Kitabı oku: «Kapitalismus und politische Moral in der Zwischenkriegszeit oder: Wer war Julius Barmat?»

Yazı tipi:

Martin H. Geyer

Kapitalismus und
politische Moral in der
Zwischenkriegszeit

Oder: Wer war

Julius Barmat?


Für Dona

Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH

Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Mittelweg 36

20148 Hamburg

www.hamburger-edition.de

© der E-Book-Ausgabe 2018 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-936-2

© 2018 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-319-3

Umschlaggestaltung: Wilfried Gandras, unter Verwendung von

Ausschnitten aus einer Flugschrift der KPD von 1925. Landesarchiv Berlin, A Rep. 358 01 Nr. 245 B1 1 (Titelbild)

Inhalt

Einleitung Julius Barmat – ein bekannter Unbekannter

Kapitel 1 Grenzüberschreitung: Der Ostjude, der aus dem Westen kam

Einwanderer mit wirtschaftlichen und politischen Ambitionen

Umstrittener Großlieferant von Lebensmitteln ins hungernde Deutschland

Korruptionsdebatten im Übergang vom Kaiserreich zur Republik

Kapitel 2 Grenzgänger des Kapitalismus in der Zeit von Hyperinflation und Währungsstabilisierung 1923/24

Ein charismatisches »Konzern-Genie«? Die Expansion des Barmat-Konzerns 1923/24

Ein spekulationsbereiter Partner: Die Preußische Staatsbank

Reichspostminister Höfle auf Abwegen

»Zins- und Kreditwucher«: Der Fall Jakob Michael

»Luftgeschäfte«: Der Fall des Waffenhändlers Iwan Kutisker

Zwei Interpretationen des wirtschaftlichen Grenzgängertums

Kapitel 3 Grenzen der politischen Moral: Korruption und Koalitionspolitik 1925

Empörung

Politische Systemfrage: Bürger- vs. »Barmatblock«

Die Skandalisierung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert

Kleine Geschenke und große Politik: Die »Korruption der SPD«

Kapitel 4 Das System schlägt zurück: Die Grenzen des republikanischen Rechtsstaates 1926–1929

Republikanische Empörungen und Gegenskandalisierungen

Die Disziplinierung der Staatsanwälte: Eine Kriminalgeschichte der besonderen Art

Vertrauenskrise der Justiz?

Bemühungen um politische Friedensschlüsse: Das Barmat-Urteil 1928

Kapitel 5 Grenzen der Repräsentation: Politisches Theater 1926–1930

»Unpleasant play«: Der Kaufmann von Berlin

»Politische Zeitstücke« und Kapitalismus

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Verfremdetes Berlin: Mahagonny und Panama

Kapitel 6 Grenzgänger der Vernunft: Die Aporien des politischen Aufklärungsradikalismus

»Der Michael Kohlhaas-Kampf des Bücherrevisors Lachmann«

Nationale Mobilisierungsstrategien des alldeutschen Verlegers Julius F. Lehmann

Gottfried Zarnow: Ein deutscher Émile Zola?

Das bittere Ende des Aufklärungsradikalismus

Kapitel 7 Schließungen: Krise des Kapitalismus, Maßnahmenstaat und Ausgrenzungen 1930–1939

Völkische Dialektik: »Enteignet die Fürsten. Barmat braucht Geld!«

Weltwirtschaftskrise: Misere des Kapitalismus und des Staates

Kampf gegen »Korruption« und »Volksschädlinge«

Radikalisierung des Maßnahmenstaates: Vermögenskonfiskation und Ausbürgerung

Kapitel 8 Ein grenzenloser Betrüger? Eine transnationale Geschichte 1929–1934

Börsengeschäft mit großen Folgen: Die Schweizer »Affaire Appenzell«

Der Betrug an der Belgischen Nationalbank

Französische Verschwörungsfantasien: »Les deux heimatlos« Serge Alexandre Stavisky und Julius Barmat

Die belgisch-holländische Ausweisungsdebatte

Die Grenzen der sozial-moralischen Ordnung. Ein flämischer Barmat-Roman

Kapitel 9 Der Aufstieg der Rexisten und die belgische »Affaire Barmat« 1934–1938

Léon Degrelles Kampf gegen den »Hyperkapitalismus« und das System politico-financier

Die Anatomie eines Skandals

Ein kurzer Prozess

Kapitel 10 Radikalisierung und Grenzüberschreitungen 1933–1945

Ausmerzung des »Barmat-Geistes«

Jud Süß und Der ewige Jude

Gewalt und Vernichtung

Nachbetrachtungen Über das Verschwinden von Julius Barmat

Anmerkungen

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Archive

Zeitungen

Literaturverzeichnis

Personen- und Sachregister

Dank

Zum Autor

Einleitung
Julius Barmat – ein bekannter Unbekannter

Wer war Julius Barmat? Diese Frage stellte sich nicht nur das Berliner Publikum, als am Silvestertag des Jahres 1924 erste Pressemeldungen über die Verhaftung des Unternehmers erschienen und in den folgenden Tagen dann auch noch die jüngeren Brüder Herschel (Henry) und Salomon Barmat sowie Manager des Barmat-Konzerns und Beamte der Preußischen Staatsbank festgenommen wurden. Ort des polizeilichen Großeinsatzes war nicht etwa ein anrüchiger Stadtteil Berlins, sondern die im Westen der Hauptstadt idyllisch gelegene Havelhalbinsel Schwanenwerder mit ihrer Villenkolonie. Neben der Villa, in der Julius Barmat zusammen mit seiner Frau Rosa und seinem minderjährigen Sohn Louis Izaak lebte, durchsuchte die Polizei die Zentrale und verschiedene Betriebe des Barmat-Konzerns sowie die Berliner Wohnungen seiner Brüder. Die Wasserschutzpolizei und die Grenzpolizei waren ebenfalls alarmiert worden, denn es bestand der Verdacht, dass die staatenlosen Barmats, die man als ukrainische Russen mit Wohnsitz in Amsterdam, Berlin und Wien identifizierte, sich durch eine Flucht ins Ausland der Verhaftung entziehen könnten.1

In der Presse zirkulierte bald der Vorwurf des Betrugs und der Bestechung, ja der Korruption im großen Stil, in die nicht nur Banker und andere Unternehmer, sondern auch Politiker verwickelt sein sollten. Letzteres hatte die erstaunlich gut informierte radikale Opposition, namentlich die kommunistische Rote Fahne und Zeitungen wie der völkisch-konservative Fridericus, schon seit Längerem kolportiert. Verkehrten nicht der Berliner Polizeipräsident Wilhelm Richter und viele einflussreiche Sozialdemokraten in den »Gemächern« des Unternehmers? Stand etwa »Ebert junior« als Privatsekretär in den Diensten Julius Barmats, oder war gar der Reichspräsident Friedrich Ebert selbst in die ganze Affäre verwickelt? Darüber hinaus gerieten die am Gendarmenmarkt gelegene Preußische Staatsbank sowie die Reichspost in den Verdacht, der »Groß-Schieberfirma Barmat« unbesehen hohe Kredite in Millionenhöhe zu »Wucher und Spekulationszwecken« gegeben zu haben.2 Neben Korruption und aktiver sowie passiver Bestechung war von einem Kreditbetrug großen Ausmaßes die Rede. Und nicht zuletzt: In all die umstrittenen Geschäfte sollten ganz maßgeblich sogenannte Ostjuden involviert sein.3

Die Verhaftung der Barmats war das Resultat einer merkwürdigen, fast schon abenteuerlich zu nennenden Verkettung von Ereignissen, an denen diverse Akteure beteiligt waren. Auf die Barmats stieß die Staatsanwaltschaft erst über den Umweg anderer Ermittlungen, die auch in die Amtsstuben der Berliner Fremdenpolizei führten. Deren Leiter hatte den aus Litauen stammenden Geschäftsmann Iwan Kutisker, der auf die Verwertung von Militärbeständen aus dem Ersten Weltkrieg spezialisiert war, erpresst. Hierfür hatte der Beamte Informationen genutzt, die ihm wiederum Michael Holzmann, ein zweifelhafter russischer Unternehmer, zugespielt hatte. Dieser war Kutiskers früherer Geschäftspartner, stand bei ihm mit hohen Summen in der Kreide und versuchte ihn ebenfalls zu erpressen. Kutisker zeigte Holzmann jedoch an, worauf dieser seine Haut retten wollte, indem er seinerseits schwere Vorwürfe vorbrachte: Der litauische Unternehmer und Jude Kutisker habe die Preußische Staatsbank systematisch um Millionen betrogen. Nachforschungen bestätigten, dass in der Tat höchst dubiose Geschäfte getätigt worden waren. Das führte noch vor der Verhaftung der Barmats zur Festnahme Iwan Kutiskers sowie seiner beiden Söhne und mehrerer Komplizen. Nicht zu Unrecht witterte die Presse einen Skandal rund um die Staatsbank. »Wie muß es da stinken?«, mutmaßte Die Rote Fahne.4

Die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen waren jedoch weder in der Sache Kutisker noch in der Barmats durch eine Anzeige der Preußischen Staatsbank ins Rollen gekommen. Im Gegenteil: Die Leitung der Bank spielte von Anfang an eine passive Rolle, womit sie Verdächtigungen und Mutmaßungen befeuerte, die konservativen Beamten des altehrwürdigen Instituts seien in die Sache verstrickt. Zentrale Akteure bei der Aufklärung waren die Berliner Presse sowie die Wirtschaftsabteilung der Berliner Staatsanwaltschaft, die sich mit Rückendeckung des preußischen Justizministeriums in Form eines »Sonderauftrags« der Sache annahm, wohl wissend, dass es sich um eine politisch brisante Angelegenheit handelte.5 Empörte und dementsprechend auskunftsfreudige Bankbeamte aus dem mittleren Dienst äußerten den alarmierenden Verdacht, dass es sich bei dem »Betrug« Kutiskers nur um die Spitze des Eisbergs handle: Millionenkredite seien unwiederbringlich verloren, die Bank sei unter Umständen sogar »pleite«, mit unübersehbaren Folgen für die Finanzen des Freistaats Preußen. Und nicht nur das: Der Staatsanwaltschaft wurde schnell klar, dass »auch noch andere Ostjuden die Preußische Staatsbank in unerhörter Weise betrügerisch geschädigt hatten«.6 Aus diesem Grund dehnte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf Julius Barmat und seinen Konzern sowie auf weitere, ähnlich gelagerte Fälle aus, wie den des erfolgreichen Frankfurter Finanziers und Unternehmers Jakob Michael.

Skandal und Skandalisierung

Die Verhaftungen elektrisierten die politische Öffentlichkeit, die nun über Tage und Wochen mit Zeitungsartikeln und Balkenüberschriften auf der ersten Seite in Atem gehalten wurde.7 Bald spießten auch satirische Blätter wie der Simplicissimus und der Kladderadatsch das Thema auf. Über Nacht rückten die Namen Barmat, Kutisker und Michael ins Rampenlicht. Die Staatsanwaltschaft hatte, so der verbreitete Eindruck, die Büchse der Pandora geöffnet und gab Spekulationen und Verschwörungstheorien reichlich Nahrung. Ihre Verlautbarungen legten nahe, einem der größten Betrugsfälle der Zeit auf der Spur zu sein. Den Verhaftungen und ersten Pressemeldungen folgte eine Kaskade weiterer Ereignisse, wozu die Inhaftnahme des Reichspostministers Anton Höfle (Zentrum) zählte. Der aufbrausende mediale Sturm mit forschen Anschuldigungen und oft hilflos wirkenden, defensiven Dementi ließ an der Jahreswende 1924/25 aus den verschiedenen Fällen einen Skandal, genauer: einen politischen Finanzskandal werden – den größten dieser Art in der Weimarer Republik, wenn nicht gar in der deutschen Geschichte überhaupt.

Schnell war die Rede von einem Skandal Kutisker-Barmat oder Barmat-Kutisker-Skandal, gelegentlich auch von einem Barmat-Kutisker-Michael-Skandal. Im Gegensatz zu neutraleren Begriffen wie »Affäre« oder »Fall« implizierten diese Bezeichnungen schon eine Interpretation der Ereignisse. Ähnliches gilt auch für die Rede von einem Finanz- oder politischen Skandal oder für die Mutmaßung, es handle sich gar um einen Skandal der Preußischen Staatsbank, deren Direktoren allem Anschein nach leichtsinnig und regelwidrig Millionenkredite vergeben hatten. Wie das linksliberale Berliner Tageblatt kommentierte, attackierte neben der Roten Fahne insbesondere die deutschnationale Presse alle ihnen »verhaßten oder unbequemen Persönlichkeiten als Sklaven des Barmat-Mammons oder als Freunde der Barmats«;8 die Rede war von einer politisch gezielt geschürten, gegen die Republik gerichteten »Barmat-Psychose«, die von Anfang an mit einer latenten antisemitischen Pogromstimmung einherging.9

Die in diesem Buch verfolgte Frage, wer Julius Barmat war, entfaltete sich in dieser Geschichte von Skandalen. Jede Annäherung beginnt mit den überbordenden zeitgenössischen Diagnosen, Erklärungen und Interpretationen der Vorgänge, die sich mit Schuldzuschreibungen, politischen und moralischen Urteilen vermischten. Dafür gab es verschiedene Bühnen. Zu nennen sind an erster Stelle die Zeitungen, Zeitschriften und Pamphlete sowie eine Flut von Bildern, später dann auch Theaterstücken, die die komplexen Ereignisse vermittelten, simplifizierten und zugleich ausdeuteten. Eine Explosion des Redens und Sprechens ist zu beobachten, und zwar in einem Gestus der Empörung.10 Die mediale Sensation wurde durch immer neue, sich weiter gegenseitig aufputschende Nachrichten und Informationen genährt, darunter viele irreführende Falschmeldungen und »enthüllende Berichte«, deren Widerlegungen selbst wieder Bestandteile des Skandals wurden. Im Laufe dieser Eskalation erweiterten sich die Grenzen des Sagbaren, indem vertrauliche interne Vorgänge und Privates öffentlich gemacht wurden, mit der Folge, dass der Ruf vieler Personen beschädigt wurde. Dabei eröffnete die Skandalisierung gerade denjenigen Chancen, die sonst auf ihre eher marginalen politischen und sozialen Teilöffentlichkeiten beschränkt waren. Das galt für die Kommunisten ebenso wie für die völkische und deutschnationale Rechte, die zumindest im liberal und sozialdemokratisch gesinnten Berlin nicht das öffentliche Meinungsbild prägten.11

Von Anfang an war auch die Justiz eine wichtige Bühne des Skandals. Die Medienkommunikation der Berliner Staatsanwaltschaft war in jeder Hinsicht ungewöhnlich und schon bald ein Thema für sich. Ihre Vertreter, an vorderster Stelle zwei forsche junge Staatsanwälte, berichteten regelmäßig im großen Justizsaal in sensationsheischender Manier über die Fortschritte ihrer Ermittlungen. Dass sie sich wenige Monate später selbst wegen ihres Verhaltens rechtfertigen mussten und im Mittelpunkt von Disziplinarverfahren standen, war Teil des Skandals, der überraschende Wendungen aufwies.

Neben den Medien und Staatsanwälten traten noch weitere Akteure auf den Plan. Gleich in den ersten Januarwochen setzten der Reichstag sowie die Landtage Preußens und Sachsens die Fälle auf ihre Tagesordnung und richteten parlamentarische Untersuchungsausschüsse ein, die sich mit den Angelegenheiten zu befassen hatten. Das war in dieser geballten Form neu und rechtlich umstritten, zumal die Ausschüsse mit ihren richterlichen Befugnissen damit vielfach in derselben Sache wie die Staatsanwaltschaft tätig wurden.12 Viele Zeugen, darunter bekannte Unternehmer, Kaufleute, Politiker und Verwaltungsbeamte, aber auch Privatpersonen, wurden gleich in mehrere Untersuchungsausschüsse zitiert und von den Justizorganen verhört. Vor allem im Preußischen Landtag spielten sich ungewöhnliche Szenen ab. Die widersprüchlichen Auskünfte der Zeugen, die scharfen Wortwechsel und dramatischen Auftritte entsprachen ganz dem Geschmack der großstädtischen Massenpresse (und wohl auch ihres Publikums). Der klägliche Tod des Reichspostministers Höfle in der Untersuchungshaft machte die Geschichte Barmats vollends zu einem sensationellen politischen Kriminalfall, der in republikanischen Kreisen für Empörung sorgte.

Die sozialwissenschaftliche und historische Forschung hat sich intensiv mit Ablaufmustern von Skandalen beschäftigt. Es ist eine Binsenweisheit, dass viele Steine ins Wasser geworfen werden, ohne dass sie große Wellen erzeugen, und nicht jede Welle produziert gleich einen politischen Skandal. Erklärungen und Plausibilisierungen von Skandalverläufen erfolgen meist ex post. Dabei zeigt sich immer wieder, dass Skandale Dramen des Theaters oder Films gleichen, wobei ihnen ein eigener Rhythmus mit Vorspielen, Hauptteilen, einem dramatischen oder manchmal auch sentimentalen Ende innewohnt.13 Sie gedeihen in bestimmten Konstellationen, ihr Verlauf ist im Grunde vorhersehbar, und doch entwickeln sie sich zuweilen ganz anders als erwartet. Gleich guten Theaterstücken weisen sie auch immer ein Moment der Überraschung und Kontingenz auf. Denn einmal in Gang gesetzt, schaffen sie immer neue Bedingungen für ihre eigene Proliferation, mit Ausgängen, die unkalkulierbar sind und außerhalb der Kontrolle der Akteure liegen.

All das gilt auch in unserem Skandal, wenngleich einige Besonderheiten auffallen. So führen die Spuren des Falles Barmat zurück in die Kriegs- und Revolutionszeit. Aus der Rückschau ist eine in dieser Umbruchphase beginnende Skandalisierung Barmats zu erkennen, die verschiedene Autoren fortschrieben, aktualisierten und 1925 auf den Höhepunkt trieben. Um im Bilde des Theaters zu bleiben: Der erste Akt des Skandals entfaltete sich zwischen 1917 und 1920, mit einer Abfolge weiterer Akte 1925/26. Dazu zählten die skandalträchtigen Aufdeckungen und Enthüllungen im Winter 1924/25, die mit dem Tod Friedrich Eberts und des Reichspostministers Anton Höfle einen Höhepunkt erreichten. Seit dem Frühjahr 1925 war eine massive Gegenskandalisierung zu beobachten, wobei Vertreter der Berliner Justiz sowie der konservativen Presse und Parteien stark in die Defensive gerieten. Diese Gegenbewegung überschnitt sich mit einer Phase der Normalisierung, nicht nur infolge des Desinteresses des Publikums und der Presse, sondern auch wegen der sich abzeichnenden politischen Kompromisse in den drei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen: Die Ausschüsse in den Landtagen legten im Spätsommer 1925 wenig spektakuläre, eher auf den politischen Konsens abzielende, deeskalierende Abschlussberichte vor, während der Reichstagsausschuss seine Untersuchungen versanden ließ. Zeitgleich kam es jedoch zu einem neuen Anlauf der Justiz, die Fälle aufzuarbeiten: Das war der vierte große Akt, der sich im Falle der Barmats sehr lange, nämlich bis März 1928 hinzog.

Die Aufarbeitung des Falles von Julius Barmat war mit Blick auf den enormen Aufwand in der deutschen Justizgeschichte bis dahin ohne Beispiel. Kein Wunder, denn es ging nicht nur um die beschuldigten Personen, sondern um nichts weniger als die Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit der Republik und der Justiz. Die Anklageschrift und das Urteil, die im Folioformat publiziert wurden, umfassten jeweils mehr als 500 eng beschriebene Seiten. Dabei sahen sich viele Zeitgenossen an das Sprichwort erinnert, dass der Berg kreißte und doch nur eine Maus gebar. Denn die Verurteilung Julius Barmats zu elf Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe wegen Bestechung – nicht aber wegen Betrugs – schien in keinem Verhältnis zu den zuvor geschürten Emotionen, dem Ermittlungsaufwand und, wie viele meinten, auch der Höhe des entstandenen Schadens zu stehen. Es wurde keine große Korruptionsaffäre sichtbar, vielmehr offenbarten sich eher banale Formen wirtschaftlichen Versagens und Unvermögens in einer Zeit extremer wirtschaftlicher Unsicherheit während der Inflation und Währungsstabilisierung, gepaart mit einer ordentlichen Portion Dreistigkeit und Dummheit – und das auf allen Ebenen, so jedenfalls der Tenor des Urteils von 1928. Die Besonderheit des Falles Barmat besteht darin, dass es sich nicht nur um einen politischen Finanzskandal handelt, sondern dass er sich in eine ganze Serie von weiteren kleineren Skandalen und politischen Eruptionen einfügt, die sich vom Ende des Ersten Weltkriegs durch die ganze Geschichte der Weimarer Republik bis Ende 1933 und noch darüber hinaus hinzog.

Der allerletzte Akt aber spielte nicht in Deutschland, sondern erstreckte sich über gleich mehrere Staaten in Westeuropa. Dabei handelte es sich um ein politisches Drama ganz eigener Art, das wiederum für eine Bewertung des deutschen Falles bedeutsam ist. Denn Julius Barmat ließ sich nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft 1929 und seiner Ausreise aus Deutschland nicht an seinem Wohnsitz in Amsterdam, sondern zunächst in Belgien nieder. Hier waren er und sein Bruder Henry nach dem Erwerb zweier Bankinstitute wieder in eine Reihe großer und kleinerer Affären in der Schweiz, Belgien, Holland und Frankreich verwickelt. Auch in Belgien drehten sich die Vorwürfe um Kreditbetrug und Bestechung. In die Geschichte involviert war die Bank des kleinen Kantons Appenzell-Innerrhoden, von der eine vertrackte Spur zur Belgischen Nationalbank führte. Und nicht nur das: Bald kursierten Gerüchte über Barmats Verbindungen auch zu dem notorischen Finanzbetrüger Alexandre Stavisky in Frankreich. Im Gegensatz zur diskreten Behandlung der »Affaire Appenzell« in der Schweiz kam es in Belgien zu einer großen »Affaire Barmat«, die 1937 kurz, aber heftig war. Ähnlich wie zuvor in Deutschland blieben angesehene Politiker und Banker auf der Strecke.

Grenzen einer biografischen Annäherung

Journalisten, Schriftsteller, Staatsanwälte, Parlamentarier und Ministeriale haben Tausende von Blättern beschrieben und sich mit dem Fall von Julius Barmat befasst. War der frühere Kaufmann ein Unternehmer, der sich wie so viele andere seiner Zunft überschätzte und verhob? Oder ein gerissener Finanzier und Spekulant, der sich – wie schon zuvor in Holland und später in Belgien – der neuen politischen Klasse der Republik angedient und diese in seine Machenschaften verstrickt hatte? War Barmat ein opportunistischer Sozialist, in dessen Haus in Amsterdam 1919 Vertreter der Sozialistischen (Zweiten) Internationale verkehrt hatten, oder gar ein verkappter »jüdischer Bolschewist«? Solche Gerüchte kursierten in der oppositionellen linken wie rechten Presse. Dass er jüdischer Konfession war, ein Ostjude, wie man damals sagte, war dabei keine Nebensächlichkeit.

Die Antwort auf die Frage, wer Julius Barmat war, scheint auf den ersten Blick einfach, bedenkt man die dichte Überlieferung von Quellen, die sich mit ihm befassen, und die fast überbordende, mit Skandalen verbundene Ereignisgeschichte. Aber das täuscht. Die Unsicherheit beginnt mit der Frage, welchen Vornamen er sich selbst in einer Darstellung gegeben hätte: Julius, wie er seinen Namen bei deutschen Behörden angab, oder Judko, wie er sich in den Niederlanden nannte und wie ihn auch einige seiner deutschen Freunde ansprachen, was im Munde seiner Feinde aber einen pejorativen Klang hatte? Judko ist eine im Jiddischen verbreitete, nicht nur auf die Kindersprache beschränkte Koseform von Yehuda, ein Name, den Barmat selbst aber offenbar nie benutzte.14 Zahlreiche weitere Fragen, die seine Biografie betreffen, lassen sich nicht beantworten. Das vorliegende Buch macht sich aber auf eine Spurensuche, die uns auf viele Wege, darunter manche Umwege bringt, aber auch zu neuen Erkenntnissen führt.15

Nach Jahrzehnten geringen Interesses haben zwar einige neuere wissenschaftliche Arbeiten Licht auf den Fall Barmat geworfen. Einen breiten Raum nehmen dabei der Verlauf des Medienskandals sowie Fragen von Antisemitismus und Korruptionsdebatten ein. Der Skandal wurde in die Vorgeschichte des Nationalsozialismus eingeordnet, der selbst das korrupteste Regime der deutschen Geschichte war, aber mit dem Slogan des Kampfes gegen »jüdische« und »republikanische Korruption« antrat.16 Aber in all diesen neueren Darstellungen ist der Name Barmat meist als Chiffre präsent. Seine Person bleibt eigentümlich vage, fast ein Phantom. Diese Distanz ist nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen, dass im babylonischen Sprachengewirr der Skandale eine Stimme fehlt: nämlich die von Julius Barmat selbst. Und nicht nur das: Barmats wirtschaftliche Aktivitäten, der Verdacht des Betrugs, ja mehr noch, alle Spekulationen über seine Person bleiben im Dunst der Vermutungen und vielfach unbewiesenen Tatsachen.

Das biografische Genre lebt in der Regel von der Verfügbarkeit von Ego-Dokumenten. Sie machen den Kern einer Biografie aus, stellen Selbstzeugnisse doch eine Nähe und »Unmittelbarkeit zu ihrem Helden« (Hans Erich Bödeker) her.17 Das gilt selbst dann, wenn der Name des Protagonisten negativ konnotiert ist.18 Das Fehlen eines Nachlasses sowie die Tatsache, dass persönliche Briefe und andere Ego-Dokumente nur spärlich überliefert sind und die meisten Quellen zu seiner Verteidigung nicht von Julius Barmat selber, sondern von juristisch argumentierenden Rechtsanwälten stammen, verweisen auf die spezifischen Voraussetzungen und Grenzen der vorliegenden biografischen Annäherung. Hinsichtlich der wenigen Ego-Dokumente ist die Geschichte Julius Barmats vergleichbar mit der des französischen »Unbekannten« aus der Provinz, dessen Lebensgeschichte der Historiker Alain Corbin in einer anregenden historischen Darstellung rekonstruiert hat.19 Aber im Gegensatz zu diesem Unbekannten führte Barmat kein »ganz gewöhnliches Leben«. Barmats Geschichte handelt vielmehr vom ungewöhnlichen Leben eines bekannten Unbekannten. Denn seit den aufwühlenden Tagen des deutschen Barmat-Skandals 1925, den sich hinziehenden rechtlichen Untersuchungen und dann den neuen Skandalisierungen in Belgien, Holland und Frankreich gingen sein Name und seine Biografie in öffentlich-medialen Besitz über.

Die Biografie Barmats schrieben andere, indem sie seinen Namen als Metonymie, Stigma und als Projektionsfläche benutzten:20 für Demokratie und ihre mögliche Dekadenz, für Korruption, Abwege von Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit, unlauteres wirtschaftliches Gebaren sowie einen »jüdischen Kapitalismus« seit dem Krieg. Diese eng miteinander verschränkten Leitthemen, die in zentrale Felder der politischen, sozialen und kulturellen Konfliktgeschichte der Zwischenkriegszeit führen, stehen im Mittelpunkt dieses Buches.

Demokratie, Kapitalismus und politische Moral

In der zeitgenössischen politischen Sprache wurde der Name Barmat binnen kurzer Zeit zu einer hochemotionalen Metonymie, mit der Kritiker gleichermaßen die wirtschaftliche, politische und moralische Korruption von konkreten Personen sowie die Weimarer Republik und das demokratische System im Allgemeinen thematisierten: »Barmatpartei«, »Barmatrepublik«, »Barmatsumpf« und »Barmatiden« waren bald gängige polemische Kampfbezeichnungen, die aus dem Vokabular der oppositionellen radikalen Linken in das der Konservativen und vor allem der Völkischen diffundierten, sich dort einnisteten und die in den meisten Fällen auf die SPD gemünzt waren.21 In Verbindung mit zahlreichen zirkulierenden Bildern provozierten solche Begriffe politische Emotionen, die von Verachtung bis hin zu Hass reichten und zugleich individuelle und kollektive Weltdeutungen lieferten.22 Julius Barmat verkörperte ein »System«, und das bezeichnenderweise nicht nur in Deutschland. Wie zu sehen sein wird, verweist der Fall Barmat auf eine europäische Dimension der Auseinandersetzungen, die sich allesamt auf dem Hintergrund der Folgen des Ersten Weltkriegs, der Inflation und dann der großen Weltwirtschaftskrise auf einem dezidiert politisch-ökonomischen Feld abspielten.

Die polemische Verwendung des Namens wie der Biografie durch die Gegner ging in Deutschland wie dann später in Frankreich und Belgien mit einer Vermischung des Falles und des Namens Barmat mit anderen ähnlich gelagerten Fällen einher. Neben Julius und seinem Bruder Henry Barmat standen der schon erwähnte litauische Waffenhändler Iwan Kutisker, der ursprünglich aus Frankfurt stammende Berliner Unternehmer und Finanzier Jakob Michael sowie eine ganze Reihe anderer mehr oder minder zweifelhafter Unternehmer und Banker im Visier der Staatsanwaltschaft.23 All das hat bis heute viele Verwechslungen zur Folge, nicht nur was die Namen, sondern auch die den jeweiligen Personen zugeschriebenen Delikte betrifft. Denn Verdächtigungen und tatsächliches Fehlverhalten in dem einen Fall wurden vielfach auf andere Fälle projiziert. Darüber hinaus vermischten die Zeitgenossen unterschiedliche Sachverhalte und Zusammenhänge, in welche die Personen involviert waren und die sich im Einzelfall potenzieren konnten: Betrug, Bestechung, Konkursverschleppung, Korruption, Wucher, »Luftgeschäfte«, Spekulation sowie Kriegs-, Inflations- und Deflationsgewinnlerei. Das war ein ganzes Syndrom von realen und vermeintlichen Wirtschafts- und Finanzdelikten, die alle in einem grauen Feld zwischen öffentlicher Empörung und (Wirtschafts-)Kriminalität angesiedelt waren.24

Ausgehend von der Geschichte Julius Barmats werden diese verschiedenen Themen im vorliegenden Buch zusammengeführt. Anders formuliert: Es geht sowohl um konkrete Handlungspraxen als auch um Diskurse und vielfältige Zuschreibungen. Insofern handelt es sich um eine Geschichte aller nur möglichen »Gespenst[er] des Kapitals« (Joseph Vogl), die aber in unserem Zusammenhang an konkrete Situationen, Handlungen und Personen zurückgebunden werden.25 Und nicht nur das: Ob Spekulantentum oder Korruption, immer ging es, worauf Jens Ivo Engels in Bezug auf Korruption hingewiesen hat, neben Demokratie- auch um Kapitalismuskritik.26

Diese Kritik bezog sich auf die Überschreitung von rechtlichen Normen wie von sozialmoralischen und ethischen Grenzen, darunter an erster Stelle die Grenzen der politischen Moral. Die Geschichte Barmats ist die Geschichte der Skandalisierung von Verletzungen von Normen und Regeln, von Grenzüberschreitungen in Politik, Wirtschaft und Recht und damit eine Geschichte von Ein- und Ausgrenzungen. Anknüpfen kann die Darstellung an neuere Arbeiten zu Wirtschafts-, Politik-, Sex- oder Kolonialskandalen, die zeigen, wie zentrale Normen, Regeln und Grenzen einer Gesellschaft diskursiv verhandelt werden.27 Damit lassen sich Vorstellungen von Normalität und Ordnung identifizieren, aber auch die allgegenwärtige Unterscheidung des »Wir« von den »anderen« und damit auch von Freund(en) und Feind(en), Unterscheidungen, die insbesondere im deutschen Denken der Zwischenkriegszeit, einer Zeit realer Grenzkämpfe, so tief verankert waren.28

Julius Barmat wird in diesem Buch als ein Grenzgänger des Kapitalismus beschrieben. Das bedarf zunächst der Erläuterung. Unternehmer und Banker, weniger dagegen Kaufleute, wurden in den letzten Jahren zu einem beliebten Genre der Wirtschaftsgeschichte. Neben hagiografischen Darstellungen ist vieles davon sogenannte Auftragsforschung, also der Finanzkraft der familiären oder institutionellen Nachfahren zu verdanken; oft geht es dabei um die »Aufarbeitung« und Aufklärung von Ereignissen in der Zeit des Nationalsozialismus. In der Regel stehen hier »große« Unternehmerpersönlichkeiten im Mittelpunkt – selbst wenn sie scheiterten.29 Erstaunlich wenig wissen wir dagegen über die vielen »Pleitiers und Bankrotteure«, geschweige denn über das breite Spektrum von Gaunern, halbseidenen Geschäftsleuten und Angestellten, einschließlich jener ehrbaren Kaufleute und Manager, von denen manche heute noch gefeiert werden und morgen schon durch ein Fenster aus dem Justizpalast fliehen.30 Und nur schwer sind die Grenzüberschreitungen zu fassen, die feinen Linien, die Seriosität und Legalität von Anrüchigkeit und Betrug trennen – und das gelegentlich in einer einzigen Person.31 Viel ist geschrieben worden über die besonders in deutschen Studierstuben populäre »protestantische Ethik« und den »bürgerlichen Wertehimmel«, wenig dagegen über die in diesem Buch in den Blick genommenen Personen und ihre sich oft in Grenzbereichen bewegende Moral, für die Schriftsteller wie Theodor Dreyser und Émile Zola oder neuerdings Filmemacher vielleicht einen besseren Blick als Wissenschaftler haben.32 Mit Sicherheit gab es sie häufiger, als die unternehmensgeschichtliche Literatur Glauben macht. Das zeigen vor allem neuere Arbeiten zu den USA.33

Wenn Julius Barmat also vor diesem Hintergrund als Grenzgänger des Kapitalismus bezeichnet wird, appelliert das nur vordergründig an die Tatsache seiner – vielfach skandalisierten – Überschreitung von Staatsgrenzen im geschäftlichen wie privaten Verkehr. Vielmehr geht es um jene Aspekte, die seit jeher mit der Zerstörungskraft kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung in Verbindung gebracht wurden, wie etwa das Überschreiten moralischer Standards bzw. das Senken der »wirtschaftlichen Grenzmoral« (Götz Briefs). Kriegs- und Inflationsgewinnler waren andere zeitgenössische pejorative Begriffe für solche Grenzgänger.

In diesem Zusammenhang wird hier auf das spezifische Konzept des »politischen Kapitalismus« zurückgegriffen, ein idealtypischer Begriff, den Max Weber schon vor dem Ersten Weltkrieg in die Diskussion einführte und den er von einem »rationalen Kapitalismus« abgrenzte. Dabei ging es ihm, und das ist wichtig im Auge zu behalten, um eine Systematisierung der »kapitalistische[n] Orientierung des Erwerbs«, mithin um Formen von Handlungs- und Erwerbsorientierungen von Individuen.34

Mit dem Begriff politischer Kapitalismus zielte der Polyhistor Weber zuallererst darauf ab, Phänomene vormoderner Gesellschaften, einerseits der vormodernen Vergangenheit der okzidentalen Welt und andererseits der Gegenwart auch der vormodernen, nicht okzidentalen Welt, zu beschreiben.35 Fündig wurde er vor allem in der Geschichte der Antike, der Frühen Neuzeit sowie außerhalb Europas, wo er einen engen Nexus zwischen Politik und wirtschaftlichen Interessen und andere Formen des Erwerbsgeistes jenseits der Moderne entdeckte. Es ist ein Kapitalismus, der auf der spezifischen Ausbeutung politischer Macht durch wirtschaftliche Akteure basierte. In seinen Worten hieß das: »Orientierung an Chancen des kontinuierlichen Erwerbs kraft gewaltsamer, durch die politische Gewalt garantierter Herrschaft«; dazu zählte er das koloniale Wirtschaftssystem ebenso wie die Sklaverei und die Verleihung fiskalischer Privilegien, wie etwa die frühneuzeitliche Steuer- und Amtspacht. In diese Rubrik fällt auch der sogenannte »Beutekapitalismus«, sei es in Form staatlich sanktionierter Piraterie, sei es in Form gewaltsamer kolonialer Landnahme.36 Kennzeichnend für diesen »politischen Kapitalismus« war für ihn überdies die »Orientierung an Chancen des aktuellen Beuteerwerbs von politischen oder politisch orientierten Verbänden oder Personen: Kriegsund Revolutionsfinanzierung oder Finanzierung von Parteiführern durch Darlehen und Lieferungen« sowie eine »Orientierung an Chancen des Erwerbs durch außeralltägliche Lieferungen [an oder von] politische[n] Verbände[n]«.

Diese Phänomene des Erwerbsstrebens seien in der modernen okzidentalen Welt nicht ganz verschwunden, wie Weber meinte. Aber seiner Ansicht nach waren sie ökonomisch »irrational« und dysfunktional, und ihre Marginalisierung verlief dementsprechend parallel zur Durchsetzung des »rationalen Kapitalismus« wie des modernen Staates. Für den Ökonomen Weber war dieser »rationale Kapitalismus« historisch gesehen vergleichsweise neu und mit Blick auf seine Entstehungszeit seit der Frühen Neuzeit auch »modern«.37 Er umschrieb damit ziemlich genau das, was heute als Marktwirtschaft mit funktionierenden, freien und arbeitsteiligen Faktorenmärkten für Boden, Kapital und Arbeit bezeichnet wird. Hier herrschen idealerweise die Regeln eines kompetitiven Marktes, vermittelt nicht zuletzt durch eine stabile Geldwirtschaft und über rationale, nämlich marktkonforme »Spekulationen« an den Börsen, die das Verhalten von Marktteilnehmern steuern. Für den Staatswissenschaftler und Historiker Weber waren dabei die Funktions- und Integrationsfähigkeit des modernen Steuerstaates von Bedeutung.38

Wenn im Folgenden vom politischen Kapitalismus gesprochen wird, geht es nicht darum, diese Erklärungen Webers, einschließlich der ihnen zugrunde liegenden Modernisierungsprämissen, zu bestätigen oder zu widerlegen.39 Es soll vielmehr gezeigt werden, welche Ausformung der Kapitalismus in der Zwischenkriegszeit erlebte, was daran »politisch« war und welche Kritik sich hieran entzündete. Das führt ins Zentrum nicht nur zeitgenössischer Kapitalismusdiagnosen und der Kapitalismuskritik,40 sondern auch staatsrechtlicher Fragen etwa im Sinne eines Carl Schmitts.

Die Frage, wer Julius Barmat war, handelt von modernen Varianten dieses politischen Kapitalismus. Interessant und in unserem Zusammenhang nicht nebensächlich ist, dass der kritische Zeitbeobachter Weber offenbar schon während des Krieges nicht mehr so sicher war, ob der »rationale Kapitalismus« nicht schon bald eine »Welt von Gestern« (Stefan Zweig) sein würde. Die Kriegswirtschaft und vor allem die bald aus dem Boden schießenden Nachkriegsneuordnungspläne versprachen seiner Meinung nach nichts Gutes, wobei Weber zunächst vor allem den Einfluss großwirtschaftlicher Interessen im Auge hatte. Blühte im Krieg nicht eine »rein politisch[e] Konjunktur: von Staatslieferungen, Kriegsfinanzierungen, Schleichhandelsgewinnsten und all solchen durch den Krieg wieder gigantisch gesteigerten Gelegenheits- und Raubchancen lebenden Kapitalismus und seiner Abenteurer-Gewinnste und -Risiken [auf], der gegenüber dem der Rentabilitätskalkulation des bürgerlichen rationalen Betriebs der Friedenszeit nicht die geringste Ahnung hat«? Und nicht nur das: Vor Webers Augen stand »ein wilder Tanz um das goldene Kalb, ein hasardierendes Haschen nach jenen Zufallschancen, welche durch alle Poren dieses büreaukratischen Systems quellen«, was das Aufblühen von »Schmarotzern«, »Tagedieben« und »Ladentischexistenzen« zur Folge hatte. Das war eine Anspielung auf die »hosenverkaufenden jüdischen Jünglinge«, von denen der einflussreiche Historiker Heinrich Treitschke gesprochen hatte; Weber sprach verklausuliert von der »›Verösterreicherung‹ Deutschlands«.41

Das sind alles Themen, mit denen sich dieses Buch auseinandersetzen wird. Dabei ist es keine Nebensächlichkeit, dass solche Positionierungen mit eklatanten religiösen, ethnischen wie rassischen Stereotypisierungen überformt waren. Denn wie die letztgenannten Zitate Webers illustrieren, schien der ältere »politische Kapitalismus« wenig mit jener »protestantischen Ethik« zu tun zu haben, in der für den Religionssoziologen der moderne »rationale Kapitalismus« wurzelte.42 Aber was war er dann? Just an diesem Punkt setzt die deutsche Selbstverständigungsdebatte über den Kapitalismus ein, die in der Auseinandersetzung Webers mit seinem Fachkollegen Werner Sombart schon vor dem Krieg begonnen hatte und die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht.

Grenzübertritte, Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen

Die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wer Julius Barmat war, führt auf die Spur einer Vielzahl von Geschichten und Zusammenhängen, die sich alle in der einen oder anderen Weise mit Normverletzungen befassen. Dabei geht es um zentrale Aspekte einer Geschichte von Rechts-, Geld- und Vertrauensbeziehungen und sozialmoralischen Fragen, die in öffentlichen, seit jeher aber auch in wissenschaftlichen Debatten am Beispiel konkreter Personen verhandelt wurden, sei es als eine Geschichte von Moral und Wirtschaftssystemen, sei es als eine Geschichte des Kapitalismus.43 Die elf Kapitel dieses Buches befassen sich daher mit sehr unterschiedlichen, gleichermaßen realen, rechtlichen, symbolischen wie metaphorischen Grenzübertritten, Grenzüberschreitungen, Grenzziehungen und Grenzräumen.

Verfolgt wird ein biografischer Zugang, ohne eine wirkliche Biografie des im Mittelpunkt stehenden bekannten Unbekannten Julius Barmat zu schreiben. Es geht um konkrete Akteure und Situationen, somit eine Vielzahl von miteinander verflochtenen Mikrogeschichten, in denen uns Bilder, Emotionen wie Diskurse entgegentreten.44 Sie haben ihre jeweils eigene Valenz und sträuben sich schon wegen des ausgeprägten Eigensinns vieler der in unserer Geschichte auftauchenden Akteure häufig gegen eine schematische kategoriale Einordnung, egal ob es sich um zeitgenössische politische oder ökonomische Wissensbestände, kausale Zusammenhänge oder Karrieren von Personen handelt. Dabei ist es immer das Ziel, aus diesen Mikrogeschichten größere »Makro«-Fragen zu erschließen: sich verändernde Ordnungen des Kapitalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen, die in allen Ländern zu beobachtende Demokratie(kritik) in Verbindung mit Korruptionsdebatten, Formen der sozialen und politischen Radikalisierung, die faschistischen Mobilisierungen Auftrieb verliehen, dann aber auch staatliche, ordnungspolitische Regulierungsbemühungen, wie sie insbesondere seit der Weltwirtschaftskrise einsetzten. Mit diesem Ansatz verknüpft sich die Prämisse, dass die Geschichte der Zwischenkriegszeit mehr ist und sein sollte, als in den wie auch immer neu abgezirkelten und thematisch proportionierten historischen Überblicksdarstellungen zum Ausdruck kommt. Die Geschichte gerade dieser Zeit zeigt eigentümliche Volten gleichermaßen der Kontinuität wie Diskontinuität, der Erwartungen und Hoffnungen einschließlich ihrer Enttäuschungen.

Aus Gründen der Lesbarkeit folgt die Darstellung einer chronologisch-systematischen Gliederung. Das beginnt mit der umstrittenen Frage der Visumsvergabe und damit der Einreise Julius Barmats in Deutschland im Jahr 1919, einer Zeit illegaler Grenzübertritte von osteuropäischen, darunter vielen jüdischen Flüchtlingen. Das erste Kapitel handelt von der Ankunft des »schwerreichen« Lebensmittelkaufmanns, der das Reichsgebiet nicht über die unbefestigte Grenze aus dem Osten, sondern aus dem Westen betrat. Der Streit darüber, wer die Verantwortung für diese Ankunft hatte, setzte schon 1918/19 ein und erreichte 1925 einen Höhepunkt. Wann kam es schon vor, dass sich in einer Person gleich alle jene Zuschreibungen wiederfinden ließen, welche die Zeitgenossen so zu empören vermochten: die des Ostjuden, des Spekulanten, des Kriegsgewinnlers, des Förderers der Sozialistischen Internationale, ja des Bolschewisten? Solche politischen und ideologischen Fragen vermischten sich mit dem scheinbar Trivialen und Alltäglichen, nämlich Brot, Butter und Speck, die Julius Barmat in großen Mengen nach Deutschland lieferte. Die Praxis der Kriegswirtschaft bildete einen zentralen Aspekt des umstrittenen »politischen Kapitalismus« der Nachkriegszeit und der frühen Weimarer Republik.

Das zweite Kapitel nimmt Julius Barmat als einen Grenzgänger des Kapitalismus in den Blick, der 1923 sein Geschäftsmodell änderte, indem er mithilfe von Krediten der Preußischen Staatsbank und der Reichspost vom lukrativen Lebensmittelhandel in den Bereich Industriekonzerngründung wechselte. Die offenbar zu jeder Zeit anzutreffenden Panegyriker des Unternehmertums wähnten ihn (wie viele andere) kurzzeitig als neue, heroische Unternehmerpersönlichkeit der Zukunft, auf den nicht zuletzt auch die Preußische Staatsbank setzte. Wie viele andere Unternehmer scheiterte der »Kriegs-, Inflations- und Deflationsgewinnler« jedoch im Zuge der Währungsstabilisierung und damit bei der Rückkehr zur vermeintlichen ökonomischen Normalität. Die Grenzen seriösen wirtschaftlichen Handelns wurden neu gezogen und die Grenzgänger des Kapitalismus aus dem Wirtschaftsleben ausgeschieden – so jedenfalls die Erwartung. Vor diesem Hintergrund werden die Auseinandersetzungen über Spekulation, Wucher und Korruption, mithin die unbestimmten Grenzen legaler und legitimer wie illegaler und illegitimer risikoreicher Praktiken verfolgt. Es geht dabei auch um Erwartungen und Diagnosen der Zeitgenossen, die sich, wie sich dann vor allem nach dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise zeigen sollte, erneut enttäuscht sahen.

Davon ausgehend beschäftigen sich die eng aufeinander bezogenen Kapitel drei und vier mit der Einschreibung des Namens Julius Barmat in die politische Kultur der Weimarer Republik im Kontext der sich seit 1925 entfaltenden Skandaldynamik. Diese Dynamik erklärt sich nicht nur durch die anstehende Reichspräsidentenwahl, die mit dem vorzeitigen Tod Friedrich Eberts vorgezogen werden musste, sondern mehr noch im Zusammenhang mit der Bildung von konservativen Bürgerblockregierungen in Preußen und im Reich. Dabei entbrannte ein erbitterter Kampf um die politische Moral, der sich mit denen des politischen Kapitalismus und seinen vermeintlich demokratischen Entartungen verband. Die scharfen Angriffe auf die Republik sind oft betont und mit Blick auf die Folgen nicht ganz zu Unrecht als desaströs charakterisiert worden. In diesem Kontext werden die eskalierenden Korruptionsvorwürfe, derer sich nun alle Parteien bedienten und die, wie es schien, fast alle Parteien und das System betrafen, beschrieben. In den Wortgefechten wurde Barmat zu einer Metapher bei der Aushandlung von Grenzen: zwischen Politik und Wirtschaft, sozialdemokratischer Moral und Koalitionspolitik, Recht und Rechtsstaatlichkeit. In den Vordergrund rücken dabei, auf den ersten Blick vielleicht überraschend, nicht nur die langfristigen Folgen dieser Einschreibung von Barmat und Korruption in die Weimarer politische Kultur, sondern auch die Art und Weise, wie die Republik Zähne zeigte und sich behauptete.

Anklageschrift und Urteil im Falle Julius Barmats waren monumentale Zeugnisse juristischer Faktenaufarbeitung, die sich um das diffizile Problem der Beurteilung der Handlungsmotive der involvierten Akteure im Rahmen des Rechts drehten. Das Recht der Gesetze ist bekanntlich nicht unbedingt identisch mit moralischen Gerechtigkeitsvorstellungen; das gilt gerade für die Zeit der Weimarer Republik. Im Mittelpunkt der Kapitel fünf und sechs stehen die Versuche, erste große politische und halb fiktionale Narrationen der Skandal- und Korruptionsgeschichte mit Julius Barmat zu entwickeln: Gottfried Zarnows (alias Ewald Moritz) politischer Bestseller Gefesselte Justiz (1930/32) und Walter Mehrings Theaterstück Der Kaufmann von Berlin (1929), das sich in der avantgardistischen Theaterfassung Erwin Piscators nicht nur als – vorhersehbarer – Theaterskandal, sondern auch als Theaterflop erwies. Mehring und Piscator versuchten die Inszenierung eines aktuellen Zeitstückes, das von Kapitalismus handelte – und scheiterten. Deutlich werden dabei die Möglichkeiten und Grenzen der literarischen Repräsentation des Themas. Der von Gottfried Zarnow und einem unbekannten Buchprüfer namens Philipp Lachmann aktualisierte und weitergeführte Korruptionsdiskurs führt auf das Terrain der politischen Rechten, genauer besehen zu einem wenig beachteten Aufklärungsradikalismus der deutschen Zwischenkriegszeit mit all seinen Aporien. Bei dieser Gruppe von Personen, die als Grenzgänger der Vernunft beschrieben werden, handelte es sich um ein Sammelbecken von Unzufriedenen und Außenseitern, im wahrsten Sinne des Wortes um moderne Formen des Kleist’schen Michael Kohlhaas. Sie versuchten den Anschluss an die Zeit zu finden und setzten ihre Hoffnungen auf eine wie auch immer geartete nationale Revolution; sie waren Stichwortgeber des Nationalsozialismus, ohne dass sie in dieser Bewegung heimisch wurden.

Eine andere Form des politischen Radikalismus verfolgt das siebte Kapitel. Es handelt von den Forderungen nach Ausgrenzung und Enteignung der Juden, wie sie völkische Gruppen während des Skandals erhoben und wie sie die Nationalsozialisten im Kontext des Volksentscheids über die Fürstenenteignung 1926 unter dem Motto »Enteignet die Fürsten. Barmat braucht Geld!« programmatisch formulierten. Die Pointe dieses Kapitels besteht darin, dass von hier (ebenso wenig wie vom bekannten 25-Punkte-Programm der NSDAP) keine direkte Linie in die Zeit des Nationalsozialismus führt; vielmehr wird eine Reihe von vermittelnden Entwicklungen und bürokratischen Umwegen in den Blick genommen. An erster Stelle zu nennen ist die Ende 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise, in der das ältere Thema Barmat erneut auftauchte, auch als Beispiel dafür, dass sich die in die Währungsstabilisierung 1924/25 gesetzten Erwartungen nicht erfüllt hatten. Allenthalben tauchten seit 1930 Phänomene und Personen auf, die an den Grenzgänger des Kapitalismus erinnerten – und das einmal mehr nicht an den Rändern, sondern mitten in der Gesellschaft ehrbarer Unternehmer und Banker. Der exekutive Staat setzte auf die – ordnungspolitische – Neuziehung von Grenzen: die Eindämmung vermeintlich »spekulativer« Energien und korrupter Praktiken in Unternehmen, allemal in den Banken; reale Grenzkontrollen und Grenzsperren im Zuge von massiv verschärften Kapitalverkehrskontrollen mit dem Ausland; die Kontrolle von Staatsbürgern bei ihrem Grenzverkehr; neue Strafen wie die sogenannte »Reichsfluchtsteuer«. Wie sich diese In- und Exklusion entfaltete und wie sich dabei Techniken der administrativen Praxis mit ideologischen Begründungen, den »Barmat-Geist« auszutreiben, verschränkten und verstärkten, steht im Mittelpunkt dieses Kapitels. Konkret dargestellt wird diese Entwicklung am Beispiel des 1925 in den Skandal involvierten Finanziers Jakob Michael und einer Reihe anderer Personen, die in diesem Buch als Fürsprecher, Anwälte und Verteidiger Barmats auftauchen. Bis Ende der 1930er Jahre hatten sie entweder das Land verlassen oder waren in Konzentrationslagern interniert worden.

Die hier erzählte Geschichte Julius Barmats fiele sicherlich anders aus, wenn der Unternehmer nach seiner Ausreise aus Deutschland 1929 sang- und klanglos in der Welt der Geschäfte untergetaucht wäre. Stattdessen gibt es, wie im achten und neunten Kapitel gezeigt wird, eine Skandalspur, die in die Schweiz, nach Belgien, Frankreich und in die Niederlande führt. Das hat mit der zweiten großen Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, der Weltwirtschaftskrise, zu tun, als auch in den Nachbarländern eine Vielzahl von kleinen und großen Fehlspekulationen von Privatpersonen wie von Banken »aufflogen«. In dieser Zeit erwarb sich Barmat den Ruf eines »internationalen Betrügers«, und das noch vor dem belgischen Barmat-Skandal 1937. Wie schon in den deutschen Auseinandersetzungen und zugleich befeuert durch die nationalsozialistische Propaganda diskutierten die Zeitgenossen auch im Ausland Fragen der Grenzen der sozial-moralischen Ordnung des Kapitalismus, der Grenzüberschreitungen und Ausweisungen. Indes waren die Debatten stets nationalspezifisch eingefärbt, wie etwa die französischen Hypostasierungen Barmats als vermeintlicher – jüdischer – Agent des deutschen Geheimdienstes illustrieren. Die Ereignisse in dem nahe-fernen Belgien zeigen überdies die in den 1930er Jahren explosive Verbindung von Demokratie-, Korruptionsund Kapitalismuskritik, die in den Sturz einer erfolgreichen Regierung, nicht jedoch des demokratischen Systems mündete.

Ausgehend von diesen internationalen faschistischen Debatten über »Bankster« und »jüdischen Hyperkapitalismus« verfolgt das zehnte Kapitel zunächst zeitgenössische Einschreibungsversuche von Julius Barmat in antisemitische Hetzfilme wie Jud Süß und den Ewigen Juden, die auch im Ausland gezeigt wurden. Vor diesem Hintergrund werden Überlegungen zu den radikalen Grenzüberschreitungen der NS-Zeit in Form der Vernichtungspraxis während des Zweiten Weltkrieges angestellt. Die Nachbetrachtungen nehmen schließlich das Verschwinden Julius Barmats aus dem sozialen Gedächtnis nach dem Krieg in den Blick, und zwar auch vor dem Hintergrund, dass einige wichtige Akteure der Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit nach 1945 die deutsche Historiografie mitprägten. Es geht um das Verschwinden des kontaminierten Themas »Kapitalismus« zumindest in bundesdeutschen Debatten, was bis heute viele historiografische Leerstellen hinterlassen hat.

Kapitel 1
Grenzüberschreitung:
Der Ostjude, der aus dem Westen kam

Julius Barmats Ankunft in Deutschland war von Anfang an umstritten. Im März 1919 beantragte der in Amsterdam lebende Kaufmann beim örtlichen Generalkonsulat ein dreimonatiges Dauervisum für die Einreise nach Deutschland, das ihm erst nach langen Auseinandersetzungen am 22. Mai ausgestellt wurde. Dem mit einer Niederländerin verheirateten, staatenlosen Barmat schlug Misstrauen entgegen. Dabei ging es allgemein um den Flüchtlingsstrom sogenannter Ostjuden nach Deutschland, aber gleichermaßen auch um seine Person. War er ein gerissener Unternehmer, der die wirtschaftliche Not Deutschland ausnutzte, ein Agent des Kaiserreichs, gar ein sowjetischer Bolschewik oder doch nur ein opportunistischer Sozialdemokrat?

Julius Barmat war nicht nur ein erfolgreicher Kaufmann, er war jüdischer Konfession, genauer: ein Ostjude, dessen profitable Handelsgeschäfte von Anfang an eine politische Dimension hatten, da er die Konjunktur der Kriegs- und Nachkriegszeit geschickt zu nutzen vermochte. Es war eine Zeit der wirtschaftlichen Not und politischen Umwälzungen mit zahllosen Gerüchten, die reale wie vermeintliche Formen von Misswirtschaft, Bestechung sowie persönliche Bereicherung betrafen und von denen viele antisemitisch unterlegt waren. Erste Skandalisierungen um Barmat findet man im Zusammenhang mit seiner Einreise 1919, dann im Kontext seiner großen Lebensmittelgeschäfte in der Nachkriegszeit sowie der Skandalisierung eines anderen Handeltreibenden namens Georg Sklarz. Es ist eine Geschichte, die in die Spätphase des Kaiserreichs, die Revolutionierung Russlands und mehr noch in die Revolutionszeit 1918/19 führt. Die höchst widersprüchlichen Anspielungen, die seine Person und die Umstände seiner Ankunft betrafen, waren noch lange über das Kriegsende hinaus bis in die 1930er Jahre – auch in Belgien und Frankreich – zu finden. Es ist eine Geschichte von Anfängen, die kein Ende zu nehmen schienen.

Einwanderer mit wirtschaftlichen und politischen Ambitionen

Julius Barmat war einer unter Millionen, die sich vor dem Ersten Weltkrieg entschlossen, ihr Bündel zu packen und ihr Glück im Westen zu suchen, einem Westen, der gleichermaßen ein geografischer Ort relativ zum eigenen Ausgangspunkt wie ein Versprechen auf ein besseres Leben war.1 Für diejenigen, die sich nicht auf der Flucht befanden, bedeutete Migration die meist hoffnungsvoll wahrgenommene Chance, politische und soziale Einengungen und Repressionen hinter sich zu lassen, ja möglicherweise sozial aufzusteigen. Bei allem wirtschaftlichen Erfolg in der neuen Wahlheimat machte Barmat jedoch auch die wiederkehrende Erfahrung neuer sozialer und kultureller Grenzen.

Ein sozialer Aufsteiger und »Kriegsgewinnler«

Bei allen Rätseln in Bezug auf Julius Barmats Biografie ist eines sicher, nämlich dass er am 18. Dezember 1889 in Uman in der Nähe Kiews, einer Stadt im Kernland des jüdischen Siedlungsrayons des Zarenreichs, in der heutigen Ukraine geboren wurde und dass er sich Judko nannte.2 Demnach war seine »ursprüngliche Nationalität« russisch, aber da er und seine Familie zeitweise auch in Litzmannstadt (Łódź) und Petrikau (Piotrków Trybunalski) gewohnt hatten, galt er später manchen auch als Pole. Zu seiner familiären Herkunft kursieren widersprüchliche Angaben. Späterhin tauchten immer wieder Berichte auf, er stamme aus ärmlichen Verhältnissen, ja sei dem Getto entflohen – sicherlich kein ganz zutreffendes Bild. In der Version seiner Anwälte war sein Vater ein Rabbiner, und seine Mutter entstammte einer Kaufmannsfamilie. Über Vermögen scheinen die Eltern nicht verfügt zu haben. Julius, der älteste Sohn, galt als begabt, besuchte zunächst das jüdische Seminar. In Łódź, wo sein Vater zeitweise in einer jüdischen Gemeinde beschäftigt war, wechselte er auf die Handelsschule, wo ihm offenbar wegen seiner guten Leistungen das Schuldgeld erlassen wurde. Schon mit 17 Jahren soll er die Erlaubnis erhalten haben, nicht nur Unterricht in der Handelsschule zu erteilen, sondern auch Bewerber für die Handelsschule vorzubereiten.

Wie er selbst bekundete, machte ihm die Politik einen Strich durch die Rechnung. Schon während seiner Zeit in der Handelsschule hatte er sich einer sozialistischen, revolutionären Studentenorganisation angeschlossen, weil, wie er erklärte, »sich in Rußland eine solche Neigung bei den Juden ganz von selbst bilden musste«. Damit meinte er den russischen Antisemitismus, der in den vorangegangenen Jahren immer wieder zu Pogromen geführt hatte. Nicht wirtschaftliche Gründe, sondern diese politischen Aktivitäten verhinderten sein Studium am Polytechnikum in Kiew, wo er für kurze Zeit eingeschrieben war. Im Dezember 1907 meldete er sich mit Erfolg auf eine Zeitungsannonce bei einem kleinen Rotterdamer Bank- und Handelsunternehmen namens Winterling & Co mit acht bis zehn Beschäftigten, das einen Korrespondenten mit russischen und polnischen Sprachkenntnissen suchte.

In Rotterdam war sich der ehrgeizige junge Neuankömmling aber offenbar noch keineswegs klar darüber, wie seine Zukunft aussehen sollte. Im Hause seines Arbeitgebers etablierte sich Barmat auch dadurch, dass er dessen Tochter Rosa de Winter 1910 in London, wo er zeitweise geschäftlich tätig war, heiratete. 1912 ging aus dieser Verbindung sein einziges Kind Louis Izaak hervor. Die Heirat gab dem als staatenlos gemeldeten Einwanderer auch einen rechtlichen Schutz, was vor allem dann wichtig wurde, als in den 1930er Jahren die Staatenlosigkeit seine Existenz gefährdete. Die niederländische Staatsangehörigkeit war für ihn schon deshalb nicht einfach zu erhalten, weil seine Person bald so umstritten war. Doch auf der anderen Seite wollte Barmat auch mit der Vergangenheit offenbar nichts mehr zu tun haben. Denn die später (1920) für alle Emigranten eröffnete Option, sich für die sowjetische wie dann auch für die polnische Staatsbürgerschaft zu entscheiden, nahm er nicht wahr.

Die Arbeit für seinen Schwiegervater füllte Barmat nicht aus. Bemerkenswert früh machte er sich unabhängig und verdiente sein Geld zunächst als Lehrer für Polnisch und Russisch an der Berlitzschule, bald dann auch als vereidigter Übersetzer und Dolmetscher. Dabei arbeitete er zum einen für die Rotterdamer Polizei – später betonte er, unter der »Protektion« des damaligen Polizeipräsidenten Rotterdams gestanden zu haben. Zum anderen spezialisierte er sich auf die Übersetzung von Dokumenten havarierter Schiffe im Zusammenhang von Versicherungsfällen. Sein Einkommen soll in dieser Zeit etwa 1500 Gulden pro Monat betragen haben.

Neben diesen Tätigkeiten versuchte er von Anfang an sein Glück mit eigenen Handels-, Bank- und Immobiliengeschäften. Dazu gründete er schon 1908 eine Handelsgesellschaft mit dem Namen Julius Barmat, deren alleiniger Inhaber er war. Der Handel mit Tulpenzwiebeln, Klavieren und anderen Gütern nach Russland und in weitere Staaten war später vielfach Anlass für Spott, der Verkauf von Lotterielosen und Bankgeschäfte sorgte für Misstrauen. Diese Geschäfte waren offenbar vielfach noch mit denen seines Schwiegervaters verbunden, wenngleich dieser bald die Position eines Juniorpartners einnahm. Die Übersiedlung von Rotterdam nach Amsterdam kurz vor dem Krieg ist zweifellos ein Indiz dafür, dass Julius Barmat auf seine Selbstständigkeit pochte.

Barmat war wirtschaftlich erfolgreich. Das Kapital seiner Handelsgesellschaft Julius Barmat soll zu diesem Zeitpunkt zwischen 15000 und 20 000 Gulden betragen haben. Daneben war er zusammen mit drei Kompagnons Teilhaber der 1911 gegründeten Niederländisch-Russischen Handelskompanie, und zwar mit einem Anteil von 33000 Gulden. Offenbar trug er die Hauptlast dieser Gesellschaft, die Handel mit Russland betrieb, sodass er schon wenig später wieder austrat und die Geschäfte seiner Firma Julius Barmat übertrug. Seine Handelsgeschäfte waren profitabel, und er investierte sein Geld in Immobilien, für die er eigene Gesellschaften gründete, darunter die von ihm 1912 erworbene Grundstücksgesellschaft La Novita.

Barmat scheute sich nicht, über Geld und Besitz zu sprechen. Sein Vermögen zu Beginn des Krieges soll sich auf über 900000 Gulden belaufen haben. Das war ein deutlicher Ausweis von wirtschaftlichem Erfolg. Wie den meisten Aufsteigern und »Neureichen« fehlte dem staatenlosen Ausländer jedoch »soziales Kapital«, also ein Netzwerk von gesellschaftlichen Beziehungen. Das war in der niederländischen Gesellschaft, die weit mehr als Deutschland in distinkte, soziale und religiöse – »versäulte« – Milieus zerfiel, außerordentlich wichtig.3 Einem aus dem Ausland entstammenden Aufsteiger wie ihm schlug zweifellos Misstrauen entgegen, und das umso mehr, als er jüdischer Konfession war. Die Religion verband ihn mit seiner neuen niederländischen Familie, spielte aber für den zweifellos gläubigen Juden in der öffentlichen Selbstdarstellung zu diesem Zeitpunkt wie auch späterhin keine Rolle. Ebenso wenig gibt es Hinweise auf mögliche Verbindungen Barmats zur jüdischen Kaufmannschaft. Dagegen bot das Engagement in Handelsvereinigungen die Möglichkeit, soziales Kapital zu erwerben. So wurde Barmat Direktor des in Rotterdam ansässigen Büros zur Förderung des Handels, dann nach seiner Umsiedlung nach Amsterdam Direktor einer Handelsvereinigung für den holländischen Balkanhandel. Welche Aktivitäten er in diesem Zusammenhang entwickelte, wissen wir nicht. Es fiel ihm jedoch offenbar leicht, Kontakte zu knüpfen.

Der Weltkrieg eröffnete neue wirtschaftliche Chancen. Wie Zürich und Kopenhagen entwickelte sich Amsterdam zu einer Drehscheibe des Kriegshandels. Barmat gelang es schnell, sein eher kleines Handelsunternehmen mit der Spezialisierung auf Nahrungsmittellieferungen an die Mittelmächte auszuweiten. Ab dem dritten Kriegswinter hungerte Deutschland. Die Wirtschaftsblockade der englischen Marine zeigte ihre Wirkung, und die Nahrungsmittellieferungen aus dem Ausland, auf die Deutschland angewiesen war, stockten. Entsprechend hoch waren die Profitraten, zumal sich nun militärische und zivile Stellen in einem zeitweise chaotischen Überbietungsverfahren mit den knappen Gütern einzudecken versuchten. Die englische Blockadeverwaltung wurde auf Barmat aufmerksam und setzte ihn, wie holländische Zeitungen seit dem Sommer 1916 meldeten, auf ihre Schwarze Liste. Wer Handel mit den dort gelisteten Personen und Gesellschaften trieb, dem drohten Sanktionen.4 Das war der Grund, weshalb Barmat im Sommer 1916 seine Handelsgesellschaft Julius Barmat in die N.V. Amsterdamsche Export & Import Maatschappij, die unter dem Namen Amexima bekannt wurde, umtaufte.5 Mit einem Aktienkapital von 100000 Gulden ausgestattet, verfügte sie über Büros in einem Geschäftsgebäude an der noblen Keizersgracht 717. Der Handel mit Lebensmitteln wurde rasch weiter ausgebaut. Abnehmer waren während des Krieges vor allem deutsche und österreichische Städte und Kommunen, darunter die Stadt Leipzig, die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine sowie die Kruppsche Wohnungsverwaltung, welche die Werksangestellten mit Lebensmitteln versorgte. Hinzu kamen Unternehmen wie die Schokoladenfirma Sarotti.6

Trotz der massiven englischen Behinderungen machte Barmat während des Krieges »große Geschäfte« und akkumulierte ein beträchtliches Vermögen. Neben der Amexima blühte seine Grundstücksgesellschaft La Novita. In deren Besitz waren das Amsterdamer Geschäftshaus der Amexima sowie das Wohnhaus der Barmats, dessen Bau eine halbe Million Gulden gekostet haben soll, in einem für den erfolgreichen Kaufmann angemessenen Wohnviertel Amsterdams. Wie Barmats Rechtsanwälte später betonten, besaß er auch eine »bedeutende Bildergalerie« im Wert von 150 000 Gulden.7 Barmat wusste um die Bedeutung dieser Form »kulturellen Kapitals«. Wie allen »Kriegsgewinnlern«, die sich mit solchen bürgerlichen Insignien umgaben, trug ihm das eine gehörige Portion Neid und Missgunst ein.

Deutscher Kollaborateur oder russischer Revolutionär?

In den Niederlanden lautete die umstrittene Frage, an welcher Kriegspartei man sich orientieren sollte, zumal Großbritannien die Meere kontrollierte und mit großer Effizienz auch in den neutralen Staaten politisch intervenierte. Julius Barmat setzte in seinem Kampf um wirtschaftliche Vorteile, die sich auch in soziale Anerkennung ummünzen ließen, auf Deutschland und die Mittelmächte. Geschäft und Politik lagen eng beieinander, politische Beziehungen waren wirtschaftliches wie soziales Kapital. Den Deutschen Auslandsvertretern in den Niederlanden war Barmat jedenfalls seit 1916 bekannt: dem Generalkonsulat in Amsterdam primär als ein aufdringlicher – jüdischer – Kaufmann, der Deutschen Botschaft in Den Haag als Unternehmer mit politischen Ambitionen, den man vor den eigenen Wagen zu spannen versuchte. Von Anfang an war Barmat für die deutschen Diplomaten aber eine undurchsichtige Person, die seit 1916/17 unter Hinzuziehung von Berichten von Wirtschaftsauskunfteien und Privatpersonen genau beobachtet wurde. So warnte man im Frühjahr 1917 in Amsterdam vor »unreellen Geschäften« Barmats, just zu einer Zeit, als »Ago« von Maltzan, damals Botschaftsrat in Den Haag, Verbindung zu Barmat aufnahm. Der Kaufmann verfügte über Kontakte zum deutschen militärischen Nachrichtendienst.8 Dem Diplomaten ging es zu dieser Zeit zum einen um die Beeinflussung der niederländischen und belgischen Presse und zum anderen um die finanzielle Unterstützung russischer, revolutionär gestimmter oder umzustimmender Flüchtlinge und Deserteure, die sich in den Niederlanden aufhielten.9 Wie die Deutsche Botschaft im März 1918 Reichskanzler Georg von Hertling übermittelte, war Barmat in Amsterdam »vorteilhaft« bekannt als ein Mann mit »beträchtlichem Vermögen«, der sich zu dieser Zeit »besonders darum bemüht[e], die russischen Flüchtlinge und Deserteure vom Eintritt in das englische und französische Heer fernzuhalten«. Darüber habe man von Barmat »wertvolle Nachrichten« erhalten.10

Das war hohe Politik. Wohlwollend nahmen deutsche Stellen zur Kenntnis, dass sich der politisch engagierte Kaufmann kritisch gegenüber der russischen Regierung Alexander Kerenskis äußerte, die nach der Februarrevolution 1917 an die Macht gekommen war und erklärt hatte, am russischen Kriegskurs gegen Deutschland festzuhalten. Demgegenüber sprach sich Barmat öffentlich für einen Frieden mit Deutschland aus und unterstützte die Friedenspolitik der Bolschewiki, was in der russischen Gemeinde in Amsterdam nicht nur auf Beifall stieß.11 Die Revolutionierung Russlands, so die Erwartungen in Berlin, würde Deutschland die erhoffte Chance verschaffen, um den Krieg im Westen erfolgreich zu Ende zu führen. Das war auch der Grund, warum man dem Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin eine Eisenbahnfahrt in einem Sonderzug aus dem Schweizer Exil nach Russland ermöglichte.

In dieses Bild passt, dass Barmat nach der Oktoberrevolution 1917 offenbar mit der neuen ukrainischen, nach sowjetischem Modell einberufenen Volksversammlung, der Rada, Kontakt aufnahm und sich für einen schnellen Abschluss des Friedensvertrags von Brest-Litowsk einsetzte, nachdem die russischen Delegierten unter Protest die Friedensverhandlungen mit Deutschland abgebrochen hatten. Die Ukraine vermochte zu diesem Zeitpunkt viele Fantasien zu beflügeln, politische, wirtschaftliche und territoriale. Dazu zählte nicht zuletzt die Aussicht auf Brotgetreide für die hungernde Zivilbevölkerung. Der mit Lebensmitteln handelnde Kaufmann sah in dem in Deutschland viel diskutierten »Brotfrieden« – die Ukraine als Getreidekammer Russlands sollte akute Versorgungsengpässe mildern – zweifellos auch wirtschaftliche Chancen für sein Unternehmen.12

Wohl im Zusammenhang solcher Friedensbemühungen, die Deutschland die nötigen Entlastungen verschaffen sollten, nahm Barmat, ebenfalls schon 1917, Kontakte zum späteren Führer der niederländischen Kommunisten David Wijnkoop auf. Er sollte, wie die deutschen Diplomaten in Den Haag wussten, »für die kommunistische Propaganda in Skandinavien und Holland zur Verfügung gestellte Gelder besorgen«.13 Ob nun mehr wegen seiner Geschäftsinteressen oder seines Hasses auf den Zaren: Barmat setzte auf den revolutionären Umsturz in Russland. Bestärkt wurde er von deutschen Diplomaten, die ihm versicherten, man habe mit Leo Trotzki gesprochen, ob man nicht die Interessen der Russen in Holland durch Barmat wahrnehmen lassen solle.14

Auf jeden Fall nahm Barmat Kontakte zu den russischen Bolschewiki auf. Deutsche Amtsstellen leiteten das folgende, an Trotzki adressierte Telegramm, in dem sich Barmat offenbar politisch ins Spiel zu bringen versuchte, Ende 1917 via Skandinavien nach Russland weiter: »Als seit 10 Jahren hier ansässiger Russe[,] Direktor eines Büros zur Förderung des russischen Handels[,] vereidigter Übersetzer vor holländischen Gerichten[,] der mit großer Sympathie die Politik der Maximalisten [der Bolschewiki – MHG] verfolgt hat[,] habe ich beschlossen[,] eine Versammlung der Russen und Holländer[,] welche sich nach dem Frieden sehnen[,] mit dem Ziel ein Unterstützungskomitee für die [hiesigen – MHG] Maximalisten zu bilden[,] in der Hoffnung, dass wir auf Ihren Schutz hoffen können[,] Judko Barmat[,] Amsterdam.«15

Diese Zeilen, die später wie viele andere Dokumente in der Presse zirkulierten, konnte man sowohl als politische Sympathiebekundung wie als Anbiederung an die Bolschewiki verstehen. Es war von einem russischen Flüchtlingskomitee die Rede, dem Barmat angeblich 150000 Gulden als Vorleistung zur Verfügung zu stellen bereit war, falls ihm die russische Revolutionsregierung die Fürsorge für diese Gruppe und das Vertretungsrecht gegenüber der niederländischen Regierung übertragen würde.16 Diese Initiativen bestätigten andere Berichte, dass Barmat seine »Antipathien gegen die Zarenregierung« offen zur Schau stellte und auf die Russische Revolution setzte – eine Revolution, die für die deutsche Sache von großem Vorteil sein konnte.17 Darauf spielte später der russische Revolutionär, Deutschlandspezialist und Vertreter wie Sprachrohr der Kommunistischen Internationale Karl Radek, selbst jüdischer Herkunft, an. Für ihn stand außer Frage, dass Barmat »gewiß einen Hass gegen den Zarismus und Sympathien für Deutschland« gehabt habe, seien doch »alle polnischen Juden deutschfreundlich. Erstens, weil sie die deutsche Sprache für ein verschlechtertes ›Jüdisch‹ hielten, zweitens, weil sie den polnischen Antisemitismus haßten, drittens, weil sie die russischen Pogrome haßten. Alle jüdischen Börsenmakler der Welt, die aus Polen stammten, waren im Kriege deutschfreundlich«, lautete 1925 seine polemische, antisemitisch unterlegte Konklusion.18

Aber war Barmat aufgrund seiner Sympathien für die Revolution schon ein Bolschewist? Oder nur eine »Art Agent, der auf die Rada einwirken sollte«?19 Oder etwa gar nur ein auf sein Geschäft erpichter Kaufmann, der seinen politischen Einfluss wirtschaftlich auszuspielen versuchte? Geschäftstüchtig, wie Julius Barmat war, ventilierte er Pläne, Weizen aus der Ukraine zu importieren. Die USA hatten viele holländische Schiffe beschlagnahmt, um den Überseehandel zu verhindern. Getreide aus der Ukraine, so das Kalkül, musste die Niederlande auch enger an Deutschland binden. In dieser Sache trat Barmat mit dem ihm bekannten niederländischen Führer der sozialistischen Partei Peter Troelstra in Verbindung, der wiederum mit der holländischen Regierung Kontakt aufnahm. Diese signalisierte grünes Licht. Ob Barmat konkrete Verhandlungen mit der Ukraine führte, wissen wir nicht, greifbare Resultate sind auf jeden Fall nicht zu erkennen. Angesichts der verworrenen Verhältnisse in dem zu dieser Zeit von einem heftigen Bürgerkrieg zerrissenen Land ist das eher unwahrscheinlich. Und auch in Deutschland blieben die erhofften ukrainischen Getreidelieferungen ein Wunschtraum.20

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Diplomaten die unterschiedlichsten Gerüchte über Barmat summten. So hieß es, er habe einen »Bolschewiki-Verein« gegründet, ferner, er habe Druck auf den russischen Gesandten ausgeübt und diesen vor die Wahl gestellt, sich zu den Bolschewiki zu bekennen oder sich gegen sie auszusprechen. Als der Gesandte ablehnend antwortete, habe Barmat dafür gesorgt, dass ihm das Geld gesperrt wurde, sodass er kurz darauf die Niederlande in Richtung Schweiz verließ. Barmat habe sogar versucht, als neuer russischer Gesandter anerkannt zu werden, dazu schon Geschäftskarten drucken lassen und einen Termin im niederländischen Außenministerium vereinbart, wo man ihn aber abgewiesen habe. Einem anderen Gerücht zufolge hatte die neue Sowjetregierung oder, so eine Version der gleichen Geschichte, die russischen Flüchtlinge auf Initiative Barmats diesen als russischen Generalkonsul vorgeschlagen.21 Barmats enger Freund Ernst Heilmann berichtete später, er habe eine Resolution mit der Unterschrift von über hundert Russen gesehen, in der sich die Flüchtlinge für Barmat als bolschewistischen Generalkonsul ausgesprochen hätten; er habe dieses Ersuchen aber abgelehnt, da er kein Bolschewik sei.22

Dass Barmat ein Bolschewik sei, mussten auch die deutschen Diplomaten in Den Haag als unrichtig dementieren. Aber auch der englische Geheimdienst sprach in Berichten vom Juni 1918 und März 1919 von »Barmat, the Bolshevic agent«.23 Und noch Jahre später war zu hören, Barmat habe es ermöglicht, dass »80000 Bolschewisten nach England hinübergekommen seien«.24 Einmal in die Welt gesetzt, hielten sich solche Gerüchte, mit immer neuen, mitunter skurrilen Wendungen, darunter auch eine Verwechslung der Brüder. So meldete 1921 die niederländische Botschaft in Prag nach Den Haag, dass »Judke [sic!] Barmat« beobachtet worden sei, wie er sich mit dem Vertreter der »extremen Linken« der tschechischen Sozialisten Vilém Brodecký getroffen habe, was dann auch prompt in britischen Berichten auftauchte und erneut deutsche Fragen provozierte, ob Barmat nicht Bolschewik sei.25

Sozialdemokrat und Freund der Zweiten Internationale

Nach Kriegsende hatten Beobachter den Eindruck, dass sich der »Sympathisant der Bolschewiki« plötzlich als Förderer der niederländischen wie der deutschen Sozialdemokraten gerierte. Passte sich Barmat opportunistisch den jeweiligen Machtverhältnissen an?26 Es bleibt im Dunkeln, wann genau Barmat, der sich selbst als überzeugter Sozialdemokrat bezeichnete, erstmals Kontakte zu niederländischen und wohl auch belgischen Sozialisten knüpfte. Er selbst gab an, schon seit 1908 Mitglied der niederländischen sozialdemokratischen Partei zu sein. Andere, darunter sein deutscher Freund Ernst Heilmann, meinten, er sei weder in Deutschland noch in den Niederlanden jemals Parteimitglied gewesen.27

Zu Barmats engeren Bekannten zählte der weit über sein Heimatland Belgien hinaus bekannte Sekretär der Sozialistischen Internationale Camille Huysmans. Infolge der deutschen Besetzung Belgiens war das Büro der Internationale 1914 nach Amsterdam verlegt worden. Anfang 1919 wurde sie in Bern neu gegründet und war als Sozialistische (»Zweite«) Internationale die Konkurrenzorganisation zur im März 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale. Mit der Wiederaufnahme der Arbeit nach dem Krieg war Huysmans auf der Suche nach zusätzlichen Büros, die er – provisorisch und offenbar kostenlos – für kurze Zeit in den Amsterdamer Geschäftsräumen Barmats fand. Vermittelt wurde dieses Arrangement vom niederländischen Sozialdemokraten Troelstra, der schon während des Krieges Bekanntschaft mit Barmat gemacht hatte und ebenfalls als Sympathisant der deutschen Seite bekannt war.

Diese politischen Verbindungen baute Barmat in der Folgezeit systematisch aus. Auf dem ersten großen internationalen Sozialistentreffen in Amsterdam nach dem Krieg im April 1919 kam er mit weiteren europäischen Sozialisten in Kontakt. Anwesend waren von deutscher Seite nur Hugo Haase und Luise Kautsky von der USPD, während der Vorsitzende der SPD Otto Wels sowie Hermann Müller sich infolge von Visumproblemen verspäteten und erst nach Abschluss der viertägigen Zusammenkunft eintrafen. Die meisten Delegierten waren inzwischen abgereist. Nicht ohne Stolz berichtete Barmat später, dass in seinem Haus in Amsterdam bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal nach dem Krieg Deutsche und Engländer zusammengekommen seien. Die neue republikanische Reichsregierung hatte allen Grund, auf ihn und andere ihm nahestehende Personen zu setzen: Huysmans und Troelstra nahmen mit Blick auf den Friedensvertrag deutschlandfreundliche Positionen ein, was in den Reihen der Internationale alles andere als unumstritten war. Insbesondere versprach Barmat, zwischen Deutschland und Belgien zu vermitteln. Die »Stimmung in Belgien [war] kolossal erregt, man wollte alles, was deutsch ist, verhaften«, erinnerte er sich.28 Ob der Geschäftsmann im April die Delegierten des Kongresses der Zweiten Internationale auf seine Kosten bewirtete, gar zu einem Empfang in seinen Büros einlud, ist nicht belegt. Es ist aber sehr wahrscheinlich, präsentierte er ihnen doch stolz seine Geschäftsräume.29

All das bot in der Folgezeit reichlich Stoff für alle möglichen Vermutungen und Unterstellungen. Für die Kommunisten war klar: Der »Spekulant Barmat« knüpfte damals nicht nur die entscheidenden politischen Kontakte nach Deutschland, sondern hatte auch die Sozialisten der Zweiten Internationale, die damit einem Kapitalisten hörig wurden, »gekauft«. Für die Konservativen und Völkischen standen die Sozialdemokraten im Sold eines Ostjuden. Die Unterstellungen gingen so weit, dass sich der SPD-Politiker Ernst Heilmann im Preußischen Untersuchungsausschuss veranlasst sah, mit Blick auf erste Kontakte seiner Partei mit Barmat, die erst im April 1919 stattfanden, die Behauptung zurückzuweisen, Barmat habe den »Dolchstoß finanziert«.30

Der konkrete Grund für Barmats geplante Reise nach Berlin schon im Januar 1919 waren Zeitungspläne. Tatsächlich ermöglichte er die Gründung und den Betrieb der Rotterdamer sozialdemokratischen Zeitung Voorwaarts, indem er zwischen 1917 und 1924 215000 Gulden in das Unternehmen seines guten Bekannten Troelstra steckte.31 Im Gegensatz zum zentralen Organ der holländischen Sozialdemokraten Het Volk war der Voorwaarts explizit der deutschen Seite zugeneigt – zumindest versprach das Barmat, der mit diesem Projekt zweifellos ein geschäftliches Kalkül verband, nämlich sich über solche politischen Kontakte in den Niederlanden wie in Deutschland zu etablieren. Der in Den Haag für die Presse zuständige deutsche Gesandte wusste zu berichten, dass nicht nur der deutsch-niederländische Austausch intensiviert werden sollte, sondern dass es weiterreichende Pläne gebe, wonach »sozialdemokratische Presse- und Telegraphenagenturen in allen Hauptstädten« eingerichtet werden sollten.32 Gespräche über solche Pressevorhaben führte Barmat mit dem befreundeten und in die Zeitungspläne involvierten niederländischen sozialistischen Politiker Jan Willem Matthijsen – und darüber wollte er im Winter und Frühjahr 1919 auch in Deutschland im Auswärtigen Amt und mit einzelnen Politikern, u. a. dem Reichspräsidenten, sprechen. Dementsprechend gab er bei der Antragsstellung für das Visum nicht Geschäftsbeziehungen, sondern »politische Gründe« an, konkret: »Informatorische Arbeit für die Niederländische Soz. Dem. Arb. Partei beim Parteivorstand der deutschen Soz. De. Partei. Redaktion Vorwärts«.33

Trotz eines Einreisevisums wurde aus den Reisen zu Beginn des Jahres nichts. Erfolgreicher waren erneute Bemühungen im März und Ende April. Inzwischen gab es konkrete Kontakte zu den Sozialdemokraten Otto Wels und Hermann Müller sowie zu Beamten des Auswärtigen Amtes, darunter zu dem Barmat wohlgesonnenen, aus Protest gegen den Versailler Vertrag bald aus dem Auswärtigen Amt ausscheidenden Unterstaatssekretär und Industriellen Helmuth Toepffer.

Im Rahmen seines Aufenthalts fand Barmat am 4. Mai in Begleitung von mehreren SPD-Politikern, darunter Otto Wels, Hermann Müller und Ernst Heilmann, auch den Weg zum Reichspräsidenten Friedrich Ebert und übergab diesem ein Empfehlungsschreiben des belgischen Ministers Huysmans. Ebert lud die Gruppe daraufhin zum geselligen Abendessen ein. Etwa sechs Tage später kam es zu einem erneuten, kurzen (und letzten) Zusammentreffen, da Ebert Barmat ein Antwortschreiben übergab. Bei den Gesprächen ging es primär um politische Fragen, wobei das Thema der Lebensmittelversorgung angesichts der kritischen Versorgungslage sicherlich ebenfalls angesprochen wurde.34

Dieses kurze und eher belanglose Treffen sollte ein großes Nachspiel haben. Denn Barmat lernte den für Friedrich Ebert als Privatsekretär arbeitenden Franz Krüger kennen, der dem Kaufmann in der Folgezeit eine ganze Reihe von Freundschaftsdiensten erwies, angefangen von der Ermöglichung eines Telefongesprächs aus den Büroräumen des Reichspräsidenten nach Amsterdam bis hin zu Briefen auf offiziellem Briefpapier, in denen sich Krüger für erleichterte Grenzkontrollen auch für Angestellte der Barmat’schen Amexima einsetzte. Im Auswärtigen Amt machte sich Toepffer, selbst ein Großindustrieller, mehrmals für das von Barmat nun beantragte Dauervisum stark, am 6. Mai mit der, wie Toepffer später konsterniert selbst bemerkte, problematischen, weil in der Presse aufgebauschten Formulierung, wonach Barmat »in intimsten Beziehungen zum Reichspräsidenten Ebert« stehe. Der Unternehmer habe sich bitter darüber beschwert, dass man ihm ein Dauervisum verweigere.35

Notorische Berühmtheit sollte aber ein Telegramm Barmats an den Parteivorsitzenden Otto Wels erlangen, das dieser wiederum Ebert vorlegte, der sich mit einem handschriftlichen Vermerk auf dem Schriftstück für das von Barmat beantragte Dauervisum einsetzte. Daraufhin instruierte die Botschaft das Generalkonsulat am 22. Mai, Barmat »auf persönlichen Wunsch des Reichspräsidenten« den geforderten Dauersichtvermerk für drei Monate auszustellen, eine Order, der man in Amsterdam zähneknirschend Folge leistete, so wie man im Herbst 1922, nach Barmats Übersiedlung zusammen mit seiner Familie nach Berlin, nicht umhin kam, die zeitlich begrenzten Visen in Dauervisen umzuwandeln.36 Wie noch zu sehen sein wird, versuchte die radikale Opposition daraus dem Reichspräsidenten einen Strick zu drehen. Dabei ging es aber vor allem um einen zentralen Punkt, der alle folgenden Debatten überschattete: die Verantwortung für die große Zahl von Ostjuden, die nach Deutschland flohen.

Grenzsicherung und Ostjuden

Viele konnten es nicht gewesen sein, die in den Niederlanden von der Zusammenarbeit Barmats mit deutschen Diplomaten wussten. Im Amsterdamer Generalkonsulat war man auf jeden Fall einigermaßen konsterniert darüber, dass unter anderem von Maltzan und der Botschafter Alfred von Rosen Barmats Visumanträge befürworteten – auch wenn die beiden intern ein sehr ambivalentes Bild der Person Barmats zeichneten. Von Rosen meinte im Januar 1919, Barmat sei ein »sehr gewandter wortreicher russischer Jude, der nötigenfalls auch die ukrainische Staatsangehörigkeit für sich in Anspruch nimmt und der den persönlichen Ehrgeiz hat, konsularischer und lieber diplomatischer Vertreter der Ukraine oder auch der Sowjet-Regierung im Haag zu werden«. Außerdem verwies er darauf, dass das Amsterdamer Generalkonsulat die »besonders ›glücklichen‹ Geschäfte« Barmats mit »gewisser Skepsis« betrachte, vor allem aber, dass er trotz »gewisser Dienste« für Deutschland offenbar ein »skrupelloser Opportunist« sei.37 Das hinderte von Maltzan jedoch nicht daran, Barmat zwischen Januar und April insgesamt vier befristete Visa, sogenannte Passvisen, auszustellen.38 Schon im Januar wurde dem Staatenlosen ein erster Personalausweis ausgefertigt. Bei manchen seiner Kollegen in Den Haag, vor allem aber beim Generalkonsul Hans Paul von Humboldt und dem Legationsrat Graf Waldbott von Bassenheim in Amsterdam, führte das zu starken Irritationen, und sie opponierten vehement. Die Reise im Januar trat Barmat aber nicht an, wahrscheinlich, weil die vorgesehenen Termine platzten. Auch von Maltzan hatte im Januar das Auswärtige Amt in Berlin vorsorglich instruiert, dass bei dem »jüdischen Ukrainer Barmat«, der demnächst in der Reichskanzlei und dem Auswärtigem Amt auftauchen werde, »wohlwollende Zurückhaltung« geboten sei.39

Grenzübertritte waren nach dem Krieg eine aufwendige Angelegenheit. Bürokratische Hemmnisse erschwerten die vormals relativ freie Bewegung von Menschen und die Zirkulation von Waren und Geld über Grenzen. Es herrschte ein tiefes Misstrauen, dass mit den Migranten auch Spione und revolutionäre bolschewistische Ideen einsickern könnten. Dass die nationalen Grenzen vielfach ungesichert waren, vermittelte ein Gefühl der Verwundbarkeit. Besonders brisant war die Situation im Osten, wo es mit der Gründung des Staates Polen zu konfliktreichen Grenzziehungen kam. Hunderttausende Flüchtlinge, die vor der Gewalt der Russischen Revolution, der Bürgerkriege sowie der blutigen Pogrome flohen, überschritten unkontrolliert die deutsch-polnische Grenze und ließen sich im Reich nieder. Schätzungen gehen von 600000 russischen Staatsbürgern aus, von denen sich 360000 allein in Berlin aufhielten. Umstritten war die Anzahl der jüdischen Migranten. 1924 hieß es, dass bis zu 400000 Ostjuden nach Deutschland gekommen seien. Tatsächlich ließen sich zwischen 1914 und 1921 nur etwa 105000 jüdische Migranten im Reich nieder, viele von ihnen vorübergehend auf ihrem Weg in den Westen. Erste Regelungen noch aus dem Jahr 1918, die jüdische Migration aus dem Osten einzuschränken, wurden unmittelbar nach der deutschen Revolution zunächst einmal aufgehoben. Humanitäre Motive standen im Vordergrund. Antisemiten sprachen bald von einer »Ostjudenplage«, und der Ruf nach effektiven Grenzsperren und Deportation insbesondere der ostjüdischen Flüchtlinge wurde laut.40

Barmats Bemühungen, im Jahr 1919 nach Deutschland einzureisen, hatten mit dieser ostjüdischen Fluchtbewegung wenig zu tun. Tatsächlich hätte die Ausgangssituation nicht konträrer sein können. Hier der wohlhabende Kaufmann mit seinem Geschäftssitz an der noblen Keizersgracht in Amsterdam, der legal die Grenze überschreiten wollte, dort die vielen, überwiegend bettelarmen Flüchtlinge, die vielfach illegal die »grüne Grenze« überquerten. Hier ein Mann, der über »vorzügliche Manieren« verfügte, »als Israelit ein sehr gutes Äußeres« hatte und zudem »angenehm im Umgang war, sodass man allgemein geradezu von ihm eingenommen ist und ihm Vertrauen schenkt«,41 dort die vielen Jiddisch sprechenden, teils in einen Kaftan gekleideten Juden, die auch ihren deutschen Glaubensgenossen vielfach als exotisch und fremd, ja als Vertreter einer anderen, rückständigen Welt des Ostens galten. Julius Barmat teilte nicht das Schicksal dieser vielen ostjüdischen Migranten, die auf den infolge der Demobilisierung des Heeres übervollen deutschen Arbeits- und Wohnungsmarkt drängten, auf öffentliche und konfessionelle Fürsorgeleistungen angewiesen waren und sich aus purer Not in wirtschaftlich marginalen Nischen zu etablieren versuchten. Während er bald in den teuersten Berliner Hotels logierte, die seinem sozialen Status entsprachen, zwängten sich die meisten Flüchtlinge in die ärmeren Stadtquartiere wie das Berliner Scheunenviertel oder in improvisierte Notunterkünfte, wenn sie nicht gar in auf Militärgelände gelegenen Übergangslagern »konzentriert«, isoliert und drangsaliert wurden – mit der unverhohlenen Absicht, die Neuankömmlinge möglichst schnell wieder abzuschieben.

Und doch: Ob aus dem Westen oder Osten kommend, wohlhabend oder arm – allen, auch Julius Barmat, haftete das Stigma des Ostjuden an. Dass sich hinter seinen geschliffenen Manieren ein russischer oder polnischer, sprich: jüdischer Kriegsgewinnler verberge, insinuierte bezeichnenderweise auch der in der kommunistischen Roten Fahne abgebildete Cartoon aus der Hochphase des Skandals (siehe Abb. 1, S. 48): Er zeigt Barmat als »Schieber«, der nach Kriegsende – in Polen – mit Sack und Pack darauf wartet, in das sozialdemokratische »Schieberparadies« Deutschland aus »humanitären Gründen« eingelassen zu werden. Ganz ähnlich sahen das viele Konservative, allemal aber die Völkischen, für die mit der Republikgründung das »Ostjudenproblem« begann. Konkret hieß das: Verschärfung der Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit, Kosten für die Wohlfahrt, (Wirtschafts-)Kriminalität und nicht zuletzt un-überwindbare kulturelle Fremdheit.42 Dahinter standen – idealisierte – Vorstellungen einer »wertvollen« Migration, wie die der Hugenotten (siehe auch Abb. 2, S. 51).

Der Familiennachzug war ein anderes Thema. In den Jahren zwischen 1919 und 1924 verließen auch die Barmat-Geschwister Herschel, David, Isaak, Salomon sowie Rosa und Dora Barmat Russland bzw. die Ukraine, und die Brüder stiegen in das verzweigte Geschäft zwischen Amsterdam, Berlin und Wien ein. An erster Stelle zu erwähnen ist der 1893 geborene Herschel oder Henri bzw. Henry (Letzteres seine eigene Schreibweise). Henry hatte die Mittelschule besucht und dann das Abitur gemacht, aber keine »Lust zum Studium«. Der Vater schickte ihn und seinen jüngeren Bruder Isaak ebenfalls in die Niederlande, damit sie nach dem Tode einer geliebten älteren Schwester »auf andere Gedanken« kämen. Der Zufall wollte es, dass sich Henry just bei Kriegsausbruch 1914 auf einer Geschäftsreise in Russland aufhielt, sodass ihm die Rückkehr nach Holland versperrt war. Nach seiner Rückkehr 1919 trat er als Angestellter in das Geschäft von Julius ein, zunächst in Amsterdam und Wien, dann in Berlin, wo er den Lebensmittelhandel organisierte.43 Er war Julius’ linke Hand, eine Verbindung, die auch dadurch gestärkt wurde, dass Henry 1920 die Schwester von Barmats Frau, Helena de Winter, heiratete.


Abb. 1 Skandalisierung der Einreise Julius Barmats durch die KPD. Erster Teil eines Cartoons, Die Rote Fahne Nr. 48, 22. 2. 1925

Bundesarchiv, Bibliothek, Signatur: Z D 678-si

Ging es in den späteren Debatten im Zusammenhang mit der Einreise der Brüder meist um Wohnungsfragen – die Verteilung von Wohnraum unterstand kommunalen Behörden –, entwickelte sich die Einreise der Eltern zu einem Politikum. Über den 1867 im russischen Uman geborenen Abraham Barmat wissen wir genauso wenig wie über seine drei Jahre ältere, in Tolschin, ebenfalls in Russland, geborene Frau Schewa Barmat-Pechowitsch, die aus einer russischen Industriellenfamilie gestammt haben soll. Barmats Anwälte bezeichneten Abraham Barmat als Rabbiner, andere Quellen sprechen von einem Kaufmann und »Talmud-Gelehrten«, andere von einem »sehr religiösen orthodoxen Israeliten«.44 Auch in Uman, wo die Familie lebte, kam es während des Bürgerkriegs zwischen 1917 und 1920 zu brutalen, gegen Juden gerichtete Pogrome mit Zehntausenden Toten, die auch die Barmats zur Flucht veranlassten. Im Herbst 1920 kontaktierte Julius Barmat den damaligen Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) und berichtete ihm von einem Brief seines Vaters, der wie so viele andere Flüchtlinge mit Frau und Kindern an der bessarabisch-rumänischen Grenze ausgeplündert und mittellos gestrandet war. Er bat um Hilfe, um seinen Familienangehörigen die Übersiedlung nach Holland zu ermöglichen. Bauer erwies ihm diesen Freundschaftsdienst und verwandte sich für die Familie sowohl bei der Niederländischen Botschaft, dem Auswärtigen Amt als auch beim preußischen Innenminister Carl Severing, damit die preußischen Behörden den Barmats keine Schwierigkeiten bei der Durchreise in die Niederlande bereiteten.45

Severing sah sich schon damals wie dann auch im Zuge des Skandals 1925 massiven politischen Angriffen ausgesetzt. Trotz der repressiven Politik seines preußischen Innenministeriums wurde er andauernd mit Vorwürfen konfrontiert, nicht scharf genug gegen die ostjüdischen Flüchtlinge vorzugehen. Er galt als »Beschützer der galizischen Juden«46, für den, wie der Abgeordnete Wilhelm Kähler (DNVP) 1922 im Preußischen Landtag meinte, alles, »was mit dem Judentum zusammenhängt, ein Blümchen Rührmichnichtan« sei.47 Die offizielle Linie Severings war es, humanitäre Erwägungen bei der Aufnahme von Flüchtlingen auch mit Blick auf den Völkerbund und die kritische Beobachtung Deutschlands durch das Ausland in den Vordergrund zu stellen. Dennoch versuchte man, ihm in der rechten Presse wie im preußischen Untersuchungsausschuss wegen der Einreise der Eltern Barmats einen Strick zu drehen (auch mit der ziemlich absurden Implikation, dass dabei Korruption vorgelegen habe).48


Abb. 2 Kontrastierung der hugenottischen mit der jüdischen Einwanderung nach dem Ersten Weltkrieg

CC-BY-SA 3.0 Universitätsbibliothek Heidelberg, Kladderadatsch, 73.1920, Seite 284

Umstrittener Großlieferant von Lebensmitteln ins hungernde Deutschland

Julius Barmats Lebensmittelgeschäfte während der Kriegszeit übertrafen bei Weitem die der unmittelbaren Nachkriegszeit, und doch waren Letztere von Anfang an heftig umstritten. Das hat gleichermaßen mit dem Geschick zu tun, mit denen der niederländische Kaufmann im Gegensatz zu vielen Konkurrenten eine akute Notmarktlage bedienen konnte, wie mit seinen politischen Verbindungen zur neuen republikanischen Regierung, die seine Geschäfte zu befördern schienen. In diesem Kontext interessiert zunächst einmal Barmats Geschäftstätigkeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit – die Voraussetzung für den Aufbau des späteren Barmat-Konzerns.

Ankunft in einer Hungergesellschaft

Seit dem Frühjahr 1919 pendelte Julius Barmat zwischen Amsterdam und Berlin. Die Grenzübertritte in Bentheim waren mühsam. Die Passagiere wurden genauestens unter die Lupe genommen. Der Schmuggel von Devisen und Waren aller Art blühte. Ob sogenannte Grenzempfehlungen Barmat in irgendeiner Weise den Übergang erleichtert haben, war 1925 ein großes Thema. Die auf Papier des Reichspräsidentenamtes geschriebenen Empfehlungen, die, wie später aufgeklärt wurde, Friedrich Eberts Privatsekretär Franz Krüger (SPD) ausgestellt hatte, zeigten auf jeden Fall ihre Wirkung.49

Bei seinen Besuchen in Berlin wohnte der Kaufmann standesgemäß im Central Hotel, später dann im Hotel Bristol, die zu den besten der Reichshauptstadt gehörten. Zunächst reiste er mit befristeten Visen nach Deutschland ein; erst 1922 beantragte er in Berlin für sich, seine Frau und seinen Sohn erfolgreich eine Aufenthaltsbewilligung, wobei er auf seine Firmen und ein Empfehlungsschreiben des damaligen Reichsschatzministers Gustav Bauer (SPD) verwies.50 Als sich Barmat Anfang 1923 dann dauerhaft in Berlin niederließ, wählte er als Domizil ein Landhaus auf der Havelhalbinsel Schwanenwerder. Wenngleich es sich dabei keineswegs um ein »Schloss« handelte, wie später vielfach behauptet wurde, wohnten auf dieser »Insel der Seligen«, einem Villenviertel im Südwesten Berlins mit Bootsanlegestellen für die Seegrundbesitzer, all diejenigen, die von sich sagen konnten, finanziell wohlauf zu sein. Das waren kaum mehr als zehn Familien, deren Haushaltsvorstände zumeist im Finanzwesen tätig waren.51

Barmats Ex- und Importgeschäfte mit Lebensmitteln, Textilien und Lumpen liefen prächtig. Nicht nur Deutschland, sondern auch die Nachfolgestaaten der österreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie waren, wie man damals norddeutsch zu sagen pflegte, ausgepowert. Die Stimmung war schlecht. In der Nachkriegsgesellschaft mangelte es an allem, an Nahrungsmitteln nicht weniger als an Kleidung, Kohle und Papier. Zudem waren Geschäftskontakte unterbrochen, es herrschte eine extreme Devisenknappheit und es gab, wie im Falle der Niederlande, zum Schutz der einheimischen Bevölkerung Exportverbote.

Der Waffenstillstand hatte für die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung zunächst nicht die erhoffte große Wende gebracht. Großbritannien hielt die Seeblockade aufrecht. Zugleich war seit der Novemberrevolution 1918 das ohnehin prekäre System der öffentlichen Versorgung mit Nahrungsmitteln ins Wanken geraten. Landwirte unterliefen aus eigennützigen, viele meinten auch aus politischen Gründen die öffentliche Lebensmittelzwangswirtschaft mit ihren Preisregulierungen zugunsten der Konsumenten; der Handel hortete Waren, um sie später teurer zu verkaufen. So lautete jedenfalls der nicht ganz unbegründete öffentliche Generalverdacht gegen Produzenten und Handeltreibende. Zugleich blühte der von Produzenten wie Konsumenten gleichermaßen in Gang gehaltene Schwarzmarkt, auf dem Preise gefordert wurden, die weit über die festgesetzten Höchstpreise hinausgingen. Viele halfen sich selbst. Männer, Frauen und Kinder zogen aufs Land und beschafften sich, wenn nicht legal, dann vielfach durch Diebstahl, darunter Feldplünderungen, was sie sich vor allem in den Großstädten für Papier- und blechernes Notgeld nicht mehr oder nur im Tausch gegen andere Sachwerte beschaffen konnten. Der Fotograf Felix Römer hat diese Berliner Hungergesellschaft in eindringlichen Bildern dokumentiert.52

Ernährungsfragen waren das Tagesgespräch. Hunger, exzessive, »unangemessene Preise« und die realen wie vermeintlichen Ausschweifungen von »Schlemmern« empörten, so wie das Schlangestehen und die Jagd nach Fett, Zucker und anderen knappen Waren entnervten. War das der Boden für die politische Radikalisierung, ja für die Anfälligkeit der Städter für den Bolschewismus? Die fatalen revolutionären Ereignisse in Russland standen als Menetekel im Raum. So sahen es jedenfalls viele Mitglieder der sozialdemokratischen Regierungen der jungen Republik, die mit spartakistischen Aktionen und Aufständen im Winter 1918/19 zunächst in Berlin und seit dem Frühjahr auch in anderen Teilen des Reiches konfrontiert waren. Die Devise hieß: Sicherstellung der Volksversorgung – egal was es koste.53 Schon aus diesem Grund war der offenkundig finanzkräftige Amsterdamer Kaufmann Julius Barmat ein gefragter Mann.

Barmat nutzte die Gunst der Stunde. Zupass kam ihm dabei die von seinen Brüdern, Freunden und auch von seinen Feinden vielfach bekundete soziale Gabe, auf Menschen zuzugehen, sie zu bereden, auch zu überreden und an sich zu binden. Einige waren davon abgestoßen, zumal sie hinter der menschlichen Geste blankes Kalkül witterten. Andere waren dagegen von ihm angezogen, wobei schwer zu entscheiden ist, was ihn so attraktiv machte: seine weltoffene Persönlichkeit, die großzügig aus Holland mit der Post verschickten »Liebesgabenpakete« oder andere kleine Geschenke, Zuwendungen und kleine »Privatkredite«, die er Freunden und Bekannten geradezu aufdrängte. Wann kam es schon vor, dass ein »Guldenmillionär«54 auch mit einfachen Leuten sprach? Barmat wirkte aber auch deshalb anziehend, weil er ganz offensichtlich etwas bewegte und über Verbindungen verfügte, von denen auch andere profitierten. Zweifellos war er ein Genie wirtschaftlicher und finanzieller Betriebsorganisation, in den durchaus pejorativ gemeinten Worten der niederländischen Polizei: »buitensporig handig« und »an geheel juist«, was soviel heißt wie »ungeheuer clever« und »geölter Jude«.55

Wirtschaftliche »Grenzmoral« und Volksernährung

Der Krieg war vorbei, die Probleme der Kriegswirtschaft hielten an. Der für die Volksernährung zuständige Reichsminister Robert Schmidt (SPD), dessen Ressort 1919/20 kurzzeitig mit dem Reichwirtschaftsministerium zusammengelegt wurde, unterstrich rückblickend, wie kritisch die Ernährungslage das ganze Jahr 1919 über war. Angesichts der akuten Notlage galt es zu improvisieren. Die Gesetze des Marktes waren außer Kraft gesetzt, alle möglichen Stellen, einschließlich des Militärs, versuchten Nahrungsmittel zu beschaffen, auch illegal. So habe man vielfach »ein Auge zugedrückt und auch beide Augen«.56 Es gab Konflikte mit den Niederlanden und Dänemark, die die deutsche Regierung zur Bekämpfung des illegalen Grenzhandels aufforderten, an dem sich Tausende beteiligten und damit die Preise in den Nachbarländern in die Höhe trieben. Viele »faule Geschäftsleute« und »Spekulanten« aus den USA und England boten ihre zweifelhaften Dienste an. Vor allem aber: Eine akute Devisenknappheit des Reiches erschwerte Importe jeder Art.

Die Probleme erschienen so dringlich, dass im Mai 1919 ein interministerieller »Diktatorischer Ausschuss« unter Leitung des früheren Direktors der Ostafrikanischen Eisenbahngesellschaft Eugen Pritschow eingerichtet wurde. Im Streit um die knappen Devisen sollte sich diese Organisation über Partikularinteressen von Behörden, aber auch Wirtschaftsinteressen hinwegsetzen. Markige Rufe nach Diktatoren, insbesondere Wirtschaftsdiktatoren im Bereich der Volksernährung, waren seit dem Krieg sehr populär. Aber es war eine andere Sache, sich diktatorischen Beschlüssen auch unterzuordnen. Denn Diktatur setzt bekanntlich nicht auf komplizierte Verfahren, schon gar nicht auf Transparenz, sondern auf Dezisionismus. So waren Ressentiments und Widerstände nicht nur bei den betroffenen Ressorts des Reiches, der Länder und der Kommunen, welche die auseinanderfallende Lebensmittelzwangswirtschaft organisierten, sondern auch bei Unternehmern im In- und Ausland vorprogrammiert.57 Dass überall »geschoben« wurde, gehörte zu den Gemeinplätzen mit vielen, meist unbewiesenen, ins Kraut schießenden Unterstellungen und Vermutungen, die zweifellos auch einen wahren Kern hatten. Ausgestochene Unternehmer waren schnell dabei, Konkurrenten mit Vorwürfen zu diskreditieren.

Der Lebensmittelhändler Julius Barmat geriet dabei wie kein anderer in die Schusslinie. Wofür es 1919/20 aber nur in Ansätzen eine kritische mediale Öffentlichkeit gab – stattdessen aber viele Gerüchte und Geschichten –, ließ sich wenige Jahre später im Zuge des Barmat-Skandals auf breiter Ebene thematisieren. Viele der früheren Akteure, darunter Handeltreibende und Vertreter großer Lebensmittelimportfirmen wie Alnari oder Schwoon in Hamburg, von denen nicht wenige in den Kriegswirtschaftsbehörden eine maßgebliche Rolle gespielt hatten, traten 1925 in gleich drei parlamentarischen Ausschüssen auf, im Reich, in Preußen und in Sachsen, um sich zu den Lebensmittelgeschäften und Geschäftspraktiken Julius Barmats samt der beteiligten Personen in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu äußern. Es ging um die Qualität von Butter und Speck, sophistische Debatten über Brutto- und Nettoinhalte von Milchdosen, »(un)angemessene Preise«, Lieferkonditionen und Finanzierungsfragen, dann aber auch im Zusammenhang mit allen diesen Themen um den Verdacht der Korruption, namentlich die Verbindungen von Julius Barmat zu führenden Sozialdemokraten.

Verhandelt wurden Fragen der wirtschaftlichen »Grenzmoral« als »Wirtschaftsmoral« des Kapitalismus. Diesen Begriff hatte Götz Briefs, ein Ökonom aus dem Umfeld der katholischen Soziallehre, 1921 in die Diskussion eingeführt. Er meinte damit die Verkehrsmoral »der am wenigsten durch moralische Hemmungen im Konkurrenzkampf behinderte[n] Wirtschafter, die auf Grund ihrer Mindestmoral unter im Übrigen gleichen Umständen die stärksten Erfolgsaussichten haben und sohin die übrigen konkurrierenden Gruppen bei Strafe der Ausschaltung vom Wettbewerb zwingen, allmählich in Kauf und Verkauf sich dem jeweilig tiefsten Stand der Wirtschaftsmoral (›der Grenzmoral‹) anzugleichen«. Dieser »submarginale […] Druck« war, wie Briefs in späteren Zusammenhängen formulierte, nach allgemeiner Anschauung auf der einen Seite höchst verwerflich, weil mit dieser Wirtschaftsmoral kein wirtschaftlicher Nutzen erzeugt würde, was in zeittypischen Bezeichnungen wie Schieber, Kettenhändler und Schwindelunternehmer zum Ausdruck komme. Zugleich sah der Ökonom aber sehr wohl, dass sich in diesem Begriff der »Grenzmoral« immer auch Reaktionen auf dynamische Prozesse »schöpferischer Vernichtung« (Josef Schumpeter) widerspiegelten: auf neue Produktionsformen und innovative Unternehmer, die durch ihr wirtschaftliches Handeln etablierte und auch moralische Normen unterliefen.58

Vor allem der in der ersten Reichsregierung für die Volksernährung zuständige Minister Robert Schmidt (SPD) sah sich bei den Ermittlungen heftigen Angriffen ausgesetzt. War er für das »Festsetzen der Spinne Barmat in der gesamten Lebensmittelversorgung Deutschlands 1919/20 verantwortlich«, wie 1925 auch der bayerische Gesandte in seinem Bericht aus der Reichshauptstadt unterstellte? Das Verhör des Ex-Ministers im Reichstagsausschuss wurde dementsprechend mit großer Spannung erwartet, doch kam er »leidlich unlädiert« aus den Befragungen heraus, da selbst »die Rechte geneigt scheint, ihm das beneficium des Ehrenmanns nicht abzustreiten«.59 Ähnliches wiederholte sich bei den Aussagen Schmidts im Preußischen Untersuchungsausschuss.

Schmidt wusste bereits beim ersten Zusammentreffen mit Barmat, dass der Amsterdamer Kaufmann im Krieg auf der deutschen Seite gestanden hatte – die Tatsache, dass er auf der Schwarzen Liste der Briten stand, war für ihn, wie er betonte, »eine Empfehlung«, ebenso wie die Lieferungen nach Deutschland, vor allem als die Niederlande 1919 zeitweise die Exporte stoppten. Mehr als alles andere zählte aber für den einstigen Minister, dass Barmat 1919 zu denjenigen gehörte, die auf dem leer gefegten und blockierten Weltmarkt überhaupt Lebensmittel beschaffen konnten, und das offenbar in großen Mengen. Der Kaufmann machte auf ihn den Eindruck eines »vertrauenswürdigen und tüchtigen Geschäftsmanns«, auch wenn ihm seine etwas »aufdringliche Art« missfiel, was aber nicht nur für Barmat kennzeichnend gewesen sei.60

Schmidt traf Barmat nur zwei Mal. Dieser habe bei ihm weniger vorgesprochen, um sich über Geschäfte zu unterhalten, wofür ganz andere Stellen und Personen zuständig waren. Vielmehr habe er sich darüber beschwert, dass er, der Sozialdemokrat und Jude Barmat, von den alten Beamten benachteiligt werde. Nach Schmidts Eindruck hatte er »mit dieser Beschwerde nicht ganz unrecht«, zumal renommierte Banken, darunter die Diskontogesellschaft oder das Bankhaus Mendelssohn, seine Person ausgesprochen günstig beurteilten.61 Der Vorsitzende des Diktatorischen Ausschusses Pritschow erklärte später, wie er die Anweisung Schmidts, Barmat anzuhören, verstand: Man solle Barmat nicht vor den »Kopf stoßen«, ihn »nicht hinauswerfen« (wie das offenbar bei vielen Kaufleuten, die vorsprachen, der Fall war) und ihn »in den Formen des kaufmännischen Verkehrs anständig behandeln«.

Eine Reihe von damaligen Beamten des Reichswirtschaftsministeriums, darunter zahlreiche Unternehmer aus Industrie und Handel, die hohe Positionen in Kriegswirtschaftsstellen eingenommen hatten, sahen das anders. Ihr Vorwurf lautete, der SPD-Sympathisant Barmat sei systematisch protegiert worden. Zwar sei bei der Vergabe von Aufträgen kein direkter Druck ausgeübt worden; passive oder aktive Bestechung, also Formen von Korruption, ließen sich, wie sie auf Nachfrage zugeben mussten, nicht nachweisen. Sie empfanden Barmat aber als »politischen Faktor«, mit dem man rechnen musste. Man fügte sich, weil man dem Freund der »maßgeblichen Herren«, sprich: Schmidt und der Regierung Gustav Bauer (SPD), eben zu Gefallen sein wollte.62 Solche Aussagen lassen deutlich das Misstrauen gegen »die neuen Männer« erkennen, die nun in der Politik wie in der Wirtschaft ein Wort mitzusprechen hatten. Barmat, ein Konkurrent, schien sich überall breitzumachen.

Barmat war in der Lage zu liefern, und zwar nicht nur an das Reich, sondern auch an staatliche Stellen in Württemberg und Sachsen. In den Niederlanden verfügte der Kaufmann über ein weitverzweigtes Netz von Agenten und konnte im Gegensatz zu anderen deutschen Importeuren nicht nur in Rotterdam, sondern auch im belgischen Antwerpen einkaufen. Außerdem bot er günstige Finanzierungsmodalitäten an. Auf einem anderen Blatt stand, ob seine Preise wirklich so günstig und die Qualität immer einwandfrei waren. Schmidt und andere frühere Beamte der einschlägigen Reichsbehörden wussten zu berichten, dass Barmat mehr versprochen, als er dann geliefert habe, was ihn aber ebenfalls nicht von anderen Auslandslieferanten unterschieden habe.

Der Umfang der Lieferungen nach Deutschland in der Nachkriegszeit war beachtlich, wenn auch bei Weitem nicht so umfangreich, wie gern berichtet wurde.63 Der Vorsitzende des Diktatorischen Ausschusses schätzte, dass sich die mit den Reichsernährungsstellen abgeschlossenen Geschäfte Barmats auf 20 Mio. Gulden beliefen, was 30 Mio. Goldmark entsprach – bei insgesamt 3,7 Milliarden Goldmark für Einfuhren aller Reichsstellen also einem Anteil von gerade einmal einem knappen Prozent.64 Hinzu kamen die Nahrungsmittellieferungen der Amexima an andere Stellen, allein 1919/1920 nach Sachsen in Höhe von 211 Mio. Papiermark (wegen der fortschreitenden Inflation entsprach das etwa 22 Mio. Goldmark). Hinzu kamen Geschäftsbeziehungen nach Österreich, die 1920/21 ausgebaut wurden und bald den Handel mit Deutschland überflügelten. Neben Nahrungsmittelvereinbarungen hatte die Amexima 1919 Kontrakte mit den einschlägigen Stellen des Reiches wie der Länder über große Lieferungen von Textilien aus den Niederlanden, darunter solche für Lumpen, die für die Papierproduktion gebraucht wurden, für die Barmat im Gegenzug Papier für sozialistische Zeitungen nach Holland lieferte (worin manche einen Verstoß gegen die Bewirtschaftungsgesetze und Ausfuhrbestimmungen sahen).65

Finanzierungsfragen

Die Beschaffung und Lieferung von Lebensmitteln war aber nur die eine Seite des Geschäfts. Wichtiger für das Reich waren die – damals wie später heftig umstrittenen – Finanzierungskonditionen. Die Reichsbank und die einschlägigen Großbanken wollten oder konnten 1919 keine Devisen für Nahrungsmittelimporte zur Verfügung stellen. Erst als nach längerem Hin und Her die Finanzierungsmodalitäten geklärt waren, kamen die Reichsstellen mit der Amexima ins Geschäft. Barmats Angebot war insofern attraktiv, als er mit einer Kreditfrist von sechs bis neun Monaten, in Sachsen sogar bis zu zwölf Monaten, lieferte, d.h., er übernahm die Vorfinanzierung. Dazu besorgte sich die Amexima mittels der Auftragsbescheinigungen bei niederländischen und deutschen Banken die erforderlichen Kredite.66 Die fluktuierenden Devisenkurse machten darüber hinaus komplizierte Finanztransaktionen in Form von Sicherungsgeschäften notwendig. Die politisch umstrittene Frage lautete, ob das legal war, vor allem aber, ob Barmat »übermäßige Gewinne« erzielte. Lieferte er zu überhöhten Preisen, die durch seine Finanzierungskonditionen nicht gerechtfertigt waren? Es ging um viel Geld. Barmat stach Konkurrenten aus, darunter etablierte Geschäftshäuser. Der Höhepunkt der deutschen Lebensmittelgeschäfte mit Barmat fiel in die ersten Monate nach 1919 bis in den Sommer 1920. Ab dem Winter 1919/20 schloss das Reichswirtschaftsministerium direkt mit amerikanischen Schlachthäusern Lieferungsverträge über Fleisch, Speck und Schmalz in hohen Dollar-Millionenbeträgen ab, sodass man nicht länger auf Vermittlungen von Personen wie Barmat angewiesen war.67

Barmats günstige Konditionen provozierten Neid und Missgunst, zunächst weil viele alteingesessene deutsche Firmen auch in den Niederlanden keine ähnlichen Finanzierungsmodi anbieten konnten oder sich vom Handel ausgeschlossen sahen. Barmats Antwort auf die Frage, wie ihm das alles gelang, war einfach. Nicht nur, dass er im Gegensatz zu seinen Konkurrenten in den Niederlanden und Deutschland bis weit nach Belgien und in die USA über Händlerkontakte verfügte; sein Verfahren habe darin bestanden, dass er seinen Zulieferern die gleichen Konditionen anbot wie die Reichsstellen ihm: »Wenn ich einen Kontrakt in Holland gemacht habe, wir wollen einmal sagen: mit Cohen van der Laan in Margarine, Schmalz und Fett, dann habe ich dem Lieferanten gesagt: Das sind die Bedingungen, die ich mir dabei mache, und du mußt dich an diese Bedingungen halten; ich will dir aber als Sicherheit von mir aus 100000 Gulden einzahlen […] und […] den Rest auf der Basis, wie ich das mit der Reichsstelle machte, kannst du das mit mir machen.«68 Auf diese Weise habe er die Lieferanten an den Risiken beteiligt und sein eigenes Risiko minimiert. Das war für alle Beteiligten unsicher, ein System von Zusagen und Versprechungen, die oft nicht eingehalten werden konnten, was möglicherweise auch erklärt, dass Barmat der Ruf vorauseilte, dass man mit ihm vorsichtig sein müsse.

Offen blieb die Frage, ob sich Barmat mit den Nachweisen über die deutschen Lieferungsaufträge Gulden beschaffte und diese dann für Währungsspekulationen benutzte. Seine Konkurrenten versuchten das zu skandalisieren, stand damit doch der Verdacht im Raum, »der Kriegsgewinnler« habe auf den Niedergang des Markkurses spekuliert und sei damit auch ein Inflationsgewinnler. Beweisen ließ sich das nicht. Und ob solche spekulativen Währungsabsicherungen wirklich strafbar gewesen wären, war, wie auch der Vorsitzende des preußischen Untersuchungsausschusses Eugen Leidig (DVP) bezweifelte, eine ganz andere Frage.69

Viele andere Punkte blieben offen, darunter der, wie es dem Kaufmann gelingen konnte, unter den Bedingungen der Markabwertung 1919/20 – erst im Frühjahr 1920 zog der Markkurs wieder an – den deutschen Stellen auf relativ lange Dauer Kredit zu geben und zugleich einen Gewinn zu erwirtschaften. Außer Frage stand dagegen, dass Barmat ein geschickter Finanzjongleur mit einem offenbar phänomenalen Zahlengedächtnis war, der in den Ausschüssen aus dem Stegreif über die kompliziertesten Details, Zusammenhänge und Namen Auskunft geben konnte, was offensichtlich auch den Vorsitzenden Leidig, selbst Jurist und Syndikus verschiedener Firmen, beeindruckte. Klar war aber auch, dass es offenbar Unregelmäßigkeiten gab, wobei sich jedoch die Behörden und Beamten, welche die Geschäfte abwickelten (und nicht die Politiker), an die eigene Nase fassen mussten.70

Der niederländische Hafenarbeiterstreik 1919

Ein Coup besonderer Art gelang Barmat anlässlich des großen Streiks der niederländischen Hafenarbeiter, der sich über zwei Monate bis Anfang Mai 1920 hinzog und mit einer Niederlage der Streikenden endete. Gelöschte, schon bezahlte Waren im Wert von fast einer Milliarde Goldmark allein nach Deutschland und weitere Lieferungen nach Österreich (Geschäfte, die aber offenbar so gut wie gar nicht von der Barmat’schen Amexima, sondern oft direkt mit den amerikanischen Packern getätigt worden waren) konnten nicht abtransportiert, sondern mussten zu hohen Kosten gelagert werden; verderbliche Lebensmittel wie Butter und Fleisch drohten zu verrotten. Abgesehen davon, dass es um extrem knappe Devisen-Millionen ging, musste der Streik Rückwirkungen auf die öffentliche Ernährung haben, und das ausgerechnet in der Zeit des Kapp-Putsches, als die politische Lage in Deutschland außerordentlich angespannt war und insbesondere in den Industrieregionen eine große Lebensmittelnot herrschte. Die syndikalistische Federatie von Nederlandsche Transportarbeitere propagierte im Gegensatz zum gemäßigten, sozialdemokratischen Centraale Bond von Transportarbeideres einen politischen und nicht nur einen wirtschaftlichen Kampf. Die erklärte Solidarität mit der revolutionären Bewegung im Ruhrrevier als Reaktion auf den Kapp-Putsch spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Parole der radikalen Linken lautete Generalstreik.71

Barmat versprach Hilfe, indem er Reichswirtschaftsminister Schmidt zusicherte, er könne bei den niederländischen Gewerkschaften für den Abtransport der Warenlieferungen sorgen. Dazu reiste eine eigens zusammengestellte Abordnung aus Deutschland an, darunter der Vertreter der deutschen Transportarbeitergewerkschaft Johannes Döring, der mittlerweile aus dem Dienst beim Reichspräsidenten ausgeschiedene Reichstagsabgeordnete und gute Bekannte Barmats Franz Krüger (SPD) sowie Wilhelm Koenen (USPD, später KPD). Vom 7. bis 13. April fanden in Amsterdam und Rotterdam die Verhandlungen statt – in Amsterdam zeitweise im Geschäftshaus Julius Barmats, der zusammen mit seinem Vertrauten Matthijsen als Vertreter der holländischen Sozialisten bei den Verhandlungen anwesend war, ohne dass er dabei aber eine direkte Rolle spielte.

Die Verhandlungen, in die eine Reihe anderer Personen involviert war, gestalteten sich langwierig und kompliziert. Das dabei erzielte Arrangement mit den niederländischen sozialdemokratischen und syndikalistisch-kommunistischen Gewerkschaften war jedoch ein Erfolg – zumindest für die deutsche Regierung, da die Arbeiter zügig die Löschung der Lieferungen nach Deutschland und Österreich durchführten. Der Kompromiss bestand darin, dass die Hafenarbeiter als Gegenleistung dafür eine Erhöhung des Tageslohns von 6,60 Gulden auf den geforderten Lohnsatz von 8 Gulden erhielten. Doch der Teufel lag im Detail der Vereinbarung: Denn tatsächlich bekamen die Arbeiter weiterhin nur den bisherigen Tagessatz; der Differenzbetrag zu den 8 Gulden wurde offenbar stattdessen den Gewerkschaften zur Verfügung gestellt. Es ist nicht klar, wie das genau gehandhabt wurde: Vermutlich übernahm die Deutsche Transportzentrale in Rotterdam die Zahlung dieser Gelder; aber auch Barmat will als »Belohnung« für die Freigabe einen Beitrag für den Unterstützungsfonds der Streikenden geleistet haben, so jedenfalls erklärte er das später.72

Wer für das für Deutschland günstige Arrangement schließlich verantwortlich war, blieb ungeklärt (auch wenn einiges für die aktive Rolle der deutschen Delegation und Barmats spricht). Noch 1925 polterte Reichswirtschaftsminister Schmidt, die »Herren der Gesandtschaft« hätten gewusst, »was für einen Rock die Gräfin X oder Y in einer Gesellschaft angehabt hat, aber nichts über Arbeiterverhältnisse und Gewerkschaftsfragen«; wenig Ahnung schrieben er und andere in der Regierung auch den, so der Vorwurf Schmidts, inaktiven Reichsernährungsstellen zu, deren Beamte aus der Kaufmannschaft gemeinsame Sache mit ihren niederländischen Unternehmerkollegen gemacht hätten.73

Das schließlich gefundene Arrangement war aber auch in Gewerkschaftskreisen umstritten. Edo Fimmen, der bekannte linke Führer der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft, wandte sich in der Folgezeit scharf gegen Barmat: Der Kaufmann sei »immer nur ein Schieber gewesen, wie es deren in der kapitalistischen Gesellschaft in unbegrenzter Anzahl gibt«.74 Der Verdacht stand im Raum, dass der Reichswirtschaftsminister aus Dank für Barmats Einsatz bei der Lösung des Streiks diesem ein »großes Lebensmittelgeschäft« zugeschanzt habe. Beweisen ließ sich dieser Vorwurf nicht.75

Wie bereits erwähnt, fiel der niederländische Streik in die Zeit des Kapp-Lüttwitz-Putsches. Die Republik war bedroht, die Koalitionsregierung unter Gustav Bauer (SPD) kurzzeitig aus der Hauptstadt geflohen. Die Antwort der Gewerkschaften war ein – erfolgreicher – Generalstreik, der jedoch in Teilen des Landes in eine revolutionäre Aufstandsbewegung der Arbeiter mündete. Stockende Nahrungslieferungen aus den Niederlanden waren das Letzte, was die Regierung brauchte; dies wäre Wasser auf die Mühlen der radikalen Rechten wie der Linken gewesen. Barmat gab auf seine Weise eine Loyalitätsbekundung für die Republik ab, indem er der verfassungsmäßigen deutschen Regierung ohne jede Sicherheitsleistung Lebensmittel und Kredite zur Verfügung stellte. Reichkanzler Gustav Bauer lehnte diesen »Beweis des Vertrauens« angesichts der sich bald klärenden politischen Entwicklungen dankend ab. Aber der Sache haftete ein Beigeschmack an. War das einmal mehr ein Beispiel für die opportunistische »Vielseitigkeit« Barmats, wie der Abgeordnete Joseph Kaufhold (DNVP) meinte? Vor allem war das nicht ein Indiz dafür, wie eng Barmat und die Sozialdemokratie kooperierten?

Korruptionsdebatten im Übergang vom Kaiserreich zur Republik

Die Geschäftstätigkeit Barmats wurde von Anfang an kritisch beäugt und seit 1919 skandalisiert. Korruptionsdebatten waren nicht neu. Vor dem Krieg hatten insbesondere Sozialdemokraten immer wieder versucht, das Thema auf die politische Tagesordnung zu setzen.76 Seit der Revolution sah das anders aus: Viele der früheren Kritiker und die republikanischen Parteien wurden zur Zielscheibe massiver, vielfach schmutziger Korruptionsvorwürfe. Diese verbanden sich mit zahlreichen anderen Debatten, u. a. darüber, dass »die Juden« ihre schützende Hand über die Republik legten, ja dass sie die »Schutztruppe der Sozialdemokratie« seien.77

Öffentliche Skandalisierungen

Barmats große Lebensmittelgeschäfte mit dem Reich und dem Land Sachsen sowie die Amsterdamer Ereignisse im Zusammenhang mit dem Hafenarbeiterstreik hatten zur Folge, dass Schmidts Nachfolger als Ernährungsminister, der Zentrumspolitiker Andreas Hermes, sich weigerte, auch nur Gespräche mit Barmat zu führen, und das obwohl sich der Ex-Reichskanzler und Gewerkschafter Gustav Bauer sowie der sächsische Wirtschaftsminister Albert Schwarz für den Amsterdamer Unternehmer verwandten. Es stand die Behauptung im Raum, »Barmat sei ein Schieber«. Hermes wich aus, verwies auf die Verdächtigungen von Beamten der Reichsfettstelle, die sowohl Preise wie Qualität moniert hätten.78

Die Angelegenheit hatte ein Nachspiel. Hegte der bei dem Gespräch Bauers mit Hermes anwesende und außerordentlich erregte Barmat Rache und mobilisierte die SPD gegen den Zentrums-Minister? Der Leiter der Einfuhrgesellschaft des Reiches für Getreide und Futtermittel, ein bekannter Hamburger Kaufmann auf dem Gebiet des internationalen Getreidehandels, unkte rückblickend, dass die ablehnende Haltung von Minister Hermes der Grund für die in dieser Zeit von der SPD gegen ihn und sein Ministerium erhobenen Misswirtschafts- und Korruptionsvorwürfe gewesen sei. Absurd ist dieser Verdacht nicht. Auch Barmats Freund Ernst Heilmann (SPD) engagierte sich in der Angelegenheit und titulierte Hermes als »Volksschädling«.79

Hermes’ Verhalten gegenüber Barmat und dessen heftige Reaktionen lassen sich damit erklären, dass der Kaufmann seit dem Spätsommer 1919 massiven Angriffen ausgesetzt war. Die Spuren führen in die Niederlande, wo seit dem September ein anonymer Bericht mit dem Titel »Was man sich in eingeweihten Kreisen an der Börse in Rotterdam erzählt« zirkulierte. In leicht veränderter Form veröffentlichte die Handelskammer Bochum diesen Bericht in ihren Mitteilungen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es sich bei dem Autor um einen »Vertrauensmann der deutschen Regierung« handle: »Während zahllose deutsche Gemeinden und Fachverbände seit Monaten vergeblich versuchen, Einfuhrgenehmigungen für den Bezug von Lebensmitteln aus dem Auslande zu erhalten, während die zuständigen Reichsstellen das ihnen Mögliche aufbieten, Kredite im Ausland zu erlangen, weil ihnen die zur Bezahlung der gekauften Lebensmittel notwendigen Devisen nicht mehr zur Verfügung stehen, gibt es auch heute noch einzelne Bevorrechtete, die Einfuhrgenehmigungen in scheinbar unbegrenztem Umfange in Händen haben, die sich viele Millionen in ausländischer Währung mit leichter Mühe verschaffen und auf Kosten des deutschen Volkes ungezählte Summen in ihre Taschen strecken.«

In dem Bericht wurde Barmat erstmals einem größeren Leserkreis explizit vorgestellt. Dabei ging es um seine vermeintlichen Sympathien für die Bolschewiki wie »seine persönlichen Beziehungen zu den höchsten Regierungsstellen in Berlin« und in diesem Zusammenhang auch um den angeblichen Besitz eines Schreibens aus der Kanzlei des Reichspräsidenten, »wonach ihm bei allen Behörden jede gewünschte Unterstützung zu gewähren ist«. Vermerkt wurden auch Privilegien bei der Revision seines Gepäcks an der Grenze, überhöhte Preisabsprachen mit den Reichsbehörden und andere zweifelhafte Geschäfte, alles Themen, die dann später in der Presse und den Ausschüssen verhandelt wurden. Explizit antisemitische Formulierungen aus dem Rotterdamer Bericht strich die Bochumer Handelskammer, darunter den Hinweis, dass derjenige, der die Amexima in Amsterdam betrete, »die Bekanntschaft mit den Herren Cohn, Isaak oder Veilchenduft« mache.80 Andere Zeitungen fügten neue und schärfere hinzu: Der »Bolschewist Barmat« war demnach der »Millionennutznießer der deutschen Bettelarmut«, der sich zusammen mit anderen Glaubensgenossen auf Kosten der deutschen Bevölkerung bereicherte. Bis in die 1930er Jahre sollten immer wieder Passagen aus dieser Mitteilung der Bochumer Handelskammer abgedruckt oder zitiert werden.81

Alles deutete darauf hin, dass diese Skandalisierung der Geschäfte Barmats vom deutschen Generalkonsulat in Amsterdam gezielt gefördert, wenn nicht gar sogar betrieben wurde. Für den Generalkonsul von Humboldt war Barmat »ein wirtschaftlicher Schädling der schlimmsten Sorte für das deutsche Volk«, den er nicht begünstigen wollte.82 Der Ärger über die umstrittene Visumsvergabe im Frühjahr 1919 saß tief, zumal sich dieser Prozess nach Ablauf des Dreimonatsvisums im August in weniger spektakulärer Form wiederholte. Für noch mehr Unmut sorgten Gerüchte, Barmats Einfluss auf die deutschen Dienststellen in den Niederlanden sei so groß, dass sich der Kaufmann angeblich rühme, »dass er jedem, der es wollte, seinen Pass für die Reise nach Deutschland mit einem Visa versehen oder umgekehrt verweigern konnte«.83 Not amused waren die deutschen Diplomaten, wenn die linke Zeitung Het Volk im Oktober 1919 mit Blick auf Barmats Einfluss stichelte, man könne ihn ja zum neuen deutschen Gesandten in den Niederlanden machen.84 Zudem irritierte die Diplomaten, dass, so ihr Eindruck, eine Privatperson auf eigene Faust (Wirtschafts-)Diplomatie betrieb, etwa indem sie eine sächsische Delegation unter Führung des früheren Ministerpräsidenten Georg Gradnauer (SPD) mit belgischen sozialistischen Politikern wie Camille Huysmans und dem Minister für öffentliche Arbeit Edward Anseele miteinander in Kontakt brachte.85

Im Kreis konservativer Sozialdemokraten:
Gesellige Runden in Berlin und Schwanenwerder

Ein zentraler Grund für die beschriebenen Verdächtigungen war die Tatsache, dass sich Barmat seit seiner Ankunft in Deutschland im sozialdemokratischen Milieu der Stadt Berlin bewegte. Der Sozialdemokrat Wilhelm Keil, der 1920 im Auftrag des württembergischen Ernährungsministers Verhandlungen mit ihm in Berlin führte, berichtete in seinen Erinnerungen über einen Besuch bei dem Unternehmer, dem der Ruf vorauseilte, »gewaltige Mengen Fett«, »Fett, wonach die Bevölkerung lechzte«, aus Holland nach Berlin und Sachsen einzuführen. Er habe sich bei Barmat im Hotel Bristol angemeldet und »eine wunderbar ausgestattete Hotelwohnung« betreten. Barmat sei sofort auf sein Anliegen eingegangen, habe aber die geschäftlichen Bedingungen nicht direkt besprechen wollen. Er habe ihn zunächst zu einem »solennen Abendessen« eingeladen, bei dem führende Parteigenossen um die Tafel versammelt gewesen und edle Weine, Zigarren und Sekt serviert worden seien. Dabei wurde es wohl spät, und der Württemberger verabschiedete sich unter irgendeinem Vorwand »zu einer Stunde, als die Gesellschaft noch nicht daran dachte, sich aufzulösen«. Am folgenden Tag habe er zwar die ihm angebotene Zigarre und den Cognac angenommen, aber die Einladung zum Mittagessen abgelehnt; den Geschäftsabschluss über eineinhalb Millionen Mark überließ er seinem württembergischen Ernährungsminister, ebenfalls einem Sozialdemokraten.86

Diese Essen Barmats mit Parteifreunden wurden später genau unter die Lupe genommen. Stimmte es, dass sich der Amsterdamer Unternehmer privat mit Hausmannskost, gebratenen Heringen und Rindfleisch begnügte, wie sein Freund Ernst Heilmann im preußischen Untersuchungsausschuss den ungläubigen bis belustigten Zuhörern mitteilte? Oder wurde bei Barmat doch »geschlemmt«, wie das auch Keil insinuierte und was in einer Zeit mit »Schlemmereigesetzen« besonders verwerflich war? Das später verhörte Hotelpersonal des »Bristol« konnte das nicht bestätigen: Barmat lebte offenbar tatsächlich eher bescheiden und verhielt sich ansonsten nicht anders als die meisten anderen »Devisenausländer«, was vielen Deutschen in dieser Zeit aber verwerflich genug erschien.87 Von einem kommunistischen Abgeordneten auf die »glänzende Bewirtung« bei Barmat angesprochen, meinte der Gesandte Sachsens in Berlin, Georg Gradnauer (SPD), mit einem Augenzwinkern, dass das wohl stimmen möge – aber dass die Bewirtung »nicht so glänzend« wie etwa in der sowjetischen Vertretung gewesen sei.88

Barmat prahlte zweifellos mit seinen politischen Kontakten zur neuen republikanischen Regierung und versuchte, seine politischen Beziehungen gezielt auszuspielen. Für ihn, den Aufsteiger und Ausländer, der über keine langjährigen Verbindungen zu Politik und Bürokratie verfügte, waren diese Kontakte wichtiges soziales Kapital. Fast alle, die mit ihm in Berührung kamen, zogen solche Schlüsse – spätestens 1925. Einigen dämmerte dabei auch, dass Barmat die vielen Liebesgabenpakete, die er von Holland an Bedürftige sowie alte und neue Bekannte verschicken ließ, die Spenden wie die für ein Kinderheim im sächsischen Pirna, das er auf Bitte des sächsischen Ministerpräsidenten Schwarz unterstützte, oder die bescheidenen finanziellen Zuwendungen für das sozialdemokratische Köpenicker Tageblatt, gezielt als Werbekosten für seine eigene Sache einsetzte (was dann dem Vorwurf der Bestechung und Korruption Auftrieb gab). Barmat verstand solche Anschuldigungen nicht: Er, der über Geld verfügte, lud selbstverständlich seine Freunde und Geschäftskollegen ein, aus welchen Parteien auch immer sie stammten, egal ob bürgerlich oder von der Zweiten oder Dritten (kommunistischen) Internationale.89

Mehr als alles andere beflügelte Barmats wohnräumliche Nähe zu dem früheren Vordenker der russischen Linken, Geschäftsmann, Spekulanten und 1916 eingebürgerten »Ostjuden« Israil Lasare-witsch Helphand, genannt Alexander Parvus-Helphand, Verschwörungstheorien. Beide wohnten 1923 in Schwanenwerder, wohin Barmat Anfang des Jahres gezogen war. Wilhelm Keil kannte Helphand noch als Hungerleider aus den 1890er Jahren, als sich der aus Preußen ausgewiesene Sozialdemokrat zeitweise in Stuttgart niedergelassen hatte. Der russische Revolutionär und linke Theoretiker, der mit seinen Moralvorstellungen seit jeher seine deutschen Genossen zu schockieren vermocht hatte und vor dem Krieg aus der Partei ausgeschlossen worden war, hatte sich als Handeltreibender neu erfunden. Ab 1910 lebte er dank seiner Kontakte zu Jungtürken und türkischen sowie armenischen Sozialisten im Osmanischen Reich, wo er sich als Autor politischer und ökonomischer Schriften sowie als Unternehmer, genauer: als internationaler Waffenhändler, der mit deutschen und englischen Rüstungsfirmen wie Krupp und Vickers zusammenarbeitete, betätigte. Die Balkankriege und dann der Weltkrieg entwickelten sich für ihn zu einem großen Geschäft. Im Kontakt mit dem jungtürkischen Nationalismus wurde Helphand selbst ein glühender Nationalist, der schon vor dem Krieg Kontakte zu deutschen militärischen und diplomatischen Stellen pflegte. Wie bei Barmat saß sein Hass auf das Zarenreich tief. Gleich nach Kriegsausbruch 1914 befasste er sich mit Insurrektionsplänen für Russland, die zur Einschleusung Lenins nach Russland im Jahr 1917 führten. Die Revolution in Russland sollte den Weg nicht für die Bolschewiki, sondern für ein neues sozialdemokratisches Zeitalter ebnen. In diesem Zusammenhang hatte der Ex-Revolutionär große Pressepläne, ganz ähnlich denjenigen, die offenbar auch Barmat 1919 ventilierte.

1920 war Helphand wieder in Berlin, nachdem die Schweizer Behörden den politisch verdächtigen Revolutionär aus seinem noblen Domizil am Zürichsee und dem Land verwiesen hatten.90 Wilhelm Keil war auf jeden Fall erstaunt, als er Helphand, den er noch mit zerfransten Hosen in Erinnerung hatte, nun nach dem Krieg in Schwanenwerder »wohlgepflegt im eleganten Anzug« und mit einer jüngeren Frau an der Seite wiederbegegnete. Weitere Einladungen Barmats schlug Keil aus, und zwar nicht nur, weil er, wie er vermerkte, von den delikaten Speisen nicht satt wurde: »Die ganze Atmosphäre sagte mir nicht zu. Ich mochte nicht Stipendiat eines Kriegsgewinnlers sein. Wenn Parteifreunde von Rang sich hier wohl fühlten, so fand ich damit das Wort bestätigt: Über den Geschmack läßt sich streiten.«91 Leider enthält Keil in seinen Erinnerungen dem Leser vor, wer die »führenden Parteigenossen« waren, die er beim Essen mit Barmat wie dann auch bei Helphand antraf. Beide hatten offenbar denselben Bekanntenkreis, auch wenn es keine Hinweise darauf gibt, dass Julius Barmat und Helphand miteinander in geschäftlichen Verbindungen standen, ja nicht einmal, dass sie persönliche Kontakte pflegten. Zum gemeinsamen Bekanntenkreis zählten neben dem Ex-Reichskanzler Philipp Scheidemann der SPD-Parteivorsitzende Otto Wels, dessen Sohn Sekretär von Helphand war, der preußische Kultusminister Konrad Haensch, der zeitweilige sächsische Ministerpräsident (1919), Reichsinnenminister (1921) und sächsische Gesandte in Berlin Georg Gradnauer und neben Ulrich Rauscher und Victor Neumann wahrscheinlich auch der spätere Reichskanzler Hermann Müller sowie der Politiker Ernst Heilmann und der Journalist Erich Kuttner.92 Wie der Berliner Polizeipräsident Richter (SPD) später aussagte, verabredete man sich meist »zwang- und formlos« im Reichstag oder Landtag und begab sich dann oft ins Hotel Bristol, wo Barmat logierte: »Wenn wir zu Herrn Barmat hinkamen, lud er in der Regel zum Abendessen ein«, das in den Zimmern eingenommen wurde. Der »Hauptzweck« für die Besuche war, so Richter, »daß ich dort in der Regel politische Freunde traf, mit denen ich meine Meinungen über politische Fragen austauschen konnte«.93

Der aus der Partei ausgeschlossene Helphand war in der SPD zwar umstritten, aber nicht ohne Einfluss. Im Gegenteil: Seit dem Krieg sammelte sich um ihn, besser gesagt um Helphands Presseorgane, eine Gruppe von stark nationalistisch orientierten Sozialdemokraten, die den Kriegskurs des Deutschen Reiches vorbehaltlos unterstützten, sei es aus Patriotismus, sei es, weil sie mit Krieg und Kriegssozialismus eine neue sozialdemokratische Ära heraufziehen sahen. Diese Gruppe verband die 1915 von Helphand zunächst als Halbmonats-, dann als Wochenschrift ins Leben gerufene und finanzierte Zeitschrift Die Glocke. Sie erschien im Verlag für Sozialwissenschaft, in den 1917 auch die erworbene Internationale Korrespondenz über Arbeiterbewegung, Sozialismus und ausländische Politik sowie die Sozialdemokratische Feldpost integriert wurden.94 Der Verlag für Sozialwissenschaft war insofern von – heute weithin unterschätzter – Bedeutung, als darin bis 1925/26 zahlreiche republikanisch-staatstragende Publikationen, darunter auch Schriften, die Barmat verteidigten, erschienen.

Viele Autoren, darunter bekannte Parteiführer der Republik, die seit dem Krieg zum Teil von anderen Zeitschriften wie den Sozialistischen Monatsheften abgeworben worden waren, kamen dank Helphand in Lohn und Brot. Ein Linker wie Karl Radek hatte denn auch nur Spott und Verachtung für diese Gruppe von Sozialdemokraten übrig, die sich auf die Seite Ludendorffs und der »Reaktion« stellten. Mit diesem Urteil unterschied er sich wenig von dem aus dem Eulenburg-Skandal der Vorkriegszeit bekannten Enthüller homosexueller Beziehungen der Entourage um den Kaiser, dem Publizisten Maximilian Harden. Höhnend zitierte Radek den von Parvus-Helphand schon im Krieg »gemietheten Redakteur« der Glocke, Conrad Haenisch, dass es das Ziel sein müsse, »die deutsche Arbeiterschaft zum deutschen Staatsgedanken zu erziehen«. Die Zukunft des deutschen Kapitalismus und damit die Zukunft der deutschen Arbeiterbewegung zu gefährden, hieße auch die Zukunft des internationalen Sozialismus zu gefährden, hatte der 1918 zum preußischen Kultusminister ernannte Haenisch zu Beginn des Krieges geschrieben. Andere, wie die Sozialdemokraten Paul Lensch und Heinrich Cunow, in deren Umfeld sich auch Barmats Freund, der Vorsitzende der preußischen SPD Ernst Heilmann bewegte, hatten sich, wie andere Autoren im Umfeld der Glocke, vehement auf die Seite der Verfechter eines Siegfriedens Deutschlands geschlagen und sich zudem auch für Annexionen ausgesprochen.95

Es war allgemein bekannt, dass die Publikationen des Verlags für Sozialwissenschaft nicht nur auf hohe Zuschüsse des »Kriegsgewinnlers« Helphand angewiesen waren, sondern dass er auch außergewöhnlich gute Honorare bezahlte. Über die politischen Einflüsse im Hintergrund mochte man spekulieren: Der Herausgeber der Feldpost, der preußische Sozialdemokrat Erich Kuttner, der im Skandal 1925 als Verteidiger Barmats eine zentrale Rolle spielen sollte, hatte die Zeitung auf einem strammen Kriegskurs gehalten, wobei die Heeresleitung einzelne Artikel Kuttners offenbar als Flugblätter in Massenauflage verbreitet hatte. Wie etwa Ernst Heilmann war auch er ein rabiater Antibolschewist.96

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich um Barmat wie Helphand konservative Sozialdemokraten gruppierten. Ein – seriöser – Insider wusste zu berichten, dass eine mit dem Verlag für Sozialwissenschaft räumlich verbundene Wohnung in der in der Nähe des Reichstags gelegenen Regentenstraße SPD-Führern während des Kriegs und während der Revolutionsphase als »neutraler Boden für Besprechungen« gedient hatte. Andere, von den Gesprächen Ausgeschlossene, sahen das anders: Es kam der Verdacht auf, dass an diesem Ort konspirative Pläne der Partei-Rechten der SPD gegen die Linke geschmiedet worden waren.97

Der Fall Sklarz

Personen aus dem informellen politischen Kreis, die sich gelegentlich in Schwanenwerder um Helphand versammelten, standen erstmals 1919/20 im Mittelpunkt scharfer Angriffe und von Skan-dalisierungsversuchen – also zur gleichen Zeit, als auch die Lebensmittelgeschäfte Barmats erstmals Gegenstand öffentlicher Empörung wurden.98 Im Zentrum befand sich mehr noch als Helphand sein Kompagnon, der in Breslau geborene Georg Sklarz, der ebenfalls jüdischer Konfession war.

Anfang 1920 erschien in der deutsch-völkischen Buchhandlung Fr. Warthemann in Berlin die Broschüre Der Rattenkönig. Revolutions-Schieber und ihre Helfer. Die Wahrheit über den Fall Sklarz. Der anonyme Autor publizierte unter dem Pseudonym Sincton Upclair, dem verballhornten Namen des bekannten sozialkritischen Schriftstellers Upton Sinclair, mit dem Zeitgenossen das »muckraking«, das Aufwirbeln von Mist und Dreck, d. h. die Anprangerung von sozialen und politischen Missständen verbanden. Dem Verfasser des Rattenkönigs ging es um die »Reptilien aus dem roten Sumpf«, die Korruption der Republik und der Sozialdemokraten.99 Die auf dem Titelblatt abgedruckte Lexikonnotiz evoziert darüber hinaus ein anderes, nicht minder drastisches Bild, nämlich das einer Verschwörung: »Der Rattenkönig ist eine Gesellschaft von Ratten, die im Nest durch eigenen Schmutz und Unrat derart verknüpft und verfilzt sind, daß sie nicht mehr auseinander können.«

Im Mittelpunkt des Rattenkönigs standen dubiose Import- und Exportgeschäfte Helphands und Georg Sklarz’, die allesamt auf deren Involvierung in die Russische Revolution, und zwar in Verbindung mit dem Auswärtigen Amt, verwiesen. In Berlin pfiffen die Vögel von den Dächern, dass Helphand und Georg Sklarz im Zusammenhang mit den Plänen zur Revolutionierung Russlands Handelsprivilegien erhalten hatten und zahlreiche Geschäfte nach der Revolution weiterführen konnten; einige wussten zweifellos auch, dass Georg Sklarz für den militärischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Im Mittelpunkt des Pamphlets standen aber vor allem Sklarz’ Aktivitäten während der deutschen Revolution, bei denen sich Politik und Geschäft tatsächlich auf eklatante Weise verquickt hatten. Sklarz hatte nicht nur Export- und Importgenehmigungen, sondern auch Vollmachten zum Aufkauf von Lebensmitteln erhalten, und zwar im Zusammenhang mit der Marketenderei für die Versorgung von republikanischen Truppen mit Lebensmitteln in Berlin (wie dann auch für das Freikorps Lüttwitz im Frühjahr 1919). Diese Lebensmittellieferungen wurden im Nachhinein aus der Reichskasse bezahlt. Im Rattenkönig war die Rede von »Koffern«, ja »ganze[n] Droschken voll« Nahrungsmitteln und »Fässern von Margarine«, die Sklarz zur Bestechung republikanischer Politiker gedient hätten, um an diese öffentlichen Aufträge zu gelangen.100 Neben dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert wurde vor allem der Reichskanzler Philipp Scheidemann (SPD), dessen Schwiegersohn Fritz Henk für Sklarz arbeitete, unflätig beschimpft, und Scheidemanns Ruf sollte im Zuge der Kampagne nachhaltig beschädigt werden.

Von den Russlandgeschäften abgesehen, waren die erhobenen Vorwürfe ziemlich absurd. Mit Blick auf unsere weitere Geschichte sind aber verschiedene Punkte von Bedeutung, und das nicht nur, weil in der Folgezeit im Zusammenhang mit Barmat immer auch auf den Fall Sklarz Bezug genommen werden sollte.

1. Mehr noch als in der bisherigen Geschichte Barmats taucht im Fall Sklarz der Topos von »den Juden« auf, die Helfershelferdienste für die Sozialdemokratie leisteten. Das hatte bei Sklarz einen realen Hintergrund, denn er war maßgeblich an der Gründung der privaten Berliner Wachdienst G.m.b.H beteiligt, aus der noch im Dezember 1918 der sogenannte Helferdienst der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands hervorging. Im Zusammenhang mit dem »Spartakusaufstand« und den nachfolgenden Unruhen in Berlin im Januar 1919 wurde diese Truppe zur Besetzung und Sicherung des Reichstags abkommandiert, wobei sich einmal mehr der Name änderte: Die Bezeichnung lautete nun Republikanische Schutztruppe, die aus zwei Regimentern namens »Reichstag« und »Liebe« bestand. Georg Sklarz spielte dabei die eigentümliche Rolle nicht nur eines privaten Unternehmers und Kriegsfinanziers, sondern auch eines Marketenders (was nun alles ganz der Weber’schen Definition des »vormodernen«, »politischen Kapitalismus« entspricht). Als der Wache der Reichskanzlei und den übrigen Truppeneinheiten, darunter das Regiment »Reichstag«, im Zuge des Spartakusaufstands der Proviant ausging, griff die Provisorische Reichsregierung auf die von Sklarz angebotene Hilfe zurück: »[F]ür Überlegen war keine Zeit«, so Friedrich Ebert rückblickend; ohne Sklarz, so Scheidemann, »hätten (wir) totsicher [sic!] die spartakistische Herrschaft bekommen«.101 Sklarz hatte offenbar einen Blankokredit über 750000 Mark vom Berliner Bankhaus S. Bleichröder aufgenommen und will, wie er später – wohl etwas vollmundig – versicherte, zusammen mit eigenen Mitteln über »1,200 000 Millionen [sic!] ausgegeben [haben], ohne Sicherheit oder auch nur ein Versprechen zu haben, dass ich jemals einen Pfennig zurückerhalten würde«.102 Dafür erhielt Sklarz von Ebert und Scheidemann unterschriebene Vollmachten, die ihm und seinen Helfern unter Umgehung der öffentlichen Stellen den Ankauf von Lebensmitteln ermöglichten.

Revolutionäre Profitgier schien über politische Moral und Sauberkeit zu siegen – so sahen es auf jeden Fall die Kritiker. Und nicht nur das: Den einen war es ein Gräuel, wie sich die angeheuerten republikanischen Soldaten im Reichstag aufführten und Inventar zerstörten und entwendeten. Aber das war nur die eine Seite. Andere – nicht unbegründete – Vorwürfe reichten von Misshandlungen bis Mord an in Haft genommenen spartakistischen Soldaten; das betraf auch den später loyalen Barmat-Gefährten Erich Kuttner, der einen Spartakisten in Notwehr erschossen hatte, was ihm noch Jahre später die Kommunisten, aber auch Nationalsozialisten vorwerfen sollten.103 Tatsächlich herrschte in den Reihen der republikanischen Truppen eine ausgeprägte anti-spartakistische Stimmung. Einer seiner früheren Mitstreiter aus dem militärischen Geheimdienst charakterisierte den Anti-Bolschewisten Georg Sklarz folgendermaßen: »Er [Sklarz – MHG] wolle nicht, dass in Deutschland auch die Kinder mit dem Schädel gegen die Wand geschlagen werden und jeder, der mit einem Stehkragen herumlaufe, auf der Straße ermordet wird.«104 Überdies gab es Gerüchte, dass Sklarz eine Kopfprämie für die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ausgelobt habe.105 Kein Wunder, dass die radikale Linke den Verrat der Sozialdemokratie an der Revolution skandalisierte.

2. Die Revolution als »großes Geschäft«, und zwar in Tateinheit mit Korruption, tauchte zunächst in konservativen Polemiken gegen die »A[rbeiter]- und S[oldatenräte]-Wirtschaft« auf. Bald war in der konservativen Presse die Rede von »Revolutionsgewinnlertum«. Von hier war es kein großer Schritt mehr zum Vorwurf der »revolutionären Miß- und Korruptionswirtschaft«, auf welcher die junge Republik angeblich beruhte.106 Hier setzten die Korruptionsdebatten ein, mit denen zunächst insbesondere der erste Finanzminister der Republik Matthias Erzberger (Zentrum), ein scharfzüngiger Kritiker der kaiserlichen Eliten, überzogen wurde.

Den ersten massiven Angriff lancierte im Sommer 1919 der frühere Staatssekretär im Reichsfinanzministerium Karl Helfferich (DNVP) mit seinem Pamphlet Fort mit Erzberger!. Helfferich attackierte den vom anfänglichen Annexionisten zum Mitinitiator der Friedensresolution 1917 mutierten Politiker und Unterzeichner des Waffenstillstandsvertrags als »Reichsverderber«. Neben Meineid und Landesverrat warf er Erzberger auf jedem Schritt seiner Karriere »eine unsaubere Vermischung politischer Tätigkeit und eigner Geldinteressen« vor. Helfferichs Leitmotto »Korruption« als »Schwester von Demokratie und Parlamentarismus« wurde von »Sincton Upclair« im Rattenkönig nicht nur zitiert, sondern auch systematisch, gegen die Sozialdemokratie gerichtet, weitergesponnen.107 In die gleiche Richtung zeigten zwei weitere mit Sincton Upclair gezeichnete Schriften: Die Korruptionszentrale und Erzberger kommt wieder!!!.108 Die ersten öffentlichen Angriffe auf Barmat zur gleichen Zeit sind in diesem Kontext des aufblühenden Korruptionsdiskurses zu sehen.

3. Der Rattenkönig erschien in einem deutsch-völkischen Verlag. Das verweist auf die spätere Skandalisierung Barmats im Umfeld der Völkischen und der Deutschnationalen. Tatsächlich führt die Autorenschaft des Rattenkönigs aber zunächst in die Reihen der Linken, namentlich zu Personen, die aus privaten wie aus grundsätzlichen Gründen ein Interesse an der Skandalisierung von Sklarz und der SPD-Führung hatten. Triviales vermischte sich mit politischen Motivationen: Der ursprüngliche Initiator war der sozialdemokratische Journalist Hermann Sonnenfeld, dessen Sohn nicht nur für Sklarz gearbeitet hatte, sondern samt der Sklarz’schen Sekretärin mit einer beträchtlichen Summe Geld aus der Betriebskasse und entwendeten Geschäftsdokumenten ins Ausland geflohen war, woraus sich ein Fall von Erpressung entwickelte (der auf Betreiben von Sklarz ein gerichtliches Nachspiel haben sollte).

Als Erster griff Maximilian Harden, der Herausgeber der Zeitschrift Die Zukunft, den Fall auf. Dieser über Deutschland hinaus bekannte, bei der politischen Rechten auch wegen seiner jüdischen Konfession verhasste deutsche Publizist und muckraker hatte vor dem Krieg eine wichtige Rolle beim bereits erwähnten Eulenburg-Skandal gespielt. Harden stand in der Causa Sklarz in engem Kontakt mit seinem alten Bekannten Georg Davidsohn, einem promovierten Philosophen und Journalisten, der seit 1912 für die SPD im Reichstag und in der Nationalversammlung saß, wo sich der Vertreter der Anti-Alkoholbewegung und sozialistischen Eugenik auf dem eher trockenen Feld der Geschäftsordnung hervorgetan hatte.109 Davidsohn zählte zu den Zukurzgekommenen der Revolution, die überall die Ausbreitung eines krassen Materialismus sahen und Ressentiments gegen »Kriegsgewinnler« wie Georg Sklarz und Parvus-Helphand hegten, wobei neben politischen Bedenken wahrscheinlich auch seine Abneigung gegen Ostjuden eine Rolle spielte. Das vermischte sich bei Davidsohn mit einer genuinen Kapitalismuskritik, die in der Form einer Korruptionskritik vorgetragen wurde. Die SPD müsse sich von zwielichtigen Gestalten wie Sklarz distanzieren, lautete die Parole.

Enttäuscht von der Ablehnung, auf die sie in der Partei stießen, gingen Sonnenfeld und Davidsohn mit dem Enthüllungsmaterial bei der Berliner Presse hausieren und landeten schließlich bei dem den Deutschnationalen nahestehenden Pressedienst von Vater und Sohn Sochaczewski, die gleichermaßen politisches wie kommerzielles Interesse an der Geschichte hatten. Vater Martin Sochaczewski war als Mitarbeiter und Chefredakteur mehrerer Zeitungen im konservativen Umfeld gut vernetzt; bei der Gründung 1921 trat er dem Verband nationalkonservativer Juden bei. Seit dem 25. November 1919 verteilte sein Pressedienst hektografierte Berichte mit Titeln wie »Revolutionsschieber«, »Geschichte der Glocke« (bei der Glocke handelte es sich um die oben erwähnte, von Parvus-Helphand lancierte Zeitschrift, der vorgeworfen wurde, gegen gute Honorare Politiker zu kaufen), »Gefälschte Dokumente« und »Roßfleisch statt Rindfleisch«.110 Diese journalistischen Handreichungen fanden zusammen mit später erzählten Geschichten den Weg in den Rattenkönig.

Diese Zusammenhänge sind nicht nur von Bedeutung, weil Transferprozesse zwischen linker und rechter Korruptionskritik deutlich werden. Aufmerksamkeit verdient dabei zunächst besonders das Engagement der Linken, die in der Vorkriegszeit Skandale und Korruption als Mittel der Herrschaftskritik eingesetzt hatte. Seit der Revolution wurde diese Kritik nun vom linken Flügel stark zugespitzt und richtete sich nicht zuletzt gegen Personen, die vormals zu scharfen Kritikern des Kaiserreichs gehört hatten. Auch vor diesem Hintergrund erklärt sich das Engagement der Linken im Fall Sklarz, wie später dann auch im Fall Barmat. Die zu dieser Zeit weitverbreitete USPD-Zeitung Die Freiheit und Franz Pfemferts Die Aktion. Zeitschrift für revolutionären Sozialismus schossen sich auf das Thema »Sklarz« ein, und den Widerhall finden wir in den folgenden Jahren bei so unterschiedlichen Personen wie dem KPD-Reichstagsabgeordneten und Historiker Arthur Rosenberg sowie dem Theaterregisseur Erwin Piscator, die beide aus der radikalen Antikriegsbewegung stammten.111 Immer ging es um »Kriegsund Revolutionsgewinnlerei«, um Profitgier, die über politische Moral triumphierte und einen Beigeschmack von Niederträchtigkeit, Gemeinheit und »Brudermord« hatte. Eine gute Illustration ist die private Anklageschrift gegen Sklarz, die Sonnenfels sen. in Form des Gedichts Protest gegen den 9. November formulierte, worin die Revolution als eine Verfallsgeschichte infolge von politischem Schieberund Gaunertum beschrieb wird:

»Ha, wie verachte ich heimliches Verschwören,

Und wie ich hasse, Meuchelmörderhand,

Wenn in des Volkesretters Ruhmgewand,

Schieber und Gauner meinen Groll empören.

Aus der Hefe entstiegen zur Höhe,

Halten sie offen die schmutzige Hand;

Nichts an ihrem äußeren Gewand

Zeigt die Stacheln der saugenden Flöhe.

[…]

Ich werde dem Volk noch viel erzählen,

Was sich begeben seit dem 9. November,

In Steglitz, Regentenstraße und Bendler-,

Wie Minister und Gauner sich vermählen.«112

Diese Auseinandersetzungen in den Reihen der politischen Linken sind im Auge zu behalten, denn sie erklären das spätere Engagement des linken SPD-Flügels sowie der KPD in der Causa Barmat. Auch die der Berliner Demokratischen Partei zuzurechnende Berliner Volks-Zeitung schoss sich Anfang 1920 nicht nur auf Sklarz, sondern einen, wie man mutmaßte, damit zusammenhängenden neuen »Fall« ein, nämlich den des Julius Barmat. Dieser setzte sich aber vehement zur Wehr und verklagte die Urheber erfolgreich; die Verantwortlichen der Berliner Volks-Zeitung und der Deutschen Zeitung mussten eine Ehrenerklärung abgegeben.113

4. Ein wichtiger Nebenstrang der Ereignisse um den Fall Sklarz verweist ebenfalls auf die Zukunft. Denn die Berliner Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen den Kaufmann Sklarz, sah sich dann aber bald selbst massiven Vorwürfen ausgesetzt, Recht mit politischen Interessen, wenn nicht gar mit antisemitischen Ressentiments zu vermischen. Ein Disziplinarverfahren und dann die Wegberufung des federführenden Berliner Staatsanwalts war das Menetekel, das noch ein langes Nachspiel haben sollte. Denn dieser Staatsanwalt setzte das sich lange haltende Gerücht in den Raum, dass es aus den Reihen der preußischen Regierung im Auftrag von Sklarz einen Bestechungsversuch gegeben habe, womit man ihn, den Staatsanwalt, angeblich zum Schweigen bringen wollte.114 Solche Geschichten erzählte man sich im Umfeld der politischen Rechten, und wie wir sehen werden, ließen sich dabei vielfältige Verbindungen auch zum Fall Barmat herstellen.

Antisemitische Verschwörungsfantasien

Fünf Jahre nach der Publikation des Rattenkönigs sprach der rabiate württembergische Antisemit Alfred Roth alias Otto Arnim 1925 vom »Rattenkönig Barmat«.115 Und fünfzehn Jahre später zeigte der nationalsozialistische Hetzfilm Der ewige Jude im Zusammenhang mit der Darstellung der Wanderung und Ankunft der Ostjuden in Deutschland einen Rattenkönig, inmitten eines Knäuels von mit ihren Schwänzen miteinander verflochtenen lebenden Ratten. 1919/20 grassierte in Deutschland ein bis dahin in dieser Form wenig bekannter Antisemitismus, der sich bis weit in die Gesellschaft erstreckte. Fragen wirtschaftlicher und sozialer Not, von Hunger und Teuerung, vermischten sich mit Revolutions- und Korruptionskritik und eindeutig rassistischen Diffamierungen zu einem soziokulturellen Syndrom des Antisemitismus. Selbst der später als Freund Julius Barmats in den Skandal gezogene Berliner Polizeipräsident Wilhelm Richter (SPD) sprach im Sommer 1920 in einem Schreiben an das preußische Innenministerium von einer »Ostjudenplage«, die Berlin »nicht nur lästige, sondern höchst gefährliche Ausländer« beschere. Mit Blick auf den illegalen Handel mit Gold, Brillanten und Banknoten war von »ausländischen Parasiten« die Rede. In der bestehenden Regelung, die eine Duldung und wohlwollende Behandlung vorschrieb, sah er ernste Gefahren für die Zukunft, und zwar wirtschaftlich und gesundheitlich; diese Auffassung werde auch »von einwandfreien deutschen Juden geteilt und habe nichts mit antisemitischen Bestrebungen zu tun«,116 so die nachgerade klassische antisemitische rhetorische Figur. Um die Dringlichkeit seines Arguments zu betonen, fügte er seinem Schreiben einen Bericht seines Amtsvorgängers Eugen Ernst (USPD) bei, der ein noch drastischeres Bild gezeichnet hatte: In Teilen des alten Scheunenviertels (Grenadier-, Dragoner- und anliegende Straßen) habe sich ein wahres Getto entwickelt, das im Berliner Volksmund allgemein die »jüdische Schweiz« genannt werde. Neben den Gefahren für die Volkshygiene und das wirtschaftliche Leben betonte er besonders die politischen Gefahren, nämlich die »bolschewistischen Anschauungen«. Vor diesem Hintergrund plädierte Richter ähnlich wie sein Amtsvorgänger für eine rasche Abschiebung in die Heimat. Bis dahin müssten die Ostjuden in Gefängnislagern untergebracht »oder richtiger gesagt unschädlich« gemacht werden. Verwiesen wurde auf das »aus tausend Wunden« blutende deutsche Vaterland.117 Ähnlich drastische Stimmen ließen sich aus dem preußischen Innenministerium zitieren, das sich, wie wir sahen, zur gleichen Zeit scharfen Anfeindungen wegen seiner Duldung von osteuropäischen jüdischen Flüchtlingen aus humanitären Gründen ausgesetzt sah.118

Die Stellungnahme Richters war mit großer Sicherheit nicht von ihm selbst verfasst worden, sondern stammte aus der labyrinthischen Bürokratie des Berliner Polizeipräsidiums am Alexanderplatz, in diesem Fall wohl der Fremdenpolizei. All das hinderte die radikale Opposition nicht, die Sozialdemokraten scharf anzugreifen. Hatte die preußische Regierung im November 1918 nicht die zuvor erlassene Grenzsperre für Ostjuden aufgehoben? Hatte sie nicht Personen wie Julius Barmat begünstigt? Solche von den Radikalen im politischen Kampf selbst gestellte Fragen beantworteten sie eindeutig: Die Sozialdemokraten schützten die Juden. Diese Politik habe es ermöglicht, dass sich Männer wie Julius Barmat, Iwan Kutisker und »Tausende von minder prominenten galizischen und russischen Juden […] in Berlin breit gemacht, hier im Gegensatz zu einheimischen Bedürftigen zum Teil Paläste bezogen und in kurzer Zeit die finanzielle Sahne der Meuterei von 1918 abgeschöpft« hätten.119 Wohnungsnot, Schieberei und Wucher, illegaler Handel mit Wertmetallen und Kriminalität waren wiederkehrende Themen, die nicht nur die Deutschnationalen in den Wahlkämpfen insbesondere 1924 traktierten, ganz zu schweigen von den Radikalen im Umfeld der Völkischen.120 Alltägliche Fragen von Nahrungs- und Wohnungsnot spielten dabei eine zentrale Rolle.

Die Ausbreitung und Radikalisierung des Antisemitismus in den ersten Jahren unmittelbar nach dem Krieg sind oft beschrieben worden. Es war ein Mikromilieu eigener Art, zunächst vor allem im Umfeld der radikalen Rechten einschließlich der DNVP, von der sich 1922 ein radikaler, dezidiert antisemitischer Flügel, die Deutschvölkische Freiheitspartei, abspaltete. Auf diesem völkischen Flügel tummelten sich viele Organisationen, nach der Revolution zunächst am bedeutsamsten der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund. Die frühen Auseinandersetzungen 1919/20 zeigen aber zugleich, wie diffus die Frontlinien verliefen, wenn es um das Thema »Korruption« ging, bei dem sich Positionen von Völkischen, sozialdemokratischen Renegaten wie Sonnenfeld und Davidsohn sowie von Mitgliedern der Demokratischen Partei überschnitten. 1925 spielte dann die KPD die Klaviaturen populärer Ressentiments, allen voran Karl Radek und mit ihm die sogenannten »Ultraradikalen«, die auch Erinnerungen an den Krieg wachhielten. Sie alle appellierten an Stereotype, in deren Mittelpunkt »Wucherer«, »Schieber«, »Kriegs«- und dann auch »Inflationsgewinnler« standen. Für die Linke waren das die Blüten des Kriegskapitalismus.121 Im Umfeld der Konservativen findet man einen ungezügelten Hass auf Institutionen der Kriegswirtschaft, die mit »den Juden« in Verbindung gebracht wurden: Die Zeitschrift für Nahrungsmittel sprach im Oktober 1919 vom »bolschewistische[n] Reichsmakler Barmat«, dem man unterstellte, »wohl ähnlich Braunstein-Trotzki [gemeint war Leo Trotzki – MHG] seinen Namen umgeschnitten« zu haben; dabei wurden Vergleiche mit der Ballin’schen Z.E.G. (Zentrale Einkaufsgenossenschaft unter Führung des als Juden diffamierten Reeders Albert Ballin) hergestellt, deren »werktätige Meister und Geister in die der neuen Reichseinfuhrstellen verwandelt werden mußten, als die Z.E.G.-Skandale zum Himmel stanken«.122

Wie kein anderer traktierte der weit über Stuttgart hinaus bekannte Alfred Roth das Thema »Kriegswirtschaft und Juden«. Seine 1925 auf Grundlage früherer Publikationen mit heißer Nadel gestrickte Flugschrift Von Rathenau zu Barmat aus dem Jahr 1925 ist dafür ein gutes Beispiel (siehe Abb. 3, S. 83): Der als Jude stigmatisierte Walther Rathenau wird als Begründer der deutschen Kriegswirtschaft, die angeblich jüdischen wirtschaftlichen Interessen diente, dargestellt; Julius Barmat und andere Personen jüdischer Konfession erscheinen als Rathenaus wahre Erben. Roth zog alle Register der antisemitischen Agitation, wie sie im Umfeld des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes Konjunktur hatten. Demnach waren die Juden an allem schuld: dem »feigen« Kriegsende und Friedensschluss, der Teuerung und der Kriegszwangswirtschaft, Hunger, Not und Elend. Das waren die Themen von Flugblättern und Handzetteln, in denen eine »Ostjudenplage« beschworen wurde.123

Dabei spielten auch die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion eine, wenn auch auf den ersten Blick nur periphere Rolle. In dem vermutlich von Alfred Rosenberg verfassten Artikel »Barmat & Co oder der größte Sieg der Demokratie« in der antisemitischen Zeitschrift Der Weltkampf war zu lesen, dass die Ereignisse auch auf Deutschland verwiesen. Aus den Protokollen wurde eine Passage zitiert, die, um eine moderne Diktion zu benutzen, ein vermeintliches Abhängigkeitsverhältnis von Klient und Agent skandalisierte: »Um ganz sicher zu gehen, werden wir [d.h. die »Weisen von Zion« – MHG] die Wahl zum Präsidenten auf solche Personen lenken, deren Vergangenheit einen nur uns bekannten dunklen Punkt, ein ›Panama‹ [eine Anspielung auf den Panama-Skandal der französischen Republik in den 1890er Jahren – MHG] aufweist. Diese werden dann gehorsame Vollstrecker unserer Geschäfte sein, aus Furcht vor Enthüllungen und von dem natürlichen Bestreben geleitet, die mit dem Präsidentenamt verbundenen Vorrechte, Einkünfte und Würden weiterhin zu genießen. Das Haus der Abgeordneten wird den Präsidenten wählen, decken und stützen.« Mit juristischer Spitzfindigkeit wurde in einer Fußnote betont, dass man diese Passage nicht als Motto über den Aufsatz gestellt habe, da er in dem Sinne hätte ausgelegt werden können, »als habe Herr Ebert vor seiner Wahl einen ›dunklen Punkt‹ in seiner Vergangenheit gehabt, und sich deshalb auf Gedeih und Verderb den jüdischen Parasiten verschrieben«. Dennoch, so der anonyme Autor des Artikels, sei »klar: die Kutiskers und Barmats haben es überall versucht, bei allen führenden Persönlichkeiten ein ›Panama‹ zu schaffen, um sie dann in der Hand zu haben«.124 So begann der Artikel, der ausführlich (und trotz aller Verdrehung der Fakten einigermaßen kenntnisreich) von der umstrittenen Ankunft Barmats in Deutschland und von seinen Verbindungen zu den Bolschewiki und zur SPD einschließlich Friedrich Ebert handelte. Es ging hier nicht nur um das »Dreigestirn Ostjudentum, Sozial-Demokratie und Finanzgauner«, wie es mit Blick auf die Roth’sche Flugschrift Von Rathenau zu Barmat hieß.125 Was sich darüber hinaus frühzeitig abzeichnete, nämlich dass sich bei Barmat in Amsterdam 1919 die ganze europäische Sozialdemokratie versammelt habe, wiederholte sich, so die Unterstellung, in Berlin, konkreter: in Schwanenwerder, wo die »Ausplünderung Deutschlands« ausgeheckt worden sei. Die Geschäfte Barmats wurden dabei mit Beschlüssen in Verbindung gebracht, die an diesem Ort gefällt wurden, nämlich dass sich im »Jahre 1919 eine Gruppe führender Sozial-Demokraten bei dem bekannten Ostjuden Parvus-Helphand« zusammengesetzt und beschlossen habe, »die Sozialisierung nicht mehr direkt zu verlangen, sondern die Enteignung aller Vermögen durch die Inflation herbeizuführen«. Dieser Plan sei gelungen und dann 1926 in die Pläne zur Fürstenenteignung gemündet.126


Abb. 3 Das Krokodil als ikonografisches Symbol für Betrug und Täuschung

Titelbild der Flugschrift von Otto Armin [Alfred Roth], Von Rathenau zu Barmat, Stuttgart 1925

Repro: Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Solche Geschichten griff später auch der unter dem Pseudonym Gottfried Zarnow publizierende Moritz Ewald in seinem Bestseller Gefesselte Justiz (1931) auf: In Schwanenwerder, am Tisch des »sy-baritischen Nabos«, begann demnach eine große Verschwörung; diesen Ort erkoren sich »Parvus-Helphand und Barmat […], erfolgreichste Nutznießer der demokratischen Politik […], um ihre großmächtigen Gönner zu empfangen und sie vor den zudringlichen Blicken des hungernden Volkes zu verbergen«.127 Dass sich, wie wir noch sehen werden, dieser Radikale den Sozialdemokraten zugerechnet hatte, so wie viele Völkische zuvor (national-)liberalen Parteien, verweist auf die diffuse politische Stimmung nach dem Krieg. Welche politische Richtung genau dieser Radikalismus nehmen würde, war offen; die Grundlagen sind aber deutlich zu erkennen.

Kapitel 2
Grenzgänger des Kapitalismus in der Zeit von Hyperinflation und Währungsstabilisierung 1923/24

Wie war es möglich, dass öffentliche Kreditinstitutionen, darunter ganz maßgeblich die Preußische Staatsbank und die Reichspost, Julius Barmat in einer Zeit von Firmenzusammenbrüchen, hoher Arbeitslosigkeit und Kreditnot Kredite in Höhe von ca. 36 Mio. Reichsmark (RM) zum Aufbau seines Barmat-Konzerns vergaben, zumal der Geschäftsmann schon Ende 1924 zahlungsunfähig war? Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen Aspekte wirtschaftlichen Handelns in der Zeit der Hyperinflation und der Währungsstabilisierung 1923/24. Einschlägige Publikationen mit Titeln wie The Great Disorder (Feldman), Verkehrte Welt (Geyer) oder Sintflut (Tooze) verweisen auf den wirtschaftlichen Ausnahmezustand, der in dieser Zeit herrschte.1 Die Hyperinflation mit ihrem Tanz der Millionen und Milliarden hat dabei schon immer die deutschen Gemüter bewegt und Fragen nach ihren sozialen wie politischen Folgen aufgeworfen. Die Geldentwertung, die mit dem Krieg begonnen hatte und sich nach dem Krieg in Wellenbewegungen beschleunigte, wird wie schon von einigen damaligen Zeitgenossen auch in der neueren Forschung nicht nur negativ beurteilt. Neue Betriebe wurden gegründet, und bis 1923 war in den meisten Teilen Deutschlands die Arbeitslosigkeit stark rückläufig, was auch das revolutionäre Konfliktpotenzial der unmittelbaren Nachkriegszeit entschärfte. Das änderte sich erst auf dem Höhepunkt der Inflation 1923, mehr noch mit der im November 1923 eingeleiteten Währungsstabilisierung und der Einführung der sogenannten Rentenmark,* als die allgemeine wirtschaftliche Not binnen kurzer Zeit dramatische Formen annahm. Im Folgenden geht es im Wesentlichen um diese letzte Phase der Hyperinflation bis Ende 1924, als im Zusammenhang mit den neuen Reparationsvereinbarungen im Rahmen des Dawes-Abkommens amerikanische Kredite ins Land strömten und eine Phase schneller wirtschaftlicher Erholung einleiteten.

Die Zeit stand im Schatten der unübersehbaren Umverteilungswirkungen der Inflation. Wenngleich schon damals ein Urteil darüber, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern der Inflation gehörte, nicht immer einfach war, so bestand doch Einigkeit darüber, dass Julius Barmat zu den »Inflations- und Deflationsgewinnlern« gehörte. Tatsächlich machte sich nach der Revolution eine – oft übersehene – unternehmerische Goldgräberstimmung breit, die in zahlreichen Unternehmens- und Bankneugründungen, Konzernzusammenschlüssen, kreditfinanzierten Übernahmen und spekulativen, vom Wertverfall der Mark angetriebenen Aktien- und Devisengeschäften zum Ausdruck kam. Es war die Zeit charismatischer Unternehmer, die wie Hugo Stinnes oder Friedrich Flick neue große Konzerne aufbauten, von denen die meisten untergingen, einige die Zeit aber auch überdauerten. Zerstörung und Neuaufbau bedingten einander.

Wenige Themen standen in diesem Zusammenhang mehr zur Debatte als die überall auftauchenden spekulativen Energien, mithin das, was der englische Ökonom John Maynard Keynes, der in dieser Zeit mit Aktiengeschäften ebenfalls viel Geld verlor, als die eigentümlichen »animal spirits« des Kapitalismus bezeichnete.2 Diskutiert wurde das mit Verweis auf moralische und sittliche Grenzüberschreitungen im wirtschaftlichen und sozialen Verkehr: Geld- und Warenspekulationen, die meist negativ konnotiert waren, Verstöße gegen Wirtschaftsgesetze und nicht zuletzt gegen Prinzipien von »Treu und Glauben« – durch die Inflation wurde die Beziehung zwischen Gläubigern und Schuldnern radikal unterminiert. In der Kritik stand nicht zuletzt auch der Staat, der sich mittels der Inflation entschuldet hatte. Es ging um die »Grenzmoral« (Götz Briefs) einzelner Akteure und sozialer Gruppen, die sich, wenn sie nicht feststehende rechtliche wie informelle moralisch-ethische Grenzen eindeutig überschritten, doch zumindest hart am Limit des (gerade noch) moralisch Akzeptierten bewegten – klar zu unterscheiden war das in vielen Fällen nicht. Das ist im Folgenden mit dem Begriff »Grenzgänger des Kapitalismus« gemeint.

Illustrativ ist in diesem Zusammenhang eine Glosse von Thomas Mann, welche die Redaktion der Weltbühne Anfang 1925 unter dem Titel »Zu diesen Barmats« abdruckte. Kundige Leser der Buddenbrooks kannten Hugo Weinschenk, der sich wegen Versicherungsbetrugs zu verantworten hatte und der Parallelen zu Barmat aufzuweisen schien: »Daß alles ganz in Ordnung ist, muß man leider bezweifeln. Aber daß Weinschenk in dem Umfange schuldig ist, wie gewisse Leute es wollen, halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich. Es gibt im Geschäftsleben modernen Stiles etwas, was man Usance nennt … Eine Usance, verstehst Du, das ist ein Manöver, das nicht ganz einwandfrei ist, sich nicht ganz mit dem geschriebenen Gesetze verträgt und für den Laienverstand schon unredlich aussieht, das aber dennoch nach stillschweigender Übereinkunft in der Geschäftswelt gang und gäbe ist. Die Grenzlinie zwischen Usance und Schlimmerem ist sehr schwer zu ziehen … Einerlei … wenn Weinschenk sich vergangen hat, so hat er es höchstwahrscheinlich nicht ärger getrieben als viele seiner Kollegen, die ungestraft davongekommen sind.«3

Tatsächlich wurden mit Blick auf die Geschäfte Julius Barmats intensiv die Usancen des Geschäftsverkehrs unter den Bedingungen von Inflation und Währungsstabilisierung behandelt. Aber anders als bei Thomas Manns Weinschenk ging es in seinem Fall um mehr: Nicht nur wog der Vorwurf von Täuschung, Betrug und Korruption schwer. Julius Barmat wurde zum Sinnbild eines Grenzgängers des Kapitalismus in der Nachkriegszeit. Er galt als negatives Beispiel eines politischen Kapitalismus in Form der Kriegs-, Übergangs- und durch die Inflation zerrütteten öffentlichen Kreditwirtschaft4 sowie von Misswirtschaft und Korruption im Kontext der »Privatisierung« großer Teile der aus dem Krieg herrührenden Staatsbetriebe. Sein Schicksal bestand überdies darin, dass er im Zusammenhang mit dem Skandal im Jahr 1925 von Anfang an mit den Taten anderer involvierter Personen in Verbindung gebracht wurde, zuallererst mit Iwan Kutisker und Jakob Michael, dann aber auch mit einer Vielzahl von Unternehmern, Bankern und Geschäftemachern, die auf den kapitalkräftigen Geschäftsmann setzten. In den Blick geraten damit mitunter sehr skurrile Aspekte und Geschichten, die in der politischen Kultur der Zwischenkriegszeit von Bedeutung waren.

Ein charismatisches »Konzern-Genie«?
Die Expansion des Barmat-Konzerns 1923/24

Als Julius Barmat mit seiner Familie zu Beginn des Jahres 1924 von Amsterdam nach Berlin übersiedelte, galt er als wohlhabender Kaufmann. Im Januar 1921 hatte er das Aktienkapital seiner 1916 gegründeten Amsterdamer Import- und Exportgesellschaft, der Amexima N.V., auf eine Million Gulden erhöht, wovon ein Viertel an der Börse platziert war. Der Firmensitz war Amsterdam mit Filialen in Wien, Hamburg, Berlin und zeitweise auch in New York.

Solvenz und Solidität: Arbeit am Image

Bis 1922 hatte sich Barmat auf sein seit dem Krieg systematisch erschlossenes Geschäftsfeld konzentriert: den Lebensmittel-, Textil- und Warenhandel. Dieser Geschäftszweig trat nun zunehmend in den Hintergrund und wurde ausgegliedert, und zwar in die im Februar 1922 als selbstständige Gesellschaften eingerichtete Hamburger, Berliner und die im Oktober des Jahres gegründete Wiener Amexima. Sie gingen im März 1923 zunächst in die Amsterdamer Firma Gebroeders Barmat über, wurden dann aber im Januar 1924 an die La Novita mit Sitz in Amsterdam übertragen. Diese schon vor dem Krieg gegründete Grundstücksgesellschaft entwickelte sich zu einer Art Finanzholding. Alle diese Firmen und Firmenanteile waren im Privatbesitz von Julius Barmat, der eng mit seinen Brüdern und seinem Schwager Leo de Winter zusammenarbeitete und diese in den Filialen in leitenden Positionen installierte.

Seit Beginn der deutschen Hyperinflation im Sommer 1923 erschloss Barmat in Deutschland neue, jetzt industrielle Geschäftsbereiche und zog sich aus dem operativen Handelsgeschäft in Amsterdam weitgehend zurück.5 Die Berliner Amexima wurde das neue Standbein. Sie entwickelte sich immer stärker in Richtung einer Finanzierungsgesellschaft, wobei Zukäufe von Firmen und dann zweier Banken sowie einer großen Versicherung wegweisend waren. Konsequent war, dass sich Barmat in Berlin niederließ, wo die Amexima Berlin für ihren Generaldirektor eine Dienstvilla auf Schwanenwerder kaufte.6

Die Amexima Berlin pflegte Geschäftsverbindungen mit bekannten Banken, in Deutschland unter anderem mit der Disconto-Gesellschaft und in Amsterdam mit Mendelssohn & Co. sowie dem Bankhaus Pröhl Gutmann, das wiederum in enger Verbindung mit der Dresdner Bank stand; die New Yorker Geschäfte liefen über das amerikanische Bankhaus Speyer. Im Gegensatz zu früheren Warnungen hieß es in einem Bericht des deutschen Generalkonsulats in Amsterdam, dass nach den eingezogenen Auskünften das Unternehmen günstig beurteilt werde. Julius Barmat werde als »tüchtiger Geschäftsmann« bezeichnet, der zeige, dass er »den gegenwärtigen Zeitumständen gewachsen ist«; ferner weise sein Geschäft im Vergleich zu vielen anderen »einen geregelten guten Verlauf auf«.7

Das holländische Vermögen Julius Barmats taxierten die Ermittlungsbehörden für Ende 1923 auf etwa 2,2 Mio. Gulden, was etwa 3,8 Mio. GM entsprach. Wie er später aussagte, war sein gesamtes Eigentum in seinen Unternehmen gebunden, sodass er über kein »freies Vermögen« verfügte. Letzteres soll seinen Aussagen zufolge zu Beginn des Jahres 1924 höchstens 400000 GM betragen haben. Wie auch immer man die Zahlen beurteilte, Barmat war vermögend, ja er musste, so später die Konklusion des Gerichts, als ein »für die Begriffe, die hier damals [im Deutschland der Inflationszeit – MHG] herrschten, als außerordentlich reicher Mann gelten«.8 Dieser Ruf eilte ihm voraus, und Barmat bemühte sich sehr darum, dieses für einen Geschäftsmann wichtige Distinktionsmerkmal entsprechend hervorzuheben. In Form einer Werbebroschüre, welche die Amsterdamer Amexima für ihren Chef Anfang 1924 erstellte (aber zweifellos von Barmat selbst in Auftrag gegeben worden war), wurde die Solidität des Unternehmens präsentiert: Darin fanden sich Bilder des nicht übergroßen Geschäftshauses an der Keizersgracht, vor dem ein großes Automobil geparkt war und das im Innenbereich eine funktionale und nicht übertrieben luxuriöse Ausstattung aufwies.9 Dieser Punkt ist nicht nebensächlich: Denn wirtschaftliche Solidität und Seriosität galten gerade in der Inflationszeit als knappe Güter – wie wir noch sehen werden, ein wichtiger Aspekt bei der Vergabe von Krediten durch die Preußische Staatsbank.

Julius Barmat tat alles, um den ihm anhaftenden Ruch des »Kriegs- und Inflationsgewinnlers« abzustreifen. Dazu zählte der Hinweis auf sein solides Vermögen als Grundlage, ferner, dass er kein Börsen- und Devisenspekulant sei, was ihm ja im Zusammenhang mit den Lebensmittelgeschäften 1919/20 vorgeworfen worden war. Ein Unterschied zwischen dem Barmat-Konzern und verschiedenen anderen in dieser Zeit schnell wachsenden Konzernen bestand, wie Ende 1924 zu lesen war, darin, »daß ich nicht börsenmäßig neue Aktienpakete hinzukaufe bzw. in meinem Besitz befindliche veräußere, Transaktionen, die ja immer einen etwas spekulativen Einschlag haben, also [dass ich] nicht ein Bank- bzw. Finanzkonzern bin, der u. a. auch verschiedene Aktienpakete im Besitz hat, sondern in erster Linie bitte ich, mich als Industriekonzern anzusehen«.10 Der Kaufmann wollte damit betonen, dass er einen Beitrag zu »produktiver Arbeit« leistete.

Ein neuer Unternehmertyp im modernen Kapitalismus

Diese (Selbst-)Stilisierungen Barmats zielten nicht nur darauf ab, die Seriosität seiner Geschäfte zu betonen, sondern zeugten auch von der Bemühung, ihn in die Reihe erfolgreicher »Konzern-›Genies‹« und »neuer Konzerngrößen« zu stellen. Damit verband man einen modernen, zeitgemäßen Unternehmertypus, deren Vertreter als Ikonen einer neuen Zeit gehandelt wurden.11 Wie zugkräftig dieses Thema war, zeigt das Buch Deutsche Wirtschaftsführer des Wirtschaftsjournalisten Frank Faßland (alias Felix Pinner), das nach der Erstveröffentlichung 1924 innerhalb kürzester Zeit in bald 15, immer wieder erweiterten Auflagen erschien. Dem alten Industrieadel, »greisen Wirtschaftsführern«, vertreten durch u. a. August Thyssen oder Emil Kirdorf, stellte der Autor ein zwar kritisch unterlegtes, aber dennoch hymnisches Porträt der »neuen Männer« gegenüber. Darunter befanden sich bis heute bekannte ebenso wie unbekannte Namen wie Friedrich Flick, Hugo Stinnes, Jakob Michael und viele andere, unter denen wiederum der Typus der »Dreißigjährigen« hervorstach. Nicht nur wegen ihres Alters waren sie als Vertreter einer neuen Generation anzusehen; ihr Instinkt habe gerade darin bestanden, die »umgekehrten Regeln zu befolgen wie in der soliden Bauzeit vor dem Kriege, wo man sich weder mit Projekten noch mit Schulden überlasten durfte, wenn man reüssieren wollte«. Kühnheit und Unkonventionalität des Denkens war das Kennzeichen dieser »neuen Männer«: »Der Leichtsinn als geschäftliches Aufbauprinzip ging am schnellsten und stärksten in den Instinkt Derjenigen [sic!] ein, die noch nichts gelernt und nichts zu verlieren hatten.« Damit überflügelten sie die ältere Unternehmergeneration, machten diese gar obsolet.12 All das reflektiert die Goldgräberstimmung der Inflationszeit.

Der am Ende der Inflationszeit gerade einmal 34-jährige Barmat entsprach in vielerlei Hinsicht diesem Bild kühnen Unternehmertums, vermittelte aber zugleich wirtschaftliche Solidität. In einem Teil der Wirtschaftspresse wurde der Amsterdamer Kaufmann dann auch »nach allen Regeln der Kunst besungen, abgemalt, [und] mit Genealogie, Stammbäumen und Allem, was dazu gehört«, hochgelobt.13 Ein anderer Autor, dessen Buch etwas unzeitig nach dem Zusammenbruch des Konzerns erschien, strich in lobhudelnder Manier hervor, dass es Barmat dank seiner »reichen Mittel« gelinge, »immer mehr wertvolle Objekte an sich zu bringen, sodass der Barmat-Konzern heute wohl zu den zukunftsreichsten seiner Art zählt«.14 All das ließ sich unter der Rubrik »Umschichtung der europäischen Vermögen«, und zwar im Sinne einer Umschichtung in stärkere Hände neuer dynamischer Wirtschaftsführer, beschreiben.15

Solche Lobgesänge ließen sich als nebensächlich abtun, könnte man darin nicht zugleich populäre Varianten der von Josef Schumpeter schon vor dem Krieg formulierten Theorie der »schöpferischen Zerstörung« erkennen, in der, damals wie heute, dynamische Unternehmer eine zentrale Rolle spielen. Die Zerstörung alter Strukturen, die den Boden für neue Kombinationen von Produktionsmitteln bereitete, war ein schmerzlicher Prozess, da mit dem Aufbau neuer, starker, innovativer und leistungsfähiger Betriebe immer auch altbewährte Traditionen, etwa in der betrieblichen Organisation und den Arbeitsvorgängen, verloren gingen.16 Das war der Stoff für viele kulturkritische Betrachtungen der Nachkriegszeit, zumal nicht klar ersichtlich war, ob es sich dabei tatsächlich um eine produktive wirtschaftliche Reorganisation oder rein spekulative Transaktionen handelte. Auf der anderen Seite versprachen diese neuen Gründungen die Rettung der von Bankrott bedrohten Betriebe und Arbeitsplätze. Letzteres gefiel nicht nur Sozialdemokraten, sondern auch Vertretern des Zentrums. Ende 1924 war mit Blick auf den Barmat-Konzern immer wieder die Rede von 13000 bis 14000 Beschäftigten in 40 Unternehmen mit vielen Subunternehmen – auch das ein wichtiger Punkt bei der Kreditvergabe der Staatsbank.17

Ein Koloss auf tönernen Füßen

Der Einstieg Barmats ins industrielle Unternehmensgeschäft begann 1922 mit dem Engagement der Amexima in der Deutschen Margarine und Speisefett A. G. (Dema), einem der vielen Staatsbetriebe, die im Zusammenhang mit dem Abbau der Kriegswirtschaft teilweise privatisiert wurden. Das Reich besaß die Aktienmehrheit. Barmats Amexima stieg als Anteilhaberin ein, indem sie eine Kapitalerhöhung und in diesem Zusammenhang die Valutaschulden des Betriebs übernahm. Voraussetzung für die Beschaffung von Rohstoffen für die Margarineproduktion war der Zugang zum internationalen Devisenmarkt. Barmat besorgte sowohl Rohstoffe als auch Devisen. Das ebnete nicht nur den Weg zur Reichsbank sowie dauerhaft zur Preußischen Staatsbank, sondern auch ins Reichsfinanzministerium, das frühere Staatsbetriebe wirtschaftlich zu konsolidieren und zu verkaufen versuchte.18 Kritiker waren mit Blick auf diese Privatisierungen anderer Meinung: Hier werde wertvolles deutsches Tafelsilber, Volksvermögen, an »Spekulanten« verscherbelt, wenn nicht gar verschenkt, hieß es.19

Die Berliner Amexima hatte ein Auge auf weitere vom Reich privatisierte Firmen. Dazu zählten die Chromo A. G. in Altenburg, die Chrompapiere und -kartons herstellte, sowie die Kunstseidenspinnerei Münchenbernsdorf (in der gleichnamigen thüringischen Stadt), womit der Barmat-Konzern erstmals in größerem Umfang in Industrieunternehmen einstieg. Die Zeitgenossen sprachen von »Sachwertanlagen«, mit denen man den Wertverlust von Papiergeld auszugleichen versuchte. Bei einem Papiermarkpreis von umgerechnet 41000 bzw. 100000 GM waren diese beiden Erwerbungen auf den ersten Blick ein »Schnäppchen«. Die Zukäufe waren kreditfinanziert, sodass Barmat wie alle anderen, die sich an der großen »Flucht in die Sachwerte« beteiligten (und dafür den erforderlichen Zugang zum Kreditmarkt besaßen), ordentliche Gewinne einzustreichen schien. Einmal mehr verdammten viele Beobachter diese Strategie als Ausdruck eines spekulativen Geistes, der sich zu dieser Zeit rasch im Wirtschaftsleben und in der gesamten Gesellschaft ausbreite.

Spekulativ war 1923 auch der »günstige« Ankauf der Altenburger Sparbank A. G., einer kleinen regionalen Bank, die nach Berlin verlegt werden und dort Deutsche Handelsbank A. G. heißen sollte. Banken schossen während der Inflationszeit überall aus dem Boden; sie spielten eine wichtige Rolle bei kreditfinanzierten Geschäften. In diesem Fall ging die Rechnung nicht auf, da das preußische Finanzministerium ein Veto gegen die Verlegung einlegte. Das machte die Sache unattraktiv, da bei einer Umsiedlung das Depot- und Depositenrecht, d. h. das Recht, mit Wertpapieren und Devisen zu handeln und Kundengelder anzunehmen, weggefallen wäre.20

Was Barmat im Jahr der Hyperinflation eher im kleinen Stil praktizierte, betrieb er im folgenden Jahr im großen Stil. Die Expansion des Konzerns erfolgte demnach während der Währungsstabilisierung, die sich bis in den Sommer 1924 hinzog. Das war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Viele andere während der Inflationszeit gegründete oder mit Krediten ausgebaute Betriebe suchten nun händeringend zahlungskräftige Käufer und Investoren. Denn mit der Währungsstabilisierung trocknete der Geldmarkt plötzlich aus, und die Banken forderten, wie noch genauer zu sehen sein wird, exorbitante Zinsen. Kein Wunder, dass der finanzstarke und gut etablierte Ausländer Barmat ein gefragter und umworbener Mann war. Viele erwarteten von ihm die Rettung. Barmat sah in dieser Situation eine große Chance – mit fatalen Folgen.

Die Expansion der Amexima erfolgte nun in zwei Schüben. Bis Mai 1924 kamen zwei weitere Banken hinzu, darunter die in Berlin ansässige Deutsche Merkurbank, die selbst im Besitz von diversen Industrieunternehmen war und sich nach der Übernahme durch die Amexima noch weiter vergrößerte. Bis Juli 1924 nahm der eingeschlagene Expansionskurs ein atemberaubendes Tempo an und ließ die Umrisse eines Konzerns erkennen. Dabei waren es nun weniger kleinere Erwerbungen wie die der Bremer Privatbank, bei deren Kapitalerhöhung auf 500000 GM die Amexima 400000 GM übernahm; vielmehr kaufte sie sich im großen Stil entweder in Form von Beteiligungen in bestehende Konzerne ein, oder sie übernahm überschuldete Firmen. So entstand ein merkwürdiger Zwitter: Zum einen war die Berliner Amexima in Bezug auf die konzerneigenen Banken eine Finanzierungs- und Beteiligungsgesellschaft, zum anderen gelangte der Konzern zunehmend in den Besitz von Industrieunternehmen.

Der Erwerb der in Berlin ansässigen Deutschen Merkurbank war für den Expansionskurs in Richtung Finanzierungsgesellschaft von besonderer Bedeutung. Denn diese Bank wurde zu einem wichtigen Bestandteil des entstehenden Barmat-Konzerns, wenngleich Barmat sie zu keinem Zeitpunkt vollständig kontrollierte. Die Merkurbank war eine Gründung des Jahres 1922 und ging aus der vormaligen Bank von Beneckendorff hervor (mit Verbindungen zu der Familie des Weltkriegsgenerals und späteren Reichspräsidenten Paul von Beneckendorff und von Hindenburg). Sie war eine der vielen, zunächst erfolgreichen Inflations(neu)gründungen und befand sich in einer der besten Lagen Berlins, Ecke Friedrich- und Behrenstraße. Ihre Geschichte ist bezeichnend für die Inflationszeit: Seit 1922 hatte sie mehrmals die Besitzer gewechselt und gelangte 1923 unter anderem in die Hand des Kaufmanns Hermann Weber, der als Inhaber der Deutschen Spirituosenwerke unter dem Namen »Sprit-Weber« über Berlin hinaus wegen großer »Alkoholschiebungen« auch in die USA sowie wegen Steuerhinterziehungen bekannt war. Spekulationsgeschäfte mit französischen Franken hatten die Bank in Bedrängnis gebracht. Gegen Abdeckung des Frankenengagements »Sprit-Webers« und einen Kredit im Wert von über 150000 GM an die Deutschen Spirituosenwerke beteiligte sich Barmat mit seiner Amexima an der Bank. Dazu diente eine Erhöhung des Aktienkapitals von 50000 auf 2 Mio. GM. Barmat wurde damit jedoch nicht zum Mehrheitseigner der Bank, denn zwei ihrer Direktoren namens Lichtenstein und Schäffer besaßen mit vielfachen Stimmrechten ausgestattete Vorzugsaktien, die ihnen bei Abstimmungen die entscheidende Mehrheit sicherten. Trotz der massiven Kapitalerhöhung, die allein Barmat stemmte, behielten sie über ihre Vorzugsaktien ein Mitspracherecht. Das Landesfinanzamt machte davon die Anerkennung des wichtigen Depot- und Depositenrechts abhängig, wahrscheinlich um der »Überfremdung« der Bank und Kapitaltransfers ins Ausland einen Riegel vorzuschieben. Das Resultat war aber, dass diese beiden Direktoren auch weiter ihre eigenen Geschäfte betrieben – mit und ohne Absprache mit Barmat.21

Wie eng die Merkurbank und die Amexima Berlin zusammenarbeiteten, wird daran deutlich, dass die Amexima ihre Geschäftsräume in die der Merkurbank verlegte und von nun an einen großen Teil der Geschäfte über die Merkurbank abwickelte, während das Privatkundengeschäft der Bank dagegen ganz in den Hintergrund trat.22 Die Merkurbank übernahm selbstständig eine ganze Reihe von Betrieben im Bereich der Eisen-, Textil- und Elektroindustrie, aber auch kleinere Betriebe wie die Münchener Terrakotten-Kunst A. G. und den Keller-Konzern in Barmen (Wuppertal), der in der Herstellung von Maschinen und Werkzeugen aller Art tätig war. Zu nennen sind ferner zwei Banken, nämlich die profitable Preußische Hypotheken-Aktien-Bank Berlin und die Allgemeine Garantiebank-Versicherungs-Aktiengesellschaft. Bei der Garantiebank handelte es sich um eine Rückversicherungsgesellschaft, die eine wichtige – später umstrittene – Rolle bei der Konzernvergrößerung spielte. Der Erwerb der im Gegensatz zu den anderen Betrieben profitablen Garantiebank war zwar recht teuer – bei der Erhöhung des Kapitals Ende Juni übernahm die Amexima 1,25 Mio. GM und verschaffte sich dadurch die Mehrheit –, er war aber insofern wichtig, weil es auf diese Weise gelang, in Form von Kreditbürgschaften Kredite der eigenen Konzerngesellschaften abzusichern (wobei das Risiko in der Regel mit zahlreichen anderen in- und ausländischen Rückversicherern geteilt wurde).23

Ein wichtiges, wenn auch durch und durch unsolides Standbein des entstehenden Barmat-Konzerns war das Finanzkonsortium mit dem an der Börse gelisteten Roth-Konzern. Die Dachgesellschaft dieses Konzerns, die Roth A. G. Berlin, besaß als eigenes Werk die große Maschinenfabrik Perleberg und die Eisengießerei und Maschinenfabrik J. Roth in Ludwigshafen und Oggersheim mit wiederum neun größeren Firmen. Dazu gehörten Unternehmen in Jugoslawien und der Tschechoslowakei mit 22 Unterfirmen im Bereich der Eisen-, Stahl- und Metallindustrie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dieses Konsortium machte sich nun 1924 ebenfalls auf Einkaufstour, indem weitere Betriebe aus dem Bereich Eisengießerei, Maschinenbau und Eisenkonstruktion von Brücken einverleibt wurden. Einer der größten Brocken war die Berliner Burger Eisenwerke A. G., wiederum mit einer Reihe von abhängigen Firmen und Beteiligungen. Wie im Falle der Merkurbank war Barmats Amexima nicht die Mehrheitseigentümerin des Roth-Konzerns und kontrollierte auch nicht dessen Expansion. Barmat vertraute dabei vielmehr auf die beiden älteren Besitzer der Firma, Alfred Staub und Julius Rabbinowitz, die zusammen mit ihm die Aktienmehrheit von Roth besaßen.

Das Problem war, dass der kleine Roth-Konzern schon bei der Übernahme in großen Zahlungsschwierigkeiten steckte. Gläubiger waren zum einen namhafte deutsche Großbanken, die sich mit der Geschäftsleitung zuvor auf ein Stillhalteabkommen und Zahlungsaufschübe geeinigt hatten, zum anderen die Preußische Staatsbank, der ob ihres Engagements offenbar mulmig wurde. Warum sich Barmat in diesem für ihn fatalen Geschäft engagierte, war schon damals nicht mehr genau zu eruieren. Seine Anwälte (wie im Übrigen sein Freund Ernst Heilmann und die Direktoren der Merkurbank) behaupteten, dass die Initiative dafür von der Staatsbank ausgegangen sei, da auf diese Weise die Schulden des Roth-Konzerns bei der Bank stark reduziert werden konnten; außerdem habe die Amexima Amsterdam sehr viel Geld in den Betrieb gesteckt. Ähnliches geschah bei der Berliner Burger A. G., die bei der Staatsbank ebenfalls mit hohen Krediten von etwa 1,5 Mio. GM in den Büchern stand. Wie auch immer, diese Kaufentscheidungen hatten desaströse Folgen. Der Finanzbedarf dieser Firmen glich einem Fass ohne Boden: Die Rede war von 13 Mio., die man in die Roth-Gruppe gepumpt habe, eine Zahl, die von den Ermittlungsbehörden weitgehend bestätigt wurde.24

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der deutsche Amexima-Konzern gegen Ende des Jahres 1924 etwa 85 selbstständige und untereinander verflochtene Betriebe umfasste. Neben Banken und Versicherungen findet man auffallend viele Firmen im Bereich Maschinenbau und Eisenverarbeitung. Die Industriebetriebe standen vielfach in Konkurrenz zueinander, und es sind keine Initiativen zu erkennen, dass sie aus Effizienzgründen zusammengelegt werden sollten. Der Barmat-Konzern glich somit in mehrerer Hinsicht den vielen sogenannten Inflationskonzernen, die unter einem gemeinsamen Dach oft ein Kunterbunt von Firmen umfassten. Die innere Struktur des Konzerns war außerordentlich schlecht, denn niemand, auch nicht Julius Barmat, hatte nach den hektischen Zukäufen wirklich eine Übersicht über die wirtschaftliche Lage der einzelnen Konzernbestandteile: Beim Kauf war keine genaue Revision der Betriebe vorgenommen worden, und viele Betriebsleiter arbeiteten ohne Kontakt zur Konzernspitze, ja verteidigten ihre Selbstständigkeit und Interessen, wenn sie nicht sogar in die eigene Tasche wirtschafteten. Das Kernproblem war, dass die meisten Firmen infolge der scharfen Wirtschaftskrise Geld »verbrannten« und auf Kreditspritzen angewiesen waren. Überall verließ man sich darauf, dass Barmat Geld beschaffte, woher auch immer, sei es aus eigenen Quellen oder vermittels Krediten.

Noch im November 1924 versuchte Barmat, umzusteuern und den Konzern mithilfe von zwei Experten seines Vertrauens zu reorganisieren: Der Bereich Kredit- und Finanzangelegenheiten wurde Emil Kautz übertragen, der ursprünglich aus der Finanzverwaltung Preußens und des Reiches stammte, zeitweise das Reichsverwertungsamt geleitet und in diesem Zusammenhang auch Barmat kennengelernt hatte. Im Oktober 1924 kehrte er aus der Türkei zurück, wo er wie schon vor dem Ersten Weltkrieg das Amt eines Generaldirektors der staatlichen türkischen Landwirtschaftsbank bekleidet hatte. Für den Bereich industrielle Organisation und die wirtschaftliche Zusammenschließung der Konzernfirmen engagierte Barmat Gerhard Lewy, der sich selbst als »überzeugte[n] Monarchist[en]« und als Parteigänger der DVP bezeichnete.25

Ein spekulationsbereiter Partner:
Die Preußische Staatsbank

Alle Unternehmenskäufe waren kreditfinanziert, und Ende 1924 war der Barmat-Konzern hoch verschuldet. Das galt für die meisten deutschen Firmen. Die brisante politische Frage lautete, warum gerade ein »Ausländer-Konzern« Kredite in dieser Höhe erhalten hatte, und mehr noch, ob es dabei mit rechten Dingen zugegangen war.26 Vor allem die Preußische Staatsbank befand sich angesichts der Barmat gewährten Kredite in Erklärungsnot, zumal dieses öffentliche Kreditinstitut nicht gerade auskunftsfreudig war und die Tatsachen nie auf den Tisch legte. Darüber hinaus verfolgte die Bank zu keiner Zeit rechtliche Schritte, weder gegen Julius Barmat noch gegen seine Amexima.

Die am Berliner Gendarmenmarkt gelegene Bank zählte zu den altehrwürdigen Institutionen des preußischen Staates – 1922 wurde das 150. Gründungsjubiläum gefeiert. Wie im ursprünglichen Namen »Seehandlungsgesellschaft« zum Ausdruck kommt, war diese staatliche Einrichtung zunächst als Transport- und Warenhandelsgesellschaft tätig gewesen. Im Übergang vom Merkantilismus zur frühen Industrialisierung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es dann zu einer Verschiebung der Aufgaben: Nun nahm die Gründung und Führung von Unternehmen einen wichtigen Platz ein. Durch Kabinettsorder war die Seehandlung seit 1820 ganz offiziell auch die Bank des preußischen Staates. Dieses Tätigkeitsfeld überwog, was sich ab 1904 auch im offiziellen Namen »Königliche Seehandlung (Preußische Staatsbank)« widerspiegelte. Die Bank galt als eine primär fiskalische Institution und unterstand ab 1848 dem Finanzministerium. Das Bewirtschaften der öffentlichen Gelder der verschiedenen Zweige der Staatsverwaltung sowie die Ausgabe von Staatsanleihen waren wichtige Aufgaben, während das Privatkundengeschäft eine nur marginale Rolle spielte. Dem eigenen Selbstverständnis nach diente man dem Gemeinwohl und grenzte sich von den gewerblichen Interessen der privaten Banken ab.27 Kurz: Hinter den dicken Mauern der Tradition funktionierte die Preußische Staatsbank mit einem fiskalisch-bürokratischen Apparat, der sich anschickte, sich dem rauen privatwirtschaftlichen Kapitalismus auszusetzen – und dabei auf Männer wie Julius Barmat, Iwan Kutisker und Jakob Michael setzte.

Kredit im Strudel von Inflation und Deflation

Tatsächlich änderte sich die Geschäftsausrichtung der Bank in der Nachkriegszeit, insbesondere während der Hyperinflation und der Währungsstabilisierung. Der neue Fokus auf die Privatwirtschaft hatte verschiedene Gründe: Erstens brachte die Hyperinflation einen Bedeutungsschwund der Staatsbank als Kreditinstitut für die Staatsregierung mit sich, sodass man auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern war. Wichtiger war jedoch ein zweiter Antrieb: Die Inflation hatte tiefe Spuren in der Geschäftsbilanz hinterlassen. Denn im Gegensatz zu Privatbanken waren der Preußischen Staatsbank risikoreiche und damit eher spekulative Geschäfte verboten gewesen. Die Rücksichtnahme auf hohe Liquidität in Verbindung mit der Unmöglichkeit, über Devisengeschäfte Währungsverluste auszugleichen, hatte die Bank ausbluten lassen. Die rückwirkend zum 1. Januar 1924 erstellte Goldmarkeröffnungsbilanz wies gerade noch ein Eigenkapital von 10 Mio. GM und Reserven in Höhe von 3 Mio. GM auf. Das waren knapp 8 Prozent des Eigenkapitals der Vorkriegszeit.28 Solche Verluste galt es auszugleichen. Dazu musste man, wie der für die Kreditvergabe an Barmat mitzuständige Oberfinanzrat Hans Hellwig in seiner Festschrift zum 150-jährigen Bestehen der Bank vollmundig formulierte, neue Wege beschreiten: Das altehrwürdige Institut wollte sich von einem fiskalischen Staatsunternehmen zu einer modernen Geschäftsbank mausern. Dieses neue Geschäftsmodell provozierte später manchen bitter-spöttischen Kommentar, und Hellwig musste sich seine früheren Formulierungen vorhalten lassen. Denn die Strategie, wagemutig neue Wege zu beschreiten, mündete in ein Desaster.29

Überall wurden nach der Hyperinflation Forderungen erhoben, dass die öffentlichen Finanzinstitutionen angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage eine aktive Rolle spielen sollten, ja mussten, auch indem sie der Privatwirtschaft öffentliche Gelder zur Verfügung stellten. Das war angesichts der wirtschaftlichen und finanzpolitischen Verhältnisse leichter gefordert als getan. Der Preußischen Staatsbank flossen Steuern und sonstige Einnahmen des Staates sowie von Teilen der öffentlichen Wirtschaft einschließlich der Reichspost zu; außerdem parkten Privatbanken angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit ihr Geld bei dem Institut. Diese Praxis war ein Symptom der Wirtschaftskrise und des infolge der Hyperinflation zerrütteten Bankensystems: »Das Geld wird lieber Tag für Tag der Seehandlung anvertraut und das selbst zu niedrigen Zinsen. Auf diese Weise wurden beträchtliche Summen der Wirtschaft brach gelegt und das zu einer Zeit, als Kreditmangel herrschte.«30 Das war insofern eine unbefriedigende Konstellation, als seitens der »Realwirtschaft« allenthalben Klagen über unerträgliche »Kreditknappheit« und exorbitante Zinsen zu hören waren, und zwar häufig mit der Unterstellung, das Geld werde »Schieberkonzernen« günstig zur Verfügung gestellt.31

Vor diesem Hintergrund – den Bemühungen um eine Rekapitalisierung der Staatsbank, der Bekämpfung der Kreditnot und dem stillen Wettbewerb der Banken untereinander – sind die Kreditbewilligungen nicht nur an Barmat und seinen Konzern, sondern auch an Iwan Kutisker und Jakob Michael zu sehen. Die damit verbundenen Risiken waren immens. Denn wenn Banken angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Lage es scheuten, Kredite an die Wirtschaft zu vermitteln, warum sollten andere mit weniger Erfahrung auf diesem Gebiet besser in der Lage sein, solche Risiken richtig einzuschätzen? Diese Frage richtete sich nicht zuletzt an die Beamten der Staatsbank mit ihrem, wie die Ermittlungen zeigten, fast grenzenlosen Vertrauen darin, dass man mit solventen Personen wie Barmat nichts falsch machen könne. In seiner beißenden Kritik geißelte der bekannte, der Demokratischen Partei nahestehende Journalist Georg Bernhard die konservative Bankleitung: Seiner Meinung nach »spielten die Beamten Bankdirektoren, die nicht wußten, daß die Begabung eines Bankdirektors sich viel weniger darin zeigt, Geschäfte zu machen, als Geschäfte zu unterlassen«.32

Wie bereits dargestellt wurde, begannen die Geschäftsbeziehungen zwischen der Amexima und der Staatsbank im Mai 1923, und bis zur Währungsstabilisierung erhielten Barmat’sche Unternehmen sieben große Kredite, die im Strudel der Hyperinflation untergingen.33 Nach der Markstabilisierung wuchsen die Kredite der Amexima bis zum Jahresende 1923 auf umgerechnet 1,6 Mio. GM; Ende Januar 1924 waren es schon 3,1 Mio. GM. Bis Ende März stieg die bewilligte Summe auf 8,1 Mio., bis zum 19. Mai auf 9,5 Mio. und zum 13. Juni auf 10,5 Mio. GM. Rückzahlungen im August verminderten die Summe, während sich gleichzeitig Zinsen ansammelten, sodass die Amexima am Ende des Jahres mit 9,5 Mio. Schulden in den Büchern der Preußischen Staatsbank stand. Dazu addierten sich die Kredite einzelner Betriebe des Konzerns, darunter der Deutschen Merkurbank, der Berliner Burger Eisenwerke und der Roth A. G. Die Gesamtschulden des Barmat-Konzerns bei der Preußischen Staatsbank beliefen sich zum Jahresende auf 14,5 Mio. RM. Das war ungefähr ein Sechstel aller von der Bank an die Privatwirtschaft ausgegebenen Kredite – eine in der Tat ungewöhnlich und unverantwortlich hohe Summe. Das Bild wird noch dramatischer, wenn man bedenkt, dass die drei privaten Großkunden Barmat, Iwan Kutisker und Jakob Michael zeitweise mit insgesamt 35 Mio. GM an Krediten in den Büchern der Staatsbank standen.34

Das Ganze gibt auf den ersten Blick Rätsel auf, erklärt sich aber damit, dass beide Seiten, Kreditgeber wie Kreditnehmer, noch ganz dem Inflationsdenken verhaftet waren. Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass Barmat nicht an das »Wunder der Rentenmark« glaubte. Auf jeden Fall setzte er sich auch nach deren Einführung mit einigem Erfolg dafür ein, dass der größte Teil seiner Kredite ohne Sicherungsklauseln (für den Fall einer Geldentwertung) vergeben wurden; d.h. konkret: Wäre die Inflation erneut aufgeflammt, hätten Kreditnehmer wie Barmat enorm profitiert. Die Staatsanwaltschaft sah darin (im Gegensatz zum Gericht, das diese Fragen gar nicht weiter verfolgte) nicht nur ein Versäumnis, sondern eine Pflichtverletzung der Leitung der Staatsbank. Denn ohne solche Entwertungsklauseln hätten angesichts des ungewissen Erfolgs der Währungsstabilisierung und damit der Gefahr einer erneuten Inflation erst gar keine festen Vertragslaufzeiten über drei oder gar sechs Monate abgeschlossen werden dürfen.35

Entscheidend ist, dass die zuständigen Beamten der Staatsbank das unternehmerische Vabanquespiel zunächst mitspielten, ja mehr noch, dass sie offenbar ebenfalls dem Geist vergangener Tage verhaftet waren: Nach dem Desaster der vergangenen Inflation wollten sie dieses Mal auf die richtigen Pferde setzen, zum Vorteil der Bank und, das war die Frage, die das Gericht zu beantworten hatte, möglicherweise zu ihrem eigenen Vorteil, indem sie Barmat zu Diensten waren. Barmat erschien als der geniale Finanzier und Organisator, von dem man profitieren konnte.

Bad Governance

Von den Barmat-Krediten in Höhe von knapp 10 Mio. GM will die Generaldirektion der Staatsbank erst im Mai 1924 erfahren haben, alle seien »überrascht« gewesen. Tatsächlich hatte erst eine interne Revision, die in einem anderen Zusammenhang erfolgt war, gezeigt, dass Julius Barmat bzw. die Amexima mit zu den größten Schuldnern der Staatsbank gehörte. In einer wichtigen Sitzung schon am 19. Mai fasste das Direktorium den Beschluss, die Kredite der drei Großkunden Barmat, Kutisker und Michael nicht nur nicht weiter zu erhöhen, sondern abzubauen. Die Summe stünde in keinem Verhältnis weder zum massiv geschrumpften Eigenkapital der Bank noch überhaupt zu den eingelieferten Sicherheiten, hieß es. Die Konten sollten langsam verringert und auf keinen Fall mehr erhöht werden.36

Das hinderte die zuständigen Beamten in der Folgezeit jedoch nicht, weitere Kredite zu vergeben. Forderungen nach schneller Rückzahlung und Verstärkung der Sicherheiten gingen noch im Juni Hand in Hand mit neuen Krediten in Höhe von 3,5 Mio. GM, die die Merkurbank und die Handelsbank erhielten. Mit den Betrieben Roth und Burger kamen weitere Schulden hinzu. War darin ein Verstoß gegen die Dienstpflichten zu sehen, wie die Staatsbank vermutete? Die Beamten verteidigten sich damit, nicht an der Sitzung am 19. Mai teilgenommen und von dem Beschluss keine Kenntnis erhalten zu haben.37 Das sagt viel über die Kommunikations- und Führungsstrukturen im Haus am Gendarmenmarkt aus. Im Rückblick geißelte Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht die dilettantische Geschäftsführung und ließ kein gutes Wort weder an der Bankverfassung noch an den Beamten einschließlich ihrer Spitze, die »keine volkswirtschaftlich irgendwie nützlichen Kredite« vergeben hätten.38 Für die Staatsanwaltschaft (im Gegensatz zum sehr viel milderen Gericht) war das einmal mehr eine Verletzung der Dienstpflichten, da es die Aufgabe der Dezernenten gewesen wäre, Kreditgeschäfte dieses Umfangs in der Generaldirektion nach unten zu kommunizieren.39 Als die Staatsbank der Amexima schließlich die Pistole auf die Brust setzte und sie aufforderte, bis zum 15. Juli 1924 »mindestens einiges zurückzuzahlen«, erklärte sich Barmat dazu außerstande – die Staatsbank gewährte ihm daraufhin eine Stundung der Schulden.40

Wirtschaftliche Strategien der Staatsbank nach der Inflation und eine schlechte Unternehmensführung erklären nicht allein das grenzenlose Vertrauen der Beamten in die Geschäfte Barmats. Weder in den hitzigen öffentlichen Debatten noch in der Aufarbeitung durch die Justiz fand ein anderer Punkt Beachtung, der interessanterweise bei den Verhandlungen des preußischen Untersuchungsausschusses angesprochen, aber auch hier nicht weiter verfolgt wurde: Julius Barmat hatte sich schon im Oktober 1923 de facto voll und ganz der Preußischen Staatsbank ausgeliefert, indem er dieser seine deutschen und niederländischen Vermögensanteile in den Niederlanden in Form von Blankoakzepten in die Hände legte. Das war die entscheidende Voraussetzung für die schon genannten riskanten Kredite während und nach der Währungsstabilisierung. Seit dem Sommer 1924 bemühte sich Julius Barmat darum, diese Akzepte gegen eine Geldsumme auszulösen und gegen andere Sicherungen umzutauschen. Darauf wiederum ließ sich die Bank nicht ein, versicherte ihm in diesem Zusammenhang aber wiederholt, dass er ihr vertrauen könne.41 Das war ein Versprechen, das, wie im Folgenden noch zu sehen sein wird, nicht eingehalten wurde. Und das hat mit Ereignissen zu tun, die in die Reichspost führten.

Reichspostminister Höfle auf Abwegen

Ein anderer Handlungsstrang in Bezug auf die Barmat’schen Kreditgeschäfte führte zur Reichspost und von dort über andere öffentliche Kreditinstitute wieder zurück zur Preußischen Staatsbank. Es ist eine vertrackt-komplizierte Geschichte mit einer Reihe von Akteuren: Dazu zählt der aus dem Rheinland stammende 57-jährige Zentrumspolitiker und Reichstagsabgeordnete Hermann Lange-Hegermann, den Barmat offenbar im April 1924 im Zusammenhang mit dem Erwerb der Berliner Merkurbank kennengelernt hatte. Der Sohn eines Bottroper Schneidermeisters war zunächst in die Fußstapfen seines Vaters getreten, baute noch vor dem Krieg dessen Geschäft zu einem Großhandel für Baumwollwaren aus und verlegte sich im Krieg erfolgreich auf die Kriegsproduktion von Bekleidungsstücken und Zündern. Nach 1918 stieg er ins Verlagsgeschäft ein und kaufte die Recklinghauser Volkszeitung, ein Zentrums-Blatt. In seiner Partei hatte er sich über die Jahre hinweg langsam hochgearbeitet. 1920 rückte er für das Zentrum in den Reichstag ein, wo er als Sachverständiger für Finanz- und Wirtschaftsfragen sowie für die besetzten Gebiete galt. Mit seinen farbigen Halbschuhen und Seidenstrümpfen stach der gewiefte, elegant auftretende »Bottroper Schneidergeselle«, der, wie ein kritischer Beobachter meinte, den Anschluss an die »Inflations- und Deflationsgewinnler« gefunden habe, nicht zuletzt auch in seiner eigenen Partei hervor.42

Lange-Hegermann saß seit der Gründung der Merkurbank 1922 in deren Aufsichtsrat. Die Bank wurde zur Zentralstelle des gesamten Barmat’schen Unternehmens in Deutschland, wobei, wie schon gezeigt, nicht klar war, ob der neue Besitzer, Barmat bzw. die Amexima, auch den Kurs bestimmen konnte. Die Merkurbank war ebenfalls bereits im Besitz maroder Firmen, darunter die niederschlesische Westerwälder Braunkohle A. G. Als sich 1924 ihre Verbindung mit Julius Barmat und die Kapitalerhöhung herumsprachen, wurde die Bank mit Anfragen Not leidender Firmen wegen Darlehen und Übernahmen von Aktienpaketen überhäuft. Lange-Hegermann orchestrierte nun offenbar in vielen Fällen sehr weitgehend den Ankauf solcher Firmen, deren Besitzer einmal mehr Julius Barmat die Kreditbeschaffung überließen, und zwar gegen Überschreibung von Anteilen oder Aktien der jeweiligen Gesellschaft.43

Von mindestens ebenso großer Bedeutung war Lange-Hegermann bei der Erschließung von neuen Geldquellen. Frisches Geld brauchte der Konzern dringend, da die Preußische Staatsbank im Sommer ja auf eine Abzahlung der Schulden drängte. Hier zahlten sich Lange-Hegermanns Verbindungen zum Reichspostminister Anton Höfle (Zentrum) aus. Beide kannten sich aus Vorkriegstagen im Volksverein für das katholische Deutschland in Mönchengladbach, einer Massenorganisation des politischen Katholizismus. Außerdem entstammten beide Politiker demselben Wahlkreis. Es besteht kein Zweifel daran, dass Lange-Hegermann nicht zuletzt aus Eigennutz Höfle für Barmat einzunehmen vermochte (auch wenn das Gericht später diese von der Staatsanwaltschaft gelegte Spur nicht verfolgen sollte).

Effizienz und Wirtschaftlichkeit – das neue Mantra der Reichspost

Über die Art und die Motive der Verstrickungen Höfles in die Geschäfte Barmats mochten die Meinungen auseinandergehen. Bei der Einschätzung seiner Person war man sich dagegen einig. Für den Vorwärts-Redakteur Anton Schiff, der mit der Schrift Die Höfle-Tragödie eine Apologie des Postministers lieferte, war er ein »Pfälzer von leichtlebigem, gutmütigem Wesen […]; ein guter Familienvater, fromm, naiv und ohne Argwohn«.44 »Naiv« war eine der wiederkehrenden Charakterisierungen und traf offenbar die Sache. Nach Ansicht seines prominenten, nicht nur im Wirtschaftsrecht bewanderten Berliner Anwalts Max Alsberg war Höfle in geschäftlichen Angelegenheiten »absolut nicht bewandert« und dachte in diesen Dingen »ganz primitiv« – ein bemerkenswertes Urteil, bedenkt man, dass Höfle eine Promotion in Volkswirtschaft vorweisen konnte und zeitweise – höchst dilettantisch – die Kassen seiner Partei, des Zentrums, verwaltete.45

Ähnlich wie die Preußische Staatsbank spielte auch die Reichspost auf dem deutschen Geldmarkt eine neue Rolle. Das am 1. April 1924 in Kraft getretene Reichspostgesetz sah vor, dass die Reichspost und der Telegrafenbetrieb als selbstständiges Unternehmen unter der Bezeichnung Deutsche Reichspost vom Reichspostminister unter Mitwirkung eines Verwaltungsrates nach Maßgabe des Gesetzes verwaltet werden sollte. Dazu zählte auch die Trennung des Vermögens und des Haushalts der Reichspost – darin eingeschlossen waren die Guthaben der Postscheckkunden – vom Reichshaushalt. Im Hinblick auf die Verwaltung der Gelder kam es im Frühjahr zu einer Vereinbarung mit der Reichsbank, wonach liquide Mittel, sofern sie nicht dem Reich zur Verfügung gestellt wurden, an die Reichsbank oder, bei Zustimmung der Reichsbank, an andere große Geldinstitute auszuleihen waren. Dazu zählten die Staatsbanken Preußens, Bayerns und Württembergs, die Deutsche Girozentrale, die für den agrarischen Kredit wichtige Preußenkasse sowie die großen D-Banken und die Commerz- und Privat-Bank. Tatsächlich entstanden jedoch auch vielfach Beziehungen direkt zu einzelnen Kreditnehmern, an welche die zugelassenen Banken das Geld weitergeben konnten. Dazu vermittelte die Post die Kreditsuchenden, darunter die Kommunen in den besetzten Gebieten, zunächst an eine der zugelassenen Banken und stellte dieser dann die erforderlichen Mittel zur Verfügung.46

Das neue Mantra war Kundenfreundlichkeit, Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Post und Eisenbahnen sollten »kaufmännisch wirtschaften« und sich von den »Schlacken bürokratischer Schwerfälligkeit« freimachen; Maßstab war der Erfolg der viel bewunderten, expandierenden Großunternehmungen in der Privatwirtschaft. Zudem galt es, dem Staatshaushalt kräftige Einnahmen zu verschaffen. Wie die Vossische Zeitung rückblickend kommentierte, machte sich Höfle an diese Aufgabe »mit dem Temperament, aber auch mit der Unbesonnenheit eines Menschen, der bisher in den Schranken bürokratischer Buchführung gehalten war und nun plötzlich plein pouvoir« erhielt und zudem keiner parlamentarischen Kontrolle ausgesetzt war.47 Auf jeden Fall vertraute der Reichspostminister Julius Barmat, in dem er einen innovativen und aufstrebenden Unternehmer erblickte: »Ich kenn ihn auch als einen sehr tüchtigen Bankier, der des öfteren neue und gute Ideen in das Bankwesen hineingebracht hat«, schrieb der Postminister im Zusammenhang mit Vorbereitungen von Clearingverhandlungen im internationalen Postverkehr, wozu Barmat Kontakte nach Großbritannien und zur Regierung MacDonald aufnahm, den er 1919 auf dem Sozialistenkongress in Amsterdam kennengelernt hatte.48

In der Praxis sah sich das Postministerium nicht an die Reichsbank gebunden, sondern entschied vielfach nach eigenem Gutdünken – zum Wohle der Wirtschaft, wie es hieß.49 So beantragte Lange-Hegermann im Namen der Not leidenden Industrien des besetzten Gebietes und der Rheinpfalz einen Kredit über 2 Mio. GM, der auf Veranlassung Höfles von der zuständigen Abteilung der Reichspost in München ausgezahlt wurde und für den die Preußische Staatsbank und die Merkurbank die Ausfallbürgschaft übernahmen. Im Zuge der Ermittlungen gegen Barmat kam die Staatsanwaltschaft diesem und anderen – dubiosen – Geschäften auf die Spur, die immer wieder zu Lange-Hegermann und anderen Zentrumspolitikern in Sachsen und im Rheinland führten. Aus diesen ersten Anfängen entwickelten sich verzweigte Kreditgeschäfte, in die zunächst die Deutsche Girozentrale und über dieses Institut dann auch andere öffentliche Kassen, darunter die Kur- und Neumärkische Ritterschaftliche Darlehenskasse, die Brandenburgische Girozentrale und die Oldenburgische Staatsbank, involviert waren. Immer garantierte Postminister Höfle die Kredite, die sich auf über 16 Mio. GM beliefen. Das mit Fristen von bis zu drei Monaten vergebene Geld floss über die Barmat’sche Merkurbank an Konzernteile, und ein kleiner Teil diente zur Abdeckung von fälligen Schulden bei der Preußischen Staatsbank. Alles deutet darauf hin, dass sämtliche Beteiligten ihre Kreditrisiken auf die breiten Schultern der Reichspost abzuwälzen versuchten.50

War der Barmat-Konzern schon im Sommer 1924 zahlungsunfähig? Und wer konnte das wissen? Das war justizrelevant, denn dann hätte es sich bei den Krediten möglicherweise um eine Straftat gehandelt (wie auch die Staatsanwaltschaft meinte). In der Staatsbank führte man die finanziellen Schwierigkeiten primär auf strukturelle Ursachen, nämlich die vorherrschende Illiquidität in der deutschen Wirtschaft nach der Währungsstabilisierung, zurück. De facto befand sich ein großer Teil der Wirtschaft zumindest bilanztechnisch in einer Schieflage; Deckungen für Bankkredite waren ins Bodenlose gefallen.51 Aber auch in der Deutschen Girozentrale machte man sich bald Gedanken, die aber in eine andere Richtung zielten. Wie es im Protokoll heißt, wurde von »mehreren Herren betont, daß die Hergabe derartiger umfangreicher Kredite zu verhältnismäßig niedrigem Zinssatz an ausländische Gesellschaften von national-politischem Bedenken aus bedenklich sei«.52 In einem Gespräch, das der Präsident der Deutschen Girozentrale zehn Tage später am 18. August 1924 auftragsgemäß mit Höfle führte, will er diese Bedenken konkreter angesprochen haben: Bei der Amexima handle es sich, wie es in einem Aktenvermerk hieß, »um einen in der Presse viel besprochenen ausländischen Konzern, der, die Not der deutschen Industrie ausnutzend, deutsche Unternehmungen für billiges Geld aufkaufe. Der Aufsichtsrat steht auf dem Standpunkt, daß in der Öffentlichkeit eines Tages festgestellt werden könnte, daß diesem ausländischen Konzern die Überfremdung deutscher Unternehmungen mit deutschem öffentlichem Kapital erst ermöglicht worden sei und daß die Hineinziehung der Deutschen Girozentrale in diese Erörterungen die schwersten Bedenken hervorrufen müsse.«53 Wie in dem Vermerk ebenfalls zu lesen war, erklärte Höfle, dass er »solchen etwaigen Erörterungen in aller Ruhe entgegensehe«: Die Regierung fürchte sie nicht, da Barmat ihr außerordentliche Dienste erwiesen habe, etwa mit der Finanzierung der deutschen Lebensmittelversorgung unmittelbar nach dem Krieg. Außerdem müssten die Aufkäufe des Konzerns auch noch von einem anderen Gesichtspunkt betrachtet werden: Barmat habe dadurch einer großen Zahl von Fabriken, die andernfalls hätten stillgelegt werden müssen, durch die Kapitalzufuhr neues Leben gegeben, sie der Volkswirtschaft erhalten und einer großen Zahl von Arbeitern ihr Brot gesichert. Es sei auch zu berücksichtigen, »daß diese Erhaltung deutscher Industrien nicht nur mit deutschem, sondern auch mit ausländischem Kapital erfolgt sei«. Höfle wies in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass Barmat außerdem Geschäftsverbindungen mit der Preußischen Staatsbank pflegte.54

Eigenmächtigkeiten des Ministers

Die Aufregung war groß, als die Deutsche Girozentrale einen großen 10-Millionen-Kredit zum 17. Oktober 1924 nicht verlängerte. Es war absehbar, dass Barmat nicht zahlen konnte, aber die Reichspost hatte die Sicherung übernommen. Schon anlässlich der Ankündigung lud Lange-Hegermann zu einer Besprechung im Hotel Kaiserhof (dessen Kauf er übrigens früher Barmat vergeblich vorgeschlagen hatte) ein, wohin Höfle extra für einen Tag aus seinem – von Barmat finanzierten – Urlaub in Marienbad anreiste. Der Minister hatte allen Grund, aufgeregt zu sein. Denn im Ministerium wusste man nichts von den Abmachungen und finanziellen Verpflichtungen, die er eingegangen war. Die Schriftstücke mit den erwähnten Verträgen tauchten nicht in den Akten auf. Zwar waren die Kredite der Post an die Deutsche Girozentrale (die das Geld weiterleitete) kein Geheimnis, wohl aber der Verwendungszweck und die eingegangenen Garantien der Post. Ähnliches galt im Übrigen auch für Verhandlungen Barmats mit den englischen Postbehörden.55 Höfles Sekretärin hatte zwar die verschiedenen Briefe geschrieben, aber diese waren nicht mit Aktenzeichen versehen und befanden sich auch nicht in den Akten. War diese Geheimniskrämerei Ausdruck für ein Unrechtsbewusstsein Höfles? Dieser verwies auf sein unbürokratisches Handeln, wie ein Vertreter der Barmat’schen Garantiebank, der zugleich Chef der deutschen Lloyd war, über ein Gespräch mit dem Reichspostminister berichtete: »Die Leute setzten ihm [Höfle – MHG] zu, es wäre nicht zum Aushalten, es seien Bürokraten, er wolle nach kaufmännischen Grundsätzen handeln und werde überall gehindert.«56

Im wahrsten Sinne des Wortes »filmreif« waren dann die Ereignisse im Reichspostministerium. Die Ministerialbeamten hatten nämlich Wind davon bekommen, dass etwas falsch lief. In heller Aufregung eilten sie, angeführt von ihrem empörten Staatssekretär, zu Höfle. Noch auf dem Flur zur Rede gestellt, soll dessen erste Frage gewesen sein: »Woher wissen Sie das?« Als sein Staatssekretär ihm vorhielt, dass er ohne seine Beamten gehandelt und gegen die Richtlinien des Verwaltungsrats verstoßen habe, ja dass er zivilrechtlich, beamtenrechtlich und strafrechtlich haftbar gemacht werden könne, verwies Höfle auf die volkswirtschaftlichen und sozialen Gründe sowie auf die Gefahr, dass 15000 bis 18000 Arbeiter entlassen werden könnten. Als ihm entgegengehalten wurde, dass andere für solche Fragen zuständig seien, konterte er, »er sei Politiker und Volkswirtschaftler, er müsse diese Verhältnisse ganz anders würdigen, und er sei der Meinung, daß er unter diesen Umständen auch von den Richtlinien habe abweichen dürfen«.

Erst nach und nach soll Höfle die Tragweite seiner Entscheidung eingesehen haben, in einem »Zustand außerordentlicher Erregung« im Zimmer hin- und hergelaufen sein und schließlich kleinlaut gefragt haben: »Was fange ich nun an?«57 Just in diesem Moment wurde die Ankunft Henry Barmats, der seinen zu dieser Zeit in den Niederlanden weilenden Bruder vertrat, gemeldet. Als die Beamten ihn schwer beschuldigten, blieb er kühl und meinte, er wolle von der Sache nichts wissen, der Konzern habe das Geld bekommen, damit sei die Sache für ihn erledigt. Zur Verblüffung aller präsentierte er zudem einen Wechsel, auf den er sofort eine halbe Million Mark beschafft haben wollte. Es gebe keinen Pfennig, war die Antwort des Staatssekretärs, worauf Henry Barmat entgegnete, wenn er das Geld nicht bis ein Uhr habe, müsse der Konzern unter Geschäftsaufsicht gestellt werden (im Verfahren stritt er diese Äußerung ab: er habe von der »Einschränkung des Betriebs« gesprochen). Der in Panik geratene Höfle rief darauf in Gegenwart seiner Ministerialen verschiedene Banken an und bat um die Einlösung des Wechsels. Bei den Anwesenden hinterließ das »den peinlichsten Eindruck«, erschien ihr Minister doch als serviler Erfüllungsgehilfe der Barmats. Dieser Eindruck sollte sich noch verstärken, da er, wie sich später herausstellte, von der Merkurbank Kredite für seinen Hausbau in Lichterfelde und andere Vergünstigungen erhalten hatte.58

Trotz dieser Vorfälle wurden noch Übergangslösungen gezimmert. Ein offenbar ohne Rücksprache mit Barmat unternommener Versuch Höfles, einen größeren indischen Kredit an Land zu ziehen, scheiterte zwar.59 Aber zusammen mit der Girozentrale und der Rückversicherungsbank war das Ministerium auf massiven Druck seines Ministers bereit, nochmals einen Kredit zur Verfügung zu stellen: Die Barmats, so Höfle, seien »reiche Leute«.60 Die Beamten des Ministeriums erhielten von ihrem Minister das »Ehrenwort«, dass er keine Entscheidungen mehr ohne sie treffen werde. Höfles Sekretärin wurde unter Androhung sofortiger Entlassung verboten, dienstliche Schriftstücke des Ministers zu schreiben, die ohne Mitwirkung der Abteilung zustande kamen.61

Zahlungsunfähigkeit und das Ende des Barmat-Konzerns

Angesichts der Ereignisse im Reichspostministerium verengten sich die finanziellen Handlungsspielräume Barmats zunehmend. Er kämpfte nun gegen die Zeit, und einiges deutet darauf hin, dass er nicht mehr weiterwusste und seinen Mitarbeitern viele Verhandlungen überließ. Sein Versuch, im Oktober 1924 über Deutschland hinaus auch in London eine internationale Anleihe für den Roth-Konzern aufzulegen, scheiterte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte in dieser Sache später gegen Barmat und Direktoren des Roth-Konzerns, ob es sich dabei angesichts der prekären Lage des Konzerns um ein Betrugsmanöver handelte: Mit der Anleihe hätten die Initiatoren »nach dem Muster der Inflationszeit Scheinwerte [geschaffen], die vermöge [sic!] ihrer Zerlegung in kleine Stücke auf den Absatz bei dem großen Publikum berechnet waren«.62 Das war nichts anderes als eine Umschreibung für ein »Luftgeschäft«, mit dem nicht nur das breite Publikum, sondern auch die Staatsbank getäuscht werden sollte.63

Julius Barmats Image als Finanzgenie bekam Risse. Wirtschaftliche Partner machten sich aus dem Staub. Dazu zählte mit als Erster Lange-Hegermann.64 Als Begründung brachte er vor, dass er sich in seiner eigenen Partei Angriffen ausgesetzt gesehen habe – es sei eine »Heldentat«, für Barmat einzutreten, sei »doch sein Ruf derart ramponiert, daß es gar nicht zu ertragen« sei. Überdies wurde ihm die Sache ganz offensichtlich zu brenzlig. Er will befürchtet haben, dass die anderen Miteigentümer (neben Barmat) der Merkurbank auf den Schulden sitzen blieben und er dafür zur Verantwortung gezogen werden könnte. Und er verwies auf Gerüchte, Barmat komme nicht nach Deutschland zurück und überlasse den anderen die Schulden.65 Das war schierer Opportunismus. Die Staatsanwaltschaft ermittelte zwar gegen Lange-Hegermann, gerichtlich belangt wurde er aber nicht (und auch sein Umgang mit Reichsmitteln für die besetzten Gebiete scheint nicht weiter verfolgt worden zu sein).

Nichts deutete indes darauf hin, dass Barmat das Land verlassen wollte. Stattdessen versuchte er Mitte November, mit den beiden schon genannten unabhängigen Sachverständigen Kautz und Lewy, den Konzern zu reorganisieren, während der Geschäftsführer der Amexima die Verhandlungen mit der Preußischen Staatsbank führte. Bis Ende 1924 hatte der Barmat-Konzern von dieser, der Reichspost, der Oldenburgischen Staatsbank, der Brandenburgischen Girozentrale und der Brandenburgischen Stadtschaft Kredite in Höhe von insgesamt etwa 36 Mio. Gold- bzw. Reichsmark erhalten.66 Darüber, ob man von einer Überschuldung sprechen konnte, gingen die Meinungen weit auseinander. Der von Barmat für die Reorganisation des Konzerns – zu spät – engagierte Lewy schätzte den Gesamtwert der Betriebe auf realistische 39 Mio. RM. Er war sich sicher, dass sich der Wert nach Anziehen der Konjunktur auf 69 Mio. erhöhen könnte. Diese Zahlen beruhten nicht auf dem Börsenwert der Amexima und der an der Börse gelisteten Betriebe, sondern auf seiner eigenen Schätzung des inhärenten »rein industriellen Wertes«.67 Intern diskutierte man eine Restrukturierung. Aber dazu wären neben der langfristigen Verlängerung der bestehenden Kredite noch weitere 4 bis 5 Mio. RM erforderlich gewesen, um die Schwierigkeiten zu überwinden.68

Im November und Dezember 1924 stand es um den Konzern auf jeden Fall sehr schlecht, auch wenn eine Rettung vielleicht nicht ausgeschlossen war. Viel hing vom Verhalten der Preußischen Staatsbank ab, aber auch davon, wann die darniederliegende Konjunktur wieder anziehen würde. Seit dem Abschluss des Dawes-Abkommens über die Neufestlegung der Reparationen zeichnete sich eine Besserung der wirtschaftlichen Lage ab. Amerikanische Kredite, die nun nach Deutschland zu fließen begannen, waren für große Teile der deutschen Wirtschaft der rettende Strohhalm. Eine andere Frage war, wer der Amexima weitere 5 bis 8 Mio. RM zur Restrukturierung des Betriebs zur Verfügung stellen würde.69 Die Idee, mit der Kautz vorstellig wurde, bestand darin, die bisherigen Kredite zu verlängern und neue Kredite zuzuschießen; dazu galt es, die gesamten Werte des Barmat-Konzerns in eine Treuhandgesellschaft unter Kontrolle der Gläubiger einzubringen. Parallel dazu sollte eine Restrukturierung des Konzerns vorgenommen werden. Doch die Preußische Staatsbank lehnte ab (auch wenn später eine solche Lösung teilweise umgesetzt wurde).70

Der Grund für die Ablehnung ist unschwer zu erkennen: Spätestens seit Ende November 1924 waren die Kredite an Barmat nicht mehr primär eine wirtschaftliche, sondern eine politische Frage. Plötzlich waren die Kredite an Ostjuden ein öffentliches Thema. All diejenigen, die für sich beanspruchten, schon früher gewarnt zu haben, dass es politisch bedenklich sei, einem »Konzern von jüdischen Ausländern« Kredite zu geben, sahen sich jetzt bestätigt.71 Angesichts der Presseangriffe zunächst auf Kutisker, dann auch auf Barmat war die Preußische Staatsbank bemüht, die Geschäftsverbindungen schnellstmöglich zu beenden.

Ab Dezember überschlugen sich die Ereignisse, die nicht im Detail von Interesse sind. Die Preußische Staatsbank lehnte die Verlängerung der am 15. Dezember ablaufenden Kredite ab. Dagegen protestierte Barmat heftig; er und seine Anwälte sahen darin einen Vertrags- und Vertrauensbruch. Die Staatsbank ließ sich auf keine Verhandlungen mehr ein.72 Damit war für den Barmat-Konzern die Zeit abgelaufen. Am 15. Dezember senkte die Preußische Staatsbank endgültig den Daumen.

»Zins- und Kreditwucher«: Der Fall Jakob Michael

Die Staatsanwaltschaft ging im Fall Barmat auch der Frage nach, ob der Konzern die hohen Kredite der Preußischen Staatsbank dazu benutzt habe, das Geld gegen überhöhte Zinsen weiterzuverleihen, um auf diese Weise Firmen unter seine Kontrolle zu bringen. War also eine Form von Zins- und Kreditwucher im Spiel? Das Thema tangierte gleichermaßen juristische wie politisch-soziale Fragen und ist auch deshalb von Interesse, weil Wucher seit jeher das zentrale Thema der antisemitischen Agitation gegen den »jüdischen Kapitalismus« war. Noch massiver als gegen Barmat wurde der Wuchervorwurf gegen den Unternehmer Jakob Michael (der in unserer weiteren Geschichte noch eine Rolle spielen wird) erhoben.

Wuchergeschäfte: Mehr als eine strafrechtliche Frage

Ins Visier der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gerieten grundsätzliche Aspekte der Geschäftspolitik der Preußischen Staatsbank. Auffällig war, dass der Kreis ihrer Geschäftskunden stark eingeschränkt war: Im Wesentlichen waren das Barmat und die beiden anderen in den Skandal verwickelten Personen Iwan Kutisker und Jakob Michael, die tatsächlich außerordentlich privilegiert waren, sowohl was die Kreditfristen, die Deckungsvorschriften als auch die Höhe der Zinssätze betraf. Wie bereits erwähnt standen Mitte Mai 1924 die drei privaten Großkunden mit Krediten von etwa 35 Mio. Rentenmark in den Büchern der Preußischen Staatsbank; nur dem Michael-Konzern gelang es, die Kreditschulden zu reduzieren.73 Der Verdacht stand im Raum, dass es Barmat, Kutisker und Michael mithilfe der ihnen gewährten Kredite gelungen sei, die wirtschaftliche Notlage der vom Kapitalmarkt abgeschnittenen Unternehmer auszunutzen und auf diese Weise Kontrolle über Industrie und Banken zu erlangen. Denn wenn die verliehenen Kredite nicht beglichen werden konnten, kam es vielfach zur Übertragung der Eigentumsrechte an die Kreditgeber.

Solche Sachverhalte und Zusammenhänge waren Wasser auf die Mühlen antisemitischer Agitation und weitverbreiteter Ressentiments. In der Sprache des wirtschaftlichen Antijudaismus und Antisemitismus war die Rede von »jüdischem Wucher«, »Finanzjuden« und »Shylocks« fest etabliert.74 Seit der Liberalisierung der Finanzmärkte im 19. Jahrhundert waren immer wieder Forderungen erhoben worden, Höchstsätze für Zinsen festzusetzen, Kreditwucher zu bestrafen, ja, so die Forderung der Antisemiten, Juden von Kreditgeschäften ganz auszuschließen. Die Erfolge solcher Initiativen waren trotz neuer »Wuchergesetze« seit den 1880er Jahren beschränkt geblieben. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 sah zwar die Bestrafung desjenigen vor, der »unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen« (BGB § 138, Abs. 2), aber die Handhabung blieb aus gutem Grund extrem restriktiv: Jeden einzelnen Fall von Wucher galt es zu prüfen. Einen großen, öffentlichkeitswirksamen Wucherprozess, der das Thema auch im Sinne der Antisemiten auf die Tagesordnung gesetzt hätte, gab es vor dem Krieg nicht.75

Kreditwucher stand während der Kriegs- und Inflationszeit nicht auf der Tagesordnung. Das änderte sich schlagartig mit der Währungsstabilisierung und der damit verbundenen drastischen Kreditrestriktion. Denn bis ins Frühjahr 1924 waren längerfristige Kredite auf Monats- oder gar Jahresfrist von den Banken nur schwer zu bekommen, und wenn, dann in der Regel nur zu extrem hohen (Tages-)Zinsen: Der Zinssatz für auf Tages- bzw. Monatsbasis geliehenes Geld belief sich 1924 in Berlin auf 28,2 und 25,1 Prozent; erst im folgenden Jahr fielen diese Sätze auf 9,9 bzw. 10,8 Prozent, was immer noch außerordentlich hoch war. Dabei handelte es sich um Jahresdurchschnittsbeträge. Im Einzelfall konnten die Sätze weit höher (aber auch niedriger) liegen, mit Spitzenwerten von bis zu 40 Prozent in den Monaten von November 1923 bis Mai 1924 (also der Zeit der Barmat-Kredite).76 Vor diesem Hintergrund sind die bis weit ins Jahr 1925 hinein zu hörenden Klagen von Industrie, Handel und Landwirtschaft über eine akute »Kreditnot« zu sehen. Für die etablierten Banken waren die Risiken des Kreditgeschäfts sehr hoch; sie zogen es deshalb vor, das Geld nicht auszuleihen – und es beispielsweise bei der Preußischen Staatsbank zu parken.

Tatsächlich betätigten sich die Amexima und die Merkurbank in diesem Bereich der Kreditgeschäfte und legten damit den Grundstein für den Barmat-Konzern. Zu den Kunden zählten nicht nur Industriebetriebe, sondern auch Banken, in einem Fall auch die Dresdner Bank. Die Staatsanwaltschaft sah später in diesen Geschäften insofern ein Betrugsvergehen, da die in die Millionen gehenden Geldbeträge von der Preußischen Staatsbank unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, nämlich zur Finanzierung von Lebensmittelgeschäften und dann zum Ausbau der Unternehmen, vergeben worden seien, und das zu außerordentlich niedrigen Zinsen. Während die Amexima 15 bis 20 Prozent Zinsen zahlte, erzielte sie selbst bis zu 126 Prozent pro Jahr und verlangte von den Unternehmen weit höhere Sicherheitsleistungen in Form von Aktien, Hypotheken etc. als die Preußische Staatsbank von der Amexima. Mit den Sicherheitsleistungen der erworbenen Firmen gelangte die Amexima an weitere Kredite, und vielfach gingen zahlungsunfähige Firmen in den Besitz des Konzerns über.77

Die Preußische Staatsbank war über diese Vorgänge nicht nur informiert, sondern verfolgte offenbar ein klares Ziel. Im Geschäftsbericht über das Jahr 1924 war noch zu lesen, wie schwierig das Geldverleihgeschäft war, da die Geschäftsbanken ihre Kredittätigkeit im Winter 1923/24 stark beschränkten: Gerade aus diesem Grund wollte man »durch umfangreiche unmittelbare Kreditbewilligung an Industrie- und Handelskreise der Not leidenden Wirtschaft, die von anderer Seite keine ausreichende Kreditbefriedigung erlangen konnten, nach besten Kräften […] helfen und auf eine Ermäßigung der Zinssätze durch Gewährung billiger Kredite hin […] wirken«.78 In anderen Worten: Die umstrittenen, aber als solide geltenden Großkunden sollten in das risikoreiche Geschäft einsteigen. Das Kalkül der Preußischen Staatsbank schien zunächst auch aufzugehen. Erst im Mai, als die Reichsbank massiven Druck ausübte, die Kreditvergabe an die Not leidende Landwirtschaft direkt zu fördern, kam es zu dem Beschluss, den Geschäftsverkehr mit Barmat, Kutisker und Michael einzuschränken.79

Dieser wichtige Aspekt der Geschichte des Barmat-Konzerns illustriert einmal mehr die desaströsen Folgen der eingeschlagenen Unternehmensstrategie. Das große Geschäft waren solche Kreditvergaben allenfalls kurzfristig, da die zahlungsunfähigen Firmen wie ein Klotz am Bein der Amexima hingen.80 Ein Vertreter der großen Disconto-Gesellschaft meinte, dass sie sich nicht einmal gegen zehnfache Deckung in Kreditgeschäfte wie die der Preußischen Staatsbank und der Barmats begeben hätten.81

»Konzern-Genie« und Deflationsgewinnler

Während Julius Barmat (wie im Übrigen auch Iwan Kutisker) mit solchen Geschäftspraktiken, die im verbreiteten Sprachgebrauch als Wucher galten, scheiterte, gab es mit dem Unternehmer Jakob Michael einen Profiteur, der die Stabilisierungskrise gestärkt überwand. Auch gegen ihn ermittelte 1925 die Staatsanwaltschaft nicht nur wegen des Verdachts auf Betrug, sonder auch wegen Leistungs-, Provisions- und Preiswucher.82

Damaligen Zeitgenossen war Jakob Michael kein Unbekannter, während er in der neueren Forschungsliteratur oft übergangen wird – und das, obwohl er im Gegensatz zu Julius Barmat in der deutschen Wirtschaft keine marginale Rolle spielte. Der Unternehmer, der sich kaum öffentlich äußerte und sehr diskret agierte, hatte den Ruf, einer der »größte[n] Deflationsgewinnler in Deutschland« zu sein. Das verhalf ihm damals zu einiger Prominenz, da der 1890 in Frankfurt geborene Michael offenbar tatsächlich ein Organisations- und Finanzgenie war.83 Mit der Gewinnung und Vermarktung von Wolframschlacke, die im Erzgebirge als Restbestand früherer Verhüttung vorhanden war, erschloss er im Krieg eine akute Marktlücke und schuf die Grundlage seines späteren Konzerns. Wolframschlacke war kriegswichtig, denn daraus wurde die für die Härtung von Stahl notwendige Wolframsäure gewonnen. Michael verschaffte sich in diesem Wirtschaftszweig eine Monopolstellung.

Die Staatsanwaltschaft interessierte sich später auch in seinem Fall bezeichnenderweise für seine Geschäfte während des Krieges, namentlich die Preisgestaltung und die zeitweise Übernahme des Betriebs durch Kriegsamtsstellen (wofür Michael Entschädigungszahlungen einforderte), aber auch für triviale Dinge wie die Verletzung der Sonntagsarbeit (in der Annahme, dass diese von einem jüdischen Unternehmer veranlasst worden sei). Der andere Zweig des Unternehmens war der Handel mit Chemikalien und pharmazeutischen Produkten. Die 1916 gegründete Firma J. Michael und Co. verwaltete bald eine Reihe von deutschen und ausländischen Firmen. Michael erwies sich als ein großer Meister der Inflationsfinanzierung. Er war ein gut eingeführter Geschäftskunde bei der Preußischen Staatsbank, bei der seine Firma in der zweiten Jahreshälfte 1923 mit Krediten in der Höhe von 20 Trillionen Papiermark in den Büchern stand.84

1924 zählte Michael zu den reichsten Männern Deutschlands. Während andere Firmen infolge der Stabilisierungskrise ins Schleudern kamen, florierte Michael. Wie machte er das? In der Berliner Wirtschaftspresse war man der Meinung, dass sein Erfolg darin bestanden habe, dass er nicht nur an die erfolgreiche Währungsstabilisierung geglaubt, sondern es auch wie wenige andere verstanden habe, sich auf die radikal veränderte wirtschaftliche Situation einzustellen. Konkret heißt das, dass er in der allerletzten Phase der Hyperinflation und im Übergang zur Währungsstabilisierung gegen den Herdentrieb der Spekulanten systematisch (infolge der Inflationspanik überbewertete) Aktien und Konzernteile, also »Sachwerte«, verkauft haben soll. Dazu nahm er – gegen jede Intuition, wie es scheinen mochte – schier astronomische Papiermarkbeträge an, was zur Folge hatte, dass er nach der Währungsstabilisierung und der Festsetzung des neuen fixen Kurses von Rentenmark und Papiermark außerordentlich liquide war.85 Das hieß aber auch: Wäre die Währungsstabilisierung gescheitert, hätte das für ihn fatale Folgen gehabt.

Was an dieser Erfolgsgeschichte einer genialen Spekulation Legende und was Tatsache ist, lässt sich kaum mehr sagen. Sie war auf jeden Fall Stadtgespräch. Der Michael-Konzern transformierte sich zur gleichen Zeit in Richtung einer Holding-Gesellschaft, die sehr umfangreiche Kredite aufnahm und vergab und ähnlich wie Barmat, aber in größerem Umfang, Anteile von Versicherungen und Industrieunternehmungen übernahm. Im November 1923 war er in der Lage, dem Reichseisenbahnamt und auch der Reichspost Millionenkredite u. a. in Form von Dollarschatzanweisungen zu verschaffen; für seine zunächst klammen öffentlichen Schuldner war attraktiv, dass sie die aufgenommenen Kredite mit Papiermark bedienen konnten.

Die Berliner Staatsanwaltschaft sah die Dinge jedoch grundsätzlich anders. Der gegen die liberale Berliner Wirtschaftspresse erhobene Generalverdacht lautete, dass deren Berichte über Michaels clevere »Flucht aus den Sachwerten« im »Interesse der Verschleierung« der Zusammenhänge gezielt lanciert worden seien.86 Nicht dessen Flucht aus den Sachwerten, sondern der Rückgriff auf seine ausländischen Finanzressourcen, dann aber ganz entschieden die Kredite der Preußischen Staatsbank und später auch die der Reichspost (und zwar in einem ähnlichen Verfahren, wie wir es im Falle Barmats sahen) hätten es Michael für kurze Zeit ermöglicht, als größter Kreditgeber Deutschlands aufzutreten und damit wertvolle Teile der deutschen Wirtschaft unter Kontrolle zu bringen. Kredite, für die ihm meist nicht mehr als 2,5 Prozent pro Tag [sic!] berechnet wurden, habe er für einen vielfach höheren Satz weiterverliehen. Genau hierin lag der Vorwurf des »(Zins-)Wuchers« begründet, der ganz prominent gegen ihn, wie aber auch gegen Barmat, erhoben wurde. Demnach habe sein Konzern prosperiert, da er dank dieser hohen Zinsgewinne nun geschickt in Banken und Versicherungen, aber auch ins Textilgeschäft investierte, dabei strategische Aktienanteile erwarb und ins Immobiliengeschäft einstieg, wofür er Kredite bei den von ihm mitkontrollierten großen Banken und Versicherungen erhielt. Das Urteil des amerikanischen Time Magazine, dass er in Banken- und Unternehmerkreisen ein »man feared, hated, despised« sei, war offenbar so falsch nicht.87

Die Staatsanwaltschaft sammelte emsig Zeugenberichte, die in einer ganzen Reihe von Fällen, die auch Großbanken betrafen, den Vorwurf des Wuchers erhärten sollten. Danach war Michael »damals der teuerste Geldgeber«, ja mehr noch, er habe »in der Hauptsache die hohen Zinssätze jener Zeit verschuldet […]. Wer in Geschäftsbeziehungen zu Michael getreten war, konnte schwer von ihm loskommen.« Zeugen wurden zitiert, wonach Michael bei der Rückzahlung der Kredite die Herausgabe der als Sicherheit geleisteten Effekten verzögert habe, sodass sie dem Geldsuchenden für neue, eventuell billigere Kredite bei anderen Stellen nicht rechtzeitig zur Verfügung gestanden hätten und der Schuldner dann gezwungen gewesen sei, erneut Darlehen bei ihm aufzunehmen und die von ihm diktierten hohen Zinssätze annehmen musste.88 In solchen Beschuldigungen kommt nicht nur der klassische Wuchervorwurf zum Vorschein. Alles deutet darauf hin, dass die Berliner Staatsanwaltschaft einen großen »Wucherprozess« plante.

Zu einer Anklage kam es aber nicht. Im Sommer 1924 war Michael zwar der bei Weitem größte Schuldner der Preußischen Staatsbank. Aber im Gegensatz zu Barmat und Kutisker gelang es ihm noch 1924, seine dortigen Schulden (ebenso wie bei der Reichspost) zu reduzieren, und schon im April 1925 zahlte sein Konzern die letzte Rate von 10 Mio. GM zurück.89 Damit bot er wenig Angriffsfläche. Außerdem war es fraglich, ob es sich bei den geforderten Zinsen in der chaotischen wirtschaftlichen Übergangssituation tatsächlich um »Wucher« handelte. Das war in der öffentlichen Debatte ebenso umstritten wie zwischen Juristen, die auf die Gesetze pochten, und Ökonomen, die auf die Folgen für die Wirtschaft verwiesen.90

Sehr zum Leidwesen der Staatsanwaltschaft wurde der Fall Michael dann auch mangels ausreichender Beweise und mit Blick auf die rechtliche Dimension des Falles ganz eingestellt.91 Rückblickend aus dem Jahr 1933 betonte der vormals mit dem Fall betraute frühere Erste Staatsanwalt, dass es das Ziel gewesen sei, die »Vermögenswerte des Michael« als Entschädigung für den von ihm angerichteten Schaden zu beschlagnahmen; die Einstellung des Falls sei auf »höhere Einwirkung«, sprich politische Stellen, hin erfolgt. Aber das war im Mai 1933, zu einem Zeitpunkt, als der staatliche Zugriff auf das Vermögen Jakob Michaels längst begonnen hatte, worauf noch ausführlicher zurückzukommen sein wird.92

»Luftgeschäfte«:
Der Fall des Waffenhändlers Iwan Kutisker

Wie der zur Reorganisation des Barmat-Konzerns eingestellte Gerhard Lewy konstatierte, war für Barmat die Tatsache fatal, dass die Zeitungen seinen »Konzern stets mit Kutisker zusammenwarfen«, handelte es sich doch bei Kutisker »wirklich um einen Schwindler [, dessen] Unternehmungen auf Nichts basieren«.93 Tatsächlich verwechselten schon die Zeitgenossen die drei Fälle, und das, obwohl die Sachlage nicht unterschiedlicher hätte sein können. Dies hatte mit den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, der Involvierung der Preußischen Staatsbank und konkreten, wenn auch komplizierten und höchst merkwürdigen Verbindungen der beiden Fälle Michael und Kutisker zu tun. Nicht minder bedeutsam waren die für die Medien (wie dann auch für viele Schriftsteller) interessanten Skurrilitäten und Absurditäten des Wirtschaftsvergehens Kutiskers, seiner »Luftgeschäfte«, mit denen dann wiederum Barmats Geschäfte in Verbindung gebracht wurden. »Luftgeschäfte« bezeichnen das Handeln mit Gegenständen und Finanzprodukten, denen kein »realer« Wert zugrunde lag (wie etwa den Roth-Obligationen), daher auch die Rede von »Wolkenschiebereien«, wie die Karikatur des Kladderadatsch insinuiert (siehe Abb. 4, S. 122): »Luftmenschen«, eine antisemitisch konnotierte Metapher für Juden, ließen sich dafür verantwortlich machen.94

Unternehmer und Betrüger

Der litauische Staatsbürger Iwan Kutisker war kein armer Mann, als er sich 1919 mit seiner Frau und seinen damals 17 und 14 Jahre alten Söhnen Alexander und Max auf der Flucht vor den Bolschewiki in Berlin niederließ. Aber auch er und seine Familie besaßen keine offiziellen Einreisepapiere und waren zunächst polizeilich nicht gemeldet. Die Anonymität der Großstadt bot Schutz, auch wenn die Berliner Gemeindebehörden auf Kutisker aufmerksam wurden, weil er eine große Sechszimmerwohnung anmietete, ohne den dafür notwendigen Berechtigungsschein des städtischen Wohnungsamtes zu besitzen. Diese scheinbar nebensächliche Geschichte war 1925 ebenfalls Gegenstand des Barmat-Skandals, da sie sich mit den persönlichen Beziehungen Barmats zum Polizeipräsidenten Eugen Richter, der auch für Aufenthaltsgenehmigungen zuständig war, verknüpfen ließ und – recht absurden – Bestechungsvorwürfen Auftrieb gab. Dass es in den Wohnungsämtern viele Fälle von »Schiebungen« gab, war kein Geheimnis.95


Abb. 4 Der Barmat-Konzern mit der Kuppel der Synagoge in der Oranienburger Straße

CC-BY-SA 3.0 Universitätsbibliothek Heidelberg, Kladderadatsch, 78.1925, Seite 121

Zu Kutiskers früherem Leben liegen nur spärliche Informationen vor. Im ersten Urteil des Gerichts vom Juni 1926 heißt es leicht abschätzig, dass er den »Klein- und Zwischenhandel und zuletzt die Fabrikation von Öl und Fässern« betrieben habe. Im sehr viel längeren, von Kutisker angestrebten Revisionsurteil aus dem folgenden Jahr (Kutisker starb kurz vor dessen Verkündung) war dagegen schon positiver von einem »Kaufmann« die Rede.96 Kutisker hatte zu den wohlhabenden Bürgern der lettischen Stadt Libau (Liepāja) gehört. Er soll das erste Automobil der Stadt besessen haben, und sein Faible für schwere Fahrzeuge schien zu seinem Image als »Kriegsgewinnler« zu passen. Lukrative Aufträge für die russische Armee, die er in Sankt Petersburg abwickelte, ließen ihn wirtschaftlich prosperieren. Nach der russischen Oktoberrevolution schlug er sich nach seiner Rückkehr nach Libau auf die Seite der deutschen Okkupationsmacht und betätigte sich als Waffenhändler. Ein gewagtes Geschäft war der kommerzielle Erwerb des riesigen Pionierparks der 8. Armee, der nach Ausbruch der Revolution in Deutschland und der Räumung des bis dahin besetzten Gebiets nicht nach Deutschland zurückgeführt werden konnte. Es kam nicht zum erhofften großen Geschäft, da zunächst die Bolschewiki, dann die litauische Staatsregierung die Gerätschaften konfiszierten, sodass Kutisker nur kleinere Teile kommerziell verwerten konnte. Die Kontakte nach Litauen brachen aber nicht ab, was auch darin zum Ausdruck kam, dass ihm offenbar die litauische Gesandtschaft im Gebäude ihrer Residenz in der Budapesterstraße eine Wohnung zur Verfügung stellte.97

Dank seiner Kontakte zu Mitarbeitern deutscher Kriegsamtsstellen verfolgte Kutisker dieses risikoreiche Militärgeschäft nach seiner Übersiedlung nach Berlin weiter. Er bewegte sich in der Welt von mehr oder weniger dubiosen in- und ausländischen Händlern, die mit Waffen und altem Kriegsmaterial handelten. Alte Heeresbestände gab es in Europa im Überfluss und einen Markt dafür ebenfalls. Kutisker erwarb solche Heeresbestände, darunter große Posten von Militärstiefeln (aus den Beständen der sogenannten Altleder-Verwertungsstelle des Reiches), die er unter anderem nach Litauen exportierte.98 Anlässlich des Kaufs von 50000 Militärtornistern lernte er den – später ebenfalls angeklagten – früheren Bauunternehmer Gustav Blau kennen, der sich als Kriegslieferant von Segeltüchern und Lederwaren betätigt hatte und nach dem Krieg unter anderem mit Geräten der früheren amerikanischen Fernsprechabteilung in Koblenz handelte. Kutisker und Blau gründeten während der Inflationszeit die mit Heeresartikeln handelnde Blau G.m.b.H.99

Wie viele andere engagierte sich auch Kutisker im lukrativen Bankgeschäft. So erwarb er Ende 1921 die Aktienmehrheit des Bankhauses E. von Stein in Breslau, einer alteingesessenen Bank, die 1920 reorganisiert worden war, und zwar mit dem Ziel, für ein neu gegründetes, größeres Bankunternehmen das Depotrecht zu erlangen.100 Kutisker zahlte dafür 2,7 Mio. Papiermark, aber ein beträchtlicher Teil des Aktienpakets verblieb in den Händen des ursprünglichen Besitzers Dietrich von Stein. Der Sitz der Bank wurde von Breslau nach Berlin-Mitte in das Haus in der Jägerstraße, Ecke Friedrichstraße verlagert, das im Besitz der Firma Blau G.m.b.H. war. Die Geschäftsverbindungen der Steinbank beschränkten sich zunächst auf kommerzielle Bankinstitute, wie die bedeutende Disconto-Gesellschaft. Erst am 5. Oktober 1923 nahm sie Verbindungen zur Preußischen Staatsbank auf, wobei umstritten blieb, ob die Disconto-Gesellschaft den Geschäftsverkehr unterbrach, weil die Geschäfte Kutiskers nicht seriös waren.101 Da die Banken nach der Währungsstabilisierung den Kredithahn zudrehten, wurden für Iwan Kutisker die Geschäftskontakte zur Staatsbank umso wichtiger.

Die allerletzte Phase der Inflationszeit, von Oktober bis November 1923, stand für Kutisker ganz unter dem Stern erfolgreicher Geschäfte, in der Diktion der Zeitgenossen: kruder Spekulationen. Das verkehrte sich nach der Währungsstabilisierung ins Gegenteil, weil er (ähnlich wie Barmat), typisch für die Inflationsmentalität, »Sachwerte« mit Krediten erwarb, ohne diese nun mit entwertetem Geld zurückbezahlen zu können; er selber sagte explizit, nicht an die Währungsstabilisierung geglaubt zu haben.102 In Verbindung mit anderen wirtschaftlichen Fehlentscheidungen, darunter der Kauf einer weiteren Bank (mit einem Wohnhaus und teuren Automobilen, die ihn mindestens ebenso interessierten) im Dezember 1924, trieb ihn das schnell in den Ruin. Einmal mehr spielte die Preußische Staatsbank eine unrühmliche Rolle, da sie Kutisker weitere Kredite gab und dafür sorgte, dass er sich mit seinen Gläubigern – darunter Jakob Michael, den er des »Wuchers« beschuldigte – einigen konnte.103

Bis Mitte Oktober 1924 liefen Kredite von über 14,2 Mio. RM auf.104 Alles deutet darauf hin, dass es sich um Betrugsfälle in Form von Wechselfälschungen handelte. Spektakulär war der Fall Kutisker aber aus einem anderen Grund. Denn diese für die Zeit nicht gerade sensationellen Betrügereien verblassten gegenüber den Geschäften rund um das sogenannte Hanauer Lager. In diesem Fall tummelten sich vermeintlich naive, auf jeden Fall aber gelackmeierte Beamte der Staatsbank, Militärs, Agenten und zwielichtige Geschäftemacher des In- und Auslands mit richtigen und falschen Namen, darunter auch ein offenbar bestochener rumänischer Handelsattaché. Wer wen betrügen wollte, ließ sich am Ende kaum mehr entwirren, was der Sache einen fast schon tragisch-komischen Charakter gab. Als Opfer stilisierte sich nicht zuletzt auch ein Mittäter und wichtiger, wenn auch unseriöser Gewährsmann für die Ereignisse, nämlich der Waffenhändler, Hochstapler und Betrüger Michael Holzmann, ein Russe, der dann auch Kutisker übel erpresste, was Ende 1924 den ganzen Skandal schließlich ins Rollen bringen sollte. Holzmann prägte ganz entscheidend das Bild Kutiskers als rücksichtsloser, geldgieriger, jüdischer Verbrecher, der jederzeit bereit war, über Leichen zu gehen.105

Ein filmreifes Spekulationsgeschäft: Das Hanauer Lager

Holzmann und Kutisker kamen im Zusammenhang mit der Finanzierung und der Vermarktung des Hanauer Lagers zusammen.106 Darin befanden sich nach dem Krieg die gesamten Gerätschaften und Materialien der ehemaligen Eisenbahntruppen der Westfront: Lokomotiven und Feldbahnwagen ebenso wie Spaten und andere Gerätschaften, die aber meist nur noch Schrottwert hatten. Zu deren Verwertung, aber mehr noch aus genuin spekulativen Gründen, wechselte das Lager mehrmals die Besitzer. Einen guten Teil der Kaufsumme finanzierte Kutiskers Steinbank, und zwar gegen Wechsel und Sicherheiten, die auf dem Materialwert des Lagers beruhten. Beides zusammen, Wechsel und Sicherheiten, reichte Kutisker bei der Preußischen Staatsbank ein und besorgte sich auf diese Weise die erforderlichen Kredite. Schon hier ging es nicht mit rechten Dingen zu, auch wenn einiges darauf hindeutet, dass Kutisker von seinem Kompagnon betrogen wurde.

Die »Luftgeschäfte« rund um das Lager waren dann aber abenteuerlich. Im Kaufvertrag vom 7. März 1924 war der Wert des Lagers mit 300000 GM (in der Tat viel zu niedrig) angesetzt worden. Seltsam war nun aber, dass der Wert binnen weniger Monate auf wundersame Weise stieg. Das war darauf zurückzuführen, dass plötzlich ausländische Interessenten auftauchten oder ihr Auftauchen ankündigten oder einfach aus dem Hut gezaubert wurden. Die Staaten Litauen, Sowjetrussland und Rumänien, zwischendurch auch die Reichswehr, hätten Interesse, so hieß es auf jeden Fall. Mitte Februar erklärte Kutisker der Staatsbank, der litauische Staat sei bereit, mehr als 10 Mio. zu zahlen, was die Verlängerung seiner inzwischen auf 4,2 Mio. angestiegenen Schuld ermöglichte.107 Dabei wurde die Preußische Staatsbank an dem hoch spekulativen Geschäft – denn nur so kann man es bezeichnen – beteiligt: Überstieg der Erlös die Summe von 4,2 Mio., sollte die Bank die Hälfte der Verkaufssumme erhalten! Im März war die Rede von 12,5 Mio. RM, die Sowjetrussland bezahlen werde. Das war erstaunlich, denn noch Ende Mai bewertete das deutsche Militär den Wert des Lagers mit 1,67 Mio., später wurde der »militärische Wert« auf 3 Mio. GM erhöht; anlässlich einer Besprechung im Reichswehrministerium Ende Juni, an der auch der Vertreter der Staatsbank Rühe anwesend war, erklärte ein Major, er kenne das Lager genau (tatsächlich hatte er es zusammen mit anderen besichtigt), er »schätze den wirtschaftlichen Wert auf 12 bis 15, mindestens aber auf 10–12 Millionen Mark«.108 Das goss Öl in das Feuer von Spekulationen, die den Wert des Lagers in die Höhe trieben. Vor diesem Hintergrund erschienen die vermeintlichen Gebote von angeblich mehr als 10 Mio. seitens Litauen im Februar, 12,5 der Sowjets im März oder 9,6 Mio. Rumäniens im Juli nicht ganz aus der Luft gegriffen. Für die Staatsbank waren solche Zahlen Musik, denn sie schienen eine Gewähr dafür, dass die aufgelaufenen Schulden Kutiskers bei der Staatsbank besichert waren.109

Zwischen Betrügern und Betrogenen war zu diesem Zeitpunkt kaum mehr zu unterscheiden. Kutisker und Holzmann kooperierten bei den Täuschungsmanövern und bekriegten sich gleichzeitig. Kutisker gaukelte der Staatsbank den angeblich kurz bevorstehenden Eingang von Geldern vor. Eine windige Ausflucht reihte sich an die andere: Geschäfte mit der sowjetischen Handelsmission mit Flachs (wobei das Flachslager plötzlich abbrannte); ein reicher Vetter und Tabakhändler aus New York, der sich an seinem Geschäft beteiligen werde, der aber nie auftauchte (wobei die vorgelegten Dokumente über Zusagen nachweislich gefälscht waren).110 Und damit nicht genug. In Hanau tauchte eine fingierte rumänische »Abnahmekommission« unter Führung eines Handelsattachés auf, darunter auch der aus Paris angereiste Holzmann, und zwar unter dem Decknamen »Negri« (Pola Negri war eine bekannte Schauspielerin der Zeit).111 Dem im August nach Hanau entsandten Beamten der Staatsbank namens Dr. Habbena kam die Sache zwar recht dubios vor, aber die Mitglieder der Kommission versuchten ihn zu beschwichtigen: Die Berichte seien schon in Bukarest und die Auszahlung des Geldes auf der Grundlage eines zuvor in Hamburg geschlossenen Vertrags könne demnächst erfolgen.112

Die Staatsanwaltschaft argumentierte später, dass Kutisker den Betrug Holzmanns, der sich gegen ihn, Kutisker, richtete, selbst arrangiert habe, um aus einem früheren Vertrag mit den Rumänen herauszukommen.113 Das war die Version Holzmanns. Unter den vielen Erklärungen bot diese zumindest eine nachvollziehbare Variante an und hatte den Vorteil, ein »Master Mind«, ein schwarzes Schaf, einen Sündenbock zu identifizieren. Dieser Sündenbock war Kutisker, der am Schluss die von Michael erwirkten gerichtlichen Zahlungsverordnungen nicht mehr erfüllen konnte, sodass der »völlige Zusammenbruch der Steinbank und damit des sogenannten ›Kutisker-Konzerns‹« nicht mehr aufzuhalten war.

Kutisker hatte Grund, sich als Opfer zu sehen. Denn die umfangreichen Ermittlungen der Berliner Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft zeigen recht eindeutig, dass Holzmann Kutisker und andere erpresste und dabei gemeinsame Sache mit Männern aus dem »Berliner Fremdenamt«, also der Stelle, bei der sich Ausländer zu melden hatten, machte.114 Folgt man den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Holzmann sowie Kutiskers eigener Darstellung, ging es Holzmann vor allem um eines: Geld. Kutisker wurde mit der Abschiebung aus Deutschland erpresst. Auf diese Spur kam auch ein Kriminaloberinspektor namens Grünberg von der Berliner Kriminalpolizei aufgrund von Informationen aus russischen »Vigilantenkreisen«. Aber er merkte schnell, dass er mit seinen Ermittlungen in ein Wespennest stach.115 Grünbergs Beweise zählten schließlich wenig, da er sich selbst angreifbar machte. Zum einen wegen banaler Abrechnungsfehler bei Auslagen für ein gemietetes Auto; zum anderen hatte er die Hilfe einer Sekretärin Kutiskers in Anspruch genommen: »Dieses Vergehen ist nicht nur ungehörig, sondern wird auch jedenfalls zu einer strengen disziplinarischen Bestrafung des Kriminalinspektors Grüneberg [sic!] führen«, war aus dem Munde des Polizeipräsidenten Richter zu hören; noch 1924 wurde Grünberg aus dem Dienst entlassen. Wenige Monate später stand der Polizeipräsident wegen seiner Beziehungen zu Barmat selbst am Pranger – und wurde gedemütigt verabschiedet.

Zwei Interpretationen des wirtschaftlichen Grenzgängertums

Gemessen an den ausufernden Räuberpistolen-Episoden im Umfeld des Falles Kutisker war diejenige Julius Barmats vergleichsweise harmlos, fast schon banal. Fachleute sahen die Ursachen des wirtschaftlichen Scheiterns in strukturellen Momenten, nämlich im Übergang von der Inflation zur Währungsstabilisierung und damit verbundenen Fehlentscheidungen und -einschätzungen durch verschiedene Akteure. Darüber hinaus gab es Indizien für ein als deviant einzustufendes Verhalten, nämlich Bestechung, aber dieses Argument stand bei den Experten aus der Wirtschaft nicht im Vordergrund. Doch zirkulierte auch eine andere Sicht auf die Dinge: Tat sich hier nicht geradezu ein Abgrund von Betrug und Korruption auf, der im Falle Barmat zudem an dessen frühere Geschäftstätigkeit anknüpfte? Es handelt sich um zwei sehr unterschiedliche Erklärungen der Zusammenhänge, mit denen die (Ab-)Wege der wirtschaftlichen Entwicklungen und der Grenzgänger des Kapitalismus der Kriegs- und Nachkriegszeit verhandelt wurden.

Bereinigung und Rückkehr zum »rationalen Kapitalismus«

Mit der erfolgreichen Währungsstabilisierung gingen die früheren Inflations- und Deflationsblüten unter. Dahinter vermag man wirtschaftliche Selbstregulierungen, auch im Sinne von Systemlogiken von Marktrationalität, erkennen; anders formuliert: Die Kräfte des »rationalen Kapitalismus« (Weber) setzten sich seit der Währungsstabilisierung sukzessive durch. An die heilsamen Wirkungen der Marktkräfte, die letztlich das wirtschaftliche Handeln bestimmten, glaubte auf jeden Fall auch der Wirtschaftsgutachter und Jurist Berthold Manasse, der als Geschäftsführer einer eingerichteten Treuhandgesellschaft die Abwicklung des Barmat-Konzerns übernahm.

Manasse diagnostizierte dessen Scheitern in jeder Hinsicht nüchtern. Die Brüder Barmat hätten sich »ohne Vorkenntnisse und ohne Eignung auf Gebieten betätigt, auf welchen sie versagen mussten«: Sie hätten Firmen und Beteiligungen ohne sachgemäße Prüfung der Bilanzen gekauft. Fast alle Unternehmungen erforderten Zuschüsse und Investitionen, erzielten aber keine Rendite. Die eigenen Mittel hätten »im krassen Gegensatz« zu den aufgenommenen Mitteln gestanden. Mehr als alles andere war nach Manasse die »Ursache des Zusammenbruchs in der grundlegend falschen Anhäufung nicht zueinander gehörender Unternehmungen in einem Haus zu suchen, für deren Bewirtschaftung nicht nur keine eigenen Erfahrungen, sondern auch nicht die geeigneten Hilfskräfte zur Verfügung standen«.

Diese Diagnose war in der wetterwendischen liberalen Berliner Wirtschaftspresse schnell Konsens. Die Stabilisierungskrise hatte »eine Anzahl von Inflationskonzernen aufs Trockene gesetzt«, so ein anderer Autor, »und die Barmats besaßen weder genügend Geld oder Kredit, um sie zunächst wieder flott zu machen. Aber sie besaßen absolut nicht genügend Geld, um sie auf die Dauer zu finanzieren«.116 Was wenige Monate zuvor noch als »Weitblick« gelobt worden war, nämlich dass Julius Barmat »im Gegensatz zu fast allen anderen Konzernschöpfern« seinen Konzern nicht in den Tagen der Hochkonjunktur, sondern in denen der Depression und der Krise aufgebaut und auf diese Weise »eine Reihe der wertvollsten Unternehmungen zu äußerst vorteilhaften Preisen an sich gebracht« hatte, entpuppte sich als krasse Fehleinschätzung.117 Aber wen kümmerte das Geschwätz von gestern?

Zugleich war es kein Geheimnis, dass die Preußische Staatsbank gravierende Mitschuld an der ganzen Misere trug: »Bankiers und Großbanken« verkauften nur zu gern ihre Aktienpakete, ohne aber selbst Kredite für solche gewagten Geschäfte zur Verfügung zu stellen, so Manasse. Das übernahmen die »öffentlichen Behörden«; bei diesen seien aber »sämtliche Voraussetzungen außer Acht geblieben, welche im Bankgewerbe üblicherweise für Kreditgesuche vorhanden sein müssen«. Man könne diese »›Konzern‹-Bildung nicht als beabsichtigten betrügerischen Aufbau bezeichnen«. Denn vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus, so seine Konklusion, könne man nicht erkennen, »worauf man den Vorwurf des Betrugs stützen wolle, solange Dummheit und Unfähigkeit nicht unter Strafe gestellt sei«.118 Dieses Urteil des Wirtschaftssachverständigen lief – noch in der heißen Phase des Skandals – auf eine Art »Normalisierung« der Geschäftstätigkeiten Barmats hinaus; vor allem ließ sie die vielen Mitbeteiligten weitgehend außer Acht.

Solche eher pragmatischen Einschätzungen, die auf die Wirren der wirtschaftlichen Zeitumstände und ihre zerstörenden Wirkungen abhoben, waren weit verbreitet. Konsens war, dass mit der Währungsstabilisierung Kriegs- und Inflationsgewinnler und ihre aufgeblähten und unsoliden Firmen aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen wurden. Anders formuliert: Grenzgänger des politischen Kapitalismus machten dem vermeintlich rationalen Kapitalismus Platz. Viel Aufsehen erregte die Zahlungsunfähigkeit des Stinnes-Konzerns im Frühjahr 1925.119 Auch der 1924 verstorbene Hugo Stinnes, der den einen als genialer Konzernorganisator, den anderen als ein »König der Inflation«, unter diesen Königen gar als »Kaiser« galt,120 hatte in der Stabilisierungsperiode seinen Konzern ebenfalls weiter auszubauen versucht. Seiner Familie hinterließ er einen Trümmerhaufen. Für viele seiner Bewunderer war das ein Schock. In populären Debatten, speziell solchen der Linken, war Stinnes zwar ein übler Inflationsgewinnler (der in Karikaturen vielfach mit jüdischen Konturen gezeichnet wurde); anderen galt er dagegen als ein Vorbild eines nicht jüdischen Kapitalismus. Im Gegensatz zum Barmat- wurde der große Stinnes-Konzern für die wirtschaftliche Stabilität Deutschlands als systemrelevant (um einen modernen Begriff zu benutzen) eingestuft. In einer konzertierten Rettungsaktion restrukturierten Großbanken und die Reichsbank das Unternehmen. Konzernteile wurden stillgelegt oder verkauft, aber der Kern konnte gerettet werden.121

1923/24 wurden Tausende von Firmen zahlungsunfähig. Die Währungsstabilisierung als »Reinigungskrise« versprach einen Schlussstrich unter die verkehrte Welt der Nachkriegszeit und einen Neuanfang. Mit der Zahlungsunfähigkeit des Barmat-Konzerns war die Liquidations- und Treuhandgesellschaft m.b.H. in Berlin eingerichtet worden, deren Aufgabe die Verwertung der Vermögensbestände des Barmat-Konzerns war. Mitglieder des Aufsichtsrats waren bekannte Staats- und Reichsbeamte, darunter der neue Präsident der Preußischen Staatsbank Franz Schröder, der Reichstagsabgeordnete und Autor des Buches Das Finanzkapital (1910) Rudolf Hilferding sowie der Leiter des Reichskolonialamtes und Reichsminister für Finanzen a. D. Bernhard Dernburg. Diese Treuhandgesellschaft wurde offenbar mehr oder weniger einvernehmlich mit Julius Barmat, seiner Frau Rosa und seinen Brüdern sowie dem Wirtschaftsgutachter und Juristen Berthold Manasse, dem Vorstand dieser Gesellschaft, per Notariatsvertrag gegründet. Mit ihrer Gründung verpflichteten sich die Barmats, auch ihr gesamtes Vermögen, das sie in- und außerhalb Deutschlands besaßen, der Treuhand zu übertragen. Davon ausgenommen waren Wäsche, Kleider und Wohnungseinrichtungen, die aber offenbar vom Finanzamt gepfändet waren. Das in Deutschland nachgewiesene Vermögen der Barmats betrug nach einem Vorbericht der Bücherrevision Ende 1924 höchstens 400000 RM. Die Ermittlungen ergaben, dass das holländische Vermögen Julius Barmats Ende 1923 etwa 2,2 Mio. Gulden, gleich etwa 3,8 GM betrug. Er war aber nicht liquide und zweifellos durch den Kursverfall der Aktien schnell entwertet. Wie viel davon in die Hand der Treuhand gelangte und nicht an den Fiskus fiel, ist nicht bekannt. Von der Übertragung in die Treuhand ausgenommen war das Vermögen der Amexima Hamburg, in deren Händen der Lebensmittelhandel lag und deren Wert sich 1926 auf etwa 200 000 RM belaufen haben soll. Wie im Treuhandgesellschaftsvertrag zu lesen war, sollte damit den Barmats die Gründung einer neuen Existenz ermöglicht werden.122

Der Barmat-Konzern befand sich nun in der Hand von Sachverständigen. Julius Barmat war nur noch ein Beobachter, der zusehen musste, wie sein Konzern zerlegt wurde. Infolge seiner Inhaftierung war er vom Informationsfluss weitgehend abgeschnitten. 1925 begann der Verkauf von Konzernteilen; Teile davon waren für Käufer durchaus ein »Schnäppchen« und warfen schon wieder Gewinne ab.123 Eine hoch umstrittene Frage war, ob und welche Schulden von Rückversicherern gedeckt waren. Die dem Barmat-Konzern zugehörige Allgemeine Garantiebank Versicherungs-AG. hatte dafür selbstschuldnerische, teils Ausfallsbürgschaften übernommen, die sie wiederum an die Liquidationsgesellschaft abtrat. Die Rückversicherer bestritten massiv die Forderungen, die sie zuvor übernommen hatten, und ließen Barmat wie eine heiße Kartoffel fallen. Nach dem Zusammenbruch erkannten die 17 Gesellschaften, die mit Summen von einer Dreiviertel Million bis über 6,5 Mio. RM in-volviert waren, »dass sie Risiken in einem so hohen Maße übernommen hätten, dass sie denselben in keiner Weise gewachsen wären«. Der Vergleich ging zugunsten der Rückversicherer aus, schon um deren Fortbestehen zu ermöglichen.124

Der Schaden des Zusammenbruchs des Barmat-Konzerns war beträchtlich, aber in den meisten Fällen schnell abgeschrieben. Die verschiedenen Teile des Konzerns standen insgesamt mit etwa 36 Mio. Gold- bzw. Reichsmark von der Preußischen Staatsbank, der Reichspost, der Oldenburgischen Staatsbank, der Brandenburgischen Girozentrale und der Brandenburgischen Stadtschaft in den Büchern. Nach dem Schiedsspruch zugunsten der Rückversicherer 1926 sollen mehr als etwa 30 Mio. RM ungedeckter Forderungen übrig geblieben sein, die nicht durch den Verkauf von Konzernteilen hereingeholt werden konnten. An dieser Summe war die Preußische Staatsbank mit 11,5 Mio. RM beteiligt, wovon am Ende ein Verlust von insgesamt 8,4 Mio. RM übrig blieb, der aus dem Reingewinn der Preußischen Staatsbank im Jahr 1925 und 1926 abgedeckt wurde.125 Ähnliches gelang in der Oldenburgischen Staatsbank nicht, wo die angehäuften Verbindlichkeiten auch weiterhin drückten und ein anhaltendes politisches wie fiskalisches Thema blieben.126

Ein Abgrund von Täuschung und Korruption

Die Einschätzung, dass strukturelle Rahmenbedingungen und damit verbundene individuelle Fehlentscheidungen Ursachen für die desaströsen Geschäfte waren, kontrastierten mit solchen Erklärungen, welche die negativen Effekte mit konkreten Person wie den Barmats und mit korrupten Politikern in Verbindung brachten und darin negative Auswüchse des Kapitalismus sahen. Das ist die immer wiederkehrende politische Konfliktlogik.

Persönliche Schuldzuschreibungen sind eingängiger als auf Strukturen abhebende Erklärungen, und juristisch liegen die Dinge noch komplizierter. Die Justiz steht immer vor der Herausforderung, Gesetzesverstöße Einzelner zu bestimmen und konkrete Tatbestände nicht nur zu benennen, sondern auch zu belegen, also Handlungsmotive und Tathergänge zu identifizieren, die auf konkreten juristischen Tatbeständen wie Betrug, Wucher, aktive und passive Bestechung oder Konkursverschleppung beruhen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass Julius Barmat vielfach mit Blendung und Täuschung arbeitete, was im Gegensatz zu Akten der Bestechung aber nicht strafbar ist. Wie das Zitat Thomas Manns zu Beginn dieses Kapitels illustrierte, lautet die diffizile Frage eher, inwiefern sich Barmat von den vielen anderen »Weinschenks«, darunter insbesondere solchen im Bereich des Handels und des Börsenverkehrs, unterschied.

Barmat war ein besonderer Fall. Anders als Kutisker oder der verschwiegene Michael warb er mit seinen politischen Beziehungen. Dazu zählten die vielen Empfehlungsschreiben, die er geradezu sammelte, gezielt einzusetzen versuchte und mit denen er SPD-Politiker, aber auch Beamte der Staatsbank immer wieder in Verlegenheit brachte. Solche Empfehlungsschreiben, auch von Politikern, waren durchaus üblich. Ernst Heilmann (SPD) meinte unter »großer Heiterkeit« der Parlamentarier, würden diese Schreiben als Kriterium für Korruption gewertet werden, sei seiner Meinung nach das ganze Parlament »von oben bis unten« korrupt. Manche Zeugen sagten später aus, dass ihnen solche Referenzen egal waren, ja dass sie sie eher misstrauisch stimmten. Andere ließen sich davon blenden.127 Alles deutet aber darauf hin, dass Barmat seine politischen Kontakte gezielt ausspielte, im Gegensatz zu anderen Kaufleuten, die das vielleicht schon deshalb nicht nötig hatten, weil ihre soziale Reputation gefestigt war. Viele betrachteten dieses Vorgehen als spezifisch berlinerisch, galt Berlin doch, im Gegensatz zur Kaufmannsstadt Hamburg, als Hauptstadt der Aufsteiger, die diese, darunter solche jüdischer Konfession, sehr wohl auch diskriminierte.

Mit Blick auf das gelegentlich fast schon als naiv zu bezeichnende Vertrauen in den reichen Barmat kann man aber auch die Frage stellen, welche Rolle ausgerechnet das »Vertrauen in Ostjuden« spielte. Diese Frage erscheint angesichts der oft diagnostizierten Ressentiments, die diesen Personen gerade wegen ihrer Konfession entgegenschlugen, auf den ersten Blick merkwürdig, ja geradezu kontraintuitiv. Aber fast alle der bisher genannten Akteure – Barmat, Kutisker, Holzmann, Sklarz und Helphand, und die Liste ließe sich erweitern – hatten, wie ein Mann aus der Bankpraxis meinte, »Deutschland gegen Rußland manchen Dienst erwiesen« und waren »für die Militärverwaltung Ob.-Ost und die deutsche Zivilverwaltung in Polen unentbehrliche Helfershelfer«.128 Auch Barmat eilte der Ruf voraus, im Krieg auf der Seite Deutschlands gestanden zu haben. Es verwundert nicht, dass dieses eher sensible Thema, das Fragen der militärischen Geheimdienststrategien aufwerfen musste, in den öffentlichen wie den parlamentarischen Debatten kaum angesprochen wurde.

Aber Barmat vermochte mit solchen Geschichten und seinen vielfältigen Beziehungen manchen zu bluffen. Der folgende Bericht eines in den Niederlanden lebenden Deutschen von der Geschäftsreise seines Bruders gibt einen recht guten, wenn auch drastischen Eindruck des Barmat’schen Geschäftsgebarens. Auf dem Weg nach Memel machte der Reisende 1919 in Berlin einen Zwischenstopp und wurde Julius Barmat vorgestellt, der, wenn die Schilderung stimmt (wofür einiges spricht), ein großes Geschäftstheater inszenierte: »Mein Bruder erzählte, dass Herr Barmat auf ihn einen sehr vornehmen Eindruck machte und dass er bei seinem Besuch im Central Hotel in Berlin von Herrn Barmat den Eindruck gewonnen habe, es mit einer Persönlichkeit zu tun zu haben. Da in der halben Stunde, in der er dort war, Herr Barmat mit verschiedenen deutschen Ministern telefonierte und ein Paket an den Reichstagspräsidenten [sic!] Ebert expedieren liess [sic!], während der [sic!] er sich im Nebenzimmer mit anderen Persönlichkeiten der deutschen Regierung unterhielt«, habe sein Bruder den Eindruck gewonnen, »dass er mit einem sehr einflussreichen Mann zu tun habe, der in enger Beziehung zur deutschen Regierung steht«. Als der niederländische Geschäftsmann dann selber in Berlin war, sah er sich in diesem Urteil seines Bruders bestätigt, zumal sich die Szenen wiederholten. Trotz der verhaltenen Warnung eines Bankbeamten der Commerz- und Diskontobank kaufte er nicht nur 300 Zentner Blättertabak und mehrere Waggonladungen Zigaretten, die in Memel angeliefert werden sollten, sondern ließ sich offenbar auch eine große Menge Tee aufschwatzen, die er, ebenso wenig wie die Zigaretten, vorher in Proben in Augenschein genommen hatte, und zwar auch deshalb, weil er nichts vom Teegeschäft verstand. Nicht nur das: Barmat habe ihn bei der komplizierten Valutaberechnung und Preisstellung geprellt. Der überforderte Kaufmann, der einigermaßen blauäugig Millionenverträge abgeschlossen hatte, will nun plötzlich gemerkt haben, dass er »einem ganz gefährlichem Menschen in die Hände gefallen war«.129 Wer von den beiden der geschicktere Kaufmann war, steht außer Frage.

Kleider machen Leute. Das Gleiche gilt für den Habitus des weltmännischen Auftretens des reichen Kaufmanns, der fremde Sprachen beherrschte und zwischen Amsterdam und Berlin pendelte. Das beeindruckte, wie die betreffenden Personen zu ihrer Verteidigung regelmäßig betonten. Nicht nur Beamte der Preußischen Staatsbank waren demnach »leichtgläubig[e] und damit auch leicht zu täuschend[e]« Männer, die sich vom Reichtum beindrucken ließen, wie man in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft lesen kann.130 Der promovierte Bankbeamte der Staatsbank Hellwig war davon ausgegangen, dass das Amsterdamer Mutterhaus für eine Schuld von 10 Mio. Goldmark »unbedingt sicher« war. Doch das waren Fantasiezahlen. Barmat hatte es vermieden, Angaben über den Wert seiner Konzernunternehmen zu machen – aber die Beamten hatten auch nie danach gefragt.131 In ähnlicher Weise folgte das Gericht später der Version der Verteidigung der Direktoren Alfred Staub und Julius Rabbinowitz des Roth-Konzerns, denen aber zugute gehalten wurde, dass sie bestrebt waren, »durch ernste Arbeit einen großen Industriekonzern aufzubauen« (und zwar ohne Betrugsabsichten im Zusammenhang mit der Roth-Anleihe, wie die Staatsanwaltschaft meinte). Die Behauptung der beiden Unternehmer erschien plausibel, nämlich »daß sie in dem Glauben an unerschöpfliche Mittel Julius Barmats […] und im Vertrauen auf die unversiegbaren Geldquellen sich zu den kostspieligen Erweiterungen ihres Konzerns bereitgefunden und jedenfalls bei der Auflegung der Obligationsanleihe noch an eine aussichtsreiche Zukunft ihrer Unternehmen geglaubt haben«.132 Ähnliche Rechtfertigungsstrategien findet man bei dem Zentrumsabgeordneten Hermann Lange-Hegermann, bei den in Berlin allseits bekannten Direktoren der Merkurbank, bei den Honoratioren in der Altenburger Sparbank und den SPD-Abgeordneten, die sich, ähnlich wie Höfle, auf die Rettung von Arbeitsplätzen beriefen. Und am Ende dieser Nahrungskette von Hoffnungsträgern finden sich Bettelbriefschreiber, darunter pikanterweise auch ein »Fräulein von Papen«, eine weitläufige Verwandte des konservativen preußischen Landtagsabgeordneten und späteren Reichskanzlers Franz von Papen (Zentrum), die sich 1924 zunächst verzweifelt an den Reichspostminister gewandt hatte, und zwar mit dem Hinweis, dass, falls ein fälliger Wechsel nicht eingelöst werde, »unsere sämtliche Möbel uns herausgetragen [werden]. Wir haben ja sicher entsetzlich viel verloren, unsere schöne Besitzung, Existenz, gute Möbel alles und nun soll uns auch noch unser letztes herausgegeben werden.« Auch in diesem Fall hatte Julius Barmat ein offenes Ohr.133

Verlockungen des Geldes: Täter und Opfer

Die (Selbst-)Blendung durch Reichtum war somit ein wichtiges Argument, mit dem sich Gier verschleiern ließ. Darüber hinaus spielte im juristischen Diskurs, bei dem es auch um die Verantwortung der Beamten der Preußischen Staatsbank ging, der Rekurs auf soziale Ungleichheit und Unterlegenheit eine Rolle. Das zeigt der Fall des promovierten Staatsfinanzrats Fritz Rühe, den die Staatsanwaltschaft in Untersuchungshaft genommen hatte und gegen den sie im Zusammenhang der Kreditvergabe an Barmat wie Kutisker wegen schwerer passiver Bestechung ermittelte. In seinem Fall ging es um die »gastliche Aufnahme« in Barmats Haus, die üblichen Liebesgabenpakete aus Holland, einen Delfter Porzellanteller, an dem die Frau Rühes Gefallen gefunden hatte, was Barmat sofort bemerkt hatte, und die Vermittlung des günstigen Erwerbs von Aktien und Anleihen. Verfahrenstechnisch konzentrierte sich die Staatsanwaltschaft auf Rühes Involvierung in den Fall Kutisker, machte aber davon die Anklage im Falle Barmat abhängig,134 sodass die Namen austauschbar sind:

»Rühe ist ein Opfer Kutisker [sic!] geworden. Mit Menschen von der Art Kutisker ist er vor Oktober 1923 kaum in Berührung gekommen. Vergleicht man Rühe mit Kutisker, so ergibt sich ohne Weiteres, dass Rühe von vornherein dem Kutisker unterlegen war. Aus kleinen Verhältnissen stammend, dienstlich nur mit einwandfreien Großkaufleuten in Berührung gekommen, sah er hinter Kutisker mit seiner Großmannssucht und seiner verschwenderischen Lebensführung nicht den Hochstapler, sondern einen schwerreichen Ausländer, dessen Geschäfte so groß waren, dass die Diskontogesellschaft sie nicht bewältigen konnte, und der trotz der Inflation seine Substanz ständig vermehrte. Während die Staatsbank ihre Substanz nahezu völlig eingebüßt hatte! Hier liegt der springende Punkt für die Entschließung Rühes, die Erklärung für sein ganzes Verhalten. Die Staatsbank hatte ihre Substanz verloren, und die Generaldirektion war sich dahin schlüssig geworden, dass alles geschehen müsse und jeder nach besten Kräften an seiner Stelle dabei mitwirken müsse, die verlorene Substanz wiederzugewinnen. Welch ein Anreiz für den ehrgeizigen Rühe! Als deshalb am 4. Oktober 1923 Kutisker in seiner Eigenschaft als Generaldirektor des alten Bankhauses E. v. Stein zu ihm auf die Staatsbank kam und ihn mit Empfehlungsschreiben, Protzereien mit Dollarguthaben und dergleichen sowie großen Transaktionen auf der Börse beschwatzte, sah er in der Geschäftsverbindung mit diesem Mann die Möglichkeit auftauchen, große Gewinne für die Staatsbank zu machen. Er schenkte Kutisker restlos Vertrauen und wenn er einmal Vertrauen gefasst hatte, so wurde er so leicht nicht wankend. Das sollte sein Verhängnis werden.«135

Die staatsanwaltschaftliche Suada hörte hier nicht auf: Dank »der große[n] Überredungsgabe Kutiskers« erreichte dieser bei dem Beamten, der voller »Optimismus« die Reorganisation der Bank betrieb, »was er wollte, [nämlich] was die kleinste Privatbank ihm [Kutisker – MHG] glatt abgelehnt hätte«. Zwar war am Ende »der Verdacht der Bestechung und der Untreue keineswegs völlig ausgeräumt«; dennoch habe es keine greifbaren Anhaltspunkte gegeben, »die geeignet wären, seine Verurteilung herbeizuführen«. Nachweisbar war nicht einmal ein »dolus eventualis« – also das Bewusstsein, etwas Falsches zu tun. Nein, Rühe sei es nur darum gegangen, »der Staatsbank zu nützen«; er wollte von den Geschäften der Steinbank profitieren (wie wir das ähnlich im Falle Barmats sahen); das Problem war die falsche Einschätzung der wirtschaftlichen Lage im Jahr 1924, die sich als mehr als nur eine Phase von »kurzzeitigen Stockungen« erwies.136 Das war nichts anderes als die Geschichte eines aufrechten deutschen Michels, wie man ihn mit seiner Zipfelmütze und naiven Unschuldsmiene in den Karikaturen der Zeit zuhauf findet, der sich, geblendet vom Schein und der Beredsamkeit seiner Gegenübers, hinters Licht führen ließ – in diesem Fall von einem »jüdischen Kapitalisten«, ohne dessen wahre Persona zu erkennen. Der Oberfinanzrat kam auf jeden Fall ungeschoren davon.

Kritischer sah die Staatsanwaltschaft den Fall Hellwig, der Ende 1924, also kurz vor dem Zusammenbruch, von der Staatsbank in den Barmat-Konzern übergewechselt war, wo er eine unbedeutende Position innehatte. Er war der einzige der Bankbeamten, der bestraft werden sollte, und zwar wegen passiver Bestechung und Betrugsabsicht.137 Zusammen mit Rühe hatte er Anfang Februar 1924 an der ersten Geburtstagsfeier des Kindes von Henry Barmat und am Einsegnungsfest des Sohnes von Julius Barmat teilgenommen; er pflegte den geselligen Umgang – Hellwig legte gelegentlich mit seinem Ruderboot in Schwanenwerder an –, und während der Reisen Barmats »wurde dieser Verkehr in Form eines fast überschwänglich freundschaftlichen Briefwechsels aufrechterhalten«.138 Auch wenn das Gericht in seinem Fall später passive Bestechung als erwiesen ansah, unterstrich es, dass dem Bankbeamten Hellwig kein absichtliches Handeln zum Nachteil der Staatsbank nachgewiesen werden könne, ja es habe auch keinen Anhaltspunkt dafür gegeben, »daß Dr. Hellwig eine solche Absicht zuzutrauen wäre. Sein ganzer Lebenslauf, seine Erziehung und seine gesellschaftliche Stellung, seine mit Auszeichnung abgeschlossene juristische Vorbildung und seine durch die Berufung in das Justizministerium anerkannten Leistungen im Justizdienst, aber auch seine anschließende Tätigkeit in der Staatsbank sprechen dagegen, daß er nun unter dem Einfluß Julius Barmats von dem bisherigen geraden Wege seines Lebens abgewichen sein und seine Pflichten als Beamter so weit vergessen haben sollte, daß er sich zu der für seine Moralbegriffe höchst verwerflichen Tat hergegeben hätte, die Staatsbank absichtlich zu schädigen.« Er handelte nicht »böswillig, aber aus einer überspannten Großzügigkeit und einer Überschätzung seiner wirtschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen heraus«; so sei es »in leichtfertiger und fahrlässiger Weise zu der Behandlung der Kreditgeschäfte gekommen, die zu den schweren Verlusten für die Staatsbank führten«.139

Eine andere Geschichte der subtilen Bestechung, ja der Unterwerfung erzählte auch Wilhelm Koenen (USPD/KPD), der Barmat 1920 anlässlich des niederländischen Hafenarbeiterstreiks kennengelernt hatte. Für ihn war das Zusammentreffen ein sehr »unangenehmes Pech«, wie er später formulierte, das »einzige derartige Malheur« in seinem bisherigen Leben. Denn Barmat gab ihm in Holland einen kleinen »Privatkredit« über mehrere Hundert Gulden, den der Geschäftsmann später, angesichts der wüsten Angriffe auf ihn seitens der Kommunisten, in einer öffentlichen Erklärung zurückforderte. Koenen behauptete, er habe diesen Kredit zurückbezahlt (was aber auch nicht glaubwürdig war), ohne dass er dies aber nachweisen konnte. Sehr dramatisch schilderte er im Reichstagsausschuss sein Schicksal: Barmat unternehme alles nur Mögliche, um Personen in »seinem Netz« zu fangen: »Das ist der Eindruck: wie eine Spinne, die in der Mitte sitzt und aufpaßt, wo fängt sich einer in meinem Netz, wo kann ich ihn dann packen und für meine Zwecke dann doch noch heranziehen. […] Diese Versuche wurden mit einer Aufmerksamkeit und Umsicht, einer Beharrlichkeit gemacht, mit einer Eleganz, mit einer – man kann es schlecht in deutsche Worte kleiden – übertriebenen Liebenswürdigkeit, in einer Form, die wirklich etwas Ungewohntes an sich hatte.« Koenen erzählte später dem – wie das stenografische Protokoll vermerkte – »leicht erheiterten« Reichstagsausschuss, Barmat habe mit dem Kredit geglaubt, ihn »erdrücken« zu können, ja er habe sogar – vergeblich – versucht, die Hotelrechnung der deutschen Delegierten zu begleichen. Im folgenden Jahr, so Koenen, ließ der Kaufmann ihm ein Liebesgabenpaket zukommen und versuchte – erfolglos –, über ihn Kontakte zur russischen Handelsdelegation herzustellen. Ironie der Geschichte: Solche Empfehlungen erhielt Barmat später dann vom Diplomaten von Maltzan, der in dieser Zeit als Russlandexperte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion mitgestaltete.140

Geschenke dieser Art sollten denn auch dem Berliner Polizeipräsidenten Richter und dem früheren Reichskanzler Gustav Bauer politisch das Genick brechen. Wo lag die Grenze zwischen Freundschaftsgeschenken und aktiver Bestechung? So klar die Gesetzesnormen sind, die aktive und passive Bestechung – Vorteilsnahme, Bestechlichkeit, Vorteilsgewährung, Bestechung (§§ 331–334 StGB) – definieren, so kompliziert gestaltet sich seit jeher ihre Anwendung. Das gilt selbst für einzelne Aspekte des Falles Höfle, der in vielerlei Hinsicht eklatant war (auch wenn das Gericht über den in Untersuchungshaft gestorbenen Höfle nicht mehr richten musste). Der Postminister hatte sich beim Bau eines Hauses in Lichterfelde übernommen, da die Gesamtkosten weit die ursprünglich erwartete Summe von 125000 GM überstiegen. In diesem Zusammenhang vermittelte Julius Barmat direkt über die Amexima einen Kredit von 42000 GM. Der so Begünstigte glaubte, das Geld zurückzahlen zu müssen, und wollte es, so seine Aussage, später durch eine Hypothek abdecken, was aber nicht geschah. Die Ermittlungen zeigten, dass die Amexima den Kredit als »Konzernunkosten« verbuchte, was wiederum Höfle nicht gewusst haben will.141 Problematisch waren außerdem 500 US-Dollar, die Höfle sich »als Reisekosten« nach Marienbad schicken ließ, aber auch die Beträge über 700 und 500 Mark, die er von Julius Barmat für die Witwen und Waisen der Post und für die Partei erhielt. Das warf die Frage auf, ob er mittelbare Vorteile dadurch hatte, dass er über diese Gelder zu Partei- oder Wohltätigkeitszwecken verfügen konnte (eine ähnliche Spende ermöglichte 1919 die Gründung des Rosa de Winter Heims für bedürftige Kinder in Sachsen).142 Außerdem stand die Frage im Raum, wie die regen Finanztransaktionen zwischen dem Aufsichtsratsmitglied der Barmat’schen Merkurbank Lange-Hegermann und Höfle einzustufen waren; es handelte sich offenbar um Parteispenden, die allem Anschein nach im Zusammenhang mit der Kreditvergabe der Reichspost standen.143

All diese Geschichten tauchten seit 1925 zunächst im Zuge des Skandals, dann der Untersuchungen der verschiedenen parlamentarischen Untersuchungsausschüsse und schließlich der Justizbehörden auf. Es ging um einige der merkwürdigsten und spektakulärsten Fälle der Kriegs-, Inflations- und Stabilisierungszeit (auch wenn sich bei näherem Hinsehen die Zahl der Fälle und der involvierten Personen schnell vervielfacht), die nun aber nicht nur der Anlass waren, diese früheren Geschichten aufzuarbeiten, sondern auch sehr umfassend Kapitalismus, Demokratie und wirtschaftliche Moral zu verhandeln. Kehrte man mit der erfolgreichen Währungsstabilisierung und dem Abbau der Kriegs- und Übergangswirtschaft zurück in die Bahnen eines »rationalen Kapitalismus«? So sahen das zweifellos viele Zeitgenossen, zumal in den Reihen der Wirtschaft. Der Abbau der Kriegswirtschaft hieß Abkehr von den krassesten Formen des »politischen Kapitalismus« im Weber’schen Sinne, auch wenn neue »korporatistische« Arrangements von Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik sowie die viel diskutierten »politischen Löhne« und »politischen Arbeitsbedingungen« des Sozialstaates diese Phänomene in ein neues Licht rückten.144 Oder waren die Exzesse vielleicht nur vordergründig ausgetrieben? Machten sich Formen von Misswirtschaft, Betrug und Korruption in allen Bereichen des öffentlichen Lebens wie der Wirtschaft breit, auch weil das neue demokratische System sie beförderte? Sechs Jahre später, nach einer kurzen Phase des wirtschaftlichen Booms, hatten viele den Eindruck, dass die Währungsstabilisierung weniger erfolgreich war, als es scheinen mochte, und dass es noch mehr als genug Grenzgänger des Kapitalismus gebe, die es in die Schranken zu weisen gelte.

* Schon vor der Währungsstabilisierung zirkulierten sogenannte werbeständige Zahlungsmittel, wobei oft leicht missverständlich von Goldmark (GM) gesprochen wurde. Die Reichsmark (RM) löste im August 1924 die Rentenmark ab, die mit der Einleitung der Währungsstabilisierung am 20. November 1923 eingeführt worden war; zeitgenössisch war es aber üblich, nicht von Renten-, sondern von Goldmark zu sprechen. Auch nach Einführung der Rentenmark gab es noch die buchmäßige Rechnung mit der (Inflations-)Papiermark im Verhältnis eine Rentenmark gleich eine Billion Papiermark.

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