Kitabı oku: «Das Lachen des Schmetterlings»

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Das Lachen des Schmetterlings

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

© 2020 Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

Titelbild: © Oleksandr Dibrova - Adobe Stock lizenziert

ISBN: 978-3-86196-610-4 Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-291-3 E-Book

Besuchen Sie uns im Internet.

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Inhalt

Vorwort

Spuk in der Scheune

Herbststurm

Das Geheimnis des Bergmonsters

Kathi und die Königin

Beste Freundin

Blaue Augen

Nur eine Minute

Schatzfieber

Auch Mädchen

Das Schäfchen auf der Alm

Das Lachen des Schmetterlings

Omas neues Kaugestell

Endlich Freitag

Zeit

Grenzen überwinden

Das Monster im Mülleimer

Im Wald

Fridolin –

Ella feiert Hochzeit

Wie es zu den Noten kam

Bundesjugendspiele, hurra!

Ein Spaziergang

Als Tom seinen Schwestern

Friedas Heimkehr

James

Wo ist Mia?

Die Schneeflocke

Als Paul zu den Eulen ging

Die Wahrheit

Mr Morris

Knollerich auf Reisen

Anna und Gesa

Wie mutig sind die Tiere?

Peter kriegt Besuch

Wackelpeter

Ihre Ideen für ein Buchprojekt

Nachwort

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Vorwort

Seit mehr als zehn Jahren schreibt Papierfresserchens MTM-Verlag Anthologieprojekte für erwachsene Autorinnen und Autoren aus. Hunderte Geschichten haben wir so zusammengetragen, die im Laufe der Jahre die Herzen von Kindern und Erwachsenen erobert haben.

Besondere Meilensteine dabei waren sicherlich unsere Wünsch-dich-ins-Wunder-Weihnachtsland-Anthologien, in dieser Reihe sind bereits zehn Bücher erschienen, sowie unsere Osterbücher, von denen es immerhin bereits vier Ausgaben gibt.

Mein persönliches Lieblingsbuch aus dem Reigen unserer Anthologie-Veröffentlichungen aber ist das Buch Nassbert, der Wannenwichtel – Geschichten in und aus der Badewanne. Und auch das Werk Auf den Kern gebracht – Erzählungen und Gedichte rund um der Deutschen liebstes Obst, den Apfel, hat auch Jahre nach seiner Veröffentlichung für mich noch immer einen ganz besonderen Reiz.

Unsere Anthologiebände aber sind seit Jahren mehr als nur unterhaltsame Lektüre. Erst vor wenigen Tagen wurde eine Studie veröffentlicht, in der die mangelnde Lesekompetenz von Viertklässlern angesprochen wurde. Viele unserer Kurzgeschichten-Bände richten sich genau an diese Zielgruppe – Kinder im Vorschul- und Grundschulalter – und werden oft genug von den beteiligten Autorinnen und Autoren auch in Schulen und Kindergärten vorgelesen, sind somit stets ein aktiver Beitrag zum Thema Leseförderung.

Wir haben so viele positive Reaktionen auf unsere Ausschreibungen erhalten, dass wir sie auch in Zukunft anbieten werden. Informationen über aktuelle Ausschreibungen gibt es auf unserer Internetseite papierfresserchen. de. Dort ist gerade ein neues Buchprojekt hinterlegt worden, das sich mit dem Tod eines geliebten Tieres beschäftigen wird. Sie sehen, wir gehen immer wieder auch „schwierige“ Themen an – Themen, die weit weg vom Mainstream und den Glitzer- und Prinzessinnen-Büchern anderer Verlage sind, Themen, die oft genug bei anderen Verlagen kein Gehör finden.

Nicht zuletzt sind aus unseren Anthologieprojekten im Laufe der Jahre aber auch echte Talente hervorgegangen – Autorinnen und Autoren jedes Alters, die später selbst ein eigenes Buch geschrieben und mit diesen Büchern wiederum junge Leser in ihren Bann gezogen haben. Autorinnen und Autoren, die mit uns ihre ersten Schritte in der literarischen Welt gewagt haben.

Nicht zuletzt wurde das Papierfresserchen bereits 2009 für seine Arbeit mit jungen Autoren von der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft im Rahmen der Initiative Land der Ideen ausgezeichnet. Die Urkunde, unterzeichnet vom ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, ziert noch heute die Verlagsredaktion. Darauf sind wir mächtig stolz.

An dieser Stelle möchten wir vom Verlag uns bei allen bedanken, die über die vielen Jahre zum Gelingen der Anthologieprojekte beigetragen haben. Wir freuen uns auch in Zukunft auf tolle Märchen, Kurzgeschichten, Gedichte und Bilder aus der Feder begabter und mutiger Autorinnen und Autoren.

In diesem Sinne wünschen wir allen Leserinnen und Lesern dieses Bandes viel Freude mit einzigartigen und ganz besonderen Geschichten, die uns jeden Tag vor Augen führen, wie viele talentierte Menschen darauf warten, ihre kreative Chance zu erhalten.

Martina Meier

Verlegerin

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Spuk in der Scheune

Die beiden Freunde Ben und Sam verbringen ihre Ferien auf einem Bauernhof. An einem Wochenende wollen sie unbedingt in der Scheune des Bauernhofes übernachten. Der Bauer weist den beiden Jungen einen Schlafplatz auf dem Heuboden zu. Über Nacht lässt er für sie eine kleine, alte, verdreckte Stall-lampe schwach brennen. Ermüdet von den Highlights des Tages (dem anstrengenden Stallmisten, aufregenden Ponyreiten sowie urigen Grillabend) schlafen Benny und Sammy bald ein.

Mitten in der unheimlichen Dunkelheit und Stille der Nacht wird Sam plötzlich von seinem Freund wachgerüttelt. Ben deutet lautlos mit seinem rechten ausgestreckten Arm und seinem Zeigefinger auf die große Scheunentür, die sich bewegt. Die Jungen starren gespannt dorthin. Langsam geht die Tür auf. Sie spüren einen Luftzug und Ben beginnt, am ganzen Körper zu zittern.

Sam bekommt einen Schweißausbruch. „Was ist das?“, fragt er erschrocken und erschaudert.

Ben flüstert ängstlich: „Wir dürfen nicht laut sprechen.“

Auf einmal heult und pfeift es. Dann knallt die schwere Tür zu. Bens und Sams Herzen schlagen immer schneller.

„Hier spukt es!“, ruft Ben entsetzt.

Die beiden Jungen verkriechen und verstecken sich verängstigt in ihren Schlafsäcken. Doch dann wird Sam klar, dass es der Wind gewesen sein muss. Er überredet Ben, aus dem Schlafsack herauszukommen. Sie wollen nun die große und schwere Scheunentür fest zumachen.

Als sie vom Heuboden über die Leiter hinabsteigen wollen, bewegt sich unten in der Scheune plötzlich der Überrest eines alten Heuballens. Es raschelt und klappert etwas.

Ben schreit auf: „Lass uns wegrennen! Ich halte das nicht mehr aus! Das ist ein Gespenst!“

Voller Angst vor dem Gespenst klettern die beiden Buben die Holzleiter zum Heuboden wieder hoch. Sam ist vor Ben oben. Als Ben die drittletzte Sprosse erreicht, bricht sie. Sam schafft es gerade noch so, seinen Freund festzuhalten. Als auch Ben endlich oben ist, fällt die Leiter um.

„Das ist ja wirklich ein Gespenst. Irgendein Fluch muss über dieser Scheune liegen“, spricht Sam.

„Jetzt können wir gar nicht mehr weg von hier“, entgegnet der stark verängstigte und zitternde Ben mit gebrochener Stimme.

Die Jungs schlüpfen wieder in ihre Schlafsäcke und verkriechen sich darin. Ihnen läuft ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. „Hoffentlich entdeckt uns das Gespenst nicht“, denkt Ben.

Auf einmal läuft etwas über Sam hinweg. Eigentlich ist es nur eine harmlose schwarze Spinne. Aber Sam ist vollends außer sich. „Hilfe! Hilfe!“, schreit er. „Etwas ist über mich gelaufen!“

Vor lauter Panik springen Benny und Sammy mit einem Satz aus ihren Schlafsäcken heraus und beginnen loszurennen. Dann fällt ihnen jedoch ein, dass die Leiter umgefallen ist ... Vor Schreck wären sie fast vom Heuboden gefallen. Benny und Sammy schreien, so laut sie nur können.

Plötzlich geht die Scheunentür zum wiederholten Mal auf. Diesmal bekommen die beiden Buben solch eine Angst, dass ihnen beinah ihre Herzen aus der Brust springen. Als das Licht einer großen, alten Lampe angeht, sehen sie, dass der Bauer in der Tür steht. Erleichtert atmen Benny und Sammy auf. Auf einen Schlag weicht ihre ganze Angst. Der vermeintliche Spuk in der Scheune scheint endlich vorbei zu sein.

Aber als der Bauer gerade die Leiter wieder aufstellen will, bewegt sich auf einmal unten in der Gerümpelecke der Scheune wieder der alte Heuballen. Sofort geht der Bauer dorthin und hebt den Ballen hoch. Siehe da! Es sind drei kleine Mäuschen, die unter dem Heuballen spielen. Nun wissen alle, wer das Gespenst gewesen ist ... und fangen an zu lachen.

Juliane Barth, Pseudonym: Sacrydecs, Jg. 1982, lebt im Südwesten Deutschlands. Schreibt als Hobby seit jeher sehr gerne, insbesondere Sachtexte und Lyrik. Widmet sich bevorzugt gesellschaftskritischen Themen. Veröffentlichungen in Anthologien.

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Herbststurm

Es weht ein kräftiger Wind. Emma, erhitzt vom Kuchenbacken, steht mit geröteten Wangen auf der Veranda des Hauses und betrachtet den Garten. Im letzten Licht des Tages wiegen sich die Bäume am Ende der Rasenfläche wie tanzende Wesen. Ihre harmonischen Bewegungen werden immer wieder durchbrochen von Böen, die den Blätterwald nach allen Seiten auseinanderstieben lassen. Die Luft schmeckt nach Frühling, kein bisschen nach der Jahreszeit, die vor der Tür steht. Den Kopf in den Nacken gelegt, verfolgt Emma die dunklen Wolken, die über sie hinwegjagen, zwischendurch den Blick auf den kugelrunden Mond und den noch hellen Himmel freigeben. Ein bisschen weniger Wind, denkt sie, wäre besser für ihr Unterfangen.

Selbst die Scharen von Krähen, die sonst den benachbarten Kirchturm umkreisen, haben sich bei dem Wetter versteckt. Ihr kleiner Bruder Max ängstigt sich vor den schwarzen Vögeln. Leider hat er vor vielen Dingen Angst. Aber seit sie vor einem halben Jahr aus Berlin aufs Land gezogen sind, haben sich seine Angstgefühle extrem verstärkt.

Ein schönes Haus mit einem riesigen Grundstück haben sie hier. Ziergarten, Gemüsebeete, eine Streuobstwiese, alte Bäume, ein richtiger kleiner Wald gehören dazu. Und die Wildnis. Das ist der Teil hinter dem Wäldchen: Hier wächst das Gras hüft-hoch, im Sommer schmuggeln sich Mohn, Kornblumen und andere Feldblumen hinein. Holunder, dessen Blüten im Juni ihren süßen Duft verströmten und sich mittlerweile zu Fliederbeeren verwandelt haben, hat eine ganze Ecke des Gartens erobert.

In den Augen der Erwachsenen ein Paradies für Kinder. Emma hat dort im Frühjahr in einer Pfütze Kaulquappen gefunden, gestern ist ihr eine Igelfamilie über den Weg gelaufen, manchmal sieht sie den Fuchs.

Aber in der Wildnis gibt es auch den anderen Streifen, der an die Mauer grenzt. Dahinter liegt der Kirchhof, genau genommen ist es der Friedhof mit seinen alten, windschiefen Grabsteinen. Vielleicht ist das der Grund, weswegen einer der Vorbesitzer ihres Hauses dort, in unmittelbarer Nähe zu den toten Menschen, seine Hunde beerdigt hat. Zwölf kleine Grabsteine erinnern an Rex, Lilli und die anderen. Diese Tatsache hat ihrem Haus den Beinamen Gräberhaus eingebracht.

Kugelrunde Augen, aus denen pure Angst sprach, bekam Max, als er zum ersten Mal davon hörte. Da die Kinder in der Schule schnell begriffen, dass der Neue, der Außenseiter, ein Angsthase ist, liefern sie ihm tagtäglich Gruselgeschichten über die Gräber. Max lässt sich von seinen Ängsten gefangen nehmen, geht nicht mehr alleine in den Garten und ist häufig bedrückt.

In jeder Vollmondnacht erwachen die toten Hunde zum Leben und spuken, haben die Kinder Max eingebläut. Heute will Emma Max etwas klarmachen – sie will es ihm zeigen: Die Erzählungen sind nichts als blanker Unsinn.

Sie schreckt zusammen. Über ihr ist ein Fensterladen gegen die Hauswand geknallt. Er hat sich aus seiner Befestigung gerissen, sieht Emma. Der Sturm wird stärker, in der Luft liegt ein gewaltiges Rauschen. Im Haus fällt eine Tür mit lautem Krachen ins Schloss, der Wind heult, der Fensterladen schlägt unrhythmisch gegen die Wand. Emma eilt ins Haus zur Treppe, nimmt zwei Stufen auf einmal. Im elterlichen Schlafzimmer öffnet sie das Fenster, um den Fensterladen zu befestigen. Wie eine Flutwelle stemmt der Sturm sich ihr entgegen.

Seelenruhig liegt Max in seinem Zimmer auf dem Bett, die großen Kopfhörer über die Ohren gezogen, die Welt ausgesperrt. Mit den schwarzen Kopfhörern erinnert er Emma an Micky Maus. Micky Maus im Batman-Schlafanzug.

Maxʼ entspannter Gesichtsausdruck verschwindet, als er Emma bemerkt. Schlagartig beginnt seine Unterlippe zu zittern, als bräche er jeden Moment in Tränen aus. Aber auf seinen Gefühlszustand kann Emma jetzt keine Rücksicht nehmen. Heute Abend bietet sich die einmalige Gelegenheit: Es ist Vollmond und ihre Eltern, die von Emmas Mutproben für Max nichts halten, sind nicht zu Hause.

Äußerst widerwillig steigt Max vom Bett, zieht die Kopfhörer ab. „Müssen wir das wirklich machen?“, fragt er sogleich wieder wie schon unzählige Male zuvor. Emma nickt energisch.

Max beginnt sich im Schneckentempo anzuziehen. Als nur noch die Socken fehlen, läuft Emma in ihr Zimmer. Alles ist vorbereitet. Sie holt zwei Taschenlampen und ihre Jacke mit dem Pfefferspray. Sie ist für alles gerüstet.

Fünf Minuten später stehen sie im Freien auf der Terrasse. Inzwischen ist es nahezu dunkel. „Dann los!“, gibt Emma den Startschuss und knipst die Taschenlampe an. Max tut es ihr nach.

Langsam gehen sie über den kurz geschorenen Rasen. Max lässt den Lichtstrahl seiner Lampe wie ein Leuchtturmsignal um sie herumkreisen. Emma erzählt ihm von seiner Belohnung, dem warmen Apfelkuchen, der in der Küche wartet. Sie erinnert sich mit ihm an die warmen Frühsommertage, als sie zusammen eine Höhle im hinteren Teil des Gartens gebaut und mit einer Piratenflagge geschmückt haben. Das war, bevor diese Erzählungen anfingen, als Max noch alleine durch den Garten stromerte, über dem Spiel die Zeit vergaß.

Am Ende des Ziergartens halten sie einen Moment inne. Bis zu den Gräbern sind es achtzig Schritte, hat Emma mehrere Male gezählt, erst unter den Bäumen hindurch, danach durch die Wildnis. Sie macht den ersten Schritt. Einen Atemzug lang zögert Max, dann stapft er hinter ihr her. Emma hört ihn im Laub rascheln. Der Sturm hat die ersten Blätter von den Bäumen gezerrt. Buntes Laub tanzt um ihre Beine, wirbelt von allen Seiten – Emma fühlt sich wie in einer Schneekugel aus Laub.

Noch achtundsechzig Schritte.

An windstillen Tagen bietet das dichte Blätterdach die Geborgenheit einer Höhle. Heute fahren die Böen wie heranrollende Wellen durch die Bäume, verwandeln das sonst anheimelnde Rauschen der Blätter in ein wildes Toben. Eicheln, Bucheckern, Kastanien klackern wie Geschosse herab.

Max packt Emmas Hand. Noch einundfünfzig Schritte.

Überall bewegt sich etwas, die Nacht ist lebendig wie nie. Sind es Tiere, die durch die aufgewühlte Natur huschen?

Im Schein der Taschenlampen tasten Emma und Max sich vorwärts, die Lichtkegel fangen die ersten Grabsteine ein. Einer der Steine ist umgestürzt. Aufgeregt deutet Max darauf. Emmas Hand umschließt seine fester. In Max kocht das Adrenalin bis unter die Haarwurzeln hoch. Zusammen nähern sie sich dem Stein. Max fuhrwerkt mit der Taschenlampe herum, als trüge er ein unsichtbares Gefecht aus.

Sehr genau leuchtet Emma die Umgebung des Grabsteins ab, Max schaut ihr zu. Nichts, kein Wesen, nicht der kleinste Wurm, geschweige denn ein Hund lässt sich blicken. Aber sie sehen, wer hier war. Ein Maulwurf. Das erkennt auch Max, dessen Finger sich jetzt nicht mehr um ihre Hand verkrampfen. Einen Steinwurf von ihnen entfernt knattert die verwaiste Piratenfahne im Wind. Sie haben genug gesehen, beschließt Emma und will den Rückzug antreten.

Urplötzlich registriert sie ein Geräusch, das sich von dem Rauschen des Sturmes abhebt. Ein leises Winseln, fast ein Jammern. Sehr schnell steigt es zu einem Geheul an, das sich nicht einordnen lässt. Irgendwie nach gequälter Kreatur klingt.

Oder wie nicht von dieser Welt.

Emma merkt, wie es ihr kalt den Rücken hinabläuft.

Mit schreckgeweiteten Augen starrt Max Emma an, seine Hände liegen wie Schraubstöcke um ihre Handgelenke. Beide stehen sie zu Salzsäulen erstarrt da, lauschen diesem gräulichen Ton, der jetzt in wechselnder Lautstärke zu ihnen dringt.

Sekunden später gewinnt Emmas Verstand wieder die Oberhand. Sie schleift Max in die Richtung, aus der das Jaulen kommt. Nur auf Zehenspitzen kann sie über die Friedhofsmauer spähen. Sie leuchtet mit der Taschenlampe. Mit einem Schreckensschrei stürzt eine Handvoll Kinder davon, zwischen sich die schwanzwedelnde Dogge von Familie Schmidt, direkt in die Arme einer Gestalt, die sich nun aus der Dunkelheit löst.

Emma schwenkt mit der Taschenlampe dorthin. Die Person wehrt den Lichtstrahl mit der Hand ab, trotzdem kann Emma erkennen, wer es ist: Der Junge, der ab und zu in der Bäckerei arbeitet. Einer der wenigen aus dem Dorf, der sie freundlich grüßt und anlächelt.

Als Nächstes bekommt sie mit, wie er mit den Kindern schimpft. Mit hängenden Köpfen lassen sie die Standpauke über sich ergehen. Offenbar genießt der Ältere Respekt.

Das muss sie Max zeigen. Emma hebt ihren Bruder hoch, damit er über die Mauer sehen kann. Dessen Augen weiten sich, dieses Mal ist es die Überraschung, die ihm ins Gesicht geschrieben steht. Erleichterung gesellt sich hinzu, ein Funken Mut, denn Max traut sich, die versammelte kleine Gruppe mit der Taschenlampe anzuleuchten.

Als Emma ihn wieder herunterlässt und er fest auf dem Boden steht, schlingt er die Arme um ihre Taille und schmiegt sich an sie. Emma hält ihren kleinen Bruder einfach nur fest.

„Gut, dass wir das gemacht haben“, hört sie ihn in ihre Jacke murmeln.

„Emma!“ Ein Ruf dringt von der anderen Seite der Mauer zu ihr. Sie lässt die Taschenlampe einmal aufblitzen, nur um sich zu vergewissern, die Stimme gehört zu dem Jungen aus der Bäckerei. „Es tut mir leid. Die Jungs haben nichts als Dummheiten im Kopf. Sie wollten Max erschrecken, aber sie werden sich morgen bei ihm entschuldigen.“

Unzählige Gedanken schießen Emma gleichzeitig durch den Kopf: Sie weiß nicht, wie er heißt. Vielleicht kann er Max eine Brücke bauen. Er ist nett. Woher kennt er ihre Namen? Und der nächste Gedanke plumpst in ihr Hirn: „Das ist die Gelegenheit!“

„Ich habe Kuchen gebacken. Wollt ihr zu uns kommen?“, sprudelt es aus Emma heraus, ehe sie der Mut verlässt. Mit klopfendem Herzen blickt sie über die Mauer, ohne etwas in der Dunkelheit erkennen zu können.

„Gute Idee“, hört sie nach einer gefühlten Ewigkeit. Das Lächeln, das seine Mundwinkel umspielt und das sich ihr von seinen Begrüßungen eingeprägt hat, kann sie spüren. „Ich heiße übrigens Philipp.“ Philipp!

Emma nimmt Max an die Hand. Während sie zurück zum Haus spazieren, hüpft er neben ihr her, lässt bald ihre Hand los und rennt mit weit ausgebreiteten Armen durch den Herbststurm.

Bettina Schneider, 1968 in Berlin geboren, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit. Sie schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen, einige davon sind veröffentlicht. Hobbys: Lesen, Schreiben, Tagebuchschreiben, Spaziergänge und Joggen.

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Das Geheimnis des Bergmonsters

„Kiara, hast du alles gepackt?“

Kiki, die nur von ihrer Mutter Kiara genannt wurde, sah ein fünftes Mal ihren Koffer durch. „Ja, es ist alles drin!“, schrie sie die Treppe hinunter.

Ihre Familie wollte nämlich in den Urlaub und drehte deshalb vollkommen durch. Ihre Mutter war hysterisch und hatte Angst, etwas zu vergessen. Ihr Vater sah sich tausendmal die Strecke an, die sie fahren wollten. Sie hatten zwar ein Navi, aber dem traute er nicht über den Weg. Ihrem kleinen Bruder Kai war das alles egal. Er las wie immer sein Micky-Maus-Heft und überlegte sich wahrscheinlich schon die nächsten Streiche, die er seiner Schwester spielen wollte. Das war eines seiner größten Hobbys.

Was er ihr nicht alles schon angetan hatte. Das Schlimmste war bis jetzt gewesen, als er Farbe in ihr Shampoo gemischt und sie mit lilafarbenen Haaren in die Schule gemusst hatte. Das war kein schöner Tag für Kiki gewesen.

Kiki freute sich vor allem auf den Urlaub, weil sie mit den Beckers fuhren. Die Beckers waren eine befreundete Familie, allerdings mit zwei Jungs. Jonas war der jüngere, acht Jahre wie Kikis kleiner Bruder. Sein älterer Bruder war Christian und der war Kikis bester Freund. Solange sie denken konnte, hatten Christian und sie alles zusammen gemacht. Und jetzt fuhren sie sogar gemeinsam in den Urlaub.

Nur war der Ort nicht unbedingt das, was sie wollten. Wandern in den Bergen war nicht unbedingt die Aktivität, die die beiden sich ausgesucht hätten. Nur waren ihre Eltern unheimlich begeistert von der Idee.

Endlich ging es los. Sie setzten sich ins Auto und Kiki steckte sich direkt ihre Kopfhörer in die Ohren. Ihren kleinen Bruder wollte sie nicht ständig quasseln hören.

Sie schmiedete Pläne, was sie mit Christian alles anstellen könnte. Sie würde ihn erst in dem gemeinsamen Ferienhaus treffen. Tja, was sollte man schon in den Bergen anstellen? Gab es da noch was außer Wiesen und Hügeln?

„So, alle aussteigen!“

Kiki erschrak. Sie war eingeschlafen und wurde von den lauten Worten ihres übermotivierten Vaters aufgeweckt.

Mit verschlafenen Augen sah sie aus dem Autofenster und entdeckte ein kleines Haus. Es sah eigentlich gar nicht schlecht aus. Neben dem Haus war ein kleiner Spielplatz und von dem führte ein Weg in den Wald. Alles in allem ganz nett.

Kiki stieg aus und im selben Moment drückte Christian die Tür vom Haus auf und schrie begeistert ihren Namen. Die Beckers waren offenbar vor ihnen angekommen.

Am Abend grillten sie alle miteinander und Michael, Christians Vater, begann am Lagerfeuer, eine Geschichte zu erzählen.

„Kennt ihr die Geschichte vom Bergmonster?“ Alle schüttelten den Kopf.

Kiki liebte seine Geschichten, die hatte sie schon immer gemocht.

„Nun gut, also, die geht so: Ein verliebtes Pärchen machte eines Abends einen gemeinsamen Spaziergang ...“

„Ihhh“, schrie Jonas. „Ich hasse Liebesgeschichten.“

Michael schnaubte. „Nun hör doch erst mal zu. Also, sie tätigten einen gemeinsamen Spaziergang. Während sie liefen, kamen sie an einen See und setzten sich auf den Steg. Auf einmal hörten sie ein Rascheln. Erst dachten sie, es wäre nur ein kleines Tier, aber dann wurde das Rascheln lauter. Es musste ein großes Tier sein. Sie bekamen es beide mit der Angst zu tun und beschlossen, auf schnellstem Weg umzukehren. Doch immer wieder hörten sie dieses Rascheln. Sie wagten es nicht, sich umzuschauen. Irgendwann wurde der Mann zu neugierig und wandte sich doch um. Er sah ein Monster, doppelt so groß wie er selbst, und es bestand aus purem Stein. Jetzt sah auch die Frau hinter sich und sog scharf die Luft ein. Das Paar schaute einander an, drehte sich um und rannte weiter. Plötzlich stolperte die Frau und dann ...“

Kai fing an zu kichern. „War ja klar, immer diese Weiber.“

Jetzt schnaubte auch Kiki. „Oh Mann, Kai, du machst die ganze Spannung kaputt. Du bist so nervig.“

Michael stand auf und setzte sich zwischen die beiden Streithähne. „So, soll ich jetzt weitererzählen?“

Beide nickten mit rotem Kopf.

„Die Frau stolperte also, dann stellte sich das Steinmonster vor sie hin. Der Mann flehte das Monster an, seine Freundin in Ruhe zu lassen, doch es war zu spät. Die Augen des Ungetüms fingen an zu leuchten und die Frau versteinerte. Der Mann wurde wütend und versuchte, das Monster mit anderen Steinen zu erschlagen. Doch kein Stein war groß genug und das Wesen zerschmetterte einen nach dem anderen. Schließlich gab der Mann auf und rannte weg. Doch das Monster verfolgte ihn weiter. Der Mann wusste, dass er es nicht ansehen durfte, sonst würde auch er zu Stein werden. Doch das Ungetüm trickste ihn aus. Der Mann versteckte sich hinter einem Baum, als er wieder das Rascheln des Monsters hörte. In einer Pfütze sah er das unheimliche Wesen und dessen leuchtende Augen. Doch nun passierte etwas Seltsames. Der Mann wurde nicht zu Stein, sondern er verwandelte sich ebenfalls in ein Steinmonster. Was danach geschah, weiß niemand.“

„Cool“, sagte Christian und selbst Jonas und Kai waren beeindruckt.

„Schade, dass es so was nicht in Wirklichkeit gibt“, überlegte Kiki.

„Woher willst du das wissen?“, fragte Michael. „Die Geschichte steht in einem Buch über Sagen und Legenden aus den Bergen. Wer weiß, vielleicht läuft das Steinmonster hier in diesem Wald hinter uns herum.“

Jetzt fingen alle an zu lachen und Jonas und Kai spielten die Geschichte nach. Natürlich war Kai das Steinmonster.

Am nächsten Tag fuhren sie gemeinsam mit dem Fahrrad an einen Bergsee. Der war toll, es gab eine kleine Rutsche und einen Felsen, von dem aus man ins Wasser springen konnte. Die Mütter hatten ein riesiges Picknick vorbereitet, es gab von Wassermelone bis hin zum Hähnchenschenkel einfach alles. Da es wirklich warm war, machte es gar nichts aus, dass der See eiskalt war.

Ursprünglich war der Plan gewesen, noch ein kleines Stück zu wandern, aber allen gefiel es dort so gut, dass sie bis zum Abend blieben.

Jonas und Kai taten so, als wäre der See derjenige aus Michaels Geschichte. Die beiden Jungs hatten so einen Spaß bei ihrem Spiel, dass sie alle mit ansteckten. Schließlich waren ihre Väter die Bergmonster und jagten die Kinder. Auch Kiki und Christian ließen sich mitreißen und zum Schluss rannten alle wie wild durch die Gegend. Doch bei ihnen verloren die Bergmonster. Sie wurden von den Kindern gekonnt in den See geschubst.

Als sie spät am Abend bei ihrem Ferienhaus ankamen, schliefen alle direkt ein. Kiki hatte feststellen müssen, dass die Berge bis jetzt gar nicht mal so schlecht waren.

In der Nacht wachte Kiki wegen eines Geräuschs auf. Sie stupste Christian an. „Du, hör mal! Was ist das?“

Christian sah sie verwirrt an und begann zu lauschen. Er fing an zu grinsen und sagte: „Das Bergmonster.“

Kiki schlug ihm auf die Schulter. „Hör auf, das ist nicht witzig. Komm, lass uns mal schauen.“

Beide stiegen aus ihren Betten und schlichen vor die Tür. Man sah nichts, deshalb gingen sie ein paar Schritte weiter. Und was sie dann entdeckten, hätten sie sich nie vorstellen können. Das konnte doch nicht wahr sein ... das Steinmonster ging am Spielplatz vorbei in Richtung Wald!

Sie mussten hinterher. Heimlich schlichen sie weiter, immer wieder hinter einem Baum in Deckung gehend.

„Du, ich habe eine Idee“, meinte Christian. „Wenn man sich in ein Steinmonster verwandelt durch einen Blick auf sein Spiegelbild. Vielleicht verwandelt es selbst sich dadurch ja in einen Menschen zurück.“ Das hielt Kiki für eine gute Idee.

Sie lockten das Wesen durch Steine, die sie warfen, in Richtung Bergsee. Doch irgendwann wurde das Monster wütend. Kiki und Christian rannten, so schnell sie konnten, und sprangen in das eiskalte Wasser. Das Monster stapfte ihnen hinterher und erblickte prompt sein eigenes Spiegelbild. Es begann zu schreien. Doch was weiter geschah, sahen die Freunde nicht.

Am anderen Ende des Sees verließen sie das Wasser, rannten zu ihrem Haus zurück und legten sich schnell wieder ins Bett.

Am nächsten Morgen waren sich beide nicht sicher, ob sie sich das ganze Geschehen vielleicht nur eingebildet hatten.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Kikis Vater stand auf und öffnete sie. Christian und Kiki spitzten die Ohren.

Vor der Tür stand ein Mann, der verwahrlost und verwirrt aussah. „Hallo, es mag merkwürdig klingen, aber glauben Sie mir, ich sage die Wahrheit. Ich war ein Monster und jetzt bin ich wieder ein Mensch.“

Kiki und Christian sahen sich geschockt an. Es war also doch kein Traum gewesen ...

Anna Wissenbach ist gebürtige und vor allem stolze Hessin. Schon in frühen Kindheitstagen fing sie an, sich die wildesten Geschichten auszudenken und niederzuschreiben. Heute hat sie sich ganz dem Fantasy-Genre verschrieben. Ihre erste Kurzgeschichte wird im Frühjahr 2018 veröffentlicht.

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Kathi und die Königin

„Hast du für mich auch einen solchen Hut?“, fragte Kathi ihren Opa. Heute durfte sie ihm bei der Honigernte helfen.

„Ja, da, und steck den Saum des Schleiers unter deinem Jackenkragen fest.“

Kathi setzte den Strohhut mit der breiten Krempe auf und Opa überprüfte, ob zwischen dem Bienenschleier und dem Jackenausschnitt auch keine Lücke klaffte. Dann nahm er etwas zur Hand, das aussah wie eine Blechdose mit einem schrägen Ausblasrohr. Er tat eine Handvoll Hobelspäne hinein und zündete sie an. Bald quoll Rauch aus dem Rohr des Miniöfchens.

„Wozu ist der Rauch gut?“, fragte Kathi.

„Die Bienen glauben, ihre Wohnung brennt, geben Feueralarm und bereiten die Flucht vor. Als Wegzehrung saugen sie sich schnell mit Honig voll. Damit sind sie so beschäftigt, dass sie gar nicht erst auf die Idee kommen, uns zu stechen. Das Ding da heißt übrigens Smoker.“ Opa betätigte den kleinen Blasebalg der Rauchdose und qualmte ein wenig in die Einfluglöcher seiner Bienenstöcke hinein. „So, wenn ich jetzt den ersten Stock aufmache, kannst du räuchern“, sagte Opa und reichte Kathi den Smoker. Die probierte den Blasebalg gleich einmal aus. Pft, pft, pft, das machte Spaß!

Opa hatte den Deckel der ersten Bienenbehausung abgenommen. Magazinbeute nannte man das, erklärte Opa, sie bestand aus gefalzten Holzzargen, die aussahen wie Holzkisten ohne Boden und Decke. Man konnte sie aufeinanderstapeln und ineinanderklinken. Drei Stockwerke hatten Opas Bienenbeuten. In jede dieser Zargen waren zehn Honigwaben eingehängt. Das waren rechteckige Holzdinger, die aussahen wie Bilderrahmen, und in diese Rahmen hatten die Bienen ihre Wachswaben gebaut und mit Honig befüllt. An der Oberseite stand der Holzrahmen beidseitig ein Stück vor, damit man ihn in die Zarge einhängen konnte. Opa hob Wabe um Wabe aus der Zarge und schüttelte die Bienen, die auf ihnen herumkrabbelten, ab, zurück in ihren Stock. Die hartnäckigen, die sich nicht abschütteln ließen, kehrte er mit einem schmalen Handbesen von den Waben ab. Die sauberen Waben verstecke er eilig vor den Bienen in einer verschließbaren Transportkiste.

Kathi drückte eifrig den Blasebalg und ließ Rauchwölkchen um Rauchwölkchen aufsteigen. „Gut machst du das“, lobte sie Opa.

„Wo ist eigentlich die Königin?“, fragte Kathi.

„Im Brutnest, das ist meistens in der untersten Zarge, also im Erdgeschoss des Bienenstocks, den Honig lagern die Bienen darüber. Schauen wir einmal, ob wir sie finden.“ Und wirklich, auf einer Wabe in der Mitte des Brutnests entdeckte Opa die Königin. Sie war deutlich größer als ihre Arbeiterinnen und trug ein gelbes Plättchen auf dem Rücken. „Heuer ist die Jahresfarbe Gelb. An der Farbe erkennt man, wie alt die Königin ist. Die da ist in diesem Jahr geschlüpft, deswegen habe ich ihr ein gelbes Plättchen aufgeklebt.“ Neugierig musterte Kathi durch ihren Bienenschleier hindurch die Bienenkönigin. „Herrscherin und Mutter von rund vierzigtausend Bienen. Nur die Königin kann Eier legen, die anderen Bienen tun die Arbeit. Lauter Damen übrigens. Die Männchen heißen Drohnen und sind nur für die Fortpflanzung da, als lebender Genpool sozusagen. Im Herbst werden sie aus dem Stock geworfen, denn im Winter wären sie nur unnütze Fresser.“

„Ja, das hat uns die Frau Lehrerin in der Schule auch schon erzählt. Aber eine lebendige Bienenkönigin hat noch niemand aus meiner Klasse gesehen,“ meine Kathi voller Stolz.

„So, fertig!“ Opa schloss die Bienenbeute und karrte mit Kathi die Wabenkiste ins Haus. Jetzt konnte es losgehen mit dem Schleudern und Honigschlecken!

Franziska Bauer, geboren 1951 in Güssing, wohnhaft in Großhöflein (Nähe Wien), Gymnasiallehrerin im Ruhestand, Tochter und Ehemann, literarisch tätig, schreibt Lyrik, Essays und Kurzgeschichten, veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien, Mitglied der Schreibinitiative beim Literaturhaus Mattersburg.

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Beste Freundin

„Eva, hast du gestern Tarzan in Gefahr gesehen?“, fragt Manuela.

Wir spazieren durch den lichten, kleinen Eichenwald am Rande unseres Dorfes. Manuela geht zwei Meter vor mir. In ihrer rechten Hand hält sie einen Stock, den sie energisch schwingt und hin und wieder gegen Sträucher und Baumstämme schlägt.

„Ja“, antworte ich geistesabwesend, denn in meiner Fantasie bin ich momentan nicht Eva, sondern eine wunderschöne Prinzessin. Dieser Wald hier gehört zu meinem riesigen Reich. Manuela ist mein persönlicher Leibwächter, hält mir den Weg frei und beschützt mich vor Schlangen und Wölfen. Es belustigt mich, dass Manuela nichts von der Rolle weiß, die ich ihr insgeheim zugeteilt habe.

„Und ist dir etwas an Tarzan aufgefallen?“, stört Manuela mich schon wieder. Ihre Stimme klingt ungeduldig. „Na? Ob dir etwas aufgefallen ist, will ich wissen.“

In so einem Ton redet doch kein Leibwächter mit seiner Prinzessin!

„Nein“, sage ich und fühle mich unbehaglich.

„Dann hör mir jetzt gut zu.“ Manuela bleibt abrupt stehen, dreht sich um und fixiert mich aus blauen Augen. Fast wäre ich gegen sie gerannt. „Ich war der Tarzan im Fernsehen!“ Triumphierend streckt sie ihr Kinn nach vorne.

„Blödsinn. Du bist doch viel kleiner als der Tarzan.“

„Ich bin auf Stelzen gegangen und auf einem Schemel gestanden“, sagt sie schnell und blinzelt mich listig an. „Natürlich immer so, dass die Zuseher es nicht erkennen können.“

„Ach, Manuela, du bist ein Mädchen, hast blonde Haare ... du bist das Gegenteil von Tarzan!“ Ich schüttle den Kopf, gehe an ihr vorbei und weiter den Waldweg entlang.

„Schon etwas von Schminke gehört und von Perücken? Glaub mir, Eva, die können viel, die vom Fernsehen. Sie haben mich so gut geschminkt, dass ich wie Tarzan aussah. Echt, ich schwöre!“, läuft sie aufgeregt neben mir her. „Da, schau!“ Sie überholt mich, stellt sich mir in den Weg und zieht den rechten Ärmel ihres Pullovers hoch. Ich sehe einen großen blauen Fleck auf ihrem Oberarm. „Hier haben mich die Elfenbeinjäger verletzt, als sie mich gefangen nahmen. Zum Glück hat Chita mich dann befreit.“ Manuela öffnet weit ihren Mund, legt ihre Hände darum, wirft den Kopf in den Nacken und brüllt: „AAUUAAUUAA! Das war der echte Tarzanschrei. Na, was sagst du jetzt?“

„Du hast Mundgeruch“, erwidere ich trocken.

Manuela sieht mich böse an. „Du bist nicht mehr meine beste Freundin“, zischt sie, schlägt wütend mit ihrem Stock auf einen Baumstumpf, knapp vorbei an einer Weinbergschnecke, die sich sogleich in ihr Gehäuse zurückzieht. Manuela hält kurz inne und schlägt dann leicht auf das Schneckenhaus ein.

„Aber, Manuela, was machst du da?“

„Komm raus, Schnecke“, sagt Manuela streng. „Niemand ist sicher in seinem Haus – auch du nicht.“ Sie schlägt fester zu. Die Schale splittert. Ich sehe nackte, feuchte Schneckenhaut schimmern.

„Spinnst du?!“, rufe ich fassungslos.

„Ah, wegen einer Schnecke regst du dich auf. Aber dass mich die Elfenbeinjäger gestern schwer verletzt haben, das ist dir egal.“ Manuela schleudert ihren Stock in einen Strauch. „Du bist echt keine Freundin.“

Ich kann nichts sagen, meine Kehle ist wie zugeschnürt, ich bin schockiert und traurig. Was ist nur los mit Manuela? Seit einigen Wochen verhält sie sich ganz anders als früher. Von einer Sekunde auf die andere wird sie wütend und ungerecht, dann wieder ist sie ganz still und traurig. Und nie, niemals hätte sie früher einem Tierchen etwas zuleide getan so wie vorhin der Schnecke.

Da biegt plötzlich ein Radfahrer in den Waldweg ein und bremst, als er uns sieht. Es ist Max aus der Klasse über uns, den weder Manuela noch ich leiden können.

„Guten Tag, die Damen“, grinst er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

„Auf Wiedersehen, der Herr.“ Manuela zieht mich am Ärmel. „Komm, Eva, gehen wir.“

Doch Max fährt langsam neben uns her, als wir losgehen. „Wie geht es deinem Stiefvater? Hat er sich schon erholt?“, fragt er Manuela, die starr geradeaus blickt und schneller geht. „Ich habe ihn nämlich gesehen, weißt du“, sagt Max nun im Plauderton an mich gewandt, „gestern Morgen, als ich auf dem Weg zur Schule war.“

„Hör sofort auf, sei still!“, schreit Manuela mit plötzlich hochrotem Gesicht und schubst Max so fest, dass er beinahe vom Rad fällt.

„Er ist mitten auf dem Gehsteig gelegen. Stockbesoffen ...“

„Halte deinen Mund, du ... sonst ...“ Manuela hebt blitzschnell einen großen Stein auf, hält ihn in Wurfposition.

Max schaut Manuela an, den Stein, dann mich. „Such dir besser eine andere Freundin“, ruft er mir zu, während er sein Rad wendet und wegfährt. „Die da ist ja echt das Letzte.“

Manuela lässt den Stein fallen und brüllt Max nach: „Und du bist das Allerletzte!“ Zu mir sagt sie: „Du glaubst doch diesem Lügner nicht.“ Tränen treten in ihre Augen. Sie wischt sie weg, doch es kommen immer neue.

Sie tut mir leid. Deshalb muss ich auch weinen. „Komm, vergiss es, gehen wir zu mir“, sage ich.

Schweigend laufen wir den Waldweg entlang, dann durch die zwei kurzen Gassen bis zu meinem Elternhaus. Meine Mama arbeitet gerade im Garten, sie winkt uns zu und lächelt, als sie uns kommen sieht. Ich stürze mich in ihre Arme.

„Meine Kleine.“ Sie drückt mich zärtlich an sich und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Dann schaut sie Manuela an, die blass und verweint aussieht. „Manuela, schön, dass du zu uns kommst“, sagt Mama. Sie streicht ihr sanft übers Haar.

Manuela wischt sich über die Augen.

Mama geht vor ihr in die Hocke, nimmt sie an den Händen. „Liebes“, sagt sie, „ich weiß nicht, was passiert ist, sehe aber, dass du sehr traurig bist. Du weißt, du kannst jederzeit mit mir reden. Über alles.“

Ich liebe Mama in diesem Moment so sehr, dass es in meinem Bauch ganz warm wird und kribbelt.

Manuela nickt, schaut zu Boden und schweigt.

Mama geht mit uns ins Haus hinein. Wir essen gemeinsam Kuchen, trinken Saft und spielen dann mit meiner Katze Mira. Später sitzen Manuela und ich in meinem Zimmer und malen. Ich male eine wunderschöne Prinzessin, die alleine in ihrem gepflegten Schlossgarten unter einem Baum steht. Manuela lässt auf ihrem Blatt Papier eine dunkelrote Sonne in einem wilden tiefblauen Meer versinken.

„Hast du gestern nach Tarzan Superman in Not gesehen?“, fragt Manuela plötzlich.

„Superman? Kam gestern gar nicht.“

„Doch, um acht Uhr. Ich weiß es ganz sicher, denn ich war Superman.“

Ich sage nichts, tauche den Pinsel ins Wasser, dann in die schwarze Deckfarbe und beginne, zum Schutze der Prinzessin eine hohe Mauer um den königlichen Garten zu malen.

„Du glaubst mir nicht! Dabei bin ich auch über euer Haus geflogen. Ich habe sogar an dein Fenster geklopft, aber du hast schon geschlafen. Über das ganze Dorf bin ich geflogen. Ich habe Saltos geübt, hoch oben, und dann habe ich mich an der Kirchturmspitze verletzt. Es hat sehr wehgetan. Da, schau her, wenn du mir nicht glaubst!“ Sie springt auf, wendet mir den Rücken zu und zieht ihren Pullover bis zu ihren Schulterblättern hoch.

Erschrocken erkenne ich blaue Flecken und rote Striemen auf Manuelas Haut.

„Und, glaubst du mir jetzt?“ Manuela zieht den Pullover wieder hinunter, dreht sich zu mir um.

„Manuela, wer hat das getan?“

„Du bist so gemein!“ Meiner Freundin schießen Tränen in die Augen. „Ich habe dir doch vorhin erzählt, wie es passiert ist. Nie glaubst du mir. Du bist nicht mehr meine beste Freundin!“ Sie greift fahrig nach ihrem Zeichenblatt, zerknüllt es und wirft es auf mich.

Abwehrend fange ich es mit der linken Hand. Das Blau des Meeres rinnt vermischt mit dem Rot der Sonne über meinen Handrücken.

Manuela wendet sich ab, geht zum Fenster und starrt hinaus. Ich sehe auf meine Zeichnung. Sie gefällt mir nicht. Die Prinzessin wirkt einsam hinter der dunklen Mauer. Ich zerknülle das Papier. Und plötzlich weiß ich ganz genau, was ich tun muss.

„Doch, Manuela“, sage ich und gehe zu ihr ans Fenster. „Doch, ich bin deine beste Freundin. Und Freundinnen sind immer füreinander da. Bitte, reden wir mit Mama. Sie kann uns helfen, das weiß ich.“

Manuela sagt lange nichts, dann fragt sie mit ganz leiser Stimme: „Meinst du wirklich?“

„Ganz bestimmt“, sage ich. „Komm!“

Ich nehme sie an der Hand, wir gehen zu Mama. Und dann erzählt Manuela. Sie erzählt, dass ihr Stiefvater in letzter Zeit oft zu viel Alkohol tränke und dass er dann sie und ihre Mama schlüge, dass ihre Mama sich von ihm trennen wolle, es aber noch nicht geschafft habe. Und sie sagt zu mir, dass sie das mit dem Tarzan und dem Superman nur erfunden habe, weil sie sich geschämt hätte für ihren Stiefvater. Und dass es ihr leid tue wegen der Schnecke und weil sie in den letzten Wochen so oft gemein zu mir gewesen sei.

Ich umarme sie und sage ihr, dass ich das alles verstehe. Und Mama erklärt, dass sie sehr stolz wäre auf uns beide. Auf Manuela, weil sie so mutig sei und uns alles erzählt habe, und auf mich, weil ich mich so verhalten hätte, wie sich eine echte Freundin verhalten müsse.

Mama telefoniert anschließend lange mit Manuelas Mama. Wir dürfen inzwischen einen lustigen Zeichentrickfilm ansehen, essen Chips und streicheln Mira, die mit dem hinteren Teil ihres Katzenkörpers auf meinem Schoß und mit ihrer vorderen Hälfte auf Manuelas Schoß liegt und schnurrt.

Mama setzt sich nach dem Telefonat zu uns und sagt, dass Manuelas Mama sich nun endgültig von Manuelas Stiefvater trennen würde. Die Polizei und der Frauenschutz würden sie dabei unterstützen. Manuelas Mama würde noch heute Abend zu uns kommen. Erstens, weil sie Manuela sehen und in die Arme schließen wolle, und zweitens, weil sie Kleidung, Spielzeug und Schulsachen von Manuela vorbeibrächte, denn, wenn wir beide damit einverstanden seien, würde Manuela so lange bei uns wohnen, bis alles geklärt, der Stiefvater ausgezogen und alle seine Sachen aus Manuelas Haus geräumt wären.

Manuela strahlt. Ich freue mich. Und ob wir damit einverstanden sind! Wir fallen zuerst Mama um den Hals und dann umarmen Manuela und ich einander und Manuela flüstert mir ins Ohr: „Eva, du bist meine aller-, aller-, allerbeste Freundin.“

Claudia Dvoracek-Iby, geboren 1968, verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Wien. Veröffentlichte bereits mehrere Kurzgeschichten in diversen Anthologien.

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12 kasım 2025
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ISBN:
9783960742913
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