Kitabı oku: «Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit in der Sozialen Arbeit»

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Der Autor


Prof. Dr. Martin Becker lehrt und forscht seit 2007 an der Katholischen Hochschule Freiburg. Nach dem Studium der Sozialen Arbeit war er über zehn Jahre in verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit tätig. Nach dem Studium der Soziologie, Erziehungswissenschaften und Arbeits-/Organisationspsychologie wurde er an der Universität Freiburg zum Dr. phil. promoviert. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Stadt- und Quartierentwicklung, Sozialraumorientierung und BürgerInnenbeteilung. Seine wichtigsten Publikationen und Forschungsprojekte beschäftigen sich mit sozialer Stadtentwicklung auch im internationalen Kontext, Quartierstudien, Sozialraumanalysen sowie Studien zu freiwilligem Engagement.

Martin Becker

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2., aktualisierte Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-041214-9

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-041215-6

epub: ISBN 978-3-17-041216-3

Vorwort der Herausgeber

Der Band »Handlungsfeldorientierung in der Sozialen Arbeit«, in erster Auflage erschienen im September 2012 und aktualisiert und erweitert 2020, bildet die Einführung für eine Reihe von Einzelveröffentlichungen zu verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit. In der einführenden Publikation ist das »Freiburger Modell der Handlungsfeldorientierung« genauer beschrieben, das den folgenden Bänden zu einzelnen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit auch zugrunde liegt. Dieses curriculare Modell für das Bachelorstudium der Sozialen Arbeit nimmt aktuelle Bedingungen und Entwicklungen in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit in den Blick und leitet Aktionen und Interventionen fachlich begründet dazu ab. Dargestellt werden mögliche und notwendige Handlungskonzepte und Methoden, die zu Charakteristika von Aufgabenstellungen, Rechtsgrundlagen, staatlichen Programmen, Trägerlandschaften, Situationen und Personen in Handlungsfeldern diskursiv in Bezug gesetzt werden. Daraus ergeben sich Gestaltungs- und Kontexterfordernisse, die einer eher technokratischen Ver- und Anwendung entgegenwirken, die »reiner« Methodenlehre latent innewohnen. Nach Möglichkeit fließen dazu Hinweise auf Evaluation und zu Projekten der Praxisforschung mit ein. Die in der Reihe vorgelegte Systematik eignet sich für die Gestaltung von Studiengängen Sozialer Arbeit und wird an der Katholischen Hochschule Freiburg seit einigen Jahren bereits in der Lehre praktiziert. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer stärker ausgeprägten Kompetenzorientierung, die im Zuge des Bologna-Prozesses didaktisch erforderlich ist.

Bei der Breite und hohen Differenzierung, die sich in den einzelnen Handlungsfeldern mit ihren unterschiedlichen Rahmenbedingungen, Aufgaben und Zuständigkeiten ergibt, liegt allen Einzelbänden doch eine gemeinsame Struktur in der Darstellung Sozialer Arbeit zugrunde. Zunächst wird der Gegenstandsbereich des jeweiligen Handlungsfeldes beschrieben und dessen spezifischer Bezug zur Wissenschaft Sozialer Arbeit hergestellt. Die Wissensgrundlagen des Handlungsfeldes werden unter Berücksichtigung gesellschaftspolitischer wie auch disziplinärer fachlicher Entwicklungen und theoretischer Rahmung aufgezeigt und in einen fachlichen Diskurs eingebunden. Interventionsformen des Handlungsfeldes werden auf der Basis professionsspezifischer Handlungskonzepte und Methoden erläutert. Für die Soziale Arbeit wichtig und geradezu konstituierend sind multidisziplinäre Perspektiven auf Handlungsfelder und soziale Probleme, die in den Beiträgen nicht fehlen dürfen. An praxisnahen Fragestellungen und ausgewählten Situations- oder Falldarstellungen werden soziale Probleme und Ansätze der Bearbeitung modellhaft erschlossen, ohne in die Falle enger, einfacher und scheinbar eindeutiger Lösungsmuster und Rezepte zu tappen. Am Ende jedes Kapitels stehen eine kurze Zusammenfassung oder auch Aufgabenstellung sowie weiterführende Literaturempfehlungen.

Ein wesentlicher Anspruch dieser Publikationsreihe ist es, einen Überblick zu aktuellen Entwicklungen in unterschiedlichen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit zu geben und damit einerseits den Gemeinsamkeiten – etwa in grundlegenden Modellen, Orientierungen und Fragen der professionellen Entwicklung – und andererseits den Unterschieden – etwa in den historischen und aktuellen Prozessen – im Sinne eines besseren Verständnisses nachzugehen. Damit kann jeder Band dieser Reihe zu einer Orientierungshilfe im Studium wie im Berufsfeld der Sozialen Arbeit werden, einer Art von Karte oder Wegweiser für die individuellen Richtungsentscheidungen. Je nach dem Vorwissen, der Wahl und dem Zugang des interessierten Lesers kann an einem Handlungsfeld eine vertiefende exemplarische Auseinandersetzung erfolgen. Für Berufsein- oder UmsteigerInnen bietet jeder Band eine fundierte und nützliche Einführung in ein neues Handlungsfeld und kann dort zur Orientierung beitragen. Für alle PraktikerInnen dürfte sich diese Reihe als eine hilfreiche Anleitung zur Reflexion der eigenen Alltagsroutinen und damit zur Weiterentwicklung ihrer Praxis und den Vor-Ort-Konzepten eignen. Die Vergewisserung über und die Entwicklung bzw. Umsetzung von Konzepten und Methoden unter dem aktuellen beruflichen Handlungs- und Veränderungsdruck stellt sicher keine leichte Herausforderung für die Organisationen, die Träger, ihre Mitarbeiter und Teams dar. Eine fachliche Unterstützung, auch in dieser Form der Reihe und auf unterschiedlichen Ebenen, hat sie in jedem Fall verdient.

Freiburg im April 2021

Martin Becker, Cornelia Kricheldorff und Jürgen E. Schwab

Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort der Herausgeber

2  Einleitung

3  1 Historische Entwicklung und Gegenstand der Gemeinwesenarbeit

4  1.1 Historische Entwicklung der Gemeinwesenarbeit

5  1.2 Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit als Handlungsfeld Sozialer Arbeit

6  1.3 Sozialraumorientierung

7  1.4 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

8  2 Stadtentwicklung und Stadtmodelle

9  2.1 Entstehungsbedingungen von Städten

10  2.2 Geschichte und Entwicklungsphasen der Stadt

11  2.3 Europäisches Stadtmodell im globalen Vergleich

12  2.4 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

13  3 Theorien der Stadtentwicklung und Urbanität

14  3.1 Soziologische Betrachtungen von Städten

15  3.2 Theorien der Urbanität

16  3.3 Stadtsoziologischer Perspektivenstreit: »eigenlogischer« vs. »kritischer« Ansatz

17  3.4 Stadtgröße und Bevölkerungszahl

18  3.5 Bevölkerung pro Fläche (Dichte)

19  3.6 Funktionen baulicher Nutzung

20  3.7 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

21  4 Gesellschaftliche Veränderungen und deren Auswirkungen auf Stadtentwicklung

22  4.1 Veränderungen in Technologie, Ökonomie und Politik

23  4.2 Folgen, Risiken und Chancen der Veränderungen

24  4.3 Folgen der Veränderungen für die Städte

25  4.4 Räumliche Mobilität

26  4.5 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

27  5 Menschen in ihrem sozialen und räumlichen Umfeld

28  5.1 Lebensstile

29  5.2 Lebensformen

30  5.3 Bevölkerungsalterung

31  5.4 Migration und Zuwanderung

32  5.5 Soziale Ungleichheit in Städten

33  5.6 Segregation

34  5.7 Gentrification

35  5.8 Hintergründe für Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung in Stadtteilen und Quartieren

36  5.9 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

37  6 Stadtpolitik: Leitbilder, Strategien und Programme sozialer Stadtentwicklung

38  6.1 Leitbilder moderner Stadtentwicklung – Bewältigungs- versuche kommunaler Stadtpolitik, den Anforderungen gesellschaftlicher Entwicklungen gerecht zu werden

39  6.2 Politische Programme der Stadtentwicklung

40  6.3 Recht und Stadt

41  6.4 Empfehlungen für eine nachhaltige Stadt- und Quartierentwicklung

42  6.5 Instrument der »Kommunalpolitischen Wahlprüfsteine«

43  6.6 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

44  7 Methodisches Handeln

45  7.1 Sozialraumanalyse

46  7.2 Partizipation und Engagement am öffentlichen Leben

47  7.3 Thesen zur Bürgerbeteiligung

48  7.4 Übersicht über Methoden und Techniken

49  7.5 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

50  8 Herausforderungen sozialer Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit

51  Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

52  Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit der vorliegenden zweiten aktualisierten Auflage des ersten Band der Reihe »Handlungsfelder Sozialer Arbeit« liegt eine Publikation vor, die den Versuch wagt, das umfangreiche Handlungsfeld derjenigen Arbeits- und Tätigkeitsbereiche innerhalb der Sozialen Arbeit zusammenfassend darzustellen, die sich durch spezifische Gebiets- und Sozialraumorientierung auszeichnen. Dabei besteht die Herausforderung u. a. darin, sowohl der Breite des Handlungsfeldes gerecht zu werden als auch genügend vertiefte Einblicke in bestimmte Tätigkeitsbereiche zu ermöglichen.

Obwohl oder vielleicht gerade weil »Gemeinwesenarbeit« als ein, gelegentlich als »Methode« bezeichnetes, vergleichsweise frühes Arbeitsfeld Sozialer Arbeit identifiziert werden kann ( Kap. 1), hat es bis heute starke konzeptionelle und begriffliche Ausdifferenzierungen erfahren. Mit »Community Organizing«, »Stadt (teil)- oder Quartierentwicklung«, »Quartiermanagement«, »Gemeinwesen-« oder »Solidar-Ökonomie« sind nur einige Begriffe genannt, hinter denen sich mehr oder wenig klar beschriebene Konzepte und Aufgabenfelder verbergen. Die Gemeinsamkeiten liegen dabei in erster Linie auf der Verbindung sozialer und räumlicher Bezüge, die sich aus einer Perspektive ergeben, die aus der Mikroebene von Individuen, auf die Mesoebene der Lebens- und Aktionsräume von Gruppierungen, Milieus und Szenen in Stadtteilen und Quartieren sowie auf die Makroebene von Stadtgesellschaften, Regionen und Staaten heraus zoomt. Der AdressatInnenkreis geht dabei über die klassische Klientel Sozialer Arbeit hinaus und bezieht potenziell alle Menschen in einem sozial- und räumlich strukturierten Lebens- und Aktionsumfeld ein. Unter der Formel »Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip« oder der Bezeichnung »Sozialraumorientierung« (Becker 2020b) haben sich Konzepte entwickelt, die mittlerweile in vielen klassischen Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit Einzug gehalten haben und mit Beteiligung und Aktivierung Betroffener, Beachtung und Nutzung von Ressourcen des sozialen Nahraums sowie institutioneller und individueller Vernetzung versuchen, ihrer jeweiligen Aufgabenstellung gerechter zu werden. So setzt die Ausrichtung der »gemeindenahen Psychiatrie« auf die Potentiale von Angehörigen, Nachbarschaft und sozialem Umfeld von Menschen mit psychischen Belastungen. Dies gilt auch für die Altenhilfe, wo ambulante vor stationären Hilfen und nahräumliche Versorgung bevorzugt werden. In der Jugendhilfe wird mit »Mobiler Jugendarbeit« und Straßensozialarbeit versucht, sozialräumliche Akzente zu setzen oder gar Finanzbudgets auf »Sozialräume« zu beziehen. Zur Integration von MigrantInnen wird versucht, über MultiplikatorInnen »Netzwerke der Integration vor Ort« zu schaffen. Die soziale, verkehrliche und ökonomische Infrastruktur am Lebens- und Wohnort wird für Menschen immer wichtiger, auch wenn sie bislang keine AdressatInnen Sozialer Arbeit sind. Interdisziplinäre Kooperation, institutionelle Vernetzung und gemeinsame Ressourcennutzung scheinen sich, wo bislang praktiziert, zu bewähren. Innerhalb integrierter Quartierskonzepte arbeiten im Idealfall SozialarbeiterInnen, Verwaltungsfachkräfte, ArchitektInnen und Angehörige anderer Professionen beim Aufbau von Strukturen und Prozessen zusammen, um allen Generationen, Gesunden wie Kranken, Einheimischen und Zugereisten ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben in ihrem sozialen und räumlichen Umfeld zu ermöglichen. Fachkräfte und Bevölkerung werden, durch einschlägige Europa-, Bundes- und Länderprogramme, die die soziale Stadtentwicklung befördern sollen, darin unterstützt, die ganzheitliche Entwicklung von Städten, Stadtteilen und Quartieren in den Blick nehmen.

Es ändern sich folglich Berufsbilder und Aufgaben. Sozialraumorientierung, in Ergänzung der individuellen Fallorientierung, Kooperation, Koordination, Moderation, Vernetzung, Gewinnung und Fortbildung von engagierten BürgerInnen, Netzwerkarbeit im sozialräumlichen Kontext und integrierte Sozialraumanalysen setzen eigene Kompetenzen, Ressourcen und Steuerungsprinzipien voraus.

Dieser Band konzentriert sich auf jenes Handlungsfeld Sozialer Arbeit, in dem integrative Konzepte sozialer Stadt- und Quartierentwicklung zur Anwendung kommen, in dem danach gefragt wird, wie eine Stadt und ihre Quartiere so gestaltet werden können, dass sie den Interessen ihrer älter und bunter werdenden Bevölkerung gerecht werden und für eine vielfältige Bevölkerung, von Jung und Alt, Einheimischen und Zugereisten, Armen und Reichen, Kindern und Erwachsenen attraktiv, wirtschaftlich leistungsfähig und ökologisch nachhaltig sind.

Handlungsfeldorientierung im Sinne des dieser Publikationsreihe zugrunde liegenden »Freiburger Modells« bedeutet, die aktuellen Bedingungen und Entwicklungen in bestimmten Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit in den Blick zu nehmen und die daraus abzuleitenden Aktionen und Interventionen, mit denen die Soziale Arbeit fachlich arbeitet, in Bezug zu setzen zu den jeweils passenden und notwendigen Handlungskonzepten und Methoden. Handlungskonzepte, Methoden und Techniken werden in diesem Band also auf die handlungsfeldspezifischen Charakteristika von Aufgabenstellungen, Rechtsgrundlagen, Governance, Trägerlandschaften und Situationen von Stadt- und Quartierentwicklung bezogen.

Die Handlungsfeldorientierung dieser Reihe und damit dieses ersten Bandes ist auch vor dem Hintergrund der Kompetenzorientierung als Erfordernis des Bologna-Prozesses zu sehen. Auf der Grundlage des dreidimensionalen Kompetenzbegriffs, wie er im Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) definiert wird, spielen sowohl theoriebegründete Handlungskonzepte als auch die Methoden der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle beim integrierenden Modell der Handlungsfeldorientierung. Die Kombination von Wissensbeständen aus Bezugswissenschaften und Erkenntnissen der Wissenschaft Soziale Arbeit (Erklärungswissen), mit Kenntnissen und Fähigkeiten der Entwicklung und Anwendung von Methoden (Handlungswissen und Analyse-/Synthese-/Kritikfähigkeit), bildet auf der Grundlage von Wertorientierungen und Haltungen die Basis der Ausbildung spezifischer Handlungskompetenzen Sozialer Arbeit.

Das Handlungsfeld der sozialen Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit erfordert spezifische Kenntnisse sowie ein differenziertes Verständnis sozialer Probleme. Dafür braucht es eine Verständigung über gesellschaftliche Strukturen und Prozesse, die problematische Lebenslagen produzieren können. Grundlage dafür sind Fähigkeiten, gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie demografische, ökonomische, politische und ökologische Strukturen und Prozesse analysieren und kritisch interpretieren zu können. Im Einzelnen geht es darum, die wesentlichen demografischen Trends (wie Migration, natürliches Wachstum, Alterung), ökonomischen Entwicklungen (wie Globalisierung, Tertiarisierung, Polarisierung von Regionen, Stadtgesellschaften, Arbeitsmarkt und interkommunaler Wettbewerb), politischen Veränderungen (wie z. B. »unternehmerische Stadtpolitik«, Populismus und Radikalisierung) und deren gesellschaftliche Auswirkungen zu kennen und diese vor dem Hintergrund von Gesellschaftstheorien erklären sowie Interventionen im Rahmen staatlicher Sozial-/Wohlfahrtsregime konzipieren und bewerten zu können. Darüber hinaus gilt es, die politischen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für effektive Interventionen Sozialer Arbeit analysieren und, auf lokale Gegebenheiten übertragen, nutzen zu können. Das Wissen um individuelle Lebenslagen, aber auch sozialpsychologische und gruppensoziologische Erkenntnisse über menschliche Lebensformen und Milieus sind hilfreich, um Beteiligungs- und Aktivierungsprozesse in Gemeinwesen planen, initiieren und durchführen zu können, die den betroffenen Menschen, unter Einbezug ihrer Interessen und Fähigkeiten, mehr Handlungsoptionen eröffnen und ihre Selbstwirksamkeitserfahrungen erweitern. Sich als Fachkräfte weniger als »ProblemlöserIn«, sondern eher als »UnterstützerIn« von Potentialen und Interessen, die teilweise bereits vorhanden, aber noch nicht zur Geltung gekommen sind, zu verstehen, wäre dabei Teil der professionellen Haltung. Der Aufbau einer professionsbezogenen Identität wird durch eine Verständigung über die Geschichte und die Entwicklungsphasen des Handlungsfeldes ermöglicht. Dabei wird zur Reflexion des beruflichen Selbstverständnisses und der Wertvorstellungen, an denen sich das berufliche Engagement orientiert, herausgefordert. Die eigene Rolle als Gemeinwesen-/QuartierarbeiterIn bzw. QuartiermanagerIn oder sozialraumorientierte SozialarbeiterIn in anderen Handlungsfeldern definieren und gegenüber KollegInnen der eigenen und anderer Berufsgruppen/Professionen sowie AdressatInnen verständlich darzustellen, gehört zu den professionellen Kompetenzen. Dies impliziert, die für soziale Stadt-/Quartierentwicklung und Gemeinwesenarbeit wesentlichen Konzepte (wie z. B. Sozialraum-, Lebenswelt-, Ressourcen-, Managementorientierung) und Methoden (wie z. B. Empowerment, Netzwerkarbeit, Bürgerbeteiligung, Streetwork, Projektarbeit, Sozialstrukturanalyse, Sozialraumanalyse etc.) kennen und diese situations- und personengerecht entsprechend anwenden zu können. Dazu ist die Fähigkeit erforderlich, für das Handlungsfeld wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse recherchieren, analysieren, interpretieren und anwenden zu können. Neben Sozialstruktur- und Sozialraumanalysen sind weitere Methoden und Instrumente der Aktionsforschung (wie z. B. die aktivierende Befragung) zu kennen und konzipieren, durchführen und auswerten zu können.

Der überwiegende Teil der Interventionen im Handlungsfeld der sozialen Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit wird in Kooperation mit Institutionen, Verbänden und Vereinigungen organisiert. Für die Bearbeitung sozialer Probleme sind in diesem Kontext unterschiedliche institutionelle und disziplinäre Perspektiven relevant. Zur Akquise und Durchführung von Projekten ist der institutionellen Vernetzung besondere Bedeutung beizumessen. Fachkräfte Sozialer Arbeit können Kommunikations- und Arbeitsformen in Gemeinwesen konzipieren, die lokale Akteure und Bevölkerung miteinander verbinden, um die Belange des Quartiers auf den Ebenen Quartier-Kommune-Region zu positionieren. Sie können Projekte initiieren und durchführen, auswerten und öffentlichkeitswirksam darstellen. Sie können interdisziplinär, mit Angehörigen anderer Professionen, »auf gleicher Augenhöhe« zusammenarbeiten und dabei mit unterschiedlichen Hierarchiestrukturen umgehen.

Sowohl für die verschiedenen Beteiligungs- und Aktivierungsformen als auch für die Präsentation von Projekten und deren Ergebnisse werden grundlegende medienpädagogische Handlungs-, Ausdrucks- und Kommunikationskompetenzen für den Interaktionsprozess mit Einzelnen und Gruppen gebraucht. Fachkräfte sind in der Lage, Zusammenhänge übersichtlich und anschaulich zu visualisieren und dabei auch ein größeres Publikum einzubeziehen. Sie kennen Moderationstechniken für Großgruppen und Beteiligungsformen, die unterschiedliche Bildungsstände und Erfahrungen von BürgerInnen mit Beteiligungsformen berücksichtigen, und sind in der Lage, diese situations- und personenadäquat zu konzipieren und einzusetzen.

Den o. g. Kompetenzerfordernissen an Fachkräfte Sozialer Arbeit im Handlungsfeld sozialer Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit entsprechend ist dieser Band aufgebaut. Geschichte und Entwicklung des Handlungsfeldes sind Bestandteil des ersten Kapitels. Dort werden die Entwicklungen von den Wurzeln der sozialarbeiterischen Pionierarbeit der Settlementbewegung und Gemeinwesenarbeit bis zur heutigen Ausdifferenzierung des Handlungsfeldes der sozialen Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit mit ihren kritischen Phasen und unterschiedlichen Richtungen beschrieben. Mit der Darstellung der historischen Stadtentwicklung, ihren Epochen bis hin zu den Stadtplanungsphasen des 20. Jhs. werden bereits im zweiten Kapitel die ersten Erklärungsmodelle für heutige Muster der Stadtentwicklung geliefert. Damit ist der Boden bereitet für Kapitel 3, für tiefergehende theoretische Grundlagen von Stadtentwicklung, Urbanität und Raumbegriffen, mit denen sich die Besonderheiten urbanen Lebens erklären und verstehen lassen. Die Frage, welche gesellschaftlichen Veränderungen wesentlichen Einfluss auf heutige Städte und die darin lebende Bevölkerung ausüben und welche Konsequenzen sich daraus für Städte und ihre Quartiere ergeben, wird im vierten Kapitel beantwortet. Kapitel 5 steht dann ganz im Zeichen der Menschen in ihrem sozialen und räumlichen Umfeld und bearbeitet die Themen der Lebensstile, Lebensformen, Bevölkerungsalterung, Migration sowie soziale Ungleichheit und deren sozialräumliche Konsequenzen. Auf der Basis der bis dahin grundgelegten Kenntnisse geht Kapitel 6 auf aktuelle Leitbilder der Stadtpolitik und Stadtentwicklung ein. Finanzierungsmodelle für soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit werden vorgestellt und deren Auswirkungen diskutiert. Mit den »Empfehlungen für eine nachhaltige Stadt- und Quartierentwicklung« sowie »Kommunalpolitische Wahlprüfsteine« werden Tools für die praktische Anwendung vor Ort zur Verfügung gestellt. Die Anwendungs- und Praxisorientierung wird im siebten Kapitel mit wichtigen Grundlagen zu Praxisforschung und Bürgerbeteiligung sowie Anleitungen zum methodischen Handeln fortgeführt. Hilfreiche Empfehlungen und praktische Arbeitshilfen sind in den jeweiligen Kapiteln integriert. Alle Kapitel bauen inhaltlich aufeinander auf und folgen damit dem Inhalt und Ablauf einer Sozialraumanalyse ( Kap. 7.1). Ein Ausblick auf weitere anstehende Herausforderungen des Handlungsfeldes der sozialen Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit steht am Ende des Bandes und rundet die Beschreibung dieses Handlungsfeldes ab.

Um darauf hinzuweisen, dass mit und durch Sprache und Schrift in dieser Publikation grundsätzlich alle Menschen, unabhängig von Geschlecht und anderen Merkmalen, be- und geachtet werden, wird die symbolische Darstellung der Genderschreibweise mit großem »I« verwendet. Es sei dabei erwähnt, dass dieser Symbolverwendung weder eine bestimmte Ideologie zugrunde liegt noch aus dieser Schreibweise ein Fetisch gemacht werden sollte, wie Erich Fromm schon 1974 schrieb (2005: 14). Die selbstbewusste Variante der Soziologin Martina Löw wird damit nicht übernommen, die da lautet »Ich wähle im folgenden je nach Kontext entweder die weibliche oder die männliche Form als Verallgemeinerung« (Löw 2001: 16).

1 Historische Entwicklung und Gegenstand der Gemeinwesenarbeit
1.1 Historische Entwicklung der Gemeinwesenarbeit

Gemeinwesenarbeit (GWA) als Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen1 hat ihre Wurzeln in der Phase der Industrialisierung und des Städtewachstums in den entwickelten Industrieländern im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Industriearbeitsplätze in den Städten und in zunehmendem Maße auch Dienstleistungsarbeiten erzeugten einen Zug von Menschen aus agrarwirtschaftlich geprägten ländlichen Gebieten in die zunehmend industrialisierten Städte. Dort konnten die Menschen nicht mehr auf die für ländliches Leben typischen familiären, verwandtschaftlichen und nachbarschaftlichen Hilfsnetze zur Sicherung der Lebensrisiken wie Missernten, Krankheit, Morbidität etc. zurückgreifen (Becker 2020a, 2016a, 2008).

Den »neuen Arbeitern« in den Städten standen die traditionalen bürgerlichen Formen sozialer Sicherung, wie Zünfte, Gilden, Stiftungen und Spitäler, wegen fehlender Zugehörigkeit nicht zur Verfügung. Daher wuchsen in den Städten mit jeder Struktur- und Konjunkturkrise Armuts- und Elendspopulationen, deren Hilfe- und Unterstützungsbedarf erst nach und nach durch zunehmend professionelle Hilfen von Wohlfahrtsverbänden der Kirchen oder der Arbeiterbewegung aufgebaut und geleistet wurde. Neben Übernachtungsmöglichkeiten, Kleiderspenden und Suppenküchen sollten auch soziale Kontakte unter der Bevölkerung in den Armutsvierteln sowie Gelegenheiten zu geselliger und kultureller Betätigung ein menschenwürdiges Leben ermöglichen (Müller 2009).

So entstanden in großen Städten nicht nur Europas und den USA soziale Initiativen von Menschen, die in die Elendsviertel zogen und dort versuchten, die Situation der Menschen mit diesen gemeinsam zu verändern und zu verbessern. In Großbritannien und den USA bekannt als »Settlementbewegung« aus Hochschul- und Kirchenkreisen (z. B. »Toynbee Hall/London«; »Hull House/Chicago«), in Deutschland bekannt als »Nachbarschaftshäuser« (z. B. »Volksheim« Hamburg oder »Soziale Arbeitsgemeinschaft« Berlin).

Nach den Recherchen von Oelschlägel (2013) über die Vorläufer der Gemeinwesenarbeit wurde 1884 in London mit »Toynbee Hall« das erste Settlement gegründet. Jane Addams und ihre Mitarbeiterinnen bezogen 1889 Hull House in Chicago. Walter Claasen gründete 1901 mit dem Volksheim Hamburg das erste Settlement in Deutschland. Im Berliner Osten gründete der Theologe Friedrich Siegmund-Schultze mit seiner Familie und Freunden 1911 die Soziale Arbeitsgemeinschaft (SAG) Berlin-Ost (Oelschlägel 2013; Müller 2009). Aus diesen Anfängen hat sich »Community-Work« mit seinen Richtungen »Community-Organization« und »Community-Development« in den USA, das »Opbouwwerk« in den Niederlanden sowie die »Gemeinwesenarbeit« in Deutschland entwickelt.

Oelschlägel erinnert daran, dass im ersten Drittel des 20. Jhs. seitens der damals sogenannten »kommunalen Fürsorge« und der »Freien Wohlfahrtspflege« bereits inhaltliche und organisatorische Grundsätze einer »stadtteilbezogenen sozialpraktischen Arbeit« gefordert und praktiziert wurden (Buck 1982; Oelschlägel 2013). Pionierinnen der Sozialen Arbeit wie Alice Salomon oder Marie Baum erkannten schon früh die Bedeutung des Einbezugs des sozialen und räumlichen Umfeldes von Wohnquartieren, Nachbarschaften und kommunaler Politik in Ergänzung zur Einzelfall- und Familienhilfe (vgl. Alice Salomon in Thole/Galuske/Gängler 1998: 132 f.; Marie Baum in Eggemann/Hering 1999: 216). Neben staatlicher Fürsorge und freien Wohlfahrtsverbänden hatte auch die Arbeiterbewegung, insbesondere die Kommunistische Partei Deutschlands mit ihrer Stadtteilarbeit in den zwanziger und dreißiger Jahren Gemeinwesenarbeit in Deutschland praktiziert (Müller 1971: 238). Während sich in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus die Gemeinwesenarbeit – wie andere Formen fortschrittlicher Sozialer Arbeit auch – nicht weiterentwickeln konnte, erlebte sie in den 1970er Jahren einen vorwiegend politisch motivierten Aufschwung, der in den 1980er Jahren wieder nachließ (Odierna 2004; Oelschlägel 1989/2013).

Zunächst dauerte es etliche Jahre, bis im Nachkriegsdeutschland Gemeinwesenarbeit als Begriff und methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit durch Rezeption der zwischenzeitlichen Entwicklungen in USA, Groß-Britannien und den Niederlanden wieder Fuß fassen konnte. Erste Publikationen in den 1950er Jahren (Kraus 1951; Lattke 1955) und Tagungen (Mayer-Kulenkampff 1962; Friedländer 1962) beschäftigten sich mit der Thematik und dem Ziel, Gemeinwesenarbeit in Deutschland wieder für die Soziale Arbeit bekannt und nutzbar zu machen (Vogel/Oel 1966). Das Spektrum der inhaltlichen Beschreibungen und Zielsetzungen von Gemeinwesenarbeit bewegte sich zwischen eher systemkonformen Lesarten, wonach Gemeinwesenarbeit die Aufgabe habe, latente Defizite bekannt zu machen und dafür Hilfsquellen des Gemeinwesens zu erschließen, und systemkritischem Verständnis der Aufdeckung von und Kritik an gesellschaftlichen Widersprüchen und Konflikten (Oelschlägel 2013). Oelschlägel benennt drei Gründe für den Anstieg praktischer Gemeinwesenarbeit in den 1950er und 1960er Jahren:

• Erstens konnten die Träger sozialer Dienste den steigenden Hilfebedarf mit den gegebenen materiellen und methodischen Maßnahmen nicht mehr decken, sodass eine methodische Weiterentwicklung erforderlich wurde.

• Zweitens kamen Staat und Kommunen durch die wachsende Kritikfähigkeit der Bürgerschaft und die Konkurrenz zwischen kapitalistischem System in der BRD und sozialistischem Regime in der DDR zunehmend unter Legitimationsdruck, der eine Orientierung am Gemeinwohl und Gemeinwesen nahelegte.

• Drittens forderten die professionellen SozialarbeiterInnen neue Strategien, um der zunehmenden Diskrepanz zwischen erhöhter Leistungsnachfrage und offensichtlichen Leistungsdefiziten sozialer Dienste zu entgehen (Oelschlägel 2013).

Nichtstaatliche Organisationen und Initiativen engagierten sich in Obdachlosensiedlungen, um dort »Hilfe zur Selbsthilfe« zu leisten. Später forcierten insbesondere christliche Kirchengemeinden in Neubaugebieten der 1960er Jahre den Ausbau einer diakonisch verstandenen Gemeinde-/Gemeinwesenarbeit, indem z. B. Gemeindehäuser errichtet wurden, die für die gesamte Bevölkerung des Gemeindegebietes oder Stadtteils offen sein sollten.2 Bereits Ende der 1960er Jahre wurde in der bundeszentralen Fort- und Weiterbildungsstätte der evangelischen Kirche, dem Burckhardthaus Gelnhausen, das erste Weiterbildungsprogramm zu Gemeindeaufbau und -wesenarbeit mit Pfarrer Manfred Dehnen als erstem Dozenten gestartet, das in langer Tradition bis in das 21. Jh. fortgeführt wurde (Müller 2009: 218 ff.).

Die ersten Erfahrungen mit GWA in Neubaugebieten (frühe Beispiele waren Stuttgart-Freiberg, Wolfsburg und Baunatal bei Kassel), insbesondere mit dem Großsiedlungsbau der Trabantenstädte (z. B. »Osdorfer Born« in Hamburg; »Märkisches Viertel« in Berlin; »Neu-Perlach« in München; »Landwasser« in Freiburg), offenbarten die Mängel der bis dahin gewöhnlich top-down angelegten Stadtplanung ohne Bürgerbeteiligung (Hubbertz 1984; Gronemeyer/Bahr 1977). GWA sollte dazu beitragen, dass bei Planungen die Bevölkerung in die Gestaltung ihres Lebensumfeldes einbezogen und nicht über ihre Köpfe hinweg geplant und entschieden wird. Damit verbunden war die Forderung an professionelle Soziale Arbeit, sich in Stadt-(Teil-)Planung einzumischen und das Feld nicht alleine den »Bauplanern« zu überlassen (Wendt 1989).

In diesem Entwicklungsstadium der GWA wurde deren gesellschaftspolitische Bedeutung offensichtlich und entsprechend kontrovers diskutiert. Während Gemeinwesenarbeit einerseits obrigkeitsstaatliches (hier kommunales) Handeln durch Information der Bevölkerung legitimieren und die Menschen von der Notwendigkeit und Richtigkeit planerischer Entscheidungen, wie z. B. Sanierungs- und Neubaumaßnahmen, überzeugen sollte, wurde von anderer Seite die gesellschaftskritische Rolle der GWA und die Aufgabe der Demokratisierung der Gesellschaft reklamiert (Müller, W. 1972: 85).

Ziel der GWA war damals die Organisation der Menschen im Stadtteil. Die Wege zur Zielerreichung variierten allerdings zwischen der Selbstorganisation der Betroffenen, bei der GWA die Aufgabe zukommt, Möglichkeiten der Selbstorganisation zu initiieren und zu unterstützen, und der von anderen damaligen Akteuren intendierten Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse durch Engagement für die »Arbeiterklasse« und in deren Organisationen (Oelschlägel 2013).

Die Diskussionen über GWA und innerhalb der professionellen GWA spiegelten sich in den Fachpublikationen, womit sich zunehmend eine eigenständige deutsche GWA-Rezeption entwickelte. Die GWA-Klassiker von Murray Ross (1968) und Joe Boer (1970) wurden von C. W. Müller (1971) und dem Arbeitskreis kritische Sozialarbeit (AKS 1974) für ihre »systemerhaltende« Haltung kritisiert. Die Schriften von Saul Alinsky (1973; 1974) wurden neben anderen damals wesentlichen Ansätzen in dem Reader zur Theorie und Strategie von GWA der Victor-Gollancz-Stiftung3 (1974) rezipiert.

Ende der 1960er Jahre organisierten sich GemeinwesenarbeiterInnen anlässlich der Tagung des Verbandes Deutscher Nachbarschaftsheime (ab 1971 »Verband für sozial-kulturelle Arbeit e. V.«) und gründeten innerhalb des Verbandes, aber in Koordination mit Berufsverbänden (»Moderne Sozialarbeit«) und Gewerkschaften (ÖTV und GEW) die Sektion Gemeinwesenarbeit. Das »Forum Märkisches Viertel« in Berlin war zum vorläufigen Informations- und Koordinationszentrum geworden, und mit einem eigenen Rundbrief wurden Anschriften interessierter GemeinwesenarbeiterInnen, Kurzcharakteristiken neuer Projekte der GWA und Hinweise auf Fachliteratur und Tagungen in Fachkreisen publik gemacht. Diese Sektion GWA hatte Bestand bis 1979 (Oelschlägel 2013).

Bereits zu Beginn der 1970er Jahre wurden empirische Untersuchungen zu den Wirkungen der GWA durchgeführt, die u. a. den damals hohen politischen Anspruch in der Praxis als nicht einlösbar beurteilte, sondern die GWA im Spannungsfeld zwischen Behördenzielen und Bevölkerungsinteressen verortet sah (Victor-Gollancz-Stiftung 1972; Mesle 1978). Schon damals wurde als Erkenntnis aus den Untersuchungen die Notwendigkeit der Verbindung zwischen GWA und Stadtplanung/-entwicklung als kommunalpolitische Aufgabe erkannt (Müller 2009: 223 ff.). Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen war in Deutschland als »Gemeinwesenarbeit (GWA)« also zuerst eine weitere Methode neben Einzelfallhilfe und sozialer Gruppenarbeit (1950er Jahre), danach eine revolutionäre Vision (1960/70er Jahre) und durchlief seit den 1980er Jahren weitere Entwicklungen.

Zunächst führte die unter dem Begriff »Ölkrise« bekannte Wirtschaftskrise Mitte der 1970er Jahre zur Beendigung der Reformzeit im Bildungs- und Sozialwesen. »Radikalenerlass« und Berufsverbote, als Reaktion auf die Gewaltakte der »Rote Armee Fraktion« (RAF), bremsten darüber hinaus die Aktivitäten konfliktorientierter GemeinwesenarbeiterInnen und führten zu einer Ernüchterung bezüglich der Bedeutung von Gemeinwesenarbeit in Deutschland. Als Zeichen dieser Ernüchterung wurde im Herbst 1975 im Rahmen einer Tagung über konfliktorientierte GWA in Berlin eine symbolische Todesanzeige auf die Gemeinwesenarbeit mit folgendem Wortlaut veröffentlicht:

»Nach einem kurzen, aber arbeitsreichen Leben verstarb unser liebstes und eigenwilligstes Kind GWA an Allzuständigkeitswahn, Eigenbrötelei und Profilneurose, methodischer Schwäche und theoretischer Schwindsucht, finanzieller Auszehrung und politischer Disziplinierung. Wir, die trauernden Hinterbliebenen, fragen uns verzweifelt, ob dieser frühe Tod nicht hätte verhindert werden können?« (Müller 2009: 229)

Dass Mitte der 1970er Jahre, trotz erfolgreicher Arbeit, sowohl die Victor-Gollancz-Stiftung aufgelöst als auch das Burckhardthaus Gelnhausen organisatorisch umstrukturiert wurde, scheint kein Zufall, sondern Folge der Zerreißproben zwischen meist ehrenamtlichen Vorständen, mehr oder weniger traditioneller Wohlfahrtsorganisationen und deren professionellen, vorwiegend progressiven MitarbeiterInnen gewesen zu sein. Mit der Phase des politischen Aufbruchs, durch »Studentenbewegung« und »außerparlamentarische Opposition«, zu mehr Demokratie und Beteiligung der BürgerInnen an der sie betreffenden Politik, wuchsen in der Folgezeit neue soziale Bewegungen (Frauen-, Friedens-, Öko-, Bürgerinitiativen etc.) heran, die das Bewusstsein für die Gestaltung der Lebensbedingungen und einen lokalen Bezug unter dem Slogan »global denken – lokal handeln« schärften.

Erfahrungen und Kenntnisse aus der Gemeinwesenarbeit wurden vor allem von Oelschlägel Anfang der 1980er Jahre zu einem Handlungsfeld übergreifenden Konzept »Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip« der Sozialen Arbeit formuliert (vgl. Boulet/Krauss/Oelschlägel 1980). Dabei konnte sich Oelschlägel auf ältere Quellen von Steinmeyer (1969) beziehen, der schon Ende der 1960er Jahre ein, über den Methodenbegriff hinausgehendes, Verständnis von GWA vorschlug (Oelschlägel 2013). Auch auf den Tagungen der Victor-Gollancz-Stiftung wurde GWA bereits in den 1970er Jahren als Form einer stadtteilbezogenen, kooperativen und methodenintegrativen Sozialarbeit beschrieben (Graf 1976). »Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip« war demnach zu verstehen als eine Grundorientierung, Sichtweise und Haltung professionellen sozialen Handelns, die eine grundsätzliche Herangehensweise an soziale Probleme im Rahmen professioneller Sozialer Arbeit impliziert. Mit dem »Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit« verbundene Merkmale:

• »Das Arbeitsprinzip GWA erkennt, erklärt und bearbeitet, soweit das möglich ist, die sozialen Probleme in ihrer historischen und gesellschaftlichen Dimension. Zu diesem Zweck werden Theorien integriert, die aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen stammen. Damit ist das Arbeitsprinzip GWA auch Werkzeug für die theoretische Klärung praktischer Zusammenhänge.

• Das Arbeitsprinzip GWA gibt aufgrund dieser Erkenntnisse die Aufsplitterung in methodische Bereiche auf und integriert Methoden der Sozialarbeit (Casework, Gruppenarbeit usw.), der Sozialforschung (z. B. Handlungsforschung) und des politischen Handelns (Öffentlichkeitsarbeit, Bürgerversammlungen etc.) in Strategien professionellen Handelns in sozialen Feldern.

• Mit ihren Analysen, Theorien und Strategien bezieht sich GWA auf ein »Gemeinwesen«, d. h. den Ort, wo die Menschen samt ihrer Probleme aufzufinden sind. Es geht um die Lebensverhältnisse und Lebenszusammenhänge der Menschen, wie diese sie selbst sehen (Lebensweltorientierung). GWA hat eine hohe Problemlösungskompetenz aufgrund ihrer lebensweltlichen Nähe zum Quartier. Als sozialräumliche Strategie, die sich auf die Lebenswelt der Menschen einlässt, kann sie genau die Probleme aufgreifen, die für die Menschen wichtig sind, und sie dort lösen helfen, wo sie von den Menschen bewältigt werden müssen. Dabei kümmert sich GWA prinzipiell um alle Probleme des Stadtteils und konzentriert sich nicht, wie oft Bürgerinitiativen, auf einen Punkt. Damit schafft sie Kontinuität, auch wenn es in dem einen oder anderen Fall Misserfolge gibt.

• Das Arbeitsprinzip GWA sieht seinen zentralen Aspekt in der Aktivierung der Menschen in ihrer Lebenswelt. Es will sie zu Subjekten auch politisch aktiven Lernens und Handelns machen, will selbst zu einer »Handlungsstrategie für den sozialen Konflikt« werden. Das bedeutet allerdings, dass GWA die scheinbare Neutralität vieler GWA-Konzepte aufgibt und parteilich wird.« (Oelschlägel 2013: 191)

Gesellschaftliche Entwicklungen im vierten Quartal des 20. Jhs., wie ökologische Krisen, Massenarbeitslosigkeit, neue Armut, Jugendproteste, Veränderungen der Parteienlandschaft, Entstehung alternativer oder hedonistischer Milieus, stärkere Individualisierung u. ä. (Beck 1986), haben in den Sozialwissenschaften zu einer Ausdifferenzierung und Suche nach neuen Gesellschaftsbeschreibungen geführt (Pongs 1999). Mit der Orientierung an Alltag und Lebenswelt bzw. der subjektiven Lebensqualität aus Sicht der Menschen in ihrer jeweiligen Lebenssituation ist Lebensweltorientierung (Thiersch 2009) in den 1980er Jahren zu einem zentralen Handlungskonzept der Sozialen Arbeit, so auch der GWA geworden.

In Gesellschaften und Quartieren mit großer Wertepluralität/-vielfalt machen unterschiedliche Werte möglicherweise unsicher und ängstlich. Deshalb wird Kontakt und Konfrontation tendenziell eher vermieden, wodurch Unverständnis, Missverständnis und Misstrauen eher noch anwachsen (Sennett 1983; Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007: 99 ff.). Wenn Wertehomogenität und Wertekonsens angesichts unterschiedlicher, pluraler Lebensentwürfe und Lebensstile nicht (mehr) herstellbar sind, gehört gerade die Aushandlung von Regeln, etwa im Sinne der von Norbert Elias (1976) beschriebenen Zivilisierungsprozesse des Ausbalancierens von Machtpotentialen, mittels Diskussionen über Strittiges, Alltägliches, Einigendes, zum gesellschaftlichen Auftrag Sozialer Arbeit in Gemeinwesen, in denen Bevölkerung unterschiedlicher Herkunft, sozialer Lage und Lebensstile auf vergleichsweise engem Raum zusammenleben (müssen).

Während Oelschlägel und andere begrifflich an »Gemeinwesenarbeit« festhielten, verwendeten Hinte u. a. den Begriff »Stadtteilarbeit« und »stadtteilbezogene Soziale Arbeit« (Hinte/Metzger-Pregizer/Springer 1982) und entwickelten ein »Fachkonzept«, das zur Anwendung in einigen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit, wie z. B. der »Jugendhilfe« (Hinte/Treeß 2007) der »Offenen Jugendarbeit« (Deinet 2005) oder der »Hilfe zur Erziehung« (Peters/Koch 2004) weiter schriftlich ausgearbeitet wurde.

Im Laufe der 1990er Jahre erfuhr der Terminus »Stadtteilorientierung« eine Umformulierung in »Sozialraumorientierung« verbunden mit zunehmender Verbreitung und Potential zu einem integrativen Handlungskonzept, mit Wirkungen über die Soziale Arbeit hinaus auch in andere Disziplinen (s. u., Literatur zu Sozialraumorientierung). Die Tatsache, …

»… dass zunehmend räumliche Einflüsse in das Blickfeld der kommunalpolitischen Akteure gerieten, dass sozialräumliche Strategien zunehmend anerkannt wurden und dass integriertes, ressortübergreifendes Denken in den Verwaltungen an Bedeutung gewinnen konnte …« (Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007: 99)

…, kann als Ursache für die Entwicklung verschiedener politischer Fach-Programme, wie »soziale Stadtentwicklung«, »lokale und solidarische Ökonomie«, »Gesundheitsförderung«, »Bürgerschaftliches Engagement«, »Gemeindenahe Psychiatrie« etc., angesehen werden, die auf dem »Handlungskonzept Sozialraumorientierung« aufbauen. Die Prinzipien stadtteilbezogener bzw. sozialraumbezogener Arbeit nach Hinte u. a. (2007: 9) sind:

• Der Wille bzw. die Interessen der leistungsberechtigten Menschen als Ausgangspunkt jeglicher Arbeit und nicht Wünsche oder Bedarfe

• Vorrang aktivierender Arbeit vor betreuender Tätigkeit

• Personale und sozialräumliche Ressourcen spielen bei der Gestaltung von Arrangements eine entscheidende Rolle

• Aktivitäten sind immer zielgruppen- und bereichsübergreifend angelegt

• Vernetzung und Integration verschiedener sozialen Dienste sind Grundlage einer nachhaltig wirksamen Sozialen Arbeit (Hinte in: Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007: 9).

In den 1990er Jahren erlebte die von Saul Alinsky bereits Mitte des 20. Jhs. in den USA entwickelte und praktizierte Mobilisierung von Bevölkerung für ihre eigenen Anliegen unter dem Namen »Community Organizing« (CO) eine Renaissance in Europa, insbesondere in Deutschland. Morlock u. a. veröffentlichten 1991 einen Vergleich zwischen GWA und CO. Nach der Jahrtausendwende hatte sich CO in Deutschland weiterverbreitet, wofür auch die Gründung der Plattform »Forum Community Organizing« (FOCO 1997) als Beleg gelten darf (vgl. Szynka 2006; Penta 2007). Mehr über diese und andere Formen von sozialraumorientierter Arbeit findet sich an anderer Stelle dieses Buches sowie in der angegebenen einschlägigen Literatur (vgl. Stövesand u. a. 2013).

Zwischenzeitlich wird Gemeinwesenarbeit nicht nur in Stadtteilen und Quartieren eingesetzt, die zu »Problemgebieten« geworden sind, sondern bereits in neu aufzubauenden Stadtteilen zur Förderung des sozialen Lebens und zur Vermeidung von Problemkonstellationen implementiert (Maier/Sommerfeld, 2005)4. Gegen Ende der 1990er Jahre hat sich in der Fachwelt der Begriff »Stadtteil- oder Quartiermanagement« entwickelt und im Laufe der 2000er Jahre verbreitet. Dabei geht es um die Beantwortung der Fragen, wer und wie für die Entwicklung von Stadtteilen bzw. Quartieren verantwortlich sein soll und kann (Alisch 1998). Grimm, Hinte und Litges (2004) legten mit ihrer Publikation »Quartiermanagement. Eine kommunale Strategie für benachteiligte Wohngebiete« einen Vorschlag zur Systematisierung der sehr inkonsistent verwendeten Begrifflichkeiten von »Stadtteil-/Quartiermanagement«, »Gemeinwesen-/Stadtteilarbeit« vor. Hintergrund für die Management-Orientierung waren u. a. Stadtentwicklungsprogramme wie das Bund-Länder-Programm »Soziale Stadt« (2019) und der Trend zu neueren Steuerungsmodellen der öffentlichen Verwaltung (Becker 2020a). In deren Rahmen spielen sowohl die verwaltungsinterne Koordination der Kommunalpolitik als auch die »Akzentverschiebung kommunaler Leitbilder« (Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007: 179) von der Kunden- zur Bürgerorientierung eine Rolle (Becker 2016b).

Die Implementation von Quartiermanagement unter Einsatz von Fachkräften Sozialer Arbeit ist zwischenzeitlich auch im Rahmen von Projekten der Wohnungswirtschaft feststellbar. Neben den klassischen Aufgaben des Beschwerdemanagements und der Wohnberatung stehen dabei auch allgemeine Sozialberatung, Konfliktmoderation sowie Anregungen zu und Organisation von gemeinsamen Aktivitäten der BewohnerInnen bis hin zur Initiierung von sozialen Netzwerken gegenseitiger Hilfe bei der Betreuung von Kindern, alten Menschen oder Menschen mit Behinderungen auf der Liste der Tätigkeitsbeschreibung von GemeinwesenarbeiterInnen im Dienste von kommunalen Wohnungsgesellschaften oder Wohnungsgenossenschaften.5

Im Folgenden werden wesentliche Grundlagen Sozialer Arbeit im Handlungsfeld sozialer Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit dargestellt.

1.2 Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesen- arbeit als Handlungsfeld Sozialer Arbeit

In der Darstellung der Historie sowie der Entwicklungslinien gebietsbezogener Sozialer Arbeit wurden bereits eine Vielzahl einschlägiger Begriffe und deren Varianten erwähnt, ohne jedoch auf deren Unklarheiten, Brisanz oder Strittigkeit näherer einzugehen. Dies soll in diesem zweiten Abschnitt nachgeholt werden, weil für das Verständnis eines Handlungsfelds professioneller Sozialer Arbeit, die Grundlage eines fachlichen »State of the Art« als notwendige Bedingung erachtet wird. In der Einleitung und dem ersten Abschnitt wurde der Gegenstandsbereich, das hier zu betrachtende Handlungsfeld Sozialer Arbeit, zunächst mit »gebietsbezogener Sozialer Arbeit« umschrieben und unter Berücksichtigung historischer Wurzeln und unter Verwendung des Begriffs Gemeinwesen als »Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen« bezeichnet. Diese Begriffe sind zunächst als vorläufige Arbeitsbegriffe zu verstehen, die durch die folgenden Ausführungen problematisiert, diskutiert und für die Verwendung in diesem Band definiert werden.

Gemeinwesen

Der Begriff »Gemeinwesen« wird im deutschen Sprachgebrauch sowohl für Gebietskörperschaften des Staatswesens (Nation, Kommune, Gemeinde) als auch für Personalverbände6 benutzt (Duden 1995). Begrifflich ist mit »Gemeinwesen« nach demokratiepolitischem Verständnis das ›Wesen des (All-)Gemeinen‹, also aller körperschaftlich miteinander verbundenen Menschen gemeint, womit der öffentliche, politische Rahmen angesprochen ist. Ein »Gemeinwesen« kann also so unterschiedliche territorial begrenzte und politisch verfasste Einheiten umfassen wie ein gesamtes Staatswesen, ein Bundesland, eine Kommune oder ein Teil einer Kommune. Das fachliche Verständnis von Gemeinwesen aus der Perspektive der Sozialen Arbeit wird im Handbuch Gemeinwesenarbeit (GWA) folgendermaßen expliziert:

»Mit Gemeinwesen bezeichnen wir einen sozialen Zusammenhang von Menschen, der über einen territorialen Bezug (Stadtteil, Nachbarschaft), Interessen und funktionale Zusammenhänge (Organisationen, Wohnen, Arbeit, Freizeit) oder kategoriale Zugehörigkeit (Geschlecht, Ethnie, Alter) vermittelt ist, bzw. darüber definiert wird.« (Stövesand u. a. 2013: 16)

In dieser Definition finden sich, mit dem territorialen Bezug, der Betonung funktionaler Zusammenhänge sowie kategorialer Zugehörigkeiten von Menschen Merkmale, die in der Sozialen Arbeit auch für Gemeinwesenarbeit reklamiert werden. Anders als rein territoriale oder geografische Gebietsbeschreibungen wie Stadtbezirk, Stadtteil, Stadtviertel impliziert der Begriff Gemeinwesen einen sozialen und politischen Zusammenhang von Menschen, die in einem (gewissen) Territorium leben. Ebenso wenig wie Individuen und Gesellschaft (Elias 1991) unabhängig voneinander existieren, können Raum und Soziales zwar getrennt betrachtet aber nicht getrennt voneinander verstanden werden, worauf im Folgenden noch näher einzugehen sein wird. Auch im Handbuch GWA wird mit der Feststellung »Gemeinwesen ist gleichzeitig Handlungsraum [administrativ begrenztes Gebiet von Dorf bis Staat; Einfügung des Autors MB] und Sozialgefüge« (Stövesand u. a. 2013: 24) einerseits die Bedeutung des Gebietsbezuges bestätigt und gleichzeitig mit der Aussage »Raum ist demnach immer schon Sozialraum« (ebd.: 25) auf die Verbindung zwischen materieller und sozialer Bedeutung von Raum hingewiesen.

Gemeinwesen als Territorium: Stadt/Stadtteil/Stadtvierte

Die Begrifflichkeiten für die territoriale Eingrenzung von Gemeinwesen sind sowohl in der Praxis als auch in der Fachliteratur sehr heterogen. Die Problematik der Begriffsverwendung besteht u. a. darin, dass die Eingrenzung von Stadtteilen und Stadtvierteln meist auf amtlichen statistischen Bezirken (z. B. Wahlbezirke, Schulbezirke, Planbezirke, Programmgebiete etc.) beruhen, die nicht immer deckungsgleich sind und nicht mit der Einschätzung und Definition des unmittelbaren sozialen und räumlichen Lebensumfelds der Bevölkerung übereinstimmen müssen. Verwaltungsbezirke in Großstädten sind, nach ihrer Bevölkerungszahl, oft größer als eine deutsche Mittelstadt (20–100 Tsd. EinwohnerInnen), und Stadtteile in Großstädten können, gemessen an der Bevölkerungszahl, der Größenordnung einer Kleinstadt (5–20 Tsd. EinwohnerInnen) entsprechen (Statistisches Jahrbuch 1999: 63).

Deshalb werden im Rahmen dieses Beitrages Stadtteile und Stadtviertel als administrative Territorien verstanden, deren Raumabgrenzungen zu Planungs- und Organisationszwecken vorwiegend nach statistischen und geografischen Indikatoren erfolgen.

Quartier/e

Als »Quartiere« werden in diesem Band gesellschaftliche Räume betrachtet, die sowohl von baulich-materiellen Strukturen als auch von gesellschaftlichen Handlungsstrukturen sowie Interaktionsprozessen beeinflusst und geprägt werden und von der Bevölkerung nach ihren räumlichen und sozialen Dimensionen als relativ überschaubar empfunden werden.

Im Gegensatz zu den nach territorialen (Plangebiete, Verwaltungsbezirke, Stadtteile etc.) oder funktionalen (Wahl-, Schulbezirke, Postleitzahlbereiche etc.) Kriterien erfolgenden Begrenzungen von und in Kommunen, lassen sich »Quartiere« als subjektiv konstruierte soziale Räume verstehen, die mit unterschiedlichen Zuschreibungen an Bedeutungen und Begrenzungen seitens der Bevölkerung verbunden sind. Das Leben der Menschen spielt sich schließlich nicht nur in ihrem Wohnbereich und ihrer Nachbarschaft ab, je nach Interessen und Mobilität gehören ganz unterschiedliche »Aktionsräume«7 zur individuell-subjektiven Lebenswelt. Quartiere können und müssen demnach nicht deckungsgleich mit amtlichen Gebietszuordnungen sein, sondern bilden quasi eine empirische Zuordnung ab, die z. B. durch die informellen Begriffe wie »Kiez« in Berlin, »Veedel« in Norddeutschland oder »Grätzel« in Österreich unterstrichen wird. Während in Deutschland »Quartier« in einem älteren Verständnis für einen Schlafplatz (»das Quartier bereiten«) und in neuerem Sprachgebrauch für Bauobjekte (Marketingbegriff zur Investoren-/Käuferwerbung) verwendet wird, gilt das »Quartier« im schweizerischen und französischen Sprachgebrauch, auch in der Bevölkerung, eher als Stadtviertel und wird entsprechend benutzt.

Quartierarbeit

Quartierarbeit als Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen kann mit Lüttringhaus beschrieben werden als …

»… Organisation von projekt- und themenunspezifischen Prozessen [Methode] in Wohnquartieren, und zwar über eine Vielzahl an Aktivierungsaktionen [Techniken] anhand direkt geäußerter und (durchaus häufig wechselnder) Interessen der Wohnbevölkerung mit dem Ziel einer ›Grundmobilisierung‹ eines Wohnquartiers [Ziel], die den ›Humus‹ für größere Einzelprojekte darstellt«. (Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007: 11; in Klammern Einfügungen des Autors)

Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen als Quartierarbeit kooperiert mit »intermediären Akteuren«, die zwischen Verwaltung und Bevölkerung stehen (z. B. Organisationen wie Verbände, Vereine etc.), sowie mit Gebietsbeauftragten (z. B. »QuartiermanagerInnen«) der Verwaltung. Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen als Quartierarbeit ist demnach nicht identisch mit »Quartiermanagement«, sondern, gemeinsam mit anderen Akteuren, Teil kommunalen Quartiermanagements (Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007: 11).

Stadtteil-/Quartiermanagement

Im Laufe der 1990er und 2000er Jahre hat sich in der Fachwelt der Begriff des »Stadtteil- oder Quartiermanagements« entwickelt und verbreitet. Dabei geht es um die Beantwortung der Fragen, wer für die Entwicklung von Stadtteilen bzw. Quartieren wie verantwortlich sein soll und kann (Alisch 1998). Hintergrund für diese Orientierung sind u. a. Stadtentwicklungsprogramme wie das Bund-Länder-Programm »Soziale Stadt« (2012) und der Trend zu neueren Steuerungsmodellen der öffentlichen Verwaltung ( Kap. 6), in deren Rahmen sowohl die verwaltungsinterne Koordination der Kommunalpolitik als auch die »Akzentverschiebung kommunaler Leitbilder« (Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007: 179) von der Kunden- zu Bürgerorientierung eine Rolle spielen (Becker 2016b; Grimm/Hinte/Litges 2004).

Mit Hinte kann Quartiermanagement definiert werden als …

»… eine institutionell gesteuerte professionelle Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen, insbesondere in benachteiligten Wohnquartieren, und zwar vorrangig durch Aktivierung und Organisation der materiellen und personellen Ressourcen eines Stadtteils.« (Hinte 2002: 545)

Dabei werden im Wesentlichen drei Ebenen des Quartiermanagements unterschieden ( Kap. 6; Abb. 1).

Ebenen von Quartiermanagement

• Die Quartierebene, auf der GemeinwesenarbeiterInnen als Fachkräfte in Stadtteil-/Quartierbüros Interessen lokaler Akteure und BewohnerInnen wecken, aufgreifen, initiieren und begleiten sowie zu Aktivitäten animieren und die Bevölkerung an Prozessen beteiligen.

• Auf der Verwaltungsebene besteht die Aufgabe sogenannter »Gebietsbeauftragter« darin, zwischen Dezernaten und Ämtern Aktivitäten gebietsbezogen zu koordinieren, Ressourcen zu bündeln und die Gesamtsteuerung von Projekten zu übernehmen. Auch die Aufgabe, städtische Planungen vor Ort zu tragen und zu erläutern sowie innerhalb von Kommunalverwaltung und -politik auf Themen und Anliegen aus den Quartieren aufmerksam zu machen.

• Zwischen Quartier- und Verwaltungsebene, quasi auf intermediärer Ebene, sind Stadtteil-/Quartier-ModeratorInnen angesiedelt, zu deren Aufgaben gebietsbezogene Koordination, Mediation, Moderation und Vernetzung gehören. Sie vermitteln zwischen den Anliegen der Bevölkerung vor Ort auf der einen und den zuständigen Behörden auf der anderen Seite. Idealerweise betreiben die Akteure auf der intermediären Ebene keine eigenen Einrichtungen und Dienstleistungen im Quartier, um ihre Unabhängigkeit zu wahren und nicht Gefahr zu laufen, aufgrund eigener Interessen in Interessenskonflikte zu geraten.


Abb. 1: Schaubild Quartiermanagement Quelle: eigene Bearbeitung, Becker 2014 nach Bertelsmann-Stiftung/Hans-Böckler-Stiftung/KGST (Hrsg.) 2002: 9

Die Zuordnung zur jeweiligen Ebene und die damit verbundenen Aufgaben und Kompetenzen sind in der Praxis oft verschwommen oder ungeklärt, mit der Folge von Missverständnissen, Misserfolgen und Enttäuschung auf jeder Seite. Auf diese Problematik wird in Kapitel 6.4 in Zusammenhang mit den Empfehlungen für eine nachhaltige soziale Stadt- und Quartierentwicklung nochmals vertieft eingegangen werden ( Kap. 6.4).

Gemeinwesenarbeit

»Gemeinwesenarbeit« wurde in der Vergangenheit sehr unterschiedlich verstanden und definiert (zur Übersicht vgl. Galuske 2007: 99 ff.). Wie im ersten Abschnitt zu den geschichtlichen Hintergründen bereits beschrieben ( Kap. 1.1) hat sich im deutschsprachigen Raum »Gemeinwesenarbeit« als Fachbegriff Sozialer Arbeit im Laufe von mehr als 150 Jahren entwickelt. In den Niederlanden setzte sich der Begriff »Opbouwwerk« durch, im englischsprachigen Raum wird dagegen von »Communitywork« mit den Differenzierungen in »Community Organization« und »Community Development« gesprochen, während es im französischen Sprachgebrauch keine genaue Entsprechung zum Begriff »Gemeinwesenarbeit« gibt und sich daher die Umschreibung »travaille social sur le commun« (Becker 2015: 93) anbietet.

Mit dem Begriff »Gemeinwesenarbeit« war in seiner historischen Entwicklung zunächst eine Methode, dann ein Arbeitsfeld und schließlich ein Arbeitsprinzip verbunden. Kennzeichnend für GWA ist dabei, dass der Fokus nicht auf einem Individuum oder einer Kleingruppe liegt,

»sondern in einem großflächigeren sozialen Netzwerk [Hervorhebung in Kursivschrift im Original], das territorial (Stadtteil, Nachbarschaft, Gemeinde, Wohnblock, Straßenzug), kategorial (bestimmte ethnisch, geschlechtsspezifisch, altersbedingt abgrenzbare Bevölkerungsgruppen), und/oder funktional (d. h. im Hinblick auf bestimmte inhaltlich bestimmbare Problemlagen wie Wohnen, Bildung etc.) abgrenzbar sind [ist].« (Galuske 2007: 101)

Wie aus der dargestellten historischen Entwicklung durchgängig erkennbar, bezieht sich GWA meist auf eine territoriale Einheit (Stadtteil, Stadtviertel oder kleinere Gemeinde). In den Anfangszeiten der Settlementbewegung waren Armen- oder sogenannte »Elendsviertel« die Einsatzgebiete der GWA. Pionierinnen der Sozialen Arbeit wie Alice Salomon oder Marie Baum haben schon früh die Notwendigkeit des Einbezugs des sozialen und räumlichen Umfelds hilfebedürftiger Menschen für die Bearbeitung und Bewältigung sozialer Probleme erkannt und gefordert.

In den Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit wurde, als diese, auf dem Planungsmodell Le Corbusiers (1957) basierenden Trabantenstädte im Laufe der 1980er Jahre sowohl baulich renovierungsbedürftig als auch infrastrukturell vernachlässigt waren und sich zunehmend sozial entmischt bzw. homogenisiert hatten, GWA für die sogenannten »sozialen Brennpunkte« oder »benachteiligten Wohngebiete« eingesetzt. Im Rahmen der sozialen Stadtentwicklungsprogramme wie »Soziale Stadt« (2008) werden »Gebiete mit besonderem Erneuerungs- bzw. Entwicklungsbedarf« ausgewiesen und administrativ festgelegt.

In den 1970er Jahren führten in Deutschland Forderungen nach Einmischung Sozialer Arbeit und Beteiligung von BürgerInnen an der Stadtplanung dazu, dass mehr Beteiligungsrechte im Baugesetzbuch aufgenommen wurden (Becker 2008: 444). Die Relevanz einer territorialen Perspektive Sozialer Arbeit für die Beurteilung und (präventive und korrektive) Bearbeitung sozialer Probleme, ergibt sich grundsätzlich aus der empirisch beobachtbaren Tatsache, dass sich globale, nationale und regionale Entwicklungen je nach gesellschaftlicher Bewältigungsstrategie mehr oder weniger auf lokaler Ebene in Form räumlicher Konzentrationen abbilden können. Gesellschaftliche Polarisierungs- und Spaltungsprozesse können zu räumlichen Konzentrationserscheinungen führen, die sich in wahrnehmbaren »Verlierer-« und »Gewinnerräumen« abzeichnen (Becker 2008). Erkenntnisse über Wirkungen räumlich-baulicher Strukturen auf Nutzungsqualitäten von territorial bestimmbaren Räumen und die Zusammensetzung der Bevölkerung in solchen Räumen, belegen die Bedeutung räumlich-baulicher Gestaltung von Siedlungsräumen (Farwick 2004). Nahräumliche Infrastruktur ist insbesondere für entfernungssensible Menschen, z. B. mit körperlichen oder finanziellen Mobilitätseinschränkungen, mitentscheidend für deren ökonomische, kulturelle und soziale Teilhabechance am gesellschaftlichen Leben. Gelegenheiten für soziale Kontakte beeinflussen die Bewältigungsmöglichkeiten von Menschen in schwierigen Lebenslagen. Die genannten Wirkungen und Effekte der »sozialwirksamen Raumstruktur« und »negativer Ortseffekte« werden in der Fachwelt nicht widerspruchslos geteilt, sondern mit Verweis auf unklare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge in Frage gestellt (Ziegler 2011). Für die Untersuchung der komplexen Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und deren möglichen Auswirkungen in territorial bestimmbaren Räumen auf lokaler Ebene scheinen eindimensionale Ursache-Wirkungs-Vermutungen weder als Beleg noch als Gegenbeweis für (negative) »Ortseffekte« geeignet.

In Bezug auf die territoriale Perspektive von GWA wird auch Kritik an der »(Re)Territorialisierung des Sozialen« (Kessl/Otto 2007) geübt, d. h. an dem Versuch die Lösung sozialer Probleme in Gebieten mit benachteiligter Bevölkerung zu verorten, obwohl dort die geringsten Ressourcen zur Lösung vorhanden sind. Damit wird nicht nur die Annahme kritisiert, soziale Probleme ließen sich an ihren Erscheinungsbildern und Auswirkungen kurieren, sondern es wird auch eine Governance-Strategie angeprangert, die den ohnehin belasteten und benachteiligten Menschen die Lösung von Problemen, die sie nicht verursacht haben, aufbürdet und ihren Lebensraum obendrein auch noch als Problemgebiet stigmatisiert. Allerdings erweckt die Kritik an der »(Re)Territorialisierung des Sozialen« den Eindruck, eine territoriale Perspektive an sich sei das Problem und nicht die Fokussierung auf Problemgebiete bei gleichzeitiger Ausblendung der (Mit-)Verantwortung von (Stadt-)Gebieten mit guter Ausstattung an räumlichen und sozialen Ressourcen. Deshalb ist eine gesamtstädtische Betrachtung sozialer und räumlicher Aspekte im Rahmen einer integrierten (disziplin- und ressortübergreifenden) Stadt- und Quartierentwicklung angeraten, die die gesamte Stadt mit all ihren (Stadt-)Teilen und Quartieren und nicht nur die sogenannten Problemgebiete in den Blick nimmt und bearbeitet (entwickelt).

Nach den o. g. einschlägigen Definitionen sind »Gemeinwesen« (Stövesand u. a. 2013: 16) bzw. »soziale Netzwerke« (Galuske 2007: 101) neben territorial-geografischen Merkmalen auch nach funktionalen und/oder kategorialen Kriterien abgrenzbar. Von funktionaler Ausrichtung wird gesprochen, wenn Aufgaben wie die Verbesserung der Verkehrs- (Straßenführung, -lärm, ÖPNV-Angebot etc.), Versorgungs- (Einkaufsmöglichkeiten, Gesundheitsdienstleistungen etc.) oder sozialen Infrastruktur Arbeitsmöglichkeiten oder die Wohnsituation der Bevölkerung (Bausanierung, Miethöhen etc.) im Vordergrund stehen. Kategoriale Zugehörigkeit wird in der Fachliteratur verstanden als Arbeit mit Menschen unterschiedlicher personenbezogener Merkmale, wie z. B. Geschlecht, Ethnie, Alter etc.

Dieses Verständnis von GWA und deren Differenzierung nach territorialer, funktionaler und kategorialer Ausrichtung widerspricht gewissermaßen den o. g. Merkmalen des »Arbeitsprinzips GWA« nach Oelschlägel, wonach sich GWA ganzheitlich und themenübergreifend »… um alle Probleme des Stadtteils [kümmert] und (…) sich nicht auf einen Punkt [konzentriert] …« (2013: 191). Auch nach den Prinzipien stadtteilbezogener bzw. sozialraumbezogener Arbeit nach Hinte sind »Aktivitäten … immer zielgruppen- und bereichsübergreifend angelegt« (2007: 9). Dementsprechend wäre strenggenommen eine (kategoriale) Ausrichtung auf eine bestimmte »Zielgruppe« oder eine Konzentration auf einen bestimmten funktionalen Zusammenhang wie z. B. »Wohnen« mit den o. g. Prinzipien ganzheitlicher, themen- und Zielgruppen übergreifender Arbeit von GWA unvereinbar. Dieser Widerspruch wird auch im Handbuch GWA nicht aufgelöst, wenn beispielsweise nach der Aufzählung der als »Handlungsebenen« bezeichneten Differenzierung in territoriale, funktionale und kategoriale GWA festgestellt wird, GWA arbeite »… jedoch häufig eher zielgruppenübergreifend, themenbezogen und fallunspezifisch« (Stövesand u. a. 2013: 22). Wenn GWA, wie im Handbuch, als ein ganzheitliches, themen- und zielgruppenübergreifendes Konzept verstanden werden soll, kann dieses Konzept weder auf einen Gebietsbezug verzichten noch sich ausschließlich auf eine Funktion oder Kategorie von Menschen als AdressatInnen beschränken. Auflösen ließe sich dieser Widerspruch, wenn klar getrennt würde zwischen einem Konzept für GWA und GWA als Arbeitsfeld. Während ein Konzept für GWA auf Basis theoretisch und empirisch fundiertem Erklärungswissen die Gesamtheit programmatischer Aussagen, Handlungsprinzipien und Arbeitsweisen bereitstellen muss, kann GWA als Arbeitsfeld Schwerpunkte je nach situativer Gegebenheit und Interessen der Bevölkerung territoriale, funktionale und kategoriale Schwerpunkte setzen, die jedoch grundsätzlich veränderbar sein und stets reflektiert und angepasst werden müssten.

Neben der territorialen, funktionalen und kategorialen Ausrichtung von GWA gelten die unterschiedlichen politischen Zielrichtungen, auch »Ansätze« genannt, sowie deren entsprechender Methodeneinsatz ebenfalls als charakteristische Merkmale von GWA. In Theorie und Praxis variierten die Zielsetzungen und der Einsatz von Methoden stark nach der jeweiligen politischen Ausrichtung zwischen Ansätzen konservativer Systemerhaltung (wohlfahrtsstaatliche/integrative GWA), evolutionärer (katalytische/aktivierende GWA) oder revolutionärer Systemveränderung (aggressive GWA) (Galuske 2007: 101–106). Stövesand u. a. problematisieren ebenfalls die Wirkungen der beiden politisch gegensätzlichen (sozialrevolutionäre und konfliktorientierte vs. systemerhaltend-harmonisierende) Ansätze der GWA in der Vergangenheit. Während marxistisch ausgerichtete Theorieansätze in der Praxis auf konfrontative, skandalisierende Techniken setzten, seien die subjektiven Bedürfnisse und Probleme der betroffenen Menschen tendenziell missachtet oder vernachlässigt worden. Auf Seiten der konservativen und heute eher pragmatisch-manageriellen Ansätze würden die benachteiligenden gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse ignoriert und wirkten in ihren Interventionsformen und Techniken ausschließlich kollektiv-kooperativ und konsensorientiert (Stövesand 2013: 19 f.). In beiden Beschreibungen wird der Eindruck vermittelt, der Einsatz von Methoden und Techniken wäre ausschließlich von der politischen Haltung der Professionellen abhängig und nicht auch eine Frage der sozialen Konfliktlage, d. h. der Kooperationsbereitschaft der beteiligten AkteurInnen einerseits und des Willens zur Veränderung dieser andererseits, sowie der Entscheidung von Professionellen bezüglich der Parteilichkeit für bestimmte Bevölkerungsteile oder Themen.

Einen breiten Konsens in der Fachwelt scheint es bezüglich der für GWA konstituierenden Merkmale zu geben. Die Festschreibung gesellschaftlich konstatierter Missstände und sozialer Konflikte als Ausgangspunkt von GWA scheint insofern ergänzungsbedürftig, als damit nicht ausschließlich reaktive Arbeit im Sinne der Skandalisierung und Bearbeitung offenkundiger und latenter Konflikte und Missstände, sondern auch prospektive Arbeit zur Vermeidung von Missständen zu verstehen wäre. Dass Probleme stets im Kontext lokaler, regionaler oder gesamtgesellschaftlicher Rahmenbedingungen und Ursachen gesehen werden, gehört ebenso zum »State of the Art« der Profession Soziale Arbeit wie die Kooperation und Koordination lokaler AkteurInnen, die trägerübergreifende Vernetzung von Diensten und Einrichtungen sowie die Beteiligung und Aktivitätsunterstützung der Bevölkerung und die Methodenintegration. Weniger Konsens gab und gibt es in der Scientific Community bezüglich der Verwendung und Einordnung der Begrifflichkeiten rund um Gemeinwesenarbeit und Sozialraumorientierung. Neben immer noch bestehenden akademischen Uneinigkeiten zur Unterscheidung von Konzept und Methode (Geißler/Hege 2007; Galuske 2007; von Spiegel 2008; Kreft/Müller 2010; Heiner 2010) in der Sozialen Arbeit gibt es Beschreibungen von GWA als Arbeitsprinzip, Arbeitsfeld, Methode oder Konzept, die mit anderen Begriffen wie Fach- oder Handlungskonzept Sozialraumorientierung, Sozialraumarbeit oder Quartiermanagement/-arbeit um die ›Lufthoheit‹ über den Schreibtischen und Lehrsälen sowie um die Dominanz in den einschlägigen Publikationsdiskursen zu konkurrieren scheinen.

Stövesand u. a. (2013) haben in ihrem Handbuch den Versuch unternommen, die unterschiedlichen Verständnisse und Zielrichtungen der GWA unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung und der Rezeption in der Fachliteratur zu systematisieren, und schlagen vor, GWA als grundlegendes übergreifendes Konzept Sozialer Arbeit zu verstehen. Gemeinwesenarbeit wird demnach als eigenes Konzept Sozialer Arbeit deklariert, das von einer generellen Grundorientierung auf Individuen ausgehend »die Entwicklung gemeinsamer Handlungsfähigkeit und kollektives Empowerment bezüglich der Gestaltung bzw. Veränderung von infrastrukturellen, politischen und sozialen Lebensbedingungen fördert« (ebd.: 16).

Mit Verweis auf die von Geißler und Hege (2007) entwickelte Unterscheidung von Konzepten, Methoden und Techniken bezeichnen Stövesand u. a. (2013) die von Boulet, Kraus und Oelschlägel (1980) als »Arbeitsprinzip« beschriebene GWA als übergreifendes »Konzept«. GWA wird nach Stövesand u. a. nicht nur als »vielfältiges Konzept« sondern gleichzeitig auch als »Handlungsfeld« bezeichnet, »insofern es Einrichtungen und Projekte gibt, die explizit Konzepte der GWA anwenden« (2013: 21). In der Verwendung des Plurals »Konzepte der GWA« wird eine weitere Unschärfe des Konzeptbegriffs der HerausgeberInnen des Handbuch GWA deutlich, die einerseits GWA als eigenständiges Konzept Sozialer Arbeit bezeichnen und gleichzeitig einräumen, dass es mehrere Konzepte der GWA gibt und GWA ebenfalls als Handlungsfeld zu verstehen sei.

Im »Handbuch Gemeinwesenarbeit« lautet die Definition von GWA folgendermaßen:

»Gemeinwesenarbeit richtet sich ganzheitlich auf die Lebenszusammenhänge von Menschen. Ziel ist die Verbesserung von materiellen (z. B. Wohnraum, Existenzsicherung), infrastrukturellen (z. B. Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten, Grünflächen) und immateriellen (z. B. Qualität sozialer Beziehungen, Partizipation, Kultur) Bedingungen unter maßgeblicher Einbeziehung der Betroffenen.

GWA integriert die Bearbeitung individueller und struktureller Aspekte in sozialräumlicher Perspektive. Sie fördert Handlungsfähigkeit und Selbstorganisation im Sinne von kollektivem Empowerment sowie den Aufbau von Netzwerken und Kooperationsstrukturen. GWA ist somit immer sowohl Bildungsarbeit als auch sozial- bzw. lokalpolitisch ausgerichtet.« (Stövesand u. a. 2013: 21)

Begriffsverwendung von Gemeinwesenarbeit (GWA)

GWA wird im Rahmen dieser Publikation nicht als Konzept sondern als Handlungsfeld Sozialer Arbeit »in und mit Gemeinwesen« verstanden. Dabei bezieht sich die Bezeichnung »in Gemeinwesen« auf die oben erwähnte Bedeutung von Gemeinwesen als territorial und politisch begrenzte Gebietskörperschaft8 (Kommune, Gemeinde, Teile von Kommunen/Gemeinden), während die Bezeichnung »mit Gemeinwesen« auf die Bedeutung von Gemeinwesen als ›Personalverband‹9 miteinander in anderer Verbindung stehender Menschen rekurriert. Mit »Handlungsfeld« Sozialer Arbeit wird ein fachlicher Kontext bezeichnet, der durch soziale Lebens- und Problemlagen von Menschen, entsprechende Erklärungs- und Handlungstheorien, sozialrechtliche, sozialpolitische und organisationelle Rahmenbedingungen sowie spezifische Handlungskonzepte und Methoden gekennzeichnet ist (vgl. Einleitung zum Band Becker, Kricheldorff, Schwab 2020). GWA lässt sich mit der o. g. Definition als »Handlungsfeld Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen« deutlich unterscheiden von anderen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit (wie z. B. der Suchthilfe), die zwar in Gemeinwesen (territorial verstanden) mit ihren Einrichtungen und Diensten verortet sind, jedoch nicht den Anspruch haben, gleichzeitig und zwingend auch mit dem Gemeinwesen (als Personenverband verstanden) zu arbeiten. Unter Berücksichtigung der oben erwähnten Breite des Begriffs Gemeinwesen als Gebietskörperschaft und Personalverband (Nation, Land, Kreis, Stadt etc.) ergibt sich die praktische Notwendigkeit das »Handlungsfeld Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen« entsprechend der jeweiligen Zuständigkeit und Ausrichtung auf ein konkretes »Gemeinwesen«, sei es eine Stadt, eine Gemeinde, ein amtlicher Stadtbezirk (s. o.) oder ein Quartier (s. o.) zu spezifizieren. Dementsprechend wird im weiteren Verlauf der Erläuterung dieses Handlungsfeldes Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen auf den Bereich der Stadt- und Quartierentwicklung fokussiert werden. Ausführungen zu konkreten Einsatzbereichen und Tätigkeitsfeldern (Quartiereinrichtungen, Stadtteilbüros, MGHs etc.) von GWA finden sich in Becker (2016a: Kap. 4–6).

1.3 Sozialraumorientierung

In der Fachliteratur der Sozialen Arbeit war in den letzten Jahrzehnten (von Brülle/Marschall 1981 über Kessel u. a. 2005 bis Noack 2015) verstärkt von »Sozialraum« oder »Sozialräumen« die Rede. In der fünften Auflage des »Wörterbuch Soziale Arbeit« von Kreft/Mielenz (2005) findet sich »Sozialraumorientierung« erstmals als Stichwort im Sachregister, ebenso in Galuskes Methodenbuch ab der siebten Auflage 2007. Kessel u. a. (2005) hatten sich mit ihrem »Handbuch Sozialraum« vorgenommen, die sozialpolitischen, stadtplanerischen, stadtsoziologischen, sozialgeografischen und sozialpädagogischen Debatten zu durchqueren, und erstellten daraus eine umfangreiche Sammlung von Beiträgen unterschiedlicher AutorInnen zu ihrer Ausgangsthese, »Sozialräume stellen immer komplexe Zusammenhänge kultureller, historischer und territorialer Dimensionen dar« (ebd.: 5). Andere AutorInnen haben Methoden für den Sozialraum (Deinet 2009) zusammengestellt, »Wege zu einer veränderten Praxis« (Budde u. a. 2006) aufgezeigt oder »Schlüsselwerke der Sozialraumforschung« (Kessl/Reutlinger 2008) gesammelt und publiziert.

In der Formulierung aus dem Handbuch GWA »GWA integriert die Bearbeitung individueller und struktureller Aspekte in sozialräumlicher Perspektive« [Hervorhebung Fettdruck durch den Autor MB] (Stövesand u. a. 2013: 21, zweiter Satz obigen Zitats) wird auf eine grundlegende Orientierung (sozialräumliche Perspektive) hingewiesen, die als programmatischer Aspekt eines Konzepts (hier Sozialraumorientierung) verstanden werden kann. Auch Oelschlägels Definition von GWA als »… sozialräumliche Strategie, [Hervorhebung Fettdruck durch den Autor MB] die sich ganzheitlich auf den Stadtteil« (2005: 259) richtet, lässt sich als Hinweis auf Sozialraumorientierung als Konzept lesen. Folgerichtig konstatieren Stövesand u. a. »… bleibt es richtig, dass die Konzepte von GWA [Hervorhebung Fettdruck durch den Autor MB] als sozialräumliche Soziale Arbeit bezeichnet werden können« (2013: 28), sie vermeiden aber die Verwendung des Begriffs »Sozialraumorientierung« als Konzepttitel und vermuten »,dass die Ablösung eines GWA-Konzeptes durch ein Fachkonzept Sozialraumorientierung (Hinte 2007) vor dem Hintergrund der oben dargestellten Situation kein Gewinn zu sein scheint« (Stövesand u. a. 2013: 28). Mit dem Begriff »Sozialraumorientierung« tun sich die HerausgeberInnen des Handbuch GWA offensichtlich schwer: »Nicht zuletzt aufgrund der vorherrschenden Verkürzung des Sozialraumbegriffs auf einen von der Verwaltung bestimmten geografischen Raum und die sich immer deutlicher abzeichnende Funktionalisierung der Sozialraumorientierung zur Einsparung öffentlicher Ausgaben, vor allem der Kinder- und Jugendhilfe« (Stövesand u. a. 2013: 28) .

Ein Handlungskonzept, das die o. g. Kritikpunkte aufnimmt und konstruktiv erweitert, stellt allerdings einen Gewinn für die Soziale Arbeit dar, weil damit auch begrifflich zwischen Sozialraumorientierung als Handlungskonzept und GWA als Handlungsfeld Sozialer Arbeit differenziert werden könnte. Auf dem Weg dahin bot das Handbuch Gemeinwesenarbeit, mit seiner umfänglichen Aufarbeitung der Geschichte und Entwicklung sowie ihren Meilensteinen und Positionierungen eine wichtige und wertvolle Grundlage. Mittlerweile gibt es ein ausgearbeitetes »Handlungskonzept Sozialraumorientierung« (Becker 2020b), das als Grundlage für die Diskussion in der Fachwelt sowie als Orientierung und Handreichung für die Praxis Sozialer Arbeit in und für ihre unterschiedlichen Handlungsfelder entwickelt wurde.

Vorläufer waren neben dem von Hinte und Treeß entwickelten »Fachkonzept Sozialraumorientierung« (2007), das erklärtermaßen auf Offenheit für weitere Entwicklungen und lokale Situationen angelegt ist, der von Früchtel, Cyprian und Budde (2007) mit ihrem »SONI-Schema« vorgelegte integrierende Ansatz, der verschiedene Ebenen (Management, politische Steuerung etc.) Arbeitsfelder, Maximen (z. B. Effizienz, soziale Gerechtigkeit, lernende Organisation) und Konzepte Sozialer Arbeit (wie Lebenswelt-, Ressourcen-, Managementorientierung) verknüpft und durch eine schematische Darstellung veranschaulicht. Seit der Vorlage des »Fachkonzept Sozialraumorientierung« (Hinte/Trees 2007) gab es immer wieder Ansätze zur Weiterentwicklung dieses, schwerpunktmäßig auf die Kinder- und Jugendhilfe bezogenen Konzepts, wie beispielsweise von Noack (2015), der sich auch intensiv mit der Kritik am »Fachkonzept Sozialraumorientierung« auseinandersetzte. Noack schlug einen »Mittelweg« zwischen subjektorientiertem Verständnis sozialer Lebenswelten einerseits und der eher territorialen Planungsperspektive von »Systemakteuren« aus Politik und Verwaltung vor. Den Vorteil dieses Mittelwegs sah er, aus handlungsorientierter Perspektive, in der Differenzierung nach »Planungsräumen« (territorial-)raumbezogener Steuerung sowie individuellen »Lebensräumen«, zu verstehen als Gesamtheit der räumlichen Dimensionen einer individuellen Lebenswelt. »Sozialräume« wollte Noack als Schnittfläche sich überlappender individueller »Lebensräume« verstanden wissen. Die Verbindung beider Perspektiven herzustellen, erklärte er zur vermittelnden oder intermediären Aufgabe Sozialer Arbeit. Auf dem Weg zu einem handlungsfeldübergreifenden Konzept Sozialer Arbeit verfolgte Schönig »… das Ziel, durch eine einheitliche Terminologie und Auffassung von ›Sozialraumorientierung‹ einen Überblick zu den zentralen Fragen, Theorien und Methoden zu geben« (2008: 10) und bezog sich dabei auf das Verständnis von »Sozialraumorientierung als Handlungskonzept Sozialer Arbeit« von Becker (2006). Kessl und Reutlinger haben mit »Sozialraumarbeit« der bereits vorhandenen Begriffsvielfalt eine weitere Variante hinzugefügt. Sie wollten darunter eine professionelle Perspektive verstanden wissen, die auf der Basis einer reflexiven Haltung »kontinuierlich mit der Bearbeitung der Aufgabe konfrontiert ist, sich einer entsprechenden herrschaftskritischen Reflexion stellen und sich auf dieser Basis fachlich positionieren zu müssen« (2013: 137). Wohlfahrt u. a. (2003; 2005) konstatierten eine allgemeine Euphorie bezüglich der Sozialraumorientierung und kritisierten diese als »Verschleierungsrhetorik« des Sozialstaatsabbaus. Gegen den Vorwurf der Missachtung und Abschaffung individueller Rechtsansprüche durch Sozialraumbudgets argumentierten hingegen Budde, Früchtel und Hinte (2006) und belegten dies durch bundesweite praktische Beispiele als Wege zu einer veränderten Praxis.

Einer grundsätzlichen Revision sozialraumbezogener Sozialer Arbeit unterzog Gabriele Bingel (2011) die Entwicklung sozialraumorientierter Sozialer Arbeit, von der Settlementbewegung über sämtliche Varianten der GWA bis zum Quartiermanagement, in historischer Perspektive bis zum Ende des 20. Jhs. Dabei kommt sie zum Ergebnis, der Sozialraumdiskurs sei der Versuch, die Diskrepanz zwischen hehren sozialen Visionen Sozialer Arbeit und ihrem begrenzten Handlungsrepertoire zu deren Verwirklichung zu verringern. Die Attraktivität des »Sozialraums« gründe auf der scheinbar idealen Möglichkeit der Verbindung von Lebensweltlichem und Gesellschaftlichem. Das Dilemma, sozial benachteiligte Menschen grundsätzlich als bewältigungsfähige und zu autonomer Lebensbewältigung fähige Menschen und AdressatInnen Sozialer Arbeit zu betrachten und damit aber gleichzeitig den Einfluss sozialstruktureller (Lebens-)Bedingungen zu relativieren, würde im sozialräumlichen Diskurs versucht dadurch aufzulösen, dass Gesellschaft grundsätzlich als gestaltbar und veränderbar betrachtet und dargestellt würde, während gleichzeitig subjektbezogene Strategien wie Bildung, Begleitung oder auch Disziplinierung zur Anwendung kämen.

Dem ist entgegen zu halten, dass genau aufgrund beider o. g. Faktoren die Unterstützung für sozial benachteiligte Menschen einzufordern und im gesellschaftlichen Auftrag zu praktizieren ist. Denn benachteiligte Bevölkerung wird gerade durch sozialstrukturelle Bedingungen daran gehindert, ihre vorhandenen Ressourcen und Potentiale zu nutzen und zu erweitern. Soziale Arbeit geht dem soziale Ungleichheit nivellierenden Programm des aktivierenden Bürgerstaats dann nicht auf den Leim, wenn Aktivierung als Aktivitätsermöglichung und -unterstützung (Noack 2015) für sozial benachteiligte Bevölkerung als gesellschaftliche Aufgabe angesehen und praktiziert wird und die Verantwortung dafür nicht den Betroffenen zugewiesen wird. Die Thematisierung sozialer Benachteiligung muss nicht in »paternalistische Bedürfnisinterpretation« und »bevormundende Kontrolle ungünstiger Lebensstile in Sozialräumen« abdriften, wenn sie auf der Basis vertrauensvoller, lebensweltorientierter Arbeit mit den Betroffenen geschieht und deren Themen und Problemsicht aufnimmt. Dennoch sind Stigmatisierungseffekte und Insuffizienzgefühle bei den Betroffenen zwar unerwünschte, aber nie ganz auszuschließende Effekte, deren Auftreten auch mit der Balance der Problemdefinitionen von Betroffenen und Fachkräften Sozialer Arbeit zu tun hat.

Bingel (2011) gründet ihre Argumentationsfigur auf der problematischen Fokussierung des Gegenstands Sozialer Arbeit, der »Lösung« sozialer Probleme. Dies stellt eine unzulässige Engführung der einschlägigen disziplinären Gegenstandsbeschreibung Sozialer Arbeit dar, die von Engelke (2004) als »Bewältigung sozialer Probleme« identifiziert wird. Mit dem Anspruch der »Lösung sozialer Probleme« wird eine utopische Grundlage professioneller Aufgabenbeschreibung angenommen, deren Verwirklichung von vornherein als uneinlösbar erscheinen muss. »Bewältigung sozialer Probleme« beinhaltet dagegen Aufgaben, die sich auf der Basis interdisziplinären Erklärungs- und Handlungswissens professionell wirkungsvoll bearbeiten lassen. Auch Bingels Darstellung des gesellschaftlichen Auftrags Sozialer Arbeit als »Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft« geht von einem zwar in den Sozialwissenschaften gängigen, aber nicht zwingenden Verständnis sozialer Prozesse aus. Mit dem Begriff der »Figuration« bezeichnet Elias (1976) Verflechtungsbeziehungen wechselseitig aufeinander angewiesener, weil voneinander abhängiger Menschen, deren Interdependenzgeflecht insgesamt als Gesellschaft verstanden wird. Gesellschaft besteht also durch und aus Beziehungen zwischen Individuen, womit kein Gegensatz zwischen Gesellschaft und Individuen besteht. Zum dritten geht Bingel (2011) von einem absoluten Integrationsbegriff aus, der eine vollständige Teilhabe aller Gesellschaftsmitglieder an deren sozialen Gütern impliziert. Vollständige Integration ist in Gesellschaften, die sich angesichts wechselnder Machtpotentiale menschlicher Beziehungen ständig wandeln, schlicht unmöglich, sondern wird ständig neu austariert. Wenn der Auftrag Sozialer Arbeit in der Bewältigung sozialer Probleme besteht und Gesellschaft als Interdependenzgeflecht gegenseitig voneinander abhängiger Menschen gesehen wird, kann Soziale Arbeit als vermittelnde oder intermediäre (Fehren 2008) Instanz insofern wirksam werden, als sie die Analyse der Verteilung von Machtpotentialen und gesellschaftlichen Gütern und Chancen, deren Thematisierung und Skandalisierung unter Verweis auf proklamierte, gesetzlich verankerte Ansprüche und Diskrepanzen zur empirischen Wirklichkeit sowie die Entwicklung von Angeboten professioneller, theoretisch und empirisch fundierter Interventionen und deren Einsatz als ihre Aufgabe annimmt. Grundlagen und Verständnis der fachlichen Orientierung Sozialer Arbeit an sozial und räumlich strukturierten Prozessen werden in den folgenden Abschnitten noch weiter ausgeführt und vertieft (vgl. Becker 2020b, 2016a).

Das Handlungskonzept Sozialraumorientierung

Das im Folgende vorzustellende »Handlungskonzept Sozialraumorientierung« fokussiert auf der Basis theoretisch und empirisch fundierten Erklärungswissens, die Orientierung auf den programmatischen Aspekt sozialräumlicher Perspektive und bringt Ziele, Inhalte und Methoden in einen konsistenten Zusammenhang, woraus sich Handlungsprinzipien und Arbeitsweisen ableiten lassen.

Handlungskonzept, Methoden und Techniken

Nach Geißler und Hege (2007: 20) bezeichnet Konzept ein »Handlungsmodell, in welchem die Ziele, die Inhalte, die Methoden und die Verfahren in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht sind. Dieser Sinn stellt sich im Ausweis der Begründungen und Rechtfertigungen dar«. Handlungskonzepte zielen vorwiegend auf Erklärungswissen und beinhalten hierzu theoretisch begründete, plausible, erforschbare und überprüfbare Erklärungen für soziale Prozesse. Auf der Basis dieses Erkenntnisgewinns lassen sich Entscheidungen über Veränderungsbedarfe treffen, entsprechende konzeptionelle Ziele bestimmen und zur Zielerreichung geeignete Methoden auswählen. Konzepte erhalten durch den Einbezug geeigneter Methoden und Techniken und der damit verbundenen systematischen Vorgehensweisen zur Zielerreichung einen Handlungsbezug und werden somit zu Handlungskonzepten. Handlungskonzepte betonen einen programmatischen Aspekt (wie z. B. Lebenswelt, Ressourcen, Sozialraum, Management etc.), aus dem sich Handlungsprinzipien und Arbeitsweisen ableiten lassen. Handlungskonzepte fassen also grundlegende Ansatzpunkte einer Disziplin (hier Soziale Arbeit) theoriegeleitet zusammen und beinhalten mit der Betonung eines bestimmten programmatischen Aspekts eine spezifische Sichtweise ( Abb. 2).

Nach engerem Verständnis bezeichnen Methoden zunächst ein planmäßiges Vorgehen zur Zielerreichung. Im Rahmen eines Handlungskonzepts sind Me-


Abb. 2: Konzepte und Arbeitsfelder Sozialer Arbeit Quelle: eigene Bearbeitung, Becker 2014

thoden jedoch nicht ›zielneutral‹, sondern sie sind abhängig von und passend zu den im Rahmen eines jeweiligen Handlungskonzepts gewonnen Erkenntnissen über theoretisch und empirisch begründete Zusammenhänge auszuwählen und zu kombinieren. Methoden sind im Vergleich zu Konzepten weniger komplex, legen den Schwerpunkt eher auf den Aspekt der Vorgehensweise, also auf Handlungen, und bedienen sich dabei eines Sets an geeigneten Verfahren und/oder Techniken. Dementsprechend können Methoden keine starren Handlungsanleitungen sein, die sich zur Bearbeitung jedweder Probleme eignen, sondern Methoden sind situationsbezogen, offen und reflexiv auf die Eigenarten und Besonderheiten sozialer Probleme und Menschen anzupassen.

Techniken wiederum sind als erprobte, standardisierte Verhaltensmuster zu verstehen, deren Wirksamkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagbar sind, und sie dienen der Bearbeitung und Realisierung von Methoden (Galuske 2007: 24 ff.). Methoden und Techniken können für unterschiedliche Handlungskonzepte geeignet sein und angewandt werden. Für das jeweilige Handlungskonzept können hingegen nur bestimmte Sets an Methoden und Techniken geeignet sein.

Verbindung sozialer und räumlicher Kontexte

Nach obiger Definition von Handlungskonzepten, steht die Verbindung sozialer und räumlicher Kontexte für den programmatischen Aspekt des Handlungskonzepts Sozialraumorientierung und wird deshalb zunächst begrifflich und inhaltlich expliziert. Mit der Aufgabe, Raum begrifflich zu fassen und dessen Bedeutung für Menschen zu erklären, beschäftigten sich Wissenschaftler aus unterschiedlichen Blickwinkeln und unterschiedlichen Disziplinen. So wies Durkheim (1903) bereits auf den Zusammenhang zwischen sozialer Struktur menschlichen Zusammenlebens und deren räumlicher Konstitution hin, ging jedoch von direkten kausalen Zusammenhängen zwischen Sozialstruktur und Raumstruktur aus, wodurch wiederum die Sozialstruktur reproduziert würde (Konau 1977). Georg Simmels (1908) Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen Raum, Zeit und Substanz führten ihn zu einem neueren Raumbegriff als synthetische Leistung des Menschen bzw. von Gesellschaften und damit auf den sozialen Ursprung des Raumbegriffs. Geprägt zwar von den newtonschen Vorstellungen eines absoluten Raums, geht auch Simmel von der Existenz des geografisch bestimmten Raumes aus, setzt diesen jedoch in Relation zu den sozialen Prozessen, durch die der geografische oder materielle Raum erst seine Bedeutung erhält. Die Chicagoer Schule der Soziologie (Park/Burgess/McKenzie u. a. 1925) interessierte sich speziell für die empirisch nachweisbaren Einflussfaktoren der räumlichen Organisation der Gesellschaft. Hierfür wurden Städte und Stadtteile als Territorien der Lokalisierung sozialer Ordnungen untersucht. Damit war eine Fokussierung auf quasi naturgesetzlich determinierte Anordnungen von Menschen in geografischen Räumen verbunden, die der von Simmel bereits aufgezeigten Komplexität von Wechselwirkungen zwischen sozialen Strukturen und Prozessen in raum-zeitlicher Perspektive nicht gerecht wurden.

Aus der Perspektive der mikrosoziologischen Phänomenologie (Schütz 1932) wird der subjektive Sinn sozialen Handelns in seiner Bezogenheit auf Situationen, Orte und Anlässe des Handelns als »lebensweltliche« Phänomene begrifflich festgehalten und ethnomethodologisch untersucht. Auch die auf Goffmann (1969) zurückgehende Interaktionsforschung macht den räumlichen Charakter sozialer Phänomene und damit deren vielfältige Beziehungen deutlich. Henri Lefèbvre sorgte in den 1970er Jahren für eine Wiederbelebung der theoretischen Debatte um Raum. In seiner kapitalismuskritischen Schrift »Die Produktion des städtischen Raums« entwickelte Lefèbvre (1977) einen relationalen Raumbegriff, der zwischen sozialem und physischem Raum unterscheidet. Raum wird nach Lefèbvre von jeder Gesellschaft in spezifischer Weise produziert. Dies geschieht z. B. durch die »räumliche Praxis«, also der (Re-)Produktion von Raum, durch die Aktivität der Wahrnehmung des Raums bzw. raumbezogene Verhaltensweisen. Mit der »Repräsentation von Raum« verbindet Lefèbvre die Konzeptualisierung von Raum durch Ideen z. B. von ArchitektInnen, PlanerInnen oder KünstlerInnen, die dem Raum eine kognitive Bedeutung und Lesart verleihen. Praxis und (Re-)Präsentation des Raums durchdringen einander und werden beeinflusst durch die gesellschaftliche Ordnung, die im Kapitalismus beispielsweise mit der Entfremdung des Handelns einhergehe. Den dritten Aspekt der Produktion von Raum sieht Lefèbvre im »Raum der Repräsentationen«, womit die Bedeutung von Symbolen für die Raumbestimmung gemeint ist. Damit verwirft Lefèbvre das Verständnis von Raum als Behälter oder absolutem Raum und will die Vielgestaltigkeit und Relationalität von Raum deutlich machen, ohne einen klaren Raumbegriff anbieten zu können.

Dieter Läpple (1991) griff die Diskussion um Raum in Deutschland wieder auf, indem er, im Gegensatz zu der bis dahin für die stadtsoziologische Forschung dominierenden sozialökologisch orientierten »Kölner Schule« um Jürgen Friedrichs (1977), die Verwendung von »Behälterkonzepten« kritisierte und stattdessen folgende vier Komponenten einer Raummatrix formulierte:

1. gesellschaftliche Verhältnisse als materielle Erscheinungsform,

2. gesellschaftliche Interaktions- und Handlungsstrukturen,

3. institutionalisiertes und normatives Regulationssystem,

4. räumliches Zeichen-, Symbol- und Repräsentationssystem.

Mit dieser Differenzierung machte er deutlich, dass Raum theoretisch rekonstruierbar und gesellschaftlich konstituiert wird, womit quasi eine Verständigungsnotwendigkeit über die jeweilige Bedeutung von Raum entsteht.

Martina Löw (2001) hat den raumsoziologischen Diskurs ein Jahrzehnt später weitergeführt und präzisiert, indem sie auf die Unterschiede der mit den Begriffen »Behälterraum« und »Beziehungsraum« verbundenen Konzepte hinwies. Demnach wird unter einem »Behälterraum« ein Gefäß (z. B. Saal oder Stadtteil) verstanden, das, aus dem Blickwinkel von außen nach innen betrachtet, mit Gegenständen, Menschen oder Eigenschaften (beispielsweise Möbel, Menschen, Gerüche etc. in einem Saal bzw. Gebäude, Straßen, Plätze, Menschen und Lärm in einem Stadtteil) gefüllt sein kann. Beim »Beziehungsraum« wird, von innen nach außen betrachtet, ausgehend von den »Gegenständen« (z. B. Menschen, Aktionen, physische Körper, Organisationen, Regeln, Weltbilder) das Ergebnis der Beziehungen zwischen diesen »Gegenständen« beschrieben. Zur Darstellung der Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit der Dynamik von Räumen verwendet Löw den Begriff der (An-)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern an Orten. Diese Schreibweise in Klammern soll verdeutlichen, dass Räume gleichermaßen auf der Anordnungspraxis und auf gesellschaftlichen Ordnungen beruhen. Räumliche Strukturen würden demnach durch, in Räume eingeschriebene, Regeln konstituiert und durch Ressourcen gesichert. Löw schlägt vor, von einer durch die Relation zwischen Strukturen und Prozessen geprägten doppelten Konstituiertheit von Raum auszugehen. Zur Analyse von Raumkonstitutionen brauche es demzufolge Kenntnisse der »Bausteine« (soziale Güter und Menschen) und deren Beziehungen untereinander. Hilfreich hierzu sei nach Löw ein Rahmenkonzept unter Verwendung eines »Raum-Zeit-Relativs«, womit im Forschungsprozess der Ausgangspunkt wahlweise auf den »Bausteinen« oder den Beziehungen liegen kann, solange beide Perspektiven einbezogen werden. Im ersten Fall, der vorrangigen Betrachtung der Strukturen, sind für Operationalisierungen, die materielle Gestalt, das soziale Handeln, die normative Regulation und die kulturellen Ausdrücke zu beachten. Aus dem Blickwinkel des Herstellungsprozesses von Raum sind nach Löw die beiden Prozesse »Syntheseleistung« und »Spacing« zu unterscheiden. »Syntheseleistung« meint das Schaffen von Räumen durch die Verknüpfung der Raumelemente (soziale Güter und Lebewesen) durch Menschen über Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Imaginationsprozesse. Unter »Spacing« wird der zweite Konstitutionsvorgang, das Platzieren von sozialen Gütern und Menschen und deren symbolischer Markierung, durch die deren Zusammenspiel kenntlich gemacht wird, verstanden. »Syntheseleistung« und »Spacing« geschehen im Alltag der Konstitution von Raum gleichzeitig. Löw geht »… (analytisch) von einem sozialen Raum aus, der gekennzeichnet ist durch materielle und symbolische Komponenten« (2001: 15). Räume sind für Löw, aufgrund der in hierarchisch organisierten Gesellschaften meist ungleichen und unterschiedlichen Bevölkerungsteile begünstigenden bzw. benachteiligenden Verteilung, oft Gegenstand sozialer Auseinandersetzungen.

»Verfügungsmöglichkeiten über Geld [ökonomisches Kapital wie Einkommen], Zeugnis [Kulturelles Kapital, wie Bildung], Rang [Status] und Assoziationen [Inklusion/Exklusion; Soziales Kapital] sind ausschlaggebend, um (An)Ordnungen durchsetzen zu können, so wie umgekehrt die Verfügungsmöglichkeit über Räume zur Ressource werden kann« (Löw 2001: 272)10.

Schroer (2006) verweist auf die etymologische Herkunft des Raumbegriffs von »räumen/abräumen/Platz schaffen« und erklärt damit die Bedeutung des ›Raum Schaffens‹ als sozialen Prozess. Mit Blick auf die historische Entwicklung der Rezeption des Begriffs konstatiert Schroer eine Veränderung von absoluten (Aristoteles, Newton, Kant) über relativistische (Leibniz, Einstein) zu relationalen Raum-Verständnissen (Elias, Lefèbvre, Löw). Schroer sieht »die besondere Bedeutung Simmels für eine Soziologie des Raums darin, dass er sowohl die strukturelle Seite des Raums betont als auch die Hervorbringung des Raums durch menschliche Aktivitäten« (2006: 78). Das Verdienst der Literaturwissenschaftler um Dünne und Günzel (2006) ist es, eine interdisziplinäre Übersicht der Theorien zu Raum erstellt und dabei eine wertvolle Sammlung von Originaltexten vom 17. Jh. bis in die Gegenwart zusammengestellt und kommentiert zu haben.

An folgendem kleinen Beispiel soll die Problematik skizziert werden: Man stelle sich eine Bushaltestelle in einem Stadt-(Rand-)Viertel vor, die mit einer einfachen Überdachung den Wartenden Schutz vor Niederschlägen und mit einer Bank Sitzgelegenheiten bietet. Materiell handelt es ich um einen baulichen Unterstand. Für NutzerInnen des öffentlichen Verkehrsnetzes handelt es sich um einen Ort, an dem sie bis zur Ankunft des Busses mehr oder weniger kurze Wartezeiten verbringen und ansonsten keinen weiteren Nutzungsbedarf haben. PassantInnen mögen den Unterstand als günstig gelegenen Regenschutz beim zufälligen Vorübergehen ansehen und nutzen. Wohnungslose Menschen, die sich vorwiegend im öffentlichen Raum aufhalten, könnten diesen Ort als Wohn- oder Schlafraum ansehen und nutzen. Jugendliche könnten wegen fehlender finanzieller oder räumlicher Alternativen den Ort als Treffpunkt und Szeneort ihrer Clique ansehen und nutzen. In jedem der beschriebenen Beispiele bleibt der materielle Raum derselbe, während die Bedeutungszuschreibung aufgrund der unterschiedlichen Raumkonzepte, also der Vorstellungen, Bedeutungen, Handlungen und Symbole, ganz unterschiedlich ausfallen.

Die oben aufgeführten raumtheoretischen Überlegungen sind für die Soziale Arbeit deshalb besonders relevant, weil dadurch klar wird, dass Räume von unterschiedlichen Bevölkerungsteilen unterschiedlich erlebt, erfahren und bestimmt werden. Wenn mit den Raumkonstitutionen auch Chancen auf Zugang und Ausschluss von Raum einhergehen, wie von Martina Löw (2001) beschrieben, muss die Konstitution von Raum als Gegenstand sozialer Aushandlungsprozesse und sozialer Konflikte im Allgemeinen sowie sozialer Benachteiligung im Besonderen betrachtet werden. So lassen sich beispielsweise Nutzungskonflikte, die aufgrund vorhandener Interessenlagen und gesellschaftlicher Machtverhältnisse entstehen, als aushandelbare gesellschaftliche Prozesse zur Bearbeitung sozialer Probleme verstehen. Als Beispiel zur weiteren Veranschaulichung der empirischen Bedeutung der Raumtheorie eignet sich die Publikation von Emmenegger und Litscher (2011). Darin werden, in Auseinandersetzung mit öffentlichen Räumen, unterschiedliche Kontexte aus multidisziplinären Perspektiven beleuchtet und mit Beispielen von Forschungsprojekten aus der Schweiz belegt.

Als Ergebnis der obigen begrifflichen und theoretischen Explikation wird »Sozialraum« im Rahmen des hier vorzustellenden »Handlungskonzept Sozialraumorientierung« als sozial und räumlich strukturierter Kontext verstanden, der von Menschen und ihren Vergesellschaftungen unterschiedlich konstruiert, produziert und interpretiert wird, und zu dem Menschen in unterschiedlichen Relationen (Aufenthalt, Begegnung, Interaktion, Zugehörigkeit etc.) stehen. Nähere Ausführungen zu Sozialraumorientierung als Handlungskonzept Sozialer Arbeit finden sich in Becker (2020b, 2016a, Kap. 4).


Abb. 3: Ebenen der Sozialraumorientierung Quelle: eigene Bearbeitung, Becker 2014

Sozialraumorientierung – ein Handlungskonzept

Mit dem Begriffspaar Sozialraum-Orientierung wird deutlich gemacht, dass das hier zu beschreibende »Handlungskonzept Sozialraumorientierung« eine bestimmte Ausrichtung hat und die Perspektive auf den programmatischen Aspekt »Sozialraum« in oben beschriebener Bedeutung richtet. Diese spezifische Sichtweise bietet Orientierung im Sinne einer konzeptionellen Ausrichtung des Handelns (s. o. zu »Handlungskonzept«) auf soziale und räumliche Zusammenhänge. Grundlage dieser Orientierung ist die Beschäftigung mit der sozialen Konstitution und Konstruktion von Räumen sowie deren unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen und gesellschaftliche Bedingtheiten. Dabei genügt es nicht, um die soziale Bedingtheit der Konstitution und Konstruktion von Raum, entsprechend der oben beschriebenen Raumtheorien, zu wissen, sondern zur Orientierung bedarf es ebenfalls der Kenntnis und des Verstehens unterschiedlicher Raumdefinitionen gesellschaftlicher AkteurInnen (Institutionen und Bevölkerung) und deren zugrunde liegenden Interessen. Ganz gleich, ob es sich um ein für behördliche Planungsräume übliches territoriales Raumverständnis oder um Milieu bedingt unterschiedliche Aktionsräume von Bevölkerungsteilen handelt, lassen sich die jeweiligen Prozesse des »Raum Schaffens« (Schroer 2006) bzw. der »(An)Ordnung von sozialen Gütern und Lebewesen« (Löw 2001) sowie der sozialen »Syntheseleistungen« nach charakteristischen Merkmalen untersuchen.

Mit dem Raumverständnis und -begriff sind auch sozialpolitische Diskurse über den »Umbau des Sozialstaats« vom »Welfare-State« zum »Workfare-State« und vom »versorgenden« zum »aktivierenden« Staat verbunden (Dahme/Wohlfahrt 2003). In deren Rahmen wird die Verantwortung für soziale Probleme und deren Bewältigung tendenziell auf die lokale Ebene und schwerpunkmäßig auf das Individuum, den Bürger oder die Bürgerin verlagert, wobei sich der Staat aus der Verantwortung zurückziehen und die Entwicklung den Marktmechanismen überlassen soll (Giddens 1998). In diesem Zusammenhang ist die dezentrale räumlich-territoriale Orientierung an lokalen Steuerungseinheiten (Stadt, Gemeinde, Quartier) und die sozialpolitische Orientierung an selbstverantwortlichen Individuen und leistungsfähigen Gemeinschaften (Nachbarschaft, Bürgerengagement, Kommunitarismus, vgl. Etzioni 1998) zu hinterfragen und mit den Verursachungsgründen und Bewältigungsbedingungen sozialer Probleme zu konfrontieren.

Sozialraumorientierung – ein interdisziplinäres Handlungskonzept

Das Handlungskonzept Sozialraumorientierung beinhaltet die analytische Auseinandersetzung mit Raum in seiner gesellschaftlichen Bedingtheit aus historischer und sozialkultureller Perspektive (Dünne/Günzel 2006). Um sozialräumliche Prozesse erkennen und verstehen zu können, sind theoretische Grundlagen aus unterschiedlichen »menschenwissenschaftlichen« Disziplinen (Elias 1970) zu berücksichtigen und nach möglichen Erklärbeiträgen zu überprüfen. Von der Sozialgeografie, deren Gegenstand der sozial angeeignete und gestaltete Raum (z. B. Werlen 2008; Lichtenberger 1998) ist, werden Erkenntnisse über soziale Gestaltungsprozesse räumlich-materieller Lebensbedingungen ergänzt. Hintergründe und Wechselwirkungen zwischen menschlichen Lebensweisen und deren räumlichen Formen, wie z. B. sesshafte oder nomadische Siedlungsweisen oder die Entwicklung von Städten und Dörfern, sind Gegenstand der Raum- und Stadtsoziologie, von deren Arbeiten Erkenntnisse über Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung in ihren sozialräumlichen Dimensionen gewonnen werden können (Tönnies 1887; Sombart 1931; Simmel 1908 u. a.). Fragen der ökonomischen Organisation, also der Wirtschaftsweise von Gesellschaften, sind ebenfalls Gegenstand soziologischer und sozialpolitischer Theorien, die Erklärungen zu sozialräumlichen Aspekten der Erbringung und Verteilung gesellschaftlicher Güter bieten (Engels 1845; Marx/Engels 1872; Sombart 1902; Weber 1922 u. a.). Der sozialökologische Ansatz der Chicagoer Schule (Park/Burgess/McKenzie 1925) und deren deutsche Variante, der »Kölner Schule« (Friedrichs 1977), bietet Erklärungen der sozialen und räumlichen Organisation der Gesellschaft aus einer (sozial-)ökologischen Betrachtung der kollektiven Interaktionen von Individuen mit ihrer Umwelt. Sie erklären Selektionsprozesse mit den Prinzipien einer marktorientierten und ohne staatliche Eingriffe sich überlassenen (Stadt-)Entwicklung in wirtschaftsliberal organisierten Gesellschaften.

Voraussetzungen und Konsequenzen menschlichen Zusammenlebens auf engem Raum sind Gegenstand sozialpsychologischer Betrachtungen, aus sehr unterschiedlichen Perspektiven (Simmel 1903; Elias 1937,1965; Sennet 1974; Beck 1986; Etzioni 1996 u. a.) und bieten für ein sozialräumliches Handlungskonzept wichtige theoretische Grundlagen zum analytischen Verständnis sozialer Prozesse der gesellschaftlichen Inklusion und Exklusion. Stadtsoziologische Erkenntnisse zur Dynamik globaler (Stadt-)Entwicklungen (Sassen 1991; Berking 2002), zum Vergleich globaler und europäischer Stadtmodelle (Häußermann 2001; Kaelble 2001), zu wesentlichen Merkmalen urbaner Lebensform (Wirth 1938; Herlyn 1974; Prigge 1987), zum Spannungsverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit (Bahrdt 1961) sowie zu den Kontroversen über Wirkungen von Homogenität und Heterogenität in Wohngebieten (Gans 1974; Heitmeyer/Dollase/Backes 1998; Häußermann/Oswald 1997 u. a.), sind wesentliche Grundlagen zum Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen und den diesbezüglichen sozialpolitischen Diskursen. Die räumlich-materiellen Rahmenbedingungen und deren Gestaltung sind Gegenstand von Stadtgeografie (Christaller 1933; Hofmeister 1999 u. a.), Architektur (Benevolo 2007; Hoffmann-Axthelm 1993 u. a.) und Stadtplanung (Streich 2011 u. a.) und geben Auskunft über Einflussfaktoren, Ideen, Möglichkeiten und Grenzen der räumlich-baulichen Gestaltung menschlicher Siedlungen wie Städten und Gemeinden.

Anforderungen Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen

Ziele Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen beziehen sich auf Erhalt und Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen in sozialräumlichen Kontexten, im Sinne der dort lebenden Menschen, insbesondere aber auf die Verbesserung der Lebensqualität in benachteiligten Lebenswelten. Zentrale Aufgabe der Sozialen Arbeit in und mit Gemeinwesen ist die »Gestaltung von Lebenswelten« und nicht die »Befriedigung von Kundenbedürfnissen« (Becker 2013). Menschen in Stadtteil oder Quartier sind keine KundInnen sondern BürgerInnen mit Rechten und Pflichten, unterschiedlichen Ressourcen, Erfahrungen und Kompetenzen, sie sind Betroffene und AkteurInnen und zugleich mehr oder weniger anerkannte ExpertInnen ihres Lebensumfeldes (Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007: 130 ff.). Die Gestaltung von Lebenswelten erfordert sowohl die Verankerung der Sozialen Arbeit in Stadtteil oder Quartier als auch die Arbeit auf anderen Steuerungsebenen und wird damit wichtiger Teil sozialer Stadt- und Quartierentwicklung. Dort ist danach zu fragen, wie eine Stadt und ihre Quartiere so gestaltet werden können, dass sie den Interessen ihrer älter und bunter werdenden Bevölkerung gerecht werden und für eine vielfältige Bevölkerung aus Jung und Alt, Einheimischen und Zugereisten, Armen und Reichen, Kindern und Erwachsenen attraktiv, sozial gerecht, wirtschaftlich leistungsfähig und ökologisch nachhaltig sind oder werden.

Die Fokussierung auf ein Handlungsfeld beruht auf dem diesem Band zugrunde liegenden »Freiburger Modell der Handlungsfeldorientierung« (Becker/Kricheldorff/Schwab 2020e) und bedeutet, die aktuellen Bedingungen und Entwicklungen in bestimmten Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit in den Blick zu nehmen und die daraus abzuleitenden Aktionen und Interventionen professioneller Sozialer Arbeit in Bezug zu den jeweils passenden Handlungskonzepten und Methoden zu entwickeln. Das Handlungskonzept Sozialraumorientierung wird also auf die handlungsfeldspezifischen Charakteristika von Aufgabenstellungen, Rechtsgrundlagen, Governance, Trägerlandschaften und Situationen von Stadt- und Quartierentwicklung bezogen. Auf der Grundlage des dreidimensionalen


Abb. 4: Handlungskonzepte Sozialer Arbeit Quelle: eigene Bearbeitung, Becker 2014

Kompetenzbegriffs, wie er im Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR)11 definiert wird, spielen sowohl theoriebegründete Handlungskonzepte als auch die Methoden der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle beim Kompetenzerwerb durch Kenntnisse, Fertigkeiten und Haltungen. Die Kombination von Wissensbeständen aus Bezugswissenschaften und Erkenntnissen der Wissenschaft Soziale Arbeit (Erklärungswissen) mit Kenntnissen und Fähigkeiten der Entwicklung und Anwendung von Methoden (Handlungswissen und Analyse-/Synthese-/Kritikfähigkeit) bildet auf der Grundlage von Wertorientierungen und Haltungen die Basis der Ausbildung spezifischer Handlungskompetenzen Sozialer Arbeit.

Das Handlungsfeld Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen erfordert spezifische Kenntnisse sowie ein differenziertes Verständnis sozialer Probleme. Dafür braucht es eine Verständigung über gesellschaftliche Strukturen und Prozesse, die problematische Lebenslagen produzieren können. Grundlage dafür sind Fähigkeiten, gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie demografische, ökonomische, politische und ökologische Strukturen und Prozesse analysieren und kritisch interpretieren zu können. Im Einzelnen geht es darum, wesentliche demografische Trends (wie Bevölkerungswachstum und -schrumpfung, Bevölkerungsmigration, Bevölkerungsalterung), ökonomische Entwicklungen (wie Globalisierung, Tertiarisierung, Polarisierung von Regionen, Stadtgesellschaften, Arbeitsmarkt und interkommunaler Wettbewerb), politische Veränderungen (wie z. B. »unternehmerische Stadtpolitik«) und deren gesellschaftliche Auswirkungen zu kennen und diese vor dem Hintergrund entsprechender Theorien erklären sowie Interventionen im Rahmen staatlicher Sozial-/Wohlfahrtsregime konzipieren und bewerten zu können.

Darüber hinaus gilt es, die politischen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für effektive Interventionen Sozialer Arbeit analysieren, bewerten und, auf lokale Gegebenheiten übertragen, nutzen zu können. Das Wissen um individuelle Lebenslagen, aber auch sozialpsychologische und soziologische Erkenntnisse über menschliche Lebensformen und Milieus sind hilfreich, um Beteiligungs- und Aktivierungsprozesse in und mit Gemeinwesen entwickeln, initiieren und durchführen zu können, die den betroffenen Menschen, unter Einbezug ihrer Interessen und Fähigkeiten, mehr Handlungsoptionen eröffnen und ihre Selbstwirksamkeitserfahrungen erweitern. Sich als Fachkräfte weniger als ›ProblemlöserIn‹, sondern eher als ›UnterstützerIn‹ von Potentialen und Interessen, die teilweise bereits vorhanden, aber noch nicht zur Geltung gekommen sind, zu verstehen, ist dabei Teil der professionellen Haltung. Der Aufbau einer professionsbezogenen Identität wird durch eine Verständigung über die Geschichte und die Entwicklungsphasen des Handlungsfelds ermöglicht und gefördert. Dazu ist die Reflexion des beruflichen Selbstverständnisses und der Wertvorstellungen, an denen sich das berufliche Engagement orientiert, erforderlich. Die eigene Rolle als GemeinwesenarbeiterIn, QuartiermanagerIn oder sozialraumorientierte SozialarbeiterIn in anderen Handlungsfeldern definieren und gegenüber KollegInnen der eigenen und anderer Berufsgruppen/Professionen sowie AdressatInnen verständlich darzustellen, gehört zu den professionellen Kompetenzen. Dies impliziert, die für Soziale Arbeit im Handlungsfeld Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen wesentlichen Handlungskonzepte (wie Sozialraum-, Lebenswelt-, Ressourcen-, Managementorientierung) und Methoden (wie z. B. Empowerment, Netzwerkarbeit, Bürgerbeteiligung, Streetwork, Projektarbeit, Sozialstrukturanalyse, Sozialraumanalyse etc.) kennen und situations- und personengerecht anwenden zu können. Dazu sind Fähigkeiten erforderlich, für das Handlungsfeld wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse recherchieren, analysieren, interpretieren und anwenden zu können. Neben Sozialstruktur- und Sozialraumanalysen sind weitere Methoden und Instrumente der Aktionsforschung (wie z. B. die aktivierende Befragung) zu kennen und konzipieren, durchführen und auswerten zu können.

Der überwiegende Teil der Interventionen im Handlungsfeld Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen wird in Kooperation mit Institutionen, Verbänden und Vereinigungen organisiert. Für die Bearbeitung sozialer Probleme sind in diesem Kontext unterschiedliche institutionelle und disziplinäre Perspektiven relevant. Zur Akquise und Durchführung von Projekten ist der institutionellen Vernetzung besondere Bedeutung beizumessen. Fachkräfte Sozialer Arbeit können Kommunikations- und Arbeitsformen konzipieren, die lokale AkteurInnen und Bevölkerung miteinander in Verbindung bringen, um die Belange des Quartiers auf den Ebenen Quartier-Kommune-Region zu positionieren. Sie können Projekte initiieren und durchführen, auswerten und öffentlichkeitswirksam darstellen. Sie können interdisziplinär, mit Angehörigen anderer Professionen, ›auf gleicher Augenhöhe‹ zusammenarbeiten und dabei mit unterschiedlichen Hierarchiestrukturen umgehen.

Sowohl für die verschiedenen Beteiligungs- und Aktivierungsformen als auch für die Präsentation von Projekten und deren Ergebnissen werden grundlegende medienpädagogische Handlungs-, Ausdrucks- und Kommunikationskompetenzen für den Interaktionsprozess mit Einzelnen und Gruppen benötigt. Fachkräfte sind in der Lage, Zusammenhänge übersichtlich und anschaulich zu visualisieren und dabei auch ein größeres Publikum einzubeziehen. Sie kennen Moderationstechniken für Großgruppen und Beteiligungsformen, die unterschiedliche Bildungsstände und Erfahrungen von BürgerInnen mit Beteiligungsformen berücksichtigen, und sie sind in der Lage, diese situations- und personenadäquat zu konzipieren und einzusetzen. Eine auf fundierter Grundlage ausgearbeitete Darstellung der Aufgabendimensionen Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen findet sich in Becker (2016a).

Rechtliche Grundlagen der Gemeinwesenarbeit

Auf europäischer Ebene wurden durch den Maastrichter Vertrag 1992 sowie im Vertrag von Amsterdam 1997 den Kommunen durch die Zusicherung des »Subsidiaritätsprinzips«, Selbstverwaltungsrechte und Gestaltungsfreiheit eingeräumt bzw. zugesichert (Naßmacher 2011). Den Städten und Gemeinden wird in Deutschland gemäß Grundgesetz das Recht eingeräumt

»…, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln«. (Art. 28 Abs. 2 GG)

Diese Gewährleistung der Selbstverwaltung umfasst auch die Grundlagen der finanziellen Eigenverantwortung. Um ihre Aufgaben gewährleisten zu können, wird den Kommunen im Rahmen ihrer Selbstverwaltung zur Sicherung der finanziellen Eigenverantwortung auch die Nutzung von Steuerquellen zugestanden. Hierzu dürfen die Kommunen z. B. über Gewerbesteuerhebesätze eigene wirtschaftskraftbezogene Steuerquellen nutzen. Mit Artikel 72 (2) GG liegt darüber hinaus eine Rechtsgrundlage vor, die mit der »Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet« eine sozialräumlich ausgleichende Orientierung zum Ziel hat. Damit widerspricht eine Polarisierung von Regionen nach unterschiedlichen Lebensverhältnissen dem Grundgesetz nach Artikel 72.

Im Rahmen der allgemeinen Daseinsvor- und -fürsorge obliegt es den Kommunen, Aufgaben in nahezu allen Politikfeldern, von Bauen, Verkehr, Infrastruktur über Wirtschaft und Soziales bis hin zu Bildung, Kultur und Sport, zu erfüllen. Die Kommunen haben eigene Personal-, Organisations- und Finanzhoheit. Ihre Zuständigkeiten werden nur zum Teil durch Bundesgesetze, wie beispielweise im Baugesetzbuch oder in den Sozialgesetzbüchern (z. B. SGB II, SGB VIII und SGB XII) geregelt, denn es gilt der Grundsatz, dass durch Bundesgesetze Gemeinden und Gemeindeverbänden nicht ohne weiteres zusätzliche Aufgaben übertragen werden dürfen (Art. 84 Abs. 1 GG). Aufgaben und Zuständigkeiten ergeben sich insbesondere durch landesrechtliche Vorgaben, die in jeweiligen Gemeindeordnungen konkretisiert werden. Dort sind auch die Gemeindeverfassungen rechtlich geregelt, die sich zwischen den Bundesländern durchaus unterscheiden und grob nach norddeutschen und süddeutschen Ratsverfassungen unterteilt werden können (vgl. Wehling 2006)12.

Im Bau- und Sozialrecht gibt es, wie die nachfolgenden Zitate zeigen, eher allgemeine Aufträge zu einer sozialräumlichen Ausrichtung:

»… nachhaltige städtebauliche Entwicklung, die die sozialen, wirtschaftlichen und umweltschützenden Anforderungen auch in Verantwortung gegenüber künftigen Generationen miteinander in Einklang bringt …« (BauGB § 1 Abs. (5)) »… positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.« (SGB VIII § 1 Abs. (3) 4.)

Neben diesen eher grundsätzlichen und allgemeinen gesetzlichen Grundlagen gilt es im Rahmen des Handlungskonzepts Sozialraumorientierung weitere gesetzliche Grundlagen, wie z. B. zur Beteiligung von BürgerInnen an ihren Angelegenheiten, zu beachten. So genießen BürgerInnen Aufenthalts-, Beteiligungs-, Versammlungs- und (Mit-)Entscheidungsrechte, die in Bundes- und Landesgesetzen bzw. den einschlägigen Gemeindeordnungen verankert sind. Im Baurecht sind u. a. Rechte und Pflichten von EigentümerInnen, MieterInnen, PächterInnen, wie z. B. die Auskunftspflicht (§ 138 BauGB) sowie Beteiligungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten der Betroffenen (§§ 137, 138, 139 BauGB), geregelt. Neben den Beteiligungsrechten von BewohnerInnen bei Stadtsanierungsprojekten sind insbesondere die Rechtsgrundlagen von »Bürger- und Einwohnerversammlungen« (z. B. Art. 18 GO Bay, § 20a GO B–W, § 16b GO S–Hol, § 16 GO R–Pf), Anhörungsrechte bei Gemeinderatssitzungen, z. B. durch »Bürgerfragestunden« (vgl. § 16c GO S–Hol, § 16a GO R–Pf bzw. Regelungen durch Geschäftsordnungen der Stadt-/Gemeinderäte), »Bürgerantrag« (z. B. § 20b, 3 GO B–W), »Bürgerbegehren«, »Bürgerentscheid« und auch die Einrichtung von Beiräten sachkundiger BürgerInnen (wie z. B. Integrations-/Migrationsbeiräte, Seniorenbeiräte, Jugendparlament, Quartiersbeiräte etc.) in den Gemeindeordnungen der Länder geregelt. Aufgrund des in Deutschland geltenden Föderalismus und Subsidiaritätsprinzips, können o. g. Regelungen je nach Bundesland und Kommune durchaus unterschiedlich ausfallen.

1.4 Zusammenfassung und Arbeitsanregungen

Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, die seit ihren Anfängen eine enge Verbindung zwischen gesellschaftlichen Auswirkungen (un-)sozialer Politik, Betroffenheiten seitens der Bevölkerung und den Interventionen der Sozialen Arbeit unterhält, die sowohl auf die Veränderung benachteiligender Situationen und Strukturen als auch auf die Hilfe für den einzelnen Menschen und seines sozialen und räumlichen Umfeldes zielten. Die Schwerpunkte der Konzepte und Methoden Sozialer Arbeit haben sich im Laufe der Zeit immer wieder verschoben. Wesentliche Bestandteile der sozialraumorientierten Arbeit in und mit Gemeinwesen lagen jedoch immer und liegen noch auf der Betonung des aufsuchenden Charakters der Arbeit, der Beteiligung und Ermächtigung der Bevölkerung als ExpertInnen für ihre Lebenslage und der Arbeit an der Veränderung benachteiligender und menschenunwürdiger Lebensbedingungen. Um diesen politischen Auftrag erfüllen zu können, wurden Konzepte und Methoden entwickelt, die es Sozialer Arbeit ermöglichen, auf den verschiedenen Ebenen jeweils adäquat fachspezifische Schwerpunkte zu setzen. Diese können sowohl in der parteilichen Arbeit zur Unterstützung der Bevölkerung auf der Quartierebene als auch in der vermittelnden Arbeit intermediärer Instanzen oder auch in der koordinierenden Arbeit innerhalb städtischer Verwaltung liegen. Immer jedoch gilt das Primat der Sozialen Arbeit, sich im Widerstreit der Interessen für die Anliegen der benachteiligten oder hilfebedürftigen Bevölkerung einzusetzen und in der interdisziplinären Kooperation die Sichtweise Sozialer Arbeit zu Gunsten einer sozialen Stadt- und Quartierentwicklung prominent zu vertreten. Welches Wissen, welche Fähigkeiten und Haltungen hierzu in Handlungskompetenz verwandelt werden sollten, ist Bestandteil der folgenden Kapitel.

Aufgaben und Arbeitsanregungen

• Was war der historische Ausgangspunkt für gebietsbezogene und sozialraumorientierte Soziale Arbeit?

• Worin ist Sozialraumorientierung von Gemeinwesenarbeit zu unterscheiden, und worin liegen die wesentlichen Konsequenzen?

• Welche Ebenen sind bezüglich der Stadtteil-/Quartierarbeit zu differenzieren, und welche Aufgaben, Rollen und Haltungen sind damit jeweils verbunden?

• Welche sind die wesentlichen Handlungskonzepte für Soziale Arbeit im Handlungsfeld der sozialen Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit?

Literaturempfehlungen

Becker, Martin (Hrsg.; 2020b): Handbuch Sozialraumorientierung. Stuttgart: Kohlhammer.

Hinte, Wolfgang/Lüttringhaus, Maria/Oelschlägel, Dieter (2007): Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit. Weinheim, München: Juventa.

Stövesand, Sabine u. a. (Hrsg.; 2013): Handbuch Gemeinwesenarbeit. Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden. Budrich.

1 Gemeinwesen wird hier als Sammelbegriff für Gemeinden, Stadtteile, Quartiere und Nachbarschaften verstanden, die sich als soziales und räumliches Lebensumfeld von Menschen beschreiben lassen.

2 So wurde in Freiburg i. Br. in den 1960er Jahren in Kooperation zwischen evangelischer und katholischer Kirchengemeinde die Erwachsenenbegegnungsstätte Freiburg-Weingarten als Gemeindehaus und Begegnungszentrum errichtet, das mittlerweile zum »Mehrgenerationenhaus« erweitert wurde.

3 Die »Victor-Gollancz-Stiftung« wurde gegründet 1948 aus Spendenmitteln und eingeworben von Victor Gollancz (englischer Sozialist und Verleger) »zur Rettung der deutschen Jugend« vor den Folgen des Nationalsozialismus in England und Deutschland (Müller 2009: 223).

4 Maier/Sommerfeld beschreiben die Implementation von Gemeinwesenarbeit in einem in den 1990er Jahren neu entstehenden Stadtteil »Freiburg Rieselfeld«. Auch in dem als Konversionsprojekt ab Mitte der 1990er Jahre entstandenen neuen Stadtteil »Vauban«, der heute als Vorzeige-Stadtteil der »Green-City« Freiburg zu globaler Bekanntheit gelangte, wurde Gemeinwesenarbeit unter dem Begriff »Quartierarbeit« quasi prophylaktisch implementiert (Frey 2010).

5 Siehe Quellenverzeichnis unter BauVereinBreisgau, Wohnbau Lörrach, Wohnbau Weil a. R.

6 Personen, die durch Verwandtschafts- oder Rechtsbeziehungen körperschaftlich miteinander verbunden sind.

7 Unter »Aktionsräumen« werden hier Territorien geografisch feststellbarer Orte verstanden, an denen Menschen vorwiegend ihre diversen Aktivitäten (wie schlafen, arbeiten, einkaufen, vergnügen, Freunde treffen etc.) ausüben.

8 Gebietskörperschaften umfassen die in einem bestimmten Territorium ansässigen BewohnerInnen.

9 Personalverbände erfassen alle Personen, die durch bestimmte Eigenschaften, Verwandtschafts- oder Rechtsbeziehungen körperschaftlich miteinander verbunden sind.

10 Einfügungen in [Klammern] durch den Autor MB, mit Bezug zu Kapitalarten nach Bourdieu (1983).

11 Der Europäische Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR) (englisch: European Qualifications Framework, EQF) ist eine Initiative der Europäischen Union (EU), der berufliche Qualifikationen und Kompetenzen in Europa vergleichbarer machen soll.

12 Zu den Besonderheiten und Unterschieden der Ratsverfassungen in Deutschland s. Wehling (2006).

2 Stadtentwicklung und Stadtmodelle
2.1 Entstehungsbedingungen von Städten

Sozialwissenschaften, die sich mit Strukturen und Prozessen von Gesellschaften beschäftigen, interessieren sich für die Unterschiede der Lebensweise von Land- und Stadtbevölkerung zum selben Zeitpunkt (Querschnittsanalyse) und fragen danach, wie sich das Leben der Menschen in der Stadt zur Lebensart der Landbevölkerung unterscheidet. Unterschiede und Veränderungen städtischer oder ländlicher Lebensweisen, die sich im Laufe der Zeit ergeben (Längsschnittanalysen), sind abhängig von der historischen Epoche und der entsprechenden Gesellschaftsformation. In diesem Buch steht städtisches Leben im Vordergrund der Betrachtung. Die historische Entwicklung einer Stadt kann insofern von Bedeutung für den baulichen, ökonomischen und sozialen Charakter einer heutigen Stadt sein, als der Anlass ihrer Gründung, Anlage und Raumaufteilung sowie deren Politik und (Selbst-)Verwaltung von jeweiligen Gründungszwecken, funktionellen Erfordernissen, bestimmten Planungsabsichten oder Krisen und Machtverhältnissen prägen und spätere Entwicklungen oder Veränderungen der Stadt einschränken oder fördern können.

Zu häufigen Anlässen von »Stadtgründungen«13 zählt das Zusammentreffen von Verkehrswegen, die als Handelswege oder militärische Versorgungswege genutzt werden. An den Schnittpunkten solcher Verkehrswege treffen unterschiedliche Handelsrouten zusammen, wodurch sich eine relativ hohe Anzahl von Menschen und Waren an einem Ort ansammeln können. Der Anlass des Zusammentreffens bringt es mit sich, dass neben dem Zweck der Verknüpfung und Vernetzung des Handels von Gütern aus mehr als zwei Richtungen und damit einer Ausweitung des Handelsumschlags durch die Knotenfunktion ein Marktort/-platz entsteht. So entsteht nebenbei eine Kommunikationsmöglichkeit, die eine große Bedeutung erhält, solange Menschen mangels anderer technischer Mittel auf direkte »Face-to-Face«-Kommunikation angewiesen sind. Eine Variante solcher Städte, die an Kreuzungen von Verkehrs-, Transport- und Handelswegen entstehen, ergibt sich beim Zusammentreffen von Land-, Wasser- und später Luftverkehrswegen mit der Entwicklung von Hafenstädten an Binnengewässern, Meeresküsten oder später auch Flugplätzen.

Ein weiterer Anlass für die Entstehung von Städten sind Ansiedlungen politischer Machtzentren: Ob mittelalterliche Kaiserpfalzen, die auf ihrem Territorium verteilt angesiedelt, von den Kaisern auf ihrem Weg durch ihr Herrschaftsgebiet abwechselnd besucht und als Zwischenstationen fungierten, oder dauerhaft genutzte Orte von Niederlassungen wichtiger Herrschaftsfunktionen wie Gerichtsstandorte, Militärlager, strategisch wichtige Befestigungsanlagen etc. – sie können Anlass für die Ansammlung vieler Menschen und der Entwicklung solcher Ansiedlungen als Verwaltungs-, Garnisons- oder Residenzstadt sein. Ein dritter Anlass wäre die Ansiedlung kultureller Zentren wie beispielsweise Klöster, Kirchen, Universitäten an einem Ort, der durch das Zusammentreffen und die Art der Tätigkeit der dort anwesenden Menschen besondere Bedeutung erhält und Grund für die Ansiedelung weiterer Menschen wird. Auch sogenannte Standortfaktoren wie Bodenschätze (z. B. Kohle im Ruhrgebiet und Oberschlesien), stehende oder fließende Gewässer als Antriebs- (z. B. Mühlen, Hammerwerke, Flusskraftwerke etc.), Reinigungs- (Gerbereien, chemische Betriebe etc.) oder Kühlungsmittel (Schwerindustrie etc.) können Anlass für die Entstehung von Städten sein.

Die Entstehungsanlässe und/oder Weiterentwicklungen können insofern von Bedeutung für die heutige Situation von Städten sein, als deren Charakteristika determinierend oder prädestinierend nachwirken können. So kann sich die Vergangenheit einer Stadt als Industriestadt der Kohle- und Stahlerzeugung insofern determinierend auf ihre Entwicklung auswirken, als sie im Umbruch von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft ( Kap. 4) enorme Strukturprobleme zu bewältigen haben wird, die von der Entwicklung von Industriebrachen über die Ansiedelung zukunftsträchtiger Branchen, bis hin zur Bewältigung der Massenarbeitslosigkeit von Arbeitskräften aus Bergbau und Stahlerzeugung reichen. Die Tradition als alter Handelsknotenpunkt kann sich dagegen bis heute förderlich auf das Image einer Stadt auswirken, weil und wenn diese im interkommunalen Wettbewerb z. B. als Handelssitz von Unternehmen oder Standort für Messen Vorteile generieren kann und damit eine prosperierende ökonomische Lage entsteht.

Eine traditionell oder langjährig als Residenzstadt geprägte Stadt ist heute vielleicht immer noch Sitz wichtiger Verwaltungen oder hoher Gerichte, hat dadurch als »Beamtenstadt« vielleicht eine stabile Bevölkerungsstruktur und ist weniger mit Armut belastet. Traditionelle Universitätsstädte erfüllen mit einem überdurchschnittlichen Akademikeranteil möglicherweise eher die Bedingungen einer hoch qualifizierten und für wechselnde Arbeitsanforderungen flexiblen Bevölkerung, die an heutige Wissensgesellschaften (Wilke 1999) gestellt werden.

2.2 Geschichte und Entwicklungsphasen der Stadt

Die Stadt in der (Europäischen) Antike (ca. 1200 vor bis 600 n. Chr.) war als sogenannte Polis ein griechischer Stadtstaat, der auf Bürgerrechten beruhte und eine frühe Form verfasster Demokratie kannte. Die antike Stadt war eine Einheit von städtischem Zentrum und umliegendem Landgebiet, das der Nahrungsmittelerzeugung diente (Agrargesellschaft). Es gab öffentliche Gebäude und zentrale (Versammlungs-)Plätze (Agora). Weitere Gemeinsamkeiten der griechischen Städte der Antike, waren z. B. die Regel der begrenzten Stadtgröße und die Auswanderung von BürgerInnen zur Bildung von überlebensfähigen Kolonien und Neugründungen an anderen, zur Besiedelung geeigneten, Orten, wohin z. B. offenes Feuer mitgenommen und gehütet wurde (Benevolo 2007). Jede Stadt hatte ihre spezielle Religion, speziellen Heiligtümer, Feste und ihren eigenen Kalender sowie Zahlungsmittel und einen Wehrdienst. Die griechischen Städte der Antike pflegten unter einander Verbindungen, die durch Zentren sportlichen Wettbewerbs (Olympia), des religiösen Austauschs (Delphi) oder Gesundheit und Medizin (Kos) gefestigt wurden (Mumford 1961: 157 ff.). Vollständige Bürgerrechte hatten nur volljährige Männer. Frauen, Fremden und Sklaven wurden eingeschränkte oder keine Rechte eingeräumt. Eine typische Anlage der antiken Stadt waren rechteckige Straßen-Grundrisse (»Hippodamisches Schema«). Diese antike Stadt war im Einflussbereich der Griechen im Mittelmeerraum, insbesondere dem heutigen Italien, Südfrankreich, Kleinasien und Ägypten verbreitet (Fouquet 2009).

Im Einflussbereich des römischen Imperiums entstanden Städte nach römischem Muster, in regelmäßigem geometrischen »Gittermuster« angelegt, welches aus den sich rechtwinklig schneidenden Straßen resultierte, die meist von einer Schutzmauer umschlossen waren. Im Mittelpunkt einer römischen Stadt, am Schnittpunkt der aus Ost-West-Richtung mit der Nord-Süd-Achse verlaufenden Hauptstraße, befand sich das Zentrum des politischen, religiösen und wirtschaftlichen Lebens. Um das Zentrum herum gruppierten sich die Wohnviertel, meist aus einstöckigen Einzelwohnhäusern und, in ärmeren Stadtvierteln, mehrstöckige Mietshäuser. Die politische Macht lag in der Regel in den Händen einer lokalen Elite wohlhabender BürgerInnen. Öffentliche Gebäude und eine ausgebaute Infrastruktur von Sport-, Vergnügungs- und Versammlungsstätten sowie Bäder, Straßen, Versorgung mit Frischwasser und Abwasserentsorgung waren Kennzeichen römischer Städte der Antike. Zahlreiche heutige westeuropäische Städte im früheren Einflussgebiet des römischen Reiches entstanden in der Zeit des »Imperium Romanum« (Benevolo 1993). Nach dem Zerfall der griechischen und römischen Antike verloren viele Städte ihre frühere Bedeutung, verfielen oder schrumpften und wurden mehr fremd- als selbstverwaltet. Erst im Zuge der steigenden Bedeutung von Handelswegen (Nord-Süd-Richtung: Tuchhandel; Ost-West-Richtung: Gewürzhandel) kam es in Europa wieder zu Stadtbelebungen/-erweiterungen und Neugründungen, die ihren Höhepunkt in der Zeit der Pestwellen des 14. Jhs. bereits wieder überschritten hatte.

Aus der Antike stammen demnach Merkmale der sozialen Organisation, wie die demokratischen Formen der griechischen Polis oder der Genuss von Bürgerrechten in der römischen Stadt der Antike. Die geometrischen Grundrisse der räumlich-baulichen Anlage der Stadt der Antike stellen eine Grundlage für die zu späteren Zeiten aufgegriffenen geometrischen Gitterraster der Stadterweiterungen des 19. und 20. Jhs. dar. Mit der Schaffung öffentlicher Gebäude und Infrastruktur legten die Antiken Städte bereits die Grundlagen für das heutige Prinzip der kommunalen gemeinwohlorientierten Daseinsvor- und -fürsorge.

Die Europäische Stadt im Mittelalter (ca. 500 vor bis 1500 n. Chr.) war geprägt von zunehmender ökonomischer und dadurch auch politischer Autonomie. In der mittelalterlichen Stadt waren die Sphären zwischen von Feudalherrschaft geprägter Agrarwirtschaft auf dem Land und von Marktwirtschaft geprägter Selbstverwaltung in der Stadt stark voneinander getrennt. Die wirtschaftliche Bedeutung des Marktes erforderte, durch die vielfältigen und spezialisierten Kontakte unter einander fremder Menschen, von den StadtbewohnerInnen die Aneignung eines Rollenverhaltens und damit die Entwicklung einer städtischen Lebensweise, die sich von ländlicher Lebensweise deutlich unterschied. Die wirtschaftliche Kraft führte zur politischen Unabhängigkeit und ermöglichte damit den Einwohnern die Schaffung einer ökonomischen Existenzgrundlage durch Berufsausübung und die Zugehörigkeit zur Bürgerschaft durch individuelle Mitgliedschaft. Mit den speziellen Bürgerrechten verbunden war die Teilnahme am öffentlichen Leben in der Stadt und an der bürgerlichen Selbstverwaltung. Mit zunehmender ökonomischer Autonomie und demokratischer Selbstverwaltung in den Städten löste die Geldwirtschaft den Feudalismus ab, und es konnte eine Bürgergesellschaft entstehen, die von rechtlich gesichertem Gewaltmonopol und persönlichen Freiheitsrechten innerhalb der Stadt gekennzeichnet war. Zu deren Sicherung nach innen und außen wurden Bürgerwehren und Stadtmauern errichtet. Bauliche Merkmale der mittelalterlichen Stadt sind daher klare physische Grenzen durch Stadtmauer und Stadtgraben, kompakte Siedlungsform um ein Zentrum, meist Kirche oder Rathaus sowie große Bau- und Wohndichte (Engel 1993).

Im Zeitalter des Absolutismus bzw. der Frühneuzeit (ca. 1500–1800) entschieden die Konkurrenzkämpfe zwischen Territorialherrschern und Kommunen um die politische (durch Militär) und ökonomische Macht (durch Handel) über Wohl und Wehe von Städten. Die Vorherrschaft auf den Meeren, Eroberungen und Kontrolle über Handelswege bestimmen auch über Aufstieg und Niedergang von Städten wie beispielsweise London, Porto, Amsterdam. So verlor Venedig durch die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien seine zuvor bestimmende Rolle als Hafen- und Handelsstadt im Mittelmeer, über die große Teile des Handels zwischen Orient und Okzident bis dato abgewickelt wurden. In Städten, die sich den gesteigerten Interessen nach (militärischer) Kontrolle und Machtdemonstration der Herrscher nicht widersetzen konnten, wurden bauliche Einschnitte in Form von repräsentativen Palästen und großen Straßenschneisen durch die Stadt vorgenommen, verbunden mit Abriss mittelalterlicher kleinteiliger Bebauung, wie die Beispiele Champs-Élysées in Paris oder »Unter den Linden« in Berlin zeigen. Renaissance und Barockzeit veränderten die räumliche Stadtgestalt durch bauliche Eingriffe geometrischer Formen wie fächer- oder sternförmig auf Residenzgebäude zulaufende Straßen, die die Zentren der Macht in der Stadt hervorheben oder durch die Wiederbelebung des Gitternetzes als Bebauungsstruktur für Stadterweiterungen dienten. Zum Ende des 18. Jhs. entstanden in den Großstädten Europas die ersten Großwohnbauten und »Mietskasernen« mit klassizistischen Bauten. Zuvor wurden die nicht mehr benötigten Stadtbefestigungsanlagen in Stadtparks umgewandelt, wodurch wieder mehr Grünflächen in der Stadt entstanden. Dieser Zeit sind auch die ersten groß dimensionierten Straßenschneisen ›zu verdanken‹, die als bauliche Trennlinien Stadtgebiete zerschneiden und für Menschen zu Mobilitätsbarrieren werden können. Als weitere Konsequenz aus dieser Entwicklungsepoche kann der Verlust politischer Eigenständigkeit und Selbstverwaltung von Städten angesehen werden.

Mit der Etablierung von Nationalstaaten und der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsweise im Zeitalter der Industrialisierung wurde die Stadt im 19. Jh. wieder zum Zentrum der Gesellschaft. Durch Konzentration der industriellen Produktion in den Städten entstanden dort viele Arbeitsplätze, mit der Folge starken Bevölkerungszuwachses aus der näheren Umgebung und großen Wanderungsbewegungen aus ferneren Regionen. Beispiele sind Paris, als Metropole Frankreichs, das Ruhrgebiet mit Kohlebergbau und Stahlerzeugung und Zuzug aus dem heutigen Polen. Damit verbunden waren eine erneute Verdichtung der Bebauung und Wohnsituation und, um die Wende vom 19. zum 20. Jh., auch eine Ausdehnung der Stadtgebiete um neue Wohngebiete. Das aufstrebende und wirtschaftliche Macht erlangende Bürgertum schuf in dieser Zeit werthaltige Gebäude mit reicher filigraner Verzierung (Jugendstil), die in der Nachkriegszeit je nach Renovierungsstand eher nicht mehr sehr gefragt waren, aber günstigen Wohnraum boten und heute jedoch wieder sehr attraktiv sind. In dieser Zeit entstanden mit der Eisenbahn und der Dampfschifffahrt neue Verkehrsmittel, die den Transport von Rohstoffen, Waren und Menschen zu bewältigen halfen. Insbesondere die Eisenbahn wurde in Gestalt von Schienenwegen und Bahnhöfen neuer Bestandteil der Städte, zum Teil mit Stadt-prägender Bedeutung. Innerhalb der Großstädte wurden neue Fortbewegungsmittel gebraucht, um die größer werdenden Entfernungen der wachsenden Städte zu bewältigen. Mit Fahrrad, Straßenbahn, später auch Untergrundbahn und Autos wurden Fortbewegungsmittel bereitgestellt, die ihrerseits das Stadtbild und das Leben in der Stadt veränderten. Dieses schnelle und große Städtewachstum um die Jahrhundertwende brachte das Erfordernis mit sich, den Bau von Straßen, Gebäuden und ganzen Stadtteilen in Bau- und Nutzungsordnungen zu regeln. Neue Stadtmodelle wie die »Gartenstadt« (Kampffmeyer 1909) und die Entstehung der »Schrebergärten« (Albrecht/Blüher 1989) waren Antworten auf die hygienische Situation in überfüllten mittelalterlichen Altstadtteilen sowie die Belastungen durch schlechte Luft, bei gleichzeitiger Wohnungsnot in den industrialisierten Städten. Der Engländer Ebenezer Howard (1902) entwickelte Ende des 19. Jhs. sein Genossenschaftsmodell einer Neubau-Siedlung für Arbeiter mit kleineren (Reihen-)Mietshäusern und dazugehörigen Gärten zur Selbstversorgung, in denen die Bewohner lebenslanges Mietrecht genießen sollten, sowie Parks und öffentlichen Gebäuden. Der Baugrund war und blieb Genossenschaftseigentum, die Mieten sollten lediglich kostendeckend sein, sodass Bodenspekulation und überteuerte Mieten vermieden wurden. Das Einfamilienhaus mit Garten war die Wohnform der Gartenstadtbewegung, die in Europa Fuß fasste, ohne allerdings dabei immer die Genossenschaftsidee zu verwirklichen (Will/Lindner 2012). Heute sind die noch vorhandenen Gartenstadtsiedlungen wegen ihrer hausnahen Garten- und Parkanlagen insbesondere für Familien mit Kindern gefragte Wohnformen. Das an die sozialökologische Chicagoer Schule angelehnt Modell der »Nachbarschaftseinheit« von Clarence A. Perry (1929) erfuhr zwar keine nachhaltige Verbreitung. Die Idee kleinteiliger Nachbarschaftseinheiten innerhalb der Großstadt, ausgestattet mit fußläufig erreichbaren Einrichtungen wie Schule, Kirche, Gemeinschaftshaus und Einkaufmöglichkeiten sowie der Trennung von motorisiertem Verkehr und FußgängerInnen, findet sich jedoch auch in anderen Stadtplanungsmodellen wieder wie den in der Charta von Athen skizzierten Trabantenstädten (Le Corbusier 1957). Ebenfalls seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jhs. entwickelte sich in den schnell wachsenden Städten genossenschaftlicher Großwohnbau, teilweise mit Gemeinschaftsräumen wie Waschküchen oder Kinderspielplätzen in den Innenhöfen.

Der »Wiederaufbau« in den während des zweiten Weltkriegs zerstörten Städten in Europa war gekennzeichnet durch große Wohnungsnot, einerseits von durch Zerstörungen obdachlos gewordener, andererseits durch die großen Flüchtlingsströme von Millionen vertriebener Menschen. Die städtebaulichen Reaktionen darauf gingen von Erhaltungsmaßnahmen des noch vorhandenen, teilweise mittelalterlichen Altbestandes über Wiederaufbau, bis hin zu Neustrukturierungen bisheriger Bebauung durch Abriss und Neubau. In den Innenstädten wurden Straßen verbreitert und Brachflächen als Parkplätze für die »autogerechte Stadt« genutzt. Für Neubauten ganzer Stadtteile war in der Nachkriegszeit die Charta von Athen, mit den Ideen des Künstlers und Architekten Le Corbusiers (1957), ein gängiges Modell für Großwohnsiedlungen, die auf der »grünen Wiese« errichtet wurden. Auf der Basis der Nutzungstrennung zwischen Arbeiten, Wohnen, Einkauf, Freizeit und Kultur sollten diese neuen Wohngebiete licht- und luftdurchflutete Wohnungen bieten und als suburbane »Trabantenstädte« mit dem PKW als Individualverkehrsmittel, später auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu erreichen sein. Dem Verkehrskollaps der autogerechten Innenstädte wurde zunächst versucht, durch mehr und größere Straßen, Ringsysteme um die Altstadt oder City und dem Bau von Straßenbahnen und Untergrundbahnen abzuhelfen. Städte waren zur Wohnnutzung nicht mehr attraktiv, sodass ab den 1970er Jahren, im Zuge der Wohlstandssteigerung, zunehmend Familien in das Umland der Städte zogen und damit zur Zersiedelung der Landschaft beitrugen. Im Gegenzug und zur Attraktivitätssteigerung der Kernstädte wurden die Innenstädte saniert, Denkmalschutz betrieben und später mit der Einrichtung von Fußgängerzonen versucht, den Individualverkehr partiell wieder aus den Stadtkernen zurückzudrängen. Hierzu wurden Stadtsanierungs-, Stadterneuerungs- und später Stadtentwicklungsprogramme aufgelegt, die zunächst den Städtebau, später auch die soziale Stadtentwicklung in den Fokus nahmen ( Kap. 6).

Die Abwanderung aus der Stadt in das Umland scheint mittlerweile eine Umkehrung erfahren zu haben. Städte scheinen wieder attraktiv für Menschen, die u. a. Wert auf kulturelle, ökonomische und soziale Infrastruktur, Lebendigkeit und Mobilität legen (Siebel 2010). Mit der Aufwertung von Stadtvierteln, zunehmender Wohnungsnachfrage in den Städten und damit verbundenen Preissteigerungen wird Stadtwohnen für bisher traditionelle StadtbewohnerInnen wie ärmeren Bevölkerungsschichten zunehmend schwierig (Holm 2013).

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
03 eylül 2025
Hacim:
422 s. 37 illüstrasyon
ISBN:
9783170412163
Telif hakkı:
Bookwire
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