Kitabı oku: «Die Taube auf der Moschee»

Yazı tipi:

MARMADUKE PICKTHALL

DIE TAUBE AUF DER MOSCHEE

Unterwegs im Orient

Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann

S T E I D L

Inhalt

Cover

Titel

Einleitung

Rashîd der Schöne

Eine Garnison in den Bergen

Die Nashornpeitsche

Der höfliche Richter

Nawâdir – Kostbarkeiten

Der klappernde Sack

Polizeiarbeit

Mein Landsmann

Getrennte Wege

Der fahrende Ritter

Der Fanatiker

Rashîds Rache

Der hängende Hund

Die Tiger

Hochmut vor dem Fall

Tragödie

Bastirma

Der Dragoman als Künstler

Liebe und der Patriarch

Der unbeliebte Landbesitzer

Der Caïmmacâm

Über Schmiergelder

Das Schlachtfeld

Die Mörder

Die Bäume des Landes

Wir kaufen ein Haus

Eine Enttäuschung

Über Verbrechen und Strafe

Der Weingarten ohne Mauer

Der Atheist

Wir verkaufen unser Gewehr

Mein Wohltäter

Glossar

Nachwort

Editorische Notiz

Über die Autoren

Impressum

Endnoten

Einleitung

Anfang des Jahres 1894 bewarb ich mich um eine von zwei offenen Stellen im für die Türkei, Persien und Levante zuständigen Konsularischen Dienst, scheiterte jedoch daran, mir im Auswahlverfahren den nötigen Platz zu sichern. Ich war verzweifelt. Monatelang hatten all meine Hoffnungen sonnigen Ländern und alten Zivilisationen gegolten, fern der düsteren Monotonie des Londoner Nebels, die mir nun, da ich ihr nicht entfliehen konnte, wie ein Albtraum vorkam. Da ich mit achtzehn bereits bei ein oder zwei Abenteuern versagt hatte, hielt ich mich für einen völligen Versager und war zutiefst betrübt. Ich träumte von der Sonne des Orients, von Palmen, Kamelen, Wüstensand, wie von einem wegen meiner Unzulänglichkeiten verlorenen Paradies. Wie groß war also meine Freude, als meine Mutter eines Tages meinte, es sei für mich vielleicht von Vorteil, den Orient zu bereisen, denn meine Sehnsucht danach scheine auf einen natürlichen Instinkt hinzuweisen, den sie, die selbst Erinnerungen an den Nahen Osten habe, voll und ganz teile!

Damals hatte man wohl die Vorstellung, ich könne schließlich irgendwie, nachdem ich die Sprachen gelernt und das Leben vor Ort studiert hätte, durch die Hintertür in den Dienst des Außenministeriums treten. Doch obwohl meine Eltern an dieser Idee festhielten, um die Ausgaben für meine Expedition zu rechtfertigen, hatte ich nie Gefallen daran gefunden, und in dem Augenblick, da ich Ägypten, mein erstes Reiseziel, erreichte, verlor sie für mich jeden Reiz, den sie zu Hause gehabt haben mochte. Denn von da an erlosch mein Interesse für europäische Anliegen, wirkten diese doch in der neuen Umgebung irgendwie unangemessen und falsch. Anfangs versuchte ich dieses Gefühl oder diese Auffassung zu überwinden, da mir dergleichen, solange ich unter Engländern lebte, unrecht erschien. Meine ganze bisherige Erziehung hatte darauf abgezielt, mir die kultische Verehrung der Gewohnheiten einer bestimmten Gesellschaftsschicht aufzudrängen. Zu versuchen, mit Orientalen jedweder Herkunft auf Augenhöhe zu verkehren, war etwas, das von den Menschen, die mir bislang als Vorbild gedient hatten, nie getan, ja nicht einmal in Betracht gezogen wurde.

Mein heimlicher Wunsch, die Einheimischen des Landes kennenzulernen, wäre wie andere unkonventionelle Wünsche, die ich zuweilen hegte, bis heute unerfüllt geblieben, hätte eine zufällige Begegnung mich nicht vorübergehend von englischer Aufsicht befreit. Meine Verwandten hatten mich mit Empfehlungsschreiben an verschiedene einflussreiche Engländer in Syrien ausgestattet, unter anderem auch an eine hoch angesehene Familie in Jerusalem; und wir hatten vereinbart, dass ich mich nach meiner Ankunft sofort an diese Familie wenden und sie um Rat und Informationen bitten sollte. Doch an Bord des Schiffes, das mich von Neapel nach Port Said brachte, traf ich einen Mann, der diese Leute gut kannte – tatsächlich hatte er jahrelang in ihrem Haus gewohnt – und der die Rolle meines Mentors übernahm. Ich blieb einige Wochen in Kairo, nur weil auch er blieb, und begleitete ihn auf der Überfahrt nach Jaffa. Aus unbekannten Gründen – vielleicht steckte Irrsinn dahinter – wollte er damals nicht, dass ich Jerusalem besuchte. Und als wir in Jaffa ankamen, erzählte er mir allerlei Merkwürdiges über die Familie, die ich besuchen wollte: Die Leute seien überaus exzentrisch und wankelmütig, und ich solle lieber in Jaffa bleiben, bis er mich benachrichtigte, ob ich wirklich willkommen sei. Wie ich später herausfand, handelte es sich um eine dreiste Lüge, eine Verleumdung eines sehr gastfreundlichen Hauses. Doch damals glaubte ich ihm und all seinen Behauptungen, da mir keine anderen Informationen zur Verfügung standen.

Ich blieb also in Jaffa, in einem kleinen Gasthaus der deutschen Kolonie, das den Vorzug hatte, sauber und billig zu sein, und dort säße ich wohl heute noch, hätte ich auf die Nachricht gewartet, die mir mein Ratgeber versprochen hatte. Während meiner ersten zwei Wochen erschien mir das Leben dort ausnehmend langweilig. Dann nahm sich Mr. Hanauer, der englische Kaplan und berühmte Altertumsforscher, dem mein einsames Dasein offenbar leid tat, meiner an; er führte mich herum und lehrte mich Arabisch. Er stammte aus Jerusalem und liebte Palästina. Meinen geheimen Wunsch, mich mit den Orientalen zu verbrüdern, den ich nach einigem Zögern preisgab, begrüßte er. Und dann lernte ich einen klugen Dragoman, einen der berühmtesten Spaßvögel Syriens, kennen, der zufällig in meiner kleinen Pension wohnte und nichts anderes auf der Welt zu tun hatte als Maulaffen feilzuhalten. Er half mir, das Europäische abzuwerfen und in die Lebensweise der Einheimischen einzutauchen. Mit ihm ritt ich über die Ebene von Sharon, reiste unter Fellâhîn und saß in den Kaffeehäusern von Ramallah, Lydda, Gaza, traf Leute jeglichen Schlages und lernte so den Dialekt mühelos, als wäre es nur ein Spiel. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang saßen wir im Sattel. Wir pilgerten zur Nebi Rubîn, der Moschee am Rand der Marschen an der Küste, auf halbem Wege nach Gaza; wir ritten nordwärts zum Fuß des Carmel; erforschten die Schluchten der Berge von Judäa; besuchten türkische Bäder; aßen die Gerichte der Einheimischen und schliefen in ihren Häusern – befolgten in jeglicher Hinsicht die Bräuche der Landbevölkerung. Und ich staunte, wie sehr ich dieses Leben genoss. In all meinen früheren Jahren hatte ich nie glückliche Menschen gesehen. Diese hier waren glücklich. Sie mochten arm sein, träumten aber nicht von Reichtum. Konkurrenzdenken war ihnen unbekannt, und Streitigkeiten wurden noch immer mit Pferd und Speer ausgetragen. Löhne und Mieten waren Sorgen, von denen sie nie gehört hatten. Es gab keine Klassenunterschiede, so wie wir sie verstehen. Jeder sprach mit jedem. Ungleichheit erwiderten sie mit echter Brüderlichkeit. Manche klagten, sie würden schlecht regiert, was lediglich bedeutete, dass man sie, von bedeutenden Anlässen abgesehen, sich selbst überließ. Eine Regierung, die für jedes Individuum zuständig ist und sich bis zu einem gewissen Grad in den Alltag einmischt, mag von Europäern geschätzt werden, scheint dem Orientalen jedoch unerträglich zu sein. Ich hatte eine Vision der leidenden Völker der Erde, die sich durch ihr Elend genötigt fühlten, die glücklichen Völker ins Unglück zu stürzen; eine Vision, die in späteren Jahren deutlicher wurde. Doch das unbeschwerte Leben des Orients besitzt, wie jeder weiß, der es zu ändern versucht, eine Widerstandskraft, welche die Heerscharen freudloser Plackerei vielleicht noch besiegen kann.

Mein syrischer Freund, der Suleymân aus den folgenden Skizzen, stellte mich den einzigen Europäern vor, die für solch ein Leben Partei ergriffen – einer französisch-elsässischen Familie, den Baldenspergers, berühmt als Pioniere der fachkundigen Imkerei in Palästina, die gastfreundlich ihren Teil zu meiner Initiation beitrugen. Sie besaßen unzählige Bienenkörbe in verschiedenen Gegenden des Landes – ich habe sie in der Nähe der Gärten von Jaffa und in den Bergen südlich von Hebron gesehen – Körbe, die sie in der entsprechenden Jahreszeit auf Kamelen zu neuen Blumenfeldern transportierten. Lange Zeit ignorierte die Regierung ihr Unternehmen, bis sich das Gerücht verbreitete, es sei sehr einträglich. Also belegte man es mit einer hohen Steuer. Die Baldenspergers weigerten sich, sie zu bezahlen. Sie sagten, die Regierung könne die Bienenkörbe haben, wenn sie wolle. Man schickte Soldaten los, um sie zu beschlagnahmen. Doch die Imker hatten aus jedem Korb den Boden entfernt, und als die Soldaten sie anhoben, schwärmten die zornigen Bienen aus. Die Soldaten ergriffen die Flucht, und nach dieser Erfahrung erklärte sich die Regierung zu einem Kompromiss bereit. Ich erinnere mich noch gut an einen langen Tagesritt mit Emile und Samuel Baldensperger in der Gegend um Askelon und Ekron und an das Mittagessen, das ein Dorfvorsteher für uns aufgetischt hatte, ein ganzes gebratenes Schaf, gefüllt mit Nüssen und Gemüse, und an einen Tag, den ich mit Henri Baldensperger in der Region von Hebron verbrachte. Die in jener Zeit geschlossenen Freundschaften sollten ein Leben lang halten. Hanauer, die Baldenspergers, Suleymân und andere Einheimische zählen, wenn sie nicht gestorben sind, bis heute zu meinen Freunden.

Kurzum, ich war einige Monate völlig außer Rand und Band, so wie es sich für einen Engländer keineswegs geziemt, und als ich schließlich auf eine dringende Einladung in Jerusalem aufkreuzte und meine Empfehlungsschreiben vorzeigte, tat ich dies zum Teil in der Landestracht und erfüllt von einer Liebe zu den Arabern, die, wie man mir zu verstehen gab, unangemessen war. Meine einheimischen Freunde wurden misstrauisch beäugt. Man sagte mir, sie seien unerwünscht, und als ich für sie eintrat, brachte man mich rasch mit der Bemerkung zum Schweigen, ich sei noch sehr jung. Ich konnte schwerlich behaupten, über so viel Erfahrung zu verfügen wie meine erwachsenen Ratgeber, deren häufige Warnungen, man dürfe den Einheimischen nicht trauen, zu einem jener strengen moralischen Gebote wurden, welche junge Leute insgeheim liebend gern missachten.

Deshalb werden die ehrwürdigen, in Syrien lebenden Engländer auf diesen Seiten mit wenigen Ausnahmen als abschätzig und feindselig dargestellt. Sie hatten nichts gegen mich persönlich, sondern nur gegen meine Ansichten, zu denen ich mich damals noch nicht bekannte. Tatsächlich waren so viele von ihnen freundlich zu mir, besonders, wenn ich erkrankte, dass ich nur mit herzlicher Verbundenheit an sie denken kann. Doch die Einstellung der meisten von ihnen konnte ich niemals teilen, und die Tatsache, dass ich sie damals durchaus für richtig hielt und mich selbst mitunter als jämmerlichen Abtrünnigen empfand, ließ sie abscheulich erscheinen. In meinem orientalischen Leben waren Engländer, wie hier beschrieben, wirklich missbilligende Schatten im Hintergrund. Mit einem jedoch – der in diesen Geschichten oft Erwähnung findet – stimmte ich immer überein. Wir lebten monatelang in einem kleinen Bergdorf zusammen, und unsere damals geschlossene Freundschaft besteht bis heute. Doch er war eine Ausnahme, wenn auch nicht die einzige.

Dank des allgemeinen Urteils über meine arabischen Freunde führte ich während der Monate meines ersten Aufenthalts in Jerusalem eine Art Doppelleben, bis am Ende der Touristensaison Suleymân erschien, Abenteuer versprach und ich jede Zurückhaltung aufgab. Wir mieteten zwei Pferde und einen Maultiertreiber und ritten zusammen nach Norden. Vierzehn Tage später, am Fuß der Leiter von Tyros, musste Suleymân mich verlassen, da er in seinem Dorf gebraucht wurde. Ich ritt trotzdem weiter nach Norden, allein mit einem angeheuerten Maultiertreiber, einer schlichten Seele. Vielleicht vermitteln die folgenden Seiten einen Eindruck von meinen Abenteuern; ich habe versucht, das literarisch zu verarbeiten, was mir nach mehr als zwanzig Jahren noch deutlich vor Augen steht. Ein Bericht über Kleinigkeiten, zweifellos; doch kann man aus solch einer humorvollen, skizzenhaften Darstellung von Erfahrungen vielleicht etwas Menschliches lernen, das in gewichtigeren Werken nie zu finden ist.

Rashîd der Schöne

Die braune Ebene, im Hitzedunst verschwimmend, erstreckte sich weit in die Ferne, wo eine Bergkette den wolkenlosen Himmel zerschnitt. Sechs Monate Dürre hatte alle Pflanzen verwelken lassen. Nur blaue und gelbe Disteln und einige Dornbüsche hatten überlebt. Doch nach den Regengüssen des Winters würde die ganze Fläche aufblühen wie eine Rose. Bei einer späteren Reise durchquerte ich die Ebene im Frühling, als rund um die drei Lehmdörfer, die sich dort befanden, meilenweit Kornfelder wogten, eine irrwitzige Überfülle an Wildblumen die unbebauten Flächen bedeckten und scharlachrote Tulpen inmitten des Weizens aufloderten.

Nun aber war alles Wüste. Nach einem Viertagesritt in solch einer Landschaft denkt man allzu gern an das Ende der Reise, an die Stadt des ganzjährig fließenden Wassers, schattiger Gärten und Vogelgezwitscher. Ich stellte mir unsere Ankunft lebhaft vor, den Schatten und die Rast, die kühlen Getränke, das freundliche Summen der Bazare, und fragte mich, welche Briefe auf mich warteten, alles zur Melodie von »Onward Christian Soldiers«, denn das Klappern der Pferdehufe hämmert mir stets und gegen meinen Willen die unpassendsten Lieder in mein Gehirn, als mich ein plötzlicher Aufschrei erschreckte. Er stammte von meinem Begleiter, einem angeheuerten Maultiertreiber, und klang wütend. Der Bursche war vorausgeritten. Nun sah ich, dass er andere Reisende – zwei Männer, die auf einem Esel saßen – überholt und mit ihnen ein Gespräch angefangen hatte. Einer der beiden, der Hintere, war ein türkischer Soldat. Außer dieser kleinen Gruppe und einem Geier, einem bloßen Fleck am blauen Firmament, war kein anderes lebendiges Wesen in Sicht. Etwas musste geschehen sein, denn der Soldat wirkte belustigt, während mein armer Begleiter mit verzweifelten Gesten protestierte. Er wiederholte den lauten Schrei, der mich aus meinem Tagtraum gerissen hatte, wendete sein Maultier und eilte zurück zu mir.

»Mein Messer!«, schimpfte er. »Mein Messer! … Jene herrliche Stahlklinge, die mir zur Ehre gereichte! … So gut gehärtet und verziert! … Ein Familienerbstück! Dieser Schurke … möge Allah sein Leben verkürzen! … Ich meine den Soldaten … er hat’s gestohlen. Er bat mich, es kurz ansehen zu dürfen, schien es zu bewundern. Und ich Unschuldslamm gab es ihm. Er hat es in seinen Gürtel gesteckt und verlangt, den Schein zu sehen, der mich zum Tragen von Waffen berechtigt. Wer hat in dieser Wildnis je von so etwas gehört? Er wollte es nicht zurückgeben, obwohl ich ihn anflehte. Ich bin der Diener Euer Ehren: Sprecht für mich und zwingt ihn, es zurückzugeben! Es ist ein Erbstück!« Der Grauhaarige weinte wie ein kleines Kind.

Ich war sehr jung, und sein ausdrückliches Vertrauen in meine Autorität schmeichelte mir. Dass er von meiner Mannhaftigkeit abhängig war, erschien mir wertvoller als Gold und Diamanten. Ich nahm also all meinen Mut zusammen, gab meinem Pferd die Sporen und galoppierte dem Plünderer hinterher.

»Gib das Messer zurück!«, brüllte ich. »O Soldat! Ich spreche mit dir.«

Der Soldat wandte mir ein bemüht argloses Gesicht zu – ein gutaussehendes Gesicht mit einem schönen Schnurrbart und den Bartstoppeln einer Woche. Er hatte den Blick eines Gauners.

»Welches Messer? Ich verstehe das nicht«, sagte er sanft.

»Das Messer, das du diesem Maultiertreiber hier gestohlen hast.«

»Ach das!«, antwortete der Soldat mit einem abwehrenden Lachen. »Darüber müssen Euer Ehren sich keine Gedanken machen. Der fragliche Schurke ist ein bekannter Übeltäter. Wir sind alte Bekannte.«

»Beim Barte des Propheten, beim erhabenen Koran, bis zu diesem Moment habe ich das Gesicht dieses Teufels noch nie gesehen!«, schrie der Maultiertreiber, der mich eingeholt hatte.

»Gib das Messer zurück!«, befahl ich zum zweiten Mal.

»Bei Allah, niemals!«, lautete die kühle Antwort.

»Her damit, sage ich!«

»Nein, unmöglich … nicht einmal Euer Ehren zuliebe, obwohl ich, wie Allah weiß, fast alles tun würde, um Euch einen Gefallen zu tun«, murmelte der Soldat mit einem charmanten Lächeln. »Verlangt es nicht. Seid gewiss, dass ich es sofort zurückgeben würde, wenn es Euer Ehren Messer wäre. Aber dieser Mann ist, wie ich schon sagte, ein Schurke. Es bereitet mir Kummer, dass eine so bedeutende Person wegen einem … einem bloßen Hund so aufgebracht ist.«

»Falls er ein Hund ist, so ist er zumindest vorübergehend meiner. Gib also das Messer zurück!«

»Ach, Vielgeliebter, das ist völlig unmöglich.«

Der Soldat erklärte mit einem Wink die Sache für erledigt und wandte sich ab. Er zog eine Zigarette aus seinem Gürtel und wollte sie anzünden. Sein Begleiter auf dem Esel hatte nicht einmal nach hinten geblickt, so wenig Interesse zeigte er an dem Gespräch. Die Sache hatte nun lange genug gedauert. Ich wusste, dass ich im nächsten Moment anfangen würde zu lachen. Falls ich noch irgendetwas unternehmen wollte, musste ich es sofort tun. Ich zog meinen Revolver aus dem Halfter, hielt ihn dem Gauner an den Kopf und schrie: »Gib mir jetzt das Messer oder ich bring dich um!«

Der Mann sackte in sich zusammen. Blitzschnell gab er das Messer zurück. Ich gab es dem Maultiertreiber, der unter Tränen Allah pries und sich damit aus dem Staub machte. Ich wollte ihm gerade ebenso erleichtert folgen, da veranlasste mich der völlig verzweifelte Ausdruck des Soldaten, den Revolver aufzuklappen und zu zeigen, dass er nicht geladen war. Nun verwandelte sich mein Gegenspieler. Er saß wieder aufrecht und mit geschlossenem Mund im Sattel, und seine Augen funkelten scharfsinnig. Er starrte mich kurz fast ungläubig an und begann zu lachen. Ach, wie der Soldat lachte! Der Besitzer des Esels drehte sich um und stimmte mit ein. Sie fielen einander buchstäblich in die Arme und brüllten vor Lachen, während der Esel unter ihnen pflichtbewusst weiterzuckelte.

In einem kleinen Tal voller grüner Ostbäume saß ich vor einer Karawanserei, neben einem schmalen Fluss, dessen Ufer von Oleander gesäumt waren, und wartete auf eine Mahlzeit, als der Esel und seine Reiter erneut in Sicht kamen. Sobald der Soldat mich erspähte, stieg er hastig ab und rannte wie ein Besessener ins Gasthaus. Kurz darauf brachte er das bestellte Essen und deckte für mich den Tisch im Schatten der Bäume.

»Ich dulde es nicht, dass irgendein anderer Euch aufwartet«, verkündete er, »weil der üble Streich, den Ihr mir gespielt habt, so herrlich war. Nicht geladen. Nachdem ich solche Angst hatte! … Es ist ein schöner Revolver. Ich möchte ihn mir ansehen.«

»Ansehen darfst du ihn, solange du willst, aber nicht anfassen«, erwiderte ich, worauf er wieder lachen musste und behauptete, ich sei der lustigste aller Söhne Adams.

»Aber was hättet Ihr getan, wenn ich mich geweigert hätte? Er war nicht geladen. Was hättet Ihr getan?«

Seine Hand lag gerade auf der Stuhllehne. Ich klopfte ihm sachte mit dem Revolvergriff auf die Knöchel, damit er das Gewicht spürte.

»Wallahi!«, schrie er voll Bewunderung. »Ihr hättet mir damit wohl den Schädel eingeschlagen. Das alles nur wegen eines armen bedeutungslosen Mannes, den Ihr für eine Woche eingestellt habt und danach nie wiedersehen werdet. Efendi, lasst mich für immer Euer Diener sein!« Er klang plötzlich sehr ernst. »Kauft mich vom Militärdienst frei. Es kostet recht viel … fünf türkische Pfund. Und Allah weiß, ich zahle es Euch durch meine Dienste zurück. Um der Liebe zur Rechtschaffenheit willen, stellt mich ein, denn meine Seele gehört Euch.«

Ich machte mich lustig über die Idee. Er beharrte darauf. Als der Maultiertreiber und ich wieder aufbrachen, ritt er neben uns, diesmal auf einem anderen Esel – angeblich »geliehen« –, was bewies, dass er sich zu helfen wusste. »Bei Allah, ich kann ein Pferd beschlagen und ein Huhn braten. Ich kann mit Nadel und Faden umgehen, Kleider ausbessern und einen Vogel im Flug schießen«, erzählte er mir. »Ich könnte mich um den Stall und um das Haus kümmern. Ich würde alles tun, was Euer Ehren wünscht. Mein Spitzname ist Rashîd der Schöne. Meine Garnison ist Karameyn, nur zwei Tagesreisen von der Stadt entfernt. Kommt in ein, zwei Tagen und kauft mich frei. Der Lohn ist mir gleich. Nehmt mich probehalber!«

Im Khan, einem ziemlich wüsten, in dem wir übernachteten, bediente er mich sehr geschickt, was mir Respekt einflößte und dazu führte, dass ich mir wirklich wünschte, einen solchen Diener zu haben. Am nächsten Morgen, nach einem einstündigen Ritt, trennten sich unsere Wege.

»In sh’Allah, ich sehe Euch bald wieder«, murmelte er. »Mein Spitzname ist Rashîd der Schöne, nicht vergessen. Ich sage meinem Hauptmann, dass Ihr das Geld bringt.«

Ich sagte, ich würde es mir vielleicht überlegen.

»Bitte«, flehte er. »Ihr wollt doch niemanden beschämen, der Euch vertraut. Ich sage, dass ich Euch beim Hauptmann ankündige. Beschämt mich nicht vor dem Kommandanten und all meinen Kameraden! Ihr haltet mich für einen Dieb, einen Gesetzesbrecher, weil ich dem Kerl das Messer weggenommen habe?«, fragte er mit einem sanften Lächeln. »Ich sage Euch, o mein Lord, dass es mein Recht und meine Pflicht als Soldat des Sultans dieser Provinz gewesen ist. Eigentlich bricht dieser Maultiertreiber das Gesetz, indem er ohne Erlaubnis ein Messer trägt. Und Ihr, habt Ihr eine Genehmigung für diesen schönen Revolver? Dort, wo wir gestern zu Mittag aßen, waren andere Soldaten. Hätte ich sie um Hilfe gebeten, hätte ich das Messer und Euren Revolver leicht an mich nehmen können, und das ganz ehrenhaft, in völliger Übereinstimmung mit dem Gesetz. Warum habe ich es nicht getan? Weil ich Euch liebe! Versprecht mir, nach Karameyn zu kommen und mich auszulösen.«

Ich sah ihm nach, wie er auf seinem Esel zu einer Wasserrinne in den Bergen zuckelte, an deren Ufer der Reitweg nach Karameyn lag. Allem Anschein nach musste Rashîd ein Schurke sein, doch im Innersten war ich von seiner Ehrlichkeit überzeugt. Jeder Europäer im Land würde erschrocken die Hände heben und »Hüte dich!« rufen, wenn er so eine Geschichte hört. Doch als ich über die ausgetrocknete braune Ebene zur Stadt der grünen Bäume und brausenden Flüsse ritt, wusste ich, ich würde nach Karameyn reisen.

Eine Garnison in den Bergen

Der lange Tagesritt verlief ereignislos, aber nicht die Nacht. Ich nächtigte in einem Bergdorf in einer sehr seltsamen Herberge, die von einem dicken einheimischen Christen namens Elias geführt wurde, der, wie es ein Schild behauptete, Mahlzeiten und Unterkunft alafranga bot – das heißt, nach moderner, europäischer Manier. Es gab einen großen Gastraum und nebenan ein ebenso geräumiges Schlafzimmer für rund dreißig Reisende. Einen Stall für mein Pferd musste ich anderswo suchen. Wir saßen auf Stühlen um einen Esstisch, doch die Zutaten der Mahlzeit waren keineswegs europäisch und die Zubereitung minderwertig griechisch. Vor allen Gästen lagen Messer, Gabel und Löffel, aber einige warfen das Besteck auf den Boden und aßen mit den Fingern. Im langen Schlafzimmer standen ein Dutzend Betten mit Matratzen. Indem ich einen kleinen Aufpreis bezahlte, sicherte ich mir eines für mich allein. In anderen lagen zwei, drei, sogar vier zusammen. Ein älterer armenischer Herr, der von seiner Frau begleitet wurde, bewachte sie die ganze Nacht mit Pistolen. Er war so töricht, jeden, der es wagte, in ihre Nähe zu kommen, lautstark zu bedrohen. Nachdem er dies mehrmals getan hatte, erhob sich ein Mann von meinem Nachbarbett, schlenderte zu ihm hinüber und packte ihn am Hals.

»O Mann«, schimpfte er, »bist du etwa von Sinnen, unsere Leidenschaft anzustacheln, indem du von Frauen sprichst? Schweig oder wir ehrlichen Männer hier drehen dir den Hals um und nehmen dir deine Frau weg. Verstehst du?« Er schüttelte den eifersüchtigen Gatten wie ein Terrier eine Ratte. »Schweig, hörst du? Männer wollen schlafen.«

»Habe ich nicht gut gesprochen, o Bruder?«, sagte der Ordnungshüter zu mir, als er sich wieder hinlegte.

»Bei Allah, gut«, erwiderte ich. Der Eifersüchtige blieb still. Doch es gab andere Geräusche. Einige Männer hielten sich immer noch im Gastraum auf und spielten Karten. Der Wirt, der für alles Europäische schwärmte, besaß eine Musikdose, welche die Kartenspieler die ganze Nacht klimpern ließen – Grammophone gab es glücklicherweise noch nicht. Ich hatte leichtes Fieber. Es gab Insekten. An Schlaf war nicht zu denken. Ich stand auf, als es noch finster war, ging ohne zu zahlen hinaus, da der Wirt sich nirgendwo blicken ließ, und suchte, Angriffe wilder Straßenköter riskierend, das Gewölbe, in dem mein Pferd stand. Zehn Minuten später hatte ich das Dorf verlassen und ritt an einem Berghang entlang, der im Licht der Sterne kaum zu sehen war. Der Pfad führte in eine tiefe Schlucht hinab und dann wieder endlos hinauf. Als ich den Bergkamm erreicht hatte, spürte ich die Morgendämmerung. Die Bergspitzen färbten sich weiß wie Wellenkämme, während all die Klüfte und Mulden von Nacht erfüllt blieben. Hinter mir, im Osten, sah man einen langen weißen Streifen, der die Umrisse der Berge kahl und scharf hervortreten ließ. Die Sterne wirkten fremd. Eine frische Brise fächelte meine Wange und raschelte im Gras und in den Sträuchern. Vor mir, auf einer einsamen Klippe, kam mein Ziel in Sicht: ein großes Dorf, viereckig gebaut wie eine Festung. Seine Gebäude färbten sich bald zart wie eine Wildrose und wurden dann flammend rot – ein herrlicher Anblick vor dem dunkelblauen Himmel, der immer noch von Sternen übersät war. Ein grelles Licht auf einer Fensterscheibe. Die Sonne war aufgegangen.

Einige Engländer, denen ich von meiner Absicht erzählte, einen Mann aus der türkischen Armee freizukaufen, hielten es für Irrsinn. Ich würde die Menschen in diesem Land nicht so kennen wie sie. Man werde mich ausplündern, ins Elend stürzen, vielleicht ermorden. Sie, die seit zwanzig, dreißig Jahren im Land lebten, wüssten besser Bescheid als ich. Um des lieben Friedens willen stimmte ich ihnen zum Schein zu und trieb meinen Plan heimlich voran. Als ich aufbrach, ohne irgendjemandem davon zu erzählen, fühlte ich mich fast, als würde ich die Schule schwänzen, und mit derselben Abenteuerlust näherte ich mich nun Karameyn. Zwei Soldaten, die sich auf einem Erdhaufen sonnten, sprangen auf, als ich vor ihnen stand. Einer der beiden war der Mann, den ich suchte, der Schurke Rashîd. Sie führten mich zum Haus ihres Hauptmanns – ein bescheidenes Gebäude mit einem einzigen, spärlich möblierten Zimmer. Zahlreiche Soldaten folgten uns.

Der Hauptmann – Hasan Agha –, ein alter Mann mit vernarbtem Gesicht und einem dicken, weißen Schnurrbart, trug eine komplette Uniform und zog, als ich eintrat, weiße Baumwollhandschuhe an. Er war einer der alten Alaïli, türkische Offiziere, die ihren Beruf während des Dienstes in einem Regiment oder Alaïl gelernt hatten statt in einer Militärschule, und seinen Männern gegenüber benahm er sich keineswegs wie ein Zuchtmeister. Er nannte sie liebevoll »meine Kinder«, und sie verhielten sich zwar respektvoll, aber unterhielten sich freimütig in seiner Gegenwart. Hasan Agha machte mir zahlreiche Komplimente und erkundigte sich immer wieder nach meinem Befinden. Von meinen geschäftlichen Anliegen wollte er nichts wissen, ehe ich nicht gefrühstückt hatte. Man habe ein Mittagessen für mich vorbereitet, sagte er, doch das sei erst in ein paar Stunden fertig. Ob ich so freundlich wäre, mit einem Ersatz vorliebzunehmen? Noch während er sprach, trat ein Soldat mit einem Tablett ein, darauf arabisches Fladenbrot, eine Schüssel saure Milch und Trauben. Ein anderer Soldat begann Kaffee zu mahlen, während ein dritter auf die Holzkohle in einer Kohlenpfanne blies. Ich weigerte mich, zu essen, wenn mein Gastgeber mir nicht Gesellschaft leistete, was er nach langem, höflichen Widerstand auch tat. Nach der Mahlzeit unterhielten wir uns, und die Soldaten beteiligten sich an unserem Gespräch. Sie erzählten mir von vergangenen Kriegen und mutigen Taten. Hasan Agha war anscheinend ein berühmter Kämpfer, und seine Männer bemühten sich sehr, ihn zu überreden, von seinen Schlachten zu erzählen. Sie holten einen alten Mann aus der Stadt, der im Krimkrieg gekämpft hatte und Englisch sprach. Bevor es zu heiß wurde, zeigten sie mir die Baracken und ein klappriges altes Feldgeschütz, das sie zu vergöttern schienen. Dann folgte das Mittagessen mit seiner langen Reihe arabischer Gerichte, von denen schließlich auch die Soldaten etwas abbekamen. Rashîd versicherte mir später, alle Speisen für diesen Anlass seien »geliehen«. Dies geschah in den glorreichen Tagen Abdul Hamids. Nach dem Essen gab es Kaffee und weitere Komplimente, und dann kamen wir endlich zum Geschäft.

Ein Amtsschreiber wurde hereingeführt. Er schrieb einen Beleg für mich und das von Rashîd benötigte Entlassungspapier. Hasan Agha stempelte beide Dokumente mit einem staatlichen Siegel und überreichte sie mir im Austausch für das Geld.

»Bismillah!«, rief er. »Ich bezeuge hiermit, dass Rashîd, der Sohn Alis, genannt der Schöne, von nun an frei ist und gehen kann, wohin er will.«

Zu mir sagte er: »Rashîd ist ein guter Junge und wird Euch nützlich sein. Sein größter Fehler ist, dass er beim Befolgen von Befehlen gerne nachdenkt und eine eigene Methode ersinnt, die nicht immer gut ist. Auch verfällt er leicht den Reizen der Frauen, ein Makel, der ihn schon oft in seltsame Situationen gebracht hat.«

Die letzte Bemerkung wurde mit lautem Gelächter quittiert und bezog sich offenbar auf einen mir unbekannten altbewährten Scherz. Rashîd wirkte ziemlich verlegen. Hasan Agha wandte sich an ihn und sprach: »Mein Sohn, preise Allah für dein großes Glück, dass ein so edler und gütiger Mensch wie unser geliebter Gast, der von nun an dein Herr ist, Gefallen an dir gefunden hat. Denk daran, dass er anders ist als ich … der einst wie du war und die Tricks kennt. Diene ihm freimütig mit deinem Verstand und deiner Seele und deinem Gewissen, warte nicht auf Befehle wie in der Armee. Möge Gott dich jetzt und immerdar begleiten! Vergiss nicht all die guten Lehren deiner Soldatenzeit. Sei gewiss, dass wir für deinen guten Herrn und für dich beten.«

Der Alte bekam feuchte Augen, ebenso Rashîd und alle ringsum hockenden Soldaten.

Der entlassene Rashîd ging fort, um seine Uniform gegen einen alten Anzug von mir zu tauschen, den ich ihm mitgebracht hatte, während Hasan Agha, der wie ein Vater über ihn sprach, mir seine Charakterzüge und seine kleinen Fehler erläuterte.

Schließlich verabschiedete ich mich. Rashîd wartete in meinen abgetragenen Kleidern, auf dem Kopf ein neuer Fez, wie ihn Zivilisten tragen. Er hielt meinen Steigbügel und sprang dann auf ein klappriges Vieh, das, so erklärte er mir, seine Freunde für ihn »geliehen« hatten. Später meinte er, es könne von Vorteil sein, es für ihn zu kaufen – für nur acht türkische Pfund, ein Spottpreis. Die ganze Garnison begleitete uns zu den letzten Häusern, wo sie lange stehenblieben und uns zum Abschied nachwinkten. Zwei Stunden später, auf dem Bergkamm hinter dem Wadi, drehten wir uns um und warfen einen letzten Blick auf Karameyn. Es stand in den Flammen des Sonnenuntergangs wie ein Schloss in den Wolken.

Dann kehrten wir zurück zur Herberge alafranga. Doch Rashîd, der die Geschichte meiner schlaflosen Nacht gehört hatte, ließ nicht zu, dass ich dort einkehrte. Ich beglich meine Schulden bei dem Besitzer, und dann fand Rashîd für mich ein leeres Haus, in das er eine Matratze und eine Decke brachte, jede Menge Kissen, eine Kohlenpfanne, das nötige Zubehör, um Kaffee zu kochen, dazu ein Tablett mit Abendessen – alles geborgt von den umliegenden Häusern. Vielleicht würde er mich ausplündern, ins Elend stürzen und schließlich ermorden, wie meine Freunde mich gewarnt hatten. Doch würde ich es dabei zumindest bequem haben.

Die Nashornpeitsche

»Wo ist die Peitsche?«, rief Rashîd plötzlich im Tor des Khan, den wir gerade erreicht hatten, und drehte sich zu mir um.

»Barmherziger Allah! Ich hab sie nicht bei mir. Ich muss sie in der Kutsche liegengelassen haben.«

Rashîd ließ die Satteltaschen fallen, die er getragen hatte, unser übliches Gepäck, und rannte um sein Leben. Die Kutsche war die schmale, zum Teil mit Sonnensegeln überdachte Straße zur Hälfte hinuntergefahren. Bei Rashîds wildem Schrei, »Warte, o mein Onkel! Wir haben unsere Peitsche vergessen!«, warf der Kutscher einen Blick zurück, doch anstatt anzuhalten, trieb er seine Pferde zum Galopp an. Rashîd lief noch schneller. Die Kutsche verschwand rasch und war bald nicht mehr zu sehen. Die Dämmerung brach an. Über den niedrigen, flachen Dächern im Westen hing der Sichelmond im Grün des Sonnenuntergangs hinter den Minaretten der großen Moschee. Da hob ich die Satteltaschen auf und bahnte mir vorsichtig meinen Weg zwischen schlafenden Kamelen und angebundenen Mauleseln und Pferden zum Hof des Khan, der eine Art Kloster war. Ich verhandelte mit dem Gastwirt, als Rashîd, der ein Bild der Verzweiflung bot, zurückkehrte. Er streckte seine Hände in die Luft, gestand sein Versagen ein und sank dann stöhnend zu Boden. Der Wirt, ein stämmiger Mann, fragte, was ihm Kummer bereite. Ich sagte es ihm, und er äußerte gerechte Urteile über Kutscher und die Vergänglichkeit weltlicher Güter. Wie ich sehen könne, sei Rashîd zi’lân – ein Opfer jener sonderbaren Mischung aus wahnsinniger Wut, Kummer und Verzweiflung, welche unter den Kindern der Araber eine regelrechte Krankheit darstellt. Ein englischer Diener hätte sich nicht so sehr um einen kleinen Gegenstand aus dem Besitz seines Herrn geschert, der nicht seinetwegen, sondern aufgrund der Nachlässigkeit seines Herrn verloren gegangen ist. Doch mein Besitz war Rashîds ganzes Glück, seine Ehre fußte darauf. Er prahlte damit vor jedermann. Besonders verehrte er mein Gewehr, meinen Dienstrevolver und diese Peitsche – ein harter Riemen aus Nashornleder mit einem ziemlich hübschen Silbergriff –, die mir ein betagter Araber als Dank für irgendeine eingebildete Gunst geschenkt hatte. Sie hatte sich als nützlich erwiesen, um Straßenköter zu vertreiben, wenn sie in Rudeln herbeiliefen, um dem Pferd in die Beine zu beißen, doch bevor Rashîd zu mir stieß, hatte ich sie nie als Ehrenabzeichen betrachtet. Für ihn war sie das Wertvollste unserer Besitztümer, ein Kennzeichen unseres höheren Rangs. Er drückte sie mir sogar in die Hand, wenn ich spazierenging, und als wir am selben Tag zu Mittag von unserem Haus in den Bergen aufgebrochen waren, hatte er sie ehrerbietig auf den Sitz neben mir gelegt, bevor er neben dem Kutscher auf den Bock geklettert war. Und nun war die Peitsche wegen meiner Nachlässigkeit verloren. Rashîds Niedergeschlagenheit beschämte mich fürchterlich.

»Allah! Allah!«, stöhnte er. »Was kann ich tun? Wir haben den Kutscher nur zufällig getroffen. Ich kenne sein Haus nicht, das Gott zerstören soll!«

Der Wirt bemerkte beschwichtigend, Fleisch sei Gras, alle Schätze vergänglich, und es sei die Pflicht eines Mannes, seine Wünsche auf höhere Dinge zu richten. Bei diesen Worten sprang Rashîd auf, als hätte er die Geduld verloren, und rannte fort, flitzte mit fast übernatürlicher Behendigkeit zwischen den Tieren im Hof hindurch. »Lasst ihn seine Wut allein abkühlen!«, riet mir der Wirt mit einem Schulterzucken.

Nachdem ich das Essen für die dritte Stunde des Abends bestellt hatte, ging ich ebenfalls hinaus, um meine Glieder zu strecken, die nach vier Stunden Rüttelei einer ungefederten Kutsche, die immer kurz vor dem Umkippen stand, steif und geschunden waren. Es wäre uns besser ergangen, wären wir wie üblich geritten, doch als Rashîd zufällig auf die Kutsche gestoßen war, eine Seltenheit, hatte er beschlossen, diese Art des Reisens sei vornehmer. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass es keine Straße gab.

Der Himmel war voller Sterne. In den wenigen noch geöffneten Läden hingen Laternen, warfen Streifen gelben Lichts auf den unebenen Fußweg und ließen die Augen der Wanderer und streunenden Hunde schimmern. Viele Leute auf der Straße trugen ebenfalls Laternen, deren Schaukeln Dinge in ihrem Umkreis scheinbar hochspringen und fallen ließen. Schließlich erreichte ich einen offenen Platz, wo dichtes Gedränge herrschte – einen rechteckigen Platz, den man als Stadtzentrum bezeichnen könnte.

Verblüfft stellte ich fest, dass die Menschen stehenblieben und alle Gesichter in eine Richtung schauten. Ich hörte die Stimme eines Mannes laut klagen und wild rufen.

»Was ist los?«, fragte ich am Rand der Versammlung.

»Ein großes Unglück!«, antwortete jemand. »Ein armer Diener hat eine Peitsche im Wert von fünfzig türkischen Pfund verloren, das Eigentum seines Herrn. Ein Schurke hat sie ihm gestohlen – ein böser Kutscher. Sein Herr wird ihn töten, wenn er sie nicht wiederfindet.«

Von Neugier gepackt, drängte ich mich nach vorne. Da stand Rashîd an der Mauer einer großen Moschee und warf sich mit einem entsetzlichen Schrei dagegen. Eine Gruppe Soldaten mit hohen Fezen, die Polizei der Stadt, umringten ihn voll Mitgefühl und stellten Fragen. Zum Glück trug ich einen Fez, war also unauffällig.

»Fünfzig türkische Pfund!«, schrie er. »Für hundert könnte man nichts Gleichwertiges kaufen! Mein Herr, ein bedeutender Graf unter allen Engländern … ihr oberster Fürst, bei Allah! … liebt sie wie seine Seele. Er reißt mir Herz und Leber heraus und wird beides verschlingen. O großer Beschützer! O Allmächtiger!«

»Wie hat denn dieser Kutscher ausgesehen?«, fragte ein Wachtmeister.

Rashîd beschrieb schluchzend und mit manch frommer Zwischenbemerkung den Kutscher ziemlich klar als »einäugigen Mann mit Vollbart, die untere Körperhälfte aufgebläht. Sein Name, sagte er, sei Habib; aber weiß Allah!«

»Der Mann ist bekannt«, rief der Wachtmeister eifrig. »Sein Haus ist ganz in der Nähe. Komm, o du armer Misshandelter. Wir holen uns die Peitsche zurück.«

Bei diesen Worten verschwand Rashîds Kummer wie von Zauberhand. Er ergriff die Hand des Wachtmeisters und streichelte sie, als sie zusammen weggingen. Ich folgte der Menge bis vor die Tür des Kutschers, ein schmutziger Eingang in einer schmalen Gasse, wo ich mich abwandte und zurück zum Khan eilte, um nicht entdeckt zu werden.

Dort saß ich einige Minuten in meiner privaten Nische, als Rashîd triumphierend hereinkam und die berühmte Peitsche hochhielt. Der Wachtmeister begleitete ihn über den Hof. Zahllose Soldaten warteten am Tor, wie ich im Licht der großen Laterne erkennen konnte, die vom Bogen herabhing.

»Allah sei gepriesen, ich hab sie gefunden!«, rief Rashîd.

»Allah sei gepriesen, wir konnten Euer Ehren einen kleinen Gefallen tun«, rief der Wachtmeister. Dabei ergriff er meine Hand und küsste sie. Ich ließ beide Platz nehmen und bestellte Kaffee. Die beiden erzählten abwechselnd die Geschichte. Der Wachtmeister lobte Rashîds kluge Idee, hinauszugehen und auf einem öffentlichen Platz zu jammern, bis die Stadt und ihre gesamte Polizeimacht an seinem Kummer Anteil nahmen. Rashîd meinte hingegen, alles wäre vergeblich gewesen, hätte der Wachtmeister nicht das Haus des Kutschers gekannt. Der Wachtmeister räumte lachend ein, die Kenntnis hätte nichts genutzt, hätte Rashîd nicht erneut seinen scharfen Verstand bewiesen. Sie seien in das Haus eingedrungen – ein einziges Zimmer, beleuchtet nur von einer Öllampe auf dem Boden – und hätten es gründlich durchsucht, während der Kutscher ständig protestierte, seine Unschuld beteuerte und schwor, er habe noch nie im Leben eine Peitsche wie die beschriebene gesehen. Die Soldaten, die keine Peitsche finden konnten, neigten allmählich dazu, ihm zu glauben, als Rashîd, der alles aufmerksam beobachtete, bemerkte, dass die verschleierte Frau des Kutschers stocksteif dastand, und sie kräftig anrempelte, so dass sie quer durch das Zimmer stolperte. Da entdeckte man die Peitsche. Sie war unter ihren Unterröcken versteckt. Der Dieb bekam an Ort und Stelle eine ordentliche Tracht Prügel. Ob dies meiner Ansicht nach Strafe genug sei?, fragte der Wachtmeister.

Wir entschieden, dass die Prügel ausreichten. Ich gab dem Wachtmeister ein kleines Geschenk, als er fortging. Rashîd begleitete ihn, nachdem er die nunmehr weitbekannte Peitsche versteckt hatte. Vermutlich besuchten sie irgendeine Taverne, um das wunderbare Abenteuer ausführlich zu besprechen, denn ich speiste allein und hatte mich schon eine Weile auf meiner Matratze ausgestreckt, ehe Rashîd eintrat und seine Decke neben mir ausbreitete.

»Seid Ihr wach, o mein lieber Herr?«, flüsterte er. »Bei Allah, es war falsch, dem Wachtmeister Geld zu geben. Ich habe Euren Namen so berühmt gemacht, dass es für einen armen, dünnen Hund wie ihn schon genug gewesen wäre, Euch nur anzuschauen.«

Dann schwieg er so lange, dass ich glaubte, er sei eingeschlafen. Doch plötzlich flüsterte er noch etwas: »O mein lieber Herr, vergebt mir die Störung, aber habt Ihr Euren Revolver sicher verwahrt?«

»Bei Allah, ja! Hier, in Reichweite.«

»Gut. Aber in Zukunft wäre es besser, wenn ich Eure Peitsche und Euren Revolver trage. Ich habe Euren Namen so berühmt gemacht, dass Ihr nichts tragen solltet.«

Der höfliche Richter

An jenem Tag, als wir für ein halbes Dutzend türkischer Offiziere eine Dinnerparty gaben, brachte Rashîd mir morgens um sieben Uhr dreißig meine Tasse Tee mit der Nachricht, man habe unseren Koch verhaftet. Besagter Koch war ein anständiger Moslem, aber hitzköpfig und in seinem Privatleben etwas unbeherrscht. Um sechs Uhr früh, als er sich auf unserer Türschwelle sonnte, fiel sein Blick auf ein paar junge Christen auf dem Weg zum College, in europäischer Kleidung, mit neuen Kalbslederhandschuhen und Spazierstöcken mit Silberknauf. Da ihn dieser schreckliche Anblick empörte und seinen Zorn weckte, griff er die Jungen wutentbrannt mit einer hölzernen Schöpfkelle an, schlug sie in die Flucht und jagte sie die ganze Akazienallee hinunter, durch zwei Vorstädte ins Herz der Stadt, wo ihre jämmerlichen Hilferufe ihm die Polizei auf den Hals hetzten. Rashîd, der hinterherlief und vergeblich versuchte, den Heiligen Krieger zu beruhigen, sah, wie man ihn verhaftete, während er immer noch die Kelle schwang, konnte mir aber nichts über sein weiteres Schicksal sagen, denn er hatte es an diesem Punkt als klug erachtet, sich zurückzuziehen, damit er nicht auch noch aus Versehen im Gefängnis landete.

Ein trauriger Fall. Gleich nach dem Aufstehen und der Morgentoilette schrieb ich an Hamid Bey, den Vorgesetzten unserer geladenen Gäste, informierte ihn über das Missgeschick, das uns daran hinderte, ihm und seinen Kameraden ein Dinner auszurichten, das ihnen würdig sei. Bis ich fertig angezogen war, hatte Rashîd einen Boten gefunden, dem man die Nachricht mit der Anweisung überreichte, sich zu beeilen. Er musste die ganze Strecke hin und zurück gerannt sein, denn nach wenig mehr als einer halben Stunde stand er vor mir, außer Atem, mit schweißnasser Stirn, die nackten Beine dreckig bis zu den Knien. Rashîd tätigte gerade einige Einkäufe. Der Laufbursche gab mir eine Nachricht. Sie lautete:

»Warum sich über Kleinigkeiten den Kopf zerbrechen? Natürlich freuen wir uns über alles, was Ihr uns anbietet. Wir kommen aus Freundschaft, nicht wegen des Essens.«

Es gab ein Postskriptum:

»Möchtet Ihr nicht den Richter aufsuchen?«

Suleymân saß im Zimmer. Er war ein alter Bekannter, ein Mann von hoher Geburt, aber arm, ein professioneller Dragoman, der sich den Ruf erworben hatte, besonders weise zu sein. Hatte er sonst nichts zu tun, kam er unweigerlich zu mir, wo immer ich gerade wohnte oder lagerte. Er saß im Schneidersitz in einer Ecke, rauchte seine Narghîleh, umspielt von dünnen Lichtstrahlen, die durch die Jalousien fielen und in denen Staubkörnchen funkelten. Er nahm das Postskriptum beim Wort und rief: »Ein guter Rat. Warum also nicht? Lasst uns mit dem Richter reden.«

Sprach’s, rollte den Schlauch seiner Narghîleh sorgfältig um das Gefäß, stand ebenso behutsam auf, warf einen weißen Staubmantel über seine Schultern, sah mich an und fragte: »Seid Ihr bereit?«

»Aber ich kenne den Richter nicht.«

»Ich ebenso wenig. Doch dies, mein Lieber, ist ein Makel, der sich leicht beheben lässt.«

Wir fanden das Haus des Richters mühelos. Ein Diener teilte uns mit, der Ehrenwerte sei schon auf dem Weg zum Gericht. Wir nahmen eine Kutsche und verfolgten den Ehrenwerten. Beim Gericht fragten wir die zahlreichen Zeugen, die sich vor dem Eingang drängten; falsche Zeugen, die man kaufen konnte. Man sagte uns, der Richter habe seinen Platz noch nicht eingenommen. Wir würden den Ehrenwerten gewiss im Kaffeehaus auf der anderen Straßenseite antreffen. Einer der falschen Zeugen führte uns hin und zeigte uns den richtigen Mann. Zusammen mit seinem Sekretär und einigen Advokaten, von denen einer laut die Morgenzeitung vorlas, saß der Richter unter einer Weinlaube im angenehmen Schatten. Er lächelte. Seine Hände lagen auf seinem schönen, runden Bauch.

Suleymân trat mit wehendem Staubmantel gelassen an ihn heran und stellte mich als »eine der wichtigsten Persönlichkeiten unter den Franken« vor. Die Gesellschaft erhob sich, begrüßte uns, und man rückte Stühle zurecht, damit wir es bequem hatten.

»Seine Hoheit bittet Euch um Gerechtigkeit, o überaus rechtschaffener Richter. Ihm wurde übel mitgespielt«, bemerkte Suleymân ruhig.

Der Richter wirkte sehr betroffen. »Worum geht es?«, fragte er.

»Man hat uns den Koch weggenommen«, lautete die Antwort. »Und wir haben Freunde zum Dinner eingeladen.«

»Ist er ein guter Koch?«, fragte der Richter mitfühlend.

»Wenn Eure Exzellenz ihn zu uns zurückschickt und dann an dem Mahl teilnehmen möchte …«

»Wie kann ich Euch dienen?«

Ich gab Suleymân zu verstehen, er solle die Geschichte erzählen, was er so gut machte, dass bald die ganze Gesellschaft von Lachanfällen gebeutelt wurde.

Der Richter ging die Anklageliste durch, bis er den Fall fand, und markierte ihn.

»Wie können wir heute Abend ohne Koch speisen?«, seufzte ich verzweifelt.

»Keine Sorge«, sagte der Richter. »Er ist in einer Stunde bei Ihnen. Kommt, o meine Freunde, wir müssen an die Arbeit! Es wird spät.«

Der Richter verabschiedete sich sehr höflich von mir.

»Also«, sagte Suleymân, als sie fort waren. »Gehen wir zum Gericht und schauen zu, wie Recht gesprochen wird.«

Wir überquerten die Straße zu einem eindrucksvollen Portal. Suleymân flüsterte einem Soldaten, der dort Wache stand, etwas ins Ohr, woraufhin dieser lächelte und uns mit einer huldvollen Geste eintreten ließ.

Der Saal war überfüllt. Wir konnten nur mit viel Mühe das Podium erkennen. Dort saß der Richter, und dort stand der bedauernswerte Koch, ein Bild des Jammers. Ein Soldat neben ihm hielt die hölzerne Schöpfkelle hoch. Die christlichen Stutzer, die der Koch angegriffen hatte, durften ausführlich von dem Abenteuer berichten, bis der Ehrenwerte ihnen mit einem finsteren Stirnrunzeln zu schweigen gebot. Da duckten sie sich.

»Achtet auf eure Worte«, ermahnte der Richter. »Ihr habt nicht gezögert, den Zorn dieses Kochs religiösem Fanatismus zuzuschreiben. Die Nazarener sind allzu gern bereit, dies gegen einen Moslem vorzubringen, ohne in Betracht zu ziehen, dass es noch andere Gründe für Ärger geben mag. Ja, viele der vorgebrachten Anschuldigungen haben sich im Laufe der Ermittlung als völlig unbegründet erwiesen. Ihr Nazarener benehmt euch oft unverschämt. In die Gunst der ausländischen Konsule und Missionare vertrauend, verhöhnt, verärgert oder schmäht ihr sogar gelegentlich die Moslems. Also, selbst unter der Annahme, eure Schilderung der Ereignisse wäre korrekt – was ich stark bezweifle, denn auf der einen Seite sehe ich eine leichte Holzkelle, auf der anderen zwei gute Spazierstöcke mit Silberknauf, einer von euch hat seinen Stock vor Angst fallen gelassen, und ihr seid zwei, während dieser arme Koch allein ist. Selbst wenn das, was ihr berichtet habt, wahr wäre, seid ihr sicher, dass nichts an eurer Erscheinung, euren Worten oder eurem Verhalten ihn verärgert haben könnte? Ich neige zu der Annahme, dass ihr ihn verspottet oder vielleicht über seinen Glauben gelästert habt.«

Solche Worte von einem muslimischen Richter in einem Saal voller Moslems ließen die beiden Christen ängstlich zittern. »Er schlug uns grundlos und überaus heftig«, stöhnte einer der Angesprochenen.

»Wir haben ihn nicht einmal gesehen, bis er begann, uns zu schlagen. Bei Allah, mein armer Kopf ist wund, mein Rücken gebrochen von diesen furchtbaren Schlägen. Er war wie ein Irrer!« Der Sprecher und sein Mitkläger weinten laut.

»Hast du diese beiden Jungen geschlagen, so wie er es beschreibt?«, fragte der Richter und wandte sich ebenso streng an den Koch.

»Nein, o Exzellenz!«, lautete die bittere Antwort. »Man hat mir übel mitgespielt und mich verleumdet. Ich habe diese beiden Männer nie zuvor gesehen.« Auch er begann bitterlich zu weinen.

»Beide Parteien lügen mich an!«, rief der Richter erzürnt. »Denn du, o Koch, hast diese Jungen geschlagen. Die Tatsache ist bekannt, denn du wurdest verhaftet, während du auf sie einschlugst. Und ihr, o Nazarener, seid nicht schwer verletzt, denn jeder sieht, dass ihr vollkommen gesund seid und eure Kleidung heil ist. Eure Schande ist größer, denn es ist erwiesen, dass ihr diesen Moslem wegen religiösen Hasses angeklagt habt.«

»Bei Allah, nein, Eure Exzellenz. Wir wollen dem Mann nichts Böses. Wir haben nur gesagt, was geschehen ist.«

»Ihr seid allesamt Schurken«, brüllte der Richter. »Jede Partei soll einen ganzen Mejîdi an das Gericht zahlen. Die Parteien sollen sich jetzt sofort vor mir und für alle Zeiten Frieden und lebenslange Freundschaft schwören, und ich will nichts mehr von ihnen hören!«

Die jungen Christen umarmten den Koch, der Koch umarmte die jungen Christen immer wieder, und alle weinten vor Erleichterung, einer Bestrafung entkommen zu sein. Ich zahlte die Strafgebühr für unseren Mann, der uns nach Hause begleitete. Suleymân hielt unterwegs einen Vortrag von solch hoher Moral, in solch einer himmlischen Sprache, dass der arme, schlichte Bursche wieder zu weinen anfing und Allah um Vergebung bat.

»Es ist deine Pflicht, zu bereuen«, sagte Suleymân beifällig. »Doch auch gegenüber dieser Welt kannst du Wiedergutmachung leisten. Koche heute Abend so gut du nur kannst, denn der Richter ist unser Gast.«

Nawâdir – Kostbarkeiten

Eines späten Nachmittags erreichten wir ein Bergdorf und schlenderten durch die Ortschaft, da riefen einige ungezogene Kinder: »Hallo, o mein Onkel, du bist zu zweit gekommen!«

Es war ein gängiger Scherz beim Anblick europäischer Hosen, die man damals selten zu Gesicht bekam. Doch Suleymân zeigte sich nach meinem Bericht sehr verärgert. Er kehrte um und hielt den Kindern eine furchtbare Strafpredigt, tadelte sie streng, da sie sich erdreistet hatten, einen Fremden und Gast derart zu beleidigen. Seine Missbilligung beruhte auf solch hohen Prinzipien, dass niemand, der auch nur ein Fünkchen Frömmigkeit oder guten Willen im Herzen trug, widerstehen konnte; und seine Redekunst war so eindrucksvoll und gleichzeitig überzeugend, dass nicht nur die Kinder, sondern auch viele Erwachsene ihm folgten, als er schließlich fortging.

Das Dorf lag hoch oben, unter dem Gipfel eines Bergkamms, und von einer nur einen Steinwurf entfernten Felsengruppe aus konnte man das Meer sehen, eine große blaue Mauer, die sich nach Norden und Süden erstreckte. Wir hockten zwischen diesen Felsen, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Die Dörfler ließen sich in Hörweite nieder, einige unter, andere über uns. Bald sagte ein alter Mann: »Ihr sprecht wohl, o Weiser! Sie haben gesündigt, als sie solch Worte hinter dem Rücken eines vornehmen Gastes riefen. Ihr schlechtes Benehmen verlangt nach strenger Erziehung. Aber ich bin überzeugt, dass kein Kind, das den Worten von Euer Ehren gelauscht hat, je wieder so unverschämt sein wird.«

»Amân!« (Friede), rief einer der Missetäter. »Allah weiß, dass wir es nicht böse gemeint haben.«

Ich beeilte mich zu erklären, dass die Beleidigung nichts bedeute. Doch Suleymân erlaubte nicht, dass ich sie kleinrede.

»Euer Ehren seid noch zu jung«, sagte er gebieterisch, »um den mystischen Wert der Worte und Taten eines Mannes zu verstehen. Ein Wort kann gut gemeint und unschuldig sein und dennoch viel Unheil heraufbeschwören, wenn es etwas besonders Bösartiges in sich trägt. Ihr wisst alle, wie die Jânn auf unbedachte Worte reagieren können; dass, wenn ich eine Ziege, einen Hund oder eine Katze bei ihren Gattungsnamen rufe, ohne jeweils auf das gemeinte Tier zu deuten, ein Jinni wahrscheinlich herbeieilen wird, da viele Jânn mit Tiernamen gerufen werden. Ihr wisst auch, dass es schlimm enden kann, wenn man die Schönheit eines Kindes lobpreist, ohne es Allah als Opfer darzubieten. Denn es gibt einen unsichtbaren, eifersüchtigen Zuhörer, der alle Nachkommen Evas hasst und sie verunstalten möchte. Solche Tatsachen sind jedem Dummkopf bekannt, und ihre Bedeutung ist klar. Doch liegt eine andere, schwerer erkennbare Gefahr im sorglosen Umgang mit Worten, besonders bei persönlichen Bemerkungen wie jenen der Kinder, als sie unserem guten Herrn nachriefen: ›Du bist zu zweit gekommen‹, und so die Aufmerksamkeit auf den lebendigen Körper richteten. Ich erinnere mich an eine Kostbarkeit, die Euch vielleicht vage zu verstehen hilft, was ich meine.

Ein gewisser Bauer (Fellâh) war geplagt von einer törichten Ehefrau. Als er eines Tages fortgehen musste, erklärte er ihr alles, was zu tun sei, und befahl ihr, besonders auf die Kuh zu achten, denn er fürchtete, die Kuh könnte umherwandern, wie sie es bereits getan hatte, und die Nachbarn verärgern. Er konnte sich nicht vorstellen, dass solch ein Auftrag an solch eine Person, also die Absicht, die Aufmerksamkeit der Frau auf etwas Bestimmtes zu lenken, zu Unheil führen würde. Der Mann meinte es gut; ebenso die Frau. Sie konzentrierte sich ganz darauf, seine letzten Worte vor der Abreise zu befolgen. Nachdem sie alle Arbeiten im Haus erledigt hatte, setzte sie sich unter einen Olivenbaum, der vor der Tür wuchs, und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit mit aller Macht auf das einzige lebende Wesen in Sichtweite, die schwarzweiße Kuh, die in dem Bereich graste, den ihr eine kurze Leine gewährte. Die Verantwortung wog so schwer, dass die Frau es mit der Angst bekam, und nun, da sie so angestrengt starrte, auf den Gedanken verfiel, mit der Kuh sei etwas nicht in Ordnung. In Wahrheit hatte das arme Tier das ganze Gras in Reichweite gefressen, doch der Frau wollte nicht einfallen, den Pflock mit der Leine zu versetzen.

Schließlich kam ein Nachbar des Weges. Sie bat den weithin als freundlich bekannten Mann, die Kuh zu untersuchen und ihr zu sagen, was mit ihr los sei. Der Nachbar war ein Spaßvogel und kannte die Frauen. Er wusste auch, wie viel Ärger die Kuh machte, da sie immer den Pflock herausriss und in den bepflanzten Feldern umherwanderte. Nach langer eingehender Untersuchung erklärte er: ›Der Schwanz tut ihr weh, und man sollte ihn entfernen. Schaut nur, wie sie damit hin und her wedelt. Schneidet man den Schwanz nicht sofort ab, wird die Kuh eines Tages sterben.‹

›Barmherziger Allah!‹, rief die Frau. ›Bitte schneidet ihn für mich ab. Ich bin ganz allein und hilflos.‹

Der Mann hob die Axt, die er bei sich trug, und hackte den Schwanz der Kuh nah des Rumpfes ab. Er gab ihn der Frau, und sie dankte ihm herzlich. Er ging fort, während sie die Bewachung der Kuh wieder aufnahm. Und noch immer glaubte sie, das Tier sei nicht ganz gesund.

Ein anderer Nachbar kam des Wegs. Sie erzählte ihm von ihrer Sorge und wie der weithin als freundlich bekannte Sheykh Mukarram ihr geholfen habe, indem er den kranken Schwanz abgehackt hatte.

›Natürlich‹, rief der Neuankömmling. ›Das erklärt alles! Das Tier ist nun nicht mehr im Gleichgewicht. Es ist immer falsch, etwas von einem Ende wegzunehmen, ohne auch etwas vom anderen zu entfernen. Wollt Ihr, dass die Kuh gesund wird, so müssen die Hörner ab.‹

›Oh, helft mir, ich bin ganz allein! Tut es für mich‹, sagte die Frau.

Ihr Freund sägte die Hörner ab und gab sie ihr. Sie dankte ihm tausendfach. Doch als er gegangen war, erschien die Kuh nicht gesünder. Die Frau verzagte allmählich.

Inzwischen hatte sich die Neuigkeit über ihren Kummer mit der Kuh im ganzen Dorf verbreitet, und jeder, der dazu fähig war, eilte herbei, um zu helfen oder zuzuschauen. Sie schnitten das Euter, die Ohren und schließlich die Beine ab und gaben sie ihr, und sie dankte ihnen tränenreich. Zu guter Letzt gab es keine Kuh mehr, um die man sich sorgen musste. Mit einem Blick auf den zerstückelten Kadaver lächelte die Frau und murmelte: ›Gepriesen sei Allah, sie ist endlich geheilt; sie schläft nun! Ich kann jetzt ins Haus gehen und alles für die Heimkehr meines Herrn vorbereiten.‹

Ihr Gatte kam bei Sonnenuntergang heim. Sie sagte ihm: ›Ich war gehorsam. Ich habe die Kuh stundenlang beobachtet und gepflegt. Sie war sehr krank, doch alle Nachbarn haben mir geholfen, sie zu verarzten, haben viele Operationen durchgeführt, und so haben wir sie von allen Leiden erlöst, gepriesen sei Allah! Hier sind die verschiedenen Teile, die sie abgeschnitten haben. Sie gaben sie freundlicherweise mir, da die Kuh uns gehört.‹

Der Mann ging schweigend hinaus, um die Überreste der Kuh anzusehen. Als er zurückkehrte, packte er die Frau an den Schultern, blickte ihr direkt in die Augen und sagte grimmig: ›Allah behüte dich! Ich werde die ganze Welt bereisen, bis ich eine finde, die noch grässlicher ist als du. Und wenn ich keine finde, die grässlicher ist, so gehe ich weiter bis zum Ende, das schwöre ich.‹«

An dieser Stelle brach Suleymân ab, was alle überraschte.

»Ich verstehe nicht, was diese Kostbarkeit mit meinem Erlebnis zu tun hat«, bemerkte ich, sobald ich sicher war, dass er seinen Vortrag abgeschlossen hatte.

»Sie passt nicht zu Eurem Fall, aber zu anderen Fällen«, erwiderte er nach kurzem Nachdenken. »Es ist gefährlich, anderen Leuten etwas in den Kopf zu setzen oder ihr Selbstbewusstsein zu wecken, denn niemand weiß, welche Dämonen in ihren Gehirnen lauern. … Doch wartet, ich finde eine Kostbarkeit, die zu unserem Fall passt.«

»Sagt, o Meer der Weisheit, hat er eine Frau gefunden, die grässlicher war als seine?«

»Natürlich.«

»Erzählt, wie es weiterging, ich flehe Euch an.«

Doch Suleymân durchforstete sein Gedächtnis nach einer Begebenheit, die die ernsten Gefahren zufälliger Andeutungen deutlicher illustrierte. Schließlich seufzte er zufrieden und sprach wie folgt:

»Einst lebte ein äußerst berühmter türkischer Pascha, ein gütiger alter Mann, den ich oft getroffen habe. Er hatte einen langen weißen Bart, auf den er überaus stolz war, bis eines Tages ein Spaßvogel an ihn herantrat und sagte: ›Exzellenz, uns bewegt folgende Frage: Wenn Ihr zu Bett geht, legt Ihr Euren Bart unter oder auf die Decke?‹

Der Pascha überlegte kurz, aber konnte keine Antwort geben, denn es war ihm nie in den Sinn gekommen, auf solch eine Sache zu achten. Er versprach dem Fragesteller, ihm am nächsten Tag Auskunft zu geben. Doch als er an jenem Abend zu Bett ging, legte er den Bart probehalber unter und dann auf die Decke, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Beide Varianten kamen ihm unbequem vor, und er erinnerte sich beim besten Willen nicht daran, wie er die Bartfrage für gewöhnlich gelöst hatte. In dieser Nacht fand er keinen Schlaf und in der nächsten auch nicht, denn seine Gedanken kreisten unaufhörlich um das Problem. Am dritten Tag ließ er wütend den Barbier kommen, damit dieser ihm den Bart abrasierte. Da er an das dichte Haar an seinem Hals gewöhnt war, erkältete er sich nach der Rasur und starb.

Diese Geschichte passt sehr schön zu unserem Fall«, sagte Suleymân zum Schluss mit triumphierender Miene.

»Seid so gnädig, Herr, und verratet uns die Moral, die man daraus ziehen soll«, rief man von allen Seiten in der zunehmenden Dämmerung.

»Ich vermute«, wagte ich zu sagen, »dass die Aufmerksamkeit auf meine besonderen Beinkleider gelenkt wurde, damit ich sie abschneiden lasse oder türkische Pluderhosen trage?«

»Ich sage nicht, was geschehen wird. Das weiß Gott allein. Doch die bloße Möglichkeit, dass solche Unglücksfälle wie die, von denen ich berichtet habe, geschehen können, reicht aus, damit kluge Menschen künftig solche Reden vermeiden.«

Bis heute weiß ich nicht, wie viel von seinem Vortrag scherzhaft und wie viel ernst gemeint war. Doch die Fellâhîn sogen ihn auf wie reine Weisheit.

»Was geschah mit dem Mann, der eine grässlichere Frau als die seine suchte? Wie konnte er je eine finden?«, fragte Rashîd, als wir an jenem Abend im Gästezimmer des Dorfs zu Bett gingen, und erinnerte an Suleymâns unvollendete Geschichte über die törichte Frau und ihren Gatten und die unglückliche Kuh. Auch ich wollte den Rest der lehrreichen Mär hören. Nachdem wir Suleymân lang und breit darum gebeten hatten, stützte er sich auf seinen Ellbogen und erzählte weiter. Rashîd und ich lagen still unter unseren Decken.

»Wir sind bis zu der Stelle gekommen, meine Herren, als der gekränkte Gatte die Überreste der Kuh gesehen hatte und zu seiner Frau sagte: ›Ich werde nun die ganze Welt durchwandern, bis ich eine finde, die noch grässlicher ist als du. Und wenn ich keine finde, die grässlicher ist, gehe ich weiter, bis ich sterbe.‹ Nun, er reiste und reiste – einige sagen monatelang, andere jahrelang –, bis er ein Dorf im Libanongebirge erreichte, ein Dorf der Maroniten, die für ihre Arglosigkeit berühmt sind. Ihr Ruf, unbedarft zu sein, hatte ihn zu ihnen geführt.«

»Wie war sein Name?«, fragte Rashîd, der alles ganz genau wissen wollte.

»Sein Name?«, sagte Suleymân nachdenklich. »Sâlih.«

»War er Moslem?«

»Aye, ein Moslem, vermutlich … Obwohl er, das weiß nur Allah, auch Ismaelit oder Druse gewesen sein mag. Noch Fragen? Dann lasst mich fortfahren.

Er kam zu dem Dorf der Maroniten und warf, da er Durst hatte, einen Blick durch eine Tür. Er sah den Dorfpriester und dessen ganze Familie, wie sie ein dickes Schaf mit Maulbeerbaumblättern stopften. Das Schaf war in der Mitte der Treppe angebunden, die zum Dach führte. Der Priester und seine Frau saßen zusammen mit ihrer ältesten Tochter davor auf dem Boden in einem Haufen Maulbeerbaumzweigen, und all die anderen Kinder saßen hintereinander auf den Stufen und reichten die gepflückten Blätter nach oben zur zweitältesten Tochter, deren Aufgabe es war, das Schaf zum Weiterfressen zu zwingen. Sie würden so lange weitermachen, bis das Schaf zu dick zum Stehen wäre und auf die Seite kippte. Dann wollten sie es schlachten, um für das ganze kommende Jahr genug Fett zu haben.

Sie waren so eifrig bei der Sache, dass sie den Fremden an der Türschwelle nicht bemerkten, bis er rief: »Frieden diesem Hause« und freundlich um einen Schluck Wasser bat. Sogar dann ließ sich der Priester nicht stören, sondern sagte ›Itfaddalû!‹ und deutete auf einen an der Wand stehenden Krug. Der Gast sah hinein, doch das Gefäß war leer.

›Kein Wasser drin‹, sagte er.

›Oh‹, seufzte der Priester, ›heute sind wir von der Arbeit so durstig, dass wir ihn leergetrunken haben, und so beschäftigt, dass die Kinder vergessen haben, ihn aufzufüllen. Steh auf, o Nesîbeh, nimm den Krug auf deinen Kopf, eile zur Quelle und bring Wasser für unseren Gast.‹

Das Mädchen Nesîbeh, es war vierzehn Jahre alt, stand gehorsam auf und schüttelte die Maulbeerbaumblätter und Raupen von seinem Gewand. Es nahm den Krug und ging durch das Dorf zur Quelle, die einem Felsen unter einem gewaltigen Birnbaum entsprang.

So viele Leute holten gerade Wasser, dass Nesîbeh sich nicht vordrängen konnte, also setzte sie sich, um zu warten, bis sie an die Reihe kam, auf einen schattigen Platz. Sie war von Natur aus nachdenklich, und während sie wartete, sprach sie zu ihrer Seele: ›O Seele, ich bin schon ein großes Mädchen. In ein, zwei Jahren vermählt mich meine Mutter mit einem anständigen Mann. Im Jahr darauf habe ich einen kleinen Sohn. Ein, zwei Jahre später ist er alt genug, um herumzulaufen, und sein Vater fertigt für ihn ein Paar roter Schühchen, und er wird zu dieser schönen Quelle kommen, wie es alle Kinder tun, um im Wasser zu plantschen. Da er ein wagemutiger Bursche ist, wird er auf den Baum klettern.‹

Und dann, als ihr Blick auf einen großen Ast fiel, der wie ein ausgestreckter Arm hervorragte, merkte sie, wie gefährlich es für Kinder war, auf den Baum zu klettern.

›Er wird herunterfallen und sich das Genick brechen.‹

Sofort begann sie untröstlich zu weinen und machte dabei solch einen Lärm, dass sich alle, die gekommen waren, um Wasser zu holen, um sie scharten und fragten: ›O Nesîbeh, was fehlt dir?‹

Und zwischen ihren Schluchzern antwortete sie: ›Ich bin schon ein großes Mädchen.‹

›Das stimmt, o Vielgeliebte!‹

›In ein, zwei Jahren wird meine Mutter einen Mann für mich finden.‹

›Höchstwahrscheinlich.‹

›Im Jahr darauf habe ich einen kleinen Sohn.‹

›So Gott will!‹, murmelte die Menge fromm.

›Ein, zwei Jahre später ist er alt genug, um herumzulaufen, und sein Vater fertigt für ihn ein Paar roter Schühchen, und er wird mit den anderen Kindern zu dieser schönen Quelle kommen und auf den Baum klettern. Und … oh! … Seht den großen, vorragenden Ast. Von dem wird er abrutschen, herunterfallen und sich das Genick brechen! Ach, wehe!‹

Daraufhin riefen die Leute: ›O grausames Schicksal!‹, und viele zerrissen ihre Kleider. Sie sanken rund um Nesîbeh zu Boden, wiegten sich hin und her und klagten: ›Ach, mein kleiner Nachbar. Mein armer, lieber, kleiner Nachbar! Ach, hättest du lang gelebt, um mich zu begraben, mein kleiner Nachbar!‹1

Derweil wurde der Fremde, der auf das Wasser wartete, ungeduldig und wagte erneut, das Schafstopfen zu stören, indem er bemerkte, das junge Mädchen mit ihrem Krug sei überfällig. ›Das stimmt‹, sagte der Dorfpriester und schickte seine zweitälteste Tochter aus, um der ersten Beine zu machen. Das Mädchen lief rasch zur Quelle und sah die ganze Dorfbevölkerung weinend um ihre Schwester am Boden sitzen. Sie fragte, was los sei. Sie antworteten: ›Großes Leid! Deine Schwester – arme, verwirrte Mutter! – sagt dir, worum es geht.‹ Sie lief zu Nesîbeh, die stöhnte: ›Ich bin schon ein großes Mädchen. In ein, zwei Jahren vermählt mich meine Mutter mit einem Mann. Im Jahr darauf habe ich einen kleinen Sohn. Ein, zwei Jahre später ist er alt genug, um herumzulaufen. Sein Vater fertigt für ihn ein Paar roter Schühchen. Er wird zu dieser schönen Quelle kommen, um wie alle Kinder zu spielen. Er auf klettert auf den Baum, fällt von diesem vorragenden Ast und bricht sich das Genick.‹

Bei dieser traurigen Nachricht vergaß das zweite Mädchen seinen Auftrag. Es warf den Rock über den Kopf und begann zu schreien: ›Ach, mein kleiner Neffe! Mein armer, kleiner Neffe! Bei Gott, hättest du lang gelebt, um mich zu begraben, mein kleiner Neffe!‹ Und auch sie setzte sich zu den anderen auf den Boden, um sich ihrem Kummer hinzugeben.

Der Dorfpriester sagte: ›Auch die Zweite ist überfällig. Ich schicke noch ein Kind los, doch du, o Fremder, musst seinen Platz auf den Stufen einnehmen, sonst würde das Stopfen zu lange unterbrochen.‹

Der Fremde tat, worum man ihn gebeten hatte, während ein Kind nach dem anderen losgeschickt wurde, bis er alleine übrig blieb, um die frischen Blätter hinaufzutragen und dem Schaf ins Maul zu stopfen. Immer noch kam niemand zurück.

Die Frau des Dorfpriesters ging selbst los und meinte, ihr Mann und der Fremde könnten die Arbeit allein erledigen. Das taten sie lange Zeit, doch niemand kam zurück.

Schließlich stand der Priester auf und sagte: ›Ich gehe selbst und werde sie verprügeln, weil sie so lang fortbleiben. Füttert derweil das Schaf, o Fremder. Lasst nicht davon ab, die Blätter hinaufzutragen und es damit zu stopfen, sonst wäre aus Nachlässigkeit all die Arbeit umsonst gewesen.‹

Der Priester ging wütend durch das Dorf zur Quelle. Doch sein ganzer Zorn verwandelte sich in Staunen, als er die Menschenmenge schluchzend vor Kummer rund um seine Familie auf dem Boden sitzen sah.

Er wandte sich an seine Frau und fragte, was los sei.

Sie stöhnte: ›Ich kann es nicht sagen. Frag die arme Nesîbeh!‹

Dann wandte er sich an seine älteste Tochter, die von Schluchzern halb erstickt erklärte: ›Ich bin schon ein großes Mädchen.‹

›Das stimmt, o meine Tochter!‹

›In ein, zwei Jahren wird meine Mutter einen Mann für mich finden.‹

›Das ist möglich.‹

›Im Jahr darauf habe ich einen kleinen Sohn.‹

›In sh’Allah!‹, sagte ihr Vater fromm.

›Ein, zwei Jahre später läuft mein Sohn herum. Sein Vater fertigt für ihn ein Paar roter Schühchen. Er kommt zu dieser Quelle, um mit den anderen Kindern zu spielen. Und von diesem vorragenden Ast – wie soll ich es erklären? – fällt er herunter und bricht sich das Genick.‹ Nesîbeh verbarg erneut ihr Gesicht und jammerte laut.

Dem Dorfpriester brach das Herz, als er die schreckliche Nachricht vernahm, er riss seine Soutane von unten bis zur Taille entzwei, warf die Enden über sein Gesicht und rief: ›Ach, mein kleiner Enkel! Mein lieber, kleiner Enkel! Oh, wenn du gelebt hättest, um mich zu begraben, mein kleiner Enkel!‹ Und auch er sank von Trauer erfüllt zu Boden.

Dem Fremden wurde es schließlich zu mühsam, die Maulbeerbaumblätter abzureißen und sie die Stufen hinauf zu dem angebundenen Schaf zu bringen. Er merkte, dass er wegen der Anstrengung noch durstiger geworden war.«

»Hat er das wirklich getan, obwohl niemand zuschaute?«, fragte Rashîd. »Er muss ebenso dumm gewesen sein wie alle anderen.«

»Das war er, aber auf andere Art«, sagte Suleymân. »Er ging zur Quelle und sah die Versammlung unter dem Birnbaum, die heulte wie die Sünder am Jüngsten Tag. Mittendrin saß der Dorfpriester, der sein Gesicht in den Fetzen seines schwarzen Rocks barg. Der Fremde wagte es, sich dem Mann zu nähern und ihn zu fragen, was los sei. Der Priester zeigte kurz sein Gesicht und wollte sprechen, doch die Erinnerung an seinen Kummer überwältigte ihn. Er verbarg sein Gesicht erneut und jammerte: ›Ach, mein kleiner Enkel! Mein hübscher, kleiner Enkel! Oh, wenn du gelebt hättest, um mich zu begraben, mein kleiner Enkel!‹

Eine Frau, die in der Nähe saß, zupfte dem Fremden am Ärmel und sagte: ›Seht das Mädchen dort. Bald ist sie erwachsen. In ein, zwei Jahren ist sie sicher verheiratet. Ein Jahr später hat sie einen kleinen Sohn. Der Kleine ist bald groß genug, um herumzulaufen. Sein Vater macht ihm ein Paar roter Schühchen. Er kommt zur Quelle, um mit den anderen Kindern zu spielen. Seht Ihr den Birnbaum? An einem Tag wie diesem – einem schönen Nachmittag – klettert er hoch, und von dem Ast, der über die Quelle hinausragt, fällt er hinunter und bricht sich sein kleines Genick auf diesen Steinen. Ach, unser kleiner Nachbar. Ach, hättest du gelebt, um uns zu begraben, mein kleiner Nachbar!‹ Und alle begannen erneut, sich zu wiegen und zu jammern.

Der Fremde stand da und starrte sie eine Weile an. Dann schrie er ›Tfû’aleykum!‹2 und spukte auf den Boden. Er würdigte sie keines weiteren Wortes, sondern ging fort und wanderte immer weiter, bis er sein Heimatdorf erreichte. Dort setzte er sich auf seinen uralten Stuhl und sagte zu seiner Frau: ›Sei nicht traurig, o Geliebte! Ich habe eine Grässlichere gefunden.‹«

Suleymân erklärte die Geschichte für beendet.

»Was ist die Moral?«, fragte Suleymân.

»Das erklärt sich von selbst«, antwortete der Geschichtenerzähler. »Es ist diese: Ganz gleich, wie schlimm die eigene Frau auch sein mag, man kann immer eine schlimmere finden.«

»Man kann auch eine bessere finden«, schlug ich vor.

»Verlasst Euch nicht darauf!«, sagte Suleymân. »Auf der Welt gibt es drei Arten von Frauen, die allesamt behaupten, von unserem Vater Noah abzustammen. Doch die Wahrheit ist: Unser Vater Noah hatte nur eine Tochter, und drei Männer begehrten sie. Um die anderen zwei nicht zu enttäuschen, verwandelte er seinen Esel und seinen Hund in zwei Mädchen, die er den Freiern anbot – deswegen hat man es heute mit drei Arten von Frauen zu tun. Die echten Nachkommen unseres Vaters Noah sind sehr selten.«

»Wie kann man sie von den anderen unterscheiden?«, fragte ich.

»Nur durch eines: Sie behalten Euer Geheimnis für sich. Die zweite Art Frau verrät Euer Geheimnis an eine Freundin, die dritte wird es gegen Euch verwenden. Und dies tun sie instinktiv, so wie Hunde bellen und Esel schreien, ohne böse Absicht oder Hintergedanken.

Derselbe Dorfpriester der Maroniten, von dem ich gerade erzählt habe, wurde in den ersten Tagen seiner Ehe von seiner Lebensgefährtin gepeinigt, ihr die Geheimnisse anzuvertrauen, die ihm die Leute beichteten. Er weigerte sich und behauptete, sie würde sie preisgeben.

›Nein, ich kann ein Geheimnis für mich behalten, wenn ich es geschworen habe. Stell mich auf die Probe!‹, antwortete sie.

›Na, das wollen wir mal sehen‹, sagte der Dorfpriester in einem neckenden Tonfall.

Eines Tages, als er zu Hause auf dem Sofa lag, begann der Priester zu stöhnen und sich zu winden, als litte er starke Schmerzen. Seine Frau fragte ihn entsetzt, was ihm fehle.

›Es ist ein Geheimnis‹, erwiderte er, ›das ich dir nicht anzuvertrauen wage, denn mein Wohlergehen auf Erden und mein Seelenheil hängen davon ab.‹

›Ich schwöre bei Allah, es für mich zu behalten. Erzähl’s mir!‹, drängte sie.

›Nun‹, antwortete er wie unter Höllenqualen, ›ich riskiere mein Leben und vertraue dir. Wisse, dass du Zeugin des größten Wunders bist. Obwohl ich keine Frau bin, werde ich bald ein Kind gebären – etwas, was auf Erden bis heute noch nie geschehen ist –, und in dieser Stunde soll ich mein Erstgeborenes zur Welt bringen.‹

Dann steckte er mit einem furchtbaren Schrei die Hände unter seinen Rock und zeigte seiner Frau einen kleinen Vogel, den er dort versteckt hatte. Er ließ ihn durch das Fenster davonfliegen. Nachdem der Vogel verschwunden war, sagte der Priester fromm: ›Gelobt sei Allah! Das ist vorbei! Du hast mein Kind gesehen. Dies ist ein heiliges und schreckliches Geheimnis. Behalte es für dich oder wir müssen alle sterben!‹

›Ich schwöre, dass ich es geheimhalte‹, erwiderte sie inbrünstig.

Doch das Wunder, dessen Zeugin sie gewesen war, ließ ihr keine Ruhe. Sie musste darüber sprechen oder sterben. Also besuchte sie eine Freundin, auf deren Klugheit sie sich verlassen konnte, ließ sie schwören, Stillschweigen zu bewahren, und erzählte ihr die Geschichte.

Diese Frau hatte ebenfalls eine vertrauenswürdige Freundin, der sie unter Eid, alles für sich zu behalten, die Geschichte erzählte, und so ging es weiter, mit dem Ergebnis, dass am selben Abend eine Delegation der Dorfältesten den Priester aufsuchte und ihn im Namen der Gemeinde bat, die Füße seines geheimnisvollen Sohnes küssen zu dürfen – jenes kleinen regenbogenfarbenen Vogels, der ein Horn auf dem Kopf trage und Flöte spiele.

Der Dorfpriester sagte nichts zu seiner Frau. Er schlug sie nicht. Er warf ihr nur einen Blick zu. Und doch peinigte sie ihn von diesem Tage an nie wieder und blieb demütig.«

»Der Priester war zu diesem Anlass sehr weise, aber so töricht in der anderen Geschichte!«, wandte ich ein.

»So sind die meisten Männer«, sagte Suleymân. »Doch Frauen sind eher gleichbleibend klug oder töricht. Eine glückliche Nacht!«, sagte Suleymân zum Abschluss und legte sich schlafen.

Das übliche Nachtlicht der syrischen Bauern – ein Docht, der in einer Tasse voll Öl und Wasser schwimmt – brannte zwischen uns auf dem Boden und ließ auf Wand und Decke große Schatten tanzen. Das Letzte, was ich vor dem Einschlafen hörte, war Rashîds Stimme: »Er ist ein berühmter Lügner, unser weiser Mann dort; und trotzdem sagt er die Wahrheit!«

Der klappernde Sack

Der Sand, vorher in einem dunklen Ockerton, färbte sich cremig weiß, das Blau des Meeres wechselte in ein fahles Grün, das Gras auf den Sanddünen schwärzte und bog sich unter einer plötzlichen Windböe. Die Veränderung kam unvermittelt, so schien es mir. Ich hatte bemerkt, dass Wolken über den Berggipfeln im Landesinneren aufzogen, aber ich war unter einer heißen Sonne geritten, die nur ein klein wenig schwächer schien als zur Mittagsstunde, als plötzlich die Kälte und der Schatten mich trafen. Dann sah ich den Himmel bedeckt von einer riesigen purpurnen Wolke, die sich zu Land und Meer hinabwölbte. Die Wellen, die den ganzen Tag gelispelt hatten, ließen ein unheilvolles dumpfes Brüllen vernehmen. Weiße Pferde bäumten sich auf und schlugen nach vorne aus. Ein Wind sang zwischen dem Gras und den Disteln der Dünen, blies mir Sand ins Gesicht.

Rashîd, der weit hinter mir ritt und mit dem Maultiertreiber plauderte, raste herbei, und ich hörte die Schreie des Mukâri, der seine zwei Tiere zur Eile antrieb.

»Dort auf der Landzunge liegt ein Dorf … ein Dorf von zirkassischen Siedlern«, rief mein Diener atemlos. »Es hat einen schlechten Ruf, und ich hätte ungern dort übernachtet. Doch in solch einem Sturm ist jedes Dach gut. Reitet schnell! Vielleicht kommen wir an, bevor es schüttet.«

Mein Pferd lief bereits aus eigenem Antrieb im Kanter. Ich spornte es zum Galopp an. Wir umrundeten die Bucht wie im Flug. Das Dorf auf der Landzunge nahm rasch Gestalt an – ein paar würfelförmige, weißgetünchte Häuser, die zwischen etwas kauerten, das zunächst wie große Felsen aussah, sich aber beim Näherkommen als Blöcke von Mauerwerk herausstellte, die Ruinen einer uralten Stadt. Gelegentlich spritzte die Gischt über sie hinweg, weiß wie Lilien im Dämmerlicht. Die Flut kam. Ich erkannte ein altes Tor, das sich zum Strand öffnete, und lenkte mein Pferd dorthin, während der Regen herabprasselte. Ich sah nichts mehr, bis die Ruinen dicht vor mir emporragten, eine lückenlose Mauer.

»Zu Eurer Rechten!«, rief Rashîd, und als ich mich nach rechts wandte, fand ich das Tor. Wir warteten unter dem Torbogen, bis der Maultiertreiber, eine tropfnasse Gestalt, gehüllt in einen Sack, mit den beiden Mauleseln erschien; und dann tauchten wir erneut in die Sintflut. Der Pfad, der sehr uneben war, schlängelte sich durch die Ruinen auf und ab, hinein und hinaus. Es gab ungefähr ein Dutzend verstreuter Häuser ohne Gärten oder andere Anzeichen von Bewirtschaftung ringsum. Nur eines hatte ein oberes Stockwerk, und da wir es für den Gasthof hielten, gingen wir darauf zu. Es stand allein auf dem Vorgebirge, umgeben von Gischtwolken.

Ein kleiner Hof bot ein wenig Schutz, während Rashîd eine grobe Steintreppe hinaufeilte, an die Tür hämmerte und rief: »Friede diesem Hause! Mein Herr braucht dringend Essen und Obdach, und wir, seine Diener, erbitten von Eurer Güte dieselbe Gunst. O Herr des Hauses, Gott wird Euch für Eure Gastfreundschaft belohnen!«

Die Tür wurde geöffnet, und ein Mann erschien, der uns alle im Namen Allahs hereinbat. Er war mittelgroß, stämmig gebaut und hatte einen buschigen grauen Schnurrbart. Ein altmodischer flacher Fez mit einer großen blauen Quaste war mit einem bestickten Turban um seine Stirn gebunden. Eine blaue Zuavenjacke, eine karmesinrote Weste und dunkelblaue Pluderhosen vervollständigten sein Gewand, doch Schuhe trug er keine. In seinem Gürtel steckten zwei Pistolen und ein Krummsäbel.

Er hieß uns in schlechtem Arabisch willkommen und führte uns in ein großes Zimmer – das obere Stockwerk, das wir aus der Ferne gesehen hatten. Die Fenster wussten nichts von Glas, sondern waren grob mit Fensterläden aus Holz verschlossen und verriegelt, die im Sturm knirschten und klapperten. Ein sehr vornehm aussehender alter Mann erhob sich vom Diwan, um uns zu begrüßen.

»Woher kommt Ihr? Seid Ihr ein Türke oder einer von uns?«, fragte er, als ich meinen Schal abnahm. »Ein Engländer, sagt Ihr?« Er ergriff meine Hand und drückte sie. »Ein Engländer … jeder Engländer ist gut, und sein Wort gilt. Doch die englische Regierung ist sehr übel. In Kars benahmen sich drei Engländer wie Kriegerengel, kämpften wie Teufel. Und während sie für uns kämpften, betrog ihre Regierung unser Land. Wie? Ihr habt davon gehört? Allah sei gepriesen! Endlich treffe ich jemanden, der die Geschichte bestätigt. Mein Sohn hier meint, ich hätte sie erfunden.«

Zufällig hatte ich über die Verteidigung von Kars unter Führung dreier heldenhafter Engländer gelesen – General Williams, Captain Teesdale und Doktor Sandwith – und über den Verrat an dem zirkassischen Aufstand unter Shamyl während des Krimkriegs.

Der Alte war hocherfreut. »Höre, o mein Sohn!«, rief er dem Mann zu, der uns hereingelassen hatte. »Was ich so oft erzählt habe, ist wahr. Dieser Engländer weiß alles darüber. Ebenso die ganze Welt, bis auf solche Dummköpfe wie du und deine Freunde.«

Sein Sohn bat darum, sich kurz entfernen zu dürfen, um seine Ernte in die Scheune zu bringen. Daraufhin schleppte er einen Sack aus dem Zimmer. Welche Früchte er geerntet hatte, weiß ich nicht, aber eines weiß ich: Der Inhalt des Sacks klapperte, als er ihn hinauszog.

Bei seiner Rückkehr brachte er eine Schale mit in klarer Butter gebratenen Eiern, zwei Scheiben Brot und einen großen Krug Wasser und entschuldigte sich für die schlichte Kost. Wir aßen alle zusammen, der Alte plapperte ganz aufgeregt über alte Zeiten. Sein Sohn starrte mich an, ohne zu blinzeln. Schließlich sagte er: »Ich mag Euch, o Khawâjah. Einst hatte ich einen Sohn in Eurem Alter. Sag, o mein Vater, sieht er ihm nicht sehr ähnlich?«

Hernach redete er fast so viel wie der Alte, schilderte mir, wie sie aus dem Kaukasus ausgewandert waren, um dem Joch der verfluchten Moskoviten zu entrinnen, und zählte all die Schwierigkeiten auf, mit denen sie sich hatten herumschlagen müssen, seit sie nach Syrien gekommen waren.

»Wir sind keine Untertanen der Regierung«, erklärte er mir, »sondern Verbündete, und wir genießen besondere Privilegien. Doch die ehrlosen Hunde in dieser Gegend vergessen alte Bündnisse und wollen, dass wir Steuern zahlen wie gewöhnliche Fellâhîn.«

Wir plauderten bis spät in die Nacht, während draußen der Sturm tobte und Regen und Gischt gegen die Fensterläden prasselten; ich bin noch nie freundlicher behandelt worden. Es war üblich, dass Zufallsgäste nur abends eine Mahlzeit bekamen und früh am nächsten Morgen abreisten. Doch als ich bei strahlendem Sonnenschein erwachte, hatte unser Gastgeber bereits das Frühstück zubereitet – saure Milch, arabisches Brot und duftenden Kaffee –, und als ich zu meinem Pferd hinausging, folgte er mir, stopfte zwei Brathühner in meine Satteltaschen und rief: »Zâd!« – das bedeutet »Reiseproviant«. Und zu meiner Verlegenheit fielen er und der Alte mir um den Hals und küssten mich auf beide Wangen.

»Gute Leute! Die Allerbesten! Sie wollen kein Geld. Gott möge sie belohnen«, jubelte Rashîd, als wir aus den Ruinen heraus landeinwärts durch einen Garten aus Wildblumen ritten. Der Sturm war abgezogen. Keine Wolke blieb zurück.

Nach einer Stunde kamen wir in Sichtweite eines großen Khan, außerhalb eines Lehmhüttendorfes an der Küste. Davor hatten sich eine Menschenmenge sowie einige Soldaten versammelt. Als wir uns der Menge näherten, fragte Rashîd, was der Grund für das Gewimmel sei.

»Ein schreckliches Unglück«, sagte man ihm. »Ein Mann, ein Fremder, liegt im Sterben, Wegelagerer haben ihn tödlich verwundet. Einer seiner Gefährten, ein armer Diener, ist schon tot.«

Wir stiegen ab, und Rashîd drängte sich nach vorn, um mehr zu erfahren. Bald trat ein Soldat an mich heran.

»Euer Ehren seid Engländer?«, fragte er. »Allah sei gepriesen! Ich bin sehr erleichtert. Der andere ist offenbar ebenfalls Engländer. Er ist schwer verletzt, an der Schwelle des Todes.«

Ich begleitete ihn sofort zu dem Verwundeten, der froh zu sein schien, mich reden zu hören, aber nicht antworten konnte. Rashîd und ich taten, was wir konnten, damit er es bequem hatte, und befahlen den Soldaten, die Menge fernzuhalten. Wir beschlossen, weiterzureiten und einen Arzt zu schicken, um dann die Angelegenheit einem britischen Konsul zu berichten.

»Er wollte irgendein Geschäft in der Stadt dort drüben eröffnen«, erklärte mir der Anführer der Soldaten und nickte in Richtung Süden. »Er hatte eine ziemlich große Karawane mit vielen Kamelen. Doch nahe des Dorfes —— wurde er von den Zirkassen überfallen und war so dumm, Widerstand zu leisten. Sie raubten ihm all seine Wertsachen – seine Waffen, sein Geld –, töteten einen seiner Kameltreiber und verwundeten ihn. Es geschah gestern, vor dem Sturm. Sie sagen, ich solle ihn rächen. Wer bin ich – ein Unteroffizier mit sechs Mann –, dass ich gegen Huseyn Agha und seine Kavallerie kämpfe! Dazu braucht es ein Regiment!«

Er zog schimpfend ab. Rashîd und ich sahen einander fest in die Augen, denn das genannte Dorf war jenes, in dem wir übernachtet hatten, und Huseyn Aghas Brathühner steckten in unseren Satteltaschen.

Ich merkte, dass Rashîd meinetwegen beunruhigt war. Er schwieg eine Zeitlang. Schließlich sagte er zu mir: »Es ist so, mein Herr. Jeder muss mit seinen eigenen Augen sehen, nicht mit denen eines anderen. Leute sind, wie man sie gerade sieht, gut oder böse. Sie ändern sich aus dem Blickwinkel eines jeden Menschen und bleiben doch dieselben. Für uns sind diese Straßenräuber gute Leute, wir müssen sie segnen, wir haben Grund dazu. Dieser andere Mann kann sie freimütig verfluchen, wenn er das möchte. Gut zu ihren Freunden, böse zu ihren Feinden. Wer unter den Söhnen Adams kann sie gänzlich verdammen?«

Polizeiarbeit

Als ich mich einmal zum Abendessen umziehen musste, legte ich meinen Geldgürtel ab und vergaß, ihn wieder anzulegen. Darin befanden sich zwölf Pfund. Ich ließ ihn auf dem Tisch im Hotelschlafzimmer liegen. Bei meiner Rückkehr in den frühen Morgenstunden war er verschwunden. Rashîd – der in einem Khan übernachtete, um unsere beiden Pferde zu versorgen – erschien um acht Uhr und weckte mich. Wie er von meinem Verlust erfuhr, hielt er mir die schlimmste Strafpredigt meines Lebens und ging dann hinaus, um dem Hotelbesitzer den Marsch zu blasen.

Diesmal war es ein richtiges Hotel mit table d’hôte, Portier und Palmenlounge – tatsächlich gab es alles, bis auf Abflussrohre. Der Besitzer war ein dicker, brauner Kerl, den ich meist auf dem Sofa in seinem Büro hatte liegen sehen, während einer seiner vielen Söhne die ganze Arbeit erledigte. Nun stellte ich fest, dass er notfalls auch Tatkraft zeigen konnte. Als er von Rashîd erfuhr, dass ich, ein Gast seines Hotels, bestohlen worden war, sprang er auf und tobte vor Wut.

Als ich den Schauplatz betrat – die Palmenlounge, ein offener Hof mit Sonnensegel –, schwang der Hotelier unter schrecklichen Flüchen eine Peitsche und hatte buchstäblich Schaum vor dem Mund. Ich bat ihn, nichts Unüberlegtes zu tun, doch er schien mich nicht zu hören. Mit dem Schrei eines Schlachtrosses eilte er zu den Quartieren der Diener, von wo man bald herzzereißendes Kreischen und lautes Betteln um Gnade vernahm. Seine Söhne, die befürchteten, es könnte ein Mord geschehen, folgten ihm und vergrößerten den allgemeinen Aufruhr mit ihren Protestrufen. Die Frauen seines Hauses erschienen an den Türschwellen, weinten und rangen die Hände.

Rashîd schien zufrieden mit diesem Durcheinander, betrachtete es als Anerkennung unserer Bedeutsamkeit, seiner und meiner.

»Seid so gut und geht fort«, sagte er zu mir. »Die Szene ist Eurer nicht würdig. Ich achte darauf, dass alles dafür getan wird, um Eurem Namen Ehre zu machen.«

Ich blieb trotzdem. Bald kehrte der Gastwirt zurück. Er schwitzte stark und wischte sich mit einem karmesinroten Taschentuch übers Gesicht. Er lächelte wie jemand, der sich mit Leibesübungen erfrischt hat.

»Es ist zwecklos«, sagte er mit einem Achselzucken. »Ich habe sie ordentlich verprügelt, und jeder Einzelne hat zugegeben, dass er allein und kein anderer der Dieb sei. Jeder, der an die Reihe kam, wollte um jeden Preis mein Diener bleiben.«

Er sank auf ein Sofa nieder, das im Hof stand. »Wie soll ich weiter vorgehen, Euer Ehren?«, fragte er. »Ich verprügle jeden. Der Vorfall ist so schlecht für das Hotel. Ich bin ruiniert, wenn Cook oder Baedeker davon hören.«

Da mich die Schreie der unglückseligen Diener beschämt hatten, sagte ich ihm, ich würde lieber das Geld verloren geben als mit anzusehen, wie harmlose Leute wegen meiner Schlampigkeit leiden mussten. Rashîd erhob Einspruch, zwölf Pfund seien keine Kleinigkeit, auch wenn ich in meiner jugendlichen Torheit diese Meinung verträte. Er, mein Diener, müsse über meinen Besitz wachen.

»Das Gold ist verloren. Es ist Allahs Wille. Lass es gut sein«, antwortete ich gereizt.

»Ihr werdet es nicht dem englischen Konsul erzählen?«, rief der Gastwirt mit plötzlichem Eifer. »Ihr werdet kein Wort an Cook oder Baedeker richten, um meinem Hotel einen schlechten Ruf zu bescheren und es zu ruinieren? Möge unser Herrgott Euren Reichtum vergrößern und Euch immer beschützen! Mögen Eure Nachkommen noch mehr Ehre erlangen, bis sie die Welt beherrschen!«

»Aber man muss etwas unternehmen«, protestierte Rashîd. »Ein Verbrechen wurde begangen. Wir müssen den Täter finden.«

»Richtig«, sagte der Gastwirt, »und ich werde helfen so gut ich kann. Der Konsul wäre keine Hilfe. Er würde nur die Polizei aufschrecken, die dann ein oder zwei Männer foltern oder sogar hängen würde, aber nicht den Mann, der Euren Geldgürtel gestohlen hat. Unsere Polizisten sind klug, wenn man sie nicht aufscheucht. Geht zu ihnen und gebt ihnen etwas Geld. Sie finden den Dieb.«

»Ich gehe sofort«, sagte Rashîd.

Ich bat ihn, zu warten. Da ich wusste, wie gern er mich und meinen Besitz übertrieben darstellte, hielt ich es für besser, bei dem Gespräch anwesend zu sein, damit er die Polizisten nicht ebenso aufschreckte, wie es das Einschreiten des Konsuls getan hätte.

Wir gingen zusammen durch die schattigen Märkte, kreuzten hier und da eine Stelle im blendenden Sonnenlicht, fragten gelegentlich nach dem Weg, bis wir schließlich zu einem weißgetünchten Raum kamen, in dem Soldaten herumlungerten und ein Beamter im Gehrock und mit Fez auf dem Kopf hinter einem Schreibtisch saß. Letztgenannter zeigte großes Mitgefühl.

»Zwölf Pfund!«, rief er. »Das ist eine beträchtliche Summe. Zunächst muss man den Tatort besichtigen. Wartet, ich schicke Euch jemanden, der sich auskennt.«

Er rief einen der Soldaten, der vortrat und salutierte, und übertrug ihm die Angelegenheit.

»Ihr könnt ihm vertrauen. Er versteht sein Handwerk«, versicherte er mir und verbeugte sich überaus höflich, als wir uns verabschiedeten.

Mit dem uns zugeteilten Soldaten schlenderten wir zurück zum Hotel. Der Mann hatte reichlich Mitleid mit mir. Er meinte, es sei der schlimmste Fall, von dem er je gehört habe – einem so ausgesprochen guten und liebenswürdigen Menschen eine so große Summe zu stehlen. Ach! Die Schlechtigkeit mancher Leute. Sie verdunkle die Sonne!

Im Hotel blieb er lange Zeit in meinem Zimmer, um, so sagte er, nach »Spuren« zu suchen. Rashîd, der Wirt, seine ganze Familie und fast alle Diener drängten sich an der Tür. Nachdem er in jeden Schrank gesehen hatte und unter das Bett gekrochen war, das er komplett durcheinandergebracht hatte, überlegte er eine Weile, ob der Dieb durch das Fenster oder die Tür gekommen sei. Als er sich schließlich für die Tür entschieden hatte, wandte er sich an mich und fragte, ob ich jemanden verdächtigte. Ich sagte »Nein« und sah, wie er Rashîd einen Seitenblick zuwarf, als schätze er ihn glücklich, einen derart begriffsstutzigen Herrn zu haben. Auf meinen Befehl hin gab Rashîd ihm eine Silbermünze zum Abschied, worauf er meine Hand küsste und sagte: »Ich kenne einen klugen Mann, den besten für solch einen Fall. Ich schicke ihn Euch in einer Stunde.«

Drei Stunden verstrichen. Ich hatte gegessen und trank Kaffee in der Lounge, da stellte man mir einen eleganten Mann in prachtvollen Roben vor. Er schielte ständig an seiner Nase entlang auf seinen Schnurrbart, den er mit einem sanften Lächeln streichelte.

»Eure Exzellenz wurden bestohlen«, murmelte er heimlichtuerisch, »und Ihr wollt wissen, wer dahintersteckt? Nichts einfacher als das. Ich habe viele Diebe entlarvt. Gut möglich, dass ich den Mann kenne. Ich verkleide mich als alte Frau oder bettelnder Derwisch. Es gibt viele Möglichkeiten. Doch zunächst muss ich Euer Ehren um ein englisches Pfund ersuchen. Das ist meine Gebühr. Es ist wenig für solche Dienste.«

Ich erwiderte matt, die Sache langweile mich inzwischen; ich wollte von dem Geld oder dem Dieb nichts mehr hören. Er blieb lange, schmeichelte und protestierte, pries seine Geschicklichkeit in glühenden Worten an, zog aber letztlich mit verzweifeltem Achselzucken und Blicken über die Schulter von dannen, in der Hoffnung, dass ich mich doch noch erweichen ließ.

Rashîd, der fortgegangen war, um die Pferde zu versorgen, kehrte bald zurück und fragte, ob ich den großen Detektiv getroffen hätte. Als ich unser Gespräch schilderte, kamen ihm fast die Tränen.

»Die Leute hier halten mich für den Dieb«, erklärte er mir. »Sie sagen nichts, aber ich spüre es in ihrer Haltung mir gegenüber. Und nun gebt Ihr die Suche nach dem Täter auf! Muss ich ewig diese Schande tragen?«

Hier ergab sich eine neue Zwickmühle! Ich konnte keinen Ausweg erkennen, denn selbst wenn wir den großen Detektiv eingestellt hätten, erschienen unsere Chancen, den Verbrecher zu finden, verschwindend gering. Ich überlegte gerade, was man tun könnte, um Rashîd von dem Verdacht zu befreien, da betrat eine vertraute Gestalt den Hof und schlenderte zu uns herüber. Es war Suleymân! Ich hatte geglaubt, er wäre dreihundert Meilen entfernt in Gaza, im Süden Palästinas. Wir begrüßten ihn lautstark, doch durch seine Gelassenheit wies er uns zurecht. Ich habe ihn nie aufgeregt oder überrascht gesehen.

Er lauschte aufmerksam unserer Geschichte und schüttelte den Kopf über die Polizei und den Detektiv.

»Die taugen nichts«, spottete er. »Wir wenden uns lieber an den Anführer der Diebe. Ich kenne ihn sehr gut.«

»Ma sh’Allah! Gibt es eine Zunft der Diebe?«

»Die gibt es.«

»Der Sheykh der Diebe muss der größte Gauner sein. Mit ihm möchte ich nichts zu tun haben.«

»Ihr irrt Euch«, bemerkte Suleymân würdevoll. »Euer Irrtum beruht auf der Überzeugung, dass ein Dieb böse ist. Er mag als Einzelperson böse sein. Alle Menschen, die nach Gewinn streben, können es sein, doch als Mitglied einer Zunft besitzt er Stolz und Ehre. Bei den Europäern ist es genau das Gegenteil. Einzeln sind sie ehrenhafter als ihre Regierungen und Zünfte. Ich versichere Euch, der Sheykh der Diebe ist die Seele der Ehre. Ich gehe sofort zu ihm. Er kann Rashîd von dem Verdacht befreien.«

»Gelingt ihm das, ist er der Beste!«, rief mein Diener.

Eine Stunde später erschien einer der Hotelangestellten und teilte mir sehr aufgeregt mit, dass einige Soldaten sich näherten, die den Dieb gefangen hätten. Der Wirt und seine ganze Familie liefen ins Foyer. Rashîd und alle Diener kamen aus Richtung Küche. Vier Soldaten traten mit triumphierenden Ausrufen ein, sie zerrten und stießen jemanden vor sich her – Suleymân!

Der Gefangene blieb wie immer seelenruhig.

»Ich habe den Gürtel zurückbekommen«, rief er. »Diese Männer lauerten in der Nähe des Hauses und entdeckten ihn bei mir. Mit ihnen kann man nicht vernünftig reden. Der Mann, der den Gürtel stahl – ein Grieche –, hat die Stadt verlassen. Er gab dem Sheykh den Gürtel, behielt jedoch das Geld.«

Die Soldaten ließen ihn enttäuscht frei.

»Woher wisst Ihr das alles?«, fragte ihr Anführer.

»Der Anführer der Diebe hat es mir erzählt.«

»Ah, dann ist es wahr«, sagte der Soldat nickend. »Er ist ein Ehrenmann. Er würde Euch nicht betrügen.«

Ich behaupte nicht, diese Vorgänge zu verstehen, aber ich berichte von ihnen.

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25 mayıs 2021
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