Kitabı oku: «Von einem, der auszog, einen Staat aufzubauen», sayfa 5

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»Was für ein Unfug! Wir hätten doch damals auch entscheiden können, nichts zu tun, so wie wir beim zweiten Irak-Krieg ja auch nicht mitgemacht haben. Wir hatten die Wahl, das heißt die freie Entscheidung, und damit die Verantwortung, diese Entscheidung möglichst richtig zu treffen. Deswegen geht man doch überhaupt in die Politik!«

»Sehen Sie«, meinte ich. »Genau das halte ich für eine Illusion. Überhaupt keine Wahl hatten Sie. Ihr Joschka und Sie, sie kamen an jeweils Ihre Stelle, und Sie auch mit Ihren Leos da in Tetovo, Herr Oberstleutnant, weil Sie mit Ihrer Einstellung und Ihren Ressourcen in just diesem Moment dahin gehörten, um den Willen der Geschichte zu erfüllen. Oder wenn man religiös ist, dann gar den Willen der göttlichen Vorsehung, die ja vielleicht doch einen Plan hat, wohin das alles laufen soll mit den Menschen und Europa und dem neuen Jahrtausend. Nennen Sie das schizophren, aber ich bin im Tagesgeschäft schon immer sozusagen vorsichtig pessimistisch und gleichzeitig voller Zuversicht aufs Große, Ganze. Ich rechne mit dem Schlimmsten und hoffe auf das Beste. Aber der freie Willen in der Politik, wenn ich das zusammenfassen darf, ist doch wohl auf die Ergründung und möglichst zielgenaue Umsetzung dessen beschränkt, was von höherer Warte aus richtig und wahr ist und oftmals ohnehin vorbestimmt ist. Und wer sich dem entgegenstellt, geht unter. Punkt. Wie der Kommunismus in den 1980er Jahren, angefangen in Polen. Oder wie Milošević dann zehn Jahre später.«

Die Abgeordnete und ihr Oberstleutnant schüttelten fassungslos die Köpfe. Eine peinliche Stille entstand. Da hatte ich mich ja schön in die Nesseln gesetzt an meinem ersten Abend in neuer Umgebung. Warum konnte ich auch nie meinen Mund halten.

»Na, darauf prost«, warf lachend die gute Veronika Winzmann ein. »Wir wollen uns doch der Illusion nicht ganz begeben, daß der morgige Tag das Ergebnis einer bewußt gewollten und begrüßten Entwicklung sei. Sonst gäbe es doch gar nichts zu feiern, gar nichts, worauf man stolz sein könnte. Dann müßte man sich ja darauf beschränken, das alles nur zu beobachten und tiefschürfend zu ergründen.«

»Eben«, quittierte ich, »ich fürchte, so sehe ich das. Und trotzdem prost. Bei Tageslicht nimmt es sich gewiß wieder anders aus.«

»Na, das hoffe ich«, schloß die gute Veronika. »Sonst könnten wir ja gleich einpacken mit unserem ICO und später auch mit Eulex.«

»Aber nein«, sagte ich, bevor ich ging. »Die Schauspieler sind wichtig für das Stück. Jede einzelne Rolle muß gut gespielt werden. Auch in einer Farce. Aber man sollte sich nicht für den Regisseur halten, wenn man in Wahrheit doch nur seine vorgegebenen Sätze aufsagt. Gute Nacht allerseits.«

Der Ablauf der feierlichen Unabhängigkeitserklärung am nächsten Tag war von der amerikanischen Botschafterin kontrolliert und von ihrem Stab minutiös geplant worden. Diese resolute Person wurde von allen nur mit ihrem Vornamen Tina genannt und war zweifelsohne die mächtigste Instanz in dem an Instanzen nicht armen Kosovo. Das, was Tina wollte oder nicht wollte, wurde flüsternd und mit Ehrfurcht zitiert und galt im Zweifel mehr als geschriebenes Recht. Als Statthalterin Amerikas nahm sie im Kosovo den Platz ein, den ihr die osmanische Tradition mit dem Beylerbey geschaffen hatte, dem Herrn der Herren, Provinzgouverneur des Großwesirs.

Jene berühmte Tina lernte ich bereits einige Wochen nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovos bei einem Empfang kennen. Sie war in den späten Vierzigern, ihre Statur klein und untersetzt. Alles an ihr trug einen Ton von Grau; vor allem die Haut, die militärisch kurz geschorenen Haare und die Augen mit dem Blick eines Greifvogels. Ihr Händedruck war kräftig, und ihre ruhige, aber in besonderen Momenten auch zu lauter Dosierung fähige Stimme hatte ein männliches Timbre. Alles an ihr strahlte Schnelligkeit und Härte aus. Als Ehefrau und Mutter konnte ich sie mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Tina erzählte mir bei dem Empfang, als wir rückblickend über den kosovarischen Unabhängigkeitstag sprachen, daß der von den Amerikanern unterstützte Regierungschef und ehemalige Rebellenführer Hashim Thaci, den alle nur die Schlange nannten, seine eigenen Vorstellungen zum Ablauf der Feierlichkeiten gehegt hatte: Ein pathetisches Volksbekunden unter freiem Himmel und martialische Elemente waren vorgesehen, Siegesparade der ehemaligen UÇK und so weiter. Das Parlament sollte dabei eine untergeordnete Rolle spielen und die nicht hinter Thacis Partei PDK (Demokratische Partei des Kosovo) stehenden Clans gar nicht erst eingeladen werden. Dies betraf insbesondere den Rugova-Stamm, der mit dem auch noch nach seinem Tode in weiten Teilen der Bevölkerung verehrten Ibrahim Rugova die gemäßigte, zivile Strömung der LDK (Demokratische Liga des Kosovo) unter den Kosovo-Albanern repräsentierte, während der aus der Guerillatruppe UÇK hervorgegangene Thaci für die radikale, militärische Freiheitsbewegung stand. Schnell hatte Tina jedoch der Schlange klargemacht, wie die Unabhängigkeitsfeier vonstatten zu gehen habe: zivil, mitsamt der Familie Rugova und ausschließlich im Parlament – und exakt so vollzog sie sich auch.

Der Vormittag des 17. Februar 2008 begann für mich mit einem ausgiebigen Spaziergang durch die von freundlichem Sonnenschein erhellten Straßen Prištinas. Die Stadt war für den großen Moment der Freiheit bereit und voller Erwartung. In der zentralen Fußgängerzone, die erst vor kurzem von der Uno-Verwaltung und gegen erhebliche Widerstände auf einer vormals stark frequentierten Verkehrsstraße eingerichtet worden war, begegnete ich einem großen Marsch von UÇK-Veteranen. Ich war beeindruckt von der ruhigen Gefaßtheit, mit der die Männer, darunter viele Ältere, überwiegend schweigsam und in Räuberzivil in ungeordneten Sechserreihen über den Boulevard schritten. Das waren herbe Gesichter, zerfurcht von tiefen Falten, doch mit kleinen, schwarzen Augen, die wie Kohlenstücke glühten. Viele der Männer hatten sich untergehakt, und manchmal hob ein Sprechchor an, der verhalten aber nachdrücklich skandierte: »UÇK! UÇK!«.

Einige trugen ihre Barette aus der Kriegszeit, Waffen jedoch waren nicht zu sehen. Das fast wie ein Schweigemarsch anmutende Gedenken an die unerhörten Opfer, die für diesen Tag hatten gebracht werden müssen, stand in feierlichem und erhabenem Gegensatz zu dem überbordenden und bisweilen wenig authentischen Enthusiasmus der Jugend vom Vorabend. Auch die nicht dem Marsch zugehörigen Passanten befanden sich in gehobener, aber nur verhalten fröhlicher Stimmung. Lärm und Trubel wären deplaziert gewesen; nur an einigen Stellen und in Cafés, die schon zu Geselligkeit luden, war die Atmosphäre eher ausgelassen.

Konnte ich nun als Befreier durch die Stadt flanieren und mir hübsche Mädchen unterhaken wie ein Amerikaner im Herbst 1944 in Paris? Das konnte ich nicht. Die Albaner feierten für sich, und meine Rolle war die eines Beobachters. Einer Verabredung vom Vorabend folgend, fand ich mich in der Vertretung der EU-Kommission ein, die den modernsten und repräsentativsten Hochbau im Zentrum Prištinas belegt hatte. Wir waren einige Internationale und Ortskräfte und verfolgten gemeinsam im Fernsehen die Debatte und Abstimmungen, die im Plenum des Parlaments stattfanden. Als sich schließlich ausnahmslos alle dort anwesenden Abgeordneten erhoben und applaudierten, denn die Vertreter der serbischen Minderheit boykottierten die Sitzung, fielen sich bei uns die Ortskräfte in die Arme und vergossen Tränen der Freude. Dies war der seit langem sehnlich erwartete Moment der Unabhängigkeitserklärung. Wir Macchiato-Diplomaten gratulierten mit gewisser Zurückhaltung und schenkten Sekt aus. Zum einen sahen wir schon die erheblichen rechtlichen, ökonomischen und sicherheitspolitischen Probleme, mit denen wir uns zu befassen haben würden, zum anderen konnten wir mangels Übersetzung weder die Reden noch die Stimmung im Plenarsaal aufgreifen. Statt dessen führte ich am Rande der Übertragung erste Fachgespräche über wirtschaftspolitische Fragen mit den Kollegen von der Kommission und ließ mich ansatzweise in die aus ihrer Sicht wesentlichen Themenfelder meiner Tätigkeit einweisen.

Gegen Mittag verabschiedete ich mich, da ich mich wieder auf die Straße begeben und unter das Volk mischen wollte. Das war mittlerweile nun doch froh beim Feiern, und anders als am Vorabend feierten beiderlei Geschlechter zusammen. Vielleicht war das der Grund, weshalb die Festivität authentischer, fröhlicher und friedlicher wirkte; jedenfalls sah ich viele schöne Szenen echter, ausgelassener Freude. Ein kleiner Platz an einer der Hauptverkehrsstraßen war spontan Newborn Square benannt worden, denn ein Künstler namens Fisnik Ismaili hatte dort in übermannsgroßen, knallgelben Buchstaben aus breiten Metallquadern über Nacht die Geburt der unabhängigen Republik durch das Wort NEWBORN verewigt. Nun schrieben die Menschen mit Filzstiften ihre Namen, Hoffnungen, Wünsche und ihre überbordende Freude auf die großen, gelben Lettern, die alsbald vorne, hinten und seitlich über und über bekritzelt waren und auf diese Weise das Gefühl jenes historischen Augenblicks für die Zukunft bewahren wollten. So erreichte es erhebliche Bekanntheit weit über die Landesgrenzen hinaus und kann beispielsweise in einem Musikvideo bestaunt werden, das die in Priština geborene, britische Sängerin Rita Ora unter einem vielsagenden Titel drehte: Shine Ya Light – Set the World on Fire. Sechs Jahre nach der Unabhängigkeit wurde das Denkmal schließlich neu bemalt, und zwar in den Uniform-Tarnfarben derjenigen westlichen Streitkräfte, die 1999 in das Kosovo eingerückt waren. Anonyme Sprayer brachten rosafarbene Herzchen auf dem martialischen Anstrich an.

Vorläufig jedoch erschien das Denkmal in freudigem Gelb, und den ganzen Nachmittag über streifte ich durch die Innenstadt. Nur einmal pausierte ich in meinem engen Hotelzimmer, da es trotz des Sonnenscheins winterlich kalt war und ich mich aufwärmen wollte. Für den Abend hatte ich dank Veronikas Empfehlung eine Einladung zu einem Empfang des Deputy ICR erhalten. Das ICO wurde durch den International Civilian Representative, den ICR, geführt. Dieser stellte gemäß der noch zu verabschiedenden Verfassung die höchste zivile Instanz im Kosovo dar, befand sich allerdings noch gar nicht im Lande. Sein Stellvertreter jedoch war schon im Amt und fungierte somit als ranghöchster Angehöriger unseres ICO-Vorbereitungsteams. Der Mann hieß John Barton und war Amerikaner, Diplomat und, vielen Stimmen zufolge, Nachrichtendienstler. Auch er hatte mich im Rahmen meiner Rekrutierung in Brüssel interviewt, so daß wir bereits einen ersten Eindruck voneinander hatten gewinnen können.

Was er von mir hielt, außer der Tatsache, daß er meiner Einstellung zugestimmt hatte, erfuhr ich bis zum Ende meiner Dienstzeit nicht. Auf mich wirkte er zu diplomatisch, wenig pragmatisch und zupackend, eher intellektuell und professoral statt professionell. Er war hochgewachsen, hager, schlaksig und mit klugen Gesichtszügen, in amerikanischer Manier immer etwas nachlässig und in zu großen Anzügen gekleidet, mit in gedeckten Farben gehaltenen Button-down-Hemden und in dünnem Knoten zu lang gebundenen, viel zu bunten Krawatten. Er war alleinstehend und verfügte über ein hervorragendes, überraschend geschmackvoll eingerichtetes Appartement ganz oben am Dragodan-Hügel, mit weiter Aussicht auf die Stadt und die am Horizont zu ahnenden Berge. Barton hatte einige Dienstjahre im Orient zugebracht und von dort eine Reihe von Exponaten und Kunstgegenständen mitgebracht, die seine Wohnung schmückten. Daß ich keinen persönlichen Zugang zu ihm fand, bedauerte ich manchmal. Wie ich führte er Tagebuch. Sicherlich wäre er ein interessanter Gesprächspartner gewesen, doch er blieb mir verschlossen. Das Letzte, was ich nach meiner Zeit im Kosovo von ihm hörte, war, daß er einen neuen Posten im Irak angetreten habe.

Überhaupt schienen sich so manche meiner Kollegen im Kosovo über kurz oder lang im Irak oder gar in Afghanistan wiederzufinden. Einige verschlug es auch in den Kaukasus; die meisten aber blieben auf immer auf dem Balkan. Die Entwicklungshilfe war auf Dauer nicht mein berufliches Ziel, so daß ich mir von Anfang an vornahm, meinen Aufenthalt auf maximal ein Jahr zu begrenzen – eben bis ich den Berg Ljuboten von meinem Büro aus nicht mehr würde sehen können.

Das Bonmot kursierte unter uns Macchiato-Diplomaten, daß man drei sogenannte M-Phasen im Entwicklungsdienst absolviere: missionary, mercenary, misfit. Man begann als Missionar mit einer gehörigen Portion Idealismus, wurde dann aufgrund der guten Bezahlung zum desillusionierten Söldner, um zuletzt für Beruf und bürgerliches Leben in der Heimat untauglich geworden zu sein. Das aber war nicht der Weg, den ich beschreiten wollte.

Als ich den Dragodan-Hügel unterhalb der Residenz John Bartons über die lange Freitreppe erklommen hatte, mit der man in rüstigem Fußmarsch die serpentinenartig hinanführende Straße abkürzen konnte, brauchte ich eine Weile, um sein Haus zu finden. Doch dann bemerkte ich schon aus einiger Entfernung die Gesellschaft, die sich hinter den hell erleuchteten, großen und bis auf den Fußboden hinabreichenden Fenstern im obersten Stock des Appartementgebäudes versammelt hatte. Trotz der niedrigen Temperatur befand man sich auch auf der großzügigen, hinter schußsicherem Panzerglas geschützten Dachterrasse in lockerem Gespräch. Jazz-Musik, Gelächter und Stimmengewirr waren von der Straße her zu vernehmen. Ich gesellte mich hinzu und wurde von Barton freundlich aufgenommen. Er hielt eine kurze Rede über den historischen Moment sowie die großen Aufgaben, die uns erwarteten, und brachte einen Toast auf die neugegründete Republik Kosova aus.

Als habe Priština auf das Ende seiner Ansprache gewartet, brach nach Bartons letztem Satz kolossales Geknattere in der ganzen Stadt los wie der Lärm eines schweren Infanteriegefechts. Salvatory fire, sagte Barton trocken, und alles stürzte auf die Terrasse, um sich das Freudenfeuer anzusehen: Militärische Leuchtkugeln stiegen in die nachtschwarze Luft, um am Fallschirm qualmend und langsam zu Boden zu trudeln, ganze Stadtviertel in gespenstisches Licht tauchend, einmal gelb, dann wieder rot und grün. Aus unzähligen Läufen ratterten die an Ton und Kadenz unverkennbaren Salven von Kalaschnikow-Sturmgewehren, und Garben von Leuchtspurmunition zischten durch den Himmel. Dazwischen knallten in schneller Folge einzelne, trockene Pistolenschüsse aus allen Ecken der Stadt. Das vielfältige Getöse war von unserem erhöhten Standpunkt aus gut vernehmbar, zumal wir die Panzerglasscheiben von Bartons Terrasse zur Seite hin aufgeklappt hatten. Ich erfuhr von einer hübschen Diplomatin aus Schweden, daß es im Kosovo mehr Schußwaffen als Einwohner gebe, und vermutete, daß keine einzige davon in dieser Nacht nicht zum Einsatz kam. Man solle sich nicht im Stadtzentrum aufhalten oder sich zumindest unterstellen, krächzte es sodann aus unseren Funkgeräten, damit man nicht von herabfallenden Projektilen getroffen werde. Der Kitzel der Gefahr würzte die Stimmung aller. Sprachlos blickte ich lange auf den feuerspeienden Hexenkessel zu meinen Füßen und sagte mir schließlich, daß der Geruch von Pulverdampf wohl zwangsläufig zur Geburt von Staaten gehöre – genau wie zu ihrem Untergang. Bartons Champagner war köstlich, und die schwedische Diplomatin tunkte eine Erdbeere in mein Glas, um sie mir anschließend in den Mund zu stecken.

4 Macchiato-Diplomaten

Auf Bartons Terrasse waren zu jener Stunde viele von denen versammelt, die unter den Internationalen in Priština Rang und Namen hatten. Ein ehemaliger deutscher Oberbürgermeister war der jetzige Chef von UNMIK und hatte sich in einem dunklen Pullover mit V-Ausschnitt und Strickmuster eingefunden. Ich hatte ihn mir etwas mehr draufgängerisch vorgestellt, statt dessen wirkte er mit seinen kleinen, runden Brillengläsern und den schütteren, blonden Haaren wie ein der Pensionierung entgegensehender Oberstudienrat, der sich da mit dem ihn um zwei Häupter überragenden Barton in angeregtem Gespräch befand. Jan Janssen erkannte ich wieder, den Interimschef des von den Europäern zum Aufbau des ICO gestellten Kontingents und damit mein unmittelbarer Vorgesetzter. Der Großteil der ICO-Belegschaft wurde nämlich von der EU aufgeboten, etwa ein Drittel von den USA. Es war ausgehandelt, daß die Amerikaner auf jeder Führungsebene der Behörde den jeweiligen Stellvertreter benennen würden. Wie bei einem militärischen Unterstellungsverhältnis in integrierter Verwendung berichtete jeder Mitarbeiter der Behörde sowohl an seinen fachlichen Vorgesetzten, unabhängig von dessen Nationalität, als auch an den ranghöchsten Vertreter seines jeweiligen Dienstherrn. Für die Amerikaner war Barton also der nationale Ansprechpartner innerhalb des ICO, für uns Europäer aber war es bis zur Ankunft des eigentlichen ICR besagter Jan Janssen.

So impotent sich die europäische Außenpolitik vor meinen Augen im Kosovo auch erweisen mochte – ich registrierte an diesem Verhältnis mit großer Befriedigung, daß jeder Deutsche, Franzose, Brite und Italiener, mit dem ich im ICO zusammenarbeitete, sich in erster Linie als Europäer begriff. Zwar hielt man überdies selbstverständlich Kontakt zur jeweiligen nationalen Botschaft, aber unsere Loyalität gehörte der Union. Hierüber eine bewußte Entscheidung zu treffen, war zumindest in meinem Fall nicht nötig, denn ich entstammte ohnehin der europäischen und nicht der deutschen Verwaltung und hatte in der Anbahnung meines Wechsels in das Kosovo trotz eigener Bemühungen nicht einmal ansatzweise mit dem Auswärtigen Amt in Berlin zu tun. Zudem erschienen mir Selbstverständnis, Gestaltungsanspruch und operative Rolle sowohl der deutschen Botschaft in Priština als auch insgesamt der deutschen Außenpolitik gegenüber dem Kosovo dermaßen selbstbeschränkt, daß es für mich gar nicht von Interesse gewesen wäre, mit der nationalen Ebene auf enge Tuchfühlung zu gehen. Man kannte sich, aß gelegentlich miteinander zu Mittag oder zu Abend, begegnete sich auf Empfängen und tauschte sich oberflächlich aus – mehr nicht.

Die meisten deutschen Diplomaten, die ich kennenlernte, teilten unter vier Augen meine völkerrechtlichen Bedenken gegenüber der Sezession Kosovos. Aber anhand ihrer politischen Weisungslage waren sie gehalten, im Kielwasser der Amerikaner möglichst ohne großes Aufhebens mitzuschwimmen und die von unserem ICO umzusetzende Ermächtigung Kosovos zur Staatswerdung zu unterstützen. Die Verantwortung sahen sie, wo sonst, bei der politischen Führung. Doch diese ist auf den kritischen Rat ihrer Beamtenschaft angewiesen und sollte im Parlament ohne jeglichen Vorbehalt für ihr Tun Rede und Antwort stehen müssen.

Was dies betraf, verlor ich nach meiner Zeit im Kosovo jegliche Illusion, als ich einmal einer Anhörung des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages zum Thema Kosovo beiwohnte: Nach den Ausführungen des Staatsministers im Auswärtigen Amt zum Beginn der europäischen Rechtsstaatsmission Eulex und zur aktuellen Lage im Kosovo konnten die Abgeordneten Fragen stellen oder Diskussionsbeiträge liefern, deren Brillanz mich erschütterten. Die erste Frage stammte von einer jungen CSU-Abgeordneten, die es inzwischen zur Staatsministerin gebracht hat, und lautete: Wird es denn nun endlich Frieden werden im Kosovo? Diejenigen von uns Beobachtern und Sachverständigen im Saal, welche den Balkan kannten, warfen sich ob solcher Naivität vielsagende Blicke zu, und ich staunte nicht schlecht, daß die Staatskunst unserer Diplomatie durch diejenige unseres Parlamentes offenkundig noch unterboten werden konnte. Doch auch um erstere war es nicht allzu gut bestellt:

Bei einem informellen Abendessen mit Vertretern der deutschen Botschaft im Kosovo hatte kein Diplomat mit meiner Frage etwas anfangen können, ob die Unabhängigkeit des Kosovos im nationalen Interesse Deutschlands liege. Nachdem sich das Erstaunen über meine offenbar abstruse Frage gelegt hatte, fielen zwar flüssig die üblichen Schlagworte von Stabilität und Konfliktvermeidung, doch dahinter kam sehr schnell zum Vorschein, daß die deutsche Außenpolitik blindlings den Amerikanern gefolgt war, trotz eines unguten Bauchgefühls, wie ein deutscher Diplomat mir nachher sagte, das man bei dem Vorgehen dann doch hatte – hinsichtlich des Völkerrechts. Er raunte mir zu, was ich später noch öfter zu hören bekam: Das Kosovo sei der Friedhof des Völkerrechts.

Es nimmt keineswegs wunder, daß jemand wenig Verve bei einer Sache entwickelt, die ihm schlechtes Gewissen bereitet. Unsere Leute kamen mir duckmäuserisch vor, zumal sie bestenfalls hinter vorgehaltener Hand von ihrer übervorsichtigen Haltung abrückten. Das trug maßgeblich dazu bei, daß ich in Priština kaum Umgang mit Landsleuten pflegte. Schnell sortierte ich meine außerdienstlichen Kontakte anhand von Sympathie und Interesse. Im Ergebnis zählten hierzu eher britische und französische Militärs sowie italienische Juristen als deutsche Diplomaten.

So fühlte ich mich etwa zu einem Kreis hingezogen, der um einen französischen Ex-General namens Henri Weber gruppiert war. Weber koordinierte nach Abschluß seiner aktiven Laufbahn nunmehr für die Uno die Ausbildung der kosovarischen Polizei. Als mindestens ebenso erstrebenswert erachtete er es jedoch, eine Gruppe von uns sogenannten Internationalen um sich zu scharen, die ein gewisses gesellschaftliches Niveau aufweisen konnten. Er organisierte opulente Nachtmahle und extravagante Themenabende, allen voran aber geradezu legendäre Wochenendausflüge in das mazedonische Skopje unter dem Vorwand, dort die Oper zu besuchen. Rasch und zu meiner nicht geringen Freude wurde ich in seinen Zirkel aufgenommen.

Meine Kollegen aus anderen EU-Ländern empfanden ihren nationalen Vertretungen gegenüber überraschenderweise ähnlich wie ich, soweit ich beurteilen konnte. Die Neigung, seinem desinteressierten Vaterland die kalte Schulter zu zeigen, war keinesfalls ein Spezifikum der Deutschen im Dienste der EU.

Der Schwede Janssen, der mir jetzt bei Barton lächelnd gegenüberstand und mich fragte, ob ich ihn wiedererkenne, hatte vor wenigen Wochen in Brüssel das letzte Wort zu meiner Einstellung gehabt. Er war deutlich jünger als Barton und befand sich zum ersten Mal in Führungsverantwortung. Von freundlichem Naturell, hatte er immer ein offenes Ohr für die Nöte und Anliegen von uns Europäern im ICO, konnte jedoch selten den Gang der Dinge beeinflussen, die im Ränkespiel zwischen Brüssel und Washington auf höherer Ebene entschieden wurden. Manchmal kam er mir wie ein älterer Bruder vor, der damit überfordert war, für seine jüngeren Geschwister das launenhafte Regiment zanksüchtiger Eltern abzumildern.

Viele Amerikaner waren zu Bartons Empfang erschienen, so daß ich mehrere Kollegen der US-Botschaft kennenlernte, des wahren Machtzentrums von Priština. Auch die kochten nur mit Wasser, stellte ich fest und amüsierte mich über eine dralle Person, die ihr Sektglas nach amerikanischer Art direkt mit der Faust am Kelch gepackt und nicht mit den Fingerspitzen am Stiel hielt und quietschend Zoten gegenüber einem pikiert dreinblickenden Italiener von sich gab. Das aber war Eduardo Mara, der mir von Veronika vorgestellt wurde und sich dankbar der vulgären Amerikanerin ab- und mir zuwandte, ein namhafter Experte für internationales Verfassungsrecht.

Wie vielen großen, beleibten und hochintelligenten Männern haftete dem von allen so liebevoll wie spöttisch, aber mit dem Grundton respektvoller Verehrung immer nur Professore Mara Genannten etwas Tragikomisches und eine bärenhafte Tappigkeit an. Professore Mara gehörte zu jener Sorte von Gesprächspartnern, die nach wenigen Sätzen unweigerlich ins Dozieren verfallen. Doch das, was er mit durch eine dicke Hornbrille grotesk vergrößerten, weit aufgerissenen Augen und erhobenem Zeigefinger sagte, war in aller Regel hörenswert und klug. Professore Mara verfügte über schier enzyklopädisches Wissen über Verfassungstheorie seit der Antike sowie die Besonderheiten der Verfassungen noch der exotischsten Länder und der bisweilen absurden Umstände ihrer Entstehung.

Da er an vielen derartigen Projekten in Afrika, Südamerika und im Orient mitgewirkt hatte, konnte er seine Vorträge unerschöpflich mit amüsanten Anekdoten würzen, so daß man nach einer Weile glaubte, daß es auf der ganzen Welt tatsächlich nichts Interessanteres und Unterhaltsameres geben könne, als rückständigen Völkern in entlegenen Gegenden des Globus eine ordentliche Verfassung zu verpassen. Daß die Sinnhaftigkeit solchen Tuns aufgrund mangelnder Wirkung fragwürdig war, wußte niemand besser als Professore Mara selbst. Sein Lebenstraum bestand folgerichtig darin, von seiner nach eigener Auffassung lächerlich überbezahlten Tätigkeit genügend Kapital beiseite zu legen, um sich an der italienischen Küste einen schönen Strand zu kaufen und dort antiquarische Liegestühle vor Badehäuschen zu vermieten. Nie gerieten seine großen Augen so ins Leuchten, wie wenn er das altmodische Badevergnügen schilderte, das eines Tages an seinem Strand herrschen und über das er in Bermuda-Shorts und mit Panamahut, einen Mojito in der einen und eine Zigarre in der anderen Hand, gebieten würde. Bis dahin war er gewillt, mit maßgeschneiderten Anzügen in seinem MG Cabriolet durch den Balkan zu fahren, Tee zu trinken, wo andere dem Peja-Beer zusprachen, und die abstrakte Schönheit einer gut geschriebenen Verfassung über das gräßliche Zerrbild zu stellen, das die politische Realität eines Landes aus ihr zu machen pflegte.

Wenn im Herbst kalter Wind über den Dragodan-Hügel pfiff, dann pflegte Professore Mara beim Verlassen des Blue Buildings den Kragen seiner Anzugjacke hochzuklappen und das Revers umzuschlagen. Auf der Rückseite des rechten Revers hatte er seinen Mailänder Schneider einen Knopf anbringen lassen, den er in das Knopfloch des linken Revers knöpfen und so seine Jacke bis zum Hals schließen und mit einem Stehkragen versehen konnte, was ihm ein unpassendes und daher überaus komisches, preußisch-militärisches Aussehen verlieh. Aus Professore Maras Sicht verhielt es sich mit einer gut geschriebenen Verfassung, die von einem undankbaren Souverän nicht zu Geltung und Wirkung gebracht werde, ebenso wie mit einem gut geschneiderten Anzug, den sein bemitleidenswerter Träger gar nicht zu schätzen wisse. So umriß er seine Tätigkeit denn auch mit einem Zitat aus dem Evangelium, dabei theatralisch seufzend, gettare perle ai porci: Perlen vor die Säue.

Die Verfassung des Kosovos ist unter theoretischen Gesichtspunkten zweifelsohne eine der besten Verfassungen der Welt und ganz überwiegend das Werk von Professore Mara. Obwohl ich kein Jurist bin, geschweige denn Verfassungsrechtler, fand er in mir einen nicht gänzlich unkundigen Bewunderer seiner Kunst. Platons Politeia und die Nomoi hatte ich als Gymnasiast gelesen und später im Studium mit anderen Ahnen seiner Zunft eingehende Bekanntschaft gemacht, von Augustinus und Cicero über Hobbes und Locke bis Rousseau, Montesquieu und Tocqueville. So traute ich mir ein gewisses Urteil zu, als ich wenige Tage nach unserer ersten Begegnung Professore Maras Entwurf der kosovarischen Verfassung las und gebeten war, ihn in Fragen der Wirtschaftsordnung zu ergänzen. Die Grundzüge der Verfassung ergaben sich bereits aus dem Ahtisaari-Plan, der unserem Vorgehen in jeder Hinsicht zugrunde lag und als handliches Kompendium, unsere Bibel, auf keinem Schreibtisch eines Internationalen fehlte.

Der Ahtisaari-Plan sah die Staatswerdung eines unabhängigen Kosovos unter internationaler Aufsicht vor und bestimmte, daß dieser Staat für einen mehrjährigen Übergangszeitraum lediglich über eingeschränkte Souveränität verfüge und seine Instanzen dem ICR unterstünden, der Rechtsakte, Gesetze und Mitglieder von Regierung und Verwaltung maßregeln oder gar ersetzen könne. Das Kosovo solle dezentral organisiert sein und ein Maximum der Regierungsgewalt auf kommunaler Ebene ansiedeln. Große Bedeutung nahmen Fragen des Minderheitenschutzes und der Religionsgemeinschaften sowie ihrer wirtschaftlichen Privilegien ein. Professore Mara hatte diese und zahlreiche weitere Vorgaben von Ahtisaari berücksichtigt und in einen Entwurf gegossen, der auch noch die heute im Westen üblichen Institutionen einer parlamentarischen Demokratie etablierte, die staatliche Gewaltenteilung inklusive einer Verfassungsgerichtsbarkeit einführte und mit dem bisherigen Rechtssystem, das die Uno-Verwaltung betrieben hatte, soweit wie möglich kompatibel zu sein hatte. Außerdem war der traditionelle Kanun gleichsam als konstitutive Folklore zumindest in Ansätzen erkennbar gemacht worden. Die Finanzverfassung, Eigentumsfragen inklusive der Überführung des noch aus jugoslawischer Zeit stammenden Volksvermögens, Regelungen bezüglich der jugoslawischen Altschulden, das Wehrrecht der aus der Guerilla hervorzugehenden Miliz und andere Spezialthemen trugen zur Komplexität bei. Die Regelungsdichte dieser Verfassung war mithin enorm, denn sie versuchte, möglichst alle Eventualitäten einer politisch und rechtlich hochgradig vertrackten Situation bereits im Vorfeld abzudecken und nationaler Gesetzgebung nur minimalen Spielraum zu lassen. Der gleichzeitige Anspruch an Perfektion und möglichst umfassenden Konsens aller Beteiligten und Betroffenen war offensichtlich ein Ding der Unmöglichkeit. Dennoch wurde er auftragsgemäß verfolgt. Das ging zwangsläufig zu Lasten der Einfachheit und Verständlichkeit dieses Textes, und ich bezweifelte, ob es außer Professore Mara noch irgend jemanden gab, der sich in seiner Gänze damit auskannte und ihn zweifelsfrei würde interpretieren können.

Die Verfassung der Republik Kosova ist um vierzig Prozent umfangreicher als das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Wenn aber schon die Komitees aus Internationalen und nationalen Stakeholdern, wie man sagte, Maras Entwürfe nicht beraten konnten, ohne sich in Fachfragen und Spezialgebieten zu verirren und der zuständige Parlamentsausschuß Artikel um Artikel am Ende einfach nur abnickte, nicht etwa, weil er sie verstanden und gebilligt hätte, sondern damit das unabhängige Kosovo nun rasch auch endlich seine Verfassung erhielte, wie es sich für einen anständigen Staat gehörte, egal was darin stand, so konnte man sich um die praktische Wirksamkeit des Gesamtwerkes nur die allergrößten Sorgen machen. Kein einziger Bürger des jungen Staatsgebildes würde sich so mit dem Inhalt identifizieren, daß er ihn gegen Mißbrauch und Verletzung in Schutz nehmen würde – dessen war ich gewiß.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
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ISBN:
9783866749092
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