Kitabı oku: «Die Kreuzzüge»
Prof. Dr. Martin Kaufhold, Jahrgang 1963, studierte an der Universität Heidelberg Geschichte und Germanistik. 1985/86 verbrachte er als Fulbright-Stipendiat ein Jahr an der University of Maryland at College Park (USA). 1993 wurde Martin Kaufhold in Heidelberg promoviert, seine Habilitation folgte im Jahr 2000. Seit dem Wintersemester 2003/2004 hat er den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an der Philologisch-Historischen Fakultät der Universität Augsburg inne.
Zum Buch
Die Kreuzzüge
Der Band bietet einen Überblick über die Kreuzzugsgeschichte vom Aufruf zum ersten Kreuzzug 1095 bis zum Fall von Konstantinopel im Jahre 1453. Er schildert den Aufstieg und den Wandel der Kreuzzugsbewegung: von der anfänglichen Euphorie, über die Ernüchterungen des 11. Jahrhunderts bis hin zum Wandel der Kreuzzugsziele im späteren Mittelalter. Dabei erklärt der Autor die Wechsel der Kreuzzugsgeschichte vor dem Hintergrund der politischen, sozialen und religiösen Geschichte Europas.
Auf diese Weise eröffnen die Kreuzzüge einen Zugang zu den religiösen Weltbildern des Mittelalters und zu der bewegten Geschichte des Rittertums.
Martin Kaufhold
Die Kreuzzüge
Martin Kaufhold
Die Kreuzzüge

Für meine Töchter
Maria und Kristina
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Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2012
Lektorat: Dr. Lars Hoffmann, Mainz
Covergestaltung: Thomas Jarzina, Köln
Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0233-8
www.marixverlag.de
INHALT
VORWORT
EINLEITUNG
DIE SOZIALE DYNAMIK DES 11. JAHRHUNDERTS
DIE ANFÄNGE DES RITTERTUMS
CHRISTENTUM UND KRIEG
DER RELIGIÖSE AUFBRUCH DES 11. JAHRHUNDERTS
DIE AGGRESSIVEN ZÜGE DER REFORM
DER KREUZZUGSABLASS
DER AUFRUF URBANS II. ZUM ERSTEN KREUZZUG
DER AUFBRUCH ZUM ERSTEN KREUZZUG
ERSTE ERFOLGE DES KREUZFAHRERHEERES
DIE EROBERUNG JERUSALEMS
DIE ANFÄNGE DES KÖNIGREICHS JERUSALEM
CHRISTEN UND EINHEIMISCHE
DIE ANFÄNGE DER RITTERORDEN
DER FALL EDESSAS
DIE MOBILISIERUNG FÜR DEN ZWEITEN KREUZZUG
DIE PREDIGTEN BERNHARDS VON CLAIRVAUX
DER ZWEITE KREUZZUG
DIE ERNÜCHTERNDE BILANZ DES ZWEITEN KREUZZUGS
DIE LAGE DES KÖNIGREICHS JERUSALEM NACH DEM ZWEITEN KREUZZUG
SALADIN UND DAS ENDE DER CHRISTLICHEN HERRSCHAFT ÜBER JERUSALEM
DER NIEDERGANG DES KÖNIGREICHS JERUSALEM
DER WESTEN EUROPAS VOR DEM AUFBRUCH ZUM DRITTEN KREUZZUG
DER AUFBRUCH ZUM DRITTEN KREUZZUG
DIE RÜCKEROBERUNG AKKONS
DER DRITTE KREUZZUG NACH DER EROBERUNG AKKONS
DAS RITTERTUM UND DER DRITTE KREUZZUG
DIE POLITISCHE PERSPEKTIVE
DER VIERTE KREUZZUG: DIE EROBERUNG KONSTANTINOPELS 1204
DER FÜNFTE KREUZZUG
ZWEI FRIEDLICHE KREUZZÜGE NACH JERUSALEM
DIE KREUZZÜGE LUDWIGS IX. VON FRANKREICH
DIE KREUZZUGSBILANZ DES DREIZEHNTEN JAHRHUNDERTS
DER FALL AKKONS
DAS SCHICKSAL DER RITTERORDEN
KREUZZUGSPLÄNE AM FRANZÖSISCHEN KÖNIGSHOF
DAS ENDE DES TEMPLERORDENS
DIE MONGOLEN UND DER WANDEL DES EUROPÄISCHEN WELTBILDES
DIE ERFOLGE DER OSMANISCHEN TÜRKEN
DER FALL KONSTANTINOPELS 1453
BILANZ: DER WANDEL DES CHRISTLICHEN GLAUBENS
BILANZ: DER WANDEL DES RITTERTUMS
QUELLENVERZEICHNIS
LITERATUR
VORWORT
Die Kreuzzüge sind ein besonderes Thema. Sie waren eine Erscheinung des Mittelalters, aber das Thema der Glaubenskriege war mit dem Ausgang des Mittelalters nicht überwunden. Vielmehr sorgten die Konfessionskämpfe im Gefolge der Reformation in der frühen Neuzeit für ein blutiges Weiterleben dieser Tradition. Die aktuelle Frage nach dem Verhältnis des in christlicher Tradition stehenden Westens zur islamischen Welt verleiht dem Thema zudem eine mitunter beunruhigende Brisanz. In dieser Darstellung geht es um die Kreuzzüge als eine mittelalterliche Erscheinung. Tatsächlich waren die Kreuzzüge, wenn man sie nicht einfach als Glaubenskriege versteht, sehr mittelalterliche Unternehmungen. Ohne das mittelalterliche Weltbild wären sie kaum denkbar, und von daher bietet die Geschichte der Kreuzzüge auch weniger Anhaltspunkte für eine Überheblichkeit des christlichen Europa gegenüber der Kultur des Islam und anderen Religionen, als man zunächst vermuten würde. Die Glaubenslehrer und die Gläubigen waren überzeugt von der überlegenen Wahrheit der christlichen Lehre – so wie die Moslems von der Überlegenheit des Islam und ihrer Kultur –, aber in der praktischen Ausführung beschränkte sich Europa zunächst auf die Heiligen Stätten und Jerusalem. Denn dort erwartete man die Wiederkehr Christi.
In dieser Darstellung geht es darum, die Geschichte der Kreuzzüge im Zusammenhang mit der Geschichte Europas während des hohen und späten Mittelalters zu erzählen und zu erklären. Die Wandlungen der Kreuzzugsgeschichte waren eng mit den Wandlungen der europäischen Verhältnisse dieser Jahrhunderte verbunden. Die militärische Geschichte der Kreuzzüge kommt eher am Rande vor. Dafür wird die politische, religiöse und soziale Geschichte der Kreuzzugszeit stärker hervortreten. Dies entspricht den Fachkenntnissen des Verfassers, der hoffen möchte, dass die Leser seine Erfahrung beim Schreiben dieses Bandes im Laufe der Lektüre teilen können: Die Kreuzzüge sind noch immer ein spannendes und lehrreiches Thema für die historische Arbeit.
Martin Kaufhold
EINLEITUNG
Die Kreuzzüge sind kein einfaches Thema. Einem modernen Betrachter erscheinen sie überaus widersprüchlich: Kriege im Namen Christi – dem der Frieden ein so bedeutendes Anliegen war –, und Eroberungszüge im Zeichen des Kreuzes –, das sich als Machtsymbol so gar nicht zu eignen scheint. Die Realität der Kreuzzüge vereinte Männer, denen es tatsächlich um ein religiöses Ideal ging – das sie mit dem Einsatz ihres Lebens unter großen Mühen verfolgten –, mit verkommenen Gestalten, wie sie jeder Krieg anzieht. Wer die Kreuzzüge für ein Unternehmen hält, das in etwas problematischer Weise hohe Ideale verfolgte und große Taten hervorbrachte, der wird für diese Sicht ebenso eindrucksvolle Beispiele finden wie derjenige, der in ihnen die Geschichte religiös motivierter Gewalt sieht, und der dazu auf die Morde an den Juden im Rheinland und die Tötung der Bewohner des eroberten Jerusalems im ersten Kreuzzug verweist. Es gibt keine eindeutige Geschichte.
Doch ist gerade das eine Herausforderung. Historiker sollten mit ihren Werturteilen zurückhaltend sein. Sie sollten das Geschehen vielmehr so rekonstruieren und darstellen, dass ihre Texte für Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten lesbar sind. Dazu müssen sie ihren Gegenstand klar benennen. Sie müssen, wissenschaftlich gesprochen, ihre Begriffe definieren. Die zentrale Frage am Anfang dieser Untersuchung lautet: Was war eigentlich ein Kreuzzug? Immerhin gab es im Laufe der Kreuzzugsgeschichte Kreuzzüge nach Jerusalem, aber auch Kreuzzüge an der Ostseeküste und in Spanien. Es gab Kreuzzüge gegen Moslems, gegen Häretiker (z. B. die Katharer im Süden Frankreichs), aber auch gegen Christen. Es ist klar, dass die Kreuzzugsgeschichte im späten 11. Jahrhundert begann, aber es ist durchaus umstritten, wann sie endete. Die alte Definition eines Kreuzzugs verstand darunter einen Kriegszug, der auf Initiative des Papstes zur Errichtung einer christlichen Herrschaft über das Grab Christi nach Jerusalem aufbrach, dessen Teilnehmer sich durch einen Eid banden, wofür sie einen Sündenablass und verschiedene weltliche Privilegien erhielten (H. E. Mayer). In jüngerer Zeit ist an dieser Festlegung vielfältige Kritik geübt worden. Insbesondere der englische Kreuzzugshistoriker Jonathan Riley-Smith und seine Schüler haben die Ausrichtung auf Jerusalem als notwendiges Kriterium in Frage gestellt und darauf bestanden, dass auch die zahlreichen anderen Kriegszüge, die im Namen des Kreuzes unternommen wurden, als Kreuzzüge gelten müssten. Sie haben der zeitlichen Einschränkung widersprochen, die ein Abklingen der Kreuzzugsgeschichte im 13. Jahrhundert angenommen hatte – weil es seit dieser Zeit keine Kreuzzüge ins Heilige Land mehr gab. Vielmehr gehörten in ihrer Sicht auch die Kriege im Namen des Kreuzes im späteren Mittelalter (14. und 15. Jahrhundert) zur Kreuzzugsgeschichte, die dadurch eine erhebliche Ausweitung erfuhr. Die Debatte ist keinesfalls abgeschlossen, und dies liegt nicht an dem mangelnden Einigungswillen der Historiker, sondern es ist in der Sache selbst begründet. Denn es war im Mittelalter gar nicht klar, was eigentlich ein Kreuzzug war. Der Begriff kommt im Zusammenhang mit den großen Kreuzzügen nach Jerusalem nicht vor. Er wurde erst später (im 13./14. Jahrhundert) geprägt – zu einer Zeit, als die Kriegszüge nach Jerusalem vorbei waren. Es handelt sich letztlich um einen Forschungsbegriff, und die Auseinandersetzung darum, wie er genau zu verstehen ist, ist solchen Begriffen zur Bezeichnung widersprüchlicher Phänomene in gewisser Weise eigen. In Hinblick auf die Vorstellung der Zeitgenossen des ersten Kreuzzugs spricht man in der Regel von einer »bewaffneten Pilgerfahrt«, um das Unternehmen zu bezeichnen. Es gab ja für diesen Zug noch keine eindeutigen Vorbilder. In jüngeren Arbeiten (E.-D. Hehl) werden die Kreuzzüge weniger als ein militärisches Ereignis an den Grenzen des christlichen Europa, sondern vielmehr als ein authentischer Ausdruck des inneren Zustandes dieses christlichen Europa verstanden – weil die Motivation für das Unternehmen nur aus der besonderen religiösen Aufbruchsstimmung zu verstehen sei, die das Abendland im 11. Jahrhundert erfasst habe.
So ist die Kreuzzugsgeschichte immer weniger eine Geschichte militärischer Züge und wird zu einer Geschichte kultureller Entwicklungen – und kultureller Konfrontationen. Dies entspricht einer allgemeinen Interessenverschiebung historischer Forschung in Hinblick auf die militärische Geschichte. Allerdings sollten wir das Phänomen noch etwas präzisieren, um zu erklären, warum dieser kleine Band die Kreuzzüge in der Auswahl präsentiert, die in den nächsten Kapiteln folgt.
Diese Darstellung konzentriert sich zunächst auf die Kreuzzüge in das Heilige Land, also auf die Kreuzzüge mit dem Ziel Jerusalem. Die weitere Entwicklung kommt durchaus in den Blick, sie wird aber in einem konzentrierten Ausblick zusammengefasst. Damit sollen nicht etwa die Erträge der neueren historischen Forschung beiseite geschoben werden. Es geht vielmehr um eine Konzentration auf ein Thema, das in dem hier vorgegeben Rahmen sinnvoll behandelt werden kann. Es ist keine Frage, dass die Kreuzzugsbewegung mit den Zügen in das Heilige Land nicht vollständig erfasst ist. Aber die Züge nach Jerusalem haben einen eigenen Platz in der Geschichte Europas. Sie beginnen im späten 11. Jahrhundert und sie gehen im 13. Jahrhundert allmählich zu Ende. Diese begrenzte Geschichte lehrt uns viel über das christliche Europa in einer dynamischen Phase des Aufbruchs. Dieser Aufbruch führte schließlich dazu, dass die Akteure ihre Grenzen erkannten. Die militärische Expansion über die Grenzen Europas hinaus war erst wieder eine Entwicklung der frühen Neuzeit. Die Kreuzzüge lehren die Kraft und die Problematik einer religiösen Begeisterung, die sich sehr weltliche Ziele steckte. Religiöse Begeisterung kommt in allen Epochen vor, und der religiöse Enthusiasmus des Mittelalters hat sich noch in vielen anderen Formen als in der militärischen der Kreuzzüge gezeigt. Die Kreuzzüge, deren Vorstellung noch immer die historische Imagination in widersprüchlichster Form belebt, erreichten ihre Höhepunkte innerhalb eines Jahrhunderts. Keine hundert Jahre lagen zwischen der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer im Juli 1099 und dem Verlust der Stadt im Oktober 1187, zwischen dem Aufbruch zum ersten Kreuzzug und dem wohl berühmtesten Kreuzzug, an dem sich Kaiser Friedrich Barbarossa, König Philipp von Frankreich und der englische König Richard Löwenherz beteiligten. Diese Phase hat unser Bild von den Kreuzzügen in besonderer Weise geprägt. Es war die große Zeit der Ritter, der antreibenden, eindrucksvollen Gestalten dieser Geschichte. Es ist eine begrenzte Geschichte, denn die Schlagkraft dieser Ritter wich im späteren Mittelalter allmählich moderneren Techniken des Kampfes. Dieser Bedeutungsverlust spiegelt sich in der Geschichte der Kreuzzüge.
Der Rahmen der hier vorgestellten Skizze der Kreuzzugsgeschichte wird durch die historische Kräfteentwicklung gesetzt, und sie beginnt mit der dynamischen Aufbruchsituation des 11. Jahrhunderts. Doch bevor wir uns dem westlichen Europa um die Mitte des 11. Jahrhunderts zuwenden, ist noch eine Klarstellung erforderlich. Mit guten Gründen könnte man den Anspruch formulieren, dass eine Geschichte der Kreuzzüge auch die historische Entwicklung im Byzantinischen Reich und im Nahen Osten berücksichtigen sollte. Immerhin zogen die Kreuzritter durch diese Reiche, und sie errichteten in deren Gebieten ihre Herrschaften. Dennoch nimmt dieser kleine Band in erster Linie die Perspektive des westlichen Europa ein. Das bedeutet nicht etwa die Perspektive der Kreuzfahrer. Aber ihre Handlungen stehen im Vordergrund. Eine Beschränkung ist nötig, und in diesem Falle sollte man sich auf einen Stoff konzentrieren, von dem man im Laufe der eigenen Arbeit eine Vorstellung gewonnen hat. Die Kreuzzüge werden hier vor allem als ein west- und mitteleuropäisches Phänomen behandelt.
Wir werden im Verlauf dieses Bandes darauf zu sprechen kommen, dass die Kreuzzüge zwar durch den Papst ausgerufen wurden (und diese Initiative des Papstes ist zu einem wichtigen Bestandteil der meisten Kreuzzugsdefinitionen geworden), dass der Papst aber eine andere Reaktion auf seinen Aufruf zum ersten Kreuzzug erfuhr, als er erwartet hatte. Die Reaktion der Zuhörer seines ersten Aufrufs und auch der Zuhörer seiner späteren Predigten fiel erheblich heftiger aus, als Urban II. dies erwartet hatte. Dies ist der historisch eigentlich interessante Vorgang, und er wird durch die Betonung der päpstlichen Rolle beim Zustandekommen des Kreuzzugs etwas überdeckt. Die Reaktion war Ausdruck einer dynamischen Spannung, die viele Menschen in Europa im späten 11. Jahrhundert erfasst hatte. Es war eine Spannung, die zentrale Lebensbereiche ergriffen hatte, und die zeigte, dass sich die lateinische Christenheit in einer Aufbruchsphase befand.
DIE SOZIALE DYNAMIK DES 11. JAHRHUNDERTS
Der große französische Mediävist Marc Bloch, dessen Buch »Die Feudalgesellschaft« von 1939 ein Klassiker der Sozialgeschichtschreibung des Mittelalters ist, hat für die Zeit um 1050 von einem »take-off« in Europa gesprochen. Es begänne eine Zeit, die er die »zweite Feudalzeit« nannte, charakterisiert durch den »Landesausbau an den Grenzen der westlichen Welt, auf den iberischen Hochflächen und in der großen Tiefebene jenseits der Elbe. Selbst im Innern der alten Landschaften sind die Wälder und Einöden vom Pflug angefressen worden, auf den ausgerodeten Lichtungen griffen dicht bei Bäumen und Gebüsch ganz neue Dörfer nach dem jungfräulichen Boden; andernorts ging rings um die seit ewigen Zeiten bewohnten Landschaften die Vergrößerung des Ackerbodens unter dem unaufhaltsamen Druck der Rodenden vor sich.« Was Marc Bloch beschrieb und dann analysierte, ist ein deutlicher Hinweis auf eine zunehmende Bevölkerung. Mehr Menschen brauchten mehr Platz, ihre Siedlungen wurden größer, sie nahmen zu und rückten enger zusammen. Alte Straßen wurden wieder ausgebaut. Das ist es, was wir im Rückblick, gestützt durch die Erkenntnisse der Archäologen und Sprachwissenschaftler, erkennen können. Dies war eine Zeit ohne Grundbücher, ohne Geburts- und ohne Taufregister. Bevölkerungszahlen und das Wachstum der Bevölkerung können nur aus solchen äußeren Anzeichen wie dem Landesausbau erschlossen werden. Landesausbau bedeutet in Mitteleuropa Rodung von Wald. Der Wald war das beherrschende Element. Wohin man sah, sah man Bäume, und wenn man nicht aufpasste und die Felder rechtzeitig von jungen Schösslingen befreite, holte sich der Wald die gerodeten Flächen zurück. Die Ausweitung der Rodung lässt sich durch Siedlungsüberreste und durch Siedlungsnamen ermessen. Siedlungen und Dörfer, die damals entstanden, haben Namen, die ähnlich gebildet wurden, und die etwa auf -rode, -hagen, oder -hausen endeten. Die Rekonstruktion ist nicht einfach. Zahlen zu nennen ist besonders schwer. Man geht davon aus, dass um die Mitte des 11. Jahrhunderts in Europa ca. 46. Mio Menschen lebten. Bis zum 13. Jahrhundert, also etwa in der Zeit, als die Kreuzzüge nach Jerusalem zu Ende gingen, wurden es ungefähr 60 Millionen. Hier geht es nicht um einzelne Millionen, sondern um Tendenzen. Mehr ist nicht möglich. Die Landwirtschaft war die vorherrschende Wirtschaftsform, und sie blieb es. Das ganze Mittelalter war eine agrarische Zeit. Aber der Handel nahm zu, und er wandelte seinen Charakter allmählich. Nach dem Untergang des Römischen Reiches war der Handel im frühen Mittelalter überwiegend ein Handel mit Luxusgütern gewesen, die an Höfen von wenigen Fernkaufleuten umgesetzt wurden. Europa war ein primitiver Wirtschaftsraum, der kaum Waren exportierte. Das änderte sich.
Seit dem Ende des 11. Jahrhunderts exportierte man Tücher aus Flandern bis nach Nowgorod in Russland. Es war ein langsamer Wandel. Die Geldwirtschaft spielte nur eine geringe Rolle. Die einzige reale Währung, über die man verfügte, war der Pfennig, eine stark regional geprägte Münze. Karl der Große hatte den Pfennig im Rahmen einer Münzreform normiert. Bei dieser Reform hatte man ein Pfund Silber in 240 Pfennige oder Denare unterteilt. Allerdings wurden die Münzen in einer Vielzahl von Münzstätten geprägt und es gab keine zentrale Kontrolle des Silbergehaltes. Die meisten Münzen hatten nur eine regionale Verbreitung. So entwickelte sich die Inflation mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, wenn die Münzer je nach dem Bedarf ihrer Herren den Silbergehalt der Pfennige weiter reduzierten.
Es gab im hohen Mittelalter nur ein unterentwickeltes Münzsystem, und wir müssen uns die Anfänge eines weiter gespannten Handels noch sehr einfach vorstellen. Mit der Veränderung der gehandelten Waren von Luxusgütern zu Gebrauchsgütern wie Tuchen, aber auch Fellen, Waffen, Wachs, Alkohol und später Getreide wurde die Frage des Transportes zu einem dringlicheren Thema. Auch im Mittelalter war der Transport auf dem Wasserweg sehr viel günstiger – und häufig auch sicherer als der Transport über Land. Der Handel ging über Flüsse und Meere. Auch die Kreuzritter reisten später bevorzugt mit Schiffen in das Heilige Land. Das Mittelmeer war seit der Antike ein klassischer Wirtschaftsraum, der sich seit dem 11. Jahrhundert deutlich belebte.
Der Handel vermochte allmählich manche Lücken zu füllen. So wuchs im nördlichen Europa kaum Wein. In einer christlichen Kultur, die es seit dem Ende des ersten Jahrtausends auch im Norden gab, war der Wein unverzichtbar, nicht nur in der Liturgie. Allmählich konnte man ihn importieren. Die Handelsnetze erstreckten sich von Island bis in das Mittelmeer. Noch wurden keine größeren Warenmengen gehandelt, aber um die Mitte des 11. Jahrhunderts bestanden weit gespannte Kontakte, die sich verstärken ließen. Zwei ganz unterschiedliche Ereignisse, die zunächst kaum etwas miteinander zu tun hatten, geben einen Hinweis auf die Verflechtung und das Potenzial des größeren Bildes, das Europa in der Mitte des 11. Jahrhunderts bot. Um das Jahr 1050 verließ der Isländer Isleif seine Insel, um auf dem Kontinent zum Bischof geweiht zu werden. Er reiste zum Kaiser und soll auch nach Rom gelangt sein, bevor er schließlich nach Island zurückkehrte, um dort als erster Bischof Islands sein Amt anzutreten. Isleif kam aus dem hohen Norden nach Rom, um dort dem Papst seine Aufwartung zu machen. Nur wenige Jahre später, im Jahr 1059, verlieh der Papst dem Normannen Robert Guiskard die Rechte eines Herzogs von Apulien, Kalabrien und Sizilien – wobei Robert Sizilien noch erobern musste. Island und Sizilien bezeichneten in etwa die Grenzen Europas im Norden und im Süden, und ein Zusammenhang ist zunächst nicht erkennbar. Tatsächlich aber waren sowohl die Bischofsweihe Isleifs, als auch die Belehnung des Normannen Robert durch den Papst die Fortführung einer Entwicklung, die gemeinsame Ursprünge hatte, und die nun ein Stadium erreicht hatte, in dem die Menschen nach neuen Herausforderungen Ausschau hielten.
Robert und Isleif waren beide Normannen. Die Männer aus dem Norden, die auch als Wikinger bezeichnet werden, hatten im 9. und 10. Jahrhundert England und das Frankenreich mit ihren Zügen in Unruhe versetzt, und sie hatten in dieser Zeit auch Island besiedelt (ca. 870–930). Zu der Zeit, in der die Normannen auf Island heimisch wurden, waren auf dem Kontinent erste Wikingerverbände heimisch geworden (um 911). Die Gegend, in der sie siedelten, war ihnen vom fränkischen König verliehen worden. Daraus wurde die spätere Normandie. Die Normannen hatten sich bei ihrer Ansiedlung taufen lassen, und im Laufe des 10. Jahrhunderts nahmen sie den neuen Glauben an. Die immer noch kampfbegabten, aber inzwischen christianisierten Normannen aus der Normandie suchten nun neue Ziele für ihre Fahrten und segelten zu christlichen Pilgerzielen im Mittelmeer, nach Rom und vereinzelt auch in das Heilige Land. Auf der Fahrt landeten sie in Sizilien, wo es für fähige Kämpfer lohnende Herausforderungen gab.
Im Süden Italiens stießen Kulturen und Herrschaftsbereiche zusammen. Das alte Byzantinische Reich war noch präsent, es gab viele sarazenische Ansiedlungen, und das erstarkende Papsttum hatte ein eigenes Interesse an einem friedlichen Nachbarn im Süden. Die normannischen Pilger berichteten zu Hause von ihren Erfahrungen und weitere Landsleute kamen nach Apulien und Kalabrien. Aus den vormaligen Söldnern wurde eine Herrscherschicht, und aus den Nachfahren der Heiden, die das Frankenreich der Karolinger überfallen hatten, wurden christliche Herzöge, die im Namen des Papstes im Süden Italiens eine eigene Herrschaft errichteten. Die Isländer hatten das Christentum etwas später, aber dann durch einen gemeinsamen Beschluss auf ihrer jährlichen Versammlung angenommen. Das war im Jahr 1000 gewesen. Und 50 Jahre später suchten auch sie den Anschluss an das christliche Europa, indem sie ihren Bischof mit den nötigen Weihen versehen ließen. Es waren unterschiedliche Vorgänge, und es waren Vorgänge verschiedener Größenordnung, aber es waren Aufbrüche, die auf gemeinsame Wurzeln und Erfahrungen zurückzuführen waren. Auf die Rolle, die die Christianisierung in dieser Entwicklung einnahm, kommen wir im nächsten Kapitel zu sprechen. Noch geht es um Eroberungen. Der folgenschwere normannische Aufbruch zur Gewinnung neuer Horizonte stand noch bevor. Im Jahr 1066 brach der normannische Herzog Wilhelm auf, um den Thron des angelsächsischen England zu erringen. Er machte geltend, dass der letzte angelsächsische König, Edward der Bekenner, der zeitlebens kinderlos geblieben war, ihm die englische Krone vermacht habe. Es gab Konkurrenten in England und in Norwegen, aber Wilhelm ging aus den Kämpfen um die englische Krone schließlich als Sieger hervor. Und in diesen Kämpfen treten uns erstmals die Akteure vor Augen, die das Bild der Kreuzzüge so entscheidend prägen sollten. Die Rede ist von den Rittern.
DIE ANFÄNGE DES RITTERTUMS
Mit der Eroberung Englands treten sie tatsächlich in unser Blickfeld. Das ist ganz bildlich gemeint. Denn eine der Hauptquellen für die normannische Eroberung Englands im Jahr 1066 ist der so genannte Teppich von Bayeux. Ein imposanter Wandteppich von fast 80 Metern Länge, der die Vorgeschichte der Eroberung und die Invasion bis zum Sieg bei Hastings in Form einer sorgfältigen und detailfreudigen gestickten Bildgeschichte zeigt. Er entstand etwa 20 Jahre nach dem Sieg der Normannen, und er stellt die Geschichte aus der Perspektive des Siegers dar, der sich um die Legitimation seiner Eroberung bemüht. Bemerkenswert ist die präzise Wiedergabe der technischen Ausrüstung. Die Bewaffnung und Ausstattung des normannischen Heeres ist sehr gut zu erkennen. Anders als die angelsächsischen Krieger, die zu Fuß kämpften, ritten die Normannen auf ihren Pferden in die Schlacht. Geschützt durch ein Kettenhemd, bewaffnet mit Lanze und Schwert, waren sie den Fußkämpfern überlegen, und die Schlussdarstellungen des Teppichs von Bayeux geben ein anschauliches Bild von den blutigen Realitäten dieser Schlachten.
Doch es ging um mehr als um technische Überlegenheit und um den Sieg. Erst durch eine besondere Ethik wurden die berittenen Kämpfer zu Rittern (milites), und erst durch die Verbindung von Kampfkraft und einem besonderen Verhaltenscodex wurde das Ideal des Ritters zu jener langlebigen, mitunter heroischen, mitunter fragwürdigen und komischen, Erscheinung in unserer Geschichte.
Berittene Krieger hatte es seit dem 9. und 10. Jahrhundert gegeben. Sie hatten in den Heeren Karls des Großen und in den Heeren der Ottonen gekämpft. In dieser Zeit war die materielle Grundlage für die ritterliche Kampfform zur vorherrschenden Form der sozialen Ordnung geworden. Ein Kriegspferd war ein wertvolles Gut. Ein Pferd für den Kampf und ein weiteres Pferd für die Ausrüstung, dazu die Rüstung und die Waffen – dafür benötigte ein Mann erhebliche Mittel. Geld spielte in dieser Ökonomie keine besondere Rolle. Reichtum drückte sich in Landbesitz aus. Der war sehr unterschiedlich verteilt, und es gab viele Menschen, deren Land keinen ausreichenden Ertrag abwarf. Das Rittertum war keine Erscheinung der bäuerlichen Schichten, die die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachten.
Aber auch in der Schicht, die über einen gewissen Besitz verfügte, gab es mitunter mehr Kinder als Land. So konnte man von dem eigenen Boden nicht standesgemäß leben, und ein junger Mann konnte davon kein Kriegspferd unterhalten. Doch er konnte sich einem höhergestellten und wohlhabenderen Herrn als Mann zur Verfügung stellen. Das heißt, er wurde sein Vasall. Er war seinem Herrn künftig zu Rat und Hilfe verpflichtet und musste ihn durch seine Kampfkraft unterstützen. Dafür erhielt er ein Stück Land, das er durch Bauern bewirtschaften ließ, das so genannte Lehen. Der Vasall war seinem Herrn gegenüber zur Treue verpflichtet. Das sollten wir jedoch nicht modern interpretieren. Es bedeutete im Wesentlichen, dass der Vasall seinem Herrn nicht schaden durfte. Allerdings waren auch selbstlose Loyalitätsbeweise möglich. Diese Lehnstreue, die in jedem Fall ein besonderes Band zwischen dem Lehnsherrn und seinen Vasallen schuf, hat erheblich zum Rittermythos beigetragen.
Tatsächlich waren die Ritter Reiterkrieger, die in vielen Fällen für ihre nähere Umgebung ebenso gefährlich waren, wie für ihre potentiellen Gegner. Die Worte des Papstes beim Aufruf zum ersten Kreuzzug sprechen eine deutliche Sprache in Hinblick auf die Gewaltbereitschaft dieses Standes. Die Kirche hatte seit dem späten 10. Jahrhundert versucht, die Gewalt, die von diesen bewaffneten jungen Männern ausging, durch so genannte Gottesfrieden einzuschränken. Dies waren lokale und regionale Zusammenschlüsse, in die die möglichen Gewalttäter eingebunden wurden, und in denen sie sich durch eine Selbstverpflichtung zum Gewaltverzicht an bestimmten Tagen und an bestimmten Orten bekannten. Durch Kirchenstrafen (Exkommunikation) sollte die Verbindlichkeit dieser Absprachen erhöht werden. Dennoch blieb die Gewalt lange Zeit ein Problem.
Diese Versuche der Gewalteindämmung zeigen ein Bemühen der Kirche um die Befriedung des professionellen Kriegerstandes, das lange Zeit durch Fremdheit und gegenseitige Ablehnung gekennzeichnet war. Diese Männer vergossen Blut und davor schreckten die Männer der Kirche zurück. Die große Leistung in der Ausbildung des Ritterstandes bestand darin, diese jungen (und teilweise älteren) zur Gewalt neigenden Krieger in eine Lebensordnung hineinzuholen, die ihnen den Freiraum gab, den sie sich ohnehin genommen hätten, die ihnen aber gleichzeitig ein Leitbild vermittelte, das eine befriedende Wirkung hatte. So erhielten diese Krieger einen Platz im sozialen Gefüge des hohen Mittelalters. Das ist auch daran zu erkennen, dass in Ordnungsentwürfen, die die Theoretiker jener Epoche für das menschliche Zusammenleben formulierten, die Krieger (bellatores) eine eigene Gruppe neben den Betenden (oratores) und den (körperlich) Arbeitenden (laboratores) darstellten. Bischof Adalbero von Laon (977–1033) sah es folgendermaßen: Dreigeteilt ist das Haus Gottes: die einen beten, die anderen kämpfen, die dritten arbeiten. Es gibt nur diese drei Gruppen, und eine weitere Teilung gibt es nicht.
So hatten die Krieger neben den Betenden einen vornehmen Platz. Richard Southern hat darauf hingewiesen, dass auch die Betenden sich als Kämpfer gegen das Böse verstanden, als Männer, die harte spirituelle Kämpfe ausfochten. Der Preis für diese Integration der Krieger war freilich, dass das Christentum sich mit einigen ihrer kriegerischen Lebensformen stärker einließ, als es das Evangelium auf den ersten Blick nahe gelegt hätte. Die Spannung von Ideal und zum Teil brutaler Realität, die das ganze Kreuzzugsgeschehen durchzieht, beruht in hohem Maße auf dieser zivilisatorischen Leistung der hochmittelalterlichen Kirche. Sie schuf einen Platz für Männer, die mit dem Schwert umzugehen wussten. Dadurch wurde der Gebrauch der Schwerter in vieler Hinsicht kontrollierter, aber es blieben tödliche Waffen, die auch weiterhin zum Kampf genutzt wurden. Und nicht jeder, der mit ihnen umzugehen wusste, ließ sich dauerhaft auf das christliche Ideal verpflichten. Doch war dieses Ideal für die Ausbildung des Rittertums eine entscheidende Größe.
Das 11. Jahrhundert kann daher als die Anfangszeit des Rittertums angesehen werden, weil in dieser Phase die reitenden Krieger das neue Ethos als Leitbild annahmen. Der Teppich von Bayeux lässt das erkennen. Er zeigt etwa eine Gruppe von Kriegern, die mit eingelegten Lanzen in den Kampf reiten. Über dieser Gruppe steht in dem einfachen und klaren Latein, das alle Bilder dieser Darstellung begleitet: mutig und umsichtig in den Kampf (viriliter et prudenter ad prelium). Es ging um mehr als um den geübten Gebrauch von Schwert und Lanze. Der Anspruch an einen umsichtigen, urteilsfähigen Krieger, der seine Kampfkraft in den Dienst einer gerechten Sache stellte, schlug sich schon bald in eigenen Ritualen nieder. Schon auf dem Teppich von Bayeux ist eine Vorform jenes späteren feierlichen Ritus des Ritterschlags zu sehen, dessen Inszenierung vor dem dritten Kreuzzug auf dem großen Hoftag Friedrich Barbarossas zu Pfingsten 1184 einen Höhepunkt erreichte. Auf dem Teppich von Bayeux ist der Vorgang noch sehr viel bescheidener dargestellt. Hier wird der Überbringer der Thronfolgenachricht an Herzog Wilhelm von diesem nach gemeinsam bestandenen Kämpfen mit den Waffen eines Ritters eingekleidet. Hundert Jahre später war daraus ein feierlicher rite de passage geworden, der aufwendig begangen wurde. Die Ritter profitierten von der Dynamik der so genannten zweiten Feudalzeit, sie verbesserten ihre Kampftechnik und formulierten die Ansprüche an die Ritterschaft auf hohem Niveau. All dies vollzog sich zwischen dem ersten und dem dritten Kreuzzug. Aber es beantwortet eine drängende Frage nicht: Wie kam es dazu, dass der höchste Vertreter des Christentums, dessen Kern eine Friedensbotschaft ist, zu einem Krieg im Zeichen des Kreuzes aufrufen konnte?
CHRISTENTUM UND KRIEG
Vor über 70 Jahren hat Carl Erdmann, dessen Familiengeschichte von den Kriegen des 20. Jahrhunderts zutiefst geprägt war, in einer wegweisenden Studie die Entstehung des Kreuzzugsgedankens dargelegt. Eine entscheidende Wendung gegenüber der Ablehnung jeglicher Gewalt trat in jener Phase ein, als das spätantike Christentum zu einer offiziellen Religion des römischen Reiches wurde. Augustinus (354–430), der als Bischof von Hippo in Nordafrika auch die Funktion einer Ordnungsgewalt wahrnahm, formulierte in der Auseinandersetzung mit Gegnern des katholischen Glaubens eine Grundlage für die christliche Möglichkeit einer legitimen Kriegsführung. Für Augustinus blieb der Krieg ein letztes Mittel der Verteidigung, ein Krieg zur Verbreitung des Glaubens erschien ihm nicht gerechtfertigt. Für einen gerechten Krieg (bellum iustum) mussten vier Voraussetzungen erfüllt sein: 1. Der Krieg musste durch eine legitime Autorität erklärt werden (er war nicht der individuellen Entscheidung überlassen), 2. Es musste ein legitimer Kriegsgrund vorliegen (Verteidigung von Glauben, Leben oder Eigentum), 3. Eine andere Lösungsmöglichkeit war ausgeschlossen, 4. Der Krieg wurde mit angemessenen Mitteln geführt.
Für das mittelalterliche Christentum hatte sich auf der iberischen Halbinsel ein frühes Feld für mögliche Kriege im Namen des Glaubens ergeben. Seit die iberische Halbinsel im frühen 8. Jahrhundert zum großen Teil von arabischen Kriegern erobert und unterworfen worden war, war es in Spanien wiederholt zu Kämpfen mit Andersgläubigen gekommen, und es hatte auch Ansätze einer begleitenden Doktrin gegeben. Die Auswirkungen dieser Lehre auf die Idee des Kreuzzugs sind jedoch nicht ganz klar. Erkennbar ist allerdings, dass die neue Ausrichtung des Christentums auf die Gewinnung der diesseitigen Welt auch die Notwendigkeit einer militia Christi verstärkt hatte, einer Kraft, die der Kirche im Bedarfsfall beistehen konnte. Das Bündnis, das das Papsttum mit den Normannen in Hinblick auf Sizilien im Jahr 1059 eingegangen war, ließ ja eine solche Notwendigkeit erkennen.
Doch wird man die Ausbildung einer militärischen Kreuzzugsidee im christlichen Europa nicht in erster Linie als einen abstrakten Vorgang verstehen können. Es ging wohl ebenso sehr um Erfahrungen wie um Ideen. Und in Hinblick auf das mittelalterliche Christentum um 1100 ist eine Feststellung unabweisbar. Das Christentum hatte sich in Europa vor allem auf militärischem Wege durchgesetzt. Es war, knapp formuliert, die Religion der Sieger. Das hatte bereits der spätere Kaiser Konstantin erfahren, dem vor der entscheidenden Schlacht mit seinem Rivalen Maxentius an der Milvischen Brücke im Jahre 312 das Kreuz als Zeichen des Sieges erschienen sein soll, und in ähnlicher Weise soll sich der Frankenkönig Chlodwig (466–511) vor 500 zum katholischen Christentum bekehrt haben. Chlodwig soll in einer wichtigen Schlacht mit den Alemannen durch die Anrufung des christlichen Gottes die Wende zugunsten der Franken herbeigeführt haben. Die Entscheidung für das Christentum war eine Entscheidung für den Gott, der zum Sieg gegen die Feinde half. Das angelsächsische England wurde auf diese Weise christianisiert, ebenso die heidnischen Nachbarn der Franken. Allein im Norden Europas kam es zu einer Übernahme des christlichen Glaubens ohne direkte Eroberung. Politische Hegemonie war indes auch bei der Bekehrung Dänemarks, Norwegens und Schwedens im Spiel. Es war eine Selbstverständlichkeit, dass Christen mit ihrem Gott gegen ihre Feinde kämpften. Selbstverständlich stellten Klöster und Bistümer große militärische Aufgebote im Heer Karls des Großen. Und die Prälaten kämpften selber mit. Dies war bei allen aufrichtigen Bemühungen um Frieden eine Welt, in der Gewalt eine Selbstverständlichkeit war. Sie war reguliert, aber sie bedurfte keiner besonderen Begründung. Es ist wichtig, dies in Hinblick auf das mittelalterliche Christentum im Kopf zu behalten. Es war eine »robuste« Religion.
Bei aller Dynamik, auf die wir bislang verwiesen haben, müssen wir uns doch klar machen, dass dies eine einfache Welt war. Das westliche Europa befand sich im Aufbruch, aber es war noch immer vom Hunger bedroht. Wir müssen uns klar machen, dass auf einen Sack ausgesäten Weizen in Burgund in dieser Epoche nur ein Ertrag von etwa drei Säcken kam, wenn das Wetter schlecht war, waren es weniger. Und Burgund war eine vergleichsweise fruchtbare Region. Davon musste ein Sack als Saatgetreide für die nächste Aussaat aufgehoben werden. Unter ungünstigeren Bodenverhältnissen waren die Erträge noch kleiner. In der Regel arbeitete man mit einer Zwei-Felder-Wirtschaft: das Feld wurde geteilt, die eine Hälfte wurde bestellt, die andere Hälfte ließ man brach liegen, damit sich der Boden erholte. Dünger gab es kaum. Die neuere Forschung zum bäuerlichen Leben geht davon aus, dass die Dörfer und Siedlungen häufiger abgebrochen und an anderer Stelle neu errichtet wurden, wenn der Boden ausgelaugt war. Die bäuerlichen Dörfer bestanden aus Holzhütten, Stein verwendete man allenfalls für Kirchen. In den Städten war es ähnlich – wo es schon Städte gab. Man hat in Hinblick auf die Motive der Kreuzfahrer auch auf die dürftigen Lebensverhältnisse in der Heimat der Kreuzfahrer verwiesen. Diese Verhältnisse besserten sich, aber wenn das Ziel verheißungsvoll genug erschien, mochte es manchen, der sich ein besseres Leben erhoffte, auf den Weg bringen. Für das Verständnis des überraschenden Erfolges, den der Aufruf zum ersten Kreuzzug hatte, ist der Eindruck einer vielgestaltigen Unruhe von Bedeutung, die ganz verschiedene Regionen Europas erfasst hatte. Diese Aufbruchsbewegung wurde von einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung um die richtige Ordnung der christlichen Welt begleitet, die ebenfalls um die Mitte des 11. Jahrhunderts erkennbar wurde, und die ihren Höhepunkt zum Zeitpunkt des ersten Kreuzzugs kaum überschritten hatte.
DER RELIGIÖSE AUFBRUCH DES 11. JAHRHUNDERTS
Die soziale Dynamik, die die Kreuzzüge beförderte, hatte nicht nur wirtschaftliche und politische Ursachen, sondern sie wurde in hohem Maße durch religiöse Ideale belebt. Die konkurrierenden Definitionen der Kreuzzüge, die wir eingangs vorgestellt haben, stimmten in Hinblick auf einen Aspekt überein: Die zentrale Bedeutung des Papstes als Initiator der Kreuzzüge. Das erscheint im Rückblick nicht sehr überraschend. Die zentrale Bedeutung des Papsttums für die mittelalterliche Kirche erscheint evident. Wem anders, als dem Papst, sollte es zukommen, die Christen zu einem bewaffneten Hilfszug zu den Heiligen Stätten aufzurufen? Allerdings ist das die moderne Perspektive, die sich aus der Führungsrolle des Papsttums in der hoch- und spätmittelalterlichen Kirche ergibt. Die Kirche des frühen Mittelalters zeigt ein ganz anderes Bild. Und es ist eben diese Veränderung in der Kirchenstruktur, die in der Mitte des 11. Jahrhunderts einsetzte, und aus der das Papsttum schließlich als Kopf der lateinischen Christenheit hervorging, die das frühe Mittelalter beendete und die Phase des hohen Mittelalters einleitete, die wir mit den Kreuzzügen verbinden.
Der Papst, der zum ersten Kreuzzug aufrief, war kein mächtiger Mann. Er bekleidete allerdings ein Amt, dessen Inhaber seit der Mitte des 11. Jahrhunderts begonnen hatten, die Führungsrolle in der westlichen Christenheit zu beanspruchen. Dass sie damit erfolgreich waren, verdankten die Päpste einer religiösen Reformbewegung, die die Kirche und die frühmittelalterliche Welt tief greifend verwandelte. Ihre Anfänge lagen etwa 50 Jahre zurück und hatten sich etwa in der Zeit bemerkbar gemacht, in der auch der wirtschaftliche Aufbruch erkennbar wurde.
Im Jahr 1046 war König Heinrich III. nach Rom gezogen, um sich zum Kaiser krönen zu lassen. Dies war der traditionelle Weg und er begründete einen gewissen Zusammenhang zwischen Rom und den Königen des Reichs nördlich der Alpen. Der König reiste nicht allein. In seinem Gefolge befanden sich bei einer solchen Gelegenheit bedeutende Reichsfürsten. Die vornehmsten unter ihnen waren die Bischöfe des Reiches, die bei solchen Gelegenheiten nach Rom kamen. Ansonsten war ihre Bindung an den Bischof von Rom eher locker. Der Bischof von Rom hatte ein ehrenvolles Amt, weil sein Inhaber der Nachfolger des Apostels Petrus war. Aber dies war ein eher abstrakter Vorsprung, der durch die eigentümliche Amtsführung, mit der viele diese Nachfolger aus dem Adel des römischen Umlands ihre Aufgabe versahen, nicht sehr gestützt wurde.
Das Amt des Bischofs von Rom hatte bis in die Mitte des elften Jahrhunderts vor allem eine lokale oder regionale Bedeutung. Das änderte sich nach 1046 zunehmend. Denn Heinrich III. traf in Rom auf eine unklare Situation. Zwei konkurrierende Päpste beanspruchten den apostolischen Stuhl, und der Status eines dritten vormaligen Papstes, der sein Amt niedergelegt hatte, war nicht ganz klar. Für seine Kaiserkrönung wünschte Heinrich indes klare Verhältnisse. Dazu kam, dass er ein Mann von strenger persönlicher Frömmigkeit war, dem die Klärung dieses Konflikts ein tatsächliches Anliegen war. Heinrich III. setzte alle drei römischen Päpste ab, und er berief einen eigenen Kandidaten aus Deutschland, den Bischof von Bamberg, zum neuen Papst. Als Clemens II. krönte er Heinrich zum Kaiser. Auf Clemens folgten weitere deutsche Päpste, und sie kamen nicht allein nach Rom. Sie lebten nicht lange – Rom war damals kein einfaches Umfeld für einen deutschen Bischof –, aber in diesen Jahren kamen jene Männer an die Kurie, die mit ihrem Reformwillen die Kirche veränderten. Der Auftritt des Papsttums änderte sich schon bald. Könige und Klerus bekamen den neuen Geist energisch zu spüren.
Weil wir – angestachelt durch apostolische Autorität und die wahrhaften Sätze der heiligen Väter – wegen der Verpflichtung unseres Amtes fest entschlossen sind, die simonistische Häresie zu beseitigen und die Keuschheit der Kleriker vorzuschreiben, haben wir beschlossen, Dir, dem in einem weiten Gebiet Klerus und Volk anvertraut sind, folgende Gehorsamspflicht aufzuerlegen …Dies war der Auftakt eines Schreibens von Papst Gregor VII. an den Erzbischof von Mainz im März 1074 (Briefe Gregors VII. Nr. 123). Dies waren neue Töne. Der Erzbischof von Mainz war der vornehmste Prälat des Reiches. Aufgrund seiner langen Tradition hatte sein Erzbistum eine enorme Erstreckung. Ein solcher Mann war es nicht gewöhnt, Befehle aus Rom zu empfangen. Es war durchaus bezeichnend, dass Heinrich III. 1046 und in den folgenden Jahren deutsche Bischöfe zu Päpsten ernannte. Für einen Erzbischof wäre das Amt nicht attraktiv genug gewesen. Der Erzbischof von Hamburg-Bremen, dem der Apostolische Stuhl angetragen worden war, soll ihn abgelehnt haben. Adalbert von Hamburg-Bremen war ein hoher Adliger, der einen aufwendigen Hof unterhielt. Solche Männer nahmen keine Weisungen entgegen. Bislang hatten sie das auch nicht tun müssen, aber mit der Reform änderte sich das Verhältnis. Es ist nicht verwunderlich, dass die deutschen Bischöfe sich diesem Anspruch widersetzten und sich 1076 einer Initiative ihres Königs Heinrichs IV. anschlossen, der aus Verärgerung über den Papst dessen Legitimation grundsätzlich infrage stellte. Dieser Konflikt ist als Investiturstreit in die Geschichte eingegangen. Er ist im Zusammenhang mit den Kreuzzügen in mehrfacher Hinsicht relevant. Denn er führte dazu, dass Papst und Kaiser sich wiederholt gegenseitig ihr Amt streitig machten, was wiederum dazu führte, dass Urban II., als er in Clermont zum Kreuzzug aufrief, in Rom einen Gegenpapst hatte.
Das Zerwürfnis mit dem König und späteren Kaiser Heinrich IV. hatte zudem zur Folge, dass Heinrich nicht als Führer des Kreuzzugs infrage kam, obwohl der Schutz der Christenheit die ureigenste Aufgabe des Kaisers war (es gab noch weitere Gründe). Weiterhin lässt die Auseinandersetzung die Vehemenz der Reformer erkennen. Es war dieser Anspruch, den göttlichen Willen auszuführen, der in dem zitierten Brief des Papstes bereits erkennbar war, der der Reform einen solchen Nachdruck verlieh. Diese unbedingte Überzeugung, das richtige zu tun, verlieh der Reform nicht nur ihre Durchschlagskraft, es verlieh ihr auch einen aggressiven Zug im Umgang mit den Gegnern. Es war ein aggressiver Zug, der nicht nur die Prälaten unter den Reformern erfasste, sondern der von vielen glaubenden Zeitgenossen geteilt wurde. Auch daraus speiste sich der Enthusiasmus, der den ersten Kreuzzug trug. Es war ein Enthusiasmus des Kampfes und er hatte eine Vorgeschichte in den Konflikten der Reform. Worum ging es?
In den Worten der Zeitgenossen ging es um die Freiheit der Kirche. Eine Freiheit von allen Verstrickungen des weltlichen Lebens mit seinen vielen Kompromissen. Die Freiheit der Kirche sollte dem Geist Gottes jenen Raum geben, den er für sein Wirken benötigte. Und die Reformer verstanden sich als seine Vorkämpfer. Sie fühlten sich der weltlichen Machtsphäre überlegen. Das Selbstverständnis der kirchlichen Reformer trennte sie in deutlichem Maße von den Laien, die sie mitunter energisch unterstützten. In den Augen der Reformer besaß die geistliche Lebensweise eine höhere Würde. Geistliche besudelten ihre Hände nicht mit dem Blut, das an den Schwertern der adligen Krieger klebte, und sie waren frei von den Verstrickungen der Sexualität, die die Männer des Laienstandes fesselten. Hier nahmen zwei wichtige Bewegungen ihren Ausgangspunkt, eine innerkirchliche und eine, die das Verhältnis der Kirche zu den Vertretern der weltlichen Macht betraf.
Die innerkirchliche Bewegung, die nun mit rücksichtsloser Entschiedenheit auf zahlreichen Reformsynoden in Europa vorangetrieben wurde, zielte auf die Abschaffung der Priesterehe.
Der Zölibat, um den es ging, war durchaus ein geistliches Leitbild, aber in den Reihen des normalen Klerus interpretierte man diese Vorschriften nicht allzu eng. Zudem gab es sehr ernsthafte Verteidiger der Priesterehe mit gewichtigen Argumenten. Nun aber sahen sich die verheirateten oder zumindest in eheähnlicher Gemeinschaft lebenden Priester zunehmend öffentlich angeprangert. Das Leitbild des zölibatären Klerus wurde zu einer zentralen Forderung der Kirchenreform. Es war ein Leitbild, das nicht allzu komplex und einfach zu vermitteln war. Es richtete sich indes gegen eine Lebensweise, von der sich die Betroffenen keineswegs so einfach trennen mochten. Darüber kam es zu heftigen Konflikten, und es waren die Instrumente dieses Kampfes, die überhaupt den Rahmen des Aufrufes zum ersten Kreuzzug schufen.
Die zeitgenössischen Quellen lassen erkennen, dass um die Anliegen der Reform auf vielen Ebenen erbittert gerungen wurde. Dazu mussten die Reformer in die Offensive, denn sie wollten die bestehenden Verhältnisse verändern, und die Beharrungskräfte waren enorm. Der klassische Weg war die Verbreitung der päpstlichen Anliegen durch Briefe an die einzelnen Bischöfe, die diese Schreiben dann ihren Priestern bekannt machten. Wenn allerdings die Bischöfe selber den päpstlichen Führungsanspruch in der vorgetragenen Form nicht akzeptierten, dann war diese Kommunikationsstruktur nicht arbeitsfähig. Eine Abhilfe schufen Synoden der Erzbistümer oder Bistümer, auf denen ein Legat des Papstes den Vorsitz führte. Dieses Instrument erlaubte es der Kurie, ihre Anliegen mit entsprechendem Nachdruck vorzutragen und vor Ort die anwesenden Kleriker auf eine Einhaltung der Vorschriften zu verpflichten. Angesichts der einfachen Kommunikationsstrukturen war das Mittelalter eine Zeit, in der Herrschaft persönlich ausgeübt werden musste, wenn sie effektiv sein sollte.
Die widerstrebenden Geistlichen mussten persönlich auf die Einhaltung des Zölibats verpflichtet werden. So schrieb Papst Gregor VII. am 29. März 1075 an den Erzbischof von Köln: Um aber das, was wir Deiner Liebe auferlegen, umfassender und wirksamer zu verfolgen, raten wir Dir, mit Deinen bischöflichen Mitbrüdern ein Konzil herbeizuführen. Auf diesem solltest Du einen möglichst großen Kreis von Klerikern versammeln und ihm die kanonischen Gesetze und die Autorität des päpstlichen Stuhles sowohl wie Deine und die aller deiner Mitbrüder offen verkünden und ausführlich darlegen, wie groß die Tugend der Keuschheit, wie sehr sie für alle geistlichen Grade notwendig …ist; danach solltest Du ihnen unumstößlich kundtun, dass ihnen fürderhin nicht erlaubt ist, was sie zu ihrem eigenen Verderben bisher in Anspruch nahmen … (Brief Gregors VII. Nr. 51).
Nicht immer konnte der Papst selber einem Konzil oder einer Synode vorsitzen (die mittelalterlichen Quellen unterscheiden diese Begriffe nicht), und nicht immer konnte er einen Legaten entsenden. Die Entfernungen waren gewaltig und die Zahl der Aktiven begrenzt. Die Reise von Rom nach Köln dauerte mehrere Wochen. Diese Bedingungen zu kennen, ist von erheblicher Bedeutung, um das Geschehen in Clermont zu verstehen, auf das wir weiter unten eingehen werden. Denn der Papst war nach Clermont gekommen, um dort für den Fortgang der Kirchenreform zu wirken. Dies war der Anlass der Zusammenkunft, und es war der Anlass der päpstlichen Reise nach Frankreich. Die erste Initiative für einen Kreuzzug wurde in direktem Zusammenhang mit den Reformbemühungen unternommen. Und noch etwas ist wichtig.
Angesichts der so schwachen Reformstrukturen und angesichts der Beharrungskräfte, die eine jahrhunderte lange Tradition, die auch für den Klerus selbstverständlich war, ihren Bemühungen entgegensetzte, konnte die Reform der Kirche nur gelingen, wenn sie von einer ausreichend großen und engagierten Zahl von Laien unterstützt wurde. Tatsächlich hat die historische Forschung zu der Erkenntnis geführt, dass die Sorge um das Seelenheil und der Wunsch, ein gottgefälliges Leben zu führen, in den unterschiedlichen Schichten der Christenheit dieser Zeit eine starke Kraft war. Die Reformer konnten auf diese Unterstützung setzen. Die religiöse Unruhe drückte sich in verschiedenen Formen aus, es ist angesichts der regionalen Beschaffenheit der meisten Lebensstrukturen nicht verwunderlich, wenn die Menschen auf die bohrende Frage nach dem richtigen Leben unterschiedliche Antworten gaben. Eine besonders aktive Rolle spielte der Adel.
In einer Lebenswelt, in der das städtische Leben noch keine prägende Rolle spielte, waren neben den Bischöfen – die in Städten residierten – vor allem Klöster Träger christlicher Kultur. Viele dieser Klöster waren von Adelsfamilien gestiftet worden, die auf diese Weise das Totengedenken ihrer Dynastie sicherstellen wollten. Doch es gab auch enge persönliche Bande, da die jüngeren Söhne solcher adligen Familien häufig in diese Klöster eintraten. So waren diese Familien eng mit ihren Klöstern verbunden, und sie machten sich die Reform des klösterlichen Lebens zu einer eigenen Aufgabe. Gleichzeitig war dies die Schicht, aus der die Kreuzzugsheere rekrutiert wurden. Die enge Verbundenheit dieser Milieus lässt sich etwa bei Bernhard von Clairvaux erkennen, der aus einer solchen ritterlichen Familie stammte und 14 Jahre nach der Eroberung Jerusalems in den neu gegründeten Zisterzienserorden eintrat.
Die Zisterzienser waren damals ein junger, asketischer Orden, der die adlige Jugend faszinierte. Es war ein strenges, sehr entbehrungsreiches und häufig kurzes Leben, zu dem diese adlige Jugend sich entschloss. Der Zisterzienserorden gehört zu den eindrucksvollsten Neuerungen, die aus der Reformbewegung des 11. Jahrhunderts hervorgegangen waren. Die Brüder der jungen Männer, die in diese Klöster eintraten, mochten einem Aufruf zum Kreuzzug folgen. Bernhard wurde selber zum entschiedensten Prediger und Propagandisten des zweiten Kreuzzugs. Otto von Freising, dem wir das vielleicht eindrucksvollste Lob der zisterziensischen Lebensweise verdanken, nahm selber an diesem zweiten Kreuzzug teil. Otto von Freising und Bernhard von Clairvaux waren Männer des Wortes. Sie vermochten Inhalte und Begriffe differenziert zu verstehen und wiederzugeben. Aber wir können davon ausgehen, dass die Reformideale, die diese Männer bewegten, auch eine schlichtere Ausdrucksform kannten. Reformen benötigen klare Losungen, und nicht jeder, der diese Losungen mit Inbrunst vorträgt, versteht ihren Gehalt. Damit kommen wir zu der aggressiven Seite der Reform, die sich als Antwort auf den Kreuzzugsaufruf Urbans II. 1095 so vehement äußerte.
DIE AGGRESSIVEN ZÜGE DER REFORM
Die Reform hatte große Gegner nicht gescheut. Die Reformer hatten frühzeitig begonnen, deutliche Trennlinien zu ziehen. Daraus war bereits 1054 das so genannte morgenländische Schisma hervorgegangen, ein formaler Akt der gegenseitigen Exkommunikation vom Papst und dem griechischen Patriarchen in Konstantinopel. Die unterschiedlichen Sprachen hatten schon deutlich früher zu einer Entfremdung geführt, die durch divergente theologische Lehren und politische Strukturen verstärkt wurde. Doch konnten diese, zu einem Teil auch persönlichen Auseinandersetzungen immer wieder beigelegt werden. Schon bald, nachdem die Reformer in Rom die Initiative übernommen hatten, änderte sich das. Es kam zu Konfrontationen und gegenseitigen Exkommunikationen, aber erst der vierte Kreuzzug, von dem unten noch die Rede sein wird, entfremdete beide Lager auf Dauer. Zunächst wirkte die gemeinsame Tradition weiter. Der Aufruf zum ersten Kreuzzug lässt dies erkennen. Schließlich ging er auf eine Hilfsanfrage aus Byzanz zurück. Aber das Schisma markiert doch eine erste Grenzziehung. Und aus solchen Grenzziehungen, die die Reformer nun vorantrieben, ergaben sich allmählich neue Gegnerschaften. Gegnerschaften, die darauf zurückzuführen waren, dass die nun deutlicher voneinander getrennten Größen begannen, um ihr Verhältnis zueinander zu ringen.
Der Konflikt Gregors VII. mit Heinrich IV., der schließlich in Canossa im Januar 1077 einen berühmten Höhepunkt erfuhr, ist dafür ein berühmtes Beispiel. Auch er spitzte sich allmählich zu, aber er ließ in der Zuspitzung die Konsequenzen des Reformprogramms erkennen, das sich mit versöhnlichen Tönen gegenüber jenen schwertat, die vom rechten Weg abwichen. Gregor VII. ging immerhin soweit, dem Königtum Heinrichs IV. durch seine Exkommunikation die Legitimität zu entziehen und damit einer Opposition in Deutschland Auftrieb zu geben, die schließlich einen eigenen König wählte. Das war durchaus ein unerhörter Vorgang, denn Heinrichs Vater hatte in Rom noch mehrere Päpste ab- und eingesetzt.
Schließlich ging der Angriff Gregors VII. und der Reformer auf Heinrich IV. deutlich über die Person des unbeliebten Königs hinaus. Er zielte auf das Selbstverständnis dieses Königtums, das die eigene Aufgabe auch als ein sakrales Amt verstand. Der König war der Kopf seines christlichen Königreiches, verantwortlich für Laien und Kleriker gleichermaßen. Diese vornehme Aufgabe war ihm von Gott übertragen worden. Für die Reformer war der König nur noch ein Laie, Angehöriger eines Standes, dessen Würde der Würde der Priester nicht gleichkam. Fünfzig Jahre zuvor, bei der Krönung Konrads II. im Jahre 1024, hatte der Erzbischof von Mainz den König daran erinnert: ein Stellvertreter Christi bist Du. Diese vornehme Stellung, die für die Könige des frühen Mittelalters selbstverständlich gewesen war, wurde nun mit Entschiedenheit in Frage gestellt.
Der Vorstoß des neuen Papsttums an die Spitze der kirchlichen Hierarchie, bzw. der Ausbau dieser Hierarchie unter päpstlicher Führung, richtete sich indes nicht nur gegen die Könige, die bislang die wichtigen Prälaten in ihren Reichen selber ausgesucht hatten. Die Hierarchisierung der Kirche stellte auch den Status der Bischöfe Europas in Frage. Sie hatten sich bislang als direkte Nachfolger der Apostel verstanden, die ihr Amt nicht päpstlicher Verleihung sondern einem göttlichen Auftrag verdankten (auch wenn sie vom König eingesetzt wurden). Der Nachdruck, mit dem der Bischof in Rom nun seine übergeordnete Stellung betonte und Gehorsam einforderte, beunruhigte viele Amtsträger. Manche akzeptierten die neue Führung, viele aber nahmen daran Anstoß. So ist es etwa zu erklären, dass viele Bischöfe des Reiches Heinrich IV. in seinem Kampf mit dem Papsttum zunächst unterstützten. Tatsächlich war die Kirche des frühen Mittelalters regional organisiert. Es gab vereinzelte zentralisierende Elemente, aber sie waren angesichts der Kommunikationsbedingungen schwach entwickelt. Bischöfe residierten in Städten und in der Regel waren sie die Herren der Stadt mit einem weiten Wirkungskreis. Innerhalb ihres Bistums hatten sie die Entscheidungsgewalt über den Klerus und das geistliche Leben.
Es lässt sich in Hinblick auf diese regionale Struktur der frühmittelalterlichen Kirche sagen, dass eine Bewegung von dezidiert christlichem Charakter, die gewissermaßen quer zu den Bistumsgrenzen die Menschen erfasste, und die sich nicht mehr auf die Zuständigkeit eines Bischofs beschränkte, die Autorität der römischen Kirchenleitung stärken konnte. Zumindest stärkte eine solche Bewegung die Zuständigkeit des Papstes, der bis dahin vor allem mit den Belangen seiner eigenen römischen Diözese zu tun hatte. Insofern waren die Kreuzzüge ein weiteres Moment einer Veränderung der mittelalterlichen Kirche, die ihre regionalen Horizonte zu einem gemeinsamen Horizont der lateinischen Christenheit erweiterte. Die Führung dieser Kirche wurde zunehmend vom Papsttum beansprucht, und sie wurde den Päpsten von den Zeitgenossen auch zunehmend zugestanden. Das hatte damit zu tun, dass der Bedarf nach einer solchen zentralen Führung wuchs. Bewegungen, wie die Kreuzzüge, die den größeren regionalen Rahmen überschritten, trugen dazu bei.
Es ist wohl kein Zufall, dass das 12. Jahrhundert nicht nur eine besondere Zeit in der Kreuzzugsgeschichte war, sondern auch als die Zeit gelten kann, in der das Papsttum die Führung der Kirche nicht nur beanspruchte, sondern diesen Anspruch auch mit überzeugenden Persönlichkeiten ausfüllen konnte. Diese Entwicklungen hängen nicht voneinander ab, sondern sie gehen vielmehr auf eine Horizonterweiterung zurück, die sich in vielen Formen äußerte.
Die Verbindung zwischen der Erweiterung des Horizonts und einer aggressiven Haltung religiöser Polarisierung ist an einem spanischen Beispiel im späten 11. Jahrhundert eindringlich zu studieren. Die iberische Halbinsel hatte lange unter moslemischer Herrschaft gestanden. Seit dem frühen 8. Jahrhundert hatte eine Oberschicht moslemischer Kämpfer große Teile des Landes kontrolliert, nur im Norden bestanden in den unzugänglichen Regionen christliche Enklaven fort. Im Laufe des elften Jahrhunderts verlor die zentrale moslemische Regierung des Kalifats in Cordoba allmählich den Zugriff auf das Land, und die Herrschaft zerfiel in einzelne Teilreiche. Neben diese moslemischen Teilreiche traten in zunehmendem Maße christliche Herrschaftsbildungen im Norden, die den moslemischen Großen durchaus ebenbürtig waren. Jedoch spielte sich diese Konkurrenz weitgehend im Rahmen der iberischen Halbinsel ab. Die religiösen Differenzen spielten in diesem komplizierten und bewegten Geflecht keine herausgehobene Rolle. Eine Figur wie der berühmte Cid, jener Abenteurer, der zwischen den Reichen und Herrschern, und wohl auch zwischen den verschiedenen Religionen eine Laufbahn als Kämpfer mit wechselnden Loyalitäten absolvierte, war nur in dieser Phase des 11. Jahrhunderts denkbar. Noch hatten sich die Konkurrenten nicht zu festen Lagern gefügt. Um 1080 änderte sich dies allmählich – sowohl die moslemischen als auch die christlichen Teilherrschaften richteten sich allmählich an einer übergeordneten Führung aus. Die Koordinaten auf der iberischen Halbinsel verschoben sich.
Um das Jahr 1080 übernahmen die Christen auf der iberischen Halbinsel die römische Form der Liturgie. Bis dahin hatten sie den Gottesdienst nach dem so genannten mozarabischen Ritus gefeiert, der zahlreiche Elemente der arabischen Kultur in den Gottesdienst aufgenommen hatte. Im Jahr 1089 traf der Bischof von Vic (Katalonien) in Rom ein, um dort die Privilegien der Kirche von Tarragona bestätigen zu lassen. In diesem Vorgang lässt sich der Wandel deutlich erkennen. Die Reise des Bischofs von Vic zeigt eine neue Ausrichtung. Es war eine Ausrichtung mit Folgen. Denn Tarragona befand sich noch in moslemischer Hand. Und der Papst rief nun die christlichen Herren der Kirchenprovinz Tarragona und der Nachbarprovinzen dazu auf, alle Kräfte auf die Rückgewinnung der Stadt auszurichten, damit man dort einen Bischofssitz haben könne. Tarragona könne dann ein christliches Zeugnis gegen die Sarazenen ablegen.
Der päpstliche Aufruf zur Rückgewinnung Tarragonas ist auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil der Papst hier bereits jenen Ablass (remissio peccatorum) in Aussicht stellt, der dann beim Aufruf zum ersten Kreuzzug sechs Jahre später erneut gepredigt wurde. Der Papst forderte zur Buße auf, wobei klar war, dass dies eine kämpferische Bußleistung sein würde. In diesem Zusammenhang wurde Jerusalem als Pilgerziel genannt, indem der Papst all jene, die nach Jerusalem oder zu anderen Orten pilgerten, aufforderte, nach Tarragona zu ziehen. Damit waren wesentliche Elemente des Kreuzzugsaufrufs 1095 bereits einige Jahre zuvor in Hinblick auf die christliche Rückgewinnung Tarragonas aus der Hand der Sarazenen formuliert worden. Die Vereinheitlichung des christlichen Horizontes ging auf diese Weise einher mit einer zunehmenden Konfrontation mit jenen, die die römische Kurie als Gegner ausgemacht hatte.
Aus der Konfrontation von Gregor VII. und Heinrich IV. folgte ein Bruch zwischen dem Kaiser und dem Papst, der zu dem Zeitpunkt, an dem Urban II. zum bewaffneten Zug in das Heilige Land aufrief, noch nicht überwunden war. Es ist unter Historikern umstritten, wie sehr der Konflikt zwischen dem 1105 von seinem Sohn abgesetzten Heinrich IV. und den Päpsten dazu geführt hat, dass der Kaiser den Kreuzzug nicht anführte. Die »Regierungspraxis« dieser Epoche bestand in der Tat in persönlichen Akten eines anwesenden Königs, eine »Verwaltung« gab es noch nicht. Es sprach also einiges dafür, dass der König in seinem Reich anwesend war – insbesondere dann, wenn seine Herrschaft so umstritten war, wie die Heinrichs IV. Eine Doktrin, die es dem König versagt hätte, sein Reich längere Zeit zu verlassen, gab es jedoch nicht. Und die langen Aufenthalte ottonischer Herrscher in Italien nach 962 (Kaiserkrönung Ottos I.) hatten praktisch auch dazu geführt, dass die Herrscher den Regierungsgeschäften nördlich der Alpen in der Zeit ihrer Abwesenheit fern standen. Dadurch war das Reich nicht in Anarchie verfallen.
In den Jahren des Aufrufs zum ersten Kreuzzug gab es neben Papst Urban II. (seit 1088) einen weiteren Papst, den Heinrich IV. eingesetzt hatte. In den zwei Jahren vor dem Aufruf zum Kreuzzug war zunächst Heinrichs Sohn, dann auch seine Ehefrau, von ihm abgefallen, und sie hatten sich Urban II. angeschlossen. Der Widerstand in seiner Familie und unter den Fürsten kostete Heinrich schließlich seinen Thron, und die Jahre des ersten Kreuzzugs waren für ihn Jahre scharfer Auseinandersetzung mit diesen Gegnern. Daher kam der Kaiser als Kopf eines solchen Zuges kaum in Betracht. Tatsächlich lag die Leitung des Unternehmens bei Männern aus dem höheren Adel. In der Mobilisierung dieser Männer hatte das Reformpapsttum bereits einige Erfahrung. Es waren weniger die Könige als vielmehr bedeutende Adlige gewesen, die die Reform der Kirche unterstützt hatten, und es war durchaus schlüssig, die Organisation des ersten Kreuzzugs entsprechend auszurichten. Dabei waren solche Männer natürlich nicht immer einfach im Umgang.
Du hast klug, wie es sich ziemt, gehandelt, als Du uns und den Römern den Erfolg des Kriegszuges und den Preis des errungenen Sieges mitteiltest, damit das, was Du nach dem Wunsch der Freunde ruhmvoll gewonnen hattest, Dir durch ihre Glückwünsche zu etwas noch Ruhmvollerem und Glücklicherem gemacht werde. Indessen musst Du Dir denjenigen tief ins Gedächtnis prägen, durch dessen Gunst und Hilfe ohne Zweifel Deine Angelegenheiten gedeihen (Brief Gregors VII. Nr. 119). So begann ein Schreiben Gregors VII. an den Normannenherzog Robert Guiskard um das Jahr 1081. Robert sollte im Namen Gottes und auf Geheiß des Papstes die Feinde der Kirche erfolgreich bekämpfen. Dem Normannenherzog Wilhelm, der 1066 England eroberte, hatte der Papst eine Fahne des Hl. Petrus übersandt, die die Normannen auf ihrem Zug mit sich führten. Es war allerdings nicht immer einfach, diese Krieger zu kontrollieren. Die Normannen verfügten neben ihrer Waffenstärke über ein erhebliches Maß an Eigensinn, und so kam es durchaus vor, dass der Papst, wenngleich ohne Erfolg, auch gegen seine Vasallen im Süden bewaffnete Unterstützung mobilisieren musste. Allerdings war solcher Eigensinn bewaffneter und selbstbewusster Krieger keine Seltenheit in dieser Epoche. Er begleitet die Kreuzzugsgeschichte. Die Heere dieser Zeit waren aus ritterlichen Aufgeboten zusammengestellt, deren Kämpfer Individualität und Stolz mit einem robusten Eigeninteresse verbanden. Dieses Eigeninteresse entsprach nicht immer den Erwartungen jener, für die sie kämpften. Die Auftritte dieser Krieger waren in mancher Hinsicht den Auftritten der Helden Homers näher als den Angehörigen einer streng geführten Armee der Neuzeit. Und auch die Ziele dieser Kämpfer waren andere.
Es ist selbstverständlich, dass Krieg ein brutales Geschäft ist. Die historische Forschung hat sich seit einiger Zeit intensiver mit den verschiedenen Formen der Konfliktregelung in der mittelalterlichen Gesellschaft befasst. Sie hat dabei wichtige Mechanismen aufgedeckt, mit denen die Zeitgenossen bei aller gewalttätigen Rhetorik ihre Differenzen unblutig ausräumen konnten. Doch sollten wir die Bedeutung dieses friedlichen Konfliktaustrags nicht überbetonen. Das wäre eine zu moderne Sicht. Im elften Jahrhundert waren Schwerter nicht nur Zeichen der Herrschaft, sondern sie waren vor allem Waffen im Kampf. Wie sie eingesetzt wurden, und welche Folgen ihr Einsatz hatte, davon gibt uns die zeitgenössische Literatur oder die Darstellung auf dem Teppich von Bayeux ein ausreichendes Bild. Solche Kämpfe lassen sich nur begrenzt verklären, und ihr grundsätzlicher Charakter ist sich auch dann ähnlich, wenn sie ganz unterschiedlichen Zielen dienten. Dennoch ist es für das Verständnis der Kreuzzüge von erheblicher Bedeutung zu verstehen, warum sich am Ende des elften Jahrhunderts so viele Menschen auf einen bewaffneten Zug in das Heilige Land begaben. Dies war zuvor nicht der Fall gewesen, und die Bewegung hielt in dieser Form auch nur für eine gewisse Zeit an.
DER KREUZZUGSABLASS
Die unterschiedlichen Definitionen eines Kreuzzugs, die zu Beginn dieses Bandes vorgestellt worden sind, stimmen in der Bedeutung eines Motivs überein: der Bedeutung des Sündennachlasses für die Kreuzfahrer. Dabei ist der Charakter und der Umfang des so genannten Ablasses, der jedem Teilnehmer an einem Kreuzzug in Aussicht gestellt wurde, unter Historikern umstritten. Handelte es sich um eine umfassende Tilgung der Sündenschuld (remissio peccatorum) für alle Teilnehmer, oder wurden nur denjenigen Teilnehmern, die tatsächlich reinen Herzens waren, die Bußleistungen erlassen, die sie in ihrem irdischen Leben noch für bereits gebeichtete Sünden abzuleisten hatten? Die Frage der korrekten Bewertung eines Kreuzzugsablasses ist ein komplexes theologisches Problem – auch wenn die Bußtheologie im späten elften Jahrhundert noch in ihren Anfängen steckte. Ernst-Dieter Hehl hat nach gründlichem Studium der einschlägigen Texte betont, dass der Ablass, den Urban II. den Kreuzfahrern in Aussicht stellte, nur denjenigen zugesichert wurde, die allein um ihres Glaubens willen (sola devotione) nach Jerusalem aufbrachen. Der Kreuzzug sei eine Bußübung für diejenigen gewesen, die zur Buße bereit gewesen seien. Nur ihnen sei zugesagt worden, dass der Zug nach Jerusalem sie von der Verpflichtung zu anderen Bußübungen befreie. Die Lossprechung von ihren Sünden sei nicht die Folge der kriegerischen Taten, sondern der aufrichtigen Reue, die der Kreuzfahrer vor dem Aufbruch gezeigt habe.
So schlüssig sich eine solche Erklärung darlegen lässt, so läuft sie doch Gefahr, das Kreuzzugsgeschehen in nicht unerheblicher Weise zu verklären. Wir haben oben die Verbindungen des theologischen Milieus, das die Reformdynamik trug, mit dem Milieu der Ritter betont, die die Kriegszüge durchführten. Dennoch ist es in diesem Fall auch nötig, darauf hinzuweisen, dass die Kreuzzüge ein eminent praktisches Unternehmen waren. Das nächste Kapitel wird den Aufruf Urbans II. zum ersten Kreuzzug behandeln. Darin ist weniger von edlen Taten und mehr von roher Gewalt die Rede, die sich auf andere Ziele richten müsse. Jedem bedeutenden Begriff der theologischen Hochsprache, der die zeitgenössische Diskussion bestimmte, entsprach im praktischen Milieu ein sehr viel unbestimmteres Verständnis, das einer robusten Exegese unterzogen wurde. Das Christentum des Mittelalters war eine robuste Religion. Und doch gibt die Diskussion über den Sündennachlass den entscheidenden Hinweis. Die Frage der Buße konnte nur in einem Umfeld Gewicht bekommen und Menschen mobilisieren, das sich über sein Seelenheil ernsthafte Sorgen machte. Diese Sorge um das Seelenheil war eine bedeutende Triebkraft der Kirchenreform des elften Jahrhunderts, wobei man die Antworten nicht nur in geistlichen Lebenssphären finden konnte. Der Kreuzzug bot die Möglichkeit, Kampf und religiöse Haltung miteinander zu verbinden. Die Erwartung, dass beim Sieg in diesem Kampf dem Sieger auch die Beute zufiele, war dabei selbstverständlich und stellte die Motive des Kämpfenden auch nicht infrage.
Die Verbindung eines Sündennachlasses mit dem Kampf im Namen der Kirche und des Glaubens kam in diesen Jahren auch an anderen Orten vor. So kämpften die Christen auf der iberischen Halbinsel seit einigen Jahren erfolgreich gegen die moslemischen Herren. Im Jahre 1085 war es gelungen, Toledo zu übernehmen, einige Jahre später rief Urban II. – wie bereits erwähnt – die katholischen Kämpfer auf, Tarragona zurück zu erobern. Auch für diesen Kampf wurde ein Sündenablass in Aussicht gestellt. So lässt sich die Aufbruchstimmung des ersten Kreuzzugs aus der wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Bewegung verstehen, die das Abendland in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts ergriffen hatte. Die religiöse Unruhe hatte mit einer besonderen Ausrichtung auf Jerusalem dem künftigen Ziel des Kreuzzugs in den Augen der Zeitgenossen bereits eine besondere Aura verliehen. Dabei hatte sich ein besonderes frommes Interesse an Jerusalem als Pilgerziel gezeigt. Im Jahr 1064 war ein großer Pilgerzug aus dem Reich aufgebrochen, und über Ungarn, Byzanz und Syrien in das Heilige Land gezogen: Erzbischof Siegfried von Mainz, die Bischöfe Gunther von Bamberg, Otto von Regensburg, Wilhelm von Utrecht und viele andere, Säulen und Häupter Galliens, brachen im Herbst nach Jerusalem auf (Lampert von Hersfeld, Annalen zum Jahr 1064). Die Pilger hatten staunenswerte Abenteuer erlebt, waren überfallen worden und hatten sich nach anfänglichen Bedenken (Die meisten Christen hielten es nicht für vereinbar mit ihrem Glauben, sich mit der Faust zu wehren und ihr Leben, das sie zu Beginn der Pilgerfahrt Gott geweiht hatten, mit irdischen Waffen zu schützen, Lampert von Hersfeld, Annalen zum Jahr 1065) handfest und schließlich erfolgreich zur Wehr gesetzt.
Das gesteigerte Interesse für das tatsächliche Jerusalem mochte sich in den Ohren mancher Zeitgenossen mit der besonderen Rolle verbinden, die mancher Exeget jener Tage dem himmlischen Jerusalem in seinen Schriften und Worten einräumte. Die Frage, ob Jerusalem von Anfang an als Ziel des Kreuzzugs vorgesehen war, ist verschiedentlich diskutiert worden. Für das Verständnis der zeitgenössischen Stimmung ist es wichtiger, dass Jerusalem alsbald zum Ziel erklärt wurde. Darin können wir einen weiteren Hinweis auf den besonderen Anteil der religiösen Dynamik dieser Jahrzehnte am Aufbruch zum ersten Kreuzzug erkennen.
DER AUFRUF URBANS II. ZUM ERSTEN KREUZZUG
Der dramatische Auftakt des Kreuzzugsgeschehens ereignete sich im November 1095 in Clermont in der Auvergne. Dorthin hatte Papst Urban II. die Geistlichen Frankreichs gerufen, um mit ihnen über den Zustand der Kirche zu beraten und nötige Reformen voranzutreiben. Das berühmte Konzil von Clermont war zunächst ein Reformkonzil, eine Kirchenversammlung im Geiste und in der Tradition der Reformbewegung. Diese hatte ihre Ziele noch nicht erreicht, tatsächlich dauerten die Kämpfe, die aus den Reformforderungen hervorgegangen waren, noch an. Noch immer unterstützte Heinrich IV. einen eigenen Kandidaten als Papst: Clemens III., der den Salier 1084 in Rom zum Kaiser gekrönt hatte und der sich in seinem Amt durchaus behaupten konnte. Urban II. war der Nachfolger Gregors VII. (nach einem einjährigen Pontifikat Viktors III., der Gregor VII. 1086 ins Amt gefolgt war), und er führte Gregors Reformpolitik fort. Seit 1093 gewann er Clemens III. gegenüber an Boden, aber unbestrittener Kopf der Christenheit war er nicht. Er lag nicht nur mit Heinrich IV. (1054–1105), sondern auch mit dem französischen König Philipp I. (1060–1108) im Streit. Der Anlass dafür war nicht untypisch für die neue Rigidität der Reformer, denn Urban missbilligte den Ehebruch des französischen Königs, der sich einer anderen Frau zugewandt hatte. Konflikte dieser Art wurden seit der Mitte des 11. Jahrhunderts häufiger. Allerdings hatte der französische König dem päpstlichen Zorn einigen Anlass gegeben, und auf dem Konzil von Clermont wurde Philipp erneut exkommuniziert. Neben diesen großen Anliegen verhandelte man auch in Clermont über die zahlreichen Fragen kirchlicher Disziplin, die die Tagesordnungen der Reformversammlungen dieser Epoche bestimmten. Erst nachdem diese Fragen verhandelt und geregelt worden waren, kam es zu jener Ansprache, durch die das Konzil von Clermont in die Geschichte eingegangen ist. Das Konzil hatte in einer Kirche in Clermont getagt (es ist nicht ganz sicher, ob dies die Kathedrale war), aber für seine Rede ging der Papst ins Freie. Die Kirche bot nicht genügend Raum für die zahlreichen Zuhörer, die einem besonderen Aufruf gefolgt waren.
Angesichts der Bedeutung des päpstlichen Aufrufes ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Originalwortlaut der päpstlichen Ansprache nicht erhalten ist. Wir besitzen die Aufzeichnungen von Zuhörern, bzw. von Geschichtsschreibern, die mit Zuhörern über das Gehörte gesprochen haben, nachdem Jerusalem bereits erobert war. Insofern ist es kaum möglich, einzelne Worte zu sehr zu gewichten. Dazu kommen die praktischen Schwierigkeiten, die ein solcher Vorgang mit sich brachte. Es war immerhin ein Tag gegen Ende November im bergigen Zentralmassiv. Das Wetter wird das Zuhören nicht erleichtert haben. Dazu kommt ein Weiteres. Die Chronisten überliefern uns die Texte in lateinischer Sprache. Auf diese Weise konnte der Papst vielleicht zu seinen Mitbrüdern auf dem Konzil sprechen, in einer öffentlichen Rede, die einen mobilisierenden Charakter haben sollte, war die lateinische Sprache nicht sinnvoll. Urban II. musste indes nicht lateinisch sprechen, denn er stammte aus einer adligen Familie in der Champagne, und so sprach er eine Sprache, die die meisten Zuhörer verstanden haben werden.
Diese Brechungen führen zunächst zu einer berechtigten Skepsis gegenüber dem Text. Wir sollten jedoch nicht zu skeptisch sein. Tatsächlich befanden sich die Chronisten, die Urbans Worte aufzeichneten, in etwa der Lage, in der sich die meisten späteren Kreuzfahrer befanden. Sie hörten den Aufruf von Menschen, die sich dem Zug anschließen wollten oder von Predigern, die die Botschaft des Papstes weitergaben. Nur wenige werden Urban in Clermont oder bei seinen späteren Predigten auf der weiteren Reise gehört haben. Und die Prediger, die für den bewaffneten Zug in das Heilige Land warben, benutzten ihre eigenen Worte. Worauf es zu achten gilt, ist die Kernbotschaft und der Grundton. Hier zeigt sich ein klares Bild.
Tatsächlich ist die Überlieferung von Urbans Ansprache für hochmittelalterliche Verhältnisse ausgesprochen gut. Zwar soll Bernhard von Clairvaux, der Prediger des zweiten Kreuzzugs, im fortgeschrittenen Stadium seines Lebens, als er bereits im Geruch der Heiligkeit stand, beständig von einem Mitbruder begleitet worden sein, der die wertvollen Äußerungen des Abtes getreulich aufschrieb, doch sind diese Protokolle nicht erhalten. Sie waren ohnedies eine Ausnahme. Auch im zwölften Jahrhundert haben wir von wichtigen programmatischen Ansprachen des Kaisers auf großen Hoftagen nur spätere Niederschriften eines einzigen Autors, der bei der Rede Jahre zuvor zugegen war. Redetexte gibt es nicht. Da bietet die Überlieferung der päpstlichen Rede durch vier Autoren die ungewöhnliche Möglichkeit zu einem kritischen Vergleich. Und die Konkordanz fällt einigermaßen eindeutig aus. So unterschiedlich der Wortlaut im Detail sein mag, und so sehr die Bilder der Grausamkeiten voneinander abweichen, so übereinstimmend ist der Grundtenor. Hier folgen die Grundzüge im Bericht des Mönchs Robert, der nach seinen eigenen Angaben persönlich in Clermont anwesend war.
Der Papst hätte seine Zuhörer als von Gott geliebtes und auserwähltes Volk angesprochen. Er bringe ihnen eine schlimme Nachricht, die ihn aus Jerusalem und aus Konstantinopel erreicht hätte. Sie sei häufig zu hören. Die Länder dieser Christen (d.h. der Ostkirche) seien von einem fremden Volk überfallen worden (Robert spricht von einem Volk aus dem Königreich der Perser, andere Berichterstatter sprechen zutreffend von türkischen Stämmen). Die Invasoren töteten die Christen oder entführten sie in die Fremde, sie zerstörten oder schändeten die Kirchen, vergewaltigten Frauen und hätten ihr Vergnügen an grausamen Quälereien. Das Königreich der Griechen (d.h. das Byzantinische Reich) habe Ländereien verloren, die so groß seien, dass man sie in zwei Monaten nicht durchqueren könne.
Urban rief seinen Zuhörern die Taten ihrer Vorfahren in der Zeit Karls des Großen in Erinnerung (die die Königreiche der Heiden zerstörten und die die Kontrolle der Heiligen Kirche bis in diese Länder ausdehnten). Die Krieger aus dieser Tradition sollten nun zur Rettung des heiligen Grabes und der Heiligen Stätten aufbrechen. Niemand solle sich durch seinen Besitz oder seine Familie von dem Unternehmen abhalten lassen, vielmehr sollten sich alle diejenigen, die sich zurzeit untereinander bekämpften, auf den Weg in das Heilige Land machen. Jerusalem sei der Nabel der Welt, es sei nun von den Feinden Gottes besetzt und warte auf die Hilfe der Franken. Unternehmt also diese Reise zur Vergebung Eurer Sünden mit der Zusicherung der unvergänglichen Ehre des himmlischen Königreichs (Damit verwendete der Berichterstatter immerhin denselben Begriff, den der Papst in dem bereits zitierten Zusammenhang der Rückgewinnung von Tarragona in einem sehr ähnlichen Kontext benutzt hatte). Nachdem Urban geendet hatte, seien die Zuhörer in den Ruf Gott will es (Deus lo vult) ausgebrochen.
Der Bericht gibt einen Aufruf zu einem gerechten Krieg im Namen des Glaubens gegen die Feinde Gottes wieder. Daran gibt es keinen Zweifel. Aus der Darstellung des Papstes ließ sich erkennen, dass die Christen des Ostens in großer Gefahr seien. Die Morde, Gewalttaten und die Schändungen der Heiligen Stätten, mit der die päpstliche Rede einsetzt, stellten die Grundlage für einen Notfall dar, in dem ein Christ die Waffen ergreifen durfte. Soweit die Rhetorik – die uns im übrigen aus der Geschichte der Aufrufe zum bewaffneten Kampf nicht unvertraut ist. Der Aufruf des Papstes steht in einer langen Tradition. Die verschiedenen Versionen der Rede geben ein Thema in unterschiedlicher Länge wieder, das Urban ansprach, und das die Verbindung zu unserem Einleitungskapitel schlägt: die Gewalt der christlichen Krieger untereinander, denen mit dem Zug zu den Heiligen Stätten ein sinnvolles Ziel geboten wurde. Der Erzbischof von Dol, dessen Bericht zu den Quellen für Urbans Rede gehört, ist in dieser Hinsicht etwas deutlicher als der Mönch Robert, wenn er den Papst sagen ließ: Wir sagen dies, Ihr Gläubigen, Ihr mögt Eure mörderischen Hände von der Zerstörung Eurer Brüder zurückziehen und im Namen Eurer Verwandten im Glauben Euch den Heiden entgegenstellen… Ihr Gläubigen solltet bei dem Gedanken zurückschrecken, die Hand gegen Christen zu erheben; es ist weniger verwerflich, das Schwert gegen einen Sarazenen zu schwingen.
Diese Passagen sind wichtig zur Ergänzung des Bildes vom gerechten Krieg zur Verteidigung der Heiligen Stätten. Der Erzbischof von Dol berichtete weniger aus der späteren Perspektive des Heiligen Landes, er nahm am Kreuzzug nicht teil. Er berichtete eher aus der Perspektive eines Bischofs, dem die Gewalttätigkeit mancher seiner Schafe zu schaffen machte. Es gab offenbar auch einen Bedarf für einen bewaffneten Kampf, solange dieser Kampf die Krieger von zuhause abzog, wo sie gegen ihre Nachbarn und gegen Menschen vorgingen, die sich nicht schützen konnten. Deren Schutz hatte die Kirche sich zur Aufgabe gemacht. Der Kreuzzug bot auch ein Ventil. Dies ist nur ein Teil des Bildes. Aber bevor wir aus dem Studium der Texte ein allzu abstraktes Bild jenes Milieus entwerfen, das sich 1095 und in den Jahren danach zum Aufbruch in das Heilige Land entschloss, ist diese Korrektur erforderlich. Sie passt in das Bild, das wir im ersten Kapitel von der Entstehung und mühsamen Integration einer Kriegerschicht entworfen haben, die sich allmählich zu christlichen Werten bekannte, die aber gleichwohl kriegerisch blieb. Aber weil niemand diese richtigen Ziele hatte, und weil die Gier nach Besitz von den Herzen aller Besitz ergriffen hatte, hat Gott in unserer Zeit heilige Kriege gestiftet, so dass der Stand der Ritter und die Menge in ihrem Gefolge, die nach dem Vorbild der Heiden der alten Zeit in gegenseitigem Töten gefangen waren, einen neuen Weg finden konnten, Erlösung zu erlangen. Dieses Programm formulierte Guibert von Nogent wenige Jahre nach dem Aufbruch der Kreuzritter.
Ein Kampf bedurfte eines Gegners, und der Zug im Namen des Kreuzes bot einen Kampf für ein hohes Ziel. Es blieb ein Kampf. Ein Kampf nach den Normen der Zeit. Das bedeutet, es ging bei aller Bußbereitschaft auch um lohnende Beute. Der Erzbischof von Dol ließ das den Papst deutlich aussprechen: Der Besitz des Feindes wird ebenfalls Euer sein. Das ist eigentlich selbstverständlich, zumindest für einen christlichen Ritter des elften Jahrhunderts. Richard Löwenherz sollte sich hundert Jahre später mit dem Herzog von Österreich über die Verteilung der Beute nach der Eroberung Akkons in erbitterter und unversöhnlicher Weise streiten. Und noch ein Punkt ist in Hinblick auf die Motive der Kreuzfahrer von Bedeutung.
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