Kitabı oku: «Reifer werden»
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-363-5
ISBN e-book: 978-3-99107-364-2
Lektorat: Marie Schulz-Jungkenn
Umschlagfoto: Christian Striegel
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Martin Striegel,
Bild 6: Deutsche Stiftung
Weltbevölkerung
www.novumverlag.com
ALLEN MENSCHEN IN EHRFURCHT
1 EINFÜHRUNG UND GRUNDGEDANKEN
2 ALLTAG UND MEDITATION
Alltag
Wie der Alltag in der westlichen Welt im frühen 21. Jahrhundert äußerlich aussah, musste vor 2020 nicht im Detail erläutert werden. Wir erlebten ihn ja tagtäglich mit und nahmen daran teil. Die Corona-Krise hat uns viele ganz alltägliche Vorgänge hinterfragen lassen – denken Sie an die Berührungen und Umarmungen zur Begrüßung und zum Abschied, das Massenpendeln von Berufstätigen, das bedenkenlose Reisen oder die Besuche von Großveranstaltungen im Kultur- und Sportbereich. Es sind wichtige Veränderungen des äußeren Lebens im Einzelnen wie im Kollektiven im Gang. Der Fokus im Folgenden jedoch richtet sich weniger auf die äußeren Vorgänge, sondern mehr auf das, was von Augenblick zu Augenblick in uns drinnen abläuft. Auch darauf haben die Umbrüche im äußeren Leben natürlich ihre Auswirkungen. Erfahrungsgemäß aber nehmen wir uns selten die Zeit, wirklich anhaltend und differenziert unsere Gefühle, Gedankenabfolgen, Emotionen, Stimmungen und Triebe zu beobachten und zu analysieren. Diese jedoch prägen unsere Handlungsweise. Und unser Tun sowie die Geschehnisse um uns herum liefern ihrerseits unserem inneren Geschehen laufend neuen Stoff. Die folgenden vier Kapitel (2.1 bis 2.1.3) stellen einen Versuch dar, unser Innenleben zu beleuchten und die Wechselwirkung von Innen- und Außenleben aufzuzeigen.
Fundamental wichtig für unsere Alltagsbewältigung sind auch die verschiedenen Arten der Erkenntnisaufnahme sowie die Fähigkeit, mittels Sprache diese Erkenntnisse zu erfassen, auszudrücken und auszutauschen. Sie sind wunderbare Hilfsmittel, aber sie haben ihre Grenzen. Erkenntnisse aus verschiedenen Quellen können miteinander in Widerstreit liegen, wenn beispielsweise der Verstand mich in die eine, das Gespür für die entsprechende Situation mich in die andere Richtung schicken möchte. Ferner stoßen unsere Erkenntnismöglichkeiten immer wieder an Grenzen. Ich glaube vielleicht, die Absicht eines Menschen zu durchschauen, kann mir aber nie sicher sein. Und auch die Sprache scheitert an manchen Gegebenheiten, etwa wenn wir versuchen, Phänomene wie „Bewusstsein“ oder „Heiligkeit“ präzis in Worte zu fassen. Ferner bringt Sprache nicht nur Klarheit, sondern auch Missverständnisse und damit Konflikte hervor. In den entsprechenden zwei Kapiteln werden die Möglichkeiten und Unzulänglichkeiten unserer Erkenntnisquellen einerseits und unserer Sprache andererseits genauer beleuchtet.
Es gibt jedoch Möglichkeiten, um jenseits solcher Begrenztheiten zu gelangen. Eine der zentralen ist die Meditation. Indem sie der Stille Zeit und Raum gewährt, kann diese ihre Wirkung entfalten. Die Stille ist unbegrenzt.
Meditation
In unserer heutigen Gesellschaft ist unser Alltag derart mit Reizen überfüllt, dass die für eine Klarsicht notwendige Ruhe zur Mangelware geworden ist. Um diesen Mangel zu beheben, braucht es einen Gegenpol zum alltäglichen Treiben, und einen solchen finden wir in der Meditation. Diese wird im weitesten Sinn verstanden. Sie umfasst hier und im Folgenden also neben der Sitzmeditation auch das kontemplative Gebet, mantraartige Wiederholungen von heiligen Namen oder wohltuenden Worten, meditatives Yoga oder Qi Gong (also Meditation in Bewegung) sowie weitere Formen der Sammlung und Versenkung. Die Meditation bietet uns ein wunderbares Werkzeug, um jene Ruhe sich ausbreiten und jene Klärungsarbeit geschehen zu lassen, die im Alltag zu kurz kommen. Dass sie darüber hinaus noch einiges mehr bietet, soll weiter unten angedeutet und in den Kapiteln 2.2 bis 2.3.4 breiter ausgeführt werden.
Bis vor etwa 50 Jahren fristete die Meditation im Westen ein absolutes Randdasein und wurde in der breiten Öffentlichkeit als Phänomen kaum wahrgenommen. Aber auch in den asiatischen Regionen, in denen sie weltweit am verbreitetsten war, wurde sie noch vor 50 bis 100 Jahren aufgrund des Kontakts mit der westlichen Denkweise oft als rückständig angesehen. Es ist also weltweit zu einer Entdeckung bzw. Wiederentdeckung von Meditation und zu einer Erneuerung gekommen.
Warum das Interesse an Meditation derart stark gestiegen ist – mit zusätzlicher Beschleunigung seit etwa der Jahrtausendwende – wurde bereits angedeutet. Es herrscht eine Malaise mit Symptomen wie Ruhelosigkeit, Sinnkrisen, Oberflächlichkeit, depressiven Abstürzen sowie innerer Vereinsamung trotz scheinbar intakter Einbindung in die Gesellschaft. Solche Symptome werden immerhin schon regelmäßig thematisiert, was eine erste Diagnose darstellt. Mit dieser gewappnet, machen sich heutzutage immer mehr Menschen auf, um Mittel zur Besserung zu finden. Und dass eine Meditationspraxis ein solches Mittel sein kann, spricht sich anscheinend herum. Nicht nur das; es gibt inzwischen einen immer größer werdenden Korpus an neurologischen und psychologischen Untersuchungen, welche die heilsame Wirkung von Meditation wissenschaftlich belegen.
Werden Teilnehmende an einem Meditationstreffen – insbesondere jüngere – nach den Gründen für Ihr Kommen gefragt, fällt bei den allermeisten das Wort „Stress“. Der Wunsch nach weniger Hektik und Daueranspannung speziell in der Arbeitswelt, aber nicht selten auch in Beziehungen und sogar in der Freizeit, ist heutzutage die häufigste Motivation hinter der Aufnahme einer Meditationspraxis. Vielfach bleibt es zwar – wie beim Ziel, die körperliche Fitness zu steigern – bei einzelnen Versuchen, aber ein Samen ist gesät. Man kann später einen erneuten Anlauf starten. Entstressen heißt das Ziel. Und es lässt sich bei regelmäßiger und langfristig angelegter Übung (dieser Punkt kann nicht oft genug betont werden) nachweislich auch erreichen.
Ein zweites Ziel bildet der Wunsch nach größerer Achtsamkeit. Das Wort in all seinen Spielarten (achtsames Gehen, achtsames Essen, achtsame Kommunikation, achtsames Pflanzengießen) ist inzwischen derart zu einem Modebegriff geworden, dass es aufgrund inflationären Gebrauchs stetig an Aussagewert zu verlieren droht. Aber damit ist die Achtsamkeit in guter Gesellschaft. Dem Wort „Liebe“ geht es nicht anders. Und beim Wort „Gott“ ist es inzwischen so weit, dass es vor lauter Über- und Missbrauch praktisch zu einem Tabuwort geworden ist. Egal, wie es dem Wort ergeht – die Sache dahinter bleibt enorm wichtig. Und der geeignetste Weg zu größerer Achtsamkeit in einem ablenkungsreichen Alltag ist ohne Zweifel die Meditation.
Etwas anders gelagert ist die Zielsetzung bei Menschen, die mit dem Erwerbsleben abgeschlossen haben. Ihnen soll Meditation aufs Alter hin beispielsweise bei der Sinnsuche helfen. Oder sie suchen schlicht die Gemeinschaft einer regelmäßig zusammenkommenden Meditationsgruppe. Wie so oft im Leben ist meist eine Kombination von Antriebsfaktoren im Spiel.
Es sind also verschiedene Gründe, die zur Aufnahme einer Meditationspraxis führen können. Und Erfahrungen zeigen, dass die genannten Hoffnungen nicht zu hoch geschraubt sind – immer unter der Voraussetzung, dass die Praxis als ein lebenslanger Übungsweg in Angriff genommen wird. Ja, es gibt sogar noch weitere Früchte, die zumindest zu Beginn weniger oft im Fokus stehen. Dazu zählt eine verfeinerte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Voreilige Schlussfolgerungen, Stereotype und Vorurteile haben bei einer wachen, realitätsnäheren Wahrnehmung, die sich in der meditativen Versenkung ergibt, einen schweren Stand. Viele verflüchtigen sich allmählich oder platzen wie Seifenblasen. Sich öffnen für die Wirklichkeit per se – weder gedacht noch gegliedert noch einfangbar – heißt schließlich auch, sich für das Heilige zu öffnen.
Erfahrungsberichte sprechen davon, dass das Leben mit einer integrierten Meditationspraxis reichhaltiger wird. Kleinigkeiten des Augenblicks – was ich sehe, höre, rieche, schmecke und ertaste – huschen nicht mehr quasi unbeachtet vorüber. Auch die Person, mit der ich in diesem Augenblick zu tun habe, bekommt einen größeren Wert. So fühlt es sich mit der Zeit stets weniger danach an, als ob das ganze Leben an mir vorbeirasen würde.
Zurück zum Alltag
Neben der formellen Meditation gibt es auch noch einfache meditative Alltagsübungen, welche die Wege des Alltagslebens und der Meditationspraxis näher zusammenführen sollen. Eine solche Übung kann beispielsweise darin bestehen, dass wir jede Handbewegung bei einer unspektakulären Verrichtung, etwa beim Geschirrabwaschen, langsam und ganz bewusst durchführen. Verstärken können wir die Übung noch, indem wir jeden Gegenstand mit Dankbarkeit in die Hand nehmen.
Solche Alltagsübungen stellen ein wichtiges Bindeglied zwischen der formellen Meditation und dem Alltag dar. Denn das ist ja das Ziel eines jeden Meditationsweges: Er soll früher oder später in den alltäglichen Lebensweg münden und in diesem aufgehen, sodass wir eine stets wachsende Zahl an Alltagsaktivitäten in einem Geist der Ruhe, der Gelassenheit und der Dankbarkeit ausführen. Selbst dann, wenn es um uns herum hektisch und lärmig zu- und hergeht. Umgekehrt können Achtsamkeit und Dankbarkeit im Kleinen uns auch aus einer lähmenden Lustlosigkeit wecken. Und der Frieden aus dem geschützten Raum der Meditationssitzungen soll in den Alltag hinübergerettet werden und dort zur Entschärfung von inneren und äußeren Konflikten beitragen. Auch die in der Meditation klarer gewordenen Aspekte meines Selbst sollen mir im Alltag helfen, meine Lebensweise etwas mehr zu hinterfragen und als Folge die durch Automatismen gepfadete Spur zumindest zwischendurch auf eine mutige und kreative Weise zu verlassen.
Es sind viele kleine Schritte, die uns auf diese Ziele hinführen (ganz erreichen wir sie nie), und zwischendurch erleben wir Zeiten der Stagnation oder gar des Rückschritts. Aber nur so wachsen wir als Personen und so – ob wir oder andere es merken oder nicht – trägt unser reiferes Verhalten auch zur Reifung unseres Umfeldes bei.
2.1 ALLTAG ALS AUSGANGSORT
Beim Verlassen des Supermarkts kommt mir eine Frau mit einer blonden Strähne im dunklen Haar entgegen, wie sie Mira manchmal trägt. Warum ausgerechnet Mira, denke ich. Ausgerechnet sie, die in so vielen Situationen für Heiterkeit gesorgt hat, als wir heranwuchsen. Burnout, Depression … Die Henkel der Einkaufstasche schneiden sich in die Handflächen ein. Zum wiederholten Mal wechsle ich von einer Hand zur anderen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lese ich auf einem Plakat in großen Lettern: „Niemals wieder“. Niemals wieder was? Aber der restliche Text ist zu klein, ich kann ihn nicht ausmachen. Ich sehe nicht mehr so gut in die Weite, ich sollte zum Optiker gehen. Am Abend gibt es Champions League im Fernsehen – Barcelona spielt. Eine schrille Frauenstimme ertönt: „Das glaub ich ja nicht!“ Ein Blick in Richtung der Stimme – auch andere drehen den Kopf –, ich stolpere auf einer Stufe und fange mich mit einem hastigen Griff ans Geländer. Die Frau kreischt weiter. Die hat nicht alle Tassen im Schrank. Mensch, sollte ich nicht noch die Käsemischung für morgen kaufen? Ich kehre um, verärgert und doch erleichtert. Zum Glück nicht vergessen. Fondue wird es geben; wir haben Gäste. Der letzte Besuch unserer ehemaligen Nachbarn … Da lag Spannung … Er ist so stur … Zurück in den Supermarkt. Die Packung ist gefunden. Anstehen. Müdigkeit macht sich bemerkbar – und wieder hinaus in die frische Luft. Ich nähere mich der Bahnhofsunterführung. Mein Fahrrad auf der anderen Seite habe ich doch abgeschlossen, oder nicht? Die Kette muss geölt werden. Klänge. Ein paar Schritte weiter und sie sind immer noch zu hören. Angekommen in der Unterführung, erblicke ich sie: Eine Frau spielt Geige, ein Mann Gitarre, sie singen, ein Junge spielt … Wie heißt das Instrument? Zigeunermusik. Rassig. Gut aufeinander abgestimmt. Die Frau hat eine schöne Figur. Auch der Gesang. Ja, die können was. Ich halte an, stelle die Tasche vor mich hin und lasse mich vom Rhythmus ein wenig wiegen. Tamburin heißt das Instrument. Menschen hasten vorbei. Arme, Mäntel, Taschen … Ein Mann mit gebücktem Rücken und Gehstock bleibt neben dem Trio stehen. Achtung! Zwei Jugendliche biegen ihre Körper nach außen, um sich ungebremst an ihm vorbeizuzwängen. Kaum jemand verlangsamt den Schritt, unglaublich, kaum jemand lässt sich auch nur ein bisschen vom Klang bewegen. Der Rhythmus ist wieder da, ja, er steckt an. Und doch, nur wenige drehen überhaupt den Kopf. Genügt den Übrigen vielleicht ein Blick aus den Augenwinkeln? Die Augen der Sängerin … Am Geburtstagsfest unserer Mutter vor einem Jahr hat uns Mira auf der Geige etwas vorgespielt. Ihr Gesichtsausdruck während des Stücks – hochkonzentriert, zwischendurch ein Strahlen wie aus einer anderen Sphäre. Von vorne, mühsam, sie muss sich einen Weg bahnen, nähert sich eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Eines davon – ein Mädchen – schärt aus in Richtung der Musiker, macht ein paar Tanzschritte, dann rennt es verschämt zur Mutter zurück und versucht, sie zum Anhalten zu bewegen. Vergeblich. Zeit zum Weitergehen. Ich steige die Treppe hoch und erblicke nach wenigen Metern mein rotes Kettenschloss am Hinterrad. Mit dem Bein schiebe ich ein anderes Rad zur Seite, dann schnalle ich die Tasche auf den Gepäckträger. Unterwegs nach Hause, die Szene nochmals vor Augen, schießt es mir durch den Kopf: Ich habe den Musikern nicht einmal eine Münze in den Gitarrenkoffer gelegt.
2.1.1 Alltag unter der Lupe
Wenn hier von Alltag die Rede ist, so ist in erster Linie unser alltägliches Innenleben gemeint. Es soll verdeutlicht werden, wie eine komplexe Außenwelt über die Sinneswahrnehmungen unaufhörlich auf unser Fühlen und Denken einwirkt, was das für Vorgänge im Innen auslöst, wie sich diese in der Folge nach außen manifestieren und so erneut Input in der Form von Reaktionen von außen generieren. Im Blickpunkt sind primär erwachsene Menschen in einem urban geprägten Umfeld. Bei einem Kleinkind, einem Hirten in den Bergen oder einer alten Frau im Pflegeheim mögen die Schwerpunkte der Wahrnehmung und des Handelns zwar anders liegen, aber auch bei ihnen sind die Elemente des Erlebens und die grundsätzlichen Abläufe dieselben.
Nehmen wir als Beispiele von Außenwahrnehmung (Sinneswahrnehmungen und Erfassen von Stimmungen) ein paar kurze Sequenzen: Passanten auf der Straße mit ausdruckslosen Blicken, Pflastersteinmuster, Gebäudesilhouetten, Autofolgen, Brummen, Quietschen, ein Schlag durch einen herunterhängenden Ast, Regen, Kälte, Plakate. Später: menschliche Präsenz in einem Raum, die Farben von Kleidern, die Formen von Körpern und die Ausstrahlung von Persönlichkeiten, meine Ellbogen auf dem Tisch, die stickige Luft, teils sich überlappende Wortfolgen in verschiedenen Tonhöhen und Lautstärken. Später: fertigzustellende Wortfolgen auf dem Computerbildschirm, gepaart mit Informationen, Mitteilungen, Nachrichten- und Werbefetzen auf dem Smartphone-Display. Schritte im Gang, die Fassade gegenüber, ein Foto aus alten Zeiten. Später: das Grün einer Wiese mit vereinzelten Blumen, dahinter verschiedenförmige Gebäude, der verwitterte Zaun, das Knirschen meiner Schuhe auf den Kieselsteinen, das Entgegenwehen des Windes. Nochmals später: Essensgeruch, ein warmes Stück Pizza im Mund. Die Sofalehne im Rücken. Bilderfolgen und Endlosgerede aus dem Fernsehen. Später: Das Kreisen der Zahnbürste über Zähne und Zahnfleisch während der Sichtung meines Spiegelbilds …
Sie merken es, liebe Leserin, lieber Leser: Wir sind von frühmorgens bis zum Schlafengehen, meist ohne uns dessen bewusst zu sein, einer permanenten Flut von Sinnes- und Stimmungseindrücken ausgesetzt. Dabei sind bei den obigen Sequenzen die Komplikationen zwischenmenschlichen Geschehens ausgespart worden. Beispielsweise das Unterscheiden der (akustischen) Wortfolgen in Höflichkeitsfloskeln, Schmeicheleien, Gefühlsausbrüche, sachbezogene Dialoge, scherzhaftes Geplänkel oder gegenseitige Anschuldigungen; daneben Blicke aller Art und Berührungen. Nehmen wir diese noch hinzu, ergibt sich insgesamt eine riesige Menge an Eindrücken, die, während wir wach sind, permanent auf uns einwirken. Unser Hirn filtert nach Leibeskräften und ist manchmal doch überfordert. Kein Wunder, sind wir so oft erschöpft.
Und dabei ist dies noch nicht einmal die halbe Geschichte. In unserem Innern geht es nämlich meist nicht weniger turbulent zu und her. Zu jedem Element der Außenwahrnehmung und des zwischenmenschlichen Austauschs kommt unsererseits eine Deutung und Einordnung hinzu. Beginnen wir mit den Gedanken: Neu Gedachtes fügt sich in ablaufende Gedankenfolgen ein, teils als Worte, teils als Bilder. Innere Dialoge laufen ab, oft mit wenig Variation in einer Endlosschleife; dazu gesellen sich gerne Fantasievorstellungen. Erinnerungen mischen sich hinzu, ebenso wie Vorstellungen von dem, was sein sollte oder könnte und was noch zu erledigen ist. Das, was uns bewegt (und hier kommen wir zum nächsten Faktor), wird immer und immer wieder durchgekaut.
Gedanken treten nie allein auf, sie sind stets mit Emotionen verbunden. Emotionale Regungen (Wut, Ungeduld, Angst, Irritation, Druckgefühl aufgrund von Erwartungen, Handlungsimpulse, erotische Anziehung, Vorfreude, Genugtuung usw.) können schubartig aufflackern und wieder erlöschen oder sich, in Verbindung mit den sie anfeuernden Gedanken, eine Zeit lang halten. Dies hat entsprechende körperliche Reaktionen – hormonelle, nervliche, kreislaufverbundene und/oder muskuläre – zur Folge.
Sowohl bei den Gedanken als auch den Emotionen besteht eine Bandbreite, die für unser darauffolgendes Handeln entscheidend sein kann. Im Falle der Emotionen bezieht sich die Bandbreite auf die Stärke der energetischen Ladung. Sie lässt sich mit Wellen am Meer vergleichen; die Skala reicht von kaum wahrnehmbar bis zu überwältigender Sturmstärke. Bei den Gedanken geht es um die Klarheit: Die Skala hier reicht von äußerst diffus bis messerscharf.
Mitgeformt werden unsere Gedanken und Emotionen auch durch empathisch Aufgenommenes und erahnte Zusammenhänge sowie durch Sehnsüchte und Ängste aus der Tiefe. Schließlich wird dieses im Wachzustand praktisch ununterbrochen andauernde sinnlich-gedanklich-emotionale Wechselspiel zusätzlich angereichert durch Triebregungen – Lust auf Essen, Trinken oder Sex, Ablenkung und Unterhaltung – und ihr Gegenpart, die Unlust oder das Widerstreben, sowie Körperempfindungen, die meist Unwohlsein oder Schmerzen melden.
All dies findet statt vor dem Hintergrund einer länger anhaltenden, aber sich doch auch wandelnden Stimmung.
Wenn Außeneindrücke oder Aufgaben uns in den Bann ziehen, nimmt die Innenwahrnehmung ab. Der Filter zwischen Innenleben und Aufmerksamkeit ist dann weniger durchlässig. Sind wir umgekehrt mehr mit inneren Vorgängen beschäftigt, wird der Außenwelt ein Großteil der Aufmerksamkeit entzogen – die meisten Sinneseindrücke werden herausgefiltert, bevor sie das Bewusstsein erreichen. Aber auch dann richtet sich der Fokus zumeist nur auf einzelne Elemente der komplexen inneren Vorgänge, etwa auf die schmerzhafte Erinnerung an eine (vermeintliche) Kränkung. Alles Übrige bildet eine undifferenzierte, dumpf wahrgenommene Restmasse im Innern.
Es ist bisher von zwei Ebenen die Rede gewesen – permanente Eindrücke von außen einerseits, permanente innere Vorgänge andererseits. Dazu kommt – als dritte Ebene sozusagen – unser Sprechen und Handeln. Schauen wir genau hin, sehen wir, wie sich die drei Ebenen in dauernder Interaktion miteinander befinden. Wahrnehmungen von außen generieren innere Vorgänge, diese führen zu äußerem Agieren. Das, was durch den Wahrnehmungsfilter nach innen durchdringt, wird mit bereits Vorhandenem verknüpft und vom Verstand unaufhörlich kommentiert, bewertet und kategorisiert; parallel dazu findet ein emotionales Nachbearbeiten statt. Triebschübe und Aufwallungen aus dem Unbewussten mischen mit. So bildet sich ein unübersichtlicher, manchmal heftiger, manchmal kaum wahrgenommener Strom, dessen Ingredienzen durch stets neue Elemente von außen entweder angereichert oder ersetzt werden.
Es kann sein, dass Sie nur schon vom Lesen dieser Vorgänge erschöpft sind. Wie muss es dann wohl sein, wenn Sie Tag für Tag so etwas praktisch nonstop durchmachen? Zwei Fragen drängen sich also an dieser Stelle auf: Erstens: Was von Augenblick zu Augenblick in unserem Alltag abläuft, ist so gesehen turbulent und hochgradig komplex. Über weite Strecken empfinden wir dies aber nicht so. Warum nicht? Und zweitens: Warum erkennen wir dieses Zusammenspiel von Sinneseindrücken, inneren Vorgängen und äußerem Handeln so selten als solches?
Suchen wir zunächst nach Antworten auf die erste Frage: Wir sind uns der Vielschichtigkeit und Komplexität der dauernd ablaufenden Vorgänge nicht bewusst, weil die Filterfunktion unseres Gehirns einen großen Teil der Eindrücke und Reize unterdrückt, um uns vor einer permanenten Überforderung zu schützen.10
10 Es gibt Menschen, bei denen dieses Filtern nur ungenügend funktioniert. Dazu gehören primär solche, die man in das Autismus-Spektrum einordnen kann. Situationen, die für „gewöhnliche“ Menschen locker zu bewältigen sind, lösen bei ihnen aufgrund einer unkontrollierbaren Reizüberflutung Panikattacken aus.
Was – von außen oder innen kommend – weggefiltert wird und was ins Bewusstsein durchdringt, wird von Augenblick zu Augenblick beeinflusst vom Ziel, das ich verfolge. Das Ziel mag ein klares sein (ich habe Lust auf ein Sandwich, dann springt mir eine Imbissbude ins Auge, an der ich sonst achtlos vorbeigegangen wäre) oder ein vages (ich brauche etwas, das mich stimuliert oder unterhält, dann lasse ich mich von allen möglichen Belanglosigkeiten ablenken, die bei konzentriertem Handeln unbeachtet blieben). Komplexer wird die Sache dadurch, dass ich meist mehrere, zum Teil sich widersprechende Ziele in mir herumtrage. Beeinflusst wird der Filtervorgang zudem von meinem Gemütszustand. In einem Zustand der Nervosität nehme ich zumeist weniger Einzelheiten um mich herum wahr als in einem Zustand der Gelassenheit.
Einen wesentlichen Beitrag zum Filtervorgang leistet schließlich die Macht der Gewohnheit, die eine weitere Schleierschicht über unsere Wahrnehmung legt. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Autofahren. Permanent einzuordnende Sinneswahrnehmungen, Überlegungen und Anpassungen bezüglich der Richtung unseres Fortbewegens und stetes Reagieren auf die Fahrmanöver anderer Verkehrsteilnehmer bedingen vielfältige manuelle Handlungen, damit wir sicher von A nach B gelangen. Und doch läuft das alles, falls keine außergewöhnliche Verkehrssituation eintritt, mit einem hohen Grad an erfahrungsbasierter Automatik ab, sodass unser körperlich-mental-seelisches System nicht allzu stark strapaziert wird.
Die Macht der Gewohnheit deckt sich weitgehend mit der Macht der Vertrautheit. Die Beine unseres Wohnzimmertisches, selbst wenn sich diese voll in unserem Gesichtsfeld befinden, nehmen wir nur ganz selten bewusst wahr (es sei denn, der Tisch ist neu). Gewohnheit bzw. Vertrautheit können aber zu einer Falle auf dem Entwicklungsweg werden. Wenn uns der Großteil unseres täglichen Lebens etwa so spannend wie ein Tischbein erscheint; wenn uns unsere Mitmenschen, unsere Tätigkeiten oder die Naturphänomene, denen wir begegnen, kaum noch aus der zunehmenden Dumpfheit zu reißen vermögen, aber umgekehrt vieles davon zu unserer Sorgenlast beiträgt, bleibt immer weniger Raum und Luft für einen positiven Entwicklungsprozess.
Statt auf dem Weg zur Bushaltestelle am Morgen die frisch aufgegangenen Knospen an den Bäumen am Straßenrand zu bestaunen, denke ich an das zu erwartende Gedränge im Bus. Statt neue Seiten an meinen Mitmenschen zu suchen, fokussiere ich nur noch auf das, was mich an ihnen nervt oder neidisch macht. Statt in ihrer Verschiedenfarbigkeit nehme ich die Wirklichkeit vor allem in Grautönen wahr. So wird scheinbare Vertrautheit zu bedrückender Routine. Der Grad der Selbstbezogenheit nimmt dabei sukzessive zu. Wir suchen dann Fluchtwege – intensiveres Erleben durch Ablenkungen, die uns aber ihrerseits wieder mit einem schalen Nachgeschmack zurücklassen. Es müssen stets neue Erlebnisse her, prickelndere, aufregendere. Schließlich besteht die Gefahr, dass der Fluchtweg der Ablenkungen zu einer Sackgasse der Sucht wird. Oder wir versinken, meist aufgrund eines Leides, von dem sich die Aufmerksamkeit nicht lösen kann, in Stumpfheit oder Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression.
Bei solchen Abwärtsspiralen (Gewohnheit – Dumpfheit oder Leiden – Flucht oder Depression) wird die Wahrnehmung – die äußere wie die innere – generell beeinträchtigt.
So weit also zur Frage, warum wir nur so wenig von der Wirklichkeit in all ihren reichhaltigen Facetten von Augenblick zu Augenblick wahrnehmen – sowie zu den möglichen Folgen, wenn kein Bewussterwerden und kein zumindest partielles Entfernen solcher Schleierschichten einsetzt.
Und nun zur zweiten Frage: Warum erkennen wir das oben beschriebene Zusammenspiel von Sinneseindrücken, inneren Vorgängen und äußerem Handeln so selten als solches? Warum nehmen wir es eher diffus wahr und unterscheiden die Einzelelemente kaum voneinander?
Einerseits deshalb, weil die meisten dieser Abläufe sehr rasch vor sich gehen und die Unterscheidungen subtil sind. Der Hauptgrund ist aber ein anderer: Wir sind gewöhnlich in einem hohen Maß abwesend. Natürlich nicht körperlich, aber geistig.
Eine Ursache dafür liegt in der mit zunehmendem Alter auch zunehmenden Routine, wie oben beschrieben. Schauen wir aber genauer hin: Was passiert, wenn wir nicht im Hier und Jetzt präsent sind? Grob gesagt, kann die geistige Abwesenheit im Wachzustand zwei Formen annehmen: Die eine ist Absorption. Wir „verlieren“ uns in einer Aufgabe oder einem äußeren oder auch inneren Vorgang. Das heißt, wir verlieren weitgehend die Achtsamkeit auf das, was sonst noch in uns und um uns herum vorgeht. Es kann sich dabei beispielsweise um Gartenarbeit (aktive Absorption) oder einen Film (passive Absorption) handeln. Oder wir sind einfach am Grübeln. Ein Gradmesser für die Geistesabwesenheit ist das Ausmaß, in dem wir aufschrecken oder verstört sind, wenn uns jemand aus dieser Absorption herausreißt. Unsere Stimmung nach einer solchen Phase, wenn sich unser Bewusstsein wieder ins Hier-und-Jetzt ausweitet, hängt stark von der Qualität dessen ab, was uns so in Anspruch genommen hat (der Film war echt lausig/das war wirklich ein spannender Vortrag).
Nicht gemeint hier ist die wache Absorption, wenn wir uns in einem „Flow“ befinden (siehe Seite 237), in dem wir ohne Sonderanstrengung kreativ wirksam sind und uns alles leicht von der Hand zu gehen scheint. Selbstvergessen sind wir dann im Sinn von „egovergessen“, aber gleichzeitig sind wir achtsam und präsent, also geistesgegenwärtig. Nach einer solchen Phase bleibt unweigerlich ein Gefühl von Erfüllung zurück. Im Alltag erleben wir „Absorption“ oft als fluktuierend zwischen ihrer geistesgegenwärtigen und ihrer geistesabwesenden Form.
Die zweite Art der mangelnden Präsenz ist die Zerstreutheit, der umherschwirrende Geist. Den anstehenden Alltagsaufgaben teilen wir gerade so viel Prozent unserer gesamten Aufmerksamkeit zu, wie für deren Bewältigung nötig sind. Automatismen und eingeübte Reaktionsmuster sorgen dafür, dass in vielen Fällen schon ein kleiner Prozentsatz genügt. Mit dem Rest gehen wir auf Gedankenreisen. Von Außenreizen lassen wir uns immer wieder in neue Richtungen weglocken. Wir verlieren uns kurz in selbstgeschaffenen Vorstellungswelten. Wir führen imaginäre Gespräche. Oder wir sind am Wiederkäuen eines vergangenen, konfliktgeladenen Ereignisses, meist ohne das geringste Bewusstsein dafür, wie subjektiv und fragmentarisch unsere „Erinnerung“ an dieses Ereignis in Wirklichkeit ist. Die meist in rascher Folge ablaufenden Gedanken- und Fantasieexkurse sind von entsprechenden Emotionen begleitet, die im gleichen Maß Energie und Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen, wie solche, die von „realen“ Vorkommnissen ausgelöst werden.
Im Hier und Jetzt sind wir also – ohne entsprechende Übung – in vielen Phasen des Alltags nur tief- bis mittelgradig präsent.
„Ja, ich komme.“ In fünf Minuten beginnt das Spiel, ich begebe mich zu unserer zwölfjährigen Tochter und ihren Rechenaufgaben.
„Wieso …?“, beginnt Jana.
„Du musst einfach die Strecke berechnen und dann durch 80 teilen – die Geschwindigkeit – und dann hast du die Zeit.“
„Wie …?“
„Jana, versuch’s doch einfach und ich komm später vorbei und schau, ob alles stimmt, okay?“
Ich eile zum Kühlschrank und hole mir ein Bier. Ein weiteres steht für die zweite Halbzeit bereit. Hab ich mir verdient.
Barcelona legt mit hohem Tempo los. Rasche Passfolgen. Kaum hat der Gegner mal den Ball, erobern die Barça-Spieler ihn mit enormem Laufaufwand gleich wieder zurück.
„Komm doch mal, bitte!“, höre ich Michaela vom Schlafzimmer aus rufen. „Warum liegen deine Kleider kreuz und quer auf dem Bett herum?“
„Ich räum sie in der Pause weg, okay?“
„Nicht okay. Ich will JETZT die Bettwäsche wechseln.“
„Scheiße.“ Ich springe auf – und stoße die Bierflasche um. „Merde!“ Ein Sprung, um die Flasche aufzufangen, bevor sie auf den Boden rollt, und ich stoße mit dem Schienbein kräftig gegen die Kaffeetischkante. „SHIT!“
„Schrei nicht so! Und ich hab den Lärm vom Fernseher satt! Bis da oben satt! Lärm den ganzen Tag schon im …“
„ICH KOMM JA SCHON!“
Stellen Sie sich einmal vor, dass alles, was in Ihrem Kopf vorgeht, eine viertel Stunde lang in Ton und Bild ungefiltert vor der ganzen Nachbarschaft ausgestrahlt würde. Was für eine Abfolge von x-fach wiederholten Belanglosigkeiten und Kleinlichkeiten, von Urteilen über alle und alles, von Begehrlichkeiten, von durch Sorgen aufgeblähte Visionen von Missgeschick und Unheil, von scheinbar zusammenhangslosen Erinnerungsfetzen, von unausgegorenen Fantasien, von teils widersprüchlichen Gedankenfragmenten, immer wieder begleitet von einzelnen Impressionen aus dem Umfeld. Das allermeiste davon ist selbstbezogen. Unter dieser Flut würden die paar vernünftigen Einsichten sowie die wenigen Ideen und Pläne, die wir zu Ende denken, wohl untergehen.
Erkenntnis Nummer eins: Dies ist wohl – erschlossen aus Selbstbeobachtung und der Annahme, dass ich nicht wesentlich anders ticke als andere, sowie aus allen mir sonst zur Verfügung stehenden Informationen – die Realität in den Köpfen eines Großteils der Erdbevölkerung. Wir brauchen uns also nicht zu schämen.
Erkenntnis Nummer zwei: Was erkannt wird, lässt sich ändern.
Erkenntnis Nummer drei (an dieser Stelle ist dies noch eine Behauptung, die im Lauf des Buchs untermauert werden soll): Bei reiferen Menschen gleicht die Abfolge von Gedanken und Vorstellungen mehr einem ruhigen Fluss und weniger einer chaotischen Flut; außerdem sind die Gedanken und Vorstellungen insgesamt weniger vage und bruchstückhaft, etwas weniger selbstbezogen und wohl auch insgesamt von höherer Qualität (also der Nachbarschaft eher zumutbar).
„Erkenne dich selbst!“, ist eines der Leitmotive der klassischen griechischen Philosophie. Denn nur so können wir in entscheidendem Ausmaß auf unser Verhalten Einfluss nehmen und das ändern, was wir als änderungsbedürftig erkannt haben. Dazu braucht es eine Bereitschaft zur „Innenschau“11. Und für eine auf Langfristigkeit angelegte, erhellende Innenschau ist wie schon gesagt die Meditation (samt meditativen Alltagsübungen) ein hervorragendes Werkzeug.
11 Ich ziehe diese Bezeichnung dem ebenfalls häufig verwendeten Begriff „Introspektion“ vor, denn bei letzterem klingt das Wort „Inspektion“ an und verleiht ihm so einen stark urteilenden Beigeschmack. Beim Blick nach innen geht es jedoch in erster Linie um Erkenntnis und, wenn überhaupt, erst in zweiter Linie um ein Werturteil.
Eine Hauptthese dieses Buches lautet: Ohne Bewussterwerden kein Reifen. Zum Bewussterwerden gehört nicht nur eine entnebelte Sicht auf das, was uns antreibt, sondern auch größere Klarheit über die Art, wie unser sogenanntes Wissen zustande kommt, auf das wir im Alltag bauen. Und auch Klarheit über die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache, mit der wir dieses Wissen bzw. das, was uns bewusster geworden ist, in Begriffe zu fassen versuchen. Deshalb wird dem Wissenserwerb und der Sprache im Folgenden je ein Kapitel gewidmet, bevor wir uns der Meditation als einen weiteren Zugang zur Wirklichkeit zuwenden.
Zum Abschluss sollen die oben ausgeführten Alltagsvorgänge nochmals zusammengefasst werden: Es findet (im Wachzustand) eine praktisch permanente Interaktion von Außenwahrnehmungen, inneren Vorgängen und eigenem Agieren (Sprechen/Handeln) statt. Diese Interaktion läuft – ununterbrochen – ungefähr so ab: Sinnes- und Stimmungsaufnahme aus dem Umfeld, unbewusstes Filtern dieser Wahrnehmungen, emotionale Reaktionen, Handlungsimpulse, gedankliche Deutung sowie Eingliederung in den Strom der vorhergehenden Gedanken und Emotionen. Dieser Strom wird zeitweise angereichert mit assoziativ hinzukommenden Erinnerungen, Erwartungen und Fantasievorstellungen sowie Trieb- und Willensschüben und wird, kraft all dieser Elemente, in stets wechselnde Richtungen geleitet. Aus diesem Strom heraus erfolgt reaktives bzw. gewohnheitsmäßiges (weit seltener: bewusst gewähltes) Sprechen und/oder Handeln, was seinerseits wiederum Eindrücke, Gedanken und Reaktionen auslöst. Wohlgemerkt: All dies ist nichts Spezielles, nichts Berichtenswertes. So sieht unser ganz normaler, von außen gesehen meist ziemlich ereignisarmer Alltag aus, wenn wir ihn genauer unter die Lupe nehmen.
2.1.2 Vom Erfassen der Wirklichkeit (Verstand – Gefühl – Intuition)
Bengt verlässt nach einem Interview für eine Stelle als Websiteredaktor das Bürogebäude der Firma und setzt sich in ein nahe gelegenes Teehaus. Dort läuft das Interview wie ein Film vor seinen Augen ab. Mit dem Verstand geht er den Dialog nochmals durch. Eigentlich gab es keine Fragen, die ihn wirklich aus der Bahn geworfen haben, eigentlich wusste er auf alle eine Antwort. Was er sagte, war vielleicht nicht unbedingt brillant oder originell, aber doch, so denkt er, eigentlich sachgerecht. Sein Gefühl, merkt er, wirft penetrant dieses „eigentlich“ auf. Etwas macht ihn unzufrieden. Nun geht der Verstand hierauf ein und versucht zu analysieren. Es muss an der Körperhaltung der Abteilungsleiterin gelegen haben. Auch ihr Ton war konstant förmlich, sie strahlte keinerlei Willkommenswärme aus. Vielleicht ist sie aber immer so? Eine Woche später erhält Bengt eine Zusage der Firma. In der Folge reiht sich bei ihm eine Vorstellung zum Thema „Bewerbungsgespräch“ in sein Bild der Wirklichkeit ein, die etwa so aussieht: es handelt sich dabei um ein formelles, unpersönliches Treffen, verbunden mit einem Gefühl der Verlorenheit – man weiß nie, woran man ist. Dieses „Wissen“ wird erst Jahre später bei einem erneuten Stellenwechsel infrage gestellt, nachdem er ein offenes und warmherziges Gespräch mit dem zuständigen HR-Manager erlebt hat.
Im folgenden Fall kommt ein weiteres Element ins Spiel: Ein Kollege erzählt Elisabeth, die letzte Referentin beim Seminar mit dem Thema „Altern in Würde“ sei eine weise Frau gewesen. Hier beginnt das Verstehen bei Elisabeth mit dem intuitiven Erfassen von „weise“. Als Ganzes, ohne Bedarf an Einzelheiten. Als Elisabeths Kollege fragt, ob sie sich vorstellen könne, was er damit meint, sagt sie ohne zu zögern ja. Irritiert vielleicht von der allzu raschen Antwort, fragt er nach, was sie denn unter „Weisheit“ verstehe. Erst hier gerät Elisabeth ins Stocken. Der Verstand wird eingeschaltet; gleichzeitig muss sie aber auch intensiv nachspüren. Dann schlägt sie, etwas verunsichert, folgende Begriffe vor: gelassen, mit einem Sinn für Wichtiges, wohlwollend, Ruhe ausstrahlend. „Ja“, bestätigt ihr Kollege, „und zudem hat sie einen wunderbaren Humor.“ „Das wollte ich auch gerade erwähnen“, sagt Elisabeth und strahlt. Ihr Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Dinge zu erfassen, ist wiederhergestellt.
Gehen wir nun von spezifischen Fällen zum Phänomen des Wissenserwerbs im Allgemeinen über. Denn es geht in diesem Buch um Reifen, und bei einem Reifungsprozess ist das kritische Hinterfragen des eigenen Welt- und Selbstbildes ein essenzielles Element, ohne das ein „Ausbruch“ aus gewohnheitsmäßigen Denk- und Handlungsweisen kaum möglich ist.
Unser Gesamtbild der Wirklichkeit (dazu zählt unser Selbstbild, Menschenbild und Weltbild) beruht auf einem Grundgerüst an subjektivem Wissen. Warum subjektiv? Weil es sich bei unserem Wissen nicht, wie man vielleicht spontan meinen könnte, um ein Gebäude aus Fakten handelt, sondern um eine ganz persönliche Ansammlung von gewerteten und gewichteten Informationen, Erfahrungen, Vorstellungen, Erinnerungen und Schlussfolgerungen. Schauen wir die Wissensarten im Einzelnen an: Da gibt es natürlich die nachweisbaren Fakten (Paris ist die Hauptstadt von Frankreich; meine Schwester ist verheiratet). Dann gibt es das praktische Wissen (wie man die Waschmaschine bedient) und das Sachwissen (wie die Waschmaschine von innen aussieht; wie sie funktioniert). Damit hört die Objektivität bereits auf. Weitere Komponenten unseres Wissens bilden sich durch die jahrelange Verarbeitung von eigenen Erfahrungen sowie von direkt oder indirekt zur Kenntnis genommenen fremden Erfahrungen (dazu gehört auch alles, was wir lesen und hören). Schließlich spüren wir noch vieles, und auch das wird in den Mix integriert. Aus all diesen Komponenten ziehen wir – viel häufiger unbewusst als bewusst – Schlüsse (bzw. subjektive Querverbindungen), und aus den angesammelten Schlüssen ergibt sich eine gewisse Geisteshaltung. Diese Geisteshaltung ist besonders wirkmächtig in Bezug auf unser Weltbild, denn sie spielt, zusammen mit der psychischen Verfassung, bei der Auswahl aus den unendlich vielen zur Verfügung stehenden Informationen, Eindrücken und Erinnerungen bzw. bei deren Ausblendung oder Verdrängung eine zentrale Rolle.
Die Beispiele zu Beginn des Kapitels machen es klar: Unsere Aneignung von Erkenntnis findet auf verschiedenen Ebenen statt. Da gibt es die intellektuelle Ebene, die memorisiert, analysiert, systematisiert und logische Schlüsse zieht und so faktisches Wissen sowie sachlich begründbare Ansichten beisteuert. Dann die gefühlsmäßige Ebene, wo, stark beeinflusst auch von emotionalen Reaktionen, konkrete Gegebenheiten mit unserem Sensorium für Empathie wahrgenommen und gewertet werden, was zu empathischen Einsichten führt. Und eine weitere Dimension des Wissens gibt es noch, und diese ist für unsere Zwecke unentbehrlich, nämlich die intuitive Ebene. Aus dieser Dimension steigen fundamentale Ahnungen auf, sofern der Zugang dazu nicht durch seelisch-geistige „Kontraktion“ aufgrund von Ängsten, Begierde, Wut, Niedergeschlagenheit, Hochmut usw. blockiert wird. Dieser Ebene entspringt jenes sofortige, begriffslose Verständnis von „weise“ im obigen Beispiel. Solch intuitives Wissen bildet sozusagen die Grundierung unseres Selbst- und Weltbildes (mehr hierzu unten).
Tendenziell ist das empathisch erfasste Wissen subjektiv bzw. persönlich, das intuitiv erfasste transpersonal. Das heißt, die Quelle von Letzterem ist unfassbar. C.G. Jung (1875–1961), der ganzheitlich denkende Psychologe, brachte Intuition mit dem kollektiven Unbewussten in Zusammenhang. Intuitives ist eher unabhängig vom Raum und den uns umgebenden Menschen, Gefühltes hingegen nehmen wir oft aus dem Umfeld auf. Letztlich ist es aber müßig, darüber zu streiten, ob bei einer nicht rein logisch-empirisch fassbaren Einsicht der gefühlsmäßige oder intuitive Anteil größer ist. Verstand, Gefühl und Intuition arbeiten zusammen, wenn auch anteilsmäßig je nach Fall verschieden. Sie mit rationalen Mitteln auseinanderzudividieren, gelingt deshalb nur ansatzweise. Das vielleicht beste Unterscheidungsmerkmal ist ihre Geschwindigkeit, denn in ihrer Zusammenarbeit sind sie nicht synchron: Am schnellsten ist die Intuition („die Einsicht kam blitzartig“, heißt es manchmal); das gefühlte Wissen seinerseits steht schneller zur Verfügung als das gedachte. Diese Unterschiede in der Erkenntnisgeschwindigkeit zeigen sich beispielsweise, wenn ein intuitiv-extrovertierter Mann (gemäß Jungscher Typologie, siehe Seite 250) die Sätze seiner Gesprächspartner zu Ende spricht, bevor diese sie zu Ende gedacht haben, weil er intuitiv ahnt, was kommen wird (eine Angewohnheit, die er im Rahmen seines Reifeprozesses erkennen und sich rasch abgewöhnen sollte).
Betrachten wir das Zusammenspiel von Verstand, Gefühl und Intuition nochmals anhand eines Beispiels: Richard argwöhnt, dass der alleinstehende Nachbar ein Auge auf seine Frau Laura geworfen hat. Diese Vorstellung stammt in erster Linie aus dem, was er gefühlt aus den Begegnungen zu dritt aufgenommen hat (vor allem aus der Wortwahl und Tonlage des Nachbarn sowie seiner Art, Laura anzusehen). Diesem beigemischt werden vermeintlich sichere Fakten über ihn (Richard ist zu Ohren gekommen, dass dieser Nachbar schon mehrere Partnerschaften in kurzer Folge hinter sich habe), Richards Projizierung der eigenen Vorlieben und Triebe und die dadurch ausgelösten emotionalen Regungen. All dies zementiert den Verdacht. Dem gegenüber steht das kurze und gefühlt aufrichtige Beteuern seiner Frau, dass sie definitiv nicht interessiert sei. Eines Morgens wacht Richard auf mit einer plötzlichen inneren Klarheit, dass er übertrieben habe und der Nachbar keine Gefahr für seine Ehe darstelle. Woher diese Sicherheit kommt, ist ihm schleierhaft. Sie vergeht wieder; Richards Zweifel kehren zurück. Das Spiel kann weitergehen.
Wichtiger als ein analytisches Auseinanderdividieren ist es für unsere Lebenspraxis, den Gebrauch und die Koordination dieser wunderbaren Erkenntnisinstrumente zu optimieren. Konkret kann das heißen, den Verstand nicht durch einen Schwall an Gefühlen zu vernebeln. Oder umgekehrt, uns nicht durch die Beschränkung auf verstandesmäßig Erfassbares den Zugang zu nuancierteren, wenn auch weniger fassbaren Einsichten zu verbauen.
Auch für das gegenseitige Verständnis sind gefühlsmäßige und intuitive Bestandteile unerlässlich. Ein weiteres Beispiel soll dies illustrieren (auch um zu zeigen, dass das intuitive Verständnis von „Weisheit“ keinen Sonderfall darstellt): Nehmen wir den Satz „Wir sind alle mitgeprägt von der Gesellschaft, in der wir leben.“ Unproblematisch, nicht wahr? Absolut verständlich. Und doch, wie definiert man eigentlich „Gesellschaft“? Ist es das Umfeld (wie immer dieses einzugrenzen ist)? Die Nation? Die Sprachgemeinschaft? Der „Westen“ im Gegensatz zum „Osten“? Die Summe aller Menschen, mit denen ich direkt oder indirekt zu tun habe? Aber dann wäre meine Gesellschaft eine andere als die meines Bruders. Nichts passt. Und doch wird kaum jemand reagieren mit: „Ich verstehe diesen Satz nicht.“ Wir erahnen (wie beim Wort „weise“), was mit „Gesellschaft“ gemeint ist. Mehr noch, es ist ein gemeinsames Erahnen. Es gibt ein transpersonales Bewusstsein um die Bedeutung des Wortes. Das Verständnis kommt aus einer tief verankerten, intuitiven Wissensquelle, und beim Schöpfen aus dieser Quelle wirken Gespür, Einfühlen und Intellekt zusammen. Und es bestätigt sich, was zum Ablauf des Verstehensprozesses schon gesagt wurde: Zuerst kommt das intuitive Erfassen, dann erst das Ringen um Details, um die möglichst präzise sprachliche Ausformulierung. Ein rein rational erworbenes Wissen, ohne ein empathisches und intuitives (ganzheitliches) Verstehen, wäre derart fragmentarisch und von Mensch zu Mensch verschieden, dass sich jeder sprachliche Austausch als äußerst mühsam, in vielen Fällen sogar als unmöglich erweisen würde. Umgekehrt würde eine Vernachlässigung des Verstandes zu diffusen und ebenfalls schwierig zu kommunizierenden Wissensinhalten führen. Alle drei – Denkvermögen, Einfühlungsvermögen und Offenheit für Intuition – sind also unabdingbar.12
12 Grob gesagt, verläuft die Unterscheidung dieser drei Arten des Erfassens von Wirklichkeit parallel zu jener zwischen intellektueller, emotionaler und spiritueller Intelligenz, gemessen oder ausgedrückt als IQ, EQ und SQ. Wenn zuvor nach Geschwindigkeit unterschieden wurde, so jetzt nach Subtilität bzw. Messbarkeit. Schon IQ-Tests werden heute nur noch als Einschätzung, nicht mehr als genaue Bestimmung des Denkvermögens betrachtet. Noch weniger messbar ist die emotionale Intelligenz (EQ), und wie soll die subtilste der drei, die spirituelle Intelligenz (SQ), empirisch eingefangen werden?
Die drei arbeiten laufend zusammen. Sie funktionieren dabei aber auch als gegenseitige Kontrollinstanz. Was bedeutet, dass Verstand, Gefühl und/oder Intuition fallweise miteinander in Widerstreit liegen können.
Ich war damals vierzehn, Jean demnach zwölf und Mira acht. An dem Tag, als unsere Mutter Jean und mich zu sich rief. An dem Tag, als sie uns mitteilte, dass unser Vater, der nach seinem Autounfall in Frankreich schon auf dem Weg zur Besserung war, nicht mehr nach Hause zurückkehren wolle. Es blieb aber nicht bei dem einen Schock, der allein schon unsere Welt auf den Kopf stellte. Unsere Mutter machte uns klar, dass sie ihn nie hätte heiraten sollen.
„Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen.“
„Warum kommt er nicht mehr zurück?“, fragte Jean.
„Warum hast du ihn dann geheiratet?“, schoss es aus mir hervor.
Wir schauten uns alle drei an, schweigend, Jean kreidebleich. Eine unsägliche Wut stieg in mir auf, zusammen mit der immer deutlicher werdenden Gewissheit, dass unser Leben nie mehr das Gleiche sein würde.
Unsere Mutter versuchte nach und nach, uns ihre Seite der Geschichte klarzumachen. Sie war nicht mehr die Jüngste, als sie unseren Vater kennenlernte. Er war ein gut aussehender Franzose, der Deutsch mit einem charmanten Akzent sprach und aus Geschäftsgründen regelmäßig in unsere Stadt reisen musste. Und er machte ihr den Hof. Ihre Freundinnen beneideten sie. Da habe sie ja gesagt. Obwohl sie schon zu jener Zeit merkte, dass er ihr kaum je in die Augen blickte, wenn sie miteinander sprachen.
Ein Hochzeitsfoto habe ich noch. Anna und Arnaud. Sie strahlt. So kann man sich von einer Momentaufnahme täuschen lassen.
Als er mehrere Tage lang nicht nach Hause kam, war das für uns nichts Ungewöhnliches. Als Kontrolleur von Werkbänken zur Herstellung von Präzisionsinstrumenten war er viel unterwegs. Frankreich, Deutschland, Schweiz, Österreich. Dann erhielten wir die Nachricht vom Unfall in der Nähe von Lyon. Er lag verletzt im Krankenhaus. Meine Mutter fuhr hin; unsere Großmutter zog für ein paar Tage zu uns ins Haus. Und schließlich jener Tag, an dem meine Mutter zurückkam. Ich erinnere mich noch, dass sie Jean und mich genau dann zu sich rief, um uns die Nachricht zu übermitteln, als Großmutter einkaufen gegangen war. Heute weiß ich, dass sie sich schämte. Sie hat wahrscheinlich nie aufgehört, sich zu schämen. Bis sich vor wenigen Jahren die Demenz bemerkbar machte.
Bei der Heranbildung eines Gesamtweltbildes lässt sich eine große Bandbreite an Klarheit, Differenziertheit und Lernbereitschaft feststellen. Wie bei so vielen anderen Themenpunkten in diesem Buch gibt es dabei kein Entweder-Oder, kein Schwarz-Weiß. Die Unterschiede sind graduell. Am einen Ende der Skala befinden sich diejenigen Menschen, deren Bild der Welt und des Menschseins unreflektiert und voller Stereotype, Generalisierungen und Vorurteile ist. Ein Bild ferner, über welches sie wenig Kontrolle haben, denn es dringt nur wenig davon klar in ihr Bewusstsein durch. Tendenziell sind solche Menschen auch für ein Lernen über Fach- und Sachkenntnis hinaus kaum offen (Haltung: Ich weiß ja sowieso Bescheid, und was ich nicht weiß, interessiert mich nicht), und somit auch kaum geübt im bewussten Umgang mit subtileren – empathischen oder intuitiven – Wahrnehmungen. Am anderen Ende der Skala sind Menschen, die neugierig sind auf weit mehr als nur das, was nützlich ist; die der Sehnsucht nach Verständnis des großen Ganzen Raum und Zeit geben; die außerdem fähig sind, empathische und intuitive Wahrnehmungen bewusst zu registrieren, abzuwägen und einzuordnen. Und die in Anerkennung der Beschränktheit und Subjektivität des eigenen Wissens bereit sind, das eigene Bild der Wirklichkeit fortlaufend mit Input von außen abzugleichen, zu korrigieren, zu verfeinern und zu erweitern.
Irgendwo zwischen diesen Extremen befinden Sie sich zurzeit. Irgendwo befinde ich mich. Es geht nicht um eine Rangordnung; Reiferwerden ist kein Wettbewerb. Wichtig ist allein der Wille, sich in Richtung einer klareren und differenzierteren Erfassung der Wirklichkeit weiterzuentwickeln.
Schauen wir die drei Erkenntnisebenen nun im Einzelnen etwas genauer an. Daneben sollen weitere Begriffe aus dem gleichen Bedeutungsfeld erläutert werden. Nicht um allgemeingültige Definitionsversuche geht es dabei, sondern vielmehr um Klarstellung, wie diese Begriffe im vorliegenden Buch verwendet werden.
Verstand
„Verstand“ bezeichnet das Instrument, das einen rationalen Umgang mit Input aller Art ermöglicht. Er zieht logische sowie verallgemeinernde Schlussfolgerungen aus Gehörtem, Gesehenem, Gelesenem, Gespürtem und aus Erfahrungen. Durch ihn werden Letztere auch kategorisiert, was wiederum verhindert, dass unser Gedächtnis aus einem unbrauchbar chaotischen Sammelsurium an ungeordneten Fakten und Eindrücken besteht. Er trägt bei zur laufenden Beurteilung dessen, was wir wahrnehmen und was uns widerfährt. Er stellt ferner Bausteine zur Verfügung für Vorstellungen beim bildlichen Denken. Überprüfen Sie einmal bei sich selber: Wie viel von Ihrem Denken ist sprachlich ausformuliert, wie viel besteht aus diffusen bis klaren inneren Bildern?
Der Verstand bedient sich beider Methoden. In Bildern zu denken, ist oft einfacher und erspart uns die Mühe des Formulierens. Sprache wiederum ist im Kopf oft als Widerhall von Gehörtem oder Gelesenem vorhanden und wird verwendet, um sich Dinge klarer zurechtzulegen. Und natürlich auch, um zu kommunizieren und somit soziale Kontakte aller Art in Gang zu halten. Der Verstand ist ein wunderbares Werkzeug, aber er hat seine Grenzen. Das stellen wir jedes Mal fest, wenn wir um Worte ringen, obwohl wir genau spüren, was wir eigentlich formulieren möchten.
Gefühl
Mit „Gefühl“ ist hier ein empathisch erspürtes Wissen gemeint. Unser Gefühl unterscheidet feiner als der Intellekt. Da es aber vom Denken und von der emotionalen Wetterlage wesentlich beeinflusst und zum Teil beeinträchtigt wird, kann es sich, wenn ausformuliert, genauso leicht als irrig wie als zutreffend erweisen. Um einen irrigen gefühlsmäßigen Schluss handelt es sich beispielsweise, wenn Menschen aufgrund von bruchstückhaften Informationen einerseits und starken Emotionen andererseits das „Gefühl“ haben, die Anzahl von Schwerverbrechen in ihrem Land sei am Zunehmen, obwohl Statistiken klar belegen, dass sie in Tat und Wahrheit rückläufig ist.
Schauen Sie sich ein paar Videos an – auf YouTube oder anderswo – auf denen Menschen sich zu einer kontroversen Angelegenheit äußern (Migration, Umweltgefährdung, Kapitalismus usw.). Es soll dabei weniger um den Inhalt gehen (darum kümmert sich der Verstand), sondern um den Geist hinter dem, was gesagt wird, nämlich einen im ethischen Sinn guten oder weniger guten. Dieser verrät sich stärker durch die Sprechweise (Wortwahl, Tonfall) sowie die Mimik und Gestik der Sprechenden als durch die Aussagen selbst. Wirkt das, was gesagt wird, mehrheitlich wohlwollend, respektvoll und authentisch? Oder eher zynisch, abwertend und/oder unauthentisch (die Person sagt das, was ihr nützlich erscheint)? Dies stellen wir, bewusst oder unbewusst, mit unserem Gefühlssensorium fest (auch Einfühlungs- oder Empathievermögen genannt; alle drei Begriffe sollen hier synonym verwendet werden). Die Beurteilung solcher Aussagen erfolgt jedoch gemäß unserer eigenen Geisteshaltung. Und natürlich suchen wir am ehesten nach solchen Aussagen, die mit unserer eigenen Haltung in Resonanz treten.
Beim Gefühlssensorium geht es, wie gesagt, um ein laufendes Erfassen von Signalen – etwa einem Gesichtsausdruck – und Schwingungen. Es nimmt zum Beispiel die Spannung in einem Raum oder die lebendige Ruhe einer blühenden Wiese wahr. Gefühl in diesem Sinn könnte man auch als ein aus den Umständen erspürtes Wissen bezeichnen, was in einem alltäglichen Satz wie „Ich habe das Gefühl, dass er nicht kommen wird“ deutlich zum Ausdruck kommt. Niemand würde sagen: „Ich habe die Emotion, dass er nicht kommen wird“ (siehe dazu die Erläuterungen zu „Emotion“ unten). Von diesem gefühlten Wissen dringt bei Weitem nicht alles ins Bewusstsein durch. Das meiste bleibt vage, nur manches findet in Vorstellungen oder Gedanken eine Ausprägung. Denn diese weisen klarere Konturen auf und sind somit leichter „festzuhalten“. Wie gesagt, das gefühlte Wissen kann sich, genau wie das verstandesmäßige, als Täuschung oder Illusion erweisen. Ob irrig oder nicht, im erlebten Augenblick sind unsere Gefühle, ebenso wie die affektiv hochschwappenden Emotionen, jeweils eine reell wirksame Kraft.
Das Einfühlungsvermögen vermittelt uns auch Stimmungslagen. Um einen anderen Ausdruck zu verwenden: Wir nehmen damit Energiefelder wahr. Und zwar ob wir wollen oder nicht. Stellen Sie sich folgende Situation vor, die Ihnen wahrscheinlich bekannt vorkommt: Im Vorfeld eines schwierigen Gruppentreffens nehme ich mir vor, Ruhe zu bewahren und mich keinesfalls zu unüberlegten Aussagen hinreißen zu lassen. Dieser Gedanke allein beruhigt mich bereits; ich betrete den Raum mit Zuversicht. Es kommt anders. An einem bestimmten Punkt des angelaufenen Gesprächs merke ich plötzlich, dass ich entnervt am Schreien bin. Was ist passiert? Während ein eher ruhiges Energiefeld mich umgab, als ich noch allein war, ließ ich mich in das Gesamtenergiefeld der versammelten Personen, das wesentlich mehr Spannungen enthielt, hineinsaugen. Natürlich begann sich die Negativität auch in mir auszuwirken. Natürlich deshalb, weil ich mir dieses Phänomens völlig unbewusst war.
Wenn wir an dieser Stelle wieder den Bogen zu unseren Hauptthemen schlagen, so schälen sich zwei wichtige Punkte heraus: Um uns unseres eigenen Verhaltens bewusst zu werden und dieses besser steuern zu können, müssen wir auch das Phänomen der Energiefelder und ihre Auswirkungen auf uns kennen. Und zweitens, wie in den nachstehenden Kapiteln ausgeführt, ist Meditation ein ausgezeichnetes Hilfsmittel, um dies zu erreichen.
Emotion
Das Wort „Emotion“ soll im Sinn einer unmittelbaren, affektiven Reaktion auf Wahrnehmungen, Gedanken und innere Bilder verwendet werden. Vielleicht kommt jetzt der Einwand, Emotionen seien auch Reaktionen auf Situationen. Aber: Situationen erleben wir immer nur durch den Filter unserer Wahrnehmung, nie „direkt“ bzw. objektiv.
Wenn unser Gespür für den Körper wach genug ist, lässt sich am eigenen Leib feststellen, dass Emotionen – besonders ab einem gewissen Intensitätsgrad – jeweils körperlich lokalisierbar sind. Davon zeugen auch sprachliche Wendungen wie „Das bereitet mir Bauchweh“, „Es schnürt mir die Kehle zu“ oder „Es ist ihm etwas über die Leber gekrochen“. Anders als beim intuitiven „Bauchgefühl“ handelt es sich dabei nicht um eine „Eingebung“, die zu meinem Wissensspektrum beiträgt, sondern um eine Reaktion auf Gedachtes oder Wahrgenommenes.
Vereinfacht gesagt: Durch Intuition und Gefühle wird unser Wissen bereichert, durch Emotionen wird es gefärbt, eventuell verdunkelt. Selbstverständlich sind diese Übergänge in Wirklichkeit fließend.
Stimmung bzw. Gestimmtheit
Sie stehen beide für einen länger anhaltenden affektiven Zustand, wobei die ursprünglichen Emotionen durch entsprechende Gedanken- und Emotionsketten, aber auch durch physiologische Vorgänge, eine Weile lang perpetuiert werden. Eine solche „Weile“ kann auch sehr lange anhalten (z. B. bei einer Depression), erfährt aber doch stets Fluktuationen und geht praktisch immer früher oder später in eine andere „Großwetterlage“ über.
Intuition
„Intuition“ wird in diesem Buch in einer zweifachen Bedeutung verwendet.
Erstens bezeichnet sie ein blitzartiges inneres Aufleuchten, das, wenn es erfasst wird und wichtig erscheint, danach mit dem Verstand und Gefühl ausgeformt werden muss. Zumeist ist eine intuitive Einsicht subtil und leicht zu verpassen, d. h. ihr „Leuchten“ kann schwach sein und rasch überdeckt werden. Verwendet man als Vergleich statt des Lichts eine innere Stimme, so ist diese leicht zu überhören, und es braucht wenig, um sie zu übertönen. Man muss hellhörig sein.
Zweitens spreche ich hier auch von intuitiven Ahnungen, die zu einem dauerhaften „Grundton“ bzw. einer „Grundfärbung“ meines Gesamtweltbildes werden können; anders gesagt, wirken sie als „Bindekraft“ zwischen fragmentarisch vorhandenen Wissenseinheiten. Lassen Sie mich das erklären. Seit wir denken können, tragen wir ein Gesamtweltbild mit uns herum. Wie sich dieses mit Inhalten füllt, wurde oben schon erörtert. Ein Gesamtweltbild duldet keine Lücken. Als Kind ist ein solches Weltbild noch mit vagen Inhalten und mit magischen Vorstellungen gefüllt. Später kommt mehr und mehr Sach- und Erfahrungswissen hinzu. Damit ein Gesamtbild erhalten bleibt, verknüpfen wir kraft unseres Bauchgefühls (zu den körperlichen „Einfallsorten“ siehe unten) neue Elemente blitzschnell mit bestehenden und ziehen meist völlig unbewusst Schlussfolgerungen. Diese werden, solange wir sie nicht hinterfragen, gleichwertig mit überprüfbaren Fakten als „Wissen“ gespeichert. So ergibt sich dann leicht das, was bereits in der Einführung als die Illusion des Bescheidwissens zur Sprache kam.
Die Funktion des Intuitiven als Bindekraft ermöglicht uns außerdem das intuitive Erfassen von Wortinhalten und damit den Spracherwerb (wie wir anhand der Beispiele „Weisheit“ und „Gesellschaft“ gesehen haben). Denn wie anders als intuitiv sollte ein Kleinkind, dessen abstraktes Denkvermögen noch kaum entwickelt ist, sich rational derart schwierig zu fassende Begriffe wie „Gott“13, „gut“ und „böse“, „lieb“ oder „schön“ mühelos aneignen können?
13 Hierzu noch eine Begebenheit aus dem eigenen Umfeld, berichtet von einer Bekannten: Als ihr Sohn rund fünf Jahre alt war, hat sie ihm von Gott erzählt. Sie wollte mit Erklärungen nachhelfen, als der Junge sie mit einer eigenartigen Dringlichkeit unterbrach: „Mama, sag nichts mehr. Ich weiß schon, was du meinst.“
Da Intuition im Vergleich zu Verstand und Gefühl die am wenigsten fassbare und daher auch am meisten unterschätzte oder gar ignorierte Erkenntnisquelle ist, andererseits aber, wie eben dargelegt, für unser Gesamtwissen unentbehrlich ist, soll sie hier etwas genauer unter die Lupe genommen werden. Nochmals: Intuitives Wissen ist kein Faktenwissen. Es geht um ganzheitliche Ahnungen ohne definierbaren und damit einschränkbaren Inhalt. Es ist richtungsweisend und wird somit auch bei Fragen nach wahr oder unwahr, gut oder schlecht (Gewissen!), stimmig oder unstimmig wirksam. Aber die konkreten Inhalte müssen jeweils situationsbedingt vom Verstand mithilfe des Einfühlungsvermögens geliefert werden.
In unseren Sprachen wird intuitive Einsicht manchmal körperlich lokalisiert. Auf Deutsch haben wir das Wort „Bauchgefühl“, im Englischen das Pendant „gut feeling“ („guts“ sind die Eingeweide). Und das ist kein Zufall. Denn in der Magen-Darm-Gegend liegt das enterische Nervensystem (auch Darm- oder Eingeweidenervensystem oder „Bauchgehirn“ genannt). Es handelt sich dabei um ein Geflecht aus mehreren 100 Millionen Nervenzellen, das autonom funktioniert. Es könnte also, im Austausch mit dem Gehirn, durchaus als „Leitung“ für Einsichten von außen fungieren, die nicht via die Sinnesorgane oder das Herz (Einfühlungsvermögen) empfangen werden. Im ursprünglich aus dem Hinduismus stammenden Chakra-Modell hingegen ist der Empfangsort für „höheres“ bzw. intuitives Wissen das sechste Chakra, das auf Stirnhöhe, oberhalb der Nasenwurzel, situiert ist und auch das „dritte Auge“ genannt wird. Offensichtlich können also verschiedene Körperregionen bei der Wahrnehmung von intuitivem Input involviert sein.
Wie steht es um das Phänomen der Intuition in den verschiedenen Sprachen und Kulturen? Auf Sanskrit, der Sprache der klassischen hinduistischen Texte, wird für die intuitive Wahrnehmungsfähigkeit das Wort „buddhi“ verwendet. „Manasastu para buddhi“, „Intuition entsteht jenseits des Verstandes.“14 Dieser Satz aus den Upanishaden, der auch in der Bhagavad Gita wiederholt wird, gehört zu den Grundlagen der hinduistischen Erkenntnislehre.
14 Katha Upanishad, 3, 10. Zit. in Sebastian Painadath, Vertiefung der christlichen Spiritualität durch Begegnung mit der östlichen Mystik; in Christian Rutishauser und Michael Hasenhauer (Hrsg.), Mystische Wege, S. 87. Sanskrittexte lassen sich stets verschieden übersetzen. Eine andere deutsche Wiedergabe des gleichen Satzes lautet: „Höher als das Denken ist die Einsicht.“. Zit. in Bettina Bäumer (Hrsg.), Upanishaden, Kösel, S. 226.
Auf Chinesisch heißt Intuition
(zhi jue, „direktes Wahrnehmen“; jenes also, das sich vom Wahrnehmen via die Sinnesorgane oder via das Denken unterscheidet).
Das Altgriechische, Sprache Nummer eins für Philosophie und Theologie ab ca. 500 v. Chr. für die nächsten gut 1000 Jahre, verwendet in diesem Zusammenhang das Wort νοῦς (nous). Grundsätzlich steht es für die menschliche Fähigkeit, etwas geistig zu erfassen, wird also manchmal auf Deutsch auch als „Vernunft“ wiedergegeben (nicht aber als „Verstand“, der nur das rein Rationale umfasst). In unserem Sinn von Intuition verwendet es etwa der bedeutendste neoplatonische Philosoph Plotin (205–270), wenn er „nous“ als „den transzendenten Intellekt, der das EINE in der Vielfalt wahrnimmt“15 umschreibt.
15 Plotin, Enneaden, 103. Zit. in Christian Rutishauser und Michael Hasenhauer (Hrsg.), Mystische Wege, S. 91.
Und Latein schließlich schenkte uns den Begriff „intuitio“, aus dem praktisch alle europäischen Sprachen ihr Wort für dieses Phänomen abgeleitet haben.
Intuition scheint also weltweit als Erkenntnisquelle erkannt worden zu sein. Und wie steht es heute um ihren Stellenwert? Für Edmund Husserl (1859–1938), einen bedeutenden Philosophen des frühen 20. Jahrhunderts, ist die Intuition als „Wesensschau“ ein wichtiges Element seiner „Phänomenologie“. Und Jürgen Habermas (geb. 1929), einer der Großen der deutschen Philosophieszene in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat zur Charakterisierung seines Denkens einmal mit folgendem Satz angesetzt: „Ich habe ein Gedankenmotiv und eine grundlegende Intuition.“16 Dort jedoch, wo empirisch belegbares Wissen im Vordergrund steht, fristete die unfassbare Intuition besonders im 20. Jahrhundert eher ein Randdasein.
16 Zit. in Neue Zürcher Zeitung, 15. Juni 2019, S. 44.
Zum Teil gilt das bis heute, obwohl sie erkenntnistheoretisch im 21. Jahrhundert eine gewisse Renaissance zu erleben scheint. Die US-amerikanische Psychologin und Professorin für Kognitionspsychologie Eleanor Rosch (geb. 1938) spricht in diesem Zusammenhang von „primary knowledge“ (unmittelbares Wissen)17. Und um zwei aktuell einflussreiche Stimmen zu erwähnen: Sowohl Ken Wilber (geb. 1949), der unter anderem eine Theorie der „grundlegenden moralischen Intuition“ entwickelt hat, als auch Claus Otto Scharmer (geb. 1961), etwa bei seiner „Theorie U“, weisen der Intuition eine zentrale Rolle zu.
17 Zit. in Marion Küstenmacher et al., Gott 9.0, S. 208.
Schließlich – und das ist wahrscheinlich für den Zeitgeist der gewichtigste Faktor – trägt auch die rasche Verbreitung von Achtsamkeits- und Meditationspraktiken zum neuerdings wieder erhöhten Stellenwert von Intuition als Erkenntnisquelle bei. Denn Meditation in all ihren Spielarten macht uns diesbezüglich empfänglicher.
Gedanklich abgrenzen lässt sich Intuition auch von Inspiration: Während es bei Intuition um Einsicht geht, geht es bei der Inspiration um den Impuls zu einer kreativen Tat. Natürlich können aber beide zusammenwirken.
Es gehört zum Reifeprozess, die Empfänglichkeit für intuitive, ganzheitliche Einsichten zu stärken. Und dazu braucht es Stille. Äußere Stille hilft; noch wichtiger ist aber die Stille in mir drinnen. Dank der äußeren Stille bei Meditationssitzungen erweist sich die bereits mehrmals angepriesene Meditationspraxis als ein ausgezeichnetes Werkzeug, um auch innere Stille wachsen zu lassen.
Differenzieren muss man bei der Intuition noch in Bezug auf die Intensität. Mystisches Aufleuchten ist sicher intensiver und erschütternder als das intuitive Erfassen eines Wortinhalts. Wie bei allen hier aufgestellten Kategorien sind die Unterschiede jedoch graduell, nicht absolut.
Noch eine wichtige Überlegung zu Gefühl und Intuition soll hier den Abschluss bilden. Ich kann Signale von innen oder außen wahrnehmen, sei es empathisch oder intuitiv, aber es gilt auch, diese zu prüfen. (Das Gewissen selbst ist eine intuitive Fähigkeit.) Bei einer derartigen Prüfung frage ich mich: Aus welcher Quelle oder aus welchem Energiefeld kommt ein derartiges Signal bzw. eine derartige Einsicht? Mischen sich bei mir Impulse aus niederen Beweggründen hinzu, etwa Begierde, Neid oder Ängstlichkeit, oder sind höhere Beweggründe wie etwa der Wunsch, einer Person eine Freude zu machen, mit im Spiel? Wie stark färben gängige Meinungen, Wunschdenken oder ideologische Voreingenommenheit das, was ich wahrnehme? Da braucht es ein aufmerksames Hinhören auf die oft subtilen Stimmen. „Unterscheidung der Geister“ nannte es Ignatius von Loyola (1491–1556), der Begründer der „Exerzitien“. Bei diesen handelt es sich um jene christliche Meditationsform, in der unter anderem genau dieses Unterscheiden geübt wird.
Fassen wir noch einmal zusammen: In der Reihenfolge „Verstand – Gefühl – Intuition“ als die Quellen unseres gesamten Wissens beobachten wir (von links nach rechts) eine zunehmende Geschwindigkeit beim Erkenntnisablauf, eine zunehmende Subtilität der Erkenntnis, eine abnehmende empirisch-objektive Fassbarkeit sowie eine abnehmende Präzision bei der sprachlichen Ausformulierung.
Gerade der letzte Punkt weist auf ein Dilemma hin. Denn auch „Reife“, unser Hauptthema, gehört in jenes Wissensfeld, das sich intuitiv sehr wohl verstehen lässt, sprachlich aber schwer in den Griff zu bekommen ist. Und da ich (noch) nicht in der Lage bin, telepathisch mit Ihnen zu kommunizieren, was die direkte Übertragung intuitiver Einsichten ermöglichen würde, muss ich hier wohl oder übel das Werkzeug Sprache zur Hilfe nehmen. Dieses beschränkte, aber unerlässliche und letztlich auch wunderbare Werkzeug soll nun im nächsten Kapitel beleuchtet werden.
Zur Weisheit – und damit zur Reife – gehört es, uns über die Arten, wie wir uns der Wirklichkeit annähern bzw. wie sie sich uns annähert, im Klaren zu sein. Auch darüber, dass wir sie nie vollständig zu fassen bekommen. Somit vermeiden wir es, unseren „Wissensschatz“ zu verabsolutieren. Vielmehr bleiben wir offen für Neues bei der Begegnung mit der Wirklichkeit – möglichst in jedem Augenblick.
Folgendes möchte ich Ihnen zum Schluss noch ganz persönlich nahelegen: Hören Sie genauer hin auf die leise Stimme der Intuition. Und schenken Sie ihr mehr Vertrauen. Sie kann uns aufblitzende Klarheit schenken. Sie kann aber auch gegen unsere Ängstlichkeit, Bequemlichkeit und gewohnten Denkmuster anflüstern. So gesehen kann sie entscheidende Impulse liefern für eine Entwicklung hin zu mehr Einsicht und größerer innerer Freiheit.
2.1.3 Von der Grobmaschigkeit der Sprache (und ihrer Unentbehrlichkeit)
Das höchste Prinzip ist ohne Worte. Gäbe es aber überhaupt keine Worte, wodurch könnte es sich dann als Prinzip offenbaren?
(Inschrift an einer chinesischen Buddhafigur aus dem Jahr 746)
Um Gedanken auszudrücken, benötige ich das Werkzeug der Sprache. Auch wenn ich meine Gefühle präziser als durch ein Grunzen mitteilen möchte, bin ich auf Sprache angewiesen. Die Fähigkeit, mit großer Differenziertheit Gedanken und Gefühle, Pläne und Absichten sprachlich zu artikulieren, ist von allen Faktoren, die den Menschen von seinen nächsten Verwandten im Tierreich unterscheidet und die zivilisatorische Entwicklung der Menschheit ermöglichte, vielleicht der entscheidende. 18 So gesehen ist eine Analyse unseres Alltags (mit Fokus auf das, was in uns und zwischen uns abläuft) ohne einen Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache unvollständig.
18 Siehe hierzu David Christian, Big History, S. 196 ff.
Unser seelisch-geistiges Innenleben lässt sich weder sehen, hören, ertasten oder abbilden, noch logisch ableiten oder präzise empirisch einfangen. Es handelt sich um eine subtile Wirklichkeit. Um uns ihr annähern zu können, braucht es eine Innenschau, und diese ist, wie schon angedeutet, ein wesentlicher Aspekt des Reifeprozesses. Bewusst erkennen bedeutet aber auch, Einsichten so weit wie möglich sprachlich festzumachen. Gerade im Bereich des Innenlebens jedoch erweist sich die Sprache als ungenau und vage. Außerdem herrscht betreffend den Inhalt von Worten, die Phänomene dieses Wirklichkeitsbereichs zum Ausdruck bringen sollen, alles andere als Einigkeit. Denken Sie nur an Alltagsworte wie „Sinn“ oder „Seele“. Was ein einziges Wort da im Alltag abdecken soll, hat schon ganze Bücher gefüllt. Über solche subtile Elemente der Wirklichkeit selber größere Klarheit zu erlangen und Gedanken darüber anderen zu vermitteln, erfordert also einen anderen Sprachgebrauch, als jemandem den Weg zwischen meinem Zuhause und der Bushaltestelle zu erklären.
Um all dies präziser zu verstehen, machen wir an dieser Stelle einen Abstecher in die Sprachwissenschaft, und zwar zur Lehre des Wortinhalts. Hier kann zunächst ein Vergleich des Wortschatzes verschiedener Sprachen hilfreich sein. Im Deutschen haben wir beispielsweise das Wort „Schnecke“. Dieses deckt sowohl jene mit Häuschen als auch jene ohne ab. Im Englischen hingegen wird diesbezüglich stärker differenziert. Dort sagt man entweder „snail“ (für Schnecken mit Häuschen) und „slug“ (für Schnecken ohne).19 Umgekehrt ist das Deutsche mit der Unterscheidung zwischen „Mauer“ und „Wand“ nuancierter als das Englische, dem diesbezüglich nur das Wort „wall“ zur Verfügung steht. Die naive Vorstellung, Sprache bilde die Wirklichkeit im Verhältnis eins zu eins ab (ein Phänomen, ein Wort), lässt sich also leicht widerlegen.
19 Es geht hier um die Alltagssprache. Zoologen mit ihrer Fachterminologie werden natürlich solche Unterschiede in der Einteilung der Tiere vermeiden.
Wenn dies schon im Bereich des Konkreten gilt, so sind die Unterschiede im Nicht-Konkreten noch viel häufiger. Vergleichen Sie dazu:
Französisch: – le mal
Deutsch:5 – das Schlechte – das Böse
Deutsch: – vorsichtig
Englisch: – careful – cautious
– (vorsichtig) – (vorsichtig + zurückhaltend)
Englisch: – meaning – sense – reason
Deutsch: – Bedeutung … Sinn – Vernunft
In den ersten beiden Beispielen ist – wie bei den zuvor aufgeführten konkreten Begriffen – die Gliederung innerhalb des Bedeutungsfelds je nach Sprache verschieden fein. Im zweiten Fall sind die Grenzen des Wortinhalts von einer Sprache zur anderen verschoben („meaning“ lässt sich somit, je nach Zusammenhang, mit „Bedeutung“ oder „Sinn“ übersetzen; „Sinn“ wiederum mit „meaning“ oder „sense“).
Sie sehen also: Sprache wählt aus und teilt ein; jede Sprache auf eine etwas andere Art.20
20 Diese Ausführungen sollten nicht dazu verleiten, dass man vor lauter Unterschieden die Gemeinsamkeiten vergisst. Auch im nicht-konkreten Bereich überwiegen die Gemeinsamkeiten, besser gesagt, die Parallelitäten bei den Wortinhalten, bei Weitem (je verwandter zwei Sprachen sind, desto mehr). Beispiele solcher gemeinsamen Abstrakta: Philosophie, Demokratie, Religion, Charakter, Idee, Methode. Schlagen Sie diese Begriffe in einem spanischen, portugiesischen, holländischen, dänischen oder russischen Wörterbuch nach; überall werden Sie Wörter mit der gleichen Wurzel und der gleichen Bedeutung finden. Noch viel mehr Wörter sind zwar der Form und Herkunft nach verschieden, aber in der Bedeutung (praktisch) deckungsgleich (z. B. Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe – liberté, justice, amour).
Was folgt, gilt jedoch für alle Sprachen. Es geht um eine grundsätzliche Unterscheidung, was den Wortinhalt betrifft:
Worte haben einen Kerninhalt und einen gefühlten Inhalt. Die Linguistik spricht von der Denotation und der Konnotation eines Wortes. Denotation ist die Kernbedeutung. Konnotation ist das mit dem Wort gefühlsmäßig Verbundene, genauer gesagt, das gefühlte Wissen um den subtileren Inhaltsbereich eines Begriffs. (Von allen Sprachgattungen ist es die Poesie, die sich am stärksten der Konnotationen bedient.) Zu den Konnotationen, die sich die ganze Gruppe der muttersprachlichen bzw. kompetenten fremdsprachlichen Sprecher teilen, kommen persönliche Assoziationen hinzu. So bekommt jedes Wort für uns eine mehrschichtige „Gefühlshülle“. Je weiter nun ein Wort vom Bereich des Messbaren (Konkreten) entfernt ist, desto größer ist die Rolle dieser Gefühlshülle aus Konnotation und Assoziationen. Und desto größer ist auch die Gefahr von Missverständnissen. Hierzu vier Beispiele, vom Konkreten hin zum zunehmend Subtilen:
1) Ein Tisch lässt sich anschauen, betasten, messen und daher auch genau beschreiben. Die Konnotationen, die dieses Wort auslöst, sind meist von untergeordneter Bedeutung. Anhaltende Missverständnisse werden mit diesem Wort wohl nur sehr selten ausgelöst.
2) Die Denotation von Herz: ein inneres Organ, das den Blutkreislauf in Bewegung hält. Die Konnotationen: Gespür, Gefühl, Mitgefühl, Liebe, Sehnsucht, Kummer usw. Anhand dieses Beispiels lässt sich auch zeigen, dass sich die Rangordnung unter den Konnotationen je nach Situation, in der das Wort verwendet wird, ändern kann – manche sind jeweils präsenter als andere.
3) Die Denotation von Stille ist „Abwesenheit von Geräusch“. Die Konnotation, der Gefühlsinhalt, geht oft – besonders ausgeprägt in unserer unruhigen Zeit – in Richtung von „positiv empfundene, friedliche Ruhe“. Sie kann aber auch die gegenteilige Richtung einnehmen, im Sinne von „angstmachende Leere“.
4) Das vielleicht heikelste aller Worte ist Gott. Heutzutage wird darum oft ein richtiger Eiertanz veranstaltet, um ja niemanden vor den Kopf zu stoßen. Positiv betrachtet, ist dies keine schlechte Entwicklung, denn sie belegt eine wachsende sprachliche Behutsamkeit im Umgang mit einer letztlich unfassbaren Wirklichkeit. Die Schwierigkeiten kommen aber auch daher, dass kein Wort ärger missbraucht wurde und wird, und dass nach Aufklärung und Säkularisierung sowie aufgrund der religiösen Pluralität die Unsicherheit bezüglich der Wortbedeutung größer denn je ist. Deswegen scheuen heute so viele Menschen vor dem Begriff, ja der ganzen Thematik zurück, sodass „Gott“ in verschiedenen Situationen praktisch zu einem Tabuwort geworden ist.
Die Denotation von „Gott“ (das, was unbestreitbar zum Wortinhalt gehört): keine. Konnotationen: weitreichend und oft auch so tiefgreifend, dass sie zu allen Zeiten Menschen bis ins Innerste berührt haben und noch berühren. Dazu aber auch so unterschiedlich, dass sie zu fürchterlichen Konflikten geführt haben und immer noch führen. Die Macht der Worte leuchtet hier auf, ebenso die Macht der durch sie erweckten Emotionen. „Gott“ ist verstandesmäßig nicht fassbar. Und doch benötigen wir Worte, um diesen Inhaltsraum zumindest anzudeuten. Dies erkannten Mystikerinnen und Weise zu allen Zeiten (weitere Ausführungen hierzu in Kapitel 3). Bevor sich also zwei Menschen erhitzen, weil einer an Gott glaubt und der zweite behauptet, es gebe keinen Gott, sollten sie klarstellen, was sie unter dem Begriff verstehen. Wahrscheinlich verwenden sie dasselbe Wort, haben aber verschiedene Vorstellungen dazu.
In der zwischenmenschlichen Kommunikation genügt oft ein einzelner Begriff bzw. ein einziger Satz nicht, um etwas verständlich zu vermitteln. Zu verschieden sind die Inhalte, die der Sprechende vermitteln will, und die Inhalte, die der Hörende dabei aufnimmt. In meiner Erfahrung gehen die meisten Streitigkeiten auf derartige Missverständnisse zurück, und ich wage zu behaupten, dass ich diesbezüglich keine Ausnahme bin. Bevor also Streitigkeiten derart aufflammen, dass die Emotionen dem Verstand die Zügel aus der Hand nehmen, sollte mittels zusätzlicher Klärung versucht werden, die Kluft zwischen dem Gemeinten und dem Verstandenen zu verringern. Dies erhöht die Chance, dass die angesprochene Person das Phänomen auch wirklich annähernd so versteht, wie die sprechende es vermitteln will. Es kommt dann, um einen Kernbegriff des Philosophen Hans Georg Gadamer (1900–2002) in Bezug auf das gegenseitige Verständnis zu verwenden, mit größerer Wahrscheinlichkeit zu einer Horizontverschmelzung.
Sprache kann aber nicht nur zu Missverständnissen führen (weil die Horizonte hinter dem Gesagten einerseits und dem Gehörten/Gelesenen andererseits verschieden sind), sie kann auch viel Schlimmeres anrichten. Und ich meine hier nicht nur Beleidigungen und Verunglimpfungen, Lügen und bewusste Täuschungen. Durch Sprache schaffen, teilen und perpetuieren wir unsere persönlichen Geschichten, aber auch unsere gemeinsamen Narrative, und diese bestimmen fortan vieles in unserem individuellen und kollektiven Verhalten. Das Narrativ, dass die Weißen den Schwarzen überlegen seien (wo aber, bei all den real existierenden Braunschattierungen, hört „weiß“ auf und beginnt „schwarz“?), hat zu Versklavung und anhaltender Diskriminierung geführt.21 Braucht es noch mehr Beispiele? Reifer werden heißt also auch, sich der Macht von Geschichten – der Täuschungs- und Verführungsmacht der Narrative einerseits, aber auch ihrer aufbauenden, ermutigenden und inspirierenden Kraft andererseits – im Kleinen wie im Großen bewusster zu werden. Und entsprechend achtsam und behutsam zu erzählen, zuzuhören, sich einzufühlen und zu interpretieren.
21 Hinzu kommen alle Verzweigungen dieses Narrativs; etwa, dass Schwarze dumm und faul und die Männer gefährlich und sexuell hyperaktiv seien. Wird solches Gedankengut über Jahrhunderte weitergegeben, wie sollen Schwarze, die nicht hochbegabt sind, ein normales Selbstbewusstsein entwickeln und nicht stets darauf aus sein, defensiv oder aggressiv auf solche Klischees zu reagieren?
Die Erfahrung, dass unsere Sprache in den abstrakten, seelischen und spirituellen Bereichen der Wirklichkeit oft zu kurz greift, machen wir häufig. Aber auch in der Welt der Physik ist dies sowohl im kosmologischen als auch im subatomaren Bereich der Fall. Betrachten wir aus Letzterem zwei Beispiele. Erstens: Wir besitzen keine Denk- bzw. Sprachkategorien, in welche sich Elementarteilchen in ihrer Eigenschaft als Zwischendinge zwischen Energie und Materie einordnen ließen. Und zweitens: Quarks (die elementaren Bauteile von Protonen und Neutronen, welche ihrerseits den Atomkern bilden) haben neben einer elektrischen noch eine weitere Ladung. Da es in unserer Erfahrungswelt jedoch nichts Vergleichbares gibt, mussten die Physiker in ihrer Hilflosigkeit (sie waren an die Grenzen der direkten sprachlichen Möglichkeiten gelangt) auf eine indirekte, metaphorische Ausdrucksweise zurückgreifen. Sie nannten diese subatomaren, nicht elektrischen Ladungen „Farben“. Es gibt rot, grün und blau geladene Quarks; die Wechselwirkung dieser Ladungen, welche die Atomkerne zusammenhalten, bezeichnet man als Quantenchromodynamik („chroma“ ist das griechische Wort für Farbe). Ganz zufällig ist die Verwendung von Farben als Metapher nicht: Die Summe der „Farbladungen“ der Quarks, die ein Neutron bilden, ist neutral; ebenso wie Licht als Ganzes neutral oder weiß erscheint, sich gebrochen jedoch als ein Bündel von Farben erweist. Dennoch hat das „Rot“ eines Quarks selbstverständlich nicht das Geringste mit dem Rot meiner Vorhänge zu tun.
Unsere Sprache fußt also in unserer Erfahrungswelt und zwar speziell im Konkreten. Zahlreiche Etymologien von abstrakten Begriffen belegen dies: „Zuneigung“ kommt von sich neigen, „aufkeimende Gefühle“ vom Keimen in der Pflanzenwelt, „beständig“ von stehen usw. Nicht zu vergessen der Mist. Und „Das ist Scheiße!“ genügt bekanntlich, um eine riesige Bandbreite an negativen Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen – undifferenziert zwar, aber im höchsten Maße verständlich.
Sich mit der Sprache an das Einfangen der Wirklichkeit zu machen, ist etwa so, wie mit einem groben Netz fischen zu gehen. Die großen Fische bleiben hängen, die kleinen schlüpfen durch die Maschen. Falls man es aber genau auf die kleinen abgesehen hat, muss das Arbeitsgerät nachgebessert oder es müssen Zusatztechniken verwendet werden. Schauen wir uns als Beispiele zwei Aussagen an:
„Die Schweiz hat seit über 150 Jahren keinen Krieg mehr erlebt und ist außerdem ein wunderschönes Land.“
Beim ersten Satzteil handelt es sich um eine historisch belegbare Tatsache. Beim zweiten herrscht weitreichender Konsens – es handelt sich zwar nicht um eine objektive, aber doch um eine weitherum geteilte subjektive Feststellung. So gesehen wird dieser Satz kaum auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen. Anders als bei folgender Aussage:
„Je weniger unser Ego die treibende Kraft hinter unserem Sprechen und Handeln bildet, desto freier und auch reifer sind wir.“
Hier kann ich nicht ohne Weiteres mit Verständnis und Akzeptanz rechnen. Wie kann ich also die Chancen erhöhen, dass Leserinnen und Leser das von mir Gemeinte nachvollziehen können? Neben Erläuterungen für den Intellekt braucht es offensichtlich etwas, welches das nuanciertere Gefühlssensorium anspricht (es ist, um zum Vergleich des Fischernetzes zurückzukehren, feinmaschiger als der Verstand) und auch die Wahrscheinlichkeit von intuitivem Verständnis vergrößert. Zum Repertoire hierfür gehören Geschichten (Märchen und Mythen sowie Erzählungen und Fallbeispiele aus dem Alltag), Gedichte sowie bildliche Vergleiche (Metaphern) und schematische Darstellungen. Da im Lauf des Buches immer wieder von Ego, Freiheit und natürlich Reife die Rede ist, habe ich mich also bemüht, zur Förderung des Verständnisses aus diesem Repertoire zu schöpfen.
Historisch gesehen haben Geschichten als Vehikel, um Wissen und Verständnis zu vermitteln, gegenüber sachlichen Darstellungen in den vergangenen Jahrhunderten stetig an Bedeutung verloren.22 Die entscheidende Wende kam mit dem Übergang von mündlicher zu schriftlicher Kommunikation. Bei der mündlichen Kommunikation sind immer mindestens zwei Personen direkt miteinander im Austausch (selbst wenn einer erzählt und andere nur zuhören, ereignet sich auf der Gefühlsebene ein Austausch), während Schreiben und Lesen beide im Alleinsein passieren. Schriftlichkeit bringt ferner ein mehr sachlich-logisch-lineares Denken mit sich, während „Erzählen“ ein Ereignis ist, bei dem Umschweife, Einwand und Replik sowie Spontaneität ihren Platz haben und das empathisch-intuitive Sensorium stärker aktiviert wird. Nehmen wir exemplarisch die Geschichte von Adam und Eva. Erst nach Erfindung des Buchdrucks und nachdem die Fähigkeit des Lesens und Schreibens nicht mehr auf eine kleine Minderheit der Bevölkerung beschränkt war, wurde die Frage, ob die in der Bibel geschilderten Vorgänge wirklich so passiert seien, die vordringlichste. Denn wenn nicht, so wohl die Überlegung, kann man sie getrost als überholt beiseitelegen (dieser Zugang wurde durch den Vormarsch des wissenschaftlichen Denkens verstärkt). Anders in einer von Märchen, Mythen und anderen Sinngeschichten geprägten Kultur. Dort sucht man zunächst nach dem Sinngehalt, den es zu erspüren gilt, und fragt erst danach (wenn überhaupt), ob die Dinge sich wirklich so zugetragen haben. Aus dieser Warte „erzählt“ uns die Geschichte von Adam und Eva vor allem, dass es hinter der Welt eine (mit persönlichen Eigenschaften ausgestattete) Schöpfungskraft gibt, dass Menschen eine Entscheidungsfreiheit haben, dass es Verhaltensnormen gibt und dass Verstöße dagegen Folgen haben. Ob ein Mann und eine Frau vor so-und-so vielen tausend Jahren wirklich einer Schlange begegneten und mit einem Apfel hantierten, ist da kaum noch von Belang.
22 Dies gilt primär für unsere westliche Welt. Aber auch andere Kulturen, in denen sich das Erzählen länger als eine geschätzte Form des Vermittelns halten konnte, ist diese Form des Austauschs und der Wissensvermittlung durch den Vormarsch des wissenschaftlichen Denkens einerseits und des Internets sowie der Smartphone-Kultur andererseits in den Hintergrund geraten.
Konkret für die Lektüre dieses Buches – und natürlich auch anderer Bücher mit einem ähnlichen Themenspektrum – heißt das also, dass Sie sich als Leserin oder Leser nicht nur von der Frage leiten lassen sollten, ob dieser oder jener Sachverhalt präzis wiedergegeben wird. Es geht auch darum, dass Sie sich inspirieren lassen. Um so einen für das eigene Leben relevanten Sinn zu finden.
Beobachten Sie es einmal bei sich selbst: Alle neu im Bewusstsein auftauchenden Gedanken lösen eine emotionale Reaktion aus (auch wenn diese nicht immer deutlich auf dem Radar unserer Wahrnehmung erscheint). Dies ist übrigens einer der fundamentalen Unterschiede zwischen menschlichem Denken und den Algorithmen der künstlichen Intelligenz (mehr hierzu im Kapitel zum Bewusstsein). Diese Emotionen wiederum haben einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die nachfolgenden Gedanken. Deswegen ist unser Sprechen (und Handeln) auch niemals rein logisch und folgerichtig. Was es wiederum für unsere Mitmenschen manchmal schwer bis gar nicht nachvollziehbar macht. Aber aus dem gleichen Grund kann der Gefühlswert des Gesagten zu Gedankensprüngen anregen, die sich aus den nackten Wortinhalten niemals ableiten ließen.
Kurz gesagt: Wenn es um Versuche geht, mittels direkter Aussagen die Wirklichkeit jenseits des sinnlich oder empirisch Fassbaren einzufangen, erweist sich die Sprache also als recht grobmaschig. Mittels der zuvor erwähnten indirekten Aussageformen (Vergleiche, Alltagsbeispiele, Sinngeschichten usw.) jedoch lässt sich mit unserer Sprache die ganze Bandbreite der Wirklichkeit wunderbar andeuten.
In diesem Kapitel ging es vor allem um das Einfangen – und Andeuten – einer unendlich subtilen und komplexen Wirklichkeit mit Hilfe von beschränkten sprachlichen Mitteln. Sprache ist aber auch ein Verbindungsmittel zwischen Menschen im Rahmen von Gesprächen. Sie ist sogar ein entscheidender Treibstoff von Beziehungen. Die täglichen kleinen und grossen Missverständnisse und Konflikte aufgrund von unpräzisem Sprachgebrauch und divergierenden Verständnishorizonten wurden schon erwähnt. Eine der wichtigsten Aufgaben auf dem Reifeweg ist es daher, einen weisen Umgang mit Sprache zu lernen. Vor allem zu lernen, wann Sprechen und wann Schweigen angesagt sind, und zu lernen, möglichst unvoreingenommen und empathisch zuzuhören. Mit Übung lassen sich dieses Abwägen und diese Fähigkeit verinnerlichen. Sie werden zu einer Haltung. Und aus dieser Haltung heraus können wir unsere Gespräche ungeniert auch mit Spontaneität, Humor und Fantasie anreichern, weil die Hörenden dabei stets empathisch mit einbezogen sind. So kann Sprache heilsam sein.
Zu Beginn des Kapitels wurde an die Wichtigkeit der Innenschau für den Reifeprozess erinnert. Hierzu zählt auch die Betrachtung unseres Sprachgebrauchs. Eine solche vollzieht sich ja immer im inneren Rückblick (auch wenn der Rückblick manchmal bereits Sekundenbruchteile nach dem Sprechgeschehen stattfindet). Wann aber, wenn wir ehrlich sind, haben wir genug Zeit, Ruhe und Entschlossenheit, um das, was wir sagen, ebenso wie das, was wir tun oder lassen, unabgelenkt vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen und uns so dessen bewusster zu werden? Und das mit der notwendigen Regelmässigkeit? Einen derartigen Rahmen bietet die Meditation.
2.2 MEDITATION ALS ÜBUNGSWEG
Jeder Weg hat einen Ausgangspunkt. Der Lebensweg zum Beispiel beginnt mit der Geburt. Oder – Moment mal – beginnt er nicht doch mit der Empfängnis? Okay, sagen wir Empfängnis. Aber halt, da ist ja noch die Möglichkeit von früheren Daseinsformen. Nehmen wir besser ein anderes Beispiel. Der Tag, der beginnt mit dem Aufwachen. Aber nein, vielleicht doch schon mit den morgendlichen Träumen, beim Übergang aus der Tiefschlaf- in die REM-Phase? Oder sagen wir einfach, er beginnt um Mitternacht. Na ja, eine Sekunde nach Mitternacht. Einen Sekundenbruchteil …
Die Wirklichkeit ist fluid. Übergänge sind fließend. Sauber abgemessene Gebilde und Kategorien aller Art gibt es nur in der menschlichen Vorstellung und bei menschlichen Konstruktionen. Wir sagen oft „von Augenblick zu Augenblick“. Aber wann endet ein Augenblick und wann fängt der nächste an? Alles fließt, wenn auch in höchst unterschiedlichem Tempo. An den elektronischen Börsen werden riesige Volumina von Wertpapieren innert Sekundenbruchteilen gekauft und verkauft. Bis ein Berg von Wind und Wasser abgetragen ist, können Milliarden von Jahren vergehen. Nichts aber ist fix und starr, außer in unseren Köpfen. Und, wenn wir ehrlich sind, nicht einmal dort.
Auch ein Meditationsweg hat eine Vorgeschichte. Ein Mann zum Beispiel ist sich einer anhaltenden inneren Unruhe bewusst. In einer goldenen Herbstwoche spaziert er jeden Tag an einem nahen Fluss und verlangsamt dabei ab und zu die Schritte, um die Bäume zu betrachten und die unglaubliche Farbenpracht in all ihren Nuancen auf sich wirken zu lassen. Nur schon der Gedanke an die Spaziergänge hilft tagsüber, die Unruhe zu dämpfen. Als das Wetter jedoch abrupt kalt und nass wird, stellt er die Spaziergänge ein. Seine Irritationen und Ängste kehren zurück. Eines Morgens beim Aufwachen kommt ihm der begeistert vorgetragene Bericht eines Arbeitskollegen über die Vorteile von Meditation in den Sinn und er bucht kurz entschlossen einen Einführungskurs in Zen. Ein anderes Beispiel: Eine Managerin stellt an einem Sonntagabend fest, dass es ihr das ganze Wochenende lang nicht gelungen ist, gedanklich abzuschalten und sich körperlich und seelisch zu entspannen. Die schwelenden Konflikte in ihrem Team sowie die im Raum stehende Übernahme durch eine chinesische Firma lassen sie nicht los. Mehrmals hat sie bereits ohne merklichen Erfolg versucht, zu Hause mithilfe einer App zu meditieren. Ein Artikel in ihrer Wochenendzeitung bewegt sie dazu, es in einer Gruppe zu versuchen.
Bei der Analyse unseres inneren und äußeren Alltags (Kapitel 2.1.1) haben sich drei Hauptkomponenten herausgeschält, die sich in dauerndem Fluss und in dauernder Interaktion befinden: erstens Wahrnehmungen aus dem Umfeld, zweitens emotionale und gedankliche Reaktionen darauf, und drittens eigenes Handeln bzw. Sprechen.
Stellen Sie sich nun vor, dass zwei Drittel dieser Mischung auf einen Schlag wegfallen. Statt einer wirren Vielzahl kommen eine bestimmte Zeit lang kaum mehr Sinneseindrücke von außen. Auch das Sprechen und Handeln wird eingestellt. In einer stillen Umgebung sitzen wir mit geschlossenen Augen, entspannt und doch hellwach, einfach da. So beginnt Meditation.
Kehrt nun Ruhe ein? Kaum. Denn das verbleibende Drittel macht sich umso stärker bemerkbar. Wie eine Horde wilder Affen (ein uralter Vergleich) springen unsere Gedanken in allen Richtungen umher. Dazu kommt das Auf und Ab der Emotionen. Ein Non-Stopp-Film im Innern, von dem uns nun nichts mehr ablenkt. Wie können wir damit umgehen?
Ich sitze im Kino ganz vorne, in der ersten Reihe. Das Geschehen auf der Leinwand schwappt wie eine Riesenwelle über mich, ich kann mich ihm nicht entziehen. Der Film – das sind eben diese Gedankengänge, Erinnerungen, inneren Dialoge, Gefühlsaufwallungen, Selbstzweifel, Triebe, Sehnsüchte … Und nun mache ich einen bewussten Schritt. Ich nütze den Raum, den ich zuvor kaum wahrgenommen habe, und begebe mich im Kinosaal so weit wie möglich nach hinten. Vorne läuft noch immer derselbe Film. Aber ich habe nun eine gewisse Distanz gewonnen. Ich kann nach rechts und links blicken und feststellen, dass es noch mehr gibt als das, was auf der Leinwand abläuft. Ähnliches geschieht in der Meditation. Der innere Raum wird allmählich weiter und ich erfahre: Was sich auf der Bühne meines (inneren) Lebens abspielt und mich meist vollständig in seinen Bann zieht, ist nicht das, was ich im Wesentlichen bin. Ich erfahre Momente des Friedens und der Klarheit, denen der Lebensstrudel nichts anhaben kann. Eine gewachsene innere Geräumigkeit, durch die ich Abstand gewinne, gehört zu den bedeutendsten Früchten von anhaltend praktizierter Meditation.
Aber es ist nicht nur das, was mich gerade im Alltag umtreibt, welches in einer Meditationssitzung hochkommt. Der Körper meldet sich – Verspannungen werden z. B. plötzlich als solche wahrgenommen. Mehr noch: Unverdautes oder Verdrängtes (in der Psychologie oft als „Schatten“ bezeichnet) nutzt den dargebotenen Leerraum und die „leere“ Zeit, um ans Licht der Wahrnehmung hochzusteigen. Vielleicht ist es das Bild meines allein wohnenden alten Vaters, für den ich in den letzten Monaten sehr wenig Zeit übrig hatte? Während einer Meditation gibt es keine Außenreize und Ablenkungen, die dieses unangenehme Bild rasch wieder zudecken.
Sie sehen, es geht bei der Meditation nicht in erster Linie um ein lauschiges Wohlfühlen. Und es geht auch um wesentlich mehr als „nur“ Stressabbau.
Indem wir in einer Meditationssitzung merken, wie schwer es ist, die erforderliche Wachheit und Fokussiertheit (klassischerweise auf den Atemfluss) aufrechtzuhalten, wird uns klar, dass sich in der Regel auch im Alltag weder unser Bewusstseins- noch unser Konzentrationsgrad lange auf einem hohen Niveau halten. Ebenso wird uns manchmal erst in der Muße und Empfänglichkeit der Meditation vor Augen geführt, dass es überhaupt etwas gibt, das unerkannt in der Tiefe lauert und nicht nur unser Tun, sondern auch unsere Lebenshaltung und unser Lebensgefühl mitprägt.
Es sei hier nochmals daran erinnert, dass der Begriff „Meditation“ im ganzen Buch im weitreichendsten Sinn gebraucht wird. Er umfasst somit die klassische östliche sowie die moderne säkulare Sitzmeditation, christliche Kontemplation und Exerzitien, kontemplatives oder mantraartiges Gebet, neue Varianten wie Focusing, sowie Meditation in Bewegung wie Qi Gong und Tai Ji, meditativ ausgerichtetes Yoga, meditativen Tanz oder einfach achtsames Gehen in Stille und Ähnliches mehr (siehe Kapitel „Arten der Meditationspraxis“).
Statt des Versuchs, an dieser Stelle nun eine Definition vom Wesen der Meditation anzubieten, sollen ein paar Kurzsätze die Annäherung weiterführen. Erfahrene Meditierende werden hoffentlich, da jede Annäherung aus einem persönlichen Blickwinkel kommt, den einen oder anderen Satz als Neuanregung erleben. Bei frisch sich Heranwagenden und anderen Interessierten mögen die Sätze etwas zum Klingen bringen und als Anregung zum Ausprobieren dienen.
Meditation heißt …
… sich öffnen nach innen
Der Fokus wird, von der Außenwelt eine Weile lang ungestört, nach innen gerichtet. Nach und nach erweist sich das ans Licht kommende Innenleben als chaotischer, aber auch reichhaltiger und vielschichtiger, als wir es uns je hätten vorstellen können. Die längste Reise, so heißt es, ist die Reise nach innen.
… gleichzeitig tun und sein lassen
Tun: sich Zeit nehmen, den Willen zum Dranbleiben aufbringen, während der Meditation sich immer wieder aus der Zerstreuung in die Sammlung oder aus einem Dösezustand in die Wachheit zurückholen.
Lassen: vertrauensvoll offen sein für das, was kommt. Und das, was kommt, auch wieder ziehen lassen.
… hellwach zur Ruhe kommen
Bei fokussiertem und wachem Bewusstsein aus Anspannung Entspannung und aus Unruhe Ruhe werden lassen. Der Atem, der im Alltag so oft oberflächlich, schnell oder stockend verläuft, fließt wieder freier.
… nicht abheben, sondern sich erden
Methoden zur Erdung sind Körperbewusstsein sowie bewusstes Verweilen beim Atemfluss oder bei einem Objekt – z. B. einem Wort oder einer Kerze. Abheben tun wir nicht in der Meditation, sondern im Alltag durch die Gedanken, Bilder und Emotionen, die uns aus der Realität des Hier und Jetzt in die (subjektiv gespeicherte) Vergangenheit, in die (erwartete, erhoffte oder befürchtete) Zukunft oder in Fantasieszenarien führen.
… aus dem Tun-Modus in den Sein-Modus übergehen
Tun-Modus: Eindrücke und Informationen aufnehmen; urteilen, denken und träumen; sprechen und handeln. In einem Kontinuum von extrem aktiv („Höchstleistung“) bis hin zu extrem passiv, wo man nur noch automatisch reagiert bzw. sich in einem dumpfen Zustand berieseln oder zudröhnen lässt. Der Tun-Modus beinhaltet das pausenlose Treiben und Getriebenwerden unseres Alltags.
Sein-Modus: Nichts mehr tun und keinen Input von außen suchen (oder bloß ganz bewusste Bewegungen ausführen). Achtsames, reaktionsfreies Wahrnehmen von Zuständen und Vorgängen. Innerlich leichter, geräumiger und durchlässiger werden. Der Sein-Modus beinhaltet Elemente von Loslassen (des pausenlosen Treibens) und Hingabe. Wie beim Übergang in den Schlafzustand. Bloß, dass wir bei diesem Übergang noch wacher als im alltäglichen Wachzustand werden.
… für einen bestimmten Zeitraum sich selbst aushalten lernen
(Vermeintlicher) Druck von außen führt oft zu hoch gesetzten inneren Maßstäben. Als Folge stehen wir uns selbst oft kritisch gegenüber, leben mit uns in Unfrieden. Und empfinden es daher schnell als unangenehm, ohne Ablenkungsmöglichkeit mit uns selber allein zu sein.
… sich mit Stille anfreunden
Die Stille nicht als langweilige, vielleicht sogar Angst machende Leere wahrnehmen und sie möglichst rasch mit Lauten und Betriebsamkeit verscheuchen. Sich Zeit lassen, um in sie hineinzuhorchen.
… Fundament spürbar werden lassen
Was trägt mich zutiefst? Was ist wesentlich an und in mir jenseits aller Rollen und Persönlichkeitszügen? Was ist mir heilig? Kann oder will ich diesem einen Namen geben?
… nicht Leistung, sondern Übung
Meditation ist mehr als bloß eine weitere sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Joggen, eine Sprache lernen, an einem Theaterprojekt teilnehmen – all diese Tätigkeiten haben eine Leistungskomponente, denn es gibt dabei mehr oder weniger messbare Ergebnisse. Reifer werden mithilfe von Meditation lässt sich nicht messen. Die dabei erlebbare Verbindung mit unserem Wesen sowie dem Wesentlichen schlechthin (dem Heiligen), aber auch die Begegnungen mit dem, was diesen Zugang blockiert, lassen sich nicht festmachen. Letztlich sind sie nur über die Übung des Loslassens (auch des Loslassens vom Leistungsprinzip) und der Öffnung möglich.
Zu bedenken ist auch, dass ein gewisser Entwicklungsgrad natürlich nicht einfach erlangt und dann für immer konserviert werden kann. Genauso wenig wie ein bestimmter Grad an Fitness, den ich mir durch regelmäßiges Joggen antrainiert habe. Höre ich mit dem Joggen auf, reduziert sich die Fitness wieder. Die Übungspraxis hat nie ein Ende.
Eine Schnellbleiche ist der Meditationsweg also nicht. Es ist zwar möglich, in einer allerersten Meditationssitzung eine erstaunliche Ruhe und Entspannung zu erfahren. Diese Initialerfahrung allein, das zeigen Zeugnisse und Berichte, wird danach jedoch das Alltagsleben kaum ankratzen, geschweige denn durchdringen und nachhaltig verändern.
Bei der Meditation geht es auch nicht darum, geänderte Bewusstseinszustände oder sonst etwas Außergewöhnliches zu erleben. Es geht darum, tiefer in das Gewöhnliche einzutauchen. Um plötzlich oder nach und nach zu erfahren, wie viel reicher und wunderbarer dieses Gewöhnliche ist, als wir es je gedacht hätten.
In unseren Tagen wird der Meditation vermehrt Interesse entgegengebracht. Ein stets reicherer Schatz an wissenschaftlichen Untersuchungen belegt ihre medizinisch messbare, heilsame Wirkung. Das erweckt Neugierde und Erwartungen. Es steigert aber auch die Gefahr, dass Meditation zwar ausprobiert wird, dass die wohltuende Wirkung durchaus anerkannt wird, aber dass etwas – seien es innere Widerstände, Bequemlichkeit oder andere Prioritäten – der Aufnahme einer dauerhaften Übungspraxis im Weg steht. Und so zeigt sich, dass man auch nach einigen Meditationsversuchen letztlich so wenig von prägenden Mustern, von Trägheit, Stress oder unterschwelliger Unzufriedenheit loskommt wie nach wohltuenden Ferien oder einem Wellness-Wochenende.
Es ist aber gerade dieses, unser meist unspektakuläres und doch aufreibendes Alltagsleben, das der wichtigste Referenzpunkt des vorliegenden Buches ist. Alles, was zur Meditationspraxis und deren Auswirkungen gesagt wird, soll dazu in Bezug gesetzt werden. Denn ansonsten droht Meditation einfach zu einem weiteren abzuhakenden Erlebnis oder einer weiteren Verzierung unseres Ich-Bilds zu verkommen (im Stil von „Ich spiele Klavier, ich reise gerne nach Südamerika und ich meditiere“), ohne nachhaltige Auswirkungen auf unsere Haltung und Lebensführung.
Unsere Alltagspraxis ist durchzogen mit automatisierten Verhaltensmustern, die uns in unserer Freiheit einschränken und mehr reaktiv als aktiv und kreativ sein lassen. Bei der Übung geht es zunächst darum, dass wir derartige Muster überhaupt als solche erkennen. In einem nächsten Schritt versuchen wir, sie mit Wohlwollen zu betrachten anstatt zu verdrängen oder zu bekämpfen. Erst dann werden sie „weicher“ und lassen sich transformieren. Die ersten zwei Schritte lassen sich „machen“. Bei der Transformation müssen wir zwar wachsam bleiben, um nicht wieder in alte Fahrwasser zurückzugleiten, aber durchführen können wir sie selber nicht. Alles, was wir tun können, ist uns für diesen Wandel zu öffnen und ihn geschehen zu lassen. Der Wandel führt zu mehr Achtsamkeit in den verschiedensten Lebenslagen, einem wohlwollenderen Herzen sowie differenzierterer Selbstkenntnis. Eine solche Übung – weg von einer primär reaktiven und hin zu einer primär selbst- aber nicht egobestimmten Lebensweise – verlangt Entschlossenheit, Geduld und Ausdauer.
Schließlich noch ein kleiner, praktischer Tipp: Wenn Sie (wie Tausende andere auch), Mühe haben, beispielsweise 20 Minuten in Stille zu sitzen, ohne Input, ohne Tat, dafür aber mit dem inneren Durcheinander konfrontiert, so fügen Sie ein Lächeln hinzu. Und sagen Sie sich dabei: Warum sollte ich Angst haben vor dem, was sich da in Kopf, Herz und Gemüt so alles tut? Nichts davon kann mir irgendetwas anhaben – ich werde die Sitzung mit Sicherheit ungeschoren überstehen. Zeitverschwendung? Ich habe meine Zeit schon mit viel Dümmerem verplempert. Ganz allein und ohne Ablenkung halte ich es mit mir selber nicht aus? Gute Einsicht! (Es geht übrigens den meisten anderen auch so.) Genau das gilt es zu lernen. Und wenn ich mich selbst aushalte, halte ich auch andere aus. Und außerdem habe ich es mit mir selber schon … Jahre (bitte Zahl einfügen) ausgehalten, da schaffe ich es auch noch weitere 20 Minuten. Lächeln Sie also mit großem Wohlwollen über sich und Ihre Angst vor Stille und nacktem Dasein. Lächeln Sie über sich selbst, lächeln Sie sich aber auch zu und lächeln Sie anderen zu. Immer wieder. Sie werden über folgende Aussage vielleicht lächeln, aber so fällt Ihnen nicht nur das Meditieren leichter, so verändern Sie auch sich selbst, Ihr Umfeld und ein wenig auch die Welt.
Hier und in den anschließenden Kapiteln werden keine detaillierten Ausführungen zu den verschiedenen Meditationswegen geboten. Hingegen finden Sie einen Überblick über den historischen Werdegang von Meditation in den verschiedenen Religionen bis hin zu den heutigen säkularen Formen sowie eine Übersicht über die wichtigsten Meditationstechniken. Hinzu kommt eine exemplarische Schilderung des Ablaufs einer einfachen Meditationseinheit. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch, wie schon gesagt, auf der Verbindung zwischen Meditation und Alltag und dem sich daraus bietenden Entwicklungspotenzial. Zu den zentralen Themen diesbezüglich zählen „Achtsamkeit“ (Kapitel 2.3.1) und die „Entwicklung der Herzensqualitäten“ (Kapitel 2.3.2). Schließlich werden Ideen für kurze meditative Alltagsübungen vorgestellt, die sich außerhalb der formellen Meditation praktisch überall und zu jeder Zeit anwenden lassen (Kapitel 2.3.3). Ein Beispiel vorweg: Wenn Sie das nächste Mal nach Hause kommen, Schlüssel und andere Gegenstände ablegen und sich die Jacke und die Schuhe ausziehen, führen Sie jede einzelne Bewegung mit voller Aufmerksamkeit durch. Dies bringt automatisch eine Verlangsamung mit sich, diese wiederum eine spürbare physische und psychische Entspannung. Eine solche Behutsamkeit ist das beste Schutzmittel gegen Hast, Zerstreutheit und Stress. Probieren Sie es einfach aus. Wenn Sie überdies Ihr Handy, Ihre Brille oder Ihre Schlüssel jedes Mal langsam und konzentriert ablegen, entfällt künftig manch nervenaufreibendes Suchen. Das Einüben von Achtsamkeit führt mit Sicherheit zu einem Anstieg der Lebensqualität. Es kann sogar Spaß machen.
Vielleicht staunen Sie jetzt und fragen: „So einfach ist das?“ Ja. Dem ist nichts hinzuzufügen. So einfach ist das.
Mühsam hingegen, frustrierend mühsam sogar und schwer ist es, bestenfalls vage erkannte Gewohnheiten und weitgehend unerkannte Prägungen immer wieder ans Licht steigen zu lassen, dieses wenig schmeichelhafte Bewusstsein auszuhalten und ihre Macht über uns so weit abzuschwächen, dass wir uns nachhaltig von ihnen zu lösen vermögen. Das ist es, was beharrliches Üben und auch Willensschulung nötig macht.
Wenn dies jedoch nur schon in Ansätzen gelingt, führt es zu einem Wandel, der eine spürbare Steigerung der Lebensqualität im Alltag mit sich bringt. Zu diesem Wandel – und damit zur individuellen Reifung – gehört auch ein allmähliches Abschwächen der einengenden und isolierenden Egozentrik. Auch die Ich-Bilder, die ich mit mir trage und die mich oft empfindlich reagieren lassen, wenn die Reaktionen meiner Mitmenschen ihnen nicht entsprechen, gilt es zu erkennen und die Identifikation mit ihnen zu lockern. Bin ich weniger in meiner Ich-Welt gefangen, wirke ich fast ohne Anstrengung zum Wohl zumindest meiner unmittelbaren Umgebung.
Meditation wird zwar im „stillen Kämmerlein“ oder in kleinen Gruppen geübt, aber ihre Auswirkungen reichen weit darüber hinaus.
2.2.1 Kurzer historischer Überblick
Meditation in der einen oder anderen Erscheinungsform ist wohl so alt wie die Menschheit. In den Religionen der Naturvölker gab und gibt es Elemente (Tänze und repetitive Gesänge zum Beispiel), die als meditative Praktiken interpretiert werden können. Initiiert bzw. ausgeführt werden sie von Schamanen, Medizinmännern und anderen Eingeweihten. Informelle Momente der Stille, in denen ein Mensch zur Ruhe kommt, gab und gibt es wohl in jedem Leben. Sie lassen sich auch als kurze meditative Zwischenphasen deuten, bilden aber nicht Teil der nachfolgenden Erörterungen.
Die früheste schriftliche Erwähnung von Meditation (um 1500 v. Chr.) findet sich in den Veden, den ältesten heiligen Texten des Hinduismus. Indische Priester verwenden bis heute Atemübungen und Gesänge („Chants“), um einen hochkonzentrierten Zustand herbeizuführen. In mehreren hinduistischen Richtungen gilt Yoga entweder als eine Vorstufe zur Meditation oder wird selber als meditative Praxis verstanden. Im 18. Jahrhundert, zur gleichen Zeit als die Briten allmählich die Macht übernahmen, gerieten die meditativen Praktiken jedoch in den Hintergrund. Gebildete Inder ließen sich eher von der europäischen, speziell der englischen, rational geprägten Denk- und Lebensart inspirieren und betrachteten die eigene als rückständig. Eine Renaissance der Meditation fand in Indien allerdings wesentlich früher statt als im Westen, nämlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts – auch in Zusammenhang mit dem aufkommenden indischen Nationalismus und damit der Rückbesinnung auf einheimische kulturelle Werte. Große Namen sind damit verbunden, darunter Ramakrishna (1836–1886), eine weithin ausstrahlende Leuchtfigur, Vivekananda (1863–1902), dessen Auftritt auf dem Weltkongress der Religionen in Chicago 1890 in Amerika und England eine Welle von Interesse an indischer Spiritualität auslöste, Sri Ramana Maharshi (1879–1950), dessen Dasein und Sosein – einfach, authentisch und bescheiden – Berichten zufolge die zahlreichen Menschen, die zu seinem Ashram in Südindien pilgerten, mindestens ebenso inspirierten wie seine Lehre, Sri Aurobindo (1872–1950), der Politaktivist, Philosoph, Dichter und Ashramgründer, und schließlich Sri Chinmoy (1931–2007), der in den Westen zog und unter anderem 1970 vom damaligen Generalsekretär U Thant gebeten wurde, am UNO-Hauptsitz wöchentliche Meditationen zu leiten. Diese wurden in den folgenden Jahrzehnten von Tausenden von UN-Angestellten und Diplomaten besucht.
Insgesamt noch zentraler als im Hinduismus ist die Rolle der Meditation im Buddhismus. Siddhārtha Gautama, wie der Buddha mit bürgerlichem Namen hieß, lebte im nördlichen Indien um das Jahr 500 v. Christus (genaue Lebensdaten sind nicht bekannt). Den eigentlichen Kern seiner Lehre bilden die „vier edlen Wahrheiten“, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:
Erste Wahrheit: Leiden ist – in unserem unerwachten Zustand – allgegenwärtig. Übertrieben? Nein. Jedes Mal, wenn ich etwas nicht bekomme oder etwas nicht eintritt, das ich will, bin ich enttäuscht, gekränkt, frustriert oder wütend. Ebenso bin ich enttäuscht, gekränkt, frustriert oder wütend, wenn ich mit etwas konfrontiert bin, das ich nicht will. Frustration, Enttäuschung, Kränkung und Wut sind bloß vier der zahlreichen Ausprägungen des Leidens, von denen sich im Alltag die eine oder andere fast immer – wenn nicht akut, so doch in dumpfer Form – bemerkbar macht.
Zweite Wahrheit: Die Gründe des Leidens sind Begierde (nach Gütern, Ansehen, Anerkennung usw., sowie das Anhaften daran), Ablehnung (Nicht-Akzeptanz all dessen, was uns nicht passt) und Ignoranz (bezüglich unseres permanenten Schwankens zwischen Begierde und Ablehnung, sowie der Ordnung des Universums).
Dritte Wahrheit: Es gibt einen Weg aus dem Leiden (die frohe Botschaft!).
Vierte Wahrheit: Der Weg aus dem Leiden führt über den achtfachen Pfad. Dieser besteht aus fünf ethischen Zielen und drei Übungspraktiken. Eine dieser Übungspraktiken ist die „rechte Versenkung“, also die Meditation.
Somit zählt Meditation zu den Grundpfeilern des Buddhismus. Man darf sich allerdings nicht täuschen lassen – eine nachhaltige Meditationspraxis wurde auch in der buddhistischen Welt praktisch nur in den Klöstern unter den Mönchen gepflegt. Die religiöse Praxis des Volkes bestand (und besteht) vornehmlich aus der Verehrung des Buddha (meist in Betrachtung einer Buddha-Statue oder eines Buddha-Bildes, die nicht nur in den Tempeln, sondern auch in den meisten Haushalten zu finden sind), aus Wunschgebeten und aus einem ehrfurchtsvollen Umgang mit den Mönchen (etwa indem man ihnen Essen oder Geld spendet). Bestenfalls betreten Laien ab und zu einen Tempel, um an einer Meditationssitzung der Mönche teilzunehmen.
Von Indien aus breitete sich der Buddhismus – und mit ihm die Meditationspraxis – in den folgenden Jahrhunderten durch Ost- und Südostasien aus und ist dort bis heute verankert, während er in seinem Ursprungsland nur noch ein Randdasein fristet. Eine der wichtigsten Destinationen war China, wo sich der Buddhismus und der einheimische Daoismus gegenseitig beeinflussten. Aus dem Umfeld des Daoismus stammen übrigens auch eigenständige Meditationsformen, nämlich jene der langsamen und achtsamen Bewegungen – Qi Gong und Tai Ji Quan. Von China aus erreichte der Buddhismus später auch Japan (6. bis 7. Jahrhundert). Dort wuchs der Zen-Buddhismus zu einem der wichtigsten Zweige heran.
Heutzutage hat sich Zen zumindest außerhalb seiner Heimatregion von seiner Mutterreligion weitgehend abgetrennt und ist zu einer weltweiten, auf Meditation gegründeten spirituellen Praxis geworden. Bei einer weiteren buddhistischen Meditationsform, der Vipassana-Meditation, lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Das heißt, ich kann mich als Zen- oder Vipassana-Praktizierender auch als Buddhist bezeichnen, muss es aber nicht.
Wie kamen der Buddhismus und mit ihm der Fokus auf Meditation und die entsprechenden Meditationstechniken in den Westen? Ab dem 19. Jahrhundert nahm der Zustrom von Immigranten aus Japan und China, später auch aus Thailand, Korea und Vietnam in die USA rapide zu und diese Volksgruppen errichteten auch in der Fremde ihre Tempel und Ordenszweige. Deren Einfluss auf das Mainstream-Amerika war jedoch gering. Es bedurfte der Vermittlung von Westlern, die sich im Osten inspirieren und ausbilden ließen, sowie von buddhistischen Mönchen aus dem Osten, die ihre Botschaft und Praxis in den Westen brachten, wo diese dann von ihren einheimischen Schülerinnen und Schülern verbreitet wurden. Dies geschah in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – einer Zeit, die offensichtlich reif dafür war. Zu den wichtigsten Figuren der Kategorie „Westler“ gehören Philip Kapleau (1912–2004), einer der Pioniere; die Autorin und Gemeindeleiterin Pema Chödrön (geb. 1936 als Deirdre Blomfield-Brown); Jack Kornfield (geb. 1945), dessen Bücher zu den Klassikern auf diesem Gebiet zählen und der mit Joseph Goldstein (geb.1944) und Sharon Salzberg (geb. 1952) mehrere buddhistische Gemeinschaften in den USA gegründet hat; Matthieu Ricard (geb. 1946), Buchautor und Übersetzer des Dalai Lama, sowie im deutschsprachigen Raum Sylvia Wetzel (geb. 1949). Zu der zweiten Kategorie, den aus Asien stammenden Vermittlern (auch hier beschränke ich die Liste auf sehr wenige Namen), zählen der Japaner Shunryu Suzuki (1904–1971), der Inder Maharishi Mahesh Yogi (1918–2008, der Begründer der Transzendentalen Meditation), der Tibeter Chögyam Trungpa (1939–1987) und der vietnamesische Friedensaktivist, Buchautor und Ordensgründer Thich Nhat Hanh (geb. 1926). Von allen Buddhisten die weitreichendste Strahlkraft und den größten Einfluss auf unseren Zeitgeist hat aber zweifellos Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama (geb. 1935).
Der Buddhismus selber und seine Meditationspraktiken haben sich mit ihrer Inkulturation im Westen stark gewandelt. Stichwortartig zusammengefasst wurden sie laisiert (d. h. sie werden nicht mehr primär in einem monastischen Umfeld betrieben), demokratisiert (die strenge Hierarchie der Mönchsgemeinden fällt weg), feminisiert (die Dominanz der Männer ließ sich nicht aufrechterhalten) und alltagsbezogen (Teilnehmende an Meditations-Sitzungen und Retreats wollen mit der Meditation eine Veränderung in ihrem Alltagsleben bewirken).23 Außerdem verlor die in Asien nach wie vor relativ strikt aufrechtgehaltene Unterscheidung zwischen den Denominationen (Theravada, Mahayana, tibetischer Buddhismus usw.) im Westen rasch an Bedeutung. Und schließlich sind viele der ursprünglich mit den Meditationsmethoden verbundenen Rituale weggefallen. Bei der Vermittlung von Yoga im Westen lässt sich ein ähnlicher Wandel beobachten. Und dieser Wandel im Westen beeinflusst seinerseits die Entwicklungen in den Heimatländern von Buddhismus und Hinduismus. Er ist Teil eines universellen Trends im 21. Jahrhunderts hin zu einfachen und allen zugänglichen meditativen und anderen geistig-körperlichen Übungen, die entweder keinen oder nur noch einen lockeren Bezug zu einer Herkunftsreligion bewahren (siehe Ende des Kapitels).
23 Gemäß Jack Kornfield, Bringing Home the Dharma, S. 193 ff.
Im Islam waren es primär die Sufis, die vor allem vom 8. bis 13. Jahrhundert meditative Übungen entwickelten. Die Wichtigste besteht aus dem Wiederholen des Namens Allahs bzw. einer seiner 99 Beinamen (Attribute). Auf Arabisch heißt diese Praxis Dhikr, auf Türkisch Zikr, wörtlich das „Gottgedenken“. In der klassischen Form wird der Beginn des Glaubensbekenntnisses – lā ilāha illā ’Llāh (es gibt keine Gottheit außer Gott, Allah) – immer wieder rezitiert, entweder laut oder innerlich für sich. Beim lauten Rezitieren in einer Gemeinschaft wird auf das letzte „h“ des Wortes „Allah“ hingezielt, das dann beim Ausatmen wie ein letzter Hauch verklingt. Verbunden wird die Übung so mit dem kontrollierten und bewusst wahrgenommenen Fluss des Atems. Dies ergibt eine sehr ähnliche Praxis wie bei dem Jesus- bzw. Herzensgebet im Christentum (das allerdings zumeist allein gepflegt wird) sowie dem Wiederholen von Mantras wie „Om Mani Padme Hum“ im Buddhismus oder das hingabevolle „Ram Ram Ram“ im Hinduismus. Als Konzentrationsstütze nehmen manche Praktizierende eine Gebetsschnur mit Perlen zu Hilfe. Und auch hierzu gibt es viele Parallelen: den Rosenkranz im Katholizismus, die Gebetsschnur (Russisch: Tchjotki, wörtlich „Zählschnur“) im orthodoxen Christentum, die Mala, klassischerweise mit 108 Perlen versehen, die sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus Gebrauch findet, sowie die Tesbih-Gebetsschnur im tibetischen Buddhismus. Auch bei früheren Kulturen hat man Knotenschnüre gefunden, bei denen vermutet wird, dass sie für Gebets- oder Versenkungspraktiken verwendet wurden, beispielsweise im vorkolonialen Peru oder in Polynesien.
Sufismus, oft als die mystische Dimension des Islams bezeichnet, hatte über die Jahrhunderte immer wieder einen schweren Stand. Denn die Sufis – wie Mystiker weltweit – hielten sich bei der Vermittlung ihrer Erfahrungen längst nicht immer an die Vorgaben der Korangelehrten, der Mullahs, der Imame und anderer muslimischer Autoritäten. Die geistige Unabhängigkeit der Sufi-Bruderschaften sowie einzelner ihrer Exponenten war ein Stachel im Fleisch derer, denen Macht und Kontrolle und sogenannte Rechtgläubigkeit wichtig waren, und so war der Vorwurf der Gotteslästerung jeweils schnell zur Hand. Wie bei ihren Verwandten im Geiste in anderen Religionen konnten für die Sufis und insbesondere für ihre mystisch begabten Exponenten die Folgen Ächtung, Verbannung, Gefängnis oder Hinrichtung lauten.
Es besteht eine noch wenig erforschte Verbindung zwischen Meditation und Mystik. Vertieft man sich in die Lebensgeschichten von Mystikern und Mystikerinnen, stellt sich heraus, dass sie praktisch alle irgendeine Form von meditativer oder kontemplativer Versenkung bzw. wortlosem Gebet praktizierten bzw. praktizieren. Auch benötig(t)en sie quasi als Lebenselixier immer wieder Zeiten von Rückzug in die Stille, was natürlich in einer monastischen Umgebung oder an einem abgelegenen Ort einfacher ist als in einer Großstadt. Umgekehrt führt einen die Meditation in Bereiche der Ruhe und inneren Offenheit, welche die Empfänglichkeit für mystische Erfahrungen erhöhen.24
24 Ein goldener Sonnenuntergang, ein Stück Musik, das uns bis in die Grundfesten bewegt – überhaupt alles, was uns kurz das tiefgreifende Gefühl gibt, mit etwas unaussprechlich Heiligem oder mit dem Universum als Ganzem in Einklang zu sein, kann als mystische Erfahrung verstanden werden. In den allermeisten Fällen lässt die Wirkung jedoch rasch nach und unser gängiges Gefühl der Getrenntheit nimmt wieder überhand. Menschen, die als Mystikerinnen oder Mystiker gelten, erfahren diese Verbundenheit in einer derart überwältigenden Intensität, dass sich ihr Leben – nicht immer äußerlich, aber doch innerlich – radikal ändert. Das Potenzial dazu steckt in uns allen.
Besonders deutlich zeigt sich diese Verbindung von Mystik und Meditation in der Geschichte der Sufis und ihrer herausragenden Gestalten. Zu diesen zählen (um nur ganz wenige zu nennen) Rabia (gest. 801), eine als Heilige verehrte Frau, Al-Hallaj (gest. 922), der hingerichtet wurde, weil er seine ekstatischen Erfahrungen der Vereinigung mit dem innewohnenden göttlichen Wesenskern kundtat, Al Ghazzali (1058–1111) und Ibn Arabi (1165–1240), die beiden wohl größten Philosophen des Sufismus, deren Werke auch im Abendland Verbreitung fanden, Dschalaluddin Rumi (1207–1273), der sprachgewaltige Dichter-Philosoph, Kabir (1440–1518), zu dessen Schülern gleichermaßen Muslime und Hindus zählten, Hazrat Inayat Khan (1882–1927), einer der Erneuerer des Sufismus in der Moderne sowie Reshad Feild (1934–2016) und Llewellyn Vaughan-Lee (geb. 1953), zwei wichtige Vertreter des universellen und praxisorientierten Sufismus von heute.
So wie sich heute Zen-Meditation praktizieren lässt, ohne dass man dazu zum Buddhismus übertreten muss, gibt es seit Ende des 20. Jahrhunderts auch im Westen Sufi-Gemeinschaften, die mit ihren spirituellen Übungen auch Nicht-Muslimen offenstehen.
Im Judentum entwickelten sich meditative Praktiken vor allem im Umfeld der Kabbala-Mystik sowie des volkstümlicheren Chassidismus, der vor allem in Osteuropa im 18. und 19. Jahrhundert aufblühte. Die von Abraham Abulafia (um 1240–1292) propagierte ekstatische Kabbala beispielsweise basiert auf Meditationsübungen, zu deren Zielen die (ekstatische) Vereinigung mit Gott durch die Meditation von hebräischen Namen für Gott oder von speziellen Kombinationen hebräischer Buchstaben zählte. Die Meditationstechnik bestand also aus der wiederholten, länger andauernden Konzentration des Geistes auf etwas Sakrales.
Moses Maimonides (um 1135–1204), einer der bedeutendsten jüdischen Philosophen aller Zeiten, beschrieb Meditation als eine Einstellung des Geistes, die uns empfänglich macht für die göttliche Vorsehung und Inspiration. Anderswo schätzte er Meditation als Form der Anbetung höher ein als Opfergabe oder formelles Gebet.25
25 Ehud Benor, Worship of the Heart: A Study of Maimonides’ Philosophy of Religion, S. 159.
Später wurden meditative Übungs- und Andachtsformen auch im Umfeld der chassidischen Rabbis in Osteuropa betrieben, darunter Baal Shem Tov (um 1698–1760) und Nachman von Breslow (1772–1810). Zu den Repräsentanten der zeitgenössischen jüdischen Meditation zählen Lawrence Kushner (geb. 1943) und Rami Shapiro (geb. 1951). Insgesamt jedoch spielten und spielen meditative Übungspraktiken – zumindest formell – im Judentum verglichen mit anderen Weltreligionen eine geringe Rolle.
Wenden wir uns nun etwas ausführlicher der Geschichte der Meditation in unserem westlichen, christlich geprägten Kulturkreis zu. Wie anderswo in diesem Buch dient „Meditation“ dabei als Überbegriff. Im Christentum unterschieden werden vor allem vier Formen: Die Meditation selber wird eher gegenständlich verstanden: Man kann beispielsweise einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift oder ein Heiligenbild meditieren. „Verkosten“ ist hier ein manchmal verwendetes Wort, womit klargestellt wird, dass es nicht um ein analysierendes Betrachten handelt. Die letztgenannte Form – das Meditieren von Schriftstellen und zum Teil auch Bildern – bildet die Grundlage der Ignatianischen Exerzitien. Diese wurden durch Ignatius von Loyola (1491–1556) ins Leben gerufen. Sie verbinden jene Schriftmeditationen mit Betrachtungen zum eigenen Leben und erleben heute im christlichen Umfeld eine gewisse Renaissance. Kontemplation beschreibt meist ein stilles Sich-Öffnen für Gott, ein wortloses Gebet. Die vierte Form ist das mantraartig wiederholte Jesus- oder Herzensgebet.
Die ersten christlichen Meditationsanleitungen stammen aus der Zeit der sogenannten „Wüstenväter“ und „Wüstenmütter“, die sich – von der oberflächlichen Religionspraxis ihrer Zeitgenossen in der spätrömischen Antike enttäuscht – in Wüstengegenden zurückzogen (ca. 3. bis 6. Jahrhundert) und dort als Einsiedler lebten, teils Schüler zu sich ließen und teils auch ihre Erfahrungen niederschrieben.
Sie waren die Ersten, die das Jesus- oder Herzensgebet propagierten. Verbreitet hat es sich danach vor allem in den Klöstern der Ostkirche – zunächst im byzantinischen Griechenland, später auch in Russland. Es ist ganz schlicht und beinhaltet bloß Atemübungen und das wiederholte Aufsagen eines Satzes. Das Grundgebet lautet „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“, wobei es auch in etwas längeren oder kürzeren Fassungen existiert. Seraphim von Sarow (1759–1833), einer der am meisten verehrten Heiligen in Russland, schrieb dazu: „Mit diesem Gebet in deinem Herzen wirst du inneren Frieden und Nüchternheit von Körper und Seele finden.“ Zugleich sei es von dynamischer Wirkung und werde zu „einem Brunnen lebendigen Wassers“, der unablässig in der Seele sprudle.26 Eine in unseren Tagen verbreitete Kurzform des Herzensgebets besteht darin, beim Einatmen einfach „Jesus“ und beim Ausatmen „Christus“ in den Atemfluss zu legen (oder umgekehrt). Die mit dem Herzensgebet verbundene Geisteshaltung wird „Hesychasmus“ genannt, abgeleitet vom griechischen Wort für Ruhe, Frieden und Gelassenheit.
26 Zit. in Gordon Mursell (Hrsg.), Die Geschichte der christlichen Spiritualität, S. 161–162.
In West- und Mitteleuropa wurde im Mittelalter in den Klöstern die Contemplatio betrieben. Gemäß damaligem Verständnis benötigte deren Praxis allerdings eine innere Vorbereitung. Einer ihrer Vordenker war Richard von St. Viktor (gest. 1173), ein ursprünglich aus Schottland stammender Abt in Frankreich.27 Er und andere „Viktoriner“ beschrieben eine innere Progression, die bei der Beschäftigung mit der Heiligen Schrift ansetzte, und verglichen diese mit dem Aufstieg auf einen Berg: Zunächst kommt die Cogitatio, das rationale Verstehen. Danach folgt die Meditatio, das „Verkosten“ und der Bezug des Textinhalts auf die eigene Lebenssituation. Den Gipfel schließlich stellt die Contemplatio dar – ein von Gedanken gelöstes sich Öffnen für … – eben für das, was sich nicht mehr in Worte fassen lässt. Diejenigen, die es dennoch versuchen, greifen zu Metaphern wie „Licht Gottes“ oder „mystische Schau“.
27 Dies zeigt, dass es schon im Mittelalter eine europäische Personenfreizügigkeit gab, allerdings nur in der dünnen Schicht der Gebildeten und dank Latein als deren Einheitssprache.
Große Lehrer des Kontemplationsweges traten auch in Spanien im 16. Jahrhundert auf.28 Die drei bedeutendsten hießen Francisco de Osuna (ca. 1492 – ca. 1540), Teresa von Avila (1515–1582) und Johannes vom Kreuz (1542–1591). Die Praxis des „inneren Gebetes“ bzw. des „Gebetes der inneren Sammlung“, welche diese den Gläubigen (in erster Linie ihren klösterlichen Mitbrüdern und Mitschwestern) nahelegten, war in jener Zeit jedoch zutiefst umstritten. Die Inquisition verfolgte die sogenannten „Alumbrados“ (Erleuchteten), die aus der Freiheit dieses Gebetes und einer unmittelbaren Gottesbeziehung sich von der Autorität der katholischen Kirche lösen wollten und die sakramentale und kirchliche Vermittlung des Glaubens infrage stellten.
28 Das Land hatte sich nach vielen Jahrhunderten von der muslimischen Herrschaft befreit und danach im Zuge der Re-Christianisierung die ansässigen Muslime sowie die zahlreichen Juden entweder direkt vertrieben oder vor die Wahl gestellt, sich zu bekehren oder das Land zu verlassen. In den Jahrhunderten davor hatten die Muslime und die Juden jedoch einen ganz entscheidenden Beitrag zur Geistesgeschichte des Landes geleistet. Dazu zählten auch die im Mittelalter in Spanien lebendige (islamische) Sufi-Mystik und (jüdische) Kabbala-Mystik. Es ist unwahrscheinlich, dass die großen spanischen Mystiker und ihre Praxis des kontemplativen Gebets davon völlig unbeeinflusst waren.
Die Praxis des Herzensgebets sowie der Kontemplation wurde verstanden als ein bewusstes und manchmal auch sehnsuchtsvolles „Sich-Öffnen für Gott“. In den Religionen des Ostens hingegen stellte die Meditation eher ein absichtsloses, jedoch ebenso waches Dasein in Stille dar. Den schriftlichen Überlieferungen nach zu urteilen, waren die Ergebnisse einer nachhaltigen Übungspraxis in beiden Fällen jedoch nicht unähnlich. Bloß wurden sie in verschiedene, der jeweiligen Religion entliehene Begriffe gekleidet. Um solche historischen Zeugnisse und Anleitungen verstehen zu können, müssen wir also versuchen, durch die Terminologie hindurch zum Kern der Aussagen zu gelangen. Dann kann auch ein Bezug zu unseren eigenen Erfahrungen aufleuchten.
Heute genauso aktuell wie früher ist die Einsicht der Mönche jener Epochen, dass es für ein Sich-Versenken in Kontemplation eine gewisse Vorarbeit, nämlich einen inneren Prozess der Konzentration und geistigen Entleerung, braucht. Und noch eine Erkenntnis aus der langen mönchischen Tradition – westlicher wie östlicher – verdient auch heute Beachtung: Bei einer spirituellen Praxis tun wir gut daran, uns mindestens phasenweise unter die Obhut eines „Seelenführers“, eines erfahrenen geistlichen Begleiters, zu stellen. Oder immer wieder den Austausch mit vertrauenswürdigen und auf dem betreffenden Gebiet bewanderten Lehrerinnen oder Übungsleitern zu suchen. Denn als zu groß wurde die Gefahr erachtet, dass die inneren Dämonen (heute würde man von unbewussten Denkmustern oder unkontrollierten Trieben sprechen) sowie der Konformitätsdruck der Außenwelt uns vom konsequenten Beschreiten des inneren Weges abbringen könnten, wenn wir diesen allein angehen.
Die inneren Bewegungen, die bei der Kontemplation beobachtet werden, sowie die Integration der Einsichten ins Leben als Ganzes hat der französische Bischof und Mystiker François de Sales (auch Franz von Sales, 1567–1622) wunderbar auf den Punkt gebracht. Fast sieht man ihn dabei schmunzeln, mit wohlwollendem Verständnis für unsere ständigen Abschweifungen und Rückfälle trotz bester Absichten: „Wenn das Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart deines Herrn. Und selbst, wenn du nichts getan hast in deinem ganzen Leben, außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obgleich es jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgeholt hattest, dann hast du dein Leben wohl erfüllt.“29
29 Zit. in Willi Lambert, Das siebenfache Ja, S. 36-37.
Auf volkstümliche Art drückt die Redensart „das Herz am rechten Fleck haben“ etwas Ähnliches aus. Franz von Sales hat übrigens als Hilfe empfohlen, den ganzen Tag hindurch kurze Gebete einzustreuen, um so das Herz immer wieder an den „rechten Fleck“ zurückzuholen oder, modern gesagt, sich zu zentrieren.
Dass die kontemplative Praxis nicht als Selbstzweck, als bloße „Wellness für die Seele“, verstanden werden sollte, sondern im Alltag wirksam werden soll, zeigt folgende Anweisung des großen Mystikers und Lehrers Meister Eckhart (1260–1328): „Achte darauf, wie du deinem Gott zugekehrt bist, wenn du in der Kirche bist oder in der Zelle: Diese selbe Gestimmtheit behalte und trage sie unter die Menge und in die Unruhe und in die Ungleichheit.“30
30 Meister Eckhard, Deutsche Werke, Bd. V, 203.3-5; zit. in Eckhard Wolz-Gottwald, Die Mystik in den Weltreligionen, S. 45.
An dieser Stelle muss nochmals betont werden: All die bisher geschilderten christlichen Meditations- bzw. Kontemplationspraktiken – und wir betrachten hier den Zeitraum von ca. 250 bis 1600 – waren für Mönche und in einem geringeren Ausmaß auch für Nonnen gedacht. Das gemeine Kirchenvolk bekam (noch) nichts davon mit. Dies änderte sich bis zu einem gewissen Grad ab dem 17. Jahrhundert. Inzwischen hatte sich der Buchdruck etabliert und die Zahl an Lesekundigen war markant gestiegen. Somit konnten mystische Zeugnisse sowie Berichte über kontemplative Praktiken die Klostermauern verlassen.
In Deutschland war es z. B. der Dichter-Mystiker Angelus Silesius (1624–1677), der Einsichten der großen deutschen Mystiker wie eben von Meister Eckhard sowie Johannes Tauler (um 1300–1361) und Heinrich Seuse (1295–1366) in kurzen und leicht eingängigen Versen unter das Volk brachte. In ihnen wird den Lesern die Suche nach Gott (und somit auch nach Frieden und Erfüllung) nicht im Äußeren, sondern im Innen der Seele nahegelegt. Ein Beispiel:
„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“31
31 Angelus Silesius, Der cherubinische Wandersmann, das erste Buch, Nr. 61, zit. in Gerhard Wehr, Angelus Silesius, S. 40.
Die nächste Phase (Ende 17. bis Mitte 18. Jahrhundert) lässt sich unter dem Begriff „Quietismus“ zusammenfassen (er steht nicht für eine Bewegung, sondern für eine Haltung, und wurde von dessen Gegnern im abschätzigen Sinn geprägt). Wie es der Name andeutet, wird der Stille eine zentrale Rolle zugewiesen. In der Stille ist die direkte Verbindung zu Gott möglich, wenn man sich nach ihm ausrichtet. Auch hier handelt es sich um eine meditative Praxis, die zuweilen zu mystischen Einsichten und mystischer Ekstase führte. Dies war sowohl den katholischen als auch den protestantischen Kirchenbehörden suspekt. Die katholische Kirche pochte auf ihre Vermittlerstellung zwischen Gott und den Gläubigen, die protestantischen Kirchenoberen pochten auf die Hoheit der Heiligen Schrift. Das gefährliche Gedankengut wurde nun nicht mehr bloß von ein paar Mönchen in der Abgeschiedenheit ihrer Zellen gehegt, es drohte sich unter dem Volk zu verbreiten. Somit schritten die Kirchenoberen, wie die Inquisitoren zuvor, zur Tat: Mystische Schriften wurden verboten und sogar verbrannt, Protagonisten wie der Spanier Miguel de Molinos (1628–1697) oder die Französin Jeanne-Marie Guyon (1648–1717) wurden inhaftiert (das Zeitalter der Hinrichtung von „Ketzern“ war am Abklingen). In England wurde die aus dem gleichen Geiste entstandene Bewegung der Quäker von den Behörden ebenfalls unterdrückt. Die Repression erwies sich überall als (vorübergehend) erfolgreich – meditative Praxis bzw. Mystik als Volksbewegung wurden im Keim erstickt.
Mit dem Anbruch der Aufklärung im 18. Jahrhundert kamen Meditation und Mystik von einer weiteren Seite unter Beschuss, nämlich vom Rationalismus. Es folgte somit eine längere Zeitspanne (grob gesagt vom 18. Jahrhundert bis Anfang der 1960er-Jahre), in der meditative Praktiken an Bedeutung verloren und – wenn sie überhaupt auf dem Radar erschienen – mit Obskurantismus, Schwärmerei und generell einer vorwissenschaftlichen Weltsicht in Verbindung gebracht wurden.
So gesehen ist es keine Überraschung, dass die Wiederentdeckung und Wiederbelebung von meditativen Übungswegen im Westen gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf Inspirationen und Erfahrungen aus dem Osten – vor allem aus Indien, Tibet und Japan – angewiesen waren. Pioniere aus der christlichen Welt waren mystisch begabte Mönche des Westens, die sich im Osten jahrzehntelang auf eine mit Meditation verbundene hinduistische oder buddhistische Spiritualität einließen, ohne dabei ihre christliche Grundüberzeugung aufzugeben. Zu ihnen zählen der französische Benediktiner Henri Le Saux/Abhishiktananda (1910–1973) und sein britischer Ordensbruder Bede Griffiths/Swami Dayananda (1906–1993), die beide (unabhängig voneinander) in Indien tätig waren, sowie der jahrzehntelang in Japan wirkende deutsche Jesuit Hugo Enomiya Lassalle (1898–1990). Sie und andere gaben den Anstoß zur Integration (oder Reintegration) von meditativen Praktiken innerhalb der christlichen Glaubenswelt. Dass dies nicht ohne Widerstände aus der Kirchenhierarchie und teils auch aus dem Kirchenvolk vor sich ging, versteht sich fast von selbst. Solche Widerstände halten bis heute an, werden aber auch dank der rasant zunehmenden Akzeptanz von Meditation in breiten, religiösen wie nicht-religiösen Bevölkerungskreisen zusehends schwächer.
Ein Schüler von Bede Griffiths, nämlich John Main (1926–1982), schuf die Basis für die „World Community for Christian Meditation“ (WCCM) mit Hauptsitz in London. Ihre Meditationsform ist weltweit die gleiche: aufrecht sitzen, die Augen schließen und innerlich ein Mantra wiederholen. Empfohlen wird das aramäische Wort MA-RA-NA-THA. Der Wohlklang und der Fluss der vier gleich langen und gleich stark betonten Silben macht es Praktizierenden leicht, dieses Wort mit dem Atemfluss zu verbinden. (Probieren Sie es aus!) Übersetzt heißt es „Komme, Herr“ oder „Der Herr kommt“, aber es geht nicht darum, während der Meditation über die Bedeutung nachzudenken. Das Mantra kann im Lauf der Meditation auch losgelassen und dann wieder herbeigeholt werden, wenn man merkt, dass die Aufmerksamkeit abdriftet. Mit dieser Form wird eine Verbindung hergestellt zwischen dem christlichen Herzensgebets und der indischen Mantra-Tradition, die im Westen unter anderem in der sogenannten „Transzendentalen Meditation“ gepflegt wird. Im Herzen und vielleicht auch auf Verstandesebene ist diese Meditationspraxis also christlich, aber in der Schlichtheit der Form und der Universalität des zugrundeliegenden Geistes trägt sie bereits stark transreligiöse Züge.
Die von Roger Schütz (1915–2005) gegründete interkonfessionelle Gemeinschaft von Taizé in Frankreich hat eine einfache, mit meditativen Elementen durchsetzte Form der Andacht entwickelt (viel Stille und repetitiver, „Chant“-ähnlicher Gesang), die inzwischen auf der ganzen Welt in Gottesdiensten und anderswo zum Einsatz kommt. Sie zieht neben bekennenden Christen ebenfalls nicht religiös gebundene Menschen an, besonders an den regelmäßig veranstalteten internationalen Jugendtreffen.
Mehrheitlich auf den Buddhismus zurückgehen die heute existierenden säkularen Formen der Meditation. Am verbreitetsten in Westeuropa und Amerika ist inzwischen das von Jon Kabat-Zinn (geb. 1944) entwickelte „Mindfulness Based Stress Reduction“-Programm (MBSR), dessen Grundlage die Meditation bildet und das seit Beginn des 21. Jahrhunderts auch erfolgreich in Spitälern, an Schulen sowie in der Geschäftswelt eingesetzt wird.
Die Tendenz im 21. Jahrhundert geht, wie gesagt, dahin, dass die verschiedenen Meditationsformen ihren religionsgebundenen Rahmen immer mehr ablegen. Oder dieser Rahmen wird so stark ausgeweitet, dass sich auch Teilnehmende ohne religiöse Bindung darin wohlfühlen können. Nicht mit abgelegt werden sollten dabei das ethische Grundgerüst sowie der Transzendenzbezug, die von den jeweiligen Religionen tradiert wurden bzw. werden. Während Rituale und Glaubenssätze wegfallen oder zumindest an Bedeutung verlieren, bilden sie – das ethische Grundgerüst und der Transzendenzbezug – sozusagen den diamantenen Kern eines Meditationsweges. Fällt auch dieser Kern weg, könnten moderne Meditationsübungen zu reinen Wohlfühloasen für die gestresste Seele schrumpfen, ähnlich wie manche Yogaübungen bloß noch als Kraft- und Fitnessübungen angeboten werden. Die Zukunft wird es weisen, aber ich wage zu behaupten, dass sich eine Meditationspraxis ohne spirituelles Fundament nicht nachhaltig – idealerweise bis ans Ende des Lebens – aufrechterhalten lässt.
Die Globalisierung bringt nicht nur Welthandel sowie weltweite Lieferketten und Dienstleistungen, eine weltweite Durchmischung der Völker und einen weltweiten Austausch an Wissen. Sie bringt auch eine weltweite Verbreitung und zum Teil Durchmischung von spiritueller Weisheit und spirituellen Praktiken (die teils einen säkularen Mantel erhalten). Zu diesen Praktiken zählt auch die Meditation.
Fassen wir zusammen: Historisch gesehen entwickelte sich Meditation in all ihren Varianten ausschließlich im religiösen Umfeld. Nicht nur das, sie entwickelte sich und gedieh praktisch ausschließlich in Klöstern oder in Abgeschiedenheit, wo der Alltag grundsätzlich in Stille eingebettet ist (siehe Kapitel 6.2). Einen großen Unterschied gibt es jedoch zwischen der christlichen und buddhistischen monastischen Tradition. Während in den buddhistischen Klöstern die Meditation einen zentralen Pfeiler bildete, waren die christlichen Meditationsformen stets Randerscheinungen, die zudem von den Kirchenoberen immer wieder hinterfragt oder gar bekämpft wurden.
Meditation in Stille und Abgeschiedenheit pflegten und pflegen nicht nur christliche und buddhistische Mönche, sondern auch Ashram-Gemeinschaften im Hinduismus sowie Wanderderwische der Sufis und Yogis in Indien, die immer wieder an abgelegenen Orten verweil(t)en. Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden sich in absehbarer Zeit wohl weder in ein Kloster noch in einen Ashram (es sei denn für eine Retraite) noch in eine Berghöhle im Himalaya zurückziehen. Schaffen Sie sich also etwas Eigenes. Machen Sie für 20 Minuten pro Tag einen Raum zu Ihrer Klosterzelle. Ziehen Sie sich dorthin zurück – allein, ohne Störung von außen, ohne Buch, Handy oder Laptop als Ablenkungsmöglichkeit. Oder machen Sie einen Ort in der Natur zu Ihrem Rückzugsort. Sie werden auf innere Widerstände stoßen. Aber wenn Sie dranbleiben, werden Sie Wunder erleben.
2.2.2 Arten der Meditationspraxis
Nach dem Überblick über die historische Entwicklung verschiedener Meditationstraditionen machen wir jetzt einen Schritt von der Geschichte zur Gegenwart und von der Theorie zur Praxis. Gerade in unseren Tagen werden Meditationspraktiken empfohlen sowie Treffen und Kurse angeboten, die Elemente aus verschiedenen der beschriebenen Traditionen kombinieren. In diesem Kapitel werden nun einzelne Methoden und Techniken – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – beleuchtet, die von allen interessierten Personen angewandt werden können, unabhängig von ihrem Hintergrund oder ihrer religiösen Einstellung.
Eine einheitliche und weitherum anerkannte Einteilung der Meditationstechniken gibt es nicht. Das mag daran liegen, dass in der Praxis die eine Art des Übens oft in eine andere überfließt, die Unterschiede also nicht in Stein gemeißelt sind.
Der Buddhismus kennt drei sich ergänzende Grundtypen der Meditation (neben anderen):
Samatha, die Konzentrationsmeditation, bei der wir die Aufmerksamkeit auf ein äußeres oder inneres Objekt richten (klassischerweise auf den Atem) und aus dem ruhelosen Umherschweifen immer wieder zu diesem zurückkehren. Das Ziel ist die Beruhigung des Geistes.
Vipassana, die Achtsamkeitsmeditation, bei der wir ohne bestimmtes Objekt nur beobachten, was in uns drinnen an Gedanken, Bildern, Emotionen, Wünschen, Anfechtungen und Körperempfindungen hochkommt – und wieder vergeht. Das Ziel ist Einsicht in die Natur unseres Geistes.
Metta, bei der wir das Wohlwollen uns selbst und anderen gegenüber dadurch stärken, dass wir in der Meditation die Person oder Personen „ins Herz nehmen“ und durch speziell gewählte Zusprüche unsere Gefühle ihnen gegenüber zum Positiven wenden. Das Ziel ist die Kräftigung und Ausdehnung von Mitgefühl und Herzensgüte.
Im Westen werden verschiedene Kategorisierungen verwendet. Zu den bekanntesten zählt die Einteilung in „gegenständliche“ und „nichtgegenständliche“ Meditation. Auf diese möchte ich im Folgenden zurückgreifen.
Gegenständliche Meditation
Verwendet wird in dieser Form der Meditation ein Fokuspunkt außerhalb unser selbst, auf den hin wir in Stille unsere Konzentration bündeln und so von der Zerstreutheit zur gezielten Aufmerksamkeit gelangen. Hierfür lässt sich Verschiedenes gebrauchen, vorausgesetzt, dass es bei uns eine positive Assoziation auslöst und dass um uns und den Gegenstand herum ein gutes Energiefeld entsteht. Vier Objektarten sollen hier erläutert werden, die sich als Hilfsmittel für die Meditation bewährt haben:
Bild. In der orthodoxen Kirche beispielsweise spielt das Betrachten von Ikonen eine wichtige Rolle. Man lässt das Bild auf sich wirken und allmählich wird es zu einem Mittler für die Verbindung mit dem, was undarstellbar und unaussprechlich heilig ist.
Text. In den christlichen Klöstern und teilweise auch außerhalb der Klostermauern hat das Meditieren von Textabschnitten aus der Heiligen Schrift eine lange Tradition. Die Ignatianischen Exerzitien, eine christliche Meditationsform, beruhen auf dieser Methode. Die Worte werden nicht analysiert, sondern „verkostet“. Neben Bibelworten können aber auch Weisheitssprüche oder kurze Gedichte auf diese Weise meditiert werden. Besonders geeignet sind solche, die sich dem Verstand nicht auf Anhieb erschließen. In der Stille könne ein plötzliches Verständnis sowie ein Bezug zum eigenen Leben aufleuchten.
Blume(n) oder Baum. Wird eine innere Verbindung zu einer Blume, einem Blumenstrauß oder einem Baum aufgebaut, öffnet sich bildlich gesprochen ein Kanal, durch den die Kraft, die Schönheit und der Frieden der Natur auf uns übergreifen können. Das meditative Betrachten eines mächtigen Baums kann gleichzeitig unser Gefühl für die Erhabenheit der Natur verstärken.
Kerze. Das äußere Licht wirkt hier wie ein Katalysator zum Wiedererkennen des inneren Lichts. Die Bewegung der Flamme fügt ein Stück Lebendigkeit hinzu. So gesehen kann das stille Betrachten eines lodernden Feuers diese Wirkung noch erhöhen und wie beim Baum eine wohltuende Demut hervorrufen.
Betrachte ich jedoch den konkreten Verlauf einer gegenständlichen Meditation, lässt sich die Unterscheidung nicht immer aufrechterhalten. Wenn ich beispielsweise mit dem Blick auf eine Kerze meditiere (gegenständlich), kann es leicht passieren, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt das „Schauen“ als hinderlich empfinde, die Augen schließe und ohne äußeres Objekt weitermeditiere (nichtgegenständlich). Ich werde dann höchstwahrscheinlich die Kerze, auf die ich zuvor fokussiert war, eine Weile lang vor dem inneren Auge sehen, bis sie schwindet. Dasselbe geschieht, wenn ich einen kurzen Text meditiere: Sätze oder auch nur einzelne Worte werden innerlich präsent bleiben, auch wenn ich den Text nicht mehr vor Augen habe. Sie schwingen zunächst noch in mir, bis auch sie wegschmelzen und ich ganz „leer“ und empfänglich werde. So gesehen ist ein derartiger Übergang meditationstechnisch sogar sinnvoll. Aber selbst wenn ich danach ohne Zielobjekt mit wachem und offenem Geist sitze, wie im folgenden Abschnitt beschrieben, werden irgendwann doch wieder Gedanken, Bilder und Emotionen als „Gegenstände“ auf dem Radar der Aufmerksamkeit erscheinen, die ich in bekannter Manier wahrnehme und wieder loslasse.
Ein Meditieren mit Fokus auf einen äußeren Gegenstand kann also in ein ungegenständliches Meditieren münden. Die Grenzen sind fließend. Dennoch brauchen wir Unterscheidungen, um uns unter den verschiedenen Meditationsarten zurechtzufinden. So soll die Kategorie „nichtgegenständlich“ im Folgenden ausdifferenziert werden, wobei die Trennlinien nicht zwischen einzelnen Meditationswegen (z. B. Zen, Vipassana oder Kontemplation), sondern zwischen den methodischen Unterschieden beim Meditieren gezogen werden.
Nichtgegenständliche Meditation
Vereinfacht gesagt zählen hierzu alle Meditationsarten, die ohne Hilfe eines Objekts außerhalb unserer selbst im Sitzen oder Liegen durchgeführt werden. Es werden dabei meistens innere Fokuspunkte verwendet, auf die hin wir die Konzentration richten. Am häufigsten ist dies der Atem. Der Atem ist jedoch im Grenzbereich zwischen gegenständlich und nichtgegenständlich sowie zwischen innen und außen angesiedelt. Dies zeigt wiederum, dass die Grenzziehung bestenfalls eine behelfsmäßige ist. Mit diesem Vorbehalt im Hinterkopf wollen wir nun aber die wichtigsten nichtgegenständlichen Meditationsmethoden im Einzelnen betrachten.
Meditation des reinen Gewahrseins bzw. Offenseins
Hierbei kommen wir dem Ideal einer wirklich nichtgegenständlichen Meditation am nächsten. Es gibt kein vorbestimmtes äußeres oder inneres Ziel, auf das ich die Aufmerksamkeit beim Meditieren richte. Ich bin Beobachter in einem als möglichst weit empfundenen inneren Raum und nehme wahr, was für Gedanken, Bilder, Emotionen oder Körperempfindungen sich nach und nach bemerkbar machen und dann wieder vergehen. Ich erkenne und akzeptiere sie mit Wohlwollen so, wie sie gerade sind, und gebe ihnen vielleicht sogar einen Namen. Sie sollen aber nicht die Zügel meiner Aufmerksamkeit übernehmen und sie in diese oder jene Richtung lenken, was etwa von einem einzelnen Gedanken zu einer Gedankenkette führen würde. Geschieht dies dennoch – und es wird unweigerlich geschehen –, nehme ich es als solches wahr und hole – sanft und ohne Selbstvorwurf, denn dies ist ein Teil der Übung – die Aufmerksamkeit zurück.
In den aus den monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) stammenden Meditationspraktiken hat diese Methode eine etwas andere Ausrichtung oder Intention. Statt erwartungsfrei zu sitzen und wahrzunehmen, was da kommen mag, richte ich mich auf Gott aus. Da aber Gott nicht vorstellbar ist, ist die innere „Leinwand“, auf die ich achte, zu Beginn ebenso „leer“ wie bei der Methode des reinen Gewahrseins. Die Tatsache jedoch, dass ich mich bewusst für das Heilige öffne und mich daraufhin ausrichte – auch wenn es unsagbar und unschaubar ist – und somit empfänglich werde, beeinflusst die Wahrnehmungen beim darauffolgenden Meditieren. Was für Wahrnehmungen das dann sind, ist aber von Person zu Person und von Sitzung zu Sitzung verschieden.
Meditation mit Atem als Anker
Meditieren ganz ohne Bezugspunkt für die Aufmerksamkeit ist schwierig und besonders für wenig Geübte kaum aufrechtzuerhalten. Die Gedanken schießen in alle möglichen Richtungen davon oder man gerät in einen Art Dösezustand. Wir brauchen für den Geist einen Anker. Mir ist keine Meditationsart bekannt, die diesbezüglich nicht (auch) auf den Atem zurückgreift. Warum ausgerechnet auf den Atem? Weil der Atemfluss besser als alles andere unsere Existenz als Ganzes veranschaulicht: Er ist immer gegenwärtig und gleichzeitig immer in Bewegung (Verbindung von Sein und Werden). Er macht den Zyklus des Aufnehmens (Aneignung) und des Abgebens (Loslassen) vor. Der Atem verbindet die Außen- und die Innenwelt. Er ist sinnlich wahrnehmbar und doch nicht greifbar. Er fließt ohne unser Zutun und Wollen, lässt sich aber auch bewusst steuern (Verbindung von Unbewusstem und Bewusstem). Wo Menschen den Atem über das rein Physiologische hinaus thematisieren, wird er vielfach als ein Bindeglied zwischen Körper einerseits und Seele bzw. Geist andererseits bezeichnet. Es ist somit kein Zufall, dass in vielen Sprachen die Begriffe für Atem und Geist und/oder Seele aus der gleichen Wurzel hervorgehen.32
32 Spiritus (Geist) im Lateinischen kommt von spirare, später respirare (atmen), woraus sich im Französischen esprit (Geist) sowie respirer (atmen) gebildet haben. In weiteren romanischen Sprachen sieht es ähnlich aus. Das lateinische anima, das französische âme (Seele) sowie animus (Geist) gehen auf das griechische ανεμος (anemos, Wind) zurück. Auf Altgriechisch heißt πνεω (pneo) „ich atme“ und πνευμα (pneuma) ist der „Geist“. Im Russischen haben sich дух (duch, Geist) und душа (duscha, Seele) aus der gleichen Wurzel wie дышать (dyschat‘, atmen) gebildet. Das deutsche Wort Atem ist mit dem Sanskritwort Atman (Hauch, Seele) urverwandt. Und schließlich kennen verschiedene Sprachen Wendungen wie „er hat seinen Geist ausgehaucht“.
Beim Meditieren auf dieser methodischen Basis verfolgt man einfach mit wacher Aufmerksamkeit den Atemfluss, möglichst ohne ihn dabei zu beeinflussen. Und jedes Mal, wenn die Aufmerksamkeit abschweift, holt man sie sanft zum Atem zurück.
Meditation mit Atem und Stützwort als Anker
Oft genügt der Atem allein nicht als Anker. Dann hilft es, als weiteren Sammelpunkt für die Aufmerksamkeit ein positiv assoziiertes Wort oder eine kurze Wortfolge in den Atemfluss zu legen. Ohne dabei ins analytische Denken über die Bedeutung des Wortes oder Satzes zu verfallen. Beispiele wären „Licht“, „Liebe“, „Ja“ oder „Danke“. Falls jegliche Assoziation unerwünscht ist, bieten sich ein neutrales „Ein“ bei Einatmen und „Aus“ beim Ausatmen an. Bei einem einzigen Wort empfiehlt sich die Verknüpfung mit dem Ausatmen. Mal ist der Fokus stärker beim Atem, mal leuchtet das Wort stärker im Bewusstsein auf. Mal sind beide aus dem Blickfeld verschwunden und ich bin dennoch wach und präsent – dann bin ich leer und offen für intuitive Einsichten und Momente der Seligkeit und erfahre (meist kurz) einen höheren – klareren – Bewusstseinszustand als im Alltagsgeschehen. Verflüchtigt sich die Aufmerksamkeit, hole ich sie ohne Selbstvorwürfe zurück. Wenn es darum geht, beim Meditieren wach und zentriert zu bleiben, bilden Atem und Stützwort zusammen eine stärkere Hilfe als eines dieser Elemente allein. Bezüglich der Auswahl eines Stützwortes oder Stützworte ist Folgendes zu beachten: Ein heiliger Name, ein Wort oder eine Wortfolge lösen zunächst einmal Assoziationen aus. Diese sollten uns aus der Zerstreutheit herausholen, beruhigend wirken und gleichzeitig wachrütteln; sie sollen Verbindung erzeugen und wenn möglich auch Freude oder Dankbarkeit hervorrufen. Machen Sie diesbezüglich einen kleinen Selbsttest und wiederholen Sie in Stille eine halbe Minute lang bei jedem Ausatmen das Wort „ja“. Danach führen Sie die gleiche Übung mit dem Wort „nein“ durch. Und beobachten Sie die jeweilige Wirkung auf ihre Stimmung – in der Regel öffnen wir uns bei einem wiederholten „ja“ und verschließen uns beim „nein“. Auch der Klang eines Wortes ist zu berücksichtigen, selbst wenn das Wort nur still im Innern wiederholt wird. Vergleichen Sie dazu die Wirkung eines langgezogenen „Aaaaaa“ (tendenziell angenehm und beruhigend) mit einem langgezogenen „Iiiiii“ (schrill und tendenziell unangenehm). Überhaupt ist es wichtig, Verschiedenes auszuprobieren, bevor eine Wahl getroffen wird. Wenn wir uns jedoch einen kleinen Vorrat an wohltuenden eigenen Worten und/oder Sätzen zurechtgelegt haben – „heiligen“ oder anderen –, sollten wir uns damit begnügen. Durch wiederholten Gebrauch werden sie uns mit der Zeit „ans Herz wachsen“. Falls die positive Wirkung von einem davon abklingt, legen wir es beiseite und verwenden ein anderes.
Im vorhergehenden Kapitel wurde das Wort „Maranatha“ der World Community for Christian Meditation erwähnt. Es eignet sich aus verschiedenen Gründen gut: Die Bedeutung (aramäisch „Der Herr kommt“ oder „Komme, Herr“) ist nicht offensichtlich und löst so in uns keine Gedankengänge aus. Es ist rhythmisch angenehm und klangtechnisch harmonisch – vier „A“, vier gleichmäßig betonte Silben.
Eine besondere Stützwort-Variante lernte ich bei der Zen-Meditation kennen. Wir wurden angehalten, bei jedem Ausatmen still eine Zahl hinzuzulegen und zwar fortlaufend von eins bis zehn. Und dann nahtlos wieder von vorne bei eins zu beginnen. Einatmen – ausatmen – eins. Einatmen – ausatmen – zwei. Die Übung zeigt mir auch jetzt noch rasch, dass viel Verbesserungspotenzial in Sachen langanhaltender Aufmerksamkeit vorhanden ist. Ich erwische mich beispielsweise dabei, dass ich dreimal hintereinander „vier“ gezählt habe. Oder dass ich schon wieder einige Atemzüge ohne Begleitzahl hinter mich gebracht habe. Oder dass ich bereits bei dreizehn angelangt bin, obwohl ich nach zehn wieder bei eins hätte beginnen sollen. Machen Sie diese Übung nicht, wenn Sie nicht fähig sind, über sich selbst zu schmunzeln.
Mantrameditation
Wird einem Stützwort oder Stützsatz mehr Gewicht zugewiesen und wird es bzw. er – dank der regelmäßigen Wiederholung – als Kraftwort oder Kraftspruch betrachtet, können wir von einer Mantrameditation sprechen. Wichtig festzuhalten ist auch, dass es sich bei einem Mantra üblicherweise nicht um einen Aussagesatz handelt, denn ein solcher könnte allzu leicht den analytischen Verstand aktivieren und uns so aus einem meditativen in einen denkenden Zustand versetzten. Mantras sind eher Anrufe oder Rufe der Hingabe. Der zentrale Fokuspunkt liegt auf der rhythmischen Wiederholung der gedachten, gesprochenen oder gesungenen Wortfolge. Es stehen hierfür überlieferte Mantras oder Gebetsworte zur Verfügung; wir können uns aber auch etwas Eigenes zurechtlegen. Einsetzen lässt sich ein Mantra sowohl in der formellen Meditation als auch in einer informellen Minimeditation zwischendurch. Wie bei anderen Meditationsformen gibt es auch während einer Mantrameditation eine Progression. Sie verläuft idealerweise von lautem Rezitieren (meist in Gruppen) oder geistigem Rezitieren (allein) über das Lauschen auf die nachklingende, sich langsam verziehende Klangfolge hin zur stillen, empfangsbereiten Leere.
Betrachten wir noch einige überlieferte Mantras. Dem Hinduismus entstammt das weltbekannte Om. Traditionellerweise wird es laut ausgesprochen und zwar als Aum, wobei das „M“ am Ende in die Länge gezogen wird. Das ausklingende „M“ mündet in die Stille. Die so erzeugte Vibration soll helfen, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. „Om“ steht für das Göttliche oder das Sein und gilt als kosmischer Urlaut. Es bildet außerdem bei mehreren klassischen Mantras den Anfang, beispielsweise bei Om mani padme hum aus dem Buddhismus. Die vier Wörter ergeben keinen eindeutigen Sinn – sie sollen vielmehr etwas andeuten und in uns zum Klingen bringen. „Om“ öffnet uns für die Transzendenz. „Mani“ bedeutet „Juwel“ – gemeint ist jenes der klaren Sicht und des Mitgefühls. „Padme“ ist der Genetiv von Padma, der Lotus, „mani padme“ heißt also „das Juwel des Lotus“. Der Lotus symbolisiert Reinheit und Schönheit; er lebt unerkannt und unkontaminiert auch in den schlammigsten Gewässern und soll – in uns – zusammen mit dem Juwel, das er in sich birgt, ans Licht der Oberfläche wachsen. Und „Hum“ ist ein Laut der Bestärkung.
Das klassische christliche Herzensgebet lautet „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“. Wie die psychische Robustheit durch langjährige Praxis mit einem solchen Herzensgebet gestärkt werden kann, zeigt sich – als Extrembeispiel – in einer Episode aus der Lebensgeschichte des Jesuitenpaters Franz Jalics (geb. 1927). Zusammen mit einem befreundeten Priester arbeitete er 1976 während der argentinischen Militärdiktatur in einem Armenviertel von Buenos Aires, als die beiden unter dem Verdacht der Zusammenarbeit mit „Linken“ verhaftet wurden. Sie blieben insgesamt fünf Monate zumeist gefesselt und mit verbundenen Augen in Gefangenschaft. Mehrfach wurde ihnen ihre bevorstehende Hinrichtung angekündigt. Jalics berichtete später, dass er diese Zeit, in der sich Wut, Angst, Depression, Trauer und Hoffnung abwechselten, vor allem dank der Wiederholung des zu „Jesus Christus“ gekürzten Herzensgebets unbeschadet überstand. Die Fähigkeit, auch unter den schwierigsten und leidvollsten Umständen darauf zurückzugreifen, verdankte er der jahrelangen Übung.
Bei einem weitverbreiteten Mantra – wie bei einem weitverbreiteten Gebet – kann auch das Bewusstsein, dass Hunderte oder gar Tausende von Menschen auf der ganzen Welt gleichzeitig mit mir daran sind, es – laut oder still – auszusprechen, den Worten für mich zusätzliche Kraft verleihen.
Visualisierung
Ich erwecke ein Bild mit Sonnenlicht in mir, mit der ich Wärme, Helligkeit, Freude und lebensspendende Energie verbinde. Es ist neben dem Atem mein zweiter Anker für die Aufmerksamkeit. Zu diesem Bild kehre ich im Lauf einer Meditationsübung immer wieder zurück. Es lässt sich auch verfeinern, indem ich mir etwa vorstelle, die Sonnenstrahlen scheinen direkt in mein Herz und wärmen es, oder auf eine schmerzende Körperstelle und bringen Linderung. Ich lasse die Bilder wirken und beobachte, wie sich mein körperliches und emotionales Empfinden während dieser Zeit wandelt. Ich beobachte nur – nichts soll erzwungen werden.
Wie bei den Stütz- oder Mantraworten sind wir bei der Wahl des inneren Bildes natürlich frei. Anhand seiner Wirkung stellen wir rasch fest, ob uns eine bestimmte Vorstellung guttut und sich für mehr als nur eine Sitzung eignet.
Besonders sinnvoll ist die Visualisierungsmethode, wenn es um Beziehungen zu anderen Menschen geht. Möchte ich mich zum Beispiel von Ressentiments oder gar Hass einer bestimmten Person gegenüber befreien, indem ich Verzeihen und/oder Loslassen übe, hilft eine Visualisierung. Wenn möglich nehme ich diese Person in meiner Vorstellung in die Herzgegend. In den meisten Fällen muss eine solche Meditation mehrmals durchgeführt werden, um Wirkung zu zeigen. Je stärker die Abneigung und je tiefer die Wunden, desto schwieriger gestaltet sich diese Übung. Desto reichhaltiger und befreiender sind aber auch ihre Früchte, wenn ich durchhalte.
Abschließen möchte ich die Auswahl nun mit einem kurzen Hinweis auf weitere nichtgegenständliche Meditationsmethoden, die heute wieder vermehrt Anwendung finden:
Meditation mit Fokus auf Mitgefühl (Metta-Meditation)
Hier geht es um meditatives Einüben von Mitgefühl und Wohlwollen sich selbst und anderen gegenüber. Vor allem in der buddhistischen Tradition hat diese Methode einen festen Platz; aus ihr stammt auch der Name. Die oben beschriebene Visualisierungsübung würde übrigens auch in diese Kategorie passen. Mehr dazu in Kapitel 2.3.2.
Meditation mit Fokus auf den Energiefluss (Chakra-Meditation)
Sie dient der Wahrnehmung und der Aktivierung der einzelnen Chakras, der feinstofflichen Energiezentren des Körpers. Ziel ist das Lösen von Blockaden und somit ein befreiter Energiefluss durch den ganzen Körper.
Meditation mit Atemübungen (Pranayama)
Die am weitesten verbreitete und am häufigsten angewandte Meditationsart ist jene mit dem Fokus auf den Atem als Anker, der mich immer wieder aus der Zerstreuung oder dem Abdriften in einen Dösezustand in einen wachen und gesammelten Zustand zurückholt. Dabei soll der Atemfluss jedoch nicht beeinflusst oder gesteuert werden. Anders beim Pranayama33 aus der Welt des Yoga. Hier wird durch verschiedene, zumeist einfache Techniken der Atem reguliert, was unmittelbare Auswirkungen auf das Körperempfinden und damit indirekt auch auf meine Stimmungslage hat. Vielleicht waren Sie schon einmal inmitten einer heftigen Auseinandersetzung geistesgegenwärtig genug, um anzuhalten und ganz bewusst ein paar tiefe und langgezogene Atemzüge zu machen. Der zuvor rasende Puls beruhigt sich. Die Auseinandersetzung nimmt daraufhin einen anderen Verlauf. Dies könnte man als eine kurze, einfache, aber sehr effektive Pranayama-Übung bezeichnen.
33 „Prana“ bedeutet Energie, „Ayama“ Kontrolle.
Neben der Differenzierung zwischen gegenständlicher und nichtgegenständlicher Meditation lassen sich die Meditationsformen auch in zwei weitere grundsätzliche Kategorien einteilen:
Meditation ohne Bewegung (auch „passive Meditation“ genannt)
Hierzu zählen alle Arten der Sitzmeditation sowie des Meditierens im Liegen. Das Liegen weist einen großen Vorteil und einen großen Nachteil auf: Man kommt dabei rasch zur Ruhe, aber die Gefahr des Eindösens ist wesentlich höher als beim Sitzen. Meditieren im Stehen kann für einen kurzen meditativen Halt geeignet sein, empfiehlt sich aber weniger für eine längere Meditation.
Meditation mit Bewegung (auch „aktive Meditation“ genannt)
In diese Kategorie fallen Geh- und Tanzmeditation, meditativ ausgeführte Yogaübungen sowie Qi Gong und Tai Ji. Bei den meisten Spielarten geht es darum, die Bewegungen möglichst wach und mit Bedacht auszuführen, was eine gewisse Langsamkeit erfordert. Das Körperbewusstsein wird gestärkt. Man lernt seinen Körper allmählich besser kennen und freundet sich mit ihm an, was beiden – Körper und Geist – guttut. Kreuzgänge in den Klöstern wurden unter anderem zum Zweck des kontemplativen Gehens angelegt. Via Aufmerksamkeit auf die Gehbewegungen soll der Fokus der Mönche weg vom kleinen Ich und hin zu Gott gelenkt werden. Sich loszueisen vom kleinen Ich, ist auch das Ziel der wirbelnden Kreistänze beispielsweise der Sufi-Derwische sowie verschiedener schamanischer Tänze. Hierbei soll es jedoch nicht durch Ruhe und Entschleunigung, sondern durch vollständige Hingabe in die Bewegung, bis ein Trancezustand erreicht wird, zu einer Bewusstseinserweiterung kommen.
Als besonders wirksam erweisen sich Meditationseinheiten mit einer Kombination von Elementen mit und solchen ohne Bewegung. Eine Einheit kann beispielsweise mit Übungen in Bewegung beginnen, gefolgt von Meditieren im Sitzen oder Liegen, wie Sie es vielleicht aus dem Yoga kennen. Die Abfolge kann aber auch Sitzen – Gehen – Sitzen lauten, wie es in Zen-Sesshins üblich ist.
Bei der nächsten Einteilung stehen nicht Methoden oder Techniken im Fokus, aber dennoch ist sie höchst praxisrelevant. Gemeint ist die Unterscheidung zwischen Einzelmeditation und Gruppenmeditation. Fühle ich mich wohler, wenn ich allein im stillen Kämmerlein meditiere oder wenn ich zusammen mit anderen, zumeist unter Anleitung eines Meditationsleiters, übe? Und welche dieser Varianten werde ich eher über einen längeren Zeitraum hinweg in Gang halten können? Auch hier gilt das Motto „Probieren geht über Studieren“. Aus eigener Erfahrung möchte ich jedoch festhalten: Einzel- und Gruppenmeditation ergänzen sich wunderbar! Es ist also selten eine Frage von Entweder-oder, sondern eher eine Frage nach der für mich passenden Gewichtung.
Meditationssitzungen lassen sich unterteilen in solche ohne Anleitung (z. B. Zen, christliche Meditationsformen) und solche mit Anleitung (z. B. „Mindfulness Based Stress Reduction“-Methode) während der Sitzung. Immer beliebter werden zudem Apps, die Meditationsanleitungen bieten, sodass ich heutzutage auch in Einzelsitzungen die Wahl habe, mich ganz der Stille hinzugeben oder mich der Führung durch eine unaufdringliche und meine Aufmerksamkeit immer wieder zurückholende Stimme anzuvertrauen. Für Meditationsleiter stellt sich stets die Frage des Maßes, wobei Anfänger in der Regel mehr Anleitung benötigen als Erfahrene. Ein Grundsatz sollte meines Erachtens aber immer gelten: Der Stille muss genug Raum gelassen werden.
Ein Unterscheidungskriterium bleibt noch. Und dieses ist das Allerwichtigste. Nicht um Meditationstechniken geht es dabei, noch um praktische Alternativen wie Einzel- oder Gruppenmeditation. Es geht um den Grad der Hingabe. Denn dieser entscheidet über die Auswirkungen, die eine Meditationspraxis auf unser Alltagsleben haben wird. Meditation ist zu einer Modeerscheinung geworden – innert weniger Jahre ist das Interesse daran exponentiell angestiegen. Als Folge sind viele Menschen bereit, aus einer Mischung von Neugierde und einer leisen Ahnung, dass es ihnen guttun könnte, das Meditieren einmal auszuprobieren. Stellen wir uns in diesem Zusammenhang einen Meditationsweg als einen breiten Fluss vor, der irgendwo in weiter Ferne ins Meer mündet. Es ist der Fluss der Entfaltung. Ans Ufer begeben sich heute viele. Sie ziehen vielleicht Schuhe und Socken aus und machen einige vorsichtige Schritte ins Wasser. Dann aber begeben sie sich wieder auf vermeintlich sicheres Festland. Andere wagen es, im fließenden Wasser zu schwimmen, vielleicht auch mehrmals, es zieht sie aber doch rasch wieder zum Ufer des vertrauten äusseren und inneren Lebens zurück, auch wenn dieses nie ganz befriedigt. Nur wenige folgen der Sehnsucht ganz, bewegen sich entschlossen auf die Flussmitte zu und vertrauen sich dort der Strömung an. Genau dies verlangt aber ein Meditationsweg. Ohne eine solche Hingabe wird Meditation kaum zu einem – eigentlich von allen Interessenten ersehnten – nachhaltigen Wandel im Bewusstsein sowie im täglichen Tun und Lassen führen.
Meditation ist eine ernste Angelegenheit. Wird sie aber nur mit Ernst betrieben, bleibt ihre Wirkung beschränkt. Um ihre Lebendigkeit aufrechtzuerhalten, sind zwischenzeitlich auch umprogrammierte und fantasievolle Zugänge erforderlich. Ich sitze am Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer. Links von mir ist ein Fenster. Ich brauche den Kopf bloß nach links zu drehen und vor mir tut sich ein Bild auf: drei Gärten, ein Haus, eine Garage und ein Stück Wald. Gerade jetzt sind Schneeflocken hinzugekommen. Sie tanzen im Wind. Ich beschließe spontan, für die kommenden Minuten das Schreiben zu unterbrechen und mich ganz dem Schneetreiben zu widmen. Beim Betrachten kommt mir in den Sinn, dass jede der Tausenden von Schneeflocken, die sich in diesem Zeitraum vor meinem Fenster versammeln, um wie für mich ihren Tanz aufzuführen und dann weiterzuziehen, einzigartig ist. Es steigt ein Gefühl des Wunders und der Dankbarkeit in mir auf und dieses Gefühl nehme ich wahr, bis es wieder vergeht. Ich sitze weiterhin aufrecht und in Ruhe. Die Aufmerksamkeit bewegt sich hin und her zwischen dem Schneetreiben, das sich vor meinen Augen abspielt, und dem, was sich in meinem Innen bewegt. Es meldet sich dort auch ein aus Rastlosigkeit geborener Drang, die Betrachtung zu beenden; ich beobachte ihn, ohne zu reagieren, und der Drang vergeht. Zwischendurch ruht der Fokus auf dem Atem. Bereichert schließe ich die Übung ab und bringe sie zu Papier. Auch das war Meditation.
2.2.3 Meditationsablauf (exemplarisch)
Werden wir nun noch konkreter und betrachten wir einen typischen Ablauf einer Meditationssitzung. Zuvor werden die Vorgeschichte sowie die gleichbleibenden Elemente der Meditationspraxis, in der diese Sitzung eingebettet ist, vorgestellt.34
34 Was folgt, ist zwar fiktiv, stellt jedoch ein Destillat aus unzähligen mündlichen und schriftlichen Erfahrungsberichten sowie eigenen Erfahrungen dar und darf daher zu Recht als typisch bezeichnet werden. Andererseits möchte ich betonen, dass keine zwei Meditationssitzungen gleich ablaufen und dass sich insbesondere beim inneren Geschehen eine große Bandbreite auftut – von hoher Intensität mit Phänomenen wie Tränenausbrüchen, starken körperlichen Reaktionen oder ekstatischen Erlebnissen und tiefen Einsichten bis hin zu einem dumpfen Dasitzen mit Begleiterscheinungen wie Traurigkeit, Lustlosigkeit oder großer Anfälligkeit für Ablenkung.
Einmal pro Tag führe ich allein zu Hause eine einfache Sitzmeditation (ohne Anleitung) durch – diese bildet das Fundament meines Übungsweges. Wie kam ich dazu? Nach der Lektüre einschlägiger Literatur und der zweimaligen Teilnahme an einer Gruppenmeditation gelangte ich zum Schluss, dass eine solche Übungspraxis meinem körperlichen, seelischen und geistigen Wohlbefinden langfristig förderlich wäre. Ich nahm mir also vor, täglich zu meditieren. Es folgten jedoch rasch ein paar Tage, an denen ich es nicht schaffte, die Meditation im gedrängten Tagesprogramm unterzubringen. So wurde mir klar, dass es nicht nur einen stillen Raum braucht, in dem ich ungestört meditieren kann, sondern auch eine fixe Tageszeit. Nach ein paar fehlgeschlagenen Versuchen am Abend vor dem Einschlafen (ich war schlicht zu müde) beschloss ich, künftig 25 Minuten früher als sonst aus dem Bett zu steigen und diese Zeit für die Meditation zu reservieren. Nach weiteren mehr oder weniger geglückten Anläufen stellte ich fest, dass ich diese Praxis nicht ohne eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten würde durchhalten können. So bin ich Teilnehmer einer wöchentlichen Gruppenmeditation geworden in einem Kreis von Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund. Eine gewachsene Verbundenheit und die Vertrautheit untereinander stellen für mich inzwischen eine wichtige Stütze dar. Ferner suche ich mir passende geistige Nahrung in der Form von Lektüre.
Als Dauer für die eigene Meditation wählte ich eine Länge von 20 Minuten. Die passendste Lösung in Sachen Sitzposition war für mich ein Meditationsbänklein auf einer Meditationsmatte. Ein solches Bänklein ist nämlich leicht nach vorne geneigt, was es einem verunmöglicht, anders als mit geradem Rücken darauf zu sitzen. In den Wochen nach einer Fußverletzung, als das Bänklein nicht mehr infrage kam, habe ich auf einem Stuhl sitzend – ohne mich anzulehnen und mit beiden Füßen gut auf dem Boden verankert – meine Meditation ohne Qualitätsabstriche weiter praktizieren können.
Einstimmung. Ich begebe mich einige Minuten vor dem eigentlichen Beginn an den Ort der Meditation. Zur Einstimmung öffne ich mich der Stille und mache ein paar bewusste Atemzüge. Alternativen sind ein kurzer Text, mit dem ich den Geist sammle, oder ein kurzes Gebet. Wenn ich untertags oder abends die Meditation durchführe, ist eine solche Einstimmung noch wichtiger. Ansonsten kann sich – bei einem abrupten Wechsel von der Rastlosigkeit des Alltags zum Sitzen in der Stille – während des Meditierens die Unruhe noch lange bemerkbar machen.
Beginn. In Meditationsrunden wird der Beginn traditionellerweise mit einer Klangschale eingeläutet, deren Vibrationen auf den Körper übergreifen und zumeist als wohltuend empfunden werden. Für mich alleine stelle ich einen Wecker auf 20 Minuten.
Körperhaltung. Ich sitze aufrecht mit geradem Rücken, sodass der Atem frei fließen kann. Mit den zwei Knien auf dem Boden und dem Gesäß auf dem Bänklein bin ich gut geerdet (beim Meditieren auf dem Stuhl sind zwei Füße auf dem Boden und das Gesäß auf der Sitzfläche). Hinsichtlich der Körperspannung ist es wichtig, einen guten Mittelwert zwischen zu schlaff und zu steif herbeizuführen und aufrechtzuerhalten. Verspannungen im Körper nehme ich als solche wahr und versuche, die Muskeln an den entsprechenden Stellen bewusst zu lockern.
Augenhaltung. Die Augen halte ich geschlossen oder einen Lichtspalt weit offen. Geschlossene Augen verhindern optische Ablenkung. Allerdings schweifen die Gedanken in dieser Haltung rascher ab und es stellt sich auch leichter ein gewisser Dösezustand ein. Sobald ich bei geschlossenen Augen merke, dass Gedanken und Emotionen überhandzunehmen drohen oder dass ich im Gegenteil schläfriger werde, öffne ich die Augen einen kleinen Spalt weit. Dies lässt mich wacher werden und beruhigt in der Regel das Gedankengewirr. Danach schließe ich die Augen erneut, wobei die Lider locker und entspannt auf der Gesichtsoberfläche ruhen.
Händehaltung. Ich lasse die Arme locker herabhängen, lege die Finger der linken Hand auf die Finger der rechten Hand und lasse beide Hände mit dem Handrücken nach unten im Schoß bzw. auf den Oberschenkeln ruhen. Die zwei Daumen berühren sich, sodass sich ein Kreis oder Oval bildet.
Fokus. Als „Default-Modus“ richte ich die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Atemfluss. Ich beobachte, wie der Atem ohne mein Zutun ein- und ausfließt. Ich verfolge ihn, wie er durch die Nasenlöcher hereinströmt, die Nasenhöhle, den Rachen und den Brustraum durchquert und sich im Bauchraum ansammelt, bevor er auf demselben Weg zurückfließt und den Körper verlässt. Der Atemfluss ist der Hauptanker meines Fokus, zu dem ich stets wieder zurückkehre, sobald ich merke, dass ich mit der Aufmerksamkeit abgedriftet bin. Beim Ausatmen lege ich als zusätzliche Konzentrationshilfe mein bewährtes Stützwort „Ja“ in den Atemfluss. Zwischendurch achte ich immer wieder auf die Körperhaltung, um sie wenn nötig zu korrigieren.Während der Meditation dringt von außen wenig bis gar nichts in mein Bewusstsein. Im Körper, im Kopf und im Gemüt hingegen regt sich praktisch dauernd etwas. All dies nehme ich wahr. Diese möglichst wache Wahrnehmung erstreckt sich auf die Gedanken, inneren Bilder, Emotionen und Körperempfindungen, die laufend auf dem Radar meines Bewusstseins auftauchen. Ich versuche, das, was hochkommt, mit Wohlwollen und ohne zu urteilen zu betrachten und es weder beiseitezuschieben noch mich darin zu verfangen. Dies gelingt, wenn ich mich zumindest für eine kurze Zeit sozusagen von der Bühne meines permanenten inneren Dramas entferne und als Beobachter im Zuschauerraum Platz nehme. Dank diesem Abstand kann ich ein klareres Bild dessen gewinnen, was mich beschäftigt, und überhaupt besser erkennen, wie ich innerlich funktioniere. Das Beobachten zeigt mir außerdem, dass Gedanken und Emotionen nicht von Dauer und eigentlich harmlos sind, wenn ich nicht „aufspringe“. Aufspringen heißt in diesem Fall, die Distanz zwischen mir als Beobachter und meinen Gedanken aufzugeben. „Kollabiert“ so die Distanz, können sich die Gedanken im Bewusstsein einnisten und – mit der Energie der sie begleitenden Emotionen aufgeladen – weitere Gedanken und Emotionen generieren. So entstehen in kürzester Zeit ineinander verwobene Gedanken- und Emotionsketten, aus denen – außerhalb der Meditation – Worte und Taten hervorgehen. Ertappe ich mich bei einem solchen Vorgang, führe ich den Fokus möglichst ohne Selbstvorwürfe zum Atem zurück. Hierin besteht ein Großteil der Übung.Übe ich dies in der Stille und Langsamkeit der Meditation, so wird es mir auch im weniger stillen und weniger langsamen Alltag allmählich gelingen, eine gewisse Distanz zwischen dem Gewirr an Geschehnissen, Worten, Gedanken und Emotionen einerseits und mir als Beobachter andererseits zu wahren. Vieles wird sich so entwirren.So weit die Beschreibung der Standardelemente. Es folgt nun die logbuchartige Schilderung einer beispielhaften, 20-minütigen Meditation im Rahmen dieser Übungspraxis.Verlauf. Einatmen – ausatmen, „ja“. Einatmen – ausatmen, „ja“. Kurze Leere. Die Aufmerksamkeit geht über zum Körper: Ich nehme meine Sitzhaltung wahr sowie die Steifheit im Nacken. Ich entspanne die Stelle, indem ich die Schultern weiter nach unten sinken lasse. Nun pendelt die Aufmerksamkeit eine Weile lang zwischen Körpersignalen – ein Druckgefühl im Brustraum, ein Tingeln im Oberarm – und dem Atemfluss hin und her. Dann ruft sich ein Vorfall bei der Arbeit am Vortag in Erinnerung, als eine Folge von Bildern. Ich lenke die Aufmerksamkeit zurück zum Atem. Eine Verengung macht sich im unteren Halsbereich bemerkbar. Der Atem fließt dahinter vorbei. Die Verengung im Hals löst sich, dafür nehme ich eine vage Beklemmung im Brustbereich wahr. Mein Wachheitsgrad sinkt. Ich sammle mich erneut. Einatmen – ausatmen, „ja“. Die Unruhe ist immer noch da. Einatmen – ausatmen, „ja“. Einatmen – ausatmen. Einatmen – ausatmen. Die Unruhe schwindet, verdrängt von einem Juckreiz am rechten Handrücken. Instinktiv möchte ich kratzen, die linke Hand hat sich schon leicht bewegt, aber ich lasse sie, wo sie ist. Schaffe ich es, ohne zu kratzen, oder wird das Jucken übermächtig? Nach einer Weile vergeht der Reiz. Ich kehre mit der Aufmerksamkeit zum Atemfluss zurück. Der „Zwischenraum“ zwischen mir als Beobachter und den auftauchenden Gedanken und Emotionen ist größer geworden; ich werde von diesen nicht mehr sofort in den Bann gezogen. Eine Gelassenheit macht sich breit. Den Atemfluss nehme ich noch im Hintergrund wahr. Und es blitzt intuitiv etwas auf – ich weiß jetzt, was ich meinem Sohn zum Geburtstag schenken werde. Ich fühle mich erleichtert; ein Lächeln bildet sich auf meinen Lippen. Dann finde ich mich in einem imaginären Dialog mit meinem Vater wieder; er meint, ich würde meine Kinder zu sehr verwöhnen. Ich halte dagegen. Ärger steigt hoch. „Ärger“, sage ich innerlich und blicke dem Gefühl in die Augen. Zurück zum Atem. Einatmen – ausatmen. Einatmen – ausatmen. Der Zwischenraum zwischen den einzelnen Atemzügen wird länger. Einatmen – ausatmen. Leere. Dann fließt auch das „Ja“ wieder ein. Einatmen – ausatmen, „ja“. Der Dialog verstummt und der Ärger vergeht. Einatmen – ausatmen, „ja“. Einatmen – ausatmen, Leere. Ruhe kehrt ein und mit ihr kommen Spuren von Freude. Gegen Ende der Sitzung merke ich, dass sich die Atemfrequenz sowie die Abfolge an Gedanken und Emotionen verlangsamt haben. Nun entfalten sich Vorstellungen des anstehenden Tags. Ich lasse sie sein, verfolge weiter den Fluss des Atems und sie schwinden wieder.
Ende. Mein Wecker läutet, die 20 Minuten sind um. Ich bin diesmal wach genug, um den Klang als ein weiteres, abschließendes Objekt der achtsamen Wahrnehmung in die Übung integrieren zu können, anstatt wie an manchen anderen Tagen durch das plötzliche Geräusch aufgeschreckt zu werden. Ich nehme noch ein paar Atemzüge lang die Stille wahr. Dann verbeuge ich mich, sage innerlich danke und erhebe mich mit bewusst ausgeführten Bewegungen vom Kissen. Im Rückblick stelle ich fest, dass sich die wichtigen Parameter innerhalb dieser 20 Minuten wie so oft wellenförmig auf und ab bewegt haben: der Grad der Wachheit, der Grad der Sammlung und der Grad der Körperverbundenheit. Diesmal haben die Kurven besonders gegen Ende der Sitzung nach oben gezeigt; ich freue mich darüber im Wissen, dass es nicht immer so ist oder sein muss. Bei der Rückkehr zu meinen Alltagsverrichtungen versuche ich, etwas von der Stille, der Bewusstheit und vielleicht auch die eine oder andere Einsicht mitzunehmen. Damit ich ein wenig daraus lerne. Damit das Erlebte ein wenig auf meinen Alltag abfärbt.2.2.4 Körper und MeditationUnsere Gedanken reisen umher durch Raum und Zeit, mal pfeilschnell, mal gemächlich, mal zielgerichtet, mal kreuz und quer. Sie pendeln zwischen der erlebten Welt und Fantasiewelten und ziehen die Emotionen wie Wolkenschwaden hinter sich her. Der Körper aber ist und bleibt im Hier und Jetzt; er kann nicht anders.Wollen wir uns erden, uns zentrieren und ganz präsent sein, so ist der Weg über das Körperbewusstsein der einfachste und schnellste. Verweilen wir eine Zeit lang mit der Aufmerksamkeit bei einer Stelle an oder in unserem Körper, am besten einer zentralen wie dem Brust- oder Bauchraum, sammeln wir damit die umherschweifenden Fragmente unseres Bewusstseins allmählich ein, was uns ein Gefühl der Ganzheit zurückgibt. Uns steht ferner ein einzigartiges Bindeglied zwischen der Außenwelt und dem Körper zur Verfügung: der Atem. Wenn der Atem stockend verläuft, wird auch der Gedankenfluss erratischer und der Zugang zu unseren Gefühlen ist beeinträchtigt. Fließt der Atem hingegen frei, lösen sich Blockaden auch bei manch anderen Körperprozessen, die Gefühle werden erkennbarer und die Gedankengänge kohärenter. So gesehen überrascht es nicht, dass der gesammelte Fokus auf den Atemfluss in allen Meditationsformen eine zentrale Stellung einnimmt (siehe vorhergehende Kapitel). Ein kontinuierlicher Fokus auf das Herz wiederum ist besonders wirksam, wenn es darum geht, sich sanfter und liebevoller zu stimmen. Dies klingt nach Klischee, basiert aber wie viele Klischees auf einer Wahrheit, die so einfach ist, dass sie eben banal erscheint. Probieren Sie es aus.Das Zusammenführen von Körper und Geist ist für beide eine Wohltat. Wie der Körper dem Geist immer wieder dabei hilft, gegenwärtig und geerdet zu sein, so erhöht der Geist mit seiner Aufmerksamkeit die Vitalität des Körpers. Das liebevolle Bewegen der Aufmerksamkeit von einer Körpergegend zur nächsten beim sogenannten Bodyscan gleicht einem Streicheln und ist, genauso wie ein physisches Streicheln, heilsam in seiner Wirkung.In den kommenden Abschnitten soll die Wirkung von Meditation auf verschiedene Körperphänomene beleuchtet werden. Zu bedenken bleibt dabei, dass beim Zusammenspiel zwischen Körper, Seele und Geist stets mehr Vorgänge parallel und im Verbund miteinander ablaufen, als wir je erfassen können. So stehen auch die im Folgenden separat betrachteten physiologischen Geschehnisse in Wirklichkeit stets miteinander und auch mit anderen Vorgängen in Wechselwirkung. Unter die Lupe genommen werden hier die Auswirkungen von Meditation auf die Körperspannung (die mit der psychischen Gestimmtheit einhergeht), auf das vegetative Nervensystem (mit direkten Auswirkungen auf den Blutdruck, die Verdauungsfunktionen, das Immunsystem und mehr), auf die Gehirnfrequenzen (eine messbare Komponente unseres Bewusstseinszustandes) sowie auf die Neuroplastizität (die lebenslange Möglichkeit, auf die Funktionsweise und die neuronale Struktur des Gehirns einzuwirken).Meditation und KörperspannungEs gibt eine goldene Mitte zwischen Überspannung der Muskulatur (Hypertonie) und Unterspannung (Hypotonie). Man nennt sie Wohlspannung oder Eutonie. Setze ich zu einer Armbewegung an, um eine Tür zu öffnen, muss sich meine Arm-, Schulter- und Rückenmuskulatur etwas anspannen. Aber weniger stark, als wenn ich zu einem Faustschlag ausholen würde. Eutonie bedeutet eine der Situation angepasste Spannung. Wenn wir vor einem Bildschirm sitzen, sind wir häufig überspannt, vor allem in der Nacken- und Schultergegend, oft auch in den Handgelenken und anderswo. Hier bräuchte es eine Lockerung der jeweiligen Muskulatur, um uns in eine Wohlspannung zurückzuführen. Sieht ein Vater seinen halbwüchsigen Sohn schlaff und mit den Ellbogen auf dem Tisch beim Mittagessen sitzen, würde er zumindest einen Überraschungserfolg buchen, wenn er statt „Hör auf, so herumzulümmeln!“ sagen würde: „Nimm endlich eine eutonische Haltung ein!“Auf Eutonie zu achten, kommt nicht nur dem Körper zugute. Die Spannungsfrequenz im Körper überträgt sich auch auf die psychische Ebene, und zwar auf die Gestimmtheit (und natürlich auch umgekehrt, in stetiger Wechselwirkung). Parallel zur Skala Hypertonie – Eutonie – Hypotonie verläuft die Skala der Gestimmtheit etwa so: Hysterie/Überschwang (vom Wort „Schwingung“!) – Gelassenheit/Ausgeglichenheit – Lethargie/Lustlosigkeit. Eines der Ziele jeder Meditationssitzung ist es, eine Wohlspannung im Körper sowie eine seelische Ausgeglichenheit herbeizuführen und möglichst aufrechtzuerhalten. Dies erzielen wir primär über das Richten der Oberkörperhaltung beim Sitzen: Die Rückenhaltung soll gerade und aufrecht sein, also in der rechten Mitte zwischen schlapp bzw. gekrümmt einerseits und überspannt bzw. rigid andererseits, während die Schultern geöffnet sind und locker nach unten hängen. Bei dieser Körperhaltung kann der Atem am freiesten fließen und so seine wohltuende Wirkung entfalten. Mithilfe eines Bodyscans lassen sich auch andere verspannte Stellen im Körper aufspüren und in den richtigen Grad der (Ent-)Spannung überführen. Der Weg lässt sich auch umgekehrt beschreiten, mit dem Hauptfokus auf die inneren Vorgänge. Kommt im Laufe einer Meditation die Seelenlage ins Lot, wird sich auch bei der Muskulatur eine Wohlspannung einpendeln.Meditation und vegetatives NervensystemAlle unsere Empfindungen und Wahrnehmungen laufen über das Nervensystem (zu dem auch das Gehirn zählt). Neben dem zentralen Nervensystem, bestehend aus Hirn und Rückenmark, gibt es noch das periphere System, das via Nervenbahnen mit dem ganzen Körper, insbesondere den Sinnesorganen, Muskeln und inneren Organen verbunden ist. Dieses wiederum besteht aus zwei Untersystemen, nämlich dem somatischen und dem vegetativen Nervensystem. Das somatische lässt sich willentlich steuern. Wenn wir beispielsweise einen Sprung ausführen wollen, aktiviert unser Handlungsimpuls die entsprechenden Stellen im Gehirn. Von dort werden die passenden Signale über das Rückenmark bzw. das somatische Nervensystem zu den Rücken-, Bein- und Fußmuskeln weitergeleitet. Das vegetative Nervensystem hingegen lässt sich willentlich nicht steuern und wird deshalb auch das autonome Nervensystem genannt. Es ist jedoch für unsere gesamte Befindlichkeit von entscheidender Bedeutung, nicht zuletzt in Zusammenhang mit dem Themenbereich Stress und Entstressen. Das vegetative System hat zwei Stränge, genannt Sympathikus und Parasympathikus. Der Sympathikus wird aktiviert, wenn Leistung gefordert ist. Er bringt uns in den Aktionsmodus mit der Ausschüttung der entsprechenden „Stresshormone“ (Adrenalin, Cortisol usw.). Der Muskeltonus wird erhöht, der Blutdruck gesteigert und der Atem beschleunigt. Umgekehrt verringern sich die Verdauungsaktivität sowie gewisse Immunsystem- und Reparaturfunktionen (siehe Pfeile im untenstehenden Schema). Der Parasympathikus hingegen führt uns in den Entspannungsmodus, was mit der Ausschüttung von „Glückshormonen“ einhergeht (Dopamin, Serotonin usw.) und bei den genannten Körperfunktionen die gegenteiligen Auswirkungen hat. Schematisch dargestellt sieht das folgendermaßen aus:Regiert der Sympathikus, so sind wir angespannt. Wir befinden uns in einem „Kampf oder Flucht“-Modus. Was sinnvoll ist, wenn eine kurze, intensive Aktivität ansteht. Falls die so herbeigeführte Energie jedoch nicht durch eine rege körperliche und/oder geistige Aktivität aufgebraucht wird, kann sie sich in Form von musklären Verspannungen, Magenkrämpfen, Fußwippen oder nervösen Handbewegungen äußern. Hält dieser Zustand über längere Zeit an, befinden wir uns im Dauerstress und sind rasch einmal ausgelaugt. Anhaltender Stress geht also mit einer permanenten Überstimulierung des sympathischen Nervensystems einher. Zu den körperlichen Folgen zählen Herz-Kreislauf-Probleme durch erhöhten Blutdruck, Verdauungsstörungen, verringerte Leistungsfähigkeit des Immunsystems sowie chronische Verspannungen und Schmerzen.Entspannen wir uns hingegen nach einer Anstrengung, überlassen wir dem Parasympathikus wieder das Zepter. Denken Sie an die Wirkung eines heißen Bades nach einem kräftezehrenden Tag. Was passiert? Die Muskeln lockern sich, der Blutdruck senkt sich, die Verdauung wird wieder hochgefahren und arbeitet somit gründlicher und auch das Immunsystem findet zur alten Leistungsstärke zurück. In einem dank der Vorherrschaft des Parasympathikus erzeugten Ruhezustand verringern sich auch die Gehirnfrequenzen, sodass wir zusätzlich eine mentale und schließlich auch psychische Beruhigung erfahren.Welche Rolle spielt nun die Meditation in diesem Zusammenhang? Die Antwort ist klar: Meditation aktiviert den Parasympathikus. Eine Überbetonung der Meditation würde also auf Dauer so wirken, wie wenn wir den größten Teil des Tages nur noch im Bad liegen würden – die Handlungsbereitschaft und die mentale Agilität würden verkümmern.35 In unserer Gesellschaft ist jedoch das Gleichgewicht zwischen Sympathikus- und Parasympathikus-Aktivierung eindeutig auf die andere Seite hin gestört (also zu viel Sympathikus-Stimulierung). Mit einer regelmäßigen Meditationspraxis lässt sich die Balance wiederherstellen. Und im Gegensatz zum heißen Bad steht uns die Möglichkeit zu kurzen, informellen meditativen Übungen immer und überall offen.Meditation und GehirnfrequenzenUnsere Gehirnzellen (Neuronen, rund 86 Milliarden an der Zahl) kommunizieren miteinander durch elektrische Impulse, wobei die gleichzeitig gesendeten Signale in ihrer Summe eine beträchtliche Menge an elektrischer Aktivität generieren. Die Schwankungen der elektrischen Spannung im Gehirn bilden Wellen, deren Frequenzen sich messen lassen (etwa mit einem EEG an der Kopfoberfläche). Natürlich werden zu jedem Zeitpunkt je nach Gehirnregion verschiedene Frequenzen zu verzeichnen sein; anhand der vorherrschenden Bandbreite lässt sich jedoch der aktuelle Frequenzbereich bestimmen. Und dieser Bereich gibt einigermaßen Aufschluss über den jeweiligen Bewusstseinszustand. Generell gilt: Je höher die Frequenz, desto wacher und angeregter sind wir – bis zu hyperwach und hyperangeregt im hohen Betabereich (siehe untenstehende Tabelle). Einen Sonderfall bilden die kurz aufblitzenden Gamma-Wellen im höchsten Frequenzsegment. Die Übergänge von einem Bereich zum anderen sind natürlich fließend, ebenso wie die den verschiedenen Frequenzbereichen zugeschriebenen Bewusstseinszustände. Deshalb handelt es sich bei den Grenzziehungen um ungefähre Werte. Gemessen wird die Frequenz in Hertz (Anzahl Wellenbewegungen nach oben und unten pro Sekunde).36 Frequenz (in Hertz)Wachheitsgrad/ HirnaktivitätsgradBewusstseinszustand0,5–4 DeltaTiefschlaf, KomaTrance?4–6,5 Theta (niedrig)Leichter Schlaf, DösezustandTrance, Hypnose, Träume6,5–8 Theta (hoch)Tiefe EntspannungÖffnung für Intuition, Inspiration, Kreativität8–13 AlphaEntspannungKlares Denken, gute Aufnahmefähigkeit; Aufmerksamkeit nach innen und nach außen13–15 Beta (niedrig)„Normale“ HirnaktivitätAufmerksamkeit eher nach außen15–38 Beta (hoch)Hektische HirnaktivitätReaktives Denken, Aufmerksamkeit fast ganz nach außen38–70 GammaKurzanhaltende und hochintensive, in verschiedenen Gehirnregionen synchron auftretende Hirnaktivität, niedrige Amplitude; noch wenig erforschGeistige Spitzenleistungen, evtl. Flow-Zustand oder Zustand bei mystischem Erleben (erhöhte Amplitude)Im Theta-Bereich übrigens fließen Inhalte aus dem Unterbewusstsein am leichtesten ins Wachbewusstsein ein.Über eine gewisse Zeit hinweg gleichen sich die Gehirnwellen zumeist dem Input von außen an. Man nennt dies Resonanz. Lassen wir ohne Ablenkung eine meditative, beruhigende Musik auf uns wirken, wird sich unsere Gehirnfrequenz nach und nach verlangsamen. Ebenso bei einer klassischen Meditationssitzung ohne Musik, denn auch da kommt eine Weile lang nichts Aufregendes von außen auf uns zu. Das Gehirn tritt allmählich mit der Stille in Resonanz. Zu Beginn einer Sitzung flattern die Gedanken oft noch hin und her, wir befinden uns dann im Beta-Bereich. Wenn wir andererseits gegen das Dösen ankämpfen, ist die Gehirnfrequenz in den Theta-Bereich gesunken. Zwischen diesen beiden liegt der Alpha-Bereich, in dem wir entspannt und aufnahmebereit sind. Bei noch tieferer Entspannung – falls wir wach und fokussiert bleiben – sind wir am ehesten für kreative Impulse und intuitive Einsichten empfänglich. Schließlich kann es zu einem Aufblitzen von hochfrequenter Gammaaktivität kommen, die sich bei weniger geübten Meditierenden seltener und nur schwach ausgeprägt beobachten lässt (geringe Amplitude, also geringe Vernehmbarkeit), bei geübten Praktizierenden jedoch tendenziell stärker ausgeprägt ist (erhöhte Amplitude) und länger anhält. Sie wird mit Momenten großer Kohärenz im Gehirn, aber auch mit mystischen Erfahrungen in Zusammenhang gebracht. Das sind jedoch Vermutungen; zu wenig sind diese schwer fassbaren Gammaschwingungen bisher erforscht worden. Betrachten wir zum Abschluss noch den Effekt einer dritten Meditationsform: Bei einer Klang-Meditation mit Gong übertragen sich die (tiefen) Schwingungen des Gongs nicht nur akustisch, sondern auch über den Körper, was die beruhigende Wirkung verstärkt und gleichzeitig mithilft, den Wachheitsgrad hochzuhalten.Mit verschiedenen Meditationsformen können wir also nachweislich auf unseren körperlichen, psychischen und mentalen Zustand einwirken. Und dies nicht nur mit vorübergehendem, sondern auch, wie im folgenden Abschnitt dargelegt, mit nachhaltigem Effekt.Meditation und NeuroplastizitätStudien haben gezeigt, dass sich das Gehirn nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen durch entsprechende Übung in einem förderlichen Sinn verändern lässt. Und zwar sowohl in der Funktion (Veränderung der Anzahl Signale pro Zeiteinheit zwischen einzelnen Gehirnteilen) als auch in der Struktur (wachsende Anzahl neuronaler Verbindungen). Das heißt, zwischen einzelnen Gehirnteilen lassen sich die Dichte der Informationssignale einerseits und die Dichte der Übertragungsbahnen andererseits steigern. Man spricht in diesem Zusammenhang von Neuroplastizität. Während ein gewisser altersbedingter neuronaler Abbau unvermeidlich ist, lassen sich neue „Gehirnmuskeln“ antrainieren, was direkte Auswirkungen auf unsere Denkleistung und unsere emotionalen Reaktionen hat. Aus der Vielzahl der Studien in diesem Bereich soll hier eine als Illustration dienen.37Bei einem Experiment wurden zwei Gruppen von Probanden Bilder von Menschen mit schweren Brandverletzungen gezeigt. Eine Gruppe bestand aus Personen ohne Meditationserfahrung, die zweite aus solchen mit langjähriger Meditationspraxis. Bei der ersten Gruppe löste der Anblick der grauenvollen Bilder im Vergleich zur zweiten sowohl stärkere als auch länger anhaltende Schockwellen aus. Bedeutet dies, dass die Meditierenden weniger empathisch sind? Nein. Es bedeutet nur, dass sie sich von Außenreizen und den eigenen Reaktionen darauf emotional weniger „wegspülen“ lassen. Dank Scans konnten die unterschiedlichen Vorgänge im Gehirn der Probanden mitverfolgt werden. Zunächst aber eine kurze Erläuterung: Für emotionale Reaktionen auf Außenreize, insbesondere solche, die im weitesten Sinn bedrohlich sind, ist im Gehirn primär die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, zuständig. Diese ist mit dem präfrontalen Cortex verbunden, der unter anderem unsere verstandesmäßigen Reaktionen auf solche emotionalen Stimuli steuert. Nun zeigten die Hirnscans, dass genau diese Verbindung bei den erfahrenen Meditierenden signifikant stärker ausgebaut war als bei den Mitgliedern der Vergleichsgruppe. Langzeitmeditierende sind also emotional nicht weniger berührt von den Bildern von leidenden Menschen (im Gegenteil, wie andere Versuche zeigen), aber sie sind in der Lage, die emotionalen Reaktionen rascher rational einzuordnen und zu steuern und lassen sich von ihnen daher weniger leicht aus der Bahn werfen. In der Praxis würde das heißen, dass sie in einem Notfall schneller als andere Menschen, die sich noch in einer Schockstarre befinden, in der Lage wären, vernünftige Hilfsmaßnahmen zu ergreifen. Häufig wiederkehrende, reaktive Impulse des Mit-Leidens, etwa bei Ärzten und Krankenpflegern, können bekanntlich zu einem emotionalen Burnout führen. Untersuchungen zeigen hingegen, dass dies bei einer meditativ eingeübten, bewussteren Form des Mitgefühls nicht der Fall ist.38Dass eine langjährige Meditationspraxis zu neuronalen Veränderungen mit positiven Auswirkungen beiträgt, ist inzwischen durch Langzeitstudien belegt. Was genau welche Veränderungen bewirkt, lässt sich jedoch nicht mit Genauigkeit sagen. Gewiss werden weitere Forschungen noch mehr Licht in die Sache bringen, aber da, wie schon gesagt, alle Vorgänge im Zusammenspiel zwischen Körper, Seele und Geist multikausal sind, wird eine genaue Zuordnung von Ursache und Wirkung im Bereich von Meditation, Gehirnvorgängen und Gehirnentwicklungen wahrscheinlich außer Reichweite der Wissenschaft bleiben.Auch wenn in diesem Kapitel die Auswirkungen von Meditation auf den Körper im Vordergrund standen, wurde erneut deutlich, wie eng das Wohlbefinden von Körper, Seele und Geist miteinander verknüpft ist. Alltagserfahrungen bestätigen dies. Ein Spaziergang kann den Körper erfrischen, das seelische Befinden wieder ins Gleichgewicht bringen und den rastlosen Geist beruhigen. Eine bereichernde Lektüre führt nicht nur zu größerer Klarsicht, sondern erfreut auch die Seele, was wiederum manches (temporäres) Unwohlsein des Körpers abklingen lassen kann. Ähnliches passiert auch während einer Meditation.Geht es nun darum, aus einem kurzzeitigen Wohlgefühl ein langfristig stimmiges Lebensgefühl heranwachsen zu lassen, gehören der Grad der Hingabe und der Grad der Ausdauer zu den entscheidenden Faktoren. Sind diese hoch genug, kann uns die Meditation noch weiter in die Tiefe führen; dorthin, wo wir unsere Wurzeln (wieder-)entdecken können und woraus uns Kraft und Gewissheit zukommen. Was es damit auf sich hat, wird im Folgenden erläutert.2.2.5 Von blockiert bis gelöstIm vorletzten Kapitel wurde der Verlauf einer typischen Meditationssitzung nachgezeichnet. Es fand also eine „Horizontalbetrachtung“ entlang der Zeitachse statt. Hier kommt nun eine „Vertikalbetrachtung“ hinzu. Sie lotet die Tiefen aus, zu denen Meditierende gemäß Erfahrungsberichten vorstoßen können.Im Verlauf einer einzelnen Sitzung wird die „Tiefe“ der Erfahrung immer wieder fluktuieren. Auch entlang unseres gesamten Entwicklungswegs werden sich Phasen der Tiefenverbindung mit solchen der Oberflächenverhaftung abwechseln. Die Tiefenunterscheidung kann auch als Frage formuliert werden: Wie stark hat sich die Kruste zwischen meinem Oberflächendasein und den Tiefendimensionen verhärtet bzw. wie stark und anhaltend bin ich im Bann von Alltagssorgen oder Ablenkungen gefangen? Dies lässt sich in der ausgedehnten Stille einer Meditation meist leichter erspüren als im Alltag, wo unsere Aufmerksamkeit gewöhnlich anderweitig absorbiert ist. Vollständig, so meine ich, kann der Zugang in die Tiefe niemals blockiert sein, denn dann wären wir von der Quelle unseres Lebendigseins abgeschnitten. Der Zugang wird aber auch nie ganz störungs- und hindernisfrei offen sein – mit Ausnahme vielleicht während kurzanhaltenden, mystischen Tiefsterfahrungen.Im Folgenden werden verschiedene Erfahrungstiefen schematisch als Schichten bzw. Stufen dargestellt. Die Einteilung basiert auf einer wissenschaftlichen Untersuchung von Harold Piron (geb. 1967) aus dem Jahr 2003. Der deutsche Meditationsforscher hat diesbezüglich zahlreiche klassische Texte aus hinduistischer, buddhistischer, daoistischer und christlicher Tradition durchforstet und die Erkenntnisse daraus mit den Erfahrungsberichten von 40 heutigen Meditationslehrerinnen und -lehrern – alle mit jahrzehntelanger Praxis- und Lehrerfahrung – verknüpft.39 Wie bei praktisch allen Kategorisierungen im seelisch-geistigen Bereich lassen sich die Schichten natürlich nicht scharf voneinander trennen. Die Übergänge sind gleitend. Zu den Kennzeichen einer Verbindung mit tieferen Schichten zählen Gefühle der Befreiung sowie zunehmende Wachheit, Klarheit und Empfänglichkeit bzw. Wahrnehmungsfähigkeit. Jedes dieser Kennzeichen bewegt sich entlang einer Skala. Bei der Wahrnehmungsfähigkeit etwa reicht die Skala von grob (an der Oberfläche) bis subtil (in der Tiefe).1) Alltagsnahe Ebene – mit Hindernissen gespicktIn der oberflächlichsten Erfahrungsschicht unterscheidet sich unser Wahrnehmen auch in der Meditation nicht stark vom Alltags-Empfinden. Unruhe, Nervosität, Zerstreutheit oder Leistungsdrang schlagen durch und wandeln sich leicht in Widerstand gegen das tatenlose Stillsitzen. Oder der Körper interpretiert den anhaltenden Mangel an Sinnesaufnahme- und Tatbereitschaft als ein Zeichen, das Wachbewusstsein herunterzufahren und sich auf den Schlaf vorzubereiten. Dies äußert sich dann durch Abdriften in einen Dösezustand. Schließlich können sich auch körperliche Symptome melden, die in der Turbulenz des Alltags unbeachtet blieben. Niemand meditiert, ohne solche Hindernisse zu erleben. Mit der Zeit und mit Übung nimmt man sie jedoch als Weggefährten wahr, die kommen und, vor allem, ganz sicher wieder gehen. Dranbleiben lautet also die Devise. Auf dieser Stufe kommen typischerweise auch Bilder und Sequenzen von kürzlich Erlebtem mitsamt begleitenden Emotionen hoch. Lassen wir sie zu, findet ein für die (psychische) Gesundheit förderlicher Verdauungsprozess statt. Dieser Prozess erhält in der Meditation einen Raum, der ihm im Alltag oft verwehrt ist, da dort pausenlos neu zu Verarbeitendes hinzukommt. Es ist insgesamt aber eine paradoxe Situation, die wir alle zuweilen erleben: Wir leiden an Unruhe, können Ruhe aber nur schwer ertragen.2) Entspannung und Licht auf den SchattenbereichMerkmale der zweiten Stufe sind zunehmendes Wohlbefinden und eine größere innere Ruhe. Der Körper drückt dies am deutlichsten durch muskuläre Entspannung sowie durch eine Verlangsamung und Vertiefung des Atems aus. Die Zerstreutheit nimmt ab, die Fokussiertheit zu. Die Dumpfheit weicht einer größeren Wachheit. Andererseits setzt sich das „Verdauen“ fort und weitet sich aus. Nicht nur kürzlich Erlebtes, sondern auch Verdrängtes aus normalerweise unbewussten Bereichen kann sich bemerkbar machen, denn die enge Schale, innerhalb der sich unser Alltagstreiben zumeist abspielt, ist brüchig geworden. Das Verdrängte kann sich körperlich äußern (plötzlicher Juckreiz, Hustenanfälle usw.) oder einen heftigen Widerstand gegen das Meditieren hervorrufen. Es kann aber auch zu Tränenausbrüchen oder plötzlichen Glücksmomenten kommen, wenn sich seelisch etwas gelöst hat. Für den weiteren Verlauf der Meditation stehen danach zwei Richtungen offen: Entweder geht die einsetzende Sammlung wieder verloren und die Fragmentierung – bestehend aus Gedankenbruchstücken und emotionalen Schüben – nimmt erneut überhand. Aus Ruhe wird wieder Unruhe. Oder unsere (geübte) Entschlossenheit und Standhaftigkeit – eventuell mithilfe von nachhallenden Glücks- oder Erleichterungserfahrungen – ist groß genug, dass wir dem, was uns in Beschlag zu nehmen droht, keine Möglichkeit zum Andocken bieten. Wir bleiben bei unserer Übung. Dies öffnet den Zugang zu größerer Tiefe.3) SammlungDer Grad an bewusster, nicht mehr einfach zu erschütternder Präsenz ist hier spürbar höher als zumeist im Alltag. Dazu können sich ein Gefühl von Leichtigkeit und ein tiefer Frieden gesellen. Auf dieser Stufe festigt sich ein Zweifaches: einerseits das Vertrauen in die Wirksamkeit der Meditation, andererseits das befreiende Wissen, dass die reinigende und klärende Wirkung der Meditation letztlich nicht selbst erzeugbar, sondern ein Geschenk ist. Aber auch hier nutzen Gedanken, Bilder und Emotionen – vertraute und weniger vertraute – die Weite der Stille, um ins Licht des Bewusstseins zu gelangen. Wir lassen uns von ihnen jedoch weniger als sonst aus der Ruhe bringen und daher fehlt ihnen die emotionale Energie, um zu Gedankenketten und Bildersequenzen anzuwachsen und sich so festzusetzen. Der chinesische Chan-Meister40 Hui Neng (638–713) soll diese Fähigkeit, sich von Gedanken nicht vereinnahmen zu lassen, so ausgedrückt haben: „Nichtdenken bedeutet, auch dann nicht zu denken, wenn Gedanken auftauchen.“ Diesem Ideal kommen wir im Zustand der Sammlung etwas näher. Schaffen wir es, lange genug auf dieser Konzentrationsstufe zu bleiben, merken wir ferner, dass uns auch das aus dem Schatten Aufsteigende nichts anhaben kann. Dann löst sich allmählich die damit verbundene Beklemmung und wir spüren, vielleicht ohne es benennen zu können, eine erhöhte Authentizität in unserem Dasein. Denn all die Ängste, Selbstvorwürfe, Minderwertigkeitsgefühle und anderen schädlichen Empfindungen und Gedanken, die aufsteigen, verflüchtigen sich wieder. Unsere Identifikation mit ihnen hat sich, für eine Weile zumindest, gelöst. In dieser Gelöstheit wird unsere Essenz, unser Wesen – das, was sich niemals verflüchtigen kann – spürbar. Hier und auf den folgenden Stufen öffnen sich auch die Kanäle für Inspiration und intuitive Einsichten.4) Öffnung für das Umfassende/Hingabe an das HeiligeDer Übergang ist nahtlos. Das sonst so inflationäre Ich ist kleiner geworden und hat Raum für etwas weit Größeres gelassen. Wir sind weit genug entblockiert und durchlässig geworden, um die in unserer Tiefe innewohnende (oder durch die Tiefe hereinströmende) Klarheit und gegenstandslose Freude sowie eine umfassende Verbundenheit mit hellwachem Bewusstsein und empfänglichem Herzen wahrzunehmen. Man könnte von einer gleichzeitigen Welt- und Mehr-als-Welt-Verbundenheit sprechen. Diese äußert sich zumeist in leisen, feinen Schwingungen; es braucht keine Worte – obwohl man sich später nach passenden Worten sehnt. Außer in poetischer Andeutung ist die Sprache für diesen Feinheitsgrad zu pauschal und läuft Gefahr, die empfundene Wahrheit mehr zuzudecken als zu vermitteln – es sei denn, sie ruft beim Gegenüber durch Resonanz Ähnliches hervor, im Anklang an eigene Erfahrungen. Aus dieser Tiefenstufe kommen auch die Impulse, die in uns den Wunsch auslösen, jene vom bisherigen Leben vorgespurten Pfade zu verlassen, die nicht (mehr) mit unserem Wesen in Einklang stehen. Dabei kann es sich genauso um die innere Ausrichtung wie um die äußere Lebensgestaltung handeln. Vielleicht werden uns auch Bilder geschenkt mit Hinweisen für eine mögliche Neuausrichtung.5) Erfahrung der liebevollen GrenzenlosigkeitDie im vorhergehenden Abschnitt beschriebenen Erfahrungen werden öfters schon als Gipfelerlebnisse aufgefasst, obwohl der Gipfel noch nicht erreicht ist. Auf der höchsten, nach oben offenen, oder – gemäß dem hier verwendeten Bild – der tiefsten, weitesten, unbegrenzten Stufe zerfließt die Trennlinie zwischen dem Erlebenden und dem Erlebten. Diese Stufe wird mit Begriffen wie Einssein, Leere oder Fülle, unermessliche Seligkeit oder Vereinigung in Liebe angedeutet. Wir sind vom Formenhaften – hier dies, dort jenes; hier ich (abgetrennt), dort du (abgetrennt) – ins Formlose übergegangen. Jegliche Blockierung, jegliches Gefühl der Getrenntheit ist weg. Und doch ist es kein Einheitsbrei, der übrig bleibt. Deshalb spricht man hier auch von einer Erfahrung der Non-Dualität. Weder Dualität also, noch Singularität. Dies ist der Bereich des – nach menschlichem Ermessen – Paradoxen. Auf der Logik des Verstandes gründende Aussagen greifen zu kurz. Jeglicher Versuch, die Erfahrung analytisch zu erfassen, scheitert. Dennoch gibt es keine Religion, keine Kultur, keine Epoche, in der nicht von solch mystischen Erfahrungen berichtet wird. Sie gehören zum Menschsein, wenn auch bis heute noch weit mehr in potenzieller als in realisierter Form. Die Wortlosigkeit der Meditation bildet hierfür einen hervorragenden Nährboden. Ein derartiges Erlebnis – mit Begleiterscheinungen wie Ehrfurcht, begriffsloser Klarheit und Dankbarkeit – lässt sich jedoch nie von selbst herbeiführen. Es hält nur kurz an, hinterlässt aber körperliche, seelische und geistige Spuren, die nicht zu verwischen sind.Welche dieser Tiefen – modellhaft in fünf Schichten bzw. Stufen eingeteilt – öffnen sich uns wann, wie häufig und für wie lange? Es ist schwierig, hierzu etwas Allgemeingültiges zu sagen. Zu unterschiedlich sind die genetisch oder lebensgeschichtlich bedingten Schwierigkeiten und Barrieren, die wir alle mitbringen und die sich wiederum auf den verschiedenen Stufen unterschiedlich auswirken. In der Regel werden sich Anfänger während einer Meditationssitzung alternierend auf Stufe eins (Unruhe) oder zwei (Ruhe) befinden; die tieferen Schichten öffnen sich vielleicht kurz. Ein Tiefenerlebnis kann aber, insbesondere in der Stille, jederzeit über uns hereinbrechen. Vielleicht schenkt es uns die Erfahrungsgrundlage, dank derer wir die Meditationspraxis auch dann nicht aufgeben, wenn die Tiefenverbindung scheinbar verloren gegangen ist oder wenn Trägheit, Ablenkungen oder Sorgenlast überhandnehmen und uns vom regelmäßigen Üben abhalten.Auch bezüglich der langfristigen Entwicklung lässt sich kein universelles Schema erstellen, aber ein Vergleich kann uns helfen. Er wurde bereits einmal verwendet, aufgrund seiner Aussagekraft jedoch möchte ich ihn nochmals heranziehen: Der Meditationsweg ist wie ein Fluss mit einer starken Strömung in der Mitte. Viele Menschen halten zunächst einmal die Füße ins Wasser, empfinden die Abkühlung und das Streicheln des vorbeiziehenden Gewässers als angenehm, ziehen sich dann aber doch wieder ans Ufer zurück. Andere bewegen sich weiter hinaus, dorthin, wo der Fluss bereits tiefer ist (aber sie immer noch stehen können), und tauchen mehrmals ein, aber auch sie kehren danach wieder ans vertraute Ufer zurück – trotz der engen, steinigen und dornigen Pfade, auf denen sie sich dort fortbewegen. Nur wenige wagen sich, nachdem sie wiederholt die wohltuende Wirkung des Wassers erlebt haben, hinaus bis in die Mitte des Flusses und lassen sich von der Strömung erfassen – und von dieser tragen. Ab diesem Zeitpunkt gibt es kein Zurück mehr. Und die Strömung bringt sie immer wieder auch mit kristallklarem Wasser aus der Tiefe des stets breiter und tiefer werdenden Flusses in Berührung.Das Modell der fünf Erfahrungstiefen in der Meditation lässt sich natürlich auch auf den Alltag übertragen. Wir können uns jetzt und künftig immer wieder fragen: Wann habe ich mich zuletzt ruhig und entspannt, wann mit der Tiefe meines Wesens oder mit dem, was mich und uns alle übersteigt, verbunden gefühlt? Unter welchen Umständen mache ich am ehesten solche Erfahrungen? Danach können uns die ganz persönlichen Antworten als Wegweiser dienen. Noch entscheidender aber sind folgende Fragen: Wie wirkt sich das, was ich in der Meditation oder in erfüllenden Momenten erfahre, auf mein Denken, Fühlen und Verhalten im ungeschützten und unerfüllten Alltag aus? Und wie kann ich mich auch in diesem Alltag in Sammlung, Wachheit und Hingabe üben? Überlegungen zu diesen Fragen bilden den Stoff für die nachfolgenden Kapitel.2.3 ALLTAG ALS ZIELORTWer Meditation regelmäßig praktiziert, allein und/oder in einer Gruppe, erlebt oft zwei Parallelwelten. Die eine Welt ist charakterisiert durch Stille, Entschleunigung, innere Verarbeitung, Gefühle der Offenheit und Verbundenheit und vielleicht sogar Inspiration und intuitive Einsichten. Die andere, jene des Alltagslebens, ist voller Anspannung, Ansprüche von innen und außen, Unruhe und Konflikte. Falls es nicht gelingt, diese Welten einander anzunähern, wird die Meditationspraxis höchstwahrscheinlich nicht von Dauer sein. Die lärmerfüllte Welt wird die stillere verschlingen.Sowohl in unserer Meditationspraxis als auch in unserem Alltagsleben sind wir unterwegs. Idealerweise verlaufen die zwei Wege immer mehr aufeinander zu und bilden schließlich nur noch einen Weg, der die verschieden vorgespurten Rinnen vereint. Anders gesagt: Alle unsere Lebensrinnen führen dann in die gleiche Richtung; die Bodenerhebungen zwischen ihnen werden niedriger und es entwickeln sich Zwischenverbindungen. Bis auch im gewöhnlichsten Alltag möglichst viele Augenblicke bereichert sind von einer meditativ konsolidierten inneren Stille sowie einer Weiträumigkeit, in der nicht nur Tun, Empfangen und Beobachten nebeneinander Platz haben, sondern auch Wohlwollen und Dankbarkeit zu Hause sind.Woran aber können wir erkennen, ob die ersehnte Konvergenz auch wirklich stattfindet? Anhand welcher Unterschiede in der Alltagsgestaltung wird sie sichtbar? Diesen Fragen wird auf den kommenden Seiten sowie in den Kapiteln „Was heißt Reife?“ und „Individuelles Reifen“ ausgiebig nachgegangen. Betrachten wir hier zunächst ein paar Beispiele:Wenn ich im Supermarkt von den Regalen zur Kasse schreite, kann ich der Ungeduld angesichts der langen Warteschlange durch bewusstes Atmen die Kraft entziehen und dem irrationalen Widerwillen gegen die Personen, die mir meine wertvolle Zeit stehlen, durch Wohlwollen die Luft aus den Segeln nehmen. Vielleicht kommt mir daraufhin beim Anstehen in ruhigerem Zustand sogar etwas in den Sinn, das ich kaufen wollte und beinahe vergessen hätte.Oder wenn ich einem Arbeitskollegen zuhöre, kann ich dem Impuls, etwas zu erwidern, widerstehen, weil ich aufmerksam genug bin, um zu erfassen, dass mein Gegenüber noch nicht zu Ende gesprochen hat. Mein Arbeitskollege wird all dies bewusst oder unbewusst als Wertschätzung registrieren.In einer toxischen Situation, die ich dank gestärkter Sensibilität (Empfänglichkeit) als solche erkenne, kann ich die Reißleine ziehen und mich entfernen. Oder, falls dies nicht möglich ist, kann ich dank der Weiträumigkeit innerlich distanziert genug bleiben, um mich nicht hineinsaugen zu lassen.So lerne ich, zunächst in einer Vielzahl von unscheinbaren Situationen, mich nicht vom Pferd, das Schicksal oder Karma heißt, einfach tragen zu lassen, sondern vermehrt die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Um dann auch für anspruchsvollere Situationen gerüstet zu sein.Wenn sich hingegen bei der Gestaltung meines Alltags trotz Meditation wenig ändert, muss ein fundamentaler Mangel in meiner Übungspraxis vorliegen. Entweder ein Mangel an Ausdauer oder an Hingabe oder, am wahrscheinlichsten, an beidem. Einfach gesagt: Die Übung hat schlicht keine hohe Priorität in meinem Leben.Stellen wir tatsächlich fest, dass sich der Meditationsweg und der Alltagsweg einander annähern, so ist mehr geschehen, als dass wir uns nur ein paar neue Verhaltensweisen angewöhnt haben. Es ist zu einem inneren Wandel gekommen. Lassen wir hierzu eine Geschichte sprechen:Ein jüdischer Weiser fragte seine Schüler: „Wie kann man den Augenblick bestimmen, wo die Nacht zu Ende ist und der Tag anbricht?“ Der erste Schüler fragt: „Ist es, wenn man in der Ferne einen Feigenbaum von einer Palme unterscheiden kann?“ Der Rabbi antwortet: „Nein, das ist es nicht.“ Der zweite Schüler meint: „Wenn man ein Schaf von einer Ziege unterscheiden kann, dann wechselt die Nacht zum Tag.“ – „Auch das ist es nicht“, ist die Antwort des Weisen. „Aber wann ist denn der Augenblick gekommen?“, fragen die Schüler. Der Rabbi antwortet: „Wenn du in das Gesicht eines Menschen schaust und darin den Bruder oder die Schwester erkennst, dann ist die Nacht zu Ende, dann bricht der Tag an.“41Es hat also ein Gesinnungswandel stattgefunden. Aber das Geschehen ist damit nicht zu Ende. Das Bild des anbrechenden Tages weist auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: Selbst wenn wir bei uns einen Wandel konstatieren, darf die Genugtuung darüber uns nicht zur Annahme verleiten, die gesamte Arbeit sei nun geleistet und wir seien bereits am Ziel. Erst recht sollte sie nicht in einen Stolz münden, der uns von anderen Menschen isoliert und auf neue Abwege führt. Der Tag hat erst begonnen. Nun gilt es, den Initialwandel auszuweiten und zu vertiefen.Ein fortschreitender Wandel lässt sich anhand weiterer Kennzeichen feststellen. Dazu zählt ein Alltag, der merklich mehr von Achtsamkeit geprägt ist und in dem sich die Herzensqualitäten spürbar entfaltet haben (das Erkennen eines Bruders oder einer Schwester in jedem Menschen ist eine davon). Diese beiden zentralen Themenbereiche wollen wir in den anstehenden zwei Kapiteln vertiefen. Danach folgen Hinweise zu meditativen Alltagsübungen, die uns helfen können, auch außerhalb von formellen Meditationseinheiten die zum Vorschein gekommenen Fähigkeiten im Alltag stärker zu integrieren. Und schließlich werden die Früchte der Meditation nochmals in einer Zusammenschau präsentiert – als Wiederholung und Vertiefung sowie als Appell (auch an mich, den Schreibenden), vor lauter Theorie die Praxis nicht zu vergessen.2.3.1 Einüben von AchtsamkeitTara Brach (geb. 1953), eine bekannte amerikanische Meditationslehrerin, vergleicht das Üben in der Meditation mit der Stärkung der beiden Flügel eines Vogels, damit dieser durch alle Stürme hindurch in Freiheit fliegen kann. Der eine Flügel ist die Weisheit, die sich durch das Üben der Achtsamkeit bildet, der andere das Mitgefühl, das sich durch das Üben der Herzensqualitäten bildet.42Der Schweizer Meditationslehrer und Buchautor Peter Wild (geb. 1946) bringt dieselben zwei Aspekte mit anderen Worten zum Ausdruck: Der Meditationsweg sei der Weg „von der Routine zu Sorgfalt und Zärtlichkeit“.43In diesem Kapitel betrachten wir die Sorgfalt bzw. die Achtsamkeit, bevor wir uns im nachfolgenden Kapitel der Zärtlichkeit bzw. den Herzensqualitäten widmen. Es braucht beide Flügel – gekräftigt und im Gleichschlag – für ein Entkommen aus Automatismen und Ich-Bezogenheit, die uns wie ein Käfig einengen und dumpf werden lassen.Wenn wir nicht schlafen, ist unser Bewusstsein stets im „An“-Zustand. Wir nehmen laufend wahr – mal mehr, mal weniger bewusst, je nach Befinden auf der Wachheitsskala – und handeln daraufhin entsprechend eher reflexartig oder eher bewusst und behutsam. Um dies zu veranschaulichen, wird im Folgenden ein alltägliches, unspektakuläres Ereignis von der Art, wie wir im Laufe eines einzigen Tages unzählige erleben und meistens rasch wieder vergessen, in zwei Varianten vorgestellt. Zunächst wird der Ablauf so geschildert, wie er typischerweise im unteren bis mittleren Bereich der Wachheitsskala (sozusagen im Normalzustand) stattfinden könnte. Danach wird aufgezeigt, wie der Wachheits- bzw. Achtsamkeitsgrad in einer Meditationssitzung einerseits und im Alltag andererseits durch entsprechende Übungen gesteigert werden kann. Und schließlich läuft das gleiche Ereignis in einer zweiten Variante ab, bei der sich der Achtsamkeitsgrad des Protagonisten in einem höheren Bereich befindet.Tiefer Achtsamkeitsgrad (Normalzustand)Unser Leben im Wachzustand besteht aus einer Nonstop-Kette des ewig gleichen Ablaufs: von Input (Sinneswahrnehmung, Triebschub oder gedanklichem Impuls) über innere Reaktion zu äußerer Reaktion bzw. Aktion (was oft Stoff für neuerlichen Input liefert, womit der Kreislauf wieder von vorne losgeht). Im unten geschilderten Alltagsereignis erfolgt dieser Kreislauf zweimal. Nennen wir es deshalb ein Stück in zwei Akten. Der hier äußerst detailliert und wie in Zeitlupe betrachtete Ablauf geht in Wirklichkeit blitzschnell und – im Normalzustand des eher tiefen Achtsamkeitsgrades – größtenteils unbewusst vor sich.1) Input (über Augen und Ohren)Ich gehe auf einem relativ breiten Gehsteig. Dabei sehe ich, dass mir zwei Jugendliche entgegenkommen, und höre, wie sie laut und lachend aufeinander einreden.2) Instinktive Reaktion und gefühlsmäßige AusweitungEs findet stets eine unmittelbare instinktive Reaktion statt, wovon es prinzipiell nur drei Möglichkeiten gibt: Das Wahrgenommene wird entweder als angenehm (positiv), unangenehm (negativ) oder uninteressant (neutral) empfunden. Bei „angenehm“ oder „unangenehm“ kommt noch der Intensitätsgrad hinzu. Wird das Wahrgenommene als Bedrohung empfunden oder als etwas unerwartet Erfreuliches, ist dieser hoch. Eine solche instinktive, wertende Reaktion ist wohl biologisch vorprogrammiert, um unser Überleben zu sichern. Denn wenn uns unser Instinkt „hochgradig unangenehm“ meldet, kann das eine Gefahr bedeuten, bei der wir uns möglichst rasch wehren oder in Sicherheit bringen müssen. Für eine verstandesmäßige Analyse der Situation bleibt in einem solchen Fall keine Zeit. Im konkreten Geschehen hier wittere ich keine Gefahr, aber auch keinen Grund zur Freude. So würde das Auftauchen der zwei Jugendlichen normalerweise in die Kategorie uninteressant fallen. Da es jedoch in diesem Augenblick nichts anderes gibt, was mich stärker absorbiert, und ich überdies an diesem Morgen ein wenig übel gelaunt bin, empfinde ich das ausgelassene Tun der Jugendlichen als unangenehm. Dieses Gefühl, in Verband mit meiner aktuellen Stimmungslage, setzt sich zunächst fest und beeinflusst das, was als Nächstes folgt.3) Einordnung, gedankliche und emotionale Reaktion und Ich-BezugKurz nach der unwillkürlichen, instinktiven Reaktion und der gefühlsmäßigen Ausweitung folgt die gedankliche Reaktion. In einer Übergangsphase von Gefühl zu Verstand wird das Wahrgenommene mit meinem vorherrschenden Weltbild, meinen (unbewussten) Erwartungen und meiner momentanen Stimmungslage abgeglichen. Dass mir Menschen auf dem Gehsteig entgegenkommen, passt zu meinem Weltbild und meinen Erwartungen und wirft somit weder gefühls- noch verstandesmäßig große Wellen – was anders wäre, wenn mir eine Giraffe entgegenstolzieren würde. Die sich jedoch aus meiner Stimmungslage heraus bildenden Gedanken erhalten nun zumindest fragmentarisch eine sprachliche Form: „Rücksichtslos, wie laut die sind!“ Und gleich darauf: „Den ganzen Gehsteig nehmen die in Beschlag.“ Und so verfestigt sich auch ein Urteil – in diesem Fall eine Verurteilung. Die emotionale Reaktion auf diese Gedanken ist spezifischer als die ursprüngliche instinktive Reaktion. Aus einem diffusen „unangenehm“ wird eine mittelschwere Empörung. Als Nächstes registriert mein Verstand vage eine Einschränkung meiner Bewegungsfreiheit für die kommenden Meter, was die Emotion „Kränkung“ auf den Plan ruft.4) Reaktives HandelnIch verlangsame unwillkürlich meinen Schritt und weiche den Entgegenkommenden ein wenig aus.Es folgt nun der zweite Akt:1) Input (über Augen, Ohren, Berührung und wieder Ohren)Der eine Jugendliche boxt den anderen spielerisch in den Arm, dieser macht einen Schritt zur Seite und rempelt mich dabei an. Ohne dass die zwei den Schritt verlangsamen, höre ich gerade noch ein gemurmeltes „Sorry“.2) Instinktive Reaktion und gefühlsmäßige AusweitungMein Instinkt meldet innert Sekundenbruchteilen: „äußerst unangenehm“ und mein Körper meldet ein Schmerzempfinden an der Schulter. Das „äußerst unangenehm“ wird gefühlsmäßig dominant.3) Gedankliche und emotionale Reaktion und Ich-Bezug„Das darf doch nicht wahr sein“, geht es mir durch den Kopf und die Empörung schießt noch weiter in die Höhe. Sie verbindet sich mit dem Eindruck, nicht beachtet und nicht ernst genommen zu werden, dringt tief in mich ein und erreicht einen Pegel, der kaum noch Raum für andere Gedanken und Emotionen lässt.4) Reaktives HandelnIch drehe mich um und rufe den beiden mit mühsam gedämpfter Wut hinterher: „Sagt mal, spinnt ihr?“5) GegenreaktionDaraufhin schaut einer der beiden Jugendlichen kurz zurück und zeigt mir den Mittelfinger.Üben in der MeditationDie Meditation ist sozusagen der geschützte Versuchsraum, in dem wir unser Verhalten auf Achtsamkeit hin trimmen können. Und zwar immer wieder, sodass immer tiefer geblickt und feiner unterschieden werden kann. Die Übungstätigkeit umfasst beinahe den ganzen oben geschilderten, allgemeinen Zyklus, vom Input über instinktiv-gefühlsmäßige, gedankliche und emotionale Reaktionen bis möglicherweise zu einem Handlungsimpuls. Nur die eigentliche Handlung findet nicht statt. In der Meditation fallen sinnliche Wahrnehmungen zwar größtenteils weg, Triebschübe und gedankliche Impulse gehen jedoch weiter – bloß unter klarerer Beobachtung. Nehmen wir ein Beispiel: Ich sitze in Stille und auf einmal dringt das Hupen eines Autos in meinen Wahrnehmungsraum. Wie reagiere ich? Vielleicht schrecke ich auf. Das zeigt mir, dass ich in diesem Augenblick nicht wach und empfangsbereit war. Oder ich empfinde Missmut und es kommt der Gedanke: „Ich will ja bloß in Stille sitzen und jetzt so was!“ Auch diese Reaktion registriere ich mit weit größerer Klarheit, als mir dies im raschlebigen Trubel des Alltags möglich wäre. Ein zweites Beispiel: Ich empfinde Hunger und es zeigen sich daraufhin Bilder eines köstlich gefüllten Tellers, dessen Inhalt ich sogar meine, riechen zu können. Ich sitze jedoch weiter regungslos in der Stille, atme bewusst und der Klammergriff des Essenstriebs lockert sich allmählich. Der Rahmen der Meditation ermöglicht es mir also, meine Gedanken und Triebe und die Reaktionen darauf in Ruhe zu beobachten. So lerne ich überhaupt erst meine Reaktionsweisen kennen und kann sie in der Folge (möglichst wohlwollend!) abwägen. Aus einer solchen Übung heraus gehe ich etwas besser gerüstet in den Alltag.Ferner üben wir in der Meditation, die Aufmerksamkeit über mehr als nur ein paar Sekunden auf einen Punkt gerichtet zu halten (klassischerweise den Atemfluss) und zu diesem bewusst zurückzukehren, sobald wir merken, dass uns Gedanken und Emotionen wegziehen. Wenn wir merken, dass uns etwas absorbiert und wir so die bewusste Verbindung zu uns selbst und unserem Körper verloren haben, holen wir uns aus der Absorption zurück. Wir üben auch, den Wachheitsgrad trotz Mangel an spannendem Input hochzuhalten und nicht in einen Dösezustand zu verfallen. Und schließlich zähmen wir mit dem Verweilen in Stille ohne Input von außen allmählich unsere Wahrnehmungsgier.Da ich jedoch, wie zweifellos die Mehrheit der Menschheit, im Lauf meines bisherigen Lebens weit mehr Zeit auf einer relativ tiefen Achtsamkeitsstufe als beim Üben eines höheren Grades von Achtsamkeit verbracht habe, werden naturgemäß die schon viel länger eingeprägten und wiederholten Muster aus dem meditationsfernen Alltag überwiegen. Deshalb sollten uns Rückfälle in altes Routineverhalten in unserem täglichen Leben trotz bester Vorsätze weder überraschen noch entmutigen. Die Devise lautet: dranbleiben.Üben im AlltagIch mache mich daran, eine Tasse Kaffee zuzubereiten, und nehme mir dabei vor, jeden Handlungsschritt bewusst auszuführen. Dadurch verlangsamt sich der gesamte Ablauf – es findet also Entschleunigung statt. Ich öffne den Schrank und nehme mit einer behutsamen Bewegung meine gewohnte Kaffeetasse heraus. Das Porzellan fühlt sich kühl und glatt in meiner Hand an. Es kommt ein Funke Freude hoch – der stärker wird, als mir beim Betrachten der Tasse in den Sinn kommt, dass Bekannte aus Warschau sie mir geschenkt haben. Dankbarkeit kommt hinzu und so weitet sich die Übung aus: Neben Achtsamkeit werden auch die Herzensqualitäten gestärkt. Die Kaffeemaschine wird ebenfalls in Ruhe betrachtet und auch hier gesellt sich Dankbarkeit hinzu – darüber, dass ich in Wohlstand lebe und mir so ein praktisches Gerät problemlos leisten kann. Die anhaltende Freude wird bereichert vom köstlichen Kaffeegeruch, als sich die Tasse allmählich füllt. Mit Bedacht hole ich die Zuckerdose aus dem Schrank, stelle sie behutsam nieder und schöpfe mir daraus meinen gewohnten Teelöffel Zucker. Auch das Umrühren erfolgt langsamer und aufmerksamer als sonst – spontan mache ich mit der Hüfte die gleiche Kreisbewegung wie mit der Hand und es entsteht ein kleiner Tanz (in diesem Augenblick bin ich froh, dass mir niemand zusieht). Mit einem Lächeln lege ich den Löffel zur Seite. Ich halte kurz inne und trinke dann den Kaffee mit Genuss.Die Geschichte der unachtsamen Variante ist rasch erzählt: Jeder Handgriff verläuft mit der geschmierten Automatik einer tausendfach ausgeführten Handlung. Alles geschieht hastig und in Gedanken bin ich bei weit wichtigeren und interessanteren Tätigkeiten. Weder Freude noch Dankbarkeit kommen auf und das Trinken erweist sich auch nicht als echter Genuss.Der Tagesablauf bietet uns unbeschränkt Stoff für derartige meditative Übungen. Weitere Beispiele und Anregungen finden Sie im übernächsten Kapitel.Hoher Achtsamkeitsgrad (Zielzustand)Kehren wir nun zu jenem bereits einmal durchgespielten Geschehnis auf dem Gehsteig zurück und nehmen wir an, mein Achtsamkeitsgrad – und parallel dazu das Mitgefühl mit mir selbst und anderen – habe sich dank regelmäßiger Übung zumindest etwas erhöht. Dann könnte das gleiche Ereignis wie folgt ablaufen:1) Input (über Augen und Ohren)Ich gehe auf einem relativ breiten Gehsteig. Dabei sehe ich, dass mir zwei Jugendliche entgegenkommen und höre, wie sie laut und lachend aufeinander einreden.2) Instinktive Reaktion und gefühlsmäßige AusweitungIch bin zwar mit etwas gedämpfter Stimmung unterwegs, aber das ausgelassene Lachen der zwei registriere ich als positiv.3) Gedankliche und emotionale Reaktion, Einordnung und kein unnötiger Ich-Bezug„Schön, wenn man sich so unbeschwert freuen kann“, denke ich. Und dieser Gedanke, im Speziellen die Worte „schön“ und „freuen“, lösen in mir selbst Freude aus. Da ich mit nur geringem eigenen Gedankenfluss unterwegs bin, haben diese neu ausgelösten Gedanken und die mit ihnen einhergehenden Emotionen mehr Platz, weniger „Konkurrenz“ und somit mehr Wirkkraft. Dank des freudvollen Impulses hellt sich meine Stimmungslage signifikant auf. Auf mich selbst beziehe ich das Herannahen und Lachen der Jugendlichen nicht (was der Realität wesentlich gerechter wird).4) Bewusstes Beobachten der inneren und äußeren VorgängeNeben der Freude beobachte ich in mir auch einen Anflug von Neid – auch ich wäre gerne so ausgelassen unterwegs. Gleich darauf registriere ich die Möglichkeit eines Zusammenstoßes auf den kommenden Metern, was in mir einen kurzen Schrecken auslöst. Meine Abschätzung der Lage führt jedoch zur raschen Beruhigung mit dem Gedanken: Ein Schritt zur Seite und die Gefahr dürfte gebannt sein.5) Bewusstes HandelnIch weiche den Entgegenkommenden ein wenig aus, blicke sie an und lächle ihnen zu.Und der zweite Akt:1) Input (über Augen, Ohren, Berührung und wieder Ohren)Der eine Jugendliche boxt den anderen spielerisch in den Arm, dieser macht einen Schritt zur Seite und rempelt mich dabei an. Er bleibt kurz stehen und sagt: „Sorry, alles o. k.?“.2) Instinktive Reaktion und gefühlsmäßige AusweitungMein Instinkt meldet sofort: „unangenehm“. Hinzu kommt ein kurzes Schmerzempfinden an der getroffenen Schulter. Gleich darauf dringt das „Sorry, alles o. k.?“ durch, worauf sich das „unangenehm“ in „angenehm“ kehrt.3) Gedankliche und emotionale ReaktionIch bin kurz aufgewühlt. Sogleich folgen die Gedanken „Schön, dass er sich entschuldigt“ und „Da war ja keine Absicht“. Erleichterung löst die Sekundenstarre ab.4) Bewusstes BeobachtenIch nehme das innere Auf und Ab wahr. Dann spüre ich in der getroffenen Schulter nach, aber der Schmerz ist bereits abgeklungen. Mein innerer Beobachter gibt vollständige Entwarnung.5) Bewusstes Handeln„Alles o. k., kein Problem.“ Ich bleibe daraufhin noch kurz stehen und blicke den beiden nach. Dann schüttle ich mit einem erneuten Lächeln den Kopf, atme tief durch und gehe weiter.Ich lade Sie ein, derartige Abläufe anhand simpler Vorkommnisse bei sich selbst nachzuvollziehen. Später lassen sich auch komplexere Geschehnisse auf diese Art entwirren.Was ist bei einem achtsamen Vorgehen (gekoppelt mit einer wohlwollenden Grundhaltung) anders? Zunächst gilt es festzuhalten: Eine instinktive Reaktion kommt immer, und sie wird immer von der aktuellen Stimmungslage mitgefärbt. Je positiver also die Grundstimmung, desto weniger oft und vor allem weniger stark kommt es zur Meldung „unangenehm“. Hier setzen nun die Unterschiede ein: Bei einem höheren Wachheitsgrad können wir die instinktive Reaktion auf das Wahrgenommene bewusst erkennen. Dies ist möglich, weil Input und unmittelbare Reaktion aus einer größeren inneren Distanz betrachtet werden. Das (bloß Sekundenbruchteile andauernde) Innehalten, das ein bewusstes Erkennen ermöglicht, führt auch dazu, dass sich der darauffolgende Ablauf entschleunigt. Wir registrieren das Wahrgenommene grundsätzlich mit Akzeptanz (als ein nicht rückgängig zu machendes Faktum) und ohne Urteil, es sei denn, die Situation verlangt von uns eine Wertung oder Entscheidung. Wenn nötig, bringen wir das Wahrgenommene gedanklich auf die Reihe, um größtmögliche Klarheit zu schaffen. Einen Selbstbezug stellen wir nur her, wenn dies von der Sache her gerechtfertigt ist (wenn uns etwa jemand direkt anspricht). Wir wägen ab und entscheiden dann bewusst, ob ein Handeln bzw. Sprechen angebracht ist und, wenn ja, auf welche Art. Und ist die Episode zu Ende, lassen wir sie gefühlsmäßig nachklingen (insbesondere wenn die Emotionen hochgingen), bevor wir sie ganz loslassen. Um dann empfänglich zu sein für den nächsten Input.Nach all der geleisteten Vorarbeit lässt sich, so meine ich, nun der Versuch einer Definition von Achtsamkeit wagen:Achtsamkeit = Entschleunigung + ungeteilte Aufmerksamkeit + angepasste innere Distanz + Wohlwollen + Nichturteilen (Akzeptanz des Augenblicks)Zwei Fragen, die erfahrungsgemäß in Zusammenhang mit einer derart verstandenen Achtsamkeit auftauchen, möchte ich an dieser Stelle aufgreifen. Die erste lautet: Führt eine generelle Akzeptanz nicht zu einer Passivität bzw. zu einer Akzeptanz von Inakzeptablem? Nein, denn akzeptiert wird nur das, was bis zu diesem Augenblick geschehen bzw. geworden ist. Akzeptanz ist somit Realismus pur, denn die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, um dem Augenblick eine andere Gestalt zu geben. Aber erkennen und annehmen, was gerade jetzt ist, hindert mich nicht daran, im nächsten Augenblick zu handeln und so den Fluss der Dinge in eine andere, eine wünschenswertere Richtung zu lenken.Und die zweite Frage lautet: Geht bei achtsamem Tun nicht die Spontaneität verloren? Nein, im Gegenteil. Denn spontan ist nicht dasselbe wie automatisch. Eine rasche Reaktion aus automatisierten, kaum bewussten Mustern heraus ist keine spontane Reaktion. Je weniger bewusst eine handelnde Person ist, desto unfreier und verstrickter ist sie, während Spontaneität am ehesten in einem aus Verstrickungen befreiten Zustand aufblüht (man fühlt sich leicht). Wenn durch Verlangsamung oder ein kurzes Innehalten die Automatismen durchbrochen werden, löst sich etwas in uns und kreative Kräfte aus der Tiefe können wirksam werden. Es öffnet sich also ein Kanal für Spontaneität. Und schließlich geht, wie bereits mehrfach angesprochen, eine Haltung der Achtsamkeit mit einer Haltung des Wohlwollens einher. Dieses Wohlwollen bietet weitgehend Gewähr dafür, dass nicht nur vorsichtig abgewogene, sondern auch spontane Worte oder Taten aus einem Zustand der Achtsamkeit heraus kein Leiden verursachen.Man ist nicht einfach „achtsam“ oder „unachtsam“. Die Unterscheidung bewegt sich vielmehr entlang einer Skala. Unsere Aufmerksamkeit kann von diffus bis gestochen scharf reichen. Von Achtsamkeit spricht man generell in den höheren Bereichen dieser Skala. Zum Abschluss möchte ich den Begriff Achtsamkeit noch auf eine andere Art gliedern. Hierbei geht es um die Weite des Bildwinkels bzw. die Tiefenschärfe. Dies lässt sich am einfachsten veranschaulichen, wenn wir unsere Aufmerksamkeit mit einer Filmkamera samt Zoomfunktion vergleichen.Fokus der Achtsamkeit: von Tele bis WeitwinkelTeleeinstellung. Der Fokus ist ausschließlich auf eine Sache, Handlung, Regung, Bewegung oder Begegnung gerichtet. Alles Übrige, wenn überhaupt im Bild eingefangen, wird bloß verschwommen wahrgenommen.Wechselnder Fokus und Zoom. Die Wahrnehmung wird bewusst hin und her gelenkt zwischen dem momentanen Vorgang, der Umgebung und der eigenen Befindlichkeit. Variante 2 des Zwischenfalls auf dem Gehsteig ist ein Beispiel für bewusst gesteuerte Aufmerksamkeit, während es sich bei Variante 1 um ungesteuerte Aufmerksamkeitsbewegungen handelt. Überhaupt sind Spaziergänge ein gutes Beispiel für einen in einem überschaubaren Rahmen wechselnden Fokus. Mal betrachten wir einen Baum auf der angrenzenden Wiese (mittlere Weite), dann unsere Reaktion darauf (Nähe) und daraufhin die Wolkenformationen am Himmel (Distanz und große Weite).Weitwinkeleinstellung. Die Wahrnehmung ist geräumig. Im Äußeren stellt sie sich beispielsweise ein, wenn wir von oben herab auf eine Partygesellschaft mit vielen Leuten blicken und den Rhythmus, in dem sich wechselweise Paare und Kleingruppen bilden und wieder auflösen, beobachten (ohne an einzelne Personen heranzuzoomen).Eine spezielle, etwas fortgeschrittene Spielart dieser Einstellung besteht darin, sich selbst gedanklich und gefühlsmäßig in das Gesamtbild einzufügen. Man ist dann gleichzeitig Handelnder, Beobachter und einer von mehreren aus der Distanz Beobachteten. Dies ist schwierig, denn wir müssen dabei unsere angeborene Egozentrik stark reduzieren (wir sind immer noch im Zentrum des Bildes, aber nur noch als eine relativ kleine Figur unter anderen). Je länger wir diese Einstellung durchhalten, desto deutlicher sehen wir jedoch unsere wirkliche Situation. Wir erkennen erstens, dass wir in ein Geflecht von sich permanent entwickelnden Beziehungen und Vorgängen eingebunden sind. Und zweitens (nach noch mehr Übung) erkennen wir, wo und wie stark die einzelnen Verflechtungen sich auf unser Tun und Lassen auswirken.Zur Übung der Achtsamkeit gehört es in diesem Zusammenhang, den Fokus bewusst, und zwar situationsgerecht, einzustellen. Ein auf ein einziges Phänomen gerichteter Fokus (Tele) ist angebracht, wenn wir jemandem aufmerksam zuhören wollen. Eine distanzierte Einstellung (Weitwinkel) wiederum ist bei chaotischen oder spannungsgeladenen Situationen oder bei schmerzlichen Erinnerungen empfehlenswert. Wir lassen dann das Wahrnehmungsfeld weit werden und es bildet sich ein schützender Abstand zwischen uns selbst und dem, was wir wahrnehmen.Bei geringer Achtsamkeit hingegen ist es wie mit einer Filmkamera, die sich selbstständig gemacht hat. Sie hat dann die Kontrolle über den Kameramann, anstatt dass dieser die Kamera bewusst führt.Ein anderer, sehr ausdrucksstarker Begriff für Achtsamkeit ist Geistesgegenwart. Das Gegenteil von Geistesgegenwart ist der Fall, wenn wir geistig abwesend sind. Dann schwirrt unser Geist zwischen selbst retuschierten und vervollständigten Bildern der Vergangenheit und selbst ausgestalteten Zukunftsbildern umher. Dazwischen hängt er sich an etwas, beispielsweise eine gehörte Aussage, und lässt sich von dort in Welten treiben, wo sich Realität und Fantasie mischen. Und all dies wird als Normalität pur empfunden. Unser Körper wiederum ist zwar dauernd anwesend, fristet aber in Phasen der Geistesabwesenheit ein unbeachtetes Dasein. Dies ergibt eine Gespaltenheit, die selten als solche erkannt, aber doch als ein leichtes Unwohlsein, ein leichtes Unzufriedensein (mit sich selbst nicht in Frieden sein) empfunden wird. Bei einem Dasein in Geistesgegenwart sind Körper und Geist wiedervereint. Und schließlich weist das Wort auf eine weitere Dimension hin: Es ist – so wird angedeutet – ein größerer als nur der eigene kleine Geist anwesend und wirksam.2.3.2 Einüben der HerzensqualitätenIn diesem Kapitel wenden wir uns nun dem zweiten Flügel des Vogels zu, der sich nach Kraft für Flüge jenseits seines üblichen Reviers sehnt. Das Bild aus dem vorhergehenden Kapitel macht deutlich, dass nur ein gleichzeitiges Stärken der Achtsamkeit und der Herzensqualitäten sinnvoll ist, denn kein Vogel kann mit nur einem Flügel fliegen. Im Folgenden wird zunächst eine Liste von Herzensqualitäten vorgeschlagen und beleuchtet. Danach werden meditative Übungen vorgestellt, mit denen sich diese Qualitäten, die latent in uns allen vorhanden sind, an die Oberfläche bringen und stärken lassen, um im Alltag wirksamer zu werden. Die Liste der Herzensqualitäten könnte weniger oder auch mehr Begriffe umfassen, je nachdem, wie fein differenziert wird. Ich habe mich für Folgende entschieden:Mitgefühl, Güte, Vergebungsbereitschaft, Vertrauen, Mut, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Demut, Wahrhaftigkeit, Langmut und TreueEs sollen dabei sowohl Eigenschaften (die im Hintergrund dauernd präsent und potenziell abrufbar sind) als auch deren Konkretisierungen zum Ausdruck gebracht werden. So lässt sich Mitgefühl beispielsweise als eine Konkretisierung von Güte verstehen und Vergebung wäre die Konkretisierung von Vergebungsbereitschaft. Zeige ich in einer Situation Geduld, obwohl mir etwas unter den Nägeln brennt, ist das ein Ausdruck von Langmut. Mit „Vertrauen“ ist ein Ur- oder Grundvertrauen gemeint; das, was im religiösen Kontext „Glaube“ genannt wird. Allerdings nicht bloß ein im Kopf lokalisierter Glaube, wo Glaubenssätze für wahr gehalten werden. Sondern ein Glaube im Herzen, der unser gesamtes Lebensgefühl mit einer Vertrauensschicht färbt. Unter „Demut“ verstehe ich eine realistische Haltung gegenüber unserer Stellung im Kosmos (wir machen uns dabei weder zu klein noch zu groß) sowie zu dem, was wir wissen und was wir nicht wissen können; zusammen mit dem Vertrauen kann dies zu einer großen Gelassenheit führen. Die übrigen Begriffe brauchen meines Erachtens keine weitere Erklärung.Beim Durchgehen der aufgelisteten Qualitäten merken Sie es wohl selbst: Scharf voneinander abgrenzen lassen sie sich nicht. Denn sie sind alle im Grunde genommen Ausprägungen einer Qualität: der Liebe. Sie zweifeln? Versetzen Sie sich zurück in einen Zeitpunkt, in dem Sie so richtig verliebt waren. Wären Sie da nicht bereit gewesen, für die geliebte Person enorm viel zu wagen (Mut), enorm viel Nachsicht zu zeigen (Vergebungsbereitschaft), wenn nötig stundenlang auf sie zu warten (Langmut), ihr alles Mögliche zu schenken (Großzügigkeit)? Stellen Sie sich nun vor, diese Verliebtheit wäre nicht bloß auf eine Person gerichtet, sondern auf alle Menschen (inklusive sich selbst), alle Lebewesen, ja den gesamten Kosmos. Um zu verhindern, dass diese Verliebtheit bzw. Liebe blind ist oder blind macht, muss jedoch ein genügend hoher Grad an Bewusstsein hinzukommen. Damit wären wir wieder bei den zwei Flügeln, die ein Vogel braucht, um fliegen zu können.Trotz der Urverwandtschaft all dieser Eigenschaften ist es sinnvoll, mit den oben aufgeführten Unterscheidungen zu arbeiten. Denn bei jedem von uns sind manche der genannten Qualitäten stärker entwickelt als andere. Bei ehrlicher und eingehender Betrachtung kann uns die Liste somit die eine oder andere schwächer ausgeprägte Herzensqualität vor Augen führen, bei der etwas mehr Übungsbedarf besteht.Im Folgenden werden wir exemplarisch Mitgefühl, Vergebungsbereitschaft und Mut beleuchten; das Erste ausführlich, die zwei anderen in knapper Form. Zur Dankbarkeit wird anderswo Stellung genommen (siehe S. 268), ebenso zur Demut (S. 455–457). Und da, wie gesagt, alle diese Qualitäten aus der gleichen Quelle stammen, lassen sich zu den hier nicht weiter ausgeführten Herzensattributen in Analogie und mit einer Portion Fantasie eigenständig Überlegungen anstellen und Übungen kreieren.MitgefühlEine einfache Formel soll klarmachen, was hier unter „Mitgefühl“ verstanden wird:Mitgefühl = Empathie plus Wohlwollen.Ein anderes Wort für Empathie ist Einfühlung. Je stärker unser Einfühlungsvermögen ist, desto stärker die Fähigkeit, in Resonanz das zu übernehmen, was andere in diesem Moment fühlen. Resonanz allein genügt jedoch nicht: Wenn ich mit jemandem, der in Panik geraten ist, in Resonanz trete (mich also einfühle), wird die Panik zumindest in den ersten Sekunden auf mich überschwappen. Damit ist niemandem geholfen. Mit Wohlwollen jedoch kommt auch der Wille, zum Wohle des anderen beizutragen, als Zusatzelement ins Spiel. Dies ermöglicht es mir, mit der notwendigen Distanz zur mitempfundenen Emotion aktiv zu werden. So verringere ich die Gefahr, durch die Intensität dessen, was ich empathisch übernehme, überfordert zu sein, oder andererseits vom Einfühlen in Beschlag genommen und ausgenutzt zu werden.Die Grundvoraussetzung für jedes echte und wirksame Mitgefühl mit anderen ist Mitgefühl mit sich selbst. Es wird berichtet, dass der Dalai Lama, als er neu in den Westen kam, erstaunt darüber gewesen sei, wie viel Selbstablehnung die Leute hier mit sich herumtrugen. Diese Selbstablehnung kommt wohl daher, dass viele Menschen in unserer Kultur ihr Selbstwertgefühl nicht nur stark an Leistung und/oder soziale Stellung koppeln, sondern diesbezüglich auch einen äußerst strengen Maßstab anlegen: Die Leistung muss möglichst perfekt sein bzw. ich muss klar erkennbar aus der Masse herausragen. Und doch: Denken Sie an ein neugeborenes Baby. Muss es seine Kostbarkeit durch irgendeine Leistung unter Beweis stellen? Und ist es denn möglich, diesen intrinsischen Wert im Lauf des Lebens zu verlieren? Oder führen Sie sich vor Augen, wie Menschen auf der ganzen Welt instinktiv und mit allergrößtem Einsatz versuchen, Suizidwillige von ihrem Vorhaben abzubringen. Man überlegt nicht erst, ob dies nun ein guter oder schlechter, ein leistungsstarker oder leistungsschwacher Mensch sei. Das Wissen um den innewohnenden Wert jeder Person ist zutiefst in uns verankert. Dies macht sich zwar im Alltag nicht immer, in einer Notsituation der betreffenden Person aber sehr wohl bemerkbar.Anstatt den Prozess des Reifens mit einem Weg zu vergleichen, können wir auch ein anderes Bild verwenden. Stellen Sie sich einen mit Dreck, Staub und verkrusteter Erde überdeckten Diamanten vor. Der Diamant steht für unser wahres Wesen und bringt damit unseren wahren Wert zum Ausdruck. Wir müssen uns unseren Wert also nicht verdienen, wir müssen ihn bloß wieder zum Vorschein bringen. Unser Reifeprozess besteht darin, die Krusten der Verunreinigungen allmählich aufzulockern, sodass sie sich wegschwemmen lassen. Diese Verunreinigungen sind von verschiedener Art und haben verschiedene Namen: Ignoranz (über unser wahres Wesen), Begierde nach allen möglichen äußeren Phänomenen; Hass, Neid, Lüge, Verstellung – eben alles, was dunkel ist und verdunkelt, was also das Gegenteil von Transparenz und Leuchtkraft darstellt. Zur Arbeit an uns selbst angestoßen werden wir durch Ausnahmesituationen, in denen der Panzer der verdeckenden Schichten durchdrungen wird, oder durch ein kurzes, unerwartetes Funkeln durch diese Schichten hindurch, durch das wir plötzlich etwas vom inneren Diamanten wahrnehmen. Dabei ist die Meditation eine große Hilfe, denn durch sie fallen Ablenkungen weg. Während wir durch den Blick nach innen statt nach außen zwar die Verkrustungen und den Schmutz deutlicher wahrnehmen, dringen doch immer wieder Lichtstrahlen von unterhalb dieser Schichten in unser Bewusstsein. Das wiederum dient als Motivation, um die Klärungs- und Lösungsarbeit fortzusetzen.Es gehört aber zur Conditio humana, dass wir Bestätigung unseres Wertes auch von außen benötigen. Jack Kornfield (geb. 1945), der große amerikanische Lehrer buddhistischer Weisheit, erzählt von einer High-School-Lehrerin, die an einem Nachmittag, als ihre 16- bis 17-jährigen Schützlinge besonders unruhig waren, den Normalunterricht abbrach und stattdessen alle eine Liste mit den Namen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler erstellen ließ. Dann wies sie sie an, hinter jedem Namen eine Eigenschaft, die sie an dieser Person besonders mochten oder bewunderten, aufzuführen. Am Ende sammelte sie die Blätter ein. Einige Wochen darauf, ebenfalls zu einem Zeitpunkt, als die Stimmung gereizt war, verteilte sie an jeden Schüler und jede Schülerin eine persönlich zusammengestellte Liste mit all jenen positiven Eigenschaften, die ihnen von ihren Klassenkameradinnen und Kameraden zuerkannt worden waren. Es folgten Ausrufe der Überraschung und Freude, ja der Entzückung über die vielen guten Wesensmerkmale, die jeder und jede über sich aufgelistet sah.Die wahre Geschichte geht aber noch weiter. Drei Jahre später erhielt die Lehrerin einen Anruf von der Mutter eines ehemaligen Schülers aus dieser Klasse. Der junge Mann war nach Ende seiner Schulzeit zur Armee gegangen und kurz darauf bei einem Einsatz im Irak ums Leben gekommen. Die Mutter lud die Lehrerin zur Abdankung ein. Nach Ende der Zeremonie trat die Mutter auf die Lehrerin zu und zeigte ihr ein zerknittertes Blatt Papier. Es war jene Liste mit den guten Eigenschaften, die ihm seine Altersgenossen attestiert hatten. Das Blatt gehörte zu den wenigen Habseligkeiten, die der junge Soldat bei sich trug, als man seinen Leichnam barg. In dem Moment trat eine ehemalige Klassenkameradin hinzu und erklärte etwas verlegen, dass auch sie diese Liste immer in ihrer Handtasche habe. Und eine weitere verriet, dass bei ihrer Trauung Worte der Wertschätzung aus dieser Liste in ihr Ehegelübde eingeflossen seien.44Aus einem gesunden (nicht überheblichen) Selbstwertgefühl heraus drängt es uns geradezu, das Mitgefühl auf andere auszudehnen. Aber tun wir das nicht bereits? Sicherlich längst nicht in jedem Augenblick, aber ich wage zu behaupten, dass Sie ein Buch wie dieses nicht in die Hand nehmen würden, wenn Sie nicht ein Mensch mit ordentlich entwickeltem Einfühlungsvermögen und Wohlwollen wären. Es geht nun darum, von diesem „ordentlich“ aus weiter voranzuschreiten. Vergleichen wir hierzu, wie bei der Achtsamkeit im Kapitel zuvor, den „Normalzustand“ mit einem Zielzustand.NormalzustandMit den meisten Menschen in unserem familiären Umfeld sowie mit einigen im beruflichen Umkreis und darüber hinaus spüren wir eine tief verankerte und wenig von Tagesemotionen abhängige Verbundenheit. Vielfach geht diese auch mit Zuneigung einher, die zwar nach Streitigkeiten kurz aussetzen kann, aber – da die Zuneigung mehr als nur emotional bedingt ist – später wieder zum Vorschein kommt. Diese Menschen gehören hier zur Kategorie 1. Im Allgemeinen fällt es uns nicht schwer, Personen aus dieser Kategorie Mitgefühl zukommen zu lassen. Die Verbundenheit mit ihnen besteht jedoch nicht nur aus Zuneigung. Hinzu kommen meist ein subtiles Besitzgefühl oder umgekehrt ein Gefühl von Abhängigkeit. Ein Gefühl der Verbundenheit auf Distanz nimmt oft die Form von Bewunderung an. In all diesen Fällen bildet zudem die empfundene Verbindung auch einen Teil unserer Identität. Dies lässt sich leicht testen: Fühlen Sie sich selbst angegriffen, wenn die betreffende Person angegriffen wird, so trifft die Vereinnahmung zu Identitätszwecken zu. Außerdem kommt ein gewisses Maß an Eifersucht auf, wenn die betreffende Person sich allzu stark anderen Menschen zuwendet.Gerade in unserem Verhältnis zu Menschen, die wir ursprünglich zu dieser Kategorie zählten, kann es jedoch zu Brüchen oder zu einem anhaltenden Erkalten der Zuneigung kommen. Beispiele von Familienzwisten, Ehescheidungen, abgestumpften Paarbeziehungen oder dauerhafter Entzweiung bei einer beruflichen Beziehung sind uns allen bekannt. Daraufhin kann es sehr schwierig werden, Mitgefühl zu entwickeln, wenn es die Situation eigentlich erfordern würde, denn die betreffende Person befindet sich inzwischen in der „schwierigsten“ Gruppe (Kategorie 5).Kategorie 2 umfasst Menschen, die für eine kurze Zeit auf unserem Radar auftauchen und in unserem Leben eine als angenehm oder nützlich empfundene Rolle spielen. Eine solche kurzzeitige Verbundenheit kann mit spontaner Zuneigung einhergehen (beispielsweise aufgrund eines anregenden Gesprächs mit einer fremden Person während einer längeren Zugfahrt). Ferner kann es aus Nützlichkeitsdenken zu einer Verbindung kommen (wenn ich etwa einen Mechaniker bitte, mein Auto auf Mängel hin zu untersuchen, mit ihm am Tag darauf über sinnvolle Reparaturmaßnahmen diskutiere und eine Woche später die Resultate mit ihm begutachte). Hier ist die Verbindung vorwiegend rationaler Natur. Entwickeln wir gegenüber Menschen dieser Kategorie Mitgefühl? Es könnte sich beispielsweise darin äußern, dass wir ihnen aufmerksam und im wörtlichen Sinn zugewandt zuhören. Und damit mehr aufzunehmen bereit sind, als bloß das, was uns interessiert oder wir an Information benötigen.Den allermeisten Menschen, denen wir flüchtig begegnen (einer Kassiererin im Supermarkt zum Beispiel) oder die ganz kurz in den Fokus unserer Aufmerksamkeit geraten (Menschen etwa, über die wir einmal in einem Zeitungsbericht lesen), begegnen wir de facto mit annähernder Gleichgültigkeit (Kategorie 3). Natürlich kann eine minimale oder nur ganz kurz aufflackernde affektive oder gedankliche Zuwendung stattfinden, aber diese vergeht sehr rasch wieder, ohne eine merkliche Spur zu hinterlassen. Zu einem Mitgefühl, das etwas bewegt, wird es kaum kommen.Kategorie 4 umfasst jene Personen, denen gegenüber bei uns kurzzeitlich Abneigung (Hass, Neid, Wut, Widerwillen, Verachtung usw.) aufflammt und mit deren Verschwinden aus unserem Leben wieder vergeht. Um an eines der obigen Beispiele anzuknüpfen, können wir uns einen Sitznachbarn auf einer Zugreise vorstellen, der penetrant, aufdringlich oder furchtbar langweilig auf uns einredet. Mitgefühl? Fehlanzeige.Und Kategorie 5 schließlich umfasst diejenigen Menschen, gegen die wir einen tiefsitzenden und langandauernden Groll hegen. Das sind meist Menschen, denen wir die Schuld an unserem eigenen Leid zuschreiben. Würden wir Einzelnen von ihnen mehr als nur ein kurz aufleuchtendes Quantum an Mitgefühl entgegenbringen, wären sie nicht mehr in dieser Kategorie. Würden wir ihnen allen Empathie und Wohlwollen zukommen lassen, gäbe es diese ganze Kategorie in unserem Leben nicht mehr.Üben in der Meditation (und darüber hinaus)Für die ersten Schritte eignet sich, wie bei der Achtsamkeit, der Rahmen einer formellen Meditation am besten – dort, wo wir eingebettet in Stille und frei von Zeitdruck üben können. Wenn uns die Übungen vertrauter geworden sind, können wir sie auch spontan in Alltagssituationen einbauen.Zunächst geht es um eine liebevolle Güte uns selbst gegenüber. Alle Übungen beginnen wir mit einem Blick auf unsere gegenwärtige Gemütslage. Bin ich gerade unruhig, genervt, unter Stress oder gelangweilt, dumpf, traurig oder sehnsüchtig, erwartungsvoll oder gelassen? Oder finde ich verschiedene Elemente dieser Stimmungslage vor, von denen manchmal das eine, manchmal das andere an die Oberfläche vorstößt? Der erste Teil der Übung besteht stets darin, im Verbund mit dem bewussten Atmen hinzusehen und hinzuspüren; das, was ist, zu akzeptieren und ihm wenn möglich zuzulächeln. Wie bei einem chemischen Vorgang, bei dem ich eine neue Ingredienz hinzufüge, wird das allein schon den ganzen Mix verändern. Und zwar in Richtung von Entspannung und Beruhigung. Dann spreche ich innerlich das, was mir am angebrachtesten scheint. Es kann als Zuspruch oder Gebet formuliert werden. Hier ein paar Sätze zur Auswahl:Möge ich Ruhe finden. Möge ich Trost finden. Ich wünsche mir Frieden. Ich bitte um Vertrauen. Danke, dass ich Geduld habe mit … (Person oder Situation benennen).Passt keiner dieser Sätze, sollte es Ihnen anhand der Beispiele leicht fallen, andere zu formulieren, die inhaltlich und in der Tonlage besser auf Ihre Situation abgestimmt sind. Halten Sie die Sätze möglichst kurz und einfach. Und bauen Sie keine Negation ein (etwa im Stil von „Möge ich nicht dauernd wütend werden“). Die Worte sind ja nicht an den Verstand gerichtet, sondern an das Herz, die Seele, das Gefühl und das Gemüt bzw. an das Umfassende, an Gott. Beim obigen Beispiel würde sich bei Ihnen vor allem das Wort „wütend“ einnisten. Mit der steten Wiederholung im meditativen Rahmen stellen wir fest, dass die Worte als solche nach einer Weile „zerfließen“. Spürbar bleibt ein – zumindest kurz anhaltender – innerer Wandel.Das Einüben von liebevoller Güte anderen gegenüber verläuft ähnlich. Anstatt mit dem Einfühlen in mich selbst beginne ich hier mit einer Visualisierung der betreffenden Person und der Identifizierung der Gefühle, die dabei hochkommen. Ich benenne und akzeptiere sie als das, was sie sind. Danach wiederhole ich im Verbund mit dem Atem meinen Zuspruch bzw. mein Gebet. Etwa:Mögest du Trost finden. Mögest du einen guten Weg finden. Mögest du glücklich sein. Mögen du und ich Frieden finden. Danke, dass es dich gibt.Selbstverständlich fällt uns dies gegenüber Menschen der garstigen Kategorien (4 und 5) zunächst wesentlich schwerer als gegenüber jenen, denen wir bereits wohlgesonnen sind. Wenn direkte Visualisierung allzu starken Widerwillen hervorruft, können wir zu Hilfsvisualisierungen greifen. Wir stellen uns dann die betreffende Person beispielsweise als schutzloses Kind vor, das wir in den Armen halten. In den meisten Fällen werden Sie überrascht sein, wie schnell die gefühlsmäßigen Barrieren im Lauf einer solchen Übung sich zu lockern beginnen. Natürlich kommen die alten Ressentiments nach Beendigung der Übung wieder hoch. Es braucht Wiederholung – bei der sich die Sätze vom Kopf ins Herz verschieben – und Ausdauer, um das Mauerwerk der Gefühle, das uns trennt, allmählich abzutragen. Aber die kleine Übung als einzelner Schritt fordert uns nichts Übermenschliches ab.Zwei weitere Übungen zum Mitgefühl, diesmal außerhalb des formellen Meditationsrahmens, möchte ich Ihnen noch nahelegen. Die erste lässt sich dann ausführen, wenn ich mich unter Menschen befinde, beispielsweise als Pendler in einem Zug. Ich betrachte die Personen um mich herum (unauffällig, natürlich) und versuche, in jedem Gesicht etwas Schönes zu finden. Daraufhin lasse ich die dabei aufkommenden Gefühle nachklingen.Bei der zweiten (meiner Lieblingsübung in diesem Zusammenhang) betrachte ich ebenfalls Menschen um mich herum und sage innerlich zu mir: Das bin auch ich. Auch hier spüre ich am Ende nach. Im ersten Moment erscheint die Übung widersinnig – und doch ist sie kraftvoll, weil sie mit einer Bewegung die Grenzen unseres Alltagsverstandes aushebelt und somit überwindet. Verstandes- und erfahrungsmäßig sind die andere Person und ich zwei getrennte Individuen, und doch kann aus dieser Übung heraus in mir ein tiefliegendes, beglückendes, aber niemals rational erklärbares Gefühl der Verbundenheit bzw. der Einheit erwachen. Es ist, wie wenn die Hand zum Fuß blicken und sagen würde: „Das bin auch ich.“ Oberflächlich gesehen ist es Unsinn, im tieferen Sinn (sie gehören beide dem gleichen Körper an) ist es eine Anerkennung der Realität. Probieren Sie es aus.ZielzustandDas Ziel muss hochgesteckt sein. Denn der Weg ist ein lebenslanger, und wenn ich etwas, das de facto ein Zwischenziel darstellt, zum Endziel erklären würde, hieße das stehenbleiben, obwohl noch eine Wegstrecke vor uns liegt. Beim Mitgefühl lässt sich das Endziel etwa so formulieren: eine Haltung von universeller Güte und universellem Wohlwollen ohne Anhaftung. Aus einer solchen Grundhaltung heraus kann sich Mitgefühl jederzeit konkret äußern, wenn die Situation es erfordert. Im Fall von uns nahestehenden Personen geschieht dies ohne Inbesitznahme; das heißt, wir gewähren unserem jeweiligen Gegenüber die Freiheit bei der Lebensgestaltung nicht nur äußerlich, sondern auch gefühlsmäßig (was diese Person spüren wird). Auch Eifersucht tritt dann nicht mehr in Erscheinung, wenn eine Person, die wir mögen, sich anderen stärker zuwendet als uns. Ferner vermitteln wir selbst bei flüchtigen Begegnungen niemandem das Gefühl, er oder sie sei uns gleichgültig. Bei jeder Begegnung wird unser Mitgefühl aktiviert, danach legen wir es aber wieder zur Ruhe, damit wir für die nächste Begegnung aufnahmebereit und am Ende des Tages gefühlsmäßig nicht ausgebrannt sind. Im Fall von Personen, die wir nicht mögen, die uns verletzt oder hintergangen haben, braucht es den Blick durch die (Widerwillen hervorrufende) Oberfläche hindurch zu deren verletztem Innern, um die Abneigung zu verringern und bei Bedarf jenes Maß an Mitgefühl zu entwickeln, das Gutes bewirkt.Wenn wir uns dieses Ziel in seiner ganzen Tragweite vor Augen halten (nehmen Sie sich dafür ein paar Sekunden Zeit), scheint es uns wohl tatsächlich in fast unerreichbar weiter Ferne zu liegen. Lassen wir uns aber vom Ideal nicht abschrecken. Jeder Schritt in die gute Richtung bewirkt bereits ganz konkret Gutes. Denken Sie zudem zurück an das Bild des von Verunreinigungen überdeckten Diamanten. Wenn unser eigenes tiefstes Wesen wie ein Diamant beständig ist und dort, wo er nicht überdeckt ist, Licht vermittelt, so trifft dies natürlich auf alle anderen Menschen gleichermaßen zu. Dieses Bild bei einer unangenehmen Begegnung beizuziehen, kann hilfreich sein. Hilfreich ist ferner der Begriff Nächstenliebe. Er weist mich darauf hin, dass ich nicht gleich die ganze Welt umarmen und retten muss. Die Liebe soll derjenigen Person gelten, die mir jetzt am nächsten ist. Also der Person, mit der ich es gerade zu tun habe.In einem solchen Bemühen ist es überdies wichtig zu wissen, dass wir nicht allein sind. Wir können uns eine zeitlose „Gemeinschaft des Mitgefühls“ als Kraftquelle vorstellen (es gibt sie, auch wenn wir sie uns nicht vorstellen). Jesus, Buddha, Mutter Teresa und der Dalai Lama gehören zu den universell bekannten Figuren dieser Gemeinschaft, aber wir alle kennen (hoffentlich) auch Menschen in unserem Umkreis, die uns mit ihrem gelebten Einfühlungsvermögen und Wohlwollen inspirieren können.Und schließlich gehört es zum Ziel, dass die verschiedenen Kategorien, in die wir unbewusst und gefühlsmäßig Menschen einteilen, mit der Zeit immer mehr schwinden. Was wiederum zu einer enorm erleichternden Vereinfachung unseres Gefühlslebens führt.VergebungsbereitschaftVieles, das bereits zum Mitgefühl gesagt wurde, lässt sich analog auf den Themenbereich Vergebung anwenden. Die zwei hängen eng zusammen und benötigen einander. Um etwa einen langgehegten Groll abzubauen, braucht es neben Einfühlen und Wohlwollen vielfach auch Vergebung dessen, was uns angetan wurde.Vergebung bedeutet weder Vergessen noch Gutheißen von vergangenem Unrecht (oder dem, was als Unrecht empfunden wird). Es bedeutet, die mit diesem Sachverhalt verknüpften Barrieren aus negativen Gefühlen – Nichtakzeptanz, Schuldzuweisungen und Ressentiments – aufzuweichen und durchlässig werden und schließlich ganz von uns abfallen zu lassen. Der Prozess muss bis zum Schluss im Auge behalten werden, denn aufgeweichte Gefühle, die nicht vollständig losgelassen werden, können sich rasch wieder verhärten. Die Wurzel des Wortes „vergeben“ ist „geben“ (engl. for-give, franz. par-donner). Wenn wir vergeben, reichen wir der Person, die uns verletzt hat, (und uns selbst) eine kostbare Gabe.NormalzustandIn uns befindet sich ein Stück innerer Verhärtung, die Unversöhntheit heißt. Da sie sich eigentlich nur gegen einzelne Personen, vielleicht sogar nur gegen eine einzige Person richtet, verharrt sie meist unter der Oberfläche und ist nicht unbedingt alltagswirksam. Und doch beeinflusst sie nicht nur unser gesamtes Lebensgefühl, sie kann auch in Situationen, in denen die „schuldige“ Person gar nicht involviert ist, zu einem Wirkfaktor werden.Oder wir tragen eine Last von Schuldgefühlen mit uns herum, einen mehr oder minder schweren Rucksack an Unvergebenem. Auch dieser kann unserem ganzen Lebensgefühl einen dunkleren Anstrich geben. Eine solche Belastung durch Schuld kann ein Gefühl erzeugen, wonach ich selbst oder das Leben mich bestrafen müssten. Oder wonach ich mein wahres Wesen verstecken müsste (als ob meine Schuld darauf gebrandmarkt und ohne eine Maske für alle sichtbar wäre) und der Welt nur noch eine Rolle vorspielen dürfte.Üben in der Meditation (und darüber hinaus)Vergeben bzw. um Vergebung bitten geschieht von Mensch zu Mensch. In der Meditation lässt sich jedoch der Boden für einen solchen Akt vorbereiten. Wie immer in Stille und in Verbindung mit dem Atemfluss sage ich innerlich etwas in folgender Art:Vergebung gewähren:… (Name nennen), ich vergebe dir.… (Name nennen), ich trage dir … (Sache benennen) nicht mehr nach.Wenn die Vergebung sehr schwerfällt:… (Name nennen), soweit es mir möglich ist, vergebe ich dir.Schuld anerkennen und um Vergebung bitten:… (Name nennen), ich habe dir mit … (Sache benennen) Leid zugefügt.… (Name nennen), soweit es dir möglich ist, vergib mir.… (Name nennen), … (Sache benennen) tut mir leid. Bitte vergib mir.Gerade bei Übungen dieser Art gehört das feine Hinhören auf innere Regungen zu den zentralen Elementen. Schließlich verschafft sich auch das Gewissen in der Stille der Meditation leichter Gehör. Ein weiteres wesentliches Element ist das Beobachten dessen, was der Vorgang in uns auslöst, und zwar ein Beobachten mit Wohlwollen und Akzeptanz. Der Wandlungsprozess wird kaum glatt und gradlinig verlaufen – Schmerz, Zweifel und Widerstände beim Wiedererleben alter Verletzungen sind also zu erwarten und sollten uns nicht von unserem Vorhaben abbringen. Durch unbeirrte Wiederholung aber wird sich unweigerlich im Innern eine gewisse Erleichterung einstellen. Diese wiederum wird unser Verhalten im Alltag mitprägen. Und wenn das Leben uns mit einer der betreffenden Personen zusammenführt, wird uns aufgrund dieser Vorarbeit ein Verzeihen oder ein Bitten um Verzeihung von Angesicht zu Angesicht bzw. von Herz zu Herz ein Stück leichter fallen. Mehr noch: Vergebung bzw. um Vergebung bitten passieren dann nicht mehr unüberlegt und unvorbereitet, aus einer gerade vorherrschenden Stimmung oder Laune heraus, sondern aus der Tiefe einer eingeübten Haltung.ZielzustandIm Alter von zehn Jahren wurde Richard Moore (geb. 1961) von einem Gummigeschoss, das ein britischer Soldat aus nächster Nähe abfeuerte, mitten ins Gesicht getroffen. Die Folge: Blindheit. Im gleichen Jahr (1972) wurde sein Onkel erschossen. All dies geschah im Rahmen der jahrzehntelang andauernden gewaltsamen Unruhen in Nordirland. Gemäß eigenen Aussagen entwickelte Richard jedoch nie eine Wut in sich, weder auf jenen Soldaten, der auf ihn geschossen hatte, noch auf die britische Armee im Allgemeinen. Im Gegenteil. Er machte als Erwachsener den Soldaten, der jenes Gummigeschoss abgefeuert hatte, ausfindig und suchte ihn auf. Es folgte ein mehrstündiges Gespräch im Privaten. Die beiden, Richard Moore und Charles Innes, kamen offensichtlich miteinander ins Reine, sodass sie sich seitdem mehrmals wiedergesehen haben, sogar öffentlich. Richard spricht inzwischen von Charles als einem Freund. Mit dieser außergewöhnlichen Haltung ist er für andere zum Vorbild geworden. Er wird in Schulen und zu Vorträgen eingeladen und hilft so anderen Opfern, die Bürde von Hass abzubauen und vielleicht sogar bis zur Vergebung zu gelangen.MutWas mache ich, wenn mich jemand verbal angreift? Wenn ich das Gefühl habe, zu Unrecht übergangen oder unfair behandelt zu werden? Und, über das Eigene hinaus, wenn ich mit einer Ungerechtigkeit anderen gegenüber konfrontiert werde? Es sind natürlich je nach Situation verschiedene Reaktionen möglich, aber die häufigsten Muster laufen etwa wie folgt ab:NormalzustandWerde ich kritisiert oder beleidigt (oder empfinde ich dies zumindest so), wird die Zugbrücke zu meiner inneren Burg hochgezogen. Entweder begebe ich mich in den tiefsten Schmollwinkel des Verlieses. Oder, wenn der „Gegner“ nicht übermächtig ist (sich etwa in einer Chefposition befindet), gehen meine Bogenschützen in Position. Die Pfeile werden von meinem Verstand geschärft und von meiner Wut mit Gift bestrichen. Die Kraft, den Bogen zu spannen und Pfeil um Pfeil abzuschießen, kommt von der Aggression. Vielleicht entsende ich sogar die Kavallerie zum Gegenangriff. Selbst nachdem der Rückzug, Kampf oder Gegenangriff vorbei sind, steigen Wellen der Empörung über diesen Angriff auf mich in den darauffolgenden Stunden und Tagen immer wieder hoch.Eine Empörung über Ungerechtigkeiten anderen Personen gegenüber klingt hingegen fast immer rasch ab. (Dies gilt für Angriffe auf mir nicht nahestehende Personen. Angriffe auf solche, die mir nahestehen, werden de facto mit Angriffen auf mich selbst gleichgesetzt.) Zuvor aber mache ich mich selber in meiner scheinbaren Hilflosigkeit klein, oder ich schicke aggressive Gedanken in Richtung der Übeltäter.Tatsächlich bestehen viele Momente in unserem Leben aus Abwehr (bzw. innerem Rückzug) oder Angriff (bzw. aggressivem Denken und Verhalten). Und zwar reaktiv, ohne hohen Bewusstseinsgrad. Muss das so sein?Üben in der Meditation (und darüber hinaus)Nehme ich – in einem störungsfreien Rahmen und ohne Zeitdruck – meine Meditations-Sitzhaltung ein, findet vieles, was im Inneren rumort, endlich meine Aufmerksamkeit. So beispielsweise die Empörung über eine kürzlich erlittene Beleidigung sowie meine Reaktion darauf. Wenn solches hochkommt, kann ich unabgelenkt hinschauen und genau nachspüren. Dabei versuche ich, vorgefasste Meinungen außer Acht zu lassen und nicht ins Wiederkäuen zu geraten. Es werden Fragen auftauchen: Aus welchem Motiv kamen die Worte der anderen Person? War das Hochziehen der Zugbrücke wirklich nötig? Waren die totale Abschottung oder die Pfeile angebracht? Und vielleicht dämmert mir dann auch, dass ich mir mit diesen Aktionen die Chancen auf Verständigung oder gar Versöhnung verbaut habe.Auch mein fehlendes Engagement für andere Opfer von Ungerechtigkeiten kann mir in der Meditation wieder vorschweben. War es Feigheit? Trägheit? Oder gab/gibt es für mich keine realistische Möglichkeit zu helfen? Intuitiv kommt vielleicht eine Antwort, oder ich stelle mich den neu aufgeflammten Fragen nach der Meditation.Der Samen des Zweifels über meine zuvor unhinterfragten Reaktionsmuster ist also gesät. Natürlich braucht es weiteres Üben, bis aus diesem Samen ein Gesinnungs- und Verhaltenswandel heranwächst. Aber ich beginne vielleicht, bei persönlichen Konflikten die Zugbrücke unten zu lassen und auf das Abschießen von Pfeilen zu verzichten. Dadurch mache ich mich zwar – scheinbar – verletzlich, aber die Chance, anderen Person auf eine nicht defensive oder aggressive Art zu begegnen, scheint das Risiko wert zu sein. Manch ein Versuch wird gelingen, andere werden scheitern. Aber ich bleibe dran. Bis ich merke, dass ich auch ohne (geistig oder verbales) Abwehrverhalten nicht wirklich zu Schaden komme.Dasselbe gilt auch für mein Verhalten bei Unrecht, das anderen geschieht. Dort, wo ich eine Möglichkeit für ein konstruktives Eingreifen sehe, stelle ich mich auch möglichen Konfrontationen, aber unbewaffnet. Unbewaffnet bedeutet ohne Aggressivität, weder in den Worten noch in der Stimme noch in der Gestik. Aber eben auch ohne Zurückhaltung aus Ängstlichkeit oder Bequemlichkeit.Offenheit und gewaltloses Engagement auch in konfliktträchtigen Situationen kommen nicht von selbst. Sie verlangen eine weitere essenzielle Herzensqualität, nämlich Mut.ZielzustandAußer es liegt tatsächlich eine Bedrohung von Leib und Leben oder Hab und Gut vor, lasse ich mich weder zu aggressivem noch defensivem Verhalten provozieren, noch ziehe ich mich ängstlich oder schmollend zurück. Ich bin gewillt zuzuhören und suche aus einer friedvollen Grundhaltung heraus bereitwillig das Gespräch. Wenn nötig mehrmals. Ohne Angst vor Zurückweisung und ohne das Bedürfnis, andere auf irgendeine Art zu „besiegen“. Ist Kritik an mir berechtigt, bin ich bereit, dazuzulernen. Denn – und diese Erkenntnis gehört ebenfalls zum Ziel – die Burg, die mir scheinbar Schutz bietet und die ich verteidigen muss, ist nichts anderes als mein Ego. Gelebter Mut bedeutet, mein Ego mit seiner ganzen kleinlichen Gefallsucht, Ängstlichkeit, Dünnhäutigkeit und Bequemlichkeit zu konfrontieren. Jenes Ego, das jegliche Kritik als einen Angriff auf seine Existenz wahrnimmt und das seinerseits gegen Widerstand oder Nichtanerkennung aggressiv zu Felde zieht – oder die Aggression kaschiert, woraufhin sie im Innern wie ein Geschwür die Lebensenergie zersetzt. Im Idealfall brauche ich keine Burg mehr, weil es nichts mehr an mir gibt, das ich verteidigen müsste. Ich brauche auch keine Waffen, weil ich es nicht mehr nötig habe, zurückzuschlagen oder andere anzugreifen. Ich kann für eine Sache kämpfen, ohne auf eine Person zu zielen.Somit wird klar, dass sich Mut als Herzensqualität von Wagnis oder Kühnheit unterscheidet. Wenn ich mich an einem Bungee-Seil von einer Brücke herunterstürze, trage ich damit weder zur Verringerung der Macht meines Egos über mich noch zum Wohl meiner Gemeinschaft bei (abgesehen vom finanziellen Zustupf an den Sprunganbieter). Wenn ich hingegen den Mut zu Verständnis und zur Versöhnung auch in spannungsgeladenen Situationen aufbringe, trage ich zu beidem sehr wohl bei. Außerdem ist Mut nicht mit Furchtlosigkeit gleichzusetzen, obwohl gelebter Mut uns die Furcht vor mancher imaginärer Gefahr nehmen kann.Ausgeweitet auf andere Lebenssituationen, die Mut erfordern, lässt sich Folgendes beobachten: Gereifter Mut bedeutet gestärkter Mut. Gestärkt wird er, wenn seine Widersacher schwächer werden, nämlich die Facetten des Egos, die wie Schattengewächse die Herzensqualitäten zu umschlingen drohen: Überheblichkeit und Unterwürfigkeit, Bissigkeit und Wehleidigkeit, Tatenwahn und Bequemlichkeit, Ängstlichkeit, Wankelmütigkeit, Gefallsucht und viele weitere Arten und Unterarten. Es braucht Mut, den Kampf gegen solche Gegenkräfte aufzunehmen und durchzustehen (zu diesem Thema siehe Kapitel 4.4).Weil sich der Kampf im Innern abspielt, ist Mut – im Gegensatz, wie gesehen, zu Wagnis oder Kühnheit – jedoch selten spektakulär. Aber ohne Mut (und der im Gleichschritt gedeihenden Resilienz) werden sich die übrigen Herzensqualitäten nur so lange entfalten, bis ihnen ernsthafter Widerstand erwächst.Ein kräftig verwurzeltes Aufblühen der Herzensqualitäten führt letztlich zu einer Vereinfachung des Gefühlslebens im Alltag. Lassen Sie bei Gelegenheit (in Momenten der Ruhe) folgende Zeilen – einzeln oder zusammen – auf sich wirken:Die Einfachheit der Langmut– weil ungeteilt in Geduld und Ungeduld.Die Einfachheit der Vergebung– weil ungeteilt in verdient und unverdient.Die Einfachheit der Herzensgüte– weil ungeteilt in Zuneigung und Ablehnung.Die Einfachheit der Liebe– weil ungeteilt mit allen geteilt.2.3.3 Meditative AlltagsübungenIn der Meditation üben wir uns darin, wach und achtsam zu bleiben, das Herz zu öffnen und uns einer grenzenlosen Weite in Stille hinzugeben. Im Alltag hingegen ist der Wachheitsgrad nur punktuell hoch und ansonsten tief, wir lassen uns mehrheitlich von Gewohnheiten und Außenanstößen treiben, und was als breiter Weg begann, wird leicht zu einem engen Hamsterrad. Die Frage wurde bereits einmal gestellt: Was können wir dazu beitragen, dass die zwei Welten zusammenfinden? Als Antwort möchte ich Ihnen hier einfache Übungen vorstellen, die uns genau diesem Ziel näherbringen. Manche sind zuvor schon zur Sprache gekommen, andere sind neu. Hier werden sie in gebündelter und systematisierter Form präsentiert.AchtsamkeitInnehalten und sich vergegenwärtigen. Machen Sie im Lauf des Tages immer wieder Mini-Pausen und vergegenwärtigen Sie sich: Wo bin ich? Was tue ich? Ist es passend? Tue ich es auf eine gute Art? Was steht als Nächstes an?Innehalten, Körperkontakt herstellen und auf den Atem achten. Sitzen oder stehen Sie gerade und legen Sie eine Hand auf den Bauch. Sie sind dadurch wieder mit Ihrem Körper in Berührung. Dann beobachten Sie, wie sich die Bauchdecke bei jedem Einatmen hebt und bei jedem Ausatmen senkt.Bewusstsein auf den Körper lenken. Spüren Sie blockierte oder verspannte Stellen auf und versuchen Sie bewusst, sie mithilfe des Atems zu lockern und zu entspannen.Entschleunigen und den Atemfluss befreien. Es heißt, wir sollen von Augenblick zu Augenblick leben. Wie lange dauert aber ein Augenblick? Nehmen wir einmal an, ein Augenblick umfasst einen Atemzug. Einmal einatmen, einmal ausatmen. Bei hektischem Tun atmen wir stoßweise und rasch; die Dauer eines Atemzugs wird kürzer und seine Tiefe nimmt ab. So wird die – gefühlte – Zeit knapper und der Innenraum enger. Eine aus innerer Distanz vorgenommene Selbstbeobachtung ist kaum möglich. Verlangsamen wir unser Tun, so verlangsamt sich auch die Atemfrequenz. Und wir atmen nicht mehr nur bis zum Brustbereich, sondern bis hinunter in den Bauch. Der Augenblick (im oben definierten Sinn) wird länger. Es öffnet sich eine räumliche und eine zeitliche Weite, die es uns ermöglicht, uns laufend selber aus einem gewissen Abstand zu beobachten und so unser Verhalten bewusster zu gestalten. Verlangsamen Sie also immer wieder Ihr Sprechen und Tun, und lassen Sie den Atem wieder freier fließen.Unscheinbare Verrichtungen bewusst ausführen. Nirgends lässt sich bewusstes Handeln leichter einüben als bei hochautomatisierten Abläufen. Das Geschirr abtrocknen, die Wäsche aufhängen, den Mantel anziehen. Bewusst verrichten heißt geistesgegenwärtig im Körper verankert sein, denn nur so lassen sich die einzelnen Handbewegungen behutsam und von innen heraus ausführen. Auch Missgeschicke werden seltener vorkommen. Das Risiko, dass Sie bei achtsamem Geschirrabtrocknen einen Teller fallen lassen, ist gering.Übergänge bewusst gestalten. Achten Sie auf die (kleinen) Übergänge. Das kann das Betreten und Verlassen eines Zimmers oder des Hauses sein, das Aufstehen und das Zubettgehen, der Übergang von einer Aktivität zur nächsten. Stehen oder sitzen Sie einen Moment lang einfach still und nehmen Sie Ihre Umgebung wahr. Dann lassen Sie sich das soeben beendete sowie das anstehende Geschehen durch den Kopf gehen, bevor Sie wieder aktiv werden. Auch diese Übung kann einen sehr praktischen Nutzen haben: Wenn ich zum Beispiel nach dem Betreten meiner Wohnung die Schlüssel achtsam ablege, vermeide ich später das leidige „Wo sind meine ver… Schlüssel?!!“Auf die Wahrnehmungen eines Sinnesorgans achten. Achten Sie eine Weile lang auf das – und nur das –, was Sie vor Augen haben. Oder schließen Sie die Augen und horchen bloß noch auf die ganze Bandbreite von Geräuschen und Klängen, die in verschiedener Tonhöhe und Lautstärke auf Sie zukommen. Achten Sie auch auf Unterschiede bei Ihren Reaktionen – generell wird das Schöne natürlich wesentlich mehr Freude und Lebenslust hervorrufen als das, was Sie als hässlich empfinden. Kauen Sie beim Essen langsam und kosten Sie den Geschmack in seiner ganzen Bandbreite aus. Halten Sie beim Kochen inne, schließen Sie die Augen und nehmen sie das Aroma oder die Aromen wahr. Auch im Freien können Sie sich ganz auf die Düfte einer Wiese oder eines Waldstücks konzentrieren. Oder legen Sie bei geschlossenen Augen die Fläche der einen Hand auf den Rücken der anderen und spüren Sie, wie sich die Berührung über einen gewissen Zeitraum hinweg anfühlt.HerzensqualitätenDas Herz öffnen. Richten Sie die Aufmerksamkeit auf das Herz mit dem Wunsch, es möge sich öffnen. Lenken Sie in Ihrer Vorstellung auch den Atem dorthin; solange, bis sich der Brustraum weicher und offener anfühlt. Und versuchen Sie, diese Offenheit auch bei der nächsten Begegnung mit einem Menschen (egal welchem) aufrecht zu erhalten.Eine Situation mit Dankbarkeit durchleuchten. Zum Beispiel beim Essen einer Scheibe Brot: Lassen Sie Dankbarkeit Ihren Körper durchfluten – Dankbarkeit gegenüber der Natur für das Wachsen des Getreides, gegenüber dem Bauern, dem Transporteur, dem Bäcker und der Verkäuferin, die es Ihnen (vermutlich für bescheidene Löhne) zusammen ermöglichen, dieses Brot zu essen.Einen Tag zum „Dankbarkeitstag“ erklären und für möglichst viel bewusst dankbar sein: für das warme Wasser der Dusche am Morgen, die Erfindung der Zahnbürste, das Funktionieren der Toilettenspülung usw. Als Folge vermindert sich das Gefühl von Isolation. Solche und ähnliche Übungen führen mit der Zeit zu heilsamen Denk-, Fühl- und Reflexmustern. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn sie nach zehn Uhr morgens bereits vergessen haben, dass dies eigentlich ein Dankbarkeitstag wäre. Sie haben in der Regel noch genügend Tage vor sich.Langmut üben (Übung mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad). Jedes Mal, wenn Sie ungeplant warten müssen (der Computer fährt nur langsam hoch, Sie stehen im Stau, die Antwort auf eine wichtige E-Mail ist immer noch nicht da), sagen Sie bewusst „ja“ dazu. Nicht unbedingt mit Freude, aber doch mit der Einstellung, dies sei nützlicher Übungsstoff. Jeder bestandene Probefall wird Freude erzeugen.Vertrauen stärken. Wählen Sie einen vertrauensstärkenden Satz als Tagesmotto. Etwas, das Ihrem Verstand zusagt und Ihr Herz berührt und mit dem Sie Ihren Ängsten begegnen können. Ein Vorschlag: „Schaut euch die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Feld an, sie sorgen sich nicht.“ Rufen Sie sich die Worte bzw. die mit ihnen verbundenen Bilder im Lauf des Tages immer wieder in Erinnerung und lassen Sie sie ihre Wirkung entfalten.Neben den Übungen zur Achtsamkeit und zu den Herzensqualitäten möchte ich hier noch fünf weitere vorstellen. Die ersten beiden tragen dazu bei, unser Seelenleben zu entlasten und zu vereinfachen. Die dritte schärft unser Bewusstsein für das, was uns geistig verstopft, abstumpft oder zersetzt, sowie für das, was uns nährt und inspiriert. Die zwei letzten dienen der Vertiefung und Verfeinerung der Selbstkenntnis.Seelische HygieneManchmal sind wir aufgewühlt, und der innere Sturm will sich nicht beruhigen, selbst wenn äußerlich unser Leben in den gewohnten und unauffälligen Bahnen weiterverläuft. Wir sind emotional hin und her geworfen und dies setzt der seelischen Gesundheit zu. Folgende zwei Übungen können dazu beitragen, dass sich die unguten Winde legen.Reflexartige Urteile und Wertungen loslassen. Beobachten Sie zunächst, wie oft Sie unwillkürlich urteilen bzw. werten: Das ist schön, das ist hässlich. Das ist gut, das ist schlecht. Das ist nervig. Das ist unanständig. Seine Krawatte ist viel zu grell, dieser Haarschnitt steht ihr nicht. Manchmal ist ein Urteil notwendig, etwa wenn ein Kaufentscheid ansteht oder mich eine Sache direkt betrifft. Meistens ist es aber unnötig und frisst bloß psychische Energie. Und häufen sich die negativen Urteile, setzen sich allmählich eine negative Denkweise und schließlich ein negatives Lebensgefühl fest. Versuchen Sie deshalb, (ver)urteilende Reaktionen auf Wahrnehmungen als solche zu identifizieren, sobald sie hochkommen, und lassen Sie sie mit einem Lächeln los. Allmählich werden solche reflexartigen Urteile seltener und, mehr noch, sie fallen weniger heftig und langanhaltend aus. Als Standortbestimmung können Sie sich einer Herausforderung stellen: Einen ganzen Tag schaffen, ohne irgendeine Situation oder Person herunterzuputzen oder an ihr herumzunörgeln, egal ob vernehmbar oder lautlos (rein sachliche Analysen und Verbesserungsvorschläge zählen nicht dazu).Unsinniges Verlangen und Ablehnen aufgeben. Ich sitze vor dem Computer in einem kleinen Büro mit Blick auf eine Wand. Durchs Fenster sehe ich eine Mauer. Nichts würde ich lieber tun, als den Raum verlassen (Verlangen). Aber der Bericht muss bis am Abend fertig sein und weit ist er noch nicht gediehen. Der Drang nach Ausbruch ist meiner Kreativität und Produktivität nicht förderlich. Oder ich ärgere mich bei der Heimfahrt über eine Zugverspätung (Ablehnung). Die Ablehnung beschleunigt keinesfalls die Ankunft des Zugs. Anstatt nutzloses Verlangen bzw. Ablehnen durch stets wiederkehrende Gedanken anzufachen, üben wir uns besser darin, sie als solche zu identifizieren und beiseitezulegen. So sparen wir langfristig viel psychische Energie.Den Geist entgiftenEine wachsende Zahl von Menschen achtet auf die Quantität und Qualität ihrer Nahrung. Der Magen soll nicht überfüllt und dem Körper sollen keine Gifte zugeführt werden. Warum nicht ähnlich akribisch auf das achten, womit wir unseren Geist nähren? Wir haben stets eine Auswahl, wenn es darum geht, was und wie viel wir uns zu Gemüte führen. Es gibt toxische (abwertende, zynische, destruktiv-kritische) Inhalte, die wir über Bücher, Zeitungen, Fernsehprogramme, Online-Posts oder YouTube-Videos zu uns nehmen. Und es gibt triviale Inhalte, die unseren Geist vollstopfen. Aber es findet sich auch reichlich Herzerwärmendes, Einsichterweckendes und Inspirierendes. Ferner haben wir auch bei Treffen und Gesprächen eine Ermessensfreiheit, und zwar ob und, wenn sich diese nicht vermeiden lassen, wie wir an ihnen teilnehmen.Achten Sie eine Woche lang speziell auf den geistigen Stoff, den Sie sich zuführen. Auch darauf, dass es Ihnen nicht an gesunder geistiger Nahrung mangelt (gute Lektüre, bereichernde Gespräche, Musik, die das Herz berührt usw.). Und schauen Sie, was passiert.„Unterscheidung der Geister“Die folgende Übung erfordert ein gewisses Maß an Zeit und Sammlung. Eine Möglichkeit wäre die Ruhe vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen. Sie erfordert zudem Bereitschaft zur Öffnung und zu ehrlicher Innenschau. Blicken Sie zurück auf eine Aktivität oder ein Gespräch und stellen Sie sich die Frage: „Was trieb mich dabei an?“ bzw. „Was hielt mich zurück?“ Und versuchen Sie, innerhalb des oft diffusen Eintopfs an Gefühlen, der daraufhin hochkommt, genauer zu unterscheiden: Geschah dies auf Druck von außen, und hatte ich dabei eine Wahlfreiheit? Waren Gefallsucht oder Geltungsbedürfnis im Spiel? War es Angst? Eventuell Neid oder Rachsucht? Trieb mich Ehrgeiz an? Oder Begierde? Geschah es rein reaktiv, ausgelöst von den Worten und Taten eines anderen? Oder aus Gewohnheit? Handelte ich so, um mir die Langeweile mit etwas Ablenkung zu vertreiben? Hielt mich Rücksicht oder Angst zurück? War es der Wunsch nach Ruhe? War es die Neugier? Machte oder sagte ich es aus Anteilnahme? Aus Dankbarkeit? Aus Liebe? Oder sprudelte es aus Lebensfreude hervor? Was erhoffte ich mir, als ich so handelte oder sprach, wie ich es tat? In den allermeisten Fällen werden Sie feststellen, dass es sich beim Antrieb bzw. bei der Hemmnis um eine Mischung verschiedener Elemente in unterschiedlicher Stärke handelte.Die Übung lässt sich nicht nur rückblickend auf abgeschlossene Vorkommnisse, sondern auch bei laufenden durchführen. Egal, ob wir uns an einer Weggabelung befinden oder ob ein gewöhnlicher Schritt ansteht. Sie können jederzeit innehalten und sich fragen: „Was treibt mich gerade jetzt an?“ bzw. „Was hemmt mich gerade jetzt?“ Die Antriebe äußern sich nicht nur als Impulse, sie können auch sprachliche Gestalt annehmen. Wessen Stimme ist es, die mich anstachelt mit „Dem werde ich es zeigen“? Oder die mich lähmt, indem sie mir einflüstert, ich könne das sowieso nicht schaffen? Nicht nur werden Sie mit ein bisschen Übung Ihre Motivations- bzw. Demotivationselemente besser identifizieren lernen, Sie werden auch feststellen, dass die Analyse selbst den Motivationsmix verändert. Eine „objektive“, wirkungsfreie Beobachtung ist gar nicht möglich. Wie es auch gemäß Quantenphysik nicht möglich ist, ein Elementarteilchen zu beobachten, ohne es dabei zu beeinflussen.Nun kommt es zum eigentlichen Unterscheiden der Geister. Sind die „Früchte“ aus den identifizierten Antrieben, das heißt, die resultierenden Worte und Taten, gut (verbindend, herzerweiternd) oder ungut (isolierend, leidverursachend) für mich und mein Umfeld? Dass etwas mir selbst guttut, aber der Gemeinschaft, in der ich eingebunden bin, schadet, oder umgekehrt, ist – wenn man kurzfristige Folgen ausnimmt – eine Illusion. Frieden beispielsweise ist ein Gewinn für alle Seiten, während sich anhaltende Konflikte negativ auf alle Beteiligten auswirken. Und schließlich: Etwas erkennen ist das eine, etwas verändern das andere. Wir haben jedoch bereits festgestellt, dass es genügt, genau hinzuschauen; dann sind die Geister bzw. die Antriebe nicht mehr die Alleinherrscher in unserem inneren Reich. Wir können mithilfe der Unterscheidung auf ihre Zusammensetzung und Gewichtung einwirken. Vor allem aber können wir sicherstellen, dass ihre Anwesenheit allein uns nicht eine bestimmte Handlungsweise aufzwingt.TagesrückblickDiese Übung ist der vorhergehenden ähnlich, aber der Fokus richtet sich hier nicht auf ein Ereignis und seine Quellen, sondern auf den Ablauf eines ganzen Tages und seine Früchte. Kommen Sie nochmals zur Ruhe, bevor Sie ins Bett gehen oder bevor Sie einschlafen. Und betrachten Sie dann die Stationen des abgelaufenen Tages wohlwollend, aber mit unverstelltem Blick. Was würden Sie im Nachhinein als geglückt, was als weniger geglückt bezeichnen? Was hätten Sie rückblickend anders gemacht (ohne Selbstvorwurf)? Was lässt sich vielleicht am nächsten Tag noch in Ordnung bringen? Was lässt sich daraus lernen? Am Ende legen Sie die Tageslast behutsam in ein imaginäres Gabengefäß ab und lassen sie somit los.Für alle Übungen gilt:Probieren Sie verschiedene aus und bleiben Sie bei denen, die Ihnen zusagen.Lenken Sie als Stütze die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Atem.Beobachten Sie die innere Wirkung. Achten Sie auf mögliche Widerstände und auf den Wandel, der stattfindet. Und auch darauf, wie lange er anhält.Je häufiger die Übungen durchgeführt werden, desto wirksamer und nachhaltiger sind sie. Lassen Sie sich von „Misserfolgen“ nicht entmutigen. Wenn wir gehen lernen, fallen wir zunächst hin. Dasselbe passiert, wenn wir Fahrradfahren lernen. Wenn wir eine Fremdsprache oder ein Musikinstrument lernen, machen wir wiederholt Fehler. Alles, was das Leben bereichert und uns voranbringt, beinhaltet Misserfolge. Bleiben wir dran.Es sind hier zahlreiche Übungen vorgestellt worden. Vielleicht wirkt die schiere Vielfalt etwas abschreckend. Es könnte auch sein, dass Ihnen alles während des Lesens gut und recht vorkommt und Sie dann zur Tagesordnung übergehen, ohne dass sich an dieser etwas ändert. Es genügt aber, dass Sie sich nur eine der aufgeführten Übungen zu Herzen nehmen und konsequent zu eigen machen, denn sie stammen alle aus demselben Geist. Die eine Übung wird Ihnen neue Türen öffnen.Die Übungen sind unspektakulär, aber sie geben dem Alltag eine Tiefendimension, die wir, wenn wir ehrlich sind, oft vermissen. Es handelt sich bei ihnen um unscheinbare kleine und wiederholte Schritte, die in kein Heldenepos eingehen werden und doch Helden aus uns machen können.2.3.4 Früchte der MeditationWarum im Gefängnis bleiben, wenn die Tür weit offen steht? Lass das Dickicht des angsterfüllten Denkens hinter dir.(Dschalaluddin Rumi, 1207–1273)45Dass eine anhaltende Meditationspraxis positive Auswirkungen auf unser Alltagsbefinden und damit auch unser Alltagsleben zeitigt, ist heutzutage weitgehend unbestritten. Werden diese Auswirkungen erörtert, darf jedoch etwas nicht fehlen: die Unterscheidung zwischen einem temporär und einem dauerhaft veränderten Zustand. Unter Zustand verstehe ich hier unsere Haltung und Lebenseinstellung als wichtige Gestaltgeber unserer Alltagspraxis. Vielleicht sind wir nach einer erfüllenden Meditationssitzung für die nächsten Stunden behutsamer in unseren Handlungen und rücksichtsvoller unseren Mitmenschen gegenüber. Dann passiert etwas Unerwartetes, wir geraten unter Druck, und die positive Wirkung ist dahin. Die alten Denk-, Sprech- und Handlungsmuster herrschen wieder vor. In diesem Fall handelte es sich bei der „Frucht“ der Meditation um eine vergängliche. Je besser es uns gelingt, achtsam, geistesgegenwärtig und liebevoll zu agieren, egal was passiert, desto mehr sind aus potenziellen Fähigkeiten dauerhafte Eigenschaften geworden. Das heißt nicht, dass die temporären Verbesserungen wertlos sind. Zumeist ist es die Summe solcher kleinen Fortschritte, die bei anhaltender Übung zu einem nachhaltigen Wandel führen.Die Reichhaltigkeit der positiven Effekte kam bereits in den vorhergehenden Kapiteln zur Sprache. Viele dieser heilsamen Auswirkungen der Meditation sind inzwischen in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen (und die Zahl solcher Studien steigt gegenwärtig von Jahr zu Jahr exponentiell an). Zu all den hier erwähnten Effekten gibt es zudem Erfahrungsberichte aus mehreren Jahrtausenden. Und schließlich bin ich überzeugt, dass viele von Ihnen eigene Erfahrungen aufweisen, die Ihnen als Fundament für die weitere Praxis dienen. Es folgt nun eine Zusammenschau. Sie soll nicht bloß als eine weitere theoretische Abhandlung, sondern insbesondere auch als Motivation dienen. Sie als Leserin oder Leser sind angehalten, das Buch zwischendurch zugunsten der Praxis zur Seite zu legen, und ich bin angehalten, das, worüber ich nachdenke und schreibe, vermehrt auch in die Tat umzusetzen.Eine konsequente Meditationspraxis, die sich aus regelmäßigen formellen Einheiten und meditativen Alltagsübungen zusammensetzt, wird allmählich folgende Früchte aufweisen:Geringere StressanfälligkeitDie Amygdala gehört zum limbischen System des Gehirns, das eine zentrale Schaltstelle im Bereich Erinnerungen und Emotionen sowie unsere Reaktionen darauf bildet. Sie ist über ein dichtes Netzwerk an Neuronen mit anderen Hirnteilen verbunden. Insbesondere bei angstauslösenden Situationen wird die Amygdala aktiv und löst sogenannte Kampf- oder Fluchtreaktionen aus. Dazu gehören die Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol („Stresshormone“), Steigerung der Herzfrequenz und stärkere Durchblutung der Muskeln. Außerdem wird die Verbindung zum präfrontalen Cortex, wo rationale Entscheidungen getroffen werden, abgeschwächt. Denn wenn wir in akuter Lebensgefahr sind, müssen wir blitzschnell reagieren, und dafür erweisen sich Nachdenken und Abwägen als hinderlich. Bloß kann die Amygdala nicht unterscheiden zwischen einem auf uns zurasenden Auto und einem bevorstehenden Gespräch mit dem Chef, das uns Angst macht. Im ersten Fall ist Nachdenken tödlich, im zweiten hingegen sehr wohl angebracht.Wie bereits im Kapitel über Körper und Meditation erwähnt, haben Studien am Gehirn nachgewiesen, dass bei Menschen mit signifikanter Meditationserfahrung in einer (nicht lebensbedrohlichen) Stresssituation die Amygdala-Reaktivität im Vergleich zu Nicht-Meditierenden geringer ausfällt und somit weniger Stresshormone ausgeschüttet werden, und dass gleichzeitig die Verbindungssignale zum präfrontalen Cortex nicht verringert werden.46 Dies bedeutet, dass eine langfristige Meditationspraxis uns in Stresssituationen weniger anfällig für primär emotional gesteuerte Reaktionen werden lässt. Und dass wir tendenziell rascher zu einem Zustand der Ruhe und Ausgeglichenheit zurückfinden.Einsicht in die Natur unseres Denkens und FühlensWährend der Meditation machen unser Sprechen und Tun eine Pause und auch die Zahl der Außenanregungen ist nahe bei null. Übrig bleibt nur noch das, was innen abläuft. Die Meditation gibt uns also den Freiraum, ungestört unser Innenleben zu beobachten. Wir stellen bei dieser Innenschau dann vielleicht mit Erstaunen fest, erstens, dass wir im Wachzustand pausenlos am Denken sind – mal klarer, mal diffuser – und zweitens, was wir überhaupt so denken. Und was für Emotionen wir dadurch erzeugen. Außerdem können wir beobachten, wie die Emotionen von unserer aktuellen Stimmung mitgefärbt werden und wie sie die Stimmung wiederum modifizieren. Wir merken dann auch, wie repetitiv unser Denken ist. Einen Großteil von dem, was ich heute denke, habe ich schon gestern und letzte Woche gedacht. Nicht nur das: Mit trainiertem Blick erkennen wir auch jene Begierden und Aversionen, die unsere Alltagsreaktionen so stark mitprägen. Ferner können während einer Meditation auch Erinnerungen hochkommen, die uns klarer erkennen lassen, wie wir zu dem geworden sind, was wir zurzeit sind. Insgesamt führt die Innenschau also zu wachsender Selbstkenntnis.Um positive Auswirkungen zu zeitigen, sollte eine solche meditative Innenschau in einer Haltung von wohlwollender Akzeptanz dessen, was gerade ist, eingebettet sein. Denn wenn wir uns selbst verurteilen bei der Erkenntnis von wenig Schmeichelhaftem (das wir unweigerlich vorfinden werden), verschließen wir uns und werden unempfänglich. Und dann kann für den Moment zumindest kein Impuls durchdringen, der eine Entwicklung zum Besseren ermöglichen würde.Bei ausreichender Übung lässt sich die in der Meditation herangebildete Fähigkeit der Selbstbeobachtung auch im Alltag aktivieren. Will ich etwas, beispielsweise ein neues Paar Schuhe (obwohl ich schon Dutzende besitze), einen Blick auf meine Facebook-Seite oder meine bevorzugte Nachrichten-App (obwohl ich schon vor einer Stunde die neusten Posts bzw. Updates gelesen habe) oder ein zweites Glas Wein (obwohl ich mit dem Auto nach Hause fahren werde), bin ich in der Lage, dieses Habenwollen zu erkennen, bevor ich zur Tat schreite. Vielleicht erfasse ich auch dessen Intensitätsgrad auf der Skala von Wunsch über Verlangen bis hin zu Sucht. Selbstbeobachtung hilft mir auch bei meinen Anflügen von Aversion. Ich erkenne diese, bevor ich mich zu einer unguten Reaktion hinreißen lasse.Auf diese Art wird unser Verhalten allmählich weniger automatisch, reaktiv, gewohnheits- und triebgesteuert. Vertiefte Selbstkenntnis leitet einen Wandel zu bewussterem Agieren ein.Mein Bruder Jean ist wieder einmal im Land. Wir treffen uns in einem Kaffeehaus.„Wie war die Zen-Meditationswoche?“, frage ich ihn.„Gut.“ Jean war noch nie ein Mensch der vielen Worte. Doch diesmal fährt er fort: „Die Kursleiterin hat ein interessantes Bild verwendet. Bei der Meditation ist es wie … wie, wenn du am Ufer eines Flusses sitzt. Und du siehst Boote vorbeifahren.“ Kurze Pause. „In diesen Booten sind deine Gedanken und Emotionen, die beim Sitzen in der Stille in dir hochkommen. Aber statt aufzuspringen, also in die Boote hineinzuspringen und die Gedankengänge weiterzuspinnen … bleibst du einfach am Ufer sitzen und schaust zu, wie die Boote, also die Gedanken, vorbeiziehen.“ Ich nicke, um ihn zum Fortfahren zu ermuntern. „Dann merkst du: Ich bin nicht meine Gedanken und Emotionen. Sie sind kein beständiger Teil meiner Selbst. Sie kommen und gehen … Wenn ich sie gehen lasse, ohne dass sie mich von meinem Beobachterposten weglocken …“Ich will gerade das Bild kommentieren, als ich merke, dass Jean noch nicht fertig ist.„Und weißt du was? Während einer Sitzung in der Stille sah ich so ein Boot vorbeifahren und darin lag etwas. Darin lag … meine Schwermut und … meine Schwerfälligkeit … wie eine Last in diesem Boot. Als ich sie so aus der Distanz sah, da konnte ich sie loslassen. Als Problem loslassen, meine ich. Oder anders gesagt, ich kann mich jetzt ein bisschen mehr akzeptieren so, wie ich bin.“Nochmals nicke ich und denke: Das ist das erste Mal, dass Jean so viel von sich preisgibt. Wenigstens mir gegenüber.Dann schaut er hoch und fragt: „Wie geht es Mira?“Ich schüttle den Kopf. „Nicht wirklich besser. Sie hat wieder einen Psychologen sausen lassen. Es helfe ihr nicht, einfach endlos über ihre Probleme zu reden, sagt sie. Und in eine Klinik will sie sowieso nicht. Sie sagt, wenn sie einmal dort lande, komme sie nie mehr raus. Ich weiß nicht … Übrigens, als ich kürzlich Mutter besucht und mich im Haus wieder einmal umgesehen habe, fand ich das Banner, das Mira vor Jahren mal kurz vor Weihnachten über unseren Hauseingang aufgehängt hatte. Mit Tannenzweigen verziert. Weißt du noch? Manche Besucher fanden den Spruch etwas eigenartig, aber Mutter ließ ihn noch monatelang dort hängen.“„Ja, ich erinnere mich … Wie lautete der Spruch schon wieder? Die Kraft, die …“„Dieselbe Kraft, die aus Staub Schmetterlinge und aus Urlauten Poesie heranwachsen ließ, treibt uns an auf dem Weg zur Weisheit.“Jean schmunzelt. „Ja, genau. Irgendwie stark, nicht wahr? Weißt du eigentlich, dass ich früher immer ein bisschen neidisch auf Mira war?“„Ist mir nie aufgefallen. Wieso denn?“„Sie hatte all die Eigenschaften, die ich nicht hatte. Sie war flink, vif, kam bei allen gut an. Und jetzt das. Ausgerechnet sie. Da bin ich plötzlich mit … mit meiner Art zufrieden. Schwermütig bin ich manchmal, ja. Aber nie richtig depressiv.“„So gesehen hat sogar die Depression von Mira etwas Gutes. Klingt pervers, nicht wahr?“„Hmmm … Auf die Art habe ich es noch nie betrachtet. Aber ja, irgendwie hast du recht. Mensch, ich hoffe einfach, dass sie über diesen Scheiß hinwegkommt.“Größere Achtsamkeit beim Tun und Lassen, Sprechen und SchweigenDas Thema „Achtsamkeit“ wurde bereits in einem eigenen Kapitel beleuchtet. Inzwischen als Modewort in aller Munde, läuft dieser Begriff schuldlos Gefahr, in die Kategorie „Banalitäten und Plattitüden“ abzugleiten. Dabei gibt es kaum einen Gewinn aus der Meditation, der sich im Alltag direkter und unkomplizierter umsetzen lässt. Denken Sie einfach an all den Ärger, den Sie sich selbst und anderen mit Unachtsamkeiten aller Art über die Jahre eingebrockt haben (vergessene Regenschirme, verlegte Schlüssel, verpasste Termine oder zerbrochene Tassen, um eher harmlose Beispiele zu wählen). Achtsamkeit ist verbunden mit einer angemessenen Entschleunigung. Führen wir die Bewegungen beim Sortieren von Dokumenten ein bisschen langsamer als üblich aus, verringert sich das Risiko, dass wir etwas falsch einordnen, um ein Vielfaches. Sie können nun Ihren Alltag in Gedanken durchgehen und feststellen, wo überall durch hastiges Tun und Sprechen Widerwärtigkeiten drohen.Achtsamkeit bedeutet Präsenz im Hier und Jetzt, und zwar mit dem Herzen und mit den Gedanken. Wir sind aber oft mit 80, 90 oder 95 Prozent unseres Bewusstseins nicht anwesend, sondern bei Phänomenen, die vergangen sind (aber nie genau so, wie wir sie in Erinnerung haben) oder die es genau so, wie wir sie uns vorstellen, auch nie geben wird (Zukunftsprojektionen und Fantasiererei). Real im Vollsinn des Wortes ist nur das, was im Jetzt da ist. Außerdem: Das Jetzt ist das Einzige, was nie zu Ende geht. Wach und präsent im Jetzt zu sein, heißt demzufolge, in größerer Fülle an der Ewigkeit teilzuhaben (es lohnt sich, bei diesen Sätzen etwas zu verweilen).Entfaltung der HerzensqualitätenZu den Qualitäten, die hier gemeint sind, zählen – Sie erinnern sich vielleicht – Mitgefühl, die Fähigkeit zu vergeben, Mut, Güte, Langmut, Großzügigkeit, Demut, Wahrhaftigkeit, Treue und Dankbarkeit. In ihren unendlich vielfältigen konkreten Ausformungen im Alltag lassen sie uns selbst und andere um uns herum friedlicher und freudvoller werden. Verschiedene Arten, diese Qualitäten einzuüben, wurden zuvor in Kapitel 2.3.3 vorgestellt. Im Kapitel über das individuelle Reifen wird ihre zentrale Rolle im Reifungsprozess beleuchtet.Paul Ekman (geb. 1934), Professor für Psychologie und eine der anerkanntesten Koryphäen auf dem Gebiet der Emotionen, führte über Jahre hinweg immer wieder folgendes Experiment durch: Auf einem Video werden Probanden in einer sehr raschen Sequenz Gesichter gezeigt, die folgende Emotionen ausdrücken: Wut, Angst, Ekel, Überraschung, Trauer oder Freude. Das jeweilige Gesicht leuchtet jedoch nur für 1/30 einer Sekunde auf. Viel zu wenig also für die Einschaltung des Verstandes. Das Erkennen der Emotionslage beim Gegenüber geschieht in diesem Fall also nur über das Einfühlungsvermögen. Zwischendurch wird stets ein Gesicht mit neutralem Ausdruck gezeigt. Das Ergebnis der Versuchsreihe: Mit Abstand am besten beim Identifizieren der Emotionen schnitten zwei Probanden mit langjähriger Meditationserfahrung ab – besser als Tausende von anderen, die keine Erfahrung in Meditation aufwiesen.47Studien dieser Art belegen, was als Erfahrungswert längst bekannt ist: Eine anhaltende Meditationspraxis trägt wesentlich zur Stärkung unserer Herzensqualitäten (mit Einfühlungsvermögen als Fundament) bei, was sowohl unserem Wohlbefinden als auch dem Reifeprozess förderlich ist. Ferner lässt sich beobachten, dass die Eigenschaften, die zu den Herzensqualitäten zählen, aufs Engste miteinander verbunden sind. Entwickle ich ein ausgeprägtes Mitgefühl meinen Mitmenschen gegenüber, wird es mir auch leichter fallen, Großzügigkeit an den Tag zu legen. Es wurde schon gesagt, dass es sich im Grunde genommen um verschiedene Ausprägungen der Liebe handelt. Man könnte es aber auch so formulieren: Was all die Herzensqualitäten verbindet ist – der gewählte Name verrät es – das Herz. Je öfter es uns gelingt, das Bewusstsein in die Herzregion zu führen und den Alltag mit offenem und wachem Herzen zu gestalten, desto klarer werden sich die Früchte der Übungspraxis zeigen.Bewusstere und wohlwollendere Verbindung mit dem KörperArbeiten wir vor allem körperlich, besteht die Gefahr, dass wir unseren Körper aus Unachtsamkeit überstrapazieren oder ihm auf andere Weise Schaden zufügen. Arbeiten wir vor allem geistig, besteht die Gefahr, dass wir über lange Phasen hinweg vergessen, dass wir einen Körper haben. In beiden Fällen nehmen wir seine Signale nicht wahr, schätzen ihn nicht und gehen zu wenig behutsam mit ihm um. Dies erstreckt sich auch auf die Nahrung, die wir ihm zuführen.Meditation verstärkt das Bewusstsein für Körperempfindungen. Wenn wir uns daran gewöhnt haben, im Rahmen der Meditation verspannte Stellen bewusst zu entspannen (etwa die Mund-Kiefer-Partie, den Nacken-Schulter-Bereich sowie die Handgelenke), wird uns auch im Alltag eher in den Sinn kommen, uns zwischendurch zu entspannen. Insgesamt schärft und verfeinert die Meditationspraxis unser Gespür für das, was dem Körper schadet, und das, was ihm guttut, da wir während einer Meditationssitzung – nicht zuletzt aufgrund des drastisch reduzierten Wahrnehmungsangebots – unser Sensorium für die Botschaften des Körpers schärfen.Überprüfen Sie es bei sich selbst: Nachdem Sie den Körper bewusst entspannt haben, verweilen Sie mit der Aufmerksamkeit ein wenig im Körper und spüren sie dabei den Atem. Die Chance ist groß, dass Sie sich allmählich ein wenig ruhiger und wohler fühlen werden. Sie sind sozusagen zu Hause bei sich selbst angekommen.Und wenn wir schließlich bedenken, dass wir ausnahmslos alles, was wir vom ersten bis zum letzten Tag unseres Daseins erleben, durch den Körper erfahren, sollte das Grund genug sein, ihm trotz aller Gebrechen und Unvollkommenheiten ein Grundgefühl der Dankbarkeit entgegenzubringen. Er wird es uns entlohnen.Gelassenheit – die Fähigkeit, Situationen und Vorgänge aus einer gewissen Distanz zu betrachtenEine lebenserfahrene Person sitzt auf einer Parkbank und schaut einer Gruppe von Kindern beim Spielen zu. Sie beobachtet das Geschrei und Lachen der Kinder, ihre Streitigkeiten und Rivalitäten, wie sich Grüppchen bilden und wieder auflösen und wie sie alle ihre Aktivitäten unendlich ernst nehmen. All dies ruft bei ihr ein Lächeln hervor. Wir sind diese Kinder. Idealerweise sind wir aber auch die beobachtende Person.Je größer der innere Abstand, desto geringer ist unsere Identifikation mit dem, was gerade in uns abläuft. Statt „ich bin wütend“ beschreibt sich der Zustand dann etwa so: „Es ist eine Wut in mir“. Die Wut ist in diesem Moment real, sie wird weder verleugnet noch verdrängt, aber sie bildet nicht unsere Identität. Wir sind mehr und wir sind dauerhafter als die Wut, die kommt und vergeht.Bis ein solches „Auf-Abstand-Gehen“ des inneren Beobachters sogar in hektischen, stressvollen Situationen glückt, das heißt, bis sich eine Gelassenheit nicht nur als Zwischenzustand, sondern als Default-Modus herausbildet, braucht es viel Übung. Das Aussteigen aus der Betriebsamkeit sowie die Stille, die den Rahmen der Meditationspraxis ausmachen, bilden dafür ein ideales Umfeld.Aus dem Druck des Tun-Modus in die Beziehungswelt des Sein-ModusMeditation wirkt befreiend. Befreiend wovon? Unter anderem vom tief in unserer gesellschaftlichen DNA eingeprägten Zwang, die ganze Zeit etwas zu tun, das als nützlich erachtet wird. Macht uns dieses Nützlichkeitsdenken glücklich? Nein, es erzeugt eher einen Dauerdruck und unter Druck bleibt kein Freiraum für Glück. Ein Kind kann endlos lang einen Stein in die Hand nehmen, ihn drehen und abtasten und wieder ablegen. Eingebettet in fast tatenlosem Sein – und zwar Sein in Beziehung, in diesem Fall mit einem Stein – ist das Kind dabei glücklich.Auf den ersten Blick ist es paradox: In der Meditation kapseln wir uns scheinbar ab, indem wir uns aus dem Räderwerk der Alltagsverrichtungen lösen. Gerade dieses Räderwerk sollte nach gängiger Vorstellung Verbindungen herstellen, aber sie erweisen sich doch, wenn überhaupt, als oberflächlich. Tief im Innern fühlen wir uns dabei oft abgetrennt und allein. In der Meditation gibt es keine äußerlich registrierbare Verbindung. Doch indem wir einfach da sind, lassen wir auf einer tieferen Ebene unsere Beziehung mit allem, was an diesem Sein teilhat – also mit allem, was ist – wirksam werden und werden uns mindestens ansatzweise dieses Beziehungsreichtums bewusst.Versuchen möchte ich hier, etwas anzudeuten, das mit Worten leichter zu verdunkeln als zu erhellen ist: Reines Sein (dem wir uns in der Meditation annähern) ist gleichzeitig reines In-Beziehung-Sein. Je länger wir uns in einem egogetriebenen Tun-Modus befinden (was bei den meisten von uns während des größten Teils des Tages der Fall zu sein scheint), desto mehr blockieren wir dieses natürliche Beziehungsnetz zu allem und allen um uns herum. Wir bauen und unterhalten Dämme, die den natürlichen Fluss in diesem Verbindungsnetzwerk zu einem Gerinnsel abschwächen oder ganz unterbinden. Dies wird uns gemeldet durch ein schmerzliches Gefühl der Stagnation und Isolation.Wo oder wie werden diese potenziell stets vorhandenen Beziehungen, wie wir sie in der Meditation so oft spüren, aktualisiert? Sodass die Illusion der Trennung zwischen mir und den anderen, zwischen mir und der Welt überwunden wird? Vielfach geschieht das in Momenten und Geschehnissen, die als nebensächlich gelten – eben weil sie keinen messbaren Nutzen erzeugen. Ein paar Beispiele: Wenn Menschen aus vollem Herzen gemeinsam lachen, gemeinsam singen, gemeinsam musizieren, gemeinsam spielen, gemeinsam beten oder gemeinsam meditieren. Wenn sich Menschen derart öffnen, dass sie einander mit wenigen oder gar keinen Worten verstehen und sie diesem intuitiven Verständnis trauen. Aber auch, wenn ich eine Blume (zum Beispiel eine Sonnenblume) eingehend betrachte und auf mich wirken lasse. Dann wird sie von einem Massenphänomen (eine unter Millionen ihrer Art, die alle gemäß Standardvorstellungen gleich sind) zu einem Unikum, zu dem ich eine Beziehung aktiviert habe. Wie ich durch ihre Präsenz bewegt werde, wird sie durch meine sie wahrnehmende Gegenwart beeinflusst, auch wenn ich nie wissen werde, auf welche Art. Hieraufhin ist das Leben angelegt. Solche Momente sind derart voller Sinn, dass sich die Frage nach Sinn nicht mehr stellt.Erst wenn wir es schaffen, die in Phasen des Innehaltens gespürten oder erahnten Beziehungen im Alltag zu konkretisieren und auszuleben, werden wir nutzbringend im besten und nachhaltigsten Sinn sein.Das Ertragen und Schätzen von StilleDer geniale Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623–1662) schrieb einmal: „Nichts ist für den Menschen so unerträglich, wie in einer völligen Ruhe zu sein.“48 Die Unruhe bzw. Rastlosigkeit, von der Pascal meinte, sie sei gleichzeitig unser natürlicher Zustand und die Ursache von allem Elend, macht sich insbesondere zu Beginn einer Meditationspraxis bemerkbar, wenn wir einer ungewohnten, andauernden Stille ausgesetzt sind. Und doch bringt uns das Üben früher oder später so weit: Wir sind dann in der Lage, völlige Ruhe zu ertragen. Mehr noch: Wir lernen, die Stille als wohltuend zu schätzen, und suchen sie vermehrt auch im Alltag. Sie bildet ferner den Nährboden nicht nur für das Pflegen von Beziehungen (wie oben angedeutet), sondern auch (wie in den kommenden zwei Punkten ausgeführt) für Wahrheitserkennung und intuitive Einsichten.Reinigung und Verfeinern des Sensoriums für StimmigkeitZweifellos haben Sie auch schon Momente erlebt, in denen Sie ein äußerst starkes Gefühl von „Das stimmt!“ oder „Ja, genau so ist es!“ überkam. Die Seele jubelt, heißt es dann. Die Seele jubelt aber kaum, wenn wir unter großem Druck stehen, von nervöser Rastlosigkeit umgetrieben werden oder starke negative Emotionen durchleben. Dann ist jenes Sensorium für Stimmigkeit, das uns erlaubt, jenseits von rein logischen Überlegungen zwischen wahr und unwahr, richtig und falsch oder gut und ungut zu unterscheiden, blockiert oder verunreinigt. Meditation hilft bei der Lösung von Blockaden und der Reinigung. Der Ertrag, den wir im Alltag ernten, ist in Zeiten von Fake-News und immer ausgeklügelteren Werbeversprechungen besonders erstrebenswert.Stärkung des Sensoriums für intuitive Einsichten sowie geahntes UrwissenDer bereits erwähnte Wissenschaftler Claus Otto Scharmer (geb. 1961) ist vor allem bekannt für seine „Theorie U“, in der er der Intuition bei der Entscheidungsfindung eine wichtige Rolle zuweist. Er schlägt auch spezifische Übungsformen hierfür vor, die er „Presencing“ nennt. Man unterbricht das momentane Tun und lässt – mit einer Geste der Hingabe – alle eigenen Vorstellungen und Wünsche los, um so einen erwartungsfreien und doch empfangsbereiten Innenraum zu schaffen. „Suche einen Raum der Stille, und lass dein inneres Wissen entstehen“49, empfiehlt er. Also eigentlich eine Mini-Meditation, die speziell der willentlich nicht herbeizuführenden Intuition einen Empfangsraum bereitet.Stärkung der Empfänglichkeit für das, was unser limitiertes Ich übersteigtIn der Stille deutet sich früher oder später ein MEHR an – etwas, das sich mit Alltagsbegriffen und Alltagskategorien nicht fassen lässt. Auch wissenschaftlich ist ihm nicht beizukommen. Man spricht dann vom Heiligen oder Transzendenten, vom Göttlichen oder von Gott. Worte sind aber bloß Platzhalter für – oder Anrufe an – das, was alle Sprach- und Definitionsmöglichkeiten übersteigt. Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch wurde und wird dieses MEHR immer wieder angedeutet bzw. bruchstückhaft zum Ausdruck gebracht, sei es in heiligen Schriften, in theologischen und philosophischen Abhandlungen, in Mythen, Geschichten und Poesie oder in Musik, in Tanz und darstellender Kunst.Direkte und intensive Erfahrungen des Heiligen werden gewöhnlich als mystische Erlebnisse bezeichnet. Der Psychologe Abraham Maslow (1908–1970) verwendete dafür den Begriff „Gipfelerfahrung“ und vertrat die Ansicht, dass solche Erlebnisse nicht bloß ein paar wenigen erlauchten Personen vorbehalten seien. Wie überall sind die Unterschiede graduell: Viele von uns erleben Momente auf dem „Gipfel“, um dann wieder in niederere Gefilde zurückzugleiten. Die als Mystikerinnen und Mystiker wirksam werdenden Menschen sind nach ihren Erfahrungen weitgehend auf der „Gipfelstufe“ innerlich zu Hause. Allen gemeinsam ist jedoch das Ringen um passende Worte, mit denen sich das Erfahrene beschreiben ließe. Dies erklärt zum Teil die weitverbreitete Zurückhaltung beim Berichten über solche Erlebnisse.Was aber steht hinter derartigen Gipfelerlebnissen bzw. mystischen Erfahrungen? Was eröffnet sich da der erfahrenden Person? Was bedeutet dieses hier angesprochene MEHR? Und was hat all dies mit dem menschlichen Entwicklungsweg zu größerer Reife zu tun? Diesen Fragen wird in den nächsten Kapiteln nachgegangen.Fassen wir zusammen: Abrupte und radikale Transformationen, wie etwa bei Franz von Assisi, finden höchst selten statt (und selbst die haben wohl eine innere Vorgeschichte). Meditation führt eher zu einer Schwerpunktverschiebung. Dabei verändert sich allmählich die Gewichtung zwischen dem Ausgangs- und dem Zielbereich. Letzterer wird zentraler und einflussreicher. Es ist eine Verlagerungvon der Welt des Lärms zur Welt der Stille;von der Welt der Hektik und Anspannung zur Welt der Langsamkeit und Entspannung;von der Welt des achtlosen Tuns und Konsumierens zur Welt des achtsamen Gestaltens;von der Welt der Ich-Besessenheit zur Welt des unbegrenzten Mitgefühls;von der Welt der Wirrnis zur Welt der Klarheit und Einfachheit;von der Enge des Nur-Immanenten zur Weite des Auch-Transzendenten.
35 Deshalb werden etwa bei Zen-Retraites neben den vielen Stunden Meditation stets auch eine Phase von praktischer Mitarbeit im Haushalt, ein Vortrag, ein Einzelgespräch mit der Leitperson sowie genügend Zeit für Spaziergänge in das Tagesprogramm eingebaut.
3 KRAFTQUELLE
Im Frühjahr 1991, kurz nach dem Fall der kommunistischen Regime in Osteuropa, fuhr ich mit einem Freund durch den westlichen Teil Rumäniens. Es bot sich das Bild einer lieblichen, hügelreichen Landschaft mit vielen blühenden Obstbäumen. Etwas fiel uns jedoch speziell auf: die zahlreichen Dörfer, in denen zwar die Fassaden vieler Häuser am Bröckeln und die Straßen abseits der Hauptverbindungen meist ungeteert waren, die aber eine strahlende, frisch gebaute oder renovierte Kirche aufwiesen. Manche dieser Kirchen waren von einer Größe, die uns im Vergleich zur Anzahl der Häuser in der Ortschaft etwas übertrieben vorkam. Später erfuhren wir, dass sich gleich nach dem Sturz der Ceausescu-Diktatur und damit dem Ende des Religionsverbots im ganzen Land Freiwillige darangemacht hatten, „ihre“ örtliche Kirche wieder zu erstellen oder ihr zu altem Glanz zu verhelfen. Dennoch bekam ich nicht den Eindruck, die Rumänen seien im Durchschnitt religiöser als andere Nationen. Die freiwillige Bautätigkeit war vielmehr Ausdruck eines Urbedürfnisses, nämlich des Urbedürfnisses nach einem sichtbaren Zeichen des Sakralen. Eine Kirche ist ein solches weitherum sichtbares Symbol; ein sakraler Ort, auf den man Wert legt, selbst wenn man ihn in der Folge nur selten aufsucht.
Aus seinen psychoanalytischen Erfahrungen mit Hunderten von Patienten zog C.G. Jung folgenden Schluss: „Unter allen Patienten jenseits der Lebensmitte, das heißt jenseits 35, ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht, was mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu tun hat.“50
50 C.G. Jung, Gesammelte Werke, Bd. 11, S. 362.
Wenn es nicht um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion geht, worum geht es dann? Es geht um die Urfragen der Menschheit: Was sind Ursprung und Ziel nicht nur meines eigenen Lebens, sondern auch von allem, was existiert? Wo finde ich einen dauerhaften Lebenssinn? Woran kann ich mich immer halten, egal in welcher Situation? Was trägt mich? Woraus beziehe ich Kraft? Und was ist dieses „Mehr“, von dem wir in Zusammenhang mit den Meditationserfahrungen gesprochen haben? In allen Kulturen und zu allen Zeiten war es der Bereich der Religion, in dem die Menschen, wenn nicht immer Antworten auf all diese Fragen, so doch Hinweise und Stärkung fanden.
In seinem zum Klassiker gewordenen Hauptwerk „Das Heilige“ unterscheidet der Religionswissenschaftler Rudolf Otto (1869–1937) zwischen zwei Grundtypen der religiösen Erfahrung: dem „Mysterium tremendum“ und dem „Mysterium fascinans“. Bei Ersterem handelt es sich um Ehrfurcht bis hin zum Erschauern (nicht Angst; das ist eine krankhafte, wenn auch zu gewissen Zeiten geradezu geförderte Form der Religiosität). Erschauern auch deshalb, weil die Erfahrung – dies ist auch ein Echtheitskriterium – mit einem Anspruch bezüglich unserer Lebensgestaltung verbunden ist.
Der zweite Begriff bezeichnet das Anziehende oder auch das Beglückende – und das Schmerzliche, wenn die Verbindung verloren scheint.
Derartige numinose Erfahrungen sind nicht selten an Naturerlebnisse gekoppelt. Folgender Bericht eines englischen Jugendlichen veranschaulicht beide der erwähnten Grundtypen: „Ich lebe in Essex am Rande eines weit ausgedehnten Salzmarschgebietes. In den Herbstmonaten sitze ich abends oft auf der Strandmauer und blicke über das Marschland. Wenn ich in der Schule bin, sehne ich mich nach dieser wilden Einsamkeit und dem Gefühl von Freiheit und kraftvoller Natur, das es vermittelt. Aber es hat auch etwas schrecklich Einsames, wenn es dunkel wird und die Flut kommt, sodass ich mich auf den Weg mache. Aber immer wieder zieht es mich dorthin zurück.“51
51 Zit. in Rupert Sheldrake, Die Wiederentdeckung der Spiritualität, S. 97.
Eine derartige Sehnsucht zusammen mit der Ehrfurcht vor etwas, das den Menschen übersteigt, bildet wohl das typischste Grundmuster spiritueller Erfahrungen. „Spirituell“ ist hier passender als „religiös“, denn der Erzählende bettet die Erfahrung nicht in einen konfessionellen Rahmen. Es kann sich also um vorreligiöse, religiöse oder transreligiöse Erfahrungen handeln. Man darf davon ausgehen, dass diese Kombination von Ehrfurchterweckendem und zutiefst Beglückendem – zusammen mit einer intuitiven Klarsicht – auch die Grunderfahrung bildet, kraft derer inspirierte Menschen in jeder Kultur der Erde Religionen ins Leben gerufen bzw. erneuert haben.
Untersuchungen zeigen, dass tiefgreifende spirituelle Erfahrungen, wie im obigen Beispiel zum Ausdruck gebracht, viel häufiger sind, als gemeinhin angenommen. Der Grund für die weitverbreitete Verschwiegenheit ist ein zweifacher: Erstens finden viele Menschen nicht die richtigen Worte, um ihr inneres Erleben adäquat wiederzugeben. Und zweitens gibt es eine weitverbreitete Scheu, über spirituell-religiöse Themen zu reden, selbst gegenüber nahestehenden Menschen. Aus einer Angst heraus, danach schräg angeschaut und als „Spinner“ oder „Träumer“ abqualifiziert zu werden, aber auch weil man dadurch etwas sehr Intimes preisgibt.
Diesem Intimen wollen wir uns nun hier und in den nächsten zwei Kapiteln zuwenden. Denn Reife bedingt – ganz zentral – auch Klarheit bezüglich dessen, was uns auf dem mit Unsicherheiten gespickten und oft beschwerlichen Weg die Richtung weist und die nötige Kraft zum Durchhalten verleiht.
Versuche, die Dimension des Heiligen als Hirngespinst, Schwärmerei oder Wunschdenken abzutun, gab es zu jeder Zeit. So weisen Rationalisten darauf hin, dass sich nichts aus diesem Bereich wissenschaftlich „einfangen“ und beweisen lässt. Das ist aber, wie wenn man versucht, dem Zauber einer Mozartsymphonie mit einer Analyse der Schwingungsfrequenzen der einzelnen Noten und Akkorde näherzukommen. Die Ratio hat ihren Aufgabenbereich, aber in der spirituellen Dimension – wie ich die Dimension des Religiösen bzw. des Heiligen zusammenfassend nennen möchte – bewegen wir uns im transrationalen (nicht irrationalen!) Bereich. Das heißt, der Verstand hat zwar auch in diesem Bereich seine Aufgaben (ein blinder Glaube ist unreif und kann auch persönlich sowie gesellschaftlich gefährlich sein), aber ohne Zusammenarbeit mit Gefühl und Intuition kommt er zu keinem brauchbaren Ergebnis. Einem, auf dem sich eine Lebenshaltung gründen lässt.
Andere wiederum lehnen alles Religiös-Spirituelle aufgrund persönlicher Enttäuschungen ab. Anlass dazu gab und gibt es genug: etwa die offensichtliche Diskrepanz zwischen dem, was verkündet und gelehrt wird, und dem, was manche religiöse Würdenträger vorleben. Das gilt auch für religiöse Institutionen als Ganzes – dort nämlich, wo Konservatismus und Machterhaltung stärkere Antriebskräfte bilden als Ehrfurcht und die Bereitschaft, auch durch Anpassungen und Loslassen dem Heiligen wirklich zu dienen.
Vielleicht der häufigste, wenn auch kaum je eingestandene Grund für die Ablehnung der spirituellen Dimension ist eine diffuse Angst. Wenn ich mich aufrichtig auf eine Auseinandersetzung, auf eine Begegnung mit dem Numinosen einlasse, führt das einerseits zu einer Begegnung mit mir selbst – auch mit denjenigen Aspekten, die ich lieber vor mir selber und vor anderen verborgen halte. Und andererseits führt es zu Anforderungen an meine Lebensgestaltung, bei denen es mir unwohl wird, weil sie mich auffordern, meine Komfortzone zu verlassen. Die biblischen Geschichten vom Auszug Abrahams sowie der Exodus aus Ägypten symbolisieren genau dies. Ebenso die Lebensgeschichte von Siddhartha Gautama (wie Buddha ursprünglich hieß), der nach einer Konfrontation mit bisher ausgeblendeten Realitäten des Lebens – Leiden und Tod – sein bequemes Leben als Fürstensohn abrupt zurückließ.
Mit der um sich greifenden Säkularisierung, insbesondere in der westlichen Welt, bekam die Ablehnung des Religiösen historisch gesehen eine gesellschaftliche Dimension. Während sich dadurch zwar ein großer Rechtfertigungs- und Reformdruck auf die institutionalisierten Religionen aufgebaut hat und die klassischen Formen des religiösen Vollzugs, nämlich der Kirchen-, Moscheen- oder Tempelbesuch stark zurückgegangen sind, hat die Säkularisierung, die nun seit gut einem Jahrhundert ihre Kreise zieht, nicht zu einem fortschreitenden Rückgang des Verlangens der Menschen nach Transzendenz geführt. Dieser Bezug findet nun eher in anderen, nicht-religiösen oder nicht explizit religiösen Formen seinen Ausdruck.
Dass Religion nicht nur von Individuen oder einem Teil der Gesellschaft, sondern vom gesamten Herrschaftsapparat abgelehnt, als illusionär erklärt und mit Gewalt aus dem öffentlichen Leben verbannt wurde – dies ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Den Anfang machte 1917 die Sowjetunion mit der Machtübernahme der Bolschewiki, welche die atheistisch-materialistische Weltanschauung des Marxismus als „wissenschaftlich erwiesen“ darstellten und nach der Hingabe der Bevölkerung an die kommunistische Sache „mit Herz und Seele“ trachteten (rasch aber de facto nach ihrer Unterwürfigkeit). Die Machthaber wussten, dass eine vollständige Hingabe an eine irdische Macht niemals erfolgen wird, wenn jemand einer „höheren“ Macht anhängt. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten dann die Länder des von der UdSSR beherrschten Ostblocks52 sowie Albanien; in Ostasien waren es China sowie Kambodscha (vier Jahre unter den Khmer Rouge), Laos, Vietnam und Nordkorea. Keinem dieser Staaten mit einem offiziell atheistischen Regime gelang es jedoch, die Religion trotz zum Teil brutalster Repression zum Absterben zu bringen, selbst über Generationen hinweg nicht. Ausgerechnet ein russischer Philosoph – Nikolaj Berdjajew (1874–1948) – war es, der den Menschen als „unzerstörbar religiös“53 bezeichnete. Offensichtlich lässt sich weder das Bewusstsein des Heiligen (oder zumindest eine Ahnung davon) noch das Bedürfnis danach ausrotten. Regime in Ländern wie China, Vietnam und Laos mögen zwar offiziell immer noch die atheistische Ideologie propagieren, tolerieren religiöse Praxis jedoch, solange diese nicht als Gefahr für die Vormachtstellung der kommunistischen Partei eingestuft wird. Vollständige Unterdrückung jeglicher religiöser Erscheinungen – außer der Huldigung der gottgleichen Führer des Landes – gibt es heute nur noch in Nordkorea.
52 In einigen der Ostblockstaaten wurde die Unterdrückung von Religion eher halbherzig umgesetzt. (Denken Sie an das katholische Polen!) Die kommunistischen Machthaber arrangierten sich lieber mit den Kirchenoberen und machten sie so weit wie möglich gefügig.
53 Zit. in Josef Sudbrack, Mystik, S. 43.
Es ist wohl eine Kombination der genannten Gründe (Säkularisierung, Rationalismus, Enttäuschung über religiöse Institutionen und Angst vor Verbindlichkeit), die so viele Menschen im Westen heute auf Abstand zum Religiösen hält. Man beschäftigt sich lieber nicht mit dieser Thematik. Auf Anfrage hin – auch hier gibt es in unseren Breitengraden Untersuchungen – bezeichnen sich nämlich weit mehr Menschen als Agnostiker – welche die Frage nach Gott oder dem Göttlichen offenlassen – denn als Atheisten. Agnostiker verteidigen oftmals ihre Haltung, indem sie darauf hinweisen, dass sich die Frage nach der Realität des religiös-spirituellen Bereichs nie eindeutig beantworten lässt. Das stimmt zwar verstandesmäßig, aber es stellt gleichzeitig eine Weigerung dar, sich der Sache gefühlsmäßig zu öffnen und sich ihr auf der „Herzensebene“ zu nähern.
Ich bekomme oft den Eindruck, dass die scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen Gläubigen und Atheisten sehr oft auf einem Missverständnis beruht. Die Falle ist sprachlicher Art: Bei einem Atheisten ruft das Wort „Gott“ schlicht andere Vorstellungen hervor als bei einer gläubigen Person, deren Glaube auf persönlichen spirituellen Erfahrungen beruht. Die Schemata im Kapitel 3.2 stellen einen Versuch dar, dies zu veranschaulichen.
Karl Rahner (1904–1984), der wohl bedeutendste katholische Theologe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat lange mit dem augenfälligen Phänomen gerungen, dass es Menschen gibt, die sich nicht als Christen bezeichnen, aber dennoch größtenteils im Einklang mit den sogenannt christlichen Prinzipien leben – in stärkerem Ausmaß vielleicht als manche bekennende Christen. Rahner prägte daraufhin den Begriff „anonyme Christen“. Das gleiche Phänomen findet sich zweifellos auch bei anderen Religionen.
Entscheidend ist also nicht der vordergründig propagierte Glaube, der möglicherweise aus intellektuellen oder kulturellen Gründen akzeptiert oder mehr oder weniger unkritisch von Eltern und Umfeld übernommen wurde. Ein solcher Glaube mag dann eine Schublade des Lebens neben anderen – Beruf, Familie, Hobbies – bilden, aber er stellt keinen alles durchdringenden Faktor dar. Gewisse Inhalte aus der religiösen Dimension werden zwar für wahr gehalten, aber es findet kein Sich-Fallenlassen in die Gottheit statt. Entscheidend ist vielmehr ein existenzielles Vertrauen (das, was die nie versiegende Kraftquelle offenhält). Ein solches kann bei Menschen ohne religiöse Bindung genauso vorhanden sein oder fehlen wie bei „Glaubenden“ der oben beschriebenen Art.
Es ist unübersehbar, dass der Einfluss der institutionalisierten Religionen abnimmt. Das Heilige wird zunehmend auch jenseits aller etablierten Religionen gesucht, was gesellschaftlich gesehen ein noch nie dagewesenes Phänomen darstellt. Individualisierte Spiritualitätsformen breiten sich aus, ohne dabei eine einheitliche Bewegung zu bilden. Verbundenheit mit der Natur ist eines ihrer häufigsten Merkmale. Zu den Grundlagen gehört die – heutzutage leicht zugängliche – religiöse und mystische Weisheitsliteratur aus allen Weltteilen. Auch die ethischen Grundprinzipien unterscheiden sich kaum von denen der Weltreligionen. So gesehen besteht nach wie vor eine enge Verwandtschaft zwischen der religiösen Tradition der Menschheit und der modernen Spiritualität. Noch ist eine solche inklusive, religionsübergreifende Spiritualität kein Massenphänomen; aber sie ist aus unserer Zeit auch nicht mehr wegzudenken.
Wo anders als in der Dimension des Religiösen bzw. Spirituellen lässt sich nach Antworten auf die angeführten Urfragen suchen? Der Humanismus bietet eine vergleichbare ethische Basis. Aber jene Sehnsucht nach dem „Mehr“ – nach etwas, das dem ganzen Kosmos Sinn verleiht und dem man danken kann für die Schönheit auf der Welt – vermag er nicht zu erfüllen.
Der Reifeweg bedeutet eine Lebensaufgabe. Er ist beschwerlich und mit Hindernissen, Ablenkungen und Unsicherheiten gespickt. Wir benötigen eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten (geistig sowie persönlich), aber auch die allein genügt nicht. Ohne eine verlässliche innere Quelle, aus der sich Kraft schöpfen lässt, und ohne einen verlässlichen Kompass sind die Aussichten, eine gute Wegstrecke zurückzulegen, gering – das zeigen genügend Einzelschicksale. Wo oder wie finden wir also Zugang zu einer solchen Quelle, die Wegzehrung und Orientierung zugleich bietet?
Für Angehörige einer Religion ist die Antwort naheliegend: durch Gebet, durch geistige Lektüre, in Ritualen sowie in der Religionsgemeinschaft. Meditation (im umfassenden Sinn) ist ein Zugang, der heutzutage auch nicht konfessionell eingebundenen Menschen offensteht. Aber auch die meditative Praxis braucht einen spirituellen Unterbau, um sich langfristig als fruchtbar zu erweisen.
Manchmal sind es Vorbilder, die uns als Orientierung dienen. Dies können globale Leuchtfiguren wie der Dalai Lama oder Mutter Teresa sein, oder aber Personen aus unserem Umfeld, etwa eine Großmutter, die das vorlebte, was uns als Wegweiser dienen kann.
Die Natur ist gerade in unserer säkular geprägten Gesellschaft ein wichtiges Portal zur Tiefendimension und Quelle. Dass sie nicht nur lebendig ist, sondern ihr (meist unbewusst) auch eine eigene Weisheit zuerkannt wird, lässt sich nicht nur bei naturnahen Völkern feststellen, sondern blitzt auch immer wieder in unserem Sprachgebrauch auf. Ein Satz wie „Die Natur hat das gut eingerichtet“ kann auch einem wenig spirituell gesinnten Menschen entrutschen. Und wer stört sich am Ausdruck „Mutter Natur“? Ferner kann es kein Zufall sein, dass „Natur“ in allen mir bekannten Sprachen, die ein grammatikalisches Geschlecht aufweisen, weiblich ist.54
54 z. B. die Natur, la nature (franz.), la natura (ital.), la naturaleza (span.), priroda (russ., vom Verb rodit’, gebären).
Portale können sich auch öffnen durch Berührtwerden von Kunst, sei es einem Gemälde, einem Musikstück oder einem Gedicht, sowie durch liebevolle Begegnungen oder Erfahrungen von Stille.
Um das, was hinter solchen Portalen liegt – also um das, was uns bis zum letzten Atemzug nährt, gleichzeitig aber sprachlich kaum fassbar und zutiefst intim ist –, geht es in den folgenden zwei Kapiteln.
Vielleicht gehören Sie, liebe Leserin und lieber Leser, zu denjenigen, die normalerweise auf Distanz gehen zu allem, was mit Religion oder Spiritualität zu tun hat. Sie können selbstverständlich einen Bogen um die kommenden zwei Kapitel machen. Aber möglicherweise würden Sie, wenn Sie weiterlesen, etwas Unerwartetes erfahren. Die Einladung liegt vor.
3.1 DER LEISE WINDHAUCH
Die Bibel erzählt folgende Geschichte vom Propheten Elija: Er zog durch die Wüste und stieg auf den Berg Horeb, wo er in einer Höhle Unterschlupf fand. Dort klagte er Gott sein Leid, worauf dieser ihn aufforderte, aus der Höhle herauszutreten und sich vor ihn hinzustellen:
„Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel.“ (1. Könige 19, 11–13)
In der Übersetzung des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878–1965), die dem hebräischen Urtext näherkommt, lautet der zweitletzte Satz:
„[…] aber nach dem Feuer eine Stimme verschwebenden Schweigens.“55
55 https://bibel.github.io/BuberRosenzweig/ot/1.K%C3%B6n_19.html.
Das lateinische Wort „spiritus“ bedeutet „Atem, Lufthauch, Geist“; das Verb, aus dem es hervorging, lautet „spirare“ – „atmen“. Die jeder Religion zugrunde liegende Spiritualität enthält also dieses Element des Luftigen, Lebendigen, Fließenden. Es ist dieser leise und subtile Geist, der weht, wo er will.
Um bei diesem Bild zu bleiben: Spiritualität bringt frische Luft in ein ich-zentriertes Lebensgebäude, das ohne sie immer stickiger und unerträglicher wird. Und wie kein menschliches Leben ohne Atmen möglich ist, ist auch kein Reifeprozess ohne diesen leise inspirierenden und kraftspendenden Geist denkbar.
In der Bibel heißt diese Lebensessenz „Gott“. „Gott“ ist in einer geistig-religiös verunsicherten bis skeptischen Gesellschaft zu einem heiklen Wort geworden. Schuld daran sind nicht nur religiöse Zweifel, sondern auch der achtlose und manchmal auch bösartige Missbrauch, der mit ihm getrieben wurde und wird. Ist ein redliches Sprechen von Gott noch möglich? Wenn ja, verlangt es enorme Behutsamkeit.
Folgendes Gedicht des Arbeiterpfarrers und Dichters Andreas Knapp (geb. 1958) bringt diesen Zwiespalt auf prägnante Art zum Ausdruck: 56
56 Zitiert in der Zeitschrift Publik-Forum, Nr. 24/2018, S. 33.
Gott
Unwort der Jahrtausende
blutbesudelt und missbraucht
und darum endlich zu löschen
aus dem Vokabular der Menschheit
Redeverbot von Gott
getilgt werde sein Name
die Erinnerung an ihn vergehe
wie auf Erden so im Himmel
wenn unsere Sprache aber
dann ganz gott los ist
in welchem Wort
wird unser Heimweh wohnen
wem schreien wir noch
den Weltschmerz entgegen
und wen loben wir
für das Licht
Im Islam gibt es sowohl in der Sufi-Mystik als auch im Volksglauben die Tradition der 99 Namen Allahs (die alle im Koran vorkommen und alle gewisse Eigenschaften Gottes ausdrücken, welche sich die Menschen bei ihrem „Aufstieg“ mehr und mehr aneignen sollen). Der hundertste, weil unfassbar, bleibt ein Geheimnis. Diese Herangehensweise wird der oben geforderten Redlichkeit gerecht, denn sie umschreibt das Unsagbare, anstatt es beschreiben oder gar definieren zu wollen. Und sie lässt einen Leerraum für das, was dem beschränkten menschlichen Verstand nicht zugänglich ist.
In diesem Geist folgen hier ein paar Bezeichnungen, die auch im Rest des Buchs alternierend verwendet werden. Nicht als Entweder-oder, sondern als Sowohl-als-auch. Und stets mit einem leeren Raum für MEHR.
Gott …
Das Göttliche …
Das Heilige …
Das Unaussprechliche …
Das Transzendente … – in unserer Mitte
Der Seinsgrund …
Die Essenz unserer Essenz …
Liebe …
Friede …
Zutiefst in uns und um uns ganz subtil, wie ein leiser Windhauch, präsent, erahnbar, aber nicht erfassbar, meist von unseren Sinneseindrücken, Gedankenströmen, emotionalen Bewegungen sowie von festgefahrenen Meinungen, Abneigungen und Ängsten übertönt und überdeckt. Weitere Barrieren bilden eine Haltung des Misstrauens (Abwehrhaltung) und der Egozentrik (isolierende Haltung; Abkapslung von jener Mitte, in der wir mit allen und allem verbunden sind).
Dionysius Areopagita, ein vermutlich syrischer Mönch und Mystiker aus dem frühen 6. Jahrhundert, über dessen Identität wenig bekannt ist, der aber ein geistesgeschichtlich einflussreiches Werk hinterlassen hat, schrieb: „Die einzige Sprache, die keine Grenzen hat, in der das Unendliche noch einen Platz hat: das Schweigen. Nicht das düstere Schweigen, sondern ein Schweigen, das Sprache ist. Ehrfürchtiges Schweigen. Betendes Schweigen. Verehrendes Schweigen.“57
57 Zit. in: https://www.wir-sind-kirche.de/koeln/das_hell-lichte_dunkel.htm.
Und doch erfasst uns Menschen der Drang, das, „wovon das Herz voll ist“, zum Ausdruck zu bringen. Wenn wir uns eine von fassbar bis unfassbar reichende Skala der Subtilität vorstellen, so befinden sich konkrete, messbare, mit den Sinnen direkt wahrnehmbare Dinge (etwa ein Tisch) am einen Ende und das, was wir „Gott“ nennen, am anderen. Je näher etwas am ersten, „handfesten“ Ende angesiedelt ist, desto einfacher können wir es auch sprachlich und damit gedanklich fassen. Je mehr wir uns zum Subtilen hin bewegen, desto weniger eignen sich theoretische Abhandlungen und desto mehr müssen wir zu Metaphern und Vergleichen, besser noch zu Liedern, Gedichten und Geschichten greifen. Denn Lieder, Gedichte und Geschichten berühren das Gemüt, das feiner wahrzunehmen und zu unterscheiden in der Lage ist als unser Verstand. Und sie wecken Assoziationen. Durch sie wirken das Gehörte bzw. Gelesene wie auf unser eigenes Leben zugeschnitten.
Weil das Allersubtilste („das Göttliche“) von dem, was lauter und greller daherkommt (in der Elija-Geschichte der Sturm, das Erdbeben und das Feuer), oft übertönt oder verdeckt wird und so leicht zu verpassen ist, und weil es so weit jenseits des wissenschaftlichen Zugriffsbereichs liegt, wird es zumeist ignoriert und vielfach sogar negiert.
Dieses Subtile ist so fein, dass es alles durchdringt. Es kann genauso wenig abwesend sein wie Luft in einem lebendigen Körper. Und es ist nichts Statisches, es bewegt und ist in Bewegung wie der Ein- und Ausfluss der Luft beim lebenserhaltenden Atemvorgang. Wie oft aber nehmen wir Luft oder den Atemvorgang bewusst wahr?
Es muss ein gutes Gleichgewicht gefunden werden zwischen dem eigentlich angebrachten Schweigen und der Sehnsucht nach sprachlichen oder bildhaften Annäherungen. Ein solcher Versuch wird im folgenden Kapitel unternommen.
3.2 VON DER UNMÖGLICHKEIT, AUS GOTT HERAUSZUFALLEN
Es gibt keinen gottlosen Menschen auf dieser Welt, weil kein Mensch Gott loswerden kann.
(Karl Rahner, 1904–1984, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts)58
58 Zit. in Pierre Stutz, Geborgen und frei, S. 41.
Weltbilder im Überblick
In den vorhergehenden zwei Kapiteln haben wir uns gedanklich unserem Fundament bzw. unserer Kraftquelle angenähert und dafür Begriffe wie Gott, das Göttliche, die Grundlage alles Seienden usw. verwendet. In diesem Kapitel überlegen wir uns genauer, was darunter verstanden werden kann – bis an die Grenzen des Denkbaren. Denn das, was hier gemeint ist, geht per definitionem weit darüber hinaus. Wir schauen auch auf die guten Gründe, die das Postulieren eines solchen Fundaments plausibel machen, und zeigen auf, wie wichtig ein solches Fundament für einen bewussten, lebenslangen Reifeprozess ist. Als Leitplanken für die folgenden Überlegungen sollen vier Schemata dienen. Sie bilden auf eine sehr einfache Art verschiedene Weltbilder ab. Der Begriff „Weltbild“ wird umfassend verstanden, also einschließlich Menschen- und Gottesbild (das Gottesbild kann auch aus der Vorstellung der Nichtexistenz Gottes bestehen). So sieht das erste Weltbild aus:
WELTBILD A

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