Kitabı oku: «Tödliche K. I.»

Yazı tipi:

Markus Warken

Tödliche K.I.

Thriller


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Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2020

Lektorat: Daniel Abt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Lutz Eberle

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-6356-3

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Freitag, 4. August 2017 – »Crypto City«, Fort Meade, Maryland, USA

Das zentrale Gebäude von »Crypto City« wirkt von Weitem wie die monströs vergrößerte Kaaba – ein mächtiger, schwarz verspiegelter Würfel. Der vor Unbefugten hermetisch abgeschirmte Bau beherbergt das Hauptquartier des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA, in dem die Fäden des weltumspannenden Überwachungsnetzes der USA zusammenlaufen und »top secret« eine der mittleren Geheimhaltungsstufen ist. Für die einen hütet der schwarze Würfel den Gral der Freiheit, für die anderen umschließt er das Herz der Finsternis, ist er ein Hort der Kontrolle und Unterdrückung.

Lässt man die Mystik und Legenden beiseite, die sich um dieses Machtzentrum ranken, bleibt lediglich ein Bürokomplex, ähnlich dem Entwicklungszentrum eines großen Technologieunternehmens, in dem gewöhnliche, fehlbare Menschen arbeiten. Einer davon, Major Ulmer, hetzte am 4. August 2017 durch den letzten der schier endlosen Gänge, der ihn noch von seinem Ziel trennte: dem Büro seiner Arbeitsgruppe, dem Epizentrum des ADONIS-Programms. Die Blicke seiner Kollegen folgten ihm – manche neugierig, andere sensationslüstern, mitleidig oder schadenfroh. Nichts verbreitete sich schneller als schlechte Nachrichten. Der Spießrutenlauf ging bis zur Bürotür seiner Dienststelle. Ulmer flüchtete sich hinein und warf die Tür krachend hinter sich ins Schloss. 14 Augenpaare wandten sich ihm zu.

»Der Vizepräsident tobt – und wir sind schuld, weil unser System Bockmist gebaut hat!« Major Ulmer hielt die neueste Ausgabe einer Washingtoner Zeitung mit der rechten Hand hoch und klatschte mit der linken dagegen. »Lagebesprechung«, befahl er knapp und durchquerte das Büro mit schnellen Schritten, um zum Forum zu gehen, wo sie alle größeren Besprechungen abhielten. Er nutzte die wenigen Sekunden, die vom Lärm rückender Stühle und eilender Füße beherrscht wurden, um sich zu sammeln. Nachdem alle im Kreis um ihn herum standen, durchbrach nichts außer dem Surren der Klimaanlage die Totenstille.

»Vertrauliche Daten vom Dienstrechner des Vizepräsidenten sind an die Öffentlichkeit gelangt«, eröffnete er seinen Mitarbeitern. »An die einschlägigen Journalisten, allen voran diese Hyäne Vivian Lee. Die politische Laufbahn des Vizepräsidenten hängt am seidenen Faden und das Schlimmste: Die undichte Stelle ist eins unserer ADONIS-Cooties. Der Vizepräsident wird uns durch den Fleischwolf drehen, wenn wir das nicht mit Lichtgeschwindigkeit glattziehen!«

Ulmer fühlte Schweiß aus seinen Achselhöhlen tropfen.

»Kann man das Datenleck denn sicher auf ein ADONIS-Cootie zurückführen?«, fragte Sergeant Rodriguez, seit Jahren seine rechte Hand und engster Vertrauter. »Sonst kann uns keiner etwas wollen.«

Bevor Ulmer antworten konnte, flog die Tür auf, und Colonel Harris betrat den Raum. »ADONIS wird terminiert!«, blaffte er barsch.

Major Ulmer knirschte mit den Zähnen. In den Augen seiner Mitarbeiter stand blankes Entsetzen. Colonel Harris’ Miene ließ keinen Zweifel daran, dass er es bitter ernst meinte. Ulmer straffte sich und ging langsam auf seinen Vorgesetzten zu. Im Rücken spürte er die Blicke seiner Männer wie stumme Hilferufe. Bislang war ADONIS von jedem als nächste Generation geheimdienstlicher Überwachungstechnologie gepriesen worden. Sollte das Missgeschick mit den Daten des Vizepräsidenten auf einen Schlag alles infrage stellen? Ulmer atmete tief ein und öffnete den Mund, um sein Lebenswerk zu verteidigen.

»Ich bin nicht gekommen, um zu diskutieren«, schnitt Harris ihm das Wort ab, bevor Ulmer einen Ton hervorbringen konnte.

»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, begehrte Ulmer auf. »Mit ADONIS können wir jeden überwachen, der ein elektronisches Gerät benutzt. Wir sind um Größenordnungen effizienter als jedwede andere Form geheimdienstlicher Personenüberwachung, weil alle 4D-Schritte komplett automatisiert sind.«

Harris reagierte nicht, sodass Ulmer einen weiteren Vorstoß wagte. »Colonel, wir können jeden überwachen, jeden gottverdammten Menschen auf der ganzen Welt – und gegebenenfalls bekämpfen. Jeden – jederzeit – überall – und das bei lächerlich geringen Kosten.«

»Genau in dieser Automatisierung liegt das Problem«, knurrte Harris. »Sie haben sich verrannt! Lesen Sie eigentlich keine Zeitung? Nein? Holen Sie das bei Gelegenheit nach und ersparen Sie mir, Ihnen im Einzelnen erläutern zu müssen, was der Vizepräsident von automatisierten 4D-Schritten hält. Deny, disrupt, degrade, deceive – verleugnen, unterbrechen, herabsetzen und täuschen –, das wollen Sie allen Ernstes automatisieren?«

»Natürlich wissen wir, was in der Zeitung steht«, erwiderte Ulmer eifrig. »Die Schwierigkeiten des Vizepräsidenten könnten wir leicht ausbügeln. Warum bringen wir diese Schmierfinken nicht einfach zum Schweigen? Ein Wink an Sergeant Rodriguez, und die Abendzeitung wird heute noch melden, dass die verehrte Vivian Lee einer bedauerlichen Fehlinformation aufgesessen ist, sie alles widerruft und im Übrigen unbekannt verreist ist. Die restlichen Journalisten wittern, was die Stunde geschlagen hat, niemand hackt mehr auf dem Vizepräsidenten herum, und die Sache hat sich.«

»Ulmer, werden Sie größenwahnsinnig?«

Major Ulmer schoss das Blut ins Gesicht. Für ihn bedeutete die Einstellung von ADONIS das Ende seiner Karriere. Für Colonel Harris, der erst seit Kurzem mit dem Programm zu tun hatte, lag die Sache anders. Aus seiner Warte war die Einstellung von ADONIS die Lösung. Ulmer mit seinen Männern waren die geeigneten Bauernopfer, denen man die Schuld in die Schuhe schieben konnte. Außerdem handelte er sicher nicht ohne Weisung oder zumindest Deckung von ganz oben. Eigenmächtig das ADONIS-Programm zu beenden überschritt todsicher seine Kompetenzen.

Ulmer beschloss, seine Strategie zu ändern. »Ich schlage natürlich nicht vor, Lee und den anderen Journalisten körperlich etwas anzutun«, erklärte er. »Wir könnten die ganze Journaille mundtot machen. Eine Routineaufgabe für ADONIS.«

»Und wenn das rauskommt?«, zischte Harris.

»Wir könnten ihnen auch ein freundliches Angebot unterbreiten. Eines, das keiner von ihnen ausschlagen wird.«

Der Einwand zeigte Wirkung. Ulmer beobachtete, wie Harris schweigend nachdachte. Die linke Augenbraue des Colonels zuckte. Dann schien etwas in Harris zu explodieren und sein Vorgesetzter zertrümmerte Ulmers aufkeimende Hoffnung mit einer abfälligen Geste gefolgt von der Feststellung: »Nein, alles zu unsicher. Sie haben Ihr System nicht im Griff! Oder wie kommt es, dass ADONIS den Vizepräsidenten ans Messer liefert?«

Das war der wunde Punkt. Ulmer stierte Harris’ obersten Uniformknopf an, als könnte er dort die Antwort ablesen.

»Sehen Sie, dafür haben Sie keine Erklärung! Und jetzt sorgen Sie dafür, dass ADONIS der Vergangenheit angehört und zwar so, dass das Programm spurlos getilgt wird, als hätte es nie existiert. Und das sofort, verstehen Sie? SOFORT!«

Ohne Ulmer eines weiteren Blickes zu würdigen, verließ Colonel Harris den Raum. Seine Schritte hallten auf dem Flur wie die Schläge einer Marschtrommel.

Ulmer beantwortete Rodriguez’ stummes Hilfeersuchen mit einem Schulterzucken. Mit dem Kinn deutete er zu Rodriguez’ PC und schickte seinen Mitarbeiter damit an die Arbeit. Gefolgt von den Übrigen schlich Sergeant Rodriguez an seinen Platz und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Dort knurrte er etwas Unverständliches, knüllte eine Handvoll Zettel mit Aufzeichnungen zusammen und pfefferte sie in den Papierkorb. Dann gab er eine Folge kurzer Kommandozeilenbefehle in seinen Rechner ein. Eine Weile hörte man nur das Klacken der Tastatur unter seinen Fingerkuppen. Auf einem großen Wandbildschirm erschien eine Weltkarte, übersät mit Millionen und Abermillionen grünen Punkten, die recht genau die Bevölkerungsdichte der Erde widerspiegelten – ein Punkt für jede über ADONIS aktiv überwachte Zielperson. Einige Sekunden geschah nichts. Rodriguez, Ulmer und alle anderen im Raum starrten wortlos den Wandbildschirm an. Erste vereinzelte Punkte begannen sich rot zu verfärben und kurz darauf zu verschwinden. Weitere Punkte folgten, bis lediglich vier übrig waren, die sich allem Anschein nach dem Löschbefehl widersetzt hatten.

»Wiederholen«, ordnete Ulmer an, und Rodriguez’ Finger flogen erneut über die Tastatur. Drei weitere Punkte verschwanden. Der vierte Punkt zeigte sich unbeeindruckt und widerstand selbst drei weiteren Löschversuchen. Rodriguez zoomte heran. Es handelte sich um eine Zielperson des Servers Palo Alto ME2Z.

»Sandro, was ist da los?«, flüsterte Ulmer so leise, dass niemand außer Rodriguez ihn hören konnte.

»Keine Ahnung«, antwortete Rodriguez genauso leise. »Das System reagiert nicht wie spezifiziert. Ich, ähm, ich wollte es dir schon länger sagen: Gelegentlich bekommen wir Nachrichten von einzelnen Leviathanen, die wir nicht dekodieren können.«

Ulmer schauderte bei dem Gedanken an die Tragweite von Rodriguez’ Satz, als der letzte Punkt erlosch. »Na also, geht doch!«, entfuhr es ihm erleichtert.

Rodriguez drückte sich an der Schreibtischkante vom Bildschirm weg und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ich befürchte, nein«, erwiderte er und schluckte. Rodriguez deutete auf seinen Bildschirm. »Schau, die letzte Nachricht war ›connectionRelease‹, nicht ›instanceShutDownConfirm‹.«

»Das heißt?«

»Das heißt, der Leviathan hat von sich aus den Kontakt mit uns abgebrochen.«

Kapitel 1

Freitag, 9. Oktober 2020 – Humboldt-Universität, Berlin

Jana staunte, als sie den Hörsaal betrat. Gut 25 Kommilitonen hatten sich bereits eingefunden, obwohl heute der letzte freie Tag vor dem Beginn der Vorlesungszeit war und es nur um ein paar Seminarthemen ging – Seminarthemen allerdings, von denen sie unbedingt eines ergattern musste. Wenige Sitzreihen vor sich entdeckte sie Wibke, die sie am Montag auf der Einführungsveranstaltung nach ihrer Immatrikulation kennengelernt hatte. Froh, zumindest ein bekanntes Gesicht zu finden, stieg Jana zu ihr hinunter und setzte sich neben sie.

»So viele Themen, dass wir alle eins abbekommen können, gibt es doch gar nicht«, flüsterte Jana ihr statt einer Begrüßung zu und deutete mit dem Kinn auf die Sitzreihen vor ihnen.

»Jetzt mach dir nicht schon vorher Stress!« Wibke strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre langen Fingernägel waren im Farbton ihrer Bluse lackiert, Mauve diesmal. »Berlin ist eine schöne Stadt.« Wibke zwinkerte verschwörerisch. »Notfalls machen wir eben ein Semester mehr!«

»Du kannst dir das vielleicht leisten, ich nicht.«

Jana schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf, als müsse sie sicherstellen, nicht zu träumen. Wibke und Jana kamen aus grundverschiedenen Welten, und sie hatten sich eher zufällig kennengelernt. Eine ihrer neuen Kommilitoninnen – eine Gothic mit Piercings im Gesicht – wollte während einer Einführungsveranstaltung für Neulinge an der Humboldt-Uni einfach nicht aufhören, über Wibkes schicke Kleidung zu lästern. Jana verabscheute kleinkarierte Leute, die anderen Vorschriften machen wollten, und brach spontan eine Lanze für Wibke, mit der sie bis dahin kein Wort gewechselt hatte. Die Gothic suchte schnaubend das Weite, und Jana kam mit Wibke ins Gespräch. Weil sie sich sofort sympathisch gewesen waren, hatten sie sich seither ein paar Mal auf einen Kaffee getroffen, und letzte Nacht hatte Wibke sie in eine der angesagten Discos von Berlin geschleppt; sonst nicht ihr Ding, doch Wibke wollte nicht alleine gehen. Beide waren sie erst kürzlich nach Berlin gezogen, allerdings unter ganz verschiedenen Vorzeichen. Als Tochter eines reichen Hamburger Kaufmanns kannte Wibke finanzielle Sorgen nur vom Hörensagen, und darüber hinaus sah sie aus wie eine junge Heidi Klum.

Entschlossen zog Jana ihren Laptop aus der Tasche. »Ich muss den Master in vier Semestern durchziehen. Und dafür brauche ich definitiv einen dieser Vorträge heute.«

»Für jemand, der über knappe Kasse jammert, hast du da ein verdammt schickes Gerät!« Wibke hob die Augenbrauen. »Wenn es dir echt so schwerfällt, das Geld für das Studium zusammenzukratzen, warum kaufst du dir so ein Edelteil?«

»Drei Wochen Kellnern auf einem Ausflugsschiff«, brummte Jana und startete den Rechner. »Gut bezahlt, aber ein Scheißjob. Kellnern auf einem Schiff, meine ich. Du musst mal so einen Kegelclub in voller Fahrt erleben. Und wenn ich drei Wochen ranklotze, muss es etwas Ordentliches sein, sonst ärgere ich mich schwarz. Hast du eine Ahnung, wie lange die Veranstaltung hier dauert? Ich muss gleich nach Friedrichshain, mich in einer Whiskybar vorstellen.«

»Du jobbst doch schon auf einem Schiff? Wie viele Nebenjobs willst du denn noch machen?«

»Im Winter fahren die Schiffe nicht. Außerdem war das in Köln.« Jana sah auf, weil um sie herum ein Raunen anschwoll. Der Professor hatte den Hörsaal betreten.

»Hammer!«, entfuhr es Wibke. »Ist der überhaupt schon 30? Sieht echt gut aus, der Knabe.«

»Wie er aussieht, ist mir egal«, murmelte Jana. »Hauptsache, ich greife einen Vortrag ab.«

Der Professor blieb vor der Tafelwand stehen und musterte die Anwesenden mit einem Lächeln. Jana folgte seinem Blick und stellte fest, dass inzwischen weit über 30 Studenten die Bänke füllten.

»Mein Name ist Lüneburger, wie Sie sicher mitbekommen haben«, stellte er sich vor. »Nein, ich habe nichts mit der Heide oder Hermann Löns zu tun, und wir wollen es kurz machen, damit Sie sich weiter ungestört dem letzten Tag Ihrer Semesterferien widmen können.«

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, bevor er fortfuhr.

»Die Themen kennen Sie ja, sodass wir keine Zeit verschwenden müssen. Wer möchte uns mit dem ersten Vortrag zu ›Personalisierte Bannerwerbung in Suchmaschinen‹ in der Kalenderwoche 48 beglücken?«

Mindestens zehn Hände schossen zeitgleich mit Janas in die Höhe. Das Rennen machte ein Student namens Berblinger in der zweiten Reihe.

»Mist«, zischte Jana. »Ich dachte, der erzählt noch etwas zu den Themen. Hast du dir die Liste angesehen?«

»Nee«, antwortete Wibke. »Ich lasse das Ganze auf mich zukommen.«

Jana versuchte hektisch, die Informationen zu dem Seminar auf ihren Bildschirm zu bekommen und gleichzeitig mit hochgerecktem Arm »Emotionalität durch die Farbkombination Rot-Schwarz« zu erhaschen. Auch diesmal hatte sie kein Glück. Unzufrieden mit sich selbst kniff sie die Lippen zusammen und bearbeitete den Laptop. Als die Liste der Themen endlich auf dem Bildschirm erschien, atmete sie erleichtert aus. »Was hältst du von ›Werbe-Ikonen im Internet‹? Das kommt als Nächstes.«

Wibke schien sie nicht zu hören. Lieber irgendein Thema als gar keins, schärfte sich Jana ein und ließ erneut ihren Arm hochschnellen, kaum dass Professor Lüneburger den Mund aufgemacht hatte, um das Thema aufzurufen. Erneut hatte sie Pech und hieb enttäuscht mit der Hand auf das schmale Pult.

»Mann, ich brauche den Schein …«, knurrte sie. Nur noch vier Themen standen auf der Liste. Wie ein Sprinter in den Startklötzen lauerte sie darauf, dass der Professor das nächste Thema aufrief.

»Sag mal, kannst du dir etwas unter ›Propaganda in asymmetrischen Kriegen‹ vorstellen?«, riss Wibke sie aus ihren Gedanken. »Das kommt als Nächstes. Hört sich echt schräg an.«

Jana lugte neben sich und sah, dass Wibke ihren Bildschirm wie ein exotisches Tier betrachtete.

»Nicht wirklich«, erwiderte sie, ohne Lüneburger aus den Augen zu lassen. »Könnte Terrorkrieg sein, weil Staaten ja viel stärker sind als Terroristen, eben kein normaler Krieg.«

»Propaganda in asymmetrischen Kriegen«, tönte es in diesem Moment von vorn. Reflexartig schoss Janas Hand in die Höhe. Als sie merkte, dass sich sonst niemand meldete, schluckte sie. Warum kneifen die alle bei dem Thema? Sie zwang sich, die Hand oben zu lassen.

»Es freut mich, dass zumindest Sie sich dem Thema gewachsen fühlen. Das zeigt mir, dass Sie keine Angst vor Herausforderungen haben! Okay, Zuschlag, Frau …« Der Professor betrachtete Jana interessiert.

»Loewe«, Jana räusperte sich, »Jana Loewe.«

»Das Thema ist zweifelsohne sehr anspruchsvoll – und wenn Sie einen überzeugenden Vortrag halten, können Sie es gern in Ihrer Masterarbeit fortführen.«

Als sie das Wort Masterarbeit hörte, hüpfte Janas Herz vor Freude. Lüneburger bot ihr an, in seiner Arbeitsgruppe ihren Studienabschluss zu machen!

»Wir sehen uns in vier Wochen wieder hier zur selben Zeit«, schloss der Professor wenige Minuten später die Veranstaltung. »Ich bin gespannt darauf, was uns Herr Berblinger zum Thema ›Personalisierte Bannerwerbung in Suchmaschinen‹ berichten wird. Alle Vortragenden kommen bitte noch kurz zu mir nach vorne. Ich habe einige Unterlagen zu Ihren Vorträgen vorbereitet.«

Jana ging mit den anderen, die einen Vortrag ergattert hatten, zum Dozentenpult. Wibke folgte ihr, vermutlich, um sich den jungen Professor aus der Nähe anzusehen. Vor Lüneburgers Tisch bildete sich eine Schlange. Weil sie ganz oben gesessen hatten, waren Jana und Wibke die letzten in der Reihe. Lüneburger drückte jedem eine Mappe in die Hand.

Schließlich war von den Vortragenden nur noch Jana übrig. Lüneburger hielt inne und sah sie prüfend an.

»Frau Loewe, in der Mappe finden Sie ein paar Zeitungsausschnitte zum Start. Das Thema lässt Ihnen große Freiheiten in der Gestaltung. Asymmetrische Kriege verstehen Sie bitte im weitesten Sinne als alle Konflikte zwischen ungleich starken Gegnern. Natürlich denkt man heutzutage zunächst an Konflikte der Art USA gegen Al Qaida oder IS, Russland gegen Tschetschenien, Israel gegen die Hamas, meinetwegen auch Türkei gegen die PKK, Spanien gegen die ETA und Großbritannien gegen die IRA. Welchen Konflikt Sie sich aussuchen, ist ganz Ihnen überlassen. Wichtig ist Folgendes: Je nach Sichtweise hat man entweder ›rechtmäßiger Staat gegen Terroristen‹ oder ›Unterdrücker gegen Freiheitskämpfer‹. Solche Konflikte werden dadurch entschieden, dass eine Seite die öffentliche Wahrnehmung für sich gewinnen kann, das heißt ihre Sichtweise zur allgemein anerkannten, herrschenden Meinung macht. Sie sollen verdeutlichen, wie die beiden Seiten die Öffentlichkeit davon zu überzeugen suchen, dass sie ›die Guten‹ sind.«

»Verstanden«, sagte Jana und nickte. »Das hört sich spannend an.«

Lüneburger räusperte sich. »Wahrscheinlich werden Sie sich eine der laufenden Auseinandersetzungen aussuchen, und ich bitte Sie eindringlich, in dem Fall bei Ihren Recherchen äußerste Vorsicht walten zu lassen. Ich habe lange überlegt, ob ich das Thema überhaupt stellen soll. Es gibt da draußen üble Zeitgenossen. Sehen Sie zu, genügend Abstand zu halten, wenn Sie etwa herausfinden wollen, wie die Innensicht des IS ist. Besser, Sie gehen weiter zurück, meinetwegen kommen Sie mit Che Guevara, Andreas Hofer oder Spartakus. Die können Sie zwar nicht mehr selbst fragen, aber es gibt Bibliotheken voller Material dazu. Es steht Ihnen frei, das Thema auf die Wirtschaft zu beziehen und zu beleuchten, welche Rolle etwa Facebook und Google spielen – Wohltäter der Menschheit oder skrupellose Datenkraken.«

»Schon klar«, entgegnete Jana und versuchte, unbefangen zu wirken. »Aber ein weit zurückliegendes oder ein Wirtschaftsthema erscheint mir im Augenblick weniger ergiebig.« Was soll denn diese Warnung?, überlegte sie gleichzeitig. Traust du mir nichts zu? Und wenn ich dir mit Andreas Hofer komme, kann ich meine Masterarbeit gleich in den Wind schreiben.

»Seien Sie unbesorgt«, winkte Wibke ab. »Jana wird sicher nicht nach Afghanistan oder in den Irak reisen und sich ein Schild um den Hals hängen, dass sie wegen einer Seminararbeit dringend mit Abu Dschihad reden will.«

Lüneburger sah Wibke verärgert an. »Es gibt Dinge, über die man keine Späße machen sollte!«

Jana erschrak über seinen alarmierten Gesichtsausdruck. »Keine Sorge«, beschwichtigte sie ihn. »Ich finde das Thema hochspannend und werde sicher jede Menge Material finden, ohne mich in Gefahr zu bringen.«

»Ich meine das ernst«, schärfte der Professor Jana ein. »Halten Sie genügend Abstand zu gefährlichen Leuten. Es gibt davon leider mehr, als man denkt – und zwar nicht nur in Afghanistan, sondern auch bei uns.«

Jana schluckte. »Reicht denn das, was ich über das Internet und Bibliotheken herausbekomme?«

»Völlig! Sie werden sogar viel mehr finden, als Sie brauchen, um die Mechanismen zu verstehen und erstklassig illustrieren zu können.«

Erleichtert lächelte Jana den Professor an, verabschiedete sich und wollte sich umwenden.

»Nur, damit keine Missverständnisse aufkommen«, gab er ihr mit auf den Weg, »wenn ich erstklassig sage, meine ich das auch so. Ich erwarte eine herausragende Arbeit von Ihnen!«

Kapitel 2

Freitag, 9. Oktober 2020 – Wilhelmsruh, Berlin

Von der Uni machte sich Jana direkt auf den Weg zu ihrer Wohnung in Wilhelmsruh im Norden Berlins. Die halbe Stunde in der S-Bahn nutzte sie, um die Unterlagen durchzusehen, die sie von Lüneburger bekommen hatte. An einem Artikel über einen islamistisch motivierten Terroranschlag las sie sich fest. Das Bekennerschreiben war von einer Splittergruppe um einen Mann, der sich »Fackel der Gerechtigkeit« nannte. Er hatte bereits vor diesem Anschlag zweifelhafte Berühmtheit erlangt: Zwei Jahre zuvor hatte er in Jordanien eine Familie aus Großbritannien entführt, Touristen, die im Nahen Osten unterwegs gewesen waren. Er hatte sie eigenhändig vor laufender Kamera enthauptet und die Videos über das Internet verbreitet. Nun brüstete sich der Terrorist mit einem Bombenanschlag auf eine Mädchenschule in Syrien, bei dem über 50 Kinder getötet oder schwer verletzt worden waren. Beim Betrachten der beiliegenden Fotos von toten und verstümmelten Kindern würgte es Jana im Hals. Sie klappte die Mappe zu und starrte bis zum Bahnhof Wilhelmsruh aus dem Fenster, allerdings gelang es ihr nicht, die schrecklichen Szenen zu verdrängen. In Wilhelmsruh angekommen stieg sie aus. Auf dem Bahnsteig blies ihr ein kräftiger Nordwind ins Gesicht. Jana fröstelte und schlug den Kragen ihrer Jacke hoch. Die frische Luft lenkte sie ab und ließ die Bilder in ihrem Kopf verblassen. Ihre Gedanken wanderten zum Vortrag. Außer Frage stand, dass sie etwas zum islamistischen Terror bearbeiten musste. Sie beschloss, ihren Vortrag mit einem Propagandavideo der ›Fackel‹ einzuleiten, um ihre Zuhörer durch den Schock vom ersten Augenblick an zu packen. Dann ein paar Daten und Fakten, um die Dimension der Auseinandersetzung klarzustellen, gefolgt von den verschiedenen Sichtweisen der Parteien auf den Kernkonflikt. Je länger sie sich ausmalte, die kruden Hirngespinste zu entwirren, aus denen sich die Weltsicht solcher Terroristen zusammensetzen musste, desto stärker berauschte sie die Vorstellung, wie Professor Lüneburger ihren Vortrag gebannt verfolgen würde. Ein Glücksgefühl durchströmte sie bei dem Gedanken, mit glasklarer Logik die Anschauungen der Terroristen zu sezieren. Im gleichen Moment verstand sie, auf welchen Abwegen sich ihre Fantasie befand, und der Rausch verschwand genauso schnell, wie er gekommen war.

Sie blieb stehen, sah nach oben in die Kronen der Linden, die am Straßenrand standen. Als sie sich gesammelt hatte, ging sie langsam weiter.

Laut Lüneburger ging es darum, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass man »die Guten« war. Die »Fackel« – einer »der Guten«? Jana schüttelte den Kopf. Die Islamisten behaupteten von sich, einen heiligen Krieg zu führen. Konnte irgendjemand glauben, dass Gott es guthieße, Unschuldige umzubringen? Wodurch fühlte sich die ›Fackel‹ von Gott beauftragt, auf bestialische und heimtückische Art Kinder zu töten? Ging es gar nicht um Gott, sondern bloß um Macht? Darum, die Leute durch Angst gefügig zu machen?

Jana merkte, dass sie es drehen und wenden konnte, wie sie wollte: Um die Denkweise der »Fackel« zu verstehen – irgendeine innere Logik musste es ja geben –, konnte sie nicht umhin, mit seinesgleichen zu reden. Sie sah das Bild vor sich: die »Fackel«, der abgeschlagene Kopf der Engländerin, ein Lächeln für die Kamera. Nein, diesen Menschen tatsächlich gegenüberzutreten, von Angesicht zu Angesicht mit einem von ihnen zu sprechen, kam nicht infrage. Aber sie musste irgendwie mit ihnen in Kontakt kommen. Sicher würde man ihr gehörig auf den Zahn fühlen, was sie denn bezwecke. Und ebenso sicher war, dass sie besser nichts von ihrer Seminararbeit erzählte, weil diese Leute sich an fünf Fingern abzählen konnten, dass Jana darin kein Loblied auf sie singen würde – und im gleichen Moment wurde ihr noch etwas klar: Genau dies war die Art von Recherche, vor der Professor Lüneburger sie gewarnt hatte. Auch wenn es bloß um einen Seminarvortrag in der Uni ging: Diese Menschen gingen über Leichen, und Jana hatte keine Lust, die Nächste zu sein. Auf welche Art kam man an die ›Fackel‹ und ähnliche Leute heran, und vor allem, wie tat man das, ohne sich in Gefahr zu bringen?

Kurz darauf erreichte Jana den fünfgeschossigen Altbau aus DDR-Zeiten, in dem sich ihre Wohnung befand, schloss die Eingangstür auf und stieg die Treppe zum zweiten Stock hinauf. Oben angekommen steckte sie den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn zweimal, trat durch die schmucklose Wohnungstür, hängte ihren Mantel auf einen Haken und drückte die Tür mit dem Ellbogen zu. Dann ging sie ins Wohnzimmer, wo sie ihren Rechner in der Dockingstation einrastete und anschaltete, und von da aus weiter in die Küche.

Zur Feier des Tages einen Tarrazú aus Costa Rica, sagte sie sich, schüttete die Bohnen in die Kaffeemühle und drehte den Startknopf. Den habe ich mir verdient.

Genießerisch sog sie den Duft des frisch gemahlenen Kaffees ein und leerte den Siebträger der Espressomaschine mit einem harten Schlag auf den Rand des Mülleimers. Anschließend füllte sie den Metalleinsatz mit frischem Pulver, presste das Kaffeemehl sorgfältig an und schraubte das Sieb ein. Die Zeit, in der die Maschine auf die nötige Temperatur heizte, nutzte sie, um schnell bequeme Sachen anzuziehen und ihre Whatsapp-Nachrichten zu überfliegen. »Cocktailparty heute Abend im Hoppegarten – ganz schick«, stand da von Wibke. »Wann soll ich dich abholen?«

»Mensch, Wibke, ich muss arbeiten!«, stöhnte sie, vertagte das Absagen aber auf später und schob das Telefon zurück in ihre Gesäßtasche, weil in diesem Moment die grüne Lampe an der Espressomaschine aufleuchtete. Jana zapfte ihren Kaffee in ein kleines Tässchen und balancierte es auf einer Untertasse zu ihrem Rechner. Routinemäßig sah sie noch schnell bei Facebook und in ihren E-Mails nach, ob etwas Wichtiges anlag, doch außer der Nachricht, dass ihre Vorstellung in der Whiskybar auf morgen verschoben war, fand sie nur Belangloses und Spam. Jana trank einen Schluck von ihrem Espresso und atmete tief durch.

»Dann wollen wir mal!«, erklärte sie dem Rechner.

Die nächsten Stunden vertiefte sie sich derart in die Durchforstung des Internets nach Begriffen wie »asymmetrischer Krieg«, »Mudschahedin«, »Terroristen«, »Freiheitskampf« und »Guerilla« in allen möglichen Kombinationen mit Begriffen wie »Propaganda«, »Image« oder »Zustimmung«, dass sie sogar vergaß, ihren Kaffee auszutrinken. Dennoch fand sie nichts, was ihr nützlich erschien. Allmählich bezweifelte sie Lüneburgers Aussage, dass sie mit konventioneller Recherche viel mehr fände, als sie brauchte. Im Augenblick wäre sie froh, wenn sie überhaupt etwas Verwertbares im Netz zutage fördern würde. Ernüchtert schob Jana den Rechner von sich, rieb sich die Augen und blies die Backen auf. In ihren Ohren summte es, was ihr auch nicht dabei half, nützliche Ideen zu entwickeln.

Ihr Handy begann zu vibrieren. Sie zog es aus der Gesäßtasche und sah auf der Anzeige, dass es Wibke war. Mit schlechtem Gewissen nahm sie den Anruf an.

»Mensch Jana, hast du meine Nachricht nicht gelesen?«, beschwerte sich Wibke.

»Doch, aber …«

»Weißt du schon, was du anziehst?«, erstickte ihre Freundin jeden Widerstand im Keim. »Am besten wäre ein scharfes Cocktailkleid und ein abgefahrener Hut. Wart mal, bis du mich siehst!«

Dass sie absagen könnte, fand Wibke offenbar undenkbar.

Wahrscheinlich tut mir ein wenig Abwechslung sogar gut, um auf andere Gedanken zu kommen, überlegte Jana. Hier bin ich sowieso in einer Sackgasse.

»Einen Fummel, der als scharfes Cocktailkleid durchgehen kann, hätte ich sogar«, sinnierte sie laut. »Aber ich habe in meinem Leben noch keinen Hut getragen!«

»Ohne Hut bist du auf der Rennbahn quasi nackt. Das geht gar nicht. Aber mach dir keine Gedanken. Ich bringe dir einen mit.«

Das Telefon noch in der Hand blickte Jana an sich herunter. Die Schlabberklamotten waren bequem, aber außerhalb der eigenen Wände unpassend. »Uuups, so kannst du unmöglich auf der Rennbahn auftreten, liebe Jana!«, kicherte sie. Mit einem Mal verspürte sie richtig Lust auf die Party.

Sie trällerte »Jour 1« von Louane, tänzelte gut gelaunt unter die Dusche und schlüpfte anschließend in ein figurbetontes, enggeschnittenes Kleid. Ihre dunkelbraunen Haare föhnte und bürstete sie, bis sie glänzten. Die Frisur hatte sie bei Sandra Bullock abgeschaut, mittellang, glatt, offen, mit Seitenscheitel – ohne großen Aufwand und doch so hübsch, dass sie sich wohlfühlte. Sie schminkte sich gerade, als die Anzeige ihres Handys wegen einer neuen Nachricht aufleuchtete. Wibke wartete unten vor der Tür. Schwarze Pumps vervollständigten ihr Outfit und Minuten später glitten sie in Wibkes Sportwagen durch Berlin in Richtung Osten.

Der Roadster war kein halbes Jahr alt, roch fabrikneu, und die cremefarbenen, unglaublich bequemen Ledersitze zeigten nicht die geringsten Gebrauchsspuren. Auf Jana, die nach der Trennung ihrer Eltern in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen war, wirkte das Ganze geradezu unwirklich. Das Gefühl verstärkte sich, als sie auf der Rennbahn eintrafen. Wibkes riesigen, mit Reiherfedern geschmückten Hut auf dem Kopf schwebte Jana neben ihrer Freundin in die Bar des Rennklubs. Drinnen tummelten sich elegante Damen, die allesamt exotische Kopfbedeckungen trugen, neben Herren in Tweed-Jacketts. Die Atmosphäre wirkte eine Spur aus der Zeit gefallen. Sie kam sich vor wie eine Komparsin in einer Filmszene, die in Ascot spielte. Die Bedienung empfing sie mit der Frage: »Champagner? Roederer oder Krug?«

Jana fühlte sich in der fremden Welt der jungen Berliner Oberschicht wie auf einer Safari. Wibke stellte sie anfangs einigen Bekannten vor, verschwand aber bald in der Menge, um Freundinnen mit Küsschen zu begrüßen und vermutlich den jüngsten Tratsch und Klatsch auszutauschen. So ließ sich Jana die längste Zeit des Abends allein durch die Glitzerwelt der Reichen treiben und kostete zum ersten Mal in ihrem Leben Champagner. Sie fand es anregend, aber sie scheute sich, die Sicherheit ihres imaginären Safari-Jeeps zu verlassen, bevor sie die Gefahren dieser Wildnis einschätzen konnte. Für diesmal, tröstete sie sich und griff sich ein neues Glas vom Tablett eines Kellners, der gerade an ihr vorbeikam. »Türen stehen dir offen, Jana. Ob du hindurchgehst, wird sich finden!«, sagte sie leise zu sich selbst, schnupperte an ihrem Glas und trank einen Schluck. Krug-Champagner ist meine Marke, beschloss sie und lächelte glücklich.

Später am Abend schwebte Wibke auf sie zu.

»Jana, da bist du ja! Ich suche dich die ganze Zeit.« Wibke kam ganz dicht an ihr Ohr. »Würde es dir etwas ausmachen, dir eine andere Fahrgelegenheit für die Rückfahrt zu besorgen? Es kostet dich ein Lächeln – lauter gute Partien um dich herum!«

»Kein Problem, ich finde alleine heim!« Jana machte eine großzügige Geste, bei der sie kurzzeitig ein wenig das Gleichgewicht verlor. Der Champagner war tückisch.

»Soll ich dir Per vorstellen?«, unterbrach Wibke ihre Gedanken und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Den kenne ich aus Hamburg. Ganz nett, schließt gerade sein BWL-Studium ab und steigt später bei seinem Vater in die Reederei ein. Er hat mich eben gefragt, wer denn meine schöne Freundin wäre. Der Gute hat uns zusammen reinkommen sehen und traut sich nicht, dich anzusprechen – weil du so unnahbar wirkst und alle abblitzen lässt.«

Über Wibkes Schulter hinweg sah sie einen schmalgesichtigen Mann, der ihr schüchtern zulächelte. Er sah nicht schlecht aus und hatte in jedem Fall auf eine plumpe Anmache verzichtet. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, die Recherche für den Vortrag zu verschieben und sich mit Per einen schönen Abend zu machen, verwarf den Gedanken jedoch sofort. Ihr Studium abzuschließen, um auf eigenen Füßen zu stehen, war wichtiger als Kontakte in die High Society. »Du, danke, ein anderes Mal gerne. Ich nehme die S-Bahn. Wollte sowieso noch etwas arbeiten, und das passt bestimmt nicht in Pers Pläne.«

Als Jana kurz nach Mitternacht ihre Wohnung aufschloss, fühlte sie sich ausgelassen und unbeschwert. Der Schampus war ihr im Laufe der Fahrt noch mehr in den Kopf gestiegen. »… irgend so ein Schnucki mit ’ner Riesenjacht …«, trällerte sie den Ohrwurm, der sich im Hoppegarten in ihrem Kopf festgesetzt hatte, warf ihren Mantel mit Schwung auf den Haken in der Diele und ging ins Wohnzimmer. Dort klappte sie ihren Rechner auf, ließ sich auf ihren Bürostuhl plumpsen und drückte den Startknopf. Ihr war ein wenig schwindlig. Sie massierte ihre Stirn, zog die Hände bis zu den Wangen nach unten und spähte über die Fingerspitzen auf den Bildschirm. Er zeigte verschiedene Artikel zur »Fackel der Gerechtigkeit«.

»Na, ›Fackel‹, wie bist du so drauf?« Ihre Ängste vom Nachmittag kamen ihr kleinmütig vor. Sie dachte an die gelassen zur Schau getragene Selbstsicherheit der Partygäste im Hoppegarten. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt, hieß es schließlich nicht umsonst. Ja, natürlich musste sie ausreichenden Sicherheitsabstand halten. Das änderte nichts an der Tatsache, dass sie herausfinden musste, was solche Leute zu derartig abscheulichen Taten trieb. Jana griff nach der Espressotasse, die vom Nachmittag noch halbvoll neben ihrem Rechner stand. Der Kaffee war natürlich längst kalt. Es schüttelte sie, als die bittere Flüssigkeit durch ihre Kehle rann.

»Wir gehen auf Nummer sicher.« Erfüllt von Zuversicht, das Richtige zu tun, rief sie »web.de« auf, um sich eine neue E-Mail-Adresse anzulegen. Mit einer unauffälligen Adresse bei einem der größten Anbieter kostenloser E-Mail-Kennungen würde sie kein Aufsehen erregen. Welchen Namen geben wir der Kennung?

»Wer bin ich, ›Fackel der Gerechtigkeit‹?«, murmelte Jana. »Wer bin ich? Jedenfalls geht dich das nichts an.«

Tante Greta sagte immer, egal ist 88, erinnerte sich Jana. Zweimal 88 ist scheißegal.

Mit der Kennung »wbi8888« – wer bin ich? Scheißegal! – konnte sie die »Fackel der Gerechtigkeit« aus sicherer Entfernung ausforschen und herausfinden, wie er und seine Anhänger tickten.

Das Anlegen der E-Mail-Kennung dauerte keine zwei Minuten. Die Anmeldemaske fragte nach ihrem Namen, ihrer Adresse und ihrem Geburtsdatum. Jana kicherte, als sie »Joachim Müller«, »5.6.1987« und »München« eintrug.

»Jana, du hast einen Schwips«, gluckste sie, nachdem sie die Maske fertig ausgefüllt hatte, und ließ ihren rechten Zeigefinger mit einer weit ausholenden Bewegung am gestreckten Arm auf die Enter-Taste fallen. »So, ›wbi8888‹, die Jagd kann losgehen!«

Anschließend richtete sie sich ein weiteres Postfach auf ihrem Rechner ein, um bequemer auf die Nachrichten der neuen Mailadresse zugreifen zu können. In mehreren einschlägigen Foren stellte sie ihre Fragen und forderte die Fackel und seine Unterstützer auf, »wbi8888@web.de« Rede und Antwort zu stehen. Dann klappte sie den Rechner zu und ging schlafen. Es war Viertel nach drei, und ihr Kopf brummte nicht nur vom Alkohol.

Als Jana am nächsten Morgen auf ihren Wecker blickte und sah, dass es schon fast elf war, war sie schlagartig hellwach. Hektisch sprang sie auf, duschte und schlüpfte mit nassen Haaren in ihre Kleider. Um zwölf war ihr Vorstellungsgespräch in der Whiskybar »Fàilte!«, wozu sie auf keinen Fall zu spät kommen wollte. Sie hatte schon den Mantel in der Hand, um hinaus in Richtung S-Bahn zu stürzen, als sie wieder an ihre Anfragen aus der letzten Nacht dachte. Hin- und hergerissen spähte sie ins Wohnzimmer, wo der Laptop zusammengeklappt auf dem Schreibtisch lag.

»Okay, zwei Minuten«, genehmigte sie sich und flitzte zu ihrem Arbeitsplatz, um unter »wbi8888@web.de« nachzusehen, ob sich bereits etwas getan hatte. Ihr fiel auf, dass der Rechner eigenartig heiß war und der Lüfter auf vollen Touren lief. Dabei war sie sich sicher, dass sie ihn wie immer in den Bereitschaftsmodus heruntergefahren hatte. Mit fliegenden Fingern rief sie das neue Postfach auf und stellte fest, dass sie tatsächlich zwei E-Mails erhalten hatte. Ihr Herz klopfte, als sie die erste öffnete.

von: Abu Mujahed <abumujahed@gmail.com>

an: wbi8888@web.de

Betreff: Streiter für die gerechte Sache!

Du willst für die Sache Gottes kämpfen? Schließ dich uns an! Wer bist du? Wo wohnst du?

Allahu akbar

Jana schluckte. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet. Und sie würde mit diesen Leuten ganz sicher nicht direkt verkehren, selbst wenn sie nichts in Erfahrung brächte. Mit geringeren Erwartungen öffnete sie den zweiten Eingang.

von: Kameradschaft Achatz Hilger <kah@wsgh.net>

an: wbi8888@web.de

Betreff: Treffen

Kamerad, willst du mit uns für die gemeinsame Sache eintreten und die Ehre Deutschlands wiederherstellen?

Schließ dich uns an! Antworte auf diese E-Mail, damit wir wissen, wo wir dich treffen können.

HH, Achatz

Jana schüttelte den Kopf und löschte die beiden E-Mails. Sie stellte den Laptop auf Stand-by und klappte den Deckel zu. Der Lüfter schaltete auf höchste Drehzahl und pustete heiße Luft gegen ihre linke Hand, die auf der Schreibtischplatte lag. Der neue Rechner war doch nicht etwa kaputt? Um das herauszufinden, hatte sie jetzt keine Zeit. Wollte sie rechtzeitig zu ihrem Vorstellungsgespräch in der Bar sein, musste sie sich sputen.

Als Jana die Wohnung verließ, hatte sie das merkwürdige Verhalten des Rechners schon vergessen. Auf dem Weg nach unten rief sie ihre Tante Greta an, um von ihr noch schnell so viel wie möglich über Whisky zu erfahren. Greta war die einzige Person, die sie kannte, mit der sie über Kaffee fachsimpeln konnte, und Jana wusste, dass sie auf den Gebieten Käse, Wein und eben Whisky ähnlich gut beschlagen war.

Kapitel 3

Samstag, 10. Oktober 2020 – Friedrichshain, Berlin

Als Jana an der Whiskybar ankam, blieben ihr fünf Minuten Zeit bis zum vereinbarten Termin. Im spiegelnden Rauchglas der Eingangstür überprüfte sie ihr Äußeres und zupfte den Schal zurecht, mit dem sie für diesen Anlass frische Farben in ihre übliche bequem-lässige, eher schlichte Kleidung aus Kuschelpullover und Jeans brachte. Du hast genau eine Gelegenheit, einen guten ersten Eindruck zu machen, sagte Tante Greta immer. Neben der Tür hing die Getränkekarte. Jana stellte fest, dass das »Fàilte!« 117 verschiedene Whiskys, neun verschiedene Mineralwasser und drei reinsortige Kaffees führte. Entweder war das ein Laden ganz nach ihrem puristischen Geschmack oder völlig abgedreht. Sie sah auf die Uhr: zwei Minuten vor zwölf. Jana atmete tief durch und öffnete die Tür. Drinnen empfing sie eine gediegene Atmosphäre: dunkles Holz, lederne Clubsessel, Bilder von Golfspielern und Fliegenfischern.

Das sieht nach guten Trinkgeldern aus, freute sie sich.

»Fàilte, Jana!«, rief eine rauchige Stimme vom Tresen. »Ciamar a tha thu?«

»Wie bitte?« Jana krauste die Stirn und spähte zur Theke, doch sie konnte niemanden entdecken. Hinter dem Ausschank stand eine Tür offen, die in einen Lagerraum führte. Sie wollte gerade darauf zugehen, als ein Mann Anfang 40 in der Tür auftauchte, die Theke umkurvte und mit ausgestrecktem Arm auf sie zukam.

»Das ist Gälisch, die Sprache meiner Heimat Islay, und heißt ›Willkommen, Jana, wie geht es dir?‹«

Sein Deutsch war fehlerfrei, wenngleich mit einem starken Akzent, wobei sein gutturales R am meisten auffiel. Er überragte Jana fast um einen Kopf, seine roten Haare wallten ihm offen über die Schultern – und er trug einen Kilt. Seine Pranke packte ihre Hand, und Jana unterdrückte einen Schmerzenslaut.

»Danke, mir geht es gut«, erwiderte sie und knetete verstohlen ihre Fingerknöchel. »Und ich bin beeindruckt: Sie haben ja eine imposante Karte, Herr Bayne. Ich bin wirklich beeindruckt.«

»Das freut mich zu hören! Nenn mich bitte Iain und sag du zu mir. Förmlichkeiten vertragen sich nicht mit dem Genuss edlen Whiskys.«

Iain und seine Bar gefielen Jana immer besser, und sie hatte den Eindruck, dass auch er sie mochte. Er bat sie mit einer einladenden Geste an den Tresen, was ihr das Gefühl gab, den Job so gut wie in der Tasche zu haben. Jana setzte sich auf den Stuhl, den Iain ihr zurechtschob, reckte den Hals und sah ihn offen an.

»Ich hoffe, du kennst dich mit Whisky aus?«

»Hmm, ich denke schon.«

»Malt, Single Malt, Blend, Bourbon?«

Bei jedem der Begriffe nickte Jana zustimmend.

»Kennst du den Unterschied zwischen Whisky und Whiskey mit ›e‹?«

»Klar, der mit ›e‹ ist aus Irland«, antwortete sie.

»Und, kannst du darüber ein bisschen ausführlicher erzählen?«

Sie sah Iain fragend an.

»Irischer Whiskey, schön, aber das reicht mir nicht. Was ist das Besondere daran? Pot Still? Grüne Gerste?« Seine Stimme bekam einen ungeduldigen Unterton, der Jana unwillkürlich an die des Fremdprüfers in ihrer mündlichen Abiturprüfung erinnerte. Als sie nicht antwortete, sah er fast enttäuscht auf sie herab. Janas Gesicht glühte auf. Nach der halbstündigen Druckbetankung in Sachen Whisky-Wissen durch Tante Greta hatte sie sich als Expertin gefühlt. Jana versteifte sich. Kampflos wollte sie trotzdem nicht aufgeben.

»Okay, als Whisky-Expertin kann ich vielleicht nicht durchgehen.« Sie setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf. »Aber unter Umständen kann ich Sie, äh, dich auf eine andere Art beeindrucken …«

Iain zog die rechte Augenbraue empor.

»Ich habe gesehen, dass du drei reinsortige Kaffees auf der Karte hast.«

»Ja, sicher. Meine Gäste sind anspruchsvoll.«

»Warum führst du drei sehr kräftige, eher säurereiche Sorten und keine einzige milde?«

»Was würdest du denn vorschlagen?«

»Vielleicht einen Maragogype, zum Beispiel aus Mexiko?«

»Oha, keine Whisky-, aber dafür Kaffeeexpertin? Haben deine Eltern eine Rösterei?«

»Nein«, erwiderte Jana, »das ist ein Tick von mir, den ich mir eigentlich nicht leisten kann. Faule Kompromisse hasse ich.«

»Du hasst also faule Kompromisse«, wiederholte der Barbesitzer und griff hinter sich in einen Schrank. Wortlos stellte er sechs Gläser vor sie und goss aus verschiedenen Flaschen ein.

»Ardbeg aus meiner Heimat Islay, The Glenlivet, Slyr, Yamakazi, Jameson – einer mit ›e‹.« Dabei lächelte er sie auf eine Art an, von der sie nicht hätte sagen können, ob sie spöttisch oder verschwörerisch war. »Und der Vollständigkeit halber etwas von dem grauenvollen Zeugs, das die Amis brennen.«

»Ein Bourbon?«

»Ja, Kentucky, Sour Mash. Probier den zuerst. Dann hast du es hinter dir.«

»Soll das heißen, dass ich den Job habe?«

»Wir können es ja mal miteinander versuchen«, sagte er gedehnt. »Aber du musst wissen, wovon du redest, dich mit Whisky solide auskennen. Mit zusammengegoogeltem Halbwissen vergraulst du mir meine Gäste.«

Geraume Zeit später trat Jana ins Freie. Der Whisky in ihrem Bauch wärmte sie so sehr, dass sie die kühle Luft kaum spürte. Sie hatte den Job und in ihrer Handtasche zehn Fläschchen ausgefallener Whiskys, die sie bis zu ihrer ersten Schicht kennen musste.

Am nächsten Morgen wachte Jana gegen acht auf und tappte im Halbschlaf in Richtung Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Weil ihr aus dem Wohnzimmer ein seltsames Rauschen entgegendrang, bog sie ab und bemerkte, dass an ihrem Klapprechner ein gelbes Licht blinkte. Jana wunderte sich – normalerweise sah man an dem Rechner nur blaue und grüne Lichter – und trat näher heran. Sie hörte, dass der Lüfter wie verrückt arbeitete, hielt die Hand an die Lüftungsschlitze und zuckte zurück. Das Metallgitter war so heiß, dass sie sich fast verbrannt hatte, und das, obwohl der Computer im Bereitschaftsmodus nichts tun sollte.

»Was machst du denn für einen Unfug?«, grummelte sie und klappte den Laptop auf. Der Bildschirm war schwarz. Sie drückte den Startknopf, ihre Arbeitsfläche leuchtete auf und zeigte das, was sie auch am Vortag vor ihrem Aufbruch ins »Fàilte!« gesehen hatte. Probeweise verschob sie mit der Maus ein paar Fenster und öffnete eine Datei. Alles schien einwandfrei zu funktionieren. Sie zuckte mit den Schultern und klickte sich zu ihrem neuen Postfach. Heute Morgen gab es nicht nur zwei E-Mails auf »wbi8888@web.de«, sondern 48. Sie begann die Nachrichten zu lesen. Es waren durchgängig plumpe Anwerbeversuche von Islamisten oder Neonazis.

»Warum Islamisten und Neonazis und nicht zur Abwechslung Kommunisten oder Esoteriker?«, knurrte sie, ohne dass der Sarkasmus ihre Stimmung besserte. Die Sache wurde ihr unheimlich. Und überhaupt: Sie hatte sich in den Internetforen an Islamisten gewandt. Wieso belästigten sie auch Neonazis?

Verärgert legte sie die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. »Alles Deppen«, murmelte sie und löschte kurz entschlossen alle E-Mails auf einen Schlag. Danach saß sie einige Sekunden regungslos vor ihrem Rechner und lauschte dem Lüfter, der weiterhin auf vollen Touren lief. Weil ihr nichts Besseres einfiel, hob sie das Notebook an und prüfte, ob vielleicht Staub den Lüftungsschacht blockierte, doch sie fand nichts. Die Erkenntnis, praktisch nichts über ihren Computer zu wissen, ernüchterte sie. Sie spitzte die Lippen und stellte das Gerät zurück auf den Schreibtisch.

»Was soll’s. Ist ja noch Garantie drauf«, beruhigte sie sich und beschloss, das seltsame Verhalten fürs Erste zu übergehen. Wie meistens klickte sie sich zuerst auf ihre Facebook-Seite. Dort stand nichts Wichtiges, ebenso wenig bei Instagram oder in ihren E-Mails. Gerade wollte sie den Rechner ausschalten, als eine neue Nachricht in ihrem privaten elektronischen Postfach aufleuchtete. Sie öffnete die Nachricht und las:

von: Abu Mujahed

an: jyloewe@t-online.de

Betreff: Streiter für die gerechte Sache!

Jana, du möchtest für die Sache Gottes kämpfen? Schließ dich uns an! Willst du uns nicht sagen, wo du wohnst? Die Brüder in Berlin freuen sich darauf, dich kennenzulernen!

Allahu akbar

Jana stieß den Rechner von sich. Ihr Herz raste.

»Das darf nicht wahr sein! Wie um alles in der Welt sind die auf Berlin, an meinen Namen und an meine richtige E-Mail-Adresse gekommen?«

Kapitel 4

Montag, 12. Oktober 2020 – Wilhelmsruh, Berlin

Jana fühlte sich wie gerädert. Sie lag auf dem Rücken in ihrem Bett, Arme und Beine von sich gestreckt, und starrte an die Decke. Die ganze Nacht hatte sie kaum ein Auge zugetan. Inzwischen graute der Morgen, und erstes Licht fiel durch die Ritzen zwischen den Lamellen der Rollos. Ihre Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln bei dem Gedanken, wie lange sie mit sich gerungen hatte, die Teile anzuschaffen. Sie mochte weder Vorhänge noch Rollos, aber ihre Fenster hatten keine Rollläden, und im Hellen konnte sie nicht schlafen. Das waren damals Probleme! Inzwischen raubte ihr die Frage den dringend nötigen Schlaf, wie Abu Mujahed, wer auch immer sich hinter dem Namen verbarg, an ihre wahre Identität und E-Mail-Adresse gekommen war.

»So geht das nicht«, zischte sie, richtete ihren Oberkörper auf und ballte die Fäuste.

Ihr Blick fiel auf die Folge von Picasso-Stierbildern an der Wand, neben drei japanischen Kalligrafien im Wohnzimmer der einzige Wandschmuck in ihrer Wohnung. Es faszinierte sie, wie Picasso in wenigen Schritten das Wesentliche an einem Stier herausgearbeitet, in der letzten Zeichnung mit lediglich fünf Strichen auf den Punkt gebracht hatte.

Was war das Wesentliche in ihrer Lage? Irgendwelche Leute wollten etwas von ihr, wollten sie für Zwecke vereinnahmen, die sie verabscheute. Nicht mit mir!, ärgerte sie sich. Ich tanze nicht nach eurer Pfeife! Mit einem Satz war sie aus dem Bett und marschierte erbost in einer Art Stechschritt zu ihrem Rechner. Dort begann sie nach allen möglichen Kombinationen und Teilen der Begriffe »Abu Mujahed«, »Streiter Gottes« und »Kameradschaft Achatz Hilger« im Internet zu suchen. Sogar die Serveradresse aus Achatz’ E-Mail gab sie im Browser ein: »wsgh.net«, allem Anschein nach eine Poker-Seite in China. Sie fand nichts Brauchbares. Wenigstens stellte sich das beruhigende Gefühl ein, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Es hielt nicht lange an. Eine hartnäckige Stimme in ihrem Hinterkopf wurde nicht müde zu betonen, dass etwas nicht stimmte.

Jana blähte die Backen und sah auf die Uhr: gleich halb neun. Übernächtigt machte sie sich auf den Weg zur Uni. Ihre Hoffnung, dass die Routine sie wenigstens ein bisschen ablenken würde, erfüllte sich nicht. Die erste Vorlesung zog wie ein unscharfer Film an ihr vorbei. Gegen elf verließ sie den Hörsaal und zermarterte sich das Hirn darüber, ob das unerklärliche Heißlaufen ihres Rechners etwas damit zu tun haben könnte, dass sie widerliche und an sie persönlich gerichtete Spam-Nachrichten auf ihre normale E-Mail-Adresse bekam. Schließlich war ihr Computer die einzige Verbindung zwischen der anonymen »wbi8888«-Adresse und ihrer richtigen.

Auf dem Gang kam ihr Wibke entgegen. Ihre Bekannte hatte dunkle Ringe unter den Augen wie Jana selbst. Im Gegensatz zu ihr lächelte Wibke jedoch glücklich. Die Nacht war lang und schön gewesen, schloss Jana. Schnell verwarf sie die Hoffnung, mit Wibke über ihre Probleme reden zu können. Ein andermal vielleicht, aber heute Morgen würde Wibke kaum eine Hilfe sein. Jana beschloss, sich ihr gegenüber nichts von ihren Sorgen anmerken zu lassen.

»Gott sei Dank! Du lebst noch!«, begrüßte sie ihre Freundin.

»Wieso sollte ich nicht mehr leben?« Wibke gluckste.

»Na, immerhin warst du seit gestern Abend um sechs nicht mehr online auf Whatsapp, und ans Telefon bist du auch nicht gegangen. Was ist denn los?«

»Haucke – der Grund heißt Haucke.«

»Heißt so der Knabe aus dem Hoppegarten, dessentwegen ich vorgestern mit der S-Bahn zurückfahren musste?« Es klang nach Vorwurf und so gar nicht nach dem unbeschwerten Plauderton, den sie beabsichtigt hatte. Als ob sie Wibke ihre Eroberung missgönnte. Jana gab sich einen Ruck und lächelte herzlich. »Mir scheint, es hat sich gelohnt.«

Wibke zwinkerte ihr zu. »Warum sind denn so wenige da? Sag nicht, dass ich mich zu dieser nachtschlafenden Zeit herschleppe, und die Vorlesung fällt aus.«

»Nachtschlafend? Es ist immerhin gleich elf.«

»Du hast gut reden! Obwohl, warst du nicht gestern in dieser Bar? Die machen doch sicher nicht vor zwei zu. Oder hast du es dir anders überlegt mit dem Job?«

»Gestern war das Vorstellungsgespräch. Morgen ist meine erste Schicht. Die geht bis halb zwei.«

»Bis halb zwei schuften? Mir wäre das zu stressig.«

»Ich brauche eben das Geld«, murrte Jana.

»Was ist mit deinen Eltern? Geben die dir nichts?«

Einen Moment überlegte Jana, ob sie Wibke erklären sollte, warum sie zu stolz war, ihren Vater anzubetteln, dass sie lieber bis spät nachts arbeitete und sich einschränkte, als Abstriche an ihrer Unabhängigkeit zuzulassen, da bemerkte sie einen jungen Mann, der geradewegs auf sie zukam: Nils! Sein schmales Gesicht, das spitze Kinn und die wachen, grauen Augen hinter der Nickelbrille mit den runden Gläsern hätten ihm ein professorales Aussehen gegeben. Hätten, denn mit seinem fast bartlosen Gesicht und der aschblonden Stoppelfrisur wirkte er unreif wie früher als Schüler. Weder hatte er diesen schlaksigen Gang eines Halbwüchsigen abgelegt, noch achtete er auf sein Äußeres, alles genauso wie vor zwei Jahren, als sie zusammen ihr Abitur gemacht hatten. Das reinste Kontrastprogramm zu Wibke, die selbst heute, nach einer durchgemachten Nacht, mit Pumps, Minirock, karminrotem Blazer und selbstverständlich im gleichen Farbton lackierten Nägeln elegant und wie aus dem Ei gepellt auftrat.

»Hallo, Nils«, grüßte sie tonlos. »Bist du auch auf der HU?«

»Nein, ich studiere ITM an der TU. Hier höre ich nur Ludification als Gast.«

Jana hatte keinen blassen Schimmer, was Ludification oder ITM bedeutete. Ihre Gedanken rasten, ob sie Nils Wibke vorstellen sollte oder besser nicht. Was, wenn Wibke dabei erführe, dass sie jahrelang mit ihrer Mutter in einer Sozialwohnung in einem heruntergekommenen Stadtteil Kölns gewohnt hatte? Jana spürte, dass sie rot anlief, und nestelte an ihrem Schal, um Zeit zu schinden. Nils zog seine linke Augenbraue nach oben, räusperte sich in das unerquickliche Schweigen hinein und sagte: »Ich muss zur Vorlesung – man sieht sich.« Damit ließ er die beiden Frauen stehen und ging weiter.

»Wer war das denn?«, lästerte Wibke gerade laut genug, dass Nils sie nicht hören konnte. »Bitte sag, dass du mit dem nie etwas hattest.«

Gewissensbisse flackerten in Jana auf, denn Nils ließ nie jemanden im Stich und hätte sie sicher bei niemandem verleugnet. Wibke sah sie lauernd an. Werden wir richtige Freundinnen oder sind wir ein Zweckbündnis? Du bringst mich mit interessanten Leuten zusammen, und weil zwei schöne Frauen größere Aufmerksamkeit auf sich ziehen als eine, nimmst du mich mit?

»Natürlich nicht«, wiegelte Jana ab. »Ich weiß nicht, ob der überhaupt schon mal eine Freundin hatte. Wir waren bloß auf derselben Schule in Köln.«

»Ist ja egal. Es gibt genug interessante Typen und auf so einen bist du glücklicherweise nicht angewiesen. Warst du schon mal bei einem Pferderennen? Nein? Das geht ja gar nicht! Freitag ist Renntag im Hoppegarten, und ich gehe mit Haucke hin. Wenn du willst, bringt er einen schicken Kollegen mit.« Wibke zwinkerte verschwörerisch.

»Mal sehen«, wich sie aus und entschloss sich, eine Lanze für Nils zu brechen. »Du unterschätzt Nils, wenn du ihn nur nach seinem Äußeren beurteilst. Der hat echt was drauf. Es gab noch kein Computerproblem, das der nicht im Handumdrehen gelöst hat, und wenn wenigstens die Hälfte der Geschichten stimmt, die über ihn in Köln die Runde machen, ist er ein Hacker, der selbst in Regierungsrechner reinkommt.«

Wibke zuckte mit den Schultern. »Wenn du meinst. Manchmal kann man so jemanden ja gebrauchen.«

In den folgenden Tagen fuhr Jana ihren Rechner nicht ein einziges Mal hoch. Ihre Seminararbeit bearbeitete sie an öffentlichen Computern der Uni. Um mit den Freunden in Kontakt zu bleiben, schnell etwas im Netz zu recherchieren, selbst um Videos zu schauen, benutzte sie das Smartphone. Einmal lugte sie via Smartphone in ihre E-Mails – 684 neue Nachrichten, die meisten von der Art, die sie überhaupt nicht sehen wollte. Am Donnerstag spät abends wollte Jana vor dem Schlafengehen nach neuen Nachrichten sehen und griff zu ihrem Smartphone. Der jüngste Eintrag auf Whatsapp stammte von jemandem, der sich Achatz nannte. Sie kannte niemanden dieses Namens, wenn man vom Absender der Neonazi-E-Mails an »wbi8888« absah. Ihre Hand zitterte, als sie die Meldung öffnete.

Jana, willst du mit uns für die gemeinsame Sache eintreten und die Ehre Deutschlands wiederherstellen?

Wo kann ich dich treffen?

HH, Achatz

Janas Herz pumpte wild. Zuerst hatte Abu Mujahed ihr auf ihre echte E-Mail-Adresse geschrieben, jetzt Achatz auf Whatsapp, wofür er ihre Telefonnummer kennen musste. Die bekamen ihre wahre Identität heraus! Sie ließ sich auf die Matratze plumpsen und krallte ihre Hände in die Bettdecke, um das Zittern in den Griff zu bekommen. Ihr war, als stünde sie auf einer riesigen Bühne, angestrahlt von Scheinwerfern, schutzlos den Gaffern ausgeliefert. War es eine Frage der Zeit, bis ein Abu Mujahed oder ein Achatz an ihrer Tür klingelte?

»Die Telefonnummer!«, zischte Jana und sah auf ihr Smartphone. Mit fliegenden Fingern öffnete sie die Details zu Achatz’ Whatsapp-Kennung. Die hinterlegte Telefonnummer lautete 0171 123456789. Mit Sicherheit war das keine echte Nummer. Achatz hatte sich irgendwie in Whatsapp gehackt. Sie rannte ins Wohnzimmer zu ihrem Laptop und drückte den Anschalter. Wie in Trance trug sie alle Absender der Belästigungs-E-Mails im Spam-Filter ihres normalen Postfachs ein, bevor sie die Nachrichten in den Papierkorb verschob. Anschließend löschte sie das Postfach zu »wbi8888@web.de« und sperrte Achatz auf Whatsapp. Minutenlang saß sie einfach nur da und starrte die Wand an. Sie wusste, dass es sinnlos war, was sie gerade versucht hatte. Die hatten ihre E-Mail-Adresse, ihre Telefonnummer. Die wussten, wer sie war. Eine Frage der Zeit, bis die vor ihrer Tür standen!

Schließlich erhob sie sich von ihrem Schreibtisch, putzte die Zähne, zog ihren Schlafanzug an und legte sich ins Bett. Ein weiterer hilfloser Versuch, durch Routine ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Er misslang. An Schlaf war nicht zu denken. Sie wälzte sich hin und her, bis sie den Versuch einzuschlafen aufgab und mit hinter dem Kopf verschränkten Händen dalag, die Decke von sich gestrampelt. Sie fühlte sich erbärmlich. Das spärliche Licht, das von draußen hereinfiel, ließ kaum Konturen erkennen. Das Zimmer wirkte wie ein schwarzes Loch und das Bett in der Mitte wie ein Schlund, der sie verschlingen wollte.

Was soll das Ganze?, fragte sie sich niedergeschlagen. Warum tue ich mir das alles an? Kaum komme ich ein bisschen aus dem Dreck heraus, schon habe ich Typen am Hals, die sonst was von mir wollen.

Sie drehte sich auf die Seite.

Vor ein paar Tagen im Hoppegarten stand mir alles offen. Und jetzt? Wer meinte, das Leben sei ein mieser Verräter, hatte recht.

Jana rollte sich zurück auf den Rücken. In einer Geste der Unterwerfung schloss sie die Augen, eine Besiegte, die den vernichtenden Schlag erwartete und gleichzeitig hoffte, das Schlimmste zu vermeiden. Das Gefühl der Ohnmacht angesichts der Bedrohung lähmte sie für einige Atemzüge – dann fachte es ihren Widerstand an, denn nichts hasste sie mehr als Bevormundung. Sie kniff die Lippen zusammen. Schon wieder andere, die über sie bestimmen wollten! Ihr Nacken versteifte sich, und sie ballte die Fäuste. »Das kann nicht alles umsonst gewesen sein«, fauchte sie und wischte sich über die Augen. »Das darf nicht alles umsonst gewesen sein! Und fang’ bloß nicht an zu heulen. Du hast ganz andere Sachen durchgestanden!«

Sie setzte sich auf und schaltete das Licht an. Ihr Herzschlag beruhigte sich und ihre Gedanken klarten auf.

Sie zwang sich zur Vernunft. Was würde ich einer Freundin empfehlen, die mich in so einer Lage um Rat fragt?

Jana lachte auf, schlug mit der flachen Hand auf die Stirn. Plötzlich schien alles ganz einfach. »Wir leben in Deutschland, im 21. Jahrhundert, einem Rechtsstaat, wie es wenige andere gibt«, erklärte sie der fiktiven Freundin, als stünde sie ihr gegenüber in der Schlafzimmertür. »Du kannst die Belästigungen einfach missachten, bis sie von alleine aufhören. Was wollen die schrägen Typen denn machen? Wenn tatsächlich ein Abu Mujahed oder ein Achatz oder sonst ein Schuft bei dir auftaucht, gehst du zur Polizei! Haaallooo!«

Entspannt sank sie zurück, löschte das Licht und schlief ein.

»Nein!«, schrie Jana und schlug die Hand zurück, die nach ihr griff. Statt gepflegter Nägel ragten spitze Dolchklingen aus ihren Fingern. Etwas bewegte sich rechts von ihr, ein Flackern, das sie durch die geschlossenen Lider wahrnahm. Sie schreckte hoch, riss die Augen auf und suchte die Umgebung nach dem Angreifer ab. Außer ihr war niemand im Zimmer. Eine Taube saß auf ihrer Fensterbank und putzte ihr Gefieder.

»Ein Albtraum«, hauchte sie erleichtert, wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Sie erinnerte sich an ihren Entschluss aus der letzten Nacht, die Belästigungen zu ignorieren und notfalls zur Polizei zu gehen. Sofort fühlte sie sich besser. Der Wecker zeigte kurz vor acht. Draußen war es bereits hell. Sie stand auf, ging in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine an und mahlte schwarz geröstete Bohnen für Espresso sizilianischer Art – der ultimative Kick am Morgen. Sie duschte und zog sich an, bevor sie drei Tässchen im Stehen trank. Weil sie keinen Appetit auf Frühstück hatte, steckte sie einen Apfel ein und brach gegen halb neun zur Uni auf. Ganz bewusst nahm sie ihren Laptop zum ersten Mal diese Woche mit. Sollte sie auf ihr wichtigstes Arbeitsmittel verzichten, weil der Rechner unerklärlicherweise heiß gelaufen und die einzige Verbindung zwischen »wbi8888« und ihrer richtigen E-Mail-Adresse war? Schließlich hatten die ja auch Whatsapp gehackt – und die konnten sie mal.

Die kämpferische Stimmung trug sie bis zum Ausgang, wo sie mit dem Griff an die Klinke ihrer Wohnungstür ein mulmiges Gefühl beschlich. Sie hielt inne, ließ den Türgriff los. Greifbare Gefahren außer Acht zu lassen ist mindestens fahrlässig, überlegte sie. Es hilft nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, widersprach ihr im Geist Tante Greta. Genauso wenig war es eine Lösung, sich in der Wohnung zu verschanzen. Jana atmete tief durch und drückte die Klinke nach unten. Vorsichtig spähte sie aus der Wohnungstür und kurz darauf aus der Haustür, um sicherzustellen, dass ihr niemand auflauerte. Die Straße war menschenleer.

Stell dich nicht so an, schalt sie sich in Gedanken und stapfte los zur S-Bahn. In der Uni war sie so früh dran, dass sie sich in der Nähe des Hörsaals in eine Sitzecke setzte, um mit der Übung für »Zeitlichkeit technischer Medien« für den kommenden Montag anzufangen. Sie doppelklickte das Symbol für die Datei, die die Übung enthielt, doch es zeigte sich nur das Logo des Textverarbeitungsprogramms und eine kleine Sanduhr. Irgendetwas dauerte unerklärlich lang. Mit den Fingern trommelte sie auf der Tischplatte und sah sich um. Vereinzelt kamen Studenten vorbei. Niemand beachtete sie. Endlich erschien die Datei auf dem Bildschirm; die erste Seite zeigte das Deckblatt. Jana blätterte um, und das Programm stürzte ab.

»Mist«, knurrte sie und rief die Datei erneut auf. Auch diesmal dauerte das Öffnen schier endlos. Sie ertappte sich dabei, dass sie in den Korridor spähte, nach einem ein fremden Mann Ausschau hielt, der sich als Abu Mujahed oder Achatz entpuppen würde. Sie zwang ihre Augen zurück auf den Bildschirm, blätterte um und las den ersten Satz, ohne den Sinn zu erfassen. Sie las den Satz ein zweites und ein drittes Mal, doch in ihrem Kopf hallte nur eine Frage wider: Wer ist Achatz?

Jana fuhr auf, weil sie Schritte auf sich zu schlurfen hörte. Es war nicht Achatz, es war Nils. Sie blähte die Backen, atmete aus und spürte, wie sich ihr Puls normalisierte.

»Hallo, Nils. Ist heute wieder Ludification?«

»Morgen, Jana.« Nils lächelte. »Schön, dich zu sehen. Nein, ich muss etwas abholen.«

»Sag mal, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?«

»Moment, lass mich kurz nachdenken. Zwei Jahre, sieben Monate und vierzehn Tage – wenn wir letzten Montag nicht zählen.«

»Du zählst die Tage, seit wir uns zuletzt gesehen haben?«

Nils’ Augenlider flatterten einen Moment. »Die Abi-Feier. Ich habe ein gutes Zahlengedächtnis.«

»Wegen neulich muss ich mich bei dir entschuldigen. Ich war einfach perplex, jemanden aus Kölnberg an der HU zu treffen. Du bist mir hoffentlich nicht böse?«

»Nicht der Rede wert.« Nils machte eine wegwerfende Handbewegung. »Was studierst du eigentlich genau?«

»Medienwissenschaft auf Master. Ist prima angelaufen, und ich habe eine Seminararbeit, die ich, wenn ich mich nicht dumm anstelle, zur Masterarbeit ausbauen kann.«

»Das hört sich doch klasse an. Warum schaust du dann deinen Rechner an wie ein Boxer seinen Gegner beim Gong zur nächsten Runde?«

»Ach, das blöde Teil zickt rum, kommt ewig nicht in die Pötte, und dann stürzt mir die Datei mit meiner nächsten Übung ab.«

»Darf ich?« Nils nahm sich den Stuhl neben Jana, griff wie selbstverständlich nach ihrem Rechner und drehte ihn zu sich, so dass er die Tastatur vor sich hatte und sie dennoch auf den Bildschirm sah.

Jana verspürte keine Lust, Nils ihre Probleme zu schildern. Aber wen konnte sie um Hilfe bitten, wenn nicht ihn? Sie gab sich einen Ruck. »Weißt du, ich bekomme auf einmal so komische Spam. Und der Rechner rödelt manchmal wie wild, obwohl er eigentlich im Bereitschaftsmodus sein sollte.«

Nils runzelte die Stirn. »Der Blechkopf rödelt im Bereitschaftsmodus?«

»Ja, und er läuft dabei so heiß, dass ich mir neulich am Lüftergitter fast die Pfoten verbrannt habe.«

Nils sagte nichts. Seine linke Augenbraue wanderte ganz langsam nach oben. Jana sah ihm an, dass ihr Problem keins von der alltäglichen Sorte war.

»Dann gehen wir mal ans Eingemachte«, brummte er, halb zu sich selbst, halb erklärend zu Jana, und wandte sich dem Bildschirm zu.

Nils drückte drei Tasten gleichzeitig. Ein Konsolenfenster öffnete sich. In schneller Folge tippte er Befehle ein. Das Ergebnis schien ihm nicht zu gefallen, denn seine Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen, als belauere er ein wildes Tier.

»Hast du wirklich den GCC installiert?«, fragte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden.

»Den was?«

»Gnu-Compiler«, murmelte er, als habe er kein Ja erwartet. »Ist es in Ordnung, wenn ich ein paar Prozesse abschieße, die bei dir nichts zu suchen haben?«

»Klar, mach nur!« Jana fühlte sich erleichtert. Nils wusste offensichtlich, was er tat.

In den nächsten 20 Minuten schien er alles um sich herum zu vergessen. Seine Finger bewegten sich in atemberaubender Geschwindigkeit über die Tastatur und hin und wieder zuckten seine Mundwinkel. Nach einer Weile begann er, unverständliches Zeug zu murmeln. Die anfangs geschmeidigen Fingerbewegungen wurden abgehackter und härter, bis sie mit einem Schlag aufhörten. Er setzte sich auf, trommelte mit den Fingern der rechten Hand auf der Tischplatte und starrte feindselig auf den Bildschirm.

»Hmmm. Höchst merkwürdig. Auf deinem Rechner laufen Sachen, die ich nie vorher gesehen habe. Manche Hintergrundprozesse …« Er hielt inne und sah sie forschend an. »Weißt du, was das ist?«

Jana schüttelte den Kopf.

»Hintergrundprozesse sind, sagen wir, Programme, die du nicht siehst. Manche Prozesse auf deinem Rechner haben automatisch erzeugte Namen, und wenn man sie abschießt, werden sie unter neuem Namen neu gestartet. Es gibt auch große, verschlüsselte Dateien, die nie und nimmer von dir stammen und die mir Sorgen machen.«

»Ich habe noch nie etwas auf meinem Rechner verschlüsselt.«

»Solltest du schon, aber das ist eine andere Baustelle. Kann ich mir ein paar von den Dateien abziehen, um sie zu Hause unter die Lupe zu nehmen?«

»Klar«, antwortete Jana. »Mach, was du für richtig hältst.«

»Vielleicht hast du dir irgendwo einen Trojaner eingefangen, oder einen Virus, der noch nicht von den Schutzprogrammen erkannt wird«, erläuterte Nils und schob eine kleine Platine in den USB-Schacht.

»Meinst du, dass du das in den Griff bekommst?«

»Mach dir keine Sorgen. Gib mir ein bisschen Zeit und dann wird dein Virenscanner das Problem aus der Welt schaffen.«

»Mein Virenscanner?«

»Die Dinger arbeiten mit Signaturen, so etwas wie der binäre Fingerabdruck des Virus oder Trojaners oder was auch immer auf deinem Blechkopf herumspukt. Letztlich sind Viren nichts großartig anderes als gewöhnliche Programme. Jedes Programm hat typische Speichermuster. So ein Virenscanner sucht nach Mustern, die ihm bekannt sind. Das ist, wie wenn die Polizei von allen die Fingerabdrücke nimmt und so die schweren Jungs herausfischt, die sie in der Kartei haben.«

»Ähem. Was heißt das konkret?«

»Ich lege ein paar neue Karteikarten mit passenden Fingerabdrücken an, und dann machen wir ein außerplanmäßiges Update deines Virenscanners, und die Sache hat sich. Wir schieben sozusagen der Polizei hintenrum ein paar Karteikarten für schwere Jungs in den Kasten, die sie noch gar nicht kennt. Dafür brauche ich die Dateien, die ich eben gespeichert habe.«

Nils griff in seinen Rucksack, der aussah, als hätte er ihn aus einem Bergsteigermuseum entwendet, und zog einen kleinen, sehr flachen Klapprechner heraus, der in jedem Science-Fiction-Film futuristisch gewirkt hätte.

»Gib mir eine Stunde«, murmelte er und klappte das Gerät mit einer fließenden Bewegung auf.

»Sei mir nicht böse, aber das wird knapp«, erwiderte Jana nach einem kurzen Blick auf die Uhr. Die Vorlesung, die sie noch vor der Abfahrt hatte hören wollen, neigte sich dem Ende zu. »Meine Tante wird morgen 60, und ich muss gleich los nach Kaiserslautern.«

»Macht nichts. Deinen Virenscanner ziehen wir hoch, wenn du zurück bist. Die Dateien, die ich habe, sollten reichen, damit du den Spuk loswirst.«

»Danke, Nils, du bist der Beste. Wie erreiche ich dich am besten? Auf Whatsapp?«

Ein Anflug von Mitleid huschte über Nils’ Gesicht. »Ich nutze kein Whatsapp oder ähnlichen Quatsch. Falls mir noch etwas einfällt, schicke ich dir eine E-Mail. Deine Adresse habe ich ja von der Abi-Feier-Liste.«

»Das ist meine Spam-Adresse«, winkte Jana ab und kritzelte die ihren Freunden vorbehaltene Adresse auf einen Zettel. »Nimm die hier.«

Jana verabschiedete sich von Nils und spurtete zur S-Bahn. Die Sonne schien heller und die Vögel zwitscherten lauter, so beschwingt fühlte sie sich nach ihrer Begegnung. Zwar hatte sie die Vorlesung verpasst, derentwegen sie auf der Uni war. Aber was machte das? Nils würde den Albtraum beenden.

Auf dem kurzen Stück zum Hauptbahnhof kaufte sie sich online eine Bahnfahrkarte nach Kaiserslautern. Die Bahnfahrt verlief ereignislos, wenn man davon absah, dass sie wie meistens ihren Anschluss in Mannheim verpasste. Die anderthalb Stunden Verspätung konnten ihre Laune nicht trüben, so sehr freute sie sich darauf, ihre Tante wiederzusehen. Jana hatte kaum den Bahnsteig betreten, da war Greta bei ihr und schloss sie in die Arme.

»Jana, mein Kind«, begrüßte ihre Tante sie. Es war wie immer, es war wie nach Hause zu kommen, es war, wie es bei ihrer Mutter nie gewesen war. Jana fühlte sich geborgen.

Greta streckte ihre Arme, ohne Jana loszulassen, und strahlte sie an. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. »Ist alles in Ordnung, Jana? Du siehst angespannt aus.«

»Alles bestens, Tante Greta. Ist gerade stressig auf der Uni.« Später wollte sie unbedingt mit Greta über ihre Probleme reden, gerade fand sie die Situation unpassend.

»Komm, gib mir deine Tasche. Das Auto steht gleich da drüben. Immer noch Liebeskummer wegen Bastian?«

Jana lachte kurz auf. Von Bastian hatte sie sich vor über einem halben Jahr getrennt, und der Trennungsschmerz war längst verflogen.

»An Bastian denke ich überhaupt nicht mehr. Eigentlich habe ich gar keine Zeit für einen Freund. Obwohl«, Jana grinste keck, »eine Freundin hat mich kürzlich auf eine Party im Hoppegarten mitgenommen. Da waren ein paar Kerle, bei denen man schwach werden könnte.«

»Reiche Söhnchen im Reitklub? Lass dich nicht blenden. Such dir jemanden, auf den du dich verlassen kannst. Mach, was dir guttut! Vielleicht findest du ja eine jüngere Ausgabe von meinem Heinrich. Schau, da ist das Auto.«

»Du warst 19, als du ihn kennengelernt hast?«

»Ach was, kennengelernt. Hals über Kopf durchgebrannt bin ich mit ihm. Mit 19, ja, und wir hatten ein wunderbares Leben voller Abenteuer in aller Herren Länder!« Obwohl er über 20 Jahre älter gewesen war als ihre Tante, hatten sie in Janas Augen die ideale Ehe geführt. Greta lud Janas Rucksack in den Kofferraum und sie stiegen ein.

»Tante Greta, erzähl von dir«, nahm Jana das unterbrochene Gespräch wieder auf, als sie vom Parkplatz auf die Straße rollten. »Wie geht’s dir?«

»Nicht schlecht. Sogar richtig gut.« Tante Greta brach ab.

Jana spürte, dass etwas in der Luft lag. Ihr wurde heiß.

»Ich wollte es dir nicht am Telefon sagen«, fuhr Tante Greta fort und räusperte sich. »Ich werde mit ein paar Freunden nach Argentinien gehen. Auswandern. Nachdem Heinrich nicht mehr da ist, hält mich nichts in Deutschland.«

Jana zuckte zusammen. »Argentinien? Was willst du denn da?«

»In Freiheit leben. Hier wird es mir zu eng.«

Jana hatte das Gefühl, als schnüre ihr jemand die Luft ab. Tante Greta verließ sie, der einzige Mensch in ihrem Leben, der sich je um sie gekümmert und nicht nur an sich selbst gedacht hatte. Der einzige Mensch, den sie liebte, ließ sie im Stich.

Den Rest der Fahrt starrte sie wortlos geradeaus. Neben ihr schwärmte ihre Tante vom Auswandern, während sie sich mit aller Gewalt gegen die Tränen stemmte, die in ihre Augen drängten. Sie war keine Heulsuse, und Tante Greta hatte jedes Recht, ihr eigenes Leben zu leben, wie sie es für richtig erachtete.

»Da sind wir«, sagte Greta und bog schwungvoll in ihre Einfahrt ein. »Ist alles in Ordnung mit dir? Du bist so still. So kenne ich dich gar nicht.«

»Nein, nein, ich bin nur etwas müde.«

Sie stiegen aus, nahmen Janas Sachen aus dem Kofferraum und gingen zur Tür. Der große Nussbaum, auf den sie als Kind so gerne geklettert war, beschattete den Weg mit seinen herbstlich gelben Blättern. Auf der Straße spielten Kinder. Ein Junge jagte ein größeres Mädchen, das kreischend zu entkommen versuchte, doch der Junge war schneller und klatschte mit der flachen Hand auf ihren Rücken.

»Now you’ve got girl cooties«, feixte er. Die anderen Kinder flohen vor dem Mädchen, das mit den Tränen kämpfte.

»Kennst du das?«, fragte Greta. »Das sind Kinder amerikanischer Soldaten, und sie lieben das Cootie-Spiel. Cooties sind so etwas wie eingebildete Läuse, die du nicht mehr loswirst, es sei denn, jemand erbarmt sich deiner. Margy hat es schon wieder erwischt.«

»Da läuft einem ja eine Gänsehaut über den Rücken«, murmelte Jana. »Nicht schön, wenn man so eine Laus verpasst bekommt und niemand einem hilft.«

Jana schauderte bei der Vorstellung von Ungeziefer, gegen das man nichts unternehmen konnte. Unwillkürlich dachte sie an ihren Rechner und ihr Smartphone. Die benahmen sich auch, als wären sie von einer ansteckenden Krankheit befallen.

»Es ist ein Spiel«, sagte Greta und fasste ihren Arm. »Außerdem kann dich ein Kind des anderen Geschlechts immunisieren.«

Jana zwang sich zu einem Lächeln. »Ja, nur ein Spiel.«

Kapitel 5

Samstag, 17. Oktober 2020 – Bruchmühlbach-Miesau bei Kaiserslautern

Am nächsten Morgen half Jana nach einem schnellen Frühstück bei den Vorbereitungen zur Feier. Der Tag verging, ohne dass sich eine Gelegenheit ergeben hätte, ihre Tante wegen Abu Mujahed und Achatz um Rat zu fragen. Für ihren Geschmack viel zu früh waren die ersten Gäste gekommen, und Jana stand mit ihrer Tante und drei weiteren Argentinien-Auswanderern an einem der kleinen runden Tische, die sie überall im Haus aufgestellt hatten.

Das Gespräch drehte sich ausschließlich ums Auswandern. Jana beteiligte sich nicht daran. Was Tante Greta ans andere Ende der Welt zog, blieb ihr schleierhaft.

»Mit dem Geld, das ich habe, kann ich in Deutschland nicht ordentlich leben, in Argentinien aber schon«, hatte ihr Greta lapidar auf ihre Frage geantwortet.

»Mein Chef hat mich gefragt, ob ich Tabletten nehme«, schimpfte Mandy, eine der drei Mit-Auswanderer. »Weil ich mein Konto aufgelöst hatte und mein Gehalt in bar wollte.«

Jana hatte ihr bislang nur mit halbem Ohr zugehört, aber immerhin mitbekommen, dass die Mittfünfzigerin aus Bautzen gerade ihre Eigentumswohnung auf den 18-jährigen Sohn überschrieben, Telefon und Handy abgemeldet sowie alle Computer entsorgt hatte, um so weit wie möglich aus der Datenerfassung zu verschwinden. Sie fand, man habe sich in der DDR genug überwachen lassen müssen und wollte das nicht mehr. Gerade erzählte sie, dass sie zum Abschluss ihre Stelle gekündigt hatte. Jana kräuselte die Stirn. Wie sollte man so jemanden ernst nehmen?

»Jana, dein Glas ist leer«, unterbrach Greta ihre Gedanken. »Darf ich dir etwas bringen?«

»Nein.« Jana zwinkerte ihr zu. »Ich komme mit!«

Jana folgte Greta in die Küche, wo sie sich an einer lautstark debattierenden Vierergruppe vorbei zu den Flaschen vorarbeiten mussten.

»Was magst du denn?«, fragte Greta, nachdem sie es bis zu den Getränken geschafft hatten.

»Kannst du mir etwas Schickes mixen?«, antwortete Jana mit einer Gegenfrage. Das hitzige Gespräch der vier in ihrem Rücken war nicht zu überhören.

»Mein Rechner ist Teil meiner Privatsphäre«, wetterte Georg, den sie von den Vorbereitungen fürs Fest kannte. Der kleine Mann mit dem graumelierten Vollbart war felsenfest davon überzeugt, im Gegensatz zu allen anderen den Durchblick zu haben. Er war die treibende Kraft hinter der örtlichen Bürgerinitiative gegen Fluglärm. »Da hat niemand etwas zu suchen!« Jana drehte den Kopf und beobachtete die Szene aus dem Augenwinkel. Georg sah seine Gesprächspartner beschwörend an, die Arme vorgestreckt, als wolle er sein Gegenüber an den Schultern packen. »Keine Polizei, kein Geheimdienst, und schon gar keine Unternehmen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Ich erwarte vom Staat, dass er meine Privatsphäre schützt!«

»Georg, du bist naiv!«, entgegnete Ronna. »Dann darfst du mit deinem Rechner nicht ins Netz gehen. Es gibt zigtausende von Schwachstellen, die man nutzen kann, um in einen Rechner einzudringen, nicht nur die extra eingebauten Hintertüren für Geheimdienste. Und natürlich werden solche Schwachstellen auch von Kriminellen ausgenutzt. Es gibt sogar einen schwungvollen Handel damit. Gibt doch einfach mal ›exploit‹ in eine Suchmaschine ein. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Schließlich mache ich das beruflich für die US-Army!«

»Wenn man euch zuhört, muss man ja glauben, dass die Mafia jeden Rechner in ihrem Sinne fernsteuert«, spottete Gabriel. Der über zwei Meter große Apotheker war die Ruhe selbst. Am Handgelenk hatte er die neueste Apple-Watch. »Das Internet ist doch großartig. Man kann Sachen machen, von denen man früher nicht zu träumen gewagt hat. Und fast alles ist kostenlos, weil die Leute sich gegenseitig helfen.«

»Und sicher«, sekundierte seine Frau Verena. »Ich mache zum Beispiel alle Bankgeschäfte online. Aber von meinem Konto wurde noch nie etwas nach Sizilien abgebucht.« Sie lachte.

»Mensch, Verena«, brach es aus Georg hervor. »Hast du schon mal Skype benutzt?«

»Natürlich, fast täglich. Meine Tochter ist zu einem Austausch in den USA.«

»Darüber wurde der erste Bundestrojaner installiert. Von dem hast du doch gehört? Glaubst du, dass niemand sonst auf die Idee kommt, dir auf die Art einen Trojaner einzuschleusen? Wer ist hier naiv?«

Jana fand Georg unsympathisch – ein überspannter Verschwörungstheoretiker, der Gabriel und Verena intellektuell nicht das Wasser reichen konnte. Sie spürte Gretas Hand an ihrem Arm. »Magst du French 69? Derzeit mein Lieblingscocktail.«

»Das werde ich jetzt herausfinden«, sagte Jana und griff das Glas, das ihre Tante ihr anbot. »Lass uns wieder ins Wohnzimmer gehen. Hier ist es mir zu eng und zu hitzig.«

»Gerne. Erzähl mal. Wie läuft es so in Berlin?«

»Ganz okay. Der Uni-Wechsel war richtig, und wenn es so weitergeht, habe ich in einem Jahr den Master in der Tasche.«

»Dein Gesichtsausdruck passt aber nicht zu den glänzenden Aussichten. Was ist? Liebeskummer? Ärger mit dem Vermieter? Oder bist du abgebrannt?«

»Nichts von allem. Ich habe einen Job in einer coolen Whiskybar, und mein Vermieter ist zwar ein Oberspießer, aber ich komme klar. Das Einzige, was nervt, ist Spam. Irgendwie haben irgendwelche Typen viel über mich herausgefunden und schreiben mich sehr gezielt an. Fast schon unheimlich.«

Sie näherten sich dem alten Tisch, und Mandy kam wie ein Tiger auf Beutefang auf sie zu.

»Jana, du nutzt doch sicher Facebook?«, unterbrach sie das Gespräch mit Greta.

»Ja, natürlich.«

»Seht ihr!«, warf Mandy triumphierend über ihre Schulter, bevor sie Jana die nächste Frage stellte: »Weißt du, was das Facebook-Tracking-Cookie ist?«

Jana runzelte die Stirn.

»Seht ihr!«, tönte Mandy erneut nach hinten.

Jana bekam ein ungutes Gefühl. Entweder waren das hier allesamt kauzige Spinner oder sie ein naiver Tropf.

»Wovon reden Sie? Was macht dieses Facebook-Cookie?«

»Die speichern etwas auf allen deinen Geräten, sodass jeder deine Identität auslesen kann. Einfach so. Von wegen Internet 2.0 und sich unerkannt im Netz bewegen.«

Allem Anschein nach unterschätzte man die kleine Frau mit der Fistelstimme.

»Dann kann also jeder herausfinden, welche Geräte ich benutze und letztlich, wer ich bin, nur weil ich Facebook benutze?«

»Klar, und du wusstest das nicht, wie die Allermeisten. Das Beste ist, dass du inzwischen nicht einmal mehr bei Facebook sein musst, um so beglückt zu werden. Günther und Tatjana wollen mir das nicht glauben.«

»Versuch mal, dich bei FB einzuloggen, wenn du Cookies deaktiviert hast.« Ronnas raue Stimme war die Ruhe selbst. »Hast du dich nie gewundert, wieso du im Nullkommanix die passende Werbung überall eingeblendet bekommst, nachdem du in irgendeinem Online-Shop warst? Es reicht sogar, nur über die Sachen zu reden. Mikrofone im Smartphone oder Rechner lauschen mit, Spracherkennung und künstliche Intelligenz im Hintergrund erledigen den Rest.«

Unwillkürlich versteifte sich Jana. Sich als Dummchen abkanzeln zu lassen tat weh. »Es ist doch viel besser, gleich passende Angebote zu bekommen, statt ewig zu suchen«, erwiderte sie zaghaft. Der Grat zwischen maßgeschneiderten Angeboten und arglistiger Verführung war schmal, und es störte sie gewaltig, wenn sie nicht Herr ihrer Entscheidungen war.

»Auch, wenn man dafür aufzeichnet, was du kaufst, mit wem du Kontakt hast, wo du herumläufst, wann du was machst?« Mandy fand das offensichtlich unzumutbar.

Jana stimmte ihr grundsätzlich zu, aber das wollte sie nicht zugeben. »Schön«, erwiderte sie mit einem Schulterzucken. »Aber das stört mich nicht. Die paar privaten Daten, die ich damit freigebe – ich habe ja nichts zu verbergen, und dafür bekomme ich das alles kostenlos.«

»Bist du sicher, dass du überhaupt private Daten hast?« Mandy schnaufte abschätzig.

Jana antwortete nicht. Die Situation war ihr unangenehm. Schön, sie hatte eine Menge Dinge erfahren, die sie erst einmal verdauen musste.

»Kann mir jemand sagen, wo Greta ist?«, fragte sie. Ihre Tante war nicht stehen geblieben, als Mandy sie auf dem Rückweg von der Küche abgefangen hatte.

»Sie ist auf die Terrasse gegangen«, sagte Ronna.

Jana bedankte sich und steuerte die Terrassentür an. Sie rieb ihre feuchten Handflächen aneinander. Die Probleme waren nicht in Berlin geblieben. Ihr Versuch, sich über eine neue E-Mail-Adresse zu tarnen, war kläglich schiefgegangen. Man hatte ihre wahre Identität herausgefunden – wer auch immer man war. Sie hoffte, dass Nils ihr helfen konnte, bevor etwas wirklich Schlimmes passieren würde.

Kapitel 6

Mittwoch, 28. Oktober 2020 – Humboldt-Universität, Berlin

Die folgende Woche war ohne größere Zwischenfälle oder dubiose Nachrichten verlaufen. Jana hatte eisern gearbeitet, um versäumten Stoff nachzuholen. Unter den Problemen der vergangenen Wochen hatte nicht nur ihre Seminararbeit gelitten. Nachdem sie auch das Wochenende in ihrer Wohnung über Büchern und Skripten brütend verbracht hatte, fühlte sich sich wieder auf Stand im Studium.

Ihren Rechner hatte sie in der Zeit nicht angerührt. Am Montag hatte sich Nils endlich per E-Mail gemeldet und vorgeschlagen, sich am Mittwoch um 14.00 Uhr in der Mensa der Humboldt-Uni zu treffen, um ihren Laptop auf Vordermann zu bringen. Erwartungsvoll bezog Jana fünfzehn Minuten vor der verabredeten Zeit ihren Posten am Eingang der Mensa, um Nils auf keinen Fall zu verpassen. Zehn Minuten später kam er mit langen Schritten auf sie zu.

»Hi!«, grüßte er. »Was gibt es denn heute?«

»Hallo!«, erwiderte Jana. »Weiß nicht.« An Essen hatte sie nicht gedacht. Nils’ Gesichtsausdruck nach zu urteilen war er am Verhungern. Er deutete mit einer seitlichen Kopfbewegung in Richtung Essensausgabe und ging voraus. Sie folgte ihm.

»Auf dem Geburtstag meiner Tante gab es ein paar schräge Typen«, begann Jana, während sie mit Tabletts bewaffnet das Angebot sondierten. »Eine Frau hat erzählt, dass die Googles, Amazones, Facebooks dieser Welt überall Cookies hinterlassen, was im Endeffekt dazu führt, dass man einfach rausfinden kann, was ich wann mit meinem Computer mache. Noch schlimmer, dass die über die Mikrofone einen abhören und das für ihre Zwecke analysieren. Wie siehst du das?«

»Stimmt schon«, meinte Nils und griff sich eine Schüssel voll Eintopf. »Die greifen ungefragt deine Kontakte ab und benehmen sich, als würde dein Rechner ihnen gehören.« Jana nahm sich ein belegtes Brötchen und ein Mineralwasser. »Aber du hast selbst dann Probleme, wenn dein Blechkopf offline ist. Mir fällt keine plausible Erklärung ein, warum deine Maschine im Stand-by die ganze Zeit rödelt oder woher diese obskuren Prozesse kommen.« Nils brach ab und zahlte seinen Eintopf. Jana zahlte ebenso, sie holten sich Besteck und sahen sich nach einem geeigneten Platz um. Gegen 14.00 Uhr verloren sich nur noch wenige in der Mensa. Sie setzten sich nebeneinander an einen Tisch abseits, und Jana legte ihren Laptop zwischen Nils’ Schüssel und ihren eigenen Teller. Sie klappte den Rechner auf und entsperrte ihn. Nils steckte einen USB-Stick ein.

»Ich halte es nicht für undenkbar«, nahm Nils das unterbrochene Gespräch wieder auf, »dass Unternehmen Trojaner einschleusen. Moralische Bedenken haben die keine, da bin ich mir absolut sicher. Allerdings kommt so etwas unweigerlich irgendwann heraus und könnte das Unternehmen ruinieren. Nicht vorstellbar, dass die sich trauen, merkwürdige Prozesse zu starten und Sachen zu kompilieren. Google, Amazon, Instagram, Facebook, Snapchat und so weiter können wir somit ausschließen. Ein Trojaner, der deinen Rechner fernsteuert und in ein ›Botnetz‹ einbindet, scheidet ebenfalls aus. Die Teile müssen unauffällig sein. Weißt du, was das ist?«

Jana schüttelte den Kopf.

»Bot ist die Abkürzung für Roboter. ›Botnetze‹ schleusen Trojaner in alle möglichen Rechner ein und nutzen deren Rechenkapazität für krumme Sachen. Man schätzt, dass bis zu 40 Prozent aller Privatrechner in Deutschland für ›Botnetze‹ missbraucht werden.«

Jana schnappte nach Luft. Es überstieg ihr Fassungsvermögen, dass fast die Hälfte aller Rechner in Deutschland gehackt waren.

Nils sprach unbeirrt weiter. »Ich denke, du hast einen neuen Virus oder ein ähnliches Tierchen im Rechner, und das werden wir gleich beseitigen.« Dabei pochte er auf den USB-Stick und grinste lausbübisch. »Auf dem USB-Stick habe ich die neuen Signaturen und die passenden Programme, um sie einzuspielen.« Nils tippte einen Befehl ein. »So, das war’s. Jetzt lassen wir den Virenscanner die ganze Festplatte von Grund auf abgrasen, und die Sache hat sich.« Er deutete auf ein Bildschirmfenster, das den Fortschritt anzeigte. Nebenbei löffelte er seinen Eintopf. Jana betrachtete schweigend den Bildschirm, wo der Prozentwert der Fortschrittsanzeige gleichmäßig anwuchs, bis er schließlich 100 erreichte. Unter einem grünen Balken erschien der Hinweis, dass alles in Ordnung sei.

Jana sah zu Nils, der mitten in der Bewegung innehielt und für einen Moment mit vollem Löffel vor dem offenen Mund dasaß.

»Das gibt es doch nicht.« Nils legte den Löffel zurück in den Teller. »Das Teil hat nichts gefunden.«

Jana verschränkte die Arme. Ihr lief es eiskalt über den Rücken. »Habe ich eine Zeitbombe im Rechner, die alle meine Daten löscht oder mein Bank-Passwort abgreift?« Sie kratzte sich hinter dem Ohr.

»Mach dir keine Sorgen.« Nils machte eine beschwichtigende Geste in ihre Richtung, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. »Das werden wir in den Griff bekommen. Dauert aber ein paar Tage. In der Zwischenzeit könntest du das selber im Auge behalten und mir Bescheid sagen, falls sich etwas ändert. Du machst den Affengriff und klickst hier, um den Task-Manager zu starten. Damit hast du die Anzeige mit den laufenden Prozessen. Abschießen geht über rechte Maustaste und klick.«

»Ich musste eben, als du von Tierchen auf meinem Rechner gesprochen hast, an Cooties denken«, bemerkte Jana, während sie den Rechner zu sich nahm und probeweise den Task-Manager aufrief. »Hast du davon schon mal gehört?«

»Die eingebildeten Läuse aus dem Kinderspiel? Das spielen doch nur die Amis.«

»Du kennst das? Ich habe letztes Wochenende zum ersten Mal davon gehört, und seitdem muss ich mich laufend kratzen. Ich werde ich das Gefühl nicht los, ich hätte so eine widerliches Pseudoungeziefer, das man nicht wieder loswird.«

»Ach, komm. Du bist ein Mädchen, da kann ich helfen. Wie ging der Spruch mit dem Immunisieren?«

Wer hätte gedacht, dass Nils richtig charmant sein kann?, dachte Jana.

Am nächsten Morgen war Jana spät dran für die Lüneburger-Vorlesung, die sie keinesfalls verpassen wollte. Sie hatte nach der Arbeit in der Whiskybar noch gelernt, am Morgen fast verschlafen und zu allem Überfluss ihre S-Bahn verpasst. Zehn Minuten fror sie im kalten Nebel, bis endlich Lichter über dem Gleis auftauchten und der nächste Zug kam. Sie stieg ein, setzte sich auf eine freie Bank und schloss die Lider, um ein wenig zu dösen. Ihre Augen brannten vor Müdigkeit und sie fröstelte. Nach 20 Minuten musste sie am Bahnhof Friedrichstraße aussteigen. Das kurze Stück von dort zur Humboldt-Uni legte sie im Laufschritt zurück. Trotzdem war es fast Viertel nach neun, als sie den menschenleeren Gang erreichte, an dessen Ende ihr Hörsaal lag. Eine Neonröhre flackerte und verlieh dem fensterlosen Korridor eine Atmosphäre, die an einen Hitchcock-Film erinnerte. Mit langen Schritten eilte sie über den dunkelgrauen Steinboden. Die Hörsaaltür war zu. Unsicher öffnete Jana die Tür und trat ein. Lüneburger war noch nicht da. Erleichtert verschnaufte sie.

Eine kleine Gruppe von Studenten bemerkte Jana und ihr Gespräch erstarb abrupt. Eine kleine Frau, rothaarig mit Igelschnitt, starrte sie feindselig an, bevor sie sich zu den anderen umdrehte und aufgeregt zu tuscheln begann. Was sollte das? Sie kannte die Rothaarige kaum, wusste nur über eine gemeinsame Bekannte, dass sie Renate hieß. Die Übrigen kannte sie gar nicht.

Jana schüttelte den Kopf und kämpfte gegen die Beklemmung an, die begann, ihre Kehle zu verstopfen. Sie entdeckte Wibke, die wie üblich in einer der hinteren Bänke außen saß, und dachte nicht mehr an die rothaarige Renate. Jana ging zu ihrer Freundin und setzte sich neben sie. Dabei beschlich sie das unangenehme Gefühl, dass sich Blicke in ihren Rücken bohrten.

»Guten Morgen«, grüßte Jana. »Das war knapp. Ich hasse es, zu spät zu kommen.«

»Morgen«, erwiderte Wibke eisig. »Mit dir habe ich heute gar nicht gerechnet.« Wibke wandte sich zu ihr um und betrachtete sie mit dem Gesichtsausdruck einer Sphinx. Sie war gewohnt elegant gekleidet und stark geschminkt, doch heute wirkte sie mit dem karminroten Lippenstift und dem strengen Dutt regelrecht unnahbar. Wibkes sündhaft teures Parfum stand wie eine Mauer zwischen ihnen.

»Guten Morgen«, tönte es von vorne und lenkte Janas Aufmerksamkeit ab. »Professor Lüneburger ist heute verhindert, sodass ich die Vorlesung halten werde.« Jana sah zu Alexander Maybach, Lüneburgers Assistenten, der ihn gelegentlich vertrat. »Das Thema heute heißt ›Anker setzen‹. Sie alle kennen das Prinzip. Geschicktes Verhandeln bedeutet, rechtzeitig eine konkrete Zahl ins Spiel zu bringen …« Wibke musterte sie die ganze Zeit von der Seite, statt Maybach zuzuhören.

»Ist etwas?«

»Tu nicht so!«, zischte Wibke. Ihre karminrot lackierten Fingernägel trommelten fordernd auf dem kleinen Pult.

»Was … was ist denn?«

»Das besprechen wir am besten nach der Vorlesung. Dabei muss ich dir in die Augen sehen.« Demonstrativ drehte Wibke sich Maybach zu.

Den Rest der Vorlesung hätte Jana sich sparen können. Wibke würdigte sie keines Blickes, und sie zermarterte sich das Hirn, was in ihre Freundin gefahren sein könnte. Nach dem Ende der Vorlesung verließen die meisten Studenten schnatternd den Hörsaal. Nicht wenige warfen Jana beim Vorbeigehen abfällige Blicke zu und tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Wibke zog wortlos ihren Rechner hervor und sah sich um. Schräg hinter ihnen lungerte die Gruppe der Studierenden um Renate am Ausgang herum. Ungeschickt versuchten sie, Jana und Wibke zu beobachten. Wibke schaute sie herausfordernd an, bis sie verschwanden. Dann klappte sie ihren Rechner auf.

»Erklär mir bitte, was das soll!«, forderte Wibke und zeigte Jana eine E-Mail mit Absender »jane-the-lion@web.de«.

Hi, warum hast du mir nie erzählt, dass der Penner auf dem Bild unten dein richtiger Vater ist. OMG!

Jana las, betrachtete das Bild eines Obdachlosen und blickte entgeistert zurück zu Wibke, deren Mund ein schmaler roter Schlitz war.

»Oder das!«

Wibke zeigte ihr eine Whatsapp-Nachricht, in der unterstellt wurde, sie hätte sich in ihrer Schulzeit prostituiert – versandt von Jana!

»Oder das!« In einem Facebook-Eintrag wurde gewarnt, dass Wibke illegale Schneeballgeschäfte anstoße. Der Eintrag war in einer neuen Whatsapp-Gruppe gepostet, der außer Wibke und Jana nur fünf weitere Personen angehörten, alle aus ihrer gerade gegründeten Lerngruppe, zu der sie sich demnächst erstmals treffen wollten.

Angelegt hatte die neue Gruppe eine »Liowa Colonia«, von der auch der Facebook-Post stammte.

»Keine Ahnung«, stammelte Jana. »Ich sehe das alles zum ersten Mal. Du glaubst doch nicht, dass das von mir ist?«

»Es fällt mir schwer, das nicht zu glauben. Weißt du, ich habe die anderen gefragt. Niemand kennt eine ›Liowa Colonia‹. Bleibst du. ›jane-the-lion‹ hört sich so nach Jana Loewe an, dass es dich fast entlastet, so schwachsinnig ist es. Aber schau mal auf die Zeile unter der Signatur. ›Zu viel Mathe schadet dem Gehirn.‹ Hast du mir nicht kürzlich erzählt, dass das dein Lieblingsspruch auf der Schule war?«

Jana schluckte. Ihr wurde eiskalt. »Du musst mir glauben«, flüsterte sie. »Ich habe damit nichts zu tun!«

Wibke schnaubte empört, doch es wirkte eine Spur weniger aufgebracht als eben.

»Und was hätte es für einen Sinn, dich zu beschimpfen? Meine beste Freundin auf der Uni.«

»Hmm«, knurrte Wibke. »Wenn du es nicht warst, wer war es dann?« Prüfend sah sie Jana in die Augen, als wolle sie sie hypnotisieren.

»Mit so einem Mist würde ich mich total isolieren«, beteuerte Jana. »Wer kann denn so etwas wollen?«

»Wer kann so etwas wollen?«, wiederholte Wibke leise, wobei sie an Jana vorbei hinunter zur Tafel sah. »Du selbst scheidest aus. Jedenfalls bist du zu klug, und von einer masochistischen Ader habe ich an dir bislang nichts bemerkt.« Wibke wandte sich wieder Jana zu, und ihr Blick wärmte wie ein Kaminfeuer auf einer Skihütte. »Folglich jemand anderes. Wer könnte dich isolieren wollen? Ha!« Ein triumphierender Ausdruck legte sich auf Wibkes Gesicht. »Wie heißt dieser Typ, den wir neulich getroffen haben? Der, den du wegen deines Rechners um Hilfe gebeten hast.«

»Nils? Wie kommst du auf Nils?«

»Der will dir an die Wäsche. Das sieht doch jeder Blinde! Und nach allem, was du mir erzählt hast, kann der Typ mit deinem Rechner alles machen, was er will. Spätestens, wenn du online bist! Der Kerl hat keine Freundin, oder?«

»Nils? Das ist ausgeschlossen. Nils ist hilfsbereit, und ansonsten lebt er in seiner Welt aus Computern, Rudern und Go-Spielen. Aus Frauen macht der sich nichts.«

»Rudern? Der Hänfling! Mädchen – sei nicht so blauäugig! So ein Kerl sammelt Infos, wie und wo er dir nachstellen kann.«

»Das ist absurd«, widersprach Jana. Überraschenderweise klang es bei Weitem nicht so überzeugend, wie sie es klingen lassen wollte. Was Wibke sagte, war nicht unvorstellbar. Andererseits fühlte sie sich wohl mit Nils, und soweit sie sich erinnern konnte, hatte Nils stets gerne geholfen und nie jemanden gelinkt. Warum sollte er bei ihr darauf aus sein? »Nein, Wibke, du kennst Nils nicht. Das ist nicht so einer. Ausgeschlossen. Und Rudern können auch Hänflinge. ›Leichtgewichte‹ nennt sich das.«

»Und wie erklärst du sonst den Dreck?« Mit Nachdruck zeigte sie auf den Bildschirm ihres Rechners. Ihr Mund schrumpfte zurück zu dem schmalen Strich.

»Keine Ahnung. Es muss eine andere Erklärung geben. Vielleicht hat Nils eine Idee?«

Wibke zuckte zusammen, als sie Nils’ Namen aussprach. »Na, dann ist alles gesagt«, stellte sie fest und klappte den Rechner zu. »Ich muss los.«

Sie stand auf, drehte sich um und stieg die Treppe zum Ausgang hoch. Jana folgte ihr aufgewühlt. Irgendwer hatte es auf sie abgesehen und war in der Wahl seiner Methoden nicht zimperlich. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass sich ihre beiden einzigen Freunde in Berlin gegenseitig an die Gurgel gingen.

Das Scharnier quietschte leise, als Wibke den Ausgang aufdrückte und hindurchging. Draußen blieb sie stehen und sah Jana durchdringend an, während hinter ihnen dumpf die Tür zufiel. Der Getränkeautomat gegenüber schien hämisch zu feixen.

»Glaub mir. Dieser Nils steckt dahinter!«, drängte Wibke.

Jana fühlte einen Kloß in ihrem Hals. Lief es auf er-oder-ich hinaus? Sie sah ihre Freundin verständnisheischend an. Wibkes Gesichtsausdruck verhärtete sich. Eine Freundschaft mit Wibke würde immer nach Wibkes Regeln ablaufen, begriff Jana, und in diesem Augenblick zweifelte sie daran, dass Wibke ihr je eine echte Freundin sein könnte, eine, der sie blind vertraute und mit der sie durch dick und dünn ging.

»Man sieht sich«, unterbrach Wibke ihre Gedanken, wandte sich ab und ging kerzengerade davon.

Der Takt, den ihre Stöckelabsätze auf den Steinfliesen schlugen, klang in Janas Ohren wie ein böses Vorzeichen. Sie sah ihr nach, bis sie verschwunden war. Der dunkelgraue Boden unter ihren Füßen fühlte sich an wie ein Sumpf, in dem sie zu versinken drohte. Wer oder was hatte sich gegen sie verschworen?

Kapitel 7

Donnerstag, 29. Oktober 2020 – Wilhelmsruh, Berlin

Jana flüchtete aus der Uni zurück in ihre Wohnung. Den Weg zum Bahnhof Friedrichstraße und vom S-Bahnhof Wilhelmsruh bis zur Hertzstraße taumelte sie mehr, als dass sie ihn ging. Die wenigen Passanten, die ihr begegneten, schienen sie genauso vorwurfsvoll zu mustern wie vorhin ihre Kommilitonen, auch wenn sicher keiner von ihnen in ihrem Namen beschimpft worden war. Jana blickte starr geradeaus, presste ihre Tasche an die Brust und setzte einen Schritt vor den anderen, bis sie die Tür zu ihrer Wohnung erreichte. Das mahlende Geräusch, das ihr Schlüssel im Schloss machte, entspannte sie ein wenig. Sie öffnete den Eingang, ließ die Tasche zu Boden gleiten und schloss die Wohnungstür, indem sie sich mit dem Rücken dagegen lehnte, bis das Schloss einrastete. Zumindest in ihrer Wohnung war sie sicher.

Ihr Blick fiel auf einen schmucklosen Umschlag, den offensichtlich jemand unter ihrem Türschlitz durchgeschoben hatte. Zögernd hob sie das leicht vergilbte Couvert auf, »Fräulein J. Loewe« stand mit Schreibmaschine getippt darauf. Der Brief konnte nur von ihrem Vermieter Herrn Lehmann stammen. Bislang hatte sie zwei solche Briefe bekommen: Eine Nachforderung für Nebenkosten und eine Mieterhöhung – nach knapp vier Monaten, die sie hier wohnte. Sie riss den Umschlag auf und las den Dreizeiler:

Sehr geehrtes Fräulein Loewe,

weil Sie seit zwei Monaten die Miete nicht bezahlt haben und das wegen ihrer finanziellen Schwierigkeiten auch zukünftig nicht können, kündige ich hiermit fristlos die Wohnung und erwarte Ihren Auszug spätestens am Monatsende.

Gruß,

Lehmann

»Super, genau das, was ich jetzt brauche.« Jana feuerte ihre Jacke über die Stange mit den Kleiderhaken, die sie als Garderobe benutzte, stapfte in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine und die Kaffeemühle an, drehte mit einem Ruck den Siebträger heraus und leerte ihn mit einem übertrieben harten Schlag auf die Kante des Mülleimers, als ob er schuld an ihrer Lage wäre. Alles, ohne den Brief ihres Vermieters aus der Hand zu legen.

Sie platzierte den Brief neben der Spüle. Mit einem Löffel füllte sie Kaffeemehl in das chromglitzernde Metallsieb, doch der Versuch, das Schreiben ihres Vermieters auch nur für den Augenblick auszublenden, war von vorneherein aussichtslos. Wie magisch zog es ihren Blick an. Sie verschüttete Kaffeepulver, was ihr sonst nie passierte.

»Mann!«, fauchte sie und knallte den Siebträger auf die Arbeitsplatte, dass sich der braune Staub um sie herum verteilte. Das war ihr im Moment gleich. Sie zog ihr Telefon aus der Tasche und wählte die Nummer des Vermieters. Nach dem ersten Klingeln überlegte sie es sich anders und legte auf. Sie pflückte ihre Jacke von der Garderobenstange und stapfte durch das Treppenhaus auf die Straße. Passend zu ihrer Stimmung blies ihr ein böiger Wind Dreck und Blätter ins Gesicht. Für einen Umzug hatte sie keine Zeit, eine günstige Wohnung fand sich nicht im Handumdrehen, und außerdem hatte sie kein Auto. Ein Wohnungswechsel kam nicht infrage. Während des 15-minütigen Fußmarsches zu ihrem Vermieter in der Friedrich-Engels-Straße kreisten ihre Gedanken einzig um die Frage, wie das alles passieren konnte. Kämpferischer Stimmung kam sie bei ihrem Vermieter an und klingelte an der Haustür des gelbgrauen Häuschens aus DDR-Zeiten. Es blieb ihr nicht viel Zeit, das heruntergekommene Gebäude zu betrachten, bis sie durch eine schmutzige Milchglasscheibe Herrn Lehmann kommen sah. Die Tür öffnete sich und der Geruch einer schlecht gelüfteten Wohnung schlug ihr entgegen. Lehmann strich seine ungepflegten, gelblichen Haare nach hinten und musterte sie mit herabgezogenen Mundwinkeln. Jana fand ihn genauso abstoßend wie bei ihrer letzten Begegnung.

»Betteln wird Ihnen nichts bringen, Fräulein Loewe«, schnarrte er grußlos.

Für einen Augenblick sah sich Jana in der verhassten Sozialwohnung in Kölnberg, dem Brennpunkt in Köln-Meschenich, in der sie die Jahre nach der Trennung ihrer Eltern gelebt hatte. Ihr Gesicht glühte vor Scham. Die Schwäche dauerte drei, vier Herzschläge lang, dann hatte sie sich wieder in der Gewalt. Sie würde sich nicht unterkriegen lassen. So jemand wie Lehmann zwang sie nicht in die Knie, schon gar nicht, da sie sich nichts hatte zuschulden kommen lassen.

»Guten Tag, Herr Lehmann«, grüßte sie steif. »Das muss ein Missverständnis sein.« Jana gab ihrer Stimme einen werbenden Klang. »Für die Miete habe ich einen Dauerauftrag eingerichtet, sodass Sie jeden Ersten pünktlich Ihr Geld haben! Ich habe die Abgänge im Kontoverlauf gesehen.«

»Ach was! Nichts haben Sie überwiesen!«

Jana schalt sich, weil sie die Kontoauszüge nicht ausgedruckt hatte, um einen Beweis in der Hand zu halten. Ihre Bankgeschäfte erledigte sie schon immer ausschließlich online. Lehmanns Unterlippe schob sich kaum merklich nach vorn. Anscheinend genoss er die Situation.

»Wie gesagt, das muss ein Missverständnis sein. Sehen Sie her!« Jana fischte ihr Smartphone aus der Tasche. Ihre Finger huschten über das Display, als sie sie das Portal ihrer Bank aufrief und sich in ihr Konto einbuchte. Lehmann beobachtete sie mit einer Miene, die keinen Zweifel aufkommen ließ, dass er das Ganze für Zeitverschwendung hielt. Jana drehte den Bildschirm so, dass sie ihn beide sehen konnten. »So, jetzt noch die Zahlungsabgänge an Sie …« Entgeistert brach sie ab. Sie spürte, wie sie aschfahl wurde. Ihr Konto war um über 4.000 Euro überzogen, weswegen der Dauerauftrag für die Miete nicht ausgeführt worden war. Und zwar schon seit September. Dabei überprüfte sie ihr Konto regelmäßig und hätte geschworen, dass sowohl die September- als auch die Oktobermiete pünktlich überwiesen worden waren. Fassungslos sah sie ihren Vermieter an, auf dessen Gesicht sich ein triumphierendes Lächeln ausbreitete.

»Sag ich doch! Schulden haben Sie, bis über beide Ohren. Mir kommen zukünftig nur noch Werktätige ins Haus, Leute, die ihr Geld ehrlich verdienen. Früher hätte es so etwas nicht gegeben.«

Janas Augen verengten sich zu Schlitzen.

»Zum Glück hat mich die Schufa rechtzeitig gewarnt«, zeterte Lehmann. »Das hat man davon, wenn man so gutmütig ist, an Studenten zu vermieten. Gesocks!«

Jana zwang sich, ruhig ein- und auszuatmen. Sich mit diesem Widerling zu streiten, war völlig sinnlos, aber seine Wohnung brauchte sie – zumindest bis auf Weiteres.

»Wieso Schufa?«, fragte sie. »Seit wann schickt die von sich aus Auskünfte? Da muss man nachfragen.«

»Sie scheinen sich ja bestens auszukennen, Fräulein Loewe.«

Jana biss die Zähne zusammen und atmete tief ein, um nichts Übereiltes zu sagen. »Wenn Sie einverstanden sind«, erwiderte sie beherrscht, »bringe ich die Miete an jedem Monatsersten vorbei. In bar.«

Lehmann sah sie herablassend an.

»Die schuldige Miete und das Geld für den kommenden Monat könnte ich Ihnen sofort geben.« Sie zog ihren Geldbeutel hervor und nahm ein Bündel kleiner Scheine heraus. Lohn und Trinkgeld von neun langen Abenden im »Fàilte!«.

Lehmanns Augen flammten gierig auf. »Man ist ja kein Unmensch«, sagte er und machte dabei eine ausladende Geste, als ob er Jana einen großen Gefallen täte und seine eigene Großzügigkeit ihm ein unergründliches Rätsel sei. »Also gut, Barzahlung am Ersten. Und die Miete für den kommenden Monat sofort.« Fordernd streckte er Jana seine Hand entgegen.

»Nicht, dass ich Ihnen misstrauen würde«, entgegnete Jana honigsüß und drückte die Scheine an sich, »aber dieses … dieses Missverständnis lehrt mich, dass ich es in finanziellen Dingen an keiner Sorgfalt mangeln lassen darf. Sicher können Sie mir eine Quittung geben?«

Lehmann stutzte. »Moment«, schnarrte er und knallte die Haustür hinter sich zu. Kurz darauf kam er mit einem Quittungsblock zurück, füllte das oberste Blatt aus und riss es ab. Wortlos tauschten sie Geld gegen Quittung. Lehmann deutete ein Nicken als Verabschiedung an und schlug hinter sich die Tür zu.

»Geldgieriger Blockwart«, fauchte Jana und machte sich auf den Weg zurück zur Hertzstraße.

Mit jedem Schritt verrauchte ihr Ärger über Lehmann mehr, sodass die Sorge über den Schufa-Eintrag und das überzogene Konto die Oberhand gewann. Was ging hier vor sich? Wer hatte sie bei ihrem Vermieter angeschwärzt? Wer hatte überhaupt ein Interesse daran, sie anzuschwärzen? Wie konnte es sein, dass ihr Konto um über 4.000 Euro überzogen war? Sie fühlte sich wie in einem schlechten Film. Zu Hause angekommen ließ sie ihre Jacke auf den Dielenboden gleiten und sich selbst wenige Schritte später auf ihr Bett fallen. Eine Zeit lang lag sie da, alle Viere von sich gestreckt und starrte die Decke an. Nie in ihrem Leben hatte sie sich so einsam gefühlt. Jana fröstelte. Sie musste reden. Schließlich zog sie ihr Telefon aus der Tasche. Nach dem zweiten Klingeln meldete sich die vertraute Stimme.

»Tante Greta«, flüsterte Jana, »ich weiß nicht, ob ich unter Verfolgungswahn leide.«

Jana telefonierte über zwei Stunden mit ihrer Tante. Danach ging es ihr besser. Sie litt nicht unter Verfolgungswahn, sondern die Bank hatte ihr Computersystem nicht im Griff oder irgendjemand musste sich einen üblen Scherz mit ihr erlaubt haben. Gemeinsam mit ihrer Tante war sie ihren Kontoverlauf durchgegangen, und sie hatten festgestellt, dass ihr Konto 4.000 Euro im Minus war, weil es zwei Abbuchungen zu je 2.500 Euro gegeben hatte. Schon Anfang September! Wobei sie ganz sicher seit den angegebenen Buchungsdaten mehrmals ihr Konto geprüft hatte, natürlich ohne Kontoauszüge zu drucken. Wer tat so etwas heute noch? Eine der beiden Abbuchungen ging an ein Konto auf den Namen Angela Merkel, die andere an eines auf Frank-Walter Steinmeier, beide mit dem Betreff ›Nachhilfe‹.

›It is our pleasure to serve our customers – Coral Reef Bank, Bahamas‹, stand darunter. Laut Google gab es jedoch gar keine Bank dieses Namens, und die Suche mit der Bankleitzahl ergab ebenfalls keine Treffer. Jana buchte sich erneut online in ihr Bankkonto ein, diesmal mit dem Rechner, um besser arbeiten zu können. Sprachlos las sie zum zweiten Mal, dass die Septembermiete am 3. des Monats rückgebucht und die Überweisung der Oktobermiete wegen fehlender Kontodeckung nicht ausgeführt worden sei. Ebenfalls am 3. September gingen die ominösen Zahlungen für Nachhilfe ab. Wenigstens hatte Lehmann die Miete nicht doppelt bekommen. Nach einigem Suchen fand sie den Menüeintrag »Lastschrift rückbuchen«. Sie klickte ihn an, aber nichts passierte. Der Menüpunkt war ausgegraut!

»Welch eine Freude, Bankgeschäfte online zu erledigen«, knurrte Jana sarkastisch und wählte die Nummer der nächstgelegenen Filiale.

»Einer Lastschrift widersprechen können Sie ausschließlich schriftlich«, erfuhr sie. »Kommen Sie bitte in der Filiale vorbei und füllen Sie das entsprechende Formular aus. Gegen eine geringe Gebühr buchen wir bei erfüllten Voraussetzungen zurück.«

»Vielen Dank«, presste Jana hervor und legte auf.

Sie stand auf, zog ihren Mantel an, warf die Wohnungstür hinter sich ins Schloss und stürmte los zur Bankfiliale. In dem kleinen Schalterraum langweilten sich drei Angestellte, als Jana eintrat. Zwei saßen hinter Schaltern, der Dritte stand mitten im Raum.

»Sie kommen wegen der Rückbuchung«, sprach sie der Stehende an, bevor sich die automatische Tür hinter ihr geschlossen hatte. Er war Ende 30, hatte einen dicken Schnurrbart und ausgeprägte Geheimratsecken. Der Mann war einen Kopf kleiner als Jana und seine Körperrundungen deuteten an, dass er jede Form von Hektik verabscheute.

»In der Tat«, bestätigte Jana und atmete tief aus. »Wieso wird so etwas überhaupt ausgeführt? Es glaubt sicherlich kein Mensch, dass die Kanzlerin und der Bundespräsident mir Nachhilfe geben!«

»Ich verstehe ihren Ärger, Frau …?«

»Loewe.«

»Koslowski. Ich bin der Filialleiter. Eine Bank kann nie sicher sein, dass Dritte die Zustimmung haben, um Geld per Lastschrift einzuziehen. Es obliegt vielmehr der Sorgfalt des Kontoinhabers, die Bewegungen auf seinem Konto zu kontrollieren und gegebenenfalls innerhalb der gesetzlichen achtwöchigen Frist Widerspruch einzulegen.«

Jana schwoll der Kamm. Eine unfreundliche Bemerkung lag ihr auf der Zunge.

Der Filialleiter war entweder erboste Kunden gewohnt oder nahm ihre Erregung nicht wahr. Jedenfalls sprach er ungerührt weiter: »Wir führen jeden Lastschriftauftrag bis zur Erschöpfung des Dispokredits aus. Folgen Sie mir bitte in mein Büro, Frau Loewe.«

Er ging voraus zu einer Tür neben den Schaltern, die er Jana aufhielt, wobei er gleichzeitig auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch deutete. Jana betrat den kahlen Raum und nahm Platz. Koslowski setzte sich ihr gegenüber.

»An Kanzlerin und Bundespräsident, sagen Sie. Da hat sich wohl jemand einen Scherz erlaubt.«

»Ich kann nicht darüber lachen«, entgegnete Jana erleichtert, dass sie ihr Geld umstandslos zurückbekam. Hatte sie wirklich in den letzten acht Wochen ihren Kontoverlauf geprüft oder bildete sie sich das nur ein? Schließlich hatte sie viel um die Ohren und die einzige alternative Erklärung wäre, dass irgendjemand ihre Daten im Zentralcomputer der Bank manipuliert hatte. Koslowski danach zu fragen war sinnlos. Seine Antwort konnte sie sich ausmalen und nüchtern betrachtet war es absurd, dass jemand eine Bank hackt und dann nur einer Studentin einen Streich spielt. Zerknirscht gelobte sie sich selbst, zukünftig sorgfältiger zu sein. Wenige Minuten später verließ sie die Filiale, nachdem sie noch etwas Geld abgehoben hatte, um wieder flüssig zu sein. Vor der Tür googelte sie mit ihrem Smartphone die nächste Polizeiwache. Sie musste nach Pankow. Zum Glück fuhren regelmäßig Busse dorthin. Dennoch kostete es sie 30 Minuten, bis sie auf der Wache ihre Anzeige aufgeben konnte.

»’ne Bank uff die Bahamas, sagen Se«, berlinerte der Beamte kopfschüttelnd. »Ick gloobe nich, dat wir von denen ’ne brauchbare Auskunft bekommen können. Wär dat erste Mal. Det jibt et öfter, dat von dort so obskure Firmen Geld von Konten einziehen. Muss man halt uffpassen.« Jana verabschiedete sich freundlich. Schließlich konnte der Polizeibeamte nichts dafür, dass die Kollegen auf den Bahamas wenig hilfsbereit waren. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass es zweitrangig war, den Scherzkeks zu bestrafen, sofern die Belästigungen aufhörten.

Sie fuhr zurück zu ihrer Wohnung, wo sie die Sauerei in der Küche aufräumte, sich einen Kaffee brühte und zwei belegte Brötchen machte, weil sie den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Zum Essen setzte sie sich aufs Sofa und stellte die Tasse auf den kleinen Couchtisch daneben. Den Teller mit den Brötchen behielt sie in der Hand. Beim Kauen grübelte sie, wer sich diesen üblen Scherz mit ihr erlaubt haben könnte. Dass eine Scheinfirma zufällig an ihre Kontoverbindung gekommen war, glaubte sie nicht. Die Angelegenheit war absurd. In Berlin kannte sie kaum jemanden, und weder Wibke noch Nils kamen für solche Scherze infrage. Sie steckte das letzte Stück Brötchen in den Mund, strich sich die Krümel von den Fingern und stellte den Teller ebenfalls auf den Couchtisch. Dann trank sie den Kaffee aus, ging an ihren Arbeitsplatz und startete ihren Rechner.

Die Selbstauskunft bei der Schufa war umstandslos zu bekommen, kostete aber 25 Euro. Es gab in der Tat einen negativen Eintrag: Sie habe einen Kredit bei Coral Reef Bank, Bahamas, nicht zurückgezahlt – einer Bank, die es allem Anschein nach überhaupt nicht gab, weswegen sie die beiden Abbuchungen für Nachhilfe von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier umstandslos zurückbekommen hatte. Jana knirschte mit den Zähnen, während sie die Nummer der Schufa wählte, um die sofortige Löschung zu fordern.

»Das tut mir leid«, säuselte die Frau am anderen Ende der Leitung. »Möchte man einen negativen Schufa-Eintrag löschen lassen, ist das nur über den Veranlasser möglich. Sie müssen sich diesbezüglich an die Coral Reef Bank wenden.«

»Hören Sie nicht zu? Diese Bank gibt es überhaupt nicht! Diesen Kredit gab es nie, den ich angeblich nicht bedient habe!«

»Ich fürchte, da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.«

Jana beendete das Gespräch grußlos. In diesem Augenblick leuchtete das Symbol ihres elektronischen Postfachs auf. Sie öffnete die Nachricht und begann zu lesen.

von: Abu Mujahed

an: jyloewe@t-online.de

Betreff: komm auf den richtigen Weg!

Jana, warum machst Du Dir Sorgen um Geld? Bete nicht den Götzen Mammon an. Das ist Sünde! Ins Jenseits kannst du nichts mitnehmen. Komm zu uns. Wir weisen dir den Weg ins Paradies, wo Deine Belohnung auf dich wartet.

Allahu akbar

Janas Hände krallten sich in die Tischplatte, ihr Atem setzte aus. Sie stemmte sich mit gestreckten Armen gegen das Möbel, wollte den Abstand zwischen sich und dem Bildschirm vergrößern. Vier, fünf Atemzüge lang starrte sie auf den Text. Ihre Gedanken überschlugen sich. Welche Seuche auch immer ihren Rechner befallen hatte, wer auch immer dahintersteckte, so konnte es nicht weitergehen. Erst Belästigungen per E-Mail, dann Verleumdungen bei ihren Freunden und Kommilitonen, dann verschwand ihr Geld auf die Bahamas. Was kam als Nächstes? Sie griff zum Telefon und wählte Nils’ Nummer.

Nils ging beim ersten Klingeln dran: »Reiss?«

»Nils … Nils, jemand hat Geld von meinem Konto abgebucht. Eine nichtexistente Bank auf den Bahamas!« Das andere Ende der Leitung blieb stumm. »Nils, bist du noch da?«

»Ja. Mir hat es gerade die Sprache verschlagen. Komm bei mir vorbei, wann es dir passt. Prinz-Eugen-Straße 17.«

»In einer halben Stunde bin ich da.«

Als Jana eine Dreiviertelstunde später in die Prinz-Eugen-Straße einbog, kamen ihr zwei Frauen entgegen, die mit schwarzen Tüchern verschleiert waren. Jana schauderte und beschleunigte ihre Schritte. Je eher diese unerfreuliche Episode ihr Ende fand, desto besser. Augenblicke später hatte sie die beiden Muslimas passiert und tadelte sich für ihre Angst. Die beiden stellten ihr sicherlich nicht nach!

Das Haus mit der Nummer 17 war ein großer Gründerzeitbau, der wie der ganze Wedding heruntergekommen wirkte. Sie klingelte bei Reiss. Kurz darauf hörte sie schnelle Schritte, und Nils öffnete ihr die Haustür.

»Hallo, Jana …« Er stockte. Sein Gesicht war gerötet, und er rang nach Luft. Er war offensichtlich schnell gelaufen. »Ähm … komm doch rein. Meine Bude liegt im dritten Stock.«

Jana stieg hinter Nils die abgewetzte Treppe hinauf und folgte ihm in seine Wohnung. Es gab keine Diele. Soweit sie es überblicken konnte, hatte er ein winziges Bad – die Tür stand offen – und keine Küche, lediglich eine Kochnische. Hinter der einzigen verschlossenen Tür vermutete sie das Schlafzimmer. Die Einrichtung war ebenso spartanisch: ein einfacher Holztisch mit drei Stühlen und ein Sitzsack als Sofaersatz. Die technischen Geräte, von denen Jana nur den Rechner, die WLAN-Antenne, die Stereoanlage und die Lautsprecherboxen zweifelsfrei identifizieren konnte, bildeten einen krassen Gegensatz zur Wohnung: Der Raum mutete an wie ein Elektroniklabor.

»Darf ich dir etwas anbieten?«, unterbrach Nils ihre Gedanken. »Kaffee, Wasser, Tee – ich habe aber nur grünen?«

Einen für ihren Geschmack trinkbaren Kaffee zu bekommen schien unwahrscheinlich. »Ein Tee wäre nett, danke, aber ich mache dir sowieso schon zu viele Umstände.« Jana rieb ihre linke Handfläche an ihrer Hose. In der rechten trug sie ihren Laptop.

»Wirf schon mal deinen Blechkopf an«, schlug Nils vor und machte sich in der Kochnische zu schaffen. Nachdem Jana ihr Notebook ausgepackt und auf dem Tisch angeschaltet hatte, kam er mit einem Humpen heißem Wasser zurück, in dem ein Tee-Ei steckte.

»Danke.«

Nils öffnete eine Schublade am Tisch, zog eine Rolle Isolierband heraus, riss ein Stück ab und verklebte damit die winzige Kamera, die im Rand um den Bildschirm verbaut war. Dabei achtete er darauf, jederzeit außerhalb des Kamerabereichs zu bleiben.

»Sicher ist sicher«, erklärte er und ließ die Rolle in der Schublade verschwinden. Er setzte sich vor den Rechner und sah Jana fragend an.

»Mach, was du für richtig hältst. Ich will, dass das Teil sauber ist.«

»Alles klar. Auf die elegante Art ging es nicht, ergo machen wir es eben auf die grobe … Ich boote Linux vom USB-Stick und suche nach verdächtigen Dateien. Alles, was nicht koscher ist, lösche ich. Okay?«

»Was immer das heißt. Ich habe kein Wort verstanden.«

»Ich starte den Rechner neu mit einem anderen, sichereren Betriebssystem, eben Linux.« Dabei fuhr er die Maschine herunter. »Von Linux aus untersuche ich das Dateisystem. Der einfachste Weg, einen Virus zu tarnen, ist, ihn wie einen Teil des Windows-Betriebssystems aussehen zu lassen. Wir sichern die Daten, die du kennst, und löschen alles Übrige auf deinem Rechner, inklusive dem Betriebssystem. Danach formatieren wir die Festplatte und überschreiben alles mehrfach. Danach ist alles so, wie es aus der Fabrik kommt. Wenn wir damit fertig sind, installieren wir neu und spielen deine Daten drauf.«

Nils steckte den USB-Stick in den Rechner und drückte den Startknopf. Jana spürte ihre Handflächen feucht werden. Sie rieb die Hände aneinander und sah auf. Ihr Blick fiel auf ein kleines Bücherregal. Die meisten Autoren kannte Jana bestenfalls dem Namen nach: neben Science-Fiction von Borges und Lem standen »Per Anhalter durch die Galaxis« und »Der Herr der Ringe«. »Der Fänger im Roggen« prangte zwischen den »Kritiken« von Kant und Gedichten von Rilke!

Jana musste an Wibke denken, an er-oder-ich, während sie mit dem Zeigefinger über die Buchrücken strich. Wibke hatte wahrscheinlich kein einziges Buch im Regal. Nils hatte einen anderen Weg aus der Enge ihrer Herkunft in Kölnberg gefunden als sie. Er kannte den Zeitgeist ihrer Vorgängergenerationen, ohne ihm zu verfallen, las Standardwerke der Philosophie und hatte darüber hinaus Sinn für das Schöne. Und natürlich wusste er, dass man sich um einen ausgefuchsten Computerfachmann wie ihn reißen würde, wenn er einen Job suchte. Ein geradliniger Weg ohne jede Effekthascherei, auf dem er darauf verzichten konnte, sich bei irgendjemandem anzubiedern. Nils ist wirklich unabhängig. Wie du gerne wärst, gestand sie sich mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid ein. Und Wibke? Konnte sie sich vorstellen, dass Wibke wirklich eine Freundin war oder wenigstens werden könnte? Oder waren es nur ihr selbstbewusstes Auftreten und der Zugang zur Jeunesse dorée, der sie anzog?

Ein elektronisches Geräusch lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Bildschirm, den Nils fixierte, als existiere die Welt um ihn nicht. Wie vor ein paar Tagen auf der Uni belauerte er die Anzeige, als wäre sie ein wildes Tier, und bearbeitete dabei die Tastatur mit atemberaubender Geschwindigkeit. Ohne ersichtlichen Grund hielt er plötzlich inne, richtete sich auf und sagte: »… und tschüss.« Dabei schlug er mit dem rechten Zeigefinger die Enter-Taste an und drehte sich zu ihr herum. »Was immer da auf deinem Rechner war – ist weg.«

Befreit lachte Jana auf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich zuletzt so erleichtert, so sorgenfrei gefühlt hatte. Nils lümmelte auf seinem Stuhl und strahlte eine grimmige Zufriedenheit aus, nachdem er einen genauso lästigen wie hartnäckigen Gegner in die Schranken gewiesen hatte. Zu ihrer Überraschung sah sie in ihm einen Mann, den sie gerne näher kennenlernen würde, von dem sie mehr als die Seite des eigenbrötlerischen Nerds kennen wollte. »Ich finde, wir haben uns eine Belohnung verdient«, stellte sie fest und lächelte schelmisch in seine Richtung. »Genauer, du hast eine Belohnung verdient.«

»Das habe ich doch gerne gemacht«, brummte Nils und sah verwirrt zu ihr auf.

Errötete er ein wenig?

»Ich möchte tanzen. Vorausgesetzt, du traust dich, mit mir in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, ziehen wir heute durch die angesagtesten – Wibke würde sagen Locations – von Berlin.«

Nils blieb der Mund vor Staunen offen stehen. Das neckische Spielchen belustigte Jana. Nils war oberflächlich betrachtet alles andere als ein Frauentyp, während es ihr beinahe lästig war, wie sehr sie beim anderen Geschlecht auf Anklang stieß. Deshalb verzichtete sie meist auf Schminke, zog sich bequem an und frisierte sich unauffällig.

»Du, das ist nett von dir. Ich, äh, ich habe eine Verabredung zum Online-Go mit einem Gegner in Singapur. Den habe ich das letzte Mal plattgemacht, und er verdient eine Revanche.«

Jana schnappte nach Luft. Männer gaben ihr keine Körbe! »Nicht dein Ernst? Go, und dann auch noch online? Das hört sich ja rasend spannend an. Hey, aufwachen, du sollst nicht Aschenputtel ausführen!«

»Jana, bitte sei mir nicht böse«, stammelte Nils. »Ich bin nicht schwul, und Augen im Kopf habe ich auch, aber …« Er gestikulierte hilflos. »Ein andermal?«

In seinem Gesicht las sie ehrliches Bedauern und das Wissen, dass es kein andermal geben würde.

Jana spürte, wie sich ihre Gesichtszüge verhärteten. Jedem anderen hätte sie eine Zurückweisung krumm genommen. Nils böse zu sein, brachte sie nicht über sich. Weil er ihr geholfen hatte? Weil er so ganz anders war?

»Du bist echt ein schräger Typ«, lenkte sie das Gespräch zurück in unbedenkliche Fahrwasser. Mit ihm streiten wollte sie auf keinen Fall, aber ganz ungeschoren durfte er für den Korb nicht davonkommen. »Spiel du mal Online-Go, wenn du das lieber tust, als mit mir zu tanzen. Ich gehe shoppen und sehe, was ich mit dem angebrochenen Tag anfange.«

Die kleine Spitze wollte sie sich nicht verkneifen. Jana packte ihren Rechner ein und ging.

Bester Stimmung fuhr Jana in die Friedrichstraße und verpulverte ihre Barschaft für ein dunkelgrünes Seidentop, das zu ihrer Augenfarbe passte und dazu einen Minirock aus schwarzem Leder, der das Oberteil traumhaft ergänzte. Die ganze Zeit pfiff sie leise »Mein kleiner grüner Kaktus« und wippte zu »sticht – sticht – sticht« seitlich mit der Hüfte. Als sie zurück in ihre Wohnung kam, war es bereits dunkel. Nachdem sie ihren Mantel aufgehängt und die Schuhe ausgezogen hatte, drehte sie Pirouetten zur Melodie des kleinen grünen Kaktus, bis zu ihrem Schreibtisch im Wohnzimmer.

»Wie sieht es denn hier aus, Jana?«, schalt sie sich scherzhaft und kicherte wie betrunken. Mit ein paar schnellen Handgriffen ordnete sie die Zettel mit Notizen für ihre Seminararbeit in drei Bündel und legte ihren Laptop an seinen Platz. In ein paar Tagen sollten die losen Blätter verschwunden und alles in die Präsentation eingearbeitet sein. Spätestens dann würde ihr Studium wieder zielsicher dem Abschluss entgegengehen.

Beim Gedanken an die Universität lief ein Schauer über ihren Rücken. Seufzend setzte sie sich auf ihren Schreibtischstuhl. Die Verleumdungen über Facebook und Whatsapp, die sie unter den Kommilitonen unmöglich gemacht hatten, gehörten zwar der Vergangenheit an, und so etwas würde nie mehr passieren, doch außer bei Wibke standen die Vorwürfe noch im Raum. Sie zerknüllte einen Schmierzettel und warf die Kugel in den Papierkorb.

Kopf hoch, du hast schon Schlimmeres durchgestanden!, redete sie sich zu. Ihr Magen verkrampfte sich beim Gedanken an die unerfreuliche Geschichte in der elften Klasse, als man sie mit einer angeblichen Tablettensucht erpresst hatte. Sascha aus der Parallelklasse bekam damals spitz, dass sie häufig Rezepte für ihre Mutter in die Apotheke brachte. Sie hatte ihn nie ausstehen können und natürlich blitzte er bei ihr ab, als er sie damit erpresste, mit ihm ins Bett zu gehen. Flugs setzte diese miese Ratte das Gerücht von der drogensüchtigen Jana in die Welt, das sie nur mühsam und nicht ohne das peinliche Bekenntnis, dass ihre Mutter tatsächlich tablettenabhängig war, ausräumen konnte. Dabei hatte sie gelernt, dass üble Nachrede sich hartnäckig hielt. Auf eine Wiederholung war sie nicht erpicht. Jana knetete ihr Kinn. Der einfachste Ausweg war, die Geschichte so zu erzählen, wie Wibke sie glaubte. Nils studierte an einer anderen Uni und an der HU kannte ihn keiner. Mies wäre es dennoch. Unwillig verzog sie den Mund und überlegte, was Nils in ihrer Lage täte. Er würde wahrscheinlich sein Ding durchziehen, egal was die anderen dachten. Jana stöhnte bei dem Gedanken und schüttelte den Kopf. Niemals würde sie es schaffen, seine an Autismus grenzende Dickfelligkeit aufzubringen. Andererseits waren die drei Semester bis zum Abschluss ihres Masters keine Ewigkeit und im Gegensatz zur Schule konnte man den Leuten an der Uni recht gut aus dem Weg gehen.

Sie beschloss, die Entscheidung zu vertagen und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Sie aß einen Happen, las ein wenig, stellte ihren Wecker aus und legte sich früh schlafen.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
352 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783839263563
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Telif hakkı:
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