Kitabı oku: «Die Burnout Lüge»

Martina Leibovici-Mühlberger: Die Burnout-Lüge
Inhalt
Einleitung
Meine eigene Geschichte mit Burnout
Burnout – aber wovon reden wir hier eigentlich wirklich? Der apokalyptische Reiter am Horizont
Process in progress
Wenn der Vorhang fällt
Wer einmal auf die schiefe Bahn kommt, wird immer schneller
Interdependenz – das dynamische „misfit“
Die Mär vom schlechten Menschenmaterial und der miesen Organisationskultur
Der Eisberg taucht auf
Gesellschaft des Sinnverlusts – Gesellschaft der Entfremdung – Burnout-Gesellschaft
Wer nicht mitspielen kann, wird vom Spielfeld geschickt. Ein Leben im Hinterhof.
Das Geschäft mit der Angst
Wenn aus einem potentiellen „Burnout-Fall“ ein Systemkritiker mit Stil wird
Und wo sind wir heute in unserer schönen, neuen, bunten Welt angekommen?
Das falsche Konzept der Menschwerdung als wahrer Hintergrund: Menschwerdung über Angst, Kontrolle und Machtgier
Was wirklich hilft und was es Zeit ist zu tun: Menschwerdung über Mut, Vertrauen und Kooperation
Wie wir das leben können, was wir sind und trotzdem nicht verhungern
Love – Work – Pray oder: Was der Mensch zum sinnerfüllten Leben braucht
Love: Liebe ist kein Gefühl sondern eine Haltung
Work: Eine neue Art von von Arbeitsbegriff und Unternehmenskultur
Pray: Sich aufgehoben fühlen, ganz ohne Kontrolle
Nachwort
Einleitung
Wenn ich heute nach einem langen Praxistag im Auto säße und mir überlegte, ob ich nun zumindest einem neuen Cabrio einen guten Schritt näher wäre, wenn mich beim Aussteigen aus dem Flugzeug nach einer intensiven Konferenz, bei der ich mit Vortrag oder Workshop aktiv beitragen konnte, ein Gefühl von sinnloser Ausgelaugtheit befiele, oder aber, wenn mir nach der Klausur mit meinem Team die vor uns liegenden Aufgaben als unüberwindbar erschienen, dann wüsste ich, dass etwas wirklich grob falsch in meinem Leben liefe. Dann wüsste ich, um es mit der gängigen Modediagnose zu belegen, – und Einrasterung ist dieser Gesellschaft heilig – dass nun auch ich einem sogenannten „Burnout“ nahe bin.
Ich wüsste allerdings auch, ganz entgegen der allgemeinen Meinung, dass es nicht die Arbeitsbelastung ist, die gerade im Begriff ist, mir das Leben abzugraben. Arbeitsbelastung macht müde. Das ist ein normaler Prozess und für sich genommen nichts Pathologisches. Sehr viel Arbeit hat also die Potenz, einen sehr müde zu machen. Ist ja auch irgendwie logisch. Dann muss man eben schlafen gehen, statt sich noch die Nächte mit hippen Veranstaltungen oder, in der Schmalspurversion, mit seinen Lieblingsserien um die Ohren zu schlagen. Und mehr, seien wir ehrlich, gibt es zum Thema Arbeitsbelastung nicht zu sagen. Dafür haben, zumindest in jenen Ländern, in denen das Burnout auf Basis der herbeigeredeten arbeitsbedingten Ausbeutung als zunehmende Seuche grassiert, tonnenweise Arbeitsschutz- und Ruhebestimmungen gesorgt. Eine Paradoxie, an der alle medial die Arbeitswelt vorverurteilende Berichterstattung geflissentlich vorbeiblickt. Gerade in jenen postmodernen, wohlregulierten und wohlsituierten Gesellschaften der westlichen Hemisphäre gibt es ja wohl im Vergleich zu einem vom Arbeitsschutz nahezu „unbelasteten“ Dritt- oder Viertwelt-Industriebetrieb beim Thema Arbeitsbelastung und Ausbeutung wirklich beim besten Willen nichts mehr zu bemängeln. Schon ein nur wenig kritischer Blick auf die eigene Elterngeneration, die Burnout nicht wirklich kannte, legt nahe, dass es sich hier nur um das Spiel einer gesamtgesellschaftlichen Wehleidigkeit handeln kann.
Das würde allerdings, in oben genanntem Szenario, trotzdem nichts an meinem Problem „mich knapp vorm Zusammenbruch zu fühlen“ ändern. Zugegeben, da fühlt man sich in der ersten Sichtung seines Zustands dann nicht besonders arbeitsfähig, was wiederum für die rasch auf den Plan tretenden Vertreter der Helferindustrie im Kreisbeweisschluss die Pforte öffnet, um scheinbar schlüssig die Arbeitsbelastung lautstark als Verursacher und Übel zu brandmarken. Im Gegensatz dazu würde in der hypothetischen Fallstudie meines eigenen Burnouts die Tatsache glatt unter den Tisch fallen, dass ich mich, mein Menschsein und meinen Sinn, genauso wie dies die meisten um mich herum tun, bereits vor Längerem verraten habe, dass ich mir selbst und allem um mich herum also schon lange entfremdet bin. Denn die Konsequenzen der Anerkennung dieses Faktums wären weitreichend und beängstigend für eine auf Konsum, Kontrolle und Überregulation alles Lebendigen ausgerichtete Gesellschaft, wenn wir den Mut fänden, hier wirklich hinzuschauen.
Gerade deswegen setzt ein so ideologisches wie reflexhaftes Räderwerk im Umgang mit Burnout und seinen aufziehenden Gefahrenzeichen ein: Wenn mein Zustand als Besorgnis erregend, aber noch nicht wirklich desaströs einzustufen wäre, dann würde man mir mit sonorer Stimme im Ton sakraler Offenbarung dringend zu mehr „Work-Life-Balance“ raten, gute Freunde würden mir vom „gesunden Egoismus“ vorschwärmen, und alle wären der Ansicht, dass Arbeit und Verantwortung dringend zu reduzieren sind. Dann könnte ich mich noch eine Weile mit gut abgesteckten Boxenstopps in einem Wellnesstempel über Wasser halten und mir am Wochenende einen kleinen Shoppingkick als kurzfristigen Energiebooster verpassen. Exklusive Hobbys wie Drachenfliegen oder Heliskiing könnten eventuell auch noch helfen. Oder es stünde mir noch der Weg offen, Städtereisen zu sammeln, teure Uhren oder auch nur Swatches, wenn meine Praxis weniger gut ginge. Und dann blieben noch verkokste Sexpartys, die man mir angesichts der Bedrohung durch den völligen Zusammenbruch wohl durchaus nachsehen würde. Wenn ich Glück hätte, käme ich damit bis in die Pension. Wenn nicht, würde ich eben mittendrin zusammenbrechen und aufwändig auf Kur geschickt, ohne mich je meinem eigentlichen Thema der narzisstischen Sinnleere stellen zu müssen. So oder so – ich bliebe auf dem Kurs einer Gesellschaft, die mit der Burnout-Lüge gut vorgesorgt hat, weil alle mitspielen und viele daran verdienen.
Lange Zeit bin ich der Burnout-Lüge selbst aufgesessen, ja, ich war als Ärztin sogar ihr Handlanger. Ich habe mit großer Anteilnahme das Schicksal der überarbeiteten Gutmenschen mitbeklagt, Patienten ausufernd auf meinen Schoß genommen, sie darin bestätigt, dass sie schwerst erkrankt und unbedingt schonungsbedürftig wären, und habe mit ihnen Pläne zum unbedingten Erstarken ihres persönlichen Egoismus und einer drastischen Reduktion der Arbeitsbelastung ausgearbeitet. Verweigerung von Belastung und Einsatz, Dienst nach Vorschrift, Widerstand gegen die allgegenwärtige Ausbeutung durch die Arbeitswelt oder Familie. Dabei habe ich nur Symptome bekämpft, mitgeholfen, einen Plan für ein Überleben auf niedriger Ebene zu schaffen, angepasst zu bleiben. Die eigentlichen Ursachen aber habe ich damit weiter besichert und stabilisiert.
Meine eigene Geschichte mit Burnout
… ist eine sehr alte. Als ich Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Medizin studierte, hatte der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger die psychologisch interessierte Kollegenschaft gerade mit einer ersten Veröffentlichung zu einem von ihm in Sozialberufen zunehmend beobachtbaren, frappierenden Phänomen aufhorchen lassen.
Sozialarbeiter, Psychologen, Krankenschwestern oder Vertreter anderer helfender Berufe, die über Jahre hinweg hoch engagiert ihren Berufspflichten nachgekommen waren, verloren plötzlich gänzlich ihren Elan, entwickelten eine zynische Einstellung zu ihren Klienten und verfielen in einen Zustand von Antriebslosigkeit und emotionaler wie physischer Erschöpfung, bis hin zu vollständiger Apathie. Mit dem Begriff „Burnout“ war ein Wortbild geschaffen, das die Gemüter zu erhitzen vermochte und zu näherer Begriffsbestimmung drängte. Zahlreiche verbale Beschreibungsversuche tauchten auf, die alle letztendlich einem bemühten Gestammel glichen.
Entweder waren sie zu unspezifisch, um der notwendigen Trennschärfe gegenüber anderen Syndromen gerecht zu werden oder aber zu spezifisch und eingrenzend, sodass jedem durch Fallpraxis mit der Materie Vertrautem sogleich ein waschechter „Burnout“-Patient einfiel, der in diesem Modell durch die Maschen rutschen würde. Irgendwie einigten sich der Boulevard und eine Burnout-Forschung, die, beurteilt man sie nach Kriterien wie Validität, bereits ganz unten auf recht wackeligen Beinen steht, darauf, dass es sich beim Burnout um einen arbeitsbezogenen Zustand von physischer, emotionaler und mentaler Erschöpfung handelt, einer drastischen Überarbeitung also, die von Depersonalisation und eklatantem Leistungsabfall gekennzeichnet wird.
Wir, die wir uns bereits als intellektuelle Speerspitze einer neuen Ärztegeneration sahen, die sich weigerten, das Seelenleben des Menschen weiterhin strikt von den körperlichen Vorgängen sowie den auftretenden Krankheitsprozessen getrennt zu sehen, waren von diesem seltsamen Syndrom fasziniert. Trotz meiner in jüngerem Lebensalter noch ausgeprägten Respekthaltung gegenüber Wissenschaft und Forschung kann ich mich sehr klar an das sichere Gefühl erinnern, dass sich in den gängigen angebotenen Deutungen immer nur ein begrenzter Abschnitt reflektierte. Das Ding war größer. Da steckte mehr dahinter als der simple Zusammenbruch unter zu großem Arbeitsdruck, wie man es gerne auf eine Kurzformel brachte. Das war wirklich spannend. Die meisten von uns hatten sich, was zum damaligen Zeitpunkt ohne Internet noch mehr einer Geheimoperation glich und heute über Knopfdruck zu haben ist, über diverse Quellen ein MBI (Masłach Burnout Inventory) als Fragebogen – gemeinsam mit dem weniger verbreiteten TM (Tedium Measure) die Bibel der Burnout-Forschung – gecheckt, um auf eigene Faust und im heroischen Selbstversuch die Burnout-Gefährdung zu erheben. Mir kamen schon damals ziemliche Zweifel. Meine Frage, WIE es zur Auswahl und Erstellung der einzelnen Items kam, wurde nie zufriedenstellend beantwortet, und auch in meinem eigenen Ergebnis zeigten sich, sooft ich es auch wiederholte, nur Anomalien.
Als Werkstudentin, die aus einer kleinen Beamtenfamilie aufgebrochen war, um den unserer Generation vorgegebenen Olymp der Akademisierung zu erklimmen, musste ich mir mein Studium ziemlich vollständig selbst finanzieren. Das bedeutete zumindest einen Tag in der Woche Meinungsforschung als Straßenbefragung, durch deren Lenkung wir in der Folge entschieden, ob die Bürger unseres Landes zum Beispiel für die revolutionäre Form des Mozarttalers konsumreif waren. In den Wochenendnächten schlüpfte ich dann ins Kostüm der Barfrau, ersparte mir damit das Ausgehen und hatte dennoch eine Menge Spaß. Ich lernte auf diese Weise unwahrscheinlich viele Leute sowie verschiedene Drinks kennen und verdiente entsprechend Kohle. Den Rest der Zeit widmete ich mehr meiner Medizinorientierung, indem ich in einer Privatklinik für zwei arabische Querschnittpatienten als Pflegerin arbeitete. Der eine war bei der Falkenjagd vom Pferd gestürzt, dem anderen war ein Kamel, das er angefahren hatte, aufs Autodach gefallen. Beide hatten reges Interesse am Ausschnitt meiner Dienstbluse, waren aber sonst kooperativ und ziemlich aufwändig mit ihren Gebetsritualen versorgt, sodass mir in den Umlagerungspausen jede Menge Zeit blieb, um mich auf meine Rigorosen vorzubereiten. Die meisten meiner Kommilitonen waren, die Theorie der Überarbeitung vor Augen, der sicheren Ansicht, dass mich meine achtzig bis neunzig Arbeitsstunden pro Woche pfeilgerade von der Seite der Burnout-Beforscher auf die Seite derer befördern müssten, die diesem Syndrom in absehbarer Zeit erliegen. Aus meinem Blickwinkel schien jedoch das krasse Gegenteil der Fall zu sein. Es fühlte sich an, als nähme ich mein Leben immer mehr in Besitz. Obwohl ich zugeben muss, dass mich, obrigkeitsgläubig wie ich mit dem Rest meiner Generation grundsätzlich erzogen worden war, immer wieder Zweifel über meine eigene Befindlichkeit befielen, ich mich sozusagen belauerte, ob nicht der Hintergrund meiner täglichen Arbeitsmotivation bereits den Abgrund einer aufflammenden Ausgebranntheit bereithalten würde. In der Zwischenzeit erlernte ich praktischerweise, wie sich effizient in Salamischeibchen schlafen lässt, was mir für meine spätere Facharztausbildung sehr zugute kam. Ich begann, zunehmende Faszination für dieses schillernde Phänomen Burnout zu entwickeln.
Ich arbeitete in jenem Trakt, der die voraussichtlichen Langzeitpatienten beherbergte. Unter Titeln wie Neurasthenie, psychovegetativer Kollaps oder auch Managersyndrom residierten in den mehr einem Hotelambiente ähnelnden Krankenzimmern auch immer wieder Patienten mit bemerkenswerten Geschichten ihres persönlichen Zusammenbruchs. Wir behandelten sie zuallererst mit der obligaten Durchuntersuchung, die über jede Körperöffnung das Innerste nach außen zu kehren trachtete, um so eine somatische Ursache und damit rational nachvollziehbare Erklärung zu finden. Manche erwiesen uns den Gefallen, dass sie alle Zeichen einer chronischen Gastritis hatten, litten unter erhöhten Blutdruckwerten oder aber zeigten in ihrer Anamnese hartnäckige Verdauungsprobleme oder unterschiedlichste Formen von Darmentzündungen. Einige Fälle von Tinnitus legten ebenfalls nahe, dass hier das Ohrgeräusch nicht die Ursache sondern eine Begleitreaktion eines anderen, viel tiefer liegenden Prozesses sein musste, der den betroffenen Menschen in seiner Gesamtkonstruktion in Frage zu stellen vermochte.
Bei den meisten jedoch waren die Symptome ein wirres Bündel von Befindlichkeitsstörungen und Ausdruck eines langandauernd hochgefahrenen und aus der Regulation gefallenen Stresssystems. Unisono ließen sich Schlafstörungen, Unruhezustände, zunehmende Ängste, den erlebten Anforderungen nicht mehr entsprechen zu können, feststellen. Dazu kamen Versuche, sich mit Aufputschmitteln fit zu machen und abends mit Alkohol und Schlafmitteln aus dem überdrehten Zustand wieder herunterzuholen. Irgendwann stand dann der Zusammenbruch als Endausbaustufe dieser Entwicklung ins Haus.
Wenn das somatisch orientierte Behandlungsarsenal erschöpft war, wurden die Neurologen und Psychiater zugezogen, die den Medizinschrank der Psychopharmaka aufschlossen, Schlafkuren, Arbeitskarenz und entsprechende langfristige medikamentöse Einstellung propagierten. Und ich durfte unbeachtet und – ich gebe es offen zu – von meiner Neugierde getrieben unbehelligt, da unter dem Schutz einer sehr einfühlsamen Stationsschwester, mit den Patienten Gespräche führen. Nicht, weil man sich davon irgendetwas versprach, sondern weil man es ganz sicher für bedeutungslos hielt. Wir bewegten uns damals schließlich in einer Zeit, in der Psychotherapie noch den Nimbus von Unanständigkeit hatte und nahezu jeder gestandene Psychiater, dem sein Ruf als ernstzunehmender Mediziner wichtig war, darauf achtete, lautstark einen weiten Bogen um dieses unseriöse Ding zu ziehen. Abgesehen von wenigen Mutigen, denen allerdings viel zu verdanken ist, wurde mit den neuen Ansätzen von Gestalttherapie, Psychodrama, Gesprächspsychotherapie, Gruppendynamik oder gar Körpertherapie nur heimlich kokettiert. Fürs „Reden“ gab es schließlich den Gewerbeschein „psychologische Beratung“, den jeder, vom Andenkenverkäufer über die berufene Hausfrau bis zum Tierpfleger, anstandslos lösen konnte.
Meine Faszination war perfekt, wenn ich unseren Patienten lauschte, während sie eine immer andere und trotzdem auf magische Weise immer gleiche Geschichte ihres Verfalls beschrieben. Meine Ratlosigkeit allerdings auch. Was war mit diesen Menschen geschehen, die jetzt vielfach wie ein Schatten ihrer selbst auf unseren Gängen herumschlichen, sich wie Frischoperierte nur mit Begleitung bis in den Garten vorkämpften und einen zu ihren Laborparametern so widersprüchlich hoffnungslosen Gesichtsausdruck trugen. Das waren doch vielfach Menschen, die es, wie man so sagte, in ihrem Leben zu etwas gebracht hatten, Manager, Schauspieler, Wissenschaftler, Ärzte, Rechtsanwälte mit großen Kanzleien, Unternehmer oder solche aus der Klasse von Reich und Schön. Was konnte schon in so einem Leben so schief gehen, dass sie alle meinten, einfach nicht mehr weitermachen zu können? Oder waren hier vielleicht endogene, möglicherweise genetische Faktoren im Spiel, die bei Erreichung irgendeiner unsichtbaren Zeitmarke magisch darüber entschieden, ob der eine einer langanhaltenden Arbeitsbelastung gewachsen war, während der andere davon in unverhinderbarer Weise arrodiert und durch die Arbeitswelt zur Strecke gebracht wird? Ging es darum, Menschen mit Schutzfaktor von jenen mit einem Gefährdungsfaktor unterscheiden zu lernen, um dies eventuell in die Berufs- und Karriereplanung mit einbeziehen zu können? War es vielleicht an der Zeit, der bitteren Wahrheit ins Auge zu blicken, dass sich schlichtweg nur „Träger des egoistischen Gens“, (Dawkins vulgärevolutionistische Haltung war damals als Erklärungsmodell äußerst en vogue) für Spitzenpositionen eigneten?
Auch heute bin ich der festen Überzeugung, dass es „Schutzfaktoren“ gegen Burnout gibt, die immunisieren. Allerdings finden sich diese nicht auf einem gefällig niederzunagelnden Genlocus, sondern in einem auf den ersten Blick komplex anmutenden, jedoch grundsätzlich jedem zugänglichen Mindset begründet.
Die Krux an der Sache liegt darin, dass es massive Interessen gibt, alles so zu belassen, wie es ist. Personalisiertes Burnout, das heißt der persönliche Zusammenbruch von einzelnen Personen, ist der Gesellschaft lieber, als die wirklichen Ursachen zuzugeben. Aber Burnout ist nicht das Ausbrennen von einzelnen Individuen, die – das dürfen wir uns dann in der Gewichtung aussuchen – entweder persönlich zu wenig belastbar sind oder von einem inadäquaten Anforderungsberg erschlagen worden sind, obwohl es immer so aussieht. Das ist nur die Burnout-Lüge, die unsere Gesellschaft erfunden hat. Die Sache geht viel tiefer, erwächst direkt aus unserem innersten Betriebssystem, und dort soll nach Möglichkeit keiner hinschauen, hinfühlen oder gar hindenken. Die Burnout-Lüge soll uns vom eigentlichen substantiellen Problem des drohenden Systemkollaps ablenken, dem Gesellschaftsburnout und seinen wirklichen Gründen. Der einzelne Burnout-Patient ist sensibler Protagonist und „blinder Seher“ der zu Grunde liegenden, unsere Zukunft vernichtenden tektonischen Verschiebungen im Untergebälk unserer tragenden Gesellschaftsstruktur. Er wird belächelt oder bedauert und rasch in den Hinterhof eines mechanistisch-reduktionistischen Medizinsystems geschickt. Dabei wird auch nicht darauf vergessen, ihn selbst noch vielfach zu kommerzialisieren.
Doch all dies war mir damals nicht einmal in Ansätzen klar. Auch ich erlag dem simplen Charme des Erklärungsmodells der Überarbeitung, das noch dazu von jedem Patienten durch seinen Bericht, sich den Arbeitsbelastungen nicht mehr gewachsen zu fühlen, Ohnmacht vor einem als unüberwindbar aufgetürmten Berg von Anforderungen zu empfinden, genährt wurde. Also entwarf auch ich mit meinen Klienten „Arbeitsbelastungsreduktionspläne“, Dienst nach Vorschrift, Modelle oder Delegationsstrategien, die, würden sie auch andere, die die Mehrarbeit zu tragen hatten, unter enormen Druck setzen, zumindest meine Klienten möglichst freispielen sollten.
Parallel dazu widmete ich mich der Fahndung nach Risikooder Schutzfaktoren und war vor allem an der Prozesshaftigkeit der Entwicklung des Burnout-Syndroms interessiert. Es erschien mir immer wie ein Eisberg, dessen oberste Spitze lange schon aus dem Wasser ragt und dessen gewaltige, verborgenen und erschreckenden Eismassen irgendwann schließlich von Geisterhand über die Wasseroberfläche gehoben werden, um dann den gesamten Lebensraum auszufüllen. Was war die Kraft, die das zustande brachte?
Das sollte mich noch einige Jahre mit weiteren tastenden Arbeitshypothesen in meiner Praxis beschäftigen…
Burnout – aber wovon reden wir hier eigentlich wirklich? Der apokalyptische Reiter am Horizont
Markus ist gerade 38 Jahre alt geworden und hat alles erreicht, was man sich in diesem Alter wünschen kann und worauf man nach einem Abschluss summa cum laude und entsprechenden Postgraduate-Studien an einer amerikanischen Eliteuniversität hoffen darf. Ein schmuckes Innenstadtappartement in Frankfurt, weil dort das Hauptbüro seines Dienstgebers, eine global operierende Unternehmensberatung, stationiert ist, jede Menge maßgeschneiderter Anzüge, den obligaten Sportwagen, Vorgesetzte, die ihn rund um den Globus hetzen und dabei große Stücke auf sein Verhandlungstalent, seine Lösungskompetenz und seine „behavioural flexibility“ halten. Sein innerbetriebliches strategisches Beziehungsmanagement ist großartig und immer am Puls der Zeit. Nie sieht man ihn mit den „falschen Leuten“ ein Bier nach Dienstschluss trinken, der sowieso weit in den Nachtstunden liegt. Markus ist ein Mann mit Zukunft, nicht nur mit genagelten Schuhen.
Markus ist aber seit einiger Zeit auch ein Mann mit einem Problem, das so ernste Dimensionen anzunehmen droht, dass mich dieser Strahlemann, der jederzeit bei einer Football-Mannschaft anheuern könnte, nach einem Vortrag anspricht und um einen Termin in meiner Praxis bittet. In dem, was ich gerade beschrieben habe, würde er sich zu genau abgebildet wiederfinden, um noch weiter wegsehen zu können. Jedes Telefonat wäre schon längst eine Qual für ihn, jede Auslandsreise ein Martyrium, und das, wo er zumindest zweimal die Woche nach Wien und von dort oft noch weiter in den SO-europäischen Raum fliegen müsse. Zumindest hätten wir auf diese Weise keine Probleme bei der Terminfindung, wenn ich flexibel mit Randzeiten sein könnte, meint er. Außerdem würde ich das Ganze dann ja sozusagen gleich „live“ erleben und behandeln können.
Er befürchtet nämlich, dass er sich so etwas wie eine Flugneurose zugelegt hat. Er durchläuft immer ärger werdende Panikattacken, sobald er in den Flieger steigt. Bis jetzt ist es ihm gelungen, das Ganze zu verbergen, aber wenn er sein Grundgefühl beschreiben müsste, so ist es, als würde seine gesamte Energie aus ihm herausfließen. Er fühlt sich zunehmend leer, ausgehöhlt. Schon morgens beim Aufwachen kommt ihm der Tag wie ein unüberwindbarer Berg vor, der drohend vor ihm steht. Hartnäckige Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule quälen ihn nahezu den ganzen Tag und haben ihm das Jogging verleidet. Aber auch das scheint bereits egal, er findet sowieso nicht die Kraft, sich dazu aufzuraffen. Eigentlich möchte er sich nur mehr verstecken, mit niemandem reden müssen, die Decke über den Kopf ziehen, keine Präsentationen mehr halten oder Verhandlungen führen und dabei noch souverän wirken. Natürlich hat er sich mit Aufputschmitteln beholfen und in den letzten Monaten auch eindeutig zu viel Koks konsumiert, aber dieses Sinnlosigkeitsgefühl, das aus der Tiefe in ihm aufzusteigen droht, ist so unerträglich …
Und da ist dann noch die Sache mit Sabine, ursprünglich eine bequeme erotische Freundschaft in Wien, ohne feste Bindungsabsicht mit wechselseitigem Einverständnis der sexuellen Gebrauchskultur schwer beschäftigter Karrieremenschen. Sabine ist jetzt schwanger und hat ihn davon in Kenntnis gesetzt, dass sie mit 36 Jahren und im Hinblick auf das Karriereplateau, das sie erreicht hat, den Zeitpunkt für günstig hält und das Kind bekommen wird. Gleichzeitig damit hat sie ihn, Markus, entsorgt-fairerweise ohne weiteren Alimentationsanspruch. Er ist also ein Samenspender ohne weitere Verwendung. Wenn er es genau bedenkt, hatte gerade damit sein Zustand eine dramatische Wendung zum Negativen erfahren …
Manuela ist eine bildhübsche junge Frau. Nur dieser etwas leere Gesichtsausdruck, der auf eine langfristige Psychopharmakaeinstellung hinweist, um möglichst emotionsbereinigt durch den Alltag zu kommen, rückt ihre äußere Erscheinung und Geschichte in ein Licht, das die Ereignisse der letzten Monate glaubwürdig erscheinen lässt. Sie hat es nämlich von außen betrachtet total fein getroffen, das große Los gezogen, wie alle ihre Freundinnen sicher neidvoll zugeben müssten. Manuela ist mit Paul verheiratet, der knappe fünfzehn Jahre älter als sie, dafür ein Immobilienmagnat der Wiener Innenstadt ist. Sie genießt mit ihm und ihren beiden Kindern ein sorgenfreies Leben. Eine Nanny, eine Haushälterin und ein Gärtner bilden eine stabile entlastende Organisationsstruktur, Paul ist für Männer seiner Finanzklasse vergleichsweise aufmerksam und, von situativen Ausrutschern abgesehen, treu, und Manuela kann sich neben der Betreuung ihrer Kinder und dem Gesellschaftsleben mit Paul der eigenen Instandhaltung ohne wesentlicher Einschränkung widmen. Wie kann also jemand mit einem derartig sorgenfreien Leben von zunehmenden Überforderungsgefühlen, gehäuften Attacken von Herzrasen, die von den besten Internisten vermessen und als nicht somatisch begründet attestiert sind, gravierenden Schlafstörungen, die ohne entsprechende Medikation unbeherrschbar anmuten, und einem generellen Gefühl steigenden Lebensüberdrusses berichten. Burnout – oder doch eher „Bore-out“, aber vielleicht liegt das ja nicht zu weit voneinander entfernt. In den letzten Wochen ist es Manuela erst um die Mittagszeit gelungen, ihr Bett zu verlassen und die Morgentoilette zu bewältigen. Wenn die beiden Kinder aus der Schule gebracht wurden, löste deren Lebendigkeit und Wunsch nach Kommunikation nur Verzweiflung bei ihr aus. Paul hatte, was als ein durchaus ernstzunehmendes Problem gesehen werden muss, bereits mehrere Abendveranstaltungen ohne sie wahrnehmen müssen, da sie der Gedanke, auf so viele fremde Menschen zu treffen, in unstillbare Weinkrämpfe gestürzt hatte.
Dabei fühlt sich Manuela nicht wirklich deprimiert. Ihr vorherrschendes Gefühl ist einfach totale Erschöpfung, bleierne Gliedmaßen, unendliche Müdigkeit, als wäre sie ihr ganzes Leben durch eine Wüste geirrt und würde jetzt nicht mehr können. Endlos lange ist ihr unerklärliches Verhalten für Paul sicher nicht mehr tragbar, so denkt sie selbst …
Process in progress
Friedrich ist ein 46-jähriger, etwas ängstlich strukturierter Postbeamte. Ein hartnäckiges, feinschlägiges Zwinkern hat sich in seinem rechten Oberlid eingenistet. Es mutet fast so an, als würde er mit mir in eine Art nonverbalen konspirativen oder gar auffordernden Dialog treten wollen, während er seine Geschichte erzählt. Aber Friedrich ist alles andere als zu Scherzen oder Anmache aufgelegt. Immer wieder blickt er sich hastig nach imaginärer Bedrohung in meinem Sprechzimmer um, um dann wieder den Kopf wie eine Schildkröte zwischen seinen hochgezogenen Schultern zu verstecken. Begonnen hat alles, wie er zu diesem Zeitpunkt unseres ersten Anamnesegesprächs noch glaubt, mit dieser verdammten Umstrukturierung und seiner damit unvermeidlichen Versetzung von der Paketverwaltung zum Schalterdienst. Die Verantwortlichkeit für die Kassaführung stresst ihn so, dass er in einem Kreislauf von Angst, Schlaflosigkeit und Auslieferungsgefühlen versinkt. Längst hasst er alle Schalterkunden aufs Tiefste. Er fühlt sich von ihnen feindselig beobachtet und von ihrer Ungeduld unter Druck gesetzt. Dazu kommt, dass er sich, immer schon zur körperlichen Selbstbeobachtung neigend, physisch sehr angegriffen fühlt. Ein Infekt löst den anderen ab. Den ganzen Winter und Frühling über leidet Friedrich unter nie wirklich ausheilenden grippalen Infekten, die er dem Schalterdienst zuschreibt. Aber auch im Frühsommer wird es nicht besser. Das grundsätzliche Gefühl von Schwäche, Auslieferung und hohem Stress schon am Morgen zu Arbeitsbeginn sind ihm zu viel. Immer wieder muss er unter den verschiedensten Vorwänden und körperlich vielgestaltigen, diffusen Beschwerdebildern, die eine ausgedehnte ergebnislose Gesunden-Untersuchung nach sich ziehen, Pausen im Rahmen von Krankenständen einlegen.
Dann wird bei seiner Frau, die eine besonders stützende Funktion für seine Persönlichkeit übernommen hatte, eine chronische Autoimmunerkrankung festgestellt. Der Fokus der Aufmerksamkeit verschiebt sich zwangsweise. Aufwändige Untersuchungen, Krankenhausaufenthalte, eine Operation und ein längerer Kuraufenthalt folgen. Friedrich allein zu Haus erlebt eine völlige Dekompensation seiner Beschwerden. Abends konsumiert er größere Mengen Alkohol, um seine Ängste vor dem nächsten Tag niederkämpfen zu können. Auf der Fahrt mit der U-Bahn zum Arbeitsplatz häufen sich plötzlich auftretende Attacken von Panik und Atemnot, die ihn zwingen, vorzeitig auszusteigen. Schließlich kommt es bei ihm zu einem Gesamtzusammenbruch, der eine achtwöchige Stationierung auf einer neurologischen Abteilung nach sich zieht. Jetzt sitzt er zur Nachbetreuung bei mir …
Sonja ist 44 Jahre alt und Verkaufstrainerin in der hausinternen Schulungsakademie eines internationalen Wäschekonzerns. Eine große, schlanke Frau mit grundsätzlich äußerst gepflegtem Auftreten, das jedoch nun einige Zeichen von „Verwilderung“ trägt und gerade noch von der Selbstverständlichkeit jahrelanger Disziplin vor dem Abrutschen in die Ungepflegtheit bewahrt wird. Disziplin in ihrer eisernen Form zählt sicher zu Sonjas lebensbestimmenden Grundkompetenzen.
Als sie nach einer kargen, von Verlusterlebnissen geprägten Kindheit als Lehrmädchen für den Einzelhandel in den Konzern eintritt, erscheint ihr dies die erste wirkliche Chance in ihrem Leben auf Anerkennung und eine selbständige Zukunft. Die Dienstkleidung verleiht ihr Zugehörigkeit, ihre Filialleitung schätzt sie wegen ihres unermüdlichen Einsatzes, ihrer schnellen Auffassungsgabe und hohen Teamfähigkeit. Rasch gelingt ihr – entsprechend der Politik des Konzerns, Identifikation mit dem Unternehmen zu honorieren – der Aufstieg zur Leitung einer eigenen Filiale an einem prestigereichen, stark frequentierten Standort. Als Führungsverantwortliche zeigt sie auffallende Umsicht und ist bei ihren Mitarbeiterinnen wegen ihrer stark prosozialen Haltung enorm beliebt. Es wundert niemanden, dass Sonja in das kleine Entwicklungsteam geholt wird, dem auf Vorstandsbeschluss der Auftrag zuteil wird, eine interne Schulungsakademie aufzubauen. Sonja ist in ihrem Element und wirft sich mit einer weiteren Kollegin und einer älteren Vorgesetzten voll Elan in die Gestaltung dieser Aufgabe. Inzwischen ist sie 34 Jahre alt, bei ihren Schwestern und Freundinnen hat sich längst Nachwuchs eingestellt, und auch Sonjas Ehemann Bernhard fühlt sich für die Vaterrolle bereit.
Doch der Moment scheint Sonja äußerst ungünstig für Schwangerschaft und nachfolgende Karenz, wenn sie das Entwicklungsprogramm für das Verkaufspersonal ins Kalkül zieht, das es umzusetzen gilt. Das bleibt auch so, sodass sie, als sie zwei Jahre später durch einen Verhütungsfehler schwanger wird, gegen den Protest ihres Mannes und aus dem Gefühl heraus, ihre Kolleginnen und die ganze Aufbauarbeit sonst zu verraten, eine Abtreibung vornehmen lässt. Sie tut das, obwohl sie ihren eigenen Kinderwunsch stark wahrnimmt und nachfolgend monatelang unter Alpträumen und Schlafstörungen leidet. Längst lebt Sonja nur mehr für ihre beruflichen Ziele. Ein zunehmender Energiemangel, der im krassen Gegensatz zur Forderung steht, als Trainerin eine stets perfekte, optimistische und mitreißende Aura zu besitzen, höhlt sie zunehmend aus. Sie zieht sich von ihren Freunden zurück, erlebt sich von ihnen missverstanden. In der Beziehung kommt es zu einem beginnenden Abrücken der Partner von einander. Als sie anlässlich ihres vierzigsten Geburtstags auch das Thema „Kinder“ für abgeschlossen erklärt, entsteht ein endgültiger Riss in der Paarbeziehung. Es wird noch knapp zwei Jahre dauern, bis ihr Mann sie eines Abends mit der Eröffnung überrascht, dass eine andere Frau von ihm schwanger sei und er nun die Scheidung möchte. In der Zwischenzeit hatte sich zwischen dem Ehepaar eine Decke zunehmenden Schweigens über den darunter liegenden Schwelbrand gebreitet.
Der Konzern expandiert und Sonja fällt die Personalentwicklung in den neuen Filialen im Ausland zu. Ein weiterer Höhepunkt ihrer Karriere, den sie allerdings nur mehr mit Medikamenten und verschiedenen Aufputschmitteln durchhält. Abends, in den immer gleichen Hotelzimmern, befällt sie ein dumpfes Sinnlosigkeitsgefühl, das sich nur mit großen Mengen von Alkohol dämpfen lässt. Zu diesem Zeitpunkt verlässt sie ihr Mann endgültig. Nur die zufälligerweise von ihrer Vorgesetzten gegebene Versprechung, ihr die Leitung der Schulungsakademie zu übergeben, die diese selber wegen einer soeben diagnostizierten Krebserkrankung zurücklegen muss, scheint sie vor dem Absturz in den gähnenden Abgrund zu retten.
Doch der Vorstand entscheidet anders. Die inzwischen prestigeträchtige Schulungsakademie soll eine akademische Leitung erhalten. Sonja ist aus dem Rennen und muss sich einer jüngeren, in Führungsfragen unerfahrenen Vorgesetzten unterordnen. Das Verhältnis zwischen den Frauen ist von Beginn an starken Spannungen ausgesetzt. Sonja leidet das erste Mal in ihrem Leben unter Schwierigkeiten, sich für Ihre Arbeit zu motivieren. Sie verpasst ihre Flüge, reagiert unbeherrscht in den von ihr moderierten Gruppen, bekommt erstmalig negative Feedbacks zu ihrer Schulungstätigkeit und entwickelt hartnäckige Schlafstörungen. So kommt es, als Sonja einmal völlig übermüdet einnickt, zu einem durch einen Adventkranz verursachten Zimmerbrand, bei dem sie mittelgradige Verbrennungen an einer Hand und an einem Oberschenkel erleidet und hospitalisiert werden muss. Bereits während des Spitalsaufenthalts treten massive Angst- sowie Versagensgefühle auf. Der Gedanke, nach dem Krankenstand wieder in ihr Unternehmen zurückzukehren, erscheint ihr unerträglich. Weinattacken und ein nachfolgender gänzlicher psychischer Zusammenbruch führen noch während des Spitalsaufenthalts auf der Dermatologie zur Einleitung der psychiatrischen Behandlung.
Wenn der Vorhang fällt
Margret ist 46 Jahre alt und am Ende, wie sie gleich zu Beginn festhält. Ihr Blick spricht von Flucht vor einem unsichtbaren Feind, dem sie sich schon längst ergeben hat. Zur Konsultation kann sie nur in Begleitung ihres Mannes Robert erscheinen, der drei Jahre älter als Margret ist und die Terminvereinbarung an ihrer Stelle getroffen hat. Sie hätte, so erklärt sie, das nicht mehr geschafft. Auch besteht sie darauf, dass Robert sie ins Sprechzimmer begleitet, ein Wunsch, den er ihr etwas widerstrebend erfüllt.
Etwa zur Mitte der Sitzung schicke ich ihn hinaus. Es wird deutlich, dass Robert von der Situation mit Margret bereits sehr konsumiert ist, ihm das Ganze selber schon gehörig zugesetzt hat und ganz dringend etwas geschehen muss, weil er sonst nicht mehr weiter mitspielt. Dabei wirken die beiden auf den ersten Blick wie ein durchschnittliches Paar in den mittleren Jahren. Ein Paar, das sich einen gewissen Lebenswohlstand und fast schon Unabhängigkeit von den beinahe erwachsenen Kindern erarbeitet haben könnte, in gesicherten beruflichen Positionen ohne Turbulenzen untergebracht erscheint und dessen größte Herausforderung nun in einer optimalen Gestaltung dieser mittleren Jahre liegen könnte. Auch wenn vieles diesen ersten Eindruck zu bestätigen scheint, ist es bei näherer Betrachtung doch ganz anders und beinhaltet viel mehr als eine Krise zwischen Margret und Robert.
Dabei war Margret, die Frau, die mir jetzt mit fettigen, ungewaschenen Haaren gegenübersitzt, eigentlich immer eine „brave“ Frau gewesen. Genauso, wie sie zuvor ein „braves“ Kind war, das seinen Eltern wenig Probleme bereitet und nach der Matura rasch begriffen hatte, dass es viel aussichtsreicher ist, in den Staatsdienst einzutreten, statt ihrem brennenden Interesse für Pflanzen mit einem Botanikstudium oder ähnlich wirren Ideen nachzugeben. Das bestätigte sich auch durch die recht frühe Ehestandsgründung mit Robert und die rasch aufeinanderfolgenden Geburten der beiden ersten Söhne, die heute beide sehr erfolgreich studierten. Als Finanzbeamtin trug Margret zwar unspektakulär und freudlos, jedoch planbar und zuverlässig zum Familieneinkommen bei, seit der jüngere Sohn in die Schule eingetreten war.
Erwartungen zu erfüllen, war immer Margrets oberste Maxime. Das lässt sie nach außen zielorientiert bis ehrgeizig sowie genau und zuverlässig wirken und bereitet ihr im Inneren beständigen Stress. Im Amt nimmt sie eher eine Außenseiterposition ein. Ihre Rolle als „Finanzprüferin von Unternehmen“ setzt ihr enorm zu. Nirgends fühlt sie sich willkommen, beständig hat sie das Gefühl, dass man ihr ausweichen, etwas vor ihr verbergen will. Ihre Arbeitsbelastung steigt beständig an, da es ihr äußerst schwer fällt, sich gegen Kollegen abzugrenzen, ebenso der „Erfolgsdruck“ und die Vorgabe, unnachgiebig zu sein. Die Organisation des Familienlebens lastet zusätzlich nahezu vollständig auf ihren Schultern, die Erziehung von inzwischen drei Söhnen inklusive. Robert hat seinerseits mit dem Thema Abgrenzung keine Probleme, seine Hobbys sind ihm heilig und, wie Margret meint, wichtiger als sie. Als der jüngste Sohn eine sehr schwierige Pubertät durchlebt, in der Maturaklasse vorzeitig ohne Abschluss von der Schule geht und sie dafür von Robert wegen ihrer Nachgiebigkeit als Verantwortliche gesehen wird, beginnt ihr Leben aus den Fugen zu geraten. Der Finanzdruck, um die Kreditraten für das Einfamilienhaus, die Lebenskosten der drei noch wirtschaftlich abhängigen Söhne und die Erhaltung von Roberts Segelboot, das an der kroatischen Küste ankert, zu bestreiten, ist die Eintrittspforte für einen Kreislauf von Ängsten, Schlafstörungen und zunehmenden Überforderungsgefühlen. Im Amt fühlt Margret sich ihren Anforderungen nicht mehr gewachsen. Ihre Genauigkeit, ja ihr Perfektionsstreben, konsumiert zu viel Zeit. Sie beginnt, offene Akte mit nach Hause zu nehmen, ursprünglich, um diese in der Freizeit zu bearbeiten. Doch daraus wird nichts. Auch daheim scheinen die Wogen des Unerledigten immer mehr über ihr zusammenzuschlagen. Ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Leere macht sich in ihr als Grundeinstellung breit. Beständig oszilliert sie zwischen Krankenstand und ein paar wenigen Tagen im Amt hin und her. Daneben quälen sie nervöse Durchfälle und Zitteranfälle. Der Stapel der unerledigten Akten wächst auf ihrem Nachttisch und neben ihrem Bett. Schließlich erträgt sie es nicht mehr und lagert die Finanzakten in den Gartenschuppen aus, wo sie von Robert knapp vor unserem ersten Termin gefunden werden….
Anka, 52 Jahre alt, im Hauptberuf Stationsschwester auf einer chirurgischen Abteilung und ansonsten, wie sie meint, 24-Stunden-Pflegekraft für ihren Partner, bringt Michael, 56 Jahre alt, in meine Praxis. Nach zehn Jahren Beziehung mit ihm kann sie einfach nicht mehr weitermachen und gleichzeitig weiß sie nicht, wie sie aussteigen soll. Sie selbst fühlt sich schon seit geraumer Zeit dem eigenen Zusammenbruch nahe. Eigentlich hätte das eine Paartherapie werden sollen…
Michael war praktischer Arzt, bis er vor zehn Jahren, gerade als er Anka kennenlernte, in Konkurs ging. So wie er vor mir sitzt, mutet es an, als müsse dies in einem anderen Leben gewesen sein. Wir sind per Du, entscheidet er kurzerhand und fällt sofort in einen Ton kollegialer Vertrautheit. Sein Haar ist dünn und strähnig und gibt den Blick auf ein breitflächiges Hautekzem auf der Kopfhaut, das sich bis auf die Stirn ausgebreitet hat, frei. Auch auf den Armen und seinen nackten Beinen, die aus knielangen Shorts ragen, stehen zahllose Pusteln und entzündete Kratzspuren eines juckenden Ausschlags in Konkurrenz miteinander. Während er mit einem etwas singenden Tonfall spricht, tauchen immer wieder ein paar verbliebene dunkle Zahnstummel auf. Die Zeige- und Mittelfinger beider Hände sind tief nikotingelb verfärbt und haben hartnäckige Schmutzspuren unter den Nägeln. Anka hat sich sicher Mühe gegeben, ihn auf Vordermann zu bringen und ihn in sauberes Gewand gesteckt. Aber der Mann ist ungepflegt, hat seine Körperhygiene im Sinne eines eigenen Anliegens längst abgeschrieben. Er ist ein eindeutig „Verloschener“. Egal, was er einmal war, heute sind nur mehr ausgebrannte Ruinenreste auf dem Weg zum endgültigen physischen Kollaps geblieben. Unruhig nestelt er an seiner Kleidung oder der Polsterung meines Sprechzimmersofas herum, während er erzählt. Eine Riesenpraxis hat er geleitet, die größte im Bezirk, bis zu 120 Patienten pro Tag, drei Ordinationshilfen. Ich nicke anerkennend, und er traut mir zu, einschätzen zu können, was das bedeutet. Daneben Rettungsarzt, Schularzt, als Konsilar die Betreuung eines Pensionistenheims und ein paar andere Nebentätigkeiten. Was sich eben so anbot. Dreimal verheiratet. Das kostet. Er macht eine Pause, bevor er die Details des Scheiterns dieser Ehen und die damit verbundene Kostenschätzung ausrollt. Ein Sohn, noch aus der Turnuszeit. Eine der üblichen Krankenschwesterngeschichten, winkt er ab, nichts Fixes, aber er hat immer pünktlich seine Alimente gezahlt, bis vor wenigen Jahren. Der Sohn hat schließlich lange studiert. Dreimal hat er ihn in seinem Leben gesehen. Früher wollte er nicht, war zu beschäftigt, jetzt hat der Sohn zu viel zu tun.
Sein Zustand ist Michael bewusst. Aber da kann man nichts mehr machen, meint er. Er fühlt sich wie ein leerer Sack, auch wenn er mehr nach dem Gegenteil aussieht, wobei er auf seinen aufgeschwemmten Bauch klopft. Das ist der Alkohol, gibt er freimütig zu. Braucht er zum Schlafen, gemeinsam mit einer Latte von entsprechenden Medikamenten. Er kennt sich da aus und ein paar Apotheker im Umkreis geben ihm, was er braucht. Schließlich haben die Knaben ja viele Jahre gut an seinen Verschreibungen verdient. Mit mir geht’s bergab, meint er in einer seltsam sich selbst entfremdeten Art. Drei Lungenentzündungen vergangenen Winter, keine Widerstandskraft mehr, die Niere spielt auch nicht mehr lange mit und die Ekzeme vergehen selbst unter antibiotischer Dauermedikation, die er sich selbst verordnet hat, nicht mehr. Er kratzt sich aufwändig und ungeniert am Kopf, und Hautschuppen und Teile der Verkrustungen landen auf der Polsterung. Im Prinzip geht gar nichts mehr. Bis er aus dem Bett kommt, ist früher Nachmittag, dann zwei Stunden bis er sich so einigermaßen betriebsfähig fühlt, vielleicht ein Einkauf bei einem Diskonter, dann warten auf Anka, aber da hat er schon lange die erste Flasche aufgemacht…
Sechs, zugegeben ausgesuchte, Fallgeschichten aus meiner Praxis. Sechs Lebensgeschichten nenne ich das lieber, obwohl ich mit dem Nomenklaturwechsel von „Fallgeschichte“ zu „Lebensgeschichte“ das professionelle Terrain der Ärztin und Psychotherapeutin zu verlassen drohe und auf etwas schlüpfrigen Boden gelange, wenn ich nicht mehr in erster Linie die Person als Fallgeschichtenträger sondern auf sehr persönliche Art einen Menschen mit seinem Erleben vor mir sehe.
Wenn wir Mediziner uns einem Sachverhalt nähern, und das kann dann auch eine Erkrankung, ein ganzer Körper, beziehungsweise ein Teil davon sein, oder auch ein Patient, so erfolgt dies auf beschreibende Art. Diesem deskriptiven Modell haftet der Nimbus von Objektivität, Mess- und Wägbarkeit, also nach landläufiger Meinung von Wahrheit an. Außerdem schafft es Distanz zum Gegenüber. Auf diese Art bringen wir Licht ins Dunkel des Geschehens, denn diesem reduktionistisch-mechanistischen Ansatz liegt die Idee zu Grunde, dass, wenn wir alles immer weiter bis in seine Einzelteile, möglichst bis ganz runter auf atomare oder gar subatomare Ebene zerlegen und beschreiben, es also katalogisieren, wir die letztendliche Erkenntnis zum „So-sein“ des vorliegenden Dings vor uns liegen hätten.
Diese Überzeugung hält eine Menge Vorteile bereit, allerdings auch ein paar gravierende Nachteile. Doch es ist wie mit Versicherungsverträgen. Auf den ersten Blick eröffnet sich alles als gefügt und sicher, nahezu ideal, die deckungsfreien Eventualitäten finden sich nur im Kleingedruckten, das man erst dann liest, wenn es zu spät ist. Der Faszination, mithilfe dieses Denkmodells Kontrolle und Sicherheit, ja letztendlich Macht über Erkrankungen zu erlangen, entzieht man sich als Arzt nicht leicht, noch dazu wo doch die meisten von uns in ihrer psychischen Grundstruktur in der einen oder anderen Art eine vergleichsweise hohe Sehnsucht gerade nach dieser Macht mitbringen.
Außerdem kann man sich Fallsammlungen anlegen, über die Liebe zur Klassifikation scheinbare Ordnung schaffen, eine gemeinsame kollegiale Fachsprache entwickeln, an den Kanten dieses Modells immer weiter forschen und sich dabei habilitieren und bei Kongressen zum Wohl der versammelten Ärzteschaft und der abwesenden Patienten berichten. Es wundert also nicht, dass das Studium der Medizin, die ja bekanntlich heute unbestritten zu den Naturwissenschaften zählt, sein Jungvolk bereits vom ersten Tag an genau auf dieses Modell einschwört. Auf die Bibel des reduktionistischen Mechanismus muss der unbedingte Treueeid abgelegt werden. Wer hier zweifelt ist ein Ketzer, der die Klippen hinuntergestoßen wird. Und dabei hat die Medizin doch einmal ars medicinae geheißen…
In anderen Worten gesprochen: der Anilinarbeiter, der gegen Ende seiner Berufslaufbahn Hodenkrebs bekommt oder der schwere Raucher mit seinem Emphysem, das die Zielsetzung in den ersten Stock zu gelangen einer Mount Everest Besteigung gleichsetzt, sind uns lieber als die 38-jährige schlanke Nichtraucherin, deren plötzliche Beschwerden von einem Lungenkarzinom herrühren, obwohl wir bei ihr nicht einmal eine genetische Prädisposition ausmachen können. Die beiden ersten Fälle entsprechen unserem Kausalverständnis und Denkmodell von Krankheitsverursachung, der letzte Fall lässt uns ratlos zurück und ist uns peinlich. Burnout ist deshalb eine harte Herausforderung an unser Medizinestablishment, ja, wie keine andere Erkrankung eine laute und deutliche Infragestellung des unserem Denkmodell zu Grunde liegenden Paradigmas.
Das beginnt schon mit der Diagnose, also dem Versuch einer eindeutigen Feststellung, was Burnout wäre und was etwas anderes, zum Beispiel eine Depression sei. Der britische Taxonom John S. Kendall soll einmal gemeint haben, dass die Taxonomie (die systematische Erfassung der in der Natur vorkommenden Lebewesen und Strukturen, vergleichbar mit einem riesigen Karteikasten, in dem alles sein systematisiertes Fach erhält) die Kunst wäre, die Natur an ihren Gelenken zu zerteilen. Um in diesem Bild zu bleiben, stellt sich beim Burnout ganz rasch die Frage: Wie zerteilt man eine Qualle an ihren Gelenken?
Abgerichtet nach der verbindlichen Denkstruktur aller jungen Ärzte, wenn auch mit heimlichen Zweifeln, die mich immer ein wenig in den Gärten der neuen psychotherapeutischen Schulen grasen ließen, näherte ich mich ursprünglich dem Verständnis von Burnout mit der geforderten logischen, deskriptiven Methodik. Das heißt, ich stellte mir bei meinen PatientInnen die Frage, ob die „richtigen Symptome“ zu erheben wären, die die entsprechenden Kriterien eines Burnouts befüllen konnten, verglich, was bei den einzelnen Fällen gleich und was anders und eventuell ein Ausdruck von Variabilität wäre, ohne damit schon aus dem Diagnosekatalog herauszuragen, und versuchte das Phasenhafte, das mir besonders wesentlich im Hinblick auf die Prognose erschien, zu erfassen.
Ein genauso faszinierendes wie gleichzeitig frustrierendes Unterfangen, denn immer wieder schienen mir die mühsam herausgearbeiteten Gesetzmäßigkeiten anhand eines „neuen Falls“ zwischen den Fingern zu zerrinnen. Es war wie Spiegelfechterei. Kaum hatte ich scheinbar eine verbindliche Regelmäßigkeit isoliert und beim Schopf gepackt, entwand sie sich meinem Zugriff wie ein Aal und es blieben wieder nur unspezifische Gemeinplätze, wie die „Arbeitsüberlastung“ über. Gleichzeitig war die Diagnose Burnout bei jedem Patienten eindeutig zu stellen. Es ging mir genauso wie Richard Bolles, der einmal zugab: „Burnout ist wie Pornographie. Ich weiß nicht genau, ob ich es wirklich definieren kann, aber wenn ich es sehe, erkenne ich es sofort.“
Doch warum dieser Mensch und warum an diesem Arbeitsplatz? Wenn man einen Faden einer gewissen Zugkraft aussetzt, die seine Tragfähigkeit übersteigt, so reißt er irgendwann planmäßig. Das lässt sich todsicher immer wiederholen und zwar mit jedem Fadenstück desselben Knäuels beim immer selben Belastungsmaximum. Das galt aber nicht für alle Beschäftigte ein und desselben Unternehmens. Und was der eine als Arbeitsüberlastung beschrieb, bedeutete für den nächsten noch gar nicht einmal richtig in die Gänge gekommen zu sein. Eine klare Dosis-Wirkung-Beziehung war also nicht auszumachen.
Zumindest schien sich für mich in meiner persönlichen Hypothesenbildung ein nachvollziehbarer und erwartbarer Stadienablauf abbilden zu lassen. Warum wer wann und in welchem Berufskontext an Burnout erkrankte, blieb mir zu diesem Zeitpunkt wie allen anderen, die nicht bereit waren, sich mit Schnellschüssen zufriedenzugeben, zwar weitgehend noch ein Mysterium. Aber wie diese Erkrankung verlaufen würde, welche Phasen sie durchlief und wo ihr Endpunkt liegen würde, das und eine damit verbundene Ernsthaftigkeitseinschätzung für den Therapieansatz ließ sich wenigstens immer deutlicher umgreifen.
Wer einmal auf die schiefe Bahn kommt, wird immer schneller
Allen Burnout-Patienten gemeinsam ist eine am Anfang gelebte Haltung von enormem Engagement, Begeisterungsfähigkeit und hoher Beteiligung. Irgendwann ist das die Eintrittspforte zum inneren Wunsch, unbedingt erfolgreich sein zu wollen, sich über äußeren Erfolg definieren zu müssen, eine fatale, wenn auch zumeist unbewusste Entscheidung, denn daraus resultiert ein sich immer weiter aufbauender Druck, ja man könnte es durchwegs auch Zwang zum Erfolg nennen, dem letztendlich für die Erreichung dieses Ziels nichts zu teuer ist, und sei es die Vernachlässigung eigener Bedürfnisse.
Michael hat schon als junger Arzt und natürlich unter dem Deckmantel der „Unersetzbarkeit für seine Patienten“ sowie gesellschaftlichem Schulterklopfen, seine Bedürfnisse grob hintanzustellen begonnen, Sonja hat sogar ihren Kinderwunsch verleugnet, um entsprechend zu „funktionieren“, und Markus wird einiges an Therapie brauchen, um von seiner Verbissenheit beim Erreichen gesteckter Ziele lassen zu können, ohne damit gleichzeitig das Gefühl zu entwickeln, seine Lebensberechtigung verwirkt zu haben.
Aber seien wir ehrlich, und spüren wir alle jeder für sich an diesem Punkt nach Resonanz in unserem Inneren. Wer von uns hat in dieser Welt, die viel darin investiert, uns glauben zu machen, dass materieller Erfolg mit Lebenserfolg gleichzusetzen ist, noch nie die Zähne zusammengebissen, persönliche Bedürfnisse nach Ruhe und Entspannung hintangestellt und seine Freunde und Familie nachgereiht, um der Aussicht auf beruflichen Erfolg näherzukommen? Gerade Menschen mit großer Leistungsbereitschaft und inhaltlicher Vision akzeptieren im Gegenzug für die Erreichung ihrer Ziele unter der Devise „ohne Fleiß kein Preis“ fast naturgesetzartig, dass eigene Bedürfnisse verdrängt und oft dramatische Selbstbeschränkung geübt werden muss. Es ist also ganz leicht und nahezu verführerisch, die ersten Schritte auf diesem Tanzparkett zu setzen, auf dem man sich dann später den Hals brechen wird. Und dann kommen zukünftige Burnout-Patienten an eine Weggabelung und nehmen von einer nahezu magischen Anziehung bedrängt, oft sehenden Auges, die falsche Abzweigung. Sie bemerken zwar, dass etwas ganz und gar nicht mehr stimmt, und die Vernunft sagt ihnen, dass sie zurückfahren müssten, aber sie drängen immer wieder eigene Bedürfnisse nach Ruhe und klarer Positionierung ihrer eigentlichen Lebensziele zurück, zugunsten der momentanen Anforderungen für das als unhinterfragbar erlebte, gerade aktuelle Ziel. Es beginnt sich eine Schere zwischen tatsächlicher Befindlichkeit und nach außen gezeigtem Optimismus aufzutun. Eine erste Idee von Überforderung blitzt auf, begleitet von existentiellen Bedrohungsgefühlen. Rückzug von der Umgebung und Heimlichkeiten beginnen in den Alltag Einzug zu halten. Das Gefühl, sich dopen zu müssen, um weitermachen zu können, begünstigt den Griff zu Aufputschmitteln, kleinen Glücklichmachern, Selbstmedikation und anderem Suchtmittelgebrauch.
In seiner Praxis war Michael der strahlende „Gott in Weiß“. Eine Fassade, die es ihm jahrelang mit einem entsprechenden Medikamentencocktail, größeren Mengen von Alkohol nach Dienstschluss und einer Sexsucht, die ihm, wie er es nannte, den „Lebenskick“ gab, aufrecht zu erhalten gelang. Emotional ist diese Phase von Desorientierung geprägt. Eine schleichende Umdeutung von Werten setzt ein. Das Druckgefühl steigt, Wichtiges kann von Unwichtigem oftmals nicht mehr unterschieden werden, der Zeitbegriff leidet. Gleichzeitig breitet sich ein großräumiger, die Gesamtheit der eigenen Existenz jeder kritischen Reflexion entziehender Verleugnungsprozess aus. Hinweise von nahestehenden Personen werden als Feindseligkeit erlebt. Der Tonfall des Gegenübers war nicht adäquat, die Wortwahl eine Beleidigung, der Ort, der Zeitpunkt falsch gewählt, lieblos und unsensibel. Immer passt irgendeine Kleinigkeit an der Form der Ansprache nicht, in die sich der Burnout-Kranke verbeißt, um so einer Auseinandersetzung mit dem gefährlichen weil kritischen, sein Tun hinterfragenden Inhalt aus dem Weg gehen zu können. Es kommt gleichsam zu einer selbstgewählten Einmauerung, die dem Betroffenen selbst jedoch uneinsichtig ist. Er fühlt sich von den anderen unverstanden, verlassen, ausgebeutet, was eine zynische Weltsicht zunehmend plausibler macht und damit die Einleitung des Rückzugs von eben diesen sowieso nur „missverstehenden“ oder „übelwollenden“ falschen Freunden oder lästigen Angehörigen als logische Konsequenz nach sich zieht. In dieser fast paranoid anmutenden Weltsicht können Unterstützung, Aufmerksamkeit oder Kontaktversuche der Umgebung nicht mehr angenommen werden. Die Tür fällt zu.
Doch der Rückzug ist nicht die Lösung, sondern letztendlich die unwissentliche, jedoch in ihrer Folge einem grausamen Räderwerk gleichende Entscheidung, den eigenen Kopf auf der Guillotine zu platzieren. Denn mit dem Verlust eines äußeren sozialen Korrektivs und emotionalen Stützsystems befindet sich der Burnout-Patient in seiner Isolation in der zermahlenden Mechanik einer Abwärtsspirale. Nicht umsonst gehen in dieser Phase des Geschehens Beziehungen und Ehen endgültig in die Brüche. Michael singt das strophenreiche Lied der Scheidungen von seinen ihn ausbeutenden Frauen. Margret fühlt sich von ihrem Mann unverstanden und allein gelassen. Sonja verzeiht Bernhard seinen „Betrug“ rund um den Kinderwunsch nicht.
Was dann kommt, scheint schon auf fixen Schienen zu laufen. Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit nehmen überhand. Das Gefühl, von allen unverstanden zu sein, allen Menschen, die einem irgendwann nahe standen, entfremdet zu sein, sich wie hinter einer Glaswand zu fühlen, etabliert sich als Grundemotion und gräbt letztendlich auch das Selbstgefühl, die Wahrnehmung des eigenen Selbst ab. Die Depersonalisierung erreicht ihren Höhepunkt, wenn der betreffende Mensch sich selbst als Fremder gegenübersteht. Desillusionierung und emotionale Verflachung sind vorherrschend. Eine tiefe Selbstverneinung, die sich bis zur Vernachlässigung der eigenen Hygiene erstreckt, tritt auf.
Ohne die Führung und Insistenz von Anka wäre Michael vor unserem Termin, den er auch nur an ihrer Hand wahrzunehmen vermochte, sicher nicht in die Dusche gestiegen.
Der letzte Akt des Dramas wird von einem fast unerträglichen Gefühl der inneren Leere beherrscht. Um diesen Zustand der Nutzlosigkeit und Aufzehrung noch halbwegs auszuhalten, sind Drogen, Alkohol und Aufputschmittel ständige Begleiter der Tagesorganisation. An diesem Punkt wird einem einfach alles egal. Die Verzweiflung und die Erschöpfung haben das Ruder vollends übernommen und sind oft die einzigen wahrnehmbaren Gefühle. Initiative und Motivation sind am Nullpunkt angekommen, die Depression ist manifest geworden. Ein starkes Symptom ist hier der Wunsch nach Dauerschlaf. Suizidgedanken tauchen auf. Häufig bricht hier auch das Immunsystem zusammen, Infektanfälligkeit und ein vielgestaltiger Katalog körperlicher Beschwerden treten auf. Der Mensch im Vollbild und Endstadium des Burnout hat sich längst in „seiner Höhle“, „seinem Verschlag“ eingeigelt und seinem Schicksal, einer fortlaufenden Auslöschung seiner selbst, ergeben. Er brennt im wahrsten Sinne des Begriffs aus, bis keine Energie mehr in allen seinen Systemen ist, die parallel zu diesem Prozess, wie in einem Shutdown, zunehmend heruntergefahren werden.
Burnout ist so gesehen eine wirklich tödliche Erkrankung.
Sie trägt die Potenz in sich, in unterschiedlichster Form Lebendigkeit zu terminieren, bis hin zum physischen Tod des Organismus. Der schleichenden Entmenschung und Entkulturalisierung folgt der langsame physische Arrosionsprozess, oft durch Suchtmittel unterstützt, bisweilen ein langsames Dahinvegetieren auf einer niedrigen Organisationsstufe von Lebendigkeit und Lebensgestaltungsmöglichkeit, manchmal auch, angesichts einer erlebten Unaushaltbarkeit dieser Lebenssituation, eine aktive Selbsttötung.
Burnout ist eine Regulationskrankheit des gesamten Menschen, eine Erkrankung, die wie keine andere die Verwobenheit von körperlichen, mentalen und seelischen Prozessen vor Augen führt und nur durch einen holistischen, also ganzheitlichen Ansatz verstanden werden kann. Burnout ist aber noch viel mehr. Jeder Burnout-Patient ist eine eindringliche Warnung vor einer drohenden gesellschaftlichen Gesamtkatastrophe. Diese Botschaft zu deuten, würde mich allerdings noch einige Zeit kosten…
Interdependenz – das dynamische „misfit“
Aber warum erkrankt eine bestimmte Person in einem spezifischen Arbeits- und/oder Lebensumfeld, während es einer anderen gelingt, wenn schon nicht wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser, so doch zumindest unbeschadet sich im selben Terrain zu bewegen?
Damit es mir möglich wurde, in diese Frage wirklich sinnvoll einzudringen, war es notwendig, mich von einem statischen Ursache-Wirkungsprinzip frei zu machen und mich auf das Wagnis einzulassen, Menschen und ihr spezielles Arbeitsund Lebensumfeld als ein jeweils individuelles dynamisches Ganzes, als ein interdependentes Feld sehen zu lernen.
Dass für die Entstehung von Burnout zwar grundsätzlich förderliche Aspekte von Seiten der Organisation und des Lebensumfelds wie auch von Seiten des Individuums selbst auszumachen sind, dies aber für das tatsächliche Auftreten von Burnout nicht entscheidend ist, war dabei eine wesentliche Erkenntnis. Die finale Weichenstellung erfolgt in einem absolut persönlichen Tanz zwischen dem Einzelnen und seinem Umfeld. Dies zu verstehen, war ein entscheidender Schritt für die Entwicklung einer Sicht auf Burnout, die in der Folge der tatsächlichen tieferen Bedeutung dieses Syndroms gerecht werden konnte. Letztendlich erwies sich das rückblickend auch als der Schlüssel zur Abkehr von einem Behandlungsansatz, der entweder die Organisation verteufelt oder aber auf der anderen Seite auf die Wunde des Burnout-Patienten ein Pflaster klebt, um ihn damit ruhigzustellen.
Die Begegnung mit Roswitha lehrte mich in diesem Punkt Wesentliches. Sie demonstrierte für mich diesen Balanceverlust, dieses ganz persönliche „misfit“ zwischen dem Individuum und seinen erlebten Anforderungen, in eindrucksvoller Weise und befreite mich so von der Altlast, weiterhin einseitig in der Arbeitswelt den Hauptschuldigen sehen zu müssen:
Roswitha kommt auf Anraten ihres Internisten zu mir zur Behandlung. Burnout ist seit langem ein Thema, das sie in ondulierender Form begleitet. Sie hat immer um den Rand herum oszilliert, wie sie es beschreibt, ein paar Monate Krankenstand mit ein paar Tagen Arbeit dazwischen, dann die Sommerferien, den Herbst irgendwie durchstehen, dann wieder Weihnachtsferien und eine Grippe. So ging das seit Jahren, aber die letzten Monate gestalteten sich zunehmend bedrängender – jetzt geht eigentlich nichts mehr. Wir vereinbaren gleich einen Termin für den mittleren Nachmittag, denn zu einem früheren Zeitpunkt des Tages ist es ihr derzeit nicht möglich, es pünktlich zu schaffen, da sie für alle Verrichtungen der Selbstorganisation bereits eine lange „Vorlaufzeit“ braucht.
Eine knappe Woche später sitzt mir eine abgekämpfte, unrastige Frau gegenüber, deren Verzweiflung auch für den ungeübtesten Beobachter greifbar wäre. Roswitha ist 48 Jahre alt, hat eine erwachsene, studierende Tochter, lebt mit Kurt, der Pädagoge ist, seit seiner Scheidung vor sechzehn Jahren in einer Lebensgemeinschaft und ist ebenfalls Pädagogin in einer Berufsschule. Die Schule hat sie ausgehöhlt, Schicht für Schicht aus ihr herausgekratzt, und jetzt ist nur mehr eine dünne Hülle von ihr da, entwirft sie ein Bild, das ihren Zustand illustrieren soll. In den Jahren davor ist es noch gegangen, doch die letzten Monate haben sie nun endgültig in die Knie gezwungen. Ich bitte sie, zu erzählen, und höre eine seltsam anmutende Geschichte, die eigentlich ein Anti-Burnout-Programm einer kooperativen, Burnout-präventiven Organisation sein könnte. Bis auf ein paar sehr persönliche Kleinigkeiten.
Ursprünglich hat Roswitha mit großer Freude die Gelegenheit ergriffen, vor zweiundzwanzig Jahren in die Berufsschullehrerlaufbahn einzutreten, statt den ungeliebten väterlichen Betrieb mit all den bestehenden Problemen mit den Angestellten, dem Pachtvertrag für die Betriebsstätte und den anspruchsvollen Kunden alleine weiterführen zu müssen. Ihr Vater hatte sie, die sich eigentlich für Kunst, Musik und Ballett interessierte und auch seit ihrer Kindheit im Ballett der Oper getanzt hatte, mit Ende der Schulpflicht und gegen ihren Protest in den entsprechenden Lehrberuf gesteckt, damit sie den florierenden Betrieb einmal weiterführen sollte. Schließlich war er sich und allen anderen der Fachgruppe dies als Innungsmeister schuldig. „Da kann das einzige Kind nicht blöd herumhupfen.“ Statt Ballettschuhen gab es fortan nur mehr Arbeitsschuhe mit dicker Profilsohle an Roswithas Füßen. Doch Roswithas Vater, der neben seiner Geschäftstüchtigkeit und der Geradlinigkeit seines Weltbilds, besonders unter Alkoholkonsum, auch häufige tyrannische, cholerische Attacken und einen damit verbundenen stark erhöhten Blutdruck zu bieten hatte, erlag vorzeitig einem Schlaganfall, sodass Roswitha ziemlich unvorbereitet den väterlichen Betrieb alleinverantwortlich übernehmen musste. Bisher hatte sie der Vater trotz ihrer bereits mit Bravour bestandenen Meisterprüfung auch vor allen Angestellten wie das letzte Lehrmädchen behandelt. Jetzt sollte sie plötzlich die Chefin für eine Truppe von dreißig Arbeitern sein, die lange Zeit unter einer autoritären Führung gelitten hatten. Dazu kam ihre Verpflichtung für ihre zweijährige Tochter, die zwischen Büro, Kundenbesuchen und Werkhalle aufwuchs. Der Kindesvater hatte sich rasch als ein unzuverlässiger und vorwiegend gegenüber anderen Frauen charmanter Typ erwiesen, dessen größte Kompetenz darin lag, Geld für seine diversen Unternehmungen aus der Betriebskasse zu entnehmen.
Das Angebot, in die Berufsschule zu wechseln, erschien Roswitha daher wie ein Geschenk des Himmels. Die Arbeitsstunden muteten läppisch an, im Vergleich zur Achtzig-Stunden-Woche, die sie gewöhnt war. Neun Wochen Urlaub im Sommer, Weihnachtsferien, Osterferien, Fenstertage – aus Roswithas bisherigem Blickwinkel weniger als ein Halbtagsjob. Auf das Unterrichten freute sie sich. Als Betriebsleiterin hatte sie immer ein besonderes Naheverhältnis zu den Lehrlingen gespürt, einen auffallend guten Draht zu ihnen gehabt, auf sie eingehen und so manchen Obstinaten davon überzeugen können, dass ein abgeschlossener Lehrberuf besser wäre, als ein Hilfsarbeiter-Dasein. Erstmals seit langem schien die Welt angenehm gefügt zu sein.
Ein paar Jahre später ergab sich an der Schule die Beziehung mit dem gleichaltrigen Kurt, der Roswitha wegen ihres Elans und Optimismus, mit dem sie das Schulleben beflügelte, als seine Traumfrau erkannte, nachdem er sich endlich von seiner schwer depressiven Frau gelöst hatte.
Vor fünf Jahren erlebt Roswitha dann erstmals einen seelischen Einbruch. Sie tritt verfrüht in die Menopause ein und hat massiv mit ihrem Selbstbild als Frau zu kämpfen. Das umso mehr, als Kurt gerade zu diesem Zeitpunkt einen Kinderwunsch äußert, der trotz massiver hormoneller Stimulation als letztendlich unerfüllbar akzeptiert werden muss. Roswitha, die gewohnt ist, sich mit eiserner Disziplin alles abzuverlangen und damit bisher immer erfolgreich war, erlebt sich als Versagende. Gleichzeitig steht das Paar unter enormem finanziellem Druck. Die Schulden für das sehr exklusive Eigenheim sind als ständige Mahnung präsent und Kurt muss seiner Ex-Frau, um seiner Kinder willen, finanziell stärker unter die Arme greifen, als dies die Alimentationsforderungen vorgesehen haben, da diese durch ihre Depression nun endgültig langfristig arbeitsunfähig ist.
Roswitha entwickelt die Überzeugung, funktionieren zu müssen. Alte Gefühle, nicht als eigenständiger Mensch gesehen und geliebt zu werden, sondern nur über die gegebene Leistung Wertschätzung erlangen zu können, tauchen nun sowohl in der Beziehung zu Kurt wie auch in ihrem beruflichen Umfeld auf. Durch ihr weit über ihre fachlichen Aufgaben hinausreichendes Engagement für die Schüler hat sie längst verschiedene Zusatzaufgaben übernommen. War sie früher durch ihre Position als Problemlöserin für die oft in schwierigen sozialen Verhältnissen lebenden Lehrlinge und dem damit im Lehrkörper verbundenen Ruf inspiriert, beginnt sie jetzt zunehmend Entfremdung, Gefühle von Ohnmacht und Sinnlosigkeit zu erleben. Dies erreicht nach einem gemeinsamen Heurigenbesuch des Lehrkörpers in feuchtfröhlicher Stimmung seinen Höhepunkt, als der gemeinsame Tenor der Kollegen unter großem Gaudium eine „Dienst nach Vorschrift“-Haltung und völliges Desinteresse an den auszubildenden Lehrlingen nahelegt.
Es war, als wäre es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, beschreibt sie die Situation. Sie habe sich völlig verraten gefühlt, wie ein lächerlicher Idiot in einem System, das seine Klienten schon lange abgeschrieben und aufgegeben hat. In den Folgemonaten beginnt Roswitha zunehmend vom Rest des Lehrkörpers abzurücken. Ihre Kollegen gehen ihr auf die Nerven, erscheinen ihr verschlagen, unehrlich. Es kommt zum Streit mit einem Kollegen, der allen Schülern, die dem Unterricht nicht folgen wollen, gestattet, sich mit ihren Handys in den hinteren Bankreihen zu beschäftigen. Es ist derselbe Kollege, der die Schularbeitsergebnisse gleichzeitig mit den Angaben ausgibt, um damit die Resultate zu verbessern. So manipuliert funktioniert das System nach außen reibungslos. Roswitha fühlt sich angesichts der duldenden Mitwisserschaft der anderen Kollegen immer mehr an den Rand gedrängt. Gleichzeitig erlebt sie ein Gefühl von Auszehrung und Sinnlosigkeit, wird unleidlich gegenüber ihren Schülern, fühlt sich auch von ihnen ausgenützt. Kurt legt ihr mehr Realismus nahe und rät ihr, sich besser abzugrenzen.
Dann treten morgens auf dem Weg zur Schule in der U-Bahn Angstgefühle auf, die sie immer öfter zwingen, ihren Weg zu unterbrechen. Kurz darauf bilden sich an Schultagen, morgens nach dem Aufwachen, in Minutenschnelle nervöse, juckende Ausschläge im Gesicht, am Hals und im Dekolleté-Bereich. Ein paar Wochen später beginnt Roswitha an hartnäckigen Durchfällen zu leiden und Kreislaufbeschwerden zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt sind die Schule, die Kollegen und die Schüler bereits ein rotes Tuch für sie. Roswitha hat eine zynische, resignative Weltsicht entwickelt, die sie unter Aufbringung größter Anstrengung vor allen zu verbergen trachtet. Alles ist ihr zu viel. Ihr Direktor, der mit Kurt und ihr befreundet ist, versucht sie aus dem Schussfeld zu bringen. Zuerst wird ihre Dienstverpflichtung auf ihren Wunsch hin auf drei Tage zusammengelegt, um ihr genügend Regenerationspausen zu ermöglichen. Von ihren Zusatztätigkeiten, einstmals mit Enthusiasmus übernommen, erfährt sie Entbindung. In einem nächsten Schritt, als sie das Unterrichten als schwer aushaltbare Belastung erlebt, kann sie die Funktion als Klassenvorstand zurücklegen, ihre Stundenbelastung von der Unterrichtstätigkeit zurückfahren und in einen administrativen Bereich verlagern.
In den letzten beiden Jahren umfasst Roswithas aktive Lehrbeauftragung noch vier Unterrichtsstunden. Das System hat in Gestalt des befreundeten, äußerst kooperativen Direktors für maximale Entlastung gesorgt. Trotzdem beginnt Roswitha das diesjährige Schuljahr nach den Sommerferien subjektiv erschöpfter, als sie sich noch vor dem Sommer gefühlt hat. Die unterschiedlichsten körperlichen Beschwerden, ein Hörsturz zwei Wochen nach Schulbeginn und nur mit schweren Schlafmitteln beherrschbare Schlafstörungen kennzeichnen die letzten Wochen vor unserem Termin…
Arbeitsüberlastung, Tempodruck, mangelnde Mitsprache in der Gestaltung des Arbeitsfelds, Mobbing, autoritäre Führungskultur, Verweigerung von Anerkennung – all das, was man unter anderem einem Burnout begünstigenden Arbeitsumfeld zuschreibt, konnte für Roswithas spezielle Situation nicht ins Feld geführt werden. Keiner dieser Faktoren kam hier als Auslöser in Betracht. Ganz im Gegenteil, Roswithas Führungsverantwortlicher, ihr Direktor, hatte vieles unternommen, um ihr den Verbleib auf ihrer Position und damit ihren Bezug sichern zu können, bis hin zu ausgeklügelten Plänen von offizieller Anwesenheit an unterrichtsfreien Tagen und Krankenständen für Tage mit Unterrichtsverpflichtung. Sie hatte nahezu selbstbestimmt in ihrer Zeitgestaltung und ohne Fertigstellungsdruck die von Verantwortung weitgehend entbundenen Administrationstätigkeiten, quasi als Schonung, übernehmen können und die inzwischen verhasste Klassenlehrertätigkeit bis auf ein minimales Segment zurücklegen dürfen. De facto war es ihr durch eine Bereitschaft zur Supplierung durch andere Kollegen und gezielte Krankenstände gelungen, im ersten Unterrichtssemester gerade einmal für vier Stunden ein Klassenzimmer zu betreten – und das mit voller Toleranz der Organisation.
Roswitha selbst wiederum konnte beim besten Willen unter Einrechnung ihrer Lebensgeschichte, die sie in ihren Details als äußerst belastbare Person auswies, nicht als ein leicht zur Überforderung neigender Mensch gesehen werden. Sie wies zwar jene Grundcharakteristiken auf, die Menschen für Burnout gefährdet erscheinen lassen – Ehrgeiz, Genauigkeit, hohe Identifikation mit der Organisation, stark prosoziale Einstellung, hohe Bereitschaft zu selbstkritischem Verhalten und eine gewisse Tendenz, ihren Selbstwert über die von ihr erbrachte Leistung zu definieren – doch liegen weitaus belastendere Perioden ihres Lebens bereits hinter ihr, womit der völlige Zusammenbruch in dieser Lebensphase zunächst unnachvollziehbar anmutet.
Roswitha stellte mein bisheriges Verständnis der Entstehung von Burnout auf einen ernst zu nehmenden Prüfstand und forderte von mir, über oberflächliche oder einseitige Modelle hinauszuwachsen, um einen sinnvollen Behandlungsplan erstellen zu können. Denn hier auf eine Arbeitskarenz zu drängen, konnte wohl kaum den Stein der Weisen bedeuten. Roswithas Lebensaushöhlung lag, wie letztendlich bei allen Opfern des Burnout-Syndroms, viel tiefer, hatte jedoch in der Sequenz des Berufsfelds eine passende Widerspiegelung gefunden. Die ursprüngliche Sinnbefüllung ihrer beruflichen Tätigkeit war ihr verloren gegangen. Ein System, das, wie ihr schien, sich unter allgemeinem Konsens von seiner eigentlichen Berufung resignierend abgewandt hatte und Jugendliche nur mehr durchschleuste oder für ein paar Jahre parkte, ohne ihnen tatsächliche Entwicklung zu ermöglichen, drängte sie in die Vereinsamung. Gerade als Mensch mit hoher Identifikation mit ihrem Aufgabenbereich und stark prosozialer Gesinnung erwies sich dies für sie als der berühmte „letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, als unaushaltbar und als Auslöser für den Sinnzusammenbruch.
In der Aufarbeitung von Roswithas Burnout eröffnete sich der zu Grunde liegende tiefere Prozess, die stufenweise, im Untergrund seiner Seele verlaufende Lebensentfremdung eines Menschen, der sich einen sensiblen, gemeinschaftsorientierten und grundsätzlich liebesfähigen Persönlichkeitskern bewahrt hatte. Trotz einer harten, Gehorsam verlangenden Sozialisierung im Elternhaus war Roswitha lange höchst lebendig geblieben. Nun aber scheiterte sie. „Es trifft eigentlich die Besten“, schoss es mir während der Arbeit mit ihr immer wieder durch den Kopf.
Doch ich wusste das noch nicht zu deuten, vermochte zu diesem Zeitpunkt die Paradoxie, die sich darin verbarg, noch nicht zu erkennen. Gerade jene, die eigentlich mit besonderem Einsatz und Gehorsam, mit besonderer Aufopferung ihre Aufgaben erfüllten und damit dem Leitbild der Gesellschaft dank eines stark installierten Über-Ichs auch besonders gut entsprachen, wurden Opfer eines Burnout-Syndroms. Obwohl doch gerade sie dem gesellschaftlichen Konsens entsprechend die Einlösung ihres Glücksanspruchs erreichen hätten sollen, statt in Sinnlosigkeit und Aushöhlung zu versinken.
Als eindeutig unhaltbar stellte sich mir jedoch schon damals die Beschuldigung der „bösen Arbeitswelt“ als Verursacher des Ausbrennens dar. Die Arbeitswelt ist lediglich der hauptsächliche und sichtbarste Austragungsort des persönlichen Sinnverlusts und Entfremdungskonflikts des Einzelnen. Diese Erkenntnis spiegelt meine Erfahrungen in beiden Arbeitsfeldern, sowohl als Behandlerin von Burnout-Betroffenen wie auch als Beraterin in der Organisationsentwicklung von Unternehmen wider. Dass Burnout und damit die Entfremdung vom privaten Lebensumfeld, die Automatenhaftigkeit, mit der oft schon jahrelang nicht aus einer inneren Überzeugungskultur vorgegebene Zielsetzungen verfolgt werden, verläuft lediglich unsichtbarer, dem öffentlichen Blick entzogener. Der „Leistungseinbruch“, der zunehmende Mangel an Identifikation, der zumeist mit Konsum und Betäubung in Schach gehalten wird, bleibt gleichsam privates Drama. Im Berufsfeld, am Arbeitsplatz jedoch, wo zumeist viel eindeutiger nach dem Kriterium der Leistung beurteilt wird, nimmt die bestehende Dissonanz einen hässlichen, weithin hörbaren Klang an.
Über diese Unhaltbarkeit der Verurteilung der Arbeitswelt war ich bereits 2002 in Rumänien erstmalig gestolpert, hatte mich damals gewundert, aber die Enden der Fäden noch nicht zusammenzuknüpfen vermocht. Das junge, gerade einer der unmenschlichsten Diktaturen entwachsene Land hatte sich nach einem guten Jahrzehnt als Demokratie glaubwürdig und gleichzeitig geschmeidig für den begehrlichen globalen Wanderzirkus der Fertigungsindustrie erwiesen und lockte mit Sonderkonditionen, kurzen Transportwegen an die EU-Grenzen und Billiglohnarbeitskräften. Ein Eldorado für alle, die handarbeitsintensive Produktion, von der Hirschhornknopfschnitzerei, über die Hemdennäherei oder Kabelbaumherstellung bis hin zur Lederlenkradnäherei, mit niedrigen Personalkosten verbinden wollten.
Wir betreuten damals eine Produktionsstätte im Westbanat zur Personalentwicklung ihres neuen lokalen Management Staff. Lauter junge, enthusiastische Menschen mit teilweise fantastischen Abschlüssen, soweit sie in Rumänien zu kriegen waren, ausgerüstet mit der totalen Beseelung einer Aufbruchsstimmung. Für sich und ihr Land wollten sie den großen Wohlstand erarbeiten, Arbeitseinsatz ad infinitum inklusive. Goldgräberstimmung, ein tägliches Teamgefühl, wie man es hierzulande nicht einmal während des gruppendynamisch verordneten Fallschirmtandemspringens für Führungskräfte für die kurze Zeit in der Luft zusammenbringt. Es gab jede Menge Müdigkeit, wenn es wieder einmal galt, tagelang durchzuarbeiten, um ein fehlerhaftes Layout unter Hochdruck zu korrigieren oder den Fehler in einer abgestürzten, den Flow blockierenden Computeranlage zu beheben. Aber Burnout war ganz sicher bei niemandem in Sicht.
Soweit zum Management. Aber auch der Rundblick im noch wesentlich härteren „production floor“, der Produktionshalle, warf jede gestandene Burnout-Theorie über den Haufen. Da saßen pro Schicht rund 800 Frauen und Männer auf harten, wackeligen Dreibeinhockern und ummantelten im Schlachthauslicht der über ihnen schwebenden Neonbalken Lederlenkräder für Nobelkarossen, in denen sie sicher nie sitzen würden. Und dies unter enormem Zeit- und Qualitätsdruck, in einem Organisationssystem, das ihnen keinerlei Mitsprache, nicht einmal bei der Wahl ihrer Schicht ließ. Sie arbeiteten in einem Unternehmen, das über sein Prämiensystem stark konkurrenzfördernd war, äußerst sparsam mit Wertschätzung und Anerkennung umging, eine für den einzelnen Arbeiter intransparente Ablaufstruktur vermittelte und keinen Wert auf Teambildung oder Kooperation legte. Ein System, das auch damit zufrieden gewesen wäre, wenn hier anstatt Menschen minuziös werkende Maschinenhände im Einsatz gewesen wären. Arbeitsschutzmaßnahmen waren in dem neuen Staat, der damals noch nicht zur EU gehörte, zwar grundsätzlich verabschiedet worden, doch nach vierzig Jahren autokratischem Ceausescu-Regime waren die Implementierung schleppend und die Kontrollen geschmeidig abzubiegen. Also saß man dort im Winter bei knackigen zwölf Grad mit klammen Fingern und im Hochsommer bei tropischen vierzig Grad, umgeben von den frei flottierenden, verbotenen Klebstoffdämpfen in der dünnen, auf die grüne Wiese gegossenen Werkhalle mit ihrem Zementboden und nähte, was das Zeug hielt.
Noch dazu waren die Schichten umrahmt von langen Anfahrtswegen. Die zugigen Werkbusse sammelten die Belegschaft oft schon zweieinhalb Stunden vor Schichtbeginn in den umgebenden Ortschaften auf, um rechtzeitigen Schichtbeginn mit gewaschenen Händen als Werkinteresse zu gewährleisten. Es ist selbstredend, dass es sich hierbei um die Privatzeit der Mitarbeiter handelte, der An- und Abtransport als eine Sozialleistung des Unternehmens gesehen wurde. Daheim gab es dann zumeist Kinder und irgendeinen alten Verwandten zu betreuen und das diverse Kleinvieh und den Garten, Überlebensbasis jedes damaligen Rumänen, zu bewirtschaften.
Es ist Teil meines Berufs, mich äußerst intensiv in Menschen hineinzuversetzen, einen Weg zu finden, um mit Menschen in unmittelbaren, ungefilterten Austausch treten zu können. Burnout traf ich in der stinkenden Halle, in die ich nur aus Solidarität und nicht aus Überzeugung ohne Schutzmaske ging, nie an. Nicht einmal Unzufriedenheit. Die Menschen fanden sich eingebettet in ein Sinnsystem, verbunden in einem engen familiären Zugehörigkeitsgefühl, das durchwegs von wechselseitigen, respektierten und damals nach dem Sturz des Regimes noch als naturgegeben erlebten Abhängigkeiten geprägt war. Darüber hinaus funktionierte zum damaligen Zeitpunkt die Struktur nachbarschaftlicher Zugehörigkeit und Hilfe noch mit großer Zuverlässigkeit. Hatte jemand für sein Kind keine Beaufsichtigung, so fand sich mit großer Sicherheit in der Nachbarschaft eine Unterbringungsmöglichkeit. Natürlich gab es auch Rivalitäten, Eifersucht, Neid und das ganze Spektrum menschlicher Befindlichkeitsstörungen in den Dörfern. Doch der Grundkodex von Verbindlichkeit und das Bewusstsein, aufeinander wechselseitig angewiesen zu sein, das Wissen, dass Gebender und Nehmender bedingt durch den Lebensstrom und seine Anforderungen nur zu leicht Platz tauschen können und daher der Mensch in jeder dieser Positionen mit Respekt zu behandeln ist, war im Untergrund des dörflichen Selbstverständnisses noch vorhanden. Nirgends, seit meiner Kindheit an der Hand meiner Mutter beim „Bassena-Tratsch“, habe ich in Europa so viele spontane, ungezwungene Unterhaltungen mit angehört oder Nachbarn, die in der Abendsonne gemeinsam auf der Bank sitzen, beobachten können. Oder so viel Selbstverständlichkeit einer gemeinsamen Festkultur, bei der jeder das Seine beiträgt, und sei es einen Strauß selbstgepflückter Wiesenblumen. Diese Menschen hatten damals eine Vision eines besseren Lebens, das sie bauen wollten, das Werk war ein Symbol dafür, ebenso wie alles, was sie dort erlebten.
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