Kitabı oku: «Himmlische Züge»
MARTIN BREUTIGAM
HIMMLISCHE ZÜGE
Neue Rätsel und Geschichten
aus der Welt der Schachgenies
VERLAG DIE WERKSTATT
Vom selben Autor:

Martin Breutigam
Todesküsse am Brett
140 Rätsel und Geschichten
der Schachgenies von heute
160 S., Paperback, Fotos
ISBN 978-3-89533-743-7
€ 9,90
E-Book: € 6,99
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Coverabbildung: Joachim Lehrer, „Turmstark – den Wolken nah“, Öllasur auf Holz,
www.joachim-lehrer.de
Satz und Gestaltung: Verlag Die Werkstatt
ISBN 978-3-7307-0121-8
Fotos:
Christian Bossert: 9; Martin Breutigam: 97; Catharina Caprino: 159; Getty Images: 31, 32, 106, 135; Imago Sportfoto: 23, 47, 94; Zeljka
Malobabic: 89; Elena Panouli: 77

Der Autor
Martin Breutigam, geboren 1965 in Bremen, ist ein Internationaler Meister im Schach und langjähriger Bundesligaspieler. Er hat mehrere Bücher und DVDs zum Thema Schach veröffentlicht und schreibt als freier Journalist u. a. für die Süddeutsche Zeitung und den Tagesspiegel.
Inhalt
Vorwort
Geschichten und Rätsel 2010
Geschichten und Rätsel 2011
Geschichten und Rätsel 2012
Vorwort
Computer haben die Welt des Schachs ärmer und reicher zugleich gemacht. Ärmer, weil immer weniger Spieler zu persönlichen Begegnungen neigen. Millionen Schachliebhaber bleiben heute öfter zu Hause, um von dort aus übers Internet ihre Leidenschaft auszuleben, anstatt wie früher in Clubs oder Cafés beisammenzusitzen und zu grübeln. Mittlerweile warten ja überall Spielpartner und -partnerinnen, sei es in Moskau oder New York, in Peking oder Oldenburg. Das hat auch etwas Gutes.
Die digitalisierte Schachwelt ist aber vor allem reicher geworden, weil man das Spiel heute noch tiefgründiger analysieren und verstehen kann, außerdem ist dieses Wissen vielen Menschen leichter zugänglich als früher. Und ein Weltklassespieler sagt in diesem Buch, das heutige Spielniveau sei dank der Computer so hoch wie nie zuvor.
Es fällt allerdings nicht nur den Profis zunehmend schwer, mit ihrer sich rasant ändernden Welt Schritt zu halten, zumal etwas, von dem in der über 1.500 Jahre alten Schachgeschichte kaum die Rede war, plötzlich zu einem Problem geworden ist: Mit dem technischen Fortschritt ist auch die Zahl der Betrugsmöglichkeiten und -fälle gestiegen. Und offenbar müssen zu der Frage, wie man das Schachspiel wirksam vor den Skrupellosen schützen soll, etliche Beteiligte erst noch eine Haltung entwickeln, Amateure und Profis ebenso wie Funktionäre und Journalisten.
Und was vor zwei Jahrzehnten zuweilen noch als Horrorvorstellung galt, dass nämlich die besten Schachprogramme den spielstärksten Menschen eines Tages überlegen sein könnten, ist inzwischen Realität geworden, zumindest in taktischen Spielsituationen. Seit im Jahr 2006 das Programm Deep Fritz den damaligen Weltmeister Wladimir Kramnik einen sogenannten Kuss des Todes gab – ein Matt, das sich auch in Todesküsse am Brett, dem Vorgänger dieses Buches, wiederfindet –, seit jenem durchaus einschneidenden Ereignis scheint das allgemeine Interesse an Menschgegen-Maschine-Duellen endgültig verschwunden zu sein.
Tot ist Schach aber keineswegs! Im Gegenteil, noch nie hat es so viele bedeutende Turniere gegeben wie heute, oft jetten die Großmeister von einem Spielort zum nächsten. Von solchen Menschen und ihrer außergewöhnlichen Gabe handeln die Geschichten dieses Lese- und Trainingsbuches, zusammengestellt aus meinen Zeitungskolumnen, die zwischen Frühjahr 2010 und Herbst 2013 erschienen sind (größtenteils im Berliner Tagesspiegel und im Bremer Weser-Kurier).
Was in diesem Zeitraum an Grandiosem und Kuriosem geschah, können Sie auf den folgenden Seiten chronologisch nachspüren. Wie zum Beispiel der junge Magnus Carlsen seine Dominanz in der Schachwelt ausgebaut hat und wie die Teenagerin Hou Yifan die Frauen-WM gewann, welche Musik einen Spitzengroßmeister in Stimmung bringt und welche Probleme einem Spitzenpolitiker allein das Aufbauen der Schachfiguren bereitet.
Dazu gibt es wieder eine Auswahl der brillantesten Kombinationen aus diesen Jahren. Aber keine Sorge, nicht in jedem der 140 Partiefragmente ist ein Geniestreich gefragt! Bestimmt werden auch Hobbyspieler das eine oder andere Rätsel leicht lösen können, manchmal führt schon ein kleiner, pfiffiger Zug zum Ziel. Im Alltag der Schachprofis gibt es ohnehin mehr Arbeits- als Glanzsiege, öfter Handwerk als Kunst. Und es kann ebenso reizvoll wie lehrreich sein, den Großmeistern bei ihrem alltäglichen Handwerk auf die Finger zu schauen.
Tatsächlich sind immer Tausende Zuschauer live dabei, wenn Carlsen, Anand und die anderen Cracks spielen. Manche verfolgen die Turniere vor Ort, viele im Netz. Wenn aber mal Partien zwischen den weltbesten Computerprogrammen übertragen werden, will diese, interessanterweise, kaum ein Mensch sehen. Offenbar ist nichts langweiliger als eine seelenlose Computerpartie. Anders ausgedrückt: Die Ideen der fehlbaren Menschen bleiben ein viel größeres Faszinosum als die vermeintliche Perfektion der Computer.
Martin Breutigam
2010

Anand auf Irrwegen
Die Vulkanasche aus Island hat auch die Pläne des Schachweltmeisters durchkreuzt. Eigentlich wollte Viswanathan Anand bereits eine Woche vor seinem WM-Kampf gegen Wesselin Topalow in Sofia eintreffen, samt Ehefrau Aruna und Sekundanten. Wegen des internationalen Flugverbots mussten sie jedoch einige Tage in Frankfurt am Main ausharren, bevor sie einen Kleinbus mieteten und sich auf den 2.000 Kilometer langen Weg machten. Schließlich, nach ungezählten Schlaglöchern und 40 Stunden Fahrt quer durch Europa, erreichten der Inder und die Seinen die bulgarische Hauptstadt.
Einen relativ weiten Weg hatte auch Anands in der Bildstellung auf dem Feld g4 befindlicher Springer hinter sich: g1-f3-e5-g4-e3-g4. Alles Teil eines tiefgründigen Plans! Wie erzwang Anand als Weißer in dieser vierten WM-Partie den Sieg?
Lösung: 1.Sxh6+! (Weil viele Figuren Topalows abseits stehen, ist sein König dem Angriff ausgeliefert.) 1…gxh6 2.Dxh6 (Anands Leitmotiv ist nun 3.e5 gefolgt vom Turmschwenk Tc4-g4/h4.) 2…f6 3.e5! Lxg2 (Oder 3…Dg7 4.Dxg7+ Kxg7 5.Lxc6 und gewinnt.) 4.exf6! Txd6 (Schwarz ist in jedem Fall verloren, z. B. 4…Lf3 5.Dg6+ Kh8 6.Tc4 bzw. 4…Dh7 5.Dg5+ Kh8 6.Tc4.) 4.Txd6 Le4 (Oder 4…Ld5 5.Dg6+ Kh8 6.Tc4! Lxc4 7.Td4!, Idee: 8.Th4 bzw. 7…Dxd4 8.Dg7 matt.) 5.Txe6 Sd3 6.Tc2 Dh7 7.f7+! Dxf7 (Falls 7…Kxf7, so 8.Tf6+; bzw. 8…Txf7 9.Te8+.) 8.Txe4 Df5 9.Te7 1:0.

Endlich angekommen: Weltmeister Viswanathan Anand prüft am Tag vor der ersten WM-Partie seinen Arbeitsplatz. Weil in Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, erreichte der Inder den WM-Spielort in Sofia viel später als geplant. (Am rechten Bildrand Anands Ehefrau Aruna, daneben sein Freund und Delegationsleiter Hans-Walter Schmitt.)
Im ehrwürdigen Military-Club konnten die Zuschauer die Spieler sehen, nicht umgekehrt: Anands Team hatte zuvor – um eine nonverbale Kommunikation auszuschließen – auf ein spezielles Netz bestanden und dieses aus Deutschland kommen lassen. Wie ein Vorhang wurde das elf mal elf Meter große, nur einseitig durchsichtige Netz zu Beginn jeder Partie zwischen Bühne und Zuschauerbereich gezogen.

Befehl aus Moskau?
Anatoli Karpow hat angekündigt, die Korruption im Weltschachbund Fide zu beseitigen. Im Herbst wird der russische Exweltmeister gegen Fide-Präsident Kirsan Iljumschinow kandidieren. Unklar bleibt aber, wie er dem weltweit gut vernetzten Iljumschinow genug Stimmen streitig machen will. Allein die notwendige Nominierung bekam Karpow nicht vom eigenen Verband, sondern vom deutschen! Russlands Verband unterstützt Iljumschinow, der auch Präsident der autonomen russischen Republik Kalmückien ist. Man sollte Karpow aber nicht unterschätzen. In einem offenen Brief hat er die frühe Parteinahme scharf kritisiert. Sein Kampf stehe überdies „im Einklang mit den Aufgaben unserer Nation, der Nation des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew“. Aha, Karpow erhofft wohl Hilfe vom Kreml.
„Befehl aus Moskau!“, witzelten schon im Jahr 1977 Turnierteilnehmer in Bad Lauterberg. Damals hatte der junge Weltmeister Karpow, mit Weiß gegen István Csom aus dem sowjetischen Bruderstaat Ungarn, eine im Grunde verlorene Partie gedreht. Wie?
Lösung: 1.Sf5! (Ein damaliger Turnierteilnehmer erinnert sich noch gut an Csoms entsetzten Gesichtsausdruck in diesem Moment. Ergo ging Csoms letztem Zug, Sh7-f8??, kein Kremlbefehl voraus – es war bloß ein Versehen. Nun wird’s Matt auf g7, z. B. 1…exf5 2.Dh2+! Kg8 3.Dg3+, bzw. 1… Sxd7 2.Dh2+! Kg8 3.Dg3+, bzw. 1…e5 2.Th7+!) 1:0.

Königsfischen mit Hammer
Jon Ludvig Hammer steht immer etwas im Schatten von Magnus Carlsen, dem Weltranglistenersten. Klar, Hammers Namen findet man gerade mal unter den besten 200 der Welt. Carlsen und Hammer haben allerdings einiges gemeinsam. Beide sind 19 Jahre alt, Norweger, Großmeister, und beide sind von Simen Agdestein trainiert worden. Obwohl Hammer diesen mittlerweile als zweitbesten Norweger abgelöst hat, will er kein Vollprofi werden. Neuerdings studiert er Wirtschaftswissenschaften. Schwer vorstellbar jedoch, dass einer, der so leidenschaftlich spielt wie Hammer, die Zeit fürs Schach wirklich reduzieren könnte. Zuletzt saß er im britischen Sunningdale bei der 4NCL am Brett, jener Vier-Nationen-Schachliga, in der Vereinsmannschaften aus England, Schottland, Irland und Wales wettstreiten. Hammers Team, der Londoner Club Wood Green Hilsmark Kingfishers, gewann die Meisterschaft. Wobei Hammer das mit den Kingfishers wörtlich nahm: Gegen Großmeister Daniel King sah man ihn mit Weiß als einen gnadenlosen Königsfischer.
Lösung: 1.Dh8+! (Zunächst ein simples Schachgebot …) 1…Lg8 2.Txd5! (… und dann dieser „Hammerschlag“. King gab sofort auf. Denn 2…Txd5 würde an 3.Dxg7+ scheitern. Und falls er den Springer c5 mit 2…Tc7 schützt, gewinnt 3.Txc5, z. B. 3…Txc5 4.Dxg7+ Ke8 5.De7 matt.) 1:0.

Einmaliges Genie-Bündnis
Stimmt es, dass er, der Weltmeister Viswanathan Anand, vor dem jüngsten WM-Kampf ausgerechnet mit Magnus Carlsen trainiert hat? „Ja“, bestätigt Anand nach seinem 6,5:5,5-Sieg gegen Wesselin Topalow in Sofia, „Magnus hat mir ein bisschen geholfen.“ Und der aktuelle Weltranglistenerste war nicht Anands einziger prominenter Ratgeber! Auch die Russen Garry Kasparow und Wladimir Kramnik, der 13. und der 14. Weltmeister der Geschichte, sympathisierten diesmal mit ihrem Nachfolger. Ein schachhistorisch einmaliges Genie-Bündnis! Kramnik hatte sich, als Anand in der Mitte des Wettkampfs in Schwierigkeiten steckte, spontan eingeschaltet. Tipps via Skype. Einfach so. Er empfahl, welche Eröffnungen der Inder lieber bleiben lassen solle. Dies sei sehr hilfreich gewesen, sagt Anand. In der entscheidenden 12. Partie verteidigte er als Schwarzer seinen Titel energisch. Wie?
Lösung: 1…De8! (Es droht Matt auf h5. Der weiße König wird nun keine Ruhe finden.) 2.g4 h5! 3.Kh4 (Oder 3.g5 De4!) 3…g5+! 4.fxg6 (Oder 4.Kxg5 Tg7+) 4…Dxg6 5.Df1 Txg4+ 6.Kh3 Te7! 7.Tf8+ Kg7 8.Sf5+ (Falls 8.Txa8, so 8…Txe3+! 9.Txe3 Th4+! 10.Kxh4 Dg4 matt.) 8…Kh7! 9.Tg3 Txg3+ 10.hxg3 Dg4+ 11.Kh2 Te2+ 12.Kg1 Tg2+ 13.Dxg2 Lxg2 14.Kxg2 (Oder 14.Tf7+ Kg6! 15.Tg7+ Kxf5 16.Txg4 hxg4! 17.Kxg2 Ke4 18.Kf2 Kd3 und gewinnt.) 14…De2+ 15.Kh3 c4 16.a4 a5 17.Tf6 Kg8 18.Sh6+ Kg7 19.Tb6 De4 20.Kh2 Kh7 21.Td6 De5 22.Sf7 Dxb2+ 23.Kh3 Dg7 0:1.

Ein flotter Wahl-Russe
Man könnte den adretten jungen Mann leicht für einen noch etwas ungelenken Tanzschüler halten. Dass ein großer Schachgeist in ihm steckt, ist Sergej Karjakin jedenfalls nicht gleich anzusehen. Sein jugendlicher Ausdruck passt auch nicht ganz zu seinem ereignisreichen Leben. Mit zwölf Jahren und sieben Monaten wurde Karjakin Großmeister – so früh wie kein anderer. Mit 19 heiratete er Katerina Dolschikowa, eine ukrainische Schachmeisterin, die er übrigens beim Tanzen in einer Dresdner Diskothek näher kennengelernt hatte. Mittlerweile ist Karjakin 20 – und hat sogar schon einmal die Staatsbürgerschaft gewechselt: Weil er sich vom ukrainischen Schachverband zu wenig unterstützt fühlte, ist er seit Sommer 2009 ein Russe. Möglichst bald will er mithilfe russischer Startrainer auch ein Kandidat für den WM-Titel werden.
Dass er das Potenzial besitzt, hat er bei seinem Sieg im Schnellschach-Weltcup in Odessa/Ukraine wieder bestätigt. Was antwortete Karjakin, oben mit Weiß gegen Alexej Schirow, auf dessen Drohung …Td2?
Lösung: 1.Th8+! (Aber bloß nicht 1.Dxe5?? Td2+. Schirow gab nach 1.Th8+! auf. Offenbar hatte er keine Lust mehr, sich das unvermeidliche Ende zeigen zu lassen: Matt wäre es sowohl nach 1…Lxh8 2.De8+ Kg7 3.Dxh8 geworden als auch nach 1…Kg7 2.Dxe5+ f6 3.T1h7.) 1:0.

Freundlicher Bariton hilft
Emil Sutovsky, der singende Großmeister aus Israel, hat uns vom Turnier im westsibirischen Poikowski eine E-Mail geschickt. „Ja, die Partie gegen Onischuk war ziemlich nett“, schreibt Sutovsky. Ziemlich nett scheinen ihn auch die Kollegen zu finden. Er bekommt viel Applaus, wenn er mit seinem Bariton Arien anstimmt. So etwas macht Sutovsky aber nur noch zum Spaß, beruflich konzentriert er sich aufs Schach. Und auch da schätzt man sein Können. „Ich kombiniere meine Karriere als Profi mit Hilfsdiensten für einige Topspieler.“ Aktuelle Namen will Sutovsky nicht verraten, „aber sie sind wirklich berühmt“. Nach Poikowski fuhr er nicht als Sekundant, sondern als Spieler. Die besagte Partie gegen Großmeister Alexander Onischuk sei eine „Improvisation“ gewesen. Am Ende bestand seine Aufgabe darin, oben mit Weiß einen schwarzen Läufer unter günstigen Umständen zu gewinnen. Das sofortige 1.Txc8 wäre jedoch zu plump. Wieso? Und auch die Variante 1.Df3 Dg4 2.Txc8 Dxf3 3.gxf3 Lb6 wirkte undeutlich. Sutovsky machte es besser. Wie?
Lösung: 1.Th8+! (Viel genauer als 1.Dg3?! Dxf6 2.Dg8+ Kh6. Ganz falsch wäre 1.Txc8?? Dxf2+! 2.Txf2 Td1 matt.) 1…Kg6 (Nicht 1…Kxh8? 2.Df8+ nebst Matt.) 2.Dg3+ Kxf6 (Nicht 2…Dg4? 3.Tg8+. Auch 2…Lg4 verliert: 3.h3 Txf2 4.Txf2 Dxf2+ 5.Dxf2 Lxf2+ 6.Kxf2.) 3.Txc8 (Auch 3.Th6+ ist gut.) 3…Td3 4.Dg8 1:0.

Bobby Fischers Erbe
Zweieinhalb Jahre nach seinem Tod ist Bobby Fischers Erbe noch nicht geregelt. Das oberste Gericht Islands hat unlängst zwecks Klärung einer Vaterschaft die Exhumierung von Fischers Leichnam angeordnet. Er liegt in Reykjavik begraben, wo er 1972 Weltmeister geworden war. Über das schachliche Erbe des wunderlichen US-Amerikaners bestanden hingegen niemals Zweifel. Nur manchmal lag Fischer falsch. Zum Beispiel behauptete er, die sogenannte Drachen-Variante tauge nichts, damit würden Großmeister sogar gegen schwache Spieler verlieren. Und das romantische Königsgambit (1.e4 e5 2.f4) hielt er für eine Eröffnung von gestern. „Königsgambit ist erledigt“, resümierte Fischer in einer Analyse aus dem Jahr 1961.
Ausgerechnet Magnus Carlsen, der heutige Weltranglistenerste, sieht dies offenbar anders. Bei seinem jüngsten Turniersieg in Mediasch/Rumänien spielte er sowohl die Drachenvariante als auch das Königsgambit! Letzteres gegen den Chinesen Wang Yue: Am Ende bahnte sich Carlsen mit Weiß einen schönen, klaren Gewinnweg. Wie?
Lösung: 1.g4! (Am klarsten: Ein Freibauer entsteht.) 1…hxg4 2.h5 Le4 (Oder 2…Lc6 3.Kg3 und gewinnt, z. B. 3…f5 4.h6 Kf6 5.Txf5+ Kg6 6.Txg5+ Kxh6 7.Kxg4, nebst Turm nach g1, König nach b6 und Txb7.) 3.Tc7 f5 4.h6 f4 5.h7 g3+ 6.Ke1 f3 7.h8D f2+ 8.Ke2 Ld3+ 9.Ke3 1:0 (wegen 9…f1D 10.De8+ Kf5 11.Tf7+).

Turniere schrumpfen
Schachspieler und -organisatoren bekommen die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu spüren. Selbst die Chess Classics in Mainz sind einstweilen geschrumpft. Das lange Zeit größte Schnellschachfestival der Welt wird diesmal nur an zwei statt an sieben Tagen im August ausgetragen. Langjährige Sponsoren hätten sich zurückgezogen, heißt es. Auch in Dortmund, wo in dieser Woche die 38. Auflage der Schachtage beginnt, wird gespart. Wie im Vorjahr hat das Geld bloß für sechs Großmeister gereicht. Neben den üblichen Wladimir Kramnik und Peter Leko spielen Schachrijar Mamedjarow sowie erstmals auch der frühere Fide-Weltmeister Ruslan Ponomarjow und Le Quang Liem aus Vietnam mit. Einziger Deutscher am Brett: Arkadij Naiditsch.
Erstaunlich, dass andere deutsche Großmeister derzeit kaum noch Chancen auf ein Rundenturnier erhalten. Da haben es die Schweden besser. Obwohl das Turnier in Malmö diesen Sommer ebenfalls auf sechs Spieler verkleinert wurde, waren vier Schweden darunter. Wie kombinierte Jonny Hector mit Weiß?
Lösung: 1.Sg4! (Demaskiert den Spieß in der e-Linie.) 1…Sxg4 (Ein letzter Trick. Die Dame konnte nicht gut wegziehen, z. B. 1…Dxf3 2.Sxf6+ gxf6 3.Txe8+ und 4.gxf3.) 2.Dxg4! (Viel genauer als 2.Txe4? Txe4, dann hätte Schwarz, Tiger Hillarp Persson, noch etwas kämpfen können, z. B. mit 3.h3 Td3!) 1:0.

„Im Zweifel immer Schloss“
Er sei es nicht gewohnt, „in Schach-Zusammenhängen zu denken“, hat der geniale Übersetzer Harry Rowohlt in seiner Zeit-Kolumne „Pooh’s Corner“ eingeräumt. Hintergrund war sein vom Satiremagazin Titanic entdeckter Fehler in Kurt Vonneguts Roman Mann ohne Land. Rowohlt hatte den Satz „My father said, ‚When in doubt, castle‘“ so übersetzt: „Mein Vater sagte, ‚Im Zweifel immer Schloss‘“. Weil es hier jedoch um Schach ging und das Wort „castle“ sowohl „Schloss“ als auch „Rochade“ bedeutet, hätte es besser „Im Zweifel immer Rochade“ geheißen. Als er dies bemerkte, sei er „kalkweiß vor Scham“ geworden, schreibt Rowohlt.
Heutige Meisterspieler, Menschen also, die den ganzen Tag in Schach-Zusammenhängen denken, nehmen die Rochade-Empfehlung manchmal lockerer. Im Bild oben wurde gar nicht rochiert! Und Richard Rapport, der erst 14-jährige Großmeister aus Ungarn, bestrafte solch mangelnde Königspflege, indem er mit Weiß beim Mitropa-Cup in Chur/Schweiz den Deutschen Meister Niclas Huschenbeth mattsetzte. Wie?
Lösung: 1.Dd5+! (Nach Zügen wie 1.Dg4?! Tc7 2.Se6+ Kc8 hätte Schwarz noch mitgemischt. Das wunderbare 1.Dd5+! führt hingegen in allen Varianten zum Matt, z. B. 1…cxd5 2.Se6; oder 1…Kc7 2.Lf4+ e5 3.Lxe5+ Kb6 4.Sd7+ Ka5 5.Dxc4 cxb5 6.Da2+; oder 1…Ke8 2.Dd7+ Kf7 3.Lxc4+ Kg7 4.De6, Idee: 5.Df7 matt.) 1:0.

Rybka rechnet tief
Eigentlich braucht kein Mensch jedes Jahr ein neues Schachprogramm. Durchschnittsdenker haben gegen Computer ohnehin kaum noch Chancen, und als Analysehilfe reichen die Vorgängerversionen aus. Heute gilt es schon als unwahrscheinlich, dass Topgroßmeister mal eine Partie gegen ein tief rechnendes Multiprozessor-Programm gewinnen. In einem längeren Wettkampf sähe es ganz düster aus. Klar, Partien von Schachgenies wie Vishy Anand und Magnus Carlsen sind meist ansehnlicher als die von Computern, weil es sich um Kontrahenten aus Fleisch und Blut handelt, mit Geist und Struktur. Bloß schleichen sich da eben manchmal auch Fehler ein.
Immer weniger Fehler begehen dagegen die neuen Programmversionen. Und das macht sie bei Profis begehrenswert. Wesselin Topalow soll sogar ein kleines Vermögen investiert haben, um vor der WM gegen Anand auf einem 112-Core-Superrechner exklusiv mit Rybka4 analysieren zu können. Erst nach der WM erschien die Version im Handel. Mit welchem Manöver bezwang Rybka4 als Weißer Stockfish 1.7.1.?
Lösung: 1.c6! (Den Sieg verspielt hätten 1.Txe6? Kf7 bzw. 1.Tb1? Kf7 2.Txb5 Td8. Es ging aber auch erst 1.Ta1!, dann 2.c6!) 1…bxc6 2.Ta1! (Schwarz ist hilflos gegen die Drohung 3.Ta7 nebst 4.b7.) 2… e5 (Oder 2…Kf7 3.Ta7 Ke7 3.b7 bzw. 2…b4 3.Ta7 Td8 4.b7 und 5.Ta8.) 3.Ta7 Td1+ 4.Kf2 h6 5.b7 Kh7 6.b8D 1:0.

Zu wenig Geld für Kopfarbeit?
Schade, dass der Deutsche Schachbund im September eine junge, vermutlich chancenlose B-Mannschaft zur Schacholympiade ins sibirische Chanty-Mansijsk schicken wird. Die vier besten deutschen Großmeister – Arkadij Naiditsch, Georg Meier, Daniel Fridman und Jan Gustafsson – bleiben lieber zu Hause, weil ihnen ein Honorar von je 2.500 Euro zu wenig erscheint für zwei Wochen Kopfarbeit in Sibirien. Als Profi könne man so nicht rechnen, zumal auch die Vorbereitungszeit bedacht werden müsse, sagt einer der vier Großmeister. Länder wie Spanien und Frankreich würden ihren Nationalspielern deutlich mehr zahlen. Vom Deutschen Schachbund sind zwar keine allzu großen Sprünge zu erwarten angesichts jährlicher Einnahmen und Ausgaben von jeweils ungefähr einer Million Euro. Dennoch müssen die Funktionäre nun wohl darüber nachdenken, künftig etwas leistungssportorientierter zu kalkulieren. Damit wieder die Besten an den Brettern sitzen.
Was sah Jan Gustafsson mit Schwarz (gegen Marko Tratar) beim Bosnien-Open in Sarajevo?
Lösung: 1…c3! (Dieser Bauer wird bärenstark, denn er darf nicht genommen werden: 2.bxc3? Dxe2 bzw. 2.Lxc3? Db1+ nebst 3…Dxe4.) 2.Td4 (Oder 2.Dc2 cxb2 3.Sd2 Sb6, mit dem Gewinnplan 4…Sc4 5.Sb1 Sa3 6.Sxa3 Lxa3 und 7…b1D.) 2…cxb2 3.Td2 La3 (Weiß kapitulierte angesichts …Da1 und … b1D.) 0:1.

Hitzeschach
Statistikfreunde haben die Remisquoten der jüngsten Turniere in Dortmund und Biel/Schweiz errechnet und miteinander verglichen. Im Dortmunder Schauspielhaus endeten nur 53 Prozent der Partien remis, selbst die etablierten Großmeister boten trotz großer Hitze Kampfschach. Was sicherlich auch an der sogenannten Sofia-Regel gelegen hat, die den Spielern diesmal das Remis-Anbieten verbat. Anders in Biel, wo man während einer Partie wie üblich jederzeit Frieden schließen konnte. Obwohl die zehn teilnehmenden Großmeister – fast alle just dem Wunderknabenalter entwachsen – noch so jung und hungrig erscheinen, dass man eigentlich beherztes Schach von ihnen erwarten durfte, lag die Remisquote bei 69 Prozent. Das war aus Sicht der Zuschauer natürlich enttäuschend, erst recht, wenn man bedenkt, dass in mehr als der Hälfte dieser Partien schon nach weniger als 30 Zügen das Remis vereinbart wurde. Manches war aber auch schön anzusehen in Biel: Wie vollstreckte Wesley So, 17, mit Schwarz gegen Maxim Rodshtein?
Lösung: 1…Lxg2+! (Nach diesem krachenden Einschlag gibt es keine Rettung für den König.) 2.Lxg2 (Das Opfer abzulehnen, wäre natürlich sinnlos, z. B. 2.Kg1 De3+ 3.Df2 Sf3 matt.) 2…Dc1+ (Weiß gab auf, ohne sich das unvermeidliche Matt zeigen zu lassen: 3.Kh2 Sf3+! 4.Lxf3 Dg1 matt.) 0:1.

Adams fischt nichts
Nach eigener Zählung hat Michael Adams während des Urlaubs auf den Florida Keys null Fische gefangen. Zufällig entspricht dieses selbst für einen Angler-Neuling magere Ergebnis exakt jener Ausbeute, die Adams in letzter Zeit gegen Weltklassespieler vorweisen kann. Seit über anderthalb Jahren hat der stille britische Großmeister gegen keinen Gegner gewonnen, der mehr als 2.700 Elo-Punkte besitzt. Adams’ Formtief drückt sich auch in der Weltrangliste aus: Vor einigen Jahren war er noch Vierter, zurzeit findet man seinen Namen erst auf Rang 35. Na gut, dachte er sich vielleicht, wenn schon die großen Fische nicht mehr richtig anbeißen, versuche ich es eben bei den etwas kleineren und spiele mal die britischen Meisterschaften mit. Das war eine gute Idee! Adams, der klare Favorit in Canterbury, gewann das Turnier mit riesigem Vorsprung. Seiner angekratzten Elo-Zahl und auch dem Selbstvertrauen dürften die vielen Siege gut getan haben.
Wie machte Adams oben mit Schwarz gegen Stephen Gordon alles klar?
Lösung: 1…Dc5! (Dieser unscheinbare, aber enorm starke Damenschwenk aus dem Hinterhalt zeigt sogleich Wirkung. Weiß gab auf, denn er ist in allen Varianten glatt verloren, z. B. 2.Dxc5 Txd1+ und 3… Sxc5; oder 2.Tc1 Td1 matt; oder 2.Txd4 Dxc2 3.Txd7 Dc5+! 4.Kh1 Dc1+ bzw. 4.Kf1 Dxf5+) 0:1.

Ein großer Däne
Das Turnier in Buenos Aires 2008 hätte Bent Larsen lieber nicht mitspielen sollen. Dem großartigen alten Dänen fehlte nach langer Pause die Spielpraxis; er hatte auch befürchtet, eröffnungsmäßig nicht mehr mithalten zu können. Also wählte Larsen, auf seine einst geniale Intuition vertrauend, Runde um Runde etwas Bizarres – und bekam dafür die Höchststrafe. Er verlor alle neun Partien, jede auf unwürdige Weise. Gegen Gegner, deren Spielniveau ihm früher kaum Probleme bereitet hätte. Von 1964 bis 1971 galt Larsen neben Bobby Fischer als stärkster Spieler außerhalb der Sowjetunion. Sagenhaft sein Kampf- und Schöpfergeist.
In diesem Jahr ist Larsen 75 geworden. Als nun ihm zu Ehren die Großmeister Peter Heine Nielsen und Peter Swidler in Kopenhagen unter anderem ein Blitzduell mit der Larsen-Eröffnung (1.b3) auskämpften, fehlte der Geehrte. Larsen blieb aus gesundheitlichen Gründen in Buenos Aires, wo er der Liebe wegen schon anno 1980 hingezogen war. Und was zog Swidler, mit Schwarz, gegen Heine Nielsen?
Lösung: 1. Lxc3! (Lenkt die Dame vom Punkt f2 ab, auf dem Swidler gleich Großes vorhat.) 2.Dxc3 Th1+! 3.Lxh1 Txh1+! (Aber nicht 3…Dh6?? 4.Lg2.) 4.Kg2 (Oder 4.Kxh1 Dh6+ 5.Kg1 Dh2+ 6.Kf1 Dxf2 matt.) 4…Th2+ 5.Kg1 (Oder 5.Kf1 Txf2+ 6.Ke1 Dh6 und …Dh1 matt.) 5…Dh6 (Nielsen gab auf.) 0:1.

Bent Larsen (3. v. re.) 1966 in Havanna beim Simultanspiel gegen Kubas Präsident Fidel Castro. Am rechten Bildrand die sowjetischen Weltmeister Tigran Petrosjan und Michail Tal.

Kamskys Glück
Das schlechteste Turnier seines Lebens spielte Gata Kamsky vor einem Jahr in Mainz. Zumindest, wenn man auf seine damalige Platzierung schaut. Der Weltklassemann aus den USA musste sogar ein paar Amateure an sich vorbeiziehen lassen und wurde nur 89. (von rund 700 Teilnehmern). Trotzdem ist er in diesem Jahr wieder zu den Chess Classics nach Mainz gekommen. Das enorm stark besetzte Open war von den Veranstaltern zur „Schnellschach-WM“ befördert worden. Und wie Kamsky sich in diesem Feld rehabilitierte! Obwohl keineswegs als Topfavorit angetreten, trug er am Ende das Kuvert mit 6.000 Euro Siegprämie davon. Um ein solches Turnier zu gewinnen, braucht es neben einer gewaltigen Spielstärke aber manchmal auch ein bisschen Glück: Die Bildstellung zeigt den vorentscheidenden Moment des Turniers. Kamskys Gegner, Rustam Kasimdschanow, hatte bereits einige Gewinnmöglichkeiten verpasst, als er mit seinem letzten Zug, Te7-e5??, alles verdarb. Welcher einfache Trick genügte dem mit Schwarz spielenden Kamsky zum Sieg?
Lösung: 1…Sc1! (Erbarmungslos betont Kamsky die unglückliche Abhängigkeit der weißen Figuren. Kasimdschanow gab sofort auf, weil er erst den Springer bzw. den Turm verlieren würde und anschließend machtlos wäre gegen den bzw. die vorrückenden schwarzen Freibauern.) 0:1.

Nakamuras Zorn
Was Hikaru Nakamura twitternd von sich gibt, verrät einiges über die Haltung, die der US-amerikanische Großmeister einzunehmen pflegt, sei es im Kampf am Schachbrett und wohl auch im Leben allgemein. „Auf zu Zorn! Auf zu Verderben! Und blutig Morgen“ – mit diesem martialischen Herr-der-Ringe-Zitat stimmte er sich neulich per Twitter auf eine wichtige Partie ein, bei einem Wettkampf zwischen fünf Jungstars und fünf erfahrenen Großmeistern in Amsterdam. Am Ende siegten die Jungen – denen trotz seiner nun schon 22 Jahre auch Nakamura angehörte – mit 26:24. Als Bester seines Teams qualifizierte er sich zugleich für das begehrte Blindund Schnellturnier in Nizza. Zwar wird’s einem bei Nakamura schwerlich warm ums Herz, es ist aber oft faszinierend, was er in Sekundenschnelle alles sieht. Seine Gegner müssen nicht nur mit provokanten Grimassen rechnen, sondern immer auch mit strammen Zügen. Oben fand Nakamura mit Weiß eine Fortsetzung, die seinen Gegner, Loek van Wely, sofort kapitulieren ließ. Welche war’s?
Lösung: 1.Tb6! (Dies gewinnt mindestens die Dame. Van Wely gab auf, ohne sich das Matt nach 1… Sxb6 2.Sf6+! exf6 3.Dd8 zeigen zu lassen. Alternativ zum brillanten 1.Tb6! hätte übrigens auch 1.Da5 gewonnen, z. B. 1…Lxb7 2.Sc7+ Kd8 3.Sxa8+ Kc8 4.Le2!, mit der Idee 5.Lf3.) 1:0.

Bent Larsen verstorben
Mit zwölf Jahren war Bent Larsen dem örtlichen Schachklub in Holstebro beigetreten. Spät für einen, der bald einer der charismatischsten Spieler des 20. Jahrhunderts werden sollte. Doch vielleicht erklärt es die besondere Originalität des Dänen: Im Vergleich mit den Sowjetstars, denen Schach systematisch gelehrt wurde, blieb Larsen ein Autodidakt. Garry Kasparow hat ihm in der Reihe Meine großen Vorkämpfer über 60 Seiten gewidmet und diagnostizierte bei Larsen einen „unerschöpflichen Optimismus“ und einen „spezifischen, nicht nachahmbaren Stil“. Larsen selbst betonte in dem Kultbuch Ich spiele auf Sieg seinen steten Hang für Überraschungselemente. Mit 21 Jahren war er Großmeister geworden, und in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre galt er neben Bobby Fischer als bester Spieler des Westens. Viermal qualifizierte sich Larsen, oben mit Schwarz am Zug, für die Kandidatenturniere – jedoch nie für einen WM-Kampf.
Am 9. September ist Bent Larsen, 75-jährig, in seiner Wahlheimat Buenos Aires verstorben.
Lösung: 1…Sf3+! (Und hier gab der Finne Heikki Westerinen diese 1967 in Havanna gespielte Partie auf. Der weiße König zappelt bereits in einem Mattnetz: 2.gxf3 Td5+! 3.Kc1 Txe1 matt. Rettungschancen hätte Weiß hingegen im Fall von 1…Txe1? 2.Txe1 Txe1 3.Kxe1 Sxc2+ 4.Kd2 erhalten.) 0:1.

Grüße aus dem Kreml
Welche gesellschaftspolitische Rolle das Schachspiel in Russland noch innehat, zeigte sich in dieser Woche bei der Eröffnung der Schacholympiade im sibirischen Chanty Mansijsk, als den 5.000 Besuchern auf einer Leinwand ein Video-Grußwort des Kremlchefs Dmitri Medwedew übermittelt wurde. Schach genoss ja schon im intellektuellen Leben der Sowjetunion ein hohes Ansehen. Die Nährböden der in den 1920er Jahren begonnenen staatlichen Förderung wurden immer breiter, so dass auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg fast alle Weltmeister aus der Sowjetunion kamen. Eine Dominanz, die sich prima ideologisieren ließ – und den Staat überlebt hat.
Nun in Chanty Mansijsk sind wieder die Russen (mit Kramnik, Grischuk, Swidler, Karjakin und Malachow) der große Favorit. Wie zuletzt in Turin 2006 und Dresden 2008. Bloß holte dort jeweils Armenien Gold. Das kleine Land mit der ebenfalls großen Schachkultur kann es sich sogar leisten, auf einen seiner Jungstars zu verzichten: Zaven Andriasjan, oben mit Weiß, glänzte zuletzt anderenorts.
Lösung: 1.Txf7! Dxf7 (Oder 1…Kxf7 2.Tf1+ und gewinnt.) 2.Sd6+! (Nach dieser netten Pointe gab Schwarz, der junge Deutsche Alexander Raykhman, diese beim Open in Thessaloniki gespielte Partie auf. Auf 2…Lxd6 folgt 3.Dd8 matt, bzw. 2…Kf8 3.Sxf7. Andriasjan gewann am Ende das Turnier) 1:0.

In zerrissenen Jeans
An manchen Tagen sieht man Magnus Carlsen mit Seitenscheitel und zerrissenen Jeans herumlaufen. Das 19-jährige Schachgenie aus Norwegen hat jetzt nämlich einen einträglichen Nebenjob als Model für eine bekannte Modemarke. Am Schachbrett hingegen widersteht Carlsen allen Modewellen. Dank seines außergewöhnlichen Gedächtnisses kann er viele Informationen in kurzer Zeit aufnehmen, was ihn in die Lage versetzt, alle möglichen, auch unmodischen Eröffnungen zu spielen. Bloß hin und wieder zieht er etwas „Unmögliches“: Gegen Wassili Iwantschuk eröffnete er sogar einmal mit dem Randbauern (1.a3). Carlsen verlor die Partie – glücklicherweise, ist man geneigt zu sagen angesichts dieses für ihn untypischen Anflugs von Überheblichkeit.
Bei der Schacholympiade in Chanty Mansijsk hat es die Nummer eins der Welt nun erneut übertrieben, als er sich gegen Michael Adams bizarr verteidigte (mit 1.e4 g6 2.d4 Sf6 3.e5 Sh5). Am Ende zerriss der Brite als Weißer, beginnend mit einem feinen Manöver, Carlsens Königsstellung. Wie?
Lösung: 1.Ld1! (Ein aus Carlsens Sicht äußerst schmerzhafter Rückzug. Adams’ Läufer nimmt das Feld h5 unter Kontrolle, so dass Schwarz keine gute Verteidigung gegen das Opfermotiv Txh6+ hat.) 1…Tae8 2.Txh6+! (Carlsen gab auf. Auf 2…Kxh6 3.Dg5+ Kh7 gewinnt 4.Dh4+ Sh5 5.Lxh5 leicht.) 1:0.

Jet-Set-Liga
Eben saß die Weltelite noch bei der Schacholympiade in Sibirien. An diesem Wochenende sind einige schon wieder hierzulande zugange. Die Bundesligasaison 2010/11 hat begonnen! Ob die OSG Baden-Baden den Titel verteidigen wird, hängt aber nicht allein von der Frage ab, wie oft die beiden Superstars, Magnus Carlsen und Vishy Anand, zum Zug kommen. Selbst für eine OSG-Bestbesetzung wäre das Team von Werder Bremen ein harter Gegner. Die stehen in einer fiktiven Global-Player-Tabelle ohnehin weit vorn: Im Aufgebot der Norddeutschen befinden sich neben nur einem deutschen Großmeister 15 aus anderen Nationen, zum Beispiel zwei frische Olympiasieger, nämlich die Ukrainer Eljanow und Jefimenko. Ihr olympisches Gold verdanken die Ukrainer übrigens vor allem dem (für Remagen spielenden) Wassili Iwantschuk, der am Spitzenbrett acht Punkte aus zehn Partien holte.
Und auch der Franzose Laurent Fressinet ist ein Werderaner. Wie überlistete Fressinet mit Schwarz in der Schlussrunde in Chanty Mansijsk den Armenier Wladimir Akopjan?
Lösung: 1…Sxg3+ (Zunächst eine nüchterne, hinlenkende Vorbereitung für …) 2.Kf2 Lc5! (… eine ungleich schönere Hinlenkung. Akopjan gab sofort auf, denn er würde unweigerlich seine Dame verlieren, z. B. 3.Dxc5 Se4+.) 0:1.

Gruppenphänomen
Wieso Männer im Allgemeinen besser Schach spielen als Frauen, ist vor zwei Jahren an der Universität Tübingen erforscht worden. Wissenschaftler hatten die Leistungen von 120.000 deutschen Spielern (darunter 7.000 Frauen) verglichen – und fanden eine verblüffend einfache Antwort: Der Stärkeunterschied hänge damit zusammen, dass viel mehr Männer als Frauen Schach spielen. Die Ergebnisse entsprächen den statistischen Erwartungen, denn aus großen Gruppen würden mit höherer Wahrscheinlichkeit Topleistungen hervorgehen als aus kleinen. Tja, vielleicht sollte man die gängige Geschlechtertrennung einfach abschaffen? Nach der Logik der Tübinger Forscher dürfte sich das Spielniveau dann schneller angleichen.
Judit Polgar, einzige Frau in den Top 100, spielt von jeher nur bei Männerturnieren, so auch neulich bei der Schacholympiade in Chanty Mansijsk: Dort setzte die Ungarin mit Schwarz ihrem Gegner, Ahmad Amhouri, etwas Verblüffendes vor. Sehen Sie, was es war?
Lösung: 1…Sd5! (Ein Zauberzug!) 2.exd5 (Die fragile weiße Stellung fällt in jedem Fall zusammen, z. B. 2.fxe5 Sxe3 oder 2.Sdf1 Sxf4 oder 2.Sdc4 Txc4 3.fxe5 Lh4 4.Te2 Sf4 5.Th2 Lxe4 6.Lxe4 Txe4 7.Df3 T8xe5.) 2…Lxc2 3.De2 Sd3 4.Sf3 (Oder 4.Tf1 Lh4 5.Sf3 Sxc1 6.Taxc1 Txe3.) 4…Sxf4 5.Dh2 Sd3 6.Te2 Ld1 0:1.

Judit Polgar

Souverän in Bilbao: Wladimir Kramnik

Kramnik über Klitschko
Wladimir Kramnik wundert sich über die Dominanz der Klitschko-Brüder, Vitali und Wladimir. Seit acht Jahren ist er mit den Boxern befreundet und natürlich, sagt Kramnik, habe er auch Vitalis jüngsten WM-Kampf gesehen. „Seltsam, momentan scheint es keinen zu geben, der auch nur in ihre Nähe kommt.“ Die Klitschkos seien im Boxen das, „was Karpow und Kasparow in den 1980ern im Schach waren“. Erst Kramnik entthronte Kasparow im Jahr 2000 – und blieb Weltmeister bis 2007. Könnte er diesen Titel noch einmal holen, wie Klitschko beim Boxen? „Absolut, das ist mein höchstes sportliches Ziel“, sagt Kramnik. „Die Konkurrenz ist sehr stark, aber es scheint nicht unmöglich zu sein.“
Shanghai, Chanty Mansijsk und Bilbao – Kramniks Formkurve tendierte zuletzt tatsächlich stetig nach oben. Den Grand Slam in Bilbao hat der 35-jährige Russe im Oktober souverän gewonnen, vor Weltmeister Vishy Anand und Magnus Carlsen. Dem jungen Norweger ließ Kramnik, oben als Weißer am Zug, keine Chance mehr. Mit welchem Zug?
Lösung: 1.Td1! (Dieser stille Zug verhindert den Befreiungsversuch 1…Kd7 und lähmt das Figurendreieck e8, f8, f7. Carlsen gab auf, weil sowohl 1…c4 2.bxc4 Txc4 3.Te1+ Kd7 4.Txf8 wertvolles Material verlieren würde als auch das Abwarten, z. B. 1…Tb8 2.Td6 h4 3.Ke4 Ta8 4.Txb6 bzw. 3…Tbb7 4.Te6+.) 1:0.
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