Kitabı oku: «Das Gift an Amors Pfeil»

Yazı tipi:

Marnia Robinson

Das Gift an Amors Pfeil


Von der Gewohnheit zum Gleichgewicht in sexuellen Beziehungen

Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Bends


Arbor Verlag

Freiburg im Breisgau

Wichtiger Hinweis

Die Ratschläge zur Selbstbehandlung in diesem Buch sind von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Bei ernsthafteren oder länger anhaltenden Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall einen Arzt oder einen Heilpraktiker Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Eine Haftung der Autorin oder des Verlages für Personen-, Sach-, und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Die Endnoten im Text dieser Publikation sind nicht verlinkt. Um diese aufzurufen, navigieren Sie bitte auf die Seite „Endnoten“ im Inhaltsverzeichnis.

© 2009 Marnia Robinson

© 2010 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag GmbH, Freiburg,

by arrangement with North Atlantic Books, P.O. Box 12327, Berkeley, California 94712

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel: Cupid´s Poisoned Arrow: From Habit to Harmony in Sexual Relationships

Alle Rechte vorbehalten

E-Book 2021

Titelfoto: © 2010 andybahn / Quelle: photocase.com

© 2009 der Illustrationen: North Atlantic Books.

Lektorat: Lothar Scholl-Röse

Gestaltung: Anke Brodersen

Gestaltung Buchcover: Dirk Henn

www.arbor-verlag.de

ISBN E-Book: 978-3-86781-391-4

Dieses Buch widme ich in Liebe Gary Bruce Wilson, dessen Mut, Einsicht und offenes Herz es ins Leben gerufen hat

Inhalt

Ein paar einleitende Worte

Vorwort

„Wer ist hier der Boss?“

… und weiter geht’s

Kapitel 1

Die Biologie hat Pläne für Ihr Liebesleben

Der Coolidge-Effekt

Und wie funktionierte es in der Praxis?

Paarung und Bindung, die zwei Pedale

Warum jetzt?

Warum gerade ich?

Alte Weisheiten: Der Taoismus

Kapitel 2

Elefanten im Wohnzimmer

„Sei vorsichtig, worum du bittest … Es könnte dir gewährt werden“

Doña Quijote macht sich auf den Weg

Ein subtiles Gefühl von Mangel

Objekte im Spiegel können uns näher sein, als es scheint

„Aber ich fühle mich großartig nach dem Orgasmus!“

Im gleichen löchrigen Boot sitzen

Verräterische Zeichen?

Die Fallen der Selbstgenügsamkeit

Alte Weisheiten: Das Christentum

Kapitel 3

Die Spitze des Eisbergs

„Aber was ist mit den ganzen glücklichen Ehen?“

Das Bermudadreieck der Beziehungen

„Man muss einfach nur den Richtigen finden“

Weitere heikle Fragen

Ein Weckruf

An der Angel

Jenseits des Grolls

Sich paaren oder sich verbinden

Teambildung

Eine harte Lehre

Wo hatten wir uns vertan?

Alte Weisheiten: Der Hinduismus

Kapitel 4

Im Herzen des Trennungsvirus

Abnutzung inbegriffen

Lernen Sie Ihr Säugetiergehirn kennen

Gnadenlose Eugenik – unser Paarungsprogramm

Weitere Herausforderungen der Monogamie

Treu, doch reizbar

Feste Beziehungen in Frage gestellt

Die Verbindung zwischen Körper und Gehirn

Bedürfnisse sind Signale

Ihr innerer Kompass

Dopamin – Der schärfste Pfeil in Amors Köcher

Auftritt Amor

Alte Weisheiten: Cortezia

Kapitel 5

Der Zyklus der Leidenschaft

Der Anti-Liebestrank

Was aufsteigt, muss auch wieder herunterkommen

Dopamin – Der Dreh- und Angelpunkt

Sucht – Auf der Suche nach noch mehr Elend

Balance und Bindung

Wissenschaftliche Beweise für dauerhafte Veränderungen nach dem Orgasmus

Prolaktin

Testosteron und Co

Und was ist mit den Männern?

Das Wahrnehmungsspiel

Wenn Liebe sich mit Angst vermischt

Alte Weisheiten: Zurückhaltung des Mannes

Kapitel 6

Die Straße zum Exzess

Gene von gestern

Erinnerungen, die es in sich haben

„Wo ist mein Stamm?“

Die Qual des Exzesses

Vom Zuckern und Zittern

Die überraschende Lektion der Pornografie

„Zuviel des Guten … ist noch besser!“

Die Toleranzschwelle für Suchtmittel

Das plastische Gehirn

In der Spur

Trügerische Auslöser

Dopamin und verzerrte Wahrnehmung

Das Dopamin in die Höhe treiben

Ein überlasteter Belohnungskreislauf

Gehirntraining

Wie fühlt es sich an, ein Versuchskaninchen zu sein?

Alte Weisheiten: Karezza

Kapitel 7

Steuern lernen

Die überraschenden Geschenke der Bindung

Das Schlupfloch in unserem genetischen Plan

Bindungssignale

Selbstlose Berührung kontra hungrige Berührung

Einen Gang zurückschalten, wenn nötig

Tränen in der Kinderstube

Partner können einander stärken

Die andere Art, sexuelle Spannung zu lösen

Gleichgewicht geht vor

Entspannung kontra Leistung

Die Geburt der ekstatischen Austauschübungen

Geschlechtsverkehr

Tango tanzen

Wiederholt sich die Geschichte?

Alte Weisheiten

Von Urbantschitsch, Reich

Rudolf Urban von Urbantschitschs Ehetherapie

Reichs vergessenes Wissen

Kapitel 8

Bindendes Wissen

Die Neurochemie der Monogamie

Den Gewöhnungsblues abwehren

Wie schützt Partnerschaft unsere Gesundheit?

Alte Gehirne + Moderner Beziehungsstress = Schlechte Gesundheit

„Achtung – Amygdala aktiviert“

Die Rettung – Oxytocin

„O“ wie Orgasmus und Oxytocin?

Oxytocin ist keine „Liebesdroge“

Ist es Liebe, ist es Orgasmus oder ist es Geschlechtsverkehr?

Forschung in der Sackgasse

Was brauchen wir wirklich vom Sex?

Die Gesundheit der Prostata

Grenzenlose Bindung kontra grenzenlose Paarung

Alte Weisheiten: Der Buddhismus

Kapitel 9

Den Abgrund überbrücken

Der Säugetierschmerz im Gehirn – ein Fall für Karezza

Neuer Lebensstil, neue Zwänge

Von der Pfanne ins Feuer

Sucht und Zivilisation

Die ideale Stimmungsmedizin

Auftrag zur Paarbindung

Karezza und Monogamie

Was ist zu tun?

Seien Sie ehrlich

Erkenne dich selbst, befreit vom Zyklus der Leidenschaft

Erkenne dich selbst im Zyklus der Leidenschaft

„Was mache ich mit dem Überschuss?“

Wertschätzen Sie Ihren Partner, ermutigen Sie Ihre Freunde, urteilen Sie nicht so schnell

Schauen Sie hinter das Frosch-Kostüm

Weniger ist mehr

Innere Arbeit

Eine neue Beziehungsbedürftigkeit

Denken Sie groß

Alte Weisheiten: Die Tradition der Regenbogenschlange

Kapitel 10

Der Weg der Harmonie

Unschuldige Fehler

Kein Wunder, dass die Welt verrückt spielt

Karezza, nochmals aufgegriffen

Nehmen Sie es leicht

Subtile Harmonie

Höchste Freuden

Fliegen im Glas

Alte Weisheiten

Transorgastischer Sex

„Wie erkläre ich dieses Buch meinen Freunden?“

Paarung – Das „Gewöhnungspedal“

Bindung – Das „Harmoniepedal“

Die ekstatischen Austauschübungen

Struktur

Details

Orgasmen

Lernen ist Lernen, auf welche Art auch immer es geschieht

Vorschläge

In Dankbarkeit

Über die Autorin

Endnoten

Ein paar einleitende Worte

Dieses Buch, das Sie hier in den Händen halten, ist für mich sehr wertvoll. Im Grunde ist es das wertvollste Buch meines Lebens. Ich möchte Ihnen kurz schildern, warum.

Mein ganzes Leben lang hat mich eine Frage bewegt: Warum bleiben Liebespaare nicht zusammen? Ich wuchs in einem liebevollen Elternhaus auf, meine Eltern waren einander ganz offensichtlich sehr zugetan. Doch warum wurde die Harmonie immer wieder von unschönen Streiten unterbrochen? Und warum trennten sie sich nach vielen Jahren dann doch? Ich war schon als kleines Mädchen davon überzeugt: Ich mache es anders. Wenn ich jemanden liebe, dann für immer.

Und so ist es auch geblieben, all die Menschen, die ich einst liebte, liebe ich noch heute. Doch auch mir gelang es nicht, eine Liebesbeziehung länger als einige Jahre ungetrübt aufrechtzuerhalten. Und selbst, wenn wir zehn Jahre zusammenblieben: Spätestens nach vier Jahren kam die erste Krise. Warum verliebte ich mich alle Jubeljahre neu? Warum war ich nicht in der Lage, meinen größten Wunsch zu leben und eine stabile, liebevolle sexuelle Beziehung zu einem Mann ein Leben lang oder zumindest ein paar Jahrzehnte aufrechtzuerhalten? Nach der Trennung von meiner ­Jugendliebe und der Scheidung meiner darauffolgenden Ehe war mir eines klar: An dem jeweiligen Mann und seinen Charaktereigenschaften kann es nicht liegen. Mein Potential zu lieben endet nicht, weil jemand diese oder jene Eigenschaft hat oder nicht hat. Es endet im Grunde überhaupt nicht! Die Liebe zu den Männern, mit denen ich einst zusammen war, hat nie aufgehört. Doch warum verliebte ich mich dann neu? ­Warum gab es immer wieder diesen Schmerz der Entscheidung? Warum nur war das alles so schwierig?

Ich wähnte mich zu den glücklichen Menschen zu gehören, die frei von belastenden Hemmungen und unsinnigen Verboten aufgewachsen waren, auch und gerade im sexuellen Bereich. Für mich gehörten Liebe und Leidenschaft in einer Beziehung zusammen. Je leidenschaftlicher, so dachte ich, umso besser. Doch das Leben lehrte mich, dass ich da einem großen Irrtum unterlag! Je leidenschaftlicher die Beziehung begann, umso schmerzhafter verlief sie und umso schneller endete sie auch wieder.

Mit meinem wachsenden spirituellen Interesse lernte ich, der Leidenschaft kritischer gegenüberzustehen. War sexuelles Begehren am Ende gar ein Hindernis? War der Weg der Abstinenz, den viele spirituelle Lehrer empfehlen, der gesündere? Auch sexuell enthaltsame Phasen durchlief ich im Laufe der Zeit. Mein Leben war in dieser Zeit zwar ruhiger und konzentrierter, doch war ich damit glücklich? Nicht wirklich. Ich konnte einfach nicht glauben, dass etwas so Lebensbestimmendes wie unser sexueller Trieb einfach übergangen werden und möglicherweise ungenutzt verstreichen sollte. Und ich ahnte auch, dass etwas viel Tieferes darin verborgen lag, das nicht nur in sublimierter Form in Kunst, Kreativität, Sport, Spiri­tualität und anderen Aktivitäten seinen Ausdruck finden kann.

Ich war mittlerweile freiberufliche Übersetzerin und Astrologin und beriet Klientinnen und Klienten, auch in partnerschaftlichen und sexuellen Fragen. Doch hatte ich wirklich befriedigende Antworten für sie? War ich nicht genauso unwissend wie so viele andere auch oder sogar noch unwissender, weil ich ja so offensichtlich scheiterte? Ich spürte den Schmerz umso deutlicher, je mehr Menschen zu mir kamen, in deren Beziehungsleben Chaos statt Ordnung herrschte. Und der Prozentsatz dieser Menschen ist unglaublich groß. Wie konnte ich denen helfen, denen es so ging wie mir? Und was war mit den Paaren, die leidenschaftslos, bestenfalls freundschaftlich nebeneinanderher lebten, um ihr Haus und ihre Kinder zu behalten und zu versorgen? Wohin mit all ihrer Sehnsucht nach mehr? An einem bestimmten Punkt meines Lebens war es wie ein Schrei meiner Seele, endlich die Antwort auf die Frage zu finden, was unsere Partnerschaften zerstört und was sie erhält.

Und sie kam. In ungewöhnlicher und zutiefst intuitiver Form. Ich hatte von Marnias erstem Buch Peace Between The Sheets von einer meiner ­Astrologiekursteilnehmerinnen zwar schon gehört, doch das war noch nicht der entscheidende Moment. Dieser kam völlig unerwartet während eines Kongresses, den ich besuchte. Wie aus heiterem Himmel erschien Marnias Buch vor meinem inneren Auge und damit verbunden die dringliche Aufforderung: „Lies Marnias Buch. Es enthält die Antwort auf deine Frage.“

Und das tat ich. Ich verschlang es. Und ich verstand es. Ich war tief ­berührt und höchst aufgewühlt. Mein erster Impuls war, Kontakt zu ­Marnia aufzunehmen und ihr Buch zu übersetzen. Diese Botschaft durfte ich nicht für mich allein behalten. Neben einer ausgesprochen weisen Autorin traf ich über meine E-Mails auf eine liebevolle, mitfühlende, spontane und dynamische Frau, die mich auf wunderbare Weise unterstützte, all meine Fragen beantwortete und mir gestattete, ihr Buch zu übersetzen.

Auf mein Privatleben hatte dies immense Auswirkungen. Zunächst machte ich noch einmal alles „falsch“, was man nur falsch machen kann, wenn man sich Ruhe und Stabilität in Beziehungen wünscht. Ich fand es schwer, den von Marnia vorgeschlagenen Weg zu gehen, weil ich ihn einem Partner gegenüber noch nicht richtig vertreten konnte und mich immer wieder von meinem Ziel abbringen ließ. Es dauerte, bis ich selbst so gefestigt war, dass ich es auch entsprechend vermitteln konnte. Doch schon das veränderte Bewusstsein über mein Tun und Lassen machte mich zuversichtlich. Und langsam, ganz langsam, kehrte endlich Ruhe in mein Beziehungsleben ein, und jeder Druck, den ich vorher in Bezug auf ­Sexualität und Partnerschaft empfunden hatte, verschwand. Als hätte sich endlich ein Knoten gelöst.

Heute fühle ich mich frei. Frei, in liebevoller, sexueller Partnerschaft zu leben und meinen Idealen zu folgen, und sogar frei, sexuell enthaltsam zu leben, so paradox dies klingen mag. Auch andere mehr oder weniger „zwanghafte“ Verhaltensmuster, wie wir alle sie kennen, verblassen mehr und mehr. Leichtigkeit und Entspannung nehmen stattdessen wachsenden Raum in meinem Leben ein. Ich habe außerdem gelernt, meiner Intuition mehr zu vertrauen. Vieles, was Marnia durch Erfahrung herausgefunden und wissenschaftlich sowie spirituell untermauert hat, wusste ich eigentlich früher schon, rein intuitiv. Doch ich ließ es zu, dass meine eigenen Rationalisierungen und die gängigen gesellschaftlichen Ansichten meine Intuition immer wieder überdeckten. Und ich bin sicher, so geht es vielen von uns.

Während ich gemeinsam mit der Kursteilnehmerin, die Marnias Buch entdeckt hatte, noch einen Verlag suchte, um die deutsche Übersetzung zu veröffentlichen, nahmen die Dinge bei Marnia in den USA ebenfalls eine rasante Entwicklung und sie legte ihr Buch ganz neu auf, wenn auch mit den gleichen Kernaussagen. Als der Arbor-Verlag mit der Frage an mich herantrat, ob ich das neue Buch von Marnia gern übersetzen würde, war der Kreis endlich geschlossen. Es bedarf immer des richtigen Zeitpunktes und der richtigen Beteiligten, um eine Neugeburt zu begleiten. Dies ist so eine wunderbare Geburt.

Ich wünsche Ihnen, dass dieses Buch Ihr Leben so zum Positiven verändert, wie es meines verändert hat. Und dass es Ihre drängenden Fragen so beantwortet, wie es meine beantwortet hat. Möge es ein Schlüssel für Sie sein, der Ihnen die Tür zum Glück aufschließt. Mein tief empfundener Dank geht an Marnia und ihren Mann Will, an Lienhard Valentin vom Arbor-Verlag und alle Beteiligten der Gegenwart und der Vergangenheit, die uns diesen Schlüssel in den Schoß gelegt haben.

Sabine Bends

Köln, August 2009

Vorwort

Meine Eltern und Großeltern blieben bis zu ihrem Lebensende verheiratet. Ich dagegen schaffte es nicht, meine Beziehungen mehr als ein paar Jahre aufrechtzuerhalten, und ich stand damit nicht alleine da. Die Ehen von allen drei Freundinnen, auf deren Hochzeit ich Brautjungfer gewesen war, endeten auch mit Scheidung. Warum? Die Soziologin Kelly Musick sagt, es läge an der finanziellen Unabhängigkeit der Frau. „Was die Menschen zusammenhält, ist ihre Liebe und ihr Engagement füreinander, und die sind zerbrechlich.“1

Aber warum wurden Liebe und festes Engagement füreinander auf einmal so zerbrechlich? Wie konnte die Tatsache, dass ich meinen eigenen Lebensunterhalt verdiene, für Disharmonie sorgen? Es ergab für mich keinen Sinn. Ich war zu sehr Romantikerin, um die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, dass sexuelle Verbindungen vielleicht schon immer zerbrechlich waren, und dass die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der Frauen es den Partnern schlicht ermöglichte, sich leichter zu trennen.

Statt dessen probierte ich all die üblichen Empfehlungen aus, um die fehlende Harmonie in intimen Beziehungen herzustellen: bessere Kommunikation, einen „idealeren“ Partner zu finden, mehr Leidenschaft, Liebe für mein inneres Kind, Verhandlungsgeschick usw. Doch all diese Rezepte halfen nicht, meine Beziehungen zu verbessern, wenn die Schwierigkeiten losgingen. Schließlich merkte ich, dass die Methoden sich zum Teil lediglich den Symptomen eines viel grundlegenderen Problems widmen. Das Problem liegt genau vor unserer Nase. Es war schon immer da, doch jetzt, wo wir unsere Ehen leichter auflösen können, ist es noch viel offenkundiger. Wenn wir das Problem einmal richtig anerkennen, wird die Lösung offensichtlich.

Die Schwierigkeiten fangen mit dem Sex an. Und zwar nicht mit langweiligem Sex im Vergleich zu aufregendem Sex oder zu wenig Sex im Vergleich zu zu viel, wie die meisten von uns schlussfolgern, sondern mit unserem Fortpflanzungsverhalten überhaupt. Denn schließlich funktionieren platonische Freundschaften zwischen Männern und Frauen ja ganz gut. Die Probleme fangen im Allgemeinen erst an, wenn wir ein Liebespaar werden. Und was fängt dann noch an? Für jeden? Die Suche danach, unsere sexuellen Bedürfnisse so weit wie eben möglich befriedigt zu bekommen.

Die Leidenschaft erscheint uns als unser bester Freund, häufig das einzig Gute an einer ansonsten dysfunktionalen Beziehung. Doch sexuelle Übersättigung – dieses „Ich bin fertig!“-Gefühl nach dem Sex – stellt sich im Laufe der Zeit als ein unbewusstes, überraschend überzeugungsstarkes Signal aus Säugetierzeiten heraus. Es bringt uns dazu, uns aneinander zu gewöhnen und die Nase voneinander voll zu bekommen. Weil wir uns dieses Signals nicht bewusst sind, schreiben wir die Reibung in unseren Beziehungen anderen Ursachen zu.

Je unzufriedener wir werden, umso weniger wahrscheinlich ist es, dass wir eine andere Art und Weise finden, unsere sexuelle Spannung zu lösen: durch entspannten, sanften Geschlechtsverkehr, der unsere sexuelle Frustration völlig auflöst.

„Wer ist hier der Boss?“

Es herrscht die allgemeine Überzeugung, dass wir nur das tun müssen, was unser Körper entsprechend seiner Entwicklung von uns verlangt, damit es uns gut geht und wir glücklich sind. Beispielsweise wären die meisten Menschen gesünder, wenn sie zu einer Ernährung wie in der Altsteinzeit aus ganzheitlicher Nahrung und Proteinen zurückkehren würden, ohne raffinierten Zucker und Stärke. Die gleiche Logik bedeutet: Wenn wir eben dazu geschaffen sind, sexuelle Sättigung zu verfolgen, wann immer sich die Gelegenheit dafür bietet, sollten wir dann nicht am glücklichsten sein, wenn wir unser Intimleben entsprechend einrichten?

Diese Logik setzt voraus, dass wir zu unserem eigenen Vorteil programmiert sind. Doch die Evolution hat uns nicht für unser individuelles Wohlergehen ausgestattet, sondern für den Erfolg unserer Gene. Und was dient Ihren Genen? Zwei Dinge. Zum Ersten: viele Befruchtungsversuche. Das erleben Sie als den Drang, sich sexuell zu erschöpfen, wann immer Sie die Möglichkeit dazu haben. Zum Zweiten: unterschiedliche Eltern für Ihren Nachwuchs. Sie erleben dies als Desillusionierung vom Mythos der sexuellen Exklusivität.

Und was dient Ihnen selbst am meisten? Ein stabiles emotionales Band mit einem Partner, Harmonie, viel Zuneigung, großzügige Berührung und ein verlässlicher Weg, um sexuelle Frustration zu erleichtern. Eine Handvoll von glücklichen Paaren finden ihren Weg zu diesem Gleichgewicht auf natürliche Art und Weise, doch die meisten von uns sind aufgrund unserer genetischen Programmierung keine monogamen Schwäne.

Wie schaffen es unsere Gene, uns dazu zu bringen, unser sexuelles Begehren aneinander zu erschöpfen, anstatt für Harmonie zu sorgen? Neue Vorstöße in der Gehirnforschung (insbesondere in der Neuroendokrinologie) zeigen, dass die Desillusionierung zwischen Liebenden möglicherweise weniger mit Kommunikation oder Kompatibilität zu tun hat als wir dachten, und mehr mit einer primitiven Nervenbahn, die durch unser Säugetiergehirn (das limbische Gehirn) läuft und die wir unter dem Begriff Belohnungskreislauf kennen. Diese Gruppierung von Strukturen stellt sicher, dass wir große neurochemische „Belohnungen“ erhalten, wenn wir einen neuen Partner suchen und uns mit heißem Sex befassen oder auch nur an das eine oder andere denken.

Der neurochemische Gewinn im Moment des Orgasmus fühlt sich an, als würde er die Bindung unterstützen. Doch diese Art von Bindung ist fragiler als wir gern zugeben. Beim Höhepunkt löst eine neurochemische Explosion für ungefähr zwei Wochen weitere Ereignisse aus. Diese Fluktuationen tief im Gehirn treiben uns zu sexueller Sättigung und subtilen Stimmungswechseln, die häufig für emotionale Spannung zwischen Liebenden sorgen (Amors Gift). Resultierende Unruhe lässt uns außerdem sehr anfällig für jedes Versprechen schneller Erleichterung werden – ein anderer potentieller Partner (real oder virtuell) ist eine der verlockendsten Varianten. Auf diese Art und Weise stellt sich der Orgasmus als etwas heraus, das wir mit der Zeugung von Kindern in Zusammenhang bringen, und damit, sie mit verschiedenen Partnern zu zeugen.

Kurz gesagt, unsere Ränke schmiedenden Gene haben den menschlichen Willen ihrem eigenen Ziel unterworfen. Wenn Sie jedoch einmal die Mittel verstehen, die unsere Gene dabei einsetzen, ihre unerwarteten Auswirkungen auf Sie selbst und Ihre Beziehungen und eine praktikable Alternative kennenlernen, um sexuelle Spannung aufzulösen und Zufriedenheit zu finden, dann werden Sie besser in der Lage sein, sich zu entscheiden, ob Sie unter ihrem Zauberbann bleiben möchten.

Wir Menschen sind insofern einzigartig unter den Säugetieren, als wir die Fähigkeit haben, unser unbewusstes Paarungsprogramm zu durchschauen und uns entscheiden zu können, es bewusst zu steuern. Dies ist ein Segen, weil es uns in harmonischen Beziehungen mit einem hohen Maß an Vertrauen besser geht als in einem sinnlosen Paarungstanz, der choreografiert wurde, um das Spermium zum Ei zu bekommen, uns lang genug miteinander zu verbinden, dass zwei Elternteile sich mit ihrem Nachwuchs verbinden, und uns dann zu einem neuen Partner treiben.

Die meisten von uns fühlen, dass der Gewinn aus dem Empfinden tiefer Fürsorge für einen anderen Menschen, dem wir vertrauen, sehr wertvoll ist. Als Säugetiere mit Paarbindung sind wir in der Tat dazu geschaffen, solche Verbindungen als sehr vorteilhaft zu empfinden. Vertraute Partnerschaft und liebevolle Berührung verändern nicht nur unseren Blick auf das Leben zum Positiven, sondern sie verbessern auch unsere physische Gesundheit und reduzieren Stress.

Sexuelle Intimität, die all dies kann, ist wirklich großartiger Sex. Und um dies dauerhaft zu erleben, ist alles, was wir tun müssen, verliebt zu bleiben. Wenn die Logik die Herrschaft hätte, wäre das auch so. Die Probleme entstehen, wenn unsere Gene die Herrschaft haben und die Nachwirkungen ihres Prämiensystems (ungezähmte Leidenschaft) Liebende trennt, weil sich ihre Begierde füreinander erschöpft. Wie mein Mann Will es ausdrückt: „Der Evolution ist es scheißegal, ob wir glücklich, treu und lebenslang zusammen sind.“ Aus diesem Grund erben wir eine ungute Spannung zwischen unserem „Noch-ein-Partner“-Programm und unserem Paarbindungsprogramm.

Um mit dieser Situation umgehen zu können, empfahlen unter anderen die chinesischen Taoisten, sich dem ruhigen Liebesspiel ohne ­Orgasmus zuzuwenden, es sei denn, eine Empfängnis ist erwünscht. Dieser ungewohnte Zugang löst nämlich nicht unsere unbewussten Paarungspro­gramme mit dem „Noch-ein-Partner“-Untertitel aus. Das Geschenk dieses Zugangs besteht nicht allein darin, dass er es den Liebenden erlaubt, häufig Geschlechtsverkehr zu haben, ohne dass sich sexuelle Frustration aufbaut. Sondern er macht sich auch den Vorteil eines weiteren eingebauten Säugetierprogrammes zunutze: das Bindungsprogramm. Es hat sich entwickelt, um uns an unsere Kinder und Eltern zu binden, kann aber auch unsere romantischen Beziehungen stärken und schützen. Es in Gang zu halten, ist mühelos, wenn wir eine Reihe von einfachen Auslösern beherrschen bzw. eigentlich uns nur wieder daran erinnern. Die Ergebnisse davon sind mehr Harmonie und Wohlbefinden und, bemerkenswerterweise, weniger sexuelle Frustration.

… und weiter geht’s

Der erste Teil dieses Buches erklärt, warum ich mich dazu entschlossen habe, eine andere Art des Liebesspiels zu wählen, und berichtet von den Entdeckungen, die auf diese Entscheidung folgten. Was als subjektive, persönliche Erkundung alten Wissens über den Umgang mit meinem Liebesleben begann, erweiterte sich unerwarteterweise in Richtung objektiver wissenschaftlicher Forschung, als mein Mann und ich begannen, zusammenzuarbeiten. Ich war erstaunt, wie exakt die jüngsten Gehirnforschungen mit den Beobachtungen und Behauptungen alter Weisheitslehrer übereinstimmen. Diese Übereinstimmung von vergangenem Wissen, persönlicher Erfahrung und jüngster Forschung hat mich dazu getrieben, diese Informationen mit anderen zu teilen.

Wenn Sie feststellen sollten, dass das Material in diesem Buch Widerstand und Skepsis in Ihnen auslöst, dann stehen Sie damit nicht allein da. Es könnte sogar sein, dass Sie das Gefühl haben, dazu gedrängt zu werden, etwas gegen Ihren Willen auszuprobieren. Ich kenne diese Gefühle selbst – und umso mehr während der zweiwöchigen Perioden nach einem Orgasmus. Denn schließlich konfrontieren uns die Aussagen dieses Buches mit einem der machtvollsten Programme in unserem Gehirn: dem Paarungsprogramm. Wer möchte sich schon für großzügige, entspannte Zuneigung im Schlafzimmer entscheiden, wenn unsere Gehirnchemie einzig und allein darauf programmiert ist, uns dafür zu „belohnen“, uns in diesem Bereich so getrieben wie möglich zu fühlen?

Andererseits ist die Situation nicht ganz unähnlich derjenigen, in einem Auto mit zwei Pedalen zu sitzen. Wenn uns einmal bewusst wird, wie unsere Paarungs- und Bindungspedale funktionieren, liegt es an uns, zu entscheiden, wie wir sie benutzen – abhängig davon, was wir in unseren Beziehungen erreichen wollen. Falls Sie sich entscheiden sollten, die schrillenden Signalglocken Ihres Paarungsprogrammes für ein paar Wochen zum Schweigen zu bringen, um zu schauen, was es Ihnen bringt, dann bietet Ihnen dieses Buch einen Weg, das Experiment mit einem Mini­mum an innerem Konflikt zu wagen. Denn was haben Sie schließlich zu verlieren, außer ein paar Orgasmen auszulassen?

Ein weiteres Ziel dieses Buches ist es, eine breitere Diskussion über unsere unbewussten Paarungs- und Bindungsprogramme und ihre nicht erkannte Rolle in unserem Leben anzuregen. Mit einem tieferen Verständnis dafür ausgestattet, wie Sex in Wahrheit unsere Wahrnehmung und Prioritäten verzerrt, können wir den Prozess beginnen, bewusst dagegen zu steuern, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Wie die Weisen der Vergangenheit, die das Thema Sexualität sorgfältig aus der Perspektive größerer Harmonie und verbesserter Gesundheit untersucht haben, können Liebende dann beginnen, ihre eigenen Untersuchungen mit größerer Bewusstheit zu machen. Sie können das berücksichtigen, was ihnen am besten dazu dient, sich im Laufe ihrer Verbindung auf befriedigende Art und Weise zu lieben. Und sie können das von Natur aus im Orgasmus liegende Potenzial, Zwänge zu entwickeln, angehen und lernen, wie man am besten damit umgeht.

Ein großer Teil des Textes besteht aus echten Beobachtungen von Menschen, von denen ich allerdings die Namen geändert habe. Ich konnte außerdem nicht der Versuchung widerstehen, die Seiten mit den Witzen anderer über die Geschlechtsunterschiede zwischen Mann und Frau aufzupeppen. Warum sollen wir nicht auch mal etwas zu lachen haben, wenn es um die Tricks geht, die unsere raffinierten Gene uns bislang gespielt haben? Anschließend können wir dann unsere Gene auszutricksen.

Immerhin finden wahrscheinlich neunundneunzig Prozent aller sexuellen Zusammenkünfte ohne die Absicht statt, ein Ei zu befruchten. Wenn wir darauf bestehen, uns mit sexuellem Verhalten abzugeben, das trotz seiner Nachteile befruchtungsorientiert ist, dann ist das so ähnlich wie hochkalorische Desserts zu futtern, weil ein Prozent der Bevölkerung gern zunehmen möchte.

Es macht mir nichts, wenn Frauen mich verlassen, aber sie müssen einem immer auch noch sagen, warum.

Richard Pryor

Jetzt, da unser Planet vor ungeliebten, ungenährten menschlichen Wesen nur so wimmelt, könnte es höchste Zeit sein, diese alte Alternative zu erlernen und unserem Repertoire an Liebestechniken hinzuzufügen. Sex und intime Beziehungen sind zwei der wertvollsten Schätze unseres Lebens. Was immer Ihre wirtschaftlichen Sorgen sein mögen, ich hoffe, diese Informationen hier werden Ihnen dabei helfen, diese im großen Maße verfügbaren Reichtümer zu bewahren und mehr als je zuvor davon zu profitieren, während Sie Ihren idealen Lebensweg entwickeln. Zumindest werden Sie am Ende mehr darüber wissen, wie Amors seinen Pfeil vergiftet, während Sie darauf hinarbeiten, die intime Beziehung zu erschaffen, nach der sich Ihre Seele sehnt.

Selig, wer in besonnener

Scheu mit Mäßigung deine Lust

Kostet, göttliche Kypris [Aphrodite]!

Ruhig fließt sein Leben dahin,

Nimmer getränkt von stürmender Wut.

Der goldlockige Liebesgott

Hält zwei Pfeile mit Wonne getränkt.

Einer bringt ein seliges Los,

Einer zertrümmert des Lebens Glück.

Diesen, reizende Kypria,

Halte fern von unserm Gemach!

Mir sei bescheidener Liebreiz

Gegönnt und heilige Lust,

Auch Aphrodites keuscher Genuß,

Doch unmäßigen haß ich.2

Euripides (ca. 480–406 v.Chr.), Iphigenie in Aulis

Kapitel 1
Die Biologie hat Pläne für Ihr Liebesleben

Sex bis zum Punkt absoluter Übersättigung zu haben (dieses Gefühl „Ich bin wirklich satt!“) ist ein Zeichen in der Säugetierwelt, sich wieder der Partnersuche zu widmen, das Interesse am alten Partner zu verlieren und sich neuen attraktiven Partnern zuzuwenden.

—

Obschon Menschen Paare bilden, kann die Gewohnheit, der Leidenschaft bis zum Punkt der Lustbefriedigung nachzugeben, für unerwartete Stimmungsschwankungen sorgen, Ärger auf den Liebsten hervorrufen und die Anziehung unterminieren (Amors Gift).

—

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Arten des Liebesspiels: eine zum Zwecke der Fortpflanzung und eine, um eine engere Bindung der Liebenden zu bewirken (Karezza).

Von Amors Pfeil getroffen! Was für ein erhebender, beneidenswerter Zustand. Wie jeder andere auch, so möchten auch Sie der Überzeugung bleiben, dass der Schlüssel zu dauernder romantischer Glückseligkeit darin liegt, mit einem Partner zusammen zu sein, für den Sie eine so intensive Leidenschaft fühlen, dass Sie meinen, diese ginge nie vorüber. Und doch: Haben Sie sich jemals Hals über Kopf verliebt, wunderbaren Sex miteinander gehabt, sind sich ganz sicher gewesen, dass Sie beide für immer zusammenbleiben wollen – und haben dann regelmäßig wiederkehrende Spannungen zwischen sich und Ihrem Liebsten oder Ihrer Liebsten durchlebt? Wenn Sie verheiratet sein sollten, haben Sie den Eindruck, dass die Flitterwochen vorüber sind? Vielleicht wird einer von Ihnen beiden zuweilen klammernd und fordernd, während der andere sich aufgefressen fühlt und mehr „Raum für sich“ braucht. Womöglich erleben Sie auch von Zeit zu Zeit subtile Verärgerung oder haben ein Gefühl der Stagna­tion, das Ihre frühere Freude aneinander langsam aber sicher erstickt. Oder Sie brechen ab und an in spektakuläre Streitereien miteinander aus, auf die dann leidenschaftliche Versöhnungen folgen.

Diese unbewusste Entfremdung – die Liebende so häufig erfahren, obwohl sie den Wunsch haben, verliebt zu bleiben – ist die Wirkung des unerwarteten Giftes an Amors Pfeil. Wenn wir uns verlieben, sorgt ein primitiver Teil unseres Gehirns für den Wunsch nach großer Leidenschaft (Amors Pfeil). Ein Orgasmus fühlt sich großartig an, und wenn das schon alles wäre, würden Liebende ihren Wünschen im Schlafzimmer einfach natürlich nachgehen und bis ans Ende ihres Lebens glücklich zusammenleben können. Das Problem ist jedoch, dass Sex kein isoliertes Geschehen ist – schon gar nicht die Art von Sex mit vielen Orgasmen, die zu dem Gefühl von „Jetzt bin ich wirklich satt!“ (sexuelle Übersättigung) führt. Ein Orgasmus ist die Spitze von einem weitaus längeren Zyklus nachfolgender Veränderungen in den Tiefen des Gehirns. Diese Nachwirkungen und die unwillkommenen Gefühle, die sie hervorrufen, können unsere Beziehung vergiften, ohne dass wir dies bemerken. Interessanterweise können so unterschiedliche Symptome wie Selbstsucht, unerfüllte Bedürfnisse, Kommunikationsprobleme, Untreue und eine sexlose Ehe aus diesen versteckten Anweisungen resultieren.

In Einigen von uns wirkt das „Gift“ so schnell, dass wir uns bereits nach dem ersten Stelldichein wieder trennen. Häufiger jedoch gibt es zunächst eine Phase, in der die Beziehung relativ glücklich und ein Zaubertrank der Liebe am Werk zu sein scheint. Diese Flitterwochen-Harmonie (bzw. Begierde) ermutigt uns, eine Zeit lang miteinander verbunden zu bleiben. Im Durchschnitt ist sie gerade lang genug, um ein Kind zu zeugen und eine Bindung zum Kind zu entwickeln, selbst wenn die Beziehung in der Realität gar nicht der Fortpflanzung dient. Doch eine aus Amors Gift wachsende Desillusionierung motiviert uns dann, unsere Gene mit einem aufregenden neuen Partner zu verbinden (auch wenn wir vielleicht die Zähne aufeinanderbeißen und der Versuchung widerstehen mögen). Warum? Unsere Gene sind auf ihre Unsterblichkeit programmiert und sie warten nicht höflich auf eine Gelegenheit dazu. Diese kleinen DNA-Fetzchen treiben uns zu so vielen Schwangerschaften wie möglich und einer ganzen Palette von Partnern. Je vielfältiger unser Nachwuchs ist, umso besser stehen die Chancen, dass ein Teil davon auch unter veränderten Bedingungen oder gar Epidemien überlebt und sich fortpflanzen kann. Unsere Bereitschaft, uns mit artfremden Genen einzulassen, hat früher einmal kleinere Bevölkerungsgruppen vor Inzucht bewahrt.

Darüber hinaus tun unsere Gene ihr Bestes, um uns in einem engen Zeitplan zu halten. Die Anthropologin Helen Fisher schätzt, dass wir dazu geschaffen sind, ungefähr vier Jahre zusammenzubleiben. In einer Untersuchung über achtundfünfzig Kulturkreise fand sie heraus, dass die Scheidungsraten zu dieser Zeit ihren Höhepunkt erreichen.3 In moslemischen Ländern hingegen, wo eine Scheidung leichter zu arrangieren ist, endeten die Ehen tendenziell sogar früher.

Kurz gesagt, sowohl die süße als auch die bittere Phase unserer Romanzen lässt die Chance steigen, dass unsere Gene es bis in die nächste Generation schaffen – selbst wenn wir dabei zynisch werden oder mit gebrochenem Herzen zurückbleiben. Unsere genetische Partnerprogrammierung funktioniert großartig. Sie hat einfach nur nicht unsere besten Interessen im Sinn. Als Säugetiere, die eine feste Paarbindung eingehen, ziehen wir überraschend viele Vorteile aus einer Wegbegleitung durch einen vertrauten Partner, und wenn wir diese Vorteile unserem genetischen Erfolg opfern, dann tut uns das sehr weh.

Wenn Amors Gift unsere romantische Beziehung zerstört, ziehen wir daraus im Allgemeinen den Schluss, dass wir die falsche Partnerwahl getroffen haben oder dass Männer und Frauen schlichtweg hoffnungslos verschieden sind. Und doch sind es nicht unsere Unterschiede, die für den Stress sorgen, sondern das, was wir gemeinsam haben: unfreiwillige, biologische Reaktionen, die genau so unbewusst vonstattengehen wie unser Augenblinzeln. Wir sind auf diese schmerzliche Entwicklung genau so programmiert wie darauf, uns überhaupt Hals über Kopf zu verlieben.

Natürlich können Ärger und sonstige Probleme in intimen Beziehungen auch von anderen Faktoren herrühren, so wie unterschiedliche Ansichten über den Umgang mit Geld, Kindheitstraumata und persönliche Eigenheiten. Doch dieser versteckte biologische Faktor ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Verursacher, wenn es sich um immer wiederkehrende Reibereien handelt. Und im besten Fall sorgt er einfach nur dafür, dass die anderen Herausforderungen schwieriger zu lösen sind.

Die meisten von uns tragen geistige Augenbinden und erkennen meist nichts, solange wir keine Erklärung dafür haben … oder zumindest solange wir keine Erklärung erwarten. Glauben ist gleich Sehen.

Barah und Lipton, The Myth of Monogamy

Ein Hinweis darauf, dass emotionale Distanzierung in unseren intimen Bindungen vorprogrammiert ist, ist, dass sich das Eheglück normalerweise im Laufe der Zeit verflüchtigt.4 Mysteriöserweise sind jedoch Freundschaften oder enge Familienbeziehungen dieser vorprogrammierten Verschlechterung der Beziehung gegenüber immun.5 Könnte es daran liegen, dass romantische Beziehungen uns in die Leidenschaft stürzen, bis wir „genug!“ haben, während dies in anderen Beziehungen nicht der Fall ist? Mag sich weit hergeholt anhören. Doch für die meisten Säugetiere ist ekstatische Paarung bis zum Punkt des Desinteresses (Überdruss) das Zeichen, sich auf die Socken zu machen und einen neuen Tanzpartner zu suchen. Hat unser Säugetiererbe uns vielleicht mit ganz ähnlichen unbewussten Reaktionen auf sexuelle Übersättigung ausgestattet, die auch uns unruhig werden lassen? Ist es vielleicht fest in uns verdrahtet, dass wir uns von einem vertraut gewordenen Partner entfernen – obwohl wir gleichfalls darauf programmiert sind, die Vorteile einer langfristigen Bindung zu suchen?

Und noch viel wichtiger: Was können wir tun, wenn wir unsere Beziehung vor Amors Gift schützen wollen? Wir können unsere sexuellen Begegnungen anders gestalten, so dass wir für den giftigen Pfeil weniger empfänglich sind und die Wahrscheinlichkeit größer wird, dass wir in der Liebe eine beständige Freude finden. Sowohl alte Weisheitslehren als auch moderne Forschungsergebnisse geben uns Hinweise darauf, wie wir dies erreichen können. Doch um aus diesen Informationen Nutzen zu ziehen, müssen wir ganz klar sehen, womit wir es genau zu tun haben.

Der Coolidge-Effekt

Stellen Sie sich einmal vor, was passiert, wenn Sie eine männliche Ratte in einen Käfig mit einer empfangsbereiten weiblichen Ratte stecken. Zunächst sehen Sie ekstatisches Kopulieren. (Mein Mann Will und ich haben uns gefragt, ob es nicht sehr einsam im Labor wird bei solchen Experimenten.) Nach einer Weile hört die Raserei dann auf. Herr Ratte zieht sich mit der Fernbedienung in den Fernsehsessel zurück. Als Ergebnis seiner veränderten Körperchemie sieht Frau Ratte jetzt völlig uninteressant für ihn aus.6 Wenn jedoch Fräulein Ratti (ein neues Weibchen) auf der Bildfläche erscheint, verschwindet seine Erschöpfung auf wundersame Art und Weise lang genug, um auch hier galant seinen Befruchtungspflichten nachzukommen.

Die regenerierte Männlichkeit eines Nagers ist kein Zeichen für seine unersättliche Libido. Und sie erhöht auch keinesfalls sein Wohlergehen – auch wenn es so aussehen und sich für ihn auch kurzfristig so anfühlen mag. Sein Verhalten stimmt einfach nur mit einem Anstieg von Neurochemikalien in seinem kleinen Gehirn überein, die ihm die Anweisung geben, kein williges Weibchen unbefruchtet zu lassen.

Stillschweigend geduldete Gene können zu wahren Sklaventreibern werden. Die Männchen der Spezies der pelzigen kleinen Beuteltiere (Antechinus stuartii) sind so intensiv mit der Kopulation beschäftigt, dass sie ihr eigenes Immunsystem zerstören und am Ende der Paarungsperiode an verschiedensten Krankheiten sterben.7 Wenn Wissenschaftler die Tiere hingegen mit einer Art künstlichen Willenskraft ausstatten, indem sie ihre männlichen Sexualhormone regulieren, sorgt das Immunsystem der Tiere wieder für einen gesunden Körper.

Für die Männchen der Gottesanbeterinnen endet die wahre Liebe noch ein bisschen abrupter, zumindest für die, die es in der Gefangenschaft überkommen hat. Das Weibchen bringt das Männchen dazu, sein Sperma abzugeben, indem sie ihm seinen Kopf abbeißt. (Warnung: Gehen Sie niemals mit einer weiblichen Gottesanbeterin essen.)

Tierarten, die weniger radikale Abschlüsse suchen, erkennen ehemalige Sexualpartner schlicht und einfach wieder und lehnen sie ab. Unter Wissenschaftlern kennt man diesen Reflex als den „Coolidge-Effekt“. Er verdankt seinen Namen der Zeit, als der US-Präsident Coolidge und seine Gattin eine Farm besuchten. Während der Präsident gerade woanders war, zeigte der Farmer der First Lady stolz einen Hahn, der „den ganzen Tag mit Hennen kopulieren konnte, Tag für Tag.“

Schüchtern bat Mrs. Coolidge ihn, diese beeindruckende Tatsache auch Mr. Coolidge mitzuteilen. Und das tat der Farmer auch.

Der Präsident dachte einen Augenblick nach und fragte dann: „Mit der gleichen Henne?“

„Nein, Sir“, antwortete der Farmer.

„Sagen Sie das Mrs. Coolidge“, erwiderte der Präsident.

Der Coolidge-Effekt wird in weiten Teilen der Tierwelt beobachtet, sogar bei Weibchen. Einige weibliche Nager flirten wesentlich mehr – indem sie sich einladend winden – mit ihnen nicht vertrauten Männchen als mit den Partnern, mit denen sie bereits kopuliert haben.8

Zeigt sich vielleicht eine Variante des Coolidge-Effekts im menschlichen Verhalten? Ich erinnere mich an eine Unterhaltung, die ich einmal mit einem Mann führte, der in Los Angeles aufgewachsen war. „Bei 350 Liebhaberinnen hab’ ich aufgehört zu zählen“, gestand er mir, „und ich fürchte, dass bei mir irgendwas total falsch läuft, weil ich jedes Mal so schnell das sexuelle Interesse verliere. Und einige der Frauen waren wirklich auch sehr hübsch.“ Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs hatte ihn seine dritte Frau gerade wegen eines Franzosen verlassen, und er war regelrecht entmutigt. Diesmal hatte sie das Interesse an ihm verloren.

Von Frauen hört man zuweilen, dass ihr Männergeschmack und ihre Sichtweise auf Männer sich um den Zeitpunkt des Eisprungs herum verändern. Sie fühlen sich mehr zu Don Juans hingezogen und sehen den Mann weniger als Menschen. Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass sie ihn einfach nur als ein verführerisches Bündel heißer Gene betrachten.

„Unser biologisches Selbst ist kleinlich und ziemlich grausam und findet seltsamerweise nur allzu leicht Fehler, während es sich auf der anderen Seite wiederum mit erstaunlich niedrigen Standards zufriedengibt. Eine meiner kritischen Stimmen in meinem Kopf sagt über meinen Freund solchen Mist wie: ‚Er ist so weiß, ich brauche einen dunklen, exotischen und mysteriösen Mann! Sein Haar ist dünn; ich will nicht, dass meine Kinder dünnes Haar haben.‘ Die Stimme in mir be- und verurteilt meinen jeweiligen Partner aufgrund von selbstsüchtigen, oberflächlichen Vorstellungen, die entweder mit körperlichen Eigenschaften oder mit seinem Status zu tun haben.“

Lisa

Streng genommen müssen wir Menschen den Coolidge-Effekt gar nicht unmittelbar wahrnehmen (es sei denn, wir sind gerade auf einer Orgie). Bei uns nimmt Gewohnheit häufiger die Form abnehmenden sexuellen Interesses an unserem langjährigen Partner an. Wir sind wahrscheinlich mehr wie Affen. Als männliche Affen sich wiederholt mit dem gleichen Weibchen paaren sollten (die dank täglicher Hormongaben immer in Stimmung waren), verringerten sich ihre sexuellen Aktivitäten einfach immer mehr und geschahen im Laufe von 3,5 Jahren außerdem mit abnehmendem Enthusiasmus. Diese Schlamperei gab sich jedoch sogleich wieder, wenn neue Weibchen auftauchten.9

Könnte unser Säugetiergehirn uns in unsere Fähigkeit, intime Partnerschaften aufrechtzuerhalten, hineinfunken? (Das Säugetiergehirn liegt unter dem rationalen Gehirn. Es herrscht über Sex und Liebe und hat bei allen Säugetieren eine erstaunliche Ähnlichkeit.) Die meisten Säugetierarten gehen nicht so feste Paarbindungen ein wie wir. Doch selbst unter unseren monogamen Säugetierverwandten gewährt keine Spezies sexuelle Exklusivität. Sie bauen ihre Nester zusammen und teilen sich die Elternschaft, doch sie werden häufig dazu getrieben, Gene von Fremden aufzulesen. Diese wagemutigen Gene halten den Gen-Pool schön frisch. Selbst unter den wenigen Säugetieren, die feste Paare bilden, dient die Gewöhnung an den Partner ganz offensichtlich dem Ziel der Evolution, neue Partner verführerisch aussehen zu lassen. Denken Sie mal so herum: Wenn sexuelle Treue eine Garantie für mehr und gesünderen Nachwuchs wäre, würde kein Säugetier fremdgehen.

Säugetiere haben im Allgemeinen klare Perioden der Empfänglichkeit, die von den Hormonen vorgeschrieben werden, während Menschen jederzeit Sex haben können, wenn der Drang danach aufkommt. Doch auch wir werden von unseren Hormonen reguliert.

Dummerweise sieht unsere Version der hormonellen Regelung jedoch eher so aus wie das ständige Anfahren und Abbremsen in einem Stau. Zwischen unseren leidenschaftlichen Ausbrüchen finden wir unseren Partner zunehmend anstrengend, eifersüchtig oder schwer zufriedenzustellen. Und unser Partner empfindet uns als selbstbezogen, wenig hilfsbereit oder nicht liebevoll – außer, wenn es um Sex geht.

„Zu Beginn unserer Ehe schliefen wir nackt miteinander. Kurz darauf begann sie, Unterwäsche zu tragen. Sie genoss es immer weniger, wenn ich meinen Arm um sie legte oder mich an sie kuschelte. Manchmal schlief sie aus geringstem Anlass oder völlig grundlos in einem anderen Zimmer, was auf mich gefühllos wirkte und mich einsam und frustriert fühlen ließ. Wir hatten immer weniger Sex, und schließlich zog sie ganz in ein anderes Zimmer. Ich war der Überzeugung, dass sie Sex einfach nur mehr genießen müsste, also zum Beispiel mehr Orgasmen brauchte, dann würden wir öfter Sex haben und meine Bedürfnisse würden besser erfüllt. Also hab ich immer versucht, es ihr richtig gut zu besorgen. Tja …“

Brent

Die Forschung bestätigt, dass mit der Dauer der Partnerschaft das sexuelle Interesse bei den Frauen abnimmt – während der Wunsch nach Zärtlichkeit bei den Männern abnimmt.10 Diese miserable Programmierung kann dafür sorgen, dass wir ständig den Partner wechseln und so unsere Fortpflanzungsmöglichkeiten mehren – oder einfach nur frustriert, verwirrt und schlecht gelaunt sind. Und niemals kommt es uns in den Sinn, dass der Drang, unser sexuelles Begehren ganz auszuschöpfen, in diesem vertrauten Muster eine Rolle spielen könnte. Stattdessen sind wir davon überzeugt, dass sexuelle Übersättigung eine gute Strategie ist, um eine Partnerschaft zu festigen. Doch wie wir noch sehen werden, gibt es Grund zur Annahme, dass dieses Verhalten den Prozess der Gewöhnung beschleunigt und dabei auf subtile Art und Weise die Wahrnehmung der Partner voneinander zum Schlechten hin verschiebt.

Bemerkenswerterweise haben schon Weise verschiedenster Traditionen festgestellt, dass sexuelle Übersättigung Partner auseinanderbringt und Gefühle der Erschöpfung und Disharmonie erzeugt. Sie haben auch einen Ausweg aus diesem Dilemma entdeckt. Sie erkannten, dass es zwei fundamental unterschiedliche Zugänge zum Liebesakt gibt, je nach seinem Sinn.

Vom Befruchtungsdrang angetriebener Sex dient der Fortpflanzung. Beim Höhepunkt wird das Spermium auf das Ei angesetzt. Im Gegensatz dazu geht es bei Sex, der der Verbindung der beiden Partner dient, in erster Linie um Harmonie und Wohlergehen. Bei beiden Methoden spielt der Geschlechtsverkehr eine Rolle, um sexuelle Spannung effektiv abzubauen. Sex mit dem Ziel der Befruchtung erreicht dieses Ziel mit einem neurochemischen Crash, nach dem es überraschend lange dauert, bis wieder eine Homöostase erreicht wird (der Zustand des Gleichgewichts, wie er vor dem Orgasmus herrschte). Sex mit dem Ziel, die Bindung zu stärken, erleichtert sexuelle Spannung durch sanften Geschlechtsverkehr, gemischt mit tiefer Entspannung und jeder Menge beruhigender Zuwendung, was zu einem erfrischenden Gefühl der Befriedigung und anhaltendem Gleichgewicht führt.

„Der sexuelle Akt ähnelt dem Aufblasen eines Ballons. Der Orgasmus ist die Nadel, die den Ballon zum Platzen bringt, doch wenn man den Sex ohne Orgasmus beendet, bleibt man selbst als Ballon zurück, der im Laufe der nächsten Tage langsam an Luft verliert. Man hat so viel länger etwas von dem schönen Gefühl des Aufgeblasenseins.“

Rob

Und wie funktionierte es in der Praxis?

In der Theorie funktioniert das alles großartig, doch erst nach Jahren unbeständiger Forschung hatte ich das Glück, auf einen Partner zu treffen, der die Bereitschaft und die Offenheit hatte, mit diesem ungewohnten Zugang zum Geschlechtsverkehr zu experimentieren. Als mein Mann Will und ich uns vor acht Jahren trafen, begannen wir unsere Beziehung mit bindungsstärkendem Liebesspiel. Wir betonten die großzügige und liebevolle Zuwendung und waren nicht auf Orgasmen aus (obwohl es in seltenen Fällen immer mal zu einem Orgasmus kam). Diese Art des Liebesspiels ist eine alte Praxis, auf die in verschiedenen Traditionen immer wieder angespielt wird. Ich belege es heute mit dem Begriff Karezza ­(Italienisch für Zärtlichkeit), ein Begriff, der vor ungefähr einem Jahrhundert von einem Quäker und Arzt geprägt wurde.

„Die Technik beruht nicht auf Kontrolle. Während des Geschlechtsverkehrs versucht man nicht, den Orgasmus zu vermeiden oder die Körperenergien zu steuern; man schließt einfach nur die Augen und fühlt, wie die Energien ins Herz strömen, in den Kopf, in die eigenen Genitalien und die des Liebespartners, und erlaubt der Energie zu zirkulieren … Man entspannt sich die ganze Zeit über und geht immer wieder ins Herz. Der Schlüssel ist müheloses Bewusstsein. Alle Energien werden nach oben gezogen und durch den ganzen Körper verteilt … Während dies geschieht, werden Anzeichen von Geilheit in Gefühle der Liebe verwandelt, und das Bedürfnis nach einem konventionellen Orgasmus nimmt ab.“ 11

Als wir ein Jahr später zurückblickten, mussten wir zugeben, dass wir sehr erstaunt waren. Unser Leben war zwar nicht perfekt, doch es gab definitive, positive Veränderungen. Keine Pilz- oder Harnwegsinfektionen mehr bei mir, kein Alkoholmissbrauch oder chronische Depression (oder verschreibungspflichtige Antidepressiva) mehr bei Will. Unser Liebesspiel war weniger intensiv, doch es ließ uns zufriedener zurück. Selbst heute lieben wir es immer noch, einander zu berühren, und helfen uns gegenseitig sehr gerne. Das Beste jedoch ist, dass es eine sehr willkommene, unbeschwerte Verspieltheit in unserer Beziehung gibt, die es uns gestattet, die meisten Reibungspunkte mühelos aus dem Weg zu räumen und sogar darüber zu lachen.

Als Lehrer für Wissenschaften, der Freude daran hat, sich stundenlang mit medizinischen Abhandlungen zu befassen, war Will neugierig darauf, ob die Wissenschaft diese Verbesserungen in unserem Leben irgendwie erklären konnte. Er vertiefte sich daraufhin in Forschungen über Oxytocin, das sogenannte „Kuschelhormon“. Das von ihm studierte Material erklärte weitgehend, warum selbstlose, nicht zielorientierte Liebe unsere Gesundheit gestärkt haben könnte und sogar gegen Depression12 und Sucht13 hilfreich wirkte. HIV-positive Patienten leben beispielsweise länger, wenn sie in einer Beziehung leben.14 Wunden heilen zweimal so schnell, wenn es eine Begleitung gibt, im Vergleich zu einem Menschen, der isoliert ist.15 Bei Primaten lebt der Elternteil, männlich oder weiblich, länger, der sich um die Familie kümmert.16 Oxytocin ist wahrscheinlich das hauptsächlich beteiligte Hormon hinter all diesen Vorteilen.

Mein Mann stellte außerdem fest, dass wir durch die leichte Art unseres Karezza-Liebesspiels und durch die Orgasmusvermeidung offensichtlich von dramatischen Fluktuationen in unserer Gehirnchemie verschont blieben. Das liegt daran, dass der Orgasmus im Gehirn erlebt wird. Er ist viel mehr eine komplexe Abfolge eines neurochemisch-hormonellen Geschehens als ein Ereignis in den Genitalien. Man kann beispielsweise eine Elektrode in das Gehirn oder das Rückenmark einführen und so das Empfinden von einem Orgasmus hervorrufen, ohne dabei die Genitalien zu berühren.

Anstelle einer Elektrode benutzt der Körper eine neurochemische Ladung, um das Gefühl eines Orgasmus’ hervorzurufen. Was im Augenblick des Orgasmus’ aufgewühlt wird, muss sich auch wieder setzen. Obwohl Wissenschaftler nicht generell zustimmen, dass es eine postorgastische Enttäuschung gibt, sind doch in der Forschung nach sexuellen Stimulationsmitteln Beweise dafür aufgetaucht. Diese unbewusste Kaskade von neurochemischen Abläufen, die scheinbar volle zwei Wochen brauchen, bevor wieder ein Gleichgewicht eintritt, steht hinter der Fähigkeit von Amors Gift, unsere Beziehungen zu verderben. Während dieser Erholungsphase können Liebende sich bedürftig, reizbar, ängstlich und erschöpft fühlen oder sich verzweifelt einen weiteren Orgasmus wünschen, um die damit verbundenen Symptome zu erleichtern. Sie bemerken nicht, dass sie zeitweilig einfach aus der Balance geraten sind. Dies ist ein wiederholter Auslöser für Disharmonie und zwanghaftes Verhalten, und er ist bereits in unsere romantischen Beziehungen mit eingebaut. Doch für sexuell aktive Erwachsene ist diese Erholungsphase quasi unsichtbar, weil wir zunächst typischerweise versuchen, das Unwohlsein durch einen weiteren Orgasmus zu vertreiben. Diese instinktive Reaktion treibt uns zu weiterer sexueller Übersättigung – und folgender emotionaler Distanz. Man muss es nur unseren Genen überlassen. Das ist die Garantie dafür, dass wir so viel fortpflanzungsmotivierten Sex wie möglich betreiben – bevor wir dann das Interesse an sexueller Exklusivität mit einem Partner verlieren.

Dank dieser eingebauten Programmierung entdecken wir nur selten das Wohlgefühl und die Zufriedenheit, die mit einem Schritt in Richtung Gleichgewicht verbunden sind, einfach dadurch, dass wir Karezza machen, also bindungsorientiertes Liebesspiel. Stattdessen geben wir einander lieber die Schuld an unseren veränderten Gefühlen. „Wenn er nur liebevoller wäre und mich mehr unterstützen würde!“ „Wenn sie doch nur aufhören würde, sich in ihren Gefühlen zu aalen und einfach Sex mit mir hätte!“

Wie wir noch sehen werden, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die postorgastische Erholungsphase hinter so unterschiedlichen Phänomenen wie einem One-Night-Stand, der sexlosen Ehe, Untreue und Pornografiesucht steht. Sie trägt zu der allgemeingültigen Erfahrung bei, dass die Flitterwochenstimmung selten länger als ein Jahr anhält. Aus dem Grunde gehen Freundschaften, die sich in Liebesaffären verwandeln, häufig kaputt.

Unter dem Strich kommt heraus, dass unser unbewusstes Paarungsprogramm hinter unserem spontanen sexuellen Appetit hervorragend für maximale Genfortpflanzung geeignet ist. Nur unser individuelles Wohlergehen scheint ihm nicht am Herzen zu liegen. Der niederländische Wissenschaftler Gert Holstege, der darüber berichtete, dass Gehirnscans von ejakulierenden Männern genau das gleiche Bild aufweisen wie Gehirnscans von Menschen, die sich einen Heroinschuss setzen,17 ließ einmal die Bemerkung fallen, dass wir alle sexsüchtig sind.18 Er meinte damit, dass unser impulsives Sexualverhalten von Natur aus in Richtung Übersättigung und – sofern wir die Gelegenheit haben – sogar in Richtung Zwang geht.

Paarung und Bindung, die zwei Pedale

Wenn wir tun, was wir immer schon getan haben, bekommen wir, was wir immer schon hatten. Wir sind so verdrahtet. Und doch verfügen wir nicht nur über ein Paarungsprogramm. Wir sind auch mit einem Bindungsprogramm ausgestattet. Es diente in seinen Anfängen als ein Mechanismus, der kleine Säugetiere an seine Versorger bindet, doch es ermutigt uns gleichfalls dazu, uns zu verlieben – zumindest für eine Weile (Paarbindung). Es funktioniert durch gegenseitigen Austausch von unbewussten Hinweisen, ein Verhalten, auf das wir in jedem Alter mit Freude reagieren. Wie wir noch sehen werden, können wir unsere angeborenen Neigungen verfeinern, indem wir dieses Bindungsverhalten nutzen, um unseren Enthusiasmus für dauernde Intimität unbegrenzt zu stärken – insbesondere, wenn wir dazu bereit sind, den Geschlechtsverkehr selbst in ein Bindungsverhalten zu verwandeln, wenn Fortpflanzung nicht erwünscht ist.

„Kuschelmangel führt unweigerlich zu einem nachlassenden Kuschelwunsch, ob dies nun aus Faulheit, Gewohnheit, Verärgerung oder Gleichgültigkeit geschieht. Kuscheln (mit allem, was dazugehört) erweckt den Wunsch nach mehr Kuscheln. Es ist eine wohlwollende Biofeedback-Maschine, genauso wie die Abwesenheit von Zuneigungsbezeugungen das Gegenteil erzeugt. Jeder kennt das von frisch Verliebten, die scheinbar nicht nah genug beieinander sein können. Nun, obwohl wir seit Ewigkeiten verheiratet sind, haben wir wiederholt das Gleiche erfahren, als Ergebnis davon, Kuscheln zunächst zu einem Punkt auf unserem Tagesprogramm zu machen – und wenn es nur eine Minute war. Wir konnten zusehen, wie unser Kuschelbedürfnis nach dem Schneeballprinzip zum Selbstläufer wurde.“

Keith

Menschen, die einander in Liebe zur Seite stehen, fühlen sich ruhig und sicher und erfahren soziales Wohlergehen und emotionale Einheit.19 In Anbetracht der starken psychologischen und gesundheitlichen Vorteile einer glücklichen Vereinigung ist das Karezza-Liebesspiel möglicherweise von überraschend hohem Wert für monogame soziale Lebewesen wie uns.

Ich sehe unser Paarungs- und Bindungsprogramm mittlerweile als zwei Pedale, die unsere intimen Beziehungen in Gang setzen. Das Paarungsprogramm (der Drang, uns sexuell so gründlich wie möglich zu erschöpfen) ist das „Gewohnheitspedal“, weil es häufig bewirkt, dass Partner voneinander die Nase voll haben. Das Bindungsprogramm hingegen ist das „Harmoniepedal“, weil es der Gemeinsamkeit eine tiefere Befriedigung verleiht. Mit diesem einfachen Wissen können wir die gewünschten Resultate ansteuern.

Während Will etwas über die versteckten endokrinen Zyklen von sexueller Übersättigung lernte, fuhr ich damit fort, in den esoterischen Hinterstübchen der einflussreichsten Religionen auf unserer Erde herumzustöbern. Es existieren unglaublich viele mythische Geschichten darüber, wie intime Beziehungen als Weg zu einer tieferen Vereinigung und klareren spirituellen Wahrnehmung genutzt werden können. Wir bekommen davon normalerweise nicht besonders viel mit, weil die bekannteren religiösen Unterweisungen sich fast ausschließlich auf soziale Konventionen beschränken oder darauf, mehr Anhänger zu bekommen.

In den uns vertrauten Lehren wird das Konzept der Enthaltsamkeit mit der sexuellen Abstinenz von Mönchen und Nonnen gleichgesetzt. Doch es scheint, als hätten einige unserer inspirierendsten spirituellen Lehrer die transzendentale Kraft der sexuellen Mäßigung während des Geschlechtsverkehrs gemeint. Ich werde einiges von dem, was ich gefunden habe, in den Weisheits-Abschnitten zwischen den einzelnen Kapiteln dieses Buches mit Ihnen teilen.

Warum jetzt?

Ganz offensichtlich ist die unbewusste Paarungsprogrammierung des Menschen keine neue Herausforderung, doch es gibt zwei Entwicklungen, die es notwendiger gemacht haben, dass wirkliche Harmonie zwischen Paaren vorherrscht. Zum einen hat sich unsere Kultur verändert. Bis vor Kurzem hielten auf vielen Teilen der Erde die Kirche und der Staat den sexuellen Ausdruck im Zaum. Ehen wurden vielfach arrangiert. Scheidung war zunächst unmöglich, später hatte sie unangenehme Folgen. Geburtenkon­trolle war entweder nicht möglich oder verboten. Und nicht sanktionierte Beziehungen wurden streng bestraft. All diese Lebensbedingungen sorgten dafür, dass jedwede emotionale Trennung zwischen den Partnern teilweise durch die Tatsache verdeckt wurde, dass sie eben doch zusammenleben und ihre unvermeidlichen Kinder aufziehen mussten. Folgen dieser Umstände waren zudem, dass es nach den Flitterwochen (zumindest im Leben der meisten Paare) weniger Spielerei gab. Dadurch blieben die meisten Paarbeziehungen stabil und weniger unbeständig.

Heutzutage können soziale und zivile Sanktionen zumindest im Westen Paare nicht mehr künstlich zusammenhalten. Das bedeutet, dass unser unterschwelliges Säugetierpaarungsprogramm Familien und Paare mit wachsender Effektivität auseinanderreißt. Da wir nicht länger in Stämmen zusammenleben, die auf gegenseitiger Unterstützung beruhen, sind diese Auswirkungen für alle Beteiligten quälend.

Darüber hinaus wird es wahrscheinlich mit jeder neuen Generation weniger „Schwäne“ geben (Paare, die der Gewöhnung entgehen). Als sich Forscher dem Thema Eheglück widmeten und dies generationsübergreifend untersuchten, entdeckten sie, dass ältere Paare mit höherer Wahrscheinlichkeit glücklich waren. Sie schrieben dies der Tatsache zu, dass ältere Paare noch geheiratet haben, als man bezüglich der Ehe noch pragmatischere Ansichten hatte, die Unterstützung für die Institution Ehe stärker war und Paare sich leichter der Norm einer lebenslangen Ehe unterzogen.20

Es könnte jedoch noch einen zweiten, sehr gewichtigen, wenn auch nicht anerkannten Faktor geben, der hier am Werke ist. Wir sind Versuchskaninchen in einem massiven internationalen Experiment. Der Dauerreiz durch die Medien ruft schon gewohnheitsmäßig eine übernormale sexuelle Stimulation unserer Gehirne hervor. Nehmen wir einfach mal folgende Titel von gängigen Frauen- und Männermagazinen: „Sex mit jemand Neuem – Jede Nacht“ (über das Ausleben sexueller Phantasien) und „Wie Sie seinen G-Punkt finden.“ Oder nehmen wir Chiles frühreife Jugendliche, noch nicht einmal achtzehn Jahre alt, deren Enthusiasmus für Gelegenheitssex das ganze Land vor den Kopf stößt, wie schon lange nichts mehr.21

Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem neuen Ehepartner und einem neuen Hund?

Antwort: Nach einem Jahr freut sich der Hund immer noch, einen zu sehen.

Dieser Fokus auf sexueller Befriedigung verstärkt die ungewollten Mechanismen unseres Paarungsprogrammes, indem er Liebende zu immer drängenderer sexueller Übersättigung treibt, mit darauffolgendem Desinteresse. Das Resultat sind häufig kürzere intime Verbindungen und ein wachsendes Misstrauen zwischen den Geschlechtern – was vielfach zu Verzweiflung führt, was das Thema Beziehung angeht, und parallel dazu zu ungesunder Isolation. Kurz gesagt, unser angeborenes Programm für genetischen Erfolg arbeitet so effektiv, dass es langsam schon nach hinten loszugehen droht. Der Graben des Misstrauens und der Desillusionierung zwischen den Geschlechtern wird immer größer.

Je mehr mein Mann und ich lernen, umso mehr verstehen wir, dass letztlich jeder unschuldig ist. Wir, unsere Expartner, Sie und Ihre Expartner und all unsere Eltern haben nur das getan, wozu unsere Gene uns programmiert haben. Nämlich, uns zu langweilen, müde oder reizbar zu werden, voneinander enttäuscht zu sein, uns häufig anderweitig umzusehen, uns zu trennen – und alles wieder von vorne zu beginnen. Wir hatten ja keine Ahnung, dass ein Orgasmus kein reines Vergnügen oder reine Entspannung darstellt, sondern dass Übersättigung uns dazu bringt, unsere Partner abzuwerten oder uns von ihnen zu entfremden. Sex zu vermeiden, löst das Problem auch nicht, weil sich ohne eine Lösung sexuelle Frustration aufbaut. Auf der anderen Seite birgt die Jagd nach ständigen Orgasmen, um die Spannung zu lösen, ihre eigenen versteckten Risiken der Gewöhnung und des zwanghaften Verhaltens in sich. Ein bisschen sexuelle Spannung ist ganz natürlich. Sie besteht, damit wir uns überhaupt mit einem Partner verbinden. Doch insbesondere intensive, sexuelle Frustration kann – wie wir noch sehen werden – das Ergebnis eines dringenden Wunsches nach Erleichterung von Gefühlen der Ruhelosigkeit, Reizbarkeit oder Apathie sein – Gefühle, die die sexuelle Übersättigung selbst mit sich bringt. Diese dann mit noch mehr sexueller Stimulation zu lösen, treibt uns in eine Abwärtsspirale. Aus der können wir entkommen, indem wir uns auf ein lebendiges Gleichgewicht zubewegen, das den oben genannten Weg der Sexualität beschreitet und bindendes Verhalten bevorzugt.

Unterdessen können wir mit entrüsteten religiösen Fundamentalisten und über das aktuelle Chaos betrübten Feministinnen sympathisieren. Es suchen einfach zu viele Menschen nach Erleichterung für ihre durch Gelegenheitssex und Pornos entflammte Libido. Die gerechten Kritiker könnten jedoch feststellen, dass eine Meisterschaft in der bindungsbasierten Sexualität auch unser hartes Urteil über andere Menschen mindert. Menschen, mögen sie männlich oder weiblich sein, die in dem Zyklus der Leidenschaft gefangen sind, schuldig zu sprechen, hat jedenfalls nur den unbeabsichtigten Effekt, die Suche nach sexueller Befriedigung noch zwingender zu machen. Wenn wir die Macht von Karezza erkunden wollen, um die Stabilität und Harmonie in unseren intimen Beziehungen zu erhöhen, dann müssen wir unsere derzeitigen Gewohnheiten voller Mitgefühl und Kreativität betrachten – ohne Schuldzuweisungen. Denn diese Gewohnheiten sind nur das Ergebnis eines logischen Experiments: die entschlossene Jagd nach dem Orgasmus in der Überzeugung, dass dieser unsere psychologische Gesundheit und unser Wohlergehen erhöht. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, die Folgen so ehrlich wie möglich einzuschätzen und dann unsere Richtung bewusst zu wählen.

Die gute Nachricht lautet, dass eine Bewegung über den Impuls hinaus, in Richtung eines bewussten Gleichgewichts in unserem Sexualleben, uns mit einem Empfinden innerer Vollständigkeit ausstattet. Mein Mann und ich fühlen uns zum Beispiel weniger empfänglich für Manipulation beliebiger Art, sei es durch Werbung, Politiker oder andere Menschen. Auch Sie könnten herausfinden, dass Sie ohne die Gefühle von Mangel, Unruhe und Bedürftigkeit, die auf mysteriöse Art und Weise nach der Befriedigung sexueller Lust aufkommen, einfach nicht mehr so offen für Verführungen wie Fast Food oder übermäßigen Konsum sind und sich nicht mehr so leicht aufgrund Ihrer Ängste manipulieren lassen.

Warum gerade ich?

Um Karezza zu erkunden, musste ich das ganze Populärwissen der letzten sechs Jahrzehnte hinter mir lassen. Dort wird nämlich behauptet, dass der Orgasmus lediglich eine Quelle der Freude und ein wohltuendes Ventil sei, das man, wenn es sich nicht von selbst ergibt, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, sei es natürlichen oder künstlichen, verschaffen sollte. Meine Forschungen standen in krassem Widerspruch zu diesem Denken und führten im Laufe der Zeit zu einem persönlichen Paradigmenwechsel. Für mich ist ein Orgasmus nicht mehr länger nur ein Geschehen im Genitalbereich, das mit dem Höhepunkt endet. Mich faszinieren im Gegenteil die anhaltenden neurochemischen Folgen und was sie für unsere Wahrnehmung voneinander, für die Qualität unserer Beziehungen und unsere physische und spirituelle Entwicklung bedeuten.

Viele verschiedene Disziplinen haben sich mit wesentlichen Teilen dieses neuen Paradigmas auseinandergesetzt. Evolutionsbiologen haben ­festgestellt, dass das primäre Ziel unserer Gene nicht darin besteht, für Harmonie zwischen Partnern zu sorgen, sondern dass es ihnen lediglich um ihren Erfolg geht. Neurowissenschaftler haben aufgedeckt, dass starke sexuelle Stimulierung das Gehirn in etwa so wie eine Droge beeinflusst. Psychiater und Psychologen haben beobachtet, dass Veränderungen in unseren unbewussten Gefühlen gegenüber anderen Individuen auch unsere Wahrnehmung von ihnen radikal verändert. Und Texte aus verschiedenen spirituellen Traditionen, die kaum jemandem bekannt sind, haben die enge Einheit von Mann und Frau enthüllt, die beide in Harmonie zueinander und zu ihren Nächsten bringt.

Doch der gehemmte Informationsfluss zwischen den Disziplinen verhindert zuweilen Einsichten, die verschiedene Sichtweisen miteinander verbinden. Die Biologen entwickeln ihre Schlussfolgerungen nicht gern aufgrund von faszinierenden Parallelen mit alten Texten weiter; Neurowissenschaftler studieren nicht die Auswirkungen der neurochemischen Schwankungen darauf, wie Liebende ihren Intimpartner im Verlauf ihrer Rückkehr zur Homöostase nach dem Orgasmus betrachten; und Psychologen und Psychiater lassen sich entmutigen, die Vorteile von orgasmuslosem Sex näher zu untersuchen, weil Freud, Kinsey und andere dies als eine Paraphilie (sexuelle Störung) betrachteten. Als Ergebnis davon setzen sie die Ausdrücke „sexualfreundlich“ und „orgasmusfreundlich“ miteinander gleich. Und zu guter Letzt neigen Theologen, die mit den von mir studierten Texten vertraut sind, häufig dazu, die heilsamen Möglichkeiten von Sex außerhalb der Fortpflanzung zu verneinen, weil sie annehmen, dass ihr Schöpfer sich nur für die unbeschränkte Fortpflanzung des Menschen interessiert.

Keiner dieser Disziplinen verpflichtet, sammle ich Hinweise von ihnen allen. Ich habe entdeckt, dass es viele Gründe dafür gibt, warum wir Menschen ein Interesse daran haben könnten, einen anderen Ansatz für den Geschlechtsverkehr kennenzulernen, wenn Empfängnis nicht unser Ziel ist.

Sie wundern sich vielleicht, was mich dazu motiviert hat, Geschlechtsverkehr ohne Orgasmus überhaupt ergründen zu wollen. Denn schließlich läuft unser Paarungsprogramm unterbewusst ab und begleitet uns schon seit den Zeiten, als wir noch nicht einmal Menschen waren. Wir sollen es gar nicht bemerken. Und tatsächlich ist niemand von uns wirklich in der Lage, die Herausforderung zu sehen, mit der wir es zu tun haben, wenn er sich nicht aus dem Paarungsprogramm ausklinkt und über längere Zeit mit einem anderen Weg experimentiert, der sexuelle Spannung löst, und dann erst wieder zu fortpflanzungsorientiertem Sex zurückkehrt, um den Unterschied zu erleben.

Wohl oder übel hatte ich ausreichend Gelegenheit, dieses Experiment zu machen. Als ich das erste Mal ein Buch über taoistisches Gedankengut zum Geschlechtsverkehr las, fühlte ich mich sehr dazu hingezogen, doch die Anweisungen, wie man vorzugehen hat, verwirrten mich sehr. Ich war damals noch davon überzeugt, dass Leidenschaft doch irgendwo in der Gleichung Platz haben müsste. Das Ergebnis war, dass mein Liebesleben dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ glich, wo der Hauptdarsteller dazu verdammt scheint, die gleichen Ereignisse bis in alle Ewigkeit wieder und wieder erleben zu müssen.

Doch in Wirklichkeit lernte ich langsam aber sicher ein paar Grundlagen über unser unbewusstes Paarungsprogramm. Sie fügten sich nur nicht nahtlos in mein Verständnis von dem taoistischen Model, dem ich zu folgen versuchte. Doch sie passten erstaunlich gut zu dem Wissen, das mein Mann Jahre nach unserem Kennenlernen und dem Beginn unserer Versuche mit Karezza ausgrub.

Ich möchte mit Ihnen teilen, was ich gelernt habe, und fange mit meinem ersten Lehrer an: meiner eigenen Erfahrung. Es war ein ziemlicher Zickzackkurs, als ich auszog, um altes Gedankengut auszuprobieren, das mehr Tiefe und Harmonie in Beziehungen versprach. Und im Laufe meiner Reise stellte ich fest, dass ich nicht die Einzige war, die von zerbrechlichen Beziehungsstrukturen geplagt war; das Phänomen der Trennung schlich sich so ziemlich in jede Beziehung ein, gleichgültig, wie lang sie schon bestand. Andere unerwartete Einsichten folgten, und die nächsten zwei Kapitel beziehen sich sowohl auf einige dieser „Aha-Erlebnisse“ als auch auf die Blessuren, die ich mir in meinen ersten frühen Bemühungen zuzog. Ich denke an diese Zeit als die „Yin-Phase“ oder die rezeptive Phase meines Abenteuers zurück, weil ich mein Bestes tat, um offenzubleiben für die Einsichten, die zu mir kamen, auch wenn sie nicht wissenschaftlich fundiert waren und damals überhaupt nicht in mein Weltbild passten.

Als Will in mein Leben trat, vervollständigten die objektiven Informationen, die er beitrug, meine früheren subjektiven Beobachtungen auf ­unerwartete Art und Weise. Ich denke an diese Zeit zurück als die „Yang-Phase“, weil Wills Beiträge (die auf dem heutigen Verständnis vieler inspirierter Wissenschaftler basieren) uns ein vollständigeres, abgerundeteres Verständnis dessen ermöglichten, was ich erfahren und beobachtet hatte. Seine Forschungen prägen Kapitel vier (Im Herzen des Trennungsvirus), fünf (Der Zyklus der Leidenschaft), sechs (Die Straße zum Exzess), und acht (Bindendes Wissen) und enthüllen die Funktionsweise unseres im Unbewussten verankerten Paarungs- und Bindungsprogramms aus wissenschaftlicher Sicht.

Selbst wenn Sie glauben, dass Sie Wissenschaftliches nicht mögen, werden Sie überrascht sein, wie sehr dieser Teil des Buches Sie möglicherweise fesseln wird. Wir werden uns damit befassen, wie unsere dominanten Gene uns manipulieren, um ihren Auftrag auf Kosten unserer Partnerschaften zu erfüllen. Wir werden uns den Orgasmuszyklus näher anschauen und erfahren, welche aktuellen Quellen uns mehr darüber erzählen, wie dieser Zyklus zuweilen als Ursache für zwanghaftes Verhalten dient. Wir werden außerdem untersuchen, welche Gründe es geben könnte, dass Karezza zu Heilung, Ausgewogenheit und stärkerer emotionaler Bindung beiträgt.

In Kapitel sieben geht es dann darum, wie wir die Balance zwischen unserem Paarungs- und Bindungsprogramm verschieben können. Kapitel neun (Den Abgrund überbrücken) erläutert, wie es dazu kam, dass wir den Orgasmus als „Stimmungsmedikament“ benutzt haben, und warum diese Strategie für Säugetiere mit fester Paarbindung wie uns fatal sein kann. In dem Kapitel schlagen wir auch Vorgehensweisen vor, wie man andere Menschen mit dem Konzept von Karezza vertraut machen kann. Kapitel zehn (Der Weg der Harmonie) fasst die Praxis von Karezza selbst zusammen.

Seien Sie sich bewusst, dass die Kapitel mit praktischen Vorschlägen wahrscheinlich die am wenigsten wichtigen Teile dieses Buches sind. Wenn Sie einmal die Ursprünge und Mechanismen der Herausforderung, der sich die Menschheit gegenübersieht, verstanden haben, dann werden auch Sie Ihre eigenen Wege zu der Möglichkeit großherzigen, liebevollen ­Karezzas finden. Solange Sie diese Informationen nicht vollständig integriert haben, sind alle praktischen Vorschläge, die dazu dienen, Ihrem unbewussten Paarungsprogramm zu entgehen, nichts mehr als angenehme, doch irgendwie leere Übungen. Dann könnte es so sein, dass Sie in Ihrer ganz persönlichen „Und täglich grüßt das Murmeltier – Schleife“ enden.

Alte Weisheiten
Der Taoismus

In diesen Weisheitssegmenten zwischen den Kapiteln schauen wir uns verschiedene Texte und Traditionen an, in denen Einsichten wiedergegeben werden, wie der Geschlechtsverkehr auf eine tiefere Vereinigung der Partner ausgerichtet werden kann, anstatt der Fortpflanzung zu dienen. Die Auszüge sind vor allem interessant, weil es sie überhaupt gibt – nicht weil sie irgendein Mainstream-Dogma verkünden. Wer hätte gedacht, dass es so viel überliefertes Wissen zum Potential gibt, das in intimen Beziehungen versteckt liegt?

Einer meiner liebsten Berichte zum Thema bindungsstärkender Sexualität ist in einer kaum bekannten Sammlung von Lehren enthalten, die von dem taoistischen Meister Laotse aus China mündlich weitergegeben worden sein sollen. Im Hua-Hu Ching 22 warnt Laotse:

„Obwohl die meisten Menschen ihr gesamtes Leben damit verbringen, ihrem biologischen Impuls zu folgen, ist dies nur ein winziger Teil unseres Wesens. Wenn wir von Samen und Eiern besessen bleiben, sind wir zwar mit dem fruchtbaren Tal der Fortpflanzung der Mysteriösen Mutter verbunden, doch nicht mit ihrem unermesslichen Herzen und allwissenden Geist.“ 23

Und:

„Wenn wir uns mit ihrem Herzen und Geist vereinigen wollen, müssen wir Yin und Yang in uns selbst integrieren und ihr Feuer nach oben lenken. Dann haben wir die Macht, mit dem gesamten Wesen der Mysteriösen Mutter zu verschmelzen. Das bedeutet wahre Evolution.“ 24

Er erläutert weiter:

„Die erste Integration von Yin und Yang ist die Verbindung des Samens mit dem Ei im Leib. Die zweite Integration von Yin und Yang ist die sexuelle Verbindung des reifen Mannes mit der reifen Frau. Beide haben mit Fleisch und Blut zu tun, und alles, was in diesem Reich empfangen wird, muss sich eines Tages wieder auflösen und vergehen.“ 25

Bis dahin ist es uns noch vertraut, doch dann sagt Laotse, dass uns eine ganz andere Erfahrung durch Vereinigung offen steht.

„Erst die dritte Integration bringt etwas Unsterbliches hervor … Das neue Leben, das von dieser letzten Integration erschaffen wird, ist sich seiner selbst bewusst, doch ohne Ego, es ist fähig, in einem Körper zu leben, doch ohne anzuhaften, und wird von Weisheit anstatt von Emotionen geleitet. Es ist vollständig und tugendhaft und kann niemals sterben.“ 26

Laotse weist darauf hin, dass diese mystische Einheit zwischen Yin und Yang durch den Geschlechtsverkehr erlangt werden kann.

„Weil immer höhere Vereinigungen von Yin und Yang für die Empfängnis immer höheren Lebens notwendig sind, können einige Lernende in der Kunst der zweifachen Kultivierung unterwiesen werden, in der Yin und Yang unmittelbar in das Tai Chi [die disziplinierte Übung] des Geschlechtsverkehrs integriert werden … Wenn wahre Tugend und wahre Meisterschaft zusammen kommen, … kann die Übung zu einem tiefen Gleichgewicht der groben und feinen Energien des Lernenden führen [andernfalls kann sie eine destruktive Wirkung haben].“ 27

Und in der Tat:

„ Das Ergebnis davon ist eine verbesserte Gesundheit, ausgeglichene Emotionen, das Ende von drängenden Impulsen und starkem Verlangen und, auf der höchsten Ebene, die transzendente Integration des gesamten Energiekörpers.“ 28

Mein Mann und ich profitieren bereits von einigen der von Laotse genannten Vorteile, die das Ergebnis von häufigem, liebevollem Geschlechtsverkehr sind, ohne dass dabei die Überstimulierung durch sexuelle Übersättigung herbeigeführt wird. Wir haben definitive Verbesserungen in unserer Gesundheit, ein größeres emotionales Gleichgewicht und abnehmendes Verlangen in verschiedenen Bereichen festgestellt.

Hier sind noch zwei weitere Sektionen aus dem Hua-Hu Ching, die weitere Hinweise liefern.

Sektion 69

„Der Zugang eines Menschen zur Sexualität ist ein Zeichen für seine Entwicklungsebene. Wenig entwickelte Menschen praktizieren gewöhnlichen Geschlechtsverkehr. Sie überbetonen die Sexualorgane und vernachlässigen dabei die anderen Organe und Systeme des Körpers. Die gesamte angesammelte physische Energie wird auf einen Schlag entladen, und auch die subtilen Energien werden gleichermaßen vergeudet und zerstreut. Es ist ein großer Rückschritt.

Für diejenigen, die nach den höheren Regionen des Lebens streben, gibt es die engelsgleiche zweifache Kultivierung. Weil jeder Teil des Körpers, des Verstandes und des Geistes sich nach der Integration von Yin und Yang sehnt, wird der engelsgleiche Geschlechtsverkehr mehr von dem Geist und weniger von den Geschlechtsorganen gelenkt.

Während gewöhnlicher Geschlechtsverkehr anstrengend ist, ist engelsgleiche Kultivierung ruhig, entspannt und natürlich. Wo gewöhnlicher Geschlechtsverkehr nur die Geschlechtsorgane miteinander verbindet, verbindet engelsgleiche Kultivierung Geist mit Geist, Verstand mit Verstand und jede Zelle des einen Körpers mit jeder Zelle des anderen Körpers. Der Höhepunkt liegt nicht in der Auflösung, sondern in der Integration [„nicht in der Trennung, sondern in der Verschmelzung“?] und ist eine Gelegenheit für einen Mann und eine Frau, einander zu transformieren und in das Reich von Glückseligkeit und Ganzheit zu erheben.“

Sektion 70

„Die Fesseln der Leidenschaft und des Begehrens weben ein festes Netz um uns … Die Falle der Dualität ist hartnäckig. Gebunden, starr und gefangen kann man keine Befreiung erlangen.

Durch zweifache Kultivierung ist es möglich, das Netz zu entwirren, die Starrheit aufzuweichen und die Falle zu öffnen. Indem wir unsere Yin-Energie in der Quelle des universellen Lebens aufgehen lassen und aus der gleichen Quelle die Yang-Energie beziehen, lassen wir die Individualität hinter uns, und unser Leben wird rein und natürlich. Frei von Ego, leben wir natürlich, arbeiten rechtschaffen, werden von unerschöpflicher Vitalität erfüllt und sind für immer vom Zyklus der Geburt und des Todes befreit.

Wir müssen eines verstehen: Spirituelle Freiheit und Einheit mit dem Tao (Dao) sind keine zufälligen Geschenke, sondern der Lohn für die bewusste Wandlung und Entwicklung des Selbst.“

Andere alte taoistische Sexhandbücher, wie z. B. Secrets of the Jade ­Chamber und The Dangers and Benefits of Intercourse with Women widmen sich auch dem Phänomen, dass Mann und Frau gemeinsam durch die Bewahrung ihrer sexuellen Energien Unsterblichkeit erlangen können. In Dangers and Benefits heißt es, dass dies durch eine Kombination von tiefem Eindringen, niedriger Erregung und Visualisierung der Energie, wie sie sich durch den Körper bewegt, geschieht.29 In True Transmission of the Golden Elixir wird es als eine Parthenogenese beschrieben, „die den heiligen Fötus bildet“, abhängig davon, wie gut man seine eigene Lebensenergie zu konservieren versteht. In Exposition of Cultivating the True Essence wird erklärt, dass diese sexuelle Alchemie nur möglich ist, wenn die instabile männliche Sexualenergie (1) erweckt wird, ohne „sich zu ergießen“, (2) die stabilere Yin-Energie willkommen heißt und (3) sich mit ihr verbindet.30

Das hochgesteckte Ziel der spirituellen Vereinigung zwischen gleichwertigen Partnern wurde in späteren taoistischen Schriften unterwandert – zunächst durch Pläne, die Sexualenergie des gegengeschlechtlichen Partners zu „stehlen“, und in jüngerer Zeit durch Techniken, wie Männer und Frauen sich selbst und dem Partner zu multiplen Orgasmen verhelfen können. Kurz gesagt, selbst die Taoisten konnten dem Drängen des unbewussten Paarungsprogramms im Menschen nicht immer widerstehen – vielleicht, weil sie die Geschenke des tiefen emotionalen Bandes zwischen den Partnern aus den Augen verloren. Und doch bin ich den Chinesen sehr dankbar dafür, dass sie einige der ältesten Schriften zum kontrollierten Geschlechtsverkehr bewahrt haben. Diese Schriften haben meine eigene Erfahrung auf überraschende Art und Weise bestätigt.

Die chinesische Legende erzählt von einem goldenen Zeitalter, in dem alle Menschen in Harmonie mit der Natur lebten und ihren Samen so natürlich in etwas Höheres verwandelten, wie wir es zu atmen verstehen.

Mantak Chia, taoistischer Lehrer

Der Wissenschaftler Douglas Wile, der zahlreiche frühe chinesische Texte über Sexualität übersetzt und analysiert hat, bemerkte, dass „für die Christen Sex zur Fortpflanzung dient; für die Chinesen hingegen der Orgasmus zur Fortpflanzung dient, der Sex jedoch dem Vergnügen, der Therapie und Erlösung.“31 Wie wir im nächsten Weisheitssegment sehen werden, ist es möglich, dass auch die frühen Christen lehrten, dass Sexualität der Erlösung dient.

Kapitel 2
Elefanten im Wohnzimmer

Indem wir sexuelle Übersättigung vermeiden, können wir intime Beziehungen dazu benutzen, häufiger Gefühle von Optimismus und Fülle in uns zu wecken.

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Ein Orgasmus kann Stimmungswechsel und Veränderungen unserer Wahrnehmung bewirken, die für ungefähr zwei Wochen anhalten.

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Diese Veränderungen betreffen beide Geschlechter und sie werden auch durch Masturbation hervorgerufen.

Haben Sie sich jemals in jemanden verliebt, dem es genauso ging? Was für eine Erfahrung! Auf einmal ergibt die Welt einen Sinn. Wir stehen unter erhöhter Spannung und fließen über voll inspirierter Ideen. Das Leben nimmt einen rosigen Glanz an, und die Flügel und der Heiligenschein unseres Geliebten sind klar zu erkennen. Und doch, wenn alles seinen normalen Gang geht, werden wir bald schon auf diesen kurzen Intervall erhöhten Bewusstseins als die Flitterwochen zurückblicken und ihn als eine Prise Feenstaub betrachten, der uns eine kurze Romanze beschert hat.

In Wirklichkeit geschieht etwas sehr Reales, biologisch und vielleicht auch energetisch. Es belebt uns tatsächlich, weitet unsere Wahrnehmung und verändert unsere Körperchemie. Wenn wir verschiedenen spirituellen Traditionen rund um den Erdball Glauben schenken, dann ist die Verbindung zwischen Liebenden nichts Geringeres als ein möglicher Pfad zur Erleuchtung. Die meisten von uns kommen jedoch nicht einmal in die Nähe des Penthouses spiritueller Erkenntnis. Wir steigen stattdessen irgendwo im dritten Stock aus und begeben uns auf den gewohnten Abstieg ins vertraute Erdgeschoss, häufig gefolgt von einem Sturzflug in den Keller. Dies geschieht, weil der körperliche Teil unseres Seins von einem biologischen Autopiloten gesteuert wird und wir angenommen haben, sein Wille sei der unsere.

Mein Lernprozess über das heilende Potential in Beziehungen begann genau mit einem solchen Absturz. Jahre zuvor hatte mir meine Schwester, die es leid geworden war, die ständigen Katastrophen in meinem Liebesleben mit anzusehen, mir ein Buch geschenkt, das so ähnlich hieß wie „Wie heirate ich meinen Traummann?“ Ich hatte schon jeden Rat, der uns zur Rettung von Beziehungen zur Verfügung steht, erfolglos ausprobiert und dachte demzufolge, warum nicht? Der Autor gab mir den dringenden Rat, eine Liste mit einer genauen Beschreibung meines Idealpartners zu erstellen. Und das tat ich.

Natürlich erschien er auch innerhalb des nächsten Jahres. Und nicht nur das. Einige Monate bevor Paul und ich uns trafen, war er auf einer Party gewesen, deren Gastgeber eine medial begabte Frau als Party-Gag engagiert hatte. Diese Frau sagte Paul, dass er mich zu einem bestimmten Zeitpunkt treffen würde, und nannte ihm mein Alter, meinen Beruf, das Element meines astrologischen Tierkreiszeichens und noch ein paar andere erstaunlich korrekte Dinge. Wir begegneten uns auf einer Konferenz in New York, zwei Tage vor dem genannten Datum. Es fühlte sich an wie eine Fügung des Himmels. Jedoch kurz nachdem konventioneller Sex ins Spiel kam, zerbrach die Beziehung. Und jedes Mal, wenn wir es wieder versuchten, geschah dasselbe.

Zu der Zeit stellte ich noch keine Verbindung her zwischen der Jagd nach dem Orgasmus und der immer wiederkehrenden Spannung zwischen uns. Es fühlte sich einfach nur an, als hätte ein Blitz aus heiterem Himmel gerade mal wieder eine meiner kostbaren Verbindungen in Schutt und Asche verwandelt. Es war qualvoll zu beobachten, wie eine Beziehung mit jemandem, mit dem ich eine so tiefe und scheinbar schicksalhafte Verbindung erfahren hatte, zerbrach, trotz aller Bemühungen sie zu retten.

„Sei vorsichtig, worum du bittest … Es könnte dir gewährt werden“

Obwohl ich eine rationale Frau aus der Geschäftswelt war, hatte ich kurz zuvor damit begonnen, mit dem Konzept zu experimentieren, dass inspirierte Erkenntnis jedem Menschen gewährt wird, wenn er darum bittet. Ich dachte mir, dass eine gute Art sei, mir zu beweisen, dass meine Idee Unsinn ist, wenn ich es einfach eine Weile ausprobierte. Außerdem waren die Ergebnisse, die ich mit Hilfe von rationalen Strategien in meinem Liebesleben erzielte, entmutigend. Also konzentrierte ich mich auf die Frage: „Warum zerbrechen meine Beziehungen?“ Fast unmittelbar darauf kam die Antwort – auch wenn sie sich nur als ein Strang in einem größeren Geflecht herausstellte, aus dem sich zuletzt dieses Buch entwickelte.

Noch in der gleichen Woche lief mir mein erstes taoistisches Handbuch zur körperlichen Liebe über den Weg.32. Es empfahl eine andere Methode des Liebens. Anstatt auf den Höhepunkt zuzueilen, entscheiden sich die Liebenden für einen wellenartigen Zugang, mit der Betonung auf tiefer Entspannung zwischen Perioden zärtlicher Vereinigung. In dem Moment, in dem ich die Beschreibung las, wusste ich, was ich immer in intimen Beziehungen gesucht hatte:

„Es ist eine sehr machtvolle Erfahrung, die ich in jeder Zelle fühle, in jedem Teil meines Seins, als ein exquisites, ekstatisches Verschmelzen. Das Gefühl der Verbindung mit meinem Partner ist ungeheuer tief. Ich teile mein ganzes Sein mit ihm und er seins mit mir, als ein Fluss, der keine Grenzen kennt … Ich staune ehrfürchtig über die immense Kraft, die in Mann und Frau ruht … Da ist ein Gefühl, alle Zeit dieser Welt zu haben, in der Ewigkeit zu weilen und immer noch mehr Energie zur Verfügung zu haben.“ 33

Doch es gab ein winziges Hindernis. Um zu dieser Erfahrung zu gelangen, musste man den konventionellen Orgasmus hinter sich lassen. Leider ging Pauls wilde und verrückte Seite nicht über gelegentliche seltsame Begegnungen auf Partys hinaus, und er hatte definitiv kein Interesse daran, unkonventionellen Sex zu erkunden. Kurz darauf ging ich nach Europa. Schon wieder wurden meine Pläne durchkreuzt.

In meiner nächsten Inkarnation möchte ich mein Leben rückwärts leben. Man beginnt mit dem Tod und hat das schon mal hinter sich. Dann erwacht man in einem Altersheim, und es geht einem von Tag zu Tag besser. Man wird schließlich dort rausgeworfen, weil man zu gesund ist, man bekommt seine Pension, und wenn man dann anfängt zu arbeiten, bekommt man eine goldene Armbanduhr geschenkt und direkt eine Party zur Begrüßung. Dann arbeitet man vierzig Jahre lang, bis man jung genug ist, sich zurückzuziehen. Man geht auf Partys, trinkt Alkohol und schläft sich durch diverse Betten, bis man reif für die höhere Schule ist. Danach besucht man die Grundschule, wird ein Kind und spielt. Man hat keine Verantwortung und wird zum Baby, bis man geboren wird. Die letzten neun Monate verbringt man dann, indem man unter luxuriösen, kurortsähnlichen Umständen in warmem Wasser liegt, mit Zentralheizung und Zimmerservice auf Knopfdruck, von Tag zu Tag mehr Platz hat und schließlich … Voilà! Endet man als Orgasmus! Noch Fragen?

Woody Allen

Das Buch zum Taoismus landete wieder im Regal, doch innerhalb der nächsten zwei Jahre nahm mein Leben eine radikale Wendung. Ich lehnte eine Beförderung zum Hauptsitz meiner Firma ab, um mich weiter meinen spirituellen Studien zu widmen. Das überraschte vor allem die, die mich gut kannten, denn ich war wohl kaum eine Kandidatin für einen asketischen Lebensstil. Außerdem war ich seit meinem zwölften Lebensjahr eine Erz-Atheistin – damals hatte ich etwas über Sklavenschiffe und Konzentrationslager gelernt und entschieden, dass kein Gott jemals erlauben könne, dass so etwas geschieht.

Ich hatte jedoch ein paar Jahre zuvor durch eine unerwartete Konstellation der Umstände ein Seminar besucht, den „Silva Mind Control-Kurs“. Es war mein erster Kontakt mit der Vorstellung, dass unsere Gedanken, Überzeugungen und Erwartungen unsere Erfahrung prägen, ein Konzept, das ich sehr schnell als Quatsch abtat. Um es mir selbst zu beweisen, versuchte ich ziemlich halbherzig eine Technik der Entspannungsaffirmation, und war regelrecht verärgert, als es funktionierte. Der Stresskopfschmerz, der mich seit Jahren geplagt hatte, hörte einfach auf. Es ärgerte mich, doch ich kaufte trotzdem ein Buch über kreative Visualisierung – und meine Einstellung verschob sich allmählich von Zynismus zu Optimismus, so wie ich produktiver und glücklicher wurde. Meine Beziehungen wurden liebevoller, blieben jedoch gleichbleibend zerbrechlich. Es schien so, als hätte ich noch mehr innere Arbeit zu leisten.

Unterdessen stellte ich fest, dass ich in größeren Zusammenhängen zu denken begann, die schließlich weit genug wurden, um sowohl die Evolution als auch eine Vorstellung des Göttlichen zu umfassen (wodurch ich zu Richard Dawkins schlimmstem Albtraum wurde). Ich begann die Schöpfung als eine Art explodierenden Wolkenpilz nicht endender Kreativität zu sehen, mit einer unendlichen Anzahl von Existenzebenen, die alle einzigartig sind. Was wäre, wenn wir göttliche Funken innerhalb dieses großen, wohlgesonnenen und doch unpersönlichen Kaleidoskops die Freiheit hätten, jedes kollektive Experiment vorzunehmen, das wir uns aussuchen?

Besonders fasziniert hat mich die Theorie, dass wir Menschen auf einer unbewussten Ebene Aspekte unserer kollektiven Erfahrung mit unseren Überzeugungen prägen. Wenn ich mir die Ungerechtigkeiten auf unserem Planeten so anschaute oder auch unsere Gewohnheiten, nicht erneuerbare Energien zu verwenden, oder ständig über irgendetwas zu schimpfen, dann konnte ich nachvollziehen, dass wir wohl einige regelrecht selbstsabotierende Gedanken haben mussten, wenn die Theorie stimmt. Konnte es sein, dass unsere Gedanken Mangel erschufen, Abwehr, Gier, kurzsichtiges Denken sowie ein ungutes Verhältnis zwischen den Geschlechtern? Und wenn ja, wer dachte dann all diese kontraproduktiven Gedanken?

Gleichzeitig war ich fest entschlossen, zu überprüfen, ob die ganzen Versprechungen in meinen heiligen Texten irgendeinen Wert hatten. Konnten Partner durch die Vermeidung von sexueller Übersättigung ihre intimen Beziehungen wirklich dazu nutzen, um Gefühle der Fülle zu erzeugen, Vollständigkeit, Optimismus, stabile Zuneigung und ein erweitertes Bewusstsein? Könnte die Menschheit eine neue Erfahrung kreieren, wenn dies alles stimmte?

Es kam mir damals noch nicht in den Sinn, dass wir die ganze Abwehr, die Angst und den Mangel, die mich so irritieren, unbeabsichtigt überhaupt erst erzeugten, indem wir einander zur sexuellen Übersättigung und Fortpflanzung nutzen.

„[Laut den alten Chinesen] sollte man den Orgasmus nicht mit unserem normalen Zustand vergleichen, sondern eher mit unserem postkoitalen Zustand … Der Coitus Reservatus wird dann nicht als unerträglicher Drang oder Druck erfahren, sondern als Vollständigkeit und Kraft.“ 34

Doña Quijote macht sich auf den Weg

Eine faszinierende Reise hatte begonnen. Sie war jedoch nicht ohne Hindernisse. Ich entdeckte schnell, dass es selbst mit den besten Absichten nicht so einfach ist, sexuelle Gewohnheiten hinter sich zu lassen. Meinen ersten Versuch, den Code zu knacken, unternahm ich mit Alex, den ich auf einem Workshop bei einer spirituellen Gemeinschaft in Schottland kennengelernt hatte. Er war ein zutiefst spiritueller Mann, der eine Auszeit von seiner psychologischen Praxis nahm, um von Kanada aus um die Welt zu reisen und verschiedene inspirierende Orte zu besuchen. Nach dem Seminar fuhren wir gemeinsam nach Belgien zu mir nach Hause.

Haben Sie niemals Angst, etwas Neues auszuprobieren. Denken Sie daran: Amateure haben die Arche Noah gebaut, Profis die Titanic.

Ich holte mein verstaubtes taoistisches Buch über Liebe und Sexualität aus dem Regal und wir versuchten uns daran, Geschlechtsverkehr ohne Ejakulation zu haben. Der Autor des Buches glaubte nämlich, dass Samenverlust, nicht der Orgasmus, der Hauptnachteil von konventionellem Sex sei. Ich vertraute entsprechend darauf, dass es ein Thema des Mannes war und der weibliche Orgasmus ungefährlich. Damals wusste ich es einfach nicht besser – noch nicht.

In dem Buch standen jede Menge Tipps, wie Männer ihren Drang zur Ejakulation überwinden können. Es empfahl, die Muskeln um die Prostata anzuspannen, die Zähne zusammenzubeißen, Atemzüge zu zählen und andere ziemlich heftige Techniken – die, wie ich später lernte, alle nicht annähernd so effektiv oder gesund sind wie ein langsamerer, entspannterer Zugang zum Geschlechtsverkehr.

Jedenfalls bestand Alex darauf, dass er keinerlei Anweisungen brauchte. Doch wenn wir uns liebten, war es wie immer. Sprich, er ejakulierte. Und über die nächsten Tage passierte genau das Gleiche, trotz seiner ehrlichen Absicht, den Orgasmus zu vermeiden.

Ich schlug immer wieder vor, dass er doch das Buch lesen solle, aber er wurde immer gereizter. Als ich darauf hinwies, dass laut dem Buch seine Gereiztheit das Resultat der Orgasmen sein könnte, rastete er total aus.

„Du bist verrückt, wenn du mir erzählen willst, dass die Ejakulation einen negativen Einfluss auf Männer hat!“ bellte er mich an. „Ich bin Psychologe. Wenn das der Fall wäre, müsste ich es wissen. Wenn du weiter so ein Zeug redest, landest du in der Psychiatrie … da kannst du es deinem Arzt erklären!“

Ich sah ein, dass weiteres Argumentieren die Sache nur noch verschlimmern würde, und ich dachte, wie schön es wäre, wenn er einfach gehen und in den nächsten Zug steigen würde! Ich übte mich in eisigem Schweigen. Schließlich explodierte er: „Ich sehe, dass du offenbar kein Wort mehr mit mir sprichst, bis ich dieses Buch gelesen habe!“

„Das stimmt, Alex“, gab ich zu.

„Okay, was muss ich also lesen?“

Ich zeigte ihm die vier oder fünf Seiten, auf denen die oben erwähnten Techniken erklärt wurden, wie Männer den Orgasmus vermeiden können.

Er überflog die Erklärungen flüchtig und sagte dann: „Also gut, probieren wir ’s.“

An diesem Punkt war ich bereit, die ganze Idee einfach aufzugeben. Diese ziemlich unritterliche Einladung glich keiner meiner Vorstellungen einer heiligen sexuellen Begegnung. Doch ich sehnte mich danach, endlich herauszufinden, ob diese Ideen überhaupt einen Sinn ergaben.

Wir liebten uns wie im Buch erklärt. Er presste und drückte und zählte und beendete unser Beisammensein ohne Ejakulation. Dann überraschte er mich wirklich, als er sagte: „Ich kann es zwar kaum glauben, aber ich fühle mich nicht unerfüllt. Ich habe keine … äh … blauen Eier. Danke, dass du mir das gezeigt hast!“ Doch so erstaunlich sein neu gewonnener Enthusiasmus bereits war, es folgte noch eine viel größere Überraschung. Während der nächsten 24 Stunden war er ein anderer Mann. Seine Wut verschwand, und sein Herz öffnete sich. Wo er mir vorher versichert hatte, er brauche keine Partnerin, weil er auf einem spirituellen Weg wäre, öffnete er sich jetzt und sprach darüber, wie sehr er sich doch eine Partnerin wünschte und wie verwirrt er über seine Unfähigkeit sei, in einer Beziehung zu bleiben.

Die größte Veränderung jedoch war, dass er mich plötzlich in einem völlig anderen Licht sah. Er wollte mich nicht mehr in die Psychiatrie einliefern lassen, sondern sagte: „Du bist so spirituell und großzügig. Gott muss ganz schön stolz auf dich sein, dass du dich von so viel Widerstand nicht hast abschrecken lassen.“ Auch ich fühlte mich wie verwandelt. Mein Herz öffnete sich voller Dankbarkeit, und ich konnte ganz klar seine engelsgleichen Qualitäten sehen. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: „Lieber Gott, danke, dass du mir die wahre Schönheit dieses Mannes gezeigt hast.“

Ich schwor, dass ich meine letzte sinnlose Verschmelzung mit einem Liebhaber hinter mir hatte. Ich konnte das Potential für gegenseitige Bewunderung und befriedigende Intimität in der neuen Herangehensweise fühlen und war noch entschlossener als vorher, diese unkonventionelle Annäherung an das Thema Sexualität zu meistern.

Es stellte sich heraus, dass weitere sinnlose Verschmelzungen vor mir lagen, weil einige der Hinweise, wie wir uns den Paarungszielen unserer Gene entziehen können, in den heiligen Texten, die ich damals las, fehlten. Trotz Durchbrüche waren meine Ergebnisse wechselhaft. Alex hatte mir das Potential gezeigt, das in dem Konzept steckte, doch wir hatten es noch nicht geschafft, die Vorteile aufrechtzuerhalten. Wechselhafte Gefühle (das Gefühl tiefer Liebe an einem Tag und eine Abwehrhaltung am nächsten) waren noch beängstigender als dauerhafte emotionale Distanz. Sie ließen Liebe als etwas Unzuverlässiges erscheinen. Diese scheinbar unerklärlichen Wechselzustände gilt es zu vermeiden, wenn man sich als Paar auf Dauer nah sein möchte. Nach und nach lernte ich, dass eine langsame Herangehensweise und langfristige Beständigkeit entscheidende Faktoren waren.

In der Zwischenzeit reichten meine guten Absichten und hohen Ziele keineswegs aus. Wann immer ich unabsichtlich in meine früheren Gewohnheiten von Vorspiel und Sex mit Ejakulation abglitt, brach in der Beziehung Disharmonie aus.

„Als wir nach dem Geschlechtsverkehr einschliefen, sah ich, dass mein Liebster immer noch eine starke Erektion hatte. Wir hatten gerade erst damit begonnen, mit Orgasmusvermeidung zu experimentieren, deshalb fragte ich ihn: „Ist dir das nicht unangenehm?“ In seiner Stimme schwang ein hörbares Lächeln mit, als er antwortete: „Nein, im Gegenteil!“ Und als wir im Laufe der Nacht aufwachten, fand ich heraus, warum.“

Kaiya

Ein subtiles Gefühl von Mangel

So schwer es auch für mich zu akzeptieren war: Der Orgasmus selbst schien das Problem zu sein. Wie selig das eigentliche Zusammensein auch immer gewesen sein mag, an den Tagen nach einem Orgasmus meines Partners zeigte sich eine seltsame und unschöne Entfremdung zwischen uns, die ungefähr zwei Wochen anhielt. Erinnern Sie sich noch an den Film Harry und Sally? Billy Crystal sagt dort, dass er dreißig Sekunden nach dem Sexualakt am liebsten aufstehen und gehen möchte. Als ich einen Mann danach fragte, antwortete er: „Ja. Ich nehme an, dass es den meisten Männern so geht. Bumm, das war’s. Der Vorhang ist gefallen. Danke … und nichts wie weg hier.“

Es tauchten immer mehr Bestätigungen für das auf, was ich in meinem Leben erlebte. Anfangs sah ich nur die postorgastischen Veränderungen in Männern und las deren Schriften. Hier ein weiteres Beispiel für den Drang eines Mannes, die Frau nach dem Sex zu verlassen, welches außerdem zeigt, dass wir in der modernen Zeit die Tendenz haben, alles andere für das postorgastische Unwohlsein verantwortlich zu machen, nur nicht die sexuelle Übersättigung:

„Gleichgültig, welche Frau es war, wenn wir Sex miteinander hatten, war ich schon so gut wie weg. In diesem Augenblick berührte ich immer ein Tabu – vielleicht meine Mutter, vielleicht meinen Schmerz – und ich wusste, ich würde wegfliegen müssen … Ich war die ganze Zeit unruhig und wartete nur auf den günstigsten Moment, um zu fliehen. Wenn ich es nicht tat, dann vertrieb ich sie. So oder so, ich wusste, ich kann nicht mit einer von ihnen zusammenbleiben.“ 35

Es war für mich offensichtlich, dass der unbewusste Drang, von ihr wegzukommen, eine Frau nach dem Sex weniger anziehend aussehen lässt, selbst, wenn der Mann bei ihr bleibt. Ich begann, an diese Veränderung als „das Gift an Amors Pfeil“ zu denken, eine Art Kater oder eine vorüber­gehende Phase von subtiler Unruhe, die auf das Gefühl „Ich bin satt!“ folgt und unsere Wahrnehmung wochenlang negativ einfärbt.

Trugen postorgastische Veränderungen wie diese zu den absurden Vorstellungen der Menschen über Sexualität bei? Wenn ein Mann genug Angst nach dem Sex haben kann, um abzuhauen, könnte er sich nicht auch unwohl genug in seiner Haut fühlen, um daraus den Schluss zu ziehen, dass das andere Geschlecht betrügerisch oder widerwärtig ist, dass Beschneidung notwendig ist, um die sexuelle Begierde zu reduzieren, oder dass eine wütende Gottheit die Menschen bestraft, wenn sie sich auf Sex einlassen? Jahre später erfuhr ich, dass ein Theologe aus dem neunzehnten Jahrhundert zu der gleichen Schlussfolgerung gekommen war wie ich:

„Erschöpfung und Selbstvorwürfe verschlechtern den Blick sowohl auf das Instrument des Exzesses als auch auf die Person, die uns dazu verführt hat … Dies ist zweifelsohne die Philosophie hinter dem Ursprung der Scham nach dem Fall. Und auf das gleiche Prinzip können wir auch den Vorgang des „Abkühlens“ zurückführen, der zwischen Liebenden nach der Eheschließung stattfindet und der häufig in Gleichgültigkeit und Abscheu endet.

Im Gegensatz dazu können Liebende, die ihre sexuellen Organe allein als Diener ihres spirituellen Naturells benutzen, und [auf den Höhepunkt] verzichten, wenn es nicht um Nachwuchszeugung geht, die höchste Glückseligkeit aus sexueller Gemeinschaft für eine beliebig lange Zeit genießen, ohne Übersättigung oder Erschöpfung; und auf diese Art wird das Eheleben auf Dauer süßer als die Zeit der Umwerbung oder selbst als die Flitterwochen.“ 36

Selbst wenn jemand sich nach dem Sex nicht schuldig fühlt, könnte es nicht sein, dass seine Wahrnehmung von sich selbst und anderen sich zum Schlechten verschiebt? Folgendes sagte der Schauspieler Hugh Grant über sich selbst, kurz nachdem er 1995 mit Divine Brown erwischt worden war:

„Ich gebe einen Scheiß auf die Moral … Das war mir egal. Jeder ist ein Schwein.“

Wenn wir alle nur „Schweine“ sind, dann ist es leicht, die höheren Aspekte unseres Charakters zu übersehen und uns auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner unseres Sexualverhaltens zu bewegen. Vielleicht tragen die postorgastischen Wahrnehmungsveränderungen zu einem generellen Zynismus und einer Gleichgültigkeit gegenüber Sex bei. Viele geben der christlichen Religion und ihrer Verurteilung von Sexualität die Schuld an der heutigen ungesunden Einstellung gegenüber Sex (ein Standpunkt, an dem sicher etwas dran ist). Doch als ich nach weiteren Fingerzeigen grub, erfuhr ich, dass Amors Giftpfeil weit über den christlichen Einfluss hinaus datiert.

Beispielsweise gab der römische Dichter Ovid vor zweitausend Jahren den zynischen Rat, den Orgasmus bis zum Punkt des Desinteresses zu verfolgen, um sich „von der Liebe zu heilen“:

Übersättige dich mit ihr

„ … Bist du ein Gefangener der Liebe, aufgrund deiner zärtlichen Gefühle unfähig, zu entkommen? … Geh! Genieße dein Mädchen voller Hingabe, Tag und Nacht. Lass Abscheu deine Krankheit ersetzen. Selbst wenn du das Gefühl hast, genug zu haben, bleib bei ihr, bis du überwältigt bist und Überdruss die Liebe zerstört, so dass du keine Freude mehr an ihrer Gesellschaft hast.“ 37

Oder wie wäre es mit diesen Zeilen aus der alten Griechischen Anthologie?

Einmal versprochen, kein Mann triebe es toll;

er bliebe bei der Liebsten, die er erkor,

wäre sie nur halb so verheißungsvoll

nach dem Akt wie zuvor. 38

Zu guter Letzt akzeptierte ich, dass die veränderte Wahrnehmung meines Partners von meiner Person, die ich so häufig nach einem Feuerwerk im Schlafzimmer gespürt hatte, nicht einfach nur ein Ergebnis meiner oder seiner Themen war. Es war eine reale Veränderung. Und sie war sowohl unfreiwillig als auch vermeidbar. Und das bedeutete, Paare konnten die Veränderung nur aufhalten, wenn sie sich der zugrunde liegenden Ursache widmeten: sexueller Übersättigung. Was für ein schrecklicher Gedanke!

Ich konsultierte erneut meine heiligen Texte. Da stand es schwarz auf weiß: Geschlechtsverkehr ist wohltuend, doch Orgasmen bringen einen Berg von Problemen mit sich. Symptome sind unter anderem ein Gefühl des Ausgelaugtseins, Reizbarkeit, energetisches Ungleichgewicht, gesundheitliche Probleme, und vor allem eine wachsende Abneigung gegenüber dem Sexualpartner.

„Schließlich kann ein Mann Gefühle der Gleichgültigkeit oder sogar des Hasses für seine Sexualpartnerin empfinden, weil er unterbewusst merkt, dass er bei ihrer Berührung die höheren Energien verliert, die ihn zu einem wahrhaft glücklichen Menschen machen können.“ 39

Es handelt sich hierbei auch um ein weltweites Phänomen. Die Hulis zum Beispiel, Eingeborene von Neu Guinea, die wir auch als „Perückenmänner“ kennen, haben Frauen gegenüber ein traditionelles Misstrauen, denn sie glauben, dass Frauen ihnen ihre Kraft rauben. Die Folge davon ist, dass sie getrennt von ihren barbrüstigen Frauen leben und auch selbst für sich kochen. Sex wird auf eine kurze Begegnung reduziert – nicht ganz unähnlich vielen sexuellen Begegnungen heutiger westlicher Krieger. Nicht alle Perückenmänner tragen auch wirklich Perücken.

Natürlich projizieren Liebende ihr postorgastisches Unbehagen (bewusst oder unbewusst) nicht immer auf ihren Partner. Denken Sie mal darüber nach, was der Psychologe Herb Goldberg in seinem Buch What Men Really Want schreibt:

„Das defensive Naturell des Männlichen erzeugt in Männern eine zutiefst argwöhnische und negative Erfahrung der Welt, die sie als einen Ort betrachten, an dem es nie genug Macht, Kontrolle, Sicherheit oder Unabhängigkeit gibt.“ 40

Da war es, das „Gefühl des Mangels“, das zu einer Abwehrhaltung und einer Mentalität „ich gegen alle“ führt, die mich so irritierte. Wie privat auch der Akt des Geschlechtsverkehrs sein mochte, seine Auswirkungen prägten möglicherweise auch unsere kollektive Erfahrung mit. Denn mit Sicherheit verfolgen in jedem Augenblick viele von uns heißen Sex und sexuelle Übersättigung, was das Zeug hält. Und viele andere von uns sehnen sich nach einem Liebsten – ein weiteres Empfinden von „Mangel“. Die Konsequenzen erschütterten mich ziemlich.

Die Welt ist voll von Offensichtlichkeiten, die niemand jemals auch nur annähernd bemerkt.

Sir Arthur Conan Doyle

Und als meine Erleuchtung weiter voranschritt, hatte ich das Gefühl, einen Elefanten in meinem Wohnzimmer entdeckt zu haben, der dort die ganze Zeit über gewesen war, all meine Beziehungen kopflos zertrampelt und die Wahrnehmung meiner Liebhaber von mir vernebelt hatte. Sorgte er, zusammen mit den Elefanten all der anderen Menschen, auch für die Empfindungen von Mangel und Abwehr um den ganzen Erdball herum?

Objekte im Spiegel können uns näher sein, als es scheint

Meine Freundin Anja hatte einen neuen Freund. Er war in einem Kulturkreis aufgewachsen, in dem künstliche Geburtenkontrolle quasi nicht existierte. Er hatte schon als Teenager gelernt, die Ejakulation beim Geschlechtsverkehr zu vermeiden, um die Chancen für eine Schwangerschaft zu verringern. Für ihn war es ganz natürlich, beim Sex mit ihr auch weiterhin darauf zu verzichten. Sie war begeistert. Ihr gemeinsames Liebesspiel war phantastisch, kosmisch, endlos (einmal als ich versuchte, sie zu erreichen, war der Telefonhörer vier Tage lang ausgehängt …) und ihre Fähigkeit, multiple Orgasmen zu erleben, kam vollends zur Blüte.

Und doch wurden Risse in ihrer Beziehung sichtbar. Ein paar Wochen, nachdem ihre Beziehung so vielversprechend begonnen hatte, rief sie mich an und fragte zögernd: „Meinst du vielleicht, dass es auch bei Frauen problematisch ist, wenn sie einen genitalen Orgasmus haben…?“ Ich hörte gut zu. Denn auch ich hatte in den vorangegangenen Monaten endlich einen Mann gefunden, der sich leicht selbst kontrollieren konnte, doch dem es offenbar Freude bereitete, dass ich so mühelos zum Höhepunkt kam. Und wir erlebten keineswegs die mystische Glückseligkeit und Einheit, von der ich in den Büchern über heiligen Sex gelesen hatte. Statt dessen bemerkte ich unschöne emotionale Reibungspunkte, die immer wieder zwischen uns aufflammten.

Autoaufkleber für Frauen:

Nächster Stimmungswechsel: in 6 Minuten

Völlig gestresst und keiner da zum Erwürgen.

Sie haben das Recht zu schweigen, also halten Sie die Klappe!

Achtung: von null auf „Zicke“ in 8 Sekunden

Fang gar nicht erst etwas mit mir an – Du kannst nicht gewinnen.

Die Auswirkungen des weiblichen Orgasmus bleiben meist unerkannt, denn die meisten – selbst esoterischen – Hinweise auf den Orgasmus der Frau gehen in die Richtung, dass er unproblematisch sei, weil Frauen keinen Samen verlieren. Jahrelang fiel ich fröhlich auf diese Annahme herein. Doch jetzt war es offenbar so weit, dass sich mir einige unliebsame Wahrheiten aufdrängten.

Von diesem Tag an verglichen Anja und ich unsere Aufzeichnungen wie Wissenschaftlerinnen in einem Labor. Unabhängig von anderen Variablen, die uns als Paare beeinflussten, kam es innerhalb von einer oder zwei Wochen nach einem Orgasmus (auch wenn nur die Frau einen hatte) zu Problemen. Anja neigte zum Jammern, wurde übersensibel, uneffektiv und entmutigt. Ich hingegen entwickelte eine scharfe Zunge, war ungeduldig, pessimistisch und konzentrierte mich nur noch auf die Analyse der offensichtlichen Unvereinbarkeiten zwischen mir und meinem Freund. Wir wurden von Stimmungsschwankungen heimgesucht, die wir früher auf den Postejakulationsblues unserer Partner geschoben hatten. Was war los?

„Meine letzte Beziehung war sehr kurz. Sie bat mich förmlich darum, mit ihr zu schlafen – und hatte auch einen Orgasmus und alles – doch danach wollte sie nur noch weg von mir. Ein paar Wochen später wurde sie wieder zugänglicher und wir gingen erneut ins Bett, und auch diesmal schien es ihr zu gefallen. Dann, nur ein paar Tage später, teilte sie mir mit, dass „ein Orgasmus ein armseliges Erlebnis sei“ im Vergleich zu ihren spirituellen Erfahrungen. Doch sie hatte dennoch Angst, vom Sex abhängig werden zu können. (Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: „Na, wie schrecklich!“)

Und das war es dann auch mit unserer Beziehung. Sie teilte mir mit, ich sei weniger spirituell entwickelt als sie und brach den Kontakt ab. Da ich damals bereits vieles auf Ihrer Website gelesen hatte, versuchte ich ihr zu erklären, dass sie am Trennungskater litt. Doch das kaufte sie mir zu dem Zeitpunkt nicht ab – erst viel später, nach ein paar Monaten, gewann sie diese Einsicht. Ich bin davon überzeugt, dass der Orgasmus das Gegenteil von dem erreicht, was Frauen sich wünschen.“

Ken

Die meisten Frauen sind davon überzeugt, dass es an der Zeit ist, sich auf den genitalen Orgasmus der Frau zu konzentrieren. Denn immerhin haben die schweren Stiefel des Patriarchats die weibliche Sexualität Jahrtausende lang zu Boden getrampelt. Frauen fiel die Rolle der Gebärmaschine zu, die dazu gezwungen war, Männern ihren Willen zu lassen, ohne die geringste Rücksichtnahme auf weibliche Wünsche.

Wie ein aufgeklärter Mann einmal sagte: „Frauen müssen Tausende von Jahren versäumter Orgasmen wiedergutmachen.“ Eine noble Aufgabe, an der er fleißig mitarbeitete. Es ist sicherlich wahr, dass viele Frauen es als Durchbruch erleben, zum Orgasmus zu kommen, da sie vorher das Gefühl hatten, etwas zu verpassen.

Jetzt jedoch wanden Anja und ich uns unbehaglich, als wir uns die gleichen harten Fragen stellten, die wir über die Auswirkungen der sexuellen Übersättigung bei Männern gestellt hatten. Was, wenn eine Veränderung der Wahrnehmung als Resultat eines Orgasmus auch bei uns ein Gefühl von Mangel hinterließe? Wie würde sich ein Kater nach dem Sex wohl bei Frauen manifestieren? Vielleicht in einer allumfassenden Zickigkeit? So, dass er immer unrecht hat? Oder durch einen Griff nach einem Antidepressivum? Vermeiden von Sex? Zuviel zu essen? In einem übermäßigen Gebrauch des Vibrators? In einem Gefühl der Unfähigkeit, mit dem Leben zurechtzukommen? In ungesunder Eifersucht? In der Jagd nach dem Glück? In einer Sucht nach romantischen ­Romanen? In zwanghaftem Konsum oder sogar Kleptomanie? In Tränen und emotionaler Erpressung? In neurotischen, bedürftigen, kontrollierenden Müttern – und verwundeten Kindern?

Nun, es sah aus wie eine Liste von Kritikpunkten an ihren Frauen aus dem Protokoll einer Männergruppe. Und vielleicht können wir Frauen gar nicht so viel dagegen tun, unsere bodenlose Bedürftigkeit und ihre des­truktiven Überreaktionen zu vermeiden, wenn nicht auch wir der zugrunde liegenden Ursache unseres natürlichen, doch vermeidbaren Gefühls von Entzug auf den Grund gehen. Ein müder Veteran drückt es treffenderweise wie folgt aus:

„Sind Frauen verrückt oder bin ich es, der sie unwissentlich zu irrationalen und flatterhaften Wesen werden lässt, wenn sie sich eingelassen haben? Sie sind doch vorher nicht so, sondern erst, nachdem es ernst geworden ist.“ 41

Als ich schließlich meine Elefantenjagdbrille aufsetzte und mein eigenes Verhalten objektiv beobachtete, musste ich zugeben, dass ich auch nach einem Orgasmus liebevoll bleiben konnte – maximal fünf Tage lang. Dann begann meine ganze Welt sich zu verändern, und das Einzige, dessen ich mir dann noch sicher war, war, dass mein Partner an meinem Elend Schuld hatte. Die Auswirkungen kamen und gingen immer wieder weg, ungefähr zwei Wochen lang. Am Ende dieser Phase ging es mir meist am schlechtesten.

Tragischerweise vermitteln die Medien heutzutage das Bild, dass das Glück einer Frau völlig davon abhängt, ob sie einen Orgasmus hat, bis zum Punkt des Überdrusses (anstatt von bindungsstärkendem Verhalten und vertrauter Partnerschaft). Wenn wir nicht glücklich sind, obwohl wir gelernt haben, einen Orgasmus zu bekommen, soll es daran liegen, dass wir keine multiplen Orgasmen haben. Und wenn wir dann immer noch nicht selig sind, dann muss es wohl daran liegen, dass uns die intensivere Erfahrung des Ejakulierens beim Orgasmus (ja, für Frauen) noch fehlt. Ihre Genitalien explodieren nicht auf Kommando im Bett? Kein Problem, Pharmazeutika zur sexuellen Potenzsteigerung mit hohen Preisen und unbekannten Nebenwirkungen sind schon unterwegs.

„Ich habe gelernt, meine Ejakulation zu kontrollieren, weil ich das Gefühl der Müdigkeit an den folgenden Tagen nicht mag. Doch häufig möchte ich auch meine Freundin nicht zum Orgasmus bringen, weil dann sofort Schluss ist (kein Scherz). Sie rollt sich auf die Seite und schläft ein. Ich bin dann völlig energetisiert und kann nicht einschlafen. Allerdings muss ich zugeben, dass es eine gute Erfahrung für mich war, auch mal die andere Seite der Medaille kennenzulernen.“

David

Dieser Medienangriff, um Sehnsüchte zu entfachen, verkauft am Ende nicht nur Zeitschriften und die Dinge, für die darin geworben wird. Es leitet uns auch völlig fehl in unserer Suche nach Glück, Wohlbefinden und harmonischen Partnerschaften.

Es dämmerte mir allmählich, dass Frauen, die nicht so leicht einen Orgasmus bekommen, uns restlichen Frauen um einiges voraus sein könnten. Vorausgesetzt, sie sind sich klar darüber, dass es keinen Grund gibt, sich auf die unnötig frustrierende Jagd nach dem „Heiligen Gral“ Orgasmus zu machen. Auf einer bestimmten Ebene bieten Frauen, die keinen Orgasmus verfolgen, genau das Bindungsverhalten an, das ihre Beziehungen vertiefen und beiden Partnern mehr Befriedigung schenken kann. Es kann sogar sein, dass zärtliches, großzügiges Liebesspiel ohne Leistungszwang und ohne Ziel der bestmögliche Weg für Frauen ist, ihre sexuelle Energie zu befreien, und dass erzwungene Orgasmen es ihnen nur schwerer machen, in die entspannte, offenherzige Vereinigung zu fallen.

Kurz nachdem Anja und ich uns mit den Fakten konfrontiert hatten, stieß ich auf einen Hinweis schwarz auf weiß, der das bestätigte, was wir beide auf die harte Tour hatten lernen müssen. Ein Tantralehrer schreibt:

„[Wenn eine Frau sich während des Sex nicht völlig in einen transzendentalen Zustand hinein entspannt,] dann hat sie einen nervösen Orgasmus, der kurzlebig ist und auf den Unzufriedenheit und Erschöpfung folgen. Das ist häufig der Grund für Hysterie und Depression bei Frauen.“ 42

Nicht zu reden von den Depressionen der Männer.

Unsere Erfahrung lehrt, dass Frauen nicht den gleichen naiven Fehler begehen sollten wie Männer, nämlich zu glauben, dass sexuelle Übersättigung der Sinn von Sex ist. Als ich den Geschichten anderer Menschen zuhörte, erkannte ich, dass in der Tat eine Menge Elend vermieden werden könnte, wenn man auf eine andere Art und Weise Geschlechtsverkehr hätte. Szenarios wie das folgende brachten bei mir sowohl Mitgefühl als auch den Wunsch hervor, anderen mitzuteilen, was ich gelernt hatte:

„Diese Beziehung sollte anders sein. Wir waren geistig eng miteinander verbunden. Doch schon nach sechs Monaten waren wir in den Abgrund all dessen gestürzt, was unheilig zwischen Mann und Frau ist. Meine physische und emotionale Gesundheit war ernsthaft erschöpft. Depression war mein ständiger Begleiter. Unsere Beziehung war bruchstückhaft und regelrecht verwundet. Wie konnte ich göttliche Vereinigung empfunden haben und jetzt solch eine Kluft zwischen mir und meinem Mann fühlen? Wie sollte ich nur den Schmerz aushalten, nicht zu wissen, wie ich diese enorme Kluft überwinden kann? Was war während meiner Ehe passiert, das den Kommentar einer neuen Freundin rechtfertigte, ich sei die traurigste Frau, die sie je gesehen hatte? Vor meiner Ehe war ich Pädagogin gewesen, voller Lebenskraft. Und nach nur einem Jahre Ehe fühlte ich mich aller Lebensenergie beraubt. Es blieb mir kaum genug zum Überleben.“ 43

Die Forschung über die vergangenen zwei Dekaden hat aufgezeigt, dass es einen substanziellen Zusammenhang zwischen Depression und Unzufriedenheit in der Ehe gibt.

Steven R. H. Beach

„Aber ich fühle mich großartig nach dem Orgasmus!“

Skepsis ist gesund. Machen Sie Ihre eigenen Forschungen. Schauen Sie als Erstes, in welcher Phase Ihrer Beziehung Sie sich befinden. Sind es die „Flitterwochen“? In den frühen Stadien einer romantischen Beziehung können nur wenige Menschen die Veränderung in der Wahrnehmung nach dem Orgasmus bemerken. In dieser Zeit schwirren drogenähnliche Romantik-Neurochemikalien durch unseren Körper. Dummerweise lässt die Wirkung dieser Superdroge jedoch innerhalb von zwei Jahren (wenn nicht wesentlich früher) nach, und sexuelle Übersättigung kann den Prozess sogar noch beschleunigen, wie wir sehen werden.

Als Zweites nehmen Sie sich einen Kalender und verfolgen Sie die Ereignisse selbst nach – sowohl Orgasmen als auch Stimmungsschwankungen über die folgenden zwei Wochen. Frauen (insbesondere) können sich manchmal auch für mehrere Tage nach dem Orgasmus in einer Hochstimmung befinden, möglicherweise, weil wir von Natur aus mehr Oxytocin produzieren (ein Hormon, das den Spitznamen „Kuschelhormon“ trägt). Einige von uns erleben die stärksten Stimmungs- und Wahrnehmungsänderungen gegen Ende des zweiwöchigen Zyklus.

„Was ich aus eigenem Erleben festgestellt habe, ist, dass ein Orgasmus mit einem Partner oder auch allein definitiv sowohl Suchttendenzen als auch alte, neurotische emotionale Muster auslöst. Es gibt immer noch Themen, an denen ich arbeiten muss, und ich erschaffe mir auch immer noch Hindernisse, doch den Orgasmus zu vermeiden, verleiht mir eine solidere Basis, auf der ich arbeiten kann. Meine Intuition ist wacher, mein Intellekt schärfer, und ich fühle mich insgesamt einfach besser. Ich komme außerdem mit anderen Menschen besser zurecht und kann Stress viel leichter vertragen. Ich habe einen Zustand emotionaler Stabilität erreicht, den ich mein ganzes Leben noch nicht hatte. Ich reagiere viel angemessener auf die Hochs und Tiefs des Lebens, während ich früher regelrecht zusammenbrach.“

Bette

Dieser Kater geschieht im Unterbewusstsein von Männern und Frauen, obwohl Männer ihn sich gewöhnlich leichter eingestehen, weil so viele von ihnen den Drang kennen, nach dem Sex abzuhauen. Wir Frauen hingegen fühlen uns zuweilen außergewöhnlich anhänglich, eifersüchtig oder fest entschlossen, unsere Männer umzukrempeln – Gefühle, die sicherlich nicht mit einem Wunsch nach Trennung vergleichbar sind. Doch ohne es zu bemerken, sind wir tief in trennendem Verhalten verstrickt, das einen Partner vertreiben kann. So oder so, die Macht unserer Gene gewinnt das Rennen – wenn einer es vermasselt. Die postorgastischen Empfindungen können die liebenswerten Gewohnheiten unseres Partners wie lästige Fehler aussehen lassen. Sie können das weibliche Urteilsvermögen auch in anderer Hinsicht beeinträchtigen. Eine Freundin teilte ihre Erfahrung mit mir:

„Ich war immer schon eine sehr sinnliche Frau. Ich konnte fünf und sogar bis zu neun Orgasmen in einer einzigen sexuellen Begegnung haben. Nach einem solchen Erlebnis hatte ich häufig eher das Gefühl, meinen Partner besiegt zu haben, anstatt mit ihm in einem romantischen, gegenseitigen, liebevollen Austausch gestanden zu haben. Ich fühlte mich dann meist emotional sehr distanziert von ihm; wenn ich das Gefühl hatte, ihm überlegen zu sein, dann spielte ich dumme Machtspielchen, Wortspiele, und machte ihn sprachlos. Wenn ich dachte, es liefe gut, ging ich Bummeln. Das war meine größte Schwäche. Ich gab ein Vermögen für teure Kleider und Schmuck aus und stellte mir unser wunderbares soziales Leben miteinander vor, wo ich mit all meinem Chic und zusammen mit diesem tollen Typen der Star bzw. das Zentrum der Aufmerksamkeit wäre.

Innerhalb weniger Tage wurde ich weinerlich, schwelgte in Erinnerungen über traurige Zeiten in meinem Leben und geriet in eine milde Depression. Wenn das in Anwesenheit des Mannes geschah, dann wollte ich, dass er das Richtige sagt und mir den Schmerz nimmt, dass er mein Beschützer ist. Die Männer scheinen allerdings nie das Richtige gesagt zu haben oder nicht genug davon, um meine tiefe Verzweiflung zu lindern. Zuweilen wurde ich dann regelrecht besitzergreifend und rief häufig an oder dachte mir etwas Cleveres aus, um ihn zu erreichen, weil ich bedürftig war und seine Aufmerksamkeit wollte, und zwar jetzt gleich und hier – egal, was sonst gerade in seinem oder meinem Leben los war.

Wenn der Mann es dann nicht brachte – wenn er zu schwach und zu müde oder unzuverlässig war oder zu seiner nächsten Eroberung geflohen war, um der Belastung durch eine besitzergreifende und anspruchsvolle Frau zu entgehen – dann stand ich da mit meinen teuren Einkäufen und konnte nicht einmal mehr meine Telefonrechnung bezahlen.“

Wenn Sie sich selbst (oder Ihre Partnerin) beobachten, sehen auch Sie womöglich den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Achten Sie auf unspezifische Krankheitssymptome, ein größeres Unwohlsein vor oder während der Menstruation, aufbrausendes Temperament, Weinerlichkeit, hartes Urteil, irrationalen Konsum und das ungute Gefühl, dass Sie einen Partner gewählt haben, der einfach nicht der Richtige für Sie ist. Achten Sie vor allem auf auftauchende Spannungen zwischen sich selbst und Ihrem oder Ihrer Liebsten innerhalb von zwei Wochen, nachdem einer von Ihnen einen Orgasmus hatte – was oder wer auch immer der Urheber der Spannung zu sein scheint.

Wenn Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin zusammenleben, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie Ihren Stress auf ihn oder sie projizieren (insbesondere, wenn die neurochemischen Flitterwochen vorbei sind). Bitten Sie um ehrliches Feedback. Wiegen die guten Gefühle während des Orgasmus seine Kosten auf, wenn Sie den ganzen Zyklus der sexuellen Übersättigung betrachten? Wie wir in Kürze sehen werden, ist das Paarungsprogramm unserer Gene sehr kurzlebig, auf fruchtbare Verbindungen folgt die Unruhe. Solange Sie dem Skript Ihrer Gene folgen, sind Sie nichts anderes als deren Marionette. Wenn Sie lernen, sie zu überlisten, werden Sie womöglich feststellen, dass die Themen, die Sie für die Ursache der Unstimmigkeiten zwischen sich und Ihrem Partner hielten, viel leichter zu lösen sind.

„Dieser neue Weg hat tiefe Auswirkungen auf unsere Ehe und auf andere Bereiche in unserem Leben. Wir sind einfach glücklicher. Wir streiten uns längst nicht mehr so häufig. Unsere Kinder sind viel entspannter und fühlen sich sicherer. Ich habe jetzt einen anderen Job, in dem ich nicht so viel verdiene, doch der Stress ist minimal, und meine Frau und ich haben sogar zusammen ein kleines Geschäft begonnen. Alles in allem habe ich den Eindruck, dass wir auf dem Weg in eine wesentlich erfüllendere Ehe und ein erfüllenderes Leben sind.“

Lawrence

Im gleichen löchrigen Boot sitzen

Meine Suche nahm offensichtlich einige unerwartete Wendungen. Eines war allerdings klar: Für Männer und Frauen galt das Gleiche. Die Evolution hatte Männer so geformt, dass sie gern zeugen, doch sie hat auch die Frauen so geformt, dass sie die Spermien mit einem machtvollen Magnetismus zu ihrem Ziel hinziehen. Doch sowohl Männer als auch Frauen profitieren davon, Amors Giftpfeil zu entkommen, indem sie lernen, sich zu lieben, ohne an den Punkt zu kommen, wo es nur noch heißt: „Danke, es ist genug.“ Das bedeutete, dass Männer sexuelle Selbstdisziplin erlernen mussten, wenn sie „sichere Piloten“ werden wollten, um die taoistische Terminologie zu benutzen. Und Frauen mussten ihre innere Verführerin an der Schlafzimmertür zurücklassen und andere befriedigende Wege finden, ihren Partner zu nähren. Beide Geschlechter würden über ihre automatischen Reaktionen hinauswachsen müssen, wenn sie mit dem Geheimnis von bindungsstärkendem Sex experimentieren wollten.

„Liebe bedeutet so viel mehr als Sex – es bedeutet, sich mit der ganzen weiten Palette von angenehmen, unangenehmen, sexy und weniger sexy Aspekten wohlzufühlen, die das Leben mit einem echten Menschen, Mann oder Frau, mit sich bringt. Wenn man diesen Punkt einmal erreicht hat, wo man einander nicht zum Objekt macht, dann ist es nahezu unmöglich, in konventionelles Rollenverhalten zu verfallen, ohne sich dabei nicht sofort schlecht zu fühlen.“

Niki

Ich hatte soviel Mitgefühl für jeden von uns. Was für ein Pech, dass ein effektives Werkzeug für Harmonie und eine ausgewogenere Wahrnehmung von unserem zwingendsten Drang versteckt wird: dem Drang, unseren sexuellen Durst zu löschen. Wie traurig, dass genau die Versuche, einander zu lieben, diese Gefühle von Leere, Bedürftigkeit und Groll hervorrufen können – woraus wiederum Gedanken des Mangels und die Überzeugung, sich verteidigen zu müssen, entstehen.

Doch denken Sie andererseits einmal an das Potential! Wenn wir uns dies alles kollektiv selbst antun, dann können wir es auch selbst ändern. Wenn wir verstehen könnten, dass der Orgasmus nur die Spitze von einem länger andauernden Selbstverteidigungszyklus ist, dann könnten wir unsere Art, Liebe zu machen, dahin gehend ändern, dass sie stattdessen anhaltende Gefühle der Befriedigung und einen Überschuss an Energie erzeugt. Intimität würde dann von unserem Unterbewusstsein als eine Quelle anhaltenden Wohlbefindens gesehen und nicht mehr als ein Opfer, das uns erschöpft und zu Groll und Abneigung führt.

Verräterische Zeichen?

In seinem Buch Sex, Time and Power weist Leonhard Shlain darauf hin, dass Menschen im Vergleich zu anderen Gattungen einige überraschende Charakteristika an den Tag legen. Männer masturbieren viel häufiger und intensiver als andere Gattungen.44 Frauen werden durch ihre Monatsblutungen viel mehr erschöpft als andere Gattungen. Und Menschen finden sich auch häufiger in ausschließlich gleichgeschlechtlichen Beziehungen wieder als irgendeine andere Spezies.

Stehen diese Verhaltensweisen im Zusammenhang zu der Tatsache, dass wir Sex zu jeder Zeit haben können, anders als Spezies mit klaren Paarungsperioden? Wie wir noch sehen werden, haben unsere Gene scheinbar einen anderen Weg gewählt, um sicherzugehen, dass emotionale zwischenmenschliche Bindungen ihr Potential für größeren Erfolg nicht in Gefahr bringen: wiederkehrende Gefühle des Ausgelaugtseins, der Unruhe und der Verärgerung. Diese machen uns wiederum anfällig für grundlose Irritation, eine Hypersensibilität für sexuelle Anspielungen, Entmutigung und eine schwächer werdende emotionale Bindung. Könnte es sein, dass unsere postorgastischen Gefühle sich in unserem Leben auch als Erschöpfungszustände widerspiegeln, so wie Menstruationsprobleme und zwanghaftes Masturbieren?

Weise chinesische Taoisten lehrten, dass beide Geschlechter die Macht haben, sich selbst immer wieder neu mit Energie zu versorgen, indem sie ihre sexuelle Energie kultivieren und so einen Vitalitätsverlust vermeiden. Um ihren Standpunkt etwas dramatischer darzustellen, verglichen sie den Verlust von einem Tropfen Samen mit dem Verlust von 100 Tropfen Blut.45 Männern wurde „sexuelles Kung-Fu“ beigebracht, damit sie die im ­Sperma vorhandene sexuelle Energie verfeinern konnten, anstatt zu ejakulieren. Frauen wurde empfohlen, ihre Periode mit einer ähnlichen Übung zu lindern, die als „das Erlegen des roten Drachen“ bekannt ist. Heutzutage legen viele von uns ein sexuelles Verhalten an den Tag, das das genaue Gegenteil zu solch umsichtiger Kultivierung ist.

Die alten Taoisten, die behaupteten, dass der Verlust von Samen oder Blut der Grund für die Erschöpfung sei, hatten möglicherweise Unrecht. Denn es hat sich herausgestellt, dass neurochemisch induzierte Gefühle von Erschöpfung die Hauptschuld bei beiden Geschlechtern tragen, wie wir in Kapitel fünf noch sehen werden. Die taoistische Methode der Vermeidung dieser selbstsabotierenden Gefühle war hingegen sehr weise.

Die Fallen der Selbstgenügsamkeit

Inzwischen hatte ich eine noch dringendere Frage auf dem Herzen. Was passiert, wenn man ohne Partner ist? Denn sexuelle Energie ist einfach zu dynamisch, als dass man sie unendlich lange aushalten könnte, und ich hatte nicht gerade den Wunsch, eine leidenschaftslose leere Hülle zu werden. Ich fühlte, dass es meine Bestimmung war, zu lernen, lebendiger zu werden, nicht weniger lebendig.

In den Texten, die ich las, hieß es, die sexuelle Energie könne vorsichtig verfeinert und auf ein erhöhtes spirituelles Bewusstsein gelenkt werden, auch ohne einen Partner. Die Weisen waren der Ansicht, dass der Orgasmus die Sexualenergie erschöpft, noch bevor sie zu diesem höheren Zweck genutzt werden kann.

„Meiner Erfahrung nach gibt es zwei Wege, zölibatär zu leben, während wir auf den richtigen Partner warten, und ich kenne beide. Der eine besteht darin, die Sexualenergie zu unterdrücken. Wenn wir unsere sexuelle Energie aus Angst unterdrücken, kann dies physische und emotionale Komplikationen zur Folge haben, sexuelle Phantasien und sogar Perversion (wie wir es aus den Medien im Zusammenhang mit katholischen Priestern und Kindesmissbrauch kennen). Der andere Weg besteht darin, die Sexualenergie zu transformieren. Dieser Weg tut mir sehr gut. Es ist am Anfang nicht leicht, beide Wege voneinander zu unterscheiden, und ich glaube, dass die meisten Menschen, die versuchen, das Masturbieren aufzugeben, zumindest anfänglich mit Unbehagen konfrontiert werden.

Sexuelle Energie zu transformieren bedeutet im Grunde, sie für höhere Zwecke zu nutzen, wie z. B. das persönliche Wachstum, spirituelle Praxis, Dienst am Nächsten usw. In meinem Fall war es so, dass ich noch mal zur Schule ging und mich selbst mit meiner akademischen Leistung überraschte. Ich kann ehrlich sagen, dass meine physische und emotionale Gesundheit wesentlich besser ist als zu den Zeiten, in denen ich häufig masturbierte, und ich habe immer noch einen gesunden sexuellen Drang, so wie ich das sehe! Doch ich lernte, dass ich nicht einfach aufhören konnte, zu masturbieren und gleichzeitig mit allem anderen einfach so weitermachen wie früher, wie z. B. mich abzuschotten oder mich mit Fernsehen wegzubeamen. Ich musste die Energie für ein höheres Ziel nutzen. Es kommt mir so vor, als würde der Partner ganz von allein kommen. Ich fange jetzt erst gerade wieder an, mich zu verabreden, nach zwei Jahren. Puh!“

Caitlin

Natürlich nahm ich den Rat der Weisen nicht einfach so als bare Münze. Ich machte meine eigenen Experimente. Sie zeigten mir, dass Masturbation jedes Mal Stimmungsschwankungen in den darauffolgenden zwei Wochen mit sich brachte. Ich zog den Schluss, dass wenige Sekunden intensiven Vergnügens ein hoher Preis für zwei Wochen waren, die mit unberechenbaren Perspektivwechseln durchsetzt waren. Ich stellte außerdem fest, dass mein Gefühl von Verbundensein und Klarheit während meiner spirituellen Praxis in diesen Phasen immer mal wegging oder insgesamt schwächer wurde. Ich fing langsam an zu verstehen, warum die tibetischen Buddhisten den Orgasmus als „das Töten des inneren ­Buddha“ bezeichneten.46 Als ich das beruhigende Gefühl, „im Fluss zu sein“, mehr und mehr genießen konnte, hörte ich allmählich auf, mich selbst zu befriedigen. Und das ohne jeden inneren Konflikt.

„In den Monaten meiner Fernbeziehung habe ich sehr eindeutig feststellen können, wie meine Zuneigung und Liebe zu meiner Freundin wächst, wenn ich nicht masturbiere. Ich sehe das an der Art, wie ich ihr schreibe, genauso wie an einem schönen, überfließenden Gefühl der Liebe, spürbar in der Herzgegend. Nach dem Masturbieren verändert es sich. Das Gefühl der Liebe (die zwar immer noch da ist) wird weniger und die Art, wie ich ihr schreibe, verändert sich auch. Ich werde irgendwie distanzierter, und das spiegelt sich auch in meinen Worten. Wenn ich nicht mehr masturbiere, wird es nach ungefähr zwei Wochen wieder so wie vorher.“

Jeremy

ENERGIEZIRKULATION Möchten Sie eine schnelle Energiezirkulationsübung ausprobieren? Schließen Sie Ihre Augen, spannen Sie die Beckenbodenmuskeln an und ziehen Sie die Energie an der Wirbelsäule entlang bis zum Scheitel Ihres Kopfes. Dann stellen Sie sich vor, wie Sie die Energie an der Vorderseite Ihres Körpers nach unten ziehen und sie in Ihrem Bauchnabel lagern.

Aber wohin mit meiner sexuellen Energie? Einige esoterische Sexhandbücher empfahlen Energieübungen, die man allein machen kann und die die sexuelle Energie nach oben ziehen und sie durch den Körper zirkulieren lassen. Diese Techniken brachten einige Erleichterung, genauso wie Meditation, doch es wurde mir klar, dass ein Partner wesentlich dafür war, meine sexuelle Energie langfristig zu stabilisieren, jetzt, wo der Orgasmus von der Speisekarte gestrichen war. Einerseits fand ich den Gedanken an ein gemeinsames Bemühen sehr schön, doch es war andererseits auch ganz schön beängstigend, mich damit zu konfrontieren, dass ich die Illusion der Selbstgenügsamkeit wohl aufgeben musste.

Während ich die überraschenden Vorteile davon entdeckte, meine Sexual­energie zu konservieren und neu auszurichten, galoppierte der größte Teil der Frauen im Westen genau in die entgegengesetzte Richtung.

Masturbation war in! Von den Frauenmagazinen in jedem Supermarkt­regal blinkten einem Zeilen entgegen wie: The Clitoral Truth: The Secret World at Your Fingertips, Sex for One: The Joy of Selfloving usw. (Die Wahrheit der Klitoris: Die geheime Welt unter Ihren Fingerkuppen und Sex für Singles: Die Freuden der Selbstliebe) Der gute alte Do-it-yourself-Sex schien die offensichtliche Lösung in vielen Situationen zu sein – eine saubere Sache, die auch noch Spaß macht.

Es versteht sich, dass Masturbation etwas ganz Natürliches ist. Es ist gut, ein positives Verhältnis zu den eigenen Genitalien und deren Funktionen zu haben. Bei sexuell aktiven jungen Männern dient Masturbation genetisch gesehen außerdem dazu, dafür zu sorgen, dass jederzeit hochgradig motile – also frische und fruchtbare – Spermien zur Verfügung stehen. Was jedoch unnatürlich ist (in dem Sinne, dass es dies bei unseren Vorfahren so nicht gab), ist die Menge und Intensität der heutigen sexuellen Stimulierung.

Wie wir in Kapitel sechs noch sehen werden, hat eine intensive sexuelle Stimulation bis zu dem Punkt (vorübergehender) sexueller Erschöpfung, auf welche Wege dies auch geschieht, unerwartete Auswirkungen auf unser Gehirn. Kurz gefasst, die auf die Übersättigung folgende Zeit kann unangenehm sein – und ein weiterer Orgasmus sorgt dafür, dass man sich augenblicklich besser fühlt, oder lässt einen zumindest gut einschlafen. Doch auf diese Entspannung folgt eine weitere Phase der Unruhe. Und ohne sich dessen bewusst zu werden, kann es passieren, dass man nur noch masturbiert, um das wiederkehrende Unbehagen loszuwerden, und dabei insgesamt an Wohlbefinden verliert. Und viel schlimmer noch, wenn man dann seine Begierden auch noch für echte Libidoenergie hält, kann man sich gar nicht mehr zurückhalten.

„Ich habe mit dem Do-it-yourself-Sex quasi aufgehört. Fühlt sich besser an. Denn stellen Sie sich einmal vor: Masturbation macht die Frustration nur noch schlimmer.“

Kevin

Wir Menschen haben uns in Stämmen entwickelt. Unser Gefühl von echtem Wohlergehen hängt auch von physischem Kontakt und gegenseitiger Unterstützung ab. Wir sind also nicht wirklich gut geeignet für unseren isolierten modernen Lebensstil. Wen wundert es da, dass viele von uns sich auf jede nur erdenkliche Art selbst behelfen und sich mit zweidimensionalen Partnern und Herzklopfen in Romanform begnügen. Doch zum Glück leben Milliarden von dreidimensionalen Lösungen zu unserem grundlegenden Problem direkt in unserer unmittelbaren Nähe.

„Ich bin sehr klar erwacht, als hätte ich mich in einem Traum befunden. Pornos sind nur noch eine Versuchung und nicht mehr der überwältigende Zwang, der sie mal waren. Gestern habe ich eine tolle Frau kennengelernt. Wenn ich jeden Tag in ihre klaren und liebevollen Augen blicken könnte, würde ich keinen Porno mehr anschauen müssen … denn die Schönheit tatsächlicher Anziehung, die gemeinsam mit einem anderen Menschen empfunden wird, geht so unendlich weit über alles hinaus, was einem ein Orgasmus vor dem PC geben kann. Ich fühle mich, als würde ich mein Leben zurückgewinnen.“

Kurt

Es ist traurig, dass der heutige Trend zur Hypersexualität uns so schnell wieder voneinander entfernt. Ich war gerade dabei, dies herauszufinden, und war doch ziemlich entsetzt über das, was ich da erfuhr.

Alte Weisheiten
Das Christentum

Stellen Sie sich bitte einen Moment lang vor, dass Jesus tatsächlich eine heilige Form des Geschlechtsverkehrs gelehrt hat, die den Trennungs­impuls zwischen Intimpartnern heilt und den Blick mehr darauf richtet, spirituell zu erwachen als Kinder in die Welt zu setzen. Könnte es irgendeinen Beweis geben, der diesen Gedankengang stützt? Überraschenderweise ja, auch wenn Sie davon im Mainstream-Christentum nicht einen Ton zu hören bekommen.

„Am Anfang wurde das Universum geschaffen. Dies war für viele Menschen ein Anlass zur Wut und wurde generell als ein schlechter Schachzug betrachtet.“

Douglas Adams, Autor

Schauen wir uns zunächst ein wenig Kontext zu diesem radikalen Gedanken an. Vom Jahre 312 an unterstützten Konstantin und seine Nachfolger mit ihrer Macht des römischen Imperiums eine einzige christliche Sekte. Der Gelehrten Elaine Pagels zufolge umfasste diese Gruppe nur die Hälfte der Christen der Welt.47 Von dieser Zeit an bestimmten diese „Gewinner“ die christliche Doktrin und unterdrückten und verunglimpften andere und sogar frühere Berichte von Jesus’ Lehren. Bis vor sechzig Jahren wusste die Welt nur sehr wenig von den „Verlierern“, einer mystischeren, weniger formalen Sekte des frühen Christentums.

Dann tauchten in einer Höhle in Oberägypten einige alte Texte auf. Sie sind unter dem Begriff Nag-Hammadi-Schriften bekannt. Diese Texte bieten ein verblüffend anderes Bild von frühen christlichen Überzeugungen. In ihnen steht, dass die Fehlerhaftigkeit dieser Welt ihre Ursache darin hat, dass die Welt das Produkt eines gefallenen Engels oder Demiurgs ist.

Diese Texte betonen zugleich die androgyne Natur des Göttlichen und berichten, dass Adam unsterblich und ganz war – bis er sich von Eva trennte, indem er „Bestien in die Welt setzte“ (physische Kinder), anstatt sich in heiliger Einheit zu bewegen. Es heißt darin, dass Jesus zurückkehrte, um die Trennung zwischen den Geschlechtern durch ein Mysterium zu heilen, das den Namen des Sakraments der heiligen Hochzeit trug. Hier sind ein paar Passagen aus den Philippusevangelien:

„Die Umarmung, die die versteckte Einheit ins Leben ruft, [ist] keine fleischliche Realität, denn in dieser Umarmung liegt Stille. Sie entsteht nicht aus einem Impuls oder einer Begierde; sie ist ein Akt des Willens.48 … Suche die Erfahrung der reinen Umarmung; sie hat große Macht.49

Die Einheit in dieser Welt ist Mann und Frau, der Ort der Macht und der Schwäche.50 … Es wachsen zwei Bäume im Paradies. Der eine bringt Tiere hervor, der andere Menschen. Adam aß von dem Baum der Tiere. Er wurde zum Tier und brachte Tiere hervor.51

Alle werden in Licht gekleidet sein, wenn sie in das Mysterium der heiligen Umarmung eintreten. Wenn die Frau nicht vom Mann getrennt worden wäre [durch unkorrekte Vereinigung], würde sie nicht mit dem Mann sterben. Ihre Trennung war der Ursprung des Todes. Christus kommt zurück, um diese Wunde zu heilen, die verlorene Einheit wiederherzustellen, die neu zu beleben, die sich in Trennung töten, und sie wieder in Einheit zu erwecken.52

Das Heiligtum der Heiligtümer ist die heilige Hochzeit oder die Kommunion.53 … Mann und Frau vereinigen sich in der heiligen Hochzeit, und die, die diese heilige Umarmung kennen, werden niemals getrennt werden. Eva trennte sich von Adam, weil sie sich nicht mit ihm im Brautgemach vereinigte.54

[Wir] werden von Christus immer zu zweit wiedergeboren. In seinem Atem erfahren wir eine neue Umarmung; wir befinden uns nicht länger in der Dualität, sondern in der Einheit.55 Was ist die heilige Hochzeit, wenn nicht der Ort des Vertrauens und des Bewusstseins in der Umarmung? Es ist eine Ikone der Einheit, jenseits aller Formen des Besitzes; hier wird der Schleier von oben bis unten zerrissen; hier erstehen einige auf und erwachen.56

Sie sind über Anziehung und Abstoßung hinausgewachsen.“ 57

Eine weitere Nag-Hammadi-Schrift, die Erzählung über die Seele, ist eine Allegorie über die Rückkehr der Seele zum Vater, doch könnte sie nicht auch Hinweise auf die Mysterien begierdefreier Einheit enthalten? Lesen Sie einmal diese Beschreibung des Sakramentes der heiligen Hochzeit:

„Denn diese Hochzeit ist nicht wie die fleischliche Hochzeit, [wo] die, die sich miteinander vereinigen, von dieser Vereinigung befriedigt sind. Und als wäre es eine Last, lassen sie den Plagegeist der physischen Begierde hinter sich und wenden sich voneinander ab. Doch wenn sie sich einmal vereinigt haben, werden sie ein einziges Leben … Weswegen der Prophet sagt (Genesis 2:24), was den ersten Mann und die erste Frau angeht: „Sie werden zu einem einzigen Fleisch werden.“ Denn sie waren ursprünglich miteinander verbunden, als sie beim Vater waren … Diese Hochzeit hat sie wieder zueinander gebracht.“ 58

Das letztendliche Ziel, wie verschiedene Nag-Hammadi-Texte klarstellen, ist die Erfahrung der Ganzheit, die die Gnosis (das Wissen) um unsere göttlichen androgynen Wurzeln wieder erweckt. In den Philippusevangelien steht, dass dies der Weg ist, auf dem Christus in der Menschheit wiedergeboren wird. Wie wir bereits gesehen haben, steht auch in den alten chinesischen taoistischen Texten, dass die Praxis von kontrollierter Vereinigung einem nichtphysischen „heiligen Fötus“ das Leben schenken könne.59 Ich nehme an, dass diese Vorstellung davon, dass der Christus von zwei Menschen erweckt wird, hinter solchen gnostischen Begriffen wie unvergänglicher Samen, göttliche Empfängnis, Wiedergeburt, unzerstörbarer Körper usw. steht. Könnte das vielleicht auch die ursprüngliche Bedeutung der unbefleckten Empfängnis gewesen sein?

Obwohl die meisten fundamentalistischen und katholischen Christen es nur ungern zugeben, empfahl Jesus keine Fortpflanzung. Sein Ziel war es, der Menschheit zu helfen, spirituelle Transzendenz zu erlangen. Sein Mangel an Aufmerksamkeit für die Reproduktion wird selbst in den kanonischen Evangelien im Neuen Testament sichtbar. In den Thomasevangelien in den Nag-Hammadi-Schriften wird Jesus wesentlich ausdrücklicher:

[Jesus] sagte zu [ihr]: „Glücklich sind jene, die das Wort des Vaters gehört und es wahrhaftig gehalten haben. Denn es wird der Tag kommen, da du sagen wirst: Glücklich sind der Leib, der nicht empfangen hat, und die Brüste, die keine Milch gegeben haben.“ 60

Fortpflanzung hatten die frühen Christen definitiv nicht im Sinn, die die Bereitschaft mitbrachten, ihre Familien ganz zurückzulassen, um die gute Nachricht zu verbreiten.

Es gehört zum Mainstream-Christentum zu glauben, dass Jesus zölibatär lebte. Doch das Sakrament der heiligen Hochzeit ist eindeutig kein Mysterium für einen Alleingang. In den Philippusevangelien liest man, dass Jesus eine Gefährtin in Maria Magdalena hatte, die er häufig auf den [Mund] zu küssen pflegte.61

Die Gelehrten akzeptieren nur sehr langsam, dass diese ungewohnten Konzepte einstmals womöglich den Kern des Christentums gebildet haben. Der Religionswissenschaftler Dennis R. MacDonald jedoch bestätigt, dass es kurze Zeit nach Jesus, spätestens zu dem Zeitpunkt, als der Heilige Paulus seine Texte in Galatien verfasste, eine weitverbreitete mündliche Tradition gab – für die Beweise über Ägypten, Syrien und Griechenland ans Licht kamen – derzufolge Jesus gelehrt hatte, dass „wir das Königreich des Himmels erlangen, wenn Mann und Frau eins werden.“62 Übrigens hat Helmut Koester von der Harvard-Universität die Vermutung geäußert, dass einige Traditionen in den Thomasevangelien den Evangelien des Neuen Testaments möglicherweise vorausgehen.63 Elaine Pagels von Princeton ist davon überzeugt, dass die Johannesevangelien der Bibel geschrieben wurden, um dem weitverbreiteten Einfluss von Thomas entgegenzuwirken, der die Gläubigen ermutigt, Gott direkt zu suchen, anstatt nur an Jesus zu glauben.64

Dem Gelehrten Michael A. Williams zufolge waren die frühen Gläubigen, die nach diesen Prinzipien lebten, offenbar hingebungsvolle Christen, die vielerorts für ihre Integrität bewundert wurden. Seiner Ansicht nach verbreiteten die Kirchenväter auf der Suche der Kirche nach Herrschaft ihre Standardpolemik und Skandale über sie. Als Folge davon wurden diese frühen Gläubigen von Religionswissenschaftlern später getrennt behandelt und zu einer Randgruppe gemacht, die man mit dem Etikett „Gnostiker“ versah. Williams stellt außerdem fest, dass es bis ins zweite Jahrhundert hinein eine christliche Bewegung im Rhônetal gab, die einen Ritus namens „heiliger Hochzeit“ praktizierte, von der er annimmt, dass sie wahrscheinlich eine Version der „unbefleckten Eheschließung“ ist, die im Philippusevangelium beschrieben wird und in der auf Lust verzichtet wird und die die Transformation des Paares zum Ziel hat.65

In Just Love: A Framework for Christian Sexual Ethics66 erinnert uns die Gelehrte Margaret Farley daran, dass die ersten Christen Sex nicht notwendigerweise ablehnten, obwohl sie Sorge hatten, dass die Macht ungezügelten sexuellen Verlangens mit ihrer spirituellen Klarheit im Konflikt stünde und die spirituelle Liebe zwischen Mann und Frau gefährden würde. Der Gelehrte Peter Brown belegt, dass das Zölibat nicht die einzige Lösung war, die vorgeschlagen wurde. Die spirituelle Hochzeit (Syneisaktismus) war eine andere Lösung.67

Es war in den ersten Jahrhunderten nach Christus wohl weitverbreitet, dass ein frommes Paar in wilder Ehe miteinander lebte und dabei streng enthaltsam blieb. Nach Angaben der Gelehrten Elizabeth A. Clark ist der Ursprung dieser Praxis unbekannt, doch könnte es nicht eine verwässerte Version des mysteriösen Sakramentes der heiligen Hochzeit sein, das in den Nag-Hammadi-Schriften beschrieben wird?

Fast 400 Jahre nach Christus äußerte sich der Erzbischof Chrysostomos mit den folgenden Worten missbilligend über diese populäre Praxis, sich eine spirituelle Braut zu nehmen:

„Die Vorstellung, dass dieses Vergnügen und diese Liebe stärker als die Freuden des Zusammenlebens in einer legalen Ehe sein können, erstaunt Sie möglicherweise, [doch im Fall einer spirituellen Braut] gibt es weder Geschlechtsverkehr, der den Wahnsinn der Natur zügeln und entspannen könnte, noch trocknet der Schmerz des Gebärens und die Aufzucht der Kinder das Fleisch der Frau aus; im Gegenteil, diese Jungfrauen bleiben lange in ihrer Blüte, da sie unberührt bleiben … Diese Frauen behalten ihre Schönheit bis zum Alter von vierzig Jahren … Und so werden die Männer, die mit ihnen zusammenleben, von einer doppelten Begierde gequält; sie dürfen ihre Leidenschaft nicht durch sexuellen Verkehr stillen, doch der Auslöser ihres Verlangens behält seine intensive Wirkung für eine lange Zeit.“ 68

Wie der Theologe Charles Williams bemerkte, führte die strenge Unterdrückung dieses Phänomens durch die Kirche dazu, dass wir leider nichts über die Fälle wissen, in denen die Macht eines keuschen Zusammenlebens es schaffte, die Nachteile der Leidenschaftlichkeit zu überwinden. In der Synode von Elvira (305) und dem Konzil von Nicäa (325) wurde es aus Angst vor einem Skandal völlig verboten.

„Das große Experiment musste aufgegeben werden. … Es war einer der frühesten Triumphe der „schwächeren Brüder“, dieser unschuldigen Schafe, die durch das bloße Ausmaß ihrer Dummheit über so viele zarte und attraktive Blumen des Christentums getrampelt sind. … Die Kirche gab diese Methode zugunsten der Eheschließung auf, die [Paul] missbilligt hatte, und verlor schließlich jede wirklich aktive Tradition der Ehe selbst als Weg der Seele. Diese gilt es wiederzuentdecken.“ 69

Heute sehen wir diese frühen Christen mit ihren hohen Idealen in Bezug auf intime Beziehungen und ihre heiligen Texte, die auf eine ungewöhnliche Form der Enthaltsamkeit hinweisen, durch eine zweitausend Jahre alte Brille, die unsere Kirchenväter und ihre Nachfolger gefärbt haben. Diese wohlmeinenden Nachzügler formulierten die Familienregeln neu und entwickelten sich dabei von den ehrgeizigen, spirituellen Zielen ihrer Vorgänger weg, hin zur Fortpflanzung und sozialen Stabilität, die auf dem imperialistischen, römischen Modell der Pater familias beruhten.70

Könnte es sein, dass die „Gewinner“ einen Teil der ursprünglichen Botschaft missinterpretiert haben, als sie „das Zölibat als einen spirituellen Weg bezeichneten, und für geringere Seelen das Sakrament der Ehe allein für die Fortpflanzung befürworteten“? Diese Doktrin lässt die Biologie triumphieren und lässt die Macht der Liebe zwischen Liebenden als Weg zu spirituellem Wachstum unberücksichtigt. Wenn wir in Betracht ziehen, wie sexuelle Übersättigung unser Denken verändert, wäre es durchaus möglich, dass sowohl der heilige Verkehr, auf den es Hinweise in den Nag-Hammadi-Schriften gibt, als auch die „heilige Hochzeit“, so wie sie von damaligen Christen praktiziert wurde, für mehr Harmonie zwischen den Geschlechtern und mehr inneren Frieden sorgen könnten, von tieferen Mysterien einmal ganz abgesehen.

Kapitel 3
Die Spitze des Eisbergs

Die effektivste Art und Weise, die Vorteile von Karezza zu erkennen, ist, es für mindestens drei Wochen auszuprobieren und dann zu konventionellem Sex zurückzukehren.

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Bei konventionellem Sex ist eine Verschlechterung der Zufriedenheit mit der Ehe in den ersten zwei Ehejahren Standard.

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Ein Übermaß an Libidoenergie kann das Ergebnis von sexueller Übersättigung sein.

Nach einigen Jahren des Experimentierens hatte ich das Gefühl, dass sich langsam ein umfassenderes Bild herauskristallisierte, das ich jedoch noch nicht vollständig erkennen konnte. Ich hatte eine Menge gelernt, doch ich hatte auch mehr Fragen denn je. Es war offensichtlich, dass die Vorgänge nach dem Orgasmus sowohl für Männer als auch für Frauen zu einer vernebelten Wahrnehmung führten. Es war außerdem klar, dass daraus häufig Unruhe und Ängste resultierten – insbesondere zwischen Partnern. Die gute Nachricht war, dass sexuelle Liebe ohne sexuelle Übersättigung zu einer erfrischenden Leichtigkeit führte, die umso stärker wurde, je konsequenter man dabei blieb. Die wenigen Menschen, die sich auf ­dieses Experiment einließen und von denen ich wusste, fühlten sich besser und hatten den Eindruck, ihr Leben mehr im Griff zu haben, wenn Sie weniger Orgasmen hatten, selbst wenn sie allein lebten.

Und dennoch war es definitiv schwierig, dies jemandem zu erklären, der die Vorteile noch nicht kannte – ganz zu schweigen von einem neuen Liebespartner. Wie ein Freund schrieb:

„Ich habe gerade erst eine neue Beziehung begonnen, doch ich glaube nicht, dass ich schon so weit bin, dieses Gedankengut mit ihr zu teilen. Ich mag es wirklich, nicht mehr das ganze Auf und Ab zu haben wie mit Orgasmen. Doch ich fühle mich selbst noch nicht sicher genug und noch nicht ausreichend in meinen Überzeugungen verankert, was diesen Zugang angeht, als dass ich es jemand anderem gegenüber schon vertreten könnte. Insofern denke ich, dass wir wahrscheinlich mit konventionellem Sex beginnen werden. Und um ganz ehrlich zu sein, ich glaube, wir würden ohnehin dort landen! Natürlich setze ich mir den Orgasmus nicht mehr zum Ziel. Es wird also am Ende wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass ich keinen Orgasmus habe und wir darüber reden. Ich fürchte, anders kann ich es nicht angehen – noch nicht.“

Ein halbes Jahr später nahm er einen Job in einem anderen amerikanischen Bundesstaat an, nachdem er sich fünfmal von ihr getrennt hatte. Und dennoch verstand ich seinen Standpunkt völlig. Selbst für jemanden mit einem sehr offenen Geist und viel Mut besteht immer noch ein großer Unterschied dazwischen, das Konzept zu verstehen und es mit einem anderen Menschen zu leben. Nehmen wir einmal an, Sie wären sich über den Zusammenhang zwischen Orgasmus und Disharmonie nicht sicher, aber würden das Konzept mit einem Partner ausprobieren und auch die Vorteile davon sehen. Würden Sie sich nicht trotzdem immer fragen, ob Ihre Beziehung nicht genauso harmonisch – oder sogar noch besser – wäre, wenn es auch noch großartige Orgasmen gäbe? Es ist ganz natürlich, dass wir alles hinterfragen, was uns von fortpflanzungsorientiertem Sex wegführt.

Aus meiner eigenen unregelmäßigen Lernkurve ging hervor, dass man Karezza einige Wochen ausprobieren und dann zu Orgasmen wechseln muss – und zwar mit dem gleichen Partner –, um wirklich einen sinnvollen Vergleich anstellen zu können. Theoretisch könnte man auch mit herkömmlichem Sex anfangen und dann auf Karezza umsteigen. Doch ich habe erst wirkliche Fortschritte mit Karezza gemacht, als ich eine Beziehung auf diese Art anfing.

Neue Beziehungen sind faszinierend. Die Biologie treibt uns mit einem Feuerwerk zueinander. Es kommt uns nie wie eine gute Idee vor, gerade am Anfang einen ruhigeren Zugang auszuprobieren, um die sexuelle Spannung zu erleichtern. „Was? Und den ganzen Kitzel dieser aufregenden Flitterwochen-Neurochemie verpassen? Bist du verrückt?“

Doch immer, wenn ich eine Beziehung begann und gleichzeitig meinem Paarungsprogramm nachgab, bekam ich Probleme. Eines davon war, dass Orgasmus scheinbar eine Suchtqualität hat. Wenn die Leidenschaft nämlich einmal entflammt war, dann brannte sie solange, bis nichts mehr zum Verbrennen da war. Wenn die Flammen erloschen, setzten wir beide Leidenschaft instinktiv dazu ein, um die Intensität unserer Verbindung wiederherzustellen. Und das hatte zur Folge, dass das natürliche Abflachen unseres sexuellen Interesses aneinander sich nur noch verstärkte.

„Wenn das Vergnügungszentrum des Gehirns angesprochen wird, bringt dies nicht nur Freude im Moment des sexuellen Geschehens mit sich, sondern auch die Lust auf noch mehr Sex. …Je mehr Sex wir haben, umso mehr Sex wollen wir auch. Es ist die ultimative Sucht.“

Joann Ellison Rodgers, SEX: A Natural History

Bis mein Liebster und ich den vertrauten toten Punkt erreicht hatten, kurz nach dem Gipfelpunkt dieser „ultimativen Sucht“, hatte unsere Wahrnehmung voneinander bereits ziemlich gelitten. Die Zeit danach erwies sich nicht gerade als guter Startpunkt für einen Zugang zu Sex ohne heißes Vorspiel und ohne Orgasmus. Insbesondere während der ersten zwei Wochen nach konventionellem Sex kam uns Sex ohne Orgasmus wie eine richtig blödsinnige Idee vor. Paradoxerweise war unser Bedürfnis nach Orgasmen häufig noch drängender als in unserer Anbahnungsphase, wo wir ja überhaupt keine hatten. (Warum das so ist, werden wir später noch sehen.) Und selbst wenn ich mal einen Partner dazu überredete, während der Erholungsphase mit der Alternative zu experimentieren, waren unsere Bemühungen rein mechanisch und von Phasen emotionaler Reibung durchsetzt. Die Vorteile schienen so flüchtig zu sein wie Seifenblasen, und wir gaben dann meist auch schnell wieder auf, kehrten zum Skript unserer Gene zurück und trennten uns schließlich.

Und dennoch verfiel ich in einen freudigen Optimismus, was intime Beziehungen anging, da ich kurze Augenblicke der Harmonie hatte erleben dürfen. Was für eine Erleichterung, zu wissen, was meine Beziehungen so unterwandert hatte, und – zumindest theoretisch – wie ich es umgehen konnte!

„Aber was ist mit den ganzen glücklichen Ehen?“

Natürlich konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, was denn eigentlich mit den seit langen Jahren glücklich verheirateten Paaren in meinem Freundeskreis war. Was war ihr Trick, Amors Giftpfeil zu entgehen? Ich fing einfach an, einige der Frauen, die ich gut kannte, zu fragen, ob sie jemals nach dem Sex das Gefühl einer unschönen emotionalen Distanz von ihren Partnern empfunden hatten.

„Ich muss auf Sex mit meinem Mann völlig verzichten.“ gestand eine englische Freundin, die einer kleinen Lerngruppe angehörte, zu der ich ging, als ich in Belgien lebte. „Danach folgten immer Tage unerklärlicher Depression.“ Durch ihr Geständnis ermutigt, stimmte auch eine deutsche Freundin mit ein: „Nach dem Sex bin ich immer ins Bad gegangen, hab mich auf den Badewannenrand gesetzt und geweint. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir nicht stimmte. Ich hatte einen netten Mann, zwei wunderbare Kinder und soviel Geld, wie wir brauchten.“ Eine Dritte, eine Dänin, hatte sich von ihrem Ehemann sexuell völlig entfremdet und fand es einigermaßen beruhigend zu erfahren, dass die anderen Paare auch alle in getrennten Zimmern schliefen. Alle waren attraktiv, mit passenden Partnern verheiratet, hatten keine Probleme mit Intimität, ließen sich gern massieren oder wurden gern massiert und scheuten sich nicht, sich mit ihren Problemen zu befassen.

Und doch entschieden sich alle dafür, ihre schlafenden Ehemänner nicht zu wecken, anstatt ihnen einen neuen Zugang zur Sexualität vorzuschlagen. Hilde machte allerdings zuerst ein kleines Experiment. Sie fragte ihren Mann, ob er Sex ohne Orgasmus mit ihr haben würde. Nachdem er monatelang sein unfreiwilliges Zölibat gegen diese „verrückte Idee“ abwog, stimmte er ihrer Bitte schließlich zu. Sie probierten es einmal aus, wenn auch ohne den stufenweisen Austausch von Energie in den folgenden Wochen, der für gute Ergebnisse nötig war, wie ich gerade lernte. „Am nächsten Tag“, so berichtete sie, „waren wir wie verliebte Teenager. Wir gingen im Wald spazieren und er hob mich sogar über einen Zaun, der uns unerwartet unseren Weg versperrte. Wir haben den ganzen Rückweg zum Hotel nur gekichert.“

Die Resultate waren zwar ermutigend, doch nur kurzlebig. Als sie das nächste Mal Liebe machten, bat er sie, ejakulieren zu dürfen, weil es sein Geburtstag war. Sie willigte ein. „Innerhalb von Tagen danach schien er um zehn Jahre zu altern. Ich mag nicht einmal daran denken, ihn anzufassen,“ vertraute sie mir an. Selbst Jahre später ist die ungelöste emotionale und sexuelle Distanz für beide noch eine bittere Pille.

Später fand ich heraus, dass mangelndes sexuelles Interesse das häufigste Problem ist, das Klienten zu Sexualtherapeuten führt. Ich sprach einmal mit einem Paar, das so gut miteinander harmonierte, dass ihr Freundeskreis sie seit Jahren darum beneidete. Dann schockierten sie alle, indem sie sich scheiden ließen. Sie vertraten die Theorie, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt, weil sie überhaupt keinen Sex miteinander hatten, auch wenn sie noch gern miteinander kuschelten. Ihre Erfahrung ist sicherlich nicht einzigartig. Oprahs Schützling Dr. Phil machte einmal die Bemerkung, dass die sexlose Ehe „eine nicht wegzudiskutierende Epidemie“ sei.71

„Herkömmliche sexuelle Ratschläge kamen mir immer schon sinnlos vor. Als Single soll ich meinen sexuellen Frust loslassen. Und wenn ich dann endlich einen Partner habe, dann muss ich mich hauptsächlich darum kümmern, wie ich mein sexuelles Feuer am Leben erhalte. Wie kann man von einer Frau erwarten, dass sie ihr Leben in zwei so komplett gegensätzliche Verhaltensweisen einteilt, je nach Beziehungsstatus?“

Anne

Das Phänomen der abnehmenden sexuellen Lust ist kein Exklusivgeschehen bei Frauen. „Ich hatte mit meinem Freund schon eine Weile zusammengelebt, bevor wir dann während des Studiums heirateten,“ vertraute mir eine Freundin an.

„Wir waren verrückt nacheinander und sexuell sehr aktiv. Doch kurz nach unserer Heirat zog er sich sexuell von mir zurück. Er konnte mir nicht erklären, warum, und ich konnte den Schmerz nicht ertragen, dass irgendetwas zwischen mir und meinem engsten Gefährten nicht stimmte und ich keine Möglichkeit hatte, es zu verstehen oder zu lösen. Ich fing eine Affäre mit einem Kommilitonen an. Das war zwar Balsam auf die Wunde meines Egos, doch es fühlte sich schrecklich an. Ich war immer stolz darauf gewesen, ehrlich und direkt zu sein, und doch waren meine Handlungen jetzt das genaue Gegenteil. Doch scheinbar ließ mich der Verlust des Gefühls der Nähe mit meinem Mann so verzweifelt sein, dass ich kaum eine andere Wahl hatte.“

Da sexuellem Verkehr in der Beziehung zu einer Ehefrau nichts im Wege steht, dient dieser dazu, die Leidenschaft zu stillen und führt einen Mann häufig zur Übersättigung, was seine Lust um einiges reduziert.

Johannes Chrysostomos, viertes Jahrhundert

Kurz gesagt, je näher ich mir erfolgreiche Ehen anschaute, umso mehr Makel fand ich an ihnen. Sicherlich, in den glücklichsten Ehen waren die Partner einigermaßen zufrieden mit den Kompromissen, die sie eingegangen waren. Doch nach sorgfältiger Untersuchung konnte man auch hier die Trennung zwischen den Partnern erkennen. Die meisten Ehen schienen ganz und gar nicht immun gegen Amors Gift zu sein. Im Gegenteil, es wirkte stärker als ich anfangs gedacht hatte.

Das Bermudadreieck der Beziehungen

Letztendlich fand ich heraus, dass die Suche nach den unterschiedlichsten Gründen, aus denen Paare sich trennen, oder der Versuch, herauszufinden, wer welchen Fehler macht, kein Licht auf das größere Bild warf. Wenn konventioneller Sex mit im Spiel war, dann konnte das Paar vielleicht eine Spannungsquelle lösen, doch es tauchte gleich darauf die nächste auf. Am besten betrachtete man die jeweilige Herausforderung einfach als einen Trennungsmechanismus, der sich in unterschiedlicher Art und Weise manifestierte.

Als ich erst einmal feststellte, dass Trennung immer mit im Spiel war, entwickelte ich eine einfache Methode, um festzulegen, worin genau die Trennung in einer Beziehung bestand (inklusive all meiner vergangenen Beziehungen). Ich gab ihr den Namen Bermudadreieck der Beziehungen, weil Trennung sich in feste Beziehungen auf eine der folgenden drei Arten einschleicht: (1) Die sexuelle Anziehung zwischen den Partnern verschwindet. (2) Sie stehen einander sexuell seltener zur Verfügung, obwohl es noch eine Anziehung zwischen ihnen gibt. Oder (3): Sie führen keine monogame Beziehung mehr. Wenn man einen dieser drei Ecksteine wegnimmt, ist die Beziehung normalerweise ziemlich verkrüppelt, selbst wenn sie überlebt. Als ich mich umschaute, bemerkte ich, dass selbst die besten Paarbeziehungen allzu häufig in diesem verwirrenden Bermudadreieck landeten, auch wenn sie sich noch so viel Mühe gaben, ihren Kurs zu halten.

Die subtilste Art der Trennung bestand darin, einander sexuell in weiten Teilen nicht mehr zur Verfügung zu stehen, trotz des offensichtlichen Funkens zwischen den Partnern. Die Gründe für die Trennung gaben häufig den Anschein, jenseits ihres Einflusses zu sein: inkompatible Schlafgewohnheiten, getrennte Wohnorte aus beruflichen Gründen, Schnarchen, die Bedürfnisse der Kinder, Krankheit, unerklärliche Müdigkeit, sexuelle Dysfunktion usw.

„Vor Kurzem entschloss ich mich, meinen Mann zu überraschen. Ich schickte die Kinder über Nacht zu meiner Mutter. Dann zog ich einen Lederbody an, Stilettos und setzte eine Maske auf. Mein Mann kam von der Arbeit, griff sich die Fernbedienung und ein Bier und fragte: „Hej, Batman, was gibt’s zu essen?“

Viele Paare gaben einer ständigen Müdigkeit die Schuld an ihrem Libidomangel, doch wenn sie sich dann scheiden ließen, stellte ich fest, dass sie unglaublich viel Zeit für leidenschaftliche Romanzen fanden. Daher mein Verdacht, dass Erschöpfung auch nur ein weiterer Weg des Unbewussten ist, die schwierige Phase nach der sexuellen Übersättigung zu umgehen. In ihrem Buch For Women Only beschreiben die Autorinnen Jennifer und Laura Berman verschiedenste Techniken, die ihre Patientinnen benutzen, um Sex auszuweichen. Von der uralten Strategie, Schlaf vorzutäuschen bis hin zu modernen Praktiken wie mitten in der Nacht den Haushalt zu managen.72 Und Frauen stehen damit nicht allein da. Doch leider enthalten diese Taktiken den Partnern auch die so dringend benötigte nichtsexuelle Zuwendung vor.

Ich sah, dass Missbrauch bestimmter Substanzen ein weiterer gängiger Weg war, wie Paare sich sexuell voneinander entfernt hielten. Mit ein paar Gläsern Wein zu viel oder gewohnheitsmäßigem Marihuanakonsum konnten viele ihr postorgastisches Unwohlsein kaschieren und jahrelang in einer Wolke der Pseudo-Intimität verschwinden. Von außen betrachtet sahen ihre Beziehungen oft ganz in Ordnung aus.

Der offensichtlichste Weg, auf dem Paare sich trennten, war, indem sie ihr Treueversprechen aufgaben. Die Partnerschaft fiel entweder ausein­ander oder die Partner entschieden sich für eine offene Ehe. Dank des „Drüben-ist-das-Gras-grüner-Syndroms“ führte dies im Allgemeinen zu emotionaler Trennung, selbst wenn die Partner noch zusammenlebten.

Ein Gefühl, dass man irgendwie den Falschen geheiratet hat, erschwert durchgehende Treue. Häufig entscheidet sich ein Ehepartner für das nobel klingende Ideal, mehr persönlichen Freiraum zu brauchen, oder beide entscheiden, dass sie sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln, und trennen sich. Ist dies ein weitverbreitetes Problem? 2002 prognostizierte die U.S. Volkszählungsbehörde, dass die Hälfte aller kürzlich geschlossenen Ehen in Scheidung enden würden.73 Seitdem sind die Scheidungsraten leicht gefallen, doch mehr Paare als je zuvor heiraten einfach nie. Und ihre Trennungen werden in keiner Scheidungsstatistik gezählt. Als ich all die Lieblingsgeschichten über Traumehen gegen mein Bermuda-Dreiecksmodell aufwog, stellte ich fest, dass ich die Spitze eines Eisbergs gesichtet hatte. Trennung betraf die Mehrheit aller Paare in irgendeiner Form. Selbst Jahre danach bin ich immer noch erstaunt, wie wenig Ausnahmen es gibt. Wenn mein Mann und ich Vorträge über Amors Giftpfeil halten, sind wir immer wieder überrascht, wenn einige der liebevollsten Paare aus dem Auditorium – die Paare, die aussehen, als könnten sie dem Rest von uns den Schlüssel für eine glückliche Ehe zeigen – anschließend zu uns kommen und sagen: „Wir wissen genau, worüber Sie sprechen und wir möchten gern mehr darüber erfahren. Wir möchten, dass unsere Liebe weiterlebt.“

„Man muss einfach nur den Richtigen finden“

Der Eheberater und Autor Willard F. Harley Jr. spricht den Ursprung des Problems in seinem Buch Love Busters ganz praktisch an:

„Ich möchte betonen, dass [die ausgesprochene Selbstbezogenheit, die so häufig für die Trennung von Paaren sorgt] etwas ganz Normales in der Ehe ist. Sie denken vielleicht, dass Sie mit einem Verrückten oder einer Verrückten verheiratet sind, oder dass Sie selbst verrückt sind …

Ich bin absolut davon überzeugt, dass es die Ehe selbst ist, oder genauer gesagt, eine romantische Beziehung, die die Kommunikation so schwierig macht. Es sind nicht die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. …[Diejenigen, die ich berate,] haben wenig Schwierigkeiten, Konflikte zu lösen, wenn es nicht eine romantische Beziehung betrifft.“ 74

Was ich da lernte, schien mir sagen zu wollen, dass dem unbarmherzigen Ziehen und Zerren des Bermudadreiecks nicht einfach mit guter Kommunikation, hoher Kompatibilität, dem Vermeiden von Sex vor der Ehe usw. beizukommen war. Warum? Weil es irgendwie mit sexueller Intimität verknüpft ist, die ganz offensichtlich ein integraler Bestandteil jeder gesunden Ehe ist. Ich stelle mir diesen schleichenden Trennungsmechanismus manchmal als einen „Virus“ vor, weil er ein gesundes Element der Vereinigung – Intimität – unterwandert und es in etwas verwandelt, was die Beziehung seines Wirtes zerstört. Sich zu verlieben, ist wunderbar; die Anziehung sterben zu sehen, ist schrecklich.

Ich wollte nicht einfach so akzeptieren, dass fortpflanzungsmotivierter Sex der einzige Faktor in der Verschlechterung des Liebeslebens zwischen Paaren war, und doch gab es eine entmutigende Ähnlichkeit in den Auswirkungen bei den meisten Paaren. Ich begann, mich zu fragen, ob die Herausforderung in intimen Beziehungen nicht die war, wen wir heiraten, sondern wie wir miteinander Sex haben. Mein Verdacht erhärtete sich, als ich auf die „Honeymoon study“ stieß. Dr. Kiecolt-Glaser hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, herauszufinden, ob der Ausstoß von Stresshormonen während ehelicher Konflikte ansteigt. Um kurzfristigen Stress isolieren zu können, wählte sie neunzig frischverheiratete Paare aus der kolossalen Anzahl von 2.200 Paaren aus, die sie und ihre Kollegen interviewten. Nur die glücklichsten, gesündesten, wohlhabendsten und stabilsten Paare wurden ausgesucht.

„Beziehungen scheitern, trotz Ehetherapie und aller Bemühungen, sie aufrecht zu erhalten.“

Savulescu und Sandberg, Ethiker

Kiecolt-Glaser entdeckte, dass Konflikte in der Tat den Ausstoß an Stresshormonen erhöhen (mit dem möglichen Risiko einer geringeren Immunität gegenüber Krankheiten). In Folgegesprächen mit den entsprechenden Paaren entdeckte sie jedoch auch, dass sie im Durchschnitt über eine schwindende Zufriedenheit in ihren Ehen ab dem zweiten Ehejahr berichteten. Wie Kiecolt-Glaser es ausdrückt, „scheint die abnehmende Zufriedenheit in der Ehe eine gleichbleibende Reaktion nach dem ersten oder zweiten Jahr der Ehe zu sein.“ So drücken Wissenschaftler aus, dass „das Gift an Amors Pfeil seine Wirkung zeigt.“ Als die Studie veröffentlicht wurde, hatte sich ein Fünftel ihrer glücklichen, ideal füreinander geeigneten Paare schon wieder scheiden lassen.75

Kein Wunder, dass Eheberatung Paarbeziehungen so selten rettet. Hier war etwas Größeres und Unpersönliches am Werk, und ein paar Jahre später sollte ich mehr über die Biologie dahinter erfahren.

Weitere heikle Fragen

Von den unerwarteten Makeln im Liebesleben meiner Freunde zu erfahren, war nicht die einzige Entdeckung auf meiner Erkundungsreise. In jedem taoistischen Buch über Sexualität oder sogar Tantra (die Hindu-Tradition, die auch heilige Sexualität umfasst), wurde die mächtige Synergie betont, die einzig und allein durch die sorgfältige Kultivierung der Einheit von Yin (weiblicher Energie) und Yang (männlicher Energie) entstehen soll. Was hatte das für meine homosexuellen Freunde zu bedeuten? Für meine Freunde mit körperlichen Gebrechen, die ihre Sexualität beeinträchtigen? Oder für die Menschen, die noch nicht zum Geschlechtsverkehr bereit waren?

Ich grub tief in verschiedensten alten Texten auf der Suche nach Antworten. Die Taoisten waren alles andere als zimperlich oder moralistisch, was die sexuelle Orientierung angeht. Sex zwischen Frauen wurde als neutrale Praxis angesehen und mit dem Begriff „den Spiegel polieren“ bezeichnet (obgleich ein Orgasmus für Frauen wie auch für Männer als auslaugend betrachtet wurde).76 Doch die Taoisten wiesen darauf hin, dass leichtfertiger Sex zwischen Männern, das „Drachen-Yang-Syndrom“, aufgrund von Überstimulierung (und sexueller Erschöpfung) zu auslaugend und daher eine potentielle Quelle für Gesundheitsprobleme sei.

Jedem Menschen ohne Partner des anderen Geschlechts wurde empfohlen, seine sexuelle Energie zu verfeinern oder der sexuellen Aktivität mit dem gleichen Geschlecht noch Übungen hinzuzufügen, die man allein durchführen kann und die ich mittlerweile gelernt hatte, und darüber hinaus weitere Quellen für Yin- oder Yang-Energie für sich zu suchen.

„Männliche Energie kann ich solchen Quellen wie der Sonne oder den Bergen gefunden werden, weibliche Energie in Quellen wie der Erde, dem Mond und den Seen.“ 77

Die Taoisten warnten vor häufiger Masturbation und Orgasmus, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Sie stellten fest, dass ein Höhepunkt die sexuelle Begierde ansteigen lässt und zugleich erschöpfend ist. 78 Dies kam mir paradox vor, bis ich eine Weile darüber nachdachte. Ich merkte, dass auch bei mir sexuelle Übersättigung im Anschluss das Verlangen nach heißem Sex steigern konnte – vielleicht, um der Schwermut emotionaler Spannung oder Distanz in der Zeit des „Katers“ zu entkommen. Sich einen Orgasmus zu wünschen, wenn man eigentlich sexuell schon satt ist, kam mir so vor, wie zu essen, wenn man innerlich unruhig ist und eigentlich gar keinen Hunger hat. Auf diesen Punkt kommen wir in Kapitel sechs noch mal zurück, wenn wir uns anschauen, wie Orgasmus zum Zwang werden kann.

Die Taoisten betrachteten Hypersexualität oder „uneingeschränkte Verausgabung“ als die vorhersehbare Auswirkung, wenn man sexuelle Übersättigung verfolgt, ohne zuvor das eigene innere Gleichgewicht hergestellt zu haben – und nicht als ein Merkmal wirklicher Libido. Aus ihrer Sicht waren vorzeitige Ejakulation, ein Unwohlsein nach dem Orgasmus, feuchte Träume und „lüsterne Gedanken“ häufig ein Anzeichen für Erschöpfung und nicht für einen Überschuss an sexueller Energie. Ihre Lösung? Den Raubbau grundsätzlich zu vermeiden.

„Ich werde aufmerksam für meine Gefühle nach dem Orgasmus. Sofort verschwindet jeglicher Drang völlig. Ich denke „Warum war mir das so unglaublich wichtig?! Was hat mich da getrieben? Warum war das unbedingt notwendig?!“ Es fühlt sich so an, als würde irgendetwas die Kontrolle über mich übernehmen, und es ist ganz schwierig zu beschreiben. Zum anderen fühle ich mich nach dem Orgasmus … neutralisiert. Als wäre all meine männliche Essenz verschwunden, wie ein Weichling fühle ich mich: schwach, schüchtern und introvertiert. Es ist richtiggehend beunruhigend. Vorher fühlte ich mich viel mehr als Mann.“

Dennis

Waren möglicherweise viele von uns in einem Hamsterrad hyperaktiver sexueller Gewohnheiten gefangen, die unser Unbehagen nur immer weiter verstärkten? Während ich über meine sexuelle Energie mit einem neu gewonnenen Respekt nachdachte, spielte sich in meinem Leben ein Drama ab, das meine Motivation steigerte, mein bisheriges Wissen mit anderen zu teilen.

Ein Weckruf

Eines Tages brachte ein Freund einen sympathischen jungen Mann mit zu einer Party bei mir zu Hause. Lars war ein begabter Grafikdesigner, sensibel, ehrlich, liebenswürdig und ein bisschen schüchtern. Er kam in Begleitung einer sehr höflichen und viel älteren Frau. Mir war zunächst nicht klar, dass die beiden ein Paar waren.

Ein paar Wochen später besuchte mich der Freund, der die beiden mitgebracht hatte, wieder. Er war am Boden zerstört; Lars war tot.

Scheinbar war er erst ein paar Monate mit der Frau zusammen gewesen. Und während dieser Zeit hatte er für ihn völlig uncharakteristische Phasen von gewalttätigem Verhalten durchlebt. Beispielsweise hatte er sich in Bars in Kämpfe verwickelt, so dass ihm sogar einmal eine Verhaftung drohte. Mein Freund, der Lars’ ganze Familie schon seit Jahren kannte, sprach nach seinem Tod auch mit seiner Geliebten. Sie erzählte ihm, dass Lars sexuell aggressiv geworden war. In der Nacht seines Todes hatte sie nicht mit ihm schlafen wollen. Sie ging in ein anderes Zimmer und legte sich hin. Er kam später nach, setzte sich auf sie und verlangte von ihr, Sex mit ihm zu haben. Sie verweigerte sich. Er zog einen Revolver hinter seinem Rücken hervor und schoss sich selbst in den Kopf.

Es ist natürlich möglich, dass keinerlei Zusammenhang zwischen der Verschlechterung seiner Gefühlslage und seinem Verhalten einerseits und seinem Sexualleben andererseits bestand. Doch für mich war es klar, dass ein wie auch immer geartetes schwerwiegendes Ungleichgewicht mit der Zeit ihrer intimen Beziehung korrespondierte. Tief berührt von dieser Tragödie, schwor ich feierlich, meine Verführungskünste niemals dazu einzusetzen, einen Liebhaber in Gefahr zu bringen. Ich fing an, den sorgsamen Umgang mit Sexualenergie mit jedem zu besprechen, der auch nur das geringste Interesse zeigte.

An der Angel

Während ich kurz in Manhattan wohnte, arbeitete ich für einen Freund, dem ein Nachtklub für Schwule gehörte. Als Managerin für den Veranstaltungssaal entwarf ich Poster für Drag Queens, fand viele neue schwule Freunde und führte lebhafte Diskussionen über den Graben zwischen den Geschlechtern. Anfangs war ich erstaunt, wie offen meine homosexuellen Freunde für meine Gedanken waren. Dann wurde mir langsam klar, dass Menschen, die sich zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen hingezogen fühlen, sich wahrscheinlich mehr Gedanken über die Entfremdung der Geschlechter machen als irgendjemand sonst außer mir. Sie fühlten sich in keiner Weise von meinen Ideen bedroht, im Gegenteil, viele konnten sofort etwas damit anfangen.

Einige kannten den postorgastischen Kater bereits. Ein Freund erzählte mir seine Geschichte:

„Nach einem sechsmonatigen Zölibat während einer Fortbildung war eines meiner ersten Ziele ein Schwulenstrand, wo ich auch Sex hatte. Ich war erstaunt, in was für eine tiefe Depression ich an den Tagen darauf fiel. Ich erinnerte mich an die Zeiten, in denen ich solche Strände in Holland regelmäßig aufgesucht hatte. Ich war immer krank. Vielleicht trifft das auf einige Menschen überhaupt nicht zu, doch so, wie ich Sex benutzt habe, entstand daraus immer ein Kater.“

Einer meiner engsten Freunde in New York war ein Mann, den ich schon seit Jahren aus Brüssel kannte, wo wir beide gewohnt hatten. Ich liebte ihn wie einen jüngeren Bruder, doch unsere Freundschaft war eine Herausforderung für mich. Mark hatte mir anvertraut, dass er nur relativ selten masturbierte, im Vergleich zu einem anderen schwulen Freund, der sein Zweitschlafzimmer in einen Pornoaltar verwandelt hatte (das war noch vor den Internet-Zeiten). Doch jedes Mal, wenn er es tat, folgte darauf ein niederschmetternder Verlust an Selbstvertrauen. Irgendein Ereignis legte ihn dann jedes Mal total lahm, wie zum Beispiel eine Diskussion mit seiner Familie, die nicht gerade begeistert waren, dass er nur herumlungerte, ohne eine Karriere zu verfolgen. Dann schlug er sich regelmäßig in die Büsche, fühlte sich wertlos und suchte nach einer aufregenden Dosis vorübergehenden Vergessens.

Es dauerte eine Weile, bis er sein Muster erkannt hatte, doch schließlich hörte er mit dem Masturbieren auf. Die Büsche im Park waren fortan tabu, und innerhalb weniger Monate war er mit einem seiner früheren Liebhaber zusammen, den er zehn Jahre zuvor aus den Augen verloren hatte. Es war seine erste richtige Beziehung. Trotz meiner Predigten über Orgasmen ejakulierten beide hin und wieder, und ihre Beziehung war sehr unbeständig. Zu guter Letzt, als Eric ein paar Wochen nicht in der Stadt war, entschloss Mark sich, mit der Herumlungerei aufzuhören, sich einen Job zu suchen und sich von Eric zu trennen.

Er fing einen Job in einem brandneuen Buchladen von Barnes & Noble an, die eine clevere Strategie verfolgten, was die Auswahl ihres Managements anging. Sie warfen alle 450 Angestellten als einander gleichgestellt in ein vierstöckiges Gebäude. Es mussten Kisten abgeladen, durch die Gegend geschoben und ausgepackt werden, und so bildeten sich spontan Teams und Anführer. Ich ging oft kurz dort vorbei und war verblüfft, wie Marks natürliche Führungsqualitäten voll erblühten: Er war charismatisch, fleißig, lustig, zuverlässig und einfach genial, wenn es darum ging, Müßiggänger zum Mitmachen zu animieren (wer wusste schließlich mehr darüber, wie man sich vor Arbeit drückt, als er?).

Er knisterte nur so vor magnetischer, durch und durch maskuliner Elektrizität, von der ich zuvor selten etwas gesehen hatte, doch die er jetzt so natürlich verstrahlte wie jeder Teamleiter. Er flirtete mit allen auf eine unbeschwerte Art, und jeder, Mann oder Frau, wollte für ihn arbeiten. Es erstaunte mich daher nicht, dass er in den ersten zwei Wochen gleich zweimal befördert wurde.

Am letzten Tag vor Erics Rückkehr sagt er mir, dass er sich hin und her gerissen fühlte. Es war ihm absolut bewusst, dass vor ihm das offene Tor zu einem völlig neuen Lebensstil lag, und auch er war voller Freude über seine eigene Veränderung. Doch es machte ihm auch Angst. An dem Abend erfasste ihn Panik. Er besuchte ein Pornokino am Times Square und hatte einen Erguss. Seine alte Persönlichkeit kam schnell wieder zum Vorschein. Er entschloss sich, mit Mr. Wunderbar (sein Spitzname für Eric) zusammenzubleiben, „weil sein Appartement so schön ist.“ Er stieß Leute auf der Arbeit vor den Kopf, weil er auf eine manipulative Art klatschte und tratschte, und so dauerte es nicht lange, dass er seinen Job im Buchladen wieder verlor. Wie er es erklärte: „Eric braucht mich, um Stoffmuster auszusuchen, und ich liebe Stoffe einfach!“

„In der Bibel stehen sechs Ratschläge für Homosexuelle und 362 für Heterosexuelle. Das heißt nicht, dass Gott Heterosexuelle nicht liebt. Sie brauchen einfach nur mehr Anleitung.“

Lynn Lavner

Es häuften sich die Beweise dafür, dass ein Orgasmus die Macht hatte, unsere Selbstwahrnehmung und unser Selbstbild zu verändern. Bestimmte diese harmlose kleine Gewohnheit gar über unsere Entscheidungen, ohne dass wir es wussten?

Jenseits des Grolls

Ein paar Jahre später stellte eine Freundin (von der ich nicht wusste, dass sie bisexuell war) mir Kate vor, die gerade in der Stadt war. Meine Freundin, die das Drama liebt, hatte „vergessen“, mir zu erzählen, dass Kate homosexuell war, und war der Meinung, dass sie das, was ich gerade lernte, hochinteressant finden würde. Okay. „Auf einer Lesben-Skala von 1 bis 10 bin ich ungefähr eine 15,“ offenbarte mir Kate später. Ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen. Allein den Gedanken ertrage ich kaum. Doch ich liebe Frauen.“ Am ersten Abend übersah ich die Signale: den diskreten Regenbogen-Ohrring, die schwarze Lederjacke und den trotzigen Blick. Ich sah nur eine brillante Ingenieurin mit einer bemerkenswerten Konzentrationsfähigkeit, einem breit gefächerten spirituellen Hintergrund und einem starken Willen, die ein paar der besten Fragen stellte, die ich bislang gehört hatte. Und so begann ein lebendiger Austausch über einige Distanz hinweg zwischen zwei sehr entschlossenen Frauen. Und es gibt ihn heute noch.

Wir studierten beide voller Feuereifer die gleichen spirituellen Texte und empfahlen einander begeistert dieses und jenes Buch. Als das Thema Vergebung zur Sprache kam, sagte ich ihr, dass es mir so vorkam, als würde sie Frauen alles vergeben, jedoch völlig erbost reagieren, wenn ein Mann irgendetwas tat, was ihr nicht gefiel.

Kate wurde sehr still. „Ich werde dran arbeiten,“ sagte sie mit der grimmigen Entschlossenheit einer wahren spirituellen Kriegerin. Eine Woche später bekam ich eine E-Mail von einer fürchterlich geschockten Lesbe! Nachdem sie sehr tief spirituell daran gearbeitet hatte, ihre Vorbehalte gegen Männer aufzulösen, hatte ein männlicher Kollege sie gefragt, ob sie mit ihm ausgehen wolle – zum allerersten Mal.

Am Tag ihrer Verabredung hatte sie zwar eine fürchterliche Migräne, doch der Abend verlief überraschend gut. Sie erzählte ihm alles über sich selbst. Verdutzt wollte ihr Kollege nur von ihr wissen, ob eine gemeinsame Zukunft denkbar wäre. Dem war wohl eher nicht so, da sie gerade ein Jobangebot in einem anderen Bundesland annahm.

Ein paar Monate später hatte sich definitiv etwas verändert. Männer, die sie früher als begriffsstutzige Hemmschuhe betrachtet hatte, stolperten förmlich übereinander in dem Wunsch, ihr Türen aufzuhalten, sie anzulächeln, ihr Hilfe, Möbel und Informationen anzubieten. „Und wenn ich einen Rock trage, sagen sie ‚Guten Morgen‘ zu meinen Beinen,“ lachte sie. „Natürlich, ich mag ja selber Frauenbeine.“

Als ich sie das nächste Mal sah, strahlte sie förmlich. Alle Spuren ihrer Abwehrhaltung waren verschwunden. Sie hatte zwar immer noch ein starkes Bedürfnis, in Lesbenbars rumzuhängen und sich auf lesbischen Websites zu tummeln, doch zu meiner Überraschung gab sie ihre sexuelle Orientierung an ihrem neuen Arbeitsplatz nicht bekannt, sondern verhielt sich neutral. Da sie dort quasi keine weiblichen Kolleginnen und kaum Freizeit hatte, fühlte sie sich im Laufe der Zeit zu einigen ihrer männlichen Kollegen hingezogen und fing an, sich mit ihnen zu verabreden. Mit einem von ihnen lebt sie nun seit neun Jahren zusammen.

Heute ist sie Managerin und leitende Ingenieurin in einer ansonsten rein männlichen Ingenieursfirma, in der ein hoher Leistungsdruck herrscht, und ist die Vorgesetzte von zahlreichen dieser Männer. Diese bewundern sie und lassen alles stehen und liegen, wenn sie bei einem Projekt kurzfristig Hilfe benötigt. „Die Leute sagen so tolle Sachen über mich, dass es mir schon peinlich ist,“ vertraute sie mir unlängst an.

Ich hatte gelernt, dass Vergebung, genauso wie ein Orgasmus, die Macht hat, unsere Wahrnehmung zu verändern. Oder, um es anders auszudrücken, Groll ist ein erstaunlich effektives Hindernis zwischen den Geschlechtern – doch wir haben die Wahl.

Sich paaren oder sich verbinden

Als Heterosexuelle fand ich den fließenden Wechsel bei meinen homosexuellen Freunden zunächst verwirrend. Ich hatte fälschlicherweise den Eindruck, dass Homosexualität das Gleiche ist wie Heterosexualität, nur eben mit umgekehrtem Magnetismus. Heutzutage bewegt sich jedoch scheinbar jeder im gleichen Spektrum, und das mit ausgesprochen fließenden Übergängen. In dem Institut, wo ich meinen Mann kennenlernte, bezeichneten sich alle Frauen einer gerade neu zusammengekommenen Gruppe auf die öffentlich gestellte Frage eines jungen Mannes, der offenbar auf der Suche nach einer Liebsten war und mit eventuellen Vorannahmen niemandem zu nahe treten wollte, als „bisexuell“ oder „pansexuell“. Ich weiß nicht, ob er daraus schloss, dass das Glas halb voll oder halb leer war.

Erst kürzlich habe ich herausgefunden, dass die Psychologin Lisa ­Diamond, Autorin des Buches Sexual Fluidity,79 bestätigt, dass fließende sexuelle Grenzen (insbesondere, wenn auch nicht ausschließlich, bei Frauen) die Norm sind. Sie verfolgte das Leben von achtzig nicht-heterosexuellen Frauen über zehn Jahre und entdeckte etwas ganz Unerwartetes. Einige der Frauen berichteten, dass sie sich in einzelne Männer verliebt hatten, für die sie auch sexuelles Begehren empfanden. Zuerst nahm Diamond an, dass sie sich in ihren Gefühlen vielleicht getäuscht hätten oder sich unklar über ihre sexuelle Orientierung waren. Doch sie hörte sich weiterhin Lebensgeschichten an und forschte.

Alle zwei Jahre wechselten ungefähr ein Drittel der Frauen die Kategorie von solchen Bezeichnungen wie „lesbisch“, „bisexuell“, „heterosexuell“ oder „unbestimmt“. Eine fließende sexuelle Orientierung war scheinbar ganz typisch. Obwohl Lisa Diamond angibt, dass die sexuelle Orientierung von Frauen fließender vonstattengeht als die bei Männern, weist sie darauf hin, dass „jedes Individuum in der Lage sein sollte, sexuelle Begierden zu verspüren, die seiner oder ihrer generellen sexuellen Orientierung widersprechen.“*80

Schließlich entwickelte sie ein Modell, um die von ihr beobachteten Fakten zu beschreiben: Während es das Ziel sexuellen Begehrens ist, sexuelle Einheit für den Zweck der Fortpflanzung zu schaffen, wird romantische Liebe von dem System der Zugehörigkeit oder Paarbindung bestimmt, dessen Ziel es ist, ein dauerhaftes Band zwischen zwei Individuen aufrechtzuerhalten.81

Herzensliebe (Bindung) hat daher mehr mit Fürsorge und emotionaler Zugehörigkeit zu tun als der Wunsch, sich zu paaren. Bindung greift auf die gleiche Funktion im Gehirn zurück, wie die, die Kinder an ihre erwachsenen Bezugspersonen bindet. Diese lieben ihre Kinder gleichermaßen, ob Junge oder Mädchen, daher hat diese Art der Bindung weder etwas mit dem Geschlecht zu tun, noch ist sie unmittelbar an sexuelles Begehren geknüpft.

Im Gegensatz zur Herzensliebe haben erotische Gefühle (Paarung) sehr viel mit der Sucht nach Alkohol oder Drogen zu tun. Intensive neurochemische Nachrichten stellen sicher, dass wir bei unserem Partner „an der Angel hängen“, zumindest für eine Weile. (Mehr über die Wirkungsweisen dieses Prozesses folgt in den nächsten drei Kapiteln.)

Teambildung

An diesem Punkt auf meiner Reise nahm ich weitere Vorteile wahr, Liebe ohne Orgasmus zu machen. Bis ich anfing, damit zu experimentieren, musste ich fast jedes Mal, wenn ich mit einem Mann schlief, Antibiotika nehmen, nur um eine Infektion des Urinaltraktes zu vermeiden. Ich habe sie niemals wieder gebraucht. Auch meine Hefepilzinfektionen hörten einfach auf. (Eine Freundin von mir, die einen Genitalherpes hat und auch mit Karezza experimentiert hat, stellte übrigens fest, dass der Herpes nur ausbrach, wenn sie wieder in die Leidenschaft verfiel.)

Mittlerweile hatten meine Reisen mich bis nach Kalifornien gebracht, wo ich an einem Institut arbeitete, an dem chinesische Medizin und Massage unterrichtet wurden. Ich bat Will, den Anatomie- und Physiologielehrer, die Unterlagen zu lesen, die ich auf meiner Website veröffentlichen wollte. Ich dachte mir, Will könnte sich als guter Kritiker erweisen.

Wie sich herausstellte, hatte er eine Menge mehr zu bieten. Wir sind seit sechs Jahren verheiratet und seit acht Jahren zusammen. Er ist ein wunderbarer Mitforscher mit einem bemerkenswerten Willen, sich außerhalb gewöhnlicher Denkstrukturen zu bewegen. Wir fingen unsere Beziehung mit Karezza an (obwohl ich den Ausdruck damals noch nicht kannte) und vermieden Orgasmen so gut es ging.

Ich hatte auf dem harten Weg lernen müssen, dass es praktisch unmöglich ist, von konventionellem Verkehr über Nacht auf Karezza umzusteigen. Der Versuch, sich wie gewohnt zu lieben, doch auf den Orgasmus zu verzichten, „schneidet dem Sex die Eier ab,“ wie ein Freund von mir sagte. Um Karezza auszuprobieren, brauchen Paare ein klares Ziel und eine Übergangszeit mit viel liebevollem Kontakt.

Um diese Phase zu erleichtern, habe ich eine dreiwöchige Serie spielerischer Aktivitäten zusammengestellt, die ich die ekstatischen Austauschübungen genannt habe und die Sie am Ende des Buches finden. Das Ziel der Austauschübungen ist es, Paaren viele Möglichkeiten des liebevollen Umgangs miteinander zu offerieren, ohne unbewusst wieder in die gewohnten Routinen des Vorspiels zu verfallen oder einander allzu heiß zu machen. Die Austauschübungen fordern dazu auf, in den ersten zwei Wochen auf Verkehr völlig zu verzichten, so dass die Übenden zunächst den Kater ihres letzten Orgasmus überwinden können. Sie tragen daher zunächst auch Kleidung in der Nacht. In der dritten Woche ist dann langsamer, entspannter Verkehr in jeder dritten Nacht an der Reihe.

Hier ist Wills Bericht über seine frühen Erfahrungen, die er nach ungefähr zehn Monaten aufschrieb:

„Als ich zustimmte, die Austauschübungen zu machen, hatte ich noch Vorbehalte. Zum einen hatte ich nie die ganze Nacht ruhig schlafen können, auch nicht mit meiner Ex. Zum Zweiten war ich nicht begeistert davon, Liebe nach Rezept zu machen, das mir vorschreibt, wann ich Geschlechtsverkehr haben darf und wann nicht. Zum Dritten kannte ich Marnia in dieser Hinsicht gar nicht, und es fühlte sich komisch an, mit einem Programm anzufangen, wo Geschlechtsverkehr erst in drei Wochen auf der Tagesordnung stand. Und zum Vierten masturbierte ich gern (ungefähr drei oder vier Mal die Woche), und ich wusste, dass ich auf Ejakulation während der Austauschphase verzichten musste.

Allerdings hatte ich ihre Unterlagen gelesen, und die beschrieben die Achterbahn meiner vorherigen Beziehungen ziemlich genau. Ich hatte endlich verstanden, warum ich mich immer zurückziehen musste, um Raum für mich zu haben, oder mich in sinnlosen Streitereien mit meinen Freundinnen verloren hatte. Ich war nicht davon überzeugt, dass die Auswirkungen von einem Orgasmus tatsächlich so langfristig waren, wie Marnia sagte, doch ich hatte noch nie lange genug auf einen Orgasmus verzichtet, um es wirklich herauszufinden. Jedenfalls spürte ich, dass dieser Zugang zum Sex eine Verbesserung sein könnte. Ein paar Monate zuvor hatte ich mich gerade mal wieder von der Mutter meines Sohnes getrennt, mit der ich eine schmerzhafte „An-Aus-An-Aus-Beziehung“ geführt hatte. Ich hatte zu trinken begonnen, als wir zum ersten Mal zusammen kamen. Das war damals fünfzehn Jahre her.

Als ich mit den Austauschübungen anfing, war ich finanziell ruiniert und mein Trinken hatte so zugenommen, dass ich Alkoholiker war – wobei ich meine Sucht verbarg, indem ich den Campus verließ, um zu saufen, wann immer es ging. Ich befand mich in einer Abwärtsspirale und wusste nicht, wie ich da wieder herauskommen würde. Ich fasste also den Entschluss, dass es einen Versuch wert war.

Einige der Wirkungen der Austauschübungen wurden extrem schnell sichtbar. Nach nur drei Tagen fühlte ich mich wohler und entspannter in meinem Körper. Küssen fühlte sich wie eine ganz neue Erfahrung an – wie meine ersten Küsse vor vielen, vielen Jahren. Das ganze Zielgerichtete am Sex fiel weg. Und mein Fokus bewegte sich weg von meinen Genitalien, hin zu einem Fokus, etwas miteinander zu teilen.

Weitere Veränderungen folgten. Mein Muster, nicht mit jemandem in einem Bett schlafen zu können, löste sich auf, auch wenn die ersten Nächte wahrlich herausfordernd waren. Jetzt liebe ich es, sie anzufassen, wenn ich nachts aufwache, bevor wir wieder einschlafen.

Die Sucht brauchte etwas länger, um sich zu verändern – teilweise, weil ich versuchte, es zu verstecken und ganz allein damit aufzuhören, immer wieder und ohne Erfolg. Als es herauskam, war ich mir sicher, dass sie mich verlassen würde, doch das tat sie nicht. Stattdessen wurden wir durch diese gemeinsame Aufgabe noch engere Partner. Es ist jetzt sechs Monate her, dass ich zum letzten Mal Alkohol getrunken habe und ich hatte keine Sucht- oder Entzugserscheinungen. Ab und an habe ich ans Trinken gedacht, und das war immer, nachdem sie oder ich zu leidenschaftlich geworden waren. Ich hatte früher den Alkohol dazu benutzt, dem Beziehungsschmerz zu entkommen. Doch mit diesem Zugang wurde die Beziehung zu einer Quelle der Inspiration und Stärke.

Ich habe nicht ein Mal während der letzten zehn Monate, seit Beginn unserer Beziehung, ejakuliert. Und das Bedürfnis nach einem Orgasmus habe ich auch nicht wirklich – obwohl ich sicher bin, dass ich einen haben könnte, wenn ich wollte. Der Verzicht auf Ejakulation hatte keine negativen Auswirkungen. Ich hatte nur ein einziges Erlebnis, wo ich mich körperlich unwohl fühlte, und das war, als sie mich mit klassischem Vorspiel zu sehr überreizt hat.

Der größte Unterschied zwischen dieser Beziehung und meinen anderen ist, dass wir uns wie Teenager fühlen, obwohl wir in unseren Vierzigern sind. Wir verbringen jeden Tag Zeit damit, uns zu küssen, und lieben uns oft. Die Energie war von Anfang an so zwischen uns – abgesehen von ein paar Verirrungen in die „Beziehungshölle“, in die wir durch zu viel Leidenschaft geraten sind, was zur Folge hatte, dass sie einen Orgasmus hatte. Diese Umwege haben mich davon überzeugt, dass wir mit konventionellem Sex eine genauso schlechte Beziehung hätten wie alle Beziehungen meiner Vergangenheit.

Ich sehe auch in anderen Bereichen meines Lebens große Veränderungen. Meine Finanzprobleme lösen sich und mein Berufsleben entwickelt sich in Richtungen, die ich mir immer gewünscht habe, die ich jedoch bislang nie einschlagen konnte. Die Gelegenheiten bieten sich mir einfach mühelos an, und alles entwickelt sich wunderbar. Ich habe viel mehr Vertrauen in mich selbst. Ich bin ruhig und konzentriert. Und ich fühle mich jetzt viel wohler damit, in einer Partnerschaft zu sein, anstatt mich als ein separates Wesen zu sehen, das zufällig zur gleichen Zeit auch mit jemand anderem zusammen ist. Ich habe eine viel optimistischere Einstellung zu Beziehungen gewonnen.“

Eine harte Lehre

Leider reicht es für dauerhafte Harmonie nicht aus, einfach nur Orgasmen zu vermeiden. Will und ich lernten das auf die harte Tour. Von Selbstzufriedenheit eingelullt, weil die Harmonie zwischen uns so leicht aufrechtzuerhalten war, finden wir damit an, uns zu lieben, wann immer wir Lust dazu hatten. Bis zu dem Punkt hatten wir darauf geachtet, zumindest jede zweite Nacht mit jeder Menge nicht zielorientiertem Kuscheln zu verbringen.

Risse tauchten auf, doch wir taten unser Bestes, sie zu ignorieren. Ohne es zu bemerken, kamen wir weg von dem achtsamen Austausch von Berührungen und bewegten uns mehr auf das Standard-Vorspiel zu. Dann drifteten unsere Schlafrhythmen auseinander. Will wachte immer früher auf. Wenn er aufstand und ins Büro fuhr, entstand eine emotionale Kluft zwischen uns, und wenn er blieb, war er so unruhig, dass ich mich genötigt sah, ihn zu beruhigen. Am Abend waren wir beide dann immer völlig erschöpft.

Meine Libido nahm erschreckend ab, doch ich tat mein Bestes, um sexuell offenzubleiben, immer in der Hoffnung, dass alles wieder mehr ins Gleichgewicht käme, wenn Will sich mehr genährt fühlen würde. Doch stattdessen wurde er immer hungriger. Wir schliefen manchmal miteinander, wenn ich nicht wirklich dazu bereit war, in einem fehlgeleiteten Versuch, die Nähe zueinander wiederherzustellen, die im Verschwinden begriffen war. Für mich fühlte es sich so an, als würde ich ein immer fordernderes Kind ernähren müssen, und ich war erstaunt darüber, wie sehr es mich auslaugte – und wie ärgerlich es mich machte. Er war verwirrt und frustriert. Wie er ganz logisch sagte: „Ich berühre dich so, wie ich es immer getan habe, und wenn du es jetzt nicht mehr magst, dann liebst du mich eben doch nicht.“

Als ich vorschlug, dass wir den Rückwärtsgang einlegen und wieder mit den Austauschübungen anfangen sollten, wurde es ganz offensichtlich, wie weit wir uns von unserem ursprünglichen Kurs entfernt hatten. „Wenn ich das machen würde, was du vorschlägst, käme ich mir vor wie ein Neutrum!“ schrie er mich an. „Du versuchst, mir all mein sexuelles Vergnügen zu rauben!“ Oje. Das hörte sich nicht nach Will an. Schließlich war er in der Zeit, als wir die Austauschübungen gemacht hatten, und noch Monate danach, erstaunt gewesen, wie befriedigt er sich fühlte, egal, ob es eine Nacht war, in der wir Sex hatten oder nur kuschelten. Warum hingen sein Glück und seine Männlichkeit jetzt davon ab, ob wir den Impulsen folgten, die wir früher vermieden hatten, und zwar mit so guten Ergebnissen?

Wo hatten wir uns vertan?

Wie sich herausstellte, hatten wir zwei Fehler begangen – auch wenn uns der zweite damals noch gar nicht richtig bewusst war. Zunächst hatten wir unsere Kontrolle unabsichtlich wieder an unsere Biologie abgegeben, als wir aufhörten, Sex nach Plan zu haben. Will, ein typischer heißblütiger Mann, ist darauf programmiert, alle sich bietenden sexuellen Möglichkeiten zu nutzen. Ohne unsere regelmäßigen Nächte ohne Geschlechtsverkehr war es seine biologische Pflicht, den Motor auf Touren zu bringen – für alle Fälle. Er war wie ein Automotor, der die ganze Zeit überhitzt wurde. Dieses Problem wurde während der Austauschübungen vermieden, weil wir da immer wussten, wann wir Geschlechtsverkehr haben würden und wann nicht. Die Struktur war also sehr beruhigend.

Außerdem hatten wir uns davon wegentwickelt, einander so viel nicht zielorientierte Zuwendung wie möglich zu schenken. Deswegen bekam unser Nervensystem keine wirkliche Chance, sich in die heilsame Energie hinein zu entspannen, wie wir sie anfangs miteinander geteilt hatten. Wie wir viel später feststellten, bedeutete das auch, dass wir nicht ständig die Signale miteinander austauschten, die in unserem Säugetiergehirn mit Verbindung und Zugehörigkeit assoziiert werden.

Für solche unschuldigen Fehler haben wir eine ganz schön lange Zeit gebraucht, um den Schaden wieder zu reparieren. Wir hatten nicht nur begonnen, unsere gemeinsame Zukunft in Zweifel zu ziehen, sondern es fehlte auch die Anziehung zwischen uns, die früher so absolut zuverlässig da gewesen war, um uns wieder zueinander zu bringen. Autsch.

Zunächst versuchten wir, einfach wieder Geschlechtsverkehr nach Plan zu haben. Doch das funktionierte nicht. Es floss keine Elektrizität zwischen uns, unsere Herzen blieben zurückhaltend, Wills Berührung war immer noch hungrig, und ich hatte einen Orgasmus im Traum, was bedeutete, dass wir mit weiteren zwei Wochen unausgewogener Energie umzugehen hatten. Krisen auf der Arbeit laugten uns aus. Unser Leben schien sich auf jeder Ebene in einer seltsamen Abwärtsspirale zu befinden.

Wir fanden heraus, dass wir unser Nervensystem komplett neu ausrichten mussten, wenn das stimmte, was wir gelernt hatten. Wir mussten uns wieder auf das Geben einstimmen anstatt auf das Nehmen, auch wenn es bedeutete, durch eine weitere unangenehme Phase des Rückzugs hindurchgehen zu müssen. Wir hatten beide ziemliche Angst. Wie Will sagte: „Ich glaube, ich schaff das nicht. Ich weiß einfach nicht, wie ich dich anfassen soll.“

Schweren Herzens zogen wir uns wieder etwas an, wenn wir abends ins Bett gingen, und fingen wieder von vorne mit den Austauschübungen an. Konnte es wirklich sein, dass sie zweimal wirken würden, insbesondere in unserem Gemütszustand? Hatten sie überhaupt jemals gewirkt? Alles, was wir im vergangenen Jahr an Positivem genossen hatten, wurde in Frage gestellt. Vielleicht hatten wir uns etwas vorgemacht. Vielleicht war unsere Harmonie lediglich das Ergebnis einer vorübergehenden Flitterwochen-Neurochemie gewesen. Vielleicht waren Wills Sucht und seine Depression aus anderen Gründen zurückgekehrt, die gar nichts damit zu tun hatten. Vielleicht gab es gar keinen Ausweg aus der biologischen Bestimmung. Ich fühlte mich dazu verdammt, eine „alte Hexe“ zu werden. Ich war sicher, dass die Ringe unter meinen Augen, die in den vergangenen Wochen aufgetaucht waren, hießen, dass es keinen Ausweg gab. Selbst mein Teint hatte eine neue Blässe angenommen.

Am Anfang stand die Zeit still. Obwohl wir beide versuchten, so fürsorglich und liebevoll wie möglich zu sein, fühlten sich die Übungen staubtrocken an. Will strengte sich total an, um seinen Schalter nicht auf sexuellen Hunger umzustellen. Er beschrieb es so, dass er meinen ganzen Körper so berührte, als sei keines meiner Körperteile wichtiger als ein anderer Teil, anstatt sich wie vorher auf seine Lieblingsstellen zu konzentrieren. Er entschloss sich dazu, sich auf meine Reaktionen auf seine Berührungen einzustimmen, anstatt sich auf seine eigenen Empfindungen zu konzentrieren.

Ich gab mir alle Mühe, liebevoll zu sein und seine Zuwendung zu erwidern, selbst wenn ich müde war. Nach ein paar Tagen lichtete sich die Stimmung bei uns, doch anfangs fühlte es sich wirklich an wie die Kameradschaft zwischen dem Tode geweihten Gefangenen, die ihre letzte Mahlzeit miteinander teilen. Doch wir schliefen definitiv wieder zunehmend besser, und vor allem im gleichen Rhythmus.

Nach sechs oder sieben Tagen kamen wir an einen Wendepunkt. Will meinte, dass er sich wesentlich ruhiger und entspannter fühlte. In unseren „Ich liebe dich“ schwang neue Begeisterung mit, und wir lachten wieder viel mehr miteinander. Sowohl die „Geschlechtsverkehr-Nächte“ als auch die „Kuschel-Nächte“ nahmen wieder ihre ursprüngliche Zärtlichkeit und Zufriedenheit an. Wir fühlen uns wieder optimistisch. Unser Berufsleben bekam Aufschwung und wir sahen wieder besser aus. Das Letzte, was sich erholte, war meine Libido. Mein Unterbewusstes hatte offenbar das Gefühl, „verschlungen“ zu werden, als ein unangenehmes Erlebnis abgespeichert, obwohl Will niemals aggressiv oder auch nur fordernd gewesen wäre.

Noch Jahre nach dieser Erfahrung kehrten wir immer wieder zu den Austauschübungen zurück, wenn wir merkten, dass wir auf einen zielorientierten Kurs abdrifteten. Und schon sehr bald reichten eine oder zwei Nächte bewusster und großzügiger Zuwendung, um uns wieder auf den richtigen Kurs zu bringen.

Überzeugt, dass wir da etwas sehr Wertvolles und Wiederholbares entdeckt hatten, überraschte mich Will eines Tages, als er sagte: „Ich werde mal schauen, ob es hilfreiches, wissenschaftliches Material dazu gibt.“ Er war sich sicher, dass sich hinter dem, was wir erfuhren, eine physiologische Realität verstecken musste. Das, was er bei seinen Forschungen entdeckte, ist so faszinierend, dass ich es mit seiner Hilfe in den weiteren Verlauf des Buches einweben werde.

Alte Weisheiten
Der Hinduismus

Eine Sammlung von Geschichten über das Konzept des Liebemachens ohne sexuelle Übersättigung wäre nicht vollständig, würde die Erwähnung des Tantra fehlen. Und doch sind nur wenige Themen verwirrender als das Konzept der wohltuenden Synergie zwischen einem Paar im Hinduismus. Auf der einen Seite gibt es die Überzeugung, dass die Schöpfung selbst aus der göttlichen sexuellen Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen entstand.82 Und es gibt auch die Legende von Parvati, einer primären Personifizierung des weiblichen Göttlichen. Sie wählte freiwillig das zermürbende spirituelle Asketentum, um ihren göttlichen Gefährten Shiva zu gewinnen, sich mit ihm zu vereinigen und so die Liebe in eine verlorene Welt zurückzubringen. (Shiva hatte die Welt verlassen, um als Asket ein Einsiedlerdasein zu führen, nachdem Parvati in einer früheren Inkarnation gestorben war.)

Und auf der anderen Seite kann der Begriff Tantra mehr Verwirrung stiften als Klarheit mit sich bringen. Tantra umfasst nämlich sowohl eine zölibatäre Tradition, die als „der Pfad des rechten Weges“ bekannt ist, als auch eine sexuelle Tradition, die als „der Pfad des linken Weges“ bekannt ist. Außerdem gibt es neben dem klassischen hinduistischen Tantra noch das Tantra des tibetischen Buddhismus (worüber wir später sprechen werden). Und zu guter Letzt teilen sich selbst im klassischen Tantra die Strömungen und haben sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Obwohl es heutzutage so viele verschiedene Rezepte für sexuelles Tantra gibt wie Katzenrassen, ging es im hinduistischen sexuellen Tantra ursprünglich nicht um gegenseitige Erleuchtung oder tiefere Verbindung. Trotz der bühnenreifen Darstellungen der Verehrung des männlichen Gottes oder der weiblichen Göttin in einem gemeinsamen Ritual zur Erweckung der Kundalini-Energie (der verfeinerten Lebensenergie) entwickelte sich das Maithuana-Ritual (oder „Zwillings-Ritual“) zur Anwendung für einen einzelnen spirituellen Sucher, und nicht als gegenseitige oder weiterführende Kultivierung sexueller Energie für spirituelle Zwecke.

Der Autor James Powell verfolgt die Wurzeln des Tantra bis zu einer sexuell sehr freien, matriarchalen Gesellschaft in Indien zurück. Eine beliebte Gottheit dieser frühen Gottesverehrer war der lüsterne Krishna – ein dunkelblauer Geselle, der eine Art sexueller Rattenfänger von Hameln war, der wohlerzogene verheiratete Frauen dazu verlockte, aus ihren Betten zu schlüpfen, um an Orgien in der Wildnis teilzunehmen.

„Einige von Krishnas Verehrern bildeten Paare. Sie regten einander zu intensiven, zuweilen auch gewalttätigen, erotischen Emotionen an, indem sie einander die amourösen Abenteuer ihres Gottes vorlasen und vorsangen. Dann übten sie sexuellen Yoga aus, in dem der Mann den Part von Krishna übernahm, und seine Partnerin die Rolle einer seiner Mädchen aus der Kuhherde [aus dem Mythos über Krishna]. In großen Zirkeln wurden Liebesrituale ausgeführt. Man empfand eine intensivere erotische Regung, wenn die Frauen in den Ritualen die Gattinnen anderer Männer waren.“ 83

Später, unter den Brahmanen, entwickelte sich Tantra definitiv in eine mehr patriarchale Richtung. Die Zurückhaltung des Samens wurde mit Licht und Spiritualität gleichgesetzt. Frauen wurden zunehmend misstrauisch beäugt, weil sie Männer dazu verführen konnten, ihren Samen zu vergeuden. Als Folge davon glaubten die Männer, dass ihre Gesundheit und spirituelle Kraft mehr davon abhing, ihren Samen beizubehalten, als von einer synergetischen Vereinigung. Daraus entstand eine starke Betonung auf einer zölibatären spirituellen Praxis. Selbst unter spirituell gesonnenen Haushältern (Männern mit Familie) scheint es das Ziel gewesen zu sein, Ejakulation möglichst zu vermeiden, indem der Geschlechtsverkehr auf Sex zum Zwecke der Fortpflanzung begrenzt wurde. In der Autobiografie eines Yogi84 berichtet der mittlerweile verstorbene Paramahansa ­Yogananda beispielsweise, dass seine Eltern nur einmal im Jahr miteinander Sex hatten, um sich fortzupflanzen. Entsprechend erzählte mir auch ein Anhänger des verstorbenen Baba Muktananda, dass Familienväter sich selbst als zölibatär betrachten dürfen, wenn sie nur einmal im Monat Sex haben.

Einige Yogis suchten nach einem Weg, Sex für spirituelle Zwecke zu ritualisieren (der linke Pfad). Allerdings ging es dem Yogi nicht um gegenseitige Erleuchtung von zwei Partnern, sondern um die Erweckung seines eigenen inneren, weiblichen Prinzips – welches in Form von Kunda­lini-Energie spiralförmig an der Basis seines Rückgrats ruht. Die Erweckung dieser Energie manifestiert sich als psychologische Androgynität. Die mächtigste Methode der Erweckung der Kundalini soll die sexuelle Umarmung gewesen sein – möglichst mit einer jugendlichen Jungfrau. Jungfrauen wurden als Quellen spiritueller Kraft gesehen, die fähig sind, den Partner in den Fluss dieser subtilen Energien zu initialisieren. (Die gleichen Überzeugungen waren um diese Zeit auch in China populär, und die Chinesen handelten am Ende sogar mit vorpubertären Mädchen, um deren Yin-Energie kurz vor ihrer ersten Periode zu ernten, zu welcher Zeit sie am stärksten sein sollte.) Für Yogis hatte diese rituelle Form der Sexualität nichts mit romantischer Liebe zu tun. Die Frau wurde nicht als Frau, sondern als „die Göttin“ betrachtet – und es spielte keine Rolle, dass sie eine völlig Fremde war.

Es überrascht uns nicht, dass der linke Pfad des sexuellen Tantra in seinem Ursprungsland in Verruf geriet und sich nur noch im Untergrund hielt. Aus Sicht des Yoga-Gelehrten Georg Feuerstein hatte ein großer Teil des sexuellen Tantra Ähnlichkeiten mit Schwarzer Magie (oder Sexualmagie) angenommen. Es geht dabei um die Ausübung von Macht über andere, ohne Rücksicht auf deren Wohlergehen, auf der Suche nach persönlicher Befriedigung. Der selbstsüchtige Fokus vieler tantrischer Praktiken, so Feuerstein, wird ersichtlich durch die Verfolgung des Orgasmus, den man zu erreichen sucht, zuweilen, nachdem die Partner einander erregt haben, um einen erhöhten Bewusstseinszustand zu erlangen.85 Feuerstein sagt, dass wirkliches Tantra (des rechten oder des linken Pfades) ein Mysterium ist, das das illusorische Selbst (Ego) zu transzendieren sucht, indem das erotische Potential des Körpers erweckt wird, während man die Energie hält. Das Ziel ist Glückseligkeit, ein Zustand der Kommunion mit dem Göttlichen, jenseits des Körpers, nicht ein erhöhter Zustand von sinnlichem Vergnügen. Klassisches Tantra empfiehlt Techniken zur Transformierung der Leidenschaft, Techniken, um darüber hinauszugehen. Im Gegensatz dazu adaptieren westliche Tantralehrer die Methoden häufig, um die Intensität der Leidenschaft noch zu steigern und damit die Begierden des Ego zu befriedigen.

Wie Feuerstein erklärt, geht die kreative Spannung, die als Brücke zur Ekstase dienen könnte, beim Orgasmus verloren. Der ganze Sinn, den Orgasmus zu vermeiden, liegt darin, die subtile Kraft oder Nervenenergie, Ojas genannt, zu sammeln, die in dem Moment vergeudet wird, wenn das Nervensystem während der sexuellen Stimulierung sein Feuerwerk entfacht.

„[Es ist nicht der Samenverlust, der problematisch ist,] sondern das Abfeuern des Nervensystems während der sexuellen Stimulierung. Das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen.“

Georg Feuerstein

In seinem Buch Sacred Sexuality schreibt Feuerstein, dass offenherzige Liebende, ob Tantriker oder nicht, spontan über das Erlebnis der Kommunion stolpern:

„[Nach einer Liebesnacht] fühlte ich mich, als sei ich auf einer höheren Ebene konstant wach bzw. bewusst. Ich erinnere mich, mich den ganzen Tag völlig entspannt gefühlt zu haben. In dieser völligen Entspannung befand ich mich außerhalb der Zeit. Zu sagen, dass es keinen Anfang oder Ende der Zeit gab, wäre irrelevant gewesen. Es gab schlicht keine Zeit. … [Ich war mir bewusst, dass alles Materielle] ganz spontan und spielerisch aus einer einzigen großen Quelle entstand. …Ich war auf eine Art zur Unendlichkeit mit Augen geworden. Ich fühlte mich, als wäre ich in eben diesem Moment geboren worden, oder, als hätte ich mein Leben lang geschlafen und wäre gerade erst erwacht. Ich entsinne mich außerdem, dass ich wusste, dass dies der wahre Zustand von jedem ist und dass jeder dies wissen könnte. … Ich blieb ungefähr drei Wochen in diesem Zustand der Unschärfe, und das Leben war um ein Vielfaches intensiver. …Ich habe während dieser Zeit fast nichts gegessen. …Ich erinnere mich daran, meiner Freundin gesagt zu haben, dass es sich anfühlte, als sei mein Rückgrat an die „universelle Steckdose“ angeschlossen, und dass es eine Quelle unerschöpflicher Energie war. …Während dieser Phase war ich kreativer als jemals zuvor (oder jemals danach), sowohl während der Arbeit als auch außerhalb meiner Arbeit. …Ich wurde hellsichtig, konnte in die Zukunft sehen und dann später die Szenen durchleben, die ich bis ins kleinste Detail vorhergesehen hatte. …Ich liebte jeden, inklusive meiner Freundin, auf die gleiche Art, unendlich. Eigentlich gab es niemanden getrennt von mir, den ich hätte lieben können.“ 86

* Diamond weist vorsorglich darauf hin, dass niemand Flexibilität (die Fähigkeit, dass sich die sexuelle Orientierung ändern kann) mit der freien Wahl (der Fähigkeit, dies willentlich zu tun) verwechselt. Auf jeden Fall jedoch ist die Tatsache, dass die persönliche sexuelle Identität möglicherweise eher etwas Fließendes als etwas Festes ist, also mehr wie eine Religion ist als wie eine Rassenzugehörigkeit, in der Diskussion von gleichen Rechten für sexuelle Minderheiten irrelevant.

Kapitel 4
Im Herzen des Trennungsvirus

Keine Säugetierspezies ist sexuell monogam, inklusive uns Menschen. Verschiedene Sexualpartner verbessern die Chancen unserer Gene, es bis in die Zukunft zu schaffen.

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Mit jedem Drang, jedem Antrieb, jeder Emotion und jeder Stimmung geht eine neurochemische Veränderung in dem Teil unseres Gehirns einher, den alle Säugetiere haben.

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Dopamin, die Neurochemikalie des „Verlangens“, stimuliert den Gehirnkreislauf primitiver Befriedigung. Es bringt uns dazu, uns neue Partner und sexuelle Sättigung zu suchen.

Kriminalisten suchen die Ursache im Geld, doch jeder, der die Disharmonie im Privatleben von Menschen besser verstehen möchte, täte gut daran, die Ursache bei den Genen zu suchen. Der unpersönliche Auswahlprozess der Evolution behält immer genau die Verhaltensweisen bei, die funktionieren – also Verhaltensweisen, die dazu führen, dass am meisten Gene in Form von Nachwuchs in die Zukunft fließen. Impulsive Begierde („Ich bin heiß auf dich, Baby!“) und Romantik dienen ganz offensichtlich diesem Zweck, von daher ergibt die berauschende Neurochemie der Flitterwochen absoluten Sinn. Aber auch ein weniger offensichtliches Verhalten ergibt in diesem Licht Sinn: Kinder mit verschiedenen Partnern zu zeugen.

Könnte es sein, dass wir dazu geschaffen sind, von unseren Partnern nach einer Weile die Nase voll zu haben bzw. ihnen gegenüber abzustumpfen, und sie sogar als nervtötend, unattraktiv oder völlig unzumutbar anzusehen? Könnte es sein, dass dieses Grundmuster auch hinter dem Verhalten steckt, den Partner dazu zu bringen, uns zu verlassen, indem wir reizbar und unerträglich werden?

Das sind beunruhigende Gedanken, doch wenn diese Verhaltensformen die Chance unserer Gene auf Vermehrung erhöhen, dann ist es recht wahrscheinlich, dass wir darauf programmiert sind. Unruhe und Disharmonie könnten also genau so ein Teil unseres Paarungsprogrammes sein wie die anfängliche Faszination und das Zusammenkommen als Paar.

„Gene schlafen nie. Anstatt mit dem glückseligen Satz „und sie heirateten und lebten glücklich bis an ihr Lebensende“, enden Genmärchen mit Kindern und noch mehr Kindern – wann immer die Gene dazu Gelegenheit bekommen. So sicher, wie die Gene Paare am Anfang dazu bringen, zum Altar zu schreiten, so sicher treiben sie uns dazu, unseren Partner zu betrügen, wenn Untreue in ihrem Interesse ist.“

Burnham und Phelan, die Autoren von Mean Genes: From Sex to Money to Food: Taming Our Primal Instincts

Falls Ihnen diese vorprogrammierte Disharmonie nicht plausibel erscheint, denken Sie mal darüber nach, dass ein weiblicher Elefant und der Bulle einer Herde jugendliche Männchen vertreiben – selbst wenn es die eigenen Söhne sind -, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Sie sind sich nicht darüber bewusst, dass sie damit ihren Genen dienen, indem sie Inzucht vermeiden und ihren Nachwuchs in andere Herden vertreiben. Sie wissen einfach nur, dass sie diese Jungs nicht in der Herde haben wollen, selbst wenn die Verbannung hart ist und viele männliche Jungtiere nicht überleben.

Ihren Genen geht es nicht um Ihr dauerhaftes Glück. Sie betrachten Sie einfach als einen weiteren Bus auf einer langen, komplexen Reise zum ausgewählten Zielort: mehr Nachkommen. Und die Gene haben Sie entsprechend programmiert.87 Ihnen ist es egal, ob Sie die Decke der Sixtinischen Kapelle bemalen, viele Freunde im Internet haben, den Sinn des Lebens entdecken oder Ihre Steuern nicht zahlen können. Ihren Genen geht es lediglich darum, sich selbst in Form von Babys zu vervielfältigen – die selbst wiederum Babys in die Welt setzen werden. Hatte Michelangelo Kinder? Wenn nicht, dann ist sein Genie aus biologischer Perspektive irrelevant. Küchenschaben hingegen sind regelrechte Champions.

Dauerhafte Zufriedenheit ist schlecht für unsere Gene. Wenn Sie Kinder von unterschiedlichen Partnern haben, aufgrund Ihrer Unfähigkeit, einem Partner treu zu bleiben, werden sich die Immunsysteme und andere Eigenschaften Ihrer Kinder stärker voneinander unterscheiden. Wenn nun also beispielsweise ein tödlicher, neuer Organismus auftaucht, dann sind die Chancen höher, dass eines Ihrer Kinder diesen Angreifer abwehren kann. Das ist ein Grund, warum die Gene uns dazu bringen, Affären zu haben, uns scheiden zu lassen, neu zu heiraten und Inzest zu vermeiden.

Die Taktik unserer Gene unterstützte also einst kleine Bevölkerungseinheiten. Heute sorgt sie eher für unerwünschte Schwangerschaften, die Verbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten, Herzschmerz und Überbevölkerung. Die Gene mögen ja unser rationales Gehirn geprägt haben, doch das Wohlergehen des Planeten gehört offenbar nicht zu ihren vorprogrammierten Prioritäten. Wenn unser rationales Gehirn uns beherrschen würde, würde die Weltbevölkerung nicht exponentiell wachsen. Wenn es um die Paarung geht, hat unser rationales Gehirn nicht die Oberhand.

Unsere Reaktion der Anziehung auf sinnliche Kurven bzw. Charakteristika eines Alpha-Mannes ist instinktiv – und mächtig. Ein Ergebnis davon ist, dass uns romantische Liebe anfangs in einen intensiveren Rauschzustand versetzt – und letztlich viel fragiler ist als Freundschaft oder Familienbande.

„Diese Stadt ist voll von so wunderschönen Frauen, und ich erwische mich oft dabei, dass ich denke, meine Lebensgefährtin würde mir als reine Freundin genügen, wenn das hieße, dass ich verschiedenste Affären ohne Bedeutung mit anderen Frauen haben könnte. Ich weiß, dass ich dann emotional unerfüllt wäre, und ich könnte im Grunde auch nie einen anderen Menschen als ein Objekt behandeln. Und doch ist es klar, dass mein Gehirn möchte, dass ich meine Freundin als Mutter meiner Kinder auswähle – und mir dann irgendeine hübsche Exotin als Geliebte nehme oder was auch immer. Zur Hölle mit dieser verdammten Evolution.“

Jordan

Abnutzung inbegriffen

Aus der Perspektive Ihrer Gene ist Monogamie so risikoreich wie im Spiel alles auf eine Karte zu setzen. Das ist leicht zu verstehen, denn es gibt nur ein paar Dutzend Säugetiere von insgesamt ungefähr 4.000 Arten, die Paare fürs Leben bilden. Und DNA-Tests haben ergeben, dass selbst bei diesen monogamen Arten immer mal wieder ein Fehltritt stattfindet. (Das Gleiche gilt für Wellensittiche, die als unzertrennlich gelten. Sie sind zwar technisch gesehen lebenslange Gefährten und leben sozial monogam, doch nicht völlig treu.) Wie Will sagt: „Im Pokerspiel des Lebens bedeutet es, zu verlieren, wenn man die Monogamie-Karte behält.“ Der instinktive Drang, verbesserte und vielfältige Gene zu sammeln, ist im Säugetiergehirn fest verankert – und Sie sind ein Säugetier. Dieser Drang liegt im Herzen des Trennungsvirus. Er ist es, der Amors romantische Pfeile am Ende giftig werden lässt.

„Die einzige Spezies, die ich kenne, in der es hundertprozentige Monogamie zu geben scheint, ist die eines Plattwurms, der in den Kiemen von Süßwasserfischen lebt. Die Männchen und die Weibchen treffen einander als Heranwachsende und ihre Körper verschmelzen förmlich miteinander, so dass sie einander treu bis in den Tod bleiben.“

David P. Barash, Mitautor von The Myth of Monogamy

Für die meisten Spezies ist die Neigung, weitere Partner zu haben, völlig undramatisch. Wenn ein Bulle eine Kuh befruchtet hat, sorgen Pheromonsignale (über die Luft transportierte Chemikalien, die im Gehirn Schalter ein- und ausschalten) dafür, dass er in dieser Paarungssaison nicht mehr zu ihr zurückkehrt – auch wenn ein zweiter Samenspender sie vielleicht immer noch süß genug für ein Techtelmechtel im Heu findet, wenn die Konkurrenz gerade nicht hinschaut. Dieses Arrangement scheint für alle Beteiligten in Ordnung zu sein.

Doch nicht alle Spezies haben so viel Glück. Spezies wie wir – für die Fortpflanzungserfolg am besten gewährleistet ist, wenn beide Eltern für den Nachwuchs da sind – haben damit innerlich zu kämpfen. Wir sind darauf programmiert, uns extrem gerne zu verlieben. Doch wir tragen immer noch diese veraltete Säugetierprogrammierung in uns, neue Partner besonders verführerisch zu finden – wann immer sich die Gelegenheit ergibt. Das erzeugt eine unangenehme ­Spannung, die wir selbst so weit hinab in der Nahrungskette wie bei der Präriewühlmaus verfolgen können. „Monogame“ weibliche Präriewühlmäuse wurden dabei beobachtet, wie sie streunenden männlichen Exemplaren zu Hause ein Schäferstündchen bereiteten – und sie dann kurzerhand wieder eiskalt verjagten, nachdem die neuen Gene des Besuchers sicher eingefahren waren.

Nicht jeder Mensch ist gleich gut für Monogamie geeignet. Wir haben unterschiedliche Paarungsstrategien – wie z. B. der gute Liebhaber, der gute Versorger, der gute Kamerad oder das gut aussehende Exemplar – die sich zweifellos in einer großen Vielfalt von Eigenschaften, Genen und Genausdruck (der Prozess, in dem Gene an- oder ausgeschaltet werden) niederschlagen. Einige Frauen sind zum Beispiel eher geneigt, augenscheinliche genetische Fitness eines Mannes in Form von Symmetrie, einer starken Kieferlinie und Muskelmasse gegen seine Bereitschaft, in seinen Nachwuchs zu investieren und sich um ihn zu kümmern, einzutauschen. Und doch sind wir scheinbar alle auf einen gewissen Grad an Spannung zwischen den Vorteilen emotionaler Bindung mit einem Partner und den Vorteilen von Sex mit einem neuen Partner programmiert. Wir sind in unterschiedlichem Maße dazu vorherbestimmt, genetischen Erfolg herbeizuführen – und Ermüdungserscheinungen in unseren Beziehungen.

„Wenn ein Mann seine Geliebte heiratet, dann hinterlässt sie eine Lücke.“

Sacha Guitry

Wie wir noch sehen werden, bedeutet das nicht, dass jede intime Beziehung dazu verdammt ist, auseinanderzugehen, oder dass jeder Partner untreu werden muss. Es bedeutet, dass wir als eine Spezies darauf programmiert sind, unserer Partner müde zu werden – oder uns sexuell von anderen Menschen angezogen zu fühlen. Falls Sie etwas anderes wollen, dann können Sie entweder darauf hoffen, dass Ihre Verbindung eine der wenigen Ausnahmen zur Regel ist und sich einzig und allein auf Ihren stählernen Charakter (und den Ihres Partners oder Ihrer Partnerin) verlassen, oder lernen, wie man den genetischen Autopiloten abstellen kann. Das Letztere ist wesentlich einfacher, wenn man einmal versteht, wo die unbewussten Paarungs- und Bindungsbefehle Ihres Autopiloten entstehen, wie er Ihnen diese Signale übermittelt und welches Verhalten es Ihnen gestattet, die Lautstärke dieser Signale zu verändern.

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