Kitabı oku: «Tatort Bodensee: Der Fall Winterbergs»
Martin Oesch / Ralph Weibel
Tatort Bodensee: Der Fall Winterbergs
Kriminalroman

Zum Buch
Mörderische Kunst „In den Hintern sind sie mir reingekrochen. So schnell konnte ich die gar nicht wieder rausscheißen.“
Robert Winterberg, mächtiger Brauereibesitzer am Schweizer Bodenseeufer, wird überraschend festgenommen. Er soll die aufstrebende Kuratorin Amélie Cohen mit einer Büste von Alberto Giacometti am Vorabend einer Ausstellungseröffnung erschlagen haben. Kommissar Hutter und seine Praktikantin Lisa Lehmann sehen in ihm den Hauptverdächtigen. Kaum wird die Nachricht seiner Verhaftung öffentlich, setzt Winterbergs tiefer Fall ein. Medien recherchieren unappetitliche Geschichten aus seiner Vergangenheit, Geschäftspartner und Biertrinker wenden sich empört ab. Während Winterberg in U-Haft mit sich hadert, setzt draußen ein Reigen rätselhafter Vorkommnisse ein: Ein schwuler Kellner wird ermordet, auf die Ermittler der Thurgauer Polizei wird geschossen und Winterbergs Tochter wird bei einem Reitunfall beinahe geköpft. Doch hinter diesen Ereignissen steckt mehr als Winterbergs Fall. Es ist eine Geschichte, die weit in die Familienhistorie der Winterbergs reicht.
Martin Oesch, Jahrgang 1962, ist von Beruf Radio-Journalist. Er leitete während vieler Jahre das Programm eines der erfolgreichsten Privatradios der Schweiz, des Ostschweizer Senders FM1. 2018 gab er die Leitungsfunktionen ab und reduzierte sein Pensum um mehr Zeit zum Schreiben zu finden.
Ralph Weibel, Jahrgang 1968, arbeitet beim Schweizer Satire-Magazin »Nebelspalter«. Zuvor war er im tagesaktuellen Journalismus tätig: beim Radiosender FM1 und beim St.Galler Tagblatt. Seit 2008 erschienen sechs Kolumnensammlungen von ihm. Daneben ist er als Poetry Slammer und – zusammen mit dem Liedermacher Christian Weiss – auf Kabarettbühnen unterwegs.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
info@gmeiner-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Teresa Storkenmaier
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © discotobi / photocase.de
ISBN 978-3-8392-6814-8
Ein Finger fährt Zug
An einem Tag im Februar 2019, 18.02 Uhr
Eine Sekunde lang steht er still. Die Frau schaut zu ihm hoch. Er macht sich auf seine nächste Runde. 18.03 Uhr. Sie sollte nicht hier sein, denkt sie und wendet den Blick weg vom Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr zurück aufs Perron. Gleis 3, Abfahrt des Schnellzugs nach Brig in drei Minuten. Sie steht dort allein in der Winterkälte. Hoffentlich bleibt das so. Sie ist nervös. Die Pendlerzeitung beschäftigt ihre Hände und gibt ihr Sicherheit. Sie klopft die gerollte Zeitung in ihre Hand. Ein Verbrechen war geschehen, und sie ist ein Teil davon.
Mit einer Pünktlichkeit, wie es sie nur an Schweizer Bahnhöfen gibt, kündigt eine blecherne Stimme die Einfahrt des Schnellzugs aus Romanhorn nach Brig an. »Nächster Halt Frauenfeld. Abfahrt 18.06 Uhr.« Bis Frauenfeld hat sie Zeit. Elf Minuten. Gut so. Je schneller sie ihre Aufgabe erfüllt, desto besser. Sie fasst zum wiederholten Mal in ihre Manteltasche, fährt kurz mit dem Daumen über die kühle, glatte Oberfläche des Handydisplays, wagt es aber nicht, das Gerät herauszunehmen. Sie steigt in den Erste-Klasse-Wagen am Ende des Zugs. Sie muss allein sein. Zu grotesk ist ihre Aufgabe, die ihren Puls rasen lässt. »Ruhig jetzt«, sagt sie unhörbar zu sich, »konzentrier dich! Jetzt nur keinen Fehler machen.« Sie dreht das Handy in ihrer Manteltasche und ist erleichtert, als sich der Zug fast lautlos in Bewegung setzt.
Wie ein gehetztes Reh schickt sie ihre Blicke nach links und rechts, nach hinten und nach vorne, durch die gläserne Schiebetür, ins Nachbarabteil. Sie ist allein. Und sie hofft, es zu bleiben. Sie wartet einen Moment, um sicherzugehen, dass der Kondukteur seinen Gang durch den Zug nicht von hinten beginnt. Zuerst legt sie das fremde Handy auf das kleine Fensterbrett. Zögerlich tastet sie nach dem kleinen Etwas in ihrer anderen Manteltasche. In Alufolie eingewickelt, wie früher ein Pausenbrot. »Vergiss nicht: Flugmodus raus und eine SMS Bin unterwegs ins Wallis. Ihr wisst, weshalb. Abschicken!« Sie schaut sich nochmals um. Draußen zieht die schwarze Landschaft immer schneller vorbei. Ruhig fährt der Zug aus der nordöstlichen Ecke der Schweiz seinem Ziel am anderen Ende des Landes entgegen.
»Nimm ihn aus der Folie«, redet sie sich zu. Aber sie zögert, ekelt sich. Sie stößt an ihre Belastungsgrenze. Sieht noch einmal die Tat: niedergetrampelt, Gartenschere, Blut, Schaufel, Schweiß, Tod. Mit zittrigen Fingern lupft sie ein erstes Zipfelchen Alufolie, dann ein zweites in der Mitte und schließlich ein letztes ganz unten. Sie holt tief Luft und befreit das kleine Etwas aus seinem silbernen Kleidchen. Noch einmal schaut sie hastig nach links und nach rechts, bevor sie es wie ein Schoggistängeli herausschält. Es ist ein rechter Zeigefinger, sauber, oberhalb des Mittelhandknochens abgetrennt. Ein klarer Schnitt, muss sie zugeben. Weil sie sich weigerte, die Gartenschere zu benutzen, sitzt sie nun da. »Gut, ich schneide. Aber dann bringst du ihn zum Zug!« Das war der Deal.
18.08 Uhr. Noch knapp zehn Minuten bis Frauenfeld. Die Zeit drängt. Je schneller sie es hinter sich bringt, desto besser. Sie nimmt das Handy und drückt den Knopf rechts außen. Das Display erwacht zum Leben und zeigt eine verschneite Berglandschaft. Rechts oben signalisiert der Akku 73 Prozent Ladung, links oben zeigt sich das Flugzeug-Symbol. Sie muss den Flugmodus ausschalten, damit sich das Gerät ins Netz einwählt und eine digitale Spur Richtung Südwesten hinterlässt. Sie nimmt den Finger und legt ihn vorsichtig auf die Vertiefung für die automatische Erkennung des Abdrucks. Nichts passiert. Und nach zehn Sekunden ist der Bildschirm wieder dunkel. Mist! Der Mann war Rechtshänder, also ist es bestimmt der richtige Finger. Oder nahm er etwa den Daumen zum Entsperren? Aber vielleicht ist er einfach schon zu kalt. Die Frau überwindet ihren Ekel, nimmt das Stück menschlichen Fleischs und führt es bis auf einen Zentimeter vor ihren Mund. »Meine Damen und Herren, wir treffen in wenigen Minuten in Frauenfeld ein. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Mesdames et messieurs, nous arrivons …« Sie legt ihre ganze Konzentration in das tote Körperteil vor ihrem Mund und haucht es an. Zweimal, dreimal. Erneut drückt sie den Knopf rechts außen und legt den Finger auf das für ihn bestimmte Feld. Wieder zeigt das Smartphone keine Reaktion. Sie will schon aufgeben, da fällt ihr etwas ein: eine Kleinigkeit nur. Nun drückt sie den Finger fester aufs Feld. Etwas Flüssigkeit tropft aus dem Fleisch. Es bleibt ihr keine Zeit, sich zu ekeln. Prompt erscheint nun der Startbildschirm mit den Kacheln für die diversen Apps. Der Zug verlangsamt seine Fahrt. Die hellen Lichter der Häuser vor dem Fenster werden dichter.
Nun geht alles sehr schnell: Die Frau schaltet den Flugmodus des Handys aus, beobachtet, wie links oben der Name des Mobilfunk-Anbieters erscheint, und schreibt, wie abgemacht, die SMS. In ihrer Aufregung benutzt sie zum Tippen, anstelle ihres eigenen, den abgetrennten Finger. Sie drückt auf »Senden« und lässt danach das Gerät in den Spalt zwischen Sitz und Rücklehne verschwinden. Im besten Fall würde es einige Stunden später, weit weg von hier, gefunden werden. Den abgetrennten Finger legt sie in eine leere, mattglänzende Schatulle für Cassis-Hustenpastillen, ebenso das Taschentuch, mit dem sie die roten Tropfen auf dem Tischchen aufgewischt hat.
Der Zug hält an. Die Frau springt auf und verlässt den Waggon durch die hinterste Türe. Sie schaut sich auf dem Perron kurz um und sieht wenige Meter entfernt einen Abfallkübel. Sie versichert sich kurz, dass sie von niemandem beobachtet wird, wirft die Schatulle in den Kübel und geht zügigen Schrittes Richtung Parkplatz.
Blutige Spur im Museum
Drei Wochen zuvor: 11. Januar
»Ruhe, ihr Rabauken!« Die Stimme von Clemens Hofer hallte durch das hohe Foyer des Museums. Die 5a hatte heute die Lektion »Bildnerisches Gestalten« aus der Schulstube ins Kunstmuseum verlegt, wo am Abend die Vernissage der Ausstellung »Charakterköpfe im Wandel der Zeit« stattfinden sollte. Museum statt Klassenzimmer – eine Idee, von der alle zu profitieren schienen: die Schüler, weil alles, was außerhalb der Schulmauern stattfand, an und für sich ein Gewinn war. Das Museum, das 20 junge Menschen in die Besucherstatistik aufnehmen konnte, eine Zielgruppe, die freiwillig kaum einen Fuß über die Schwelle des Hauses setzen würde, und Hofer freute sich in erster Linie auf einen kurzen Flirt mit der attraktiven Dame hinter der Kasse. »Silvia Kündig«, stand auf ihrem Namensschild.
»Hört mir gut zu, ja, auch du, Noah!« Nach dem zweiten Anlauf kehrte endlich Ruhe ein. »Ihr benehmt euch wie bei Oma an Weihnachten. Seid ruhig und fasst vor allem nichts an.« – »Vor allem nicht die Oma …« – »Wer war das?« Nur leises Gekicher war zu hören. Hofer machte eine kurze Pause, damit sich die Botschaft in den Kinderhirnen setzen konnte. »Eure Aufgabe ist es, eines der Gesichter, die in der Ausstellung gezeigt werden, abzuzeichnen. Dazu fünf Sätze, warum ihr euch genau für dieses Bild entschieden habt. Ihr habt zwei Stunden Zeit. Ich komme vorbei, sobald ich hier den Papierkram erledigt hab. Gibt’s noch Fragen?«
Merima streckte den Finger in die Höhe. »Wo ist Toilette?«
Hilflos schaute Hofer zu Silvia. »Komm, ich zeig’s dir«, offerierte sie.
»Ey, du Opfer!«, tönte es abfällig von den Jungs, die sich in einer Ecke zusammenrotteten. Die Hälfte der Mädchen schloss sich spontan dem Unternehmen »Biopause« an.
Hofer wunderte sich und wandte sich an die Verbliebenen. »Gut, dann: Los geht’s! Ab in den ersten Stock. Und wie gesagt: nichts berühren. Das gilt auch für dich, Noah!«
Halbwegs gesittet machte sich die 5a auf zu den Ausstellungssälen im Obergeschoss, während der Lehrer auf die Rückkehr der WC-Karawane wartete und sich Silvia zuwandte.
Die Ausstellung umfasste über 50 Exponate – Bilder, Büsten, Skulpturen – und zeigte in chronologischer Reihenfolge Kunstwerke vom antiken Marien-Gemälde aus dem Mittelalter bis zu Warhols berühmten Pop-Art-Bildern von Marilyn Monroe. Die Kunst im Wandel der Zeit. Die Ausstellungseröffnung am Abend versprach, der erste gesellschaftliche Höhepunkt des noch jungen Jahres zu werden: Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Sport und natürlich Kultur versammelten sich zu einer Art verspätetem Neujahrsempfang, und der zog, der feinen Häppchen und des Gratis-Alkohols wegen, nicht nur die kunstaffine Minderheit der vermeintlich vornehmen Gesellschaft an. Das war zumindest der Plan, bis zu dem Moment, als Noah Lehrer Hofers Geplänkel mit Silvia hinter der Kasse unterbrach.
»Herr Hofer, hallo?«
Unwirsch drehte sich der Angesprochene um. »Du wieder, Noah! Du siehst doch, ich bin beschäftigt. Ich komme zu euch hoch, wenn es so weit ist. Bis dahin …«
Noah blieb stehen und stammelte: »Da liegt was rum …«
Hofer stutzte und versuchte den Umfang der Katastrophe zu ermessen. »Wie, da liegt was rum? Hast du was umgestoßen, du Tollpatsch?«
»Also ich war’s nicht. Jorin meint, das muss vielleicht so sein, weil moderne Kunst und so. Aber ich bin mir nicht sicher.«
»Sie entschuldigen mich bitte kurz.« Widerwillig folgte Lehrer Hofer seinem Schüler. Auf der Treppe sah er mit jedem Tritt aufwärts einen deutlicheren, blutroten Schuhabdruck auf dem strahlend weißen Boden. Etwa Größe 37.
Fressen, Saufen, Schleimen
»Rumstehen, gescheit dreinschauen und während der Ansprachen nicht einschlafen. So eine Vernissage gibt journalistisch rein gar nichts her«, versuchte Roger Wüthrich, Chef der Lokalredaktion des Kreuzlinger Anzeigers, Schlimmeres abzuwenden. »Ich schlage vor, wir schicken einen Fotografen hin und gut ist.«
»Hast du dir die Gästeliste angeschaut?« Chefredaktor Gustav Fromm ließ nicht locker. »So eine Promi-Dichte gibt es selten: der Stadtpräsident mit Gattin, natürlich die Thurgauer Apfelkönigin, der Präsident des FCK mit Entourage, der Chef von ›Stottler-Train‹, dem größten Arbeitgeber weit und breit, der Verwaltungsratspräsident des Anzeigers …«
»Ach so!« Wüthrich versuchte, nicht herablassend zu tönen. »Der auch!«
»Unseren Aktionären dürfen wir auf diesem Weg mal was zurückgeben«, unternahm Fromm einen neuen Anlauf.
»Reicht denen die Dividende nicht mehr?«, warf Oliver Tschanz, einer der Redaktoren, bissig ein.
Zeit für Wüthrich, seinen freien Abend zu retten. »Du erwartest aber trotzdem nicht, dass ich deswegen die Party zum zehnten Geburtstag meiner Tochter verpasse?« Der und seine Familie, dachten die anderen am Redaktionstisch neidisch, denen keine ähnlich gute Ausrede einfiel.
»Na, Tschanz? Wäre das nicht was für dich? Schließlich sind die Kuratorin und du gut befreundet, sagt man.« Fromm versuchte, einen neuen Sündenbock zu finden.
»Mindestens sooo gut befreundet«, schob Wüthrich unnötigerweise nach, zeichnete mit den Händen ein großes Herz in die Luft und erntete damit einige kümmerliche Lacher in der Runde, die froh war, dass die Chefs anscheinend ein neues Opfer erkoren hatten.
»Die Vernissage im Kunstmuseum: Charakterköpfe. Das klingt wie für dich gemacht, mein lieber Tschanz. Ein Abend unter guten Freunden sozusagen. Und mit dem Stottler und dem Winterberg sind immerhin zwei Schwergewichte aus deiner Welt zugegen.«
»Pahh, Kultur. Damit könnt ihr mich jagen.« Tschanz schien den Ernst der Lage erkannt zu haben. »Fressen, Saufen, Schleimen. Ist nicht meine Welt.«
Oliver Tschanz war zweifellos einer der begabtesten Schreiberlinge bei diesem Provinzblatt. Nach der Ausbildung zum Sozialarbeiter und einigen Jahren in der Drogenarbeit hatte er vor acht Jahren ein Volontariat beim Anzeiger absolviert und daraufhin pragmatisch beschlossen, dass dies der angenehmere Weg war, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Damals ahnte er noch nichts von den unzähligen, von sinkenden Werbeerträgen getriebenen Sparrunden in den Printmedien, die nur schlecht getarnt als Umstrukturierungen daherkamen. Tschanz war das soziale Gewissen der Redaktion und spezialisierte sich auf Berichte aus Wirtschaft und Finanzen. Mit »Stottler-Train«, die Tram und Züge für den Weltmarkt herstellten, und der Brauerei Winterberg, die die Gastronomie im Umkreis von 50 Kilometern am Schweizer Bodensee-Ufer beherrschte, waren tatsächlich zwei wirtschaftliche Hochkaräter für die Vernissage angekündigt. »Ich glaube kaum, dass sich die Herren Stottler und Winterberg im Rahmen eines gepflegten Small Talks anlässlich einer Vernissage zu ihren überrissenen Honoraren oder bescheidenen Arbeitsbedingungen befragen lassen. Und mit dem Gekleckse an den Wänden habe ich wirklich überhaupt nix am Hut.«
Was für eine schlappe Gegenwehr. Die Chefs und der Rest der Redaktion staunten. An jedem anderen Tag hätte der für seine aufbrausenden Auftritte bekannte Tschanz ein Affentheater aufgeführt, hätte von »Glaubwürdigkeit« und »Berufsethos« geschwafelt und unter Protest den Raum verlassen. Nicht ohne hinter seinem Abgang mit dem schwungvollen Zuknallen der Tür einen Punkt zu setzen. Aber heute …
»Ist Ihnen nicht gut, Tschanz?«, fragte Wüthrich besorgt. »Etwas bleich um die Nase …«
»Hmm?« Der Angesprochene schien nicht so richtig bei der Sache zu sein.
»Tja, dann sind wir uns einig!«, nahm Chefredaktor Fromm elegant den rhetorischen Faden auf und faltete dabei die Hände. Ein sicheres Zeichen, dass er ein baldiges Ende der Veranstaltung wünschte.
Wüthrich sah seine Chance gekommen: »Gut so! Dann also der Fotograf. Eine Seite für Montag. Die Liste mit den Personen auf den Bildern bekommt er bis vier Uhr von mir.« Die Versammlung erhob sich zögerlich. »Und du, Tschanz, du bleibst noch kurz hier.«
Von Kartoffeln und Bohnen
»Ja so eine Sauerei!« Herbert Hutter war ehrlich empört über den Anblick, der sich ihm im ersten Stock des Museums bot. Blutspritzer auf dem weißen Boden, eine kleine rote Fußspur führte nach unten, etwas Hirnmasse trat aus der Wunde am Hinterkopf der Leiche und vermischte sich unschön mit der Blutlache.
Auch nach über 30 Jahren Polizeiarbeit war für Hutter jeder Tatort eine Störung der gewohnten Ordnung. Und wenn er etwas nicht ausstehen konnte, war es Unordnung.
»Amélie Cohen«, sagte die junge Frau an seiner Seite mit Blick auf die bizarre Szenerie. Lisa Lehmann war Hutters Praktikantin. Eine ehrgeizige und kluge junge Frau. Hutter und Lehmann waren, anders als die meisten Ermittler im Fernsehen, kein Dream-Team. Da waren nicht nur der beträchtliche Altersunterschied, er bald 60, sie knapp 30, auch optisch passten die beiden nicht zusammen. Während Hutter etwas kartoffelig aussah, war Lehmann zu groß und zu dünn und glich einer Dörrbohne. Einen ausschweifenden Hang zu Attraktivität konnte man beiden nicht vorwerfen.
»Die Kuratorin der Ausstellung, sagt der Direktor des Museums.« Lehmann deutete mit dem Kopf nach rechts. Dort saß ein älterer Mann wie ein Häufchen Elend ein wenig abseits und starrte auf den Boden, als ob es dort etwas zu entdecken gäbe. Hansueli Niedermann war ein Museumsdirektor alter Schule. Mit seinem beigen Cordanzug schien er wie aus der Zeit gefallen zu sein. Seine Gesichtsfarbe hatte inzwischen die Farbe seiner Kleidung angenommen. Hutter ließ die Kriminaltechniker in ihren weißen Overalls die Arbeit machen, trottete langsam zu Niedermann und setzte sich neben ihn. »33 Jahre alt ist sie – war sie. Und auf dem Weg nach ganz oben«, erzählte der Museumsdirektor ungefragt. »Ein Star in der Kunstszene. Das hier ist das letzte kleine Ding, das sie macht«, sagte er apathisch. »Als Nächstes wäre sie nach Basel gegangen, in die Kunsthalle: Moderne Klassiker.«
»Hm?« Hutter hörte zwar zu, schien aber in Gedanken woanders zu sein.
»Basel?«
»Nein, das andere … Dingens.«
»Moderne Klassiker?«
»Genau. Das war’s. Wie soll denn das gehen? Entweder ist was doch modern oder klassisch, also alt.«
»Tja, also das ist so. Modern meint hier …«
»Übrigens, Hutter, Kripo Thurgau. Freut mich.« Der Kommissar wollte sich mit Niedermann nicht auf eine Kunstdiskussion einlassen.
»Die Freude hält sich in Grenzen«, antwortete Niedermann wenig diplomatisch. »Eine Katastrophe ist es! Monatelang haben wir daran gearbeitet, Amélie, also Frau Cohen, und ich. Und nun das. Am Tag der Eröffnung. Ein Höhepunkt des Jahres. Wichtige Treffen mit Sponsoren, Netzwerken mit der Politik, existenziell, das Ganze!«
Vor allem für das Opfer, dachte sich Hutter. Einen Tag später ermordet wäre wohl passender gewesen.
Zimmer mit Aussicht
Vier Monate zuvor: 11. September 2018
Gnadenlos brannte die Sonne vom Himmel an diesem Dienstag im Sommer, der nicht enden wollte. Der Bach, der am Schloss vorbeiführte, hatte kaum noch Wasser und war zu einem schmalen Rinnsal verkommen. Amélie Cohen trug ein schlichtes, luftiges Kleid, das ihre Figur äußerst vorteilhaft betonte. Christina Winterberg bemerkte es sofort. »Kors?«
»Genau! Aber im Outlet. Ein Schnäppchen.« Eines, das freilich immer noch einige Hundert Euro kostete. Aber in diesen Kreisen bemerkt man den Wert des Lümpchens immerhin, stellte Cohen befriedigt fest.
»Charakterköpfe also«, lenkte die Schlossherrin das Gespräch auf den Grund des Besuchs. »Ich weiß nicht, wie wir da …«
»Der Herr Winterberg selber brachte mich auf die Idee. Bei einem Sponsoren-Essen, das wir kürzlich hatten, erwähnte er, dass die Familie vor allem früher sehr aktiv auf dem Gebiet der Kunst war: sein Vater, aber auch Roberts, also Herr Winterbergs erste Frau.«
Einige Ölgemälde, die im Entree des Schlosses hingen, schienen diese Aussage zu bezeugen. »Und da dachte ich, es wäre doch eine nette Referenz an die Familie, die dank ihrer Großzügigkeit die Ausstellung überhaupt erst ermöglicht, wenn eines ihrer Bilder die Sammlung ergänzen würde. Natürlich nur, wenn die Qualität stimmt!«
»Natürlich, meine Liebe. Qualität! Da sind wir uns einig. Dafür steht der Name Winterberg.«
Schloss Conradsberg thronte leicht erhöht am Fuße des Schweizer Seerückens. Erbaut wurde es in den 1930er-Jahren nach den Ideen von Conrad Winterberg. Seine Pläne waren damals schon etwas antiquiert. Heute würde man sagen: Conradsberg ist ein Anwesen im Retro-Design. In einer Zeit, in der architektonisch der Bauhaus-Stil oder ein Le Corbusier aufkam, beharrte der Bauherr auf Anleihen beim Klassizismus. Dort eine Säule, da ein Türmchen. Winterberg senior hatte Mühe, einen Architekten zu finden, der seine Vision umsetzen konnte. Nach vier Jahren Bauzeit war es aber so weit: 1940 war das Schloss fertiggestellt: Conradsberg, eine Mischung aus griechischem Tempel und italienischem Palazzo.
Fast 80 Jahre später fügten Christina Winterberg und ihr Gast sich gut in diese Kulisse ein. Sie machten eine kurze Führung durch das Anwesen. Mit ihrem Master of Arts war Amélie Cohen erstaunt über die geradezu reaktionäre Architektur, ließ sich aber nichts anmerken.
»Wie pittoresk!« – »Oh wie eigen …« – »So etwas sieht man selten!« Sie flüchtete sich in Allgemeinplätze.
»Manchmal habe ich das Gefühl, in einem Museum zu wohnen«, fasste Christina Winterberg ihr Verhältnis zum Schloss zusammen. Kein Wunder: Überall stand Nippes auf dunklen Möbelstücken herum, beides schien den Staub magisch anzuziehen. »Und wie viel Arbeit das alles gibt. Zum Glück habe ich einen guten Hausgeist, der hier für Ordnung sorgt.«
»Und die vielen Bilder«, versuchte Amélie Cohen die Diskussion wieder auf heimischeres Terrain zu führen.
»Ja, die Bilder. Eine Familientradition. Genau. Deswegen sind Sie ja eigentlich hier …«
Von der Wand her schien der Hausherr den Dialog zwischen Amélie Cohen und Christina Winterberg aufmerksam zu verfolgen. Das Porträt war anlässlich seines 70. Geburtstags gefertigt worden: Stolz schaute er den Betrachter mit sicherem Blick an, die silbergraue Mähne unter einem Stetson gebändigt, buschige Augenbrauen, die stahlblauen, wenn auch etwas kalten Augen, das Grübchen am Kinn, hohe Wangenknochen, die breite Stirn. Ein attraktiver Mann, auch im Alter. »Natürlich kommt ein Porträt von ihm selber nicht infrage. Das wäre ihm zu protzig«, ergänzte Cohen.
So bescheiden kenn ich ihn gar nicht, dachte Christina Winterberg und sagte: »Natürlich. Das wäre überhaupt nicht sein Stil.«
Die beiden Frauen stiegen drei Stockwerke hoch und betraten ein Zimmer mit wunderbarem Ausblick auf den See. Offensichtlich wurde der Raum schon seit Jahren nicht mehr bewohnt. Die Möbelstücke waren mit weißen Leintüchern abgedeckt und auf dem Bett lag eine nackte Matratze. »Das ehemalige Zimmer von Winterbergs Sohn. Aus erster Ehe«, bemerkte Christina Winterberg ohne weitere Erklärungen. Und Amélie Cohen fragte nicht nach. Robert hatte nie einen Sohn erwähnt. Wie er überhaupt sehr sparsam mit Auskünften über sein Familienleben war. Jedenfalls sah das Zimmer nicht so aus, als ob sein Bewohner vor Kurzem noch hier gewohnt hätte oder demnächst gedachte zurückzukehren.
»Vielleicht ist hier etwas, was in die Ausstellung passt.« Die Hausherrin zeigte in eine Ecke, wo einige Bilder mit der bemalten Fläche zur Wand standen, damit sie vom Tageslicht keinen Schaden nahmen. »Es sind Bilder, die jahrelang im Estrich lagerten. Ich hoffe, sie haben nicht gelitten durch die unsachgemäße Lagerung.« Christina Winterberg setzte sich auf die Matratze, von wo augenblicklich eine Handvoll Motten aufstoben und scheinbar ziellos ein neues Versteck suchten. »Ich glaube, unser guter Hausgeist war hier schon lange nicht mehr«, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihrem Gast.
»Sie erlauben?« Amélie Cohen zupfte ein paar weiße Handschuhe aus ihrer Handtasche, schlüpfte mit ihren schlanken Fingern hinein und machte sich wortlos an die Durchsicht der Gemälde. Eine Prozedur, die mehrere Minuten dauerte. Ein Bild betrachtete sie dabei deutlich länger als die anderen. Etwas schien sie zu faszinieren. Vorsichtig fuhr sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die Oberfläche, hielt einen Moment inne und wiederholte die Bewegung. Fasziniert betrachtete Christina Winterberg ihren Gast, der ganz versunken schien. Sie wünschte sich insgeheim eine ähnliche Passion für sich selbst. Schließlich meinte Amélie Cohen bestimmt: »Ja, ich glaube, da haben wir ein Werk, das ganz wunderbar in die Ausstellung passt.«
Tödliche Kunst
Am Tag nach dem Mord: 11. Januar 2019
»Die Familie Winterberg 1944«, sagte Niedermann und deutete auf den leeren Rahmen. »Jemand hat das Bild aus dem Rahmen geschnitten. Sehr grob!« Der Direktor schien körperliche Qualen zu leiden beim Gedanken, dass der Täter mit einem Messer die Leinwand verletzt hatte.
»Ein Kunstraub also?« Hutter kannte sich nur mit Bildern von Tatorten aus und nicht mit solchen, die an Wänden hingen. »Käumlich«, entgegnete der Fachmann mit Blick auf den goldenen Rahmen, der ohne Bild jämmerlich protzig aussah. »Stammt aus Privatbesitz. Die Familie Winterberg. Sie verstehen?« Hutter verstand. Robert Winterberg war eine der schillerndsten Figuren auf der Schweizer Seite des Bodensees: Besitzer der gleichnamigen Brauerei, Präsident und großzügiger Sponsor des FC Kreuzlingen, der dank Winterbergs Zuschüssen knapp vor dem Aufstieg in die zweithöchste Fußball-Liga stand. Zusätzlichen Glanz verlieh ihm Christina Winterberg, seine zweite Frau, ein ehemaliges Fotomodell, die mehr aus Langeweile denn aus Überzeugung seit Jahren als Mäzenin verschiedener karitativer Einrichtungen wirkte. Ansonsten, wie es in ihrer alten Heimat hieß: Bella Figura.
»Eigentlich völlig wertlos, außer für die Familie selber, aus sentimentalen Gründen«, erklärte Niedermann.
»Ja aber warum stiehlt denn einer so was?« Hutter kratzte sich an der freien Stelle am Hinterkopf, deren Ausbreitung auch diverse Haarwuchsmittel nicht aufhalten konnten.
Darauf hatte der Museumsdirektor eine kreative Antwort: »Bestimmt nicht wegen des Werts des Bildes. Aber vielleicht als Packmaterial? Denn das zweite Exponat, das fehlt, ist ungleich wertvoller, um nicht zu sagen unbezahlbar.« Hutter fragte nicht nach. Er wartete, bis Niedermann von sich aus mit der Sprache rausrückte. »Ein Giacometti!« Der Museumsdirektor war sichtlich fassungslos: »Ein Riesenschaden. Unermesslich.«
Hutter tippte umständlich den Namen in sein iPad. Block und Bleistift waren ihm eigentlich sympathischer, aber er wollte vor den jungen Kollegen nicht als Ewiggestriger dastehen. »Vorname?«
»Ueli.«
»U-e-l-i G-i-a-c-o-m-e-t-t-i«, haute Hutter im Ein-Finger-System grob die Buchstaben ins Gerät.
»Neinein. Alberto! Alberto Giacometti«, korrigierte Niedermann. »Ich heiße Ueli.«
Hutter murrte vor sich hin. »Also Alberto. War der Italiener? Irgendwas mit Jesuskind?«
Niedermann blieb einen Moment sprachlos in Anbetracht von so viel Kunstignoranz. »Der war Schweizer, Herr Kommissar! Bündner, um genau zu sein. Ein Giacometti ist Millionen wert. Mindestens.« Niedermann riss die Augen weit auf, um die Aussage zusätzlich zu illustrieren. »Das Exponat hier war eine Büste aus Bronze.« Bronze? Gibt’s doch für einen dritten Platz, dachte Hutter, behielt es aber klugerweise für sich. »Also wurde das wertvolle Stück Metall möglicherweise in die Leinwand eingewickelt, um es beim Abtransport nicht zu beschädigen«, sagte der Direktor.
»Hmm. Das klingt logisch«, sagte Hutter, der seinen Sinn für Ordnung befriedigt sah.
Während die beiden Männer vor dem leeren Sockel und dem leeren Bilderrahmen standen, wurde die Leiche von Amélie Cohen fachmännisch entfernt. Niedermann wechselte deshalb das Thema: »Weiß man schon, wie? Weshalb?« Hutter schien mit den Gedanken wieder ganz woanders zu sein. »Die Frau Cohen! Amélie …«
»Ach so. Erschlagen, so wie’s aussieht. Von hinten auf den Kopf. Mit etwas Hartem. Vermutlich einem Stück Metall.« Nun wich die letzte Farbe aus Niedermanns Gesicht. Er schwankte zu einer der Bänke, die für Besucher bereitstanden, und setzte sich. Die Vorstellung war definitiv zu viel für ihn. »Ein Giacometti als Mordwaffe?«
Hier regiert der König
Acht Monate zuvor: 11. Mai 2018
Sanft schlugen die Wellen ans Ufer des Bodensees. Amélie Cohen und Robert Winterberg saßen in der Abendsonne auf der Terrasse des Restaurants Seehof. Beide stocherten lustlos im Fisch-Risotto. »Und wenn ich nicht bezahle?« Winterberg ließ seinen Blick unverfänglich über den See wandern.
»Das wäre sehr, sehr schade, aber kein Weltuntergang.« Amélie Cohen schaute Winterberg bestimmt in die Augen. »Dann sagen wir es ab. Dann muss der Niedermann halt was improvisieren.«
»Wie wär’s mit: ›Sonnenuntergänge im Wandel der Zeit‹?« Winterberg pickte die Fischstückchen heraus, Cohen schien es eher auf einzelne Reiskörner abgesehen zu haben. »Das ist viel Geld, auch für mich.« Nun fixierte Winterberg den Blick seines Gegenübers.
»Ich bitte Sie, Herr Winterberg.« Amélie versuchte ein Lächeln.
»Robert. Bitte! So weit waren wir doch schon einmal.«
»Also Robert …«
»Weißt du«, fiel er ihr ins Wort, »ich setze mein Geld gerne ein. Aber ich möchte einen gewissen Return on Investment sehen. Also mehr Geld. Oder meinen Spaß haben beim Ausgeben. Fällt dir dazu was ein?«
»Wozu?«
»Zu eins von beidem!« Winterberg tupfte sich die Lippen mit der weißen Stoffserviette ab und ließ seinen Blick erneut über die Weite des Sees schweifen.
Amélie Cohen tat so, als müsste sie nachdenken. »Return on Investment, R O I, Roi: wie König auf Französisch. Was will denn der König des Bodensees zurück? Gehört ihm nicht schon alles?«
Tatsächlich gehörte ihm auch der Seehof, wo sie zu Gast waren. Eines der besten Lokale weit und breit. Gebaut wurde das Haus am See kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann zerfiel es langsam, nach einer Reihe von schnellen Wirtewechseln, in den 1980er-Jahren. Knapp ein Jahr stand es sogar leer, bevor Winterberg es kaufte und für einen zweistelligen Millionenbetrag renovieren ließ. Dann suchte er sich einen der damals angesagtesten Spitzenköche. Seither florierte der Seehof. Es war ohne Zweifel ein kulinarisches wie auch wirtschaftliches Husarenstück.
Winterberg griff, um etwas Zeit zu gewinnen, zum Amarone, die Flasche zu 120 Franken, um nachzuschenken. Cohen hielt schnell die Hand über ihr fast leeres Glas. Winterberg schaute sie an. »Siehst du, liebe Amélie. Genau das meine ich.« Er hielt ihren Blick, bis sie langsam die Hand vom Glas nahm und Winterberg nachschenken durfte. Der ließ das süffige Rot provokativ langsam ins Glas laufen. Amélie Cohen schwieg und fixierte ihrerseits einen imaginären Punkt am Horizont. Winterberg genoss den Moment. »Meine Liebe: Ich denke, wir werden uns einig!«
Der König sitzt ein
Sechs Tage nach dem Mord
Ich staune: Wie klein meine Welt geworden ist. Ein Schritt geradeaus, eine Drehung um 90 Grad nach links, vier Schritte geradeaus, wieder im rechten Winkel nach links, ein Schritt, die Drehung und nochmals vier Schritte. Zurück zum Ausgangspunkt. Willkommen in meiner neuen Welt. Ja, lachen Sie ruhig. Der große Winterberg so klein. Spüren Sie sogar etwas Schadenfreude? Kein Problem, ich kann Sie verstehen.
Das ist mein neues Zuhause. Für 23 Stunden am Tag. Eine Zelle, wenige Quadratmeter groß. Eine Pritsche mit einer harten Matratze in der einen, eine Kloschüssel und ein kleines Lavabo in der anderen Ecke. Der Spiegel aus Blech, damit man sich nicht verletzen kann. Ein kleiner, an die Wand geschraubter Tisch und ein Stuhl, der ebenfalls fixiert ist. Mehr ist da nicht. Platz für: einen Schritt, vier Schritte, einen Schritt, vier Schritte.
Man hat mir alles genommen. Alles, was mir lieb und teuer war: mein Ansehen, meinen Reichtum, meine Familie und vor allem meine Freiheit. Sagen Sie ruhig: Recht geschieht ihm. Aber ich sage Ihnen: Ich war’s nicht! Mein Anwalt meint, es sehe ernst aus. Die Polizei behauptet, die Beweislast sei erdrückend. Was die Medien berichten, weiß ich nicht, und was meine Freunde denken, ebenso wenig. Vielleicht ist das ein Vorteil in meiner Situation. Wenn es auch der einzige ist.
Darf ich mich Ihnen kurz vorstellen? Gestatten: Mein Name ist Winterberg. Bei den männlichen Lesern dürfte der Name sofort einen Reflex auslösen: »Noch ein Winterberger!« Genau. Das bin ich. Der Bierkönig. Die Brauerei kaufte mein Vater, Conrad Winterberg, vor 82 Jahren. Aber zur wahren Blüte kam das Geschäft erst, als ich es nach dem Tod von Vater übernahm. 30 Jahre ist das her.
Ein Schritt, vier Schritte, ein Schritt, vier Schritte. Das ist manchmal auch Glück, so eine Zelle. Da staunen Sie. Denn ein solches Leben bedeutet viel Zeit zum Nachdenken. Eigentlich ein Luxus. Einen, den ich trotz allem Reichtum nie hatte. Ich, ein Mann der Tat. Sie fragen sich sicher, wie ich in diese missliche Situation geraten bin. Nun, man verdächtigt mich, eine Frau erschlagen zu haben. Ein Vorwurf, der ernst zu nehmen ist, sagt mein Anwalt. Er muss es wissen, denn immer, wenn er mir gegenübersitzt, macht er ein besorgtes Gesicht. An seinem Honorar kann es nicht liegen.
Ich gestehe: Ich kannte diese Frau. Alle Welt weiß das, darum gibt es keinen Grund, es zu leugnen, sagt auch mein Anwalt. Sebastian Hess heißt er übrigens. Und teuer ist er. Aber das Beste, was man sich in meinem Fall leisten kann, leisten sollte, meint er.
Amélie Cohen ist der Name der Toten. Der Vorname wie aus dem französischen Film, den meine Frau so gerne sieht. Und der Nachname wie der kanadische Musiker, den ich sehr verehre. Übrigens: Ist der nicht auch gestorben? Schlechte Zeiten für Cohens.
Amélie und ich waren Geschäftspartner. Geschäftsfreunde sogar. Kein Wunder kannten wir uns, die Tote und ich. Sie war häufig zu Gast bei uns auf dem Conradsberg, dem Anwesen, das nach meinem Vater benannt wurde. Ich soll sie erschlagen haben, behauptet die Polizei. Deshalb sitze ich hier, liege viel und denke nach. Und manchmal gehe ich: einen Schritt zur Seite, vier Schritte nach vorn, einen Schritt nach links, vier Schritte zurück.
Giacometti schlägt zu
Am Tag nach dem Mord: 11. Januar
Uwe Drechsler hatte schlechte Laune. Das hatte er meist, seit er hier am See lebte. Das halbe Jahr Nebel, das andere halbe Jahr Touristen, die zum Einkaufen oder Flanieren kamen und ihm den Platz für das Bier an der Abendsonne streitig machten. Da fehlte ihm eine frische Leiche am Freitagnachmittag grad noch. Verlängertes Wochenende futsch, Ski-Ausflug in die Berge futsch. Dabei war die Nähe zu den Bergen, außer dem Zahltag in Schweizer Franken, etwas vom wenigen, was er als Ostdeutscher hier im Süden schätzte.
»Amélie Cohen, 38 Jahre, 1.79 Meter groß, 60 Kilo.« Eine attraktive Frau zu Lebzeiten, dachte er. »Getötet mit einem Schlag auf den Hinterkopf, mit etwas Hartem, einem Hammer vielleicht, einer Eisenstange, so was in der Art.« Lustlos rapportierte Drechsler weiter. »Keine weiteren Verletzungen, kein Geschlechtsverkehr in den letzten 24 Stunden, soweit ich das auf den ersten Blick feststellen kann. Außerdem scheint es keinen Kampf gegeben zu haben, Fingernägel sind frei von Stofffasern oder Hautabschürfungen. Ansonsten tipptopp manikürt. Nagellack ist purpurrot«, ergänzte er zufrieden.
Hutter warf Drechsler einen irritierten Blick zu. Er bezweifelte, dass die Medien heute Abend an Werbung für Frau Cohens Nagelstudio interessiert waren. Hutter brauchte dringend Informationen. Für 19 Uhr war eine Medienkonferenz im Foyer des Museums angesagt. Die Vernissage, die eigentlich für diesen Zeitpunkt geplant gewesen wäre, wurde offiziell, mit einem nebulösen Hinweis auf betriebliche Probleme, kurzfristig abgesagt. Und nachdem die Eltern der Kinder, die Cohens Leiche entdeckt hatten, erstaunlicherweise auch dichtgehalten hatten, war das Ableben der Kuratorin bis zur Stunde tatsächlich geheim geblieben.
»Todeszeitpunkt?«
»Das ist einfach: Zum Glück herrscht in einem Museum Tag und Nacht die gleiche Temperatur, zur Schonung der Exponate«, erklärte Drechsler mit einem süffisanten Lächeln. »Der tödliche Schlag jedenfalls, nur ein einziger, wurde am Donnerstagabend zwischen 20 und 22 Uhr ausgeführt. So weit leg ich mich fest. Genaueres gibt es Anfang Woche. Wenn mich jetzt der Herr Kommissar bitte entschuldigt.«
»Moment, können wir schnell … Läuft Ihr PC noch?«
Umständlich klaubte Hutter das iPad aus der Manteltasche und tippte die Notiz von dort in die Suchmaske des Computers. Da ploppte das Gewünschte auf. Eine 3-D-Aufnahme von Giacomettis Figur mit dem unaussprechlichen französischen Namen.
»Was ist denn das?«, fragte Drechsler.
»So eine Art Kunst«, antwortete Hutter unbeholfen.
Aufmerksam betrachtete der Gerichtsmediziner den Kopf der Figur, nahm Maß und verglich Größe und Form noch einmal mit den Aufnahmen der Wunde am Hinterkopf von Amélie Cohen. »Also, wenn Sie mich fragen …« Das tu ich doch schon die ganze Zeit, dachte Hutter ungehalten. »… das passt wie Arsch auf Eimer!«
Nachdenken über Frauen und Sex
8. Tag in U-Haft
Warum ist der Sex mit schönen Frauen oft so langweilig? Ja sehen Sie, auf solche Fragen komm ich hier beim vielen Nachdenken in der U-Haft. Mal schauen, ob Ihnen etwas Gescheiteres einfiele, wenn man Ihnen alles weggenommen hätte, was Sie auf andere Gedanken bringen könnte: kein Fußball. Keine Wirtschaftsmeldungen. Keine Politskandale. Überhaupt keine Medien. Informations-Detox. Aber ich schweife ab. Ich glaub ja, wenn die schönen Frauen wissen, dass sie schön sind, dann bemühen die sich weniger. Das ist überhaupt nicht frauenverachtend. Im Gegenteil: Kaum etwas wird von mir so sehr verehrt und geschätzt wie die Frauen.
Nehmen wir aus aktuellem Anlass Frau Cohen, die Amélie. Nach dem Moment in der Abendsonne am Seehof wussten wir beide, dass er unvermeidlich war: der Fick. Wir beide wollten was voneinander und beide hatten es im Angebot. So einfach war das. Sie wollte mein Geld, ich ihren Körper. Doch dann, na ja, wie gesagt: schöner Körper, aber wenig Bewegung, wenn Sie wissen, was ich meine. Das Geld floss trotzdem. Nichts da mit #metoo. Hören Sie mir damit auf! Amélie hätte ja aufstehen und mir den Rest Rotwein ins Gesicht schütten können. Kein Problem damit. Ich hätte es verstanden. Meine erste Frau meinte zu Lebzeiten immer: »Kompliment, dass du die Frauen so gut verstehst, fast so gut wie das Bierverkaufen.« Meine erste Frau: Die Gabriela war eine Gute, ein ganz lieber Mensch. Aber schauen Sie, was jetzt ist: Tot ist auch sie.
Zurück zur Geschichte mit Amélie. Ich sag’s Ihnen, wie es ist: Die Amélie blieb gleich beim ersten Treffen sitzen. Sie ließ sich nachschenken, auch noch von der zweiten Flasche. Und dann meinte sie, in dem Zustand sollte sie wohl nicht mehr nach Hause fahren. Da hatte sie natürlich recht. Und da bin ich auch ein Gentleman alter Schule: Anstelle eines Taxis offerierte ich ihr ein Zimmer im Seehof mit Blick auf Abendsonne und See. Und schauen Sie: wieder die Chance zu einem Nein, wieder nicht gepackt. Mein Fehler? Ja, urteilen Sie ruhig, selbstgefällig, wie Sie da sind in Ihrer Freiheit! Ich mach mir keine Vorwürfe. Mein Umgang war äußerst korrekt.
Übrigens: Sie hatte tatsächlich einen wunderschönen Körper. Die Proportionen, die Formen – alles stimmte. Und da werde ich ja subito zum Ästheten: Nie täte ich so was zerstören. Wo denken Sie hin. Das habe ich auch meinem Anwalt, dem Hess, gesagt. »Das, lieber Robert, behalt lieber für dich. Wenn bekannt wird, dass ihr beide intim wart, verbessert das deine Chancen auf Freiheit nicht. Im Gegenteil«, sagt er. Und das wegen einiger Male einvernehmlichem Sex. So weit sind wir schon, dass so was bestraft wird! Verstehe das, wer will. Ich gehör da nicht dazu. Vielleicht war das jetzt etwas leichtsinnig, dass ich das hier einfach so herumerzähle. Aber wir sind doch Freunde, oder? Sie und ich. Ich verlasse mich ganz auf Ihre Diskretion.
David und Goliath bei Mekka
April 2014
»Es ist angerichtet, meine Damen und Herren! Das Duell: David gegen Goliath. Noch pilgern die letzten Fans in das kleine Stadion am See, das heute für einmal das Mekka des Fußballs ist.« Der Reporter des Schweizer Fernsehens war offensichtlich ganz besoffen von der Ausgangslage des Cup-Halbfinals und ließ keines der noch so schrägen, falschen oder ausgelutschten Bilder aus. Goliath war der übermächtige FC Basel, Serienmeister und -Cupsieger, David der FC Kreuzlingen, Tabellenzweiter der dritthöchsten Fußball-Liga. Es hatte einiger Fußballwunder bedurft, wie sie nur in einem Cupwettbewerb vorkamen, damit es der kleine FCK bis in den Halbfinal geschafft hatte.
Die Kamera schwenkte auf Robert Winterberg, der mit grün-weißem Vereinsschal auf der Tribüne die Gäste begrüßte. »Das, meine Damen und Herren, ist der Mann, der das alles hier überhaupt möglich gemacht hat. Der Bier-Tycoon aus der Provinz, der mit seinem Geld innerhalb von wenigen Jahren aus einem Amateurklub einen möglichen Finalisten des Schweizer Cups formte. Eine Sensation, wie sie in der Schweizer Fußballwelt leider nur selten vorkommt!« Der Reporter, angesteckt von der ausgelassenen Stimmung im Stadion, schrie die Zuschauer an den TV-Geräten förmlich an. Die Karten für das Spiel waren innerhalb einer Stunde ausverkauft gewesen. So wurden die wenigen Eintritte, die der FCK für seine Sponsoren, Gönner und Freunde zurückgehalten hatte, in den vergangenen Tagen zur begehrten Ware. Reguläre Tickets wurden im Internet für dreistellige Beträge gehandelt. Nie zuvor und nie mehr danach hatte Robert Winterberg so viele gute Freunde gehabt, so viele Hände geschüttelt und so viele Komplimente für sein Sponsoring entgegengenommen wie an diesem milden Sonntagnachmittag. Seine Brauerei stellte, dank einer Ausnahmebewilligung, den Ausschankwagen vor das Stadion und spendierte jedem Fan, der die Vereinsfarben trug, Gratisbier. Euphorisch skandierte darum die grün-weiß gekleidete Fangemeinde des FC Kreuzlingen lautstark »Rooooobert – WIN-TER-BERG« aus der Südkurve.
David hielt die erste halbe Stunde tapfer dagegen und lag nur wegen eines unglücklich abgelenkten Weitschusses 0:1 zurück. Als kurz vor der Halbzeit der junge Hüppi nach einem Corner den Kopf an der richtigen Stelle hatte und zum 1:1 ausglich, wusste der Kommentator keinen schlaueren Satz als: »Ja was ist denn hier los?« In der Pause schien noch alles möglich zu sein. Das Publikum schwelgte in grün-weißer Hoffnung. Das Spiel ging letztlich 1:5 verloren. Der jungen Truppe des FCK schwand nach einer Stunde die Kraft und Goliath zeigte David den Meister. Winterberg aber fühlte sich als Sieger, auf dem Gipfel seiner Macht. Nach dem Schlusspfiff umarmte er den Schweizer Bundespräsidenten zu seiner Linken, danach seine Frau zu seiner Rechten. Später zog er sich mit seinen engsten Mitstreitern, Freunden und Freundinnen ins Restaurant Seehof zurück, wo sie bis in die Morgenstunden feierten.
Der Schweiß tropft
Am Tag nach dem Mord
Grundsätzlich macht man sich keine Freunde, wenn man Journalisten an einem Freitagabend kurzfristig zu einer Veranstaltung einlädt. Aber Hutters Chef, Polizeikommandant Wiesendanger, bestand darauf: »Offensiv informieren, bevor eine Indiskretion größeren Schaden anrichtet!« Die Ankündigung »MK zu einem Tötungsdelikt« führte dazu, dass die Redaktionen, die geistig bereits im Wochenende waren, ihre Pikettdienste aufboten. So war das Foyer des Kunstmuseums gut besucht. Wenigstens 30 Personen aus TV-, Online-, Radio- und Zeitungsredaktionen bevölkerten den Raum. Umständehalber wurden die für die Vernissage bestellten Häppchen an die Journalistenmeute verfüttert, was die Laune hob und den Geräuschpegel senkte.
»Sehr geehrte Damen und Herren, geschätzte Medienvertreter. Ich danke Ihnen für Ihr kurzfristiges Erscheinen zu so ungewöhnlicher Stunde.« Hutter war nicht wohl im Rampenlicht. Er fand, er sähe auf den Aufnahmen noch unvorteilhafter aus als in natura. Das viele Licht schmeichelte ihm nicht. Er spürte die Schweißtropfen auf seiner Stirn. »Ich habe die traurige Aufgabe, Sie über ein Tötungsdelikt zu informieren, das sich vor wenigen Stunden in diesem Haus ereignet hat.« Kurzfristig verstummten die Kau-Geräusche. »Das Opfer ist Amélie Cohen, Kuratorin der Ausstellung ›Charakterköpfe‹, die heute Abend hätte eröffnet werden sollen. Sie wurde gestern Abend, vermutlich bei den letzten Arbeiten an der Ausstellung, von einem unbekannten Täter …« Hutter schwankte kurz zwischen »erschlagen« und »getötet« und entschied sich dann für Letzteres. »Über die Umstände ihres Todes und über weitere Einzelheiten kann ich Ihnen aus ermittlungstaktischen Gründen keine Auskunft erteilen.« Unter den Journalisten machte sich Unruhe breit. Keine Auskunft war immer schlecht in einem Gewerbe, das genau von solchen lebte. »Ich wäre froh, wenn Sie in Ihren Berichten einen Zeugenaufruf machen könnten. Dieser steht auch in der Mitteilung, die wir in wenigen Minuten verschicken werden.« Hutter suchte den Blick seiner Praktikantin, die seine Aussage mit einem dezenten Nicken quittierte.
»Weiß man etwas über ein mögliches Motiv?«, fragte eine Journalistin.
»Es ist momentan zu früh …« Hutter wurde von einer weiteren Frage unterbrochen.
»Wurde etwas gestohlen, Bilder oder so?«
»Wie gesagt, wir stehen erst ganz am Anfang.«
Hutter spürte, wie ihm ein Schweißtropfen über die Schläfe in den Hemdkragen lief. Höchste Zeit, die Veranstaltung zu beenden. »Meine Damen und Herren. Ich verstehe Ihr Informationsbedürfnis, aber bitte verstehen Sie auch …«
Bevor Hutter seinen Satz beenden konnte, knallte es hinten im Foyer. Oliver Tschanz vom Kreuzlinger Anzeiger, der die Medienkonferenz wortlos in der letzten Reihe verfolgt hatte, verließ das Gebäude und gab dabei wie so oft der Tür etwas zu viel Schwung.
Bella Figura
Der Robert und sein Fußball. Erwarten Sie nicht, dass ich das verstehe. Ich, Christina Winterberg, geborene Forte, bin bestimmt nicht die einzige Frau, die da ihre Mühe hat. Dabei wuchs ich damit auf, in den Siebziger-, oder sagen wir Achtzigerjahren, mit dem Calcio. Jedes Wochenende schaute Papa »Serie A«. Meist auf einem kleinen Bildschirm in der Ecke, oben in der Bar am Dorfplatz von Giaveno. Das werden Sie kaum kennen. Giaveno ist ein Provinzkaff im Piemont, wo ich aufwuchs. Alle waren Juventus-Fans. Das machte die Sache, zumindest beim Fußball, sehr übersichtlich. Viel getrunken wurde ohnehin. Ich kann mich allerdings nicht mehr erinnern, ob bei einer Niederlage oder einem Sieg mehr gebechert wurde. »Crista« riefen mich dort alle, die Tochter von Matteo. Mein Papa, ein einfacher Mann, schraubte in den Fiat-Werken Autos zusammen. Meine Mama Giovanna starb leider sehr früh. Die Lunge, die Zigaretten. Zurück blieben Papa, ich und sein Fußball. Und meine langen dunklen Haare, die bis knapp über den Po reichten. Lange genug jedenfalls, um den Jungs im Dorf den Kopf zu verdrehen. Papa war stolz auf mich. Wie ein Schmuckstück reichte er mich rum: »Mia Crista, bellissima, si?«
30 Jahre später geht’s mir immer noch so. Die »Christina« bin ich nun, die Frau des Bierkönigs. Bierkönigin, ich? Ich mag das Zeug nicht. Überhaupt Alkohol: Bei einem Glas Pinot Grigio hört es bei mir auf. Das kommt aus meinen Zeiten als Model. Da brauchte es Disziplin. Ich habe Mode getragen auf den Laufstegen der Welt. Armani, Lagerfeld, Dior. Zuerst Mailand, dann Paris, schließlich New York. Ich modelte, bis ich Robert kennenlernte. Grad noch rechtzeitig haben wir uns getroffen, wie einige meiner zickigen Kolleginnen betonen. Das Schmuckstück hatte mit 30 Jahren schon etwas Glanz verloren. Da konkurrierst du dich plötzlich mit 17-Jährigen aus der Ukraine. Noch dünner, noch ehrgeiziger, noch skrupelloser. Ich spürte: Meine Zeit in diesem Geschäft ist endlich. Und mein Gefühl hat mich noch selten betrogen.
Er kam jedenfalls in einem passenden Moment in mein Leben. Robert war eigentlich noch in Trauer wegen seiner verstorbenen Frau. In den Bergen abgestürzt, hat er erzählt. Ein Unfall. Dumm gelaufen. Da kam ich ihm gerade recht. Trauerarbeit, wenn Sie wissen, was ich meine. Ob wir uns geliebt haben? Ach. Was für eine sentimentale Frage! Wir waren beide zur richtigen Zeit am selben Ort. Zwei Ertrinkende, die an der Oberfläche blieben, weil sie sich aneinander festhielten. Ich half ihm über seine Trauer, er mir über meine verblühende Schönheit hinweg. Zusammen oben bleiben und nicht untergehen. Das war damals so und das ist auch heute noch so. Von der großen Liebe zu sprechen, wäre sicher übertrieben. Wir können nicht mit, wir können aber auch nicht ohneeinander. Für mich hat sich wenig geändert. Ich bleibe ein Schmuckstück. Werde herumgereicht von Robert. Manchmal glänze ich auch heute noch dazu.
Columbo ermittelt
Zwei Tage nach dem Mord
»Wir haben da was!« Lisa Lehmann tönte schon beinahe fröhlich, als Herbert Hutter den Posten betrat. An einem Samstag zu arbeiten machte ihr, im Gegensatz zu ihren Kolleginnen und Kollegen, wenig aus. Im Gegenteil: Es lenkte sie etwas davon ab, keinen Freundeskreis zu haben, keine Einladungen für Partys, keine beste Freundin zum Shopping.
»Ah ja, gut so«, war alles, was sie ihrem Chef entlocken konnte. Der hängte seinen Mantel an einen wackligen Kleiderständer, startete seinen PC auf und belohnte die Praktikantin vorläufig mit keiner weiteren Aufmerksamkeit. Er rückte Bleistift, Locher und Bostitch in den rechten Winkel. Die Putzfrau, die sein Pult abstaubte, störte allabendlich die Symmetrie. Immerhin lagen die Tageszeitungen sauber gefaltet auf seinem Pult. Während sein Computer mit dem Installieren von Updates beschäftigt war, sah sich Hutter die Presse durch. Überall waren sie auf der Frontseite, sogar in den überregionalen Blättern. Eine Tote im Museum hatte zweifellos Glamour. Leider ließ sich das von ihm auf den Bildern nicht sagen. Er sah mit der glänzenden Stirn, dem zerknitterten Hemd und der schief sitzenden Krawatte aus wie eine billige Kopie des berühmten TV-Inspektors Columbo. Außer dass bei dem nie Schweißtropfen zu sehen waren. »Na ja«, meinte Hutter tröstend zu sich selbst und schaute mit leerem Blick auf den Bildschirm, der immer noch keine Arbeitsoberfläche zeigte.
»Möchten Sie einen Kaffee?« Lisa Lehmann hätte in einem Pflegeberuf bestimmt eine blendende Figur gemacht. Fehlte nur noch die Frage: »Wie geht es uns denn heute?«
»Hmm?«
»Kaffee?«
Die Konversation zwischen Hutter und Lehmann beschränkte sich tatsächlich auf das Wichtigste. Sie vernahm ein undeutliches Grunzen, das sie als »Ja« interpretierte. Als sie mit dem Becher schlechten Automatenkaffees zurückkehrte, hackte Hutter mit dem Zeigefinger der rechten Hand sein Passwort in die Tastatur.
»Haben wir was?«, fragte er eher beiläufig.
»Sagte ich doch schon.«
»Ach so.«
Seine Eingabe hatte Erfolg, und endlich erschien die Arbeitsoberfläche.
»Haben sich Zeugen gemeldet?«
»Das auch. Aber ich habe was viel Interessanteres …« Lehmann wartete auf eine Reaktion ihres Chefs. Als diese ausblieb, schob sie freiwillig nach: »Es gibt Bilder der Tatnacht von der Überwachungskamera im Foyer des Museums.«
»Soso … Gut!«
Mann mit Hut
Sie fuhren in einem Zivilauto vor. »Nur kein unnötiges Aufsehen«, hatte ihm Polizeikommandant Wiesendanger eingeschärft, im Wissen darum, dass Hutter in den vergangenen Jahren selten eine Anstrengung unternommen hatte, die über das Nötigste hinausging. »Winterbergs und Regierungsrat Streuli sind so.« Dabei ließ Wiesendanger seine Zunge herausquellen und verdrehte die Augen. Eine Geste, die Hutter als obszön empfand.
»Keine Sorge.« Hutter wollte auch bei seinem Chef kein ganzer Satz gelingen. »Eine Befragung. Wegen dem Bild. Das fehlt.« In Brocken würgte er die Informationen heraus.
»Sie wissen, was zu tun ist«, beendete Wiesendanger das Gespräch. Hutter war auf dem Beifahrersitz während der Fahrt nach Conradsberg kurz eingenickt. Lisa Lehmann, die das Auto steuerte, nahm dies als Kompliment für ihren umsichtigen Fahrstil. Genauso wie das »Soso«, mit dem Hutter ihre Entdeckung auf den Aufnahmen der Überwachungskamera kommentiert hatte: Ein Mann – das Gesicht war nicht zu erkennen, da er einen breitkrempigen Hut trug – betrat um 21.14 Uhr das Museum. Er wurde von Amélie Cohen am Eingang abgeholt, ging mit ihr in den ersten Stock und trat aus dem Bereich, der von der Kamera erfasst wurde. Um 21.22, nur acht Minuten später, verließ der Unbekannte das Gebäude wieder auf demselben Weg, freilich ohne Begleitung. Zeitlich passte das hervorragend mit dem vermuteten Todeszeitpunkt zusammen. Leider boten die weiteren Kameras, die vor dem Museum den Verkehr überwachten, keine neuen Informationen. An jenem Abend herrschte dicker Nebel. Für einen weiteren Zeugenaufruf war das Bildmaterial definitiv zu schlecht: Gesucht wird ein Mann, der Hut trägt – lächerlich!
»Sind wir denn wenigstens sicher, dass es ein Mann ist?«
»Er ist bestimmt über 1,80. Sein Gang und die ganze Postur. Vor allem die Aufnahmen, in denen er neben Amélie Cohen geht: ganz eindeutig ein Mann.«
»Immerhin minus 50 Prozent.«
Mit dieser Erkenntnis klingelten Hutter und Lehmann an der Pforte von Schloss Conradsberg. Sie wurden von Monika Reuter empfangen, der Haushälterin und guten Seele des Schlosses. »Ihr Besuch wurde angekündigt. Frau Winterberg erwartet Sie im Salon. Möchten Sie eine Tasse Tee?«
»Hmmpf?«
»Ja gerne!«
Ein Landei auf dem Schloss
Ich stand an dem Nachmittag in der Küche und schälte Zwiebeln. Sie müssen wissen, Winterbergs lieben Zwiebeln. Ist ja auch kein Problem, bei getrennten Schlafzimmern. Ich ahnte nicht, dass der heutige Besuch derart weitreichende Folgen haben würde. Der Herr Kommissar und seine Begleitung machten nämlich einen sehr anständigen Eindruck, so was erkenn’ ich auf den ersten Blick.
Sie werden mich nicht kennen: Ich bin Monika Reuter. Seit über 40 Jahren arbeite ich für die Familie. Als ich auf Schloss Conradsberg begann, war der Herr Winterberg frisch verheiratet mit der Gabriela, der ersten Frau Winterberg. Mei, war das eine gute Frau. So was von kultiviert! Hatte nie ein strenges Wort, auch nicht für uns Bedienstete. Und obwohl in jenen Jahren die beiden Kinder, die Stephanie und der Alexander, zur Welt kamen, hat sie immer mitgeholfen, zum Beispiel bei den großen Banketts, die der Herr Winterberg damals oft ausrichten ließ. Geschäftsfreunde aus der Brauerei- und Gastro-Welt. So viel Glanz in dieser Hütte. Ach, da werde ich ganz sentimental!
Für mich, das Landei aus Bayern, war die Anstellung auf Schloss Conradsberg die große Chance. Ich wuchs in ganz einfachen Verhältnissen auf, müssen Sie wissen. Auf dem Land, auf einem Bauernhof. Ein hartes Leben, das meine Eltern da führten. Sie waren zufrieden damit, aber ich sollte es einmal besser haben. Was sich halt Eltern jener Generation, die noch den Krieg erlebt haben, für ihre Kinder wünschten. »Mädchen, geh in die Schweiz, in einen vermögenden Haushalt, und lern dort den Sohn kennen und heirate den, dann hast du ausgesorgt.« Ganz so weit kam’s nicht. Natürlich hat mir der Winterberg junior damals schöne Augen gemacht. Aber erstens war er bereits verheiratet, und zweitens … egal.
Ich fing als Kindermädchen für Stephanie, die Erstgeborene, in dem Haushalt an. Und als drei Jahre später Alexander als Stammhalter dazukam, hatte ich wirklich alle Hände voll zu tun. Zwei so hübsche, aber auch sensible Kinder. Vor allem die Steffi war viel krank. Wie viele Stunden saß ich an ihrem Bett und erzählte Geschichten? Noch heute sind wir beste Freundinnen. Und der Alexander? Das pure Gegenteil! Strotzte vor Gesundheit, war immer draußen in der Natur. Mit den Tieren konnte er es besser als mit den Menschen. Vor allem mit seinem Vater lag er sich als Teenager ständig in den Haaren. Den Betrieb sollte er mal übernehmen. Daraus wurde nichts. Auch jetzt, mit bald 75, ist der Vater noch der Chef der Brauerei. Oder er war es zumindest bis heute. Denn jetzt ist er fort, der Herr Winterberg, weggesperrt wie ein räudiger Hund.
Verräterische Bilder
»Schrecklich das Ganze, einfach schrecklich! So ein junges, hoffnungsvolles Leben, einfach ausgelöscht.« Christina Winterberg wirkte ehrlich erschüttert und bestätigte Hutter und Lehmann, dass Amélie Cohen das gestohlene Bild selbst ausgewählt hatte, weil es anscheinend gut zum Konzept der Ausstellung passte. »Und Köpfe waren ja wirklich drauf.«
Da fiel Hutter etwas ein: »Gibt’s zufälligerweise ein Foto des Bildes? Könnte bei der Dingens … Suche helfen?«
»Ich glaube nicht. Aber ich kann ja mal meinen Mann fragen. Schließlich ist er darauf abgebildet, als kleiner Junge.«
»Ja, bitte, tun Sie das.«
»Weiß man überhaupt, warum das Bild gestohlen wurde? Es war ja wohl nicht besonders viel wert, außer für die Familie.« Christina Winterberg erhielt keine Antwort. Lehmann schrieb eifrig Notizen in ihren Block, während Hutter scheinbar teilnahmslos in sein iPad starrte.
»Nicht, dass es unserer Familie jemals ums Geld gegangen wäre. Ich glaube, das Bild war nicht einmal versichert.« Bleiernes Schweigen machte sich breit. Nur das Klappern des Teelöffels war zu vernehmen, als Frau Winterberg den letzten Schluck aus der Tasse getrunken hatte. »Wenn weiter nichts ist?«
»Hmm?« Hutter schien in dem Moment aus einem geistigen Tiefschlaf aufzuwachen. Die Gastgeberin stand auf, kurz darauf Lisa Lehmann. »Tja, dann«, sagte Hutter und erhob sich mühsam aus den Niederungen des Ledersofas, das dabei sehr missverständliche Geräusche machte. Der Weg zurück zum Ausgang führte durch einen dunkel getäferten Gang und eine ausladende Treppe nach unten. Da Hutter nicht den Anschein erweckte, sich ordentlich zu verabschieden, sprang Lisa Lehmann ein. »Also vielen Dank, Frau Winterberg. Sie haben uns sehr geholfen.«
Hutter ließ beiläufig seinen Blick über die Wände in der Eingangshalle von Conradsberg gleiten, als er kurz innehielt. »Der Mann da?« Von der Wand her verfolgte der Hausherr mit strengem Blick die Verabschiedungsszene. »Der Robert?« Christina musste schmunzeln. Nicht zum ersten Mal machte das große Porträt Eindruck auf Besucher des Schlosses.
»Das wäre dann mein Mann.«
»Ach ja. Gut, gut. Und wo finden wir den jetzt?«, fragte Hutter.
Monika Reuter, die noch immer die Türklinke in der Hand hielt, ahnte, dass die Frage nichts Gutes bedeutete. Sie schaute bevorzugt TV-Krimis und witterte Unheil.
Der König als Cowboy
Vier Tage nach dem Mord
»Ich, als Letzter am Tatort?«
»So schaut’s aus. Ich habe die Aufnahmen der Überwachungskamera gesehen«, antwortete Sebastian Hess. Der schmierige Mittfünfziger war mit allen Wassern der Paragrafenwelt gewaschen. Die Übernahme von aussichtslosen Fällen im oberen Preissegment war seine Spezialität. Seit er Winterberg bei der Bierkartell-Sache und später beim Unglücksfall »Gabriela Winterberg« vertreten hatte, war er der Anwalt der Familie.
»Ja so ein Schmarren!«
»Der Hut. Der hat dich verraten.«
»Bin ja nicht der Einzige, der im Winter mit Hut rumläuft.«
»Aber ein Stetson, ich bitte dich!«
»Ich bezahl dich, und darum hast du mich nicht zu bitten, verdammt!« Winterbergs Wutausbrüche waren berüchtigt.
Hess musterte seinen Mandanten kritisch. Hoffentlich nahm sich der Mann in entscheidenderen Momenten zusammen. »Vergiss nicht, wo du bist. Du sitzt hier in U-Haft. Erster und bislang einziger Verdächtiger in einem Mordfall. Vielleicht sollte der Cowboy mit dem auffälligen Stetson spätestens jetzt langsam von seinem hohen Ross runtersteigen.« Hess genoss den kurzen Triumph.
»Du holst mich hier raus! Hörst du?« Winterberg legte so viel Schärfe wie möglich in seine Worte.
Hess lehnte sich entspannt zurück. »Ja, ich höre. Zum Beispiel gerne die Antwort auf meine Frage, ob du vergangenen Donnerstagabend im Kunstmuseum bei Amélie Cohen warst?«
Winterberg spürte, wie ihm das Blut zu Kopfe stieg. Er ballte die Faust und wollte sie diesem selbstgerechten Arschloch vis-à-vis nur zu gerne ungebremst auf die Nase schlagen.
»Also?«
»Ja.« Winterberg besann sich auf seine Optionen. »Also ja: Ich war letzten Donnerstag im Kunstmuseum. Amélie, also Frau Cohen, wollte mit mir als Hauptsponsor noch die letzten Details für die Vernissage besprechen. Wem sonst noch zu danken war, ob ich das Wort ergreifen wollte. So Kleinigkeiten halt.«
»Und dann?«
»Was und dann? Bin ich nach wenigen Minuten wieder gegangen.«
Das immerhin stimmte mit den Bildern der Überwachungskamera überein.
»Und Frau Cohen?«
»Hat noch gelebt. Was denkst du denn?«
Hess dachte an die Unbeherrschtheit seines Gegenübers, sagte aber nichts dazu.
»Was ich denke? Das, mein lieber Winterberg, ist nicht die Frage. Die Frage ist: Was denkt der Haftrichter, der über deine Situation hier entscheidet.«
Monika stößt wen von der Bettkante
Für mich als Haushälterin ist es erstaunlich, wie sich die Energie im Haus geändert hat, seit Herr Winterberg weggesperrt ist. Es fühlt sich an, als ob es hier ein Vakuum gäbe, das niemand füllen kann. Sie müssen wissen, seine Präsenz dominiert einen Raum. Er ist groß, das haben Sie ja selber gesehen, aber ich sage Ihnen: Sein Ego übersteigt seine Körpergröße noch bei Weitem. Fragen Sie mal seine Kinder. Und dem schönen Geschlecht war er nie abgeneigt. Seine Frauen, ich mein die, mit denen er verheiratet war, die arrangierten sich und schauten weg, wenn Sie wissen, was ich meine. Das bleibt jetzt aber unter uns! Nicht dass Sie denken, ich wäre so ein Tratschweib, gell!
Die Frau Winterberg, also die jetzige, die neue, versucht zwar, so gut es geht, den Schein zu wahren. Sie spielt Alltag wie immer. Aber mich führt sie nicht an der Nase rum. Die ist doch total verunsichert. Wenn Sie mich fragen, zweifelt die nämlich auch an Roberts Unschuld. Darf sich das aber nicht anmerken lassen. Eine Frau Winterberg lässt sich nie etwas anmerken. Schon gar keine Zweifel. Ich sag’s Ihnen, wie’s ist: Ein Wunder ist’s! Ein Wunder, dass das alles so lange gut ging. Der Winterberg und seine Weibergeschichten. Was ich da alles gesehen und gehört hab in all den Jahrzehnten. Das geht auf keine Kuhhaut. Keiner Versuchung konnte der widerstehen, nicht einer! Und die Frauen? Ja, ich hab da so meine Theorie: Geld und Macht scheinen immer noch eine fatale Wirkung zu haben, das lähmt den präfrontalen Cortex, wo die Vernunft hocken tät, wenn sie denn zu Hause wäre. Und so kommt das eine zum anderen, wenn Sie wissen, was ich meine.
Schauen Sie: Ich habe mir nie viel aus Männern gemacht. Damals beim Maibaum in Altötting, da wo ich herkomm’, das habe ich ja schon erzählt, gell. Da habe ich früher schon bemerkt, wie die sich um mich bemühen, die jungen Burschen. Ich sag jetzt nicht, dass ich eine alte Jungfer bin, aber ich war schon immer sehr wählerisch. Darf ich offen reden? Ich find ihn halt einfach nicht so schön: den Mann an und für sich und sein Drumherum. Da kratzt und schabt er, und dann ist er zudringlich und dafür meist zu schwer. Mir war das immer eher unangenehm. Heut’ noch mehr als damals. Soweit ich mich erinnere. Ich habe das Thema abgeschlossen. Also die Sache mit den Männern.
Meinen Sie, ich habe nicht gemerkt, wie sich der Winterberg damals an mich rangemacht hat? Natürlich habe ich das gemerkt. Da kommt die Frau Winterberg zweimal hintereinander nieder, da war dann halt zweimal einige Wochen Pause. Also zwischen den beiden. Da tut sich der Winterberg natürlich schwer damit: sein Verlangen im Hosenstall zu halten. Da war er bei mir aber an der falschen Adresse, das sag ich Ihnen. Nicht, dass ich mal hätte Nein sagen müssen, so weit kam’s zum Glück nicht. Aber eine sensible Frau wie ich spürt auch schon Vorstufen dazu. Und das war schwierig genug. Der Winterberg war also der letzte Mann, den ich sozusagen von der Bettkante gestoßen habe. Aber es gibt ja auch andere Wege, glücklich zu sein. So emotional, im weitesten Sinne, wenn Sie wissen, was ich meine. Gell, das haben Sie schon vermutet! Selbst ist die Frau.
Die Enthüllung
Drei Tage nach dem Mord
»Wir machen das R I E S I G.« Gustav Fromm war außer sich. »Das ist ein Geschenk. So was bekommt man höchstens einmal in zehn Jahren. Höchstens, sag ich dir.« Fromm war eigentlich ein Scheiß-Chefredaktor, zu Höherem geboren, glaubte er von sich selbst, als zu einem Provinzblatt am Rand der Schweiz. Seine neoliberalen Ansichten machten ihn zwar zum Liebkind der Werbekunden aus Gewerbe und Industrie. Mit seiner Redaktion lag er sich aber regelmäßig in den Haaren, nicht nur politisch, sondern auch was Arbeitsethos wie Überstunden oder Bonuszahlungen anging. Oliver Tschanz schien die Euphorie seines Chefs nicht ganz zu teilen. »Was hockst du denn jetzt da wie sieben Tage Regenwetter. Weil Sonntag ist und du arbeitest? Pack schon mal die großen Buchstaben aus.« Tschanz rührte sich nicht.
»Von wem hast du denn den Tipp bekommen?«, fragte Fromm.
»Gustav, du weißt doch: Quellenschutz. Ich möchte dich und deine Freunde nicht in Verlegenheit bringen.« Damit spielte Tschanz auf die enge Verflechtung des Chefredaktors mit der Finanz- und Wirtschaftswelt an.
»Wie du meinst. Ich bedauere dein Misstrauen. Aber schütz du halt den Verräter. Denn die Geschichte ist zu gut, um deswegen einen Keil zwischen uns zu treiben, oder?« Fromm erhielt keine Antwort und fragte stattdessen: »Und das Ganze ist immer noch exklusiv?«
»Wenn du auf eine Bestätigung der Polizei oder Staatsanwaltschaft verzichten kannst …«
Fromm überlegte kurz. Was war das wert? Die Beamten aufscheuchen, auf die Gefahr hin, dass eine Stunde nach der Anfrage eine Medienmitteilung rausging und es alle hatten. Nein: Einmal in zehn Jahren wollte er eine Geschichte für sein Blatt allein. Er drehte sich ein weiteres Mal in seinem Bürostuhl, um etwas Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. »Mach’s! Ohne Bestätigung. Wenn du der Quelle vertraust, vertrau ich dir.«
Tschanz war überrascht von seinem Chef. »Ich geh noch schnell für kleine Jungs, hole einen Kaffee und mach mich an die Arbeit.« Fromm war die Reihenfolge zwar zutiefst zuwider. Aber er schwieg. »Uhrenvergleich: 17.13 Uhr. In zwei Stunden treffen wir uns wieder hier. Bereit zur Abnahme!«
Christina friert
Tag der Verhaftung
Natürlich war das für mich ein Schock! Wo denken Sie hin? Robert kam im Wagen mit den Beamten von der Brauerei zurück aufs Schloss. Wortlos ging er an mir und der Haushälterin Monika vorbei nach oben. In der ersten Etage hörte ich eine Tür knallen. Der kleine dicke Kommissar und das dünne Etwas an seiner Seite standen verlegen herum.
»Können wir Ihnen etwas zu trinken anbieten?« Ich hätte mich für die blöde Frage ohrfeigen können.
»Danke. Aber wir hatten bereits das Vergnügen.«
»Darf ich fragen, was los ist?«
»Ihr Mann begleitet uns auf den Posten. Haben da noch das eine oder andere zu klären.«
Da standen wir und schwiegen. So eine Szene sieht man ja häufig in Krimis im Fernsehen. Aber wenn man selber drinsteckt, ist es doch ganz anders. Tausend Gedanken, das sag ich Ihnen. Da ging oben zum Glück endlich die Tür und beendete das Schweigen. Robert kam mit einer Reisetasche in der Hand nach unten. Das war ein komisches Signal. Seit wann reist man zu einer Befragung mit Gepäck?
»Bereit.« Im Vorbeigehen gab mir Robert einen flüchtigen Kuss auf die Wange und nickte der Monika zu. Und weg waren die drei. Vielleicht hätte ich da einschreiten müssen. Mit Anwälten drohen, mich vors Auto werfen. Aber der Schock, Sie wissen. Robert war so beherrscht, als hätte ihm jemand den Stecker gezogen. Keine Energie mehr, kein Widerstand. So kannte ich ihn gar nicht.
Natürlich vermutete ich, dass es etwas mit dem »Ableben« der Kuratorin zu tun hatte. Vielleicht eine Befragung wegen des Geldes, schließlich unterstützte Robert das Projekt monetär großzügig. Aber weshalb die Reisetasche?
Der 12. Januar war ein kalter, ungemütlicher Wintertag. Und als Robert Conradsberg verließ, schien die Temperatur noch um einige Grade mehr zu fallen. Mich fröstelte. Monika und ich schauten wortlos dem Auto nach, als es gemächlich die Schlosseinfahrt hinunterfuhr. Ich spürte, dass nun ein neues Kapitel in unser aller Leben aufgeschlagen wurde. Darf ich ehrlich zu Ihnen sein? Der Gedanke gefiel mir.
Fette Schlagzeile
BRAUEREIKÖNIG VERHAFTET
Nach langem Feilschen einigten sich Tschanz und Fromm auf die Schlagzeile der morgigen Titelgeschichte. Tschanz wollte erst den Namen »Winterberg« unterbringen. Fromm riet davon ab. Danach flocht er zusätzlich zweimal den Begriff »Unschuldsvermutung« in den Text ein. Natürlich setzte sich Fromm durch und Tschanz leistete ungewöhnlich wenig Widerstand. »Gute Arbeit, Oliver!« Fromm rang sich nach seinem Kompliment noch ein Lächeln ab. »Da bleiben wir jetzt dran, an der Geschichte. Also ich mein: Du bleibst da dran. Exklusiv. Hörst du? Der Winterberg hängt an deinem Haken. Nach dem Artikel ist er geliefert. Der Schlossherr von Conradsberg hinter Schloss und Riegel. Was für eine grandiose Fallhöhe.«
Tschanz drehte lustlos sein Plastiklöffelchen in der Kaffeebrühe. »Recherchier den aus!« Fromm geriet in Fahrt. »Ich wette, der hat noch mehr Dreck am Stecken. Garantiert!« Da war sie dahin, die Unschuldsvermutung. »Frag Geschäftspartner, ehemalige Angestellte, Geliebte! Dreh jeden Stein um!« Fromm schien nach Jahren der routinierten Lethargie auf der Redaktion einer Lokalzeitung aufzuwachen. Er fühlte sich ein bisschen wie damals, als er mit dem Journalismus begonnen hatte, die Ressourcen noch nicht auf ein Minimum zusammengekürzt waren, es noch Zeit gab, Geschichten zu recherchieren. Heute bestand der Rechercheaufwand großenteils darin, im Internet anderen über die Schulter zu schauen. Der fleißigste Mitarbeiter hieß »copy paste«. Doch jetzt trieben sie für einmal die Sau durch das Dorf. Deshalb irritierte es Fromm, wie wenig Euphorie Tschanz an den Tag legte. »Oder willst du, dass ein anderer die Geschichte weiterverfolgt?«
»Nein, sicher nicht! Ich mach das. Es ist nur …«, Tschanz suchte offensichtlich nach Worten. »Gustav, ich habe grad auch einen persönlichen Trauerfall zu bewältigen.«
Chefredaktor Fromm hielt einen Moment inne und schaute irritiert zu seinem Angestellten. »Sag nur, das stimmt, was alle erzählen.«
»Ja.«
»Die Amélie und du?«
»Befreundet.«
»Eng?«
Tschanz schwieg.
»Wie eng?«
Oliver Tschanz stand auf, verließ das Redaktionsbüro und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Fromm pfiff leise durch seine Zähne, was in etwa mit »verdammt und zugenäht« zu übersetzen war. Er war sich sicher, Tschanz würde nicht allzu lange trauern und schon bald die nächste Schlagzeile im Fall Winterberg liefern.
Monikas Geständnis
Ja gut, ganz sauber war das nicht. Aber es wäre ohnehin rausgekommen, eher früher als später. So ein Winterberg verschwindet nicht von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche und niemand merkt’s. Und für mich sind 100 Franken viel Geld. Genau: die Augenzeugen-Hotline des Anzeigers. »Sehen Sie etwas, was alle interessiert? Werden Sie Leser-Reporter! Telefonieren und kassieren.«
Wissen Sie, ich werde anständig bezahlt von den Winterbergs. Zweimal im Jahr mach ich kurz Ferien und fahre nach Hause, nach Altötting. Ich habe dort noch einen jüngeren Bruder, der den Hof meiner Eltern übernommen hat. Den besuche ich und kann dort umsonst wohnen. Den Hunderter bekommt er das nächste Mal, weil essen tu ich auch immer gratis. Höchste Zeit, ihm was zu spendieren. Ich bin nämlich ein guter Mensch, im Herzen.
Deshalb habe ich kein schlechtes Gewissen. Das ist doch kein Verrat, das ist, wie soll ich sagen: Monetarisierung von Wissen. Und glauben Sie mir, ich habe lange genug zugeschaut und geschwiegen. Da hat sich ein gewisser Nachholbedarf gebildet, angestaut, wenn Sie wissen, was ich meine. Außerdem habe ich dem Winterberg ja nicht geschadet damit, oder? In die Schwierigkeiten hat der sich schließlich selbst gebracht, Häuptling Silberlocke, wie wir Angestellten ihn halb scherzhaft, halb bewundernd hinter vorgehaltener Hand nennen. »Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht«, das passt doch super zu einem Brauereikönig? Der Journalist am Telefon war übrigens sehr freundlich und hat hoch und heilig versprochen, dass niemand meinen Namen erfährt, auch nicht sein Chef. Der Quellenschutz sei eines der höchsten Güter und so. Ich glaub dem Herrn Tschanz vom Anzeiger. Darum war ich auch einverstanden, mich einmal mit ihm zu treffen, in den nächsten Tagen.
Es wird gerichtet
Fünf Tage nach dem Mord
»Mein Mandant äußert sich nicht weiter zum Tötungsdelikt Cohen.« Bevor der Winterberg vor Gericht eine Szene macht, wollte Sebastian Hess Zeit gewinnen und gleichzeitig die Veranstaltung so kurz wie möglich halten. Gertrud Hofstetter, die zuständige Haftrichterin, schaute über den Rand ihrer Lesebrille. Erst auf Winterberg, der schweigend auf den Boden starrte, dann zu Hess. »Nun gut, wie Sie meinen.« Hofstetter sah sich kurz die Akten durch und fuhr fort: »Wenn ich die Sachlage richtig überblicke, bestreitet Robert Winterberg nicht, am fraglichen Abend …«, sie konsultierte kurz eines der Blätter, die vor ihr ausgebreitet lagen, »… am Donnerstag, dem 10. Januar 2019, im Kunstmuseum Kreuzlingen Amélie Cohen getroffen zu haben. Das beweisen im Übrigen auch die Bilder der Überwachungskamera, die im Eingangsbereich des Museums installiert ist. Beim Inhalt des Gesprächs habe es sich – ich zitiere Robert Winterberg: ›… um Belanglosigkeiten im Vorfeld der Ausstellungseröffnung gehandelt.‹ Einzelheiten der Ansprache, zum Beispiel die genaue Formulierung der Dankesworte et cetera. Nachdem schnell Einigkeit geherrscht hatte, verabschiedete er sich von Frau Cohen. Das spätere Opfer habe sich bester Gesundheit und Laune erfreut, als er das Museum um genau 21.22 Uhr verlassen hatte. Ist das korrekt so weit?« Haftrichterin Hofstetter blickte zu Sebastian Hess.
»In der Tat.«
Winterberg schwieg weiter. »Gut, denn …« Die Haftrichterin rückte ihre Brille zurecht: »Es ergeht folgender Beschluss: Ich ordne eine Verlängerung der Untersuchungshaft gegen Winterberg, Robert, geboren am 20. Januar 1942, wohnhaft auf Schloss Conradsberg bei Seedorf, an. Nach meiner Meinung besteht eine akute Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Dieser Entscheid gilt bis Ende Monat. Dann wird eine neue Haftprüfung stattfinden.« Robert Winterberg nahm den Entscheid scheinbar ungerührt entgegen. Sebastian Hess dagegen sagte: »Wir werden eine Beschwerde gegen diese Verfügung prüfen.« Ein Polizist begleitete Winterberg zu einem grauen Lieferwagen, der ihn zurück in seine Zelle fuhr.
Famdöbusonbra
»Also! Der stiehlt sein eigenes Bild? Wie wahrscheinlich ist das denn?« Lisa Lehmann knibbelte gedankenverloren an einem Pickel an ihrem Kinn, der seit Tagen keine Ruhe gab.
»Aber irgendwie …«, fing Hutter an, sein Satz endete so abrupt wie eine Welle, die kurz vor dem Strand in sich zusammenfällt.
»Wer, wie und vor allem warum?« Lehmanns Tage in der Polizeischule lagen noch nicht so weit zurück. »Wer? Winterberg. Ich sehe keine Alternative«, gab sie sich selbst zur Antwort. »Jedenfalls sieht man keine andere Person beim Betreten oder Verlassen des Museums.«
»Hmm!« Mehr als ein halbzufriedenes Grunzen erntete sie nicht von ihrem Chef.
»Wie? Zum Beispiel unter dem weiten Mantel, den er trägt. Und warum? Weil er die Tatwaffe verschwinden lassen muss. Und die zufälligerweise auch noch einige Millionen wert ist.«
»Ja, aber …« Hutter schienen Lehmanns Vorschläge nicht ganz zufriedenzustellen. »Das eigene. Das von sich. Macht doch keinen Sinn. Irgendwie.«
»Ein Ablenkungsmanöver?«
»Ich weiß … nicht … so recht.«
»Famdöbusonbra ist …«, nahm die Praktikantin einen neuen Anlauf.
»Was?«
»63,7 Zentimeter.«
»Nein, das vorher.«
Lisa Lehmann war es peinlich. Französisch passte zu ihr wie zu einem Fisch das Leben an Land. So schob sie ihrem Chef den Computerausdruck unter die Nase.
Femme debout, sans bras
65,1 x 11,3 x 21 cm
1958
»Hmm …« Hutter schien nachzudenken, obwohl man ihm das nie so deutlich ansah. »Möglich.« Lehmann sah das als Bestätigung ihrer Theorie, dass der Täter, also Winterberg, die Statue unter seinem Mantel nach draußen geschafft hatte.
»Das Stück Metall ist mehrere Millionen wert, auf dem freien Markt unmöglich zu verkaufen, sagen die Kollegen Kunst-Spezialisten in Zürich. Wird laut ihrer Ansicht irgendwo im Safe eines vermögenden Kunstliebhabers landen. Weshalb nicht auf Schloss Conradsberg?«
Lehmann schaute zu, wie ihre These langsam in Hutter versickerte.
»Hausdurchsuchung!«
Ein Schritt geradeaus
Wie viel ist ein Fick wert? Nicht ein exorbitanter. Eher so einer für eine laue Sommernacht, die man nicht allein verbringen mag. Ich sehe, Sie zögern mit der Antwort. Einige der Leserinnen schütteln sogar empört den Kopf: was für eine Frage! Während die meisten der Herren ernsthaft darüber nachdenken. Machen Sie es sich nicht so schwer. Ich sage Ihnen: Kein Fick der Welt ist jedenfalls das hier wert. Übrigens: Selbstbefriedigung ist möglich. Außer den regelmäßigen Kontrollgängen des Wachpersonals gibt es unbeobachtete Augenblicke. Aber einen Funken Selbstwertgefühl und Anstand haben die einem gelassen, sogar hier. Schmuck, Schuhbändel, Handy, alles muss man abgeben. Aber Scham und Würde, den Schmarren durfte ich mitnehmen in die Zelle.
Ich bin kein schlechter Mensch, hören Sie! Schreiben Sie mich nicht zu schnell ab. Ja, vor allem Sie, meine Damen. Leider sind wir uns nie persönlich begegnet, weil Sie sonst … Was sagen Sie? Zum Glück sind wir uns nie begegnet. Das ist jetzt sehr taktlos. Denn ich mag Menschen, auch Sie. Wo wäre ich denn ohne all die Leute, die Bier trinken? Genau: Menschen sind mein Geschäftsmodell. Darum habe ich alles Interesse daran, dass es ihnen gut geht. Und sie wacker Durst haben.
Sie tut mir wirklich leid, die Amélie. Ich mochte sie: Sie war ehrgeizig, klug und ausgesprochen hübsch. Auch charmant konnte sie sein; und im nächsten Augenblick aufbrausend. Ich wusste nie so richtig, woran ich bei ihr war. Glauben Sie mir: Kaputt machen würde ich so etwas nie, das gebe ich Ihnen jederzeit schriftlich! Jedenfalls war da nie Gewalt. Immer alles einvernehmlich, wie man dem heute sagt. Ich sag es Ihnen, wie’s ist: Amélie war alles in allem großartig. Aber ein Unschuldsengel war sie nicht. Im Gegenteil. Die hat sich genommen, was ihr genützt hat. Da war ich ein Teil davon.
Jetzt ist sie tot. Und ich sitze hier. Außer ich gehe: ein Schritt geradeaus, eine Drehung um 90 Grad nach links, vier Schritte geradeaus, wieder im rechten Winkel nach links, ein Schritt, die Drehung und noch einmal vier Schritte.
Familienidyll
Juni 1942
Mit den Bewegungen eines alten Mannes ging Conrad Winterberg zum Volksempfänger. Seit seiner Verwundung im vergangenen Winter hatte er ständig Schmerzen in seiner Schulter. Ein glatter Durchschuss hatte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. So war er, mit einem der letzten Verwundetentransporte, der Hölle Stalingrad entkommen, wo er als Freiwilliger gekämpft hatte, für Führer und Vaterland. Winterberg war der Überzeugung, die Zukunft Europas würde von Adolf Hitler gestaltet werden. Dem Mann, der jetzt hysterisch aus dem Radio krakelte, der Feind werde zurück ins Meer geworfen und der Endsieg stünde kurz bevor. Conrad Winterberg hatte Zweifel, wollte es aber glauben, dass der Krieg nicht verloren war. Ihn hatte er mit Stahlgeschäften reich gemacht. Für ihn war der Krieg vorbei. Er hatte zu jenen rund 2.000 Schweizer Männern gehört, die freiwillig in der Waffen-SS gedient hatten. Nach dem Verbot des Söldnerdienstes von 1927 hätte sich Conrad Winterberg eigentlich vor einem Militärgericht verantworten müssen. Doch seine Familie war schon damals einflussreich gewesen, und so war er offiziell als Geschäftsmann im Dritten Reich unterwegs, nicht als mordender Scherge an der Ostfront.
Zurück in der Schweiz konnte er sich unbehelligt seinen Geschäften widmen und seiner jungen Familie. Wobei, eine richtige Familie waren sie eigentlich nicht. Conrad Winterberg hatte im Lazarett vom Tod seiner Frau Hildegard erfahren. Als er nach Deutschland gegangen war, hatte er noch nichts von ihrer Schwangerschaft gewusst. Die freudige Nachricht, er sei Vater von gesunden Zwillingen, erreichte ihn an der Ostfront, zusammen mit der traurigen Botschaft, Hildegard sei bei der Geburt gestorben. Unter dem Stakkato der Stalinorgeln hatte Conrad eine Träne um seine Frau geweint. Mehr Zeit blieb nicht. Vielleicht war dies einer der Gründe, weshalb er nach seiner Rückkehr in die Schweiz nie ein inniges Verhältnis zu seinen Söhnen entwickelt hatte. Die Erziehung der Zwillinge Robert und Richard oblag dem Kindermädchen, an dessen Name sich Conrad Winterberg später nicht mehr erinnerte.
Sie hieß Colette und kam aus dem Elsass, aber das sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Für den heutigen Tag hatte sie die Kleinen in Anzüge gesteckt und ihnen die Haare ordentlich gekämmt. Den Hemdkragen des Patrons hatte sie zweimal gebügelt und mit so viel Stärke behandelt, dass er Conrad würgte. Wieder und wieder steckte er den Zeigefinger in den Kragen, zog daran und verschaffte sich so etwas Luft. Eigentlich hätte sich Winterberg lieber um seine Geschäfte gekümmert, anstatt wieder ein paar Stunden in diesem Ohrensessel zu sitzen. Porträtmaler Niklaus Mock hob das angefangene Bild auf die Staffelei. Er prüfte es und arrangierte Winterberg: »Etwas nach links, bitte, nur ein bisschen! Sehr schön.«
Die Zwillinge ließ er am Boden sitzen und mit einem Holzpferd spielen. Sie würde er erst ganz zum Schluss ins Bild einarbeiten. Vielleicht spielend vor dem Salontisch mit der Porzellanvase. Hunderte solcher Familienporträts hatte Mock schon gemalt. Doch hier musste er selbst zugeben, es wäre perfekt gewesen, wenn es auch eine Mutter gegeben hätte. Stilvolle Kleidung, elegantes Ambiente, alles sehr geschmackvoll. Noch bevor der Herbst kommen würde, sollte das Bild fertig sein und Mock hätte für ein paar Monate keine finanziellen Sorgen mehr. Vielleicht ging der Krieg bald zu Ende und es ginge wieder aufwärts. Im Gegensatz zu seinem Kunden glaubte Mock nicht an den Endsieg. Er hoffte auf einen Sieg der Alliierten. Die Nazis waren ihm ein Gräuel, auch wenn sie es waren, die ihm als Porträtmaler in den vergangenen Jahren ein Einkommen garantiert hatten. Mock setzte ein paar feine Striche auf die Leinwand, blickte zu seinen Modellen, ließ ein paar Striche folgen und hätte nie daran gedacht, sein Bild könnte Jahre später bei einem grausamen Verbrechen eine entscheidende Rolle spielen.
Ameisen im Schloss
Sechs Tage nach dem Mord
»Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Wenn Sie mir verraten, was Sie suchen. Ich weiß alles über diesen Haushalt. Sagen Sie mir einfach, was, und ich finde es.« Bei Monika Reuter waren sich die Beamten der Kapo Thurgau nicht sicher, ob es wahre Hilfsbereitschaft oder abgrundtiefer Sarkasmus war. »Aber bitte, wenn die Herren lieber selber …«, meinte sie beleidigt, als sie keine Antwort auf ihr Angebot bekam, und wandte sich wieder dem Abwasch zu.
Eine Etage höher war Christina Winterberg deutlich weniger entspannt als ihre Haushälterin, nachdem sie am frühen Morgen ungebetenen Besuch erhalten hatte. »Verdammt noch mal, nimm ab!«, murrte sie in ihr Handy. Seit Hutter ihr den Durchsuchungsbefehl unter die Nase gehalten hatte, versuchte sie vergeblich, Sebastian Hess zu erreichen. »Wo ist das Arschloch, wenn man es mal wirklich braucht?« Sie saß hilflos im viel zu großen Sessel im Eingangsbereich des Schlosses und schaute den Beamten bei ihrem Treiben zu. Wie Ameisen verschwanden sie in alle Richtungen. Was gesucht werde, könne er leider aus ermittlungstaktischen Gründen nicht verraten, aber sie würden versuchen, die Umstände so überschaubar wie möglich zu halten, erklärte ihr Hutter ungewohnt wortreich.
»Ich bitte Sie: Erst nehmen Sie mir meinen Mann, nun meine Privatsphäre. Was haben wir verbrochen?«
»Genau das wollen wir herausfinden.«
»Und wie lange dauert das hier?«
»In Anbetracht der Größe des Anwesens …«
»Ja?«
»… rechne ich mit dem ganzen Tag.«
Christina Winterberg drückte die Taste für die Wahlwiederholung. Aber Hess reagierte weiterhin nicht. Hutter sah das Gespräch als beendet an und machte sich auf die Suche nach seinem SpuSi-Einsatzleiter. Immerhin wussten sie genau, was sie suchten: Das Team hatte sich den Gegenstand – 65,1 x 11,3 x 21 cm, Bronze – beim morgendlichen Briefing eingeprägt. »Einfach ein Metallstück also, okay?«, fasste Einsatzleiter Helfenberger den Auftrag wenig sensibel zusammen. »Kann ja nicht so schwierig sein.«
Tiefer Fall
Oktober 2009
Das Bild brannte sich in Roberts Erinnerung. Nie würde er vergessen können, wie Gabriela mit verdrehten Gliedmaßen auf diesen kalten grauen Steinen lag. Vom Altmann drang der letzte Schrei seiner Frau als Echo in sein Mark. Dann war es still, unerträglich still. Nur das Krächzen einiger Alpendohlen war zu hören und ein »Hilfe«. Robert Winterberg kniete an der Kante des Felsens, über den seine Frau in den Tod gestürzt war. »Hilfe«, schrie er noch einmal, doch für seine Frau kam jede Hilfe zu spät. Das bestätigte der Rega-Arzt, der mit dem Helikopter eingeflogen worden war. »Genickbruch«, analysierte er und hatte das Gefühl, es würde Robert Winterberg helfen, wenn er ihm versicherte, seine Frau hätte nicht leiden müssen, sie sei sofort tot gewesen.
Die Wanderung vom Restaurant Alten Säntis, wo sie die Nacht verbracht und ein ausgiebiges Frühstück genossen hatten, über den Lisengrat zum Rotsteinpass galt als gefährlich. Der scharfkantige Weg glich mehr einem Drahtseilakt als einer gemütlichen Wanderung. Links und rechts neben dem schmalen Weg fiel der Fels mehrere Hundert Meter senkrecht ab. Teilweise überwanden Leitern oder in den Felsen geschlagene Stufen fast senkrechte Passagen. An vielen Stellen sicherten Stahlseile die Königsetappe im Alpstein auf dem Balanceakt zwischen Alpstein und Toggenburg. Den Berggängern bot sich ein atemberaubender Blick, verlangte aber einiges an Kühnheit und unbedingte Schwindelfreiheit. Über beides verfügten die Winterbergs, die regelmäßig ausgedehnte Touren in anspruchsvollem Gelände unternahmen. Sicher, der ohnehin schwierige Weg war noch etwas gefährlicher als sonst. Unter dem wolkenlosen Himmel ließ die bitterkalte Nacht den Tau gefrieren.
»Die Rega fliegt Ihre Frau jetzt hinunter zur Schwägalp«, sagte der Leiter der Rettungskolonne. »Dort wird der Amtsarzt formell den Tod feststellen.« Der Gedanke kam Winterberg absurd vor. Wenn man etwas nicht mehr feststellen musste, dann den Tod seiner Frau. Er ließ sich erklären, dies sei nötig, um zu entscheiden, ob das Unglück als Unfall oder allenfalls als »Verschulden einer Drittperson« eingestuft werden sollte. »Mord?«, fragte Winterberg entsetzt. »Ich war alleine mit meiner Frau! Sie wollen mir unterstellen, ich hätte meine Frau …«
»Ich unterstelle Ihnen gar nichts! Reine Routine.«
»Sie ist gefallen, einfach so. Ausgerutscht! Gestolpert!«
»Das klären wir später.« Väterlich legte der Mann Winterberg die Hand auf die Schulter. »Sind Sie fähig, zu Fuß zurück zum Säntis zu gehen und mit der Bahn hinunterzufahren? Ich begleite Sie. Wir bringen Sie nach Hause.« Winterberg stand unter Schock, ging aber gleich los. Vorsichtig, mit kleinen Schritten. Der Rettungsleiter wich nicht von seiner Seite.
Im Polizeibericht stand später, Gabriela Winterberg sei bei einem Bergunfall ums Leben gekommen. Offensichtliche Beweise für ein Dritteinwirken wurden nicht gefunden. Dies verhinderte nicht das Aufkommen von Gerüchten, Robert Winterberg hätte sich seiner Frau entledigt. Natürlich flammten diese noch einmal auf, als dieser, nur knapp zwei Jahre später, seine zweite Frau heiratete, das viel jüngere ehemalige Fotomodell Cristina Forte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.