Kitabı oku: «Gesellschaft ohne Haltegriffe»

Yazı tipi:

Originalausgabe

1. Auflage 2020

Verlag Komplett-Media GmbH

2020, München

www.komplett-media.de

ISBN: 978-3-8312-7053-8

Lektorat: Matthias Michel, Wiesbaden

Korrektorat: Dr. Katharina Theml, Wiesbaden

Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern

Umschlaggestaltung: MioMio Design und Brandingstudio, Düsseldorf

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Inhalt

Der Unterschied im Kleiderschrank

Auf Augenhöhe

Privatleben – Vertrauen

Privatleben – die autonome Lebenswelt im Überblick

Religion – Sinn

Religion – die autonome Lebenswelt im Überblick

Wissenschaft und Bildung – Wahrheit

Wissenschaft und Bildung – die autonome Lebenswelt im Überblick

Künste – Ästhetik

Künste – die autonome Lebenswelt im Überblick

Wirtschaft – Wohlstand

Wirtschaft – die autonome Lebenswelt im Überblick

Öffentliche Verantwortung – Gemeinwohl

Öffentliche Verantwortung – die autonome Lebenswelt im Überblick

Freizeit – Individualität

Freizeit – die autonome Lebenswelt im Überblick

Die autonomen Lebenswelten im Überblick

Gesellschaft ohne Haltegriffe

Das Bild der Welt im Spiegel – die Medien

Teil sein statt beherrschen – Natur als allumfassende Lebenswelt

Das unfreiwillige Experiment

Berechnete Werte – die Digitalisierung

Ein Mosaik der Werte – die Stadt

Ein gutes Gespräch über Werte

Danksagung

Literaturempfehlungen

Der Unterschied im Kleiderschrank

Mit einem langgezogenen Knarzen öffnet sich die Tür des alten, kunstvoll gearbeiteten Erbstücks und gibt den Blick frei auf eine mir sonderbar erscheinende Kollektion von Kleidungsstücken aus lange vergangenen Zeiten. Auf dem ersten Bügel ganz rechts hängt etwas zerknittert ein Hausrock. Seine Form erinnert mich an einen Bademantel, seine feinen, von Hand aufgebrachten Stickereien und der edle Stoff, aus dem er gefertigt ist, zeugen allerdings von einem anderen Gebrauch, als ihn nach dem Duschen über die tropfnasse Haut zu werfen. Der Schnitt: Behaglichkeit, das Gewebe: makellos. Neben dem Hausrock hängt ein weiterer reich verzierter Mantel, nun einer für außer Haus. Der Samtbesatz am Revers verrät, dass das schwere, wollene Stück zu besonderen Anlässen getragen wurde – wahrscheinlich zum sonntäglichen Gottesdienst, warm genug, um in den kalten Gemäuern nicht zu frieren, und kunstvoll genug, um dem Anlass angemessen zu sein. Der Sonntagsmantel wirkt weit weniger abgewetzt als die anderen Kleidungsstücke und wurde wohl stets mit besonderer Sorgfalt gepflegt. Auf dem weißen Kittel daneben sind einige bunte Farbtupfer. Ich wundere mich. Dass mein Urgroßvater eine künstlerische Ader hatte, wurde mir nie erzählt. Ein wenig sentimental muss er auch gewesen sein, denn er hat seine Schuluniform aufbewahrt, sie liegt auf dem Schrankboden. Sorgsam zusammengelegt weckt sie in mir Bilder, wie er als Kind schreiben und rechnen gelernt hat. Daneben seine Ärmelschoner. Darüber das dazugehörige Hemd mit den breiten Manschetten und der Anzug, den er wohl als Kaufmann regelmäßig bei der Arbeit im Kontor getragen hat. Als ich die Bügel etwas zur Seite schiebe, entdecke ich eine kostbare Ratsrobe. Warum hat mir nie jemand von seinem Engagement im Stadtrat erzählt? Gerade will ich den Schrank zumachen, da fällt mein Blick auf eine Reithose, die im hintersten Winkel hängt. Ich schließe meine Augen und male mir aus, wie mein Urgroßvater in seiner freien Zeit durch die Heidelandschaften, Wiesen und Wälder geritten ist und die Natur genossen hat. Bedächtig lege ich die schon etwas spröde Hose zurück und schließe die Tür zu den vergangenen Zeiten.

Der Schrank meines Urgroßvaters erzählt davon, dass sich unsere Vorfahren regelmäßig umgezogen haben, wenn sie von einer Lebenswelt in eine andere traten. Der Wechsel der Kleidung war eine rituelle Unterbrechung, die auf der Haut spüren ließ, dass eine Grenze überschritten wurde, dass es im Rathaus um etwas anderes geht als bei der Arbeit, im Atelier anderes wichtig ist als in der Kirche, dass Schule und Freizeit im wörtlichen wie im übertragenen Sinn verschiedene Paar Schuhe sind, dass im Haus eine eigene Welt existiert, die sich von den Welten draußen unterscheidet.

Ein kurzer Blick in meinen eigenen Kleiderschrank reicht aus, um mir gewahr zu werden, dass das Umkleideritual verschwunden ist. Die Jeans, T-Shirts, Hemden und Pullis lassen sich zu nahezu allen Anlässen tragen – zumindest diejenigen, die nicht zerschlissen oder löchrig sind. Lediglich für den Sport gibt es eine Schublade mit Funktionskleidung, und für besondere berufliche Anlässe hängen einige Sakkos gut geschützt in einem Kleidersack. Irgendwo müsste auch meine einzige Krawatte liegen. Ich habe sie bestimmt seit mehr als 15 Jahren nicht mehr getragen. Üblicherweise bewege ich mich die Textilien betreffend ohne spürbare Übergänge durch die Tage und die verschiedenen Lebenswelten. Für meinen Beruf gibt es nicht einmal eine Arbeitskleidung. Ich gebe unumwunden zu, dass ich es auch sehr bequem finde, mich nicht ständig umziehen zu müssen. Zudem bin ich immer schon alles andere als ein Freund von Uniformen. Im Gegenteil muss ich mich selbst jedes Mal daran erinnern, dass es nicht notwendig auf gestriges, nationalistisches oder alte Zeiten verherrlichendes Denken hinweist, wenn mir jemand in Tracht auf der Straße begegnet. Nur allzu oft sind Uniformen ein Bekenntnis zu glücklicherweise weitgehend überholten Weltbildern. Es reicht, nur ein Burschenschaftskäppchen zu sehen, und schon wird mir klar, dass unsere Zivilisation und Kultur sehr wohl und sehr wichtige Fortschritte gemacht haben und ich auf eine Wiederkehr der angeblich so »guten alten Zeiten« dankend verzichten kann. Unsere heutige Praxis des Kleidens könnte aber mit dafür verantwortlich sein, oder wenigstens ein Symptom dafür, dass so viele Menschen in unserer Gesellschaft ein Gefühl von Haltlosigkeit verspüren. Deshalb fällt es uns heute so schwer, ja meist misslingt es uns sogar, ein gutes Gespräch über Werte zu führen. Wir überschreiten die Grenzen zwischen den Lebenswelten ohne das wirkmächtige Ritual des Umkleidens. Bei jedem Grenzübertritt nehmen wir das gesamte Inventar unserer Werte mit und merken nicht, dass wir dabei Denkmuster, Symbole, Haltungen und Erfahrungen im Gepäck haben, die in der einen Lebenswelt wichtig sind, in den anderen aber oft befremdliche oder gar schädliche Wirkungen entfalten. Ich komme später noch ausführlich auf diese Problematik zurück. Unterm Strich ist die Haltlosigkeit das Kernthema dieses Buches.

Wie stark der Wunsch nach Orientierung ist, kann ich aus eigener Beobachtung berichten; eine Erfahrung, die mir bis heute vergegenwärtigt, wie hilf- und haltlos wir sind, wenn es um Werte und Ethik geht, obwohl so viele kluge Persönlichkeiten sich zu diesen Themen seit tausenden Jahren die Köpfe zerbrochen, um exakte Formulierungen gerungen und wahrhaft fundierte Gedanken dazu diskutiert und aufgeschrieben haben.

Die Geschichte zu diesem Buch fing – wie so viele – ganz harmlos an. An jenem Tag saß ich mit einem Kunden in meinem Büro. Er hatte eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die nach einer Personaländerung in der Chefetage seines Unternehmens eingestellt worden war. Es war dabei um Philosophie gegangen, um Werte in unserer Gesellschaft. Was ihn bezüglich dieser Veranstaltung so bewegte, war die Resonanz bei den Menschen in der Stadt. Bei der Planung der Eröffnungsveranstaltung hatte er seinerzeit mit vielleicht ein paar dutzend Besuchern gerechnet und war eher besorgt gewesen, ob der angemietete Saal nicht viel zu groß sein würde. Geschehen war allerdings genau das Gegenteil. Bis auf den letzten Stuhl belegt war der Raum aus allen Nähten geplatzt, viele Interessierte hatten sogar nicht mehr eingelassen werden können. Eine solche Erfahrung angesichts eines philosophischen Vortrags zu machen, war mehr als ungewöhnlich. Das völlig unterschätzte Interesse der Menschen warf bei meinem Kunden und mir die Frage auf, aus welchem Grund sich so viele die Mühe gemacht hatten, eine Stunde lang den Gedanken eines Philosophen zu folgen. Auch die zwei folgenden, in einem mehr als doppelt so großen Saal durchgeführten Veranstaltungen waren restlos ausgebucht gewesen. War das Bedürfnis nach Orientierung wirklich so groß? Und auf einmal sollte dieser öffentliche Diskurs beendet werden. Für meinen Kunden war diese Vorstellung unerträglich. Fragen, die so viele Menschen der Stadt so sehr bewegen, bräuchten doch einen Platz, wo sie ausgetauscht werden können! Noch während unseres Gesprächs wurde uns klar, dass wir beide ein solches Forum zu organisieren hätten. Und so geschah es dann auch. Das Lübecker Werteforum war geboren.

Für unsere erste Veranstaltung, einen Diskurs über die Werte in der »New Economy« – so nannte man zu der Zeit die sich damals aufblähende digitale Wirtschaft – hatten wir einen streitfreudigen Referenten gefunden. Wir brauchten nur noch einen geeigneten Veranstaltungsort. Die Stadtkirche St. Petri erschien uns ideal für unser Vorhaben. Wir fragten dort an. Wir bekamen eine Zusage – unter einer Bedingung: Die Stadtkirche ohne Gemeinde, die sich als Begegnungsort der Bürgerinnen und Bürger der Stadt versteht, wollte mit als Veranstalterin auftreten. Mit dieser Vereinbarung entstand ein über mehrere Jahre geführter Diskurs, dessen Fragen, Thesen und Erkenntnisse das Fundament der in diesem Buch weitergesponnenen Gedanken bilden. Die Stadtkirche St. Petri zu Lübeck ist die Heimat des hier vorgestellten ethischen Entwurfs. Sowohl der Kirchenraum selbst als auch die Menschen, die sich uns in diesen Jahren angeschlossen haben, allen voran der im Sommer 2017 verstorbene Pastor Günter Harig, haben wesentlichen Anteil an den hier aufgeworfenen Fragen und Anregungen.

Dabei war unser erstes Lübecker Werteforum unterm Strich ein Reinfall. Trotz eines von uns erhobenen Eintrittspreises war die Kirche sehr gut besucht. Daran lag es nicht. Sogar unsere Kosten haben sich gerade so wieder eingespielt. Unser Referent war brillant. Messerscharf und mit der für eine Diskussion wunderbar belebenden Mischung aus provozierender Tonalität und ernsthafter Entschiedenheit lieferte er mit seinem Vortrag reichlich Stoff und Lust für einen Gedankenaustausch. Auch das war sehr gelungen. Was nach hinten losging, war die anschließende Diskussion – oder richtiger: der missglückte Versuch einer anschließenden Diskussion. Zwei Eindrücke blieben uns, und wir wurden sie nicht mehr los. Der erste war, dass wir in den Fragen und Stellungnahmen des Publikums – so interessant sie teilweise waren – einen gemeinsamen Grundakkord vernahmen, der sich wie ein Ruf nach der moralischen Keule, dem Begehren nach einem feststehenden Ranking der Werte, einer Erlösung aus der Orientierungslosigkeit anhörte. Der zweite Eindruck war, dass wir selbst nicht wussten, wie wir damit umgehen sollten. Wir waren hilflos und unfähig, ein gutes Gespräch über Werte zu führen. Völlig unbedarft hatten wir eine Veranstaltung durchgeführt, die nicht gelingen konnte, weil sie an ihrem Anspruch, der so einfach klingt, scheitern musste: ein gutes Gespräch über Werte zu führen.

Für diese eine Frage – Wie geht ein gutes Gespräch über Werte? – haben wir uns dann fünf Jahre Zeit in regelmäßigen Runden genommen, bevor wir uns erneut der Öffentlichkeit stellten, diesmal gewappnet mit einer Idee, wie es klappen könnte. Wir haben es »Balancen – Modell der autonomen Lebenswelten« genannt und in vielen Veranstaltungen einer Tauglichkeitsprüfung unterzogen. Bei aller Unvollständigkeit des Modells und allen offenen Fragen, die es nicht erklären konnte, erwies es sich doch als überraschend hilfreich. Und auch in anderen Umfeldern als dem öffentlichen Stadtdialog in der Lübecker Petrikirche, etwa Seminaren an Universitäten, Vorträgen und Diskursen bei Symposien, schien unser Entwurf zumindest Haltegriffe anzubieten, die es etwas leichter machen, sich in einer sehr komplexen Welt über Werte zu unterhalten, ohne sich an der Vielfalt unserer Gesellschaft und des zivilisatorischen Projekts zu vergreifen.

Wenn ich in diesem Buch das Modell der autonomen, also sich selbst bestimmenden Lebenswelten vorstelle, dann beanspruche ich damit keinesfalls, im Besitz der Wahrheit zu sein, sondern freue mich vielmehr über die Entgegnung mir nicht aufgefallener Widersprüche und Unzulänglichkeiten. Genau darum geht es in diesem Entwurf. Es ist ein sich immer wieder neu justierender, widerstreitender Balanceakt, bei dem man sich auf andere Perspektiven gern einlässt und auf sich ändernde Umfeldbedingungen mit Veränderungsbereitschaft reagiert. Der Gründer des von mir vertretenen Vereins zur Verzögerung der Zeit, der Philosoph Peter Heintel, bezeichnete unser Modell als Prozessethik, die nie fest steht, sondern immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Damit konnte ich mich gut anfreunden.

Unser Modell setzt dort an, wo die Welt noch einigermaßen überschaubar ist: in der Stadt. Wir sind über einen sehr simplen Ansatz darauf gekommen, verschiedene Lebenswelten zu unterscheiden und zu benennen, indem wir uns einfach einen Stadtplan von Lübeck auf den Tisch legten und darauf die Stationen des Alltags markierten: die Wohnung, den Arbeitsplatz, die Schule, die Universität, das Theater, die Museen, die Kirche, das Rathaus, den Sportplatz und viele Orte mehr. Nach einigen Wochen des Austüftelns kamen wir auf sieben vom Menschen gemachte Lebenswelten: das Privatleben, die Religion, Wissenschaft und Bildung, die Künste, die Wirtschaft, die öffentliche Verantwortung und die Freizeit. Die Natur haben wir als grundlegende Lebensvoraussetzung ebenso bewusst herausgelassen wie die Medien als Vermittler und die virtuellen Lebenswelten im digitalen Netz. Offensichtlich ist jede dieser von uns verorteten Lebenswelten um einen eigenen Grundwert errichtet worden und für ganz eigenständige Erfahrungsschwerpunkte da, die so in anderen Lebenswelten nicht gemacht werden können. Schon im Augenblick dieser scheinbar banalen Erkenntnis erahnten wir die Bedeutung, die diese fundamentalen Unterschiede für unsere Orientierung bedeuten. Wenn wir alles in einen Topf werfen und daraus ein Wertesüppchen köcheln, dann kann man das Gericht nicht mehr erkennen. Wir haben dann einen ungenießbaren Einheitsbrei.

Noch schlimmer erschien es uns aber, eine universelle Rangliste der Werte aufzustellen, nach der sich dann alles zu richten habe. Sobald ein Wert, der für eine Lebenswelt noch so wichtig sein kann, die Werte in den anderen verdrängt – oder gar einen Alleinstellungsanspruch erhebt –, richtet er Zerstörung an. Ein Gespräch über die gesellschaftlichen Werte, so unsere Erkenntnis, kann nur dann gelingen, wenn wir uns darüber bewusst werden, über welche Lebenswelt wir gerade reden. Selbstverständlich orientieren wir uns an ethischen Grundsätzen und übergeordneten Werten. Sie sind so etwas wie der Grundkonsens unseres Zusammenlebens und für ein gelingendes Miteinander sehr hilf- und erfolgreich. Aber diese philosophischen Konzepte reichen aus unserer Sicht nicht aus, um modernen Gesellschaften Orientierungshilfen zu geben, mit denen sich die über viele Generationen erstrittenen zivilisatorischen Fortschritte gegen ihre Feinde verteidigen und weiterentwickeln lassen.

Dieses Buch schreibe ich in Zeiten der Coronakrise. Gerade erleben wir, was es heißt, wenn ein Lebensbereich – in diesem Fall die Gesundheit – alle anderen beherrscht, sich alles und alle einem Ziel unterordnen müssen. Für die Bewältigung der Krise und den Schutz des Lebens ist das aktuell notwendig und höchstwahrscheinlich auch richtig. Es ist aber ein zeitlich begrenzter Ausnahmezustand. Sein Ende sehnen wir uns herbei – nicht nur, um dem Elend, das die Krankheit bringt, zu entrinnen, sondern auch, um unsere Lebensqualität mit ihren vielfältigen Erfahrungsmöglichkeiten wiederherzustellen. Wenn es gut läuft, sogar weiterzuentwickeln, indem wir herausfinden, worauf wir gut verzichten können und was uns besonders wichtig ist. Die Dominanz eines einzelnen Zieles oder Wertes als Dauerzustand würden wir weder als Individuen noch als Gesellschaft ertragen wollen und auch nicht können. Die von uns in der Coronakrise gemachten Erfahrungen, wenn sich alles der Gesundheit unterordnet, sind allerdings eine – wenn auch überzeichnete – Allegorie dessen, was wir seit einigen Jahrzehnten in einem schleichenden, uns vielfach unbewussten Prozess durchmachen: die Ökonomisierung aller Lebenswelten als dauerhafte Realität. Bis das Coronavirus gekommen ist, wurde so gut wie alles nach ökonomischen Prinzipien bewertet. Im Diskurs war das Argument des Geldes immer der stärkste Trumpf, ganz gleich, worum es ging. Erst angesichts der Bekämpfung der exponentiell ansteigenden Infektionsraten und der Verhinderung eines Zusammenbruchs unserer Gesundheitsversorgung mussten sich wirtschaftliche Interessen erstmals seit langem einem höheren gesellschaftlichen Ziel unterordnen. Die Coronakrise hat insofern den Beweis dafür erbracht, dass die Wirtschaft ihre Vormachtstellung nicht natürlich oder unausweichlich eingenommen hat, sondern diese das Ergebnis einer gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung ist. Und wie alle von Menschen gemachten Systeme ist auch dieses Dominanzsystem veränderbar. Diese Erkenntnis nehme ich als Hoffnung mit auf die gedankliche Reise, zu der ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, einlade. Ich maße mir als Ihr Reiseleiter nicht an, Ihnen Vor- oder Ratschläge zu geben, wie eine gute Gesellschaft und ein gutes Zusammenleben aussehen können. Das werden wir uns immer wieder neu ausdenken und ausprobieren müssen. Vielmehr ist es mein Anliegen, den Diskurs über Werte aus einengenden, moralischen Pfaden in eine offenere, auch streitfreudigere Gedankenlandschaft zu führen, in der es eine Menge unterschiedlicher Dinge und Werte gibt, die uns wichtig sind und für die es sich zu engagieren oder gar zu kämpfen lohnt. Unser zivilisatorisches Projekt steht vor genügend großen Herausforderungen, allen voran, der Erderwärmung entgegenzuwirken und die Herausforderungen im Umgang mit künstlicher Intelligenz und Biotechnologie unter sozialen und kulturellen Gesichtspunkten zu meistern. In derart stürmischen Zeiten können ein paar Haltegriffe recht hilfreich sein. Oder zumindest eine Ahnung davon, wie ein Gespräch über Werte geführt werden kann. Dazu will dieses Buch anregen.

Auf Augenhöhe

Die Küche einer Wohngemeinschaft ist das ideale Versuchslabor für Individualethik. Einkauf, Abwasch, Müll und Ordnung in der WG-Kommunikationszentrale stellen die Beziehungen zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern regelmäßig vor große Herausforderungen. Wer hat das Stück Butter zum Kochen verbraucht, so dass ich zum Frühstück die letzte Brotscheibe staubtrocken herunterwürgen muss? Warum sind alle Töpfe und Pfannen noch schmutzig, obwohl ich meinen Besuch mit einem selbst gekochten Abendessen verwöhnen wollte? Kommt der fiese Gestank aus den drei Mülltüten, die prallvoll neben dem Eimer liegen? Wo ist der Korkenzieher, der mich vom Inhalt der Flasche Sauvignon trennt, die ich mir so gern einverleiben möchte? Und überhaupt: Wo ist die Flasche? Selbst auf kleinstem Raum in überschaubarer Gruppengröße birgt jede noch so kleine Handlung eines einzelnen Mitglieds enormes Konfliktpotenzial. Nicht ohne Grund hängen in wohl fast jeder Wohngemeinschaft diverse Pläne, wer wann was zu verrichten hat, und Listen mit Regeln, was man tunlichst unterlassen soll, um einigermaßen friedlich so etwas wie ein normales Zusammenleben hinzubekommen. Theoretisch ist das ein einfach zu lösendes Problem. Alle müssten nur die Goldene Regel befolgen. Den letzten Butterrest nicht achtlos verbrauchen, damit fürs Frühstück für alle noch etwas da ist. Das Geschirr nach dem Essen abwaschen, damit es wieder einsatzbereit ist. Den Müll herunterbringen, wenn der Eimer voll ist. Den Korkenzieher wieder zurück an seinen Platz legen. Kurz: Alles so zu hinterlassen, wie man es selbst gern vorfinden will. Was du nicht willst, was man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu!

Die Goldene Regel findet man weitgehend sinngetreu in fast allen Kulturen. Im jüdischen Talmud klingt sie fast identisch wie in der christlichen Bibel, in den Hadithen des Propheten Mohammed ist sie anders formuliert, meint aber dasselbe, was auch Konfuzius ähnlich geäußert hatte und was im Mahabharata der Hindus überliefert ist. In weniger komplexen Beziehungsgeflechten, auf der Ebene zwischen Individuen, funktioniert dieser moralische Kompass zumindest als Orientierung recht gut, wenngleich seine Einhaltung teilweise nur auf die Mitglieder der eigenen Gruppe begrenzt wird. Und selbst da kann es trotz konsequenter Einhaltung fürchterlich knirschen. Es reicht, wenn zum Beispiel ein Mitglied der WG ein völlig anderes Hygiene- und Ordnungsbedürfnis hat als die anderen. Wenn ich nicht möchte, dass nach einem köstlichen Gelage die ausgelassene Stimmung durch so etwas Banales wie Abwaschen zerstört wird, dann tu ich es doch in guter Absicht, wenn ich alles schmutzig liegen lasse, oder? Und schließlich fordere ich auch niemanden dazu auf, vor mir aufzustehen und das Vorabendchaos als Erster zu entdecken. Eine Tasse für einen Kaffee findet sich am nächsten Morgen garantiert, und sollte sie nicht sauber sein, ist sie schnell ausgespült. Außerdem ist die Küche kein klinischer Reinraum, sondern wird erst durch mit allen Sinnen erfahrbare Spuren des Lebens gemütlich. Die Goldene Regel braucht ein gemeinsames Verständnis von gut und schlecht, von Leid und Freude. Sonst ist ihre Reichweite sehr begrenzt.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für den Kürzest-Kodex ist, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Sobald jemand oder eine Gruppe sich zu Höherem berufen fühlt und über andere Menschen oder Menschengruppen stellt, bricht das moralische Gebäude schnell zusammen. Fundamentalistisch ausgelegte Religionen und nationalistisch tönende Akteure belegen das eindrucksvoll. Mit wenigen Streichen können sie mühsam aufgebaute Strukturen eines guten Miteinanders zerstören. Sie versuchen es auch regelmäßig, viel zu oft mit Erfolg. Übrigens auch in der einen oder anderen Wohngemeinschaft soll es Mitglieder geben, die sich zu Höherem berufen fühlen als zu den niederen Tätigkeiten, womit sie das Prinzip der Augenhöhe außer Kraft setzen und den Wohnfrieden gefährden.

Die Philosophie hat wegen solcher Probleme immer wieder versucht, universell funktionierende Rahmen zu finden, an denen wir uns orientieren können. Einer der bekanntesten ist der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant, der den Mensch mit seiner Würde als Selbstzweck sieht und aus der in ihm wohnenden Vernunft eine allgemeingültige Regel entwickelt: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« Das trägt schon deutlich weiter, denn mit dem Wegfall des Individuums als Maßstab und den Fokus auf die Allgemeinheit kann man sich nicht mehr ganz so leicht herausreden und jeden Egoismus mit ein paar argumentativen Winkelzügen als gut und richtig darstellen. Vor allem wenn man wie Kant den Menschen dazu befähigt sieht, sich seiner Vernunft zu bemächtigen, ist der Kategorische Imperativ eine recht gute Orientierungshilfe für das Zusammenleben. Aber auch Kants Modell hat seine Grenzen. Das Problem liegt darin, dass es sowohl individuell als auch kulturell sehr unterschiedliche Haltungen und sich widersprechende Ansichten geben kann, die Menschen ernsthaft und auch reflektiert zum allgemeinen Gesetz erheben wollen. Insbesondere, wenn es sich um Glaubenssätze handelt – und die Welt ist auch jenseits religiöser Fragen voll davon –, lassen sich Maximen als allgemeingültig und moralisch einwandfrei, ja geradezu als zwingend zu befolgen behaupten. Nicht selten kommt es dann sogar dazu, dass daraus Alleinstellungsansprüche formuliert werden. Das ist mit Sicherheit nicht das, was sich der große Aufklärer und Kämpfer für die Vernunft dabei gedacht hat, aber je komplexer unsere Welt geworden ist, desto deutlicher wurde, dass sein moralisches Orientierungskonstrukt weitergedacht werden muss. Einer, der das sehr gründlich getan hat, ist Jürgen Habermas. Er hat Folgendes vorgeschlagen: »Der kategorische Imperativ bedarf einer Umformulierung (…): Statt allen anderen eine Maxime von der ich will, dass sie allgemeines Gesetz sei, als gültig vorzuschreiben, muss ich meine Maxime zum Zweck der diskursiven Prüfung ihres Universalitätsanspruchs allen anderen vorlegen. Das Gewicht verschiebt sich von dem, was jeder (einzelne) ohne Widerspruch als allgemeines Gesetz wollen kann, auf das, was alle in Übereinstimmung als universale Norm anerkennen wollen.«1

Die Diskursethik von Habermas hat für mich etwas sehr Befreiendes, weil sie uns von vorgefertigter Moral löst. Sie gibt uns einen Rahmen für den Vermittlungsprozess. Das Inhaltliche müssen wir uns immer wieder neu erarbeiten. Das Schlamassel mit der Freiheit ist halt nur, dass sie mitunter recht mühsam ist. Jede ethisch bedeutsame Frage immer wieder auszudiskutieren, erfordert viel Zeit, gedankliche Schärfe, ein ordentliches Maß an Besonnenheit und auch viel Geduld – insbesondere weil unser Zusammenleben aus mehr besteht als ein paar individuellen Beziehungen zu anderen Menschen, die ich vielleicht noch einigermaßen gelingend mit der Goldenen Regel auf die Reihe bekomme. Es wäre sehr viel bequemer, sich an ein paar vorsortierten Werten und Moralprinzipien zu orientieren, als ständig wieder vor neue Herausforderungen der Bewertung gestellt zu werden.

Selbstverständlich stehen wir nicht im werteleeren Raum. Über den modernen, aufgeklärten Gesellschaften flattert die Trikolore von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, oder moderner: Solidarität. Diese Leuchtsterne haben seit der Zeit der Aufklärung wenig an Strahlkraft verloren. Aber angesichts des nun schon länger andauernden Siegeszugs der neoliberalistischen Doktrin, der zufolge alles der freie Markt regelt, ist aus der Freiheit der Aufklärer eine Freiheit zur Selbstausbeutung geworden; mehr noch macht uns die Ökonomie der Aufmerksamkeit2 immer häufiger selbst zum Produkt. Gleichheit erfahren wir vielleicht nur noch vor dem Gesetz, während sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Und wenn die ertragsstärksten wirtschaftlichen Unternehmen sich auch dadurch auszeichnen, dass sie zum Gemeinwohl keine Steuerbeiträge leisten, wie steht es dann um die Solidarität? Erleben wir die nur noch, wenn wir in Krisenzeiten wie der Coronapandemie gemeinsam für die Heldinnen des Alltags klatschen? Wir haben nationalstaatliche Verfassungen, bei den Deutschen ist es das großartige Grundgesetz. Sein erster Teil, der die Grundrechte beschreibt, ist so klar und kraftvoll formuliert, dass er sich für mich wie das verfassungsrechtliche Pendant zu Beethovens »Ode an die Freude« anhört. Doch wie lebendig ist dieser Text heute noch? Wir haben einen verlässlichen, rechtsstaatlichen Rahmen und dazu noch tausende Gesetze und Verordnungen, die unser Zusammenleben klar regeln. Warum entsteht trotz dieser Fülle an zivilisatorisch hart errungenen Normen bei so vielen Bürgerinnen und Bürgern ein so tiefes Gefühl der Orientierungslosigkeit?

Im Werteforum haben wir dafür eine Begründung gefunden: Die Gesellschaft ist aus ihrer Balance geraten. Freiheit ist zu einem individuellen Gut geworden. Aus dem Recht auf einen selbstbestimmten Lebensentwurf in einer vielfältigen Gemeinschaft ist die Realität eines atomisierten Nebeneinanders3 unterschiedlichster Egoismen entstanden. Alles unterliegt dem Gesetz der Effizienz und der Steigerungslogik. Die Poesie des Lebens kommt unter die Räder – und mit ihr weite Teile des Erlebens von Verbundenheit. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Digitalisierung und ihre Begleiterinnen künstliche Intelligenz und Biotechnologien entwickeln und vernetzen, bringt uns zwischen technophilen Erlösungsträumen und endzeitlichen Horrorvorstellungen noch mehr ins Taumeln. Wir befinden uns in einer Gesellschaft ohne Haltegriffe. Wen soll es wundern, wenn da nach moralischen Keulen, einfachen Leitwerten und starken Führungsfiguren gerufen wird? Wenn sich die hinter diesen Rufen stehenden Wünsche allerdings erfüllen sollten, reiten wir uns nur noch tiefer in den Sumpf, gefährden unsere zivilisatorischen Errungenschaften, ersticken die Hoffnung, doch noch Wege für die anstehenden großen Herausforderungen zu finden. Insofern lohnt sich ein Blick auf die Grundwerte der verschiedenen Lebenswelten. Wenn wir diese erkennen, uns bewusst machen können, welche Werteerfahrungen die Lebenswelten verlässlich ermöglichen sollten, welche Handlungen, welche Ausdrucksformen und Eigenzeitlichkeiten sie haben und worin sich all dies von Lebenswelt zu Lebenswelt unterscheidet, ja sogar widerspricht, dann führt uns das zu einer Wertevielfalt, die einer ausdifferenzierten Gesellschaft viel gerechter wird als jeder Versuch, über alles eine Leitkultur zu stülpen. Wenn wir die autonomen Lebenswelten quasi buchstabieren lernen, zeigen sich uns ein paar Haltegriffe, neue Perspektiven der Orientierung und Wege, ein gutes Gespräch über Werte zu führen.

Dieser Zugang ist gleichzeitig ein Ausweg aus der moralisierenden Individualethik. Jede und jeder bleibt zwar verantwortlich für die eigenen Entscheidungen und Handlungen, kann sich aber der gemeinsamen Werte und Institutionen der autonomen Lebenswelten bedienen. Der Vorschlag des Werteforums ist, den Blick auf die Ethik des Sozialen, des Gemeinsamen zu richten. Womit wir uns in dem Modell anfreunden müssen, sind die mannigfaltigen Widersprüche und Konflikte zwischen den Lebenswelten. Was wir Werte nennen, wird erst wertvoll oder entpuppt sich als wertlos, wenn wir es in Beziehung zu etwas setzen. Das bedeutet nicht weniger als ein Abschied von absoluten Werten und universellen Geltungen. Das Leben in einer komplexen Welt kann aber nicht einfach sein, so gern wir das auch hätten. Einfache Rezepte sind bei technischen Problemstellungen sehr charmant, verstellen bei Fragen des Zusammenlebens aber in der Regel den Blick darauf, dass es sich dabei um einen ständigen Prozess der Veränderung handelt und dass es eine ideale Balance der Widersprüche nie geben wird.

Einfache Rezepte mag ich eigentlich nur in der Kulinarik – vor allem die Italiener haben mich begeistert, mit wenigen, aber guten Zutaten die köstlichsten Gerichte zuzubereiten. Damit sind wir wieder in der Küche angelangt. Eine meiner Töchter lebte ein paar Jahre in einem besonderen Wohnprojekt. Mitten im Kiez der sächsischen Großstadt gab es auch dort Regeln, zum Beispiel, welche Grundsätze für den Einkauf gelten. Das Besondere war, dass alle Entscheidungen für die gemeinschaftlichen Bereiche im Konsens getroffen werden mussten. Wer weiß, wie schwierig es schon ist, Mehrheiten zu bilden, kann sich vorstellen, um wie viel aufwändiger es ist, die Lösung zu finden, hinter der dann alle stehen. Schon bevor meine Tochter in diese große Wohngemeinschaft einzog, gab es den Plan, eine neue Küche zu bauen. Als sie ein paar Jahre später auszog, waren gerade einmal die ersten Materialien besorgt worden. Ob die WG-Küche inzwischen fertig ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Dass alle, die an dem Küchendiskurs beteiligt waren und sind, mir wahrscheinlich sehr viel über Werte und Diskursethik beibringen könnten, dessen bin ich mir sicher.

1 Jürgen Habermas: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1983

2 Siehe auch: Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit, Hanser, München/Wien, 1998.

3 Lesenswert dazu: Herbert Pietschmann: Die Atomisierung der Gesellschaft, European University Press, Wien, 2009.

Privatleben – Vertrauen

Eine der beklopptesten Ideen, die ich je im Leben hatte, war, meine erste Firma in dem Haus unterzubringen, in dem ich mit meiner Familie wohnte. Heute kann ich es zugeben: Es war in Wirklichkeit keine Idee, sondern eine sich aus Ermangelung finanzieller Mittel ergebende Alternativlosigkeit. Ich habe mir den Arbeitsplatz im Privathaus trotzdem als eine bewusste Entscheidung vorgegaukelt. Wie pfiffig von mir, zwischen Bett und Büro nur ein paar Schritte gehen zu müssen, weder Zeit noch andere Ressourcen für den Weg zur Arbeit zu vergeuden und für ein Nickerchen auf dem Sofa nur einmal umkippen zu müssen. Und außerdem konnte ich immer in der Nähe meiner Kinder sein. Ich war begeistert von so vielen Vorteilen. Zudem erschien mir ein richtiges Büro damals als spießig. Homeoffice war ein noch weitgehend unbekanntes Wort, das trotzdem oder deswegen einen gewissen Glanz des Innovativen ausstrahlte, mit dem ich mich gern schmückte. Frohen Mutes und äußerst blauäugig habe ich mich auf den Holzweg gemacht und viele Jahre lang Dinge vermischt, die man nicht vermischen sollte. Hätte ich doch den von den vier Müttern und 61 Vätern des Grundgesetzes formulierten Artikel 13 ernster genommen! »Die Wohnung ist unverletztlich«, heißt es gleich zu Beginn des darin beschriebenen Grundrechts, gegen das ich jahrelang verstoßen hatte, denn ohne jegliche Gefahr in Verzug habe ich dort jemanden eindringen lassen, der unsere familiäre Privatsphäre ständig bedrohte: den Geist des Geschäftlichen. Zum Leidwesen vor allem meiner Kinder bemerkte ich kaum, dass dieser Geist mit dem, wofür unsere Familie da war, nicht einmal im Ansatz kompatibel ist. Wie sollen Kinder, die ihren Vater sehen, hören und sogar berühren können, es verstehen, dass er gerade nicht für sie da ist, weil ein wichtiger Kunde am Telefon ist, ein dringend zu erstellendes Konzept seine volle Aufmerksamkeit beansprucht oder er Rechnungen schreibt, die zur Begleichung der Miete und zum Auffüllen des Kühlschranks zwar notwendig, aber für den Nachwuchs nicht ansatzweise nachvollziehbar sind? Die Kinder machen vielmehr die Erfahrung, dass sie sich in der Wohnung nicht darauf verlassen können, die volle Aufmerksamkeit zu erhalten. Das mag zwar aus der Sicht von Vertretern eines strengen Erziehungsstils für das spätere Leben lehrreich sein, ist meiner Erfahrung nach für die Errichtung eines Wertefundaments in Bezug auf Vertrauen allerdings sehr kontraproduktiv. Natürlich können die Kleinen zu Hause nicht ununterbrochen die erste Geige spielen, selbst wenn die Liebe der Eltern zu ihren Kindern im Grunde genau das vermitteln will. Die Grenzen der unbedingten elterlichen Fürsorge sollten aber innerhalb der Familie gesteckt und ausgehandelt werden, indem etwa die Bedürfnisse der Geschwister oder auch der Eltern selbst die Anlässe und Gründe dafür liefern. Es ist für die Kinder schon schwierig genug nachzuvollziehen, wenn Mutter, Vater oder gar beide wegen ihrer Arbeit nicht körperlich greifbar sind. Trotz physischer Anwesenheit der Eltern abgewiesen zu werden, ist noch eine Nummer stärker und heißt: Es gibt hier etwas, das anscheinend wichtiger ist. »Sei ruhig, Mama muss arbeiten!« Ein Kind kann sich an so einen Satz zwar sehr schnell gewöhnen, die damit einhergehende Erfahrung hinterlässt allerdings Spuren in der Wahrnehmung von den Werten in der Lebenswelt Privatsphäre. So euphorisch das Homeoffice als moderne Arbeitsform gefeiert wird, so sehr trägt es zu einer für unsere Wertesysteme kritischen Vermischung bei.

Auch im Umgang mit der Zeit hat die Privatsphäre eine Logik, die der ökonomischen Taktung komplett entgegengesetzt ist. Gefühle, die typische Ausdrucksform der Privatsphäre, widersetzen sich jedweder Planung. Sie sind zeitlich unmittelbar. Wer traurig ist, einen Schmerz empfindet, dem hilft es nicht, per Termin später getröstet zu werden. »Ich muss jetzt noch drei Stunden diese verdammte Liste fertig machen, dann nehme ich dich in den Arm.« Das kann ebenso wenig funktionieren wie eine aufgeschobene Freude. Auch die will sofort mitgeteilt und geteilt werden. Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, finden das übertrieben? Dann machen Sie doch einfach mal den Umkehrtest und stellen Sie sich vor, im Geschäftlichen den unmittelbaren Gefühlsteilungen den Vorrang zu geben. »Entschuldigung, ich kann gerade nicht kassieren, weil ich einen so traurigen Gedanken habe.« Abwegig, oder? »Das Meeting müssen wir verschieben, weil ich mich gerade so freue.« Auch unpassend, nicht wahr? Es ist schon eine gute Einrichtung, dass ich bei der Arbeit nicht ständig fühlen und zu Hause nicht ständig funktionieren muss.

Unsere Privatsphäre, sei sie als Familie, als Partnerschaft oder eine wie auch immer selbst gewählte Lebensgemeinschaft gestaltet, genießt einen triftig begründeten Schutz. Sie ist das Habitat eines für unser Leben so wichtigen, ja elementaren Wertes: Vertrauen. Die Lebenswelt der Privatsphäre hat sich förmlich um diesen Wert herum entwickelt. Vertrauen ist gleichermaßen ihre Quelle und ihr Ziel. Nur in der Privatsphäre können wir substanzielle Erfahrungen von Hingabe und Geborgenheit machen, nirgends sonst werden uns Herkunft und Zugehörigkeit so gehaltvoll gewahr. Die Ästhetik der Privatsphäre unterscheidet sich deutlich von der Beschaffenheit anderer Lebenswelten, in ihr lieben wir, in ihr sorgen wir füreinander. Sie ist der Hort, in dem wir unsere Gefühle ausdrücken. Selbstverständlich nehmen wir all dies auch mit in die anderen Lebenswelten, die wir als einzigartiges, ganzes Individuum betreten und wieder verlassen. Das Lebensweltenmodell will uns nicht zu multiplen Persönlichkeiten machen. Es geht vielmehr darum, bestimmte Werte verlässlich verorten zu können. Das gibt uns komplexen Wesen in einer komplexen Welt Orientierung. Die Privatsphäre mit ihren Institutionen der Familie und der Intimität ist der Ort, an dem der Wert Vertrauen kultiviert wird – und verlässlich erlebbar sein sollte. Auch wenn uns das süffisanterweise auf den Dollarscheinen gedruckte Motto der Vereinigten Staaten von Amerika, »In God We Trust«, etwas anderes weismachen will, sind es weder himmlische Wesen noch irdisches Geld, die uns Vertrauen geben, weil wir uns seit der Aufklärung für Hingabe und Geborgenheit eine andere Institution aufgebaut haben.

Ihre Stärken machen die Privatsphäre gleichzeitig attraktiv für Übergriffe aus anderen Lebenswelten, allen voran aus der Wirtschaft. Kaum ein Werbeblock im Fernsehen ist frei von weichgezeichneten Familienbildern, als könnten wir zusammen mit den angepriesenen Produkten Erfahrungen familiärer Werte käuflich erwerben und damit unsere Gefühle in einen harmonischen Wohlklang bringen. Es müssten bloß die richtigen Süßigkeiten, Cerealien, Nudeln und Fertiggerichte in unserem Einkaufswagen landen, schon wäre unsere private Welt komplett in Ordnung. Mehr noch gaukeln uns die Bilder quasi einen Idealzustand vor, an dem wir unser Leben zu orientieren haben. Die Familie als widerspruchsfreie Zone, weit weg von dem, was Intimität ausmacht. Die Lebenswelt des Privaten zeichnet sich aber gerade durch die Dinge aus, die sich nicht kaufen lassen. Das wirklich Private entzieht sich dem Konsum. Seine Rituale entspringen einer bedingungslosen, hingebungsvollen Liebe, die sich in mannigfaltigen Facetten äußern – und wie wir alle wissen nie durchgängig harmonisch, wie die heile Welt der Werbung uns weismachen will. Das Private braucht keine Vergleiche mit anderen, um seine Werte erfahrbar zu machen. Es ist ein Raum frei von Kalkül.

Das Private birgt auch interessante Geheimnisse – etwa unsere Vorlieben, Schwächen, Stärken, Stimmungen und geheimen Wünsche. Auf diese Geheimnisse sind einige Unternehmen besonders scharf. Und während es dem Staat mit seiner Exekutive verboten ist, in unsere vier Wände einzudringen, öffnen wir den mächtigsten Datenkraken die Türen ins Allerheiligste. Sie wissen, was wir im Netz suchen, und sind mit ihren Algorithmen bereits in der Lage, aus diesen Informationen auf intimste Sachverhalte zu schließen, wissen gar schon vor dem ersten Schwangerschaftstest, dass im Bauch ein Embryo heranreift. Sie hören mit und merken sich genau, was wir in die smarten Lautsprecher hineinrufen, welche Musik wir hören, welche Filme wir sehen wollen und was uns sonst noch so alles interessiert. Sie schleichen sich so nah an uns heran, dass sie sogar Einlass in unsere Schlafzimmer bekommen und uns mit ihren Sensoren scheinbar so hilfreiche Informationen zur Verfügung stellen, wie gut wir geschlafen haben. Ob sie eines Tages sogar unsere Träume aufzeichnen und verwerten werden? Die Entäußerung des Privaten in die Hände kommerzieller Datenverwerter ist ein weitgehend durch selbstverschuldete Nachlässigkeit und eigenes Desinteresse zugelassener Eingriff in unsere Selbstbestimmung – und damit auch ein direkter Angriff auf unsere freiheitliche Demokratie. In den schützenswerten Raum, den wir bewusst nur mit denen teilen, denen wir bedingungslos vertrauen, lassen wir anonyme Organisationen eintreten, von denen wir wissen sollten, dass sie uns weder lieben noch sich um uns sorgen, sondern uns in Form unserer Daten selbst zum Produkt machen. Wenn alles, wie so gern gefordert wird, transparent wird, ist der Weg nicht mehr weit, bis die Maschinen uns vorrechnen, was die richtigen Entscheidungen für uns sind, womöglich sogar, wem wir vertrauen können. Die technischen Möglichkeiten dafür sind inzwischen wahrscheinlich ausgereift genug und entwickeln sich in atemberaubendem Tempo weiter.

Das Private wurde und wird mit der immer weiteren Zunahme der digitalen Publikationsmöglichkeiten immer häufiger öffentlich; ein Ende ist nicht abzusehen. Inzwischen reicht ein Smartphone aus, um der ganzen Welt Einblicke in unser intimes Leben zu gewähren. Was früher Klatschreporter und Paparazzi meist gegen den Willen der von ihnen in den Fokus genommenen Royals und Stars in bunten Heftchen zutage förderten, was später in vorgeblich Anteil nehmenden Dokusoaps und menschenverachtenden Realityshows über die Fernsehschirme flimmerte, wird heute von vielen Menschen freiwillig selbst offenbart. Mit zunehmendem Maß, in dem das Private, das geschützt werden sollte, sich exhibitionistisch im digitalen Netz inszeniert, wird es banaler. Statt auf eine bedingungslose Liebe vertrauen zu können, muss man um eine öffentliche Zuneigung kämpfen. Was diese Ökonomie der Aufmerksamkeit mit unserem Selbstwertgefühl anrichtet, ist verheerend. Abhängig von oberflächlichen Kontakten rücken Erfahrungen von Liebe und Vertrauen ins Unerreichbare, weil sie eben nur in intimen Beziehungen gemacht werden können.

Der Grundwert der Lebenswelt Privatsphäre hat in anderen Bereichen Hochkonjunktur. Das Buhlen um unser Vertrauen ist gewaltig. Ganz unverfroren behaupten zum Beispiel einige Geldinstitute, die an anderer Stelle in erster Linie den Renditeerwartungen ihrer Aktionäre verpflichtet sind und zu diesem Zweck so gut wie alles verkaufen, wenn es denn Profit bringt, dass etwa Vertrauen der Anfang von allem sei. Wirft man einen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Banken, liegt darin sogar ein wahrer Kern. Je zuverlässiger sich die Kaufleute sein konnten, dass das Zahlungsversprechen der Banken auch eingehalten wird, desto sicherer konnten sie ihre Handelsbeziehungen aufbauen. Das Geschäftsmodell hat sich allerdings deutlich über die Bürgschaft bezüglich der Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit ausgeweitet. Das Geld ist selbst zur Ware, die Finanzmärkte in weiten Teilen ein großes Casino geworden. In diesem Zusammenhang noch von Vertrauen als höchstem Wert zu sprechen, führt schnell zu einer Inflation des Begriffs Vertrauen. Je höher der Wert angepriesen wird, desto tiefer sitzt die Enttäuschung, wenn das Versprechen nicht eingelöst wird. Das gilt auch für die Marken, die in unserer unübersichtlichen Welt konsumierbare Zugehörigkeit anbieten. Wie auf einem großen Basar können wir uns entscheiden, welche Logos und dahinterstehende Versprechen und Haltungen wir uns anheften. Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens lautet der Titel des nach wie vor gültigen Grundlagenwerks der Markenführung. Doch während sein Verfasser Hans Domizlaff noch erklärte, wie es gelingt, Vertrauen in die Qualität einer Schokoladenmarke zu erwecken, werden Marken heute in ausgetüftelte Konstrukte von Werten, Haltungen und ganzen Bedeutungswelten verflochten, um unser Vertrauen zu gewinnen. Das ist an sich nicht verkehrt, nur werden es Unternehmen nie schaffen, ein fundamentales Vertrauen aufzubauen, allein schon, weil sie ihre Bindekraft immer wieder neu herstellen und beweisen müssen. Während Eltern ihre Kinder und umgekehrt Kinder ihre Eltern – von einigen Ausnahmen abgesehen – auf ganz natürliche Weise lieben, sind Unternehmen auf ihre Kunden lediglich wirtschaftlich angewiesen. Liebe, Hingabe und Fürsorge bleiben für Beziehungen, die auf einem kalkulierten Handel begründet sind, immer zweckgebundene Konstruktionen, sind niemals unbedingte Gefühle. Da können uns Fastfoodketten noch so oft einreden, dass wir ihre Bulettenbrötchen liebten, Fernsehsender uns ohne Unterlass weismachen, dass sie es liebten, uns zu unterhalten, und Hersteller von angeblich kleinen Automobilen uns noch so oft fragen, ob es wohl Liebe sei, die wir für ihre Blechkisten fühlen – sie werden es doch nicht schaffen, unser Intimstes zu berühren. Stattdessen entwerten sie durch die ständige Wiederholung ihrer Anmaßungen ganz schamlos die für ein erfülltes Leben so wichtigen Empfindungen zu bloßen Kaufreizen.

Auf unser Wertesystem und unsere Orientierung wirken die Übergriffe des Ökonomischen in die Welt des Privaten und die Entgrenzung des Digitalen wie ein schleichendes Gift. Je mehr die Privatsphäre zum ökonomischen Handelsplatz missbraucht und durch digitale Datensammlungen und freiwillige Entblößung transparent gemacht wird, desto weniger verlässlich können wir die ihr zugewiesene Grundwerterfahrung von Vertrauen machen. Dieser Effekt hat fatale Folgen, sowohl für uns als Individuen als auch für unsere Gesellschaft. Stück für Stück demontiert er die Grundlage unserer Selbstbestimmung und macht unsere gesamte Gesellschaft anfällig für antidemokratische Entwicklungen, die unser zivilisatorisches Projekt in seiner Weiterentwicklung gefährden.

Hoffentlich kein Dauerzustand wird das während des Coronavirus-Shutdowns praktizierte Homeschooling werden, das notgedrungen die Institution Schule in die privaten vier Wände verlegt hat. Die Institution Schule – ich komme im entsprechenden Kapitel darauf zurück – ist eine wertvolle Errungenschaft unserer modernen Gesellschaft. In ihr geht es um etwas vollständig anderes als im Privatleben. Sie richtet sich nach außen, auf die Begegnung mit der Welt. Persönlich empfinde ich es ja schon als Zumutung, Kindern Aufgaben mit nach Hause zu geben. Zu meinen Schulzeiten habe ich mich zwar ohne philosophischen Hintergrund, aber doch sehr erfolgreich gegen diese Unart gewehrt, indem ich die Hausaufgaben intuitiv zu Bus- oder Pausenaufgaben umgedeutet oder einfach gar nicht gemacht habe. Eine Verlängerung des Klassenzimmers in mein Allerheiligstes erschien mir schon damals suspekt. Später, als Vater einiger Kinder, wurde daraus eine abgrundtiefe Ablehnung. Die leidigen Diskussionen, dass sie gemacht werden müssen, zogen sich oft ergebnislos bis in die Nacht. Die Hausaufgaben wurden zu ungebetenen Eindringlingen in das Familienleben und nahmen Platz in Anspruch, den wir gut, sehr gut für anderes gebraucht hätten. Hätte ich jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, schulpflichtige Kinder, für die ich wegen der langen Schulschließungen in der eigenen Wohnung zum Lehrer werden müsste, würde ich wahrscheinlich durchdrehen. Ich würde unter diesen Umständen sogar an einem meiner Lebensmottos zweifeln, dem fröhlichen Scheitern. Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass das schulische Lernen einen eigenen Ort hat, der eben nicht der heimische Küchentisch ist. Selbstverständlich kommen dort auch Fragen zur Welt zur Sprache. Das ist sehr inspirierend und belebt den familiären Zusammenhalt. Aber der Lehrplan sollte draußen und das Unterrichten den Profis vorbehalten bleiben.

Die beschriebenen Erosionen der Lebenswelt Privatsphäre werfen die Frage auf, wie sich deren Institutionen schützen und weiterentwickeln lassen. Unsere Lebensentwürfe sind nicht mehr so eindimensional wie noch vor Jahrhunderten oder selbst Jahrzehnten. Die »normale« Familie ist nur noch für einen Teil der Menschen Lebensrealität. Kinder wachsen in Patchworkfamilien oder nur bei einem Elternteil auf, der Anteil an Singlehaushalten steigt beständig, vor allem in den Großstädten, und angesichts des für viele unbezahlbar gewordenen städtischen Wohnraums ist die Wohngemeinschaft eine beliebte Lebensform. Vereinzelt gibt es auch Wohnprojekte, in denen zum Teil sogar generationenübergreifend versucht wird, neue Formen des Privatlebens auszuprobieren. Manche wahren dabei die Intimsphäre strikt, andere setzen auf mehr Nähe mit ihren Wahlverwandten. Ich erachte solche Versuche als besonders wertvoll für unsere Gesellschaft, nicht zuletzt weil sie uns neue Erfahrungsräume jenseits nationaler Zugehörigkeiten oder Herkünfte und einer biederen Geborgenheit öffnen. Vielleicht fragen wir auch einfach häufiger unsere Kinder, anstatt sie mit Spielzeug und digitaler Ablenkung zu überschütten. Beim Lübecker Werteforum hatten wir eine schöne Projektidee. In der Petrikirche wollten wir 30 Kinder zehn ideale Kinderzimmer gestalten lassen. Diese zehn in Boxen installierten Wunschräume sollten – durch Schauspielerinnen und Schauspieler belebt – eine eindrückliche Gesamtausstellung ergeben, in der die Besucherinnen und Besucher sich der Lebenswelt des Privaten sinnlich annähern können. Ich bin mir sicher, dass wir viel gelernt hätten, was in dieser Lebenswelt wirklich wichtig ist.

Rezepte anzufertigen und Ratschläge zu geben, wie ein gutes Privatleben aussehen könnte, liegt mir fern. Die nachstehende Tabelle der Lebenswelt zu reflektieren, könnte aber vielleicht eine hilfreiche Orientierung sein. Diese autonome Lebenswelt gegen Angriffe von außen zu verteidigen und gegenüber Überfrachtungen mit Werten aus anderen Lebenswelten zu schützen, erscheint mir als ein guter Ansatz. Und wenn Sie wieder einmal ein Gespräch über den Wert Vertrauen führen, erinnern Sie sich vielleicht daran, wo er verortet sein könnte, wo er konstitutiv ist und wo er eine untergeordnete Bedeutung hat.

Ich schreibe dieses Kapitel übrigens wieder im Homeoffice. Seit vollen zwei Monaten habe ich wegen der Ausgangsbeschränkungen die Lebenswelt »Privatsphäre« nur für ein paar kleine Fahrradtouren verlassen. Ich habe keine spirituelle Stätte betreten, habe keinen Fuß in die Universität gesetzt, weder eine Ausstellung besucht noch ein Konzert gehört, weiß schon gar nicht mehr, wie mein Büro aussieht, war in keinem Laden, habe mein politisches Engagement temporär gezügelt und nicht einmal Freunde besucht. So schön es ist, das Vertrauen, die Liebe und die Geborgenheit zu Hause zu spüren, so sehr wird mir bewusst, dass das nicht alles ist, was mein Leben ausmacht, was uns erfüllt. Allein die Sache mit dem Nichteinkaufen könnte ich noch Monate weiter durchziehen, solange meine Liebste uns etwas zu essen besorgt. Ansonsten wird es Zeit, die anderen Lebenswelten wieder zu betreten. Alles nur zu Hause zu machen, wäre wahrlich bekloppt.

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30 temmuz 2025
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9783831270538
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