Kitabı oku: «Opa, erzähl mir!»
Die Buchreihe Memoria mit Aufzeichnungen, Tagebüchern und Biografien aus dem 20. Jahrhundert wird über die Arbeitsgruppe Geschichte und Region/Storia e regione von der Stiftung Südtiroler Sparkasse unterstützt.


Markus Zwerger
Opa, erzähl mir!
Aus dem Dialog zweier Generationen
Mit einem Vorwort von Martha Verdorfer

Inhalt
Vorwort
Prolog
Familie
Wo liegt Heimat?
Geld, Predigt und Moral
Kindheitsverlust
Selbstbehauptung
Mutterliebe
Wer ist Heimat?
Überleben
Vaterstolz
Diktaturen, Krieg und Verklärung
Wie fühlt sich Heimat an?
Lebensabend
„Darüber müssen wir reden …“
Epilog
Danksagung
Mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur in der Südtiroler Landesregierung

© Edition Raetia, Bozen 2021
Grafisches Konzept: Dall’O & Freunde
Druckvorstufe: Typoplus
Lektorat: Katharina Preindl
Fachlektorat: Adina Guarnieri für Geschichte und Region/Storia e regione
Korrektorat: Helene Dorner
Projektleitung im Verlag: Felix Obermair
Gedruckt in der EU
Die Bilder stammen aus dem Fotobestand von Arthur Dalsass.
Die Kalligraphie auf Seite 1 zu einem Charakterzug Opas, der ihn ein Leben lang (in unterschiedlicher Ausprägung) begleitete, wurde angefertigt von Peter Zwerger.
ISBN 978-88-7283-787-0
www.raetia.com
Vorwort
Martha Verdorfer
Ein Großvater erzählt, ein Enkel hört zu und beginnt irgendwann, die Geschichten aufzuschreiben und sich damit auseinanderzusetzen.
Das Ergebnis ist die sensible und reflektierte Rekonstruktion eines Männerlebens in Südtirol zwischen 1928 und 2019. Ein Leben, das geprägt war von den Umständen, in die man hineingeboren wurde, aber auch von getroffenen Entscheidungen und individueller Gestaltung. Ein Leben, das ebenso bestimmt war von den Verwerfungen der Südtiroler Zeitgeschichte des letzten Jahrhunderts. Kein Ausnahmeleben, sondern eines, wie es viele gegeben hat.
Geboren als uneheliches Kind, aufgewachsen in armen Verhältnissen bei Zieheltern, mit acht Jahren im Dienst bei Bauern – eine Unterschichtskindheit, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht selten war. Kollektive Erfahrung auch der Schulunterricht in der fremden italienischen Sprache. Die Option stellte sich für den elfjährigen Buben als besonderes Drama dar. Die leibliche Mutter entschied sich für die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft und wollte ihren Sohn, der sie bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht kannte, nach Innsbruck mitnehmen – was schließlich noch verhindert werden konnte. Und schließlich die Faszination für alles Deutsche, auch wenn es in Gestalt des Nationalsozialismus daherkam. Erlebnisse und Wahrnehmungsweisen, die die meisten Angehörigen dieser Generation in Südtirol prägen.
Es ist nicht so sehr der lebensgeschichtliche Verlauf, sondern vielmehr die Art und Weise der Erzählung, die das Besondere dieses Buches ausmacht.
Der junge Autor schreibt vom Glück, mit den Großeltern im gleichen Haus aufgewachsen zu sein, ihren Erzählungen aus einer anderen Zeit, ihren Wertvorstellungen, denen er oft mit Bewunderung, manchmal auch mit Unverständnis begegnet. Heimat und Familie sind zentrale Begriffe in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Großvaters und der eigenen Familie. Trotz dieser offen gezeigten emotionalen Nähe zum Großvater und seiner Geschichte beweist der Autor dennoch ein bemerkenswertes Gespür für die Komplexität erzählter Lebensgeschichten, die immer Rekonstruktion und Konstruktion gleichermaßen sind.
Der Dialog zwischen Großvater und Enkel präsentiert sich als Blick auf die Geschichte mit immer wieder wechselnder Perspektive: der Großvater, der mit Genugtuung und auch Stolz auf sein Leben zurückschaut, aber auch aus der Tiefe seiner Erinnerung als unehelicher Bub in armen Verhältnissen von seinen Verletzungen erzählt. Der Enkel, der zuhört, den Großvater als Vorbild sieht und ihn für seine Zähigkeit bewundert – und doch auch immer wieder einen Schritt zurücktritt und die Erzählungen reflektiert, sie mit seinem historischen Wissen und seinen eigenen Werten und Erfahrungen konfrontiert und auch darüber nachdenkt, warum der Großvater bestimmte Dinge so und nicht anders erzählt. Der alte Mann ist offenbar ein guter Erzähler, der seine Pointen zu setzen weiß und seine Zuhörer*innen gerne zum Lachen bringt.
Lebensgeschichtliche Erzählungen sind immer ein Konglomerat aus subjektiven Erlebnissen und Erfahrungen, gesellschaftlichen und kulturellen Wertvorstellungen und Deutungsmustern, in denen die Dimension der Vergangenheit mit jener der Gegenwart in einer spezifischen Weise verwoben ist. Erzählte Biografien spiegeln damit immer individuelle und kollektive Verarbeitungs- und Erinnerungsstrategien gleichzeitig wider. Ein besonders eindrückliches Beispiel gibt es dazu in diesem Dialog zwischen Großvater und Enkel.
Auf die Frage, was denn das Schlimmste gewesen sei, was ihm je widerfahren sei, lautet die Antwort des Großvaters: „Der Faschismus. Der Verlust meiner Kultur, unserer deutschen Identität.“ Eine Antwort, die man in Südtirol sehr oft zu hören bekommt, wenn von dieser Zeit die Rede ist, auch wenn man sich fragen kann, was „der Verlust der Identität“ für einen Buben, der 1939 gerade elf Jahre alt war, bedeutet haben könnte. Auch der Enkel ist nicht ganz zufrieden mit der Antwort.
Die Nähe, ja zärtliche Vertrautheit, die zwischen den Gesprächspartnern herrscht, ermöglicht es schließlich, auch über schwere Verletzungen zu sprechen, die verdrängt und verschüttet sind. Eine Missbrauchserfahrung, die hier vielleicht zum ersten Mal erzählt wird, kommt aus der Verdrängung und hinter dem Schleier der kollektiven Unterdrückung durch den italienischen Faschismus hervor.
An dieser Stelle drängt sich natürlich die Frage auf, wie sehr die Lebensgeschichten einer bestimmten Generation durch eine kollektive Geschichtserzählung geprägt und zum Teil auch verbogen werden. Insofern erstaunt es dann auch nicht sehr, wenn der Großvater als eine seiner schönsten Erfahrungen den Einmarsch der Nationalsozialisten in Südtirol im September 1943 anführt. Auch diesbezüglich würden ihm viele seiner Generation zugestimmt haben – und ebenso zur Aussage, dass es wieder einmal einen Krieg bräuchte. Der Enkel nimmt auch hier eine gewisse Distanz ein, die er zum einen auf sein erworbenes historisches Wissen zurückführt. Zum anderen wird der stille, aber dezidierte Einspruch des Nachbarn Leo, einige Jahre älter als Großvater Arthur, in die Erzählung eingeführt: „Nein. Nein. Einen Krieg braucht es nie mehr!“ Es gibt immer mehrere Perspektiven auf die Vergangenheit.
Immer wieder taucht in diesem intergenerationellen Dialog auch die Großmutter auf, die zu bestimmten Ansichten des Großvaters durchaus andere Meinungen und Einschätzungen äußert. Dass ihre Stimme nur im Hintergrund bleibt, auch das ist Teil des kollektiven Gedächtnisses. Ein Gedächtnis, das den Erinnerungen von Männern tendenziell mehr Gewicht zuweist als jenen von Frauen, weil Erstere ihr Leben eher an politische Ereignisse binden, oft sogar – wie in diesem Fall – es dahinter verstecken. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Frauen selbst ihre Erfahrungen für unwichtig halten. Es braucht mehr Enkelinnen, die die Geschichten ihrer Großmütter für wichtig genug halten, um sie aufzuschreiben.
Für dich, Opa
Prolog
Der würzige Geruch von Wurst liegt in der Luft. Auf dem Herd steht ein Topf mit Suppe, der Tisch ist für das Abendessen gedeckt: In der Mitte steht ein Teller voller Käse, auf einem zweiten Teller findet sich Aufschnitt, und Schüttelbrot ist auch zur Genüge da. Ein dampfender Topf voller Erdäpfel vervollständigt das Bild. Karin sieht nach der Suppe und stellt fest, dass auch diese bereit ist. „Essen kommen!“, ruft sie, und erhält sogleich die Antwort ihres Vaters und ihrer Kinder. Diese halten sich noch im Wohnzimmer auf, wo sie zusammen fernsehen, während im Hintergrund ein beständiges „tick-tock“ erklingt. Eine Wanduhr hängt vor dem Erker des Hauses, und ihr Pendel schwingt gleichmäßig hin und her. Arthur stört sich nicht an ihrem Geräusch, im Gegenteil: Diese Uhr soll nicht aufhören zu ticken, wenn er im Haus ist, und immer dann, wenn sie verstummt, heißt es sogleich: „Die Uhr isch aufzudrahnen!“ Dies wird dann schnell von jemandem erledigt, sodass Arthur den wohlbekannten Ton nie missen muss. Langsam erhebt er sich also vom Sofa, geht zusammen mit den Kindern in die Küche und setzt sich an seinen Platz am Kopfende des Tisches. Karin nimmt den Suppentopf vom Herd und verteilt die Suppe gleichmäßig auf die fünf Teller. Sie stellt den Topf auf den Tisch, als die Haustür aufschwingt und ihr Ehemann Peter hereintritt. In seiner Hand hält er einen Krug voller Wein, den er gerade aus dem Keller geholt hat, und schenkt Arthur ein. „Hohoho, des woll hon i gern! Vergelt’s Gott!“ Er nimmt einen kräftigen Schluck und setzt das Glas vor sich ab. Peter stellt den Krug neben Arthur hin und setzt sich ebenfalls an den Tisch. Sowie nun alle sitzen, wird das Schüttelbrot herumgereicht, mit einem Löffel zerschlagen und in die Suppe gegeben. Anfangs ist alles ruhig, man hört nur, wie die Löffel auf die Teller stoßen und im Hintergrund ein dumpfes Ticken erklingt. Aber es dauert nicht lange, bis Arthur die Stille durchbricht. Dabei blickt er in seinen Teller, lächelt zufrieden und sagt: „Na isch des a guate Supp’!“ „Fein, dass sie dor schmeckt, Tata!“, antwortet Karin, worauf Arthur bestätigt: „Jo, gonz guat! So a guate Supp’ hon i net oft ghob, und i hon schun viele Suppen gessen! Na i hon überhaup schun viele Sochen gessen, und viel erleb hon i ah!“ Kopfschüttelnd formt sich langsam ein Lächeln auf seinem Mund, und plötzlich beginnt er lauthals zu lachen. „Jo, erleb hon i viel, Guates wia Schlechtes, und ba jeden Bledsinn bin i dorbeigwesen! Jetzt follt mor eppes in! Hahaha!“ Amüsiert lacht Arthur vor sich hin, während seine Enkelkinder ihn verwundert ansehen und ihn drängen: „Wos isch so lustig, wos isch dor grod eingfollen? Erzehls ins bitte!“ Nach einer längeren Pause, in der Arthur sich erst von seinem Lachanfall beruhigen muss, beginnt er, enthusiastisch zu erzählen. Es folgen einige Minuten gewandten Erzählens, in denen sich auf seinem Gesicht eine Vielzahl an fröhlichen Ausdrücken formt, dann ist er am Ende der Geschichte angelangt. Die Zuhörer lächeln und haben mindestens ebenso viel Freude an der Geschichte wie Arthur selbst, der noch eine Zeit lang kopfschüttelnd die Erinnerung genießt. Dann schließt er seine Erzählung mit den Worten: „Erlebt habe ich wirklich viel! Ein Leben lang gearbeitet, immer versucht, mit jedem gut auszukommen. Nach all den Jahren bin ich hier, noch immer hier, an diesem schönsten Ort. Wo könnte ich es schöner haben als hier, umgeben von Menschen, denen ich etwas bedeute, in einem Haus, welches Oma und ich allein mit harter Arbeit aufgebaut haben. Ein unvergleichlicher Reichtum, für den ich ewig dankbar sein werde. Es macht mich so unglaublich glücklich, eine Heimat wie diese zu haben!“
Es ist für mich als Enkel schön zu hören, dass der eigene Großvater, mit dem man schon seit jeher unter einem Dach wohnt, dermaßen zufrieden mit seinem Leben ist. Und ganz besonders schön ist es, dass ich an diesem Erfahrungsreichtum, den er in über neunzig Jahren auf dieser Erde gesammelt hat, teilhaben darf. Das ist ein Privileg ohnegleichen, weshalb in mir im Laufe der Jahre der Wunsch herangereift ist, all seine Geschichten zu hören und sie festzuhalten, damit nicht nur ich mich daran erfreuen kann und davon bereichert werde, sondern ebenso all jene, die gleichermaßen zu schätzen wissen, was das Leben einen Menschen im Laufe der Zeit alles lehren kann.
Aus diesem Grund habe ich beschlossen, diese Biografie zu verfassen, und Momente wie dieser, in denen Opa Arthur auf solch ergreifende Art von Zufriedenheit durchströmt ist, bieten sich bestens dafür an, Fragen zu stellen. Um sein Leben besser verstehen zu können. Und um mein Leben besser angehen zu können.
Während er also dankbar auf alle blickt, die an diesem Tisch sitzen, drängt sich mir eine Frage auf: „Du sprichst immer von Heimat, was genau verstehst du aber darunter? Was bedeutet Heimat für dich?“ Einige Augenblicke vergehen, Arthur denkt über die Frage nach. Kurz darauf hat er eine Antwort parat: „Über Heimat könnte ich dir viel erzählen – überhaupt könnte ich mit meinen Erlebnissen ein ganzes Buch füllen. Ich hatte als Kind nämlich keine richtige Heimat. Die wäre bei meiner leiblichen Mutter gewesen, allerdings hat sie mich nach zehn Tagen weggegeben, losgelassen, verschenkt. Deshalb ist Heimat für mich der Platz, an dem meine Familie ist, gleichwohl aber ein Ort, an dem ich mich wohlfühle, sowie ein Gefühl, das meine Erinnerungen beherbergt.“
Dass mein Opa, Jahrgang 1928, in seinem Südtiroler Dialekt so differenziert von Heimat gesprochen hat, stimmt wohl nicht ganz, doch aus den Gesprächen, die ich in all den Jahren mit ihm führen durfte, habe ich diese drei Arten von Heimat herausgehört. Das bezieht sich auf das gesamte Buch: Es ist das Produkt aus fast zwei Jahrzehnten an Gesprächen mit ihm und folglich keine bloße Momentaufnahme seiner Erzählungen, sondern meine Interpretation seiner Geschichte, die er mir in Etappen über Jahre immer wieder aufs Neue erzählt hat, weshalb sie sich in mein Gedächtnis gebrannt hat – nicht nur die Geschichte selbst, sondern auch Opas Betonung, seine Gestik und Mimik sowie seine Schilderung der Tatsachen. Meine Perspektive auf seine Geschichte enthält auch meine eigenen Interpretationen, weil jeder, der einer Geschichte lauscht, sie auf seine eigene Art versteht. Zudem bin ich davon überzeugt, dass Opa seine Geschichte so erzählt hätte, wie sie in diesem Buch nachzulesen ist. Zumindest wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, sie in Worte zu fassen, die in ihrer Bedeutung seinen Erlebnissen ansatzweise entsprechen. Vielleicht täusche ich mich auch; jedenfalls bin ich überzeugt, dass der Arthur, den ich kannte, so oder ähnlich gesprochen hätte.
Opas Auffassung von Heimat – als Ort, als Gefühl und als Mensch – prägte ihn und unsere ganze Familie. Die Abgrenzungen zueinander sind jedoch nicht strikt, eine Form der Heimat geht fließend in die nächste über, man kann sie nicht voneinander abtrennen. Denn Heimat ist so viel mehr als nur ein Wort – und manchmal kann ein kleiner Teil von ihr zwischen zwei Buchdeckeln aufbewahrt werden.
Familie
„Ich bin unendlich dankbar dafür,
dass ihr, meine Familie, euch alle so
gut versteht und mich gernhabt!“
Opa mit seinen Enkeln Ivan und Arno in Kanada, 1995
„Arthur“. Wie kaum ein anderer Name bedeutet er Stärke, Zähheit und Festigkeit: Er ist keltischen Ursprungs, eine wörtliche Übersetzung lautet „der Bärenstarke“. Der Bär ist auch jenes Tier, das mein Opa, Arthur Dalsass, am ehesten verkörpert. Opas Entschlossenheit und Widerstandsfähigkeit, einhergehend mit der Zärtlichkeit, mit der er seine Nachfahren stets gehütet hat, machen ihn zu dem, der er an diesem 3. Juli 2018 ist: ein stolzer, zufriedener Mann. Keineswegs hochnäsig, obwohl er wie kaum ein anderer Schwierigkeiten durchgestanden hat, auf die er überaus stolz sein könnte. Stolz ist er auf einige Dinge dennoch ganz besonders:
„Das größte Glück, das mir zuteilgeworden ist, ist meine Familie. Als ich in diese Welt gekommen bin, war das nicht zu erwarten. Eine eigene Familie oder ein glückliches Dasein hätte mir damals wohl niemand prophezeit. Ich bin nämlich schon bei meiner Geburt mit einem gewaltigen Gewicht beladen worden – wegen meiner Geburt und ihren Umständen. Aber meine Zukunft habe ich zu beeinflussen verstanden. Sodass ich heute mit euch allen feiern kann! Das erfüllt mich zutiefst. Vor allem wenn ich bedenke, dass eure Oma Rosa und ich das alles alleine aufgebaut haben! Oder wenn ich an all die Herausforderungen denke, vor die das Leben mich gestellt hat. Ich kann es kaum glauben …“
Opa schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf. Seine Geschichte beeindruckt ihn gewissermaßen selbst. Zuhörer begeistert sie meist genauso. Mir gehen seine Geschichten so nahe und ich durfte ihnen bisher so oft lauschen, dass ich sie fast mitsprechen kann. Ich habe das Glück, im selben Haus wie Opa zu wohnen; die täglichen Gespräche weckten in mir das Bedürfnis, seine Geschichte auf Papier zu bannen, damit sie nicht dem Vergessen anheimfällt.
„Als ich zehn Jahre alt war, sah ich meine leibliche Mutter zum ersten Mal, meinen leiblichen Vater habe ich nie kennengelernt. Deshalb wollte ich eine eigene Familie gründen. Das ist mir – uns – ziemlich gut gelungen, wenn auch nicht immer alles reibungslos gelaufen ist. Ja, für seine Familie empfindet man große Liebe – so wahrhaftig diese Liebe ist, so tief kann sie einen auch verwunden. Zu dieser schmerzlichen Einsicht führte uns unsere geliebte Rosmarie, die uns nach zwanzig Monaten bereits verlassen musste. So ist das Leben nun mal. Wer sich damit abfindet, der kann ein gutes Leben führen. Wer sich der Liebe trotzdem nicht verschließt, der kann Zufriedenheit erlangen.“
Kennt man Opas Erzählungen aus seinem Leben, kann man wahrscheinlich nachvollziehen, dass er stolz ist. Diesen Stolz, verbunden mit berührender Dankbarkeit, zeigt er oft und gerade an diesem Tag. Der Stolz beflügelt ihn regelrecht. Es ist nämlich sein neunzigster Geburtstag. Gefeiert von seinen achtundzwanzig engsten Familienmitgliedern (die Feier mit den hundert Bekannten folgt eine Woche darauf) flackert die Jugend erneut in ihm auf: Voller Frohsinn erzählt er Etappen seiner Lebensgeschichte, voller Erfüllung betrachtet er sein Werk. Zusammen mit seiner verstorbenen Ehefrau hat er den Grundstein für eine Großfamilie gelegt, von der er als Kind nur träumen durfte. Großfamilie? Er träumte damals nicht von einer Großfamilie, sondern von einer einfachen Familie, in deren Geborgenheit er Teil der Gesellschaft gewesen wäre. Doch dieser Wunsch blieb ihm verwehrt. Und so schuf er seine eigene Familie. Anfangs wohl unsicher, wie er diese Aufgabe angehen sollte, aber sehr wahrscheinlich bedenkenlos, weil er schon immer ein Mann der Tat und nicht des Zweifels war. Die Aufgabe „Familienvater“ bewältigte er bravourös. Als Autodidakt lehrte er seine Nachkommen das Wichtigste in einer Familie: Zusammenhalt.
„Es lässt meine Brust anschwellen, wenn ich euch alle beobachte und sehe, wie fest ihr zusammenhaltet. Und davon bin ich der Ursprung. Es überwältigt mich immer wieder!“
Nach dem Essen erhebt meine Schwester Martina ihre Stimme, um Opa laut und vor allen ein selbst verfasstes Gedicht vorzutragen.
Vor neunzig Jahren war von uns noch niemand da,
als etwas ganz Besonderes geschah:
Der kleine Arthur erblickte das Licht der Welt,
mit fünf Kilo Gewicht, aber ganz ohne Geld.
Man meint, ohne Geld kommt man nicht weit,
doch nach zehn Tagen war es dann Zeit,
Deutschnofen war dein nächstes Ziel,
mit dem Briefträger war das ein Kinderspiel.
Beim Bauer hütetest du Schaf und Kuh,
in der Schule sah man dich auch ab und zu,
fleißig warst du – vor allem beim Raufen,
konntest dir als Beschützer der Reichen neue Hosenträger kaufen.
Als Strafe neben Mädchen zu sitzen war ganz nach deinem Sinn,
„Die wissen ja, dass ich der ‚Kittelschmecker‘ bin“,
doch angetan hat’s dir ganz besonders eine –
Rosa hieß sie, und wurde die Deine.
Der Hochzeitstag kam – doch der Blinddarm plagt,
geheiratet wird dann wohl an einem anderen Tag.
Schließlich war auch das vollbracht,
und endlich kam die Hochzeitsnacht.
Schlecht wart ihr nicht darin,
Cristina, Martin, Patrizia, Karin
gingen hervor und wuchsen heran,
ein Ergebnis, welches sich sehen lassen kann!
Mit dem Lastwagen besuchtest du Land und Leute,
und das wissen wir alle heute:
Sie lernten dich als Arthur kennen,
doch du wolltest, dass sie dich „Zigeuner“ nennen.
Ans Meer, in die Berge und auch nach Amerika rüber,
die Jahre kamen und gingen schnell vorüber,
Enkelkinder und Urenkel kamen in das Lande,
heute sind wir eine ganz schön große Bande!
Wir sind alle zusammengekommen, um dir zu sagen:
Hoch sollst du leben, und dass wir dich gernhaben!
Neunzig Jahre: Humor, Gesundheit und ganz viel Schneid –
das wünschen wir dir auch für die restliche Zeit!
Opa lächelt. Während Martina spricht, zieht sein Leben nochmals an ihm vorbei: all das Erlebte, Durchlebte, Überlebte und all das Erfahrene, Durchlittene, ihm Anvertraute.
„Bevor die meisten von euch überhaupt geboren werden konnten, mussten Rosa und ich erst einmal für Zuwachs sorgen. Das taten wir – fünf Kinder wurden uns geboren! Und ehe wir’s uns versahen, sorgten unsere Kinder bereits für weitere Kinder. Unsere Enkel wurden nach und nach geboren. Vor allem Patrizia sorgte dafür, dass meine Nachkommen die Welt besiedelten. Sie zog nach Kanada, wo ich sie, ihren Ehemann und meine beiden Enkel mehrmals besuchte. Waren das schöne Aufenthalte! Die Leute waren stets freundlich, niemand hatte es eilig und ich wäre gern geblieben.“
Meine Cousins Ivan und Arno erinnern sich ebenso gern an diese Zeit zurück, die sie mit unserem geliebten Opa verbringen durften: Eine innige Erinnerung an Opa geht in die Zeit zurück, als wir noch sehr jung waren und in Kanada lebten. Es war Sommer und er und Oma, zusammen mit unserer Tante, unserem Onkel und unseren Cousins, kamen zu Besuch. Während dieser Zeit übernachteten wir einige Male im Haus, wo sich alle aufhielten. In einer dieser Nächte entschlossen unsere Cousins und wir beide uns dazu, ihm einen Streich zu spielen, nachdem ein Film uns diese Flause in den Kopf gesetzt hatte.
Wir planten, in sein Zimmer zu schleichen, wo er gerade schlief, und etwas Zahnpasta auf seine Hand zu geben. Sowie das erledigt war, benutzten wir eine Feder, um ihn im Gesicht zu kitzeln, in der Hoffnung, er würde sich dadurch die Zahnpasta im Gesicht verstreichen. Der Streich war ein voller Erfolg, aber Opa wachte auf und stieß einen sehr lauten Schrei aus.
Wir erschraken allesamt, rannten die Stiegen hinauf in unser Zimmer und schlossen unverzüglich die Tür – leider hatte diese kein Schloss. Deshalb verstreuten wir als Sicherheitsvorkehrung all unsere kleinen und spitzen Legosteine auf dem Fußboden vor der Tür. Wir dachten, dass dies eine gute Falle sei und uns hören lassen würde, falls jemand ins Zimmer kommen wollte, um sich zu revanchieren. Ich glaube nicht, dass wir in dieser Nacht viel schliefen, und wir fürchteten den Morgen, an dem wir Verantwortung für unsere nächtlichen Aktivitäten übernehmen müssten. Heute zurückblickend war das eine wunderbare Zeit.
Auch die Enkel Nadia und Daniel erinnern sich liebend gern an das Leben mit Opa zurück:
Der Opa war immer für uns Kinder da. In unserer Kindheit waren mein Bruder Daniel und ich mit Mutter fast täglich bei Oma und Opa. Wir verbrachten unsere Nachmittage und unsere Sommerferien größtenteils bei ihnen. Die Sommerferien, wenn auch unsere Cousins David und Andrea den Urlaub bei den Großeltern verbrachten, waren immer besonders schön.
Opa war auch derjenige, der uns alles, aber wirklich alles, erlaubte. Mochten wir ein Eis haben? Einfach Opa fragen, der erlaubte es uns immer und wir durften in die Bar gehen, um uns eines auszusuchen. Wollten wir fernsehen? Einfach Opa fragen. Wenn Mutter auch Nein sagte, Opa sagte immer: „Do schofft der Opa“, und der Fernsehapparat war an. Daniel glaubte immer, dass Opa überhaupt nicht Nein sagen könne, dass es dieses Wort in seinem Wortschatz nicht gäbe.
Opa nahm uns auch in seinem Lkw mit oder führte uns in seinen Keller. Dieser war voll von den verschiedensten Kuhglocken, ausgestopften Tieren und anderen Kuriositäten. Zu allen Gegenständen wusste Opa eine Geschichte, die er uns Enkeln erzählte. Opa erzählte viel, meist von den vielen Streichen, die er seinen Mitmenschen spielte. In späteren Jahren durften wir in seinem Keller Partys schmeißen und er kam fast immer dazu, um ein wenig mitzufeiern. Opa und sein Keller waren eine kleine Berühmtheit.
Unsere schönste Erinnerung an Opa und Oma sind jedoch die Sommerabende. Sehr oft haben wir alle zusammen bei ihnen zu Hause zu Abend gegessen. Es war immer ein Wettkampf, wer von uns Kindern in den Keller durfte, um den Weinkrug nachzufüllen. Nach dem Essen unterhielten sich die Erwachsenen und wir Kinder gingen auf Fröschejagd oder spielten in unseren selbst gebauten Hütten oder Zelten. Das war eine schöne Zeit.
Die Bedeutung des Begriffes Familie, die Oma und Opa uns vermittelt haben, liegt genau hierin: im Teilen wunderschöner Erinnerungen, im gemeinsamen Verbringen von Zeit und in der bedingungslosen Liebe untereinander, geborgen in der Liebe von und zu zwei einzigartigen Menschen.
Wo liegt Heimat?
Wie könnte Opa in seiner Kindheit über Heimat gedacht haben? Vielleicht so:
„Wo könnte Heimat anders liegen
als im Haus, das man bewohnt?
Worin könntest du dich besser wiegen
als im Bett, das die tägliche Müh’ lohnt?
Was wärest du
ohne das umliegende Feld?
Zähle noch die alte Scheune hinzu,
und vollständig ist deine kleine, heile Welt.“
„Das Glück, eine Familie zu haben, durfte ich nicht von Anfang an teilen. Zehn Tage nach meiner Geburt verschenkte mich meine Mutter! Ein Postbote brachte mich zu Fuß von Leifers durch das Brantental nach Deutschnofen, wo eine Ziehfamilie auf mich wartete.“
Wie oft mein Großvater diese Worte gesprochen hat, vermag ich nicht zu sagen, zu schmerzvoll war für ihn die Tatsache, dass er von seiner eigentlichen Heimat, seiner Mutter, so früh verlassen worden war.
„Da sie mich nicht haben wollte oder aufziehen konnte, entschied sie sich, mich einer Ziehfamilie zu geben. Dafür wollte sie ihr monatlich Geld schicken. Dieses Geld hatten meine Zieheltern nötig, sie waren arm und hielten nach jedem Zusatzverdienst Ausschau. Deshalb nahmen sie mich an. Und so wurden für mich das Haus meiner Zieheltern und die Familie, die es bewohnte, zur Heimat. Die erste Heimat, an die ich mich erinnern kann!“
Obwohl die Geschichte an ihm nagt, lächelt mein Großvater. Ein Charakterzug, den ich bewundere. Es ist nicht seine Art, sich lange nach dem Warum zu fragen oder mit der Vergangenheit zu hadern. Sie ist nun mal so, nichts kann daran etwas ändern, deshalb schaut er auf das Positive. Mag es noch so verschwindend gering scheinen. Er findet etwas, worüber er sich freuen kann, und denkt dann meist nur noch daran. Im Falle dieser Geschichte ist es die Liebe, die ihm seine Ziehmutter entgegenbrachte. Über sein Verhältnis zum Ziehvater weiß ich nichts Genaueres.
„Sie war meine Mutter! An ihrer Liebe zweifelte ich nie. Denn sie behielt mich, obwohl meine leibliche Mutter die Zahlungen an sie nach nur zwei Monaten einstellte. Den Grund dafür kennt niemand. Auf einmal kam einfach kein Geld mehr.“
Es erstaunt mich immer wieder, was Menschen leisten können. Wie gut sie sein können. Die Zieheltern hatten kein Geld, kaum nennenswerte Einnahmen, und doch zogen sie meinen Opa groß. Sie behielten ihn – einen von der leiblichen Mutter Verstoßenen, einen dem eigenen Vater Unbekannten – bei sich. Sie entschieden sich für ihn, damit er heranwachsen und sich eine bessere Zukunft aufbauen könne. Ihre eigenen Interessen stellten sie hintan. Da war bloß dieses zerbrechliche, wehrlose Kind und sie, die bettelarmen, herzensguten Menschen, die ihm bereitwillig Hilfe leisteten. Wenngleich mein Großvater dies nie so formuliert hat, bin ich mir sicher, dass ihm dies bewusst war, denn in den Gesprächen über seine Zieheltern blickte er stets dankbar und liebevoll zurück. Nach seiner frühen Reise war er an einem Ort angekommen, den er Heimat nennen konnte, da Menschen dort lebten, die ihn liebten.
„Das war meine eigentliche Familie, ja! Allen voran meine Mutter, die als Hausfrau arbeitete und den einzigen Besitz, den wir hatten, hütete: zwei Kühe. Dann war da noch mein Vater, ein Tagelöhner, der sich zeit seines Lebens für minimales Gehalt, etwas Holz oder Nahrung auf den Feldern und in den Wäldern abschuftete. Und abschließend noch meine Geschwister, die aber allesamt viele Jahre älter waren und schon bald nach meiner Ankunft auszogen. Gelebt haben wir in einem kleinen Haus, dem Mösl, in unmittelbarer Nähe zum Dorfzentrum von Deutschnofen. Mit diesem Ort sind meine ersten Erinnerungen verknüpft, vor allem aber mit den Menschen, die dort lebten. Mit ihrer Armut und Herzensgüte. Die Unterschiede zu den anderen Bauern des Dorfes waren schlicht zu groß, als dass man nicht unter der Armut gelitten hätte: Höfe mit vielen Hektar Fläche an Besitz, da wird dir schnell bewusst, wie klein du bist! Doch verzagten wir nie, oder nur selten. An eine immer wiederkehrende Episode erinnere ich mich, in der ich meine Mutter nahe der Verzweiflung sah: Wollte sie Brot kaufen gehen, begann sie oft bitterlich zu weinen, da sie nicht genügend Geld dafür hatte. Ich konnte damals noch nicht viel beitragen, im Alter von sieben Jahren begann ich aber mitzuhelfen, und so hütete ich regelmäßig unsere Kühe.“
Trotz der bitteren Armut scheint mein Opa am Mösl glücklich gewesen zu sein, in den Jahren seines Aufenthaltes dort ist der Ort also wahrlich zu einer Heimat für ihn geworden. Eine Heimat, an die er gern zurückdenkt, von der er immer wieder erzählt. Denn seine Wurzeln liegen dort und dort durfte er die Geborgenheit erfahren, die er in späteren Jahren oft missen würde. Als ich ihn frage, wie die Geschichte weitergeht, ob er ruhige Jahre hier verbrachte – soweit unter solchen Bedingungen möglich –, lacht er herzhaft und meint:
„Ruhige Jahre? Für Ruhe hatte ich damals keine Zeit, nein!“
Grinsen.
„Mit acht Jahren bin ich umgezogen, weg vom Mösl, hin zum Unterkofl. Der Umzug war nicht sehr schwer, der Unterkofl befindet sich nämlich auch in Deutschnofen und ich konnte meine Zieheltern regelmäßig besuchen, jeden Sonntag nach dem Kirchengang machte ich mich zu ihnen auf! Natürlich war ich anfangs nicht gerade begeistert, aber ich habe mich schnell angepasst und mich mit der Situation abgefunden. Dort arbeitete ich dann regelmäßig als Hirtenjunge, oft war ich den ganzen Tag unterwegs, unabhängig von Laune und Wetter. Die Arbeit war zu erledigen und das habe ich getan! Ob es gewitterte oder nicht – ich machte mich auf, um die Kühe auf die Weiden zu führen. Bei lautem Donner ergriff mich dann solche Angst, dass ich mich zwischen die Kühe drängte, die sich unter einem Baum zusammengefunden hatten, und dort ausharrte, manchmal stundenlang. Ich nahm das aber gern in Kauf, schließlich hatte ich so einen Schlafplatz und mein Essen sicher. Das war für mich das Wichtigste, deshalb machte ich mir nichts draus. Obwohl das Essen nicht gut und selten ausreichend war.“
Er schweigt, noch lange liegt ein Lächeln auf seinem Gesicht. Als er aber nach mehreren Minuten nicht weitererzählt, wundere ich mich und blicke ihn fragend an. Er bemerkt meinen Blick nicht und wirkt in Gedanken versunken. Wenn er sich zurückerinnert, geschieht das häufiger, doch nach kurzer Zeit hat er sich normalerweise wieder gefasst und beginnt mit einer neuen Geschichte. Diesmal verharrt er regungslos, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Es ist ein Anblick, den ich so von Opa nicht kenne, normalerweise strömen die Worte nur so aus ihm raus, wenn er aufgefordert wird, über etwas zu sprechen, was es auch sein möge. Das macht seinen Charme aus, zu jeder Anekdote fällt ihm eine weitere ein, sodass man Stunden damit verbringen könnte, einfach nur dazusitzen und ihm zuzuhören. Umso mehr verwirrt es mich, dass er nicht die Initiative ergreift, um weiterzusprechen. Ihm fiele mit Sicherheit etwas ein. Deshalb frage ich vorsichtig nach: „Ist alles in Ordnung bei dir?“ Seine Beteuerung, dass es so sei, überzeugt mich nicht ganz, doch ich belasse es dabei. Wenn er in der passenden Stimmung ist, wird er es mir schon erzählen.
Die Minuten verstreichen, sowohl Opa als auch ich hängen unseren Gedanken nach, wobei ich mir eher darüber Gedanken mache, was ihn beschäftigen mag. Doch bald danach hat er sich wieder gefasst und das wohlbekannte, leuchtende Lächeln formt sich auf seinem Gesicht.
„Du willst wissen, was sonst noch alles beim Unterkofl passiert ist? Nun denn, so manches, denn ich wusste mir stets zu helfen. Manches Mal plagte mich dort der Hunger, wie so oft in meiner Kindheit, doch mich dem einfach so zu ergeben war nie meine Art. Vom immer gleichen ‚Muas‘ zum Frühstück, den eintönig schmeckenden Knödeln zu Mittag oder der mageren Suppe abends konnte ein junger Bub, wie ich es war, einfach nicht satt werden! Da ließ ich mir schon etwas einfallen: Ein guter Freund von mir wohnte auf einem Hof in der Nähe. Der war oft genauso hungrig wie ich und wollte auch endlich etwas Ordentliches essen! Also sprachen wir uns ab und warteten, bis die Bauern seines Hofes das Haus verlassen hatten. Sogleich stahl ich etwas Rahm von zu Hause, eilte zu ihm hinüber und traf ihn in der Küche. Manchmal trafen wir uns aber auch bei mir, je nachdem, was besser passte. Ich präsentierte ihm stolz den gestohlenen Rahm und er zeigte mir den entwendeten Honig, den er mitgebracht hatte, und dann ging’s so richtig los! Wir mischten die Zutaten, erwärmten sie und ließen sie dann erkalten. Das Ergebnis war eine Speise, so gut, wie ich sie selten gegessen habe. Wir schnitten alles in Scheiben und verzehrten es vor Ort, damit uns niemand erwischen würde. War das eine Freude! Na ja, du musst dir vor Augen führen, wie meine Ernährung sonst ausgesehen hat: Gelegentlich plagte mich der Hunger dermaßen, dass ich in den Schweinestall ging und den Tieren das Futter stahl. Das bestand meist aus Kartoffelschalen sowie zu kleinen, ausgemusterten Kartoffeln, doch mir war das mehr als nur gut genug. Aber satt wurde ich davon auch nicht, weswegen ich jeden Morgen vor der Bäuerin in den Hühnerstall ging, mir ein oder zwei Eier holte und sie noch vor Ort austrank! Oder ich schlich mich zu den Kühen, bevor sie gemolken wurden, und trank die Milch direkt aus dem Euter immer derselben Kuh. Ach, das waren noch Zeiten! Wie gesagt, ich fand stets einen Ausweg. Gut, eine Ausnahme gab es dann doch: Im Laufe der Zeit überführten mich Bäuerin und Bauer, weil die Kuh nie gleich viel Milch gab. Das machte sie misstrauisch, weshalb sie mich beobachteten und erwischten. Als ich auf frischer Tat ertappt wurde, fand ich keine Ausflucht mehr. Der Bauer kam auf mich zu, ohne dass ich es bemerkte, und riss mich an den Ohren weg; das reichte ihm aber nicht, im Anschluss zog er mich an den Ohren im Raum hin und her, bis sie bluteten. Da glaubte ich schon, ich hätte genug gebüßt, aber falsch gedacht! Nach kurzer Verschnaufpause wurden mir noch einige heftige Fußtritte und Watschn zuteil, damit mir nie wieder in den Sinn käme, es nochmals zu versuchen. Aber im Grunde genommen war es mir egal, ich verzagte deshalb nicht. Eine andere Sichtweise hätte mich auch nicht satt gemacht, und so wurde ich das zumindest. Wenn ich bedenke, wie sehr ich diese Taten büßen musste, kann ich getrost sagen: Das zusätzliche Essen habe ich mir verdient!
Mehr noch: Je größer der Hunger wurde, desto kühner wurde ich. So zum Beispiel einmal, als ich den Bauern, der auch Imker war, zu den Bienenständen begleitete, um ihm zu helfen. Da gab er mir einige Wabenstücke in die Hand, die ich halten sollte, während er Arbeiten vornahm. Als er wegsah, konnte ich mich nicht mehr halten und schleckte den süßlich-glänzenden Honig in den Waben ab. Mehrmals – ich genoss es sehr. Plötzlich verspürte ich einen brennenden Schmerz auf der Zunge. Augenblicklich schwoll meine Zunge an und wurde taub, da verstand ich: Eine Biene hatte mich gestochen! Der Bauer bemerkte den Stich, sagte dazu aber nichts, ich glaube, er verdächtigte mich nicht, an seinem Honig genascht zu haben. Da hatte ich Glück!“
Ich frage mich, wie sehr der Unterkofl wohl eine Heimat für Arthur gewesen sein mag. War es für ihn nicht vielmehr bloß ein weiterer Aufenthaltsort auf seiner einsamen Reise, deren Zweck es war, ihn zu sättigen und nachts sicher schlafen zu lassen? Es war ein Ort, den er eine Zeit lang bewohnte, nicht mehr und nicht weniger. Deshalb machte es ihm auch nichts aus, jeden Sommer auf einem benachbarten Hof zu verbringen, auf dem er genauso viel zu arbeiten hatte, oder den Unterkofl im Alter von vierzehn Jahren gänzlich zu verlassen. Im Gegenteil: Der Umzug zum Oberkofl bereitete ihm große Freude, denn dort wurde er zu jemandem. Während er auf dem Unterkofl stillschweigend zu gehorchen hatte und sich nie wirklich einbringen durfte, brachte der Wechsel zum Oberkofl eine weitreichende, erfüllende Veränderung mit sich: Er wurde ein Knecht. Eine Bezeichnung, die ihn mit Stolz erfüllte, die ihn zu jemand Wichtigem machte.
„Der Oberkofl. Gut und genug zu essen und endlich keine Schafe mehr zu hüten! Das war keine Aufgabe für einen Knecht, wie ich einer geworden war. Mir wurden andere, verantwortungsvollere und schwerere Arbeiten aufgetragen. So half ich etwa beim Backen, genauer: beim Rühren des ‚Mitten‘ [Mehl-Wasser-Mischung in einem Holzfass], denn das war eine Arbeit, die für die Bäuerin zu anstrengend gewesen wäre. Ja, Knecht war ich! Diese Bezeichnung macht etwas her, nicht? Stolz ging ich jeden Tag an die Arbeit und erledigte sie so gut wie möglich! Nach zwei Jahren, ungefähr mit sechzehn, zog ich dann wieder um, diesmal ging es zum Köchel. Die Situation dort war wenig angenehm, weil das Essen schlecht war und mehrere Frauen gleichzeitig das Sagen hatten, nur nicht die Bäuerin. Doch auch hier war ich Knecht und es war insgesamt erträglich. Ich teilte mir ein Zimmer mit zwei anderen Knechten und musste hauptsächlich die Äcker pflügen, Holz und Heu transportieren oder mich allgemein um den Hof kümmern. Was ein Knecht halt so macht …“
Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass die letzten zwei Episoden nicht so ganz in die Thematik des Kapitels zu passen scheinen. Schließlich soll es um den Wohnort gehen, der zur Heimat geworden ist. Dennoch spreche ich fast ausschließlich von dem Titel, den Arthur trug. Aber ist es nicht so, dass sowohl der Heimatort als auch dieser Titel dieselbe Aufgabe erfüllen können? Sind sie nicht gleichermaßen identitätsstiftend, was meines Erachtens eines der wohl prägendsten Merkmale von Heimat ist? Obschon Arthur zu Beginn seines Weges, also auf dem Mösl oder dem Unterkofl, den jeweiligen Ort als Heimat definiert hat, beginnt er nun unbewusst diese weite Auslegung von „Heimat“ anzunehmen. Denn weder gefiel es ihm beim Oberkofl übermäßig noch wurde er dort glücklich, was die Bezeichnung Heimat in meinen Augen rechtfertigen würde. Genauso wenig beim Köchel. Nein, die Wichtigkeit dieser Orte liegt einzig und allein in der Bezeichnung, die Opa ab sofort tragen durfte: Knecht. Sie schenkte ihm eine Identität, er fühlte sich dem Hof zugehörig, da es bestimmte Aufgaben gab, die ihm anvertraut worden waren und niemandem sonst. Diese Orte sind für ihn Heimat, weil sie ihm die Richtung wiesen, seinem Leben Sinn schenkten. Und der Köchel sollte zukunftsweisend werden:
„Eines Tages ging ich im Auftrag der Bäuerin ‚Streb [Einstreu] zomrechnen‘, also im Wald einen Strohersatz aus Blättern und allerlei herabgefallenen Baumresten sammeln, der dann auf einem ‚Grieg‘ genannten Wagen von Ochsen in den Stadel gezogen wurde. Durch die jahrelange Übung fiel mir die Arbeit nicht sehr schwer, weshalb ich den nahenden Besuch auch gleich erblickte: Das schönste Mädchen von Deutschnofen, Rosa Riegler, genannt Nocker Resel, kam vorbei, sie war gerade auf dem Weg ins Dorf. Ich kannte sie aus der Schule, aber wir besuchten nicht dieselbe Klasse, sie war nämlich drei Jahre älter als ich. Deshalb hatte ich vorher nie etwas mit ihr zu tun gehabt, außer ein einziges Mal, als wir einen Handel trieben. Ach Gott, hat sie mich da betrogen! Haha. Das muss ich dir zuerst erzählen:
Damals besaß ich einen Hasen, ein Prachtexemplar, den Rosa haben wollte, um Nachkommen zu züchten. Sie sprach mich auf ein Tauschgeschäft an: Ich sollte ihr den Hasen überlassen, sie würde mir dann mehrere kleine dafür geben. Nachdem ich ihn ihr gegeben hatte und nach einigen Tagen meinen Teil einforderte, war ich sehr überrascht, dass sie mir nur zwei sehr kleine Hasen gab. Ich wollte mich wehren, doch war sie in Begleitung mehrerer junger Knechte, die allesamt zu ihr hielten. So war ich gezwungen, ohne ein Wort des Widerspruchs das mich benachteiligende Geschäft anzunehmen, mein Hase war sowieso schon längst bei ihr.“
Wenn er heute von dieser Begebenheit erzählt, lächelt er und trägt ihr nichts nach:
„Sie hat mich zwar betrogen, aber sie war ein wunderbares Mädchen.
Kommen wir zurück zur Begegnung mit Rosa im Wald. Ich wusste es zwar noch nicht, aber das Nachfolgende sollte unser beider Leben für immer prägen. Sie war eine Tochter der Obernocker Bäuerin, die Jüngste von neunzehn Kindern, und dementsprechend gewieft. Ohne zu zögern, sprach sie mich an: ‚Arthur, sag, gefällt es dir beim Köchel?‘ Ich verneinte dies entschieden, und so wagte sie den Vorstoß: ‚Hättest du nicht vielleicht Lust, zu uns auf den Obernock zu kommen und dort als Knecht zu arbeiten?‘ Ich zögerte keine Sekunde und stimmte zu. Wie hätte ich ein solches Angebot, unterbreitet vom wunderschönen Resel, ausschlagen können? Sie nahm die Antwort zur Kenntnis, verabschiedete sich und ging ihres Weges. So wurde ich, hoffnungsvoll und gespannt, zurückgelassen, doch bevor es so weit war, musste mich noch Rosas dreizehn Jahre älterer Bruder, der Bauer Karl, darauf ansprechen. Rosa diente nur als Vermittlerin, die Entscheidung lag bei ihm.
Glücklicherweise bekam ich rasch die Antwort. Schon nach einigen Tagen, an einem Sonntag nach der Messfeier, bot Karl mir an, als Knecht auf seinem Hof zu arbeiten. So kam es, dass ich mich im Alter von siebzehn Jahren wieder vom Köchel verabschiedete. Mit nur wenigen Kleidern im Gepäck war der Umzug nicht schwer.“
Der Umzug zum Obernock stellte eine weitreichende Veränderung dar: Mit rund achtzig Hektar Fläche war er einer der größten Höfe Deutschnofens, dementsprechend gut erging es meinem Opa dort. Der damalige Wohlstand kann aber keineswegs mit dem heutigen verglichen werden, denn obgleich der Besitz ansehnlich war und niemand Not litt, wurde gespart wie in Krisenzeiten:
„Gut erging es ihnen schon, im Überfluss lebten sie nicht. Klar, wenn jemand etwas brauchte oder haben wollte, konnten sie es sich erlauben, das kam jedoch nicht sonderlich oft vor. Hunger leiden musste niemand, was mich sehr beruhigte, zudem gab es stets genug Arbeit, die mich erfüllte, und alle Bewohner waren sehr nett zu mir. Dieser Umzug war das wohl größte Glück in meinem jungen Leben. Selbstverständlich war nicht alles schön, aber damit fand ich mich bereitwillig ab. So teilte ich mir das Schlafzimmer mit Luis, einem Verwandten Rosas, der schon sein ganzes Leben auf dem Hof lebte und einzig das Arbeiten im Kopf hatte. Nie hatte ich mit ihm irgendwelche Auseinandersetzungen, ein gutes Verständnis war mir immer wichtig und trug auch zu einem besseren Arbeitsverhältnis bei. Das stellte also kein Problem dar. Das Zimmer an sich schon. Es lag an einem Ende des Hauses, weshalb es im Winter darin sehr kalt werden konnte. Als hätte das nicht genügt, war außerdem ein Fenster kaputt, was der Kälte zusätzlich Eintritt bot. Im Winter wurde es bitterkalt, meist so kalt, dass sich an den Mauern hoher Reif bildete, in den wir dann zeichneten. Die Matratze, auf der ich schlief, war, genauso wie die aller Knechte und Bauerskinder, nicht mehr als ein Strohsack. Daran war ich gewöhnt, da dies bei meinen vorhergehenden Wohnorten ebenfalls so gewesen war. Das hätte mich keineswegs gestört, wären nicht unzählige Läuse und Flöhe darin heimisch gewesen. Die Nächte wurden dadurch häufig sehr unruhig. Aber man akzeptierte das gleichgültig, schließlich war es bei jedem so, außer beim Bauernpaar. Sie verfügten über eine Matratze, hatten im Zimmer sogar einen Ofen stehen und zogen sich um, um zu Bett zu gehen. Ja, ein Nachthemd besaßen sie! Wir Knechte wussten nicht einmal, was das sein sollte. Ein Nachthemd.“
Bei solchen Gesprächen überfällt mich immer wieder dieselbe Erkenntnis: Der Reichtum, in dem wir heute leben, ist unverhältnismäßig und bizarr. Wir täten wohl gut daran, uns ein Beispiel an der Lebensweise jener Menschen zu nehmen, die maßgeblich dazu beitrugen, dass dieser Wohlstand unsere heutige Wirklichkeit darstellt. Es ist für mich immer wieder unverständlich, warum Opa von dieser Zeit, die geprägt war von Arbeit, Armut und noch schwererer Arbeit, fast ausschließlich positiv berichtet. Wenn man ihm zuhört, muss man immer wieder darauf achten, nicht in den schwärmerischen Wunsch zu verfallen, diese Zeit erleben zu dürfen. Denn rosig war sie sicherlich nicht. Warum erzählt er dann aber so erfreut davon?
Arbeit gibt dem Menschen Orientierung und Halt, er kann etwas tun, um seine Gegenwart und unmittelbare Zukunft zu verbessern. Bezogen auf die Feldarbeit bedeutet dies, er kann sich ihr völlig hingeben und weiß, er wird – höhere Gewalt ausgenommen – einen gerechten Lohn erhalten. Und Armut kann einen jungen Menschen dazu anspornen, noch härter zu arbeiten und alles für eine glücklichere Zukunft zu unternehmen. Doch allein hierin liegt die Erklärung wohl nicht: Dazu kommt noch der prägendste Charakterzug meines Großvaters, nämlich sein unbedingter Optimismus, der um jeden Preis das Gute sehen und sich nicht mit bedrückenden Ereignissen aufhalten wollte. Momente der Niedergeschlagenheit waren seiner Ansicht nach vergeudete Zeit. Der unbedingte Optimismus war die einzig denkbare Perspektive für ihn. Ob das immer klug war? Ich wage es zu bezweifeln, dass er seines Optimismus wegen nie bitter enttäuscht wurde. Seine Einstellung mutet aber derart an: „Wenn es diesmal auch nicht gelingt, ein nächstes Mal wird kommen. Und dann ein übernächstes. Ich versuche es jedes Mal, es wird mir sicher gelingen, wenn die Zeit reif ist.“ Er ließ den Dingen und sich Zeit, was dazu führte, dass alles in allem die Rechnung für ihn mehr als zufriedenstellend aufging. Er glaubte stets daran, dass er die Zukunft zu einer besseren machen könnte. „Ansonsten war beim Obernock vieles gleich wie auf anderen Höfen zur damaligen Zeit: Es gab weder Strom noch fließend Wasser, dementsprechend weder Badezimmer noch Kühlschrank. Dies führte dazu, dass Würmer in beinahe sämtliche Speisen Einzug hielten. Im Mehl waren immer welche zu finden; der Speck war, wenn er nicht gerade von Würmern befallen war, ranzig und beinahe ungenießbar. Aber wir einfachen Leute durften uns nicht beklagen, als Knecht musste ich mich mit dem ranzigen Speck zufriedengeben. Der stellte nämlich das einzige Fleisch dar, das ich erhielt. Man gewöhnt sich aber an alles. So machte es mir auch nichts aus, mich täglich ohne Seife im gleichen Wasser wie alle anderen Knechte zu waschen. Wir mussten, um hundert Liter Wasser zu holen, täglich über eine Stunde zu Fuß gehen, da kann man sich denken, wie sparsam wir damit umgegangen sind! Und wir haben trotzdem überlebt.“
Diesen letzten Satz betont er bewusst provozierend. Er weiß, dass dies heutzutage kaum mehr vorstellbar wäre, dass sich die gesellschaftlichen Normen geändert haben. Aber manche dieser Normen, wie die akkurate Körperpflege, leuchten ihm nicht ein. Und da er als junger Mann solchen Normen überhaupt nicht Rechenschaft getragen hätte, will er das dem Zuhörer unter die Nase reiben. Es wäre ihm egal gewesen, weil es in seinen Augen noch immer nicht nötig ist, nichts mehr als unnützer Zeitvertreib. Je älter er wird, desto radikaler wird er in dieser Hinsicht. Fast so, als ob er sich immer weiter zurückerinnern würde und die damalige Realität mit der heutigen Gegenwart vermischte. Es will ihm halt einfach nicht einleuchten, weshalb er es niemals verpasst, in dieser Diskussion Seitenhiebe auf die „verwöhnte“ Gesellschaft auszuteilen.
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„Einzuleben tat ich mich auch nicht schwer, denn es fühlte sich alles sehr heimelig an und ich wurde zu einem richtigen Bauern ausgebildet. In dieser Zeit wurde ich mir meines Wunsches bewusst, eines Tages auch mal einen Bauernhof zu besitzen. In jungen Jahren ging mein Eigentum jedoch nie über einige Tiere hinaus, die meine Handelswaren darstellten. Nicht nur darauf lag meine Perspektive in dieser Zeit: Wie es das Schicksal so wollte, kamen Rosa und ich uns durch tägliche Gespräche und die gemeinsame Arbeit stets näher. Mehr als Freundschaft war es in den ersten Jahren unserer Bekanntschaft eigentlich nicht – mit Ausnahme einer einzigen Episode:
Eines Abends trafen wir uns zufällig auf der Treppe, die ins Obergeschoss führte, und fühlten uns unbeobachtet. Da wusste ich, was zu tun war. Du musst wissen, ich habe nicht, nie, geschlafen! Ich beugte mich also vor und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Obwohl er nur von kurzer Dauer war, freute sich Rosa über den Kuss. Womit wir beide nicht rechneten: Karl hatte uns gesehen. Er zögerte nicht lange, schritt auf Rosa zu und ohrfeigte sie. Das ließ ich mir nicht gefallen, deshalb packte ich ihn mit beiden Händen am Kragen und drohte: ‚Tu ihr nochmal was an und ich verprügle dich!‘ Wenn er auch der Bauer war, so wollte ich nicht einmal von ihm alles dulden! Im Grunde genommen war ja seine und Rosas Mutter die Chefin auf dem Hof. Ansonsten bin ich mit ihm immer gut ausgekommen. Ich war ein fleißiger Arbeiter und Karl ein netter und gerechter Bauer. Er begegnete mir stets auf Augenhöhe. Nachdem ich mich hier eingelebt hatte, begann er mich öfters zu fragen: ‚Arthur, was tun wir denn heute?‘ Er wollte stets meine Meinung wissen, weil ich eine Ahnung hatte von dem, was ich tat. Wie gesagt, bereitete mir die Landwirtschaft große Freude und geschickt stellte ich mich auch noch an. Unser Verhältnis war von Vertrauen geprägt, Karl zögerte nicht einmal, mich mit dem Vieh allein auf den Jahrmarkt zu schicken, damit ich es dort verkaufen würde. Da ging es um viel Geld, und ich enttäuschte ihn nie!“
Von den Freiheiten, die wir heute für selbstverständlich erachten, wagte man damals nicht einmal zu träumen. Mit einer solchen Reaktion, wie Karl sie an den Tag legte, musste man rechnen, wenn man, wie Rosa und Arthur, es wagte, die Stände zu durchbrechen oder überhaupt eine solch „unsittliche“ Handlung zu begehen. Was der genaue Grund für Karls Reaktion gewesen sein mag – Arthurs niederer Stand oder das unangebrachte Verhalten der beiden –, kann man nur erahnen.
„Auf dem Obernock ist es mir gut ergangen. So gut, dass ich nebenbei Zeit zum Handeln hatte – was ich übrigens immer schon gern getan habe. Dadurch konnte ich mir eine Kleinigkeit zusammensparen und ich wusste von Beginn an, wofür ich das Geld verwenden wollte. Also ging ich eines Winters in einen Tauschladen und besorgte mir Ski einer sehr bekannten Marke. Ich war bis dahin noch nie Ski gefahren, weswegen ich es unbedingt einmal versuchen wollte. Sofort machte ich mich zum Obernock auf, wählte eine abfallende Wiese aus und stieg auf die Ski. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was ich da tat, aber mich deshalb zu fürchten, wäre mir nicht eingefallen. Unbekümmert fuhr ich los und wurde schneller und schneller. Ehe ich mich versah, tauchte ein Baum vor mir auf, doch es war mir unmöglich, zu bremsen oder auszuweichen. Also fuhr ich geradewegs in den Baum hinein. Da bin ich umgefallen, der Baum aber ist stehen geblieben. Mit Schmerzen im Fuß kroch ich auf allen vieren zum Hof zurück, wo mir geholfen wurde und ein Arzt feststellte, dass mein Fuß gebrochen war. Sobald ich wieder laufen konnte, verschenkte ich die Ski. Ich wollte nichts mehr davon wissen und bin auch später nie wieder auf die Bretter gestiegen.“
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„Erlebt habe ich auf dem Obernock viel. Hier bin ich zu einem Mann gereift und habe vieles gelernt. Es fühlte sich wie eine Heimat an. Vor allem Rosas Mutter, die ebenfalls Rosa hieß, hatte mich gern. Sie war die Entscheidungsträgerin auf dem Hof, weil ihr Gatte schon früh verstorben war. Sämtliche Geschäfte wurden von ihr geleitet und organisiert. Ja, sie mochte mich sehr.“
Es scheint mir, als habe Opa in dieser Zeit Orientierung gefunden. Dazu trug wohl Rosas Interesse an ihm bei, aber auch die Aufmerksamkeit, die ihm von den weiteren Familienmitgliedern entgegengebracht wurde. Vielleicht stellt der Obernock den ersten Ort dar, an dem er sich nicht allein fühlen musste, an dem er keine Angst zu haben brauchte, weil er mittlerweile alt und erfahren genug war, um sich notfalls zur Wehr zu setzen. Bei Beschreibungen vom Obernock hatte ich stets das Gefühl, dass er sich zum ersten Mal seit dem Verlassen des Mösl wahrlich zu Hause fühlte. Die Aufenthalte an all den anderen Orten beschrieb er meist bloß mit den Adjektiven „gut“ oder „schlecht“, um dann eine unterhaltsame Anekdote folgen zu lassen und sich im Erzählen eines anderen wichtigen Lebensereignisses zu verlieren. Beim Obernock hingegen wechselte er nie das Thema, sondern sprach immer wieder gern darüber und gab jedem zu verstehen, wie viel ihm der Ort samt seinen Bewohnern bedeutete. Als Sprungbrett für sein späteres Leben. Als Schule für seinen Geist voll des Tatendrangs. Als Heimat für seine verlassene Seele.
Für zwei Jahre jedenfalls. Als Neunzehnjähriger erhielt er ein Arbeitsangebot von seiner Ziehschwester in Bozen. Er sollte als Magazineur für ihre beiden Gasthäuser arbeiten. Aus Verdienstgründen nahm er das Angebot an und zog – den Obernock im Herzen – nach Bozen. Die Zeit hier wusste er zu nutzen: Vom gesparten und durch Handelsgeschick erwirtschafteten Geld der letzten Jahre sowie von seinem mageren Verdienst – er arbeitete hauptsächlich für den Lohn der Verköstigung – finanzierte er sich den Führerschein.
„Untertags arbeitete ich als Magazineur der beiden Gasthäuser der Familie Plattner, abends besuchte ich ein Jahr lang die Fahrschule. Anschließend trat ich zur Prüfung an: Zuerst musste ich dem Prüfer theoretische Fragen mündlich beantworten. Um nicht zu riskieren, vor Nervosität den Faden zu verlieren, war es damals üblich, sich vor der Prüfung mit Schnaps Mut anzutrinken. Ein Stamperle wirkt da Wunder! Direkt nach Bestehen der theoretischen Prüfung ging es über zum praktischen Teil. Da hatte ich keine Probleme, so bekam ich bald darauf das ‚Patent‘ – und ein neues Leben begann.“ In der Tat begann für Opa mit der Erlangung des Führerscheins ein neues Leben. Damit war er nicht mehr an einen Ort gebunden. In den darauffolgenden Jahren sollte er die Freiheit kennenlernen, Geborgenheit in einem Gefühl zu finden. Im Gefühl der weiten Landstraßen und engen Dorfgassen seiner „wahren“ Heimat: Südtirol.
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