.

Der Umfang dieser frühen Industrie war gewaltig. Die Behörden des Kantons Zürich hatten im Jahr 1787 alle Arbeitskräfte zählen lassen, die in der Baum­wollindustrie untergekommen waren. Es handelte sich um den führenden Sektor. Man ermittelte 34 000 Spinner und nahezu 6500 Weber, insgesamt arbeiteten wohl 50 000 Menschen in der Produktion von Baum­wollstoffen, was einem Drittel aller Arbeitskräfte im Kanton entsprach. Angesichts der Tatsache, dass ausserdem 4000 Leute in der Seidenher­stel­lung ihr Geld verdienten, kann man ermessen, wie ausgeprägt sich der Kanton Zürich schon industrialisiert hatte. Alles in allem betrug dessen Bevölkerung 1792 rund 175 000 Einwohner.

Ähnlich sah es in den übrigen Industrieregionen aus. So wurden im Aargau etwa zur gleichen Zeit rund 30 000 bis 40 000 Leute registriert, die in der Baumwoll- und in der Leinenweberei tätig waren, was ebenfalls einem Drittel der Erwerbsbevölkerung gleichkam; der heutige Kanton gehörte damals zu weiten Teilen zu Bern.

Auch Basel zählte zu diesen produktiven, modernen Gebieten, allein im Kanton, der damals sowohl Basel-Stadt als auch Baselland umfasste, standen über 2300 Webstühle, auf denen das allerseits begehrte, exquisite Seidenband hergestellt wurde. Längst hatte sich diese Luxusbranche ebenso ins Elsass, in das Badische und in das Fricktal ausgedehnt.

Seidenbänder stiessen zu jener Zeit auf eine stabile Nachfrage, besonders der Adel verbrauchte sie in rauen Mengen, um sich standesgemäss zu schmücken oder aufzuputzen, wie man das nannte. Ob am Hut oder am Kleid, an den Strümpfen oder am Hemd: Nie durfte ein Seidenband fehlen. Paris, die neue Hauptstadt der Mode, liebte Basel. Basel liebte Paris.

Dass ausgerechnet das protestantische Basel sich an diesem Luxus­produkt bereicherte, entbehrte nicht der Ironie, denn die Politiker und Pfarrer der Stadt taten alles, um den eigenen Bürgern mit strikten Sitten­mandaten das Seidenband zu verleiden; nur sehr eingeschränkt war dessen Einsatz erlaubt. Man exportierte nach Frankreich, was man selbst nicht benutzen durfte. Nicht alle hielten sich daran.

«Die alten Sittengesetze Basels», hiess es in einem Lexikon des 19. Jahr­hunderts, «waren von merkwürdiger Strenge. So mussten sonntags alle in schwarzen Anzügen zur Kirche gehen, Frauen und Mädchen durften sich das Haar nicht von Männern ordnen lassen, nach zehn Uhr abends wurden keine Wagen in die Stadt gelassen, und niemand durfte einen Bedien­ten hinten auf seinem Wagen haben. Mit der Frömmigkeit ging aber der ‹Handelsgeist› Hand in Hand, und Basel ist deshalb auch ‹Wucherstadt› genannt worden. Fünf Prozent galt als mindester ‹christlicher Zins›, und wer seine Kapitalien zu geringerem Zinsfuss auslieh, wurde als staats­gefährlich verfolgt.»3

Nirgendwo aber war die Wirtschaft wohl stürmischer gewachsen als im Glarnerland, in einem von der Natur ungnädig behandelten, faktisch aus wenig mehr als einem einzigen Tal bestehenden Minikanton: 1794 belief sich die Glarner Bevölkerung auf rund 22 000 Einwohner. Davon waren sage und schreibe zwei Drittel in der Industrie tätig, bloss ein Drittel kümmerte sich noch um die traditionelle Landwirtschaft. Damit gehörte Glarus im 18. Jahrhundert zu den am meisten industrialisierten Regionen der Welt.

Vorangegangen war ein aussergewöhnlicher, ja überstürzter Struktur­wandel: Seit undenklichen Zeiten hatten sich die Glarner der Viehzucht, der Alpwirtschaft und den Solddiensten für fremde Staaten gewidmet, doch Anfang des 18. Jahrhunderts war zuerst die Baumwoll­spinnerei, dann der Zeugdruck aufgekommen, also das Bedrucken von Textilien, wofür die Glarner Unternehmer schliesslich weltberühmt werden sollten. Wie so oft hatte die Industrialisierung gleichzeitig eine markante Zunahme der Bevölkerung bewirkt: Im 14. Jahrhundert dürften bloss 4000 Menschen im Glarnerland gelebt haben. 1700 war ihre Zahl auf 10 000 angestiegen, um sich bis 1794 mehr als zu verdoppeln. Mit anderen Worten, in knapp hundert Jahren war der Kanton so stark gewachsen wie in den vorhergehenden dreihundert Jahren zusammen.

«Diese Bevölkerung», stellte Johann Gottfried Ebel, ein deutscher Besucher, 1797 fest, «steht in keinem Verhältnis mit den nutzbaren Grund­stücken des Landes, und man kann daher mit Recht sagen, dass der Kanton Glarus für seine Bewohner zu klein ist.»4 Ebel stammte aus Preussen; von der Ausbildung her ein Arzt, bereiste er in den 1790er Jahren wiederholt die Schweiz und verfasste Reiseberichte, die dem ausländischen, besonders dem deutschen Touristen das Alpenland näherbringen sollten. Ebel fuhr fort: «Mit der Einführung neuer Erwerbszweige [der Textilindustrie] wurden die Ehen häufiger und fruchtbarer, die Güter der Familien zerfielen in kleinere Teile und deren Zerstückelung erreichte bei steigender Menschenvermehrung den höchsten Grad.»5

Wenn man bedenkt, dass zu jener Zeit die Linthebene, jenes weite Gebiet zwischen Walen- und Zürichsee, das den Zugang zum Glarnerland beherrscht, noch nicht entsumpft und melioriert war, wird deutlich, als wie aussergewöhnlich die Frühindustrialisierung in diesem ab­geschnitte­nen Tal mitten im Gebirge zu beurteilen ist. Der Sumpf erschwerte den Verkehr von Personen und den Transport von Gütern, der Sumpf begünstigte auch die Malaria, die regelmässig ausbrach und die Menschen heimsuchte. In der Tat: Das Glarnerland war ein verwunschener Ort. Ein Kra­chen, von dem man zuletzt erwartet hätte, dass er sich je zu einem so bedeutenden Standort der Textilindustrie heranbilden würde. Ein Wun­der, ein Zufall? Weder das eine noch das andere.

Verwunschen, abgeschnitten, vom Schicksal bestraft: Das Gleiche lässt sich von einem zweiten Minikanton in den Voralpen sagen, dessen Ent­wicklung nicht weniger verblüffend verlaufen war: Appenzell Ausserrhoden hatte sich im 18. Jahrhundert ebenfalls zu einem Schwer­punkt der Textil­industrie verwandelt. Von den 35 000 Menschen, die seinerzeit dort lebten, arbeiteten 11 000 für den Export von Stoffen, nur eine Minderheit fand noch in der Landwirtschaft ihr Auskommen. Wenn Appenzell Ausser­rhoden auch das eindrücklichste Beispiel der Industrialisierung in der ­Ost­­schweiz darstellte, so war es doch keine Ausnahme: Ob Toggen­burg, Fürstenland, Thurgau oder das Rheintal: Überallhin hatte sich die Textil­industrie ausgedehnt, in konzentrischen Kreisen war sie jedes Jahr gewachsen, und in der Mitte lag die Stadt St. Gallen, wo die Unternehmer residierten, die dieses Geschäft – Import, Produktion und Export – im Wesentlichen dirigierten. Hatten die St. Galler zuerst jahrhundertelang die Leinenindustrie des gesamten Bodenseeraumes dominiert, waren sie zu Anfang des 18. Jahrhunderts auf die Baumwolle umgestiegen, dann erfanden sie die Stickerei, die sie bis zum Ersten Weltkrieg überaus reich machen sollte. Allein im stockkatholischen Appenzell Innerrhoden rührte sich wenig. Hier gab es kaum Industrie.

Last, but not least hatte sich in der Schweiz, insbesondere in Genf und Neuenburg, eine weitere Industrie etabliert, die das Land bis auf weiteres ebenso prägen sollte: die Uhrenindustrie, deren Produkte in ganz Europa auf beachtlichen Absatz stiessen. 10 000 Uhrmacher gingen in der Westschweiz dieser Tätigkeit nach – die kaum jemand sonst beherrschte.

Die Schweiz, ein Industriestaat avant la lettre. Für die spätere Ge­schichte des Landes sollte sich dieser sehr frühe Start als ausserordentlich folgenreich herausstellen. Gewiss, das war keine Industrie, wie wir uns das heute vorstellen. Noch fehlten weitgehend die Maschinen, es überwog Handarbeit, ebenso trug sich der grösste Teil der Produktion in der Heim­industrie zu: Tau­sende von Heimarbeitern, kleine Bauern und Bäuerinnen im Nebenberuf, stellten die Textilien auf ihren Höfen her, selbst die meisten Uhrmacher tüftelten, schliffen und schraubten zuhause; Fabriken, wie wir sie kennen, kamen selten vor.

Es hatte eine «Industrialisierung vor der Industrialisierung» stattgefunden, wie die Wirtschaftshistoriker diesen Wandel heute in Worte fassen. Die Menschen bewegten sich zwischen agrarischem Gestern und industriellem Morgen, im rasenden Stillstand sozusagen, was sich im Fall der Schweiz allerdings als entscheidender Vorzug erweisen sollte. Die Schweiz galt als ein Pionier dieser sogenannten Protoindustrie, deshalb wuchs sie auch zum Pionier der darauffolgenden industriellen Revolution heran.

Zwar sahen sich lange nicht alle Kantone in der damaligen alten Eid­genossenschaft von dieser Entwicklung betroffen. In manchen war die Zeit stehen geblieben, und man lebte dort, als wäre das Mittelalter nie vergangen. Wo die Industrie sich aber festgesetzt hatte, und das waren eben doch viele Regionen, brach eine neue Ära an. Alles wurde anders, vieles modern, den meisten ging es besser, lange bevor die Französische Revolu­tion von 1789 ganz Europa aus den Angeln heben sollte.

Den meisten Zeitgenossen war dies bekannt, zumal sie wie etwa der oberste französische Zollinspektor Jacques Savary mit den Folgen dieses Wirtschaftswunders zu tun hatten. Später geriet dieser vorzeitige Durch­bruch in Vergessenheit, wie der deutsche Soziologe Ulrich Menzel feststellte: «Der Blick der Wirtschaftshistoriker, die sich mit den Anfängen der Industrialisierung beschäftigen, richtet sich in erster Linie auf Eng­land»6, und wenn auf den Kontinent, dann allenfalls auf Frankreich: «Dabei wird vielfach übersehen, dass zumindest in dem Leitsektor der frühen Industrialisierung, der Textilindustrie, die Schweiz im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts das führende Land in Europa war und zwischen 1750 und 1780 eine erste Hochkonjunktur erlebte.»7 Mit Blick auf die Kon­kurrenz kommt Menzel zum Schluss: «Die schweizerische Baumwoll­industrie ist älter als die englische und die Seidenindustrie älter als diejenige Lyons.»8

Wie war das möglich? Auf den ersten Blick gab es vielleicht kein Land in Europa, dem man einen solchen wirtschaftlichen Aufstieg weniger zugetraut hätte als der Schweiz. War es nicht ein Land mitten im Gebirge, wo es zu allem Elend nicht einmal Gold oder Silber oder Eisenerz gab wie in so vielen Bergregionen der Welt? Hätten die Schweizer wenigstens ein paar Rohstoffe aus ihren Felsen brechen können, wären sie wohl der Natur in einer besseren Position gegenübergestanden, stattdessen fanden sie nur Schutt, fettes Gras, Moos und Flechten. Sie bissen buchstäblich auf Granit.

Sie lebten überdies in einer Eidgenossenschaft der Isolation, ohne Meeranschluss, ohne Seehäfen, zwar mit Flüssen versehen, die sich allerdings nur teilweise mit Schiffen befahren liessen. Wer exportieren wollte, war stets auf die Gutmütigkeit seiner Nachbarn angewiesen. Zwei Drittel des Landes lagen in den Alpen oder im Jura, in unfruchtbarem und unwegsamem Gebiet. Das eine hintertrieb eine produktive Landwirtschaft, das andere erschwerte den Transport von Waren und machte ihn vor allen Dingen kostspielig, unzuverlässig und langsam. Wie konnte es sein, dass sich ausgerechnet diese Schweiz zum Standort einer leistungsfähigen Exportindustrie entwickelt hatte?

Vielleicht ist kein Thema in der schweizerischen Geschichte von mehr Belang, und womöglich ist keines unbekannter – was so verblüffend wirkt wie die Tatsache selbst. Bevor ich mich jedoch damit beschäftige, möchte ich diese Industrie des 18. Jahr­hunderts beschreiben. Wenigen dürfte die sogenannte Heim- oder Haus­industrie vertraut sein. Sie war ein Wunder, sie war ein Elend – auch in der Schweiz setzte der Kapitalismus mit Licht und Schatten ein.

Kapitalismus im engsten Tal und im hintersten Krachen

Die Schweizer wurden zur Exportnation – und weil sie dem ersten An­schein nach dafür nicht die besten Voraussetzungen mitbrachten, verlegten sie sich auch auf ausgewählte Produkte – und stellten diese auf eine besondere Art her. Sie machten gewissermassen aus der Not eine Tugend. Es gab im Wesentlichen zwei Ansätze.

Der eine ist uns noch heute vertraut: hohe Qualität. Wenn der Export schon so teuer war, aus einem Land der Berge ohne Meer, dann machte es für die Schweizer Sinn, sich auf Dinge zu spezialisieren, die wenig wogen und daher billiger zu verfrachten waren, die aber gleichzeitig im Vergleich zu ihrem Gewicht unendlich viel Wert besassen. Uhren entsprachen diesem Anforderungsprofil bestens, und seit dem 16. Jahrhundert machten sich die Genfer Uhrenmacher deshalb auf, die Weltmärkte zu erobern. Es verging nicht viel Zeit, bis diese ausgesprochene High-Tech-Branche der frühen Neuzeit in die Juratäler ausgriff, nach Neuenburg und in den Berner Jura, bis die Schweizer im 18. Jahrhundert zu den weltweiten Marktführern für Uhren aufgerückt waren, was sie für lange Zeit bleiben sollten. Nie­mand sah sich in der Lage, so präzise Uhren zu fertigen, niemand traute sich zu, diese winzigen Zaubermaschinen zu übertreffen. Die Schweizer erzielten hohe Preise für hohe Qualität.

Den zweiten Ansatz wandte die Textilindustrie an. Er ist uns weniger geläufig. Leicht und wertvoll und von hoher Qualität waren zwar auch die Textilien, die in der Schweiz hergestellt wurden, nämlich Seide, Stickereien oder feine Baumwollstoffe – darin unterschied sich die Textil­branche nicht grundlegend von der Uhrenindustrie. Doch im Gegensatz zu dieser handwerklich anspruchsvollen Fertigung, wo gut bezahlte Fach­arbeiter eingesetzt wurden, stützten sich die Textilunternehmer vorwiegend auf Heim­­arbeiter, die zu sehr tiefen Löhnen spannen und woben. Noch lange sollte dieser Vorzug – aus Sicht der Unternehmer – die schweizerische Industrie prägen und überaus konkurrenzfähig machen, was sich heute, da Schweizer Konzerne längst die höchsten Saläre der Welt anbieten, kaum jemand mehr vorzustellen vermag.

Dass die Löhne so tief lagen, hing damit zusammen, wer für diese frühe Textilindustrie arbeitete, die Bauern und Bäuerinnen in abgelegenen, von der Natur keineswegs verwöhnten Gebieten, wo ihnen feuchte Täler, Hügel, steile Hänge und miserable, steinige Böden das Leben so schwer machten, dass sie dringend auf einen Nebenverdienst angewiesen waren. Die meisten verfügten aus­ser­­dem über wenig Land und nur eine geringe Anzahl von Tieren. Zwar lebten sie von der Landwirtschaft, aber mehr schlecht als recht. Die Heimarbeit, die sie für die Textilunternehmer ausführen durften, war kritisch. Ohne sie wären sie wohl verhungert. Und trotzdem blieb es ein Nebenverdienst, den sie in ihrer «Freizeit» neben der Landwirtschaft erzielten, in der Regel zuhause auf ihrem eigenen Bauernhof. Dass es schliess­­lich für sie ein Nebenverdienst war, kam dem Unternehmer zupass, es ermöglichte ihm, weniger zu bezahlen, als nötig gewesen wäre, wenn diese Arbeiter allein von ihrem Lohn hätten leben müssen.

Was bei oberflächlicher Betrachtung wie eine etwas altertümliche Form der Industrie anmuten mag, nahm in Tat und Wahrheit die Zukunft vorweg – die kapitalistische Zukunft, wo dem Unternehmer und dem Markt eine herausragende Bedeutung zukommen sollte.

Zwar benutzte man noch kaum Maschinen – es wurde von Hand gesponnen, von Hand gewoben, von Hand gebleicht, von Hand veredelt und gestickt, und doch haben wir es mit einer Produktion zu tun, die manch einem Zeitgenossen als revolutionär erschien: Modern war zuallererst die Art und Weise, wie die Arbeit aufgeteilt und vollzogen wurde. Man spricht in der Geschichtsschreibung vom «Verlagssystem», von einer Organisa­tions­­form, wo manchmal Hunderte von Arbeitern für einen einzigen Un­ter­­nehmer tätig waren, in der Regel als Heimarbeiter, meistens auf dem Land, seltener in der Stadt. Wenn es Fabriken gab, dann einzig, um hier die anspruchsvollsten Veredelungsschritte am Produkt vorzunehmen, dafür stellten die Unternehmer ein paar Spezialisten ein. Heim­arbeiter dagegen arbeiteten immer daheim, in ihren vier eigenen Wänden, wie der Begriff verrät.

Sie bekamen von ihrem Auftraggeber die Rohstoffe, manchmal auch die Halbfabrikate geradewegs nach Hause geliefert, wo sie sie in einem bestimmten Zeitraum verarbeiteten, nach dem die Ware wieder abgeholt wurde. In der Textilindustrie dauerte dies ein bis zwei Wochen, in der Uhrenindustrie zuweilen ein halbes Jahr. Die Heimarbeiter erhielten dafür einen Lohn, und ihre Erzeugnisse gingen überwiegend in den Export. Sie stellten Mas­sengüter für einen Massenmarkt her. Auch das wirkt aus heutiger Sicht modern.

Der Begriff Verlagssystem geht auf die Tatsache zurück, dass die Unternehmer ihren Arbeitern den Rohstoff, manchmal auch das Arbeits­gerät «vorlegten», auslegten oder vorschossen; deshalb wurden diese Unter­nehmer auch Verleger genannt – mit den Verlegern der Gegenwart, also jenen Leuten, die einen Verlag betreiben, um Bücher auf den Markt zu bringen, hatten sie nichts zu tun.

Die Verleger stellten eine Kreuzung von Fabrikanten und Kaufmann dar. Die meisten Verleger des 18. Jahrhunderts waren in der Textilindustrie tätig. Es gab indessen auch solche, die Uhren, Musikdosen, Waffen, Spiel­zeug, Mützen, Strümpfe oder Taschen herstellen liessen. Und die Mehr­heit, das ist genauso wesentlich, befand sich in der Stadt, während die Mehrheit der Leute, die für sie tätig waren, eben auf dem Land wohnte und dort für sie arbeitete. Häufig sicherten vorteilhafte Gesetze die starke Stellung der städtischen Verleger ab, manchmal hatten sie sich gar ein Monopol für ihre Geschäfte geben lassen. Die städtischen Räte sorgten für ihre städtischen Unterneh­mer – nicht immer, aber oft genug.

In der Kreuzung von Fabrikanten und Kaufmann liegt wohl die folgenreichste Innovation des Verlagssystems, wenn man an den späteren Sie­geszug des Kapitalismus denkt. Es wurde ein neuer wirtschaftlicher Typus geboren, der Unterneh­mer – für die einen ein Held oder gar ein «Titan», wie ihn der Öko­nom Joseph Schumpeter beschreiben sollte, für die anderen das Böse schlechthin, der «Bourgeois», der Robber-Baron, wie ihn die Amerikaner denunzierten, ein Raubritter, der Bonze.

Eine Kreuzung von historischer Tragweite ohne Frage: Während der herkömmliche Kaufmann, wie man ihn seit der Antike kannte, in erster Linie Rohstoffe und Waren kaufte, lagerte, lieferte und verkaufte, wagte sich der jetzt als Verleger auftretende Unternehmer auch in die Produktion vor, ja am Ende unterwarf er sich die gesamte Wertschöpfungskette, sofern ihm das gelang.

Der Verleger kaufte den Rohstoff ein, liess ihn verarbeiten und verschickte das Produkt in die Welt hinaus. Um dazu in der Lage zu sein, musste er alles wissen, was den Kaufmann schon immer ausgezeichnet hatte – und manches darüber hinaus: Er durchschaute den Markt, wusste, wo man den billigsten und besten Rohstoff erhielt, hatte aber auch Kenntnis davon, was die Kunden sich wünschten, manchmal bevor diese selbst das erahnten; der neue Unternehmer kannte sich aus in Mode, Stil und Qualität und überblickte Angebot und Nachfrage. Indem er Rohstoffe aus aller Welt bezog und nach überallhin exportierte, glich der Verleger dem Fernhändler des Mittelalters. Wenn er sich aber von diesem Kauf­mann deutlich abhob, dann darin, dass er eben auch über Produktions­methoden, Arbeitskräfteangebot oder später Maschinen im Bilde sein musste. Wer als Verleger zu Erfolg gelangen wollte, kam nicht umhin, sich zum Universal­genie in Sachen Profit auszubilden. Er wagte viel, er wagte alles. Einmal stürzte er in die Hölle ab, das andere Mal stieg er in den Himmel auf: Wo immer er aber endete, meistens hatte er in der Zwi­schen­zeit keinen Stein auf dem anderen gelassen. Wahrscheinlich trieb niemand die wirtschaftliche, aber auch gesellschaftliche Umwälzung des Westens im Zeichen von Industrie und Kapitalismus mehr voran als der moderne Unternehmer. Wie kein anderer stand er für die «schöpferische Zerstö­rung», wie Schum­peter den wirtschaftlichen Strukturwandel später charakterisierte.9

Mit dem Unternehmer wurde allerdings auch die wirtschaftliche Ab­hän­gigkeit von vielen Menschen zwar keineswegs erfunden, aber doch vertieft und auf eine bemerkenswerte Weise modernisiert. Zugegeben, Ab­hän­­gige hatte es immer gegeben, ja auf die meisten Menschen traf dies seit Urzeiten zu, frei und unabhängig war so gut wie niemand: Die Kirche stützte sich auf Leibeigene, Klöster besassen Sklaven, der Adel herrschte über Bauern, die ihm Fronarbeit und den Zehnten schuldeten, Königinnen liessen sich bedienen, Bischöfe verwöhnen, und fast jeder Handwerksmeister beschäftigte ein paar Gesellen, während die Meistersfrau über Köchin und Magd kommandierte: Selbst Lohnarbeit war also schon im Mittelalter verbreitet gewesen – und doch führte das Verlagssystem jene spezielle Abhän­gigkeit von den Unternehmern und den Launen des Marktes ein, die so viele Intellektuelle später als «Ausbeutung» und «Entfremdung» geisseln sollten. Allen voran Karl Marx, der Wegbereiter des Kom­mu­nismus.

Und es stimmte ja. Der Heimarbeiter in seinem feuchten Keller, die Heimarbeiterin mit ihren klammen Fingern am Spinnrad waren dem Verleger auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er bestimmte ihren Lohn – und da es lange Zeit mehr von jenen Leuten gab, die nach einem Neben­verdienst suchten, als Verleger, die nach diesen verlangten, besassen die kleinen Bauern in den engen Tälern und den hinteren Krachen schlechte Karten, um eine bessere Bezahlung für sich herauszuholen. War das nicht ungerecht? Und selbst wenn es sich um ein Verhältnis handelte, das nicht von heute auf morgen so einseitig gewesen war, so steckte im Verlagssystem doch der Keim des Kapitalismus. Kaum war der Verleger auf der historischen Bühne aufgetaucht, stiess er eine Entwicklung an, die auf lange Sicht kaum mehr aufzuhalten war. Lohnarbeit wurde nach ein paar Jahr­hunderten im Westen zur Norm, das Kapital, will heissen die Finan­zie­rung, sollte die gesamte Produktion durchdringen, und am Ende hing tatsächlich das Schicksal von zahllosen Arbeitern und deren Familien von den Fähigkeiten eines einzelnen Unternehmers ab – und wenn nicht von diesem allein, dann vom Markt, wo unsichtbare Kräfte über die Wohlfahrt ganzer Völker entschieden. Musste eine solche «kapitalistische Produk­tions­weise», wie sie Marx nannte, nicht unvermeidlich in die Revo­lution führen? Marx und mit ihm später Millionen von dessen An­hängern waren überzeugt davon. Es war ein Wirtschaftssystem, das sich leicht denunzieren liess, selbst wenn es sehr viel mehr Wohlstand schuf als jedes andere zuvor.

Zu Anfang, als sich das Verlagssystem in der Textilproduktion herausformte, gab es noch viele selbstständige Spinner und Weber – was damit zusammenhing, dass der Flachs der wichtigste Rohstoff für ihr Produkt darstellte. Flachs wuchs auch in der Schweiz, ja in gewissen Gebieten wie der Ostschweiz sogar besonders gut, und viele Spinner und Weber zogen es daher vor, ihn selbst anzupflanzen, um ihn daraufhin zu Leinwand zu verarbeiten. Für die Rohstoffbeschaffung waren sie auf keinen Verleger angewiesen, sondern dieser kam erst ins Spiel, wenn es darum ging, die fertige Ware zu exportieren. Noch handelte es sich um ein recht egalitäres Auftragsverhältnis.

Als im 16. Jahrhundert jedoch die Baumwolle in Europa auftauchte, ein Rohstoff, der aus dem Nahen Osten oder Indien eingeführt werden musste, nahm die Bedeutung des Verlegers zu. Nun sorgte er auch für den Rohstoff. Zunächst kaufte manch ein Spinner dem Verleger diesen noch ab, um ihm nachher die Ware wieder zu verkaufen. Das überbürdete ihm allerdings ein beträchtliches Risiko: Konnte er ahnen, wie sich die Nachfrage nach seinem Produkt auf dem Weltmarkt in zwei, drei Monaten entwickeln würde? Brach sie ein, blieb der Weber auf seinem Stoff sitzen und konnte ihn nur noch zu tiefsten Preisen losschlagen. Zog die Nach­frage unerwartet an, stand dem Spinner zu wenig Garn zur Verfügung, um aus den höheren Preisen Nutzen zu ziehen. Angesichts der Tatsache, dass er verhältnismässig viel Geld investiert hatte, um sich den Rohstoff zu beschaffen, wird verständlich, warum die Freiheit des Produzenten diesem selbst hin und wieder als eine bittersüsse Freiheit erschien: Fluch und Segen zugleich.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis der Verleger dieses Risiko übernahm und die Heimarbeiter zu Lohnabhängigen machte. Nach und nach schwang er sich zum Herrn des gesamten Produktionsprozesses auf. Dabei war nichts entscheidender als der Umstand, dass er diesen auch durchgehend finanzierte. Er stellte das Kapital bereit und gab es nie mehr aus der Hand – er war der Kapitalist. So blieb der Rohstoff, dann das Zwischenprodukt wie etwa das Garn, das der Handspinner herstellte, oder schliesslich das vollendete Tuch, das der Weber ablieferte, stets im Besitz des Verlegers. Heimarbeiter waren Lohnarbeiter, sie wurden nicht als Selbstständigerwerbende betrachtet wie etwa ein Hand­werksmeister, der als Schreiner sein Holz bestellte, es daraufhin ver­arbeitete und schliesslich den neuen Tisch einem Kunden verkaufte. Heim­­­­arbeiter besassen ihre Ware nicht, gleichzeitig wurde von ihnen aber oft erwartet, dass sie für Spinnrad, Webstuhl oder anderes Gerät selbst aufkamen, ebenso sorgten sie für ihren Arbeitsplatz, ohne dass der Ver­leger daran einen Beitrag geleistet hätte – in der Regel diente der Kel­ler oder die Stube im eigenen Bauernhaus als solcher. Wenn Heimarbeit aus Sicht des Verlegers eine gute Einrichtung war, dann lag dies auch daran, dass er auf diese Weise zusätzlich Kosten einsparte. Heute würde man von Out­sourcing sprechen.

Gleichwohl zogen auch die Heimarbeiter daraus Nutzen, denn bei aller Not, die sie dazu zwang, sich einem Verleger anzuvertrauen, wurden sie damit auch manch eine Sorge los. Zwar gaben sie ihre Selbstständigkeit auf und tauschten sie für eine manchmal drückende Abhängigkeit ein, dennoch, so scheint es, nahmen sie dies häufig nur zu gerne in Kauf. Von den Schwankungen des Marktes hatten sie wenig zu gewinnen – solange sie so gut wie ungeschützt damit umgehen mussten.

Für den Export zu arbeiten, erforderte Sachwissen, gute Nerven, Kapital und eine Risikofähigkeit, wie sie nur wenigen gegeben war – zumal in jener Epoche, der frühen Neuzeit, wo alles unsicher, alles prekär erschien: Informationen, das Reisen, der Transport, die Kre­dit­beziehungen, die Eigentumsgarantie, Geld. Dass unter solchen Umstän­den nur wenige sich in dieses Geschäft vorwagten und dass die meisten, die dies taten, ursprünglich Kaufleute gewesen waren, die sich neuerdings auch in Fabrikanten verwandelten, kann vor diesem Hintergrund nicht überraschen. Zuerst die Kaufleute, dann die Verleger, sie waren die frühen Virtuosen der Marktwirtschaft. Sie gehörten zu den Ersten, die sich der Brutalität der Preisbildung auf dem Markt ausgesetzt hatten, sie waren die Ersten, die die anonyme, mitunter unheimliche Macht von Angebot und Nachfrage für sich ausnutzten – oder daran zerbrachen. Reichtum und Bankrott lagen immer nah beieinander.

Glück und Elend des Verlagssystems

Das Verlagssystem war modern, weil es den Verleger in die Lage versetzte, sehr viel mehr produzieren zu lassen als je zuvor – ob es sich nun um Musikdosen handelte, Strümpfe, Taschen oder eben um Textilien. Der Ausstoss war enorm – besonders im Vergleich zum alten Gewerbe, wo der einzelne Handwerker alles selber machte und sich oft tagelang mit einem einzigen Produkt beschäftigte. Im Verlag dagegen fertigten Tausende von Heimarbeitern rastlos Waren in Mengen, wie das vorher, ob auf dem Bauernhof oder in der Handwerksbude, nicht vorstellbar gewesen war. Die zahllosen Arbeiter, die daran beteiligt waren, bildeten gleichsam ein menschliches Fliessband.

Darin zeigte sich Stärke und Schwäche des Verlagssystems zugleich. Der Faktor Mensch. Denn die Produktivität liess sich nicht unbegrenzt steigern. Noch gab es kaum Maschinen, noch stand die Handarbeit im Vor­­dergrund, und nur wenige Innovationen – wie etwa der Einsatz des Spinnrades anstatt der Spindel – beschleunigten die Produk­tion. Keine Frage, je erfahrener und tüchtiger die Heimarbeiter waren, desto mehr lieferten sie, und desto schneller stellten sie ihre Ware fertig – ab einem gewissen Punkt war es jedoch nicht mehr möglich, noch mehr von ihnen zu erwarten.10

Hinzu trat ein zweiter kritischer Punkt: das numerische Verhältnis zwischen Spinnern und Webern. Um einen einzigen Weber mit ausreichend Garn zu versorgen, brauchte es in der Regel fünf Spinner. Es handelte sich hier um einen regelrechten Flaschenhals, eine Verengung, wodurch die Produktion in der frühen Textilindustrie empfindlich behindert wurde. Gab es zu wenig Spinner oder genauer Spinnerinnen (denn meistens übernahmen Frauen diese Aufgabe), und wurde deshalb zu wenig Garn ausgeliefert, sah sich der Weber gezwungen, untätig herumzusitzen. Aus lauter Verzweiflung reiste der eine oder andere dann selber in der Gegend herum, um das nötige Garn aufzutreiben.

Auf jeden Fall liess sich dieses Problem nicht leicht aus der Welt schaffen. Erst die Maschine bot Abhilfe – dann allerdings auf eine revolutionäre Art und Weise, die alles erschütterte. Solange diese Engpässe jedoch bestanden, stiess die Verlagsindustrie immer wieder an natürliche oder bes­­ser gesagt menschliche Grenzen. Wenn der Verleger die Produktions­menge etwa ausdehnen wollte, weil sich die Nachfrage nach seinen Stoffen erhöht hatte, dann blieb ihm nichts anderes übrig, als mehr Leute einzustellen. Aus diesem Grund wuchs das Verlagssystem zusehends in die Breite, will heissen, Schritt für Schritt erfasste es ein Dorf nach dem andern, dann das ganze Tal, daraufhin die Region, bis schliesslich auch da das Angebot an Arbeitskräften ausgeschöpft war und man sich gezwungen sah, in die weitere Nachbarschaft auszuweichen.

In der Ostschweiz lässt sich dies gut nachvollziehen, der Prozess setzte schon im 15. Jahrhundert ein: Auf der Suche nach Arbeitskräften wandten sich die St. Galler Verleger zuerst in die nächste Umgebung ihrer Stadt. Nachdem dort niemand mehr zu finden war, drangen sie ins Rhein­­tal vor, in den Thurgau, ins Fürstenland und ins Toggenburg, des Weiteren nach Appenzell Ausserrhoden und Glarus, ja selbst nach Grau­bünden. Doch irgendwann reichte auch hier das Reservoir nicht mehr aus, und man stellte Heimarbeiter im nahen Ausland an, in Vorarlberg vor allem, aber auch im Allgäu und in Oberschwaben, so dass die Ost­schweizer Verlagsindustrie zu einer internationalen Arbeits­orga­nisa­tion heranwuchs, die Zehn­tau­senden von Menschen in der gesamten Boden­see­region ein Auskom­men bot.

«Wir haben es», urteilt Menzel, «bei den St. Galler Verlegern also mit einer Frühform multinationaler Unternehmer zu tun, die ihre Rohstoffe, Baumwolle und Farbstoffe, aus dem Nahen Osten, Brasilien und den Antillen bezogen, ihre Produkte in den Nachbarkantonen, in Österreich, Bayern, Baden und Württemberg herstellen liessen, um sie dann in Frankreich und dem übrigen europäischen Ausland abzusetzen.»11

Dass es nicht ganz anspruchslos war, ein solch gewaltiges, dezentrales Unternehmen zu überschauen und zu betreiben, liegt auf der Hand. Zwar blieb der Verleger stets die zentrale Figur, um die sich alles drehte, doch je mehr Heimarbeiter er unter Vertrag nahm, desto weniger sah er sich in der Lage, sie alle zu besuchen. Bald kamen deshalb Mittelsmänner oder eine Art Agent auf, die sich zwischen Verleger und Produzenten schoben, teils als Angestellte des Verlegers, teils als Selbstständige. Man nannte sie Fergger oder Trager, später auch Spediteure. Ihr Auftrag bestand darin, den vielen Heimarbeitern den Rohstoff ins Dorf zu bringen, um nach einer gewissen Zeit das verarbeitete Produkt einzusammeln. Handelte es sich dabei um das versponnene Garn, also ein Zwischenprodukt, leitete es der Fergger an die Weber weiter, wo er den vollendeten Stoff zwei, drei Wochen später wieder einzog. Gleichzeitig prüfte er dessen Qualität, zeigte und trug den Heimarbeitern neue Muster auf, bezahlte ihren Lohn und lieferte die Ware anschliessend in die Stadt, wo sie der Verleger an sich nahm, weiterveredelte, um sie dann in alle Welt zu exportieren.

Manchmal gelang es den Ferggern, ja selbst Heimarbeitern oder eigenständigen Webern, sich ebenfalls zu Unternehmern und Fabrikanten aufzuschwingen, was die Verleger in der Stadt natürlich gar nicht gerne sahen und mit allen Mitteln zu hintertreiben suchten. Aber dezentral hiess dezentral: Es fiel etwa den St. Gallern schwer, ihre Zwischenhändler und Agenten in Ausserrhoden unter Kontrolle zu halten, zumal das Appen­zel­lerland politisch von der Stadt unabhängig war, ja sich als einer der dreizehn Orte der Eidgenossenschaft eindeutig mächtiger fühlte, wogegen St. Gallen bloss ein zugewandter, also geduldeter Ort darstellte. Die reformierte Stadt war zwar eine unabhängige Stadtrepublik, aber sie besass keinerlei Territorium.

So entstanden in Appenzell Ausserrhoden bald eigenständige Unter­nehmen – die den St. Gallern das Leben schwer machten. Ähnliches trug sich in Arbon, Hauptwil oder Rorschach zu, ebenfalls Territorien, wo die St. Galler politisch nichts zu sagen hatten, entweder weil sie wie Rorschach dem Fürstabt von St. Gallen gehörten oder wie die beiden anderen Orte im Thurgau lagen, in einer Gemeinen Herrschaft der Eidgenossen. Politische Zerstückelung, ein Zustand, der die ganze damalige Schweiz kennzeichnete, bedeutete oft auch mehr Freiheit, obschon sie niemand bewusst hätte gewähren wollen.

Einen ungleich härteren Durchgriff besassen dagegen die Stadtzürcher Verleger. Ihre Stadt beherrschte ohnehin den ganzen Kanton. Wer dort auf dem Land, ob in Stäfa oder Wädenswil, einen eigenen Verlag in Kon­kurrenz zu einem in der Stadt aufziehen wollte, den traf die Staats­gewalt unerbittlich. Zwar bedienten sich die Stadtzürcher Verleger noch so gerne der Heimarbeiter auf dem Land, aber dass sich dort auch eigenständige Unternehmen herausbilden sollten, das war keineswegs erwünscht. Mit Vor­schriften und diversen Schikanen wurde jede unternehmerische Initia­tive erstickt – jedenfalls war dies das Ziel. In der Rea­lität erwies sich dies als leichter gesagt als getan. Elend der Regulierung. Die Tatsache, dass die Zürcher ihre Gesetze unablässig verschärften, zeigt, wie schwierig es war, den Unternehmern auf dem Land­ das Geschäft zu verderben.

Dass die Verleger in der Stadt – ob in Zürich, St. Gallen oder in Ba­sel – sich bemühten, ihre privilegierte Stellung zu bewahren, ist verständlich, und doch entbehrt es nicht der Ironie. Man könnte das Verhalten der Verleger auch als verlogen bezeichnen. Denn sie selbst waren nur aufgekommen, weil sie sich den Gesetzen der Stadt entzogen hatten. In ihrem Fall den Gesetzen der Zünfte.

Zunftherrlichkeit versus Zunftzwang

Ursprünglich war das Verlagssystem im Mittelalter aufgekommen, insbesondere in Italien und in Flandern, den seinerzeit überlegenen Zentren des europäischen Gewerbes, und schon immer waren die Verleger damit in Konkurrenz zu den Zünften getreten. Diese setzten alles daran, das Hand­werk für ihre Mitglieder in den Städten zu monopolisieren. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte es nur ein Gewerbe gegeben, das zünftische, alles andere galt als des Teufels. Weshalb es kaum überrascht, dass die Bezie­hung zwischen Zünftern und Verlegern selten konfliktfrei blieb.

Die Zünfter bekämpften die Verleger, wo immer sie konnten, obschon Letztere selbst in den Städten ansässig waren – doch ihre Arbeiter waren es eben meistens nicht, was es ihnen erlaubte, sich viel agiler und unternehmerischer auf den Märkten zu bewegen, als dies den Zünften passte. Indem die Verleger sich auf Tausende von Heim­arbeitern stützten, produzierten sie viel grössere Mengen viel billiger, viel schneller, vor allem nachfrageorientierter und oft sogar qualitativ hochwertiger als die gewissenhaften, aber gemütlichen Zünfter.

Im Allgemeinen bildete sich eine prekäre, wenn auch umstrittene Ar­beits­teilung heraus: Während die Handwerker ihre Ware vorwiegend auf dem eigenen städtischen Markt verkauften, allenfalls auch in der näheren Umgebung, widmeten sich die Verleger von Anfang an dem Export und bedienten Märkte, die oft sehr weit weg von ihrem Firmenstandort lagen. Mehr schlecht als recht kam man so aneinander vorbei. Prekär war die Arbeitsteilung deshalb, weil die Zünfter sich nie sicher sein konnten, wie lange die Verleger sich nur auf den Export beschränkten. War es nicht denkbar, dass sie in den lokalen Markt drangen? War es ausgeschlossen, dass sie sich irgendwann auf Produkte verlegten, deren Herstellung sich die Zünfter vorbehalten hatten? Ihr Monopol schien immer bedroht, die friedliche Koexistenz blieb selten so friedlich, wie es den Anschein machte. Gross war die Angst bei den zünftischen Handwerkern, dass sie von den Verlegern einst aus dem Markt gedrängt würden.

Statt sich dieser tödlichen Gefahr aber zu stellen, regulierten die Zünfte lieber, als dass sie sich modernisierten. Wann immer ein neues Produkt oder eine neue Herstellungsmethode erfunden wurde, bemühten sie sich, diese entweder zu untersagen oder den engherzigen zünftischen Regeln zu unterstellen. Ein Beispiel aus Zürich veranschaulicht dies: Als die Zunft zur Gerwe, also die Organisation der Gerber, 1551 feststellte, dass vier Zürcher Bürger, die nicht ihrer Zunft angehörten, Felle auf eine neue, nämlich «romanische oder marquinische», also marrokanische, Art gerbten, verlangten sie vom Rat der Stadt unverzüglich eine Intervention. Es handle sich, so beklagte sich die Zunft, um keine «freie», also unzünftige, sondern «eine ­gemeine, offenbare Kunst», die auch die Gerber angeblich längst beherrschten. Daher sei die neue Methode dem Reglement der Zunft zur Gerwe zu unterwerfen und den vier Aussenseitern zu verbieten, sie weiterhin anzuwenden. Offensichtlich war die neue Methode der alten überlegen, ob preislich oder aus Qualitätsgründen muss offenbleiben, je­denfalls hielten sie die etablierten Gerber für lästig genug, dass sie sich vor dieser unliebsamen Konkurrenz schützen wollten.

Immerhin fällte der Rat ein salomonisches Urteil. Zwar durften die vier Aussenseiter ihr Geschäft weiter betreiben, ohne dass sie der Zunft zur Gerwe beitreten mussten, gleichzeitig erhielt die Zunft jedoch das Recht, die vier zu überwachen, insbesondere zwang man sie, sich künftig eine Qualitätskontrolle ihrer Produkte gefallen zu lassen. Alles in allem hatte die Zunft damit gewonnen. Denn unter dem Vorwand, die Qualität genüge nicht, liess sich jedes Produkt aus dem Markt drücken.

Ulrich Schmid hiess übrigens der eine Querulant. Er hatte das neue Verfahren in Strassburg einem Handwerker abgeschaut, eine Innovation ohne Frage – die er nun nicht mehr selber vermarkten durfte, sondern die im Dickicht der Zunftordnung hängen blieb.12

Wettbewerb war unter Zünftern nie erwünscht. Aus Prinzip. Im Vor­dergrund stand das «Auskommen» oder die «gerechte Nahrung» für jeden Zünfter, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Um sich vor der Unbill des Marktes und dem Erfindungsgeist der Tüchtigen zu schützen, schrieben die Zünfte ihren Mitgliedern alles vor, in einem Detail­lierungs­grad, der selbst einen zeitgenössischen Juristen, der sich ja einiges an Paragrafen gewohnt ist, beeindrucken dürfte: Es wurde festgesetzt, welche Arbeits­methoden erlaubt waren, welche Werkzeuge, wie hoch der Lohn der Ge­sel­len und Knechte zu liegen hatte, ebenso wie viele Mit­arbeiter ein Meister überhaupt anstellen durfte, dann welche Qualität ein Produkt zu bieten hatte und vor allem natürlich zu welchem Preis und wo es zu verkaufen war. Wer davon abwich, wurde ermahnt, bestraft, zerstört. Nach dem Verständnis der Zünfter belebte Wettbewerb keinesfalls das Geschäft, sondern stürzte den ehrlichen Handwerker in den Ruin. Wenn es einen frühen antikapitalistischen und antimodernistischen Geist gab, dann wehte dieser in den Kirchen – und in den Zunft­stuben.

Aber kann man es den Zünftern verdenken? Hinterher betrachtet, müssen wir feststellen: Sie lagen richtig. Wie heftig und verzweifelt, wie heroisch und hartnäckig sie sich der wirtschaftlichen Modernisierung auch verweigerten, am Ende trat genau ein, wovor sie sich so gefürchtet hatten. Die Verleger, die Unternehmer, die Industriellen bestätigten ihre tiefsten Ängste.

Man sollte diese Sorgen nicht kleinreden. In Anbetracht einer Epoche, in der Hungertod zu den ganz gewöhnlichen Alltagserfahrungen gehörte, hat es etwas Schäbiges, auf Menschen herunterzublicken, die alles daransetzten, ihr Einkommen abzusichern. Dass Wettbewerb, dass der Struktur­wandel, dass neue Technologien und dass Einwanderer diesen prekären Wohlstand zu bedrohen vermochten, war keine eingebildete Krankheit, sondern häufig Realität: Es war aus Sicht eines zünftigen Handwerkers rational, die «Nahrung» für alle Mitglieder seiner Zunft zu schützen – und ausschliesslich für diese. Gewiss, heute wirkt das verstockt, wenn nicht ­xenophob, und das war es auch, gleichzeitig ist es ahistorisch und etwas wohlfeil, dieses Verhalten vierhundert Jahre später zu verurteilen oder zu verspotten – aus der Perspektive von uns Nachgeborenen, die wir in Ge­sellschaften leben, die mehr als hundert Mal wohlhabender sind als das neuzeitliche Zürich. Gemäss den historischen Statistiken des britischen Ökonomen Angus Maddison belief sich das BIP pro Kopf in der Schweiz im Jahr 1600 auf 750 $. 2021 betrug das BIP pro Kopf 83 000 $.13

Real ergab sich zwischen Zünftern und Verlegern, zwischen den Beschützern des Hergebrachten und den Champions des Neuen, eine ungemütliche Koexistenz. Beide Seiten fanden sich mit einer merkwürdigen, etwas opportunistisch bestimmten Rechtsunsicherheit ab: Wann immer ein neues Gewerbe oder ein neues Produkt auftauchte, das die Zünfter nicht interessierte, entging es der Regulierung, es blieb «unzünftig» oder «zunftfrei», und findige Unternehmer stürzten sich darauf. Sobald es diesen aber gelang, daraus einen Profit zu ziehen, traten die Zünfter auf den Plan und versuchten, nachzuholen, was sie versäumt hatten: Die neue Branche oder das neue Produkt sollte nun «zünftig» werden, was immer einen erheblichen Regulierungsschub nach sich zog, oft in solchem Aus­mass, dass das neue Geschäft wieder einging, weil es kaum mehr rentabel betrieben werden konnte.

Savary des Brûlons, Jacques; Savary, Philémon-Louis, Dictionnaire universel du commerce, Bd. 4: commerce et compagnies, Genf 1750, Sp. 309 f.

Ebd.

Neues Conversations-Lexikon für alle Stände, H.J. Meyer, Hg., Hildburghausen, New York 1857, 1058, Stichwort Basel.

Ebel, Johann Gottfried, Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz, 2 Bde., Leipzig 1802, II 279.

Ebd.

Menzel, Ulrich, Auswege aus der Abhängigkeit. Die entwicklungspolitische Aktualität Europas, Frankfurt/Main 1988, 31.

Ebd.

Ebd.

Die «schöpferische Zerstörung» ist inzwischen zu einem Household-Name geworden, wenn es darum geht, den wirtschaftlichen Entwicklungsprozess zu beschreiben. Be­­ein­­flusst von Karl Marx und Werner Sombart, führte Schumpeter diesen Begriff in seinem Werk «Capitalism, Socialism and Democracy» ein, das 1942 auf Englisch publiziert worden war («Creative Destruction»), vgl. ders., Capitalism, Socialism and Democracy (1942), New York, London 2010, 73. Schumpeter (1883–1950), ein Volkswirtschaftler, stammte aus Österreich-Ungarn, wo er auch als Professor tätig war, er emigrierte später in die USA, um an der Harvard University in Cam­bridge, Mass., einen Lehrstuhl zu besetzen. Er gilt als einer der wichtigsten Öko­no­men des 20. Jahrhunderts, unter anderem machte er sich einen Namen als Begründer einer Unternehmertheorie.

Vgl. Menzel, Auswege aus der Abhängigkeit, 33 f.

Ebd., 34.

Sigg, Otto, Zunftherrlichkeit: die Zürcher Zünfte 1336 bis 1798, in: 650 Jahre Zür­cher Zünfte, Fs, Zentralkomitee der Zünfte Zürichs, Hg., Zürich 1986, 12–32.

Vgl. Maddison, Angus, Monitoring the World Economy, 1820–1992, Paris 1995; so­wie Statistics on World Population, GDP and Per Capita GDP, 1-2008 AD, http://www.ggdc.net/maddison/Historical_Statistics/horizontal-file_02-2010.xls, abgerufen am 13. März 2021.

Warum Textilien?

Nirgendwo gab es vielleicht mehr Anreize für potenzielle Verleger, sich vom Zunftzwang zu befreien, als in der Textilproduktion. Wer innovativ war, wer Mut hatte, wer den Streit mit den Zünften nicht scheute, konnte mit Textilien reich werden. Sehr reich. Das lag an den besonderen Eigen­schaften dieses Produktes. Um das zu verstehen, ist es nötig, sich gewissermassen auf die Urgeschichte der Bekleidung einzulassen. Nur im Wissen darum ist die Entwicklung der modernen Textilindustrie zu erklären – auch in der Schweiz.

Neben Lebensmitteln waren (und sind) Textilien wohl die wichtigsten, da unverzichtbaren Güter des täglichen Bedarfs. Die einen stillen Hunger und Durst, die anderen bieten Schutz vor Kälte und Hitze. Ohne sie kann der Mensch nicht überleben. Wir brauchen sie jahrein, jahraus; wir können nie über längere Zeit ohne Nachschub auskommen. Was bei Lebensmitteln offensichtlich ist, wird bei Textilien deutlich, wenn wir an alle übrigen gewerblichen Produkte denken, die der Mensch in früheren Epochen benötigte. Ob ein Tisch, ein Pflug, eine Waffe oder ein Kupfer­topf: Diese Dinge schaffte man höchstens einmal an, bis sie nach Jahr­zehnten des Gebrauchs möglicherweise zu ersetzen waren. Oft wurden sie gar vererbt. Kleider dagegen zerschlissen, zerrissen, trugen sich ab, so dass man sie viel öfter erneuern musste. Weil wir alle ständig auf Lebensmittel und auf Textilien angewiesen sind, hat es sich schon immer um Massen­güter gehandelt, streng genommen sollte es möglich sein, schier unendlich viele Menschen damit zu beliefern. Unbegrenzt war nie die Nachfrage, sondern das mögliche Angebot.

Hier bestand von alters her ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Produkten. Die meisten Lebensmittel verderben ziemlich rasch oder werden Beute von Schädlingen, insbesondere Frischwaren, weshalb sich deren Produktion, Vertrieb und Vermarktung bis ins 19. Jahrhundert nur schwer industrialisieren liessen: Kritisch war immer der Transport. Wenn es zu lange ging, kam die Ware ungeniessbar an. Erst die Eisenbah­nen und die Dampfschiffe, die sich im Zuge der industriellen Revolution ab 1820 durchsetzten, entschärften dieses Dilemma; selbstverständlich leisteten auch die einige Jahrzehnte später erfundenen künstlichen Kühl­anlagen einen entscheidenden Beitrag dazu. Vorher liessen sich viele Le­bens­mittel kaum konservieren.

Im Gegensatz zu Lebensmitteln altern Textilien langsam, sie sind kaum verderblich, und sie lassen sich daher um den halben Globus verfrachten, ohne dass deren Qualität je litte, ausserdem sind sie leicht, was den Transport zusätzlich vereinfacht und verbilligt. Hinzu kommt ein weiterer Vorzug: Es erwies sich als vergleichsweise problemlos, Textilien für einen Massenmarkt zu produzieren, sobald die Arbeit intelligent organisiert wurde – wie es das Verlagssystem leistete. Das einzige Hindernis, das es noch wegzuräumen galt, stellten die Vorschriften der Zünfte dar.

In der Landwirtschaft fiel das ungleich schwerer – aus politischen, rechtlichen, aber auch wirtschaftlichen Gründen –, wir sprechen vom Eu­ropa des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Gewiss, in der Antike wurde etwa Getreide durchaus für einen Massenmarkt angebaut, um die damaligen Millionenstädte Rom und Konstantinopel zu versorgen. Das meiste Getreide stammte aus Ägypten, der Kornkammer des Römischen Rei­ches, sowie aus Nordafrika und Sizilien. Hier wurde das Korn allerdings in riesigen Be­trieben gewonnen, sogenannten Latifundien, also Guts­höfen im Bes­itz von vermögenden Aristokraten, wozu man Tausende von Sklaven ein­­setzte.

Es waren Dimensionen der Plantagenwirtschaft entstanden, wie sie in Europa eigentlich nie mehr wiederkehren sollten. Vielmehr glichen die römischen Latifundien den Plantagen, die die Europäer dann in Ame­­rika einführten und mit afrikanischen Sklaven betrieben. Brutal und unmenschlich waren beide Institutionen, die antike wie die moderne Skla­verei, und beide produzierten in hohem Masse für den Markt. Wenn sich übrigens im Fall des ägyptischen Getreideexportes das Prob­lem der Halt­barkeit von landwirtschaftlichen Gütern etwas weniger dramatisch darstellte, dann lag das auch daran, dass der Transport vom Nil über das Meer nach Rom führte. Das dauerte zwar noch lange genug, aber immerhin verfaulte das Korn seltener. Dafür schlugen Mäuse, Ratten und alle übrigen Schädlinge zu. Sie sollen jeweils bis zu 30 Prozent des Getreides weggefressen haben. Je mehr Zeit die Überfahrt in An­spruch nahm, desto weniger Korn kam in Rom an.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Textilien zu einem der ältesten Handelsgüter schlechthin zählen. Sie sind lebensnotwendig, ohne Frage, aber es haftet ihnen paradoxerweise auch etwas scheinbar Über­flüssiges, etwas Frivoles an: Sie stillen genauso das Bedürfnis nach sozialer Distinktion, das die Menschen bewegt. Kleider machen Leute. Textilien gelten von jeher als Gebrauchs- und Luxuswaren zugleich. Wenn ein König seinen Rang heraushob, dann gerne auch mit bestimmten Stoffen oder Pelzen, manchmal allein mit deren Farbe. Purpurrot etwa, ein in der Natur sehr rarer, leuchtender Farbstoff, den man unter erheblichem Auf­wand aus der Purpurschnecke zog, war im antiken Rom den Senatoren vorbehalten, dann den römischen Kaisern, den mittelalterlichen Kaisern ebenfalls, schliesslich dem Papst und den Kardinälen.

Kleiderordnungen legten Hierarchien fest. Was den Königen recht war, war den Untertanen billig. Seide, teure Pelze, eine feine Verarbeitung, eine ungewöhnliche Glätte oder höherer Tragkomfort: Wer es sich leisten konnte, gönnte sich etwas Besseres, das oft nur auf dem Markt erhältlich war und das häufig genug aus einem fremden Land von weit her importiert werden musste. Seide stammte ursprünglich aus China, Baumwolle bezog man zuerst aus Indien und dem Nahen Osten, Pelze aus Russland und Sibirien, Wolle aus England.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Textilien stets die Aufmerksamkeit von Kaufleuten erregt haben. Einige der berühmtesten kapitalistischen Dynastien Europas wie etwa die Medici in Florenz oder die Fugger in Augsburg machten ihre ersten Vermögen mit dem Kauf und Verkauf von Textilien. Mit Stoffen liess sich handeln und viel Geld verdienen, zumal bei einer gewissen Klientel, den Mächtigen und den Reichen – was in jenen frühen Zeiten eine Voraussetzung war, dass ein Kaufmann sich überhaupt dafür interessierte. Warum hätte er sich sonst darauf einlassen sollen? Der Fernhandel barg so viele Risiken, dass man nur Güter über weite Distanzen verschickte, die einen sehr hohen Profit abwarfen: also äusserst begehrte Luxusgüter oder unentbehrliche, aber seltene Roh­stoffe wie Gewürze, Gold und Kupfer, Perlen, Elfenbein, Bernstein oder Drogen. Auch Sklaven gehörten dazu. Mit anderen Worten, dass der Kaufmann sich irgendwann in die Produktion von Textilien drängen würde, hatte etwas Zwangsläufiges. Er kannte die Abnehmer, er kannte die Produzenten, er kannte die Renditen. Was ihm zunächst noch fehlte, war der Massenmarkt, der Textilien in grosser Zahl aufnahm. Nur dann lohnte es sich für den Kaufmann, sich auch um die Produktion zu küm­mern.

Masse oder Klasse? Ob sich für Textilien ein Massenmarkt herausbildete, hing einzig davon ab, wie viele Menschen sich in der Lage sahen, für ihre Kleider zu bezahlen. Über grosse Strecken der Menschheitsgeschichte war das nicht der Fall gewesen, die meisten Männer und Frauen fertigten ihre Kleider selbst. Dazu benutzten sie in der Regel Flachs, den man anpflanzte und dann zu Leinen verarbeitete, oder Baumwolle, wo das Gleiche geschah, sowie Wolle, die man von verschiedenen Tieren gewann, in erster Linie aber von Schafen.

Sobald jedoch grosse Städte und komplexere Zivilisationen heranwuchsen, gab es zusehends mehr Menschen, die ihre Kleider nicht mehr selber herstellen wollten oder konnten. Je urbaner und arbeitsteiliger eine Gesellschaft sich entwickelte, desto mehr stieg die Nachfrage nach edleren oder praktischeren Stoffen, die man auf dem Markt erwarb, produziert von darauf spezialisierten Spinnern, Webern und Schneidern, oft unter geradezu industriellen Produktionsbedingungen.

Auch die Textilindustrie ist so gesehen uralt. Es dürfte sie schon vor viertausend Jahren in Babylon und Ninive in Mesopotamien oder im alten Ägypten gegeben haben, genauso wie wir sie im antiken Grie­chen­land, in Rom oder im alten China vorfinden. Weder aber, das sollte diese Vorläufer von der modernen Textilindustrie unterscheiden, weitete sie sich derart überwältigend aus wie in Europa seit dem späten Mittelalter, noch gab es je ernsthafte Ansätze zur Mechanisierung, wie dies Ende des 18. Jahr­hunderts in England anfing. Diese industrielle Revolution war einzigartig. Nur im Westen trat sie zunächst auf, bevor sie die ganze Welt erfasste.

Städtische Revolutionen

In Europa wurden die Weichen im Mittelalter gestellt. Entscheidend war die Tatsache, dass die Bevölkerung sich nach mehreren Jahrhunderten des Rückgangs seit dem Jahr 1000 wieder vermehrte – und zwar rapide: Von 1000 bis 1300 verdoppelte sich die Zahl der Menschen auf unserem Kon­tinent beinahe, was gemessen an heutigen Veränderungsraten vielleicht wenig scheint, tatsächlich als beispiellos zu bewerten ist. 40 Millionen Menschen lebten um das Jahr 1000 in Europa, an die 80 Millionen waren es 1300, dreihundert Jahre später. Und sie alle benötigten Platz.

Das wirkte sich auf dem Land aus, indem immer mehr Wälder gefällt und unwirtliche oder höher gelegene Regionen erschlossen werden mussten, das zeigte sich in den Städten, die anschwollen – oder erst jetzt entstanden. Überall schossen sie wie Pilze aus dem Boden, sie vergrösserten sich, sie vervielfachten sich, sie wurden in Landstrichen gegründet, wo zuvor noch nie Städte existiert hatten, insbesondere im Norden und Osten. Gemäss neuesten Erkenntnissen hatte sich allein die urbane Bevölkerung in Europa in jener Epoche verzehnfacht.

Man spricht zu Recht von einer Renaissance der Städte. Renaissance, weil zu Zeiten des Römischen Reiches schon viele Städte in Europa bestanden hatten, diese aber mit dem Untergang des weströmischen Teils des Imperiums weitgehend verschwunden oder zur Bedeutungslosigkeit verkommen waren. Wenige Ausnahmen – die meisten lagen in Italien – bestätigten die Regel.

Wenn manchmal vom finsteren Mittelalter die Rede war, dann entsprang dies nicht nur der Arroganz der Nachgeborenen, sondern wies auch einen wahren Kern auf: Angesichts der Tatsache, dass es für gut fünfhundert Jahre, seit dem Ende Roms, kaum mehr Städte gegeben hatte in Eu­ropa, mangelte es auch an zuverlässigen Informationen über diese lange Zeit. Denn nirgendwo wird gemeinhin mehr überliefert als in den Städten, dort stehen die Bibliotheken und Archive, sie hinterlassen sehr viel mehr historische Quellen und Artefakte als ländliche Gebiete. Ohne Zweifel war um das Jahr 500 eine Zeit angebrochen, die in mancher Hinsicht bis heute im Dunkeln bleibt, da die Zeugen der Vergangenheit schweigen. Hätten nicht die Klöster einen Teil der Archivalien aufbewahrt, wir wüssten noch viel weniger. Vor dem Jahr 1000 war Europa agrarisch. Dann begann eine Urbanisierung sondergleichen.

Woran es lag, dass seit dem 11. Jahrhundert die europäische Bevölke­rung dermassen zunahm, ist in der Forschung nicht zweifelsfrei geklärt. Sicher war die Klimaerwärmung ein Faktor, die Europa von 950 bis etwa 1300 erfuhr – wärmere Temperaturen verlängerten die Anbausaison und machten die Landwirtschaft ertragreicher, infolgedessen auch mehr Men­schen ernährt werden konnten. Ebenso half, dass die Europäer zu jener Zeit militärisch zulegten und es ihnen gelang, die vielen Invasoren aus dem Osten (Ungarn), Norden (Wikinger) oder Süden (Araber) ein für alle Mal abzuwehren. Das schuf stabilere politische Verhältnisse, was das Bevöl­kerungswachstum ebenfalls begünstigte.

Als Folge davon setzte unter anderem eine sogenannte kommerzielle Revolution ein, zusehends mehr Menschen fanden ihr Auskommen auf dem Markt, mehr Menschen waren deshalb auch imstande, sich freizukaufen. Bis ins Jahr 1000 lebten noch sehr viele Europäer als Leibeigene auf dem Land, nicht als Sklaven zwar, aber doch abhängig und kaum beweglich. Das sollte sich in den kommenden Jahrhunderten, vor allem dank des Aufstiegs der Städte, nachhaltig ändern. «Stadtluft macht frei», hiess die Losung, unzählige ehemalige hörige Bauern und Leibeigene lösten sich von ihren Feudalherren und zogen in die Stadt. Das wiederum, die Befreiung, ermutigte die Menschen, noch grössere Familien zu gründen. Es stellte sich ein Circulus virtuosus ein, oder zu Deutsch: ein Engelskreis im Gegensatz zu einem Teufelskreis. Gutes führte zu Gutem.

Wie dem auch sei, für unseren Zusammenhang ist von Belang: Je urbaner eine Gesellschaft sich ausformte, desto mehr Leute gab es, die ihre Kleider nicht mehr selber herstellten, und desto eher stieg die Nachfrage nach industriell produzierten Textilien. In den Städten wohnten mehr Men­­schen, die sich das leisten konnten. Dort lebten auch viele Beamte, Kleri­­ker, Händler, Dienstboten, Soldaten, Adlige oder Handwerker, die sich selber auf eine Tätigkeit spezialisiert hatten und deshalb gar keine Zeit mehr gehabt hätten, sich um ihre Kleider selbst zu kümmern, geschweige denn noch über das nötige Produktionswissen verfügten. Mit anderen Worten, die Renaissance der Städte bedeutete auch die Renais­sance der Textilindustrie in Europa. Seit dem späten Mittelalter breitete sie sich aus, wo immer sie günstige Bedingungen vorfand. So auch in der Schweiz.

Inseln des Kapitalismus in einem Meer der Landwirtschaft

Günstige Bedingungen, so stellte sich bald heraus, hiess vorweg: Den Zünf­­ten gelang es nicht, den Verlegern das Geschäft zu vergällen, ja es gab wenige Orte in Europa, wo dies den Zünften und den Behörden, auf die sie sich stützten, so gründlich misslang wie in der alten Eidgenossen­schaft. Hier triumphierte am Ende die Verlagsindustrie, als hätte es nie irgendeine Zunft gegeben. Das hatte sehr viel mit den Eigenheiten dieses kuriosen Landes in den Alpen zu tun.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Die Schweiz war keineswegs das einzige Land, wo sich in den kommenden Jahrhunderten das Verlagssystem festsetzen sollte, ganz im Gegenteil, in gewissen Gegenden war es sehr viel früher in Erscheinung getreten.

Was die Schweiz aber auszeichnete, war eine ausserordentliche Dichte an Verlegern und «verlegten» Heimarbeitern. Fast jede Region war davon betroffen, insgesamt war das Land der Hirten und Bauern spätestens im frühen 18. Jahrhundert zu einem Industrieland geworden – als dies Jacques Savary des Brûlons auffiel und er, der französische Generalinspektor des Zolles, es deshalb in seinem «Lexikon des Handels» notierte. Ein bisschen irrte er sich: Es war nicht Zürich allein, sondern ein grosser Teil der Schweiz war «Peru» geworden.

Wenn hier allerdings der Eindruck erweckt worden wäre, dass es sich beim Durchbruch des Verlagssystems um einen zielgerichteten, allgemeinen und vor allem unumkehrbaren Prozess gehandelt habe, dann gäbe dies die Realität nicht angemessen wieder. Vielmehr breitete sich diese neue, kapitalistische Produktionsweise je nach Region und Epoche unterschiedlich rasch und erfolgreich aus. Ebenso hielten sich Mischformen und Über­gangs­­regimes, das Verlagssystem war nie eine einheitliche, gar regulierte oder alternativlose Einrichtung, keine Beschreibung wäre falscher: Sofern das Verlagssystem sich überhaupt entfaltete, stellte es die Ausnahme dar, nicht die Regel. Nur in bestimmten Regionen Europas setzte es sich durch, während die übrigen davon unberührt blieben. Zum Teil bis ins 19. Jahr­hundert lebten dort die meisten Menschen von der traditionellen Land­wirtschaft oder vom herkömmlichen Handwerk. Wo das Verlagssystem aber heraufzog, wälzte es die betroffenen Gesellschaften in einem Ausmass um, wie man das zuvor nie gekannt hatte.

Es waren Inseln des Kapitalismus, diese modern anmutenden Gewer­be­­regionen in Europa, in einem Meer der Subsistenzwirtschaft. Die wichtigsten lagen zu Beginn in Italien und Flandern, später – hauptsächlich im 17. und 18. Jahrhundert – tauchte die Textilindustrie und das damit verbundene Verlagssystem auch in anderen Gebieten auf: namentlich Sach­sen, in einzelnen Bezirken von Böhmen und Schlesien, ferner im Tal der Wupper, vorab in Barmen und Elberfeld (der heutigen Grossstadt Wupper­tal). Weiter im Bergischen Land und am Niederrhein im Westen von Deutschland, darüber hinaus im Elsass und in Nord­frankreich. Last, but not least in England, vor allen Dingen in der Graf­schaft Lancashire – und eben in grossen Teilen der Schweiz.

Alles blieb in Bewegung. Im Lauf der Jahrhunderte wandelte sich dieses grob skizzierte Bild der europäischen Wirtschaftsgeografie laufend um. Manche Regionen blieben auf Dauer konkurrenzfähig, andere verarm­ten, ohne dass immer ganz schlüssig zu erklären wäre, worauf dies zurückzuführen war. Aufstieg und Fall ganzer Landstriche, Triumph und Elend der Völker kennzeichneten jedenfalls die Geschichte des Verlags­systems.

Die Menschen, die daraufsetzten, wussten nie, wie lange der Auf­schwung anhielt, wie lange sie von dieser frühen Industrie leben konnten. Erschien Norditalien noch im 15. und 16. Jahrhundert unübertroffen, was die Modernität seines Gewerbes anbelangte, so stieg es in der Folge ab und sollte erst im 19. Jahrhundert wieder den Anschluss finden, ein ähnliches Schicksal erlitt Flandern oder geraume Zeit später das Elsass und Schlesien, wogegen der Schweiz ein erstaunlich beständiger Erfolg beschieden war.

Oft hatte sich der Wandel wie ein Gewitter über einem Landstrich entladen, plötzlich, blitzartig änderte sich alles, manchmal lösten bloss ein paar Unternehmer das aus, wenn nicht eine einzige Person: «Im Jahr 1714 versuchte ein Glarner, seiner Magd und einigen Armen das Baumwoll­spinnen zu lehren; es verbreitete sich und erwuchs zuletzt zum wichtigsten Erwerbszweig des ganzen Landes»1, berichtete Johann Gottfried Ebel 1797 in seinem Reisebuch über die Schweiz.

Eigentlich war es ein Zürcher gewesen, Andreas Heidegger, ein reformierter Pfarrer, der nach Glarus gewählt worden war und dort nichts als Armut antraf. Der Kanton befand sich wirtschaftlich am Ende. Not, Ar­beits­losigkeit, Auswanderung plagten das Land, so dass Heidegger nach einem Ausweg für die Leute seiner neuen Kirchgemeinde suchte. Aus­gerechnet der Zürcher hinterging zu diesem Zweck seine Heimatstadt: Er liess heimlich Spinnerinnen aus Zürich kommen, damit diese den Glar­nern ihr Handwerk beibrachten. Das lag freilich gar nicht im Interesse von Zü­rich. Hatten sich die Behörden nicht seit Jahren bemüht, mit strengsten Gesetzen jeden Export von Fachwissen zu unterbinden? Heidegger kümmerte das wenig. Und so lernten die Glarnerinnen und Glarner innert kürzester Zeit das Spinnen, ja sie beherrschten es bald so gut, dass sie ihr Garn sogar nach Zürich lieferten – als ob es ihnen darum gegangen wäre, die Zürcher vollends zu demütigen. Heidegger machte später übrigens trotzdem Kar­­riere in Zürich. Er wurde zuerst Diakon, dann Pfarrer an der Prediger­kirche.

Wie es danach im Glarnerland weiterging, erzählte Ebel: «Auf das Spinnen der Baumwolle folgte bald das Weben der Mousse­line [eines feinen, weichen Stoffes aus Baumwolle]. Seit 1757 ist diese Fabrikation auf den höchsten Gipfel gestiegen. Jung und Alt, Weiber und Männer sitzen am Spinnrade, im Tal so wie in den Sennhütten auf den Alpen.»2

Die Industrialisierung holte auch Leute zurück, die einst ausgewandert waren, weil sie sonst verhungert wären. «An einem Hause zwischen Linthdorf [Linthal] und der Pantenbrücke sah ich einen wahren Herkules das Spinnrad umdrehen. Dieser Glarner, über sieben Fuss hoch [2 Meter 10], war in seiner Jugend Torschreiber bei einem deutschen Fürsten.»3 Als Torschreiber oder Torwächter wurden Steuerbeamten bezeichnet, die bewaffnet am Stadttor standen und von jedem Passanten, der in die Stadt wollte, eine Steuer oder den Zoll einzogen. Sie waren natürlich verhasst. «Diese Erwerbsarbeit war ihm bald zuwider, er kehrte in sein Vaterland zurück und vertauschte den Spiess mit dem Spinnrocken, welcher ihm seinen Unterhalt verschaffte.»4 Alle waren von der neuen Industrie betroffen: «Kinder von 5–6 Jahren helfen schon ihren Eltern und verdienen einige Kreuzer.»5

Was sich im Glarnerland zutrug, ereignete sich in allen Regionen, manchmal genauso abrupt, öfter allmählicher über die Jahre hinweg, doch im Ergebnis glichen sich die Vorgänge: Das Verlagssystem wälzte alles um, nicht bloss die Wirtschaft, sondern auch die Demografie, die Kultur, die soziale Schichtung und meistens auch die politischen Verhältnisse. Wenn sich vor der industriellen Revolution beobachten liess, wie der Kapitalismus sich an den unmöglichsten Orten verbreitete, dann bot die Schweiz vielleicht die besten Belege.

Ausgerechnet die Schweiz. Viele Zeitgenossen bemerkten das nicht oder wussten kaum Bescheid. Wer es aber wusste, vermutete Unregel­mässiges, Ungeheures, oder er kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Geradeso wie sich heute noch manche fragen, warum die Schweiz je zu einer Zitadelle des Kapitalismus aufgestiegen ist.

Diese Geschichte begann an vielen Orten, und sie liesse sich in vielen Versionen erzählen. Warum nicht in Locarno?

Ebel, Gebirgsvölker, 271.

Ebd., 272.

Ebd., 272.

Ebd., 272.

Ebd., 272.

Die Glaubensspaltung und ihre Folgen

Mehr als sechzehn Wochen war Nicolao Greco im Kerker von Locarno gesessen, man hatte ihn verhört und befragt, gefoltert und gequält, und immer wieder hatte er beteuert: «Nicht unsere Frau im Himmel habe ich gemeint», also die heilige Maria, als er über sie geflucht habe, sondern bloss ihr Bild aus Holz, das «Würmer und Schaben» zernagten.1 Doch niemand glaubte ihm. Zwei Zeugen gaben an, sie hätten es mit ihren eigenen Ohren gehört, wie Greco vor der Kirche mit einer Frau in Streit geraten sei und dabei sogar die Mutter Gottes angegriffen habe: «Diese Frau ist eine Hure», soll er gesagt haben, «tagein, tagaus besoffen, und wenn man sie kritisiert, dann geschieht doch nichts.»2

Da unterlag er aber einem Irrtum. Ein Mönch zeigte ihn beim Land­vogt an, und weil Greco als Protestant bekannt war, ging es sogleich um sehr viel mehr als um Gotteslästerung. Blieb das Tessin katholisch, oder setzten sich am Ende die Reformierten durch? Kam es zum Bür­gerkrieg unter den Eidgenossen? Greco, der Schuhmacher, kam unter die Räder.

Wir schreiben das Jahr 1554. Es waren erst ein paar Jahrzehnte vergangen, seit die Eidgenossen das Tessin erobert hatten – oder korrekter die ennetbirgischen Vogteien, wie man damals sagte. Ihre Herrschaft war noch frisch, und kaum hatten die Eidgenossen begonnen, das so fremdartige Gebiet im Süden zu verwalten, lagen sie sich in den Haaren: Die Ursache hatte einen Namen. Huldrych Zwingli und seine Refor­mation.

1519 war Zwingli als Leutpriester ans Grossmünster in Zürich gekommen. Ein Leutpriester kümmerte sich um die einfachen, einheimischen Leute. Wer nun meint, es handelte sich deshalb um eine unbedeutende Stelle, täuscht sich, im Gegenteil, Zwingli sprach zum Volk, und er sprach so gut und redete von so revolutionären Dingen, dass ihm die Zürcher zuerst ihr Seelenheil, dann ihren Kanton, schliesslich ihr Leben anvertrauten. Zwingli (1484–1531) sollte zu einem der einflussreichsten Männer der Schweizer Geschichte werden – auch der Wirtschaftsgeschichte. Von Zü­rich aus verbreitete dieser charismatische, eigenwillige Pfarrer einen neuen Glauben, der in manchem den Ansichten von Martin Luther (1483–1546) entsprach, dem deutschen, ebenso rebellischen Mönch, der zu jener Zeit die katholische Kirche in Aufruhr versetzte. Doch Zwinglis Lehre unterschied sich in wesentlichen Fragen so grundlegend, dass daraus eine eigene Kirche entstand, die reformierte, die zwinglianische. Als Pro­tes­tanten betrachteten sich beide, Zwingli und Luther, geliebt oder verstanden haben sie sich nie.

Die Glaubensspaltung, die Anfang des 16. Jahrhunderts fast ganz Europa wie ein Fieber ergriff, hatte sich früh auch in der Schweiz fest­gesetzt, vielleicht nirgendwo auf so engem Raum und nirgendwo so unversöhnlich. Hass und Rechthaberei. Denn nicht überall kam Zwinglis Bot­schaft gut an: Während die einen, besonders die Städter in Zü­rich, Schaffhausen, Basel, St. Gallen oder Bern, den neuen reformierten Glau­ben gerne annahmen, lehnten die anderen ihn ab, vor allem in der Inner­schweiz, aber auch in Solothurn und Freiburg. Sie blieben katholisch. Seither gibt es zweierlei Eidgenossen, katholische und reformierte, und sie leben in katholischen oder reformierten Kantonen. Oft standen sie sich feindseliger gegenüber als ihren ärgsten gemeinsamen Feinden.

Am Ende erwiesen sich die Verhältnisse innerhalb der Schweiz als so zerfahren, dass sich die Eidgenossen, also jene brutalen Krieger, die noch vor kurzem halb Europa mit Angst und Schrecken erfüllt hatten, vorzugsweise mit sich selbst beschäftigten. Sie wirkten wie gelähmt: Entzweit im Glauben, aufgewühlt durch die Religion, verblendet in jedem Detail. Man stritt um Dörfer, man stritt um einzelne Familien, man achtete darauf, welcher Metz­ger die Katholiken bedienen durfte und welcher Bäcker die Refor­mierten, man stritt jahrhundertelang. Dass die Eidgenossenschaft dies überlebte, wirkt wie ein Wunder, wenn vermutlich auch kein göttliches.

Im Tessin gab es zu Anfang bloss wenige Protestanten. Doch je mehr sich die Reformation in Italien ausbreitete, desto mehr spürte man die Folgen auch im Tessin. Protestantismus in Italien? Das Land war natürlich ein Sonderfall. In Rom herrschte der Papst über einen eigenen Kirchenstaat, im Wesentlichen das heutige Mittelitalien, also ein ziemliches Territorium, was sich indirekt auf der ganzen Halbinsel bemerkbar machte. Wenn die katholische Kirche irgendwo eine Art Heimvorteil besass, dann in Italien, und es schien den Gewaltigen der römisch-katholischen Kirche nichts Schlimmeres denkbar, keine Kränkung, keine Beleidigung, als dort, gewissermassen auf dem Heimmarkt, von den Protestanten bedrängt zu werden. Wer Italienisch sprach, wer in Italien lebte, dem elegantesten, füh­­renden Land der damaligen westlichen Zivilisation, musste dem alten Glauben erhalten bleiben, koste es, was es wolle.

Deshalb führten die Päpste 1542 in Italien eine etwas mildere Variante der spanischen Inquisition ein. Mild? Sie war brutal genug. Bei dieser «Congregation der heiligen Inquisition gegen die ketzerische Verderbnis» handelte es sich um eine blutrünstige Einrichtung, einen Geheimdienst zur Aufspürung und Aburteilung von Ketzern, wo Priester und Mönche das Ge­­wissen ihrer Opfer unter der Folter erforschten, bis sie gestanden, vom wahren Glauben abgefallen zu sein, womit die wenigsten zwar ihr Leben retteten, doch dem Vernehmen nach ihr Seelenheil. Die meisten starben auf dem Schafott mittels einer Hinrichtungsmethode, die sich danach richtete, wie schwer ihr Verrat wog. Das Repertoire der Henker war beachtlich.

Trotzdem fanden die Lehren und Bücher von Luther, Zwingli oder Jean Calvin (1509–1564), dem grossen Genfer Reformator, ihren Weg nach Italien. Besonders unter Gebildeten, aber auch unter Unternehmern und Handwerkern stiess der Protestantismus auf offene Ohren und Herzen, nicht zuletzt deshalb, weil dessen individualistische Auffassung des christlichen Glaubens wohl solche Leute vermehrt anzog, die selber dank eigener Leistung einen sozialen Aufstieg zustande gebracht hatten. Es war eine Religion der Tüchtigen. Es war eine Religion der Städter. Umso gefährlicher musste sie der katholischen Führung vorkommen. Innert Kürze bildeten sich in vielen Städten Italiens evangelische Gemeinden, nie offiziell, aber heimlich, im Verborgenen; Hochburgen, die darum von der Inquisi­tion umso aufmerksamer überwacht wurden, lagen in Siena, Ferrara, Vicenza und Lucca, aber selbst in Mailand, Venedig, ja in Rom tauchten immer mehr Protestanten auf, sozusagen unter der Nase des Papstes. War es nicht höchste Zeit zurückzuschlagen? Es setzte eine systematische Unterdrückung ein, die am Ende fast jeden Protestanten aus Italien vertreiben sollte. Italien war katholisch – alles andere war unvorstellbar. So beschlossen es die Päpste, so setzten sie es durch.

Wie weit die Inquisition zu diesem Zweck zu gehen bereit war, wie grotesk sich ihre religiöse Polizeiarbeit manchmal auswirkte, offenbart ein Mandat, das der Erzbischof von Mailand und sein Grossinquisitor 1543 gemeinsam erliessen: «Niemand soll fortan, wäre es auch in einer ihm selbst gehörenden Kirche oder Wohnung, die Heilige Schrift predigen oder lesen ohne schriftliche Erlaubnis des Erzbischofs und Inquisitors, bei Strafe der Exkommunikation (…).»3

Lesen ist gefährlich. Hilfloser konnte die katholische Kirche ihr Di­lemma nicht ausdrücken. Eine Organisation, die sich als eine Schrift­religion verstand, verbot ihren Anhängern, die Heilige Schrift auch nur zu lesen. Die beiden hohen Mailänder Kleriker fuhren fort: «Wer ketzerische, von der heiligen katholischen und apostolischen Kirche nicht erlaubte, bis auf diese Zeit von irgendeinem Erzbischof, In­qui­­sitor oder Commissarius verbotene, besonders aber die unten bezeichneten Bücher besitzt [ein Verzeichnis war beigefügt], soll dieselben binnen Monatsfrist den obigen beiden Herren einhändigen, und ist in diesem Fall von jeder Strafe frei; später sind solche unbedingt verboten, und die Übertreter verfallen nicht nur in die bereits verwirkten, sondern noch in schwerere Strafen, je nach Ermessen der beiden Herren. Dem Angeber sind Verschwiegenheit und ein Drittel der Geldstrafe gesichert.»4 Zeit der Verfolgung, Zeit der Denunzianten.

Wohin sich wenden? Wohin ins Exil? Manche italienischen Protes­tan­ten suchten nun in den ennetbirgischen Vogteien ihr Heil, um sich vor Gewalt und Tod zu schützen, ebenso im Veltlin und in der Landvogtei Chia­­venna, zwei Regionen südlich der Alpen, die seinerzeit noch den Drei Bünden, dem heutigen Graubünden, gehörten. Diese Zufluchtsorte lagen nahe, im buchstäblichen Sinn: Sowohl im Tessin als auch im Veltlin sprach man Italienisch, die Kultur war lombardisch, was nicht erstaunt, angesichts der Tatsache, dass all diese Gebiete erst kurz zuvor von den Schweizern dem Herzogtum Mailand entrissen worden waren. Zudem hatten sich hier bereits evangelische Kirchen entfaltet, insbesondere im Veltlin bestand zeitweise ein Drittel der Bevölkerung aus Protestanten. Italienische Prediger waren gefragt, italienische Protestanten (meistens) willkommen.

So kam es, dass auch die evangelische Gemeinde von Locarno, eine kleine, feine Kirche, stetig wuchs. Nachdem sogar Giovanni Beccaria, ein berühmter protestantischer Theologe, hierher geflüchtet war, bildete sich um ihn bald ein Kreis intelligenter, junger Männer aus den besten, meist adligen Familien. Sie hiessen Muralto, Duno, Ronco und Orelli.

Nicolao Greco stammte nicht aus dem Adel, sondern war bloss ein Schuhmacher in Locarno. Offenbar hatte ihn die reformierte Lehre überzeugt, worauf er der evangelischen Gemeinde beigetreten war. Nie hatten er oder seine Arbeit zu einer Beanstandung Anlass gegeben, weder bei katholischen Kunden noch bei protestantischen. Was an jenem vermale­deiten Tage in ihn gefahren war, dass er die heilige Maria dermassen beleidigte, entzieht sich unserer Kenntnis. Vielleicht hatte er zu viel Wein getrunken, denn dass er überhaupt vor der (katholischen) Kirche Madonna del Sasso aufgekreuzt war, hatte damit zu tun, dass er dort einem Mönch Wein abzuliefern hatte, wie dies die Kirche von jeher vorschrieb. Wo­möglich hatte ihn, den arbeitsamen Protestanten, das verstimmt. Wie dem auch sei, es nahm mit ihm ein böses Ende.

Endlich wurde Greco den eidgenössischen Behörden vorgeführt. Zwei­­fel­­los standen diese unter Druck. Zum einen von den benachbarten Mai­ländern, die schon lange mit Missvergnügen, ja Panik dem Treiben der Protestanten im Tessin zugesehen hatten. Bestand nicht die Gefahr, dass hier ein reformiertes Widerstandsnest heranwuchs, von wo aus jederzeit religiöse Agenten nach Italien geschleust werden könnten, um das Land und dessen katholischen Glauben zu unterwühlen? Ob in Mailand, Venedig oder im Vatikan, es galt die Devise: Wer als starrsinniger Protestant Italien verliess, verliess es für immer. Vor allen Dingen sollte er sich möglichst weit weg niederlassen, am liebsten wohl in der Hölle, und wenn das nicht praktikabel war, dann wenigstens auf der anderen Seite der Alpen. Aber sicher nicht im Tessin oder im Veltlin.

Die Mailänder wussten genau, wer von ihren Untertanen in Locarno Unterschlupf gefunden hatte. Ihnen sollte das Leben verleidet werden, bis sie weiterflüchteten. Für Greco, den kleinen Protestanten, drangen sie auf die Höchststrafe. Sollten die Eidgenossen dem nicht nachkommen, behielt man sich weitere Schritte vor. Das Herzogtum Mailand gehörte seinerzeit den spanischen Habsburgern. Spanien war eine Grossmacht und ausserdem sehr katholisch.

Zum anderen setzten sich die Eidgenossen selbst unter Druck. In Locarno regierte in jenen Tagen zwar ein Zürcher Landvogt, also ein Re­formierter, den die Herabsetzung der heiligen Maria wohl weniger aus der Fassung gebracht, wenn nicht ganz kalt gelassen hatte. Gerne wäre er dem unglücklichen, dummen Greco zu Hilfe gekommen und hätte ihn verschont, doch die eigentlichen Herrscher im Tessin waren nicht die Zürcher noch die übrigen reformierten Eidgenossen, sondern die Katho­liken, und zwar aus dem folgenden Grund.

Die alte Eidgenossenschaft bestand zu jener Zeit aus dreizehn gleichberechtigten Kantonen, besser gesagt Orten, wie die Zeitgenossen sie nannten: sieben katholischen, vier reformierten und zwei Kantonen, Gla­rus und Appenzell, die intern konfessionell gespalten waren und daher faktisch ohne Stimme an der Tagsatzung blieben. Fast alle Fragen drehten sich irgendwie um die Religion. Wer schon im Kanton sich darin uneins war, hatte an der Tagsatzung nichts auszurichten, dem obersten Organ der Eidgenossenschaft, wo alle Kantone vertreten waren. Also stand es jetzt sieben gegen vier: Den sieben katholischen Orten hatten die vier reformierten wenig entgegenzusetzen. Sie, allesamt Städte, nämlich Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen, konnten jederzeit überstimmt werden. Zwar war man vor Jahren übereingekommen, das Tessin gemeinsam zu verwalten, tatsächlich aber kam den Katholiken ein Übergewicht zu. Deshalb war Greco verloren. Nicht nur er, wie sich bald zeigen sollte, sondern alle Protestanten im Tessin.

Grecos Schicksal war rasch besiegelt. Da es sich aber bei seinen Rich­tern um Eidgenossen handelte, glich die Urteilsfindung einem basisdemokratischen Verfahren, wo alle sich einmischten: Jeder Ort hatte einen Dele­gierten nach Locarno geschickt, und diese entschieden nun über Greco.5 Dass er schuldig war, stand gar nicht zur Debatte, er hatte ja unter der Folter alles gestanden, man machte sich bloss Gedanken über die Strafe. Lebhaft und ungezwungen wurde über Grecos Körper verhandelt. Man solle ihn eine Stunde an den Pranger stellen, wurde vorgeschlagen, um ihn dann mit Ruten durch Locarno zu peitschen. Das stiess allgemein auf Zustimmung. Ob es nicht richtig wäre, fragte ein alter Delegierter aus Uri, auch die Art des Verbrechens zu berücksichtigen? Er regte an, dass man deshalb Grecos Zunge, die Tatwaffe sozusagen, auf einen Stock nagelte. «Diesen Zusatz mag ich wohl leiden»6, sagte der Vorsitzende, Wen­del Sonnenberg aus Lu­zern, und alles schien in bester Ordnung, bis sich die Aussichten für Greco auf einmal weiter verdüsterten. Wenn es darum gehe, den Schuh­macher wirklich zu bestrafen, so verlangten die Gesandten der katholischen Orte nun unvermittelt, dann sei ihm «aus der Welt zu helfen».7 Also wurde «gemehret», wie das unter Eidgenossen hiess – und die Mehrheit war katholisch. Greco wurde zum Tod verurteilt.

Als man ihm die schlechte Nachricht überbrachte und einen Beicht­vater anbot, sagte Greco: «Ich bedarf keinen. Ich habe Gott gebeichtet; der hat mir meine Sünden verziehen und wird mich geleiten und trösten (…).»8 Kurz darauf wurde der Schuhmacher abgeführt, um ihn auf einem Platz in Locarno öffentlich hinzurichten. Er wurde geköpft. Das galt als Ent­gegen­kommen. Sonst verbrannte man Ketzer. Wendel Sonnen­berg, hiess es nachher, habe Tränen in den Augen gehabt.

Bürgerkrieg oder Exil?

Grecos Fall war keineswegs der Auslöser, aber doch Symptom der zunehmenden Spannungen in Locarno. Die Katholiken hassten die Reformier­ten, die Reformierten die Katholiken. Doch die einen befanden sich in der Mehrheit, und so wurde den Protestanten, einer kleinen Minderheit von vielleicht zweihundert Familien, das Leben zur Hölle gemacht, wo immer es ging. Was allerdings entscheidender war: die katholischen Orte und ihre mächtigen Verbündeten in Mailand und im Vatikan hatten Blut gerochen. Wenn es so leicht fiel, einen reformierten Schuhmacher zu exekutieren, obwohl der zuständige Landvogt selbst ein Reformierter war, dann lag wohl mehr drin. Protestanten im Tessin? Es galt, diese Anomalie für immer zu beseitigen. Die Protestanten hatten ihre Heimat zu verlassen.

So wuchs der Streit von Locarno zu einem Streit aller Eidgenossen heran. Wenn die Reformierten nicht nachgäben, so machten die Katholiken deutlich, dann bedeute das Krieg – eine Drohung, die die Katholiken umso selbstbewusster aussprachen, weil sie sich militärisch überlegen fühlten. Hatten sie die Reformierten nicht schon einmal vor gut zwanzig Jah­ren in einem Bürgerkrieg besiegt? Dass es ihnen dabei – in der Schlacht von Kappel im Jahr 1531 – sogar gelungen war, auch Zwingli, den Ketzer aller Ketzer, zu töten, hatte ihren Triumph zu einem totalen gemacht. Zwingli, ein ausgebildeter Theologe, war tollkühn genug gewesen, selber als Soldat an der Schlacht teilzunehmen. Nachdem er gefallen war, stürzten sich die Katholiken auf seine Leiche und zerrissen sie in Stücke. Hass und Rechthaberei. Niemand weiss, wo Zwinglis Überreste geblieben sind. Es gibt kein Grab.

Infolgedessen sahen sich die Reformierten gezwungen, den sogenannten zweiten Landfrieden zu unterzeichnen, der die Katholiken in ihre starke Position versetzte: In den Gemeinen Herrschaften, also den Unter­tanengebieten, war jeder herzlich oder weniger herzlich eingeladen, zum Katholizismus zurückzukehren, während man die Reformierten nur mehr duldete.

Da die evangelische Gemeinde von Locarno im Jahr 1531 noch gar nicht existiert hatte, widersprach ihre Existenz grundsätzlich dem Land­frieden: Ein protestantischer Vorstoss in neue Gebiete war darin nicht vorgesehen, sondern allein katholische Rückgewinne. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Katholiken dagegen einschritten. An mehreren Sitzungen der Tagsatzung wurde über Locarno debattiert, am Ende zwang man die Reformierten per Mehrheitsentscheid, ihre Glaubens­brüder im Süden im Stich zu lassen. Wer beim neuen Glauben bleibe, müsse wegziehen, wohin liess man offen, doch wurde den Reformierten eine Frist gesetzt. Bis die Fasnacht vorbei war, hatten sie zu packen, wobei sie ihr Eigentum in Locarno zurücklassen mussten. Zu allem Elend, das die Vertreibung nach sich zog, sollten die Emigranten auch eine faktische Enteignung hinnehmen.

Es war ein Debakel für die Reformierten in der Schweiz. Es war eine Schande. Im Ausland wurde dies mit Entsetzen registriert, ein deutscher Protestant schrieb Heinrich Bullinger, dem hochangesehenen Vorsteher der Zürcher Kirche: «Die ungereimte Handlungsweise der Berner, Basler und anderer eurer Landsleute in der Sache der Locarner und eines gewissen Schuhflickers ist für die Papisten [Anhänger des Papstes] eine wahre Wollust. Sie haben Ursache dazu. Ja, glaube mir, über den Abfall von ganz England frohlocken sie nicht so laut wie über dieses beklagenswerte locarnische Unglück.»9 Vor kurzem war England zum Katholizismus zurückgekehrt, für immer, so schien es, tatsächlich erwies sich die Wende als von kurzer Dauer. Bald setzten sich die Protestanten endgültig durch.

Am längsten hatte sich Zürich gegen die Ausweisung der Locarner gestemmt und eine andere Lösung verlangt, doch Basel, Bern und Schaff­hausen – und insgeheim wohl auch Zürich – waren nicht bereit, es auf ­ei­nen Krieg ankommen zu lassen. Selbst die Locarner hatten das nicht gewünscht, wenn sie ihren reformierten Brüdern in der Deutschschweiz tapfer schrieben: «Mit Gottes Hilfe sind wir entschlossen, die erkannte Wahrheit und den Glauben an Christum nimmer zu verleugnen, sollten wir auch eines gewaltsamen Todes sterben müssen. Könnt ihr daher, fromme, gnädige Herren, uns helfen ohne Gefährdung des Friedens und eures Bundes [der Eidgenossenschaft], so nehmen wir eure Hilfe, als vom Herrn kommend, mit dem wärmsten Danke an. Wo nicht, dann flehen wir, dann beschwören wir euch aus Einem Munde: Stellet unsere Sache Gott anheim, und lasset die Verfolgung über uns ergehen eher als dass ihr einander befehdet.»10 Lieber gingen sie unter, als dass sie einen Bürgerkrieg zwischen Eid­genossen hervorgerufen hätten. Angesichts der Tatsache, dass Locarno keine fünfzig Jahre zur Schweiz gehörte, und das noch als Untertanenland, war das eine bemerkenswert patriotische Mit­teilung.

Die Locarner bereiteten sich auf die Abreise vor. Insgesamt hatten sich rund 150 Leute dazu entschlossen. Einige wenige Familien waren davor zurückgeschreckt. Unter den Auswanderern gab es alles: Adlige, Hand­werker, Knechte, Anwälte und Ärzte, Arme und Reiche, Männer, Frauen und Kinder. Dass Letztere mitdurften, war übrigens nicht selbstverständlich. Energisch hatte der päpstliche Legat die Tagsatzung aufgefordert, den Locarner Protestanten vor der Auswanderung alle Kinder wegzunehmen, um sie im wahren, katholischen Glauben zu erziehen. Das war allerdings selbst den katholischen Eidgenossen zu weit gegangen, man lehnte es ab. Auch die eine oder andere Ehe zerbrach, weil die Frau etwa nicht auswandern mochte oder der Mann in Locarno blieb, während die Frau alleine loszog, und dennoch hatte sich die überwiegende Mehrheit der Protes­tanten für die Emigration entschieden. Die evangelische Gemeinde in Locarno löste sich in Luft aus. Wer ausharrte, musste zum Katholizismus konvertieren. Angeführt wurde die Gruppe von Taddeo Duno und Mar­tino Muralto, zwei Advokaten, und Giovanni Muralto, einem Arzt – alles Männer, von denen man bald in Zürich hören sollte.

Wenn man sich heute vorstellt, man müsste aus Locarno auswandern, um sich in einem anderen Kanton der Schweiz einzurichten, dann wäre das kaum der Rede wert. Vor fünfhundert Jahren handelte es sich um eine Tragödie: für die Familien, die ihre Heimat verloren, für die Hausbesitzer, die ihr Haus dem Zerfall überliessen, weil sie es nicht so kurzfristig verkaufen konnten, für die Handwerker und Händler, deren Geschäft ruiniert war, für die Italienischsprachigen, denen die Sprache abhandenkam, da sie kaum eine andere Sprache beherrschten, am wenigsten das krachende Schweizerdeutsch, das auf der anderen Seite der Alpen grassierte. Was später der Atlantik für jene Flüchtlinge bedeutete, die Europa verliessen, um sich in Amerika in Sicherheit zu bringen, waren im 16. Jahrhundert die Alpen. Noch schneite es. Unter diesen Umständen war den Frauen und Kindern der Übertritt nicht zuzumuten. Denn man reiste ja zu Fuss. Sack und Pack trug selber, wer sich kein Maultier leisten konnte. Also wandte man sich vorerst ins Misox, um auf besseres Wetter zu warten. Heinrich Bullinger schrieb an Jean Calvin: «Jetzt sind die Locarner auf der Wanderung begriffen. Betet für sie.»11

Währenddessen triumphierten die Katholiken. Sie schickten dem Papst eine Vollzugsmeldung, worin sie in den höchsten Tönen sich selber lobten. Sie, die katholischen Schweizer, seien es gewesen, «die in unseren Tagen gegen den verpestenden Aberwitz und fluchwürdigen Unglau­ben der Lo­car­­ner so kräftig eingeschritten. Das grosse Verderben, das bereits über dem Nacken von Italien schwebte, das den allerheiligsten apos­tolischen Stuhl unmittelbar zu bedrohen schien, haben sie nicht nur unterdrückt, sie haben es zuletzt durch ihre Mannhaftigkeit und Fröm­migkeit von Grund aus vertilgt.»12

Ursprünglich wären die meisten Locarner am liebsten ins bündnerische Veltlin oder nach Chiavenna gezogen und dort geblieben, wo sie sich bestimmt nicht so fremd gefühlt hätten wie jenseits der Alpen. Doch die Politiker des Grauen Bundes, des katholischen Bundes unter den Drei Bünden (die anderen zwei waren reformiert), wussten das zu hintertreiben, so dass bald einmal nur mehr Zürich als Destination in Frage kam. Alles wurde dem konfessionellen Gegensatz unterworfen, nichts blieb ohne Bezug zur Religion. Und Zürich gab sich grosszügig, zumal kein Geringe­rer als der weltberühmte Bullinger sich für die Locarner einsetzte, selbst wenn man neuerdings nicht das Beste über die Tessiner gehört haben wollte. Hatte man sie vorher stets ideell unterstützt, solange sie weit weg im Süden als Märtyrer des Glaubens durchhielten, sah die Sache anders aus, als unabwendbar schien, dass die verfolgten Brüder tatsächlich in Zürich auftauchen würden. Für wie lange? Sicher kehrten sie bald wieder einmal heim – so trösteten sich alle Seiten, die Zürcher und die Locarner, die schon am Heimweh litten, bevor sie überhaupt die Fremde betreten hatten.

Sie trafen in zwei Gruppen an der Limmat ein: eine erste, kleinere schon im März, eine zweite, grössere im Mai, nachdem sie zu Fuss die Bünd­­ner Pässe bei nach wie vor schwierigen Witterungsverhältnissen über­­wunden hatten. Insgesamt waren 147 Locarner nach Zürich gelangt, Männer, Frauen und Kinder. Was wie eine kleine Zahl von Leuten wirken mag, veränderte die Stadt. Sie war nachher nicht mehr wiederzuerkennen. Wenn es je einen Augenblick gegeben hat, da sich die Zürcher Wirtschafts­geschichte in so wenigen Jahren von so wenigen Menschen in eine andere Richtung lenken liess, dann war das damals, im Jahr 1555, geschehen. Noch ahnte das keiner.

Zürich zählte zu jener Zeit rund 5000 Einwohner, und diese waren nicht besonders wohlhabend, im Gegenteil, die Stadt, politisch gesehen nach wie vor eine der gewichtigsten in der Eidgenossenschaft, hatte wirtschaftlich einen stetigen Niedergang erlitten. Von Industrie und Handel, wie sie gut hundert Jahre zuvor floriert hatten, war wenig übriggeblieben, gleichzeitig hatte Zwingli inzwischen den äusserst lukrativen Solddienst verboten, was sich überall bemerkbar machte, sowohl in der Stadt als auch im ganzen Kanton, in der Oberschicht genauso wie in der Unterschicht. Das Einkommen, das so viele junge, männliche Eidgenossen aus einer grausamen, aber lange als ehrenvoll angesehenen Berufstätigkeit auf den Schlachtfeldern des Kontinents bezogen, blieb künftig den Zürchern verwehrt. Wenn es sich um einfache Leute vom Land handelte, dann wurden sie jetzt arbeitslos, wenn es die jungen Männer aus der Elite der Stadt betraf, dann verloren diese nun jede Aussicht auf eine standesgemässe Kar­riere als Offizier im Ausland. Kleriker, was nun am meisten Prestige versprach in dieser frommen Stadt, konnte nicht jeder werden.

Als 1557 diverse Stellen in der Stadtverwaltung zu besetzen waren, meldeten sich jedes Mal sehr viel mehr Bewerber, als man brauchen konnte: Für das Amt des Stadtknechts, wie man damals den Polizisten nannte, stellten sich 19 Männer vor, als Überreiter (ein reitender Bote) wollten 14 arbeiten, und um eine Anstellung als Läufer bemühten sich gar 25 Zürcher. Insgesamt hatten 53 Leute vorgesprochen. 3 Stellen waren offen.

Armut breitete sich aus, die Stadt entvölkerte sich. Zwar hatte man einen neuen Glauben gefunden, aber einen Bürgerkrieg verloren – bislang lag nicht ganz auf der Hand, was die Reformation den Zürchern gebracht hatte.

157 Locarner versus 5000 Zürcher. So klein war ihre Zahl dann doch wieder nicht – oder immerhin gross genug, dass die Einwanderer nicht zu übersehen gewesen wären. Womöglich ist darin die Ursache zu suchen, dass ihre Integration die Stadt überaus stark beschäftigte, oft überforderte, manchmal irritierte, was sich nicht zuletzt daran ablesen lässt, dass die Behörden in den kommenden Jahren drei offizielle Enqueten in Auftrag geben mussten, um das Leben der Locarner in Zürich zu erforschen. Einmal ausgelöst durch eine Beschwerde, dann durch eine Klage oder aus Kummer: Eine so homogene Gruppe aus einem einzigen Ort mit einer fremden Sprache war jedenfalls noch nie aufzunehmen gewesen. Überdies handelte es sich hauptsächlich um Familien, die man nun irgendwie versorgen musste. Die Frage stellte sich umso dringender, als nur 36 Männer mitgekommen waren. Was geschah mit den Frauen, wer fütterte die Kinder? Und für zwinglianische Zürcher nie ganz irrelevant: Wer soll das alles bezahlen?

Jetzt offenbarte sich die Schizophrenie einer Zunftstadt. Von Anfang an fürchtete man die Konkurrenz der Locarner sehr viel mehr als die Gefahr, dass diese verarmten und man sie am Ende noch finanziell unterstützen musste. Rigoros, kleinlich, ja mit destruktiver Energie hinderte man jeden Locarner daran, sich in einem Handwerk oder Gewerbe zu betätigen, das einer Zunft vorbehalten war. Was für ein Handwerk einer auch beherrschte, man zwang ihn, sich einen neuen Beruf zu suchen.

Aloisio Orelli und Giacomo Zareto hatten in Locarno als Seckler ihr Brot verdient,13 also Taschen und Beutel aus Leder hergestellt, was die Zunft der Seckler in Zürich, die Saffran-Zunft, nicht zuliess. Bernardo Roz­zolo war einst ein gefragter Buchbinder gewesen, auch für seine Künste bestand in Zürich kein Bedarf mehr. Francesco Appiani, einem Kürschner, verbot man, als solcher tätig zu werden. Ebenso sorgte die Zunft zur Schuh­machern dafür, dass weder Francesco Albertini oder Filippo Marti­nozzi noch Antonio Pagierano weiterhin als Schuhflicker arbeiten konnten – sie mochten ihr Handwerk noch so gut verstehen. Je fähiger der Immigrant, so muss man feststellen, desto sicherer bekämpfte man ihn. Gleiches widerfuhr dem Gerber Bartolomeo Orelli. Zwar liess die Zunft zur Gerwe ihn gerade noch arbeiten, aber nur als Taglöhner wie einen Knecht. An einen eigenen Betrieb war nicht zu denken. Dem Schneider Filippo Appiano verleidete man ebenfalls den Beruf. Enttäuscht zog er nach Genf weiter. Selbst wenn sich die Zürcher Zünfter ausnahmsweise kulant verhielten, schienen sie es sogleich zu bereuen: Dem Grempler Filippo Orelli, also einem Händler von Molkereiprodukten, bewilligte man zunächst etwas Kapital, doch kaum nahm er sein Geschäft auf, schloss man es wieder. Nur Stefano Pebbia hatte etwas mehr Glück. Er durfte als Fischer auch im Zürichsee fischen, doch blieb er «fest arm», wie es in der ersten, 1556 verfassten Enquete hiess.14 Ob es an ihm oder an den Zürcher Fischen lag, ist offen. Den Lago Maggiore vermisste er vermutlich sehr.

Wäre es nach den Zürchern gegangen, dieser Eindruck stellt sich ein, hätten die Locarner entweder verhungern können oder abziehen dürfen. Zugleich gab es auch gute Nachrichten. Bullinger sah dazu, dass die Locarner sofort einen eigenen, italienischsprachigen Pfarrer erhielten, eben­­so wurde die evangelische Gemeinde von Locarno in Zürich neu gegründet. Schliesslich traf auch Geld ein, das die übrigen reformierten Städte den Zürchern überwiesen hatten – aus einer Mischung von Solidarität und schlechtem Gewissen wohl, zumal sie sich nicht dazu hatten entschliessen können, die Locarner aufzunehmen. Zürich war vorangegangen, Zürich hatte sich mit den Folgen herumzuschlagen.

Die Einheimischen murrten. Böse Geschichten kursierten in der Stadt. «Auf Kosten aller übrigen Bürger», hiess es, würden die Locarner «ihren Vorteil suchen».15 Selbst wohlhabende Flüchtlinge hätten kostenlos Ge­treide und Holz bei der Stadt abgeholt. Gleichzeitig wollte man sie dabei beobachtet haben, wie sie im Schlachthaus «das beste Fleisch an sich zu bringen suchten»16, indem sie viel höhere Preise bezahlten oder den einen oder anderen Metzger bestachen. Natürlich verhielten sich auch ihre Frau­­en und Dienstmägde unmöglich, «anstatt vor den Bänken stehen zu bleiben», drängelten sie vor, «um die schönsten Stücke auszulesen und weg­zuhaschen».17

Gut vierhundert Jahre später, in den 1960er Jahren, wurde den italienischen Immigranten, die nun in die Schweiz kamen, ähnliche Vergehen in der Metzgerei vorgeworfen, wie der Zürcher Historiker Rudolf Braun in einer Studie herausfand. Er hatte unter anderem Schönenwerd im Kanton Solothurn untersucht. Besonders die Tatsache, dass und wie sich die Ita­lie­ner das beste Fleisch aussuchten, gab zu reden, und manche Schweizer sahen dies mit gemischten Gefühlen, weil die Italiener genau Bescheid wussten, welches Fleisch vorzuziehen war. «Die Italiener sind Kenner; man kann ihnen keine Schweizer oder Tessiner Salami als Italiener-Salami andrehen»18, stellte ein Metzger in Schönenwerd fest. «Beim Prüfen der Ware sind sie sehr kritisch. Sie beschweren sich schon beim Abschneiden des Fleisches; sie haben bessere Kenntnisse vom Fleisch als die Schweize­rin­nen.»19

Manche Vorurteile überdauern die Jahrhunderte. Vielleicht, weil in ihnen ein Körnchen Wahrheit steckt. Ob Italiener oder Tessiner: Was Fragen des Essens anbelangt, blieben sie seit 1555 den Deutschschweizern überlegen.

Aufsteiger und Versager

So sehr sich die Zünfte allerdings bemühten, die Tessiner Zuzüger wirtschaftlich auszuschliessen, sie erreichten das Gegenteil. Die Locarner machten aus der Not eine Tugend. Da ihnen keine andere Wahl blieb, verlegten sie sich zuerst auf den Handel. Damit erwarben manche nicht nur beträchtliche Reichtümer – was ihnen viele Zürcher dann auch wieder nicht gönnten –, sondern sie wälzten bald die gesamte Wirtschaft des Kantons um, indem sie eine moderne Textilindustrie und den Verlag nach Zürich brachten. Hatten sich das die Zünfte erhofft? Sicher nicht. Dia­lektik des Kapitalismus. Ausgerechnet die vermeintlich willkommenen Glau­­bensbrüder, die man wirtschaftlich dermassen benachteiligt hatte, stiegen am Ende zu den Herren der Stadt auf. Nicht alle, aber erstaunlich viele.

Ein gutes Beispiel stellt Aloisio Orelli dar, der Seckler aus Locarno. Auch ihm hatte man in Zürich den Beruf verwehrt. Ohne Aussicht, irgendwie seine Familie durchzubringen, sah er sich gezwungen, als Krämer sein Leben zu finanzieren. 1557 eröffnete er einen kleinen Laden. Er verkaufte Hüte, Kerzen oder Seifen, bis er in den Seidenhandel einstieg, und es entstand ein Unternehmen, das seine Nachkommen bis 1700 zum grössten Seidenexporteur Zürichs hochzogen. 1778 stellte die inzwischen regimentsfähige Familie mit Hans Heinrich von Orelli den ersten Bürger­meis­­ter. Damit war man ins sogenannte Regi­ment vorgestossen, in jene kleine Zahl von herrschenden Zürcher Familien, die zu jener Epoche Stadt und Kanton regierten. Die Orelli hatten mit anderen Worten den Olymp erstiegen. 1735 übernahm ein Orelli eine bekannte Druckerei, die im Jahr 1780 eine neuartige, periodische Publikation herausgeben sollte, man nannte sie die «Zürcher Zeitung», seit 1821 heisst sie «Neue Zürcher Zei­tung» und gilt als eine der renommiertesten Zei­tungen Europas. Aus der Druckerei war in den Jahren zuvor ein Verlag (im modernen Sinn) geworden. Er heisst heute Orell Füssli und gehört der Schweizerischen Na­­tio­nalbank.20 Wer weiss heute noch, dass die Orelli einst als Seckler aus Locarno gekommen waren? Vertrieben wegen ihres Glaubens, aus der Heimat verjagt wie Hunde, wurden sie aufgenommen in einer misstrauischen Stadt, die sie am Ende feiern und verehren sollte, als hätten sie immer hier gelebt. Amerika an der Limmat.

Nicht alle Locarner hatten so viel Glück. Die meisten scheiterten, und ihre Namen sind vergessen, und doch darf ihr Beitrag zum Wohlstand der Schweiz nicht unterschätzt werden. So gut wie alle verfolgten eine Karriere wie die Orelli: Denn was hatten die Locarner zu bieten, was den Zürchern fehlte? Wie vermochten sie sich zu differenzieren, um es in der Sprache des modernen Marketings auszudrücken? Was war ihr Allein­stellungs­merk­­mal?

Sie kannten Italien, das reichste Land der Epoche. Sie sprachen Ita­­lie­nisch und fanden somit mühelos den Weg zum wichtigsten Markt in Eu­­ropa, der wiederum enger verbunden war mit der übrigen Welt als jedes andere Land des Kontinents. Wer mit dem Nahen Osten, Indien oder Afri­­ka, ja mit China, Konstantinopel oder am Schwarzen Meer Handel trieb, kam an Italien kaum vorbei, noch beherrschten Venedig und Genua den westlichen Zugang zur Welt. Nicht mehr lange, aber noch lange genug: Die atlantische Weltwirtschaft, die bald heraufziehen sollte, da die Portugiesen den Seeweg nach Indien erschlossen und Christoph Kolumbus 1492 Amerika für die Europäer entdeckt hatten, war 1555 längst im Ent­stehen begriffen. Wenn es eine tragische Pointe in der italienischen Ge­schichte gibt, dann wohl die Tatsache, dass niemand die einst so privilegierte Stellung Italiens im Welthandel dermassen untergrub wie der Italiener Kolumbus. Er stammte aus Genua, der Herrin des Mittelmeers.

Für die Locarner, die man aus ihrer Heimat vertrieben hatte, blieb gerade die Heimat ihr wesentlicher Aktivposten. Ohne Probleme reisten sie allerdings nicht nach Italien. Zu Anfang waren sie als italienischsprachige Protestanten besonders unerwünscht. Kaum hatten sie Locarno verlassen, schloss das Herzogtum Mailand seine Grenzen. Hier regierten die spanischen Habsburger, die katholischen Könige schlechthin. An «Handel und Wandel», wie der freie Personenverkehr damals hiess, war nicht mehr zu denken, und Mailand, der zentrale Markt in Norditalien, war den Lo­car­nern aus Zürich versperrt. Man wich auf Bergamo aus, das zu Venedig gehörte, und da die stolze Republik stets das Gegenteil davon machte, was die Habsburger taten, die in Mailand den Ton angaben, stiessen die Locarner auf venezianischem Territorium auf keinerlei Schwierigkeiten.

Da die Zürcher Obrigkeit aber rasch realisierte, dass der Handel mit Italien, den die Locarner nun aufzogen, das eigene Budget entlastete, nahm man mit den Mailändern das Gespräch auf. Innert Kürze wurde ein Abkommen erreicht. Allerdings hatte man den Umweg über Madrid gewählt, um in Mailand ans Ziel zu gelangen. Denn Philipp II., König von Spanien und der wahre Herr der Lombardei, hatte eben durch seine Gesandten an der Tagsatzung «seine besondere Liebe zur löblichen Eid­genossenschaft» ausgedrückt und versprochen, «Bündnis, Freundschaft und gute Nachbarschaft mit den Eidgenossen zu halten».21 Wenn einer der mächtigsten Könige Europas sich schon so goldig um die Schweizer bemühte – er hoffte auf Söldner –, dann sollte man ihn beim Wort nehmen, dachten sich die Zürcher. Freundschaft und gute Nachbarschaft? Das musste auch für die Locarner aus Zürich gelten, und man brachte es tatsächlich fertig, dass der Herzog von Mailand, der Statthalter des spanischen Königs, die Grenzen wieder öffnete. Den Locarnern wurde freier «Handel und Wandel» im ganzen Herzogtum zugesichert, unter der Bedingung jedoch, dass sie sich nirgendwo auf ein «Argument» einliessen, womit ein Gespräch über die Religion gemeint war. Nach wie vor fürchteten sich die Mailänder vor dem Missionseifer der Protestanten.22

Wahrscheinlich zerbrachen sie sich für nichts und wieder nichts den Kopf, denn die Locarner, die nun nach Mailand fuhren, hatten anderes im Sinn als die Religion: Ohne Handel mit Italien wären sie in Zürich untergegangen. Jetzt aber, unter diesen günstigen Umständen, erschlossen sie nicht bloss den Zürchern, sondern den Schweizern insgesamt eine neue Welt.

Ein Zweites kam dazu. Vielleicht weil sie Aussenseiter waren, erkannten die Locarner Möglichkeiten, die die Zürcher bisher ausser Acht gelassen hatten. Denn neben dem reichen, aber unsicheren Italien gab es ja noch andere Märkte in Europa, insbesondere Frankreich, dessen gigantische Bevölkerung jeden Kaufmann anziehen musste. Und wer sich auskannte, wusste, dass gerade dieser Markt niemandem offener stand als den Eidgenossen.

Vor gut dreissig Jahren, 1521, hatten die eidgenössischen Orte mit Frankreich einen überaus vorteilhaften Soldvertrag abgeschlossen: Indem sie dem König fast exklusiv das Recht einräumten, in der Schweiz Söldner zu werben, bekamen sie als Gegenleistung zahlreiche wirtschaftliche Ver­günstigungen. So wurde zwischen den beiden Ländern der freie Handel eingeführt, Schweizer Kaufleuten gewährte man die Erlaubnis, sich im Königreich so gut wie unbehelligt aufzuhalten, vor allem erhielten sie Han­­delsprivilegien in Lyon, der führenden französischen Handels- und Industriestadt jener Zeit.

Dass die St. Galler, Basler oder Schaffhauser diese Rechte nutzten, war selbstverständlich. In diesen Städten gab es bereits Kaufleute, die sich auf den Fernhandel verstanden. In Zürich dagegen fehlte es an diesen Kennt­nissen, ebenso am entsprechenden Interesse, so dass erst die Locarner erfassten, welche Goldmine hier verborgen lag. Sie war unermesslich.

Wenn die Locarner schon oft genug auf Schwierigkeiten im Herzog­tum Mailand stiessen, weil sie dem falschen Glauben anhingen, so wandten sie sich jetzt umso lieber Frankreich zu, dessen Markt genauso aufnahmefähig erschien. Ohne Zürcher Bürgerrecht aber fiel das schwer, zumal die Franzosen darauf bestanden, dass nur Eidgenossen – nicht deren Un­ter­tanen wie etwa die Tessiner – in den Genuss der erwähnten Vorrechte kamen. Oft geschah es deshalb, dass ein Locarner einen Zürcher Stroh­mann vorschob, um in Frankreich seine Geschäfte zu erledigen. Das bedeutete Aufwand, das stiftete Abhängigkeiten, das war illegal. Um sich das zu ersparen, bemühte sich darum jeder Locarner, kaum war er heimisch geworden, um das Zürcher Bürgerrecht. Natürlich hätte ihn das auch in Italien viel besser geschützt. Doch die Zürcher wollten davon lange nichts wissen. Nur wenigen gönnte man das Privileg, und auch dann blieben Locarner noch Locarner, also Zürcher mit einem fremd klingenden Namen.

Dabei hätten die Zürcher allen Grund gehabt, den Locarnern entgegenzukommen. Denn dank ihnen setzte jetzt ein Austausch ein, der die Zürcher Wirtschaft in jeder Hinsicht belebte. Die Locarner kauften in Italien Waren ein, an denen es in der deutschen Schweiz mangelte, und sie exportierten Dinge, die sich im Süden absetzen liessen. Das alles hatte es auch früher schon gegeben. Zürich war immer mit dem Süden verbunden gewesen, was sich aus seiner geografischen Lage ergab. Doch die Locar­ner intensivierten den Nord-Süd-Handel in einem Ausmass wie nie zuvor. Wie immer zogen daraus beide Seiten Nutzen, wenn auch Zürich sicher mehr davon hatte. Noch lag die kleine Stadt an der Peripherie. Deshalb löste dieser Handel dort weitaus mehr aus als in Norditalien, dem Zentrum der damaligen europäischen Wirtschaft. Es setzte in Zürich ein Auf­schwung ein, der streng genommen nie mehr abriss.

Betrachten wir die Baumwollindustrie. Bereits im 15. Jahrhundert hatten die Zürcher damit begonnen, Baumwolle zu Tüchli zu verarbeiten. Zwar hatte man Baumwolle schon vorher gekannt und mit Leinen zum sogenannten Barchent verwoben. Neuerdings traute man sich aber zu, Stoffe aus reiner Baumwolle zu verfertigen, grob zwar, dennoch hübsch und kleidsam, weshalb diese klein geschnittenen Tüchli sich bald grosser Beliebtheit erfreuten, vorab bei den Frauen: Sie benutzten sie gerne als Hals- oder Kopftuch. Doch bei aller Popularität: Das Tüchli blieb ein regionales Phänomen. Es wurde vorwiegend in der Stadt selbst und deren Umgebung getragen. Exportiert wurde kaum. Vielleicht boten die Weber ja nur miserable Qualität oder machten viel zu wenige Tüchli, wir wissen es nicht, jedenfalls fühlten sich die Zünfter nie bedroht. Anders ist es kaum zu erklären, warum das neue Gewerbe keinen Zunftvorschriften unterstellt wurde. Man liess es für geraume Zeit so gut wie unreguliert – bis es zu spät war, einzugreifen, weil andere, soziale Überlegungen in den Vordergrund rückten.

Denn Zwingli hatte ja den Solddienst unterbunden und damit vielen jungen Zürchern eine populäre Erwerbsarbeit entrissen. Die Schweiz zählte zu jener Zeit fast eine Million Einwohner, viel zu viele, als dass die Bauern in der Lage gewesen wären, alle zu ernähren. Die temporäre ­Aus­wanderung der jungen Männer war so gesehen unabdingbar. Als im Kan­ton Zürich dieser Ausweg nicht mehr offenstand, stellten sich die negativen Auswirkungen dieses politisch (oder theologisch) erzwungenen Strukturwandels gleich als drastisch heraus, insbesondere auf dem Land waren die Folgen zu besichtigen. Not brach aus. Die Behörden standen unter Druck. Kam es zu Unruhen?

In dieser heiklen Situation schien das Tüchli-Gewerbe den Zürcher Räten umso erwünschter, zumal manche Bauern auf dem Land sich längst dieser Tätigkeit widmeten. Wäre es jetzt eine gute Idee gewesen, es durch allzu engherzige Vorschriften zu ruinieren? Die Frage stellen heisst sie beantworten. Wenn das Tüchli-Gewerbe Abhilfe brachte, indem es Arbeits­plätze schuf, dann hatten die Behörden nichts einzuwenden. Sie förderten es stattdessen, weil «sich viele arme Leute in der Stadt und auf dem Land durchbringen und verbessern mögen und das Geld in das Land [in den Kanton Zürich] kommt».23

Deshalb hielten sie die Zünfte auf Distanz, ja selbst auf Abgaben und Steuern wurde verzichtet. Es gab keinen Zunftzwang, das heisst, niemand wurde gezwungen, sich einer Zunft anzuschliessen, wenn er Tüchli herstellen wollte. Ebenso wenig schrieb man «Schauen» vor, also Inspektionen, wo streng über die Qualität eines Tüchlis gewacht worden wäre, was den Behörden oder Konkurrenten stets einen Vorwand verschafft hätte, das Gewerbe zu schikanieren.

«Die Kombination von geringer Regulierungsdichte sowie Steuer­frei­heit und vergleichsweise hoher Qualität», urteilt der Zürcher Historiker Ulrich Pfister, «dürfte somit die langfristige Konkurrenzfähigkeit des Zür­cher ‹Tüchligewerbs› als eines der ersten ausschliesslich Baumwolle verarbei­tenden Gewerbes nördlich der Alpen massgeblich unterstützt haben.»24 Je­dermann konnte sich in dieser Branche versuchen. Ob sein Tüchli einen Kunden fand, lag an ihm, nicht an einer Behörde oder einer Zunft.

Das hatte Konsequenzen. Zum einen führte das liberale Regime dazu, dass viele Frauen in dieser Branche tätig wurden, selbst als Unter­neh­merinnen, weil keine (männlichen) Zünfter sie hinausdrängten. In den Zünften hatten Frauen in der Regel keinerlei Aussicht, je als Meisterin auf­genommen zu werden, es sei denn als Witwe eines Zunftbruders für eine begrenzte Zeit. Zum anderen liess dieser unregulierte Zustand viel mehr Innovationen zu, ob in der Produktion oder in der Arbeitsorgani­sation. Zum Dritten zog eine solche Branche natürlich Aussenseiter wie die Locar­ner an.

Zwar kümmerten sie sich kaum um die Herstellung der Tüchli, doch sie exportierten diese neuerdings nach Italien und eröffneten den Zürcher Tüchli-Webern ganz neue Perspektiven. Hatten sie vorher für die eigene Stadt und die nähere Umgebung produziert, fanden ihre Tüchli auf einmal Absatz in Bergamo, Venedig und Mailand. Denn die Locarner, die den Handel zwischen Zürich und Italien an sich brachten, waren ja darauf angewiesen, dass sie den Italienern etwas offerieren konnten, um damit andere begehrte Waren einzutauschen. Allzu viel Geld wollten sie dafür nicht einsetzen. Also verkauften sie Tüchli in Italien – und erhielten dafür Reis, Seifen, Würste, Federn, Kerzen, Waffen oder Getreide, alles Mög­liche, vor allem aber brachten sie Rohstoffe zurück, die es in der Schweiz nicht gab: Baumwolle und Seide. Damit gelangten jene zwei Rohstoffe in die Stadt, die Zürichs wirtschaftliche Entwicklung für gut dreihundert Jahre bestimmen sollten.

King Cotton – König Baumwolle

Ursprünglich stammte die Baumwolle aus Indien. Vermutlich war die Pflan­­ze vor Jahrtausenden in verschiedenen Regionen domestiziert worden, in Indien sehr früh, aber unabhängig davon ebenso im südlichen Afrika und in Amerika. Heute bestimmen vier Sorten den weltweiten Anbau. Die Pflanze, ein hoher Strauch, wächst nicht überall, sondern nur in warmen Zonen. Zudem ist sie giftig. Aber ihre Früchte, diese surreal wirkenden, weissen Büschel aus feinen Haaren, erwiesen sich als sehr geeignet, um daraus Garn zu spinnen und schliesslich Textilien zu fertigen. Da sich Stoffe aus Baumwolle in jedem Klima leichter und bequemer tragen liessen als solche aus Leinen oder Wolle, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Baumwolle durchsetzte: Am Ende – nach der industriellen Revolution – hingen ganze Volkswirtschaften von ihr ab. «King Cot­ton» nannte man sie im Süden der USA. «König Baumwolle» herrschte über die ganze Welt.

Bis die Baumwolle diesen Status errang, vergingen allerdings Jahr­hun­derte. Nur langsam, wenn auch stetig breitete sie sich aus. Wohl war sie schon in der Antike in Europa aufgetaucht, doch blieb sie damals eine Luxusfaser, die sich nur die Reichsten leisteten, bald ging sie im Westen vergessen. Erst im späten Mittelalter kam sie in Europa von neuem auf, zuerst in Italien, vermittelt von den Arabern, die sie aus Indien einführten oder sie zunehmend selber in Syrien und Ägypten, in Spanien und Sizilien anpflanzten.

Die Italiener lernten schnell. Sie übernahmen von den Arabern nicht nur einen neuen, überlegenen Rohstoff, sondern kopierten Muster, Tech­ni­ken, Stoffe und Maschinen. In der Folge dehnte sich bereits im 12. Jahr­hundert in der Poebene eine gewaltige Textilindustrie aus, wo Tausende von Spinnerinnen und Webern die Baumwolle (und Wolle) verarbeiteten und ganz Europa damit belieferten. Mailand stieg zu deren Zentrum auf.25

Von Italien aus drang die Baumwolle in die übrigen europäischen Länder vor; die Konkurrenten lernten genauso schnell, wie man sie in Stoffe verwandelte, ob in Flandern, Süddeutschland oder auch in der Schweiz. Oft reicherten sie ihre einheimischen Stoffe an, indem sie sie mit Baumwolle verwoben. Es kamen Mischgewebe aus Baumwolle, Leinen und Wolle auf den Markt, die je nachdem anders hiessen: so etwa Barchent oder Schürlitz, Zwilch oder Drillich, Damast und Bombasin. Die Ge­schichte der Textil­industrie hat Hunderte von merkwürdigen Begriffen hinterlassen.

Aus klimatischen Gründen setzte sich jedoch der Anbau von Baum­wolle allein im Süden Europas fest, und auch hier bloss in beschränktem Ausmass. Mazedonien, Griechenland, Malta, Zypern, Süd­italien blieben die einzigen Gebiete, wo sie kultiviert wurde, ansonsten vertraute man auf den Import. Ende des 14. Jahrhunderts hatte sich Venedig das faktische Einfuhrmonopol für die begehrte Baumwolle aus der Levante gesichert. Es bestand bis ins 17. Jahrhundert und machte die ohnehin reichen Venezianer noch reicher.

Europas Liebesverhältnis zur Baumwolle entspann sich: Man lernte die Faser schätzen, man trug Baumwolle aus Eitelkeit oder praktischem Ver­stand, umso mehr als auch ihre Verarbeitung laufend perfektioniert und verbilligt wurde, was Kleider aus Baumwolle schliesslich für jedermann erschwinglich machte. Dazu leistete die oft gleichzeitig aufkommende Ver­lagsindustrie einen entscheidenden Beitrag – nicht von ungefähr, denn was für Zürich galt, liess sich in vielen alten Gewerberegionen feststellen. Da die Baumwolle ein neuer Rohstoff war, kümmerten sich die Zünfte zunächst kaum darum, und es entstand ein «unzünftiges» Ge­wer­­be, ein Ge­werbe ohne Regulierung durch die Zünfte, das sich eben gerade deshalb stürmisch zu entfalten vermochte. Wo die Zünfte das bemerkten und es mit allerlei Interventionen zu bändigen oder zurückzudrängen suchten, zerstörten sie es häufig, wie ausgerechnet in Italien, dessen einst so mächtige Baumwollindustrie im 17. Jahrhundert unterging. Gewiss, dafür gab es verschiedene Gründe, aber unsinnige Regulierungen und der Eifer der Zünfte trugen dazu bei.26

Wenn man den Durchbruch der Baumwolle in Europa Revue passieren lässt, wird leicht erklärlich, warum die Locarner in Zürich eine so enorme Bedeutung erhalten sollten. Italien war für Jahrhunderte der Ur­sprungsort fast jeder Innovation gewesen. Es stand der Welt (und deren Ideen und Möglichkeiten) wie kein anderes Land offen. Italien hatte eine leistungsfähige Textilindustrie herangezogen, von der die Schweizer nur lernen konnten. Indem die Locarner die Beziehungen zu diesem Land dermassen intensivierten und den Zürchern so einen viel grösseren Markt eröffneten, regten sie das Wachs­tum des heimischen Gewerbes an. Es muss sich wie ein unwirklicher Entwicklungsschub angefühlt haben: Bisher kaum beachtete Tüchler in Horgen, vergessene Weber in Stäfa, unterschätzte Unternehmerinnen in Zürich produzierten auf einmal für den Weltmarkt – ohne dass sie sich dafür besonders vorgewagt hätten. Das Risiko trugen die unbeliebten Zuzüger aus Locarno.

«Der Beitrag der protestantischen Flüchtlinge zum gewerblichen Auf­­schwung», hält Ulrich Pfister fest, «bestand wie anderswo um diese Zeit erst in zweiter Linie in der Einführung neuer Technologien, sondern vorab in der verstärkten ‹Kommerzialisierung bäuerlicher Technologien›.»27 Weil dieses Risiko, das die Locarner einzugehen hatten, beträchtlich war, schlossen sie sich zu Handelsgesellschaften zusammen. Jeder Teil­haber schoss ­etwas Kapital ein, und man stand gemeinsam für Gewinn und Ver­lust gerade. So wurde das Risiko aufgeteilt. Diese moderne, an die Aktien­­­­­gesell­schaft erinnernde Betriebsform war in Italien längst gebräuchlich – und den Locar­nern deshalb vertraut, wogegen sie den Zürchern bisher untersagt gewesen war. Man misstraute diesen abstrakten Konstrukten, wo kein einzelner Eigent­­ümer auftrat, sondern ein Kollektiv von Kom­pagnons. Auch hier wurde den Zuwanderern nun erlaubt, was den Ein­heimischen verhasst war, im Wissen, dass sonst die Locarner in wirtschaftliche Schwie­rig­­keiten geraten wären. Man musste die eigenen Regeln auf­­­weichen – um härtere Folgen zu vermeiden.

Als Heinrich Bullinger seine Zürcher zur Solidarität mit den Glau­bens­­brüdern im Süden überredete, hätte wohl keiner daran gedacht, dass diese 147 Zuwanderer so vieles durcheinanderbringen würden. Alle Lo­carner, so musste es den Zürchern bald vorkommen, waren inzwischen Händ­­ler geworden, ganz gleich, was sie vorher getan hatten. Und sie lagen nicht falsch. Im Sommer 1557 wurde eine zweite Enquete vorgenommen – nachdem sich erneut ein Zürcher über die Locarner aufgeregt und eine Klage gegen sie eingereicht hatte.28 Ausführlich listeten die Beamten auf, wie die Immi­granten ihren Lebensunterhalt bestritten: Lodovico Ronco, Gian­antonio Rosalino, Guarnerio Castiglione und Andrea Cevio hatten in Zürich und Winterthur Leder, Zwilch (ein Stoff) und Tierfette eingekauft, exportierten sie nach Mailand und brachten Reis zurück. Kurz darauf gründeten sie eine «Compagnie», um einen Warentransport nach Venedig und Mailand zu finanzieren, wo sie wiederum «Spezereien, Tuch, Barett, Schamlott, Seide und anderen Kram» erwarben. Zurück in Zürich, stiessen sie diese Luxus­artikel en gros ab, ohne einen eigenen Laden zu besitzen. Ein Barett war ein Hut aus Samt, wogegen Schamlott als besonders mondän galt: Es handelte sich um einen Stoff, der aus Kamelhaar hergestellt wurde, ein Tier, das selbst in Italien nicht bekannt war. Das Tuch kam aus dem Orient.

Auch Giacomo Zareto, der Seckler, der genauso unfreiwillig seinen Beruf aufgegeben hatte, war im Handel untergekommen, «er reist viel ins Welschland [womit Italien gemeint war] und führt Unschlitt hin [Tier­fette], um Barette und Seifen nach Zürich zurückzuführen». Die Ge­­­brüder Verzasca verschoben Zwilch nach Mailand und verkauften Sei­fen und Reis in Zurzach, wo zu jener Zeit regelmässig eine Messe stattfand. Bartolomeo Orelli, der Gerber, exportierte ebenfalls Zwilch nach Mai­land und importierte Reis. Selbst Aloisio Orelli genügte der eigene Laden nicht mehr, auch er versuchte sich im Import-Export: Nach Mai­land schickte er Zwilch und Tierfette, zurück nach Zürich lieferte er Reis und «den Kram, den er im eigenen Geschäft» an den Mann oder die Frau zu bringen hoffte.

Über Filippo Orell, den Grempler, hiess es im Bericht: «Ist viel im Welschland, hat bisher Zwilch und Leder nach Mailand ausgeführt und dafür Reis eingetauscht.» Auch Andrea Cevio hatte sich in der lombardischen Hauptstadt mit Waren eingedeckt, namentlich: «Seide, Samt, Schür­­litz [Barchent], Barett, Schlappen, Federn und anderen Kram», im Winter kaufte er überdies «Würste, Kerzen und Käse aus Piacenza» ein.

Für den weiteren Verlauf der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte stellten sich aber nicht diese Kerzen, Würste oder Seifen als folgenreich heraus, die die Locarner aus Italien zurückbrachten, sondern die beiden textilen Roh­stoffe Baumwolle und Seide. Denn über kurz oder lang beschränkten sich die Locarner nicht auf den Handel. Bald nahm sich der eine oder andere die Produktion vor. Sie riefen Betriebe ins Leben, um in Zürich Baumwolle oder Seide zu Stoffen zu verarbeiten. Es war der Beginn einer neuen Ära.

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