Kitabı oku: «Das Archiv des Teufels»
Martin Conrath
Das Archiv des Teufels
Roman aus der Zeit des Kalten Krieges

Zum Buch
München, 1952 Robert Bennett ist auf dem Weg zurück in die Heimat. Er sitzt in einem Flugzeug, das ihn in die USA bringen soll. Endlich wieder auf der Veranda sitzen, Whiskey trinken und reiten. Endlich raus aus Deutschland. Doch die Armee hat andere Pläne mit ihm. Kurz bevor seine Maschine startet, erhält er den Befehl, die Vergangenheit von Sigfried Heiderer, zukünftiger Minister im Kabinett Adenauer, zu säubern. Bereits viele Male hat Robert Nazigrößen zu einer weißen Weste verholfen. Doch dieses Mal wird ihm der Auftrag nicht so leichtfallen, denn Heiderer war angeblich am Massaker in Lemberg beteiligt, bei dem Robert Bennetts Bruder ermordet wurde. Soll Robert den Befehl verweigern, um den Tod seines Bruders zu rächen? Er braucht Gewissheit und reist nach Lemberg. Dort begibt er sich auf die Suche nach dem Archiv, in dem Heiderers Taten vermerkt sein sollen. Doch der Klassenfeind mischt ebenfalls mit und zeigt großes Interesse an Heiderer. Anna Münzinger, eine Agentin der Staatssicherheit, heftet sich an Roberts Fersen …
Martin Conrath ist Schriftsteller und Journalist, war Personalentwickler, Musiker und Schauspieler. Seit 2006 lebt und schreibt er in Düsseldorf.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Sven Lang
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Köpke, Arne F.,
Riksarkivet Norge; https://foto.digitalarkivet.no/fotoweb/archives/5001-Historiske-foto/Indekserte%20bilder/Fo30141603180041.tif.info
ISBN 978-3-8392-6870-4
Widmung und Zitat
Für alle, die zwischen den Mühlsteinen
der Macht zerrieben werden.
*
»Wer mit sich selber in Frieden lebt, kommt nicht in Versuchung, anderen den Krieg zu erklären.«
Ernst Ferstl
Ukraine, Lemberg, 25.6.1941
Lemberg ist so still. Nichts ist zu hören. Selbst die Vögel schweigen.
Zuerst fielen Bomben, das Gefängnis erzitterte in seinen Grundfesten, Staub, Sand und Steine fielen von der Decke. Wir waren uns sicher, dass wir lebendig begraben werden würden. Doch die Katakomben hielten, und der Angriff dauerte nicht lange.
Dann fielen die Todeskommandos des NKWD, des russischen Geheimdienstes über uns her. Meine Zellenkameraden haben in die Dunkelheit gelauscht, so wie ich, Stunde um Stunde, Minute um Minute, jede Sekunde dehnte sich. Die Angst ließ uns verstummen. Hier und da flüsterte jemand, wir alle sollten getötet werden, die Russen würden reinen Tisch machen, bevor die Deutschen hier wären. Nacht für Nacht haben sie Leute aus den Zellen geholt. Vor allem Ukrainische Nationalisten und Zionisten. Die sind nicht zurückgekehrt, denen haben sie eine Kugel verpasst. Irgendwann schien ihnen die Zeit davonzulaufen, denn sie haben mit MG-Salven alles niedergemäht, was sich hinter den Gittern regte. Es müssen Tausende gewesen sein.
Plötzlich hat das Wegschleppen und Niedermähen aufgehört. Bis zu uns sind sie nicht vorgedrungen. Vielleicht hatten wir das Glück, in der hintersten Zelle zu sitzen, im tiefsten Schlund des Brigittka-Gefängnisses, und sie hatten keine Zeit mehr für uns.
Wir sind ein zusammengewürfelter Haufen. Russen, Ukrainer, Juden, allesamt unter derselben Anklage: Wir gelten als Spione, als Kollaborateure, als Verräter, was auch immer. Vielleicht haben sie uns leben lassen, weil sie uns verhören wollten, und sind geflohen, aus Angst, von der Wehrmacht hinweggefegt zu werden.
Was kommt jetzt? Wir sind eingesperrt, ohne Wasser, ohne Essen, ohne Hoffnung. Wenn die Deutschen Lemberg besetzen, ist kein Jude mehr sicher. Ich weiß das, ich bin Jude. Bevor man mich verschleppt hat, habe ich den Funk abgehört. Die Befehle sind eindeutig: Tötet sie alle, die Juden. Wir hören Schritte. Sie kommen uns holen. Ich bitte HaSchem, den Herrn über alles Leben, meinen Gott, um einen schnellen Tod.
Bundesrepublik Deutschland, München, 23.3.1952
Major Robert Bennett tritt vor die Tür der McGraw-Kaserne, zieht den Marschbefehl aus der Tasche, liest ihn zum hundertsten Mal. Er fürchtet, dass er sich getäuscht hat, dass er nicht nach Hause zurückkehren darf. Aber der Text hat sich nicht verändert: »… wird Major Robert Bennett bis auf Weiteres abkommandiert, mit Ziel Richmond, Kentucky.«
Er setzt seinen Koffer ab, atmet die Frühlingsluft, sie duftet heute würziger, vielleicht liegt es an den warmen Temperaturen. Der Fahrer ist noch nicht da. Menschen eilen vorbei, manche tragen dicke Aktenstapel vor sich her, andere haben ihr Pokerface aufgesetzt, damit niemand erkennt, was in ihnen vorgeht. Robert beherrscht diese Technik ebenfalls. Was immer er sieht, hört oder spürt, es darf sich nicht in seinem Gesicht wiederfinden, es sei denn, er will es.
Heute ist das anders. Beim Rasieren hat er in den Spiegel geschaut, und es ist ihm nicht gelungen, das breite Grinsen zu unterdrücken. Endlich zurück in die Heimat! Sieben lange Jahre, seit 1945, war dieses kalte, unansehnliche Gebäude, der Sitz der Außenstelle des Counter Intelligence Corps in München, sein Zuhause und sein Arbeitsplatz.
Bennett nimmt den Flachmann aus der braunen Papiertüte. Ein Geschenk seines Vaters bei der Abreise nach Europa hinein in den größten Krieg der Menschheitsgeschichte. »Tretet den Nazis so richtig in den Arsch«, hatte er gesagt, »darin haben wir ja Übung. Nächstes Jahr gehen wir beide wieder am Green River angeln!«
Aber Robert hatte es besser gewusst. Im CIC war es Dauerthema, selbst seinem Vater, dem hochdekorierten General und Kriegsveteran des Ersten Weltkriegs, hat er nichts sagen dürfen, hat ihm verschweigen müssen, dass die Führer der freien Welt nachts vor Angst schlecht schliefen und dass sie bereits Europa aufteilten, für den Fall, dass der Krieg verloren ginge. Und dass Amerika fieberhaft an der mächtigsten Waffe der Welt baute, um Japan und auch Mitteleuropa in eine unfruchtbare Wüste zu verwandeln, um die Herrschaft der Nazis zu verhindern.
Der Flachmann schimmert silbrig, auf der Vorderseite steht in schwarzen Lettern: »In God We Trust«. In Gott vertrauen wir. Robert hat das Vertrauen in Gott verloren, als er mit seiner Brigade das Tötungslager Hadamar befreit hat, in dem die Nazis mehr als vierzehntausend vor allem behinderte Menschen ermordet haben. Fast hätte er damals den Flachmann geöffnet, um seinen Zorn auf Gott und die Menschen hinunterzuspülen, aber er hat sich geschworen, ihn erst zu öffnen, wenn der Tag seiner Heimreise gekommen wäre.
Verstohlen wirft er einen Blick auf den Marschbefehl, dreht den Flachmann in der Hand. Er ist aus Edelstahl getrieben, hat Artilleriefeuer überlebt, einen Absprung aus zwei Kilometern Höhe, den Beschuss mit einem Maschinengewehr und Roberts Kummer. Gefüllt ist der Flachmann mit einem erstklassigen Bourbon Straight aus seiner Heimat Kentucky.
Er öffnet den Schraubverschluss, muss dafür einiges an Kraft aufwenden, sein Vater hat ihn mit seinen starken Händen verschlossen, als müsse er die Ewigkeit überdauern. Genau so ist es gekommen. Im Krieg ist jeder Tag eine Ewigkeit gewesen. Robert schüttelt die schlechten Gedanken ab. Der Krieg ist zu Ende, er ist einer der Sieger, fährt nach Hause, wird sich eine Frau suchen und eine Familie gründen. In einer Stunde startet die Militärmaschine nach Hamburg. Von dort geht es mit dem Schiff weiter. Sein Gepäck ist schon unterwegs, er hat nur das Nötigste in seinem Koffer untergebracht.
Robert riecht am Whiskey. Der Duft ist unbeschreiblich: nasses Stroh, weite Wiesen, Weizen. Ihn überfällt die Sehnsucht nach der Ranch, auf der er aufgewachsen ist, nach seinem Quarter-Horse-Hengst Lucky und einem Ausritt entlang des Green River durch das blaugrüne blühende Gras; ihn überfällt das unstillbare Verlangen nach einem einsamen Fluss und dem friedlichen Plätschern von kristallklarem Wasser an rundgewaschenen Kieseln. Er meint das Gurgeln zu hören.
Robert setzt den Flachmann an, zögert. Noch ist er nicht zu Hause. Sollte er nicht warten, bis er auf dem Schiff ist? Oder noch besser, bis er die Erde Kentuckys küsst? Fordert er das Schicksal heraus, wenn er den Flachmann zu früh leert? Er lässt ihn sinken, schraubt den Verschluss wieder zu. Er wird warten. Bis er auf der Ranch angekommen ist, bis er die Schwelle seines Elternhauses überschritten hat. Er wird den Whiskey mit seinem Vater genießen, auf der Veranda, dazu eine Zigarre, der Sonnenuntergang und ein tiefgründiges Gespräch.
Robert greift sich seinen Koffer und seine Lederaktentasche, schaut sich ein letztes Mal um, denkt an die Aktenberge, die er durchgearbeitet hat, denkt an die Männer, deren Westen er weißgewaschen hat. Kleine und große Nazis. Robert hat ihre Vergangenheit gesäubert, sie gecleaned, Unterlagen vernichtet, die sie belasten könnten, Zeugen bestochen, damit sie die passende Aussage machten, den Nazis Persilscheine ausgestellt und ihnen damit bestätigt, dass sie unbelastet sind von brauner Gesinnung, dass sie im Dritten Reich Aufrechte waren, oder zumindest keine Verbrecher.
Bis auf wenige Ausnahmen, bei denen Robert Menschen zu Recht entlasten konnte, war es ein schmutziges Geschäft. Aber es war richtig. Dieses Land darf nicht dem Chaos überlassen werden, linken Spinnern und Kommunisten, denn sonst wäre ein Krieg mit den Russen unvermeidlich. Adenauer, der Kanzler, ist einer der Gerechten, er wird die Demokratie verteidigen und die Nazis im Zaum halten. Roberts Arbeit war Friedensarbeit, auch wenn es viele Menschen gibt, die das anders sehen, die ihm vorwerfen, Nazi-Verbrecher geschützt zu haben. Das hat er getan, aber aus gutem Grund. Die Schlimmsten wurden abgeurteilt, hingerichtet oder zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Feigen nahmen sich das Leben, die Aufrechten nahmen den Strang.
Ein VW-Käfer hält vor ihm, hinter dem Lenkrad sitzt ein blutjunger Private First Class. Er springt aus dem Wagen, seine rechte Hand federt zur Mütze, gleichzeitig klacken die Hacken zusammen. »Sir!«, brüllt der Private. »Ich soll Sie zum Flugplatz Oberwiesenfeld fahren, Major Bennett, Sir.«
Robert hebt seine Hand lässig an die Schläfe. »Schon gut, Private, ich bin nicht taub. Rühren.«
Der Private errötet, klemmt seine Finger an die Hosennaht, entspannt die durchgedrückten Knie. »Sir, darf ich eine Frage stellen, Sir?« Er brüllt nicht mehr, als stünde er auf dem Exerzierplatz, aber seine Stimme ist noch immer laut genug, sodass jeder im Umkreis von zwanzig Metern seine Frage hören kann.
Robert greift nach seinem Koffer. »Nur zu, Private.«
»Sir, Ihr Vater, Sir, ist das der General James F. Bennett?«
Robert hätte es wissen müssen. »Ja, genau der ist es«, antwortet Robert auf eine Weise, die nicht verrät, dass er diese Frage schon so oft beantwortet hat, dass er das Mitzählen aufgegeben hat. Sein Vater, der General James Frederic Bennett, ist zwischen die Buchdeckel der Geschichtsbücher gerutscht, und Robert Bennett, ja, der Robert Bennett, hat noch nichts vollbracht, das die Menschen dazu bringen würde, seinen Namen mit hochgezogenen Brauen und Ehrfurcht in der Stimme auszusprechen, auch wenn er im Krieg belobigt wurde und den einen oder anderen Orden wegen Tapferkeit an die Brust geheftet bekam. Hochdekoriert ist er, so nennt man das. Er hat die Orden eingepackt, er wird sie nicht zur Schau stellen, denn alles, was er getan hat, war für ihn die Konsequenz seiner Entscheidung. Er ist in den Krieg gezogen, weil die Nazis eine Gefahr für die ganze Welt darstellten. Er hat sein Land verteidigt. Es war Notwehr. Die Orden erhielt er, weil er im Gefecht Menschen getötet hat. Nichts, woran er sich gerne erinnern möchte, nichts, das er sich an die Brust heften will, auch wenn es Feinde waren, die ihn ebenso getötet hätten. Wenn man eine Entscheidung gefällt, einen Schwur abgelegt hat, muss man sich daran halten. Koste es, was es wolle. Doch jetzt ist der Krieg vorbei, und Robert wird nie wieder ins Feld ziehen.
»Gratuliere, Sir. Sind bestimmt stolz auf Ihren Vater. Beneide Sie. Muss toll sein.«
Robert nickt, hält dem Private sein einziges Gepäckstück entgegen. Der nimmt es, verstaut es im Kofferraum, hält Robert den Schlag auf, setzt sich ans Steuer, legt den ersten Gang ohne Knirschen ein, der VW rollt an. Und ja, Robert ist stolz auf seinen Vater, aber nicht, weil er mit einer Handvoll Leute eine Übermacht Deutsche daran gehindert hat, einen strategisch wichtigen Frontabschnitt zu durchbrechen, sondern weil er nie mit seiner Tat angegeben hat, weil er kein Schinder war und auch weil er seinen strengen Glauben nicht über die Menschen gestellt hat. Außer über seine Familie.
»Vergiss nie, Robert, dass nicht ich die Deutschen aufgehalten habe, sondern meine Männer, die zu Dutzenden im feindlichen Feuer gefallen sind. Nicht ich, sondern sie sind die Helden. Aber das will niemand hören.« Das hat er zu ihm gesagt, als Robert nach West Point auf die Militärakademie ging. Es hat Robert mit seinem Vater versöhnt, ihm ermöglicht zu verzeihen, dass er ihn gezwungen hat, in die Messe zu gehen, ihn gezwungen hat, die Bibel auswendig zu lernen, dass er ihm keine Wahl gelassen hat, welchen Gott Robert anbeten wollte. Die Bibel hat Robert schnell wieder vergessen, an ihren Platz setzte er das Wissen über die besten Methoden, einen Krieg zu gewinnen, im Nahkampf seinen Feind auszuschalten und Menschen mit Worten zu manipulieren.
Eine Ewigkeit ist das her, es war in einem anderen Leben, es war ein anderer Robert Bennett, der mit klopfendem Herzen eingerückt ist und bald gemerkt hat, dass in West Point nur Härte und Leistung zählten. Dafür – immerhin – hatte sein Vater ihn bestens vorbereitet, und Robert hätte sich eher erschossen, als sich die Blöße zu geben, seinem Vater eingestehen zu müssen, zu schwach zu sein, um den Anforderungen gerecht zu werden, denen sein Vater gerecht geworden ist.
Die McGraw-Kaserne liegt im Süden der Stadt, der Flugplatz Oberwiesenfeld im Norden, nicht weit entfernt vom ehemaligen KZ Dachau. Robert ist froh, dass er nicht dabei sein musste, als seine Kameraden es befreiten. Er hätte nicht gedacht, dass es noch etwas Furchtbareres gibt als das Tötungslager Hadamar.
Der Private beherrscht das Fahrzeug. Er schaltet weich, fährt ein angemessenes Tempo, hält ausreichenden Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Wagen, achtet auf die Fußgänger, die kreuz und quer über die Straßen laufen, und auf die Fahrradfahrer, die als solche nicht immer auszumachen sind, so überladen sind ihre Gefährte mit allen möglichen Dingen: Bauholz, Ballen aus Altkleidern, Papier, das zu klobigen Vierecken zusammenpresst ist, Reisigbündel zum Heizen, Backen oder Schwarzbrennen. Es gibt noch immer Hunderte Drahtesel und Pferdegespanne, die auf den Münchner Straßen Waren transportieren und jede Engstelle verstopfen.
Sie kommen zum Stachus, dort ist das Hauptquartier des CIC, Trümmer versperren den Weg, ein Haus muss erst vor Kurzem eingestürzt sein, der Private nimmt einen Umweg, er kennt sich aus. Die Innenstadt ist noch immer zur Hälfte ein Ruinenfeld. Deutschland ist hart bestraft worden für seine Verbrechen. Roberts Mitleid gilt all jenen, die zwischen die Mühlen der Macht gerieten und zermahlen wurden an der Front, in den Bombennächten, den KZs und den Gefängnissen der Gestapo.
Je weiter sie nach Norden kommen, desto weniger Ruinen gibt es. Sie brauchen vierzig Minuten bis Oberwiesenfeld.
Der Flughafen ist mit einem hohen Zaun und Stacheldraht umgeben, nachts tauchen ehemalige Flak-Abwehrscheinwerfer den Flughafen in grelles Licht, Wachen mit durchgeladenen Waffen und beißlustigen Hunden patrouillieren rund um die Uhr. Es gibt immer wieder Zwischenfälle, erst letzte Woche sind zwei Männer bei dem Versuch, auf das Gelände vorzudringen, erschossen worden. Sie trugen keine Papiere bei sich, niemand kennt sie, ihr Motiv ist unklar. Roberts Arbeitgeber, das Counter Intelligence Corps, vermutet einen Angriff kommunistischer Agenten. Robert glaubt das nicht. Die Aktion war töricht, die Männer haben ausgesehen, als stammten sie aus einer der Nissenhütten. Sie waren sicher auf der Suche nach Schnaps, Geld oder irgendetwas, das sie verkaufen oder tauschen konnten. Treibstoff zum Beispiel. Der ist auf dem Schwarzmarkt eine begehrte Ware. Oder Fliegerjacken, Stiefel, die Unterwäsche der Piloten: Die ist warm und hält ewig. Zehn Stangen Zigaretten für ein neues Paar Stiefel. Ein kleines Vermögen.
Der Käfer hält an einem der Gates, das mit acht Wachmännern, zwei schweren MGs und einem Haufen massivem Stahl gesichert ist. Robert kurbelt die Scheibe herunter, reicht dem Posten seinen Marschbefehl und seinen Ausweis. Sorgfältig prüft dieser die Papiere. Er ist ein alter Haudegen, mindestens vierzig Jahre alt, hat den Einsatz am Omaha Beach überlebt, das zeigt ein Aufnäher auf seiner Uniform, eine Narbe schmückt seine rechte Wange, auf seinem Namensschild steht »Wilson«. Er reicht die Papiere durchs Fenster, Robert greift sie mit der einen Hand, mit der anderen zeigt er auf dessen Narbe.
Wilson grinst verlegen und sagt: »Zu viel getankt. Da war ’ne Scheibe im Weg. Kommt aber immer gut bei Frauen.«
Er lacht rau, Robert fällt mit ein. »Keine schlechte Idee, sollten Sie sich patentieren lassen, Wilson.«
Wilson salutiert. »Das werde ich machen, Major Bennett, Sir. Wünsche guten Flug. Und grüßen Sie die Heimat. Und Ihren Vater.«
»Wie lange haben Sie noch?«, fragt Robert.
Wilson lässt die Hand sinken, sein Lachen ist verschwunden. »Keine Ahnung. Die sagen einem ja nichts.« Er scheint sich zu besinnen, sich daran zu erinnern, dass er einen Major vor sich hat. »Verzeihung, Sir, war nicht so gemeint.«
»Schon gut, Wilson, Sie haben ja recht. Ich drücke Ihnen die Daumen. Machen Sie es gut.«
Wilson strahlt Robert an. »Sir, danke Sir. Gebe mir Mühe.«
Robert gibt dem Private ein Zeichen, Wilson den Wachleuten. Die Schranke geht hoch, der Käfer rollt zum Abfertigungshangar. Noch dreimal muss er seine Papiere vorzeigen, sein Gepäck wird durchsucht, dann endlich geht es zum Flugzeug. Es ist eine Curtis C-46. Ein zuverlässiges Flugzeug. Acht Passagiere und sieben Tonnen Ladung kann es fassen. Nur eine Heizung fehlt. Dafür gibt es Decken und manchmal heißen Kaffee oder Tee. Im Sommer sind die Maschinen Backöfen, bis sie ihre Flughöhe von dreitausend Metern erreicht haben. Dann sinken die Temperaturen je nach Wetterlage schnell bis unter null.
Robert besteigt die Curtis über die seitliche Ladeklappe, die Fracht besteht aus niedrigen Kisten, die Aufschrift verrät den Inhalt: spezielle Kugellager für Schwerstmaschinen, hergestellt von der SKF aus Cannstadt. Die nehmen wenig Platz ein, sind aber schwer, und sie werden dringend benötigt, denn die SKF-Werke in den Staaten sind voll ausgelastet. Die Wirtschaft boomt.
Die Motoren laufen bereits, der Lärm ist ohrenbetäubend. Ein kalter Hauch streift Robert. Er hat keine Flugangst, aber das letzte Mal, als er ein Flugzeug bestiegen hat, ging es hinter die feindlichen Linien und er fand sich kurz darauf im Kugelhagel der Deutschen wieder. Er fasst sich ans rechte Bein. Eine MG-Kugel ist glatt durch den Oberschenkel gegangen. Der Knochen blieb intakt, aber er ist fast verblutet. Ein Kamerad hat ihm das Leben gerettet. Zwei Tage nachdem er Roberts Bein versorgt und ihn zum nächsten Stützpunkt hinter die Linien geschleppt hatte, ist er gefallen. Eine Panzergranate hat ihn zerfetzt.
Es wird ein kurzer Flug werden, aber ein unruhiger. Das Wetter ist instabil, von Norden nähert sich eine Kaltfront, von Süden drängt die warme, würzig duftende Luft.
Es sind nur sechshundert Kilometer bis Hamburg, sie werden nicht länger als neunzig Minuten benötigen. Ein Katzensprung bei schönem Wetter, bei Sturm eine Strapaze, dann tanzt das Flugzeug durch die Luft wie ein Betrunkener. Robert begrüßt die Piloten mit einem Nicken, er nimmt Platz, legt die Gurte an.
Ein Schlag geht durch die Maschine. Die seitliche Ladeluke ist zugeworfen worden, die Curtis verschlossen. Die Motoren erhöhen ihre Drehzahl, langsam rollt die Curtis an, die Startbahn liegt rechts, sie müssen warten, bis zwei Douglas gelandet sind. Dann geht die Curtis in Startposition, die Motoren werden hochgejagt, jeden Moment geht es los. Robert liebt den Augenblick, wenn die Beschleunigung ihn in den Sitz presst. Aber nichts passiert. Das Heulen der Motoren versiegt, ein Ruck geht durch die Maschine, die Ladeluke öffnet sich wieder, ein Luftzug streift ihn. Robert greift an die Seite, wo das Lederholster seine Enfield verwahrt. Er löst den Verschluss, klickt die Sicherung nach unten. Wenn es darauf ankommt, kann er die Waffe in einer halben Sekunde auf einen Feind richten und abdrücken. Eine halbe Sekunde – viel Zeit.
Er dreht den Kopf. Ein Militärpolizist springt in die Maschine. Robert entspannt sich, der Polizist winkt mit einem Blatt, bleibt neben ihm stehen, salutiert, drückt ihm das Blatt in die Hand. »Gott sei Dank, das war knapp, Sir.«
Robert schaut auf die Unterschrift. Floyd T. Morgan, Regionaldirektor des CIC. Sein direkter Vorgesetzter. Der Mann, der seine Heimfahrt genehmigt hat, befiehlt ihn zu sich ins Headquarter. Sofort. Robert schließt die Augen. Sein Magen zieht sich zusammen, ein Beben durchläuft seinen Körper. Was zum Teufel will Morgan von ihm? Was kann so wichtig sein? Warum kann er, Robert, so wichtig sein, dass man ihn aus einem Flugzeug holt, das bereits auf der Startbahn steht? Er ist ein Offizier, einer von mehr als fünfhundert, die das CIC in Deutschland und Europa befehligt. Robert presst seine Hände auf die Lehnen.
»Sir?«, fragt der Militärpolizist. Es ist nicht freundlich gemeint.
Robert öffnet die Augen. Er muss seine Wut herunterschlucken, denkt an den Flachmann. Hätte er ihn doch leeren sollen? Wäre er dann schon in der Luft? Oder rettet ihm der Befehl das Leben, weil die Maschine in einem Gewitter abstürzen würde? Es ist müßig, darüber nachzugrübeln, aber es hilft Robert ein wenig, seine Fassung zu bewahren. Er setzt sein Pokerface auf.
Der Militärpolizist richtet sich auf, legt seine weiß behandschuhte Hand an sein weißes Holster. »Sir, bitte«, sagt der Militärpolizist. Eindringlich. Eine Drohung schwingt deutlich in seiner Stimme mit. Er tritt von einem Fuß auf den anderen.
In diesem Moment ist der Mann vor ihm Morgans verlängerter Arm, also muss ihm Robert folgen. Er sichert seine Waffe, verschließt das Holster, löst die Gurte, greift seinen Koffer und springt aus der Ladeluke auf die Rollbahn. Der Militärpolizist stolpert ihm hinterher. Hätte sich Robert geweigert, er hätte ihn mit Gewalt aus dem Flugzeug zerren und im schlimmsten Fall erschießen dürfen. Noch befinden sie sich im Kriegszustand, und Befehlsverweigerung wird strengstens geahndet, auch die Todesstrafe kommt in Betracht. Zwischen Deutschland und der Welt gibt es nichts weiter als einen Waffenstillstand. Eine trügerische Ruhe, so dünn wie das Papier, auf dem er vereinbart ist. Und der neue Todfeind ist bereits ausgemacht: der ehemalige Verbündete. Stalin, der Diktator, der nicht viel besser ist als Hitler. Stalin, der lieber heute als morgen ganz Europa verschlingen würde. Und das muss Amerika verhindern, genauso wie es verhindert hat, dass sich die Nazis Europa einverleibten und die Japaner Asien. Mit jedem Mittel. Auch mit der Atombombe. Deutschland hatte Glück. Angesichts des sicheren Sieges wollte man keine radioaktiven Todeszonen im Herzen Europas.
Diesmal steigt Robert in einen offenen Jeep. Er schließt die oberen Knöpfe seines Mantels, der Fahrtwind wird kühl sein, trotz der angenehmen Temperaturen. Der Militärpolizist prügelt den Gang rein, gibt Gas. Offensichtlich muss er sich erst daran gewöhnen, dass er nicht mehr im Feld ist. Mehrfach kann er eine Kollision nur knapp vermeiden, mancher Fluch fliegt ihnen hinterher. Es geht zurück in die Innenstadt, zum Stachus. Trümmer blockieren noch immer die Straße. Diesmal warten sie, es wird nicht mehr lange dauern, bis der Weg freigegeben wird, ein Umweg würde mehr Zeit benötigen.
Robert spielt die Möglichkeiten durch: War das eine Inszenierung? Wollte Morgan Roberts Leidensdruck testen, seine Schmerzgrenze ausloten? Gibt es etwas, das er weiß, dessen er sich aber nicht bewusst ist? Hat er einen Fehler gemacht? Eine Beurteilung abgegeben, die sich als falsch erwiesen und ein politisches Echo ausgelöst hat?
Der Fahrer tritt aufs Gaspedal, dann bremst er plötzlich so hart, dass Robert sich fast den Kopf an der Windschutzscheibe stößt. Der Militärpolizist entschuldigt sich, Robert winkt ab.
Sie passieren die Sperren, werden zweimal kontrolliert, der Militärpolizist hält vor dem Headquarter, salutiert, Robert grüßt, greift den Koffer, öffnet die Tür, nimmt die Stufen zu Morgans Büro – immer drei auf einmal. Bevor er klopft, richtet Robert seine Krawatte, atmet tief durch. Seine Faust schlägt fest, aber nicht wütend gegen das Holz der Tür.
Von drinnen hört er Morgans Bariton »Herein« rufen. Robert drückt die messingfarbene kalte Klinke und tritt ein. Morgan steht mit dem Rücken zur Tür am Fenster, schaut hinaus. Robert schließt die Tür, macht drei Schritte, bleibt stehen, stellt den Koffer ab, er wird warten, bis Morgan ihn anspricht. Es dauert sicher nicht lange.
»Was sehen Sie, wenn Sie auf dieses Land schauen, Bennett?«
Morgan ist bekannt für seine philosophische Ader, für seine Aphorismen und Parabeln. Und für sein strenges Regiment. Er duldet keine Schwäche und keine Ausnahmen. Aber Robert hat ihn bisher immer als gerecht und fair erlebt. Das kann er nicht von jedem Vorgesetzten behaupten. Im Feld gab es viele Offiziere, die sich nicht mit Ruhm bekleckerten, immer wieder falsche Entscheidungen trafen und nicht bereit waren, Verantwortung zu übernehmen.
Robert versteht die Frage als Aufforderung, näher zu treten. Er stellt sich neben Morgan, wirft einen Blick aus dem Fenster. Der Verkehr rauscht vorbei, alles scheint normal und friedlich, sieht man von den Trümmern ab und den vielen Soldaten, die patrouillieren.
»Eine geschundene, verletzte Bestie, die in Fesseln liegt und dabei ist, sich zu erholen.«
Eine Bestie, die Millionen Menschen gefressen hat, auch seinen Bruder.
Morgan lächelt silbrig. Seine Nase hätte ihn sofort ins KZ gebracht. Kein Nazi hätte ihm geglaubt, dass er deutsche Vorfahren hat und jeden Ariernachweis hätte erbringen können. »Sie kennen mich gut, Bennett.«
»Sonst hätte ich nicht den Job, den ich habe«, erlaubt sich Robert zu sagen.
»Würden Sie Deutschland die Wiederbewaffnung erlauben, Bennett?«
Robert muss nicht lange nachdenken. Er legt Empörung in das Wort. »Niemals! Sie wissen so gut wie ich, dass die Nazis weite Teile des Staates infiltriert haben. Mit unserer freundlichen Hilfe. Adenauer tut sein Bestes, und er wird versuchen, die Nazis im Zaum zu halten, dennoch ist die Demokratie brüchig. Jeder zweite Richter hat unter Hitler Unrecht gesprochen. Wir haben ihnen die Persilscheine zu Tausenden ausgestellt. Unsere Strategie ist gefährlich, aber die einzige Möglichkeit. Oder sehen Sie das anders, Sir?«
»Natürlich nicht. Da sind wir uns einig, und ohne Frage muss die Bestie erst gezähmt werden, bevor wir erlauben, dass sie ihre Krallen erneut wachsen lassen darf.«
Robert schaut Morgan an. »Sir, ich bin beruhigt, dass Sie das so sehen.« Nicht jeder durfte Morgans Haltung kommentieren, ihm gönnerhaft seine Meinung zugestehen. Das ist ein kleiner Vorteil, wenn man der Sohn eines Helden ist.
Morgan deutet aus dem Fenster. »Dennoch sehe ich etwas anderes als Sie, wenn ich auf dieses Land schaue.« Er macht eine Pause, erwartet eine Reaktion von Robert.
»Sir, was sehen Sie?«
Morgan zieht die Gardine vor. »Ich sehe ein Bollwerk der Freiheit, der Demokratie und der Marktwirtschaft. Ich sehe eine Pufferzone zwischen Kommunismus und Demokratie. Zwischen Böse und Gut. Zwischen der geknechteten und der freien Welt. Deutschland muss gelingen, mit allen Mitteln, sonst schlittern wir in einen dritten Weltkrieg. Sehr bald. Der Krieg in Korea ist der Vorbote. Die kommunistischen Goliaths China und Russland zeigen uns ihre Entschlossenheit. Ein Funke, und das Pulverfass Europa explodiert und bringt die ganze Welt an den Rand des Untergangs. Unsere Zivilisation ist bedroht.«
Robert durchzuckt Angst. Wird er nach Korea versetzt? Er sendet ein Stoßgebet zum Himmel. Insgeheim ist er immer noch davon überzeugt, dass es so etwas wie eine höhere Macht geben muss. Seit zwei Jahren tobt dort der Krieg um die koreanische Halbinsel, der größte Stellvertreterkrieg der Nachkriegszeit zwischen dem Westen, dem Osten und China. Ein riskantes Unterfangen, das Roberts Meinung nach nur in einem Debakel enden kann: im dritten Weltkrieg. Es fehlt nur noch ein Funke.
»Sir, das steht außer Zweifel. Darf ich fragen, warum ich hier bin? Warum Sie mich aus dem Flugzeug geholt haben?«
Morgan legt Robert eine Hand auf die Schulter. Eine vertrauliche Geste, die Robert misstrauisch macht. Er rechnet mit dem Schlimmsten.
Morgan nimmt seine Hand wieder weg, setzt sich hinter seinen Schreibtisch. Er ist ein bescheidener Mensch. Er braucht keinen pompösen Holzklotz zwischen sich und seinen Untergebenen. Das Möbel könnte genauso gut in der Amtsstube eines kleinen Finanzbeamten stehen: einfaches Holzfurnier, rechts und links Schubladen mit Rollladen, verschließbar. Ein Telefon. Ein Kästchen mit Karteikarten, auf denen wichtige Adressen und Telefonnummern in seiner winzigen, präzisen Handschrift notiert sind. Als Robert sie zum ersten Mal gesehen hat, dachte er, die Adressen seien aufgedruckt.
Morgans Arbeitsplatz ist so ordentlich und aufgeräumt, als hätte er erst heute den Dienst angetreten. Auf der grünen Schreibunterlage liegt ein Hefter, drei Zentimeter dick. Rot prangen die Worte »TOP SECRET« auf dem Deckel.
Morgan legt seine Handflächen auf den Hefter. »Das ist Ihr Auftrag. Alles, was Sie wissen müssen, steht darin. Adenauer hat mich gebeten, den besten Mann darauf anzusetzen.«
Adenauer persönlich? Robert wusste nicht, dass Morgans Kontakte so weit nach oben reichen. Er bleibt ruhig. »Sir, bei allem Respekt, ich glaube nicht, dass ich der beste Mann des CIC bin.«
»Ihre Bescheidenheit in allen Ehren, Bennett, aber für diesen Auftrag sind Sie es. Sie werden nicht mehr in die McGraw-Kaserne zurückkehren. Niemand soll wissen, dass sie noch in Deutschland sind. Ihr Name ist nun mal kein gewöhnlicher. Deswegen der ganze Zirkus, deswegen auch ein Deckname. Alles topsecret. Ihre neue Wohnung ist in Schwabing. Sie wird Ihnen gefallen. Unten wartet ein Wagen. Noch Fragen?«
Morgan hebt seine Hände vom Hefter, lehnt sich zurück. Robert nimmt die Akte an sich. Er glaubt Morgan kein Wort. Bei einem solchen Auftrag ist es unmöglich, dass seine verschobene Abreise geheim bleibt. Da hilft auch kein Deckname. Er wird mit zu vielen Menschen reden müssen, die ihn persönlich kennen. Er wird vorsichtig sein müssen, noch vorsichtiger als sonst. In seinem Job hat er sich viele Feinde gemacht, auf allen Seiten. »Nein Sir. Nicht im Moment. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen.« Diese Lüge geht Robert nicht leicht über die Lippen.
Morgan steht auf, hält ihm die Hand hin. »Ich weiß, dass Sie mich nicht enttäuschen werden, Robert.«
Robert versteift sich, drückt kurz Morgans Hand, dann salutiert er, Morgan erwidert den Gruß, einen Moment scheint er verunsichert.
Robert verlässt Morgans Büro, geht die Treppe Stufe für Stufe hinunter. Sein Kopf fühlt sich an wie nach einem Granateinschlag, wenn die Druckwelle einen von den Füßen holt. Oder wie nach einem schweren Besäufnis, wenn die Realität noch verzerrt ist und man keinen klaren Gedanken fassen kann. Was hätte er tun können? Ablehnen? Vielleicht wäre er mit einer Degradierung davongekommen. Da würde sogar sein Vater nicht dran rütteln können. Nach Hause würde Morgan ihn dann so schnell nicht mehr lassen. Amerika wird die Deutschen noch in hundert Jahren bewachen müssen.
Was zum Teufel hat er getan, dass Morgan ihn so straft?
Bundesrepublik Deutschland, München, 23.3.1952
Der Jeep hält am Straßenrand. Robert steigt aus, dreht sich einmal im Kreis. Kaum Kriegsschäden an den Häusern. Gaslaternen säumen die Straße. Geschäfte aller Art sind geöffnet und bieten die unterschiedlichsten Waren an: gehobene Bekleidung, Küchenzubehör, elektrische Geräte, Fernseher, Radiogeräte. Die Gegend ist wohlhabend, die Geschäfte nach der Hamsterwelle zu Beginn des Koreakrieges wieder gut gefüllt. Aus Angst vor dem Weltuntergang kauften die Deutschen, was das Zeug hielt, bunkerten Kartoffeln, Mehl, Zucker und Konserven aller Art. Selbst die Schwarzmärkte waren wie leer gefegt, nichts war mehr zu bekommen. Hier muss niemand auf dem Schwarzmarkt einkaufen und jeden Moment damit rechnen, verhaftet zu werden. Die Passanten sind bestens gekleidet. Robert wird sich in den Läden mit einer neuen Garderobe eindecken.
Es riecht nach Qualm aus Kohleöfen, ein leichter Wind weht und verhindert, dass der Rauch sich über die Stadt legt. Im vergangenen Dezember war es schlimm gewesen. Die Abgase der Autos, Zehntausender Kohleöfen und die entsprechende Wetterlage sorgten für zwei Wochen andauernde stickige Luft. Manchmal konnte man kaum zehn Meter weit sehen. Zu Hunderten starben alte Menschen, und viele Kinder wurden krank, schwerer Husten grassierte, die Ärzte waren überfordert. Doch auch das ging vorüber.
Der Fahrer überreicht ihm ein Schlüsselbund: Haustüre, Wohnung und Keller. Robert bedankt sich, grüßt, der Fahrer schwingt sich in den Jeep, fährt davon, hupt sich den Weg frei.
Robert wiegt das Bund in seiner Hand. Sicherheitsschlüssel, alle drei. Er steckt auf Anhieb den richtigen ins Schloss. Er gleitet geschmeidig hinein, lässt sich leicht drehen, die Tür schwingt geräuschlos auf und schließt sich hinter ihm von selbst. Es riecht nach Bohnerwachs. Robert fühlt sich sofort heimisch. Mutter hat immer samstags die Holzböden gewachst. Vater wollte, dass Sonora, das Hausmädchen, diese Arbeiten übernimmt, aber Mutter blieb eisern. »Samstags hat Sonora frei und dabei bleibt es. Punkt!« Damit war die Diskussion beendet, und Vater versuchte nicht, sie umzustimmen, wenn sie eine Entscheidung mit dem Wort »Punkt!« unterstrich. Robert wundert sich bis heute, warum sein Vater ihr so oft nachgegeben hat, selbst wenn er gegenteiliger Meinung war und nach seiner Überzeugung – als Oberhaupt der Familie – das Recht auf ein Veto hatte.
Robert tritt auf die erste Stufe der geschwungenen Treppe. Kein Knarren, das Holz gibt nicht nach, nichts reibt. Die Wände sind mit einer Blumentapete verkleidet. Bunte Blüten einer ihm unbekannten Art auf cremefarbenem Untergrund. Er steigt die Treppe in die dritte Etage hinauf, an den Türen hängen keine Namensschilder, an seiner ebenfalls nicht. Wozu dann ein Deckname? Robert wird ihn nicht benutzen. Das ist sinnloses Kasperltheater, nichts weiter. Müsste er in den Osten, dann bräuchte er mehr als einen Decknamen. Er bräuchte eine neue Existenz mit Papieren, Lebenslauf und einer tragfähigen Legende.
Auch diese Tür öffnet sich wie von selbst. Alles hier ist gepflegt, geschmiert und in bestem Zustand. Robert betritt seine neue Wohnung. Es ist warm, kein Geruch von verbranntem Holz oder von Briketts – Gas heizt die Zimmer, ein unglaublicher Luxus. Das Bad hat kein Außenfenster, aber eine Badewanne, darüber hängt ein Boiler für heißes Wasser, ebenfalls gasbetrieben. Die kleine blaue Zündflamme flackert vor sich hin. Morgan lässt sich nicht lumpen.
Robert stellt sich vor, wie er in der Wanne liegt, »Die Mars-Chroniken« von Ray Bradbury zu Ende liest und einen anständigen Whiskey schlürft. Will Morgan ihn einlullen? Was wartet auf ihn zwischen den Deckeln der Mappe? Es wäre an der Zeit, sich die Akten anzusehen, aber Robert macht, was er immer macht, wenn er den Standort ändert. Er inspiziert sein neues Domizil. Ihm ist es wichtig, seine Umgebung zu kennen, zu wissen, welche Wege es gibt, falls er fliehen muss. Er überprüft genau, auf welche Schwachstellen er achtgeben muss, durch die jemand eindringen könnte. Er prägt sich die Möbel seiner Wohnung genau ein, muss wissen, was er hat und wo es steht, muss sich in der Küche auskennen, damit er sich in einem Gespräch nicht verrät, wenn er behauptet, er wohne dort schon ein Jahr. Solche Fehler könnten ihn enttarnen, könnten tödlich sein. Nur den Keller wird er nicht begutachten, da er ihn nicht betreten wird.
Warum ist er eigentlich hier? Warum hat Morgan ihn ausgewählt? Warum niemand anders? Seine Wut steigert sich. »Ich sollte nicht hier sein, verdammt«, sagt er und macht mit der Inspektion weiter, so wie er es gelernt hat. Er prägt sich alles ein, Robert kann sich in kürzester Zeit Dutzende Details merken und sie Tage, ja Wochen später abrufen, als läse er sie von einem Zettel ab.
In der Wohnung stehen Möbel vom Beginn des 20. Jahrhunderts: geschwungenes, gedrechseltes Holz, dicke Polster. Gott sei Dank nicht die kalten, schmucklosen, simplen, mit Kunststoff überzogenen Dinger, die jetzt so in Mode sind. Die Küche ist mit modernen Geräten ausgerüstet: Kaffeemaschine, elektrisches Rührgerät, Toaster, Mixer. Sie grenzt an den Hinterhof, das Fenster ist nicht vergittert und in gutem Zustand. Es aufzubrechen würde Lärm machen. Im Wohnzimmer warten ein Fernsehgerät und ein Radio, hier gehen die Fenster auf die Straße hinaus, eine Feuerleiter führt auf die Straße hinunter. Ein Fehler. Denn die Leiter kann man auch heraufklettern. Aber auch dieses Fenster ist solide und nur mit brachialer Gewalt von außen zu öffnen.
Das Schlafzimmer ist so groß, dass das französische Bett klein darin wirkt. Ein Kleiderschrank aus dunklem Holz mit eingelassenen Spiegeln bedeckt eine ganze Wand. Robert stellt seinen Koffer auf das Bett, öffnet ihn, nimmt seine Sachen heraus. Ein Anzug, die Uniform, Unterwäsche und Hemden für vier Tage.
Das Schiff, das nun ohne ihn in die Heimat unterwegs ist, verfügt über eine Wäscherei, deshalb hat er nicht mehr Kleidung mitgenommen. Den Schlafanzug wirft er achtlos auf das Bett. Er will nicht hier sein. Er stellt das Rasierzeug, Eau de Cologne, die Zahnbürste ins Bad. Robert braucht nicht einmal ein Zehntel des Platzes, den das Waschbecken und der Badschrank bieten, um seine Habseligkeiten unterzubringen.
Seine Uniform trägt im Gegensatz zu den meisten Offizieren das CIC-Rangabzeichen, üblicherweise hat das CIC keine Befehlsgewalt über andere Offiziere des Heeres. Es sei denn, sie sind mit Vollmachten ausgestattet wie Robert. Auch das ist die Folge seiner Abstammung. Sein Vater hat darauf bestanden und Robert war es recht.
Er geht zurück ins Wohnzimmer. Auf dem Sekretär thront eine Adlerschreibmaschine, daneben steht ein Telefon. Schlafzimmer, Küche, Bad, Wohnzimmer – Robert schätzt die Wohnung auf mindestens achtzig Quadratmeter. Die Zimmer sind alle vom Flur aus zu erreichen und miteinander verbunden. Das sind einige Meter, die er zurücklegen kann, wenn er nachdenken muss: Im Kreis laufen befeuert seinen Geist. Die Wohnung ist viel zu groß, zu protzig.
»Ich sollte nicht hier sein!«
Er setzt sich an den Sekretär, schiebt die Adler zur Seite und knallt den Hefter auf das blank polierte Holz. Er springt auf, hat eine Entscheidung gefällt.
»Nein!«, schreit er durch die Wohnung. »Verdammt, das können die nicht mit mir machen! Ich bin der Robert Bennett! Sohn von James Bennett.«
Ein einziges Mal in seinem Leben will er einen wirklichen Nutzen davon haben, ein Mal soll ihm die Tatsache, der Sohn eines Helden zu sein, zum Vorteil gereichen. Er reißt den Hörer von der Gabel, wählt die Vermittlung, lässt sich mit dem amerikanischen Fernwähldienst verbinden. Er wird seinen Vater bitten, ihn nach Hause zu holen, er soll, er muss seinen Einfluss geltend machen. Morgan beruft sich auf Adenauer? Sein Vater spielt mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Golf. Wer hat wohl die größere Macht? Robert hat genug für sein Land getan. Und genug getötet. Schreie hallen durch seinen Kopf. Er schüttelt ihn heftig, damit sie schweigen. Eine junge Frau meldet sich.
»Guten Tag, Sir. Bitte nennen Sie mir Ihre Zuteilungsnummer oder Ihre Dienstnummer.«
In der Leitung knackt es, leises Rauschen läuft im Hintergrund mit. »Counter Intelligence Corps; Bennett, Robert; Major, OA 75683457.«
»Vielen Dank, Major Bennett, bitte warten Sie einen Moment.«
Robert wirft einen Blick auf den Hefter. Die Vermittlerin wird anhand einer Liste, die wöchentlich aktualisiert wird, nachsehen, welche Verbindungen sie für Robert herstellen darf. Nur innerstädtisch, nur innerhalb der amerikanischen Zone, deutschlandweit oder international? Robert hört Papier rascheln. Er schlägt den Deckel des Hefters auf. Der Auftrag lautet: »Cleanen Sie Sigfried Heiderer.«
Den Namen Heiderer hat Robert schon gehört, ein Alt-Nazi, der in Deutschland in den Diensten des FBI steht. Mehr weiß er nicht über ihn. Es gibt einfach zu viele Nazis, und von einigen sind die FBI-Akten gesperrt. Heiderer gehört dazu, das geht aus einem Vermerk hervor.
Robert liest weiter. Heiderer war Ost-Experte, Kommandant des Bataillons Ostmark, bestehend aus Ukrainern, beteiligt am Massaker von Lemberg, an der Erschießung von Juden und Kriegsgefangenen. Das Bataillon rückte als Erstes ein und ist angeblich für Hunderte Morde verantwortlich. Eine Stimme hallt durch seinen Kopf. »Fang mich doch!« Es ist die Stimme seines Bruders Ted. Er ist sieben Jahre alt, Robert ist zehn. Die Sonne brennt ihnen auf die Haut, ihre Hemden haben sie ausgezogen, Schweiß glänzt auf ihren Rücken. Robert rennt los, er wird den kleinen Frechdachs fangen wie immer. Aber diesmal rennt Ted nicht den staubigen Weg nach Süden. Er biegt ab zum Green River, Robert folgt ihm. Was hat er vor? Er schlägt einen Haken, wieselt durchs Unterholz. Nicht dumm von Ted, da ist Robert langsamer, weil er größer ist. Robert kennt den Weg, und jetzt weiß er auch, was Ted vorhat. Er beschleunigt, bricht aus dem Dickicht, vor ihm das steile Ufer des Green River, er muss abrupt stoppen. Der Fluss ist hier breit und tief, die Strömung ist zu stark, um dagegen anzuschwimmen. Auf der anderen Seite steht Ted und dreht Robert eine Nase. Er hat das Seil in der Hand, mit dem sie sich über den Fluss schwingen.
»Ted!«, ruft Robert. »Das wirst du mir büßen.« Doch Robert kann seinem Bruder nicht böse sein, im Gegenteil. Ted hat ihn ausgetrickst. Er ist stolz auf seinen kleinen Bruder. Robert lacht, klatscht Beifall. »Okay, dieses eine Mal hast du gewonnen!«
Ted schwingt mit dem Seil zu Robert ans andere Ufer zurück, das Seil gibt nach. Wenn Ted in den Green River fällt, wird er ertrinken. Roberts Herz setzt für eine Sekunde aus. Doch das Seil hält. Robert fängt Ted auf, drückt ihn. »Du kleiner verrückter Kerl. Was, wenn du in den Fluss gefallen wärst? Du wärst ertrunken wie eine junge Katze.«
Ted schaut Robert mit seinen blauen Augen, mit seinem unschuldigen Blick an. »Dann hättest du mich gerettet. So wie immer. Du musst mich immer retten. Versprichst du das?« Er japst, redet so schnell, dass er fast keine Luft bekommt.
Robert streicht ihm über den Kopf. »Das verspreche ich dir. Ich werde dich beschützen und dich retten, was auch immer passieren wird.«
Die Trauer kriecht Robert die Kehle hoch. Er hat sein Versprechen nicht halten können. Robert hat es auf dem Weg nach Deutschland erfahren. Nur ein kurzes Telegramm von seinem Vater. »Ted ist tot. Lemberg.« Mehr haben sie in all den Jahren nicht erfahren können. Sie konnten ihn nicht einmal begraben. Niemand weiß, wo seine Leiche liegt. Die Marke ist ihnen zugespielt worden, inoffiziell. Ted hatte die Aufgabe, aus Lemberg jüdische Professoren und ihre Familien über die Ostsee nach Schweden und dann in die Staaten zu bringen. Das hat ihn das Leben gekostet. Aber niemand weiß, nein, wusste, wie. Robert nimmt den Hefter in die Hand, kann nicht glauben, was er da liest. Sigfried Heiderer ist mit großer Wahrscheinlichkeit für den Tod seines Bruders verantwortlich! Den soll er cleanen? Soll ein ominöses Archiv finden, in dem die Beweise gegen Heiderer enthalten sind?
Robert greift nach dem Hefter und wirft ihn durch den Raum. »Morgan, du verfluchte hinterlistige Ratte!«, schreit er. Es ist ihm egal, ob ihn jemand hört.
Die Blätter landen auf dem geölten Parkettboden. Was hat er Morgan angetan, dass er ihm ausgerechnet diesen Auftrag zuweist? Was für ein Ungeheuer ist dieser Mann? Warum zum Teufel soll er Heiderer cleanen? Der verfluchte Nazi soll in der Hölle schmoren. Das Telefon reißt ihn aus seinen Gedanken. Robert ergreift den Hörer. Es ist die Vermittlung.
»Major Bennett, ich kann Ihnen morgen Vormittag um neun Uhr dreißig die gewünschte Verbindung herstellen.«
Robert starrt auf die Blätter, die sich auf dem Parkettboden ausgebreitet haben. Vater wird ihn nach Hause holen, das steht außer Zweifel. Weg von diesem grauen, kalten Land, weg von Morgan und seinen Intrigen.
Robert zögert, ihm kommt ein Gedanke: Was wäre, wenn er tatsächlich nach Hause führe? Würde er sich nicht jeden Tag seines restlichen Lebens fragen, warum er die Chance vertan hat, den Mörder seines Bruders seiner gerechten Strafe zuzuführen? Und wenn Heiderer unschuldig ist? Es waren noch andere Befehlshaber in Lemberg. Vor allem die Ukrainischen Nationalisten trieben ihr Unwesen. Die Verhältnisse waren chaotisch, die Befehlsketten brüchig, die Militär-Archive sind verschollen. Das ist die offizielle Lesart. Robert legt den Hörer weg, sammelt die Blätter auf, die ihm plötzlich unendlich wertvoll erscheinen. Er streicht sie glatt, ordnet sie, überfliegt die Informationen noch einmal. Ergebnis: Heiderer kann, muss aber nicht der Mörder seines Bruders sein. Was auch immer Morgan sich gedacht hat, ihm den Auftrag zuzuteilen, ist Robert egal. Er wird alles gegen Heiderer zusammentragen, was er nur finden kann. Und wenn Heiderer seinen Bruder auf dem Gewissen hat, dann Gnade ihm Gott, dann wird er ihn in die Staaten schaffen, wo er vor Gericht gestellt wird und ihn nichts anderes erwartet als der Strang.
Aus dem Hörer quäkt die Stimme der Vermittlung. »Major Bennett? Sind Sie noch dran?« Sie klingt ungeduldig.
Robert betrachtet den Hefter. Er ist nicht mehr zu gebrauchen. Er wird sich einen anderen besorgen, einen mit Leineneinband, einen, der Teds Namen tragen wird. Robert hält sich den Hörer ans Ohr. »Verzeihen Sie, ich hatte gerade etwas Wichtiges zu tun. Ich brauche die Verbindung nicht mehr.«
Deutsche Demokratische Republik, Berlin, 5.3.1952
Das Schlimmste an dem Auftrag ist ihr Deckname: Herta Müller. Sie hasst diesen Namen. Ihre Lehrerin auf der Volksschule hieß so und sie war eine Hexe. Hat sie ständig gegängelt, sie immer drangenommen, wenn sie nichts wusste, hat sie dreimal am Tag in die Ecke gestellt und ihr mindestens einmal die Woche die Eselsmütze aufgesetzt. Die alte Müller hat sie gehasst, weil sie immerzu Fragen gestellt hat und weil ihr Vater Kommunist war. Und sie hat ihren Vater denunziert.
Wie sehr sie auch diesen Namen hasst, sie muss sich selbst so nennen, damit sie ihre Beute täuschen kann. Sie muss den Namen in ihrem Unterbewussten verankern, damit sie unwillkürlich reagiert, wenn er gerufen wird. Aus Anna Münzinger wird Herta Müller.
Den Namen hat ihr Oberst Jukowski verpasst. Der Name soll für Durchschnitt stehen. Alles an Herta Müller soll Durchschnitt sein: Größe, Gesicht, Haare. Wer sie beschreibt, wird eine Frau gesehen haben, wie sie es zu Tausenden gibt. Das macht sie fast unsichtbar. Sie trägt einen knielangen mittelbraunen Rock, ebenso braune Lederschuhe mit wenig Absatz. Sie hat sich dezent geschminkt, sie soll auf keinen Fall in irgendeiner Weise hervorstechen.
Anna steigt in die Straßenbahn, löst eine Karte nach Zehlendorf. Ihre Beute trifft sich mit ihr im Kaffeehaus Bertelmann an der Ecke Schellingstraße und Barer Straße. Es ist das vierte Treffen, und heute muss es gelingen. Eigentlich viel zu früh, aber die Überwachung Auerbachs hat ergeben, dass er in wenigen Tagen nach Düsseldorf ausgeflogen wird. Dort ist er außer Reichweite. Deswegen hat sie sich auch den Nachmittag freigenommen, damit sie sich mit Auerbach treffen kann.
Sie greift in die Manteltasche, fühlt das Glasfläschchen. Sie muss vorsichtig sein. Joseph Auerbach ist misstrauisch. Kein Wunder. Er ist ein Mörder und hat viel zu verlieren. Aber die Amis schützen ihn, haben ihn reingewaschen, weil sie ihn brauchen. Er ist Ingenieur für Wassertechnik, maßgeblich am Aufbau der Berliner Wasserversorgung beteiligt. Jetzt soll er das Gleiche in Düsseldorf machen und danach im Ruhrgebiet. Es gibt nur noch wenige Spezialisten in Deutschland auf diesem Gebiet.
Die Bahn rumpelt vorbei an Trümmern. Es geht langsam voran. Nicht einmal zehn Prozent des Schutts sind beseitigt, es fehlt an schwerem Gerät. Also müssen alle ran. Vergangenen Sonntag ist wieder Trümmertag gewesen. Anna spürt noch immer jeden einzelnen Knochen. Die ganze Nachbarschaft hat von morgens bis abends Steine geschleppt. Vor dieser Arbeit kann sie sich nicht drücken, das würde Verdacht erregen.
Anna geht ihren Plan in Gedanken durch, immer wieder. Sie muss Auerbach dazu bringen, einen Spaziergang mit ihr zu machen. Zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, hin zu einem ganz bestimmten Ort. Sie kennt Auerbachs Gewicht, sie hat das Morphin-Scopolamin so dosiert, dass Auerbach nach dreißig Minuten das Bewusstsein verliert. Zehn, vielleicht fünf Minuten vorher wird er die Wirkung spüren. Dann wird er unruhig werden, vielleicht Alarm schlagen. Die Amerikaner haben ein Merkblatt herausgegeben, woran man den Versuch einer Entführung erkennen kann. Die Wirkung von Morphin-Scopolamin und anderer Drogen ist darauf genau beschrieben. Das Zeitfenster ist eng, verdammt eng. Aber sie wird ihn da packen, wo sich alle Männer packen lassen.
Die Bahn hält, sie muss aussteigen. Das Kaffeehaus liegt direkt um die Ecke. Sie geht los. Auf der anderen Straßenseite steht ein groß gewachsener Mann in grauem Anzug und betrachtet ein Schaufenster. Sie kennt ihn nicht, aber er verhält sich seltsam. Schaut zu ihr, dann wieder auf das Schaufenster. Zieht eine Packung Zigaretten aus der Tasche. Zündet sie an. Ein Zeichen an eine Greiftruppe? Ist sie enttarnt? Hat Auerbach etwas gemerkt? Wieder dreht sich der Mann um, späht die Straße hinunter. Eine Frau tritt aus einem beschädigten Haus. Der Mann wirft die halb gerauchte Zigarette auf den Boden, tritt sie aus. Er muss gut betucht sein, wenn er so verschwenderisch mit Zigaretten umgeht. Ein Kippensammler wird sich freuen. Die Frau fliegt ihm in die Arme, sie küssen sich leidenschaftlich, gehen Arm in Arm davon. Fehlalarm.
Die anderen Passanten benehmen sich unverdächtig, dennoch beobachtet sie jeden und alles. Das kostet Kraft. Sie kann diese Konzentration nicht den ganzen Tag aufrechterhalten. Auf eine Rückendeckung hat sie verzichtet. Zu gefährlich. Zu leicht erkennbar und letztlich sinnlos. Eine Waffe darf sie nicht tragen, würde sie damit erwischt, wäre sie erledigt. Es gibt immer wieder spontane Kontrollen, ganze Viertel werden abgesperrt, keiner kann entkommen.
Anna geht weiter, überquert die Straße, kehrt um. Niemand bleibt plötzlich stehen oder ändert die Richtung. Sie biegt um die Ecke, das Kaffeehaus ist so gut wie unbeschädigt. Nicht eine Scheibe ist zu Bruch gegangen in den Bombennächten. Ein Wunder. Als sie es betritt, schlagen ihr beißender Zigarettenqualm und die gedämpften Stimmen der Gäste entgegen. Irgendjemand schmaucht Pfeife, der angenehme, würzige Geruch dämpft ein wenig den der scharfen Zigaretten. Anna raucht nicht, und der Qualm macht ihr nicht wirklich etwas aus. Er ist nicht schlimmer als die abgasgeschwängerte Luft, die oft über der Stadt hängt, wenn das Wetter ungnädig ist und einen Deckel aus kalter Luft über Berlin stülpt, der den Luftaustausch unmöglich macht. Das Wetter ändert sich immer wieder, doch das Misstrauen, die Angst und das Vergessen-Wollen, die über der Stadt und dem ganzen Land liegen, ändern sich nicht. Wenn sie Auerbach fangen kann, wird sie dazu beitragen, dass ein wenig Erinnerung an die Verbrechen der Nazis wach bleibt, Erinnerungen, die im Westen unter Schweinebraten, Nylonstrümpfen und Autos erstickt werden. Sie lenkt ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Menschen. Kellner huschen zwischen den Tischen hin und her, hier muss niemand lange auf seine Bestellung warten. Sie entdeckt den Pfeifenraucher. Feistes Gesicht, runde Hüften, Kugelbauch. Vor ihm steht ein Teller mit drei Stück Kuchen, eines davon bereits zur Hälfte gegessen. Der Mann scheint zufrieden. Seine Seele fühlt sich wohl, eingehüllt in Tabak, Zucker und Fett. An einem anderen Tisch tuscheln drei junge Frauen miteinander. Sie sind modisch gekleidet, in Pariser Chic, ganz Dior: Wellenlinien, leichte Stoffe, die am Körper hinabfließen, weiche, runde Formen. Sie sind schön anzusehen. Anna gefällt diese neue Weiblichkeit, doch sie selbst kann solche Kleider nicht tragen. Sie muss eine graue Maus sein, für die sich niemand umdreht. Jeder Tisch ist besetzt, an einem sitzen Männer im Frack. Anna fragt sich, warum sie um diese Tageszeit so gekleidet sind. Vielleicht haben sie sich hier verabredet, um gemeinsam zu einem Empfang zu gehen? Nicht ihr Problem. Niemand scheint verdächtig.
Auerbach hat sie noch nicht entdeckt. Er sitzt am Fenster in einem Sessel und ist in die Tageszeitung vertieft. Anna ist zehn Minuten zu früh, er rechnet noch nicht mit ihr.
Sie tritt von hinten an ihn heran. »Ist hier noch ein Platz frei?«
Die Zeitung fällt raschelnd auf den runden Marmortisch, Auerbach springt auf, in seinem Gesicht mischen sich Freude und Verlegenheit. »Herta, wie schön, Sie zu sehen, aber selbstverständlich.«
Sie beugt sich zu ihm hin, schließt die Augen, gibt ihm zu seiner Überraschung einen leichten Kuss auf die Lippen. Sie sind weich und trocken, Gott sei Dank. Sie spürt leichte Übelkeit aufsteigen. Er riecht nach Moschus, er muss auf dem Schwarzmarkt einkaufen, so etwas gibt es nicht in den Kaufhäusern.
»Setzen Sie sich doch.« Er zeigt auf den anderen Sessel. Roter Plüsch. »Was darf ich Ihnen bestellen?«
Anna zieht den Mantel aus, Auerbach will ihn nehmen, um ihn an die Garderobe zu hängen, aber sie schüttelt den Kopf. »Lisa ist neulich der Mantel gestohlen worden.«
Auerbach zieht die Hand zurück. »Sie haben recht, man kann nie vorsichtig genug sein. Die Stadt ist voller Diebe.«
Und voller Menschen, denen das Nötigste fehlt. Sie ist erstaunt, dass es nicht viel mehr Überfälle gibt, dass sich die Vergessenen nicht zusammentun, um ihr Recht auf ein würdiges Leben durchzusetzen. Anna nimmt Platz, drapiert den Mantel über der Lehne. Auerbach rückt seinen Sessel noch etwas näher an ihren, dann lässt er sich in seinen Sessel gleiten. Er ist schlank, kein Gramm Fett zu viel, er hält sich fit, und er sieht nicht schlecht aus. Stattlich, dennoch jungenhaft. Und vor allem harmlos, als könne er kein Wässerchen trüben. Anna weiß es besser.
»Was möchten Sie?«
»Eine heiße Schokolade bitte. Ganz dunkel.«
Er winkt einem Kellner, der sofort an ihren Tisch kommt, Auerbach gibt die Bestellung auf: eine Tasse Brühkaffee für sich, extrastark und schwarz, die heiße Schokolade für Anna, extradunkel.
»Wie geht es Ihnen?«, fragt Auerbach. »Hat Ihr Chef ein Einsehen gehabt?«
Annas Deckarbeitsplatz ist ein kleines Versicherungsbüro. Sie arbeitet dort als Sekretärin. Auerbach hat sie erzählt, dass ihr Chef sie auch samstags bis sieben Uhr arbeiten lässt. Auerbach hat schon zweimal angerufen, um sie zu sprechen. Sie ist sich sicher, dass er prüfen wollte, ob es dieses Büro überhaupt gibt. Er hat es sich von außen angesehen und sogar jemanden geschickt, der eine Versicherung abgeschlossen hat. Seitdem hat er mehr Vertrauen gefasst. Sie geht davon aus, dass er ihre Deckidentität geschluckt hat. Die Westpresse ist voll mit reißerischen Artikeln über Entführungen Unschuldiger. Alles gelogen. Anna weiß es. Sie hat schon viele Naziverbrecher und Landesverräter gefasst und ihrer gerechten Strafe zugeführt. Der Westen aber macht sich nach wie vor mit Nazi-Verbrechern gemein. Die Nürnberger Prozesse haben nur den Schaum der Nazijauche abgeschöpft.
»Ja. Ich muss jetzt nur noch bis fünf arbeiten. Eine große Verbesserung«, antwortet sie fröhlich.
Die Getränke kommen. Die Schokolade dampft, so heiß ist sie, der Kaffee ebenfalls. Das Kaffeehaus hat keine Heizung. Im hinteren Teil befindet sich ein Kaminofen, der aber nicht befeuert wird. Kohle ist teuer, Holz gibt es überhaupt nicht, die Gasleitung ist noch nicht repariert.
Anna kostet. Die heiße Schokolade ist dick und herb, schmeckt leicht bitter nach Kakao. So hat ihre Mutter sie früher gemacht, bevor die Nazis sie verschleppt haben. Da war Anna zehn Jahre alt. Nur ein Jahr später war ihr Vater weg. Ihr Großvater hat sie bei Nacht und Nebel nach Frankreich gebracht. In der Nähe von Bordeaux war eine Anlaufstelle für deutsche Kommunisten. Dann er ist ins Reich zurückgekehrt. Weder von ihrer Mutter noch von ihrem Vater oder ihrem Großvater hat sie je wieder gehört. Sie atmet tief durch, muss aufpassen, dass sie nicht wehleidig wird, das vernebelt die Sinne. Sie kann es sich nicht leisten, unaufmerksam zu sein.
Auerbach nippt an seinem Kaffee, schaut sie über den Tassenrand hinweg an. »Am Sonntag, äh«, er errötet, »hätten Sie Lust, mit mir und Freunden einen Ausflug zu machen?«
Anna setzt ein erfreutes Gesicht auf, sie weiß, dass es echt wirkt. Vor dem Krieg hat sie Schauspiel studiert. »Aber ja. Gerne. Wohin soll es denn gehen?«
»Ich habe Ihnen doch von Norbert erzählt. Er hat ein Segelboot, wir machen eine kleine Tour über die Spree, vorausgesetzt, das Wetter hält.«
Anna greift nach Auerbachs rechter Hand, drückt sie, er erwidert die Berührung leicht. Auch seine Hände sind trocken. Er ist vollkommen entspannt. Wieder steigt leichte Übelkeit auf. »Das wäre wunderbar! Und schlechtes Wetter macht mir nichts aus. Mein Mantel ist wasserdicht.«
Auerbach lächelt milde. »Der würde nicht viel nutzen auf dem Wasser. Aber es ist gut, wenn Sie wetterfest sind. Die nötigen Kleider habe ich noch von meiner Frau. Die müssten Ihnen passen.«
Anna ist überrascht. Er hat noch nie von seiner Frau erzählt. »Ihre Frau …«
»Sie ist tot. Bombennacht. Ich war freiwilliger Helfer bei der Feuerwehr. Die Bombe hat den Keller getroffen. Niemand hat überlebt.«
Anna drückt seine Hand fester. »Es sind so viele ums Leben gekommen.«
Er lächelt noch immer. »Aber jetzt ist es ja vorbei, und das Leben geht weiter.«
Auerbach ist ein guter Lügner. Er war nie bei der freiwilligen Feuerwehr. Und er war auch nie verheiratet. Er hat in den letzten Tagen des Krieges Hunderte Kinder in den Tod geschickt und Dutzende Männer erschießen lassen, die sich geweigert hatten, als Kanonenfutter zu sterben. Bevor ihn die Russen schnappen konnten, ist er geflohen und hat sich den Amerikanern ergeben.
»Wie furchtbar«, haucht Anna.
»Ja, aber wir hatten eine wunderbare Zeit miteinander. Das macht es leichter.«
Anna seufzt tief. »Ich bewundere Sie, dass Sie nicht verbittert sind.«
Auerbach legt seine andere Hand auf ihre. »Wir müssen vergeben, so wie uns vergeben wird. Ist es nicht so«?
»Ja, so ist es. Nur so kann wirklicher Friede einkehren.«
Auerbach nickt wissend, er erhebt sich. »Entschuldigen Sie mich einen Moment. Der Kaffee …«
Beide lachen. Er hat eine schwache Blase, auch das weiß Anna. Sie schaut Auerbach nach, er muss aus dem Café raus und über den Hof gehen, wo die Toiletten untergebracht sind. Ihr bleibt genug Zeit. Noch einmal überzeugt sie sich, dass er das Kaffeehaus verlassen hat. Noch einmal schaut sie sich die anderen Gäste an. Wenn ein Agent darunter ist, wenn es eine Falle ist, hat sie bereits verloren. Sie verdeckt das Fläschchen mit der einen Hand so, dass es niemand sehen kann, und beugt sich über den Tisch. Es sieht aus, als wolle sie das Zuckerdöschen nehmen. Die K.-o.-Tropfen plätschern in den Kaffee. Der ist so bitter, dass Auerbach nichts schmecken wird. Sie lässt das Fläschchen verschwinden, nimmt einen Löffel Zucker und gibt ihn in den Kakao. Die Wolkendecke bricht auf, die Sonne kommt heraus. Besser kann es nicht werden.
Auerbach kehrt zurück, setzt sich, nimmt einen Schluck Kaffee. Anna schaut aus dem Fenster, dann in Auerbachs Gesicht. Sie weiß, wie man ohne Worte eine Verheißung ausdrückt. »Wie wäre es mit einem Spaziergang?«
Auerbachs Augenlider zucken einmal. Jetzt laufen Bilder in seinem Kopf ab, jetzt stellt er sich vor, was auf einem Spaziergang im Frühling und auf einem Trümmergrundstück so alles passieren kann. Er hat schon länger keine Frau mehr gehabt. Zu Prostituierten geht er nicht. »Das ist unter meiner Würde«, hat er zu einem Freund gesagt. Unsere Spitzel leisten gute Arbeit, denkt Anna. Vor allem die, die aus Überzeugung handeln, die ein Gewissen haben.
»Gerne.« Er ordert die Rechnung, bezahlt, gibt reichlich Trinkgeld, hilft Anna in den Mantel, für den Bruchteil einer Sekunde taxiert er ihre Figur, Anna sieht, wie seine Augen an ihrem Körper hinauf- und hinuntereilen. Er hat einen Blick für die Formen einer Frau, auch durch unscheinbare Bekleidung hindurch. Für einen winzigen Moment bleiben seine Augen auf ihren Brüsten haften. Sie hat ihn an der Angel.
Sie verlassen das Kaffeehaus, Anna hakt sich ein, lässt ihre linke Hand in Auerbachs rechte gleiten, sie dirigiert ihn mit kaum merklichen Bewegungen, drückt immer wieder ihre Hüfte gegen seine, wenn er einen Scherz macht. Er hat Sinn für Humor, ist bei seinen Bekannten und Freunden beliebt, er ist großzügig, hilfsbereit. Alle werden sagen: »Das hätte ich nie gedacht, dass dieser nette Mann so ein Ungeheuer war.«
Schweigen kehrt ein, sie verstehen sich auch ohne Worte. Jede Bewegung, jeder Blick drückt aus, worauf es heute hinauslaufen soll: eine schnelle Nummer, heimlich in einem Keller oder zwischen eingestürzten Mauern. Anna unterdrückt den Impuls, auf die Uhr zu sehen. Sie muss die Zeit schätzen. Zehn Minuten sind vergangen, seit sie das Kaffeehaus verlassen haben, vielleicht fünfzehn. Es wird Zeit. Sie biegt rechts ab, die Straße ist zwar geräumt, aber rechts und links türmen sich Schuttberge, Wege sind zu den Grundstücken angelegt, Schilder warnen vor Einsturzgefahr: »Betreten verboten!«. Viele Tote hat es dieses Jahr gegeben, erschlagen von plötzlich herabstürzenden Mauern. Aber Herta Müller kennt sich aus. Die ganze Stadt ist bis ins Detail kartografiert, ständig werden die Informationen von den »Ameisen« des Ministeriums für Staatssicherheit aktualisiert. Noch hundert Meter bis zum Ziel.
Auerbach bleibt stehen, schaut sich kurz um, zieht Anna an sich, sein Glied drückt durch Hose und Mantel hart an ihren Oberschenkel. Seine Zunge drängt in ihren Mund, sie öffnet ihn leicht, gierig leckt er über ihre Zähne, eine Hand gleitet unter ihren Rock, die andere öffnet zwei Mantelknöpfe und zupft dann an ihrer Bluse. Sie drückt sich von ihm weg, schluckt Magensäure hinunter. Hätte er Mundgeruch, könnte sie sich nicht beherrschen und müsste sich übergeben. Sie ist nur Lockvogel und keine weibliche Romeo-Falle.
Ärger tritt in sein Gesicht.
»Warte, Joseph, nicht hier, da kann ja jederzeit jemand vorbeikommen«, sagt Anna. Sie fasst seine Hand. »Komm mit. Ich weiß was.« Sie geht los, zieht ihn hinter sich her, er folgt, betäubt von seiner Geilheit. Am Eingang zu einem Trümmergrundstück hängt ein schwarzer Stofffetzen. Das ist das Zeichen. Ein Pärchen kommt auf sie zu, bleibt stehen. Es sieht aus, als wollten sie dort hinein. Anna rennt los, kommt den beiden zuvor. Sie nicken ihr verschwörerisch zu. Auerbach stolpert, fasst sich an den Kopf. Die Tropfen wirken.
»Alles in Ordnung?«, fragt der Mann.
»Nur ein bisschen viel, Sie wissen schon«, sagt Anna schnell.
Die beiden lachen, gehen weiter. Auerbach hat noch keinen Verdacht geschöpft. Anna schiebt ihn voran. Er murmelt etwas Unverständliches. Anna zieht ein Kondom aus der Manteltasche, zeigt es Auerbach. »Na los, komm schon, worauf wartest du?«
Auerbach zwinkert, ein wässriger Glanz tritt in seine Augen. Er stolpert einen Schuttberg hoch. Oben bleibt er stehen. Anna geht zu ihm hin, packt ihn am Arm. Er schüttelt sie ab. Er hat Bärenkräfte.
»Du miese Schlampe«, nuschelt er. »Ich hätte es wissen müssen.« Er wankt, hält plötzlich eine kleine Pistole in der Hand.
Anna erstarrt, sie bekommt schlagartig keine Luft mehr. Auerbach hebt die Waffe, zielt. Sein Blick verschleiert sich, sie lässt sich fallen, rollt sich zur Seite, Schmerz jagt durch ihre Hüfte, ein Schuss kracht, Auerbach stöhnt auf.
Sie ist nicht getroffen, hebt den Kopf, Auerbach ist den Trümmerberg hinuntergestürzt, er blutet am Kopf. Er darf nicht sterben, bitte nicht. Geduckt läuft sie zu ihm hin, horcht. Er atmet, sie fühlt den Puls. Normal. Die Kugel ist glatt durch seine Schulter hindurch, es blutet nicht stark, der Schock hat ihn gefällt. Kein großes Gefäß ist verletzt, ansonsten wäre er in Minuten tot.
Schritte knirschen über den Schutt. Aus den Augenwinkeln sieht Anna drei Männer, die auf sie zuhalten. Es sind die richtigen. Keiner spricht ein Wort, einer versorgt notdürftig Auerbachs Wunde, dann packen sie ihn, bugsieren ihn durch die Hausskelette, verfrachten ihn in einen Lieferwagen, fahren los, überqueren die Zonengrenze, steuern das MfS an.
Anna sitzt neben dem Fahrer, sie steht noch immer unter Schock. Sie hat nicht mit einer Waffe gerechnet, hat schon den Tod vor Augen gehabt, oder noch schlimmer, hat sich verletzt und verhaftet gesehen. Sie wird sich bei Jukowski beschweren. Die Aufklärung hat geschlampt. Es hieß, er habe keine Waffe. Verdammte Scheiße. Ihr Herz schlägt noch immer so hart in ihrer Brust, dass es schmerzt. Sie schwitzt am ganzen Körper, riecht ihre eigene Angst. Die Kollegen schweigen. Es gibt nichts zu sagen. Sie haben ihr das Leben gerettet, das ist ihr Job.
Jukowski will die Beute persönlich befragen. Anna überwacht wie in Trance die Verbringung von Auerbach in eine Arrestzelle und ordnet medizinische Versorgung und Bewachung an. Sie betrachtet den bewusstlosen Mann. Sie wird ihn nie wiedersehen.
Bundesrepublik Deutschland, München, 26.3.1952
Robert schreckt aus dem Schlaf. Ein rasselndes Geräusch hat ihn geweckt. Es ist nicht der Wecker. Der zeigt Viertel vor sieben, und Robert hat ihn nicht gestellt. Er kann nicht geklingelt haben. Es ist das Telefon.
Er wirft die Decke von sich, springt aus dem Bett, rennt zum Sekretär, stößt einen Stapel Akten um, der einen anderen mit sich reißt. Robert flucht, zerrt den Hörer von der Gabel, lauscht, lächelt.
»Ich war schon drauf und dran, die MP zu schicken, so lange hast du gebraucht.«
Robert erkennt die Stimme. »Hey Will, alter Knabe, woher hast du die Nummer? Ich habe sie eurer Sekretärin nicht gegeben, als ich sie gestern angerufen habe.« Er ist sofort hellwach.
»Kleiner Test, ob ich die Nummer herausfinde, was? Robert, ich bitte dich.«
Will Bower hat in all den Jahren seinen schweren Kentucky-Akzent nicht abgelegt. Er ist Leitender Agent beim Militärischen Abschirmdienst in Deutschland, stammt aus einer Nachbarstadt in Kentucky. Sie haben gemeinsam studiert und West Point absolviert, sich gegenseitig gestützt, wenn sie nicht mehr konnten, nach einem Dreißig-Kilometer-Gewaltmarsch oder zehn Stunden Unterricht in Strategie und Waffenkunde. Im Krieg haben sie gemeinsam gedient, im Feld hat sich ihre Freundschaft bewährt und gefestigt. Nach dem Krieg haben sie sich ein wenig aus den Augen verloren, aber ihre Verbundenheit ist nie abgerissen, auch wenn sie mal längere Zeit nichts voneinander gehört haben. Hier in München haben sie ihre Freundschaft aufleben lassen. Will ist für Robert, was man einen echten Freund nennt, und er hat seine Finger überall drin. Es hätte Robert gewundert, wenn Will seine Nummer nicht gehabt hätte.
»Okay, Robert, wie kann ich dir helfen?«
»Erst mal danke, dass du zurückgerufen hast.«
»Ist doch klar, Rob.«
»Den Test hast du bestanden.«
»Logisch. Sonst hätte ich dich nicht anrufen können. Schleim nicht rum, Rob. Was liegt an?«
»Ich brauche deine Hilfe.«
Will schweigt einen Moment. »Das glaube ich gerne. Du solltest auf dem Weg nach Hause sein. Wir reden am besten unter vier Augen. Was hast du heute Abend vor?«
»Außer Akten fressen, nichts.«
»Dann ist die Sache klar. Die Jungs machen eine kleine Feier im Club. Bist du dabei? Es gibt wirklich gute Musik, wirklich gutes Essen, wirklich klasse Frauen und erstklassige Getränke. Neun Uhr.«
Robert freut sich, seinen Freund wiederzusehen, und er braucht eine Pause. »Überredet. Heute Abend lassen wir es krachen!«
»Darauf kannst du wetten! Bis später.« Will legt auf.
Robert schlurft ins Bad, bewundert die Ringe unter seinen Augen, duscht heiß, rasiert sich. Er hat die letzte Nacht fast nicht geschlafen, und die wenigen Stunden, in denen er vor sich hin gedämmert hat, waren durchzogen von Träumen, mit immer denselben Themen: Blut, Schweiß und Tränen.
Er brüht sich eine Kanne Kaffee auf, trinkt zwei Tassen hintereinander, die heiße, bittere Flüssigkeit versengt ihm den Gaumen. Langsam lichtet sich der Nebel in seinem Kopf. Zwei Tage und zwei Nächte hat er Papiere gesichtet, Akten gewälzt. Er greift zu den Notizen, die er gemacht hat. Ganz oben steht: »Heiderer«. Daneben hat Robert einen kleinen Totenkopf gemalt. Kindisch, aber es hat gutgetan. Robert muss aufpassen, dass er sich nicht zu sehr von seinen Gefühlen leiten lässt. Er wird Heiderer für den Mord an seinem Bruder büßen lassen, wenn er dafür verantwortlich war, das steht fest. Aber er darf Heiderers andere Verbrechen nicht aus den Augen lassen. Er muss sorgfältig Beweise zusammentragen, die Heiderer des Mordes an Ted überführen, und malt sich bereits aus, wie Heiderer anhand dieser in die Staaten ausgeliefert wird, um Adenauer aus der Schusslinie zu bringen. Dann kann er ohne Gesichtsverlust einen anderen Minister ernennen.
Unter den Totenkopf hat er in Stichworten Heiderers Werdegang im Dritten Reich bis 1941 aufgelistet. Eine fast makellose Karriere. Einer der Ersten in der NSDAP, glühender Verehrer von Adolf Hitler, Studium der Wirtschaftswissenschaften, einer der wenigen Experten für den Osten. Beste Verbindungen zu Canaris. Das hat ihm später ein paar Probleme eingebracht, nichts Ernstes. Die Zeit danach interessiert Robert vorerst nicht, denn Heiderer wird seit dem Ende des Krieges, seit er für das FBI arbeitet, lückenlos überwacht. Heiderer hat nach Ende des Krieges nicht versucht, Beweise zu vernichten oder Zeugen zu beeinflussen, geschweige denn zu töten. Er hat sich zu Recht auf seine Seilschaften verlassen und auf seine Nützlichkeit für die neuen Machthaber. Er ist intimer Kenner der Nazi-Szene, er kennt viele Namen und er hilft bei der Einschätzung der Lage im Osten. Er kennt Polen und die Ukraine und Russland bis nach Moskau wie seine Westentasche. Er kennt die Seelen der Menschen, die Strukturen der Macht und die Traditionen, die Land und Menschen geprägt haben. Aus seinen Berichten spricht durchaus Sympathie für Russen, Ukrainer und Polen. Nicht aber für Juden. Er unterstützte Hitlers Ostpolitik, hielt Massenmord allerdings für nicht zweckmäßig, sondern setzte voll und ganz auf Umsiedlung.
Robert nimmt an seinem Sekretär Platz, macht weiter, wo er vor drei Stunden aufgehört hat. Namenslisten der Opfer und der Soldaten des Bataillons Ostmark durchgehen, abgleichen mit Todeslisten und Adressbeständen, mit Geheimdienstdossiers und Personalakten. Die Ausbeute ist mager, die wenigsten Männer des Bataillons Ostmark haben den Krieg überlebt. Nur eine Person hat er ausfindig machen können, die ihm weiterhelfen könnte. Kyrill Dragusch, ukrainischer Soldat, ehemaliges Mitglied des Bataillons Ostmark, angeblich desertiert, hat politisches Asyl beantragt. Weil man ihn in der UdSSR erschießen würde, geriet er in die Fänge der Behörden. Sein Verfahren dauert, weil die Behörden zum einen überlastet und zum anderen sich nicht sicher sind, ob Dragusch der ist, der er vorgibt zu sein. Seit Ende des Krieges lebt Dragusch im Auffanglager Frauenholz, ganz in der Nähe. Glück für Robert, so hat er ihn vor der Haustüre in sicherer Verwahrung, denn heute wird Robert es nicht mehr schaffen, Dragusch zu verhören, jeden Augenblick müsste Will ihn abholen lassen. Wenn Dragusch nichts weiß, hat Robert ein Problem.
Die Türklingel läutet. Robert schaut aus dem Fenster. Der Fahrer ist pünktlich und trägt Livree. Wills Wagen ist ein prächtiger Benz 170, mit schwarzen, geschwungenen Kotflügeln, die restliche Karosserie ist rot lackiert. Sie glänzt frisch gewienert. Mercedes sind zuverlässig und bequem, auch wenn sie ein wenig altbacken aussehen.
Robert zieht nicht seinen Anzug an, sondern seine Uniform. Er poliert die Lackschuhe nach, richtet die Krawatte, kämmt sich das Haar zurück. Es ist zu lang, reicht fast bis über die Ohren. Er muss zum Friseur. Das kann er morgen erledigen, direkt gegenüber seiner neuen Wohnung wirbt der »Haar-Salon Fromm« mit der Garantie: »Bei Nichtgefallen Geld zurück.« Robert ist versucht, Friseur Fromm und sein Versprechen auf die Probe zu stellen.
Robert tritt auf die Straße, schaut sich um, es ist schon längst dunkel, der Abend ist mild. Er kann nichts Verdächtiges erkennen. Der Fahrer verbeugt sich, hält den Schlag auf, schweigt. Robert lässt sich in die Lederpolster sinken. Der Benz ist brandneu, der Tacho zeigt noch keine hundert Kilometer, trägt den typischen Geruch der Fabrik, eine Mischung aus Politur, Gerbstoffen und einem Hauch Schmierstoff und Benzin.
Der Fahrer schaukelt gemütlich durch München. Sie müssen ans andere Ende der Stadt. Der Offiziersclub liegt etwas außerhalb auf militärischem Sperrgebiet und ist ebenso gut gesichert wie der Flughafen Oberwiesenfeld.
Robert bedankt sich bei dem Fahrer, der weiterhin schweigt und sich verbeugt.
Zwei Mann von der Militärpolizei bewachen den Eingang, Robert hält ihnen seinen Ausweis hin, einer telefoniert, gibt seinem Kameraden ein Zeichen, der nickt und macht den Weg frei.
Robert tritt ein, der Vorraum ist gefüllt mit Menschen, hier und da grüßt er jemanden, den er vom Sehen kennt, gibt sich nicht die geringste Mühe, unentdeckt zu bleiben. Im großen Saal wirbeln beim Rock ’n’ Roll junge Männer junge Frauen durch die Luft. Es juckt Robert in den Beinen. Er strebt auf den Saal zu, jemand schlägt ihm auf die Schulter.
»Rob, na endlich, ich dachte schon, der Abend wird langweilig.«
Es ist Will. Er sieht gut aus wie immer. Er könnte einen Sheriff im Wilden Westen spielen. Robert breitet die Arme aus, sie umarmen sich lange. Es tut gut, einen Menschen zu treffen, dem man vertrauen kann.
Will schleppt Robert zu einem Getränkebuffet, ordert zwei große Gläser Bowle. Sie stoßen an, trinken, der Sekt und die Früchte prickeln auf Roberts Zunge, er schmeckt den Brandy, der ihm sanft in den Kopf steigt und ihn entspannt.
Will bietet ihm eine Zigarre an. Robert greift zu, zeigt mit der Zigarre auf Will, ein Zeichen der Freundschaft und Vertrautheit. Robert beißt das Ende ab, spuckt das Stück Tabak auf den Boden, lässt sich von Will Feuer geben, es knistert, der Duft steigt Robert in die Nase. Er schließt die Augen, seufzt, zieht an der Zigarre. Der Qualm füllt seine Mundhöhle, er kaut ein wenig, stößt ihn aus. Bilder schießen durch seinen Kopf. Er sitzt mit seinem Vater auf der Veranda. Sie rauchen, besprechen, was zu tun ist auf der Ranch: Zäune müssen ausgebessert, Pferde zugeritten und die Kälber mit Brandzeichen versehen werden. Ted ist in der Stadt, trifft sich mit seiner neuen Freundin, Mutter ist zum Plausch bei einer Freundin. Robert zieht erneut Rauch in den Mund. Was für eine Würze! Was für ein großer Geschmack, wie das weite Land, in dem er groß geworden ist. Und doch stammt diese Zigarre nicht aus seiner Heimat. Robert öffnet die Augen, Will grinst ihn an.
Robert fragt: »Seit wann arbeitest du für den Feind, Will? Wenn das keine Havanna ist, bin ich der Weihnachtsmann.«
»Erwischt, Rob. Die Kommis versuchen immer wieder, meine Leute mit dem Stoff zu ködern. Aber wir sind unbestechlich, nicht wahr?«
»Wie viele erliegen der Versuchung?«
»Natürlich keiner.« Will lacht trocken. »Komm mal mit.«
Will stellt sein Glas ab, Robert tut es ihm gleich. Sein Freund führt ihn zum Hinterausgang des Casinos, sie treten in die Nachtluft, gehen ein Stück weiter, bis sie etwa zwanzig Meter vom Eingang entfernt sind. Hier ist es unmöglich, sie abzuhören. Zweimal zieht Will an seiner Zigarre, bläst den Qualm in die Luft, schaut ihm hinterher. »Wie kann ich dir helfen?«
Robert betrachtet die Zigarre. Verdammt, das Leben könnte so gut sein. »Morgan hat meine Heimfahrt gekippt. Eine Mission.«
»Ja, ich habe es gehört. Verdammte Scheiße.« Will lässt seine Zigarrenspitze leuchten. Saugt, als wäre es seine letzte. »Er wollte dich aus dem Fokus haben, dich unsichtbar machen? Hat nicht ganz funktioniert. War aber klar, oder?«
Robert nickt. »Keine Ahnung, was der Zirkus soll.«
»Also, worum geht’s?
Robert wird Will nichts von seinem Bruder erzählen, das ist seine Angelegenheit, er möchte Will nicht damit belasten. »Na ja, die Sache ist schon spannend. Ich soll einen zukünftigen Minister cleanen.«
Will legt ihm einen Arm um die Schulter. »Es geht um Heiderer, nicht wahr?« Er wartet keine Antwort ab. Robert weiß, dass er über die politischen Verhältnisse in Deutschland bestens informiert ist. »Wichtige Sache. Heiderer muss lupenrein sauber sein, sonst wird Stalin durchdrehen. In Korea geht es für ihn weder vorwärts noch rückwärts. Und dann noch ein Nazi als Minister? Globke war schon ein Fehler, und jetzt Heiderer. Erinnerst du dich an Globke?«
Eine rhetorische Frage. Robert hat Globke nicht vergessen. Er ist ein mieser Nazi-Bastard, jetzt ist er Adenauers engster Berater. Entscheidet über Personalfragen. Und er ist ein Schützling des CIC und eines Dutzends anderer Geheimdienste. An den ist nicht ranzukommen, Globke wird von ganz oben gedeckt. Den hätte Robert niemals gecleant, eher hätte er das CIC unehrenhaft verlassen.
»Heiderer könnten wir verhindern.«
Will wackelt mit dem Kopf. »Das könnte deinen Kopf kosten.«
Das ist Robert klar. Da er seinem Freund nichts von seinem Bruder erzählen will, kann er ihm auch nicht sagen, dass er bereits beschlossen hat zu verhindern, dass Heiderer Minister wird. »Wenn’s schiefgeht, könnte der Kalte Krieg heiß werden, nicht wahr?«, stellt Robert fest.
»Ja, Stalin und die Kommis warten nur auf einen Anlass. Jetzt, wo sie die Wasserstoffbombe haben, werden sie übermütig. Ich glaube, Stalin rennt den ganzen Tag mit einem Harten rum und wartet nur darauf, uns endlich in den Arsch treten zu können.« Will lacht dröhnend.
»Ich denke, Stalin hat Angst vor uns.«
»Das ist auch gut so, so muss es bleiben. Wir haben Nachrichten aus Moskau. Stalin glaubt, wir wollen ihm die DDR, Polen und Tschechien wegnehmen. Er glaubt, wir wollen ein Deutschland in den Grenzen von 1939. Er glaubt, dass wir in Korea schon mal üben.«
»Das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Und so ganz grundlos sind Stalins Bedenken nicht. Die Lage kann schnell kippen, es gibt viele braune Seilschaften, bis in die höchsten Regierungskreise.«
»Ja, mir sind das auch zu viele Nazis, aber es geht nun mal nicht anders. Stalin befürchtet, dass Deutschland mit uns gemeinsame Sache machen wird, dass wir die Nazis behalten, um den Hass zu schüren gegen Russland. Um zu vollenden, was Hitler nicht fertiggebracht hat.«
»Wollen wir das?«
Will zieht an seiner Zigarre, zeigt auf Robert. »Der Russe klopft an unsere Tür. Das Land ist riesig, die Ressourcen so gut wie unendlich. Menschen, Bodenschätze, Energie. In kürzester Zeit wird die Rote Armee wieder mächtig genug sein, es mit uns aufzunehmen. Zumal wir einen langen Weg haben, um aufs Schlachtfeld zu kommen. Wir können uns einen solchen Feind nicht leisten. Aber die Doktrin ist klar: kein Krieg in Europa. Nur wenn wir angegriffen werden.«
Er pafft den Rauch in Roberts Richtung. Den unverwechselbaren Duft kann man über viele Meter hinweg wahrnehmen.
»Sie wissen, dass wir das wissen. Also fürchten sie, dass wir von Deutschland aus Moskau und halb Russland mit Atomwaffen zerstören, wenn wir uns angegriffen fühlen.«
»So sieht es aus, mein Freund. Heiderer könnte das Zünglein an der Waage sein, die hin zum Krieg ausschlägt. Noch ein Nazi und Stalin drückt den roten Knopf. Wenn Adenauer Heiderer zum Minister macht, muss er sauber sein. Blütenweiß. Du hast einen wichtigen Auftrag.«
»Ich allein soll die Verantwortung für den dritten Weltkrieg tragen? Das kann mir keiner erzählen.«
Will schaut Robert an, zieht die Augenbrauen hoch.
Robert begreift. »Ich bin tatsächlich der Einzige. Ich verstehe das nicht. Wenn Heiderer so wichtig ist, warum dann nur ein Mann?
»Das entzieht sich meiner Kenntnis, Rob. Siehst du, ich weiß auch nicht alles. Ich weiß nur eins: Du musst mehr als vorsichtig sein. Ich werde dir helfen, wo ich kann, aber das wird nicht viel sein. Du kannst mich immer über den Notsender erreichen, das weißt du?«
Robert atmet tief durch. »Ja, und das ist gut so. Immerhin eine kleine Rückversicherung bei diesem Himmelfahrtskommando.«
»Du bist der Beste.«
Robert winkt ab. »Das wollte Morgan mir auch schon weismachen.«
»Du wirst das schaffen, wie immer! Nutze unsere Auslandsstützpunkte, nutze dein Sprachgenie und deine Fähigkeit, dich vollkommen in jemand anderen zu verwandeln. Und jetzt genug davon!« Will zerrt ihn zurück ins Casino, sie leeren in schneller Folge vier Gläser Bowle. Robert fühlt sich beschwingt, die Bowle tut ihre Wirkung, ebenso die Zigarre, die stickige Luft und die schnelle Musik.
Will wirft die Arme in die Luft. »Wir sind die Sieger.« Er zeigt auf die Tanzfläche.
Roberts Leichtigkeit kehrt zurück. Die Band macht gerade eine Pause. Er erblickt eine junge Frau. Sie schaut ihm in die Augen. Er winkt ihr zu. Sie kommt herüber, zieht Robert auf die Tanzfläche, Will lacht, gibt ihm einen Schubs. Die Frau flüstert Robert ihren Namen ins Ohr. »Ich bin Kate. Du bist echt süß. Und ich will heute Nacht nicht allein sein.«
Robert überläuft ein wohliger Schauer. Die Band kommt auf die Bühne, der Sänger zählt bis vier. Der Drummer spielt einen Wirbel über alle Trommeln, dann setzt der Bass ein, Robert frohlockt: »Twist!« Dafür muss man kein begnadeter Tänzer sein. Man muss nur die Hüfte schwingen, die Arme hin und her werfen, ebenso die Beine, immer gegeneinander. Man geht in die Knie, twistet weiter, bis die Muskeln brennen. Robert vergräbt seinen Blick in Kates blaue Augen und vergisst für eine Nacht, dass die Welt ein Jammertal ist.
Deutsche Demokratische Republik, Berlin, 27.3.1952
Anna klopft an die Holztür, die von innen dick gepolstert ist und zum Sekretariat von Alexander Jukowski führt. Zwei Tage sind vergangen, seit sie Auerbach gefasst hat. Zwei Tage, in denen sie im Versicherungsbüro Akten gewälzt hat.
Jukowski ist Generalmajor, gehört dem MGB an, dem mächtigen russischen Geheimdienst, und ist faktisch der Chef der Staatssicherheit der DDR. Jukowski weiß alles, sieht alles, hört alles. Fast alles. Diese verdammte kleine Pistole ist ihm entgangen. Er hat Tausende Spitzel, im Westen wie im Osten.
Christel Neureuther, Jukowskis erste Sekretärin, ruft »Herein«. Ihre Stimme wäre ein gutes Folterinstrument. Sie ist schrill und durchdringt mühelos die gepolsterte Tür. Ansonsten ist sie eine angenehme Person, sie duzen sich, haben einen gemeinsamen Feind: Nazis.
Anna drückt die Tür auf. Sie gibt kein Geräusch von sich, die Angeln sind bestens geölt. Christel nickt nur in Richtung der Tür, die zu Jukowskis Reich führt. Auch diese Tür ist gepolstert, aber viel dicker als die des Sekretariats. Durch diese Sperre dringt kein Laut nach außen, auch wenn Jukowski brüllt. Das will etwas heißen, denn wenn Jukowski jemanden zusammenstaucht, dann könnte er mit seiner Stimme ein startendes Flugzeug übertönen.
Anna nimmt, ohne zu fragen, vor dem riesigen Nussbaumschreibtisch Platz. Vor lauter Papieren, Büchern und Plänen kann man die Tischplatte nicht sehen. Nur eine lederne Schreibunterlage ist frei. Darauf liegt eine aufgeklappte Akte.
Jukowski lächelt. »Liebe Anna, ich darf Sie doch so nennen?«
Sein Deutsch ist akzentfrei.
»Aber selbstverständlich, Genosse Generalmajor.« Jede andere Antwort würde Jukowskis Zorn auf Anna heraufbeschwören.
»Wunderbar, Anna. Was kann ich für Sie tun?«
Anna drückt das Kreuz durch. »Auerbach hatte eine Waffe. Wie kann das sein?«
»Oh«, sagt Jukowski gedehnt, »Da gibt es viele Möglichkeiten. Er hat sie gut versteckt. Er hat sie auf dem Weg zu Ihnen zugesteckt bekommen …«
»Aber ihre Leute …«
Jukowskis Faust fährt auf den Schreibtisch nieder. Es klingt wie ein Pistolenschuss. Anna zuckt nicht mit der Wimper. Sie kennt seine kleinen Tricks, um Menschen einzuschüchtern.
»Meine Leute leisten hervorragende Arbeit. Ihre Leute haben geschlampt, so einfach ist das. Außerdem müssen Sie immer mit allem rechnen.« Er schreit nicht. Das hat er bei ihr nicht nötig. »Sie hätten es fast versaut, weil Sie unaufmerksam waren. Sie hätten ihn bei Kontakt unauffällig abtasten müssen. Das kann nicht schwer sein, der Kerl war doch sicherlich brünstig wie ein Hirsch.« Er lacht dröhnend.
Anna schweigt. Sie ist zu weit gegangen. Jukowski duldet keine Kritik an sich oder seiner Abteilung. »Entschuldigen Sie, Genosse, Sie haben ja recht.«
»Hätten Sie ihn rangelassen? Er sieht gut aus.«
»Nein.« Mehr will sie nicht sagen. Eher hätte sie sich erschießen lassen.
Jukowski klappt die Akte zu, reicht sie Anna. »Kleine Aufmerksamkeit meinerseits. Sie werden Auerbach verhören, schließlich kennen Sie ihn gut. Sie wissen, wo Sie ihn packen können. Eine kleine Abwechslung tut Ihnen gut, und eine kleine Pause. Was halten Sie davon?«
Jukowski erwartet Dankbarkeit. Die soll er haben. »Das ist eine Ehre für mich. Ich dachte, Sie wollten ihn haben, Genosse Generalmajor, er sei wichtig, sagten Sie.«
»Das ist er. Und er läuft mir nicht davon. Machen Sie mit ihm, was sie wollen, nur lassen Sie ihn am Leben und vernehmungsfähig. Ich stelle Ihnen Fahrenbach zur Seite. Wenn Sie grob werden müssen, dann mit der Rasierklinge, nicht mit dem Säbel.«
Anna steht auf und salutiert. »Ich danke Ihnen sehr, Genosse Generalmajor.«
»Schon gut«, sagt Jukowski und winkt sie raus.
Vor der Tür bleibt Anna einen Moment stehen. Sie soll Auerbach ausquetschen? Gemeinsam mit Fahrenbach? Sie hat nicht gewusst, dass Fahrenbach einfühlsam vorgehen kann. Bisher wurde er immer bei den hoffnungslosen Fällen eingesetzt, für diejenigen, die nichts sagen wollten oder konnten, deren Tod nicht ins Gewicht fällt. Kaum jemand hat seine Behandlung überlebt.
Sie betrachtet die Akte. Sie ist dünn. Vielleicht zehn oder zwanzig Blatt, sie kennt sie auswendig. Weiß Jukowski, warum sie diesen Mann so hasst?
Vom nächsten Diensttelefon aus ruft sie den medizinischen Dienst an. Auerbach kann erst morgen verhört werden.
Bundesrepublik Deutschland, München, 28.3.1952
Robert schreckt aus einem Albtraum hoch. Er ist nass geschwitzt, neben ihm liegt Kate. Sie sind in ihrer Wohnung, das Bett ist schmal, es gibt nur eine Decke. Sie atmet völlig ruhig, ist anscheinend in tiefem Schlaf. Robert betrachtet ihr Gesicht. Sie ist eine schöne Frau, gebildet, intelligent und sie hat Spaß am Leben.
Eine Stunde nach dem Twist verließen sie zu zweit den Club. Will war nicht beleidigt, er wünschte ihnen eine angenehme Nacht. Und so war es gekommen. Kate hat Erfahrung mit Männern, Robert mit Frauen. Sie tasteten ihre Vorlieben ab und ließen sich Zeit. Es stimmte zwischen ihnen.
Er streicht ihr eine Strähne aus dem Gesicht, horcht in sich hinein. Ob Kate eine Frau ist, mit der er sein Leben verbringen könnte? Ist er in sie verliebt? Er möchte sie wiedersehen, möchte sie näher kennenlernen. Ja, er ist ein wenig in sie verliebt. Aber wie steht es mit ihr? Ist er nur ein One-Night-Stand? Einer von vielen? Sie kann jeden haben, daran zweifelt er nicht.
Ihre Lider flattern, sie öffnet kurz die Augen, kuschelt sich an ihn. Ihre Haut ist warm und weich wie Samt. »Schön, dass du nicht abgehauen bist«, murmelt sie. »Hast du schon geduscht?« Sie lacht leise. »Frühstücken wir zusammen?«
»Ja«, antwortet Robert, »gerne.« Wann hat er das letzte Mal mit einer Frau morgens am Tisch gesessen? Es muss vor dem Krieg gewesen sein. Und die letzte war wahrscheinlich seine Mutter und keine, mit der er das Bett geteilt hat. Die einzige Frau, die jemals bei ihm zu Hause übernachtet hat, war die quirlige Priscilla, die nur wenige Wochen später an die Westküste gezogen war. Damit war ihre Beziehung beendet.
Es gibt Toast, Tee und Orangenmarmelade. Kate kommt aus der Nähe von London. Sie haben nicht viel geredet, aber das hat Robert erfahren. Er bestreicht den Toast mit Butter und einer dünnen Schicht Marmelade. Er beißt ab. Sie schmeckt bitter und süß zugleich. Angenehm. Er wird sich ein Glas besorgen.
Kate nimmt einen Schluck Tee aus einer zierlichen Tasse und schaut ihn aus ihren blauen Augen an. »Die Bombennächte habe ich nur von Weitem erlebt. Nachts habe ich mich mit meinen Schwestern nach draußen geschlichen. Wir waren fasziniert von dem Grollen und dem Wetterleuchten und dachten zuerst tatsächlich, es seien Gewitter.« Ihr Gesicht verfinstert sich. »Als wir wussten, was es war, konnte ich kaum noch schlafen.«
»Hast du Verwandte in London gehabt?«
Kate setzt die Tasse ab, nimmt Roberts Hand, Tränen glitzern in ihren Augen. »Elisabeth. Meine Lieblingstante. Sie haben nicht mehr viel von ihr gefunden. Eine V2.«
Robert zieht Kate auf seinen Schoss, nimmt sie in die Arme, streicht ihr über den Kopf. Sie weint leise. Robert beneidet sie darum. Er hat das Weinen verlernt. Zu viele hat er sterben sehen. Alte Freunde und neue. Und vieles hat er einfach vergessen, sein Gedächtnis hat Dinge gelöscht, die nicht zu ertragen, nicht zu verarbeiten sind. Eine Gnade, die nicht jedem zuteilwird. Aber nicht alles kann er vergessen, nicht alles will er vergessen. Er denkt an seinen Bruder, der irgendwo in Feindesland verscharrt ist. Er stellt sich das kalte Grab vor, schaudert, obwohl er weiß, dass Ted nichts mehr fühlen kann.
Kate atmet tief ein, legt ihre Hände auf Roberts Brust. »Es ist vorbei. Wir haben Glück gehabt. Meine Eltern haben überlebt und alle meine Schwestern.«
»Wie viele hast du?«
»Sechs. Ich bin die älteste.« Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. »Und du? Hast du Geschwister?«
Robert lächelt schwach. Das wäre ein guter Moment, um zu weinen, aber die Trauer ist unter einem Berg von Zorn begraben. »Einen Bruder. Er ist in der Ukraine verschollen.«
Kate bedeckt sein Gesicht mit Küssen. »Das tut mir unendlich leid«, sagt sie immer wieder. »So unendlich.« Sie beginnt erneut zu weinen, wedelt mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum, auf dem sich rote Flecken gebildet haben. »Entschuldige, dass ich einfach losflenne, aber ich kann nicht anders. Das ist so unendlich traurig.«
»Schon gut«, sagt Robert. »Du musst dich nicht entschuldigen. Es tut gut, wenn du weinst, ich kann es nicht.«
Eine Weile sitzen sie noch in Kates Küche, Robert könnte sich vorstellen, öfters hier zu frühstücken und Kate im Arm zu halten. Er hätte nicht gedacht, dass sich seine Gefühle so schnell ändern. Gestern noch wollte er nichts weiter mit einer Frau zu tun haben, was über eine gemeinsame Nacht hinausgeht, jetzt möchte er hierbleiben, bei Kate.
»Ich muss gehen«, flüstert er ihr ins Ohr. »Möchtest du mich wiedersehen?«
Sie wirft den Kopf nach hinten, lacht kurz. »Ja, gerne. Wo? Wann?«
Sie scheint überrascht, hat wohl damit gerechnet, dass sich Robert auf leisen Sohlen verabschiedet. Also ist sie vielleicht auch ein bisschen verliebt. »Am Sonntag. Wir gehen essen, danach ins Kino. Ich lade dich ein.«
Kate wird plötzlich ernst. »Bist du dir sicher?«
Robert versteht nicht, was sie meint. »Natürlich.« Er überlegt, ob sie vielleicht kein Kino mag. »Wir können auch in die Oper …«
Sie erstickt seine Worte mit ihren Lippen. »Kino ist wunderbar«, sagt sie durch die Zähne hindurch
»Ich hole dich ab. Um sechs am Abend?«
Sie müssen lachen. Wenn sie reden, die Lippen so aufeinandergedrückt, kribbelt es im ganzen Körper. Es ist wie Kitzeln von innen.
Kate strahlt über das ganze Gesicht. Zum Abschied küssen sie sich leidenschaftlich. Fast wird Robert schwach, der Duft der Nacht in ihren Haaren wirkt wie Opium. Aber er muss los, es ist schon spät, nach neun Uhr. Widerwillig macht er sich frei, noch ein Blick in ihre Augen, dann verlässt er ihre Wohnung und tritt auf die Straße. Vom Fenster aus winkt sie ihm zu, er winkt zurück, wendet sich ab, schneller, als er möchte.
Er schaut sich um und entdeckt einen Friseursalon. Fromm, gegenüber seiner Wohnung, wird auf ihn verzichten müssen. Er hat Zeit genug, und er wird nicht warten müssen. Außer ihm braucht anscheinend niemand einen Haarschnitt, aber er weiß, dass das nicht der einzige Grund ist. Viele können sich keinen leisten. Der Laden ist leer, bis auf einen schlanken jungen Mann, der auf einem der Friseurstühle sitzt und wehmütig dreinschaut, während er in einer Illustrierten blättert. Roberts Ansicht nach hat er zu viel Pomade in seinem Haar verteilt. Das scheint die neueste Mode zu sein, der letzte Chic vielleicht aus Italien. Robert öffnet die Tür, eine Klingel läutet, der junge Mann springt auf, jegliche Wehmut ist verflogen, er lächelt warm.
»Darf ich Ihren Mantel nehmen?«
»Sehr gerne«, antwortet Robert und reicht ihm den Mantel, unter dem Roberts Uniform sichtbar wird. Der junge Mann lässt sich nichts anmerken und hängt das Kleidungsstück sorgsam auf einen Bügel, streicht es glatt. Er zeigt auf den Friseurstuhl, auf dem er gerade gesessen hat.
»Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?«
»Waschen und schneiden bitte. Kurz. Die Ohren frei, den Nacken frei.«
»Sehr wohl, der Herr.«
Robert nimmt Platz. »Da habe ich ja Glück, dass ich so schnell drankomme, Herr …«
»Nennen Sie mich Holger.«
»Gerne, Holger.«
Holger wartet einen Moment mit der Antwort, wahrscheinlich rechnet er damit, dass Robert ihm ebenfalls seinen Namen nennt. Er legt Robert den Friseurumhang an, damit die abgeschnittenen Haare nicht an seiner Uniform hängen bleiben.
»Die meiste Kundschaft kommt am Nachmittag, nach der Arbeit. Und natürlich am Samstag. Da kommen wir gar nicht hinterher. Dann ist auch mein Chef da und noch zwei Gesellen.«
Vorsichtig drückt Holger Roberts Kopf nach hinten auf die Waschschale. Er öffnet den Hahn, prüft mit der Hand, ob das Wasser die richtige Temperatur hat. Roberts Puls schlägt höher. Er bietet Holger seine Kehle, liefert sich ihm aus, ein unangenehmes Gefühl. Nur indem er sich sagt, dass ihm hier nichts passieren werde, gelingt es ihm, nicht die Muskeln anzuspannen, um den Kopf zu heben und seine Kehle wieder zu schützen. Hoffentlich dauert das Waschen nicht zu lange, er würde es gerne genießen, aber seine Instinkte lassen es nicht zu. Gut, dass er sich bei Kate hat fallen lassen und die Kontrolle hat abgeben können. Er kennt viele, die durch den Krieg impotent geworden sind. Ihm ist dieses Schicksal erspart geblieben. Dafür ereilte ihn ein anderes.
Robert versetzt sich in Gedanken nach Kentucky. Ted und er stehen vor ihrem Vater, sein Gesicht ist eine wutverzerrte Maske. Ted ist gerade zwölf geworden. Robert ist vierzehn, wird bald fünfzehn und versucht, sich gegen seinen Vater aufzulehnen. Er hat in der Stadt ein Heft gekauft, in dem leicht bekleidete Frauen abgebildet sind. Sie sind nicht einmal nackt. Mit Ted hat er sich die Bilder angeschaut, sie haben sich vorgestellt, wie es wohl ist, diese Frauen anzufassen. Vater hat sie erwischt, das Heft in Tausend Schnipsel zerrissen. Seit Minuten schimpft er, zitiert die Bibel, wirft ihnen vor, der Teufel sei in sie gefahren. Ihre Mutter kommt dazu, boxt Vater auf die Brust, hält ihm den Zeigefinger hin und sagt: »Wer ohne Fehl ist …«
Daraufhin schweigt ihr Vater und geht weg. Ihre Mutter senkt den Kopf, hebt ihn wieder, schaut den beiden abwechselnd in die Augen, ihr Blick ist weich, voller Liebe. »Ihr macht so was nie wieder, versprochen?«
Ted und Robert schwören es. An diesen Schwur hält sich Robert. Bei allem anderen, was verboten ist und er trotzdem tun will, wird er ab sofort darauf achten, nicht erwischt zu werden. Es ist ihm gelungen, und als er siebzehn ist, hat er kein Bedürfnis mehr, sich aufzulehnen.
Seine Haare sind gewaschen, Holger drückt vorsichtig Roberts Kopf wieder hoch. Üblicherweise reden Friseure beim Schneiden ununterbrochen, doch Holger ist schweigsam. Robert ist es recht. Im Spiegel beobachtet er den jungen Mann, der konzentriert arbeitet. Büschel für Büschel raschelt über den Umhang, fällt auf den Boden, es lohnt sich, Robert war seit einem halben Jahr nicht mehr beim Friseur. Kate könnte enttäuscht sein, denn sie hat sich in der vergangenen Nacht an seinen Haaren festgekrallt, sie zerwühlt in Leidenschaft, ein süßer Schmerz.
Holger bringt die letzten Schnitte an, massiert ein wenig Haarwachs ein, ganz dezent, fährt mit den Händen durch Roberts neue Frisur, kämmt sie glatt, schaut ihn im Spiegel an, lächelt selbstsicher.
»Gefällt es Ihnen?«
Er hält einen zweiten Spiegel so, dass Robert seinen Nacken sehen kann.
»Perfekt, Holger. Gute Arbeit.« Robert ist sehr zufrieden. Die Haare haben genau die richtige Länge, er hat seine Kopfform berücksichtigt und die Wirbel gebändigt, die an seinem Hinterkopf regelmäßig für Unordnung sorgen.
Er bezahlt, gibt ein üppiges Trinkgeld, Holger bedankt sich, wünscht einen Guten Tag.
Robert geht zur nächsten Wache, zeigt seinen Dienstausweis und lässt sich ein Taxi rufen. Sein Kopf fühlt sich tatsächlich leichter an, obwohl die Haare nur wenige Gramm wiegen.
Es dauert eine halbe Stunde, bis der schwarze Benz mit der weißen Linie Robert abholt. Zeit, über Kate nachzudenken oder besser nachzufühlen. Mit Bedauern und Erleichterung stellt er fest, dass die Euphorie der Nacht langsam verfliegt. Zurück bleibt Wärme und das Gefühl, mit Kate reich beschenkt worden zu sein. Würde er sie heiraten, wenn sie nun schwanger wäre? Selbstverständlich. Die Frage ist: Würde sie ihn heiraten wollen? Was bedeutete Kate ihr Zusammensein? Er wird es herausfinden, wenn es an der Zeit ist.
Das Taxi trifft ein. Robert wendet sich seiner Aufgabe zu, sagt dem Fahrer die Adresse, der daraufhin die Nase rümpft. Es geht zu den Notunterkünften am Frauenholz. Keine gute Gegend. Kyrill Dragusch ist dort gemeldet. Nach einer Dreiviertelstunde sind sie da, der Fahrer lässt Robert an einem Holzgatter aussteigen, das den Eingang zum Lager bildet. Robert gibt ihm Trinkgeld. Er bedankt sich und fährt in Richtung Innenstadt davon.
Um das Lager wurde ein Holzzaun errichtet, knapp zweieinhalb Meter hoch. Nichts, was jemanden daran hindern könnte hinaus- oder hineinzukommen, ohne kontrolliert zu werden. Man will nicht an ein KZ erinnern, aber dennoch die Bewohner klar von der übrigen Bevölkerung trennen. Hier leben Flüchtlinge und Asylbewerber, die nicht deutscher Abstammung sind und darauf warten, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten oder abgeschoben zu werden. Für viele ein Todesurteil.
Robert drückt sich an der Schlange vorbei, die im Eingang eines neu gebauten einstöckigen Hauses verschwindet. Die Verwaltung ist dort untergebracht. Einige murren, aber die meisten erkennen an seiner Uniform, dass Robert sich nicht vordrängt. Er sieht die drei Schalter, hinter denen jeweils ein Mann und eine Frau sitzen und versuchen zu verstehen, was die Leute ihnen sagen wollen. Es gibt zu wenige Dolmetscher. Am Ende des Schalterraumes liest Robert von einem Namensschild ab, dass hinter dieser Tür der Lagerleiter Klaus Soltau zu finden sei. Er klopft an.
Eine ärgerliche Stimme ruft: »Kann man denn hier nicht einmal in Ruhe zu Mittag essen?«
Robert zückt seinen Ausweis, drückt die Klinke und tritt ein. Hinter einem armseligen Holzschreibtisch sitzt ein fetter Mann, der mindestens fünfzig Jahre alt ist. Vor ihm steht ein Teller mit Klößen und Gulasch. Klaus Soltau verzieht ärgerlich das Gesicht, zeigt mit der Gabel auf Robert, als wolle er ihn zum Duell fordern. Robert hält ihm den Ausweis wie einen Schild entgegen und fragt sich, ob Soltau Nazi war. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch.
Soltau erhebt sich erstaunlich behände für seine Körperfülle, reicht Robert die Hand. »Willkommen, Major.«
Robert drückt die Hand. Sie ist trocken.
»Was kann ich für Sie tun?« Er setzt sich, zeigt auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch steht.
Robert schüttelt den Kopf. »Danke, aber ich habe es eilig. Ich muss mit Kyrill Dragusch sprechen. Er soll hier untergebracht sein.«
Soltau wirft einen Blick auf das Gulasch und seufzt.
»Sie können es ja später wieder aufwärmen«, schlägt Robert vor. »Ich habe mir sagen lassen, dass es dann noch besser schmeckt.«
Soltau lächelt. »Danke, Major, ich werde Ihren Rat beherzigen.«
Soltau geht zum Wandtelefon. Es ist ein Feldtelefon, das mit einer Kurbel betrieben wird und nicht mit dem übrigen Netz verbunden ist. Man kann nur innerhalb des Lagers jemanden erreichen.
Soltau kurbelt, wartet einen Moment, sein Gesicht legt sich in Falten, dann glättet es sich wieder. »Ja, Rudi, Klaus hier. Ich brauche einen Insassen namens Kyrill Dragusch in meinem Büro. Sofort.«
Dragusch müsste schnell gefunden sein. Die Flüchtlinge sind in Listen erfasst und Baracken zugeordnet, dürfen das Lager nicht verlassen. Werden sie dabei erwischt, fliegen sie raus aus Deutschland, nicht nur aus der amerikanischen Zone.
Soltau setzt sich wieder, schaut das Gulasch an, dann Robert.
Der nickt, Soltau schmatzt einmal, dann lässt er sich nieder und füllt sich den Bauch. Robert ist es recht, er hat keinen Grund und keinen Bedarf, mit Soltau Konversation zu betreiben. Gerade als er den letzten halben Kloß vertilgt, klopft es. Ohne auf Antwort zu warten, öffnet jemand die Tür. An Soltaus Reaktion erkennt Robert, dass es sich um Rudi handeln muss. Hinter Rudi betritt ein hagerer Mann den Raum, eingehüllt in einen abgetragenen Anzug, der ihm zwei Nummern zu groß ist. An den Füßen trägt er Arbeitsschuhe aus derbem Leder, die Schnürsenkel sind mehrfach geknotet, an Stellen, die sich durchgescheuert haben. Er ist gründlich rasiert, riecht gewaschen.
Robert zeigt auf ihn, spricht ihn an. »Kyrill Dragusch?«
Der Mann nickt.
»Vielen Dank, Herr Soltau. Aber ich muss mit Herrn Dragusch allein sprechen.« Robert lässt Dragusch nicht aus den Augen.
Soltau wuchtet seinen Leib aus dem Stuhl und verlässt ohne ein weiteres Wort mit Rudi das Büro. Robert zeigt auf Dragusch und den verwaisten Stuhl. Der Mann zögert.
»Setzen Sie sich, Herr Dragusch«, sagt Robert auf Russisch. Er mag die Russen nicht, sie sind ihm zu triebhaft und zu unterwürfig, aber er mag ihre Sprache. Dragusch ist Ukrainer. Deren Temperament ist noch überschwänglicher. »Na los, nehmen Sie schon Platz. Soltau wird es nicht erfahren, dass Sie auf seinem Thron saßen.«
Dragusch zögert einige Sekunden, dann setzt er sich so vorsichtig, als lauere unter dem Stuhl eine Mine, die durch sein Gewicht ausgelöst würde.
Robert bleibt stehen. So muss Dragusch zu ihm aufblicken. »Sie sind Kyrill Dragusch, ehemaliger Soldat der Wehrmacht?«
Dragusch nickt vorsichtig.
»Sie waren dem Bataillon Ostmark zugeteilt?«
In Draguschs Augen flackert es. Erinnerungen stürzen auf ihn ein, und Angst breitet sich in seinem Körper aus, das kann Robert deutlich sehen. Dragusch hustet, schweigt.
»Ich weiß, dass Sie in Lemberg waren. Aber Soltau weiß das anscheinend nicht. Er könnte die falschen Schlüsse ziehen und Sie ausweisen, weil er Sie für einen Nazi-Verbrecher hält, der mit gefälschten Papieren ins Land gekommen ist, und nicht für einen politisch Verfolgten.«
Dragusch spannt seine Muskeln an. Robert muss aufpassen, dass er den Mann nicht zu sehr in die Enge treibt. Er könnte auf die Idee kommen, dass nur noch Flucht ihm helfe, um dem Gefängnis oder der Ausweisung zu entkommen, die für ihn den Tod bedeuten würde. Er wird von den russischen Behörden gesucht. Angeblich wegen Mordes, aber dafür liegen keine Beweise vor. Es gibt aber eine beeidigte und beglaubigte Zeugenaussage, dass Dragusch sich geweigert haben soll, an Verbrechen in Lemberg teilzunehmen, und noch weitere Papiere, die ihn wie einen Engel aussehen lassen. »Wenn Sie mit mir zusammenarbeiten, haben Sie nichts zu befürchten. Wenn Sie mich anlügen, sind Sie erledigt.«
Dragusch beißt auf seiner Lippe herum. Er denkt nach, wägt die Risiken ab, versucht Robert einzuschätzen, versucht zu ergründen, vor wem er mehr Angst haben muss: vor Robert und dem CIC oder seinen ehemaligen Vorgesetzten. Dragusch senkt den Kopf, reibt sich die Schläfen. »Was wollen Sie wissen?«
Sein Russisch hat einen leichten Akzent, den Robert aus dem Süden des Landes kennt, aus Odessa, das am Schwarzen Meer liegt.
»Ich kann mir vorstellen, dass Sie das lieber vergessen möchten.«
Dragusch entspannt sich, beginnt stockend. »Ich habe nur für mein Land gekämpft. Für die Ukraine. Ich habe nichts gegen Juden.«
»Dann wären Sie ja glatt eine Ausnahme.«
Dragusch schluckt.
»Hören Sie. Wir müssen eine Absprache treffen. Sie versprechen mir, die Wahrheit zu sagen, und ich verspreche Ihnen, dass Sie straffrei ausgehen werden, dass niemand etwas von dem Teil Ihrer Vergangenheit erfährt, den ich kenne. Ich weiß, dass Sie die Juden hassen. Es gibt Geheimakten, aus denen sich das ergibt. Ich weiß, dass Sie im Verdacht stehen, am Massaker in Lemberg beteiligt gewesen zu sein, weil Sie mit dem Bataillon Ostmark unter Sigfried Heiderer als Erste eingerückt sind, nachdem die Russen geflohen waren und die Stadt geräumt hatten. Der Auftrag war klar: ethnische Säuberung. Die Juden sowieso, und dann noch jeder, der im Verdacht stand, mit den russischen Besatzern kollaboriert zu haben, vorzugsweise Polen. Dann schützt Sie auch Ihr Zeuge nicht mehr, der Sie anscheinend für einen Heiligen hält.«
Wie immer gehen Robert diese Lügen leicht über die Lippen. Menschen einzuschüchtern, ihnen Angst einzujagen, ohne sie physisch zu verletzen, ist die hohe Kunst des Verhörs. Er weiß einiges über Dragusch, aber längst nicht alles, was er gerade behauptet hat.
»Ich habe die Juden gehasst, sie hatten alles, wir nichts«, spuckt er aus. Dann senkt er die Stimme. »Aber das ist vorbei. Ich habe es eingesehen. Es war falsch. Und ich habe nicht mitgemacht.«
Dragusch wird sich nicht ans Messer liefern, er traut Robert nicht. Verständlich. Warum sollte er? »Was war falsch?«
»Was meine Kameraden gemacht haben. Juden und Polen metzeln. Aber ich und eine Gruppe von knapp vierzig Mann sind nicht ausgerückt zu den Erschießungen der Juden. Das müsste doch auch in den Akten stehen, dass es welche von uns gab, die nicht mitgemacht haben. Wir wussten, dass wir uns weigern durften. Niemand hat uns Vorwürfe gemacht, weil die SS das doch mit Vergnügen gemacht hat, wenn wir nicht wollten. Das waren echt harte Hunde, die von der SS.« Dragusch schlägt das Kreuz. »Heilige Mutter Gottes, steh mir bei«, murmelt er. »Wissen Sie, die haben auch Kinder und Schwangere umgebracht. Wir wussten das. Ich hätte das nicht machen können.«
In der Tat hat es einen schriftlichen Befehl an alle Kommandanten gegeben, dass sich Wehrmachtsangehörige, die sich an Pogromen beteiligen, unsoldatisch verhalten und die Täter vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollen. Doch passiert ist das nicht. Der Befehl diente nur dazu, die zu schützen, die sich dem Gemetzel verweigerten. »Wer hat den Befehl zu den Erschießungen der Juden gegeben?«
Dragusch hebt erstaunt die Augenbrauen. »Ich weiß es nicht. Angeblich hat niemand einen Befehl gegeben.«
»Kein Soldat rennt einfach los und erschießt Leute. Das sollten Sie wissen.«
»Die haben gesagt, die Juden hätten Kinder mit dem Messer abgeschlachtet und den Frauen die Gebärmutter herausgeschnitten. Wir haben das nicht geglaubt und wurden abkommandiert, die Ostseite der Zitadelle zu sichern. Aber da gab es nichts zu sichern. Die Bolschewiken waren ja kampflos abgehauen.« Dragusch holt tief Luft. »Das waren gute Tage. Genug zu essen und zu saufen, und Huren gab es auch.«
»Haben Sie von dem Erschießungskommando gehört, das Spione hinrichten sollte, die versucht haben, Juden aus der Stadt zu schmuggeln?«
Dragusch steckt einen seiner Finger in den Mund und fängt an, auf dem Nagel herumzukauen.
»Also haben Sie davon gehört.« Dragusch antwortet nicht, Robert kommt ein Verdacht. »Waren Sie dabei?«
Dragusch schreckt hoch. »Nein, um Gottes willen.«
»Erzählen Sie mir, was vorgefallen ist. Wer war dabei? Dragusch, los Mann, raus damit.«
»Die sind alle tot«, flüstert Dragusch. »Vom Bataillon Ostmark hat so gut wie niemand überlebt.« Dragusch wippt mit dem Oberkörper vor und zurück, sein Blick ist starr, Schweiß bildet sich an seinem Haaransatz. Er ist bereit zu reden.
Robert zieht eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, hält ihm das Päckchen hin. Er starrt darauf, als hätte er eine Erscheinung. »Nehmen Sie«, sagt Robert.
Mit spitzen Fingern greift Dragusch eine Chesterfield und zupft sie heraus. Robert steckt sich eine in den Mundwinkel und gibt sich und Dragusch Feuer. Sie inhalieren tief. Robert raucht normalerweise nicht tagsüber. Doch jetzt ist es ein Zeichen der Gemeinsamkeit, der Zuwendung, des Respekts, mit Dragusch zu rauchen.
Dragusch seufzt. »Die sind verdammt gut.«
Robert wirft ihm die Schachtel zu. Ohne hinzuschauen, fängt er sie aus der Luft und lässt sie in seinem Mantel verschwinden. Draguschs Reflexe sind gut. Robert würde niemals jemanden unterschätzen, der das Inferno des Krieges fünf Jahre lang überlebt und danach einige Zeit im Untergrund und im Auffanglager überstanden hat, mit der ständigen Angst im Nacken, abgeschoben zu werden. »Mein Angebot steht«, sagt Robert. »Aber nicht mehr lang.«
Dragusch zieht mehrfach schnell hintereinander an der Zigarette. »Ein Unteroffizier hat mich und zehn andere mit einem Laster hoch in den Kaiserwald gefahren. Da gibt es ein flaches Stück ohne Bäume mit Wiese. Da können Flugzeuge landen.« Dragusch schüttelt den Kopf. »Es ist verrückt, total verrückt.«
»Was ist in dem Wald passiert, Dragusch?« Roberts Anspannung wird fast unerträglich.
»Wir haben die armen Schweine abgeknallt.«
Robert verliert bald die Geduld, er spürt es, aber er muss sich zusammenreißen. Gewalt würde nicht helfen. Dragusch würde für immer verstummen. »Welche armen Schweine?«
»Ein paar Bauern, bei denen sie Waffen gefunden haben. Na ja, und die wurden an derselben Stelle erschossen, an der die Amis erledigt wurden. Angeblich während eines Gefechts, aber die waren unbewaffnet, das hat schnell die Runde gemacht. Hatten sich ergeben. Eigentlich hätten sie als Kriegsgefangene gelten müssen, obwohl die Amis noch gar nicht im Krieg waren. Die kamen erst später. Hat keine Sau interessiert. Ich hätte da nicht mitgemacht.«
Aber Bauern erschießen, die irgendeine alte Schrotflinte für die Fasanenjagd im Keller hatten. Robert hat den Wahnsinn des Krieges zur Genüge erlebt. Dragusch ist nur ein winziges Teil des kollektiven Irrsinns, der Menschen zu wertlosem Fleisch degradiert.
»Wer war der Unteroffizier, der Sie in den Wald gebracht hat?«
»Wir haben ihn nur den Verrückten genannt. Müsste doch alles in den Akten stehen. Die Deutschen hatten Berge von Akten, Lkw-Ladungen.«
»Davon ist nicht mehr viel übrig. Verbrannt. Kommt Ihnen vielleicht auch gelegen, Dragusch, oder?«
Der altgediente Kämpfer lässt sich nicht verunsichern. Er wirft Robert einen fetten Brocken hin.
»Der Unteroffizier hieß Paul Sauer. Er war Heiderer direkt unterstellt. War für die Exekutionen verantwortlich. Ein fleißiger Kerl. Aber er hat nur Befehle befolgt. Er war nicht grausam. Er hat uns befohlen, schnell und präzise zu schießen, damit niemand leiden muss. Das haben wir dann auch gemacht. War nicht immer so. Ein paar Offiziere liebten es, mit ihren persönlichen Revolvern den Fangschuss zu setzen, ins Genick. Sie haben die Angst ihrer Opfer genossen. So bin ich nicht, das müssen Sie mir glauben.«
Robert muss Dragusch gar nichts glauben. Trotzdem geht sein Atem schneller, seine Hände werden feucht. Paul Sauer. Ein Name, der ihm nicht fremd ist, den er schon einmal gelesen hat.
»Hat Sauer auch die Exekution der Amerikaner ausgeführt?« Robert bemüht sich um einen neutralen Ton, doch dieser misslingt ihm. Dragusch muss erkennen, dass in seinem Inneren ein Sturm tobt.
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