Kitabı oku: «Letzte-Hilfe-Kurs»

Yazı tipi:

Martin Prein

LETZTE HILFE

KURS

Weil der Tod

ein Thema ist

Aufgezeichnet von

Anita Groß


Für R.

Inhalt

Cover

Titel

X AUFTAKT

DIE GESCHICHTE DES „LETZTE-HILFE-KURSES“ – UND MEINE EIGENE

Vom Sanitäter zum Bestatter

Der Tod – ein Tabuthema?

Warum wir alle einen Letzte-Hilfe-Kurs brauchen

X HINFÜHRUNG

WAS MACHEN DIE TOTEN MIT UNS LEBENDEN?

Die Strahlkraft der Leiche

Das Leichentabu – eine Spurensuche

Gibt es ein Leichengift?

Die kulturelle Dimension: Mythen und Abwehrrituale

Unerwünschter Grenzverkehr: von Wiedergängern und Nachzehrern

Das Gesetz der Serie?

Wenn die Ratio versagt

Die Aura des Todes und ihre Macht über uns

Das widersprüchliche Empfinden im Angesicht des Todes

X PRAXISTEIL 1

SOLIDARITÄT UND SELBSTBESTIMMTHEIT FÜR BETROFFENE

Was löst der Leichnam in uns aus?

Wenn das Abschiednehmen verwehrt bleibt

Schon ganz oder doch nicht ganz begreifen können?

Die Bedeutung des emotionalen Teppichs

Zu Selbstermächtigung und Solidarität finden

Die Wucht des Todes

Die Seele weiß, was sie kann, wenn sie darf

Und was ist mit den Kindern?

X PRAXISTEIL 2

BEGEGNUNGEN MIT BETROFFENEN

Trauern läuft nicht nach Schema F

Vom Druck, „das Richtige“ sagen zu wollen

Die Kraft der Sprachlosigkeit

Religiöse und spirituelle Fragen

Die eigene innere Haltung in der Begegnung mit Trauernden finden

So wie du fühlst, ist es gut!

Viele erleben Schuldgefühle, obwohl sie keine Schuld haben

Wir können kein Gramm Schmerz wegnehmen

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll!“

X AUSKLANG

WIE AUS DEM „LETZTE-HILFE-KURS“ EIN BUCH WURDE

X RECHTLICHE UND PRAKTISCHE INFORMATIONEN

Der Weg des Verstorbenen

Was passiert unmittelbar nach dem Tod mit dem Verstorbenen?

Welche Formen der Verabschiedung und Trauerfeier sind möglich?

Wie kann der Bestatter Angehörigen helfen, die richtige Verabschiedung zu finden?

Der Leichnam in der österreichischen Rechtsordnung

Verfügungsrecht beziehungsweise Verfügungsbefugnis über den Leichnam

Die Obduktion

Die Quintessenz aus dem Rechtlichen rund um den Leichnam

X ANHANG

Anmerkungen

Literatur

Hilfreiche Links im Trauerfall

Das Autorenteam

Impressum

Auftakt
Die Geschichte des „Letzte-Hilfe-Kurses“ – und meine eigene
VOM SANITÄTER ZUM BESTATTER

Was machen wir Lebenden mit dem Leichnam? Aber vor allem, was macht der Leichnam mit uns? Diese Fragen führten mich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema. Daraus entstanden der Letzte-Hilfe-Kurs und meine berufliche Selbstentfaltung als Thanatologe. Zutiefst dankbar stehe ich vor beiden Resultaten. Ich stelle mich an dieser Stelle so ausführlich bei Ihnen vor, damit Sie Einblick bekommen, woher die zahlreichen Beispiele, Erkenntnisse und Vermutungen stammen, die ich Ihnen anbieten werde. Alle Erfahrungen, die ich in den Letzte-Hilfe-Kurs eingearbeitet habe, entspringen der langjährigen Begleitung betroffener Angehöriger als Bestatter und als Mitarbeiter in der Krisenintervention, aus den zahlreichen Fortbildungsseminaren mit Pflege- und Einsatzkräften sowie der Supervision mit diesen, aus der intensiven Forschung auf dem Feld der Leichenberufe, aus der Arbeit mit trauernden Angehörigen in der Nachsorge beziehungsweise meinem immer noch aktuellen Angebot der Entlastungsgespräche.

Meine ersten Berührungspunkte mit dem Tod hatte ich schon in jungen Jahren: Ich absolvierte meinen Zivildienst bei einer Rettungsorganisation und blieb danach dort auch ehrenamtlich tätig. Mein Brot verdiente ich in diesen Jahren als Lkw- und Busfahrer. Mein ursprünglich erlernter Beruf war allerdings Kaminkehrer gewesen. In der Rettungsorganisation war ich ab Ende der 1990er-Jahre zusätzlich als Mitarbeiter der Krisenintervention im Einsatz. Die Krisenintervention ist ein Hilfsangebot für akut Betroffene nach dem Tod eines geliebten Angehörigen in den ersten Stunden. Schlagartig wurde ich mit voller Wucht mit dem Tod konfrontiert. Dabei stand ich vor folgender Herausforderung: Hier der Verstorbene, da die hilflosen Angehörigen. In einer solchen Situation diesen sichtbar werdenden, ohnmächtigen Schmerz mitansehen und halten beziehungsweise aushalten zu müssen, dabei zu spüren, dass man für die Betroffenen nichts tun, mit keinem Wort diesen unsäglichen Schmerz erträglicher machen kann, bedeutet auch für den nicht unmittelbar Betroffenen eine Erschütterung bis in seine eigenen existenziellen Untiefen. Der Tod als die bedingungsloseste, unwiederbringliche Form, verlassen zu werden, bringt uns das Ausgeliefertsein auch im eigenen Leben mit brachialer Gewalt zur Kenntnis.

Bei der Krisenintervention kommt man unweigerlich in Kontakt mit den Bestattern, die den Verstorbenen vom Ort des Geschehens abholen. Sie faszinierten mich und ich dachte mir: „Das ist auch ein Beruf, Leichen abholen? Was sind das für Menschen, die tagtäglich mit dieser Unmittelbarkeit des Todes konfrontiert werden? Was geschieht nun mit den Angehörigen in den nächsten Tagen? Was passiert vor allem mit dem Leichnam?“ Meine Neugierde war geweckt. Die führte dazu, dass ich kurzerhand einem Bestattungsinstitut einen Besuch abstattete und fragte: Wie wird man eigentlich Bestatter? „Na ja“, bekam ich zur Antwort, „man fängt einfach an.“ Es gäbe keine spezielle Ausbildung. Also fragte ich, ob ich anfangen könnte. Zu meinem Glück wurden gerade Bestatter gesucht.

Während dieser ersten Erfahrungen im Bestattungsgewerbe wurde mir klar, dass ich eine weitere berufliche Ausbildung machen wollte. Ich absolvierte berufsbegleitend die Studienberechtigungsprüfung und ging dann in eine andere Stadt, um dort Psychologie zu studieren. Nach den ersten Wochen war ich auf der Suche nach einem Nebenjob. Wie es der Zufall wollte, führte mein täglicher Weg zur Universität an der städtischen Bestattung vorbei. Und wie schon früher zog es mich direkt hinein und ich fragte nach dem Chef. Der sah aus, wie man sich klischeehaft einen Bestatter vorstellt: schmale Statur, Hakennase, buschige Augenbrauen, eine Brille wie eine Eule, schwarzer Anzug. Ich bot mich als Aushilfskraft an und erhielt eine Abfuhr: „Wir haben unsere Leute, Aushilfskräfte haben wir noch nie gebraucht“, teilte mir der Uhu mit. Aber er notierte sich dann doch meine Daten. 14 Tage später klingelte mein Telefon und ich war engagiert. Daraus wurde ein richtiger Job, ich arbeitete hauptberuflich als Bestatter und studierte nebenbei. Zehn Jahre lang. Verstorbene abholen, wo immer sie auch versterben: auf der Straße, im Altersheim, zu Hause, im Krankenhaus. Dann die Tätigkeit mit den Hinterbliebenen – „den Trauerfall aufnehmen“, wie man in der Branche sagt. Mit den Angehörigen alles rund um den Trauerfall organisieren, wann und welche Bestattungsform, welcher Sarg und so weiter. Und die Bestattung selbst.

Es ergab sich, dass ich in ein modernes Bestattungsunternehmen wechselte, dessen Chef sehr engagiert war. Es war ihm ein Anliegen, dass wir die Hinterbliebenen über die üblichen Angebote hinaus bestens betreuen. Er ließ mir alle Freiheiten und meinte: „Mit deinen Erfahrungen im Rettungsdienst, in der Krisenintervention und in der Psychologie kannst du alles tun, was du für richtig hältst.“ Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Das Erste, wo ich mir sofort dachte, da müsste man etwas ändern, waren die sogenannten Haussterbefälle – also, wenn jemand daheim verstirbt. Meist verständigt dann ein Angehöriger den Bestatter. Dieser nimmt zwar den Anruf entgegen, fährt aber nicht sofort hin, sondern verständigt zuerst den Totenbeschauer. Denn ohne Totenbeschau dürfen die Bestatter den Verstorbenen nicht abholen. 1

In der Praxis lief es so ab, dass der Totenbeschauarzt uns die Uhrzeit nannte, wann er vor Ort sein werde, und wir dann ebenfalls um diese Zeit am Einsatzort waren. Sehr oft kam es aber vor, dass wir vor dem Totenbeschauarzt eintrafen, und dabei bot sich uns immer wieder folgendes Bild: Der Verstorbene lag im Schlafzimmer und seine Witwe saß alleine in der Küche und wartete, bis endlich Totenbeschauarzt oder Bestatter eintrafen. Dieser Zeitraum konnte zwei oder sogar mehr Stunden betragen. Da sagte ich mir: „Dass Menschen in den ersten Stunden nach Todeseintritt eines Angehörigen völlig alleine zu Hause sitzen, geht nicht, das muss uns Bestatter etwas angehen.“ In der Folge rief ich immer, wenn wir über einen Haussterbefall informiert wurden, gleich zurück und sagte: „Wir haben den Totenbeschauer verständigt, der kommt erst in frühestens zwei Stunden und wir auch, aber wenn Sie wollen, kann ich sofort vorbeikommen.“ Das wurde gerade von den Angehörigen, die in dieser Akutsituation alleine zu Hause waren, sehr gerne in Anspruch genommen.

Ein weiteres Angebot, das ich ins Leben rief, war ein persönlicher Brief etwa einen Monat nach der Bestattung. Darin stand, wie es den Betroffenen einen Monat nach dem Todesfall eines geliebten Menschen möglicherweise gehen kann und in dem ich die Möglichkeit eines Entlastungsgesprächs anbot. Viele Angehörige möchten sich „ausweinen“ können, ohne dass jemand aus dem Umfeld (aus Hilflosigkeit der Trauer gegenüber) ihren Schmerz negiert oder relativiert. Mein Angebot sollte den Betroffenen die Möglichkeit geben, über ihren Schmerz des Verlustes zu sprechen oder wortlos darüber zu weinen. Dies eben ohne Worte des „Trostes“, die meistens darauf abzielen, den Schmerzausdruck anzuhalten. Merkte ich bei diesen Entlastungsgesprächen, dass es um „mehr“ geht, für die Hinterbliebenen eine längere Begleitung durch Trauerexperten sinnvoll wäre, konnte ich auf ein gutes Netzwerk von Priestern, Psychotherapeuten und Hospizbegleiterinnen zurückgreifen. In solchen Fällen legte ich den Betroffenen nahe, sich mit einem dieser Experten in Verbindung zu setzen, oder ich stellte für sie den Kontakt her.

DER TOD – EIN TABUTHEMA?

Die bisherigen Schilderungen erklären aber noch nicht, wie ich zu meinem Letzte-Hilfe-Kurs kam, der nun in Buchform vor Ihnen liegt. Dazu trug etwas bei, das ich bei meiner Arbeit als Bestatter bemerkte und das meinen Forschergeist zu beschäftigen begann: die Reaktionen auf meinen Beruf. Ein Bestatter kommt ja auch mit anderen Berufsgruppen in Kontakt, mit Einsatzkräften, Pflegepersonal, Ärzten, Polizisten etc. Dabei nahm ich sehr bald wahr, dass viele auf uns mit einer vorsichtigen Distanz bis hin zu unverhohlener Abscheu reagierten. Aus den Gesichtern ließ sich regelrecht ablesen: „Ihr komischen Typen, die ihr die Toten holt, wer weiß, was ihr für welche seid …“

Immer wenn es um geheimnisvoll anmutende oder mit einem Tabu belegte Berufe geht, entstehen Mythen und Geschichten, die an der Wirklichkeit weit vorbeigehen. Ich wollte dem entgegenwirken, indem ich aktiv auf die Leute zuging. Wenn sie wüssten, was ein Bestatter eigentlich macht, würden sie sich vielleicht ein wenig leichter mit uns tun, war meine Überlegung. Es war mir ein Bedürfnis, unseren Beruf und alles, was dazugehört, „sichtbarer“ zu machen, um dieser Scheu ein wenig die Basis zu entziehen. So lud ich diese Berufsgruppen ins Bestattungsinstitut ein, um ihnen tiefere Einblicke zu geben. Die meisten sind meiner Einladung gerne gefolgt.

Und wieder passierte etwas sehr Interessantes, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Ich gestaltete die Besuche immer so, dass wir uns zuerst in der Aufbahrungshalle zusammensetzten und ich aus dem Berufsalltag erzählte. Wie wir da so saßen, waren wir uns immer alle einig und nickten uns gedankenschwer zu: „Ja, der Tod gehört zum Leben, die Gesellschaft verdrängt den Tod – aber wir nicht!“ Danach ging es in den Keller und ich zeigte den Besuchern das Sarglager, unseren Obduktionsraum und natürlich den Kühlraum, wo die Leichen aufbewahrt werden. Wenn wir in diesem Kühlraum standen, vor den vielen Türen zu den Kühlfächern, unterlegt vom Surren des Kühlaggregats, dem intensiven Desinfektionsmittelduft und einem Verdacht von Leichengeruch, wurde dieses zuvor in der Aufbahrungshalle geäußerte „der Tod gehört zum Leben“ plötzlich wackelig – ausgelöst durch das Moment der räumlichen Nähe zu den toten Körpern. Das erstaunte mich, und ich sagte den Pflege- oder Einsatzkräften: „Na ja, ihr habt ja auch mit Verstorbenen zu tun, ihr müsst mit den Toten umgehen.“ In den Gesprächen kam dann heraus, dass die direkte und unmittelbare Begegnung mit dem Leichnam doch noch einmal eine andere Nummer ist.

„Die Bewohner im Sterben zu begleiten, das geht“, hörte ich oft von Pflegekräften. Natürlich sei das schon eine große Herausforderung, aber das Thema Palliativtherapie und Hospiz sei mittlerweile gut in Aus- und Fortbildungen verankert. Aber, so der typische Nachsatz: „Hoffentlich stirbt niemand, wenn ich Nachtdienst habe.“ Womöglich in der ersten Nachthälfte, wenn die Leiche erst am Morgen abgeholt wird. Der Tote hinten im Zimmer ist dann doch eine Herausforderung. Erst diese Gespräche über die Begegnung und den Umgang mit dem toten Körper öffneten mir die Augen. Denn uns Bestattern ist das in Wahrheit ja auch nicht immer egal, legen wir doch auch die eine oder andere Bewältigungsstrategie an den Tag.

Mittlerweile hatte ich mein Studium beendet und konnte auch aus wissenschaftlicher Sicht an den Leichnam herantreten, konkreter an das psychologische Phänomen: Was macht der tote Körper eigentlich mit uns Lebenden? Auf der Suche nach Antworten war es ganz interessant, dass der Leichnam in unserer gegenwärtigen Kultur gleichsam nicht existiert. Er ist nahezu unsichtbar und wird relativ rasch dem Blickfeld der Lebenden entzogen. Vielleicht können sich die Betroffenen im Altersheim, im Krankenhaus noch verabschieden, je nachdem, wie es in der jeweiligen Institution gelebt wird. Und alles, was die Hinterbliebenen dann noch haben, sind Pfarrer, Sarg und Friedhof. Dazwischen ist es meistens finster, die Leiche liegt buchstäblich im Dunkeln.

Was ich besonders erstaunlich fand: Der Leichnam kommt in den Sozialwissenschaften und auch in der Psychologie kaum vor. Es gibt tonnenweise Arbeiten und Literatur zum „Vorher“ – zu den Themen Palliativ, Hospiz, Sterbebegleitung und allem, was dazugehört. Und zum „Nachher“, der Trauer. Aber für diesen kleinen Ausschnitt dazwischen, der Begegnung mit dem Körper gewordenen Tod und was er mit uns macht, gab es so gut wie nichts. Und so beschloss ich: Dann mache ich etwas. Ich meldete mich an der Universität für das Doktorat an. Eine Feldforschung, in deren Rahmen ich mir in drei Bundesländern über ein paar Jahre hinweg die sogenannten Leichenberufe näher ansah: Bestatter und Obduktionsassistenten („Kellerprimare“)2. Meine Arbeit ist mit der eines Ethnologen beziehungsweise Soziologen, der sich in eine bisher unerforschte, fremde Kultur begibt, vergleichbar. In diesem Forschungsfeld interessierte mich: Was machen diese Berufskräfte mit dem Leichnam? Aber noch viel interessanter war zu ergründen: Was macht der Leichnam mit ihnen?

2011, einige Monate nach dem Besuch einer Rettungsorganisation im Bestattungsinstitut, meldete sich deren Leiter bei mir. Er sagte, der Einblick ins Bestattungswesen habe seinen Mitarbeiterinnen aus dem Rettungs- und mobilen Pflegedienst gut gefallen und vor allem für ihre Arbeit sehr viel gebracht. Er fragte mich, ob ich nicht für sie ein Tagesseminar im Sinne einer Fortbildung veranstalten könnte. Ich entgegnete, dass ich keine Ahnung hätte, was ich einen Tag lang tun beziehungsweise was ich eventuellen Teilnehmerinnen anbieten sollte. Doch der Leiter blieb hartnäckig und ich stimmte letztendlich zu, entwickelte ein Konzept.

Das Seminar kam zu meiner Freude, aber auch zu meiner Verwunderung, sehr gut an. Daraufhin traute ich mich, es auch anderen Organisationen anzubieten. Ich konzipierte einen Flyer, nannte das Seminar „An der Seite der Toten“ und kontaktierte vornehmlich Berufsgruppen, welche in ihrer Tätigkeit sehr intensiv mit dem Tod in Berührung kommen, die mit dem Leichnam und in einem ersten Moment mit den hinterbliebenen Angehörigen umgehen müssen. Das Seminar stieß sehr rasch auf reges Interesse. Ich machte mich selbstständig, arbeitete aber zunächst nebenher immer noch in einer Bestattung.

Sehr schnell lud man mich auch zu Abendvorträgen in Gemeinden ein, wo ich vor einer interessierten Öffentlichkeit referieren durfte. Nach solchen Vorträgen kamen dann immer viele Zuhörerinnen zu mir und meinten: „Das, was du da erzählst, muss man einmal gehört haben, das braucht ja jeder!“ Und sie sagten, sie würden auch ein Tagesseminar absolvieren wollen. Anfangs winkte ich immer ab, denn das Seminar war in erster Linie für die genannten Berufsgruppen gedacht. Doch die Nachfrage wurde immer größer, und es war klar, ich musste ein Seminar für alle Interessierten anbieten. Doch dafür musste ein anderer Seminartitel erdacht werden: So entstand der „Letzte-Hilfe-Kurs“.

WARUM WIR ALLE EINEN LETZTE-HILFE-KURS BRAUCHEN

Dass wir alle einen Erste-Hilfe-Kurs brauchen, ist klar und wird kaum in Abrede gestellt. Auch wenn es gar nicht so unwahrscheinlich ist, dass man das darin Erlernte nie in seinem Leben anwenden muss. Aber, so mein Argument: Einen Letzte-Hilfe-Kurs brauchen wir zu hundert Prozent. Denn es kann gar nicht sein, dass man mit dem Thema Tod nicht konfrontiert wird. Weil man im eigenen Familienkreis geliebte Menschen an den Tod verliert oder Mitmenschen, die einen schweren Verlust zu betrauern haben, begegnet. Wir können überall auf akut Trauernde treffen: die beste Freundin, deren Bruder sich kürzlich das Leben nahm, der Nachbar, dessen Frau vor wenigen Tagen verstarb, die Arbeitskollegin, deren Sohn einen tödlichen Unfall hatte. Und wir begegnen ihm nicht erst irgendwann vielleicht einmal, sondern oft sogar täglich.

Ich bezeichne mich übrigens nicht als Psychologe oder Bestatter, sondern als Thanatologe. Die Thanatologie versteht sich als die Wissenschaft vom Tod, Sterben und von der Bestattung in ihren soziologischen und psychologischen Aspekten. Es handelt sich um kein eigenes Studienfach. Immer, wenn sich Sozial- oder Kulturwissenschaftler intensiv damit forschend und lehrend beschäftigen, kann man das als Thanatologie beziehungsweise diese als Thanatologen bezeichnen. Folgen Sie mir in die Welt des Letzte-Hilfe-Kurses. Ich hoffe sehr, dass Sie für sich vieles mitnehmen können – einfach nur, weil wir Menschen und vor allem Mitmenschen sind.

Dazu darf ich Sie gleich zum Leichnam hinführen, den wir mit mindestens zwei Brillen betrachten können. Die erste ist die rational-sachliche, die biologisch-medizinische: Wann ist überhaupt jemand tot? Ich möchte Sie aber einladen, zunächst die andere Brille aufzusetzen, die phänomenologisch-psychologische: Was macht der tote Körper mit uns Lebenden? Diese Brille ist notwendig, um uns und andere in der Begegnung mit dem konkreten Tod voller Verständnis betrachten zu können. Um schon eine erste Spur zu legen, was damit gemeint sein könnte: Manche kennen das Gefühl, dass man ganz anders in einen Raum hineingeht, in dem ein Verstorbener liegt. Viel ruhiger, leiser, andächtiger.

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Hinführung
Was machen die Toten mit uns Lebenden?

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Wenn wir als Besucher in einem Krankenhaus sind, gehört es zum gewohnten Bild, in den Gängen Patienten in Krankenbetten zu erblicken. Ohne nennenswerte Empfindung gehen wir an diesen bettlägerigen Menschen vorüber. Wagen wir folgendes Gedankenexperiment: Bedecken wir eine Person in einem solchen Krankenbett komplett mit einem Leintuch, das die Silhouette des Körpers erkennen lässt. Unweigerlich assoziieren wir bei diesem Anblick, dass sich darunter eine Leiche befinden muss.

Von welchen Gefühlen und Gedanken begleitet passieren wir nun dieses Krankenbett? Manche von uns würden sich ihm nicht mehr nähern wollen und der Rest würde vermutlich mit einem unbestimmten, mulmigen Gefühl vorbeigehen oder sogar erschaudern.

Bevor wir uns weiter in die Thematik vertiefen, ist eine Begriffserklärung hilfreich, weil die Begriffe „Sterben“ und „Tod“ oft gleichwertig gebraucht werden. Sterben findet noch im Leben statt, es ist sozusagen die letzte Phase zwischen Sein und Nicht-mehr-Sein. Mit einem sterbenden Menschen können wir vielleicht noch sprechen. Nüchtern festgestellt: „Sterben ist nicht mehr, wenn ein Toter vor uns liegt.“3 An die Stelle von Leben ist der Tod getreten und das verändert unsere Wahrnehmung und Empfindung völlig. Wir sehen daran auch, wie schwierig oder vielleicht unmöglich es ist, den Tod eines geliebten Menschen gedanklich vorwegzunehmen, auch wenn wir um den nahenden Tod wissen, den geliebten Menschen vielleicht sogar im Sterbeprozess begleiten. Es ist ganz etwas anderes, wenn er dann tatsächlich tot vor uns liegt: stumm, blicklos, zu nichts mehr zu bewegen. Wir können dieses als „Leichenparadoxon“4 bezeichnete Phänomen kaum fassen. Was ist da jetzt eingetreten? Was ist jetzt verschwunden, was gerade eben noch da war?

In meiner Tätigkeit als Bestatter begleitete ich viele Hinterbliebene dabei, wenn sie sich am offenen Sarg von ihrem verstorbenen Angehörigen verabschiedeten. Auch wenn die Betroffenen den geliebten Menschen bereits in der Sterbephase bis zum letzten Atemzug begleitet haben, kann die Begegnung zwei, drei Tage später am offenen Sarg noch einmal eine tiefere Dimension des Realisierens der Endgültigkeit und Unwiederbringlichkeit eröffnen. So war eine häufige, spontane Reaktion beim ersten Blick auf ihren toten Anverwandten die Aussage: „Das ist er nicht mehr!“

In der weiteren Betrachtung noch ein paar philosophische Klimmzüge, worauf uns der tote Körper hinweist. Er konfrontiert uns mit der unglaublichen Macht des Todes. Die zugreift, entreißt, gegenüber der wir nichts ausrichten können. Wir können noch so viel Technik benützen und Wissenschaft betreiben, letztlich werden wir alle zu einem Leichnam. Und da stehen wir schon vor dem nächsten Problem: Wir wissen, dass wir sterben werden, aber wir haben über diesen Tod keinen Erkenntnisgewinn. Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, tot zu sein, wir können nur glauben. Bei Nahtoderfahrungsberichten muss man vorsichtig sein: Denn wer per definitionem tot ist, kann nachher nicht erzählen, wie es war. Das war etwas anderes, ein naher Tod, aber eben nicht nah genug. Das eine schließt das andere immer kategorisch aus. Solange ich vom Tod reden kann, habe ich ihn noch nicht erfahren – und umgekehrt. Diese Tatsache nennt sich die „Widersprüchlichkeit der Todeserfahrung“.5

Natürlich können wir ein Bild von unserem Totsein imaginieren. Wir können im Geiste unsere Traueranzeige formulieren und uns unseren Körper regungslos in einem Sarg, samt den weinenden Angehörigen rundherum, vorstellen. Doch wann immer wir uns ein Bild unseres toten Körpers in der Phantasie machen, sind wir als die, welche sich dieses Bild gerade machen, anwesend. Kurzum, wir schauen mit Bewusstsein auf etwas, dessen Bewusstsein zum Stillstand gekommen ist. Der Tod fügt sich nicht der Wissenschaft, nicht der Rationalität, er ist unerklärlich – und wir können ihm nicht entkommen.6

Wenn man einen toten Körper länger bewusst betrachtet, schlägt uns diese atemlose Unfassbarkeit entgegen, dass sich da nichts mehr bewegt – der Brustkorb steht still. Wir ahnen, das könnte auch unserem Bewusstsein passieren. Wie ein traumloser Schlaf oder der Zustand vor der Geburt. Wo waren wir da? Wir wissen es nicht. In der Begegnung mit Verstorbenen werden wir damit konfrontiert. Das passiert nicht bewusst, aber diese Gegenüberstellung drückt sich oft in den so schwierig einordenbaren und benennbaren Emotionen aus, die man Verstorbenen gegenüber haben kann. Der Leichnam ist das verkörperte Memento mori: „Sei dessen eingedenk, dass auch du sterben wirst.“ Er konfrontiert uns auch mit der Unverfügbarkeit des Lebens. Wir haben unser Leben und das unserer Lieben nicht in der Hand. Eine Sekunde reicht, und alles ist für immer anders.

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Gerade noch hat er den Rasen gemäht und zu seiner Frau gesagt, dass er schnell ins Altstoffsammelzentrum fährt, um den Grünschnitt zu entsorgen, und dann liegt er schwer verletzt im Kreisverkehr, wird vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht und stirbt im Schockraum. Er hat noch seine Arbeitshose an, die nach Rasenmäherbenzin riecht, vermengt mit dem Geruch vom frischgeschnittenen Gras. Am Abend wäre er zum Sechziger bei seinem Schwager eingeladen gewesen und nächstes Jahr hätte auch er einen runden Geburtstag gefeiert.

Wir leben in einer Illusion, in einer Blase. Wir meinen oft, wenn wir ein bisschen aufpassen und gesund leben, werden wir mit unseren Lieben alt. Diese Blase bekommt feine Risse, wenn in unserem näheren Umfeld Nachrichten über plötzliche Tode einschlagen. Das könnte auch ich, meine Tochter oder mein Vater sein … Dieses Gewahrwerden der Unverfügbarkeit des Lebens drückt sich in der Sorge um unsere eigenen Angehörigen aus. Man schickt der Tochter schnell eine Nachricht, ob alles passt und ob es ihr gut geht. Und ist erleichtert, wenn sie sich meldet: „Mama, was ist denn mit dir los?“

DIE STRAHLKRAFT DER LEICHE

Wir können also den Tod weder begreifen noch erfahren, aber müssen mit dem offensichtlichsten Zeugnis des Todes umgehen – der Leiche. Diese können wir im wahrsten Wortsinn begreifen und erfahren. „Wir erfahren Tote, keinen Tod.“7 Aus der langjährigen Praxis in der Begleitung Betroffener als Bestatter und den unzähligen Berichten in Seminaren und bei Vorträgen sowie aus der wissenschaftlichen Feldforschung mit Leichenberufen lässt sich feststellen, dass die Begegnung mit dem toten Körper für viele eine mehr oder weniger große Herausforderung ist. Für manche Menschen bedeutet es schon eine Überwindung, einen Raum zu betreten, in dem ein Toter liegt. Die meisten Pflegekräfte werden sich gut daran erinnern können, wie es sich anfühlte, als sie erste Mal in ihrer Berufskarriere in ein Zimmer mit einem verstorbenen Patienten hineingingen. Auch die Angehörigen können sich damit im ersten Moment schwertun. Die Füße können plötzlich bleiern werden, man steht wie gelähmt vor der Tür.

AUS DER PRAXIS

Eine Frau wollte sich nach dem Tod ihres Mannes noch einmal leiblich von ihm verabschieden. Wir hatten vereinbart, dass sie um 10 Uhr vormittags zu mir in die Bestattung kommt. Im Verabschiedungsraum hatte ich alles vorbereitet, der Sarg war offen, der Leichnam des Mannes schön hergerichtet. Die Frau kam pünktlich, ich empfing sie und lud sie noch zu einem Kaffee ein, bei dem wir darüber sprachen, wie es ihr gerade ging. Dann machten wir uns auf den Weg zum Verabschiedungsraum. Gerade als ich die Tür öffnen wollte, griff die Frau nach meiner Hand und sagte: „Nein, bitte warten Sie, ich trau’ mich nicht!“

Ihre Angst vor den eigenen Emotionen war für mich verständlich: „Was passiert mit mir, wenn ich da jetzt meinen verstorbenen Mann im offenen Sarg liegen sehe?“ Und möglicherweise eine weitere Dimension: „Wenn ich ihn jetzt so im offenen Sarg liegen sehe, ist der Tod wirklich wahr.“ „Wir haben alle Zeit der Welt, nur nichts übers Knie brechen, das Begräbnis ist erst in vier Tagen“, sagte ich zu ihr, „wann immer Sie es versuchen möchten, können Sie das.“ Wir haben dann noch einen Kaffee getrunken – doch auch beim zweiten Anlauf war es ihr nicht möglich. Letztendlich machte sie einen Spaziergang und beim vierten Versuch, es war bereits früher Nachmittag, gingen wir hinein. Sie war hinterher sehr froh, ihren Mann nochmals gesehen und berührt zu haben.

Andere wiederum können zwar in einen Raum hineingehen, wo ein Verstorbener liegt, aber sie tun sich schwer, ihn zu berühren. Das kostet oft eine große Überwindung, gerade beim ersten Mal. Nicht wenige Berufskräfte, die mit Verstorbenen umgehen müssen, berichten darüber, dass etwas an ihnen „haftet“, wenn sie Verstorbene berührt haben. Obwohl sie Handschuhe getragen haben, überfällt sie nachher das Gefühl, sie wären „verunreinigt“, und sie haben das Bedürfnis, sich die Hände mehrmals zu desinfizieren oder gar die Dienstkleidung zu wechseln oder ausgiebig zu duschen.

Ein Sanitäter in einem Tagesseminar schilderte mir einmal, wie er gemeinsam mit dem Notarzt versucht hatte, einen Familienvater nach einem plötzlichen Herztod wiederzubeleben – leider erfolglos. Der Tote lag auf dem Wohnzimmerboden, die beiden wollten ihn auf die Couch betten. Um ihn leichter hinaufbefördern zu können, zog der Sanitäter den Mann zuerst auf seine Oberschenkel. Den ganzen restlichen Tag habe er dann das Gefühl gehabt, es hafte etwas an seiner Hose, das sich nicht abstreifen ließ.

All das sind doch ziemlich heftige „Anrührungen“, die da in uns auftauchen können. Woher kommen sie?

DAS LEICHENTABU – EINE SPURENSUCHE

In allen Kulturen existiert ein Phänomen, das überaus wirksam und deutlich beobachtbar ist: das sogenannte Leichentabu. Ethnologen und Kulturwissenschaftler gehen davon aus, dass die Entstehung solcher Tabuvorschriften weit in die Menschheitsgeschichte zurückreicht und wesentlich älter als etwa die Entwicklung von Normen ist. Ihre Entstehung reicht wahrscheinlich sogar in die Zeiten vor der Entstehung von Religionen und Gottheiten zurück. Wie schon Sigmund Freud in seinem Werk „Totem und Tabu“ vermutet, dürfte es sich bei Tabus wie dem Leichentabu um die ältesten Gesetzeskodizes des Menschengeschlechtes handeln.8 Dieses Erbe schlummert nach wie vor in uns. In der konkreten Begegnung mit dem Leichnam kann dieses Leichentabu in uns wiedererwachen.

Wenn die Menschheit etwas mit einem Tabu belegt, steht eine tiefere Absicht dahinter. Die Idee hinter dem Leichentabu dürfte sein, uns vor Bedrohung und Gefahr zu schützen, als könnte man sich gerade und besonders durch Berührung eines Leichnams mit dem Tod in irgendeiner Weise „anstecken“. Darum ist das Leichentabu in erster Linie ein Berührungsverbot. Wenn nun manche Menschen diffuse, rational unklare, hemmende Empfindungen bei der Berührung eines toten Körpers haben, könnte das sozusagen bereits die erste Strafe für diesen archaischen Tabubruch sein: „Du tust da jetzt etwas, was du nicht tun darfst, und darum geht es dir nicht gut dabei.“ Es wird in diesem Moment das in uns schlummernde, dem Rationalen verborgene Leichentabu wieder zum Leben erweckt.

Bleiben wir noch kurz bei dieser Theorie: Wenn die Idee hinter dem Leichentabu die ist, dass wir uns durch Berührung mit dem Tod, der diesen Leichnam umgibt, anstecken, könnten wir diesen Tod ja auch übertragen. Darum folgt die zweite Strafe für diesen Tabubruch auf dem Fuß: Sie kommt aus unserem Umfeld und ist sozialer Natur, weil der Tabubrecher selbst zum Tabu wird. Er wird mit dem Abbruch sozialer Kommunikation bestraft. Ich könnte mehrere Bücher darüber schreiben, wie das soziale Umfeld mit jemandem umgeht, der einen Leichenberuf ausübt. Dazu eine Schilderung aus eigener Erfahrung.

AUS DER PRAXIS

Ich fuhr mit dem Leichenwagen durch die Innenstadt und musste an einer roten Ampel halten. Direkt neben meinem Seitenfenster sah ich eine gute Bekannte. Ich begrüßte sie und wir plauderten einen kurzen Moment, bis die Ampel auf Grün sprang. Neben ihr war eine mir unbekannte Dame gestanden. Wochen später traf ich meine Bekannte erneut und sie erzählte mir, dass sie wie jedes Jahr auch heuer wieder eine große Nikolausfeier plane und dabei auch ein Nikolaus auftreten solle, um die Kinder zu beschenken. Leider habe gerade ein Freund, der den Nikolaus mimen sollte, abgesagt. Sie überredete mich, ihn zu vertreten.

Nach meinem Auftritt bei der Feier begleitete sie mich hinaus und berichtete mir für mich im ersten Moment Unglaubliches: Als wir uns vor Wochen an besagter Kreuzung getroffen hatten, war ihre Schwester dabei gewesen – die von mir wahrgenommene unbekannte Dame. Als ich wieder losgefahren war, sei diese in heller Aufregung gewesen: Wie meine Bekannte es wagen könne, mit einem Bestatter, der im Leichenwagen sitzt, zu reden, wie furchtbar dies alles sei. Als sie dann später erfuhr, dass ich an der Nikolausfeier teilnehmen würde, sagte sie ihre Teilnahme ab. Ich versuchte noch einige Zeit nach dieser Begebenheit, in Kontakt mit der Schwester zu kommen. Zu gerne hätte ich mehr über deren Gefühle und Beweggründe erfahren, sie zur Reflexion eingeladen, doch eine solche Gelegenheit kam nicht zustande.

Auch in Altersheimen reichten manche Pflegekräfte uns Bestattern zur Begrüßung nicht einmal die Hand, mit der ernstgemeinten Begründung: „Was ihr alles angreift!“ Als würde sich etwas auf unseren Händen befinden, das wir „übertragen“ könnten. Manche Leser mögen jetzt einwenden, das sei doch übertrieben. Denn auch Pflege- oder Einsatzkräfte berühren Tote und brechen somit das Leichentabu. Tatsächlich wird das diesen Berufsgruppen nicht passieren, denn sie haben eine andere Rolle: Es geht darum, Leben zu erhalten, zu schützen, zu hegen und zu pflegen. Da kann einmal der Tod „passieren“, aber in so einem Fall desinfizieren und waschen sie sich, ziehen sich um, gehen nach Hause und für die Umwelt ist das erledigt. Die Berufe hingegen, deren primäre Tätigkeit es erfordert, das Leichentabu ständig zu brechen, können sich nicht „reinwaschen“.

Wir sehen dies wunderbar daran, wie die Allgemeinheit über die verschiedenen Berufsgruppen redet. Zu Pflegekräften sagt man: „Was ihr alles macht, was ihr alles aushalten müsst! Ihr begegnet ja auch immer wieder dem Tod, dass ihr das tun könnt, ist schon eine Leistung – Hut ab!“ Über Berufsgruppen, die nur mit Leichen zu tun haben, sagt man – bezeichnenderweise in der dritten Person: „Na ja, geben muss es sie, aber ganz ehrlich, ganz dicht können die nicht sein, weil sonst kann man das ja nicht machen.“ Wenn ich mit Pflegekräften aus einem Krankenhaus mit einer Pathologieabteilung ein Seminar halte, sage ich gerne: „Nun, der Kellerprimar (also der Obduktionsassistent) ist schon irgendwie ein Kollege, aber beim Mittagessen muss man auch nicht mit ihm an einem Tisch sitzen, oder?“ Dies wird immer halb scherzhaft, halb ernst bestätigt. „Hoffentlich hat er sich die Hände desinfiziert“, gestehen sie dann freimütig ein.

Gibt es ein Leichengift?

In unserer Kultur, in der die Medizin die Deutungsmacht über den Tod innehat, er also eher rational interpretiert wird, wird der Leichnam auf dieser biologisch-stofflichen Ebene stark vergefährlicht. Ein Mythos, der sich in diesem Zusammenhang hartnäckig hält, ist der des Leichengifts. Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass, sobald der Tod eingetreten ist, im toten Körper sofort Stoffe entstehen, die für uns Lebende gefährlich, ansteckend, giftig sein könnten. Eine gut beobachtbare Folge davon ist: Überall wo es einen Leichnam gibt, kommen überbordende Hygienemaßnahmen zum Einsatz. Wie irrational der Umgang mit dem Leichnam mitunter ist, zeigen die folgenden Beispiele:

Ein junger Mann berichtete mir:

„Wir haben unseren Opa zu Hause gepflegt und dazu auch ein Pflegebett von einer Firma gemietet. Als er starb, riefen wir die Firma an und sagten: ,Das Pflegebett ist wieder frei.‘ Daraufhin fragte die Firma nach, ob er in dem Pflegebett gestorben sei oder nicht. Warum sie das wissen wollten, haben wir gefragt. Weil wir dann ein anderes Hygieneprogramm anwenden müssen.’“

Das ist bemerkenswert. Der Opa kann jahrelang in diesem Pflegebett liegen. Wenn er nicht in diesem Bett verstirbt, beispielsweise weil er noch ins Krankenhaus gebracht wurde, reicht Hygieneprogramm B. Wenn er aber in dem Bett zu Hause gestorben ist, braucht es Hygieneprogramm A.

Eine Witwe erzählte:

„Ich habe meinen herzkranken Mann lange daheim gepflegt. Als er im Sterben lag, bin ich von Freunden, Nachbarn, mobilen Hospiz- und Palliativleuten, von der Hauskrankenpflege und unserem Hausarzt gut unterstützt worden. Eines Morgens trat das Schlimmste ein, mein Mann verstarb. Für mich war immer klar, wenn es so weit ist, will ich ihn noch ein paar Stunden bei mir haben, ihn noch ein letztes Mal waschen und ihm dann seinen schönen Anzug anziehen. Das sei kein Problem, meinte mein Hausarzt, schärfte mir aber ein: ,Sie müssen sich dabei auf jeden Fall Handschuhe anziehen!‘ Ich war verunsichert, weil ich meinen Mann vorher immer ohne Handschuhe berührt hatte – ebenso wie der Arzt. Aber ich habe dann doch seine Anweisung befolgt und Handschuhe angezogen.

Als der Bestatter wie vereinbart zur Mittagszeit kam und meinen Mann abholte, erzählte ich ihm von den Handschuhen und fragte ihn, ob er wisse, warum der Arzt das angeordnet habe. Der Bestatter schüttelte den Kopf und meinte, er erlebe oft, dass selbst erfahrene Ärzte eine Ansteckungsgefahr‘ vermuten, ab dem Moment, in dem der Tod eingetreten sei. Berufskräfte müssten natürlich Handschuhe tragen, aber Angehörige müssten sich im Todesfall keine Handschuhe überziehen. Es sei denn, der Kranke sei infektiös gewesen, dann sei natürlich auch seine Leiche infektiös, aber da müssten die Angehörigen auch schon vorher auf Hygiene achten. ,Der Tod selbst ist ja nicht unhygienisch!‘, erklärte der junge Bestatter.“

Teilweise geistern noch andere Vorstellungen herum, die ebenfalls mit der Idee einer Ansteckungsgefahr zu tun haben: „Man darf den Sarg in der Leichenhalle nicht mehr öffnen, um sich zu verabschieden – wegen der Hygiene.“ „Einen Verstorbenen darf man auch nicht mehr für eine Weile bei sich zu Hause haben.“ Um dem Leichengift-Mythos den Stachel zu ziehen, möchte ich an dieser Stelle den Pathologen und Universitätsprofessor Hans Bankl († 2004) zitieren, eine Autorität auf dem Gebiet der Gerichtsmedizin:

„Beim Eiweißzerfall entstehen im Leichnam viele beim Lebenden nicht vorkommende Substanzen. Diese stinken zwar, ihre Bezeichnung als ,Leichengifte‘ ist jedoch irreführend, da es spezielle Leichengifte nicht gibt. Eine lebensbedrohende Giftwirkung kommt diesen Stoffen nicht zu, insbesondere wirken sie weder über Hautkontakt noch über Einatmung. Lediglich bei Verschlucken (orale Aufnahme) könnte unter Umständen mit einer Wirkung ähnlich wie bei verdorbenem Fleisch gerechnet werden. Spezifische, postmortal entstehende ,Leichengifte‘ gibt es nicht. Es besteht allerdings die Gefahr einer Infektion durch Leichen von Personen, die an Infektionskrankheiten verstorben sind (z. B. Sepsis, Tuberkulose, Salmonellosen, Hepatitis, Aids u. a.).“9

In der Zeit vom Eintritt des Todes bis zum Begräbnis beziehungsweise zur Beisetzung gibt es grundsätzlich nichts zu befürchten – auch nicht, wenn wir den Leichnam berühren. Die Idee des Leichengifts ist stark verwoben mit dem Leichentabu, wie auch andere Phänomene, die wir in den nächsten Kapiteln noch zu ergründen versuchen. Die Auseinandersetzung damit ist deshalb so wichtig, weil die gesamte Dimension des Leichentabus auch in betroffenen Angehörigen, bei denen primär Trauer und Schmerz im Vordergrund des Erlebens stehen, trotzdem zum Vorschein kommen kann. Das Leichentabu kann auch das so wichtige „Begreifen“ des Todes stören.

Als Bestatter holte ich viele Verstorbene von zu Hause ab, die von ihren Angehörigen jahrelang gepflegt worden waren. Aber sobald der Tod eingetreten war, berührten sie den Leichnam nicht mehr, bis wir eintrafen. Die erste Frage an uns war dann meistens: „Darf ich die Oma noch anfassen? Darf ich ihr noch einen Kuss geben?“ „Selbstverständlich!“, lautete dann immer meine Antwort.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
122 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783990405260
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
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