Kitabı oku: «Wie aus dem Ei gepellt ...»

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Wie aus dem Ei gepellt ...

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Osterzeit

Sammelband 1-5

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

CAT creativ - Redaktions- und Literaturbüro

Lektorat - Gestaltung - Buchsatz

cat-creativ.at

Im Auftrag von Papierfresserchens MTM-Verlag

© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Besuchen Sie uns im Internet - papierfresserchen.de

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflagen Band 1-5 erschienen 2011 - 2019.

Titelbild: gestaltet mit Bildern von © sidliks – Adobe Stock lizenziert

ISBN: 978-3-99051-026-1 - E-Book

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Inhalt

Weißfell

Ostern bei Oma

Das Wunschei

Der Hase im Mond

Die Hexe und der Hase

Ostertausch

Ostergruß

Sterne für Nico

Die verstummte Osterglocke

Das Geheimnis im Schuppen

Die Hasen und die Sternfabrik

Das schwarze Ei

Lämmchen & Palmkätzchen suchen ein Zuhause

Das farblose Land

Der Osterhasenschreck

Kleiner Eisbär mit großem Mut

Gibt es den Osterhasen?

Karla und der Osterhase

Die Osterbäumchen

Oster-Anna

Der Jesus in mir

Hexe Rosina und der verzauberte Osterhase

Bankrott! Ruin! Exklusivinterview mit dem Osterhasen Mr. O

Die Geschichte vom Osterhasen

Hoothie - die Osterkatastrophe

Osterüberraschung vom Weihnachtsmann

Ein Hase namens Paulchen

Puschel hat verschlafen

Alexia und das grüne Kaninchen

Dominiks Osterüberraschung

Edward und die Osterfee

Vergiftete Schokoladeneier zu Ostern

Die Aushilfe

Der Hase mit der Schnupfennase

Warum wir dieses Jahr Ostern feiern können

Der fliegende Osterhase

Von Beruf Osterhase

Wie der Weihnachtsmann das Osterfest rettete8

Lauras Osterschweinchen

Am Ufer der Vechte

Lilo Löffels Osterfest

Ostererzählung

Aber was ist mit Belli?

Wandozh von Osterland

Fiona, das Osterküken

Frida will wissen, was Ostern ist

Der Osterhase braucht Hilfe

Carinas Suche nach dem Osterhasen

Neue Mützen für die Hasenkinder

Häschen Sausewind und der Osterhase

Ich hab den Osterhasen gesehen!

Hopps rettet Ostern

Simson

Der Osterring

Eine Ostergeschichte

Osterzauber

Osterzeit bei Pastor Plumm

Henne Henni streikt

Das schönste Osterei

Der Hasenaufstand

Die Osterhasenversammlung

Ostern mit Tante Almuth

Osterhäschens Heimweg

Wölkchen

Oster-Evolution

Osternacht

Hoppelchen und Moppelchen

Dorle und Morle

Windige Rache

Das Osterkonzert

Der geheime Osterplan

Keiner spielt mit mir

Das Osterschaf

Opa und die Osterglocken

Ostern im Schloss

Begegnungen am Osterbrunnen

Auf der Waldlichtung

Hasen hassen

Gibt es Osterhasen wirklich?

Hilfe, die Hühner haben die Grippe

Wie Pia Ostern rettete

Ostergeschenke

Das etwas andere Osterei

Oma ist die Beste

Der Zauberosterhase

Kiki sucht den Osterhasen

Hase und Henne

Oskar

Wie die Osterglocken ihren Klöppel verloren

Das kugelrunde Wunschei

Vom lachenden Hans, mutigen Bienchen und Ostern

Das Ostermädchen

Oma Herta und das Osterei

Osterhasenverstärkung

Das Osterkrokodil

Der Eierdieb

Hast du schon mal ein Ei versucht?

Michael von Marmeladenbrot

Osterzeit

Hilfe, die Hexe!

Eins, zwei, drei, Änni legt ein Ei!

Reingelegt

Das halbe Osterei

Die Rosenkönigin

Der Osterengel Gregor

Ostereier, Keks und Merle

Opa Theo und der Osterhase

Die Osterklage

Der kleine Hase Trick und die gestohlene Zeit

Das Osterlämmchen

Purzel und der Eier-Malwettbewerb

Henne Trudi rettet Ostern

Der Osterhase unterm Holderbusch

Hasenohren

Ein großer Sieg

Marathon-Moppel

Frohe Ostern, Agathe!

Meine Cousine, ihr Meerschwein und ich

Osterhasencasting

Chaotischer Herr Osterhase

Ein Osterspaziergang mit Großvater

Osterfrühstück

Kunterbunter Eiermix

Mein Osterhase

Wie Jonny die Osterhasen rettete

Aus der Traum vom Osterhasen?

Der Stadtstrand

Die Kür des Osterhasen

Skandal-Interview: Osterhase schmeißt Handtuch!

Hasenherz

Oh, du schöne Osterzeit

Schoko-Osterhasen im neuen Design

Reinecke und die Kücken

Das Osterhasenlied

Wüstenei

Als Weihnachten und Ostern auf einen Tag fielen

Ostern im Garten

Aufruhr im Hasendorf

Henne Henni und das Osterküken

Wie die Eier bunt wurden

Wo wohnt denn bloß der Osterhase?

Oh, Johnny!

Abenteuer schwer gemacht

Dem Osterhasen auf der Spur

Bunte Eier und Konfekt

Ostern

Die Osterüberraschung

Schwarzseherei

Ein Osterhase kommt selten alleine

Eier mit Rissen

Der Sieben-Eier-Pinsel

Der Osterlaus

Eier-Künstler-Maler Tobi

Eine wahre Ostergeschichte

Ikarus und Conan

Osterzeit

Das schönste Ei

Märchenhafte Freundschaft

Große Ostereieraufregung bei den Tierkindern

Das dunkelgrüne Osterei

Langohr, Knickohr und Schlappohr

Kleine Ziege Pimpelliese

Ein vergesslicher Künstler

Österliche Orientierung

Von Osterhasen und Stubenfliegen

Ostermorgen

Tatz und der Farbendieb

Bekenntnisse

Ein kunterbuntes Osterchaos

Die Maus im Hühnerei

Melli

Null Bock

Wer hat das schönste Osterei?

Der Ostergesang

Ostermorgen mit Brit

Als der Osterhase entführt wurde

Ostern

Der Zauber der Osternacht

Hoppel-7 möchte Ostereiermaler werden

Ich bin Elena

Der schusselige Osterhase

Für eine wie Alaska

Der Osterhase und die Eier

Ein neuer Freund

Das Krabbeltier

Der Osterhasenfrühling

Der schöne Erwin

Harry Hase und der Kuchen

Dichterische Pause

Die rettende Geschäftsidee

Rituale zur Osterzeit - weltweit

Ein falscher Hase

Stallgeflüster

Das Fliegenpilzhaus im Osterhasenwald

Warten auf Ostern

Kleiner Vogel

Die allererste Blume

Rot

Auch Osterhasen müssen manches lernen!

Den Osterhasen gibt es nicht

Osterkleckserei

Flipps neue Freunde

Helfer für den Osterhasen

Frühlingsfeuer

Osterhasi Weißpuschel

Gibt es den Osterhasen doch?

Ostersonntag, ganz früh am Morgen

Ein Geschenk namens Sonne

Bald ist Ostern

Mathilda und der Osterhase

Eine Überraschung zum Osterfest

Der Kuckuck und das Osterei

Meister Lampe in der Stadt

Das Wunder an Ostern

Osterhase

Das neue Ostertier

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Weißfell

Das kleine Häschen Weißfell atmete tief durch und ein Seufzer entfloh seinem Innersten. Alle seine Geschwister lebten weit verstreut hinter dem großen Wald und es hatte schon seit längerer Zeit nichts mehr von ihnen gehört. Es war ganz allein und bis zum Osterfest waren es nur noch ein paar Tage.

Das Häschen Weißfell fragte sich, wie es das alles schaffen sollte. Schon jetzt hatte es heimlich beobachtet, wie einige Kinder mit leuchtenden Augen durch Feld, Wald und Wiesen stöberten, in der Hoffnung, vielleicht schon ein erstes verlorenes buntes Osterei zu finden ...

Vorsichtig streckte es schnuppernd sein Näschen aus seinem Bau, in den es sich nachts zum Schlafen einrollte. Es seufzte noch einmal und schwupps war es heraus. Zunächst hoppelte es ziellos über das nahe Feld, auf dem der Winter noch nicht ganz verschwunden war. Atemlos verharrte es am Waldesrand und kratzte seine langen Ohren nachdenklich. Gestern hatte es auf einem entlegenen Bauernhof eine Schar freundlicher Hühner getroffen, die ihm angeboten hatten, den Kindern ihre frischen Eier als Osterüberraschung zu bringen – aber die Eier waren weiß! Wie um alles in der Welt sollten daraus bloß bunte Ostereier werden?

Und wie es so grübelte und sich dabei leicht im Kreise drehte, wurden seine Augen plötzlich riesengroß. Was war denn das? Es starrte auf einen kleinen, dunkelblauen Flecken auf der Erde, und als es schnuppernd näher kam, erkannte es, wie ein kleines Glockenblümchen ganz vorsichtig seine Blütenspitzen aus dem Boden schob und versuchte, sich tapfer aufzurichten. Tau glitzerte noch auf seinem Blütenköpfchen. Fasziniert schaute Weißfell auf die Blume und berührte sie sanft mit seiner Pfote. Schnell strich sich unser Häschen über das weiße Fell, um das Pfötchen wieder zu trocknen, und hoppelte weiter, bis es leicht stolperte.

Eine Maus, die gerade aus ihrem Loch klettern wollte, rieb sich noch verschlafen die Augen und rief erschrocken: „Hey Hase, kannst du nicht aufpassen? Es wohnen noch mehr Leute in diesem Wald ... aber ... äh ... wie siehst du überhaupt aus?“

„Ich? Wieso?“ Weißfell sah an sich herunter und stutzte. Sein Fell war rechts und links an den Seiten ganz blau gefärbt. Gedankenverloren rubbelte das Häschen daran herum, aber die Farbe blieb. Schon wollte es ein wenig ärgerlich werden, als ihm ein wunderbarer Gedanke kam. „Machs gut Maus, ich hab keine Zeit!“, rief es noch und schon war es verschwunden.

Schnell war Weißfell an der großen Wiese am Waldesrand angekommen und blickte sich mit zusammengekniffenen Augen atemlos um. Es suchte etwas ganz Bestimmtes. Und da ... da war etwas! Weißfell hoppelte näher und erkannte ein zartes goldgelbes Blümchen, eine Narzisse, die gerade ihren Winterschlaf beendet hatte und freundlich in die Welt sah. Weißfell berührte sie ganz vorsichtig und sah auf sein Pfötchen ... und richtig! Es war gelb geworden.

Nun war Weißfell ganz aufgeregt. Plötzlich wusste es, wie es die weißen Eier von den freundlichen Hühnern bunt färben konnte, und dreht sich vor Glück im Kreise. Es fand noch viele andere Blümchen und zarte Pflänzchen und merkte sich die Orte gut, an denen sie schon wuchsen. Am Abend rollte es sich erschöpft vom Tag in seinem Bau zusammen, schlief sofort ein und träumte einen bunten Traum.

Am nächsten Morgen aber hopste es noch ganz, ganz früh aus seinem Bau. Sein kuscheliges weißes Fell mit den blauen Streifen stand noch ein wenig strubbelig zu berge und es wischte sich den Schlaf aus den Augen. Der Boden war feucht vom Tau und das war genau richtig.

Schnell machte sich Weißfell auf den Weg zu den freundlichen Hühnern, um die versprochenen Eier einzusammeln. Es fand auch alle bunten Blumen und Blüten wieder und begann, mithilfe des Taus und der Blumenblüten, die Eier zu färben. Sie wurden gelb und blau und rot und manche, die Weißfell im zarten Gras kullerte, wurden schön grün. Das Häschen freute sich so sehr, dass es gar nicht bemerkte, dass es sich eifrig die Pfötchen am Bauchfell abwischte.

Als es schließlich fertig war und voller Stolz die wunderschönen bunten Eier betrachtete, fiel sein Blick auch auf sein Fell. Es erstarrte. Das Häschen Weißfell war selbst zu einem wuscheligen bunten Osterhasen geworden! Und sicher hatten auch seine weißen Ohren bunte Farbe abbekommen, denn immer wieder, wenn es ein gefärbtes Ei kritisch betrachtete, strich es sich gedankenverloren über die langen Ohren. „Ach was“, dachte es dann und begann zu lachen und fröhlich Haken zu schlagen. „Bin ich eben ein Buntfell, na und? Aber ich hab die schönen bunten Eier endlich zusammen und werde sie am Ostersonntag ganz früh, wenn noch alle Kinder schlafen, vorsichtig verstecken und heimlich beobachten, wie sehr die Kinder sich darüber freuen.“

Und wer weiß, vielleicht läuft uns ja irgendwann einmal bei einem Spaziergang so ein kleines buntes Häschen über den Weg und dann wissen wir, es ist das fleißige Häschen Weißfell, das für die bunten Eier zum Osterfest zum glücklichen Häschen Buntfell wurde.

Karin Hedig wurde am 29.07.1955 in Sangerhausen/Sachsen-Anhalt geboren, wo sie auch heute noch lebt. Derzeit arbeitet sie als Sekretärin beim Amt für Veterinärangelegenheiten und Lebensmittelüberwachung. Sie hat schon immer viel und gerne gelesen, besonders Romane, Gedichte, Aphorismen, und sie liebt Märchenfilme, Theater und Musicals. Weißfell ist eine ihrer ersten, kleinen Geschichten.

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Ostern bei Oma

Für Tilo ist Ostern immer etwas ganz Besonderes. Am Ostersonntag nämlich treffen sich alle Cousins und Cousinen bei Oma zum Eiersuchen. Natürlich suchen sie keine echten Eier. Nein, viel besser: Schokoladeneier. Tilo läuft schon das Wasser im Mund zusammen, wenn er nur daran denkt.

„Wann sind wir denn endlich da?“, nörgelt Merle, Tilos kleine Schwester. Wenn Merle auf etwas Tolles warten muss, dann nörgelt sie immer. Das geht Weihnachten so, an ihrem Geburtstag, auf Urlaubsreise und bei jeder noch so kleinen Überraschung. Manchmal ist Tilo davon ziemlich genervt. Aber trotzdem hat er Merle sehr gerne. Sie ist ja schließlich auch erst 5. Da darf man ruhig noch ein bisschen mehr nörgeln, findet Tilo. Er dagegen ist übrigens schon fast 7. Das erzählt er jedem, der es hören will, und auch jedem, der es nicht hören will.

Hinten im Kofferraum kläfft Sammy. Er hasst Autofahren. Aber zu Hause lassen wollte Tilo ihn nicht. Sammy liebt nämlich Omas riesigen Garten. Da gibt es unheimlich viel zu entdecken und zu erschnüffeln für einen Hund.

„Ganz ruhig, Sammy. Wir sind ja bald da.“ Tilo lehnt sich nach hinten und tätschelt Sammy den Kopf. Sammy schleckt über Tilos Hand und wedelt mit dem Schwanz.„Warum freust du dich denn plötzlich so?“, fragt Tilo.

Dann bemerkt auch er es: Sie sind endlich da.

Tilo und Merle springen aus dem Auto. Sie rennen laut jubelnd auf Oma zu. Oma erwartet sie schon mit offenen Armen. Sie drücken Oma ganz fest, denn es ist schön, sie wiederzusehen. Auch Oma freut sich riesig. Das sieht man an ihren strahlenden Augen.

Papa lässt Sammy aus dem Kofferraum. Sammy schießt schwanzwedelnd auf Omas Garten zu und verschwindet zwischen den Büschen.

„Den sehen wir so bald nicht wieder“, lacht Tilo.

Oma ruft Tilo und Merle ins Haus. Dort warten schon die Cousins und Cousinen. Da sind Tina und Lisa, Annemarie und Theo und natürlich Joshua und Edgar. Die Kinder begrüßen sich stürmisch und haben sich ganz viel zu erzählen.

„Ich hab ein Puppenhaus zum Geburtstag bekommen“, sagt Lisa.

„Ich wünsche mir eine Rennbahn“, erklärt Theo.

„Ich hab ganz viele Tore beim Fußball geschossen“, prahlt Edgar.

Schließlich haben sie alle Neuigkeiten ausgetauscht (was eine ganze Zeit gedauert hat) und Oma klatscht in die Hände. „So meine Lieben. Die Ostereier sind im Garten versteckt. Ich habe sie in kleine Nester gelegt, damit sie nicht dreckig werden.“

„Geht es jetzt los?“, fragt Annemarie hektisch.

„Auf 3“, sagt Oma. „1, 2, … 3!“

Unter wildem Geschrei rennen die Kinder in den Garten.

„Ganz viele!“, brüllt Edgar.

„Edgar muss immer ganz viel haben. Dabei teilen sie doch die Eier am Ende sowieso gerecht auf“, denkt sich Tilo. Tilo rennt zuerst zu den Blumenkübeln und schaut dahinter nach.

Hinter den Blumenkübeln versteckt Oma jedes Jahr ein Nest. Aber zu Tilos großer Verwunderung ist dort diesmal keines zu finden. Dann hat Oma sich wohl etwas Neues einfallen lassen. Tilo schlägt sich in die dichten Büsche von Omas wild wucherndem Garten. Er guckt unter jeden Zweig und jedes Blatt. Aber kein Nest mit Eiern ist zu finden. Doch was ist das? Tilo schaut nach oben und sieht ein Nest in den Ästen einer Eiche. Sofort beginnt er, den Baum hinaufzuklettern. Tilo kann gut klettern. Deshalb hat er das Nest schnell erreicht.

„So ein Mist“, schimpft Tilo.

Er hat kein Nest mit Schokoladeneiern gefunden, sondern ein Vogelnest mit echten Vogeleiern. Tilo hört ein wütendes Zetern. Die Amselmama hüpft aufgeregt auf einem Ast umher. „Tut mir leid“, entschuldigt sich Tilo. „Ich lasse deine Kinder ja schon in Ruhe.“

Er klettert wieder vom Baum herunter und sucht weiter. Aber er findet und findet einfach nichts.

Da kommt ihm Edgar durch die Büsche entgegengerannt. Er ist ganz aufgeregt. „Hey Tilo, hast du schon was gefunden? Ich hab noch gar nichts gefunden, dabei will ich doch ganz viele Nester finden!“

„Das ist äußerst merkwürdig“, findet Tilo. „Edgar will nicht nur immer ganz viel finden, er findet auch immer ganz viel mehr als alle anderen. Wenn Edgar keine Nester findet, dann muss da was faul sein.“

Tilo und Edgar kämpfen sich aus dem wilden Garten und suchen nach Oma. Dabei treffen sie die anderen Cousins und Cousinen. Auch sie haben kein einziges Nest mit Eiern gefunden.

Oma schaut sie verwundert an. „Habt ihr etwa schon alle Eier aufgegessen?“

„Nein, Oma. Wir haben gar keine gefunden“, antwortet Tilo.

„Warum das denn nicht?“, wundert sich Oma. „Einige Verstecke waren doch wirklich einfach. Zum Beispiel das hinter den Blumenkübeln.“

„Aber ich habe hinter alle Blumenkübel geguckt und nichts gefunden“, meint Tilo. Er ist sich ganz sicher. Da ist doch irgendetwas faul.

„Vielleicht hat Theo sich ja alle unter den Nagel gerissen und will sie jetzt nicht hergeben“, sagt Joshua vorwurfsvoll.

„Hab ich gar nicht! Bestimmt hast du die Eier!“, motzt Theo zurück.

„Jetzt ist aber Schluss!“, schimpft Oma. „Keiner hat hier irgendetwas gestohlen.“

„Da wär ich mir nicht so sicher“, sagt Tilo.

Alle schauen ihn verwirrt an. Was kann er damit nur meinen?

Tilo zeigt auf Sammy, der gerade an ihnen vorbeistürmt. „Ich habe da einen Verdächtigen. Sammy klaut bei uns zu Hause immer die Schuhe und versteckt sie. Also warum nicht auch Osternester?“

Das leuchtet allen ein und schnell laufen sie Sammy hinterher. Das ist gar nicht so einfach, weil er kreuz und quer durch den Garten wirbelt.

Doch endlich macht Sammy an einem kleinen Busch in der hintersten Ecke des Gartens halt und lässt einen Stock, den er im Maul hatte, darunter verschwinden.

„Wenn unter dem Busch mal nicht noch ein paar andere Sachen liegen“, meint Tilo.

Edgar drängelt sich nach vorne und guckt unter den Busch. „Oh! Da sind ganz viele Ostereier drunter.“ Edgar ist begeistert.

Auch die anderen Kinder freuen sich und jeder nimmt sich drei Nester. Edgar versucht sich noch ein Viertes unter den Nagel zu reißen, aber das bemerken die anderen Kinder rechtzeitig und hindern ihn daran. Die Kinder laufen zurück zu Oma und zeigen ihr die Eier. Oma lacht herzlich und meint: „Da war Sammy euch wohl um eine Schnauzenlänge voraus.“

Auch die Kinder lachen.

„So, wer will Kuchen und Kekse?“, fragt Oma.

Eine jubelnde Menge antwortet ihr.

Nach dem Essen spielen die Kinder ausgiebig miteinander. Bis auf einen kleinen Streit zwischen Joshua und Edgar macht das riesigen Spaß. Doch auch ein solcher Tag muss zu Ende gehen. Abends verabschieden sich alle voneinander und machen sich auf den Heimweg.

Und wie immer findet Tilo, dass es ein ganz besonderes Ostern gewesen ist.

Silas Matthes wurde 1992 in Hamburg geboren. Derzeit strebt er das Abitur 2011 an. Schon früh entdeckte er seine Leidenschaft für das geschriebene Wort. Selbst schreibt er allerdings erst seit 2010. Neben vielen Kurzgeschichten arbeitet er an seinem Romandebüt „Die Essenz der Dunkelheit“, einem Fantasy-Roman für Jugendliche und junge Erwachsene, der sich mit den dunklen Seiten des menschlichen Herzens befasst.

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Das Wunschei

Es ist Ostersonntag. Miriam geht mit ihrem Hund Randy an der Mosel spazieren.

„Mein Gott, Randy! Zieh doch nicht so, ich kann dich ja kaum noch halten.“

Randy zerrt Miriam in ein Gebüsch, schnuppert interessiert und beginnt zu graben.

„Randy? Was machst du denn da? Komm wir müssen weiter.“

Doch Randy buddelt unbeirrt weiter. Plötzlich bellt er. Er hat etwas gefunden. Mit seinen Pfoten hat er ein goldenes Ei freigelegt. Er schiebt es auf die Straße.

„Was ist das denn?“, fragt Miriam und nimmt das Ei in die Hand. Auf der goldenen Schale steht mit silberner Farbe die Zahl drei. Miriam steckt das Ei in ihre Tasche und nimmt es mit nach Hause.

„Miriam! Da bist du ja endlich, wir warten schon auf dich. Wir wollen jetzt in den Garten gehen die Ostereier suchen“, sagt Miriams Mutter Klara, als sie zur Haustür reinkommt.

Gemeinsam mit ihren Eltern und ihren Brüdern, Ben und Alexander, geht sie in den Garten.

„Dieses Jahr sind die Verstecke echt gut, ich denke nicht, dass ihr alle finden werdet“, sagt Miriams Vater.

Miriam und ihre Brüder veranstalteten jedes Jahr einen kleinen Wettbewerb. Wer die meisten Eier findet, der gewinnt. Miriam hat bisher immer verloren.

Schnell beginnt Miriam zu suchen, doch ihre Brüder sind wie immer besser. „Och Mensch. Ich wünschte, ich würde nur ein einziges Mal gewinnen“, grummelt Miriam vor sich hin.

Plötzlich beginnt das Ei in ihrer Tasche zu vibrieren. Schnell zieht Miriam es raus. Es ist ganz warm. Auf einmal verschwindet die Zahl drei, die auf der Schale geschrieben steht, und eine silberne Zwei erscheint.

„Das ist ja komisch“, murmelt Miriam. Sie steckt das Ei wieder in die Tasche und hat plötzlich eine Eingebung. Wie durch Zauberei findet sie im Nu alle Verstecke und hat bei Weitem mehr Eier gesammelt als ihre Brüder. Dieses Jahr ist sie die Siegerin.

Am Abend begutachtet Miriam ihre Beute. Auch das goldene Ei liegt dabei. Es kommt ihr sehr seltsam vor, gerade als sie ihren Wunsch ausgesprochen hat, zeigt das Ei eine kleinere Zahl an und sie findet alle Eier.

Miriam wird den Gedanken nicht los, dass das Ei vielleicht Wünsche erfüllt. Genauso viele, wie die Zahl auf Schale.

Miriam nimmt das Ei in die Hand. „Ich wünsche mir drei Wünsche“, sagt sie leise.

Wieder beginnt das Ei zu vibrieren. Doch dieses Mal wechselt es auch die Farbe, es wird Rot. Mit silberner Farbe erscheinen die Wörter: „DAS GEHT NICHT!“

„Du meine Güte, das Ei kann sich mitteilen“, staunt Miriam.

Die rote Farbe und der Schriftzug verwinden wieder und das Ei ist nun wieder golden mit einer silbernen Zwei.

„Okay, noch ein Versuch, ich wünsche mir ganz viel Geld.“

Wieder verfärbt sich das Ei Rot, und in silberner Schrift kommt wieder zum Vorschein: „DAS GEHT NICHT!“

„Alles klar, das geht also auch nicht. Nun gut. Ich wünsche mir Gesundheit für mich und meine Familie.“

Das Ei beginnt endlich zu vibrieren und es wird wieder warm, langsam verschwindet die Zwei und eine silberne Eins taucht auf.

„Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch frei“, sagt Miriam leise. Behutsam legt sie das Ei wieder hin.

Am nächsten Morgen geht Miriam in die Küche zum Frühstücken. Ihr Vater grübelt über der Zeitung und murmelt vor sich hin. Er ist schon seit über einem Jahr arbeitslos. Aufgrund der Wirtschaftskrise musste die Firma, in der er über 20 Jahre gearbeitet hat, schließen.

Miriam hat plötzlich eine Idee. Schnell rennt sie in ihr Zimmer und nimmt das Ei in die Hand. „Ich wünsche mir, dass mein Papa wieder Arbeit findet“, sagt sie.

Wieder vibriert das Ei und es wird warm. Die silberne eins verschwindet und das Ei beginnt zu schrumpfen, bis es mit einem leisen Blubb plötzlich verschwunden ist.

Rasch rennt Miriam runter in die Küche, doch nichts ist passiert. Enttäuscht isst sie ihr Frühstück.

„Warum hat das denn nicht funktioniert?“, fragt sie sich, als sie am Abend auf ihrem Bett sitzt.

Drei Tage später. Der Briefträger klingelt.

„Klara!!!“, hört Miriam ihren Vater nach ihrer Mutter rufen.

Geschwind läuft Miriam in die Küche und sieht ihre Eltern, die gebannt ein Stück Papier anstarren.

„Das kann nicht sein. Ich habe doch ein kaputtes Knie und einen kaputten Rücken“, sagt Miriams Vater fassungslos. Die Untersuchungsergebnisse seines Arztes sind gekommen und er ist kerngesund.

„Das war mein Wunsch nach Gesundheit“, flüstert Miriam und freut sich.

Es liegt noch ein weiterer Umschlag auf dem Tisch. Miriams Vater öffnet ihn.

„Das … ist ein Jobangebot“, stammelt er. „Die Firma, bei der ich mich vor zwei Wochen vorgestellt habe, bietet mir eine Stelle an. Nächste Woche soll ich anfangen. Das gibt es doch nicht. Endlich haben wir mal wieder Glück.“

Überglücklich und vor Freude strahlend geht Miriam in ihr Zimmer. Jeder ihrer Wünsche hat sich erfüllt.

„Danke, liebes Wunschei“, flüstert sie und lächelt.

Jennifer Heil wurde am 04.12.1981 in Trier geboren und ist auch dort aufgewachsen. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester zog sie an die Mittelmosel. Seit 2006 ist sie verheiratet. Am 14.02.2008 kam ihre erste Tochter Catharina zur Welt. Tanzen ist ihre große Leidenschaft. Seit 8 Jahren ist sie auch ehrenamtlich als Trainerin und Choreografin für Jazzdance, Gardetanz und karnevalistischen Showtanz tätig. 2010 erschien ihr erstes Kinderbuch „Catharina und der Ruf des Waldes“ bei Papierfresserchens MTM-Verlag.

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Der Hase im Mond

Vor vielen, vielen Jahren war das Eierverstecken zu Ostern noch nicht lange Brauch. Eines Mittags brach ein Streit unter den Tieren des Waldes, des Feldes und der Dörfer darüber aus, wer den Menschenkindern in Zukunft die Ostereier verstecken durfte. Dabei stritten sich die Tiere lautstark. Jedes Tier war der Meinung, dass es selbst am allerbesten dazu geeignet wäre, die Ostereier zu verstecken. Kaum noch hörte eines dem anderen zu und am Ende fingen sie sogar an, sich gegenseitig zu beschimpfen.

Das furchtbare Gebrüll unter den Tieren weckte schließlich die alte Eule auf, die für gewöhnlich bis in den Abend hinein in einem hohlen Weidenbaum schlief. Und weil die Eule wegen des Geschreis, das da vor dem Baum herrschte, ohnehin nicht mehr würde einschlafen können, kroch sie aus ihrer Höhle heraus und blinzelte in die Sonne.

Noch hatten die anderen Tiere nicht bemerkt, dass die Eule aufgewacht war und deshalb kreischten sie allesamt lauthals weiter, sodass die Eule bald begriffen hatte, was der Grund für den Streit war. „Ihr lieben Tiere!“, rief sie in die Runde. Und dann noch einmal etwas lauter: „Ruhe!“

Der Lärm verstummte, denn die Tiere hatten großen Respekt vor der Eule, weil sie so alt und klug war.

„Liebe Tiere, seid einmal still und hört mir zu!“, sprach die Eule. „Es ist doch nur zu gut verständlich, dass ein jedes von euch gerne die Eier für die Menschenkinder verstecken möchte. Und gewiss wäre auch jedes von euch hervorragend dafür geeignet. Leider aber kann letztendlich nur eines von euch diese Aufgabe übernehmen. Wir wollen diese Entscheidung gemeinsam treffen. Stellt euch also in einem großen Kreis auf. Jedes Tier soll in den Kreis treten und seine Gründe dafür vorbringen, warum es glaubt, am allerbesten zum Eierverstecken geeignet zu sein. Wenn jedes Tier an der Reihe gewesen ist, soll die Entscheidung getroffen werden.“

Die Tiere nickten, sie waren einverstanden und bildeten einen großen Kreis. Als Erstes trat das Huhn in die Runde. „Ist es nicht selbstverständlich, dass ich die Eier für die Menschenkinder verstecke?“, fragte es. „Schließlich bin doch auch ich dasjenige Tier, das die Eier legt. Niemand kann also besser mit Eiern umgehen als ich.“ Und zur Bestätigung scharrte das Huhn mit den Krallen im Sand und legte auf die Schnelle noch ein Ei.

Als Nächstes trat der Fuchs in den Kreis der Tiere. „Ihr wisst, wie listig ich bin“, sagte er zu den anderen Tieren. „Listiger als ihr alle zusammen. Ich werde den Menschenkindern die Eier so gut verstecken, dass sie lange suchen müssen, um sie zu finden. Das wird sicher ein großer Spaß, nicht wahr?“ Der Fuchs blinzelte verschwörerisch in die Runde.

Da krabbelte die Maus an ihm vorbei und stellte sich in den Kreis der Tiere. „Der Fuchs mag schlau und listig sein, ich aber bin flink und wendig“, sagte sie. „Ich kann die Eier für die Menschenkinder so schnell verstecken, dass niemand etwas davon mitbekommt. Und das ist doch wohl das Wichtigste beim Verstecken.“ Und um den anderen Tieren zu zeigen, wie schnell und flink sie war, sauste die Maus ein paar Runden durch den Kreis.

Auf diese Art und Weise ging der Tag dahin. Jedes der Tiere trat nacheinander in die Mitte und versuchte, die anderen davon zu überzeugen, dass es selbst am allerbesten dazu geeignet wäre, die Eier für die Menschenkinder zu verstecken.

Als es schließlich Abend geworden war und der runde Mond hinter den Wolken hervortrat, hoppelte der Hase in den Kreis der Tiere.

„Ostern, das Fest, bei dem die Eier versteckt werden, ist ein Fest des Frühlings und des Lebens“, sagte der Hase. „Deshalb sollte ich die Ostereier verstecken, denn kein Tier hat so viele Nachkommen wie ich.“

Der Hase wies mit den Pfoten stolz auf seine große Kinderschar, die das Geschehen von außerhalb des Kreises beobachtete. „Außerdem fällt das Osterfest immer auf die Zeit des Vollmondes. Schaut euch den Mond an!“, wies der Hase die anderen Tiere an. „Erblickt ihr nicht das Bild des Hasen im Mond?“

Die anderen Tiere blickten auf. Und tatsächlich, jetzt erkannten sie das Bild eines Hasen in den dunklen Schatten der Mondscheibe. Aufgeregt beratschlagten die Tiere untereinander. Aber der Hase hatte die anderen überzeugt. So waren die Tiere einstimmig der Meinung, dass der Hase den Wettstreit gewonnen hätte. Auch die alte Eule nickte zustimmend mit dem Kopf.

Und so geschah es, dass von da an der Hase die Ostereier zu den Menschenkindern brachte.

Simone Philipp wurde 1976 in Karlsruhe geboren und studierte klassische Archäologie, Religionswissenschaft und Kunstgeschichte in Tübingen und Heidelberg. Seit 2003 lebt sie mit ihren drei Kindern in Graz. Beruflich arbeitet sie als Trainerin im Menschenrechtsbildungsbereich, wissenschaftliche Projektmitarbeiterin und Projektkoordinatorin. Außerdem ist sie auch Schriftstellerin, bildende Künstlerin, Redakteurin, Lektorin und Jurorin. Zahlreiche Veröffentlichungen finden sich in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Internet.

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Die Hexe und der Hase

In den Wäldern des Riesengebirges lebte einst die Hexe Gruselda Mieselinde Schierlingsgelb, Hexenmeisterin allererster Klasse. Sie ärgerte sich über lachende Kinder ebenso wie über zwitschernde Vögel. Am meisten ärgerte sie sich jedoch über den Osterhasen, der unter dem Haselbusch gegenüber wohnte. Sobald Gruselda das Wort Hase aussprach, verfärbte sich ihr Gesicht grüngelb und sie begann zu husten. Dieses Jahr wollte sie dem Osterhasen eine Lektion erteilen, die er nicht so schnell vergaß. Sie hatte schon einen Plan.

„Abraxus? Wo steckst du schon wieder?“ Die Tür des Hexenhauses knarrte und Gruselda steckte ihre lange Nase aus dem Türspalt. „Abraxus! Wenn du nicht sofort erscheinst, wirst du die nächsten Monde …“

Der Zauberlehrling erfuhr nicht mehr, welche Strafe für ihn bestimmt war. „Ich bin doch schon da, beste Madame. Was steht zu Diensten?“

„Lauf zum Bauernhof und leg dich beim Hühnerstall auf die Lauer. Sobald du weißt, wann die Eier für den Ha... chk ... chk ... Hasen geliefert werden, kommst du zurück. Und jetzt beeil dich!“

Vergnügt pfeifend machte sich Abraxus auf den Weg. Ein Ausflug zum Bauernhof war hundert Mal besser, als Zaubersprüche zu lernen oder Eulenfedern zu sammeln.

Die Hexe hingegen machte drei Schritte Richtung Haselbusch und hielt nach dem Hasen Ausschau. „Wenn ich nur an den Ha... chk ... chk ... Hasen denke, bekomme ich Magenbeschwerden“, schimpfte sie vor sich hin. „Was fällt diesem Löffeltier ein, sich so aufzuspielen? Kinder herlocken und beschenken, sonst noch was! Dann rennen die Fratzen stundenlang durch meinen Wald und stören mich bei der Arbeit. Wie soll ich bei diesem Lärm mein Buch „Wie wird man eine berühmte Hexe“ fertig schreiben? Nein, nein, diese Gören sollen bleiben, wo sie sind.“

Zornig stampfte die Hexe mit dem Fuß auf. „Warum die Menschen diesen mickrigen Ha... chk ... chk ... Hasen lieben, versteh ich überhaupt nicht. Ich beherrsche die schwierigsten Zaubersprüche, koche die beste Krötensuppe, bin die einzige Hexe, die ein Buch schreibt. Sollten sie nicht mich bewundern? Aber diesmal werde ich ihm sein Fest versalzen. Ich habe einen Plan. Ich werde …“

Die Hexe konnte den Satz nicht beenden, denn Abraxus kam im Laufschritt herangekeucht. „Madame Gruselda, pff! Madame Gruselda, es eilt!“ Der Zauberlehrling schnappte nach Luft. „Die Hennen bringen ihre Eier schon heute zum Haselstrauch. Sobald es dunkel ist, ziehen sie los.“

„So, so, heute Nacht soll die große Lieferung sein.“ Die Hexe zog ihre knöchernen Finger lang, bis sie knackten. „Ich fürchte, dass es für die Hennen heute keine Ausgangserlaubnis geben wird.“ Gruselda kicherte und klatschte in die Hände: „Husch, husch! Hol meinen Besen, Abraxus! Ich fliege zum Hühnerstall.“

„Ist es nicht zu hell zum Fliegen?“, fragte der Zauberlehrling, als er mit dem Besen zurückkam.

„Abraxerle, du bist ja ein schlaues Kerlchen“, lobte die Hexe. „Du hast völlig recht. Doch wozu gibt es Wolken?“ Sie streckte den Zeigefinger zum Himmel und murmelte einen Zauberspruch. Sogleich schwebte eine dicke graue Wolke herbei und ließ sich auf dem Dach des Hexenhauses nieder.

„Vergiss nicht die Krötensuppe auf dem Herd umzurühren“, rief die Hexe ihrem Lehrling zu. „Und lern endlich den Zauberspruch 27. Wenn ich zurückkomme, will ich ihn fehlerfrei hören.“ Sie stieg auf ihren Besen und schwebte zum Rauchfang hoch. Ein Satz und schon waren Wolke und Hexe Richtung Bauernhof unterwegs.

„Mir scheint, ich bin gerade rechtzeitig gekommen“, flüsterte Gruselda. Vor neugierigen Blicken in der Wolke geschützt, beobachtete sie, wie die Bäuerin die Hühner in den Stall sperrte. Sobald es dunkel war, schlich sie auf Zehenspitzen zum Hühnerstall, schlug die Türe zu und schob den hölzernen Riegel vor.

Dann beugte sie sich zum winzigen Guckloch und zischte: „Der Abendspaziergang ist gestrichen, meine Damen. Und Ostern fällt heuer aus!“ Zufrieden rieb sie ihre knochigen Hände. „Auf zum Mondscheinflug. Mal sehen, ob Horrifikus in seiner Burg sitzt. Seinen köstlichen Nachtschattenwein habe ich mir heute verdient.“ Sie kletterte auf ihren Besen und schwebte über die Baumwipfel dem Sternenhimmel entgegen.

Bei den Hennen herrschte unterdessen große Aufregung. Sie trippelten auf ihren Stangen auf und ab und gackerten kläglich. „Der Osterhase wartet auf uns.“

„Ohne unsere Eier gibt es kein Osterfest.“

„Können wir gar nichts tun?“

Karoline, die kleine rotbraune Henne, meldete sich zu Wort: „Helft alle mit. Ich will versuchen, durch das Guckloch zu schlüpfen.“ Sie flatterte zur obersten Stange und steckte den Kopf durch die Lücke. Die großen Hennen schoben und drückten, die kleine Henne ächzte und piepste, und schwupps war sie im Freien. „Ich hol Benno, den Hofhund. Der ist stark genug, um den Riegel wegzuschieben“, rief sie von draußen. Bei sich dachte sie: „Es hat auch sein Gutes, wenn man so dünn und mickrig ist.“

Im Nu waren alle Hennen befreit und mit den Eiern auf dem Weg zum Osterhasen. „Das ist ja noch einmal gut gegangen“, stellten die Hennen nach ihrer Rückkehr erleichtert fest.“

„Ich würde zu gern das Gesicht der Hexe sehen, wenn sie merkt, dass ihr mieser Plan fehlgeschlagen ist“, lachte Karoline.

„Ohne dich hätten wir es nicht geschafft“, lobten die anderen die kleine Henne.

Die wurde vor Verlegenheit hochrot. Nur gut, dass das bei einem rotbraunen Gefieder nicht auffiel.

Drei Tage später kam Gruselda Mieselinde Schierlingsgelb von ihrem Besuch auf der Zauberburg zurück. Beschwingt und heiter, ein Liedchen und den Geschmack des herben Weines noch auf den Lippen, schlenderte sie durch das Wäldchen. „Nun will ich mal sehen, wie es diesem Ha... chk ... chk ... Hasen ohne Eier ergangen ist. Hat er sein Bündel schon gepackt?“

Vorfreude glitzerte in ihren Augen, als sie die Zweige des Haselstrauches zur Seite schob. „Da soll doch! Wie war das möglich?“

Freudiges Glitzern verwandelte sich in zorniges Funkeln, Hexenwangen färbten sich giftgrün. Wütend starrte Gruselda auf den schmalen Grasstreifen vor dem Gebüsch. Vom Osterhasen war nicht einmal das Stummelschwänzchen zu sehen. Aber neben Farbtöpfen in Reih’ und Glied lachten wie immer die bunten Eier aus ihren Strohnestern.

„Glaub ja nicht, dass du gewonnen hast, du komisches Pelzmantelgeschöpf“, schimpfte Gruselda und verfärbte sich dunkelgrün. „Ich gebe nicht auf. Du wirst es gleich erleben!“ Wutentbrannt packte sie einen leeren Kübel und leerte einen Farbtopf nach dem anderen hinein. Flink umgerührt und im Nu floss eine braunschwarze dickflüssige Brühe über die bunten Eier. Zuletzt rollte die Hexe die Eier kreuz und quer durch das Stroh. Kein Rest der bunten Farbe sollte durchscheinen.

„Morgen feiern die Kinder Ostern ohne dich, mein Lieber“, kicherte Gruselda schadenfroh, drehte sich um und verschwand.

Als der Osterhase gut aufgelegt und ausgeschlafen aus der Grube hopste und die Bescherung sah, war seine Verzweiflung groß. „Die armen Kinder“, jammerte er. „Sie freuen sich doch so sehr auf ihr Osternest.“ Er setzte sich ins Gras, klappte die Ohren vors Gesicht und eine dicke Träne tropfte von seiner Wange.

Seine Frau nahm inzwischen ein schwarzes Ei aus dem Nest und drehte es nach allen Seiten. „Schau, einmal!“ Frau Hase hielt ihrem Mann das Ei unter die Nase. „Wie hübsch die Strohhalme auf dem dunklen Hintergrund aussehen. Wie eine Schmuckbordüre.“

Tatsächlich bildeten die hellen Halme wunderschöne Muster auf dem schwarzen Ei. Die beiden Hasen schauten sich an, sprangen auf und jubelten: „Ostern ist gerettet! Die Kinder freuen sich über schwarze Ostereier bestimmt genau so!“

Am Ostersonntag wurde Gruselda Mieselinde Schierlingsgelb vom Jubel der Kinder geweckt. Grün und gelb vor Wut packte sie ihre sieben Sachen und zog mit Abraxus fort.

Der Osterhase wohnt noch immer mit seiner Familie unter dem Haselstrauch. Manchmal legt er ein schwarzes Ei mit Strohverzierung ins Osternest. Hast du schon eines bekommen?

Gabi Eder wurde 1944 geboren, ist verwitwet und hat zwei erwachsene Söhne. Sie verfasst humorvolle, ironische Texte und Reimereien über Tiere und die kleinen Dinge des Alltags. Am liebsten schreibt sie Geschichten über und für Kinder. Zahlreiche Erzählungen wurden in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht.

*

Ostertausch

Jedes Jahr zur Osterzeit kommt der Hase und beschenkt die Kinder. Man könnte ihn schon liebevoll „den kleinen Weihnachtsmann“ nennen, denn seine Hingabe ist dieselbe. Überall auf der Erde freuen sich die Kinder über bunte Eier, Schokohasen und andere Geschenke. Der Hase hat es auch nicht leicht, denn für ihn gilt es, kein Kind zu vergessen!

Wieder ein neuer Ostermorgen, der in seiner Schönheit erblühte. Man schaute da und hier, doch das Bett des fleißigen Häschens war bereits leer. Munter zupfte der gesellige Genosse an seinem Ohr herum und machte sich schick für seinen Einsatz. Das Körbchen war schnell gepackt, nun fehlten nur noch die verzierten Eier. Geschwind sauste das Häschen mit dem weichen Fell durch den Wald. Er wollte die Hühner besuchen gehen und sie um viele Eier bitten.

Marsi, seine beste Freundin, half ihm jedes Jahr und auch heute war sie mit von der Partie. Mit viel Freude bemalte sie die Eier mit Punkten, Strichen oder Blumen. Als sie endlich fertig waren, legte Marsi die zerbrechlichen Geschenke behutsam in einen Korb.

Glücklich hoppelte der Hase in den Stall. Dieses Jahr waren die Hühner fleißig gewesen und so standen bereits 18 Körbe fertig vor ihm. Mit einem breiten Grinsen schnappte sich der Hase einen und rannte sofort los.

Der Wald war kein großes Hindernis. Durch Büsche, Hecken und über Wiesen, vorbei an Flüssen und Bergen ging sein Weg. Die Strecke war weit und der Weg beschwerlich. Eisern schleppte der Hase seine Sachen über den letzten Felsen. Da war sie, die Stadt. Glücklich verschnaufte das Häschen, doch nur einige Minuten, denn es blieb nicht viel Zeit um die Wünsche der Kinder zu erfüllen.

Leise schlich er durch die Straßen, huschte in Vorgärten hinein und versteckte die Eier. Kinderlachen erhellte den Tag, so wusste man, wo der Osterhase schon war. Ein kleines Mädchen bekam zum Beispiel eine Puppe und strahlte über beide Ohren. Der fleißige Geselle freute sich mit ihr und verabschiedete sich erst, wenn auch das letzte Ei im Garten gefunden war.

Ein neues Kind, ein anderer Ort. Doch dieser Junge war anders. Er wünschte sich viel mehr und ließ die kleinen Geschenke außer Acht. Auf seinem Zettel standen ein fernsteuerbares Auto, ein Ball, ein Kuscheltier, ein Fahrrad und etwas Süßes.

Mit großen Augen bestaunte der Osterhase die Liste und schüttelte dann nur traurig den Kopf. Wie sollte er solche großen Geschenke transportieren? Zaghaft versteckte er den Ball im Garten und wartete auf eine Reaktion. Der Junge suchte einige Minuten und fand schließlich den bunten Fußball, den er sich gewünscht hatte. Das Geschenk war entdeckt und doch schien der Junge unbefriedigt zu sein.

Traurig verfolgte der Hase das Spektakel. Nach einer Stunde hatte das Kind auch das letzte Ei endlich gefunden. Nun als er wusste, dass in dem Garten nichts mehr zwischen den Blumen und Bäumen auf ihn wartete, begann er zu weinen und zu fluchen. Frustriert schleuderte er den Ball in die nächste Ecke und schrie: „So ein dummer Osterhase! Er hat mir nicht das gebracht, was ich wollte!“

Wehmütig schaute die Mutter auf ihren Sohn hinab: „Timi, glaubst du nicht, dass die ganzen Dinge etwas schwer für den kleinen Osterhasen gewesen wären?“

Doch der Junge überlegte nicht einmal, seine Antwort stand bereits fest: „Nein! Er hat mir das zu bringen, was ich mir wünsche!“

Nun ärgerten sich auch die Eltern über ihren Sohn und gingen stumm nach drinnen. Die Chance nutze der Hase und schlich sich an Timi heran. „Hey du!“, sagte er.

Verdutzt schaute der Junge auf das Häschen. „Was hast du gesagt?“, fragte er verwirrt.

„Ich sagte: Hey du!“, wiederholte der Hase.

„Du kannst sprechen?“, hauchte der Junge ungläubig.

„Na klar, ich bin ja schließlich der Osterhase! Und du hast dich eben über mich beschwert!“

Timi zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ja, weil du mir nicht das gebracht hast, was ich wollte!“

Nun kochte der Hase innerlich und wurde ein wenig lauter. „Hast du dir mal vorgestellt, wie schwer ich immer zu tragen habe? Ich bin schließlich nicht der Weihnachtsmann. Zu Ostern wünscht man sich nur kleine Sachen!“

Der Junge rümpfte die Nase und verschränkte in derselben Bewegung seine Arme vor der Brust. „Ist mir aber egal, du hast mir zu bringen, was ich mir wünsche!“

Diese Worte brachten das Fass zum Überlaufen. „Weißt du was? Ich möchte, dass du selbst mal spürst, was ich immer erleiden muss. Und wie ich mich fühle, wenn ich nach all meinen guten Taten auch noch auf solche Kinder wie dich treffe! Für dieses Osterfest wirst du meine Rolle übernehmen und die Kinder an meiner Stelle beschenken.“ Sofort berührte das Häschen den Jungen und ihr beider Erscheinungsbild begann sich zu verändern.

Timi schrie auf, als seine Zähne länger wurden, sein Gesicht sich mit Fell bedeckte und an seinem Gesäß ein weißes Schwänzchen wuchs. Auch der einstige Osterhase verwandelte sich und zwar in den Menschen Timi.

„Deine Eltern werden sich wundern, denn so einen lieben Sohn haben sie sicher noch nie gehabt!“ Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen machte sich das freundliche Wesen von dannen.

Verwirrt hockte der verwandelte Junge an Ort und Stelle. Der einstige Mensch betrachtete seinen Körper, fuhr mit der Fingerspitze über die Zähne und bedachte die flauschigen Schlappohren mit einem Aufschrei. „Komm zurück! Was hast du mit mir gemacht?!“, schrie Timi-Hase aufgebracht.

Im selben Moment klingelte seine Armbanduhr, die mit dem Fell und den Ohren gekommen war. Vorsichtig drückte er auf einen der Knöpfe und sogleich verwandelte sich das Zeigerblatt in ein Bild.

„Wo bist du denn? Die Kinder warten!“, sagte Marsi eisern.

Timi verdrehte die Augen. „Keine Ahnung und die Kinder sind mir gerade völlig egal!“

Das konnte Marsi Huhn nicht auf sich sitzen lassen und so suchte sie ihren Freund. Schon nach wenigen Minuten war sie bei ihm. „Was ist los?“, quietschte sie aufgeregt.

„Ich bin nicht der Osterhase, du komisches Federvieh!“, zischte er.

Marsi trat zurück und begann mit Gackern. „Was heißt das nun wieder?“

Timi zupfte genervt an seinen Ohren herum. „Dein Freund hat mich in diesen Fellball verwandelt, weil ich seine Geschenke als zu wenig empfand.“

Nun begann Marsi zu lachen. „Dann ist es deine Strafe und er verwandelt dich erst zurück, wenn du deine Aufgabe gut gemacht hast!“

Und so folgte Timi dem Huhn und arbeitete als Osterhase für einen Tag. Er beschenkte die Kinder und erfreute sich an ihrem Lachen. Er kümmerte sich um die bunten Eier und bemalte teilweise selbst, damit alles schneller ging.

Am Ende kam er an einem Haus vorbei, wo ein kleines Mädchen namens Luna wohnte. Sie erinnerte ihn stark an sich selbst und so begann er sich zu schämen. Denn Luna hatte nur einen großen Hasen als Kuscheltier erhalten und war unzufrieden. Fluchend rannte sie durch den Garten und drückte das Kuscheltier in den Dreck. Doch für Timi war es nun einmal unmöglich gewesen noch mehr zu tragen und so senkte er seinen Kopf und ging nach Hause.

Wie die Henne Marsi es vorausgesagt hatte, verwandelte der Hase den Jungen zurück.

„Es tut mir leid“, flüsterte Timi verlegen. „Wenn du nächstes Jahr mal Hilfe brauchst, dann komm einfach vorbei. Ich wusste einfach nicht, was da alles dran hängt!“

Nun wurde der Osterhase aufmerksamer. „Heißt das du würdest mir wirklich helfen?“

Timi nickte und brachte ein überzeugendes Lächeln hervor. „Nur noch eine Sache. Da gibt es ein Mädchen namens Luna, sie hätte diese Verwandlung auch mal nötig!“

Der Hase verschränkte die Arme vor dem flauschigen Bauch. Dann zwinkerte er dem Jungen zu und sagte: „Ich werde es mir merken!“

Und so endete ein wundervolles Osterfest. Ein Kind wurde eines besseren belehrt und gewann einen neuen Freund. Und im nächsten Jahr würde der Osterhase einem anderen Menschen zeigen, dass auch sein Leben nicht einfach ist, er aber dennoch alles tut, um liebe Kinder zu beschenken!

Marie-Luis Rönisch wurde am 26.02.1993 in Großröhrsdorf geboren. Zurzeit besucht sie die 12. Klasse des Ferdinand-Sauerbruch-Gymnasiums. Neben dem Schreiben interessiert sie sich auch für Musik und Schauspiel. Im Moment schreibt sie an unterschiedlichen Werken aus dem Bereich Kinder- und Jugendliteratur (Fantasy).

*

Ostergruß

Die Sonne strahlt im Blumengarten,

Kinder können’s kaum erwarten.

Wenn’s Frühling ist in Feld und Wald,

dann kommt der Osterhase bald!

Bunt bemalte Ostereier

laden ein zur Osterfeier.

Der Osterhas’ hat viel zu tun,

hat keine Zeit, um auszuruh’n!

Mit seinen Helfern werkelt er,

und tolle Verstecke müssen her!

Im tiefen Wald unterm Eichenbaum

ist Osterhäschens Werkstattraum!

Hier entstehen tolle Sachen,

die allen Kindern Freude machen!

Doch viel Zeit hat er nicht mehr, nein,

denn bald wird Ostersonntag sein!

Endlich erwacht der Ostertag,

den Groß und Klein so gerne mag!

Schnell aus dem Bett will jedes Kind,

und seh’n, wo Osterhäschens Verstecke sind!

Wenn dann gefunden all die bunten Eier,

kommt die große Osterfeier!

Denn nach dem vielen Eiersuchen,

gibt’s zur Belohnung Kaffee und Kuchen!

Danach gehen wir spazieren dann,

und dabei es passieren kann,

dass wir sehen den Osterhas’,

er ruht sich aus im grünen Gras!

Wir sagen ihm leise „Dankeschön,

bis zum nächsten Jahr, auf Wiedersehen!“

Cosima Konrad, Jahrgang 1976, schreibt seit 2002. Ihr erstes Gedicht „100 Jahre“ erschien im Dezember 2008 in der Papierfresserchen-Anthologie „Polkappen – Die letzte Scholle“. Seitdem wurden verschiedene Gedichte und Kurzgeschichten in weiteren Anthologien veröffentlicht.

*

Sterne für Nico

Ulrich Münzer sah erst das weiße Blatt in seinen Händen, dann das gelbe Ding zu seinen Füßen erschrocken an. „W … was bist du?“, stotterte er.

„Sieht man das nicht?“, fragte das Ding verschmitzt. „Ich bin ein Ge-Stern!“ Ulrich schien immer noch nicht zu verstehen. Gerade noch hatte er die Kinderzeichnung auf dem Blatt angestarrt und plötzlich stand da ein leibhaftiger sprechender Stern! „Ich bin hier, weil du dir doch gewünscht hast, deinem Sohn Nico einen echten Stern zu schenken. Wenn du meine kleine Aufgabe erfüllst, gehöre ich dir“, erzählte der Stern weiter.

Ulrich dachte zwar, er sei verrückt, doch trotzdem fragte er nach. „Und … was für eine Aufgabe wäre das?“

Der Ge-Stern lächelte: „Ich werde dich in die Vergangenheit zurückschicken, um genau zu sein, einen Tag zurück.“

Ulrich sagte überrascht: „Ach so! Ich verstehe! Ge-Stern – gestern!“

„Ja, richtig“, nickte der Stern. „Meine Aufgabe lautet: Sorge dafür, dass dein Sohn nicht weinend einschläft!“

Unwohl dachte Ulrich an den gestrigen Abend zurück. Er hatte Nico ganz schön angemeckert, weil er ihn mit Fragen gelöchert hatte. Das tat ihm jetzt furchtbar leid. „Also gut, einverstanden“, sagte er deshalb.

Der Stern verschwamm vor seinen Augen, alles drehte sich und plötzlich war Ulrich wieder im Wohnzimmer, sein kleiner Sohn saß ihm gegenüber und fragte: „Papa, was ist der Frühling?“

Diesmal legte Ulrich seine Zeitung weg und sah den kleinen Jungen an. „Weißt du, das ist die Zeit, in der alle Tiere, die im Winter geschlafen haben, aufwachen, und in der die Bäume Blätter kriegen und die Blumen wachsen. Außerdem wird es im Frühling meistens wärmer.“

Danach brach ein ganzer Schwall von Fragen aus dem Jungen heraus und Ulrich beantwortete alle ganz gelassen. Nico war ziemlich stolz auf seinen Papa, der so schlau war und einfach alles wusste! Am Abend schlief er lächelnd ein.

Ulrich saß zufrieden auf dem Sofa, nahm das Blatt mit dem Stern in die Hand und sagte: „Siehst du? Aufgabe gelöst!“

Der Stern zwinkerte ihm zu, löste sich von dem Blatt und blieb neben ihm auf dem Teppich liegen. Aber diesmal wurde das Blatt nicht weiß, sondern wieder erschien Ulrichs Kinderzeichnung. Er hob den leuchtenden Stern vom Boden auf und lief in das Zimmer seines Sohnes. „Guck mal Nico!“, rief er. „Der ist für dich!“

Der kleine Junge lag schon im Bett, mit funkelnden Augen sah er den Stern an und fragte: „Du, Papa, was ist das denn für einer?“

„Das, mein Junge, ist der Ge-Stern!“, verkündete der Vater stolz.

„Aha … schön. Danke …“, sagte Nico schlapp. „Leg ihn einfach dorthin. Gute Nacht, Papa.“

Ulrich war total verdutzt. Er legte den Stern ab und ging wieder ins Wohnzimmer. Zuerst dachte er, dass Nico einfach undankbar und frech wäre, doch da erschien wieder der sprechende Stern vor ihm und sagte: „Dein Sohn ist nicht undankbar, er wünscht sich nur etwas anderes. Du bist so mit der Arbeit beschäftigt gewesen, dass du den Kleinen ganz schön vernachlässigt hast. Er hat doch nur noch dich!“

Ulrich schluckte. Seit Elisabeth, Nicos Mama, nicht mehr da war, hatte er sich total in die Arbeit gestürzt, um sich abzulenken. „Oh nein …“, flüsterte er. „Und … was kann ich jetzt tun?“

„Ich bin der Lä-Stern“, sagte der Stern. „Das kommt von Lästern. Im Kindergarten machen sich viele Kinder über deinen Jungen lustig. Finde heraus, warum, dann kannst du mich behalten. Gleichzeitig bekommst du noch eine weitere Aufgabe, die du auch lösen musst.“ Der Stern erschien wieder auf dem Blatt und Ulrich ging mit einem mulmigen Gefühl im Bauch schlafen.

Am nächsten Nachmittag holte er Nico vom Kindergarten ab. Dieser war noch draußen im Sandkasten und so nutzte er die Gelegenheit und fragte eines der Kinder aus Nicos Gruppe, warum sein Sohn geärgert wurde. Erst wollte es nicht so recht mit der Sprache herausrücken, doch Ulrich hatte einen Bestechungs-Lolli dabei.

Schmatzend verkündete der Junge: „Joschi ärgert Nico, weil er Angst vor Monstern hat.“

Ulrich bedankte sich, zog seinem Sohn, der mittlerweile reingekommen war, die Jacke an und sie fuhren nach Hause. Noch während sie im Auto saßen, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er dachte für sich: „Na klar! Der Mon-Stern! Die nächste Aufgabe ist, seine Angst vor Monstern zu besiegen.“

„Papa, worüber denkst du nach?“, fragte da sein Sohn, doch noch bevor er antworten konnte, löste sich eine Kopie des Sterns vom Blatt, das auf dem Beifahrersitz lag.

Ulrich reichte den funkelnden Stern zu seinem Sohn nach hinten. „Hier bitteschön! Das ist der Lä-Stern!“, freute er sich.

„Oh wow … Danke, Papa …“, flüsterte Nico.

Ulrich verstand die Welt nicht mehr. Der Junge hatte nun schon zwei Sterne und er war immer noch nicht zufrieden! Na ja, vielleicht war er es, wenn er erst den Mon-Stern hatte.

Abends brachte er seinen Sohn ins Bett. Vorsichtig sagte er: „Du, Nico, mir hat einer im Kindergarten gesagt, dass du nachts manchmal Angst hast.“

Nico rief erschrocken: „Nein! Ich hab keine Angst vor Monstern!“

Ulrich fragte: „Monstern? Ich hab doch gar nichts von Monstern gesagt. Hast du davor Angst?“ Als der Kleine nichts sagte, erzählte der Große ihm etwas. „Als ich so klein war wie du, da hatte ich immer Angst, dass nachts ein Gespenst kommt und mich erschrickt. Da dachte ich mir: So geht das nicht! Ich verkleidete mich als fürchterliche Bestie und dann erschreckte ich das Gespenst auch mal so richtig. Von da an ist es nie wiedergekommen.“

Nico sah beeindruckt aus: „Können wir das auch machen? Also die Monster erschrecken?“

„Natürlich“, lächelte Ulrich, dann verkleideten sich die zwei und warteten ab.

Als Nico am nächsten Morgen wach wurde, sah er sich um. Die Kuscheltiere lagen wild durcheinander auf dem Boden, der Schreibtischstuhl war umgekippt und die Bilder hingen schief an der Wand. Er rannte zu Ulrich. „Papa! Papa! Das Monster war da!“

Ulrich setzte sich im Bett auf und sagte: „Aber Nico, weißt du denn nicht mehr, wie wir mit den Monstern gekämpft haben? Du hast sie mit den Kissen gehauen und ich hab Kuscheltiere nach ihnen geworfen!“

Jetzt sah der Junge aber verdutzt aus. „Ehrlich?“, fragte er zögernd.

„Na klar! Du hast sie vertrieben, die kommen nie wieder!“, rief Ulrich. Da knisterte das Sternenbild auf dem Nachtisch und es erschien ein dritter echter Stern. „Da mein Sohn, das ist der Mon-Stern!“, sagte er lächelnd und überreichte ihn Nico.

„Mh … danke“, murmelte dieser wie auch bei den anderen Sternen und verließ das Zimmer.

Ulrich hielt es nicht mehr aus. Er schimpfte wütend das Sternenbild an: „Jetzt hat der Bengel schon ganze drei Sterne, drei Stück! Und er ist immer noch unzufrieden! Was ist nur los mit ihm? Ich sollte ihm ein paar hinter die Löffel hauen!“

Wieder löste sich der Stern ganz vom Blatt ab und sagte: „Denk so etwas nicht! Dein Sohn wünscht sich eben noch einen ganz besonderen Stern, den du bis jetzt nicht entdeckt hast. Suche ihn und Nico wird glücklich sein.“

„Wie kann ich ihn finden?“, drängte Ulrich.

„Welchen Monat haben wir?“, fragte der Stern zurück.

„März“, überlegte der Mann laut. „Aber da ist kein Stern drin!“ Er lief auf und ab, da fiel sein Blick auf das Bild, das Nico ihm letztens gemalt hatte, mit Blumen und einem bunten Ei und … „Ostern!“, rief Ulrich laut. „Ostern! Er wünscht sich den O-Stern!“

Weise lächelnd verschwanden Mund und Augen von dem Stern und er blieb heller leuchtend als die anderen drei auf Ulrichs Nachtisch liegen. Das Blatt daneben war leer. Als er es in die Hand nahm, fielen ihm plötzlich die Worte auf, die auf der Rückseite geschrieben standen: „Mein O-Stern von Ulrich Münzer.“ Lachend rannte er zu Nico. „Guck mal! Der O-Stern!“, rief er. Dann hob er den Jungen auf und drückte ihn fest. „Es tut mir so leid, dass ich die letzten Jahre immer vergessen habe, mit dir Ostern zu feiern“, sagte er und wuschelte ihm durch die Haare. „Es wird nie wieder vorkommen, dass mir meine Arbeit wichtiger ist als du!“

Als sie zu zweit am Ostersonntag am Frühstückstisch saßen, gab Nico seinem Papa einen Kuss und sagte: „Das ist toller als jeder Stern der Welt!“

Ulrich war glücklich und lachend aßen sie ihre Ostereier.

Jaqueline Wisse wohnt in Hamm und wurde am 20.09.1991 hier geboren. Bisher wurden von ihr Kurzgeschichten und ein Gedicht veröffentlicht. Ihre Hobbys sind das Dichten und das Geschichtenschreiben, außerdem liest, zeichnet und fotografiert sie gerne. Zweimal im Monat leitet sie eine Schreibwerkstattgruppe. Diese Ostergeschichte schrieb sie für ihren kleinen Bruder zum Einschlafen.

*

Die verstummte Osterglocke

Gähnend trat Rita, die kleine Feldmaus aus ihrer Erdhöhle heraus. Sie reckte sich und streckte dabei die Arme nach oben. Sogleich bemerkte sie jedoch, dass es immer noch furchtbar kalt war.

„Huh!“, sagte sie, schüttelte sich und wäre am liebsten wieder in ihrem Mäusebett, ganz weit unter der angewärmten Decke verschwunden. Doch das ging nicht. Jedenfalls heute nicht. Sie hatte einen Auftrag zu erledigen. Einen wichtigen Auftrag.

Und so trottete Rita fröstelnd und verschlafen den Hügel hinauf. Dort oben wollte sie wie jedes Jahr am Ostersonntag die Osterglocke läuten und somit allen Bewohnern des Wald- und Wiesenlandes verkünden, dass Ostern und damit das Frühjahr gekommen war.

Als Rita die Osterglocke erreichte, lag immer noch schwere Müdigkeit auf ihren Augenlidern. Durch einen schmalen Spalt erblickte sie den Stängel der stolzen Blume und zog an ihm. Hin und her.

Doch irgendetwas war komisch. „Bloß was?“, überlegte die kleine Maus. Da fiel es ihr auf. Na klar! Es fehlte ganz einfach der Ton! Trotzdem sie am Stiel gezogen hatte, blieb die frühe Narzisse stumm.

Rita probierte gleich noch einmal und zog nun ein wenig heftiger am Stängel. Nichts. Kein Bimmeln war zu hören. Und dieses Sonderbare ließ aus dem verschlafenen, ein hellwaches Mäuschen werden. Rita blickte nach oben zum gelben Blütenkopf, aus dem sonst immer der glockenhelle Klang des Frühlings schallte. Doch der war verschlossen. Noch nicht aufgeblüht. Der konnte nicht bimmeln.

Da fragte eine Stimme direkt hinter Rita: „Was ist denn los? Warum läutest du nicht?“

Selbst noch verwundert und erschrocken drehte Rita sich um und blickte dem Osterhasen direkt auf die Stupsnase, und dann auf seine bibbernden Hasenzähnchen.

„Beeil dich!“, forderte der Osterhase weiter. „Ich will endlich anfangen!“, und zeigte auf den mit bunten Eiern gefüllten Korb auf seinem Rücken.

„Aber das geht nicht“, antwortete Rita kopfschüttelnd und zeigte auf das Köpfchen der Glockenblume. „Der Winter. Er möchte einfach nicht gehen und hält unsere Osterglocke gefangen.“

„Darum ist mir so kalt“, entfuhr es dem Osterhasen und er begriff, warum er und seine Zähne so zitterten.

„Was sollen wir nur tun?“, fragte Rita. „Keiner wird erwachen. Mir selbst ist es schwergefallen aufzustehen. Aber wenn die Glockenblume nicht läutet, werden die anderen Ostern und das Frühjahr verschlafen.“

Ratlos zog der Osterhase seine Schultern nach oben und genau so ratlos ließ er sie wieder sinken. Er wusste auch nicht, was jetzt zu tun war. Er kannte sich nur mit Ostereiern aus. Aber mit dem Winter? Nein.

Rita versuchte mit einem kräftigeren Rütteln die Blume doch noch zum Schellen zu bewegen. Doch alle Mühe vergebens. Sie blieb stumm.

Plötzlich vernahmen Rita und der Osterhase ein näher kommendes Summen. „Sssssssssssssssssssssss.“ Sie spürten einen Lufthauch und schon landete genau zwischen ihnen Katrine, die Biene. „Ich wollte Nektar holen“, sagte sie und hob zum Beweis ihr blitzblankes Eimerchen empor. „Meine Kinder haben Hunger! Und was macht die Glockenblume? Sie schläft!“ Katrine schüttelte missbilligend den Kopf. „Kann sie nicht endlich ihren Laden öffnen?“

„Nein, kann sie nicht“, sagte Rita. „Seht nur zur Sonne hinauf!“

Das taten Katrine und der Osterhase. Doch wollte die Maus sie veralbern? Von der Sonne war keine Spur. Gerade einmal ihre Fußzehe lugte unter dem dicken Wolkenbett hervor. Sonst war nichts von der Sonne zu entdecken.

„Seht ihr!“, sagte Rita weiter. „Ihr seht nichts. Und auch die Glockenblume sieht die Sonne nicht. Also schläft sie und kann ohne die wärmenden Strahlen nicht erwachen.“

Ja, das war einleuchtend. Ohne Sonne, kein Frühling. Ohne Frühling, keine Frühjahrsblüher und somit keine Glockenblume, die läutet, und kein Nektar, der aus ihr fließen konnte. Aber sollte der Winter ewig an der Macht bleiben? Das konnten die drei nicht zulassen. Es musste schnell Frühling werden. Aber wie sollten sie nur die Sonne hervorholen?

Da hatte Mäuslein Rita eine blendende Idee. „Du kannst das machen!“, sagte sie und zeigte auf die Biene Katrine.

„Was ich?“, fragte Katrine vollkommen ahnungslos. „Aber wie soll ich das machen? Ich bin doch kein Wecker und auch keine Sonnenzauberin und ich bin auch kein Ofen, der hier Frühlingswärme entfachen könnte.“

Der Osterhase nickte und gab Katrine Recht. Von all dem konnte sie wirklich nichts.

Rita aber hielt sich über so viel Quatsch vor Lachen den Bauch und erklärte dann in ernstem Ton: „Aber das ist doch ganz einfach. Flieg hinauf und schiebe einfach die Winterwolkendecke beiseite! Dann kann die Sonne aufwachen, strahlen und ihre Wärme entfalten!“

Das war gar keine so schlechte Idee.

„Ja! Na klar!“, klatschte die Biene in die Hände und hüpfte freudig in die Luft. Und auch im Gesicht des Osterhasen konnte man ein heiteres Schmunzeln entdecken. Wenn das klappte, könnte er heute doch noch seine Eier verstecken.

Katrine stellte ihren Honigeimer ab und testete kurz die Funktionsfähigkeit ihrer Flügel. „Summmm!“, heulten sie auf, wie bei einem Motorrad, an dem das Gaspedal getreten wird. „Summ, summmmm!“, gleich noch einmal. Zufrieden nickte sie Rita und dem Osterhasen zu und sagte: „Also dann! Ich gebe mein Bestes“, und startete mit einem „Juhu!“ auf den Lippen dem Himmel entgegen.

Rita und der Osterhase blickten ihr gespannt hinterher. Immer kleiner wurde Katrine, aber der Wolke, die auf der Sonne lag, schien sie irgendwie nicht näher zu kommen. Sie sahen, wie sich die Biene plagte, doch je weiter sie nach oben musste, desto schwerer fiel es ihr. Ihre Flügel wurden langsamer und sie hatte Mühe, sich überhaupt noch in der Luft zu halten.

„Weiter!“, feuerte Rita die kleine Biene an. „Steig weiter, weiter nach oben!“

Auf Katrines Stirn bildeten sich kleine Perlen. Sie schwitzte vor Anstrengung und Aufregung so sehr, dass die Tropfen nach unten fielen und der Osterhase meinte, es würde regnen. Katrine strengte sich wirklich an. Aber nach einer Weile war auch Rita klar, dass sie es nicht schaffen konnte. Sie war zu klein und zu schwach. Und wer weiß, wenn sie es überhaupt bis zu dem Wolkenbett geschafft hätte, hätte sie überhaupt die Kraft gehabt, es beiseitezuschieben?

Rita und der Osterhase sahen, wie Katrine schlappmachte. Die Flügel summten nicht mehr und so raste sie im freien Fall der Erde entgegen. Schnell zupfte Rita ein Blatt vom Breitwegerich. Sie und der Osterhase breiteten es wie ein Rettungssprungtuch der Feuerwehr aus. Dort, mitten hinein, plumpste Katrine und landete so ohne Bein- und Flügelbruch.

„Ich ... ich …“, japste Katrine. „Ich kann nicht mehr.“ Sie lag mit dem Rücken auf dem Breitwegerichblatt wie auf einer Decke in der Wiese, blickte in die entsetzten Gesichter von Rita und dem Osterhasen und dann an ihnen vorbei, hinauf in das Blau des Himmels.

Doch da stutzte sie. Was war das. Sie kniff die Augen zusammen und Rita glaubte schon, nun würde Katrine ohnmächtig werden. Aber das tat sie nicht. Nein, sie riss die Augen sogleich riesengroß wieder auf. „Da!“, sagte Katrine aufgeregt und zeigte mit ihrem Fühler nach oben. „Da!“, sagte sie noch einmal. „Seht nur!“

Und nun drehten sich auch die anderen beiden um, blickten zum Himmel empor und staunten, was sich dort tat.

Wie ein schwarzer Schleier wehte am Himmel ein Schwarm Schwalben. Lustig fröhlich schwirrten sie in den Lüften. Sie schien es gar nicht zu interessieren, dass der Winter nicht gehen wollte. Ihr Frühlingslied, was sie trällerten, drang bis zu den Wiesenbewohnern herunter. Und die sahen nun das Fantastische, an was sie selbst nicht mehr geglaubt hatten. Der Schwarm der Schwalben formte sich zu einem langen Seil. Es wirbelte um das dicke Winterwolkenbett, schlang sich fest darum und nahm es wie einen Bösewicht gefangen. Kraftvoll zog das Schwalbenseil die Wolke beiseite.

„Die Sonne, sie ist frei!“, sagte Rita begeistert und winkte den Schwalben zu. „Danke! Danke!“, rief sie jubelnd zu ihnen hinauf.

Sofort spürten Rita, Katrine und der Osterhase die Wärme der Sonne wie eine Umarmung. Der kalte Reif auf den Halmen der Wiese schmolz, der Tau begann zu trocknen und die Vögel stimmten einen fröhlichen Chorgesang an.

Staunend sahen Katrine, Rita und der Osterhase, wie sich ganz, ganz langsam die Blüte der Glockenblume öffnete und ihre gelbe Schönheit entfaltete. Als sie vollkommen aufgeblüht war, nickte sie Rita auffordernd zu.

Und Rita ergriff ihren Stängel, zog erst ganz sacht, dann immer stärker. Der bezaubernde Klang der Glockenblume hallte über die Wiesen, über die Berge, übers ganze Land. Der Frühling erwachte und der Ostersonntag war eingeläutet.

Eilig hoppelte der Osterhase und versteckte die bunten Eier. Katrine füllte ihr Eimerchen mit Nektar und fütterte ihre hungrigen Bienenkinder.

Und die Maus Rita? Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. Sie machte es sich auf dem Blatt des Breitwegerichs bequem wie in einem Liegestuhl und genoss den Frühling.

Kathrin Sehland, Jahrgang 1964, lebt in Wilkau-Haßlau am Tor zum Erzgebirge. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Die ausgebildete Maschinenbauzeichnerin und Wirtschaftskauffrau engagiert sich ehrenamtlich und hält sich mit Badminton und Fahrrad fahren fit. Ihre Kreativität setzt sie bevorzugt in Gedichten und Kurzgeschichten um. Diese fanden schon in verschiedenen Anthologien einen Platz und hoffentlich viele Leser.

*

Das Geheimnis im Schuppen

Auf dem Nachhauseweg von der Schule traf Rabbit seinen Spielkameraden Whoopie. Kaum hatte er ihn gesehen, begann er auch schon aufgeregt loszuplappern: „Gestern war mein Onkel Bunny bei uns zum Kaffeetrinken eingeladen und er hat uns eine tolle Geschichte erzählt. Vor Kurzem hatte er ganz in der Nähe ein altes, verfallenes Haus gekauft.“

„Und was ist da so toll dran?“

„Er hat doch tatsächlich in einem alten Schuppen, der auf dem Grundstück steht, eine irrsinnige Maschine gefunden.“ Rabbit hielt kurz inne.

„Was denn für eine Maschine? Jetzt lass dir doch nicht jedes Wort aus deiner Stupsnase ziehen.“ Unruhig hüpfte Whoopie an der Seite seines Freundes hin und her. „Auf so alten Bauernhöfen stehen immer irgendwelche verrosteten Ackergeräte herum.“

„Nein, es war keine Maschine für die Feldarbeit. Das Haus gehörte mal einem Erfinder. Und der Apparat ist vielleicht ein Roboter.“

„Ein Roboter? Du spinnst wohl! Da hat dir dein Hasenonkel einen schönen dicken Bären aufgebunden.“ Whoopie tippte ungläubig mit der Pfote gegen seine Stirn.

„Nein, das ist echt wahr! Mein Onkel lügt nicht.“

Whoopie war von dieser Neuigkeit immer noch nicht so recht überzeugt und schüttelte energisch seine langen Ohren.

„Wenn du willst, gehen wir heute Nachmittag zu ihm. Dann werde ich dir beweisen, dass ich die Wahrheit sage“, schlug Rabbit vor. „Abgemacht?“

„Abgemacht!“, rief Whoopie und schlug mit der Pfote ein.

Um drei Uhr trafen sich die beiden Freunde wie verabredet an der Wegkreuzung.

„Ich bin schon so gespannt auf das, was du mir zeigen willst.“

Eilig hoppelten die beiden den Weg entlang in Richtung Wald. Schon von Weitem erkannte Rabbit das alte, heruntergekommene Häuschen.

„Das sieht ja aus, wie ein Hexenhaus“, bemerkte Whoopie und schüttelte sich. Damit er es besser in Augenschein nehmen konnte, klemmte er sich seine Nickelbrille mit den runden Gläsern auf die Nase. „Da muss aber noch viel Arbeit hineingesteckt werden.“

Als sie näher herankamen, erkannte auch Rabbit, dass die Farbe an den Außenwänden und den Fensterrahmen abblätterte oder zum Teil ganz fehlte. Nur das Dach schien in Ordnung zu sein.

Rabbit hoppelte zur Haustür und suchte vergeblich den Klingelknopf. „Ich klopf mal an die Tür“, sagte Whoopie und schlug mit seiner Pfote gegen die morschen Bretter.

Nichts war zu hören. Auch auf ein erneutes Klopfen erfolgte keine Reaktion.

„Dein Onkel ist nicht zu Hause“, stellte er traurig fest. „Und was machen wir jetzt?“

„Nichts leichter als das“, antwortete Rabbit. „Wir gehen alleine in den Schuppen.“

Schnell nahmen die beiden Hasen ihre Beine in die Pfoten und hüpften los.

„Ist richtig gruselig hier“, stellte Whoopie fest. „Meinst du, wir sollen weiterhoppeln?“

„Du bist wirklich ein Angsthase. Sehen doch echt cool aus, das alte Gemäuer, der verwilderte Garten und der geheimnisvolle Schuppen. Jetzt mach dir nur nicht in deine schicke Hose.“ Rabbit kicherte leise.

Inzwischen waren die Hasenjungen an der Tür des Bretterschuppens angelangt. Mutig drückte Rabbit die verrostete Türklinke hinunter. Ein lautes Quietschen ließ die beiden Häschen zusammenzucken. Mit einem kräftigen Ruck öffnete sich knarrend der eine Flügel.

Whoopie hielt sich vor lauter Angst die Pfote vor sein Gesicht. „Das halte ich nicht aus! Komm lass uns endlich hier verschwinden“, jammerte er.

„Du wirst doch nicht schlappmachen? Jetzt wo wir so nahe an unserem Ziel sind. Ich will unbedingt wissen, was das für eine geheimnisvolle Maschine ist. Du kannst ja gehen, wenn du Schiss hast.“

Doch nun wollte Whoopie auch nicht mehr kneifen. Geduckt schlichen die beiden Hasen durch die Öffnung in die Finsternis hinein. Nur wenige Sonnenstrahlen bahnten sich einen Weg durch die Ritzen in den Holzwänden und tauchten den Schuppen in ein geheimnisvolles Licht. „Dass es so gruselig ist, hätte ich nicht gedacht“, flüsterte Rabbit und drückte sich eng an seinen Hasenfreund. Langsam setzten sie eine Pfote vor die andere, bis sie plötzlich an ein Hindernis stießen. Whoopie schrie erschrocken auf.

Rabbit, der seine Angst auf keinen Fall zeigen wollte, ertastete mit seinen Vorderläufen den vor ihnen liegenden Gegenstand. „Ist nur ein Stück Balken“, beruhigte er den zitternden Whoopie. „Er ist wahrscheinlich von oben heruntergefallen. Ist doch ganz schön morsch diese Bude. Los, gehen wir weiter!“

Eng aneinander gekuschelt setzten sie ihre Entdeckungsreise fort. Sie mussten noch mehrmals über Holzteile hüpfen, die ihnen den Weg versperrten. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und sie konnten immer mehr Umrisse erkennen.

„Da!“, rief Rabbit auf einmal. „Schau, hier ist es. Das muss der geheimnisvolle Roboter sein.“

Eingehüllt in verstaubte, dreckige Decken verbarg sich etwas vor ihnen. Spinnweben spannten sich bis hinauf in das Dachgebälk.

„Und du meinst, die Maschine ist da drunter?“

„Das werden wir spätestens sehen, wenn wir die Verpackung herunterziehen, Whoopie.“ Rabbit hatte seine Überlegenheit zurückgewonnen. Mutig zog er heftig an einem Zipfel der Decke und mit einem Schwupp fiel der Schutz ab und beide Hasen standen in einer undurchdringlichen Schmutzwolke.

„Oh mein Gott“, rief Whoopie aus und hüpfte mit einem Satz zur Seite. Gleich darauf musste er kräftig husten. Auch Rabbit nieste und hustete in einem fort.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich der Staub legte und sie wieder freie Sicht hatten. Doch umso größer war jetzt die Überraschung. Vor ihnen stand ein Riesenmonstrum mit Greifarmen und zahlreichen Schrauben, Rädchen und Kabeln.

„Wow, ist das cool!“ Whoopie stand staunend vor dem Ungetüm.

Rabbit, der sich schon etwas näher herangewagt hatte, betrachtete es grübelnd. „Wenn ich nur wüsste, wie man das Ding einschalten kann?“

„Ich glaube, ich weiß wo“, rief sein Hasenfreund erfreut. „Hier ist ein roter Knopf. Das ist bestimmt der Anlasser.“ Eilig hüpfte er auf ein Stahlrohr und versuchte gerade an den großen roten Schalter zu gelangen, als von der Tür her eine Stimme rief:

„Nein, nicht!“

Doch es war zu spät. Whoopie hatte bereits den roten Knopf gedrückt.

„Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Was macht ihr hier in meinem Schuppen?“

Erschrocken fuhren die beiden Hasen herum und sahen Onkel Bunny im Türrahmen stehen. Eine Antwort konnten sich die beiden Häschen sparen, denn in diesem Moment ertönten seltsame Geräusche. Ängstlich hüpften Rabbit und Whoopie zum Ausgang und drückten sich eng an den Onkel.

„Was ist das? Was geschieht hier?“, fragte dieser erstaunt.

Das Ungetüm begann zu schnauben und zu zischen. Unter den Hasenpfoten fing der Boden an zu vibrieren. Aus sämtlichen Öffnungen der Maschine drangen dicke Rauchschwaden heraus. Stangen und Rädchen bewegten sich rhythmisch hin und her. Der Lärm schwoll immer mehr an, sodass sich die ängstlichen Hasen ihre langen Ohren mit den Pfoten zuhalten mussten.

Plötzlich trat Stille ein. Der Nebel verzog sich und das Monstrum stand ruhig an seinem Platz.

„Das ist ja ein Ding!“ Rabbit hatte als Erster die Sprache wiedergefunden. „Und was sollte der ganze Lärm nun?“

Kaum hatte der kleine Hase die Frage ausgesprochen, als ein Plopp die drei zusammenzucken ließ. Dann wieder Stille.

Rabbit nahm seinen ganzen Mut zusammen, näherte sich dem Ungetüm und stieß einen Schrei aus. Schnell liefen die beiden anderen Hasen herbei und Whoopie entfuhr ein Laut des Entzückens. In einer Schale, die an der Maschine befestigt war, lag ein herrlich bunt bemaltes Osterei.

Ute Petkelis wurde im Jahr 1958 geboren und lebt heute mit Mann und Sohn im Main-Kinzig-Kreis. Erst 2004 begann sie mit dem Schreiben. Zunächst waren es Kinder- und Alltagskurzgeschichten, später kamen Märchen hinzu. Einige ihrer Texte wurden bereits in Anthologien veröffentlicht.

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Die Hasen und die Sternfabrik

Etwas ganz und gar Unerhörtes hatte sich eines sonnigen Frühlingsmorgens an der Sternfabrik zugetragen. Aufgebracht standen die Hasen dicht gedrängt vor der Fabrik und tuschelten miteinander.

Die Sternfabrik wurde seit jeher von Hasen geführt, da Hasen sich für außerordentlich geschäftstüchtige Wesen hielten. Sie glaubten, mit ihren großen Lauschern ein besonders gutes Gehör dafür zu besitzen, welche Dinge sich ihre Kunden wünschten. Die alten Menschenvölker waren einst ganz verzaubert gewesen von dem Himmel mit seinen Millionen Sternen, darum hatten die pfiffigen Hasen die Sternfabrik gegründet. Sie hatten zahllose leuchtende Sterne in allen Größen hergestellt und sich damit sogar ihr eigenes Denkmal geschaffen. Noch heute kannst du, wenn du im Sommer in einer lauen, klaren Nacht zum Firmament schaust, das Sternbild des Hasen sehen, da, gleich beim Orion.

Die alten Völker aber gab es längst nicht mehr und niemand kümmerte sich mehr um die Sterne. Die Geschäfte liefen sehr schlecht. Schon lange war nichts Aufregendes mehr passiert – bis zu jenem unerhörten Tag.

„Was ist denn hier los?“ Der Chefhase kam gerade an der Fabrik an und war ganz verwundert über die riesige Versammlung, die er dort sah. Normalerweise waren die Hasen um diese Zeit längst bei der Arbeit, um Sterne herzustellen.

„Jemand hat das Schild bemalt!“, rief da einer aus der Menge. Er zeigte mit seiner Pfote nach oben zum Dach der Fabrik, wo auf einem großen Schild „STERNFABRIK“ gedruckt stand.

Der Chefhase sah nach oben, und tatsächlich – irgendein Schmierfink hatte einen dicken, runden Kreis vor den Namen der Fabrik gemalt. So etwas Unerhörtes aber auch!

„Was hat dieser Kreis zu bedeuten?“, schimpfte der Chefhase, denn es machte ihn wütend, dass jemand einfach so auf seinem Eigentum herumkritzelte.

„Vielleicht ist das die Sonne?“, schlug einer der Hasen vor.

„Oder ein Wagenrad!“, meinte ein anderer.

„Oder die Brille eines Zyklopen!“

„Nein, nein, ihr liegt alle miteinander falsch“, widersprach ein weißer Hase mit schwarzen Flecken, der ganz in der Nähe vom Chefhasen stand. „Das ist keine Sonne, das ist auch kein Wagenrad und erst recht ist es keine Brille eines Zyklopen!“

„Aber was ist es dann?“, fragten vereinzelte Stimmen.

„Das ist ein Ei!“, antwortete der weiße Hase mit den schwarzen Flecken. „Seht doch, der Kreis ist ein klitzekleines bisschen oval und nicht ganz rund. Das muss ein Ei sein.“

„Aber ja, es ist ein Ei!“, stimmten ihm nun die anderen Hasen zu.

Auch der Chefhase ließ sich davon überzeugen. „Wir sind aber doch keine Ei-Sternfabrik“, empörte er sich und schüttelte den Kopf. „Warum hat denn jemand ein Ei auf das Schild gemalt?“

Darauf wusste niemand eine Antwort. Die Hasen grübelten und zerbrachen sich ihre pelzigen Köpfchen, kamen aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

Schließlich war es wieder der weiße Hase mit den schwarzen Flecken, der Rat wusste: „Eier werden von Hennen gelegt“, sagte er. „Wir könnten die Hennen fragen, was das zu bedeuten hat, denn sie wissen bestimmt besser über Eier Bescheid als wir.“

Und wieder war das die beste Idee und alle waren damit einverstanden. Also ließ man so schnell wie möglich Hennen herbeirufen, ganz viele auf einmal, denn die Hasen hatten ja bemerkt, wie schwierig das Problem allein zu lösen war.

Die Hennen stellten sich tatsächlich als klug heraus, wenn auch anders, als man erwartet hatte. Als sie eingetroffen waren, erklärten die Hasen ihnen, worum es ging, und die Hennen besahen sich die Schmiererei auf dem Schild. Und sie wussten sogar sofort eine Antwort: „Aber das ist doch kein Ei“, gackerte eine der Hennen empört. „Das ist ein Buchstabe. Das ist ein O!“

Ein lautes, erstauntes „Ooh!“ raunte die Menge. Daran hatte nun wirklich niemand gedacht!

„Also steht da nicht mehr STERNFABRIK, sondern OSTERNFABRIK“, las die Henne vor.

„Aber was ist denn ein Ostern?“, fragte der Chefhase unsicher und scharrte mit seinen Pfoten unruhig auf dem Boden. „Wir stellen doch Sterne her.“

„Ostern ist ein Fest, das die Menschen feiern. Jedes Jahr im Frühling“, antwortete ihm eine andere Henne.

Wieder waren die Hasen ganz erstaunt, wie gebildet die Hennen waren. Denn von Ostern hatten sie noch nie etwas gehört.

Aber auch der Chefhase war nicht dumm und zog seine Schlüsse daraus. „Das heißt“, seufzte er mit hängenden Ohren, „die Menschen wollen unsere Sterne deshalb nicht mehr, weil sie schon lange mit neuen und anderen Festen beschäftigt sind.“

Traurig sah er zu seiner Fabrik hinüber. Da meldete sich plötzlich der häsische Geschäftssinn in seinem Geist und er hatte einen großartigen Einfall: „Wenn die Menschen aber keine Sterne mehr brauchen, können wir ja etwas anderes herstellen, was sie für ihre neuen Feste brauchen“, schlug er vor.

Die Hasen murmelten zustimmend, das war wirklich eine gute Idee. „Aber was sollen wir denn sonst fabrizieren? Was wünschen sich die Menschen für ihre Osterfeiern?“

Und schon wieder waren die Hasen ratlos.

Die gewitzten Hennen aber waren, obwohl man es ihnen nicht ansah, auch sehr geschäftstüchtige Tiere. Und so witterten sie sofort ihre Gelegenheit und gackerten: „Eier! Sie brauchen Eier für ihr Fest, viele, viele Eier!“

Weil die Hennen zuvor schon so gut Bescheid gewusst hatten, zweifelte niemand mehr daran, dass sie auch damit richtig lagen.

Auch der Chefhase bemerkte nicht die List der Hühner und sprach: „Habt vielen Dank. Nun, von jetzt an sind wir also eine OSTERNFABRIK. Und wenn sich die Menschen Eier zu Ostern wünschen, so stellen wir eben Ostereier für sie her.“

Weil aber selbst die tüchtigsten Hasen nicht imstande waren, Eier zu legen, schlossen sie einen Handel mit den Hühnern ab, die sie von nun an gegen eine großzügige Bezahlung immer zum Osterfest mit frischen Eiern beliefern sollten.

Weil der Frühling aber schon über dem Land lag und sein warmer Wind Ostern ankündigte, gerieten die Hasen in Zeitnot. Hurtig bemalten sie die ersten gelieferten Eier, damit sie festlicher aussahen. Erst am letzten Tag vor Ostern wurden sie damit fertig – viel zu spät, um die Eier den Menschen noch persönlich zuzustellen. In ihrer großen Eile verteilten die Hasen die bunten Eier in der Nacht einfach überall, wo sie hinkamen. Sie hofften darauf, dass die Eier trotzdem entdeckt würden.

Am nächsten Tag staunten die Menschen nicht schlecht, als sie zu den Osterfeiern überall versteckt bunte Eier fanden. Die Kinder lachten und jauchzten und begaben sich eifrig auf die Suche. Was eigentlich überhaupt keine Absicht gewesen war, bereitete den Kindern überall so große Freude, dass die Hasen beschlossen, an ihrer Liefermethode nichts mehr zu ändern.

Und so entstand der Brauch, dass jedes Jahr zu Ostern bunte Eier versteckt werden, damit glückliche Kinder sie finden dürfen.

Roman Seifert, geboren am 5. Februar 1989 in Waldshut, lebt derzeit in Bad Säckingen und studiert seit 2009 Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel.

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Das schwarze Ei

Die fröhliche Maja war seit ihrer Geburt blind. Darunter litt die Neunjährige kaum. Einzig beim Herumtoben im Freien brauchte sie Begleitung. Mal war es ihr älterer Bruder Mika oder ihre Mama, die sie zum nahen Spielplatz begleiteten. Sogar das Fahrradfahren beherrschte Maja. Unbändig stolz war sie gewesen, als Papa ihr das beigebracht hatte. Und wie sie das Rutschen und Klettern liebte!

Im Sommer, Herbst und Winter war Majas Welt in Ordnung. Traurig wurde Maja, wenn der Frühling nahte und mit ihm das Osterfest. Begeisterte sich doch dann alle Welt für die sprießende Natur. Erfreuten sich an blauen Traubenhyazinthen, Beeten mit roten Tulpen genauso wie an den gelben Narzissenfelder. Solche bunten Bilder blieben Maja fremd. Ebenso wenig konnte sie sich etwas Kariertes, Gestreiftes oder Einfarbiges vorstellen. Die Kleiderauswahl übernahm von klein auf ihrer Mutter. Majas Nase und ihre Ohren waren ihre Augen. Dennoch blieben Farben ihr ein unbekanntes Universum.

Von Jahr zu Jahr verwünschte sie den Frühling und das Osterfest mehr und mehr. Der Feststimmung an Ostern hätte sie sich am liebsten durch Flucht entzogen. So sehr sich ihre Eltern und Mika auch bemühten, ihr die Farben zu erklären, es blieb in ihrem Kopf dunkel. Wähnte sich Maja allein, hörten sie Maja oft genug sagen: „Mein größter Wunsch wäre es, ein einziges Mal ein Gelb, ein Grün, ein Blau, ein Rot, ein Pink zu sehen.“

Das stimmte in ihrer Familie alle traurig. Und nun stand Ostern wieder vor der Tür. Mika hatte eine Eule als Jungvogel aufgepäppelt, die sich in seinem Zimmer einquartiert hatte und nichts vom Wald wissen wollte. Diese Eule hörte auf den Namen Till und wich kaum von Mikas Seite.

An einem Nachmittag stand Majas Zimmertür ein spaltbreit offen. So wurde Mika Zeuge, wie sie sich bei ihrem Stoffhasen beklagte, niemals die bunte Welt kennenzulernen. Mika sah Tills Getrippel auf seinem Schreibtisch zu. Er schob ein Buch beiseite, stützte sein Gesicht in beide Hände und wirkte ratlos.

Ein Seufzer entwich seiner Brust. „Ach, Till. Was könnte ich tun, um Maja ein einziges Mal die Farben zu zeigen?“

„Suche den Ostervogel und bitte ihn um ein schwarzes Ei.“

Mika glaubte, Ohrensausen zu haben. Oder Halluzinationen. Das konnte unmöglich Till gewesen sein, der da gesprochen hatte. Träumte er? Noch bevor er Till fragen konnte, löste dieser das Rätsel: „Wenn der Wunsch, anderen zu helfen, aus tiefem Herzen kommt, können wir eure Sprache verstehen und sprechen.“

Mika meinte: „Mann, Till. Ich fass’ es nicht. Mein Till kann sprechen!“ Mika wollte auf der Stelle zu Maja, um ihr davon zu berichten. Die Nachricht käme einer Sensation gleich.

Doch Till warnte: „Du darfst zu niemandem ein Wort darüber verlieren. Zu niemandem.“ Dann erklärte Till, was es mit dem Ostervogel und dem schwarzen Ei auf sich hatte: „Schwarze Eier sind sehr selten und äußerst schwer zu finden. In ihnen befinden sich sämtliche Farben der Welt. Hält ein Blinder ein solches Ei in Händen, wird er durchströmt von den darin befindlichen Farben.“ Hier machte Till eine Pause, ehe er fortfuhr: „Also wird er die Farben sehen können. Und dieser Zauber entfaltet sich nur in der geheimnisvollen Osternacht.“

Mit offenem Mund hatte Mika Tills Ausführungen gelauscht. Hoffnung machte sich in ihm breit. „Und werden Blinde dadurch wieder sehend?“

„Nein, sie bleiben weiterhin blind. Es wird ihnen ein einziges Mal der Wunsch erfüllt, Farben zu sehen, ein Wunsch, den viele Blinde haben. Und dieses Erlebnis werden sie ein Leben lang nicht mehr vergessen genauso wenig wie die Farben.“

Mika überlegte. Morgen war schon Ostersonntag. Würde er es noch schaffen, das schwarze Ei zu suchen? Für einen Moment lang hegte er Zweifel, die er beiseite wischte und fragte: „Till, wo finde ich dieses schwarze Ei?“

Till erklärte: „Folge in der Osternacht dem Bim, Bim Bam, Bam, Bim, Bim der Osterglocken. Sie weisen dir den Weg.“

Mika kannte nur Kirchenglocken. „Was sind Osterglocken?“

„Es sind Blumen, die um die Osterzeit herum blühen.“ Er rief Mika ans Fenster: „Sieh dort unten die gelben und weißen Blumenbüsche. Solche wachsen ebenso in Parks und auf Wiesen. Ihr Geläut führt dich zum Ostervogel.“ Es war, als könnte Till Gedanken lesen. „Der Ostervogel vertraut nur Kindern das schwarze Ei an. Keinem Erwachsenen. Und nur Kinder sind in der Lage, das Läuten der Osterglocken zu hören.“

Somit hatte sich Mikas Wunsch, ein Elternteil könne ihn zum Ostervogel begleiten, zerschlagen. Nach einem „Mach dich auf den Weg“ war kein Ton mehr aus Till herauszubringen.

Am Himmel lugte ein halber Mond auf die Erde herab, als Mika aufbrach. Sich ohne Wissen seiner Eltern davonschlich. Er schlug den Weg zu den Wiesen und Felder ein. Vorbei am Waldrand, wo der Nachtvogel sein Revier durchstreifte. Mit gespitzten Ohren horchte Mika in die Nacht. Außer einem brummenden Flugzeug und Geraschel im Unterholz vernahm er nichts. Von einem Bim, Bim, Bam, Bam, Bim, Bim kein Ton. Mika lief weiter. Immer weiter. Längst hatte er die Orientierung verloren, wusste nicht mehr, wo er sich befand. Nichts als Stille und Dunkelheit um ihn herum. Ihm war unheimlich und sein Mut schwand dahin.

Dann, er traute seinen Ohren kaum, als von fern ein zartes Geklingel ertönte, das stärker und stärker wurde. Aufgeregt lief Mika dem Läuten entgegen. Immer geradeaus. Dieses Geläut schwoll zu glockenheller Musik an, die so lieblich in seinen Ohren tönte. Und plötzlich war es taghell geworden. Mika war überwältigt. Soweit er blicken konnte, nichts als blühende Osterglocken, die ihre Blütenköpfe hin und her schwangen. Im Takt des Bim, Bim, Bam, Bam, Bim, Bim.

Dann erblickte er den Ostervogel, der Ähnlichkeit mit einem Pfau zu hatte. Gebannt sah Mika dem Ostervogel entgegen, wie er in majestätischer Manier und buntem Gefieder durch die Blumenreihen schritt, die sich vor ihm verneigten. „Willkommen Mika im Reich des Ostervogels. Du möchtest deiner Schwester einen Wunsch erfüllen?“

„J-j-j-ja“, stammelte Mika. „Ich … ich möchte für meine Schwester ein schwarzes Ei abholen.“

Der Ostervogel lächelte ihm wissend zu. „Komm mit.“

Gemeinsam durchschritten sie die Blumenfelder, bis sie vor einer tiefen Mulde haltmachten. Die Mulde war vollständig ausgekleidet mit den Federn des Ostervogels und darin lagen drei schwarze Eier so groß wie Pfaueneier. Der Ostervogel entnahm dem Nest vorsichtig ein Ei und überreichte es Mika. „Für deine Schwester.“

Mikas Hände zitterten, als er das schwarze Oval mit seinen Fingern umschloss, diesen unendlich kostbaren Schatz. Seine kleinen Hände bargen die Farben der Welt, die er Maja zu Ostern schenken würde.

Katharina Britzen, geboren 1954, lebt derzeit in Irrel, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne und zwei Enkelkinder. Veröffentlicht hat sie schon einige Beiträge in Heimatkalendern, Jahrbüchern und in verschiedenen Anthologien.

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Lämmchen & Palmkätzchen suchen ein Zuhause

Frau Paula war eine kugelrunde Bäuerin. Ihr fröhliches, pausbäckiges Gesicht wurde noch strahlender, als sie das goldbraune Osterlamm aus dem Backofen nahm. „Oh, das ist mir aber gelungen! So ein Prachtstück!“, murmelte die gute Frau.

Ihr ebenfalls kugelrunder, schwarzer Kater Seppl hob sein Näschen, schnupperte und dachte: „Mhhh, riecht das lecker!“

Vorsichtig holte die Bäuerin das Lämmchen aus der Backform. Liebevoll legte sie es auf ihren schönsten Osterteller und band ihm ein kleines Glöckchen um. „Das wird eine herrliche Ostersonntagkaffeejause!“, dachte Paula, als sie das Lamm in die kühle, dunkle Speisekammer stellte. Hastig eilte die kugelrunde Bäuerin in ihre Küche zurück. Es gab noch viel zu erledigen: Den Osterbraten vorbereiten, den Osterputz und soooooo viel mehr.

In der kühlen, dunklen Speisekammer spitze das Lämmchen die Ohren. Gut, die Bäuerin war weg. Es freute sich. Es blinzelte und streckte seine goldbraunen Beinchen. Das Glöckchen bimmelte, als es vom Osterteller hüpfte. Einwenig Staubzucker rieselte herab. Wackelig stand das Lämmchen da. Eines war sternenklar: Die kugelrunde Bäuerin wollte es bis aufs letzte Bröserl essen.

„Ich werde fliehen!“, dachte das Lämmchen. Langsam öffnete es die Speisekammertür. Schielte nach links und nach rechts.

„Die Luft ist rein!“, murmelte es.

Mutig zischte das Lämmchen los. Im Affenzahn raste es die Wiese hinab, direkt in einen kleinen, roten Stall hinein. Die Hühner guckten verdutzt. Helene Oberhenne gackerte: „Na so was, ein Osterlamm!“

„Helft mir, die kugelrunde Bäuerin möchte mich bis aufs letzte Bröselchen fressen!“

„Ach, brüll hier nicht herum! Denkst du, dem Hühnervolk ergeht es besser? Die Eier werden uns weggenommen und wir selbst landen irgendwann in der Suppe. Frau Paula und ihr kugelrunder Kater Seppl lieben Hühnersuppe, Rührei und Hühnerkeule. Neulich tauchte sie unsere mühselig gelegten Eier in die merkwürdigsten Farben!“, zischte Helene Oberhenne aufgebracht.

„Darf ich bei euch wohnen?“

„Gagagaga! Nein daraus wird nichts! Die kugelrunde Paula kommt jeden Morgen in den Stall. Sie wird dich entdecken. Mach, das du weiterkommst!“

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Der Mond schimmerte durch die alten Apfelbäume. Das Lämmchen fror. Wo sollte es schlafen? Die Dunkelheit mit ihren schwarzen Schatten machte ihm Angst. Es wünschte sich in den wohlig, heißen Backofen zurück. Das Lämmchen seufzte traurig. „Solltest du nicht am Ostertisch der kugelrunden Paula liegen?“

Das Lämmchen fuhr herum. Hinter ihm stand ein kleines, graues, samtiges Etwas. „Gar nicht!“, erwiderte das Lämmchen.

„Lüg nicht! Mir geht es auch nicht besser! Ich bin vom Osterstrauch gesprungen. Wer möchte schon als mit bunten Eiern geschmücktes Palmkätzchen enden?“ Das kleine samtige, runde Palmkätzchen streckte dem Lämmchen seine Hand entgegen: „Komm, lass uns Freunde sein. Wir sind beide Osterflüchtlinge!“

Das Lämmchen lächelte: „Hast du eine Ahnung, wo wir ein neues zu Hause finden?“

Plötzlich hörten sie ein Fauchen: „Hab ich euch Ausreißer!“, knurrte der kugelrunde Seppl.

„Folge mir!“, brüllte das Palmkätzchen.

Das Lämmchen raste hinter dem Kätzchen her. Nach drei kleinen Sprüngen war der dicke Seppl müde. Er sehnte sich nach seinem kuscheligen Ofenplätzchen: „Ich erwische euch schon noch!“, rief er den beiden nach.

Das Palmkätzchen und das Lämmchen rannten den Feldweg hinab. Rasch huschten sie in die alte Scheune hinein. Drinnen roch es nach Heu, Stroh und Kuh.

„Muh“, ertönte es lautstark. „Ihr habt es ganz schön eilig!“ Eine wunderschöne Kuh mit riesigen blauen Augen, langen Wimpern und kräftigen Hörnern musterte freundlich die Ostergesellen.

„Dürfen wir bei dir wohnen? Wir haben kein zu Hause und die Bäuerin will mich bis aufs letzte Bröserl essen“, stammelte das Lämmchen.

„Muh, die Bäuerin melkt mich jeden Morgen, sie wird euch finden. Heute Nacht könnt ihr bleiben. Danach kann ich euch nicht mehr helfen“, erklärte die Kuh.

Müde kuschelten sich das Lämmchen und das Palmkätzchen in das duftende Heu. Die Kuh sang ihnen ein Gutenachtlied und sie schliefen endlich ein.

Früh am Morgen bedankten sich die Ostergesellen bei der gastfreundlichen Kuh.

„Komm, wir gehen in den dunklen Wald. Vielleicht finden wir dort ein nettes Zuhause“, meinte das Palmkätzchen. Als sie sich am Haus der Bäuerin vorbeischlichen, hörten sie die kugelrunde Paula schimpfen. Sie blickten durch das Fenster. Die Bäuerin rannte im Nachthemd gekleidet dem kugelrunden Kater hinterher. Sie schwang dabei das Nudelholz, dass ihre roten Lockenwickler nur so wackelten, und brüllte: „Du unverschämter Kater hast das Osterlämmchen gefressen. Du hast es aus der Speisekammer gestohlen!“

Als sie schon längst im dunklen Wald waren, konnten die Osterflüchtlinge die kugelrunde Paula noch immer brüllen hören. Das Kätzchen führte seinen Freund zu einem Hasenbau. Klopf, klopf machte das Palmkätzchen an der Haustüre. Ein sehr großer Feldhase streckte seinen Kopf aus dem Fenster. „Nanu, zwei Gäste zu früher Stunde. Kommt rein in meine gute Stube!“

Dankbar setzten sich die Freunde in die gemütliche Hasenküche. Ein wunderschön auf Hochglanz poliertes, rotes Ei saß schon da und trank Tee. Hochnäsig blickte das rote Ei von einem zum anderen, ohne ihren Gruß zu erwidern. „Der Aprilhase hat wahrlich keine Zeit für zwei Osterausreißer!“, meinte das Ei boshaft.

„Lämmchen, Kätzchen, darf ich euch vorstellen, meine Osterhasenassistentin: Pecki Rotei!“

Pecki Rotei seufzte gelangweilt, als die Freunde von ihrer Flucht berichteten. Der Aprilhase nickte verständnisvoll: „Mein Bau ist zu klein, um euch zu beherbergen. Pecki Rotei und ich sind sehr damit beschäftigt, die Osternester für die Kinder zusammenzustellen. Doch wartet, im Märchenland könntet ihr ein neues zu Hause finden.“ Der Aprilhase führte das Lämmchen und das Kätzchen zu einem mit Efeu bewachsenen Steinbrunnen. „Hüpft rein, meine Freunde! Ich hoffe wir sehen uns bald wieder!“

Mutig sprangen die beiden in den dunklen Brunnen. Sie rasten die dunkle Wand hinab und landeten mit einem sanften Plumps auf einem riesigen weichen Himmelbett. Das Begrüßungskomitee war schon da. Der böse Wolf und das Rotkäppchen hielten ein Schild in die Höhe, auf dem stand: „Herzlich Willkommen im Märchenland!“

Schnuppernd näherte sich der böse Wolf dem Lämmchen: „Mmh, du riechst zum Anbeißen gut!“

Das Rotkäppchen zog ihm daraufhin sein rechtes Ohr lang: „Böser Wolf, benimm dich gefälligst!“

Das Rotkäppchen und der Wolf brachten die neuen Märchenlandbewohner in das alte Hexenhaus. „Hier könnt ihr wohnen. Die Hexe ist nach Sibirien ausgewandert!“, knurrte der böse Wolf.

Die beiden Freunde machten es sich im Hexenhaus gemütlich. Endlich hatten sie ihr zu Hause gefunden. Die kugelrunde Bäuerin musste zur Ostersonntagkaffeejause Butterbrot essen. Der Kater Seppl hatte eine Woche lang Ofenplätzchenverbot.

Das Lämmchen hat mich gebeten, dir noch Folgendes auszurichten: Sollten dir Osterflüchtlinge über den Weg laufen, dann schick’ sie bitte in das Märchenland! Dort werden sie ein Zuhause finden und glücklich sein bis ans Ende ihrer Tage.

Irene-Maria Seimann lebt heute in Schneegattern. Schon als Kind verzauberten sie Märchen und Geschichten. Seit 11 Jahren arbeitet sie mit Kindern und Jugendlichen, besonders wichtig ist ihr die Tätigkeit als Trauerbegleiterin. Seit sie nicht mehr im hektischen Wien wohnt, sondern im waldreichen Oberösterreich, ist ihr Leben sehr naturverbunden geworden. Sie liebt es, im Garten „herumzuwühlen“ und Geschichten zu schreiben, die Mut machen, denn Kinder fühlen sich oft zu klein für diese Welt.

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Das farblose Land

Es war einmal vor langer Zeit in einem Königreich gar nicht so weit weg von hier. Dort lebte, welch ein Wunder, ein König mit seiner bezaubernden Tochter und regierte über ein wachsendes Städtchen.

Soweit schien alles normal in diesem Land. Doch bereits beim Überschreiten der Grenze zu dem Königreich fiel jedem Wanderer die Farblosigkeit dieses Gebietes auf. Die Bäume wankten grau im Wind und der Fluss traf auf das tiefschwarze Meer, welches jedem Vorbeikommenden beim bloßen Anblick eine Gänsehaut bescherte. Gleich an der Küste lag das vorher benannte Städtchen, gekleidet in trübe Farben. Es gab keinen Reisenden, dem es hier gefiel, und so wurden die Reisenden weniger und weniger, bis es letztendlich keine mehr gab.

Der Grund für diese Farblosigkeit lag viele, viele Jahre zurück. Damals gab es eine Frau, die mit magischen Fähigkeiten in das Königreich einreiste und Königin werden wollte. Sie verzauberte den König und er heiratete sie. Als die Frau ein Kind bekam, war die Anstrengung so groß, dass ihre Zauberkraft plötzlich nachließ. Der König erwachte aus dem Zauberbann, den sie über ihn gelegt hatte, und erkannte, wie böse seine Frau war. Er schickte sie weg und sie zog in einen Turm weit draußen auf dem Meer. Dort erholte sich die Frau wieder und wurde zu einer bösen Hexe. Sie wollte das Königreich für sich erobern und sich am König rächen. Das Volk war damals sehr fröhlich und feierte viel. Sie saßen oft beisammen und der König spendierte ein köstliches Mahl und sie sangen, tanzten und lachten viel.

Die böse Hexe beschloss also, dem Volk diese Freude zu nehmen. Sie nahmen ihnen aber nicht die Gesundheit, das Geld oder ihr Eigentum. Stattdessen gab sie ihnen mehr als den Bewohnern des Königreichs gut tat. Sie zauberte ihnen einen großen technischen Fortschritt und über Nacht hatten die Bewohner Strom, Licht und Wärme. Das war zu dieser Zeit nicht üblich und diese neuen Dinge gefielen dem Volk.

Die Hexe zauberte immer weiter und die Menschen hatten täglich etwas Neues zu entdecken. Jeder war die ganze Zeit beschäftigt und ein paar Jahre lang glaubten sie, dass es keine glücklicheren Menschen auf dieser Erde geben könne. Denn die Bewohner des Königreichs hatten ja mehr als die Nachbarländer. Sie konnten alles, hatten alles und durften alles. Es gab keine Grenzen, da der König gar nicht die Zeit hatte, irgendwelche Gesetze aufzustellen, denn kaum hatte er ein Gesetz verfasst, erschien schon wieder eine neue Faszination, die das neu erstellte Gesetz ungültig machte.

Eines Tages jedoch hörte die Hexe auf, den Menschen etwas Neues zu schenken. Mittlerweile hatte jeder Bewohner mehrere Computer, Fernseher, Autos und sogar Raumschiffe. Jetzt trat das auf, was die böse Hexe immer gewollt hatte: Den Menschen wurde langweilig. Sie waren es gewohnt, dass sie alles bekamen und sich um nichts mehr richtig kümmern mussten. An Gegenständen hatten sie alles, was man sich nur träumen kann und deswegen hatte keiner mehr Zeit für irgendwelche Feste. Sie verloren somit ihre Fröhlichkeit und das Leben plätscherte vor sich hin.

Nach und nach verlor das Königreich seine Farbe und auch das Königshaus war diesem Unglück verfallen. Dementsprechend gab es so niemanden in diesem Land mehr, der dem Unglück entgegensteuern konnte. Nur die Hexe in ihrem Turm weit draußen auf dem Meer hatte ihre Farbe behalten und sie lachte über das arme Königreich, das sich so einfach hatte verführen lassen.

Eines Tages kam aber ein junger Prinz in das farblose Land. Er hatte von den ganzen Wundern gehört, die in diesem Königreich entwickelt wurden, und wollte um die Hand der Tochter dieses erfolgreichen Königs anhalten. Er erschrak aber, als er die Farblosigkeit des Landes sah, und ihm schauderte, als er in die Stadt kam.

Er erhielt kein Lächeln, keinen Gruß und er suchte vergebens nach Auskunft. Schnell erkannte er, dass in diesem Land keiner mehr das wahre Leben zu schätzen wusste. Zwar kannte er diese neuen Dinge nicht, aber er wusste, dass sie dem Menschen nicht gut taten. So wollte er den König aufsuchen und ihm seine Hilfe gegen dieses Unglück anbieten. Doch er wurde nicht empfangen, da der König keine Zeit für Besuche hatte. Glücklicherweise wusste der Prinz von der alten Frau des Königs und dass sie draußen auf dem Meer in einem Turm wohnte.

So machte er sich auf, um die böse Hexe zu stellen. Doch er hatte das Problem, dass er farbig war und so auf dem Meer sehr schnell auffiel. Er musste die Hexe also ans Land locken. Im Land des Prinzen war zu dieser Zeit gerade Ostern gewesen und so hatte er mehrere Ostereier in seinem Gepäck dabei, die als Geschenk an den König gedacht waren. Jetzt erwiesen sie sich als sehr nützlich. Er versteckte die bunten Eier überall in der Stadt und im Schloss.

Ein Bewohner fand das erste Ei, als er sich in seinem Auto aus Versehen draufsetzte. Er war verwundert über die Farbintensität und den Ort des Eis und er musste zum ersten Mal seit Jahren wieder lachen. Er lachte so viel, dass die anderen Bewohner herbeikamen und ebenfalls über das Ei staunten. Plötzlich ertönte ein weiteres Gelächter aus einem anderen Ort des Städtchens. Wieder hatte jemand ein Ei gefunden und so breitete sich die Eiersuche in jeden Winkel des Landes aus.

Die Hexe verstand die Welt nicht mehr, als sie das Lachen vom Land hörte. Sie verließ zum ersten Mal ihren Turm und kam zurück in die Stadt. Dort wartete schon der Prinz auf sie und stellte sich mit seinem Schwert in ihren Weg. Doch die Hexe schob ihn mit einem einfachen magischen Spruch beiseite.

Da kamen die Bewohner des Städtchens zusammen und stellten sich hinter den Prinzen. Jeder trug ein Lächeln auf den Lippen und ein Ei in der Hand. Gemeinsam lachten sie der Hexe entgegen und diese Wucht an Fröhlichkeit traf die böse Hexe mitten ins Herz, sodass ihre Boshaftigkeit verschwand, und weil es sonst nichts in ihrem Körper gab, starb sie und wurde vom Meer weit fortgetragen.

Währenddessen hatten sich auch der König und die Prinzessin der Eiersuche angeschlossen und als die Bewohner alle Eier gefunden hatten, legten sie sie auf einen Haufen und staunten über die unterschiedlichen Farben. Und als sie alle gemeinsam die Farbpracht bestaunten, sich hinsetzten und die Prinzessin ein Lied anstimmte, da kehrten die Farben wieder ins Königreich zurück. Die Bewohner des einst farblosen Lands lagen sich in den Armen, tanzten, lachten und der König spendierte allen ein köstliches Mahl. Am selben Abend sprach der König sein erstes Gesetz nach vielen Jahren aus. Demnach sollte das Osterfest das wichtigste Fest des ganzen Jahres sein, an dem sich die Menschen wieder bewusst werden sollten, dass es das größte Glück ist, fröhlich und nicht allein zu sein. Dieses Fest wurde stets mit prächtigen Farben und gemeinsam gefeiert. Schon bald nach diesem ersten Osterfest wurde eine große Hochzeit gefeiert zwischen dem Prinzen und der Prinzessin, die kein weißes, sondern ein Kleid in allen Farben trug.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Miriam Schneiderbauer wohnt in der Nähe von München, ist 18 Jahre alt und macht in der Freizeit gerne Sport. Sie liebt das Malen und Schreiben. Außerdem stellt sie mit viel Freude auch eigenen Schmuck her.

*

Der Osterhasenschreck

Früh am Ostersonntag hüpfte ein kleiner brauner Hase, beladen mit einem Korb voller bunter Eier, durch die Gärten. Die Sonne kroch gerade erst gemächlich aus ihrem Bett. Amsel, Meise und Rotkehlchen schmetterten ihr Lied, aber von den Menschen war noch nichts zu hören oder zu sehen.

Felix, der kleine Osterhase mit dem weißen Brustlatz, hatte Spaß daran, zu so früher Stunde unterwegs zu sein und den Kindern im Dorf die Ostereier zu verstecken. Gut gelaunt hoppelte er von einem Garten zum nächsten durch das taunasse Gras. Er kam schon seit Langem hierher und kannte sich gut aus. Später würde er sich verstecken und die Eiersuche beobachten.

Felix stellte sich vor, wie Julia und Max Freudensprünge machten, wenn sie etwas gefunden hatten. Die beiden Geschwister mochte er besonders, weil sie sich noch richtig freuen konnten. Sie malten jedes Jahr ein Bild für ihn, das auf dem Fenstersims ihres Zimmers auf ihn wartete. Er war gespannt, was sie diesmal aufs Papier gebracht hatten.

Aufgeregt sprang er mit einem großen Satz über den Gartenzaun, wie es nur Osterhasen können. Kurz vor dem Kinderzimmerfenster hielt er inne. Irgendetwas war heute anders. Schnuppernd hielt er seine Nase in die Luft, als im nächsten Moment mit lautem Wauwauwauwauwau ein kleiner schwarz-brauner Hund auf ihn zugeschossen kam. Felix machte blitzschnell kehrt und floh zurück hinter den Gartenzaun. Der Welpe verfolgte ihn kläffend.

Erst als er in Sicherheit war, hielt der Osterhase an und atmete tief durch. So ein Schreck! Da hatten Julia und Max doch tatsächlich einen Hund bekommen und er hatte es nicht gewusst. Na, das war ja gerade noch einmal gut gegangen.

„Hallo Hundi!“, sprach der Hase freundlich.

„Wauwauwau, ich bin kein Hundi, sondern Apollo vom hohen Ross! Das sind mein Haus, meine Familie und mein Garten! Hier kommt kein Hase rein. Klar, Langohr?“

Oh je, das waren ja Aussichten. Ein kleiner Wichtigtuer hatte hier Einzug gehalten. Wie sollte er denn nun die Eier verstecken?

„Apollo, hör mal. Ich bin kein gewöhnlicher Hase, ich bin der Osterhase Felix und möchte deinen kleinen Freunden Julia und Max ein paar Ostereier verstecken“, versuchte er es erneut.

„Osterhase? Da kann ja jeder kommen. Kannst du das beweisen?“, knurrte der kleine Hund und stellte die kurzen Nackenhaare auf, um größer zu wirken. Tatsächlich war er mit seinen siebzehn Wochen nur wenig größer als der Hase.

„Na schau doch hier, auf meinem Rücken der Korb mit den Ostereiern! Ist das nicht Beweis genug?“ Felix drehte sich so, dass Apollo ihn gut sehen konnte.

„Rrrrrrrr“, war die kurze Antwort.

Felix seufzte: „Bist du immer noch nicht zufrieden? Du hast wohl Julia und Max nicht gern?“

„Rrrrr. Was wagst du! Natürlich habe ich die Kinder gern, sie sind meine Freunde. Aber du nicht. Du bist ein Hase und ich bin ein Deutscher Pinscher. Meine Herren wollen keine Nagetiere wie dich hier auf dem Grundstück! Deshalb bin ich hier. Klar?“

Felix murmelte leise vor sich hin: „Deutscher Pinscher! Ein Willi Wichtig bist du. Wie kann ich dich nur austricksen?“

Laut sagte er: „Wenn du die beiden wirklich liebst, lässt du mich auch meine Arbeit hier verrichten. Was denkst du, wie traurig sie sein werden, wenn sie in den Garten kommen und kein einziges Ei finden? Soll Ostern für sie ausfallen, weil du so übereifrig bist?“

„Papperlapapp! Mach, dass du weiterkommst, Langohr. Und trau dich nicht noch einmal hinter diesen Zaun, sonst zieh ich dir das Fell über die Ohren!“, kläffte Apollo.

Felix wandte sich traurig ab. Es hatte keinen Sinn mit diesem dummen, jungen Hund zu streiten. Er musste zusehen, dass er die anderen Eier versteckte, bevor die Menschen wach wurden. Später würde er sich Gedanken machen, wie er Julia und Max doch beschenken könnte.

Als um neun Uhr die Sonne hell am Himmel stand und den Tau getrocknet hatte, standen die sechsjährige Julia und ihr zwei Jahre älterer Bruder Max hinter der Terrassentür und durchsuchten mit sehnsüchtigen Blicken den Garten.

„Komisch, sonst konnten wir von hier aus schon immer mindestens drei oder vier Verstecke sehen“, flüsterte Max.

Julia stimmte zu. „Ja. Hoffentlich sind Mama und Papa bald mit dem Frühstück fertig, damit wir raus können. Ich bin so gespannt, was wir bekommen haben.“

Als es endlich so weit war, liefen die Kinder von Apollo begleitet hinaus. Jeder von ihnen hatte ein kleines Körbchen in der Hand, um gefundene Leckereien hinein zu sammeln.

„Julia, hast du schon was gefunden?“

„Nein, du?“ Ratlos blickten die Kinder um sich. Apollo kam mit einem Stock auf sie zu gelaufen und bellte auffordernd, aber die beiden reagierten nicht. Sie sahen sich an und Julia fragte: „Meinst du, der Osterhase ist nicht gekommen, weil Apollo draußen war?“

„Quatsch, es gibt gar keinen Osterhasen! Julian sagt das auch. Mama und Papa verstecken immer die Eier. Bestimmt gibt es nichts, weil du dein Zimmer nicht aufräumen wolltest!“, gab Max wütend zurück.

Julia traten die Tränen in die Augen. „Das ist ungerecht! Du warst auch ganz frech zu Mama und Papa. Und es gibt den Osterhasen wohl! Er hat nur Angst vor Apollo!“

Max grübelte. Ob Julia recht hatte? Sie waren schon öfter nicht ganz brav gewesen, aber es hatte immer wenigstens eine Kleinigkeit gegeben zu Ostern.

„Möglich ist es. Er jagt ja alle kleinen Tiere. Logisch, dass kein Hase mehr freiwillig auf unser Grundstück kommt. Lass uns mal nachsehen, ob unser Bild weg ist.“

Die Kinder gingen zur Fensterbank ihres Zimmers. Dort lag unberührt das Frühlingsbild für den Osterhasen.

„Das ist der Beweis!“, sagte Max.

„Apollo, du bist unmöglich, du kannst doch nicht den Osterhasen vom Grundstück jagen!“, schimpfte Julia mit dem Welpen.

Der Kleine zog den Schwanz ein und lief ins Haus. Die Kinder folgten ihm und erzählten ihren Eltern, was sie vermuteten.

Gegen Mittag fuhr die Familie zu den Großeltern, die im Nachbarort wohnten. Oma hatte lecker gekocht und nach dem Mittagessen sagte Mama: „Ich finde, wir sollten eine Runde durch den Wald spazieren. Apollo muss mal raus und uns tut ein wenig Bewegung nach diesem guten Essen auch gut.“

Während die anderen Erwachsenen ihr zustimmten, murrte Max: „Och Mann, immer spazieren gehen, das ist so langweilig!“

„Ja echt, können wir nicht hier bleiben und fernsehen?“, fragte Julia.

„Kommt nicht infrage. Etwas frische Luft wird euch nicht schaden. Auf geht’s!“, erwiderten die Eltern und schoben die beiden zur Tür.

Im nahen Wald musste Apollo an der Leine laufen, was er gar nicht mochte. Er hatte die Nase immer am Boden. Roch es hier nicht nach Hase?

Plötzlich rief Julia, die vorauslief: „Max, schau mal, hier liegt ein Osterei!“

„Tatsächlich! Lass uns gucken, ob wir noch mehr finden.“

Aufmerksam sahen sie sich am Wegesrand um. Und wirklich: Sie fanden hier ein Nugatei auf einem Baumstamm, dort ein Marzipanei in einer Astgabel und sogar bunt gefärbte Hühnereier in Reisignestern. Bald mussten sie ihre Schätze in Mamas Handtasche stecken, weil in ihren Jackentaschen kein Platz mehr war.

Als sie den Wald verließen, hatten sie viel mehr Eier als in den letzten Jahren gefunden, freuten sich und hopsten fröhlich umher.

Der kleine Osterhase saß vergnügt hinter einem Baumstumpf und schaute den Kindern nach. Apollo witterte ihn und sah zu ihm hin. Wütend, weil er angeleint war, kläffte er laut. Felix zeigte ihm eine lange Nase und hüpfte davon, bevor die Menschen ihn bemerkten.

In den folgenden Jahren durfte Apollo nie am Ostermorgen in den Garten und Felix konnte die Eier von Julia und Max ungestört verstecken.

Sue Hiegemann, geb. 1969 in Leverkusen, wohnt mit ihrer Familie und vielen Tieren auf einem Vierseiten-Bauernhof im schönen Leipziger Neuseenland. Sie schreibt Geschichten für Kinder und Erwachsene sowie gelegentlich Beiträge für den Lokalteil der Leipziger Volkszeitung. Einige Kurzgeschichten wurden bereits in Anthologien veröffentlicht.

*

Kleiner Eisbär mit großem Mut

Ungeduldig hopst Snusel der kleine Eisbär von einem Fuß auf den anderen. Ach, wenn es doch endlich losginge! Papa Bär will ihn heute mit auf die Jagd nehmen. Zum allerersten Mal. Mama Bär kann leider nicht mitkommen. Sie muss sich um seinen kleinen Bruder kümmern. Der ist noch ein Baby und hat die ganze Nacht geweint. Aber das macht nichts. Babys haben auf der Jagd eh nichts verloren.

„Und bringt einen leckeren Fisch mit“, ruft Mama Bär ihnen hinterher.

Dann stampfen Papa Bär und Snusel den Schneepfad entlang. Der Korb auf Snusels Rücken schaukelt hin und her. „Lass uns laufen!“, ruft Snusel und flitzt davon. Er rennt schneller und schneller. Aber Papa Bär hat ihn bald überholt. Snusel braucht eine kleine Pause. „Ich kann nicht mehr“, schnauft er.

Papa Bär lacht, und streicht ihm über das weiche Fell. „Siehst du dahinten die Eisscholle?“, fragt Papa Bär. „Das ist ein guter Platz zum Angeln. Lass uns rüber gehen.“

Papa Bär läuft vor. Doch oh weh! Was ist das? Plötzlich knackt und rumpelt es. Laut krachend bricht die Eisscholle in zwei Teile. Papa Bär kann sich gerade noch rechtzeitig festhalten.

„Papa, Papa!“, ruft Snusel aufgeregt. „Ist dir etwas passiert?“

„Hm“, grunzt Papa Bär und hält sich seinen schmerzenden Fuß. „Ich glaube ich habe mir den Fuß verstaucht. Du bist doch schon mein großer Junge“, sagt Papa Bär liebevoll. „Du musst jetzt tapfer sein und Hilfe holen. Schaffst du das?“

Snusel nickt. Ohne zu zögern, läuft er los. Auf halben Weg dreht er sich um und ruft Papa Bär zu: „Papa, ich schaff das schon, mach dir keine Sorgen!“

Doch ihm ist ganz schön mulmig im Bauch. Bis zur nächsten Wegkreuzung ist es nicht weit. Er bleibt stehen. Ratlos schaut Snusel sich um. Die Wege sehen alle gleich aus. Woher soll Snusel wissen, welcher Weg nach Hause führt?

Plötzlich hört Snusel hinter sich ein Geräusch. Ängstlich bleibt er stehen. Doch es ist nur ein Polarhase, der aus einem Gebüsch schlüpft. „Wer bist du denn?“, fragt Snusel neugierig?

„Ich bin Hoppli, ich habe mich hier versteckt. Der Schneepflug ist nämlich im Anmarsch“, sagt Hoppli aufgeregt. „Und ich habe Angst um meine schönen Ostereier.“

Erst jetzt bemerkt Snusel die vielen bunten Eier, die sorgfältig mit Moos umhüllt, in einem Weidenkorb liegen. „Du bist der Osterhase!“, stellt Snusel erstaunt fest.

„Ja“, Hoppli nickt. „Und ich bin schon verdammt spät dran mit dem Eierausteilen. Alles nur wegen des blöden Schneepflugs. Die Kinder warten sicher schon ungeduldig“, jammert Hoppli.

Snusel lauscht in den Wald. Jetzt hört er es auch. Das Poltern und Rattern kommt immer näher. Eine riesige gelbe Schaufel schiebt sich durch die Eislandschaft.

Neugierig schaut Snusel zu, wie der Schnee an die Seite gedrückt wird. Das sieht aus wie eine Rodelbahn. Denkt Snusel belustigt und das bringt ihn auf eine Idee. „Los komm!“, ruft Snusel und rennt auf die Piste zu.

„Was hast du vor?“, fragt Hoppli verwundert.

„Das wirst du gleich sehen“, antwortet Snusel. Er greift nach dem Korb, reicht Hoppli die Hand und zieht ihn mit sich. „Jetzt zeig ich dir, wie schnell wir ins Tal kommen“, sagt Snusel. Er setzt sich auf das kalte Eis und hebt Hoppli samt Korb auf seinen Schoss. „Bitte anschnallen“, ruft Snusel übermütig, und dann zischen sie los. Blitzschnell rutschen sie die Piste hinunter. Unterwegs müssen sie ein paar Pinguinen ausweichen, die ihren Schlitten ziehen.

„Vorsicht! Vor uns die Bäume!“, schreit Hoppli ängstlich.

Erschreckt bremst Snusel mit den Füßen ab. Brennende Funken sprühen in die Luft. Haarscharf lenkt Snusel sie an den Baumgruppen vorbei. Schnee spritzt, eine Schneelawine erfasst Snusel, und er gerät ins Straucheln. Snusel verliert das Gleichgewicht und kugelt den Abhang hinunter. Im tiefen, weißen Schnee kommt er zum Stehen.

Vorsichtig wischt Snusel sich den Schnee aus den Augen und schüttelt sein Fell aus. Wo ist Hoppli? Besorgt schaut er sich um. „Hoppli, Hoppli!“, ruft er laut. Doch er bekommt keine Antwort. Snusel hebt ein paar Zweige von einem Gebüsch hoch, er durchwühlt Schneehaufen und durchsucht kleine Baumhöhlen. Doch von Hoppli keine Spur. Auch der Korb mit den Ostereiern ist verschwunden. Nur ein rotes und ein gelbes Ei liegen verlassen im weißen Schnee.

Langsam bekommt Snusel Angst. Wo kann Hoppli nur sein? Was, wenn Hoppli etwas zugestoßen ist? Er rennt tiefer in den Wald hinein, bis er auf eine Baumhütte stößt.

Plötzlich fällt ein dunkler Schatten auf Snusel. „Was machst du hier?“, fragt eine tiefe Stimme hinter ihm.

Vorsichtig dreht Snusel seinen Kopf und schaut in die Augen eines großen Walrosses. Entsetzt hopst er einen Schritt zurück. „Ähäm, ich brauche Hilfe“, stottert Snusel. „Mein Papa hat sich den Fuß verstaucht.“

Das Walross blickt ihn böse an. „Und warum kommst du da zu mir?“, fragt es mürrisch.

„Ähäm, weil du ein starkes Walross bist“, erklärt Snusel mutig. Doch sein Herz klopft wie wild.

„So, so!“, murmelt das Walross und kratzt sich an seinen Barthaaren. Es ist sichtlich geschmeichelt. Nach einer kurzen Bedenkpause sagt er: „Meinetwegen! Ich helfe dir! Aber nur unter einer Bedingung!“, fordert das Walross.

Snusel runzelt die Stirn. „Und die wäre?“

„Zur Belohnung gebt ihr mir was von euren Fischen ab.“

„Wenn es weiter nichts ist“, denkt Snusel erleichtert. „Papa hat bestimmt nichts dagegen.“ Snusel fällt ein dicker Stein vom Herzen. Er ist froh, dass er das Walross getroffen hat.

„Komm herein und wärm dich auf. Ich muss noch ein paar Sachen zusammenpacken“, sagt das Walross und öffnet die Tür. In der Baumhütte ist es schön mollig warm. Mitten im Raum steht ein großer runder Tisch. Im Kamin lodert ein Feuer. Es duftet herrlich nach Holz und frischem Fisch.

Snusels Blick fällt auf etwas weißes Wuscheliges, das in einem Korb liegt. Nur eine rosa Nase schaut vorwitzig heraus. „Hoppli!“, ruft Snusel erfreut. „Da bist du ja!“ Jubelnd fallen sich die beiden Freunde in die Arme.

„Ihr kennt euch?“, fragt das Walross erstaunt.

Schnell erzählen sie dem Walross ihre Geschichte.

„Das ist wirklich lustig“, lacht das Walross, aber jetzt müssen wir wirklich los. Es wird bald dunkel.“ Das Walross nimmt ein Seil vom Haken, bindet sich einen Lederriemen um den Bauch und befestigt einen Schlitten an der Gürtelschnalle. Dann machen sie sich auf den Weg.

„Ich kenne eine Abkürzung“, sagt das Walross. Nach einer Weile erreichen sie eine Lichtung. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf die weiße Schneelandschaft.

„Seht mal da unten“, ruft Snusel aufgeregt. „Da auf der Eisscholle, das ist mein Papa“, brüllt Snusel. Snusel ist jetzt nicht mehr zu halten. „Papa, ich komme!“, ruft er. Aufgeregt stürmt er den Abhang hinunter. Seine neuen Freunde kommen kaum hinterher.

Zufrieden liegt Papa Bär auf der Eisscholle. Neben ihm steht ein Eimer gefüllt mit frischen Fischen und Seeigeln.„Hallo, meine Retter!“, ruft er ihnen zu.

Gemeinsam schaffen sie es, Papa Bär ans Ufer zu ziehen.

„Danke!“, sagt Papa Bär. Stolz drückt er Snusel an sich. „Ihr seid alle zum großen Fischessen eingeladen. Aber zuerst müssen wir deinem neuen Freund Hoppli noch helfen die Ostereier zu verteilen“, ruft Papa Bär fröhlich und setzt sich auf den Schlitten.

„Kein Problem“, antwortete das Walross. „Ich bin der weltbeste Eierverteiler. Fröhliche Ostern“, ruft er.

Und dann ziehen sie gemeinsam den Schlitten.

Manuela Wolfermann lebt mit ihrem Mann, zwei Kinder, Katze, Kaninchen und Hund in Dortmund. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und in pädagogischen Fachzeitschriften.

*

Gibt es den Osterhasen?

„Glaubst du an den Osterhasen?“

Lisas Augen werden groß und rund. Florian steht vor ihr, beide Hände in den Hosentaschen. Lisa weiß nicht so recht, was sie antworten soll.

„Mein Bruder hat gesagt, es gibt keinen Osterhasen“, sagt Florian. „Mein Bruder ist schon sieben.“ Er zeigt die Zahl mit seinen Fingern.

„Wer bringt denn dann die Ostereier?“, fragt Lisa.

„Die Eltern malen sie an und verstecken sie heimlich.“

„Und warum gibt es dann überhaupt Ostern?“

Auf diese Frage weiß Florian keine Antwort, er zuckt mit den Schultern.

„Siehst du, das weißt du jetzt nicht, sonst weißt du ja immer alles.“

Beide wenden sich wieder ihren Bildern zu, die sie gerade im Kindergarten malen. Lisa hat einen Garten mit vielen Blumen gemalt, einen Hasen und ein Nest mit bunten Eiern. Das Bild wird sie ihrer Oma schenken. Wenn sie zu Hause ist, wird sie die Großen fragen, wie das mit Ostern ist.

„Mama, wer bringt die Ostereier?“, fragt sie am Mittagstisch. Heute gibt es Spaghetti mit Tomatensoße, ihr Lieblingsessen.

„Der Osterhase natürlich, Lisa“, sagt Mama. Lisa bemerkt, dass Mama lacht, ihr zuzwinkert und einen bedeutungsvollen Blick auf ihre jüngeren Geschwister Lena und Lars wirft, die beharrlich mit den Nudeln kämpfen.

Sie wird es selber herausfinden, denkt Lisa. Sie macht sich einen Plan. In der Nacht vor Ostern wird sie, wenn es dunkel ist, aufstehen, heimlich in den Garten gehen und dann wird sie ja sehen, wer die Eier bringt.

Am Samstagabend liest Papa noch eine Gutenachtgeschichte vor, dann macht er das Licht aus. Lisa hat ihre Taschenlampe auf den Tisch neben ihrem Bett gelegt: Sie wird sie mitnehmen, wenn es soweit ist.

Plötzlich steht Lisa mit ihrer Taschenlampe im Garten, aber der Garten ist anders als sonst, dunkel und geheimnisvoll. Sie geht über den Kiesweg, die Steine knirschen unter ihren Füßen. Der Garten hat keinen Zaun mehr, er geht in eine Wiese mit Bäumen über. Sie hört ein Rascheln im Gras und glaubt ihren Augen nicht zu trauen – im Schein ihrer Taschenlampe sieht sie eine Hasenfamilie: zwei große Hasen und drei winzige Hasenkinder.

„Seid ihr vielleicht die Osterhasen?“, fragt Lisa.

„Sehen wir so aus?“, fragt der größte zurück. „Die Menschen erzählen ihren Kindern die Geschichten vom Osterhasen. Aber wir können doch gar keine Eier legen, meine Frau hat letzte Woche drei Junge zur Welt gebracht. Jedes Kind weiß, dass die Hühner die Eier legen. Denen würden wir nie ihre schönen Eier wegnehmen, das tun doch schon die Menschen. Sie kochen sich Frühstückseier und an Ostern tauchen sie sie in Farbe und verstecken sie für ihre Kinder.“

Nachdenklich geht Lisa weiter. Die Bäume werden dichter, sie gelangt in einen Wald. Auf einer Lichtung steht eine weiße Bank, darauf sitzt ein junges, wunderschönes Mädchen mit langen blonden Haaren und einem glitzernden Kleid in Pink. Es erinnert Lisa an die Prinzessin in ihren Lieblingsbüchern. „Setz dich zu mir, Lisa“, sagt das Mädchen. „Was machst du so allein im Wald?“

„Ich wollte den Osterhasen suchen, aber ich habe nur eine ganz normale Hasenfamilie gesehen. Die hatten nicht einmal Farben bei sich.

„Möchtest du wissen, warum wir Ostern feiern?“, fragt die Schöne. „So genau weiß ich das auch nicht, aber ich glaube, wir feiern den Beginn des Frühlings. Das Gras wird grün, die Blumen beginnen zu blühen, die kleinen Hasen und Lämmer werden geboren. Die Menschen freuen sich darüber und schenken sich etwas, Schokoladeneier, Osterhasen und gefärbte Eier.“

„Ich mag am liebsten Marzipan-Eier“, sagt Lisa und geht weiter.

Nach einer Weile kommt sie zu einer Buche, unter der ein alter Mann auf einem Baumstamm sitzt, er hat ein freundliches Gesicht. „Setz dich zu mir“, sagt der Mann und rückt ein bisschen. „Du möchtest eine Antwort auf die Frage haben, warum wir Ostern feiern, stimmt’s?“

„Ja, aber woher weißt du das?“

„Ich weiß, was die Menschen denken. Ich bin viel in der Welt herumgekommen und die Menschen haben mir Geschichten erzählt. Also mit Ostern ist das so: Die Christen feiern Ostern, weil Jesus am Ostermorgen auferstanden ist. Zwei Tage vorher, am Karfreitag, ist er gestorben. Als Zeichen der Trauer schweigen an diesem Tag an vielen Orten die Kirchenglocken und am Ostersonntag klingen sie dann besonders schön und feierlich“, erklärt der alte Mann.

„Die Geschichte mit Jesus hat uns die Manuela im Kindergarten auch schon erzählt“, meint Lisa nachdenklich. „Dann wird sie wohl stimmen.“

„Aber jetzt geh schnell nach Hause, Lisa, und feiere mit Mama, Papa, Lena und Lars ein schönes Osterfest.“

„Auf Wiedersehen!“, ruft Lisa ganz laut und winkt, als sie über den Waldweg hüpft.

„Lisa, du hast geträumt.“

Mama steht neben ihrem Bett und streicht ihr über die Haare. Draußen ist es schon hell und die Sonne scheint in ihr Zimmer.

„Zieh dich schnell an, Lena und Lars wollen Ostereier suchen.”

„Au ja“, ruft Lisa, „hoffentlich sind Marzipan-Eier dabei!“

Hanna Rein wurde 1948 in Kassel geboren und wohnt jetzt in Bornheim. Sie hat Germanistik und Geografie studiert und 30 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Seit Kurzem schreibt sie Geschichten und Gedichte, von denen einige in Anthologien erschienen sind.

*

Karla und der Osterhase

Karla ist neun Jahre alt und hat lange, schwarze Haare, die sie meist zu Zöpfen geflochten rechts und links über den Ohren baumeln hat. Ihre Nase ist übersät mit Sommersprossen. Wenn sie lacht, kann man erkennen, wie die kleinen Punkte auf ihrer Nase tanzen, und das tun sie viele Male am Tag. Überhaupt ist Karla ein sehr fröhliches Kind.

Die Leute sagen, sie sei behindert. Einige nennen es „Down-Syndrom“, andere „Trisomie 21“ und wieder andere sagen Wörter, die überhaupt nicht schön klingen. Wenn Karla mit ihrer Mutter über die Straße geht, werden sie oft mitleidig angesehen, aber das stört die beiden längst nicht mehr. Auch Karlas Papa und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Martin bemerken es nicht mehr, denn die ganze Familie weiß, Karla ist ein ganz besonderer Mensch. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass ausgerechnet ihr die Geschichte mit dem Osterhasen passiert ist.

Karla wohnte mit ihrer Familie in einem hübschen, kleinen Haus direkt am Wald. Um das Haus herum war ein großer Garten, in dem sich viele Tiere tummelten. Da gab es fünfzehn Hühner und einen Hahn, mehrere Katzen, zwei kleine Pferde und Samson, den Hofhund.

Karla spielte gerne im Garten, weil man dort so richtig toben kann. Meist hatte sie ein paar Freundinnen dabei, aber an diesem besonderen Tag im letzten Jahr, war sie ganz allein. Etwas langweilig war ihr, denn auch ihre Mutter hatte an diesem Tag keine Zeit mit ihr zu spielen. So lief sie etwas unschlüssig im Garten herum, kickte einen Stein vom Weg und schaukelte ein wenig in der großen Hollywoodschaukel am Waldrand. Plötzlich hörte sie eine leise Stimme. „Hey, du! Bist du allein?“

Karla erschrak, denn normalerweise kam hier kein Mensch entlang. Sie sprang auf und spähte in den Wald. Hinter einem Baum hervor ertönte wiederum die Stimme: „Hier bin ich, hinter der großen Eiche! Siehst du mich denn nicht?“

Karla lief auf den dicken Baum zu und sah dahinter. Und da saß er! Er sah sie freundlich an und Karla wusste sofort: „Das ist der Osterhase!“

Er hatte viele bunte Flecken, die wohl noch vom Eierfärben zurückgeblieben waren. Sie freute sich riesig, denn gerade in diesem Jahr hatte ihr Bruder Martin erzählt, dass es den Osterhasen gar nicht gäbe. Sie war erst sehr enttäuscht, hatte dann aber beschlossen ihm nicht zu glauben, denn wer sonst könnte die Eier so schön anmalen und wer sonst konnte wissen, dass sie sich diese wunderschöne Puppe gewünscht hatte.

Karla hüpfte fröhlich auf den Hasen zu und rief: „Es gibt ihn doch, es gibt ihn doch!“

„Pssst!“, machte der Osterhase und sah sich erschrocken um. „Sei doch bitte nicht so laut! Ich möchte nicht, dass mich jemand hier findet. Könntest du mir helfen, mich zu verstecken?“

Karla schaute erstaunt drein. „Warum willst du dich denn bei mir verstecken?“, fragte sie verwundert.

„Na, weil doch jetzt die Jäger wieder unterwegs sind! Was meinst du, wie enttäuscht die Kinder wären, wenn die Jäger mich erwischten und es zu Ostern keine Eier mehr gäbe!“

Das leuchtete Karla ein. Sie überlegte. Dann fiel ihr plötzlich der alte Kaninchenstall ein, der noch im Schuppen stand. „Willst du da wohnen, bis die Jäger wieder weg sind?“, fragte sie den Osterhasen.

„Oh ja, das ist eine sehr gute Idee.“ Der Osterhase war mehr als begeistert. „Ich hole nur eben meine Sachen!“ Schon war er wieder im Wald verschwunden.

Es dauerte sehr lange und Karla hatte schon Sorge, er würde nun doch nicht in den alten Kaninchenstall einziehen, aber da raschelte es im Unterholz und der Osterhase war wieder da. Er hatte einen kleinen Jutesack bei sich, in dem seine paar Habseligkeiten verstaut waren. So ein Osterhase braucht ja nicht viel. Ein paar Pinsel und Farbtuben, einen Lappen und drei Eierbecher waren im Sack.

Karla zeigte ihm den Stall und holte gleich ein bisschen Heu, um es dem Gast schön gemütlich zu machen. Der Osterhase rekelte sich bequem zurecht und schlief dann gleich ein.

Karla lief schnell zu ihrer Mutter, um ihr von dieser tollen Neuigkeit zu berichten. „Mama, Mama, hör mal, ich habe den Osterhasen gesehen!“, rief sie. Upps, da war es passiert! Sie durfte doch nicht erzählen, wer da jetzt im Kaninchenstall wohnte!

Zum Glück glaubte ihre Mutter ihr kein Wort: „Ach, Schatz, das gibt es doch gar nicht. Der Osterhase läuft doch jetzt nicht mehr herum. Der kommt erst zu Ostern wieder.“

Puuh, Glück gehabt! Karla polterte ein schwerer Stein vom Herzen. „Aber Mama, einen Hasen habe ich doch gesehen!“, erzählte sie dann begeistert. „Komm mal mit in den Stall!“

Widerwillig folgte ihre Mutter ihr, denn sie hatte noch eine Menge zu tun. Dann aber staunte sie nicht schlecht, als sie den bunten Hasen da in dem kleinen Stall friedlich schlafen sah. „Karla!“ rief sie: „Du verblüffst mich immer wieder aufs Neue. Wie hast du das denn fertiggebracht? Hasen sind doch so scheu!“

Karla strahlte und erzählte, wie der Hase sie gebeten hatte ihr ein Versteck vor den Jägern zu zeigen, und wie sie ihm geholfen hatte.

„Na, da hast du aber eine gute Tat getan diesen kleinen Hasen vor den Jägern zu retten. Hat dir Papa von den Jägern erzählt? Ich hoffe, du hast keine Angst bekommen!“ Trotz der Sorge musste Mama schmunzeln. Sie nahm Karla in die Arme und drückte sie ganz fest.

In den nächsten Wochen halfen Papa und Martin, den Osterhasen zu versorgen. Auch die beiden glaubten nicht an die Geschichte vom Osterhasen.

Na, Gott sei Dank!

Die Zeit verging, die Osterzeit rückte näher und der Osterhase wurde unruhig.

„Liebe Karla!“, sprach der Hase eines Morgens zu ihr. „Du musst mich jetzt raus lassen! Ich habe noch sehr viel zu tun, damit alle Kinder zu Ostern ihre Eier bekommen. Es besteht jetzt auch keine Gefahr mehr für mich, denn die Zeit der Jagd ist vorbei. Ich bin dir sehr, sehr dankbar für deine Hilfe und würde gerne bald wiederkommen!“

Karla nickte. Sie war zwar etwas traurig, aber sie sah auch ein, dass die Arbeit zu Ostern getan werden musste. Also nahm sie den Hasen aus dem Stall und trug ihn mitsamt seinem Jutesack zum Waldrand, wo sie ihn im letzten Jahr erst kennengelernt hatte. „Tschüss!“, rief sie ihm unter Tränen nach und der Osterhase verschwand schnell im Unterholz.

Als sie zu ihrer Mutter in die Küche kam, hatte sie rot verweinte Augen. Mama nahm sie sofort auf ihren Schoß und fragte: „Karla mein Schatz, was ist denn los?“

Karla schniefte und antwortete dann: „Ach Mama, der Osterhase ist weggegangen, weil er doch soviel Arbeit hat. Deshalb bin ich so traurig!“

„Hat denn jemand den Stall offen gelassen?“, rief Mama entsetzt und sprang auf. Beinahe wäre Karla hingefallen. Dann liefen sie schnell zusammen in den Garten, weil Mama glaubte, der Hase sei vielleicht noch in der Nähe und man könne ihn wieder einfangen.

In diesem Jahr hat Karla ein paar besonders schöne Ostereier und das dicke Buch über Hasen bekommen, dass sie sich gewünscht hat. Martin hat ihr wieder erzählt, dass nicht der Osterhase, sondern ihre Eltern die Sachen besorgt hätten. Aber Karla weiß es jetzt genau: Das sind die Geschenke vom Osterhasen! Sie freut sich schon jetzt darauf, dass ihr neuer Freund bald wieder in sein Winterquartier einziehen wird.

Hildegard Weigel-Stodt wurde 1964 im Ruhrgebiet geboren. Heute lebt sie mit ihren beiden Kindern und ihrem Ehemann in einem kleinen Dorf in Wittgenstein. Nach einer Ausbildung zur Schauwerbegestalterin und einem Germanistik Studium, ist sie heute Hausfrau und arbeitet nebenberuflich unter anderem als Texterin für eine Agentur. Seit 2005 schreibt sie Kurz- und Kindergeschichten, von denen einige bereits in Anthologien und in der Zeitung erschienen sind.

*

Die Osterbäumchen

„Das kann doch nicht wahr sein.“ Entsetzt blickte Clemens Langohr auf seine besten Läufer, die mit verbundenen Füßen und hängenden Ohren vor ihm saßen. „Wie oft habe ich euch schon gesagt, dass ihr zum Beginn der Osterzeit ganz besonders aufpassen und auf eure Gesundheit achten müsst. Wer soll denn jetzt die fertig bemalten Eier den vielen Kindern ins Nest legen, wenn ihr nicht laufen könnt?“

Clemens Langohr war Bürgermeister in Osterhausen. Auf ihm lastete eine große Verantwortung. Er musste sich um die gesamte Organisation des Beschaffens, Färbens und der Auslieferung aller Ostereier kümmern. Ständig reiste er durchs ganze Land, um mit den Osterhausener Hennen zu verhandeln. Monatelang hatten dann seine Mitarbeiter fleißig gearbeitet und alle angelieferten Eier in den prächtigsten Farben bemalt. Sogar aus dem benachbarten Ausland, von den niederländischen Osterinseln, hatten sie in diesem Jahr welche bekommen. Und jetzt standen die großen Kiepen mitten auf dem Rathausplatz und waren voll bepackt mit schön gefärbten Kunstwerken. Da gab es rote, grüne, blaue, gelbe – ja selbst gestreifte, gesprenkelte und marmorierte Eier schillerten im strahlenden Sonnenlicht. Damit diese auch rechtzeitig zum Fest an ihrem Bestimmungsort ankamen, wurden die schnellsten Läufer der Hasengemeinde auserwählt, um die Ostereier sogar in weit entfernte Gebiete zu tragen.

„Das wird manchenorts ein trauriges Osterfest werden, wenn dort die Nester leer bleiben“, überlegte der Hasenbürgermeister. Er dachte an die vielen enttäuschten Gesichter der Menschenkinder, die heuer keine bunten Eier, unter Büschen und im Gras versteckt, finden würden. Betrübt wandte er sich ab und ging ins Rathaus zurück.

Die gescholtenen Osterhasen sahen schuldbewusst in die erbosten Gesichter der anderen Langohren, die neugierig herbeigeeilt waren, um zu erfahren, was denn auf dem Rathausplatz für ein Aufruhr war. Das hatten sie nun davon. Warum mussten sie auch ausgerechnet kurz vor Ostern durch den Wald laufen und übermütig Haken schlagen, wo sie doch ganz genau wussten, dass zwischen den Bäumen allerlei Unrat herumlag. Dieser war von den Menschen dort weggeworfen oder nach einem Picknick einfach vergessen worden. Wen verwundert es deshalb, dass die Rammler aus Versehen in die Scherben kaputter Flaschen getreten waren und sich dabei die Läufe verletzt hatten. Sie schämten sich sehr, denn nun konnten sie beim Verteilen der bunten Ostereier nicht mithelfen.

„Ihr seid eine Schande für ganz Osterhausen“, ereiferte sich ein betagter Hase, der arg von Gicht geplagt war und sich auf seinem Stock abstützen musste.

Ein anderer schlug sich stolz auf die Brust und zeigte auf eine glänzende Medaille, die ihn als besten Läufer seines Jahrgangs auszeichnete. „So etwas wäre uns früher nie passiert!“, rief er aufgebracht und erntete beifälliges Gemurmel. Alle wetterten gegen die Schuldigen und ließen kein einziges gutes Fellhaar an ihnen.

Der kleine Hase Springinsfeld hatte Mitleid mit den Unglückseligen und suchte fieberhaft nach einer Lösung des Problems. Plötzlich bemerkte er eine Schar Graugänse, die gackernd über den Rathausplatz hinwegflogen.

Ungestüm zupfte er am Rocksaum seiner Mama, einer etwas molligen Hasendame, die gespannt dem Unmut der übrigen Hasengemeinde zuhörte. Endlich beugte sie sich zu ihm herab. Erstaunt lauschte sie, was Springinsfeld ihr in die Hasenlöffel flüsterte. Sie nahm den Kleinen auf den Arm und rannte, so schnell es ihre Hasenkörperfülle zuließ, ins Rathaus.

Völlig außer Atem stürmte sie in die Amtsstube von Clemens Langohr. „Herr Bürgermeister, Herr Bürgermeister! Das ist die Lösung!“

Das Gemeindeoberhaupt war bass erstaunt, als es die schnaufende und schwitzende Hasenmama mit dem kleinen Springinsfeld vor sich stehen sah.

„Na los, Springinsfeld, erzähl dem Herrn Bürgermeister von deiner Idee“, ermunterte die Häsin ihren Sohn.

„Ich … äh, ich dachte …“, stotterte Springinsfeld vor Aufregung. „Ich dachte, wir könnten doch die Vogelschar bitten, uns bei der Eierauslieferung behilflich zu sein.“

„Die Vögel? Aber wieso denn die Vögel?“, fragend schaute das Oberhaupt der Hasengemeinde den Kleinen an und kratzte sich nachdenklich zwischen den langen Ohren.

„Weil Vögel doch fliegen und deshalb auch weite Strecken in kurzer Zeit zurücklegen können“, erwiderte Springinsfeld zaghaft.

Der Bürgermeister sprang hinter seinem Schreibtisch hervor und verschränkte die Vorderpfoten auf dem Rücken. Er lief von einer Seite des Raums zur anderen und von dort wieder zurück. Zwischendurch hielt er kurz an, runzelte die Stirn, um gleich darauf seine Runde fortzusetzen. Währenddessen war in der Amtsstube kein Laut zu hören. Plötzlich blieb Clemens Langohr abrupt stehen.

„Ja, natürlich! Du hast recht! Versuchen können wir es!“, stimmte er schließlich zu.

Sogleich machte er sich auf den Weg, um Springinsfelds Idee den Vögeln vorzutragen.

Und so kam es, dass am Ostersonntag die Spaziergänger nicht schlecht staunten, als sie in vielen Vorgärten Bäumchen entdeckten, die mit kunstvoll bemalten Eiern behängt waren. Kein Wunder, denn den Vögeln war es unmöglich gewesen, die Eier unter den Büschen und im Gras zu verstecken, so wie es gewöhnlich die Hasen an Ostern taten.

Marika Krücken, geboren 1953 in Uelzen bei Hannover, lebt mit ihrer Familie in Köln. Seit 1985 schreibt die Hobbyautorin Kindergeschichten. Inspiriert durch ihre Patenkinder und ihre Tochter, entstand eine Sammlung kleiner Geschichten, die sie in ihrem Buch Traumzeit-Geschichten mit dem Titel „Winterträume“ vorstellt. Ihr erstes Buch „Geschichten von Siebenpünktchen“ wurde im Jahr 2005 veröffentlicht. Seit dieser Zeit hat die Autorin an verschiedenen Anthologien teilgenommen. „Eine Reise nach Moskau“, ein Lehrbuch für den Deutschunterricht in Russland, erschien 2008.

*

Oster-Anna

Ich heiße Anna. Obwohl ich kein Fisch bin, kam ich in einem Aquarium zur Welt. Und das war so:

Eine Hand holte mich eines Tages aus dem Nest meiner Mutter und sagte: „Frieda, meine Enkelin möchte gerne ein Küken aus dem Ei schlüpfen sehen. Da, du noch keine Lust, zum Brüten hast, werde ich ein Experiment wagen.“

Mutter Frieda nickte mit dem Kopf: „Go,go,go.“

„Experiment. Was mag das sein?“, dachte ich.

Das Experiment bedeutete, dass ich statt in einen Brutkasten in ein Aquarium gelegt worden bin. Darin lag ich auf einem mit Federn ausgepolsterten, weichen Bett. Jeden Tag drehte meine Ziehmutter mich morgens, mittags, nachmittags und abends einmal um. Dies tat sie, damit ich nicht an meinem Haus kleben blieb. Sie sorgte auch dafür, dass sich genug frische Luft und Feuchtigkeit in meinem Glaszimmer befanden. Sie prüfte die Temperatur, da mein Glaszimmer immer warm sein musste.

Meine Ziehmutter konnte ich nicht sehen, da mein angeborenes Haus hart und nicht durchsichtig war. Aber ich hörte ihre Stimme. Eines Tages nahm sie mich aus dem Glashaus heraus und legte mich auf eine harte Unterlage. Es wurde hell in meinem Haus. Ich lag auf einem kleinen Leuchttisch.

„Schau. Da ist das kleine Kükenherz. Siehst du die kleinen Adern?“, fragte meine Ziehmutter.

„Warum bewegt sich das Herz?“, fragte ein Kind.

„Es pumpt das Blut durch die Adern, damit es leben und wachsen kann“, erklärte meine Ziehmutter.

„Oma darf ich es auch mal halten?“ Das Kind nahm mich in seine Hände, streichelte meine harte Schale und legte mich vorsichtig in das Glashaus zurück. Es wurde wieder dunkel.

Einmal erlebte ich ein tolles Abenteuer. Ich wurde in ein warmes Wasserbad gelegt und mein Haus schaukelte hin und her. Ich fand das lustig.

Das Kind lachte: „Das Ei schwimmt wie ein Boot auf dem See.“

„Das bedeutet, dass das Küken lebt und gesund zur Welt kommt“, sagte meine Ziehmutter.

Danach kam ich wieder in das Glashaus zurück. Irgendwann bemerkte ich, dass mein Haus kleiner geworden war. Ich konnte mich nicht mehr so gut darin bewegen und ich beschloss endlich mein enges Haus, zu verlassen.

Doch es war nicht so einfach. In meinem Haus gab es keine Türen und keine Fenster. Ich pickte mit meinem Eizahn erstmal ein Guckloch. Das war eine schwere Arbeit. Es hat einen ganzen Tag gedauert und danach war ich sehr müde. Am nächsten Tag machte ich mit lautem Piepsen meine Ziehmutter auf mich aufmerksam.

Sie stand an meinem Glashaus und sagte: „Streng dich an. Bald hast du es geschafft.“

„Die hat gut reden“ dachte ich. „Sie weiß ja nicht, wie hart mein Haus ist.“

Ich hackte weiter mit meinem Eizahn gegen die harte Mauer und plötzlich bekam mein Haus Risse.

„Oma die Eierschale ist kaputt gegangen“, rief das Kind.

„Das ist gut so“, sagte meine Ziehmutter.

Ich wollte so schnell wie möglich raus. Aber es dauerte noch eine ganze Nacht und fast einen ganzen Tag. Schließlich drückte ich ganz fest mit meinen Füßen an die Innenwand und die Schale krachte entzwei.

„Oma, Oma!“ Das Kind hüpfte in die Luft. „Es ist da!“

„Ich bin frei“, rief ich und sah endlich meine Ziehmutter und das Kind. „Herzlich willkommen auf dieser Welt“, sagte sie.

Das Kind sagte: „Oma, guck mal. Da ist unser Osterküken.“

„Ja“, sagte meine Ziehmutter.

„Guck mal Oma. Das Küken hat aber große Füße. Und schwarze Augen. Und das Kleid ist so gelb, wie die Sonne. Es soll Oster-Anna heißen“, sagte das Kind.

Gleichzeitig hörte ich meinen Bruder Tom piepsen. Er wollte auch aus seinem engen Haus heraus.

Im Aquarium wurde die Luft plötzlich sehr feucht, und so nahm mich meine Ziehmutter heraus. Legte mich in einen Karton unter eine Rotlichtlampe. Das tat gut. Mein nasses Kleid trocknete schell. Das Kind nahm mich aus der Kiste heraus und streichelte mein Kleid und sagte. „Das Kleid ist so kuschelig.“

Nun schlief ich die ganze Nacht. Am nächsten Tag lag Tom auch in meinem Karton, aber das gefiel mir gar nicht. Wie kam er dazu, in meine Villa einzudringen? Und ich pickte auf ihn los. Das gefiel unserer Ziehmutter nicht. Wir bekamen getrennte Häuser. So standen zwei Kisten unter der warmen Lampe.

Am nächsten Morgen flogen wir aus den Kisten heraus und liefen durch die Wohnung herum.

„Oma, warum können sie schon so schnell laufen? Bei Babys dauert es ganz lange, bis sie laufen können.“

„Hühner sind Nestflüchter. Das bedeutet, dass sie nach dem Schlüpfen aus dem Ei sofort alleine trinken, essen und laufen können. Wir Menschen sind auf unsere Mamas angewiesen“, sagte unsere Ziehmutter.

Flugs bekamen wir einen großen Käfig. Und wurden nach draußen gebracht. Das Kind stellte einen kleinen Teller mit gutem Kükenfutter und eine kleine Schüssel mit frischem Wasser in den Käfig dazu. Dann machte es sich auf die Suche nach Regenwürmern.

Ab und zu durften wir frei in dem großen Garten herumlaufen. Hier fanden wir feines Gras und auch kleine Würmer. Der Besuch wurde von uns beiden genau untersucht. Wir flogen den Menschen auf die Schuhe und auf ihre Köpfe. Der Tisch und der Osterkuchen waren auch nicht sicher vor uns. Da war es unserer Ziehmutter zu viel und sie setzte uns in den Käfig zurück.

Die Kükenzeit war schnell vorbei und mein Kleid färbte sich weiß und das von Tom schwarzbraun. Wir zogen in den großen Hühnerstall zu unseren großen Schwestern und Brüdern. Sie haben uns natürlich zuerst nicht gemocht. Sie pickten auf unsere Köpfe. Zum Glück beschützte uns ein bunter Hahn. Er tanzte sehr elegant um mich herum und das gefiel mir sogar. Bald gehörten wir zu der Hühner Familie.

Brigitte Meertens wurde 1940 in Eberwalde geboren. Dreißig Jahre hat sie im Kindergarten gearbeitet. In ihrer Freizeit schrieb sie für Fachzeitschriften für Erzieherinnen Kindergeschichten, Gedichte, Rhythmikspiele und Erfahrungsberichte. Im Jahre 2000 ging sie in den (Un)Ruhestand und erarbeitet seitdem Projekte für die praktische Arbeit mit Kindern. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter und zwei Enkelinnen und wohnt jetzt mit ihrem Mann in Herzogenrath. I

*

Der Jesus in mir

Hatte Jesus eigentlich mal Liebeskummer? Interessante Frage, immerhin wird ihm eine Liaison mit Maria Magdalena nachgesagt. Und wenn ja – musste er dann heulen? Oder hatte ihm Papa Gott einen super Kniff mitgegeben, der Liebeskummer in Wein verwandelte? Viel interessanter ist aber: Warum beschäftigte mich das? Gute Frage. Ich saß am Karfreitag in der Kirche, Jesus hing am Kreuz vor mir und ich heulte. Nicht, weil mir der Gute so leidtat, sondern weil mich Torsten, mein Freund, heute Morgen per SMS abserviert hatte. Also müsste es auch konkret Ex-Freund heißen, was mich aber nur noch lauter schluchzen ließ. Sehr zum Unbehagen meiner Eltern übrigens, der Rest der Gemeinde dachte wohl, ich nahm tiefe Anteilnahme an Jesus’ Weg zum Kreuz. Doch hey, so leid es mir wirklich für ihn tat, Jesus war über 2000 Jahre tot, wenn man der Bibel Glauben schenken durfte. Und ich lebte im Hier und Jetzt. Hier und jetzt war mein Herz zerbrochen oder, um die hoffentlich letzte Metapher zu schaffen, festgenagelt worden.

Nach eineinhalb Stunden des Rumheulens (vom Pfarrer und mir) fiel ich wieder in mein Bett und malte mir die gruseligsten Möglichkeiten aus, mich an Torsten zu rächen. Falls er jemals heiraten würde, würde ich die sein, die an der Oder-für-immer-verstummen-Stelle in die Kirche rannte und schrie „Ich habe etwas gegen diese Ehe! Er ist ein Arschloch!“

Kurzfristiger gedacht könnte ich auch das Gerücht in die Welt setzen, dass er nur so gut in Chemie war, weil er auf unsere Lehrerin stand und für sie lernte. Sie hatte die Steinzeit schon mit erlebt und war ein Drache. Aber das ist eine andere Geschichte. Aber zunächst einmal weinte ich mein Kissen solange voll, bis es fast triefte.

Dann muss ich wohl irgendwann einfach eingeschlafen sein und wild geträumt haben. Ich glaube nicht an Visionen oder so, aber hey – ich war so verzweifelt, dass ich diese genoss. Denn da war ein Engel, der sah irgendwie aus wie Veronica Ferres. Vielleicht etwas jünger. Und mit sanfter Stimme sagte sie: „Fürchte dich nicht.“

Ich dachte mir: Na, das kennst du doch. Irgendwo ist ein Jesuskind geboren worden.

Wider Erwarten sagte aber der Engel. „Du bist mit deinem Schmerz nicht allein. Jeder Mensch hatte schon einmal Liebeskummer.“

„Ach ja. Sehr tröstlich, vielen Dank.“

Der Engel blickte mich mit dem typischen Veronica-Ferres-Gesicht an, was mir sagen sollte: Kindchen, du musst noch viel lernen. „Ich könnte dir sagen, dass es nicht dein Mann fürs Leben war, aber das weißt du selbst. Ich könnte dir sagen, dass du bald wieder verliebt bist, aber das lindert deinen Schmerz nicht. Ich könnte dir sogar sagen, wann du heiraten, Kinder kriegen und sterben wirst. Aber weißt du was? Das macht das Leben eben aus. Es gibt nicht nur Hochs, sondern auch Tiefs. Das ist der Sinn des Lebens. Nämlich das Leben selbst.“

Ich nickte und fragte mich, aus welchem Ratgeber sie das wohl hatte. Und dann, ob sie Gedanken lesen konnte. Als würde sie es können, lächelte sie verschmitzt. „Wird es lange dauern, bis es mir wieder besser geht?“

Wieder grinste sie mich verschmitzt an. „Schneller als du denkst.“

Und das war’s. Dann war der Engel weg und ich wachte wieder auf. Vorsichtig tastete ich mein Gesicht ab, meine Arme, meinen Bauch. Alles da, alles fühlte sich so an wie immer – auch der Liebeskummer. Na toll, dachte ich, jetzt fantasiere ich mir schon so einen Kram zusammen, und dass nur wegen eines Kerls, mit dem ich zwei Monate gegangen war. Was er wohl jetzt tat? Bestimmt nicht das dritte Päckchen Taschentücher vollrotzen. Er guckte wahrscheinlich fern oder machte was mit seinen Freunden. Und ich? Schnappte mir mein nächstes Taschentuch.

Zwei Tage war Karfreitag nun her, es war Ostersonntag. Wieder Kirche. Irgendwo in der Ferne zwitscherten Vögel, die Orgel übertönte sie aber fast immer. Die Sitzbänke waren hart, meine Eltern blickten erwartungsvoll zu mir. Würde ich gleich wieder anfangen zu weinen? Nein, würde ich nicht! Angeblich gibt es diese fünf Phasen der Trauer: Verneinung, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Was wohl Jesus Familie, die noch mitten in der Trauerarbeit war, gedacht hatte, als er plötzlich auferstand? Bei mir war es eher so, dass ich Torsten zu Grabe getragen, das Kreuz abgeworfen hatte und nun wieder aufstehen konnte. Theoretisch. Praktisch war ich war noch irgendwo zwischen Verhandeln und Depression, auch wenn die Akzeptanz schon mal so ab und an ein Stelldichein gab. Kurzum: Ich weinte nicht mehr so oft, fühlte mich nicht mehr wie ein Häufchen Elend und wollte nicht mein Leben lang heulen. Trotz allem hatte ich so einen säuerlichen Geschmack im Mund, wenn ich an Torsten dachte. Aber hey! Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, das Christentum auch nicht und die Säkularisierung geschah auch nicht von heute auf morgen. Oder, wie mein Vater sagen würde: Gut Ding braucht Weile.

Alexander Karl, Jahrgang 1989, studiert in Tübingen Medienwissenschaft und Geschichte. Er schreibt gerne Kurzgeschichten und Bücher, spielt derzeit Handball und macht gerne etwas mit seinen Freunden.

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Hexe Rosina und der verzauberte Osterhase

Rosina saß am Küchentisch, eine dampfende Tasse Kakao in den Händen. Die roten, langen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Missmutig starrte sie in die Flamme der Kerze, die vor ihr auf dem Tisch stand und die Küche flackernd erhellte. Dann las sie, bestimmt schon zum 100. Male, den Brief, der vor drei Tagen mit der Rabenpost kam.

Liebe Hexentochter,

wir vom Hexen-Rat wissen nicht weiter. Weil wir Wildisbrand nicht in den Hexen-Rat aufgenommen haben, will sie sich rächen. Sie hat den Osterhasen verzaubert, um unser Fest zu ruinieren. Er ist weit und breit nicht zu finden. Dieses Rätsel hat sie uns geschickt: Was ist rot und trägt eine magische Zahl auf dem Rücken? Was ist flink und schnell? Vorher zu viert, dann zu sechst oder mehr? Was ist weiß oder braun und fast rund, sehr empfindlich? Der Rätsel Lösungen bringen, mit den ersten Sonnen-Strahlen am Frühlingsmorgen, den Osterhasen zurück.

Schau bitte in meinen Büchern nach, ob du etwas dazu findest. Ariadne kann dir sicher helfen. Passt sie auch gut auf dich auf? Es wird leider noch etwas dauern, bis ich nach Hause kommen kann. Liebste Hexengrüße

Deine Mama

Über den Tisch krabbelte eine große Spinne auf Rosina zu. Das weiche Fell auf ihrem Rücken glänzte golden im Kerzenschein. Es war Ariadne, der gute Hausgeist. Jede Hexenfamilie hat einen Beschützer, der auf Haus und Familie aufpasst.

„Rosina-Kindchen“, sagte Ariadne, „willst du nicht langsam ins Bett gehen? Mitternacht ist schon lange vorbei.“

„Aber Ariadne. Bei Sonnenaufgang ist die Frist vorbei. Ostern ohne Osterhase. Ohne Eiersuchen. Kein Hexenfest mit Osterfeuer. Mir muss noch etwas einfallen. Haben wir wirklich alle Bücher durchgesehen?“, fragte Rosina.

Ariadne nickte. Traurig blickte Rosina aus dem Fenster.

Auf der Fensterbank stand eine Primel mit rosa Blüten. Ein kleiner Käfer saß auf einem ihrer Blätter. Rosina ging hin und hielt ihre Hand dem Marienkäfer hin, sodass er hinaufkrabbeln konnte.

„Wie alt du wohl bist?“ Sie zählte die Punkte auf seinem Rücken. Sieben Jahre. Sieben? Das war die magische Märchenzahl: sieben Zwerge, sieben Fliegen auf einen Streich, sieben Geißlein …

„Ariadne, das ist es. Die Lösung des ersten Rätsels: Ein Marienkäfer!“, rief Rosina.

„Gut gemacht, Kindchen! Zieh schnell einen Bindekreis, sonst fliegt er davon.“

Rosina setzte den Käfer auf ein Blatt. Dann malte sie mit dem Zeigefinger einen Kreis um ihn und sprach:

„Marienkäfer flieg’ nicht weg,

brauch’ dich für ’nen guten Zweck.“

Dort, wo ihr Finger das Blatt berührt hatte, erschien ein goldenes Leuchten und bildete einen Kreis. Der Käfer blieb nun ruhig auf der Stelle sitzen.

„Toll gemacht, Rosinalein. Das war sehr gut für eine Nachwuchs-Hexe“, sagte Ariadne und sprang dabei freudig auf und ab.

Doch Rosina blickte bereits wieder hinaus in den Garten, eine große Denkfalte auf ihrer Stirn. Die anderen Rätsel würde sie auch lösen.

Draußen vor dem Fenster wackelte ein Busch. Ein kleiner brauner Kopf mit langen Ohren lugte heraus, dann hüpfte das ganze Häschen hervor. Wo waren wohl die anderen fünf? Letztes Jahr waren es nur vier gewesen. Diese flinken Möhrendiebe. Rosina musste lächeln, als sie sich an die lustige Jagd erinnerte. Drei Stunden lang hatte sie die Hasen immer wieder aus dem Gemüsebeet verjagt. Vergeblich. Sie waren viel zu schnell wieder drinnen gewesen und die Möhren für den Winter mussten sie auf dem Markt kaufen. Aber sollte ein Hase wirklich die Antwort auf das zweite Rätsel sein? Natürlich, was sonst.

„Es ist ein Hase. Los Ariadne wir müssen einen fangen!“ sagte Rosina. Sie zog ihren Umhang an und legte das Käferblatt und eine Möhre in einen Korb. Ariadne schaffte es gerade noch auf Rosinas Schulter zu springen. Dann liefen sie hinaus.

Auf der Wiese vor dem Haus malte Rosina wieder einen Kreis und sang dazu:

„Hase komm doch her,

ich brauche dich so sehr,

hüpfst du in den Kreis,

ist die Möhre hier dein Preis.“

Schon hüpfte der Hase näher heran und sprang in den Lichtkreis hinein, um an der Möhre zu mümmeln. Rosina legte das Blatt mit dem Marienkäfer dazu.

In diesem Moment schallte ein Kikeriki über den Hof. Rosina zuckte zusammen. Die Sonne wird bald aufgehen und sie hatte das letzte Rätsel noch nicht gelöst. Schon schrie der Hahn wieder. Er war ein guter Wach-Hahn, aber die Hexen ließ er zum Eierholen nicht in den Hühnerstall. Gestern waren ihr die Hälfte der Eier auf der Flucht vor dem Hahn zerbrochen. Die Eier. Sie sind weiß oder braun und rund.

„Ariadne. Im Hühnerstall, dort ist die Antwort auf das zweite Rätsel!“, rief Rosina.

„Du bist fast so schlau wie unsereins, Rosinchen! Wie schade, dass du keine Spinne bist, ich würde dich sofort adoptieren“, sagte Ariadne mit einem breiten Lächeln.

Vor der Tür zum Hühnerstall stand der Hahn, den Kopf angriffslustig gesenkt und mit den Füßen scharrend. Was nun? Bannsprüche wirkten nicht bei ihm. Rosina runzelte ihre Stirn und dachte angestrengt nach. Der neue Schlafzauber könnte klappen. Sie hob eine Hühnerfeder auf und sprach:

„Schlaf kommt leicht wie eine Feder,

fällst gleich um und schnarchst wie jeder.“

Die weiße Hühnerfeder glitzerte nun blau. Rosina pustete sie an und wie von Geisterhand schwebte sie zum Hahn, um dort auf seinem Kopf zu landen. Dort versprühte sie kleine blaue Sterne. Der Hahn guckte verdutzt, doch die Augen fielen ihm schon zu, er sank zu Boden und begann gleich zu schnarchen.

Kurz darauf kam Rosina mit einem Ei aus dem Stall heraus und legte es zu Marienkäfer und Hase.

„Puh, das war knapp“, sagte sie und ließ sich auf die Wiese fallen.

„Ich bin so aufgeregt, Hexen-Kindchen. Hoffentlich klappt es“, sagte Ariadne, während sie aufgeregt im Gras hin und her lief.

Die ersten Sonnenstrahlen suchten sich ihren Weg durch die Baumwipfel und trafen den Kreis. Der Hase hörte auf an der Möhre zu knabbern und schaute hoch. Der Marienkäfer öffnete seine Flügel, wie um abzuheben. Das Ei kullerte wild hin und her. Dann schwebten die drei hoch, umgeben von einem hellen Glanz. Plötzlich blendete sie ein greller Blitz, gefolgt von einem lauten Knall. Rosina sprang vor Schreck auf. Dann saß dort, wo vorher Käfer, Ei und Häschen waren, ein Hase. Ein sehr großer Hase. Sein Kopf reichte Rosina bis an die Schulter. Ihr stand der Mund vor Staunen offen.

„Bist du es wirklich?“, fragte sie.

„Ja, ich bin der Osterhase“, antwortete er lächelnd. „Ich danke dir Rosina. Du musst die schlaueste Hexe weit breit sein, denn nur du hast mich retten können. Doch jetzt muss ich schnell los, ich habe noch viel zu tun.“

Ein Windstoß zerzauste Rosinas Haare und der Hase war weg, aber ihr Korb war voll mit bunten Eiern und Süßigkeiten.

„Kindchen, ich bin so stolz auf dich. Ich sollte dich doch adoptieren, obwohl du nur ein Menschlein bist“, sagte Ariadne, ihr ganzer Körper strahlte golden vor Begeisterung.

Rosina war glücklich. Das Fest war gerettet. Nun musste sie laut gähnen. Sie war furchtbar müde nach dieser schlaflosen Nacht.

Gerade als Rosina sich in ihr Bett gekuschelt hatte, ging die Zimmertür auf. „Rosina, ich bin wieder da mein Schatz“, sagte ihre Mutter. „Weißt du was, mein Liebling? Der Osterhase wurde gesehen. Alles ist wieder in Ordnung. Doch der Rat weiß noch nicht, wer das Rätsel gelöst hat.“ Sie ging zu Rosina ans Bett und strich ihr über das Haar.

„Lass dir das von Ariadne erzählen“, murmelte Rosina, ohne die Augen zu öffnen. Dann war sie schon mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen. Sie träumte von einem wunderbaren Hexenfest, bei dem sie mit dem Osterhasen um das Feuer tanzte.

Sandra Hummel, 34 Jahre, lebt in Witten. Als sie endlich lesen konnte, machten ihre Eltern ihr ein großes Geschenk: einen Büchereiausweis. Das Tor zu anderen Welten war geöffnet

*

Bankrott! Ruin! Exklusivinterview mit dem Osterhasen Mr. O

Darf man den Berichten der letzten Monate annähernd Glauben schenken, so steht die kommerzielle Osterindustrie unlängst vor dem Untergang. Zu groß sei der übermächtige Druck des saisonalen Winterkonkurrenten Xmas Empire & Secret Santa Inc. Seit Jahren beherrscht das Unternehmen mit seinen zahlreichen Idolen kassenklingelnd den Markt: Kinderherzen schlagen für den Weihnachtsmann, Rudolph und Co. Der Osterhase bleibt in repräsentativen Umfragen in der Liste der beliebtesten Wunscherfüller schon lange weit hinter diesen Winterrivalen zurück. Die aktuellen Werte ergaben, dass er die Top Ten in dieser Saison gar zugunsten von Jurymitgliedern der Sendung „Deutschland sucht den Superklon“ räumen musste. Wird Ostern in diesem Jahr also zum ersten Mal in der modernen Konsumgeschichte gestrichen werden? Müssen wir damit rechnen, eine Festtagsübernahme durch eine Frühlingsvariante des Weihnachtsfests zu erleben (und wenn ja: Trägt der Weihnachtsmann dann Badeshorts zu seinem Langhaarbart oder wird er seine Bikini-Engel vorschicken)? Diese und weitere brisante Fragen freuen wir uns, dem Vorsitzenden und Hauptwerbeträger der Osterkompanie Hello Hasi GmbH nun persönlich stellen zu dürfen.

Reporterin: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen konnten, verehrter Osterhase.

Osterhase: Sehr gerne. Ich bin mümmel-mäßig froh, endlich mit diesen hässlichen Gerüchten aufräumen zu können. Was musste ich dort tagtäglich im Easter-Echo lesen über das angeblich nahende Ende meines Festes (schüttelt so heftig den Kopf, dass die langen Ohren nur so fliegen). Beim Zahne meiner Hoppelhasenkinder kann ich Ihnen versichern: Ostern wird nicht abgeschafft (haut mit seiner Puschelpfote auf den Tisch)!

R: Was ist aber nun dran an diesen Meldungen? Wie schlecht geht es der Hello Hasi GmbH wirklich?

O: Ach, immer fragen nur alle nach den Moneten. Messen Sie den Wert des Osterfestes etwa daran, wie viele Karotten ich schon auf die hohe Kante legen konnte?

R: Na gut, sprechen wir also nicht über Karotten, äh, Moneten. Aber zumindest die Umfragewerte bieten doch größten Anlass zur Besorgnis?

O: Leider muss ich Ihnen in diesem Punkt zustimmen. Die Ergebnisse der renommierten Wunscherfüller-Top Ten können nicht unter den Frühlingswiesenteppich gekehrt werden. Leider ließen die aggressiven Verkaufsstrategien der Xmas Empire & Secret Santa Inc. erstmals kein friedliches Nebeneinander der Feste mehr zu. Ostern sah sich von einer festtagsfeindlichen Übernahme bedroht, man bot uns bereits hohe Summen an, damit ich den Vorsitz Hello Hasis aufgebe. Doch auch wenn ich kurzzeitig die Löffel traurig hängen ließ, werde ich selbige ganz sicher nicht abgeben (knackt entschlossen mit seinen Hasenhauern)!

R: Wie gedenken Sie, ihren Platz zu sichern?

O: Es war nicht einfach, mir einzugestehen, dass selbst die traditionellen Familienfeste mit der Zeit gehen müssen. Heutzutage reicht es anscheinend nicht mehr aus, Kinder mit ein bisschen Farbe, harten Eiern und versteckten Körben begeistern zu wollen. Wir sehen ja, was die Weihnachtsmitstreiter so alles auffahren. Aus diesem Grund habe ich mir ein erfahrenes Marketing-Team zusammengestellt. Mit dessen Hilfe habe ich mich selbst und das gesamte Konzept von Ostern quasi-hasi komplett überarbeitet.

R: Oh. Wie haben wir uns das vorzustellen und wer stand Ihnen dort so hilfreich zur Hasenhüften-Seite?

O: Nun, da gibt es zunächst einmal meinen Style-Berater Bruce Bel-Lapin, der mich nicht nur eingekleidet hat (schwellt seine mit Karl Hasenfeld zwirnumhüllte Hasenbrust), sondern mir auch einen topmodischen Fellschnitt verpasst hat. Jeden Morgen ein haselnussgroßes Portiönchen des „Rocky Rabbit“-Gels einarbeiten – ruhig auch rebellisch gegen die Wuchsrichtung – und schon bin ich très chique für alle Fotoshootings. Sie müssen wissen, auch marketingtechnisch werde ich diesem „phat in red“-posierenden Nikolaus bald in nichts mehr nachstehen: Osterkalender, Poster, der ganze Schnickschnack eben. Außerdem gedenken wir, über Jahre hinweg die HopHop-Szene etablieren zu können.

R (irritiert): HopHop? So wie HipHop?

O: Yo! Ganz recht. Nur so kann man sich nachhaltig für die heranwachsende Zielgruppe interessant machen (der Mümmelmann versucht, ein wenig cooler im Sitz zu lümmeln). Die Redaktion der größten Jugendzeitschrift ließ einen HopHop-Künstlernamen für mich wählen. Egg-minem kam zum Glück nicht so gut an. So werde ich als Mr. O in naher Zukunft meine erste CD präsentieren und dazu mit meinen Choreografen einen neuartigen Hoppel-HopHop-Tanz kreieren.

R. macht ein „Oh nein, jetzt singt er auch noch“-Gesicht.

O: Dieser Schritt ist wirklich dringend nötig, um der erfolgreichen CD-Reihe „Secret Santa’s Supersongs“ die Rentierstirn zu bieten. Oder können Sie mir etwa ein einziges Osterlied nennen?

R: Zählt „Häschen in der Grube“? (Böser HopHop-Gangster-Blick von Mr. O). Äääh, lassen Sie uns doch abschließend noch auf Ihre neuen Multimedia-Produkte zu sprechen kommen.

O: Jawohl. Abgerundet wird die allumfassende Erneuerung der Hello Hasi GmbH durch ihre neuen Hasen-Handelswaren. Zum einem haben wir da den Musikspieler Ei-Pod in dottergelb und dazu die weltweit einzigartige Egg-App, mit der man per GPS selbst die härtesten Osterei-Verstecke orten kann. Natürlich bin ich als gebildetes Lese-Langohr aber auch der Meinung, die Literatur nicht vernachlässigen zu dürfen. Das soll in dem ganzen neumodischen Bling-Bling nicht zu kurz kommen. Aus diesem Grund ist es mir eine besondere Freude, verkünden zu dürfen, dass ein vorbildlicher Kinder- und Jugendbuchverlag ein von Hello Hasi initiiertes Buch veröffentlichen wird. Reine Ostergeschichten, eieiei, es wird ein Hasenfest (hat leuchtende Augen)! In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen und Ostern Olé, sagt euer Mr. O!

Alexandra Oswald, geboren 1981.

*

Die Geschichte vom Osterhasen

„Kommt schnell!“ Die schrille Stimme von Ella, der jüngsten Henne schallte über den ganzen Hühnerhof.

„Ja, ja ...“, brummelte Berta gemütlich und schüttelte das weiße Gefieder, bevor sie sich auf den Weg machte. Aus Erfahrung wusste sie, dass bei diesen jungen Hühnern immer etwas ganz aufregend und wichtig war. Wozu sich also beeilen?

Aber an diesem Tag gab es tatsächlich etwas Außergewöhnliches zu bestaunen. Alle Hennen, die auf dem Hühnerhof inmitten der Felder und Wiesen ihres Bauern lebten, hatten sich um etwas geschart. Sie gackerten so aufgeregt durcheinander, dass sogar Mio, der stolze Hahn, hinzukam. „Was ist hier los? Warum tut ihr nicht eure Arbeit und legt Eier in eure Nester?“ Streng blickte Mio seine Hühnerdamen an.

„Aber hier ...“

„Schau nur ...“

„Gackgackgack ...“ Das war alles, was er als Antwort bekam.

„Nun gut, lasst sehen, was euch dieses Mal von der Arbeit fernhält.“ Mit Schwung warf Mio seinen Kopf zurück, um seinen Hahnenkamm in die richtige Position zu bringen. Auf diesen Kamm war er besonders stolz. Keiner der umliegenden Höfe hatte einen Hahn, der so prachtvoll seinen Kamm schwellen lassen konnte.

Nun doch neugierig geworden trat Mio näher. Die Menge seiner Hühnerdamen wich respektvoll zur Seite, um ihm Platz zu machen. Zum Vorschein kam ein Ei. Was ja auf einem Hühnerhof noch nicht weiter verwunderlich gewesen wäre.

Aber dieses Ei war anders als ihre eigenen. Die Schale war weder braun, noch weiß, sondern leuchtete in allen Farben des Regenbogens. Außerdem war es fast so groß wie eins der Hühner selber. Abrupt blieb der Hahn stehen. „Wo kommt das her?“, wollte er wissen.

Aber niemand konnte ihm eine Antwort darauf geben. Das Ei hatte einfach im Morgengrauen hier gelegen.

„Bringt es auf den Misthaufen“, entschied Mio nach kurzem Überlegen. „Es gehört nicht zu uns.“

„Nein!“, kam es aus Bertas Schnabel. Die sonst so gemütliche Henne baute sich vor dem Hahn auf. „In diesem Ei wächst etwas. Wir können es nicht einfach auf den Mist werfen. Ich werde es ausbrüten.“

Mio wusste, dass er gegen Bertas Meinung nichts ausrichten konnte. Und so nickte er nur hochmütig und stolzierte über den Hof davon.

„Rasch, helft mir das Ei in mein Nest zu bringen“, scheuchte Berta ein paar der herumstehenden Hühner auf.

Kurz darauf versuchte sich die Henne bereits im Brüten. Leider war dies gar nicht so einfach, da das Ei ja viel größer als Bertas eigene war. Die Henne flatterte mit den Flügeln, erhob sich in die Luft und versuchte auf dem Ei zu landen. Vergeblich. Kaum, dass sie darauf Platz nehmen wollte, war sie auch schon wieder heruntergerutscht.

„Steht nicht herum“, sprach sie die anderen Hennen an. „Helft mir lieber.“

Und so lehnten sie gemeinsam das große Ei an die Wand. Eine Henne setzte sich an die linke Seite, eine an die rechte, eine davor und Berta thronte obenauf, während sie sich mit dem Rücken an die dahinter liegende Wand lehnte, um nicht erneut herunter zu purzeln. Ja, so würde es gehen. Berta nickte zufrieden und schlief gleich darauf ein.

An einem der ersten sonnigen Frühlingstage, als bereits Krokusse und Tulpen ihre Köpfe aus dem dunklen Erdreich schoben, rührte sich unter Berta etwas. Vorsichtig rutschte sie von dem Ei herunter, legte ihren Kopf an die Schale und lauschte. Ja, da war ein Knacken und Knirschen zu hören. Genauso, als würde sich im Inneren des Eies jemand auf den Weg ins Leben machen.

Aufgeregt flatternd stand Berta neben dem Ei und wartete. Die anderen Hennen schauten sie ganz erstaunt an, denn sie hatten die Hühnerdame noch nie aufgeregt erlebt.

„Da, ein Riss“, flüsterte Berta und zeigte mit dem Flügel nach oben.

Tatsächlich. Ein langer Riss durchzog die regenbogenfarbene Schale, dann drang ein Klopfen an ihre Ohren und im nächsten Moment machte das ganz Ei einen gewaltigen Hopser. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgten die Hühnerdamen das Geschehen. Noch nie hatten sie erlebt, dass ein Ei hopst. Ein weiterer Hopser folgte, das Ei taumelte, fiel zurück gegen die Wand und zerbrach.

„Ooooh“ war alles, was im Hühnerstall zu hören war.

Vor den erstaunten Augen der Hühnerdamen, lag ein kleines, braunes Tier im Stroh. Statt Vogelfedern besaß es ein buschiges Fell und es hatte lange Ohren.

Plumps machte es und Berta war vor Schreck auf ihr Hinterteil gefallen. „Ein Häschen“, flüsterte sie noch, bevor sie endgültig in Ohnmacht fiel.

Aber Berta wäre nicht Berta, wenn sie nicht in Windeseile ihre übliche Gemütsruhe wiedergefunden und die Lage in den Griff bekommen hätte. Kaum war sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, sprang sie auf und machte sich entschlossen auf den Weg zu Molly, der Hofhündin.

„Molly“, sprach sie die Hundedame geradeheraus an, „ich brauche deine Hilfe.“

Die Hündin versuchte sich auf Berta zu konzentrieren. Was gar nicht so einfach war, da drei quirlige Welpen um ihre Beine herumhuschten. Molly war vor einigen Tagen zum ersten Mal Mutter geworden. „Was kann ich denn für dich tun, Berta?“, übertönte sie ihre kleine Rasselbande mit Mühe.

„Stell dir vor, bei uns im Hühnerstall ist ein Hase geschlüpft.“ Rasch erzählte sie die ganze Geschichte, während Mollys Augen immer größer wurden. So etwas hatte sie noch nie gehört. Ein Hase, der aus einem Ei schlüpft. „Und nun brauche ich Milch für den kleinen Kerl“, endete Berta.

„Bring ihn her“, sagte Molly, „wir Mütter müssen schließlich zusammenhalten.“

So kam es, dass auf einem Hühnerhof ein Hase von einer Henne ausgebrütet und dann von einer Hündin gesäugt wurde. Mio, der Hahn, zog sich derweil in seinen Schmollwinkel zurück. Auf ihn hörte sowieso wieder einmal niemand.

Wen wundert es da, dass aus dem kleinen Hasen bei all der Liebe und Zuwendung bald ein großer Hase wurde. Voller Stolz beobachtete ihn Berta und auch die anderen Hühnerdamen und natürlich Molly hatten den kleinen Kerl in ihre Herzen geschlossen.

Eines Tages, es war kurz vor dem Osterfest, beobachtete Berta, wie ihr Hase mit einem Strohbüschel in der Pfote neben einer Pfütze hockte. „Was machst du da?“, fragte sie neugierig.

„Ich will eure Eier anmalen“, war die rätselhafte Antwort.

Staunend sah Berta, wie der Hase den Strohwisch in den schlammigen Teil der Pfütze tauchte und damit dann über eins der Eier wischte, die neben ihm lagen. Anfangs hatten die Eier danach einfach nur eine Schlammkruste, aber nach weiteren Versuchen waren die Eier kunstvoll mit Tupfen oder Linien verziert. Richtig hübsch sahen sie aus.

„Meinst du, ich darf die Eier der anderen Hühnerdamen auch anmalen?“, fragte der Hase.

Berta nickte, während sie sich mit dem Flügel ein paar Mal über die Augen wischte. Gerührt drückte sie ihr Pflegekind, das sie längst überragte, an ihr Federkleid.

Voller Eifer machte sich der Hase ans Werk. Und so geschah es, dass am nächsten Tag, es war der Ostersonntag, die überraschten Hühnerdamen in ihren Nestern nicht ihre üblichen weißen und braunen Eier fanden, sondern liebevoll bemalte.

Selbst Mio, der Hahn, fand nichts mehr zu meckern. Er sonnte sich einfach in dem Gefühl, dass sein Hühnerhof nun wirklich etwas ganz Besonderes war.

Nicole Vergin lebt und arbeitet am Steinhuder Meer, in der Nähe von Hannover. Sie ist Mitinhaberin der Schreib- und Lesewerkstatt La Piuma, wo sie die Möglichkeit hat, ihre Hobbys als Berufung zu leben.

*

Hoothie - die Osterkatastrophe

„Unter dem Kirschzweige,

hinten an der Weide.

Oder unter’m Baum,

vielleicht doch lieber am Zaun?“

Seit Wochen klang dieses Lied durch den Wald. Es war jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit zu hören. Hoothie, der Osterhase, sang es. Wenn Weihnachten vorbei war, der Schnee langsam taute und die Schneeglöckchen und Krokusse frech ihre Köpfe reckten, dann war seine Zeit. Sein Häuschen mit dem Strohdach strahlte in vielen bunten Farben, denn Hoothie malte gern. Auch jetzt saß er auf einem Holzstuhl und mischte verschiedene Farben. Rot, Blau und etwas Gelb. Nicht immer war das Ergebnis schön anzusehen. Aber wichtiger als die Farben waren die herrlichen Muster, die die Eier verzieren sollten. Ob Linien, Kreise oder einfache Punkte, er probierte alles aus. Fröhlich schwang er seinen Pinsel im Takt zu seinem Liedchen. Manchmal landete ein Farbklecks auf seiner Nasenspitze. Jetzt zierte sie ein großer Klecks grüner Farbe. Als Hoothie in den Spiegel sah, musste er selbst lachen.

Kurze Zeit später ging er in den Garten. Dort blühten unzählige Krokusse, einer schöner als der andere. Hoothie warf einen Blick auf seinen Kalender, welcher neben dem Haus an einem Brett befestigt war und seine wichtigen Termine zeigte. „Erste Lieferung Eier abholen“, zeigte der Kalender an. Richtig, denn es sollte mit dem Bemalen der Eier ja schleunigst losgehen. Oh, wie freute er sich darauf!

Da Hoothie niemals alles allein schaffen würde, haben ihm seine besten Freunde Roxi, das Eichhörnchen, und Flocks, der Igel, wie jedes Jahr ihre Hilfe angeboten. Als Dankeschön hilft Hoothie den beiden im Herbst reichlich Äpfel, Kastanien und Nüsse zu sammeln, damit sie im Winter nicht hungern müssen. Da hörte er auch schon ein Liedchen:

„Tierili, Tierila,

der Karren ist jetzt da.

Tierili, Tierila,

jetzt sind wir beide da …“

Hoothie ging zum Gartenzaun, um die beiden zu begrüßen. Flocks zog einen großen Karren und Roxi schob von hinten.

„Hoothie, dein Garten ist ja ein Meer aus Blüten“, rief Roxi begeistert beim Anblick der Krokusse.

„Das dient zur Einstimmung auf das Osterfest“, meinte Hoothie strahlend. Der Schuppen hinter Hoothies Haus wurde als Bastelwerkstatt hergerichtet. Dort werden in jedem Jahr die Eier bemalt und in kleinen Körbchen für die Verstecke fertiggemacht. Liebevoll richteten die drei die Ablage für die Eier mit Stroh aus.

Roxi und Flocks schoben den Karren bereits auf den Waldweg in Richtung Hühnerhof. Der Weg führte durch den Wald und die großen Bäume warfen auch an sonnigen Tagen ihre großen dunklen Schatten über ihn. Der Hühnerhof lag gleich hinter dem Wald. Als Hoothie sich dem Ende des Weges näherte, hatte er das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

„Hoothie, Hoothie, es ist etwas Schreckliches passiert!“ Aufgebracht näherte sich Rufus. Er war ein stattlicher Hahn, immer sehr ruhig und freundlich. Doch an diesem Tag war er schrecklich aufgeregt und flatterte ihnen bereits entgegen.

„Aber Rufus, was ist denn passiert?“, fragte Hoothie.

„Die Eier sind alle weg! Grimmold, der Fuchs, hat sie gestohlen. Letzte Nacht war er da und hat uns bedroht. Oh, Hoothie, du weißt ja gar nicht, wie böse er ist.“

„Alle Eier?“, fragte Hoothie ungläubig.

„Ja, sie sind weg!“, krächzte Rufus.

„Aber was machen wir denn jetzt?“, fragte Roxi mit großen Augen.

„Die ganze Lieferung! Das sind mehr als die Hälfte der Eier, die ich benötige! So kann ich nicht genug Osterüberraschungen basteln. Was will Grimmold denn mit so vielen Eiern?“, fragte Hoothie.

Betrübt setzten sich die vier auf einen Heuballen.

„Was hast du jetzt vor?“, fragte Flocks.

Hoothies Ohren hingen herunter und seine Augen glänzten. „Ich weiß es nicht! Dann kann ich nur ein paar Überraschungen basteln und wem soll ich sie schenken? Nur den Hühnern, nur den Pferden? Da beschenke ich lieber gar niemanden. Oh, das ist so gemein!“, jammerte Hoothie. „Ich werde zu ihm gehen!“, sagte Hoothie auf einmal und stand auf.

„Du willst ihn besuchen?“, fragte Roxi ungläubig.

„Wie stellst du dir das vor? Du kannst nicht einfach zu Grimmold gehen, er frisst dich vielleicht auf!“, rief Rufus entsetzt.

„Du weißt doch gar nicht, wo er wohnt!“, meinte Flocks.

„Aber ich weiß, wer mir das verraten kann! Angst habe ich auch keine!“, meinte Hoothie mutig.

„Ja, noch nicht!“, warf Roxi ein.

Hoothie schob den Karren in Richtung Waldweg. Flocks und Roxi warfen sich einen kurzen Blick zu und folgten ihm dann in den Wald. „Ich werde Buhu fragen. Er ist sehr schlau und kann uns sicher sagen, wo der Fuchs wohnt.“

Flocks und Roxi gefiel diese Idee überhaupt nicht. Dort, wo die Bäume am höchsten waren und die Sonne nicht mehr auf den Boden langte. Genau an dieser Stelle hatte es sich Buhu auf einem Baum gemütlich gemacht. Sein Haus lag so weit oben in den Ästen einer Tanne, dass man von unten laut rufen musste, um ihn zu wecken, zumindest um diese Tageszeit. Denn er war eine Eule und schlief am Tag.

„BUHU!!!!“, fingen die drei im Chor an zu schreien.

„Was ist denn das für Lärm um diese Uhrzeit!“, schimpfte jemand.

„Buhu, wir müssen dich sprechen. Es ist wirklich wichtig!“, versuchte es Hoothie noch einmal.

„Hoothie, was ist denn passiert?“, fragte Buhu vom höchsten Ast.

„Grimmold, der Fuchs, hat den größten Teil meiner Ostereier gestohlen. Wir möchten ihn finden und zur Rede stellen. Kannst du uns sagen, wo er wohnt?“

„Hoothie, Grimmold kann ein böser, alter Narr sein. Ich kann nicht zulassen, dass ihr drei euch in Gefahr begebt“, erklärte Buhu.

„Bitte Buhu! Ohne die Eier kann ich die Osterüberraschungen nicht basteln! Bitte sag uns, wo wir ihn finden können.“

„Gut, aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt! Er kann gefährlich sein. Er wohnt am großen Felsen und nun lasst mich in Ruhe schlafen!“ Mit diesen Worten verschwand er wieder. „Der Weg zum großen Felsen führt gleich dort vorn um die Baumgruppe.“ Die drei schoben den Karren in die beschriebene Richtung. Der Wald schien in diesem Winkel dunkler und kühler zu sein. „Hoothie, das war bestimmt keine gute Idee! Er wird uns alle auffressen!“, jammerte Roxi.

Der Felsen sah gefährlich aus. Die Höhle war groß und schwarz, das konnten die drei von Weitem sehen.

„Grimmold, bist du da?“, rief Hoothie.

„Wer wagt es, mich bei meinem Namen zu rufen? Wer traut sich so nah an meine Höhle heran?“, schallte es aus der Dunkelheit.

Flocks und Roxi wichen vor Angst zwei Schritte zurück. Hoothie blieb tapfer stehen und antwortete: „Mein Name ist Hoothie, ich bin der Osterhase und das sind meine Freunde. Wir sind gekommen, um die Eier zu holen, die du gestohlen hast!“

„Der Osterhase Hoothie traut sich an meine Höhle. Möchtest du mein Mittagessen werden?“, fragte Grimmold spöttisch.

„Wir möchten die Eier zurück! Wozu solltest du sie brauchen?“, entgegnete Hoothie.

„Wozu? Das fragt der Richtige! Jedes Jahr versteckst du Eier für deine Freunde und alle anderen. Nur mich hast du nie beschenkt. Dabei habe ich dir oder deinen Freunden nie etwas getan. Du versteckst für mich nur nichts, weil ich ein Fuchs bin. Und ein Fuchs ist ja immer böse, nicht wahr? Da wollte ich mir selbst Ostereier verstecken, auch ohne deine Hilfe!“ Nun sah Grimmold gar nicht mehr böse aus, nur noch sehr einsam und traurig.

„Es tut mir leid Grimmold. Ich habe nie versucht, ein Freund für dich zu sein. Bitte gib mir die Eier wieder. Ich verspreche dir, du bekommst in diesem Jahr eine Osterüberraschung. Ich möchte dich auch zu meiner Osterfeier einladen“, sagte Hoothie.

„Das würdest du tun?“, fragte Grimmold misstrauisch.

„Ich verspreche es!“, antwortete Hoothie.

Grimmold überlegte und willigte schließlich ein. Er half ihnen sogar, die Eier im Karren zu verstauen.

Zurück in Hoothies Haus, begannen die drei mit der Arbeit. Sie hatten Spaß und die Eier wurden, jedes für sich, ein kleines Meisterwerk. Als Hoothie das letzte Ei bemalt hatte, machten sie sich auf den Weg, die vorher sorgfältig ausgewählten Verstecke von Hoothie mit Osterüberraschungen zu füllen. Am nächsten Tag sollte das Osterfest beginnen und es dauerte nicht lange, bis die ersten Gäste sich im Garten einfanden. Jeder bestaunte die bunten Blumen und natürlich suchten sie auch nach kleinen Überraschungen. Als alle fröhlich feierten, kam noch ein letzter Gast: Grimmold!

Auf vielen Gesichtern zeichnete sich Angst ab. Doch Hoothie konnte die Gäste schnell beruhigen. Grimmold trat auf ihn zu. „Hoothie, ich möchte dir danken. Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe am Eingang meiner Höhle eine wunderschöne Osterüberraschung gefunden. Du hast dir wirklich sehr viel Mühe gegeben. Danke auch für die Einladung zu deiner Osterfeier“, sagte Grimmold.

„Das habe ich gern getan, Grimmold! Es freut mich, dass es dir gefällt. Ich verspreche auch, dass ich dich nie wieder vergessen werde“, sagte Hoothie und klopfte Grimmold freundschaftlich auf die Schulter.

„Ich habe mich bereits bei Rufus und den Hühnern für mein schlechtes Benehmen entschuldigt“, verriet Grimmold schnell.

Dann kamen auch schon Flocks und Roxi mit Getränken auf die beiden zu. „Grimmold, wir wollen mit dir Anstoßen“, rief Roxi und prostete ihm zu.

„Na, das lass ich mir nicht zweimal sagen“, grinste Grimmold.

Zusammen mit Rufus und den Hühnern feierten die vier das bis dahin schönste Osterfest. Und es werden bestimmt noch einige fröhliche Feste folgen.

AUF DIE FREUNDSCHAFT!

Jacqueline Dietrich ist 27 Jahre alt und lebt in Leipzig. Ihre Hobbys sind Lesen, Schreiben (besonders Fantasy und Kurzgeschichten für Kinder), Zeichnen und Musik hören. Einige ihrer Texte wurden bereits im Kulturmagazin ZeitPunkt veröffentlicht.

*

Osterüberraschung vom Weihnachtsmann

Zielsicher ging Tobias durch das große Gartencenter, ohne auf bunte Ostereier, niedliche Plüschküken und grinsende Osterhasen aus Pappe zu achten. Das Einzige, was ihn in diesem Geschäft interessierte, befand sich in der Kleintierabteilung. Gebannt blieb er vor einem der verglasten Gehege stehen. Sein Herz klopfte vor Aufregung. „Das ist der schönste Hase, den ich je gesehen habe“, flüsterte Tobias andächtig.

„Löwenkopf, männlich“ stand auf dem weißen Schild, das an der Scheibe befestigt war. Der Preis von 20 Euro war durchgestrichen und auf 15 Euro verbessert.

„Warum ist der Hase jetzt billiger?“, fragte Tobias eine Verkäuferin mit roten Haaren, die gerade den Nebenkäfig säuberte.

Die Verkäuferin sah auf und lächelte. „Ach, das ist unser Weihnachtsmann. Den wollte bisher noch niemand haben. Er ist schon ein paar Monate alt, also kein ganz junges Kaninchen mehr, und deswegen haben wir gehofft, ihn so verkaufen zu können.“

„Und warum sagen Sie Weihnachtsmann zu ihm?“

Die Verkäuferin lachte. „Na ja, schau ihn dir einmal genau an. Findest du nicht, dass seine dunkelgraue Löwenmähne wie ein Bart aussieht? Und dann ist er genau in der Weihnachtszeit zu uns gekommen. Deswegen haben wir ihn Weihnachtsmann getauft.“

„Ich hätte mir denken können, dass du wieder hier steckst. Los jetzt, wir müssen nach Hause. Ich habe heute noch einiges zu erledigen!“, schimpfte Tobias Mutter, die gerade im Laufschritt angehetzt kam.

„Schau Mama, wie süß der Hase ist. Bitte, ich wünsche mir doch schon sooo lange einen. Du musst mir auch überhaupt nichts anderes zu Ostern kaufen“, bettelte Tobias mit Seehundaugen.

„Wir kaufen jetzt ganz bestimmt keinen Hasen. Komm jetzt endlich!“ Schon war die Mutter wieder Richtung Kasse verschwunden.

Tobias blieb nichts anderes übrig, als hinterher zu trotten.

Beim Abendbrot versuchte Tobias, seinen Vater zu überzeugen, den Hasen zu kaufen.

„Und er ist fast ganz schwarz. Nur um die Augen und die Nasenlöchern herum sind hellbraune Ringe. Und er sieht so putzig aus, wenn er mit seinem kleinen hellbraunen Mund eine Karotte mampft. Die pelzigen Füße und der Bauch sind auch weiß und hellbraun und die Löwenmähne ist ganz dunkelgrau und deswegen ist es der Weihnachtsmann. Und fünf Euro ist er auch billiger. Und wenn ich einen Hasen hätte, würde ich bestimmt öfters an die frische Luft gehen und im Garten würde ich auch helfen, das wollt ihr doch immer!“

„Und der Hase hilft bestimmt auch mit, vor allem bei der Karottenernte“, brummte die Mutter, während sie für Tobias’ kleine Schwester Kathy eine Brotscheibe mit Leberwurst beschmierte.

Der Vater lachte. „Mama hat mir vorhin schon erzählt, dass du dich in einen Hasen verliebt hast. Du sollst ihn bekommen, wenn du mir hilfst, einen Stall für draußen zu bauen. Und sobald es wärmer wird, zieht der Hase in den Garten.“

„Au ja! Und bis dahin kann er in meinem Zimmer bleiben. Auf dem Dachboden habe ich einen alten Käfig gesehen, den hole ich nachher gleich herunter“, stimmte Tobias begeistert zu.

„Krieg ich auch einen Hasen?“, meldete sich Kathy zu Wort, die bisher mit großen Augen zugehört hatte.

„Ein Hase genügt!”, erklärte die Mutter bestimmt. „Tobias lässt dich seinen Hasen bestimmt auch streicheln.“ Sie schaute ihren Sohn herausfordernd an.

„Kein Problem“, meinte Tobias großzügig.

Einen Tag vor Ostern war Tobias stolzer Hasenbesitzer. Sorgfältig hatte er alles vorbereitet und jetzt saß sein Schützling in seinem neuen Zuhause und drehte ängstlich die Augen heraus. Vorsichtig streichelte Tobias über das weiche Fell. „Du wirst dich bald an mich gewöhnt haben“, tröstete er das kleine Tier. „Und ab jetzt sollst du Bobby heißen. Weihnachtsmann ist ja kein richtiger Hasenname“, beschloss er. Doch im Laufe des Tages wurde Tobias unruhig. Irgendetwas schien mit Bobby nicht in Ordnung zu sein. Ständig lief der Hase im Käfig hin und her. In jeder Ecke fing er zu buddeln an, und als Tobias ihn aufheben wollte, schnappte er böse nach seinen Fingern. Tobias erschrak. „Bobby wird doch nicht krank sein!“, schoss es ihm durch den Kopf. Den Eltern erzählte er lieber nichts von seinem Verdacht. Vielleicht hätten sie Bobby zurück in das Geschäft bringen wollen. Die ganze Nacht konnte Tobias hören, wie Bobby in seinem Käfig rumorte und immer wieder mit der Tränkflasche klapperte. Erst als es draußen zu dämmern anfing, wurde es ruhig.

Am Ostermorgen holten helle Sonnenstrahlen Tobias aus seinem Bett. Sofort ging er zu Bobbys Käfig und hob den Deckel auf. Vor Schreck wäre er fast kopfüber hineingefallen. Was war das? Er konnte eindeutig eine schmale Blutspur erkennen. In einer Ecke war das ganze Heu aufgestapelt, das Tobias in die Raufe getan hatte. Tobias wollte das Heu nehmen und wieder zurück in die Raufe stecken, doch zwischen dem Heu fand er ein Knäuel von Bobbys Fell. Bobby saß erschöpft in der gegenüberliegenden Ecke und schien irgendwie erleichtert zu sein. Neugierig stocherte Tobias mit seinem Zeigefinger in das Fellknäuel.

„Mama, Papa kommt schnell her! Das müsst ihr euch anschauen!“, schrie er, so laut er konnte.

Der Vater kam mit verstrubbelten Haaren zur Tür herein. „Was ist denn los?“, fragte er verschlafen. Tobias zeigte wortlos auf den Käfig. Gleich darauf betrat die Mutter zusammen mit Kathy Tobias Zimmer. „Ist etwas passiert?“

Der Vater schob vorsichtig das Fellknäuel auseinander und schaute grinsend vom Käfig auf. „Ich fürchte, der Weihnachtsmann hat zwei kleine Osterhasen gebracht.“

Vor Erstaunen vergaß die Mutter, den Mund zu schließen. Kathy hingegen jubelte. „Au fein! Dann bekomme ich ja doch noch einen richtigen Hasen zu Ostern!“

Tobias streichelte erleichtert seinen, nein, seine Bobby.

„Arme Bobby! Und ich wusste nicht, was mit ihr los war.“

„Dann müssen wir halt einen Käfig für drei Hasen bauen“, meinte der Vater und richtete sich auf.

„Ja, und ich werde wohl im Garten ein Beet Karotten zusätzlich einplanen müssen“, meinte die Mutter gottergeben.

Tobias strahlte wie eine Osterkerze und war überzeugt, dass er so ein schönes Osterfest noch nie erlebt hatte.

Annette Geier ist 40 Jahre alt und lebt in Gremsdorf. Sie liebt das Schreiben. Zwei ihrer Kurzgeschichten wurden bereits in Anthologien veröffentlicht.

*

Ein Hase namens Paulchen

Es war zu der Zeit der Schafskälte, Mitte Juni. Tiere wie Menschen litten unter der neuerlichen Kälte. Da brachte die alte Häsin auf dem Huber-Hof ein einzelnes Hasenkind auf die Welt und verstarb. Der kleine Hasenjunge rief nach ihr, immer und immer wieder, bis er schließlich hungrig und erschöpft einschlief.

Am nächsten Morgen machte der Huber-Bauer seinen üblichen Rundgang über den Hof. Seine Tochter Kristin begleitete ihn wie so oft. Dabei fanden die beiden die tote Häsin und ihr Junges.

„Nun, wenn die Mutter tot ist, was soll das Kleine leben“, sagte der Bauer.

„Wie meinst du das, Papa?“ Seine Tochter sah ihn aus großen, blauen Augen an.

„Es hat keine Mutter mehr und ist selbst schon halb tot. Ich werde es erlösen.“

„Papa, nein. Es darf nicht sterben. Ich werde seine Mama sein und es mit der Flasche füttern.“

Der Huber-Bauer brummte.

„Bitte, bitte, Papa.“

Er konnte ihrem Augenaufschlag nicht widerstehen, welcher Vater könnte das schon, also sagte er Ja. „Aber du bist allein dafür verantwortlich.“

„Danke, Papa. Und ich verspreche, dass ich mich ganz toll um Paulchen kümmern werde“, jubelte Kristin.

„So, so, Paulchen also“, murmelte der Bauer.

So kam es, dass die kleine Bauerstochter das verwaiste Hasenkind aufpäppelte, umhegte und pflegte, dass er zu einem prächtigen Junghasen heranwuchs. Paulchen vermisste anfangs seine Mama, aber bald stellte er fest, dass er mit dem Menschenmädchen herrlich spielen und herumtollen konnte. Wenn sie dann beide müde wurden, kuschelten sie gerne in ihrem Bett. Kristin liebte ihren Hasen. „Ein Hase gehört nicht ins Kinderzimmer, sondern in einen Stall“, sagte der Vater.

„Paulchen ist aber kein gewöhnlicher Hase“, antwortete Kristin und der Bauer ließ seiner geliebten Tochter ihren Willen.

Sommer, Herbst und Winter vergingen und Kristin war glücklich mit Paulchen. Dann kam der Frühling und das Osterfest stand vor der Tür. Kristins Paulchen hatte sich zu einem stattlichen Paul entwickelt und der Huber-Bauer traf eine Entscheidung: Zum Osterfest sollte es Hasenbraten geben. Er war auch der Meinung, seine Tochter müsste lernen, dass Nutztiere, und ein ebensolches war Paulchen, keine Spielzeuge waren. So war nun einmal der Lauf des Lebens.

Kristin weinte, tobte, schmollte, aß nichts mehr und redete nicht mehr mit ihrem geliebten Vater. Doch das alles half nichts, er blieb hart, Paulchen sollte geschlachtet werden.

Die Bauerstochter fasste schließlich einen Entschluss. Wenn sie sich schon von Paulchen trennen musste, dann nicht so. Sie musste ihn in Sicherheit bringen, irgendwohin, wo ihr Vater ihn nicht finden und schlachten konnte. Paulchen musste leben und das konnte er am besten in … Freiheit.

Sie wartete, bis die Eltern schliefen.

„Mein liebes Paulchen, mein Papa will Hasenbraten aus dir machen, aber das lasse ich nicht zu. Du bist hier nicht mehr sicher.“ Mit dem Hasen auf den Armen schlich sie sich aus dem Haus. Es war die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. „So Paulchen, du musst jetzt allein auf dich aufpassen. Du musst so weit weg hoppeln, wie du kannst.“ Eine Träne tropfte auf das Fell des Tieres. „Ich werde dich vermissen“, flüsterte sie noch, dann setzte Kristin den Hasen auf der Wiese am Rande des Bauernhofs ab.

Paulchen hoppelte davon, so schnell und so weit er konnte. Was auch immer ein Hasenbraten war, es klang nicht gut und das Menschenmädchen wollte offensichtlich auch nicht, dass er zu einem wurde.

Am nächsten Morgen, dem Karfreitag, tobte der Huber-Bauer. Nach der Kirche wollte er dem Hasen an den Kragen, damit er bis Ostern eingelegt werden konnte.

„Wo ist dieses verdammte Vieh?“, schimpfte er und Kristin reckte ihm trotzig ihr Kinn entgegen.

„Weit, weit weg, wo du ihn nicht kriegen kannst!“

„Aber Kristin …“ Dem Vater ging ein Licht auf. Er seufzte und stellte fest: „Also dann kein Hasenbraten an Ostern.“

Paulchen hatte die erste Nacht am Waldrand nahe des Huber-Hofs verbracht. An den nächsten zwei Tagen knabberte er ein bisschen Gras und Kräuter, blinzelte immer wieder zum Bauernhof hinüber. Er sehnte sich nach dem fröhlichen Lachen des Mädchens. Doch er konnte es nicht hören, auch nicht, als er immer näher heran hoppelte. Kristin spielte mit ihren Puppenkindern, doch lachen konnte man sie nicht hören. Es machte ihn sehr traurig, das Mädchen so zu sehen, doch hatte er Angst davor, noch näher zu kommen. Er überlegte, was er tun könnte, um sie aufzuheitern und ihr zu zeigen, dass es ihm gut ging.

Die Osternacht verbrachte Paulchen im Hühnerstall und überlegte und überlegte. Dann fiel es ihm ein: Kristin hatte ihm etwas über Ostern erzählt. Etwas von Osternestern und Hasen aus Schokolade, die bunte Eier legten und versteckten. So oder so ähnlich. Und er, Paulchen, saß gerade versteckt zwischen Hühnern und Eiern im Stroh. Er hatte eine Idee.

Mit etwas Stroh in der Schnauze hoppelt er in der Morgendämmerung zur Eingangstür des Bauernhauses. Immer wieder, bis er eine Art Nest zusammengetragen hatte. Die Sache mit dem Ei gestaltete sich schon schwieriger. Er musste es den ganzen weiten Weg über den Hof rollen. Eier rollten nicht geradeaus, wie er feststellen musste, so war der Weg am Ende doppelt so weit. Aber er schaffte es schließlich. Es blieb ihm nicht viel Zeit, sein Werk zu betrachten, denn im Haus erwachten die Menschen. Doch er war sich sicher, seine Kristin würde das Zeichen verstehen.

Am Ostermorgen ging der Huber-Bauer, gefolgt von seiner Tochter, vor sein Haus und trat dabei fast auf ein rohes Ei, das auf einem Strohpolster lag.

„Verrückte Hühner“, murmelte er und schüttelte mit dem Kopf.

Seine Tochter Kristin betrachtete das Gebilde einen Moment, neigte den Kopf auf die Seite. Dann fingen ihre blauen Augen an zu leuchten und sie lachte: „Nein, Paps, das waren nicht die Hühner. Das war der Osterhase.“

Sabine Barnickel wurde 1972 in Hof geboren. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Zurzeit ist sie tätig als Vertriebsassistentin. Verheiratet. Große Leidenschaft neben Ehemann und dem Schreiben sind die beiden Islandpferde.

*

Puschel hat verschlafen

Die Sonne scheint auf Puschels Bau. Schon eine ganze Woche lang strahlt sie über ihr Gesicht. Der meterhohe Schnee vor dem Haus und das Eis auf dem kleinen Teich beginnen zu tauen. Dem Schneemann vor Puschels Bau rutscht der Hut schief ins Gesicht.

An den Tagen ist es nun wieder länger hell und die Menschen werden fröhlicher. Das Gebimmel von den Schneeglöckchen wird immer lauter. Es ist genau so, wie immer und wie es zur Osterzeit nun einmal sein muss.

Nun jedenfalls pochen die Tropfen vom Schneewasser auf Puschels Fenstersims. Tropf, tropf, tropf ...

Puschel liegt noch ganz verschlafen in seinem warmen, weichen Bett. Ein Sonnenstrahl fällt durch das Fenster und kitzelt ihn an seiner Nase. Hatschi! Puschel muss niesen. „Ist denn schon wieder Ostern?“

Da eben klopft es an seiner Tür.

„Wer ist denn da?“, ruft Puschel, springt sogleich aus dem Möhrenkistenbett und sucht ganz nebenbei seine alten, abgelatschten Hauspantoffeln.

„Ich bin es!“

Puschel schaut verdutzt durch das Schlüsselloch. Kikerlorus, der bunte Hahn vom Misthaufen, stand vor der Tür. Puschel zuckt zusammen, öffnet die Tür und starrt den Gockel erschrocken an. „Wie lange dauert es denn noch?“, fragt er und nimmt ihm den Korb mit den weißen Hühnereiern ab.

„Dreizehn Tage.“

Puschel kratzt sich an seinen langen Ohren. „Dreizehn Tage, das ist noch lange hin! Mindestens vierundzwanzigeinhalb Stunden.“ Das ist mächtig viel Zeit. Viel Zeit zum Eierbemalen und verstecken. Irgendwo müssen noch aus dem vorigen Jahr die Pläne für die Verstecke herumliegen.

Puschel braucht nur mit seinen alten abgelatschten Hauspantoffeln nebenan in seine Hasenwerkstatt hinüber schlurksen.

Kikerlorus argwöhnt alles sehr skeptisch. Bei dem Tempo sind die Ostereier zu Weihnachten noch nicht versteckt. Und schon schießt ihm die Frage durch seinen Kopf und zu seinem Schnabel hinaus: „Warum können wir nicht Ostern und Weihnachten an einen Tag feiern? Ostereier am Weihnachtsbaum, das wäre doch mal was anderes!“

Puschel verdreht seine Augen, beantwortet die Frage nicht und öffnet die Tür zu seiner Eierwerkstatt. Puschel sieht nichts, es ist noch dunkel. Komisch. Im vergangenen Jahr hatte Puschel doch einen Mechanismus in die Tür eingebaut, damit die Fensterläden von alleine aufspringen und er keine Lampe einschalten muss. „Da muss ich es eben wieder von Hand erledigen, auch nicht weiter schlimm!“

Kikerlorus schreit: „Warte, ehe ein Unglück passiert, ich helfe dir schon. Pass auf die ...“

Und da ist es auch schon geschehen.

„Die schönen Eier!“ Kikerlorus seufzt hörbar. „Meinen Hennen haben sich Mühe gegeben, und nun?“

„Machen wir eben Rühreier davon“, bemerkte Puschel.

„Nee, nee, du, schau dir mal die Sauerei an!“ Kikerlorus öffnete die Fensterläden. Oh weh. Das sieht ja tatsächlich schlimm aus. Puschel hatte im letzten Jahr nicht aufgeräumt. Nun klebt er mit seinen Pfoten in den Farbeimern, sein Fell ist mit Eigelb verschmiert und verklebt, die Hauspantienen hängen an der Lampe, sein Handwerkzeug ist auf dem Boden verstreut und bis Ostern nur ein wenig mehr Zeit als vierundzwanzigeinhalb Stunden.

„Ich hole mal frische Eier“ kräht Kikerlorus und entschwindet dem Kuddelmuddel.

Puschel versucht unterdessen, aus den eingetrockneten Farbeimern zu steigen, und verziert den Boden mit bunten Fußtapsen. Schnurstracks nimmt er Anlauf unter die Gießkannendusche und Puschel kann wieder klar überlegen.

Eine neue Frage tritt in seine Osterhasenwerkstattgedankenwelt ein: Wo bekommt er ganz schnell wieder frische Farbe her? Und an der Uhr sind die Zeiger schon wieder eine Viertelstunde und zwei Minuten weiter gerückt. Am besten nimmt er einen langen Faden und bindet sie fest, dann ist genug Zeit. Malermeister Klecksel hat heute, zum Karfreitag, sowieso sein Geschäft geschlossen und Puschel kann keine neuen Farben kaufen.

„Wie soll ich das alles schaffen?“ Puschel nimmt in großer Verzweiflung den Hörer von seinem Schwatzophon in die Hand und wählt mehrmals die Nummer der Schokoladenfabrik. Das ist eine Möglichkeit Ostern zu retten! Nicht die beste, aber immerhin, Schokoladeneier sind auch etwas Feines. „Tüt tüt tüt ...“ Das war der Dauerbesetzt-Ton.

„Tüt tüt tüt“, äffte Puschel nach. „Da wird es auch nichts mit den Schokoladeneiern. Mist!“ Er öffnet das Werkstattfenster, um wenigstens frische Luft zu bekommen.

Kikerlorus kommt mit einem großen Korb frischer Eier schwungvoll in die Werkstatt herein. Weiß und braun waren sie. Mit dem kurzen kräftigen Lufthauch weht es ebenfalls eine Gänsefeder herein.

„Das ist die Lösung!“, kräht Kikerlorus zum Fenster in die Welt hinaus.

„Wieso?“, kräht Puschel nach.

„Wir nehmen die Feder, spitzen sie an und kratzen Muster in die braunen Eier hinein.“

„Die Idee ist gut!“ Die Idee ist nicht nur genial, sondern die Lösung. Sie machten sich an die Arbeit.

Unterdessen klopft es wieder an der Tür.

„Warum kann ich meine Arbeit nicht erledigen, ich habe nur noch dreiundzwanzigdreiviertel Stunden Zeit!“ schimpft Puschel und schlurkst in seinen alten, abgelatschten Hauspantoffeln abermals zur Tür.

Ein Eisennagel und seine Freunde, die Petersilie und die Karotte stehen vor seinem Eingang. „Wir haben durchs offene Fenster dein Schimpfen gehört. Wir wollen dir helfen!“ Und schon stehen sie mitten in der Werkstatt. Puschel ist verdutzt. „Na los, hole große Töpfe und heißes, kochendes Wasser dazu. Aber pass auf, verbrühe dich nicht!“

Kikerlorus schlug mit seinen Flügeln und flatterte freudig umher. Die Petersilie und die Karotte hüpften ins Wasser. Eine gelbe und eine grüne Farbbrühe entstanden.

„Und was soll der Eisennagel?“, fragte Puschel.

„Wenn du mich auch hineinwirfst, dann werden die Farben dunkler.“

Puschels Augen leuchten. So schöne Farben hatte er noch nie. Und schon wieder klopft es an seiner Tür. Inzwischen hüpfen die Eier von alleine in den Farbsud und wieder farbenfroh heraus. Ein Rotkohl und viele Holunderbeeren, Zwiebeln und Kamillenblüten wollen eingelassen werden. „Wir wollen auch helfen. Wo stehen die Töpfe?“

Nun kann Puschel nicht nur grüne und gelbe Eier färben, sondern auch rote und blaue.

Von irgendwoher kommt dann zur späten Stunde noch eine Speckschwarte angelaufen. Das ist ein glänzender Augenblick und die Osterherrlichkeiten werden damit abgerieben.

„Geschafft“, meint Kikerlorus.

„Ich bin auch fix und fertig“, sagt Puschel am Abend, „aber ich räume noch auf!“

Sie erledigen es gemeinsam und nach getaner Arbeit freuen sie sich über die vielen bunten, glänzenden Ostereier, trinken einen Eierlikör und meinen schmunzelnd: „In diesem Jahr haben wir überhaupt keinen Stress gehabt!“ Dann binden sie den Faden von den Uhrenzeigern wieder los.

Und am nächsten Tag läuten die Schneeglöckchen, die Märzenbecher und die Osterglocken fröhlich das Osterfest ein. Es ist genau so, wie immer und wie es zur Osterzeit nun einmal sein muss.

Brigitte Schubert lebt in Leipzig und ist Autorin des Buches „Geschichten aus dem Schwemmsandland“, in dem sie liebenswerten Trollen das Leben schenkt.

*

Alexia und das grüne Kaninchen

„Asabi, Asabi wo bist du? Komm her!“, erklingt Alexias Stimme. Alexia läuft weiter in den Wald hinein und ruft. Ihr Hund kommt nicht. Von Weitem hört sie sein Bellen und sie folgt seiner Stimme.

Als sie an eine Lichtung kommt, sieht sie endlich ihren Hund. Er liegt flach auf den Vorderbeinen, das Hinterteil in Luft gestreckt und starrt bellend auf den Boden.

„Asabi, was machst du denn da?“, ruft Alexia schon aus einiger Entfernung. Ihr Hund lässt sich nicht ablenken.

Als sie näher kommt, sieht Alexia den Bau im Erdboden, der Asabi ganze Aufmerksamkeit gewonnen hat. Im wintergrauen Gras ist ein Loch und ein Gang führt hinab unter die Erde. „Na Asabi, wer wohnt denn da?“, fragt Alexia und streichelt ihrem Hund den Kopf.

In diesem Moment sieht sie etwas Grünes in dem Loch in der Erde, doch eher sie genau hinschauen kann, ist es auch schon wieder verschwunden. Asabi beginnt erneut zu bellen.

„Psst, Asabi, aus, sei doch mal leise“, sagt Alexia zu ihrem Hund. „Hallo, wer da?“, fragt sie und tatsächlich taucht eine kleine, grüne Nasenspitze aus dem Loch auf.

Alexia legt ihren Zeigefinger auf ihren Mund und macht: „Psst, leise Asabi, sonst kommt es nicht raus.“

Asabi folgt ihr und setzt sich mucksmäuschenstill neben sie. Gemeinsam schauen sie gespannt auf den Bau. Die grüne Nasenspitze kommt wieder zum Vorschein. Alexia und Asabi warten mit angehaltenem Atem. Als Nächstes sehen sie zwei blaue Augen, dann zwei lange, grüne Ohren und zwei grüne Pfötchen.

„Oh“, flüstert Alexia. Asabi reckt ihre Schnauze vor und schnüffelt vorsichtig. „Asabi, lass das, es bekommt ja Angst“, sagt Alexia schnell. Jetzt erscheinen zwei weitere Pfoten und ein Stummelschwanz. Vor Alexia und Asabi sitzt tatsächlich ein grasgrünes Kaninchen mit himmelblauen Augen. Ohne nachzudenken, platzt Alexia heraus: „Was bist denn du?“ Das grüne Kaninchen sieht ganz traurig aus, eine Träne glitzert in seinen blauen Augen. „Äh, ich meine, wer bist denn du?“, verbessert sich Alexia schnell.

Zu ihrer großen Überraschung antwortet das grüne Kaninchen: „Nein, nein, du hast ja recht, die Frage muss dir nicht peinlich sein.“

Alexia reißt vor Erstaunen die Augen auf und Asabi macht erschrocken einen Satz rückwärts. „D-d-d-du kannst sprechen?“, stottert Alexia.

„Ja, ich bin grün, ich kann sprechen und ich bin ein Kaninchen“, antwortet das grüne Kaninchen mit leiser Stimme.

„Das ist ungewöhnlich“, stellt Alexia fest. „Sehr ungewöhnlich.“ Alexia hat sich von ihrem Schreck erholt und nun ist ihre Neugier geweckt. „Ich habe noch niemals von grünen, sprechenden Kaninchen gehört, gibt es hier noch mehr von deiner Art?“, fragt sie interessiert.

Das grüne Kaninchen schüttelt den Kopf. „Nein, es gibt nur mich“, flüstert es. „Dann bist du etwas ganz Einzigartiges“, sagt Alexia, die spürt, wie traurig das grüne Kaninchen ist.

Das Kaninchen nickt zögernd.

„Hast du denn auch einen Namen?“, fragt Alexia und fügt hinzu: „Ich heiße Alexia und das hier ist mein Hund Asabi.“

„Einen Namen habe ich eigentlich nicht, ich bin das grüne Kaninchen der Hoffnung“, antwortet das Kaninchen.

„Das grüne Kaninchen der Hoffnung“, sagt Alexia bewundernd. „Das klingt ja ganz wundervoll.“

Jetzt hob das Kaninchen seinen Kopf und stellte die Ohren auf. „Findest du?“, fragte es zweifelnd.

„Ja, aber ganz sicher, erzähl mir doch bitte mehr von dir“, bittet Alexia ganz aufgeregt.

„Das ist schwierig zu erzählen, du würdest mir sicherlich auch nicht glauben“, erwiderte das Kaninchen.

„Ach bitte“, bettelt Alexia.

„Ich könnte es dir zeigen, wenn du mich ein Stück begleitest“, bietet das grüne Kaninchen an.

Alexia zögert einen Augenblick. „Eigentlich darf ich ja mit niemanden mitgehen“, erinnert sie sich an die Ermahnungen ihrer Eltern. „Aber ich habe ja Asabi dabei und was soll mir ein kleines, grünes Kaninchen schon tun?“, verwirft Alexia rasch ihre Bedenken. „Ich gehe gern ein Stück mit dir.“

„Also dann“, sagt das grüne Kaninchen und hoppelt voran.

Alexia folgt ihm und traut ihren Augen nicht, an jeder Stelle an dem die Pfoten des Kaninchens den Boden berührt haben, wächst helles, grünes Gras, an manchen Flecken sprießen sogar Blumen. Asabi, die hinter Alexia hergetrottet ist, schnuppert neugierig an dem frischen Grün.

Nach einer kurzen Weile erreichen die drei einen kleinen See. Obwohl es schon April ist, liegen hier und da noch Schneereste, das Gras ist noch braun vom langen Winter und die Bäume sind noch kahl, ohne jede Spur von Grün. Am Ufer des Sees ist noch vereinzelt eine dünne Eisschicht zu sehen. Das grüne Kaninchen berührt die Bäume und das Seeufer. Die Bäume zeigen in Windeseile Knospen, die als rosa und weiße Blüten aufspringen, das Gras wird grün, Blumen fangen an zu sprießen, öffnen ihre duftenden Blüten. Das Eis schmilzt, Sumpfdotterblumen beginnen am Ufer strahlend gelb zu blühen. Die Seerosenblätter auf dem See zeigen Knospen, die aufspringen und sich in herrliche weiße und pinkfarbene Blüten verwandeln.

Asabi jagt den ersten Bienen hinterher. Alexia vertreibt lachend einen Zitronenfalter von ihrer Nasenspitze. Sie kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie schaut das grüne Kaninchen bewundernd an. „Das ist wirklich zauberhaft“, ruft sie begeistert. Um sie herum ist es plötzlich Frühling. „Du hattest recht“, sagt sie zu dem grünen Kaninchen, „ich hätte dir nicht geglaubt, wenn du es mir erzählt hättest.“ Das Kaninchen nickt.

„Passiert das denn immer, wenn du irgendwo hinkommst? Auch mitten im Winter oder im Sommer? Wird es dann immer Frühling?“, fragt Alexia.

Das Kaninchen schüttelt den Kopf. „Nein“, antwortet es. „Ich bin nur am Ende des Winters unterwegs, dann bringe ich den Tieren und Menschen den Frühling und mit ihm die Hoffnung.“

„Das verstehe ich nicht“, sagt Alexia und runzelt die Stirn. „Warum die Hoffnung?“

„Wenn ein langer, kalter, dunkler Winter zu Ende geht und das junge Grün und die Blumen zurück kommen, dann wissen die Menschen, dass die eisigste Kälte und die finsterste Dunkelheit irgendwann ein Ende haben und das Licht, die Wärme und das Leben immer wieder zurückkehren. Diese Hoffnung in das Leben der Menschen zu tragen ist meine Aufgabe“, erklärt das grüne Kaninchen.

„Das ist eine sehr schöne Aufgabe“, sagt Alexia mit strahlenden Augen. „Jetzt verstehe ich, warum du grün bist. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Du musst sehr stolz sein, darum verstehe ich gar nicht, warum du so traurig warst, als wir dich vorhin getroffen haben.“

„Ach“, seufzt das grüne Kaninchen, seine Ohren fallen wieder herunter und sein Kopf senkt sich. „Ich bin halt so anders als alle anderen Kaninchen.“

„Natürlich bist du ganz anders“, tröstet Alexia das Kaninchen und streichelt ihm über das grüne Fell. „Du hast ja auch eine ganz besondere Aufgabe und darum hast du auch ein ganz besonderes Aussehen. Ich finde dich jedenfalls ganz besonders hübsch. Und Grün ist übrigens meine Lieblingsfarbe.“

Da richtet sich das grüne Kaninchen auf und sagt zu Alexia: „Dann will ich dein ganzes Leben in deinem Herzen sein und du wirst niemals die Hoffnung verlieren.“

Silke Wiest wurde am 16.9.1960 in Witten geboren und wohnt in Brombach. Sie studierte Germanistik und Geografie in Mannheim und beschäftigte sich wissenschaftlich mit empirischer Literaturwissenschaft. Außerdem arbeitete sie als freie Texter und Dozentin für Literatur an der VHS. Sie schreibt Lyrik und Prosa, Kurzgeschichten und Märchen für Kinder. Veröffentlicht wurden bisher unter anderen einige Kurzgeschichten in Anthologien.

*

Dominiks Osterüberraschung

„Papa“, durchdringt Dominiks Stimme die Stille des Arbeitszimmers. „Mami wird erst heute Mittag nach Hause kommen, oder?“

Geistesabwesend hebt der Vater den Kopf und blickt dem kleinen Jungen entgegen. Zustimmend nickt er, bevor er wortlos den Blick wieder auf die Papierstöße auf seinem Schreibtisch wendet. Schließlich muss er die Berichte rechtzeitig fertigbringen.

Doch Dominik bleibt hartnäckig: „Glaubst du, dass der Osterhase uns heuer trotzdem etwas bringen wird?“

Seine braunen Augen mustern den Vater lebendig, als dieser antwortet: „Also, ich denke, du bist schon groß genug, um zu wissen, dass ...“

Da ruft der kleine Schelm raunzend dazwischen: „Ich meine doch nur, weil Mami mit dem neuen Baby beschäftigt ist und du hast auch so viel Arbeit.“

Nachdenklich nimmt der Papa die Brille von der Nase und streicht mit der Hand über sein Kinn. „Vielleicht müssen wir das Ostereiersuchen heuer tatsächlich ein wenig verschieben.“ Liebevoll streicht er über den Kopf seines Sohnes. „Mal sehen, Dominik“, meint er dann zerstreut. „Wir werden das schon irgendwie machen.“ Damit kehrt er sich wieder konzentriert seiner Arbeit zu und der Junge marschiert in die Küche. Unzufrieden lässt er sich auf einen Stuhl plumpsen und sieht zum Fenster hinaus. Sein großer Bruder Elias füttert zusammen mit Oma die Hühner. Aufgeregt scharren die Vögel auf dem Boden um die beiden herum. Dominik findet, dass es wie ein Tanz aussieht. Er mag die Hühner und den eingebildeten Hahn auch. Mit schnellen Schritten eilt er auf den Hof hinaus. Vielleicht weiß Oma eine Lösung für sein Problem. „Liebe Omi“, ruft er der älteren Dame munter zu. „Hast du nicht eine Idee, wie wir doch noch ein schönes Osterfest feiern können?“

Die Großmutter schaut erst einmal etwas verblüfft und runzelt die Stirn. „Wieso denn?“, fragt sie aufmerksam. „Warum sollten wir denn kein schönes Osterfest haben?“

Geschwind erklärt Dominik, dass die Mutter ja noch im Krankenhaus ist und der Papa allem Anschein nach auch ausscheidet.

„Hm“, überlegt die weißhaarige Frau, „dann müssen wir dem Osterhasen wohl ein bisschen helfen!“

Elias ist von diesem Vorhaben natürlich auch sofort begeistert. „Was kann ich machen, Oma?“, johlt er eifrig. „Ich will auch mithelfen!“

Mit einem vielversprechenden Lächeln auf den Lippen teilt die Großmutter die bevorstehenden Arbeiten auf. „Du, Dominik, holst aus dem Stall noch Eier und bringst sie in die Küche. Ich habe vorhin schon einige in einem Körbchen unten auf dem Boden vorbereitet.“ Dann wendet sie sich dem großen Bruder zu und weist ihn an: „Elias, du musst die Farben zum Färben der Ostereier anrühren. Uns bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Hopp, hopp!“

Sofort laufen die Kinder los, um ihren Auftrag auszuführen. Dominik schaut sich kurz im Hühnerstall um. Er freut sich schon riesig darauf, seine Eltern zu überraschen. Flink schnappt er sich ein Flechtkörbchen vom Stapel. Ganz sachte sammelt er einige Eier und legt sie in den Korb hinein.

Plötzlich stürzt sich eine Henne wie wild auf ihn. Sie gackert aufgeregt und laut. Stürmisch pickt das Tier auf seine Schuhe hin und zupft an seinem Hosenbein. Erschrocken eilt der Junge mit seiner Beute in die Küche, wo Elias bereits ein paar Gefäße mit Wasser angefüllt hat.

Nun muss er nur noch die Tüten mit dem Farbpulver hineinmischen, dann kann es schon losgehen. Einstweilen hat die Großmutter den Teig für ihren berühmten Osterkuchen fertig gerührt. Ein fröhliches Lied summend gießt sie die Masse in eine spezielle Form und schiebt sie sogleich in den Backofen. „Noch schnell die Eieruhr stellen, damit es auch gelingt“, gluckst sie beschwingt vor sich hin.

Gerade als sie sich zu den Jungs umdreht, läutet es an der Haustüre. Papa ruft ausgelassen von draußen: „Es ist Mama mit eurer kleinen Schwester Marie!“

Die Großmutter rennt so schnell sie kann hinaus, um die beiden willkommen zu heißen. Auch Elias ist schon gespannt auf sein Schwesterchen und läuft mit. Nur Dominik bleibt in der Küche zurück.

Natürlich will er seine Mutter auch begrüßen und seine neue Schwester kennenlernen. Doch die Überraschung ist ihm auch wichtig. Also macht er sich schnell alleine ans Werk die Eier zu färben. Hurtig taucht er jedes, so gut es geht, von allen Seiten in die Farbtöpfchen. Zum Trocknen bleibt jedoch keine Zeit, deshalb bläst er so stark er kann auf die feuchten Eier. „Egal“, murmelt Dominik vor sich hin, „bis sie die bunten Eier gefunden haben, sind sie sicherlich trocken.“

Sichtlich zufrieden betrachtet der kleine Bursche sein Werk. Eine ganze Schüssel voll wunderschöner Ostereier hat er ganz alleine hergestellt. Stolz schnappt er sich die Kunstwerke.

„Dominik!“, hört er den Vater rufen. „Kommst du?“

Nervös beißt sich der Junge auf die Unterlippe. Was nun? Rasch flunkert er: „Sofort! Muss nur noch schnell zur Toilette!“ Dominiks Puls rast. Jetzt muss alles richtig schnell gehen. Hektisch stürmt er die Treppe hoch. Im Schlafzimmer seiner Eltern wird er bestimmt ein paar gute Verstecke finden. Ruck zuck hat er die besten Plätzchen entdeckt. Das rote Ei legt er in Mamas Kommode, weil sie Rot doch so gerne mag. Eines kommt in Papas Hausschuh. Dominik muss schmunzeln. Dann legt er das schönste Osterei in Maries Bettchen und die Restlichen lässt der tüchtige Bursche vorsichtig unter den Schrank rollen.

Überstürzt poltert er die Stiegen hinunter. Völlig atemlos fällt er nun endlich seiner Mutter in die Arme. „Ich hab dich so vermisst!“, lächelt er sie glücklich an.

Doch viel mehr Worte können sie im Augenblick nicht wechseln, weil das kleine Mariechen nun bitterlich weint. „Ich werde sie erst einmal in ihr Bettchen legen“, seufzt Mama. „Nach all den Aufregungen will sie bestimmt schlafen.“

„Großartig!“, denkt Dominik. Das ist ihm sehr recht, denn schließlich wartet dort die große Osterüberraschung.

Die ganze Familie begleitet entzückt das neue Familienmitglied hoch zum Schlafplatz. Mittlerweile hat sich die Kleine auch schon beruhigt und döst gemütlich in Mamas Arm. Alle verhalten sich ganz still, um sie nicht zu wecken. Doch als die Mutter das Neugeborene in das Bettchen legt, ertönt ein seltsames Geräusch.

Dominik kichert: „Überraschung! Marie, du hast das erste Osterei gefunden!“

Da bemerkt die Großmutter einen kleinen Farbfleck auf dem Kissenbezug und wird ganz blass: „Hast du die Eier etwa alleine gefärbt? Die waren doch noch roh!“

Dominik rümpft die Nase. Mist! Das hat er doch nicht wissen können. Behutsam hebt Mama das Baby wieder aus dem Bettchen. Papa nimmt das Kissen heraus. Das ist nun wirklich eine Osterüberraschung! Ein winziges Küken sitzt dort und schaut verdutzt in die Runde.

Im selben Moment hören sie erneut das Knacken von Eierschalen. Gleich darauf piept es ganz zart aus allen Richtungen im Raum. Mit großen Augen beobachten alle, wie Oma die putzigen Flaumknäuel einsammelt. „Was für ein Glück, dass wir sie nicht gekocht haben!“, meint die Großmutter andächtig. „Wie es aussieht, hast du die falschen Eier gebracht.“

Sofort bringt sie die Küken hinaus in den Hühnerstall, wo die Henne aufgebracht gackert und mit den Flügeln schlägt. Etwas später, als die Familie gemeinsam den leckeren Osterkuchen verspeist, ist wieder alles in bester Ordnung. Doch diese gelungene Osterüberraschung wird wohl keiner so schnell vergessen.

Doris Bel Haj Salah wurde 1973 in Wien geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Das größte Glück sind für sie ihre drei Töchter und ihr Ehemann, mit denen sie viel Zeit verbringt. In ihrer Freizeit liest, schreibt und zeichnet sie sehr gerne.

*

Edward und die Osterfee

Tief im Wald versteckt liegt das Osterhasenland. Dort herrscht große Aufregung! Heute werden die Auserwählten bekannt gegeben! Nur sie dürfen ins Menschenland reisen und die Osternester verstecken.

„Nummer 9379“, ruft Oberosterhase Professor Alberich.

Nummer 9379 ist aufgeregt. Wenn er nun nicht auserwählt würde? Nein, das kann nicht sein! Schließlich wurde auch 815 auserwählt, und der war in der letzten Eierprüfung der Allerschlechteste! Er war sogar fast durchgefallen!

„Es tut mir leid, 9379. Du bist nicht dabei.“

„Aber warum? Ich war in der Eierprüfung einer der besten!“

Der Professor blättert in seinem Buch. „Das ist richtig.“

„Und warum bin ich dann nicht auserwählt?“, fragt 9379.

„Du entsprichst nicht der Norm.“

„Ich entspreche nicht der Norm?“

„Zu klein. Zu dick. Kein reinweißes Fell. Aber am schlimmsten sind deine Ohren. Das eine zu klein und zu breit. Das andere zu lang und zu dünn. Auch die Kinder würden dich Osterkuh nennen.“

Osterkuh. Nummer 1 hatte ihm diesen Namen verpasst. Die perfekte Nummer 1. Die Nummer 1, die nun richtig fies lacht. So ein blöder Hase! „Nummer 9380“, ruft der Professor.

Traurig geht 9379 zur Gruppe der Daheimgebliebenen. Sie müssen die bemalten Eier aussortieren und die Nester packen. Dabei kann 9379 mehr! Aber er bekommt nicht einmal eine Chance. Wie gemein! Er entspricht nicht der Norm. Das ist so demütigend!

„Ich werde allen beweisen, was für ein toller Hase ich bin!“, sagt er zu den anderen, als die Versammlung zu Ende ist.

„Und wie?“, fragt ein Hase mit einem schwarzen Ohr.

„Mir wird schon was einfallen!“

„Vergiss es! Du hast kein Nest, vor allem aber keine Lizenz!“

„Aber ich will nicht für den Rest meines Lebens Ostereier aussortieren! Das Leben muss mehr Sinn haben!“

„Gib uns Bescheid, wenn du den Sinn gefunden hast!“

9379 hoppelt zur zauberhaften Lichtung. Dort wohnt die Osterfee. „Rubina!“, ruft 9379.

„Edward!“ Rubina hat ihm diesen Namen einst gegeben. Sie fand es schrecklich, dass er keinen richtigen Namen hat. Ein Name macht ein Wesen einzigartig. Sie flattert auf ihn zu. Obwohl 9379 Rubina schon lange kennt, ist er von ihrem Anblick immer wieder entzückt. Sie ist zart und schneeweiß und hat durchsichtige Flügel. Ihr Kleid ist rubinrot und füllig.

9379 erzählt von seinem Problem, doch leider kann ihm die Fee nicht helfen. „Ich kann und darf dich nicht normgerecht zaubern. Das widerspricht dem Gesetz der Natur.“

Sie war seine letzte Hoffnung. „Warum darf ich kein Normhase sein? Die Natur ist total ungerecht! Ich möchte so gerne ins Menschenland! Denk an die strahlenden Kinderaugen, wenn sie ihr Nest entdecken.“ Er beginnt zu heulen.

„Für jeden Hasen gibt es eine Aufgabe. Jeder wird den Sinn seines Lebens erkennen.“

„Wann? Und wie?“ 9379 motzt Rubina beinahe an, obwohl er das gar nicht wollte. Sie kann am allerwenigsten für sein Unglück. „Kannst du denn gar nichts für mich tun?“

„Leider nicht.“ Und so sitzen die beiden eine lange Weile und blicken sich dabei stumm an.

Plötzlich wirbelt Rubina in die Luft. „Ich habe eine Idee!“ Ihr Strahlen ist so ansteckend, dass sich 9379 mit freuen muss, obwohl er noch gar nicht weiß, um was es geht.

Rubina schwingt ihren Zauberstab.

„Halt!“, ruft 9379. „Magst du mir nicht ...“

PENG! PONG! PING!

„... sagen, wo es hingeht?“ 9379 blickt sich um.

OH MEIN GOTT!

Rubina hat ihn ins Menschenland gezaubert. Auf einen Bauernhof! Er muss zurück! Schließlich muss er erst ein Osterhase werden! Mit richtiger Lizenz! Unbedingt! Und dann ins Menschenland reisen! Mit einem Osternest, so wie es sich gehört! Warum ausgerechnet auf einen Bauernhof? Da landen die Hasen erst im Stall und dann auf dem Teller. Das hat Nummer 1 erzählt. Bei diesem Gedanken schüttelt es ihn kräftig. Er ist einsam. Und allein. Und weil das so schrecklich traurig ist, fängt 9379 richtig doll zu weinen an.

„He! Was heulst du denn so rum?“

9379 erschrickt, als er die fette Katze vor sich sieht. Essen Katzen Hasen? Ja! Das hat Nummer 1 gesagt und der weiß schließlich alles. „Ich ergebe mich. Ich mache alles, was du willst, nur bitte, bitte, friss mich nicht!“ 9379 streckt alle viere von sich und zieht sein langes Ohr über seine Knopfaugen.

„Entschuldige, so lecker bist du nun auch wieder nicht!“

9379 funkelt die Katze bitterböse an. „Weil ich nicht der Norm entspreche?“

Verdutzt blickt in die Katze an. „Muss ich das verstehen? Ich esse halt einfach keine Hasen.“

„Achso! Hmm, das wusste ich natürlich.“

Beruhigt beginnt 9379 mit der Katze zu quatschen. Sie erzählt vom Leben auf dem Bauernhof, von den anderen Tieren und, dass sie es sehr gut haben. Kinder gibt es insgesamt zwölf. Jedes besitzt einen Hasen, nur das zwölfte Kind, ein Junge, Anton heißt er, hat keinen Hasen bekommen. „Deswegen bin ich hier! Ich soll für Anton der Hase sein!“ Bei diesem Gedanken wird 9379 ganz warm ums Herz. Kinder sind so unendlich lieb zu ihren Haustieren. Anton wird sich freuen, dass er 9379 hat und ihn gut behandeln.

Die Katze zeigt 9379 Anton. Er sieht nicht glücklich aus. Und deshalb hoppelt 9379 auf ihn zu und will ihn trösten. Doch Anton sieht ihn nicht. 9379 spricht zu ihm, pustet ihn an, aber Anton reagiert nicht.

Da fällt es 9379 ein: Er ist ja unsichtbar. Nummer 1 hat einmal erzählt, dass Osterhasen aus dem Osterhasenland im Menschenland unsichtbar sind. Nur durch einen Zauber können sie sichtbar werden.

Obwohl alles so aussichtslos scheint, weicht 9379 Anton nicht mehr von der Seite und folgt ihm in sein Kinderzimmer. Wie kann er Anton auf sich aufmerksam machen? Aus Versehen hoppelt 9379 auf ein Stofftier, das entsetzlich quiekt. Anton dreht sich um.

9379 hüpft und jubelt. Das ist es! So macht er auf sich aufmerksam! Ist doch alles ein Kinderspiel! Gerade als er noch einmal auf das Stofftier hüpfen will, hebt Anton es vom Boden auf und setzt sich aufs Bett. Zu seinen Füßen liegt ein Buch. Er nimmt es und blättert darin. „Wie gerne hätte ich einen eigenen Hasen!“

„Du kannst mich haben!“, schreit 9379.

„So müsste er aussehen! Ein ganz weißes Fell soll er haben und niedliche Öhrchen! So, wie der in meinem Buch!“ 9379 schluckt. Anton will einen Normhasen!

Traurig lässt Anton sein Buch fallen. „Aber ich werde keinen bekommen. Mama will keinen mehr. Das ist so unfair! Wäre ich als Erstes geboren, hätte ich jetzt einen Hasen. Aber so!“

9379 hoppelt zu ihm und stupst Antons Füße. Anton zieht seinen Fuß weg! Er muss etwas gespürt haben!

Anton schließt die Augen. „Ich wünsche mir einen Hasen!“ Er öffnet die Augen. „Schade.“ Er schließt erneut die Augen, sagt seinen Spruch. Nichts passiert. Erst als er es zum zwölften Mal versucht, scheint es zu klappen, denn er starrt 9379 fassungslos an. „Wahnsinn! Träume ich?“ Anton kneift sich, schreit auf, weil es wohl zu doll war. „Gehörst du mir? Nur mir?“

9379 stupst ihn mit seiner feuchten Nase an.

„Du siehst viel besser aus, als der Hase in meinem Buch! Ich bin so glücklich, dass du da bist! Du darfst nie weggehen, äh, ja, wie nenn ich dich?“ Anton überlegt. „Ich nenne dich Edward.“

Verblüfft guckt ihn 9379 an. Wie kann das sein? Nur die Fee, seine einzige Freundin, nennt ihn Edward. Und jetzt auch Anton! Das kann nur bedeuten, dass Anton sein Freund ist und er bei Anton bleiben darf.

Edward ist so glücklich, wie nie zuvor. Er hat einen Freund gefunden, der ihn so mag, wie er ist. Und der ihn braucht! Das muss der Sinn des Lebens sein!

Lina Ebhard wurde am 1979 in Bayern, in der Nähe vom Chiemsee geboren und wohnt mit ihrem Mann in München. Ihr erster Roman „Gustav und das Terror-Trio“ und ihr Adventskalenderbuch „Wenn es Zimtsterne schneit ...“ erscheinen 2010 im Papierfresserchens MTM-Verlag. Außerdem wurden einige ihrer Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

*

Vergiftete Schokoladeneier zu Ostern

„Siehst du ihn?“ Felian versucht, so leise wie möglich zu sprechen. Jeder Ton könnte im Lüftungsschacht widerhallen und sie würden entdeckt.

„Dort drüben ist Charly. Er ist an diese Maschine angebunden“, flüstert Juliet. Ihr achtjähriger Klassenkamerad muss schmunzeln. Juliet bekam vor wenigen Tagen eine herausnehmbare Zahnspange und kommt noch nicht ganz zurecht damit.

„Warum grinst du, Felian?“

„Ich liebe es, wie du das S lispelst.“

Juliet kichert. „Du liebst doch alles, was ich tue.“

Gerade will Felian etwas antworten, als sich der Chemiker verdächtig nähert. Noch hat er die beiden nicht entdeckt.

„Ist das dieser Darian Lehmhart, von dem du mir erzählt hast?“

„Das ist er, Juliet. Ich erkenne ihn an seiner dunklen Stimme, seinem dicken Bauch und dem ungepflegten Vollbart. Und der andere, den du an der Maschine siehst, ist sein Kollege. Darius nennt ihn immer Wolf. Wahrscheinlich für Wolfgang, keine Ahnung.“

„Und die beiden Schurken hast du ganz alleine belauscht?“

Felian nickt. „Manchmal ist es doch gut, die Regeln zu brechen, um Gutes zu tun.“

„Aber nur dann“, murmelt Juliet. „Du weißt, du darfst eigentlich gar nicht auf dieses Gelände. Die Fabrik ist baufällig. Stand sogar in der Zeitung.“

„Ja, Mama“, antwortet Felian schnippisch. „Jetzt aber zum Plan. Wolf verlässt immer pünktlich um 20.00 Uhr die Fabrik.“ Er blickt auf seine Armbanduhr. „Es ist fünf vor acht. Wenn Wolf weg ist, befreien wir Charly.“

„Du hast mir noch nicht verraten, warum diese Ganoven Charly entführt haben.“

Felian blickt noch einmal auf die Uhr. „Kurzfassung: Charly ist der gehorsamste Hund in dieser Stadt. Vielleicht sogar weltweit. Als ich gesehen habe, wie er entführt wurde, bin ich mit dem Fahrrad hinterhergedüst und habe die beiden belauscht. Darius will Charly irgendwie das Gehorsamkeitsgen herausoperieren.“

„Und das will er dann in die Schokolade schmuggeln, mit der er Schokoladen-Ostereier herstellen will?“

„So ist es, Juliet. Jede Minute zählt.“

„Du hättest die Polizei rufen sollen, Felian.“

„Damit die mich auslachen? Nee, danke. Erwachsene glauben nur das, was sie sehen und selbst daran zweifeln sie noch. Es ist acht Uhr“, sagt Felian nach einem weiteren Blick auf seine Armbanduhr. Er drückt das Gitter des Luftschachts vorsichtig weg, das er bereits am Vortag aufgeschraubt hat. Dann dreht er es behutsam um und legt es neben sich. „Komm da ja nicht ran, Juliet. Wir müssen leise sein.“

Juliet nickt. „Schaffst du das mit deinem Bein?“

„Klar. Tut doch nicht mehr weh.“

Darius folgt Wolf, um die Tür hinter ihm abzuschließen. Dabei ist die Fabrik löcheriger als jeder Käse. Felian steigt als Erster aus dem Luftschacht. Ein kleiner Sprung und er ist unten. Dann hilft er Juliet. Gemeinsam schleichen sie zu dieser Maschine, an der viele Knöpfe bunt blinken und ein Hebel am anderen angebracht ist.

Charly liegt rücklings auf einem kleinen Tisch, der an dieser Höllenmaschine befestigt ist. Charly winselt, als er Felians Stimme hört. Er kennt sie aus dem Tierheim, in dem Felian in jeder freien Minute aushilft. Schon oft sind sie zusammen im Park spazieren gegangen. Einmal musste Felian Charly suchen, da er flitzen gegangen ist. Doch nach einer Nacht kam er wieder.

„Du musst leise sein“, sagt Felian und legt den Zeigefinger auf seine Lippen. Als wenn Charly ihn verstehen würde, hört er auf zu winseln. Felian löst die Gurte, mit denen Charly festgebunden wurde. In dem Moment betritt Darius den Lagerraum.

„Was geht hier vor?“, schreit er wütend.

Wegen seines bandagierten Fußes kann Felian nicht so schnell abhauen wie Juliet. Darius schnappt sich den Jungen, setzt ihn auf einen Küchenstuhl und fesselt ihn daran. Ganoven haben immer ein Seil herumliegen, mit dem sie die Guten fesseln können.

Juliet konnte sich so flink verstecken, dass Darius sie nicht bemerkt hat.

„Willst du mein Projekt sabotieren?“

Felian steht der Schweiß an der Stirn, doch er versucht, locker zu bleiben. „Ich weiß, was Sie mit Charly vorhaben. Ich weiß nur nicht, warum.“ Während er spricht, verdreht er seine Finger hinter dem Rücken, um an seine Gesäßtasche heranzukommen. Wenn er sein Handy erreichen könnte, könnte er den Notruf wählen, den er im Kurzwahlspeicher unter 1 abgelegt hat.

Darius zwirbelt seinen schwarzen Bart. „Warum ich das Gehorsamkeits-Gen haben will, kann ich dir erklären. Du wirst es eh nicht weitererzählen können.“ Er grunzt kurz, als er lacht und erklärt: „Ich habe lange gebraucht, um diesen Hund zu finden und ich werde weitersuchen, um andere für mein Projekt zu finden. Es müssen keine Hunde sein. Das mit Charly war nur zufällig. Ich habe euch im Park beobachtet und gesehen, wie er dir gehorcht.“

„Aber wofür das alles?“ Felian will Darius mit Fragen ablenken, um weiterhin nach dem Handy zu kramen.

„Ich will ihm das Gen entnehmen, dann werde ich es verflüssigen und in meine Schokoladeneier spritzen, die ich dann in der ganzen Welt verkaufen werde. Die Kinder sollen dermaßen gehorsam sein, dass sie ihren Eltern nie wieder widersprechen.“

„Sie haben Ihr Gehirn wohl im Schokoladenbottich verloren.“

Unbeirrt erklärt Darius, wie es zu der Scheidung von seiner Ehefrau kam, weil seine beiden Kinder so aufmüpfig waren, dass es jeden Tag Zoff gab.

„Ich gab meiner Frau die Schuld, weil sie die Kinder zu weich erzogen hat und sie gab mir die Schuld, weil ich wohl zu streng war. Aber mit meinen Ostereiern wird es Frieden auf Erden geben.“

Felian schüttelt ungläubig den Kopf.

Darius trottet siegessicher auf seine Maschine zu, nachdem er Charly wieder eingefangen und festgeschnallt hat. Da bemerkt er entsetzt, dass jemand Limonade über das Schaltpult geschüttet hat, während er Felian von seinem Plan erzählt hat. Die Funken sprühen ihm entgegen, die Knöpfe sind verklebt und die Instrumente spielen verrückt.

Während Darius ungläubig dasteht und seiner Maschine nachtrauert, befreit Juliet Charly. Für Charly, der in letzter Zeit stark zugenommen hat, ist das alles zu stressig. Er zieht sich zurück und legt sich zwischen die verpackten Schokoladeneier, die noch präpariert werden sollten. Felian und Juliet beobachten den geschwächten Charly. Nachdem Juliet ihren Felian befreit hat, humpelt dieser zu Charly.

„Fußball ist wohl doch nicht so gesund“, sagt Juliet und will mit dieser Aussage die Lage beruhigen. Währenddessen kniet Felian neben Charly und stützt dessen Kopf.

Plötzlich löst Darius seine Gedanken von der Ostereier-Maschine und stürzt auf die beiden Kinder zu. Zur selben Zeit stürmen zwei Polizisten den Lagerraum, die Felian informieren konnte. Mit ihrem Geschrei verdutzen sie Darius so sehr, dass er sich nicht einmal wehrt, als er festgenommen wird.

„Wie sind Sie hier hereingekommen?“, fragt Darius erschreckt.

„Durch eines der vielen Löcher in den Mauern“, antwortet einer der Polizisten.

Da kommt Felian hinzu, mit Charly auf dem Arm.

„Ist er tot?“, fragt der andere Polizist.

Felian lächelt vergnügt. „Nein, sie ist Mama.“

Darius dreht sich zu den Kindern um. „Charly ist ein Mädchen?“

Nun gesellt sich auch Juliet zu der kleinen Gruppe, mit vier kleinen Welpen auf dem Arm. „Das ist wohl das Ergebnis, als sie ausgebüxt ist, und der Grund, warum sie immer dicker wurde.“

Alle, bis auf Darius, lachen und streicheln die Hundemama mitsamt ihren Babys. Darius schaut traurig zu.

„Trauern Sie um Ihre Maschine, um Ihren Plan, der nicht aufging, oder um das verlorene Gehorsamkeitsgen?“, fragt Felian schnippisch.

Darius blickt betrübt auf die quiekenden Hundebabys. „Da hätte ich fast Mist gebaut, hm?“

Ostern ist gerettet, die Kinder dieser Welt dürfen auch mal unartig sein, solange sie nachher wieder lieb sind und Darius bekommt nur eine Geldstrafe als Denkzettel. Ein Hundemädchen darf er sogar behalten und kümmert sich rührend um sie.

Carmen Matthes wurde 1971 in Reutlingen geboren und lebt seit einigen Jahren glücklich verheiratet in Heilbronn. Nach der Tätigkeit als Übersetzerin begann sie Ende 2009 mit dem Schreiben von Geschichten und veröffentlichte bereits einige in Anthologien und Zeitschriften.

*

Die Aushilfe

Es war Oscars großer Tag. Er war schon sehr früh aufgestanden und hatte sich noch im Dunkeln für die Aufgabe, die ihn heute erwartete, vorbereitet. Das Fell war gekämmt, die langen Ohren sauber und seine Fußnägel geschnitten. Ihr müsst nämlich wissen, Oscar ist ein Hase. Aber nicht irgendein gewöhnlicher Feldhase, sondern ein angehender Osterhase in Ausbildung.

Eigentlich sollte er erst im nächsten Jahr beim großen Eierverstecken mitmachen. Sein Vater, der jedes Jahr mit den anderen Osterhasen ausschwärmte, um die vielen Kinder mit Ostereiern zu versorgen, lag aber seit gestern mit einer gewaltigen Grippe im Bett. Oscar hatte schon viel gelernt und seine Noten waren so gut, dass der Boss seine Zustimmung zur Aushilfe gegeben hatte, obwohl ihm noch das letzte Ausbildungsjahr zum anerkannten Osterhasen mit Diplom fehlte.

„Also dann, viel Erfolg und gib gut auf dich acht“, sagte die Hasenmutter zum Abschied, drückte Oscar fest an sich und öffnete die Tür.

Die kleinen, halbrunden Häuser des Osterhasendorfes standen in Kreisform um den großen Dorfplatz und so konnte Oscar direkt auf seine Kollegen schauen, die sich dort versammelt hatten. Ein wenig mulmig war ihm schon zumute, als er die erfahrenen Osterhasen mit ihren Körben auf dem Rücken erblickte.

„Wird schon alles gut gehen, Mama“, verabschiedete sich der neue Osterhasengehilfe mit einem Kuss von seiner Mutter und ging in die Hütte des Ostereierverteilers.

„Name!“, fragte der alte Hase hinter dem Tisch, ohne aufzublicken. Mit einer großen, runden Brille auf der Nase studierte er angestrengt seine Akten.

„Oscar!“, rief der Osterhase in Ausbildung aufgeregt und stolz zugleich. Langsam ging der Blick des alten Hasen nach oben und er musterte Oscar über den Rand seiner Brille hinweg. „So, so. Der Oscar. Der Boss hat dich schon angekündigt. Du bist also als Vertretung deines Vaters hier, obwohl deine Ausbildung noch nicht abgeschlossen ist.“ Die scharfe Stimme des Alten verunsicherte Oscar. Der traute ihm bestimmt niemals zu, den Job vernünftig auszuführen.

„Na ja, der Boss wird schon wissen was er macht“, sagte der Alte zweifelnd und schaute wieder auf seine Akten. „Tour 43“, gab er nach einem kurzen Blick auf die Papiere kund und suchte aus einem anderen Stapel auf dem Tisch den entsprechenden Plan raus. „Die Eier stehen da hinten in der Ecke.“ Ohne seine Augen noch einmal auf Oscar zu richten, gab er ihm seinen Tourplan. „Der Nächste! Name!“, rief der Alte laut.

Schnell hatte sich Oscar seinen Korb mit den Ostereiern geholt und stand nun mit den anderen Osterhasen auf dem Dorfplatz.

„Hallo, Oscar!“, begrüßte ihn Hansi freudestrahlend. Hansi war ein Nachbarhase und zwei Jahre älter als Oscar. „Was machst du denn hier? Ich dachte deine Ausbildung ist erst im nächsten Jahr beendet?“

„Das stimmt ja auch“, bestätigte Oscar. „Aber mein Vater ist krank und ich darf als Aushilfe seine Tour übernehmen.“

„Das ist ja toll. Dein Vater wird ganz stolz auf dich sein!“, rief Hansi und klopfte dem Jüngeren anerkennend auf die Schulter. „Was hast du denn für eine Route? Zeig doch mal deinen Tourplan“, sagte er zu Oscar. Auf dem Plan waren, wie jedes Jahr, die Häuser der Menschen und ihre Namen eingezeichnet, die beliefert werden sollten.

„Oh je, du musst zu Familie Hempel in die Oststraße!“, rief Hansi erschrocken nach einem kurzen Blick auf den Plan.

„Was ... was ist denn da so Schlimmes?“ Oscar war kein Angsthase, aber der Ausruf seines Freundes hatte ihn schon erschreckt.

„Die haben einen großen Hund, der auf ihrem Grundstück frei herumläuft. Mein Onkel hat mir mal erzählt, dass er diese Tour hatte und sich bei der Flucht vor dem Hund verletzt hat“, erklärte Hansi. In diesem Moment erklang auch schon das Signal zum Aufbruch. „Tut mir leid Oscar, aber wir müssen jetzt los. Ich wünsche dir viel Glück!“, rief der Freund und hoppelte davon.

Alle anderen Osterhasen machten sich auch schon auf den Weg. Nur Oscar stand noch da und dachte mit Schrecken an den großen Hund von Hempels. Doch er wollte die Kinder nicht enttäuschen, die bald aufstehen und ihre Ostereier suchen würden. Also fasste er sich ein Herz und begann ebenfalls mit seiner Tour.

Nach zwei Stunden Arbeit hatte er nur noch die Familie Hempel auf dem Plan. Bis jetzt war alles ganz gut gelaufen, aber die Aussicht auf die Begegnung mit einem Hund, machte Oscar nervös.

Vorsichtig näherte er sich der Hecke, die das Haus umgab, und schlich sich in gebückter Haltung hindurch. Er legte ein Ei behutsam auf der Wiese ab und hoppelte auf eine andere Stelle zu, die ihm geeignet erschien, um erneut ein Osterei abzulegen.

Da geschah es. Mit lautem Gebell sprang ein großer, schwarzer Hund um die Ecke, genau auf Oscar zu. Seine Zähne waren gefletscht und ekliger Sabber lief ihm aus dem Maul. So schnell er konnte, hüpfte Oscar mit großen Sprüngen in Richtung Hecke davon, um im letzten Moment die rettende Straße zu erreichen. Der Hund war glücklicherweise zu groß, um durch die Hecke zu passen und so stand er noch auf der anderen Seite und kläffte wild.

Oscar war völlig außer Atem. Bei dem Sprung durch die Hecke hatte er sich außerdem noch an der Hinterpfote verletzt, die ihm jetzt höllisch wehtat.

„Mir ist das Gleiche passiert wie dem Onkel von Hansi“, dachte Oscar verzweifelt. „Wie soll ich denn jetzt meinen ersten Auftrag erfolgreich beenden?“

„Soll ich dir helfen?“, erklang plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihm. Verblüfft drehte sich der junge Hase zu dem Sprecher der Stimme um. Vor ihm stand ein Mann und schaute ihn mitleidvoll an. Drei Dinge waren seltsam, bemerkte Oscar. Wie konnte sich ein Mensch, einem Hasen so weit nähern, ohne dass dieser ihn witterte? Warum konnte dieser Mensch die Hasensprache? Warum kam der Mann ihm so bekannt vor?

Auf alle diese Fragen wusste er keine Antwort, aber der Mann machte einen sehr freundlichen Eindruck. „Kannst du mir denn helfen?“, fragte Oscar deshalb vertrauensvoll.

„Natürlich kann ich das. Ich hab gerade Urlaub und helfe immer gerne!“, rief der Mann und lachte. Ohne irgendwelche Anzeichen von Angst machte er sich mit den letzten Eiern aus dem Korb auf den Weg durch das Eingangstor, aus sicherer Entfernung von Oscar beobachtet. Mit einer Seelenruhe verteilte der Mann die Eier, immer gefolgt von dem großen Hund, der sich freudig schwanzwedelnd von ihm streicheln ließ.

„Vielen Dank“, sagte Oscar staunend zu dem seltsamen Mann, als dieser mit dem Verteilen der Eier fertig war.

„Keine Ursache, hab ich doch gern gemacht für einen Kollegen!“ Dabei lachte er wieder, setzte sich eine rote Zipfelmütze auf den Kopf und ging zu einem Schlitten, der gezogen von Rentieren gerade auf der Straße gelandet war. „Es war mir eine Ehre die Aushilfe für dich zu sein, Oscar“, sagte er zum Abschied und flog in seinem Schlitten mit einem lauten „Ho, ho, ho!“ davon.

Armin Niederhäuser ist 45 Jahre alt, glücklich verheiratet und wohnt mit seiner siebenköpfigen Familie und einem kleinen Hund im schönen Westerwald. Wenn es die Zeit erlaubt, liest und schreibt er gerne Geschichten.

*

Der Hase mit der Schnupfennase

Auf einem kleinen Acker versteckt unter der Erde lag der Bau von Fridolin Hase. Eigentlich wohnen Hasen ja nur in einer Mulde. Doch Fridolin hatte diese Art des Wohnens noch nie gemocht. Er bevorzugte die Wohnweise seiner Verwandten, der Kaninchen. So konnten ihm weder Kälte noch Hitze etwas anhaben und er und sein Schaffen blieben unentdeckt.

Fridolin Hase hatte sich gemütlich eingerichtet. Es gab eine kleine Schlafstube, eine winzige Küche und ein großes Arbeitszimmer. Dort standen an den Wänden hohe Regale und in der Mitte ein großer Tisch. Überall lagerten bunte Tiegel und alte Dosen mit dicken und dünnen Pinseln. In der hintersten Ecke schloss sich eine große Kühlkammer an. Sie war von oben bis unten gefüllt mit frischen Eiern vom nahe gelegenen Hühnerhof.

Gerade stand Fridolin darin und griff nach einem der Eierkartons, da begann seine Nase schrecklich zu jucken und im gleichen Augenblick musste er heftig niesen. „Hatschiiii!“, schallte es durch den Bau und noch einmal: „Hatschiiiii!“ Fridolins ganzer Körper zuckte dabei. Die Eier kullerten aus dem Karton und fielen auf den Boden. „Ach, auch das noch!“, schimpfte er, eilte hinaus und machte sich auf die Suche nach dem Putzzeug.

Eine Stunde später hatte Fridolin Hase schon eine ganz rote Nase vom ständigen Schnäuzen und immer wieder erbebte der Hasenbau unter seinem Niesen.

Plötzlich stand Frau Spitzmaus mit einem besorgten Gesicht in der Tür. „Du bist aber schrecklich erkältet, mein Lieber!“ Sie schaute ihn kopfschüttelnd an. „Ich mache dir jetzt erst einmal einen heißen Tee. Und dann legst du dich sofort wieder ins Bett.“

„Aber das geht doch nicht!“, protestierte Fridolin. „Übermorgen ist Ostern. Die Kühlkammer ist voller Eier, die ich noch hübsch anmalen muss. Ich habe keine Zeit, mich krank ins Bett zu legen!“

Frau Spitzmaus warf einen prüfenden Blick auf den Arbeitstisch. Dort lagen einige Eier, an denen der Hase wohl bis eben gemalt hatte. Die Farben waren ineinander gelaufen und die Muster ungleichmäßig. „Die Eier kannst du sowieso nicht in die Nester legen. Da ist dein Ruf für die nächsten hundert Jahre verdorben!“, meinte sie ehrlich.

Fridolin schaute betreten. „Ist es ... Hatschiiiiii ... so schlimm?“

„Schlimmer! Und jetzt leg dich endlich hin. Der Tee ist gleich fertig.“ Frau Spitzmaus setzte den Wasserkessel auf den Herd und wenig später hielt der Hase eine Tasse mit dampfendem Kräutertee in der Hand.

„Der riecht aber komisch …“, murmelte Fridolin. Aber tapfer trank er Schluck um Schluck und schlief kurz darauf ein.

Als sein Schnarchen gleichmäßig durch den Bau zog, nickte Frau Spitzmaus zufrieden. Eilig huschte sie hinaus und kam wenig später mit ihren drei Kindern und deren Freunden zurück. „Dass ihr mir ja leise seid!“, mahnte sie am Eingang des Hasenbaus noch einmal. „Der Osterhase ist sehr krank und nur, wenn er sich jetzt gut ausruht, kann er am Sonntag seine Arbeit machen.“

„Aber klar doch!“, antwortete der Wühlmausjunge. „Ist echt cool! Ich mal mir heute meine eigenen Ostereier …“ Er stieß die kleine Feldmaus neben sich an.

„Aua!“, quietschte diese erschrocken und Frau Spitzmaus sah die beiden böse an. „Was habe ich euch eben gesagt?“

Die Mäusekinder senkten ihre Köpfe. „Leise sein …“

Als Fridolin nach zwei Stunden erwachte, traute er seinen Augen kaum. In seinem Arbeitszimmer drängten sich ganz viele Mäuse und malten die Eier bunt. Ein munteres Flüstern erfüllte den Raum und er hätte gerne noch ein wenig gelauscht, wenn er nicht schon wieder hätte niesen müssen. „Hatschiiii!“

Die Mäuseschar drehte sich erschrocken um. Frau Spitzmaus drängelte sich durch. „Herr Hase! Waren wir zu laut?“

„Nein! Ist schon in Ordnung! Aber, was machen Sie denn da? Meine kostbaren Eier. Die brauche ich doch am Sonntag!“

„Ich weiß!“, antwortete Frau Spitzmaus spitz. „Ich hoffe, die Kinder werden bis dahin fertig.“

„Die Kinder?“ Fridolin war verwirrt.

„Fridolin Hase!“ Frau Spitzmaus stemmte die Hände in die Hüften und sah den Osterhasen streng an. „Die Kinder malen sehr schön. Du ruhst dich aus und trinkst noch einen Tee. Nur dann kannst du am Sonntag deine Arbeit machen!“

Fridolin hatte keine Wahl. Brav legte er sich wieder hin und trank den Kräutertee. Er schmeckte bitter, aber er half.

Schon am Samstagabend musste Osterhase Fridolin kaum noch niesen und am Sonntag konnte er wirklich den Korb aufsetzen und die vielen wunderschönen Eier verteilen. Frau Spitzmaus und die Mäusekinder hatten tolle Arbeit geleistet. Fridolin war ihnen sehr dankbar und versteckte in ihren Nestern noch eine kleine Papierrolle. Wie groß war bei allen die Überraschung, als sie lasen:

Ein jedes Ei gemalt so schön.

Ich hab die Kinder staunen sehn,

haben sich recht gefreut und froh gelacht.

Das habt ihr wirklich gut gemacht!

Ich danke sehr und lad euch ein,

auch nächstes Jahr dabei zu sein.

Es grüßt euch lieb der Osterhase,

der Fridolin mit roter Nase!

Martina Decker wurde 1964 in Bremen geboren. Sie lebt in Hackenheim in der Nähe von Bad Kreuznach. Wenn sie nicht arbeitet oder schreibt, genießt sie das Leben mit Familie und Freunden, spielt in einer Laienspielgruppe Theater oder liest ein Buch. Sie veröffentlichte bisher Haiku, Gedichte und Kurzgeschichten in diversen Anthologien.

*

Warum wir dieses Jahr Ostern feiern können

Im Garten strecken sich die ersten Grashalme durch den Schnee. Marlon hockt sich nieder und versucht den tauenden Schnee zu greifen. „Das wird kein Schneemann mehr“, stellt er enttäuscht fest. „Der Schnee ist zu matschig.“

„Ich wollte sowieso nur schaukeln“, antwortet Merle, seine kleine Schwester. Sie geht zur Schaukel, die unter einem dicken Ast des riesigen Baumes in ihrem Garten steht, schaut hoch und freut sich: „Guck mal, Marlon! Die ersten Blätterknospen wachsen! Dann ist es jetzt Freuling!“

Marlon schüttelt den Kopf: „Merle, es ist Frühling! Ich werde den schönen Schnee vermissen.“

Marlon möchte Merle auf die Schaukel helfen, als es plötzlich hinter dem dicken Stamm des großen Baumes zu rascheln beginnt. Merle will hinrennen, doch Marlon hält sie fest.

„Psst“, flüstert er und legt ihr den Zeigfinger auf die Lippen. „Vielleicht ist es ein Vogel? Wir müssen leise sein und langsam schleichen, wenn wir ihn sehen wollen!“

Vorsichtig tapsen beide über die Wiese und schauen neugierig um den Baumstamm.

„Eiersalat! Riesen Eiersalat! So was von Eiersalat!“, schimpft eine zarte, wütende Stimme hinter dem Baumstamm.

Marlon und Merle trauen ihren Augen nicht! Dort sitzt ein Hase, der Marlon gerade bis zu den Knien reicht, er trägt dicke Schneestiefel, eine bunte Hose, eine Winterjacke und auf seinen Rücken einen leeren Korb. Rund um ihn herum liegen lauter zerbrochene Eier.

„Der Osterhase“, ruft Merle begeistert und klatscht in die Hände. Marlon will gerade „Psst“ rufen, da hat der Hase die Kinder schon bemerkt.

„Oh nein, oh nein! Das darf doch nicht sein!“, fiepst der Hase aufgeregt und versucht wegzuhoppeln, rutscht auf der Eierpampe aus und landet – RUMS – auf seinen Hasenpopo.

„Können wir dir helfen? Du brauchst keine Angst vor uns zu haben“, versucht Marlon den Hasen zu beruhigen.

„Mir helfen? Mir helfen können nur noch Elfen!“, bemerkt der Hase in einem sehr verärgerten Ton. „Ihr dürftet mich gar nicht sehen, darf hier nicht mehr stehen! Wenn meine Familie das erfährt, ist es um mich beschert!“

Marlon reicht dem aufgewühlten Hasen die Hand, hilft ihm beim Aufstehen und versichert ihm: „Wir verraten nichts. Versprochen!“

„Sollen wir die Eier wieder reparieren?“, fragt Merle. „Ich kann Klebe holen.“

„Aber die Eier können wir nicht kleben, Merle“, erklärt Marlon.

„So ein Eiersalat!“, schimpft der Hase weiter. „Ich dürft nichts verraten von meinen Taten! Sollte bemalen die ganzen Eier, ohweia! Die Hühner haben sie mit viel Mühe gelegt. Bis sie neue hervorbringen ist es zu spät! Alle Kinder werden suchen im Haus und im Garten, weil sie schon lange auf Ostern warten.“ Traurig, mit hängenden Hasenohren, steht er dort und schaut sehr verzweifelt aus.

„Und wenn wir dir Eier besorgen?“, schlägt Merle vor.

„Das kann aber nicht warten bis morgen. Was können wir tun? Legen kann ja nicht noch mehr das arme Huhn!“, stellt der Hase fest.

„Ich habe eine Idee“, freut sich Marlon. „Ich kaufe dir Eier mit dem Geld aus meinem Sparschwein im Supermarkt. Gibst du mir deinen Korb? Ich mache ihn dir voll und niemand wird dich sehen.“

Merle nickt aufgeregt: „Und ich helfe dir beim Saubermachen!“

„Da fehlen mir die Sätze! Ihr seid wirklich richtige Schätze! Nur zum Färben der Eier bleibt zu wenig Zeit, bis Ostern ist es nicht mehr weit“, plappert der Hase beunruhigt.

„Dabei helfen wir dir. Ich beeile mich“, erklärt Marlon, nimmt dem Hasen den Korb ab und läuft ins Haus, um sein Versprechen zu erfüllen.

Inzwischen schleicht auch Merle ins Haus, holt Eimer und Schaufel und wandert auf Zehenspitzen Richtung Terrassentür zurück in den Garten, damit Mama nichts mitbekommt.

Als alle Eierschalen und die Eierpampe im Eimer gesammelt sind, bringt Merle sie vorne zur Mülltonne. Dort sieht sie Marlon anmarschieren.

Hinter dem Baumstamm hoppelt der Hase in kleinen Sprüngen aufgeregt hin und her, als die Geschwister wieder bei ihm ankommen.

„Reichen die Eier?“, möchte Marlon wissen und hält dem Hasen den vollen Korb hin.

„Wunderbar! Das reicht ganz und gar!“, stellt der Hase fest und hüpft vor Freude in die Höhe.

„Jetzt müssen wir sie nur noch bemalen. Ich habe in meinem Zimmer Stifte in vielen Farben. Aber da müssen wir an Mama vorbei“, überlegt Marlon.

„Nein, ich geh dort nicht ins Haus. Wenn eure Mama mich entdeckt ist das mein Aus!“, bedenkt der Hase. „Wir gehen lieber in meinen Bau, da ist es sicherer, das weiß ich genau.“ Der Hase lächelt zum ersten Mal und zwinkert den Kindern zu: „Gebt mir die Hand und flugs sind wir im Hasenland.“ Er schnallt sich seinen vollen Korb auf den Rücken, reicht den Kindern seine Pfoten und stampft dreimal feste mit seinem Schneestiefel auf den Rasen, dass der Schnee zu allen Seiten spritzt. Ganz lautlos öffnet sich der Rasen unter den Dreien zu einem Erdtunnel, den sie geschwind hinunterrutschen. Merle und Marlon sind so überrascht, dass sie keinen Pieps von sich geben können. Nach einer kurzen Rutschpartie landen sie auf ihren Hosenboden in einer Wohnung unter der Erde. Die Wände sind rundherum in hellen Brauntönen gehalten und rund. Die Öffnung über ihnen schließt sich wie von Geisterhand.

Sprachlos schauen sich die Geschwister um und entdecken Stühle und Tische, Küchenschränke und Durchgänge zu anderen Zimmern.

„Da bist du ja endlich“, ruft es aus dem Raum nebenan. Stampfenden Schrittes kommt ein Hase in einem Kleid in die Küche. Die Hasenfrau schaut sehr besorgt: „Es ist keine Zeit! Es ist doch bald schon soweit!“, sie stutzt, als sie die Kinder erblickt. „Was macht ihr denn hier? Das ist nicht euer Revier!“

„Ach Liebes, ich habe die zwei dabei, damit sie mir helfen beim Bemalen vom Ei“, erklärt ihr der Hase. „Ein schrecklicher Unfall ist mir geschehen, die Kinder haben es gesehen. Alle Eier sind gebrochen, doch sie haben versprochen, nichts zu verraten, und ohne die Hilfe im Garten müsste Ostern viele Tage warten.“

Die Hasenfrau nickt: „Ausnahmsweise! Na, das war für euch Kinder sicher eine tolle Reise. Na, kommt ihr Guten, wir müssen uns sputen.“

Merle und Marlon folgen den Hasen. Sie gehen in ein Nebenzimmer. Dort stehen Stühle und Farben, hier ist alles bunt bekleckst. Dann geht es sehr schnell. Die Osterfrau kocht die Eier in der Küche. Marlon, Merle und der Osterhase greifen sich einen Pinsel und bemalen die gekochten Eier mit den schönsten Farben und Mustern.

Nachdem alle Eier bunt leuchten, bemerkt die Hasenfrau: „Draußen ist es schon dunkel, sogar die Sterne am Himmel sind am Funkeln. Eure Mutter wird sich sorgen. Wir sehen uns ganz bestimmt morgen. Für eure Hilfe lieben Dank. Dort geht es für euch nach Hause entlang.“ Sie geht mit den Geschwistern in die Küche und stampft dreimal mit ihrem Hasenschuh auf den Boden.

Marlon und Merle halten sich fest an den Händen, als sie zu fliegen beginnen, die Erdendecke sich über ihnen zu einem Tunnel öffnet und sie durch ihn in ihren Garten sausen.

Das war ein Abenteuer! Müde gehen sie zum Haus.

Mama wartet schon auf der Terrasse. Bevor sie etwas sagen kann, erklärt Marlon: „Wir sind so müde und haben Hunger.“

Merle nickt. Nachdem Abendbrot verschwinden beide ins Bett und fallen in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen werden Merle und Marlon von einem Rascheln geweckt.

„Frohe Ostern“, begrüßt sie der Hase und hoppelt schnell weg.

„Ich gehe Eier suchen!“, ruft Merle und springt aus ihrem Bett. Marlon rennt hinterher.

Nicole Müller wurde 1980 in Unna geboren und wuchs in Dortmund auf. Schon in der Grundschule betonte ihre Klassenlehrerin nach Aufsätzen immer wieder, sie würde später Autorin werden und so war es damals schon ihr Traum. Nach der Fachhochschulreife im Sozial- und Gesundheitswesen machte sie eine Ausbildung zur Erzieherin. In dem Beruf konnte sie sich kreativ „austoben“. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter. Das Schreiben ist eines ihrer schönsten Hobbys. Einige ihrer Geschichten wurden bereits in Anthologien veröffentlicht.

*

Der fliegende Osterhase

Genervt blickte Iris dem Treiben ihrer Tochter, der fünfjährigen Emma, zu. Sie hüpfte, tanzte und zappelte schon seit dem Mittagessen um sie herum.

„Mami, wann darf ich denn endlich in den Garten? Ich muss doch noch mein Osternest unter dem Baum herrichten, bitte, bitte!“

„Halt dich bloß von meinem Baum fern“, tönte es grimmig von der Eckbank her. Ihr großer Bruder Paul hatte den stämmigen Apfelbaum für sich reserviert.

„Du brauchst dir gar keine Mühe geben.“ Betont ernst schaute Iris ihr quirliges Töchterchen an.

„Aber Mami, der Osterhase weiß doch sonst nicht, wo er all die schönen Leckerli rein tun soll!“

„Dir wird der Osterhase ganz sicher nichts ins Nest legen. Ein Mädchen, das nicht aufräumt, sich vorʼm Zähneputzen drückt und immer Widerworte gibt – nein – dem bringt er ganz sicher nichts.“

Emma lachte hell auf. „Der Osterhase kann das ja gar nicht wissen. Der kann nicht fliegen so wie das Christkind und durch die Fenster schauen.“

„Woher willst du das denn wissen, du Naseweiß. Warte mal ab, er wird es dir schon zeigen.“

Trotzig zog Emma die Unterlippe hoch, eine nachdenkliche Falte grub sich langsam zwischen ihre Augenbrauen, im Bauch machte sich ein eigenartiges Grummeln breit.

Ach was! Sie wollte das Nest noch schöner ausschmücken, dann würde es schon klappen mit dem Osterhasen. Schnell lief sie zu der großen Wiese, um die ersten Feldblumen zu pflücken. Ihre Lieblinge, die leuchtend gelben Himmelschlüsselblumen legte sie als dicken Kranz um das Nest.

Ostersonntag, noch vor dem Frühstück, stürmten Emma und Paul raus, um sich die vollen Osternester zu holen. Vom Apfelbaum kam ein lauter Juchzer. Entgeistert starrte Emma unter ihren Pflaumenbaum. Sie lief zweimal drum herum.

Nichts – absolut Nichts – noch weniger wie Nichts.

Ihr wurde ganz elend zumute. Ein hilfloses Bündel Mensch im zerknautschten Schlafanzug mit verstruwwelten Lockenkopf schaute Hilfe suchend zu ihren Eltern hinüber, die nur mit den Schultern zuckten.

Der kleine Mund bebte, große Kullertränen glänzten in den Augen. Jetzt bloß nicht weinen. „Hätte ich doch nur auf Mami gehört und besser gefolgt“, schluchzt sie lautlos in sich hinein.

Paul konnte dieses zusammengesunkene Häufchen Elend nicht mehr ansehen. Er hatte längst Emmas Nest entdeckt. Langsam ging er von hinten auf sie zu, drehte sacht ihren Kopf leicht rechts und schräg nach oben.

Ihr Mäulchen klappte nach unten doch kein Wort kam über ihre Lippen. Fassungslos schnappe sie nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Dort wo die ersten dicken Äste sich gabeln, lag eingebettet ihr blumengeschmücktes Nest.

Ein großer Schokoladenosterhase mit langen Ohren sowie rote, gelbe, blau gepunktete Eier leuchteten von oben herunter. Schließlich stotterte Emma: „A-a-aber wie, wie kommt das denn da oben hin? Ein Hase kann doch nicht fliegen!“

Paul machte ein wichtiges, alles wissendes Gesicht. „Na ja, wenn er seine Ohren als Propeller einsetzt und den Stummelschwanz zur Steuerung benutzt, müsste es klappen. Du weißt doch – alles ist möglich!“ Verschwörerisch schaute er zu den Eltern hinüber.

Er hievte Emma hoch, damit sie endlich ihre Schätze in Empfang nehmen konnte.

„Vielleicht hat es ja etwas geholfen und sie räumt in Zukunft wenigsten ihr Zimmer auf, das wäre schon ein kleiner Fortschritt“, hoffnungsvoll lächelte die Mutter ihren Mann an.

Ingeborg Reichel wurde 1939 geboren. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, drei Enkel und zwei Urenkel. Nach Eintritt in den Vorruhestand war sie auf der Suche nach einem interessanten Hobby. Nach vielem Ausprobieren fand sie im Roda-Literaturkreis „Kreatives Schreiben“ in Herzogenrath genau das Richtige für sich. Hier konnte sie sich viele schmerzliche Erinnerungen von der Seele schreiben.

*

Von Beruf Osterhase

Warum wird jemand Osterhase? Tja, gute Frage. Und obwohl ich das eigentlich am besten wissen müsste, stelle ich sie mir seit geraumer Zeit jeden Tag. Ausgerechnet Osterhase! Wie blöd muss einer sein. Aber so ist das – Beruf ist Beruf.

Und ich bin es auch nicht ganz freiwillig geworden, wenn ich ehrlich bin. So ein Beruf vererbt sich eben. Mein Ur-Ur-Großvater, ja, der hätte noch die Wahl gehabt. Hätte sagen können: Was, Osterhase? Was glaubt’s denn, wen ihr vor euch habt? Und dann wäre er in aller Stille ein anständiger Stallhase geworden. Aber nein, er wollte unbedingt. Drängelte sich vor. Dachte, ein Osterhase wäre etwas Besonderes. Eine Art Künstler. Und er hatte ja recht – bis ... bis diese Sache mit den Schokoladeneiern begann. Und das geht ja jetzt schon eine ganze Weile so.

Da sitze ich hier und schwadroniere von der guten, alten Zeit. Ich höre mich schon selbst an wie ein Opa. Aber es stimmt doch. Wie gut ist es uns gegangen, als wir es allein mit Hühnereiern zu tun hatten. Stell dir vor: weiße Hühnereier, unbefleckt und rein. Wie ein Handtuch, so sagt man doch. Die fühlten sich gut an in der Pfote. Rund, glatt, angenehm im Gewicht. Und mit den netten Hühnern hat das Geschäft obendrein noch Spaß gemacht. Ja, mit denen konnte man verhandeln, wie sich das gehört: ein gemütliches Schwätzchen hier und dort und gelegentlich ein kleiner Eierlikör zum Abschluss des erfolgreichen Verhandlungsgespräches.

Und dann ruckizucki nach Hause, den Pinsel geschwungen und das Körbl gepackt. Und manchmal kam so ein Huhn später noch einmal vorbei, bestaunte das Endprodukt und schüttelte einem gratulierend die Hand.

Dann kamen die Schokoladeneier. Das war schon blöd genug. Ziemlich blöd sogar. Nun mal ganz ehrlich: Wer legt denn so etwas? Niemand legt so etwas. Das ist ja das Problem. Die werden hergestellt. In der Fabrik. Und mit wem soll ich dann anschließend ein Schlückchen trinken? Na? Mit Fabrikarbeitern vielleicht, denen völlig schnuppe ist, was sie dort vor sich haben? Womöglich noch Schokoladenlikör – igitt! Geht nicht. Was haben Schokoladenfabriken mit mir zu tun? Nichts. Die machen sich’s einfach selbst. So habe ich mir meinen Beruf nicht vorgestellt, das sag ich dir. Die brauchen keine Künstler. Die brauchen Boten.

Ich finde, wenigstens gefragt werden sollte ich. Schließlich trage ich das ganze Zeug auf dem Rücken herum und verknackse mir dabei fast die Haxen. Aber darüber denkt natürlich mal wieder keiner nach. Habe ich im Übrigen auch nicht, bevor ich auf die bescheuerte Idee gekommen bin, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten, der wiederum in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, der Depp.

Meine Brüder haben es richtig gemacht: Haben sich in den Wald verzwitschert und Familien gegründet. Die trinken weder Eierlikör noch essen sie Schokolade. Die stopfen den ganzen Tag Möhrchen in sich hinein, wie es sich für einen Hasen gehört. Und ab und zu mal einen Löwenzahn.

Was für eine Schufterei. Als ich mit dem Job begann, hat auch mich zunächst der Gedanke aufrecht erhalten, ein Künstler zu sein. Du magst lachen, aber die Gestaltung eines Eies vom Hühnerpopo zum Ostergedeck benötigt ein sehr genaues Auge. Ein Künstlerauge. Und alle haben gesagt, ich hätte einen Strich wie Van Gogh. Dieser Maler, falls du den kennst. Ja, sicher hat es mir geschmeichelt. Anders als der Herr van Gogh habe ich mir allerdings nie ein Ohr abgeschnitten. Wäre doch schade – bei der himmlischen Länge. Aber ich gebe es zu, ich habe daran gedacht, mir eines der beiden Ohren abzubinden. Für den richtigen Look. Aus Geschäftsgründen. USP – Unique Selling Point – das heißt Einzigartigartigkeit, um sich besser verkaufen zu können oder so ähnlich; jedenfalls gibt’s das auch bei uns.

Und als die Schokoladenfritzen das Geschäft übernahmen, oder sagen wir, neue Verhandlungspartner wurden, da sah es zunächst so aus, als würde das Ganze recht gut für mich laufen. Sie wollten sogar eine Edition mit meinem berühmten Strich auf Silberpapier herausbringen. Auf lila Grund. Nicht meine Farbe, aber das Geld hätte gestimmt. Bloß, dass da nie etwas draus geworden ist.

Von echten Eiern zur Schokolade. Sie haben nicht gefragt, sie haben es getan. Und ich hab’s geschluckt. Die Schokolade heruntergewürgt und versucht, dem Ganzen das Beste abzugewinnen. Habe gedacht: ruhig Blut. Lass sie halt. Bist ein positiver Hase. Ich steckte das Zeug ins Körbl und trug es auf den festlich gedeckten Tisch. Unauffällig, sodass alle nur meine Silhouette davon hüpfen sehen konnten. Und da die Kindlein sich freuten, war ich gleich ein wenig entschädigt für meine Mühe.

Aber jetzt? Gerüchte sagen, dass plötzlich Stoffkrokodile verteilt werden sollen. Richtig gehört: Stoffkrokodile! Zu Ostern! Man stelle sich das vor. Schokolade, okay, okay, wir hatten das Thema bereits. Stoffkrokodile aber sind so eine Sache. Irgendwelche Leute entscheiden: Ostern gibt’s ein Krokodil, und ich soll’s dann ausbaden. Austragen! Ist das okay? Nein, ganz und gar nicht okay ist das, wenn du mich fragst. Total daneben. Die passen nicht einmal in den Korb, sehen blöd aus und haben will die auch niemand. Oder gut: haben vielleicht, aber tragen? Oh no. Vielen Dank. Kleine Stoffhäschen, das machte noch Sinn. Doch selbst die, bei Licht betrachtet: geschmacklos.

Ein Krokodil bleibt ein Krokodil bleibt ein Krokodil. Die gehören in Kaufhausregale und nicht ins Nestchen. Womöglich in Plastiknestchen, mich schaudert’s.

Apropos: Wo sind eigentlich die Kindlein, die mir Jahr für Jahr ein Nest aus Moos bauen, auf dass ich die Eier hineinlege? Aber warum sollte das jetzt auch noch jemand tun: Nestchen basteln? Legen Hasen Krokodile? Ich bitt’ doch sehr.

Sind Krokodile überhaupt fruchtbar? – Keine Ahnung. Hasen sind’s. Und darum geht es doch an Ostern: um Fruchtbarkeit, Leben geben. Frühling. Auferstehung. Wie auch immer. Und aus Eiern kommt es eben herausgeschlüpft, das Fruchtbare, das ewige Leben, der Frühling, die Freude. Aus dem Ei schlüpfen Küken und – Krokodile. Da haben wir’s. Mist.

Okay, ich werd’s überleben. So ist das Leben. Vielleicht kann ich sie ja ein wenig bepinseln. Strich drüber. Grün ist immerhin nicht viel schlechter als Lila, möchte ich meinen.

Corinna Antelmann wurde 1969 in Bremen geboren und lebt heute in Linz, Österreich. Seit ihrem künstlerischen Studium ist sie vorwiegend als Kino-Drehbuchautorin und Dozentin für Storytelling tätig, daneben arbeitet sie auch als Dramaturgin für Theaterprojekte und Regieassistentin für Hörfunk. Kurzgeschichten sind in Anthologien erschienen und in der Zeitschrift JÖ.

*

Wie der Weihnachtsmann das Osterfest rettete

Puschel war sehr stolz. Nicht nur, dass er zum Hilfsosterhaseneieraufpasser ernannt worden war, sondern man hatte ihm auch den großen Schlüssel für das Vorratslager anvertraut. Gemeinsam mit seinem besten Freund Schwarzpfote stand er vor der großen Höhle, die für die Eier vorgesehen war, welche von Frau Henne und den anderen Hühnern geliefert werden sollten. Die beiden kleinen Hasen hüpften ungeduldig auf der Stelle herum. Schwarzpfote wollte den Schlüssel auch mal halten, doch Puschel war unerbittlich.

Sein Vater hatte nur ihm das große Messingding anvertraut, da er dringend in die große Stadt zur Hasenakademie musste. Puschels Vater war für die Ostereier und Geschenke rund um den großen Wald verantwortlich. Wenn er befördert werden würde, dann kämen auch die Häuser der Menschen jenseits des Bachs dazu.

Jetzt aber ging es darum, die Eier der Hühner sicher in der Höhle zu verstauen. Schwarzpfote entdeckte das gackernde Federvieh als Erster. Ganz wichtig trippelten die Hühner heran, jedes schwer beladen mit frischen Eiern, die später von den Hasen des Waldes eingefärbt und verziert werden würden.

Bis dahin aber mussten sie gut versteckt werden, denn es gab viele Räuber im Wald. Der rot gewandete Fuchs, die flinken Marder und natürlich die Backenvollstopfer, wie Puschel und Schwarzpfote die Hamster nannten. Mit denen lagen die beiden Hasenkinder ständig im Streit. Ganz zu schweigen von den vielen Streichen, die sie sich gegenseitig spielten. Sicher versuchten die Backenvollstopfer auch dieses Jahr, Eier zu stehlen. Damit dies nicht geschah, drehte Puschel extra zweimal den großen Schlüssel herum, nachdem er sich artig bei Frau Henne und den anderen Hühnern für die Lieferung bedankt hatte.

„Meinst du, die Eier sind dort drinnen richtig gelagert? Die Nächte sind doch noch so kalt“, fragte Puschel seinen Freund.

„Vielleicht. Was könnten wir auch sonst tun?“

„Na, die Heizung einschalten?“

Schwarzpfote nickte.

„Das ist eine prima Idee.“

Puschel schloss nochmals die große Tür auf, schaltete die Heizung ein und drehten den Regler auf kuschelig warm.

In den nächsten Tagen widmeten sich die zwei Freunde all den Dingen, die Hasenkinder gerne machten. Sie gingen zur Hasenschule, ärgerten die Backenvollstopfer, aßen köstlichen Möhrenkuchen von Mama und ließen es sich gut gehen.

Dann war Vater Hase zurück. Mit stolzgeschwellter Brust verkündete er, dass er in den obersten Rat der Osterhasen berufen worden war. Alle waren begeistert. Nach dem Essen machten Puschel und sein Vater sich auf den Weg zur großen Höhle. „Na mein Sohn, hat mit der Lieferung alles geklappt?“

„Natürlich Papa. Ich habe es den Eiern sogar extra schön warm gemacht.“

„Du hast was? Oh, oh, ich ahne Schlimmes.“ Auf einmal hatte es Vater Hase sehr eilig. Hastig hoppelte er voran, sodass Puschel kaum mithalten konnte.

An der Höhle angekommen, sperrten sie die Tür auf und wurden von einem fröhlichen Gepiepse begrüßt. Flauschig weiche Küken im gelben Federkleid trippelten zwischen den Eierschalen hin und her.

Schuldbewusst sah Puschel seinen Vater an. „War ich das etwa?“

„Ja, leider. Als du die Heizung eingeschaltet hast, wurde es so warm, dass die Küken ausgeschlüpft sind. Was machen wir bloß? Frau Henne schafft es doch nie bis zum Fest, neue Eier zu liefern. Wie sollen die Kinder Ostern ohne bunte Eier feiern?“

Traurig stand Puschel zwischen all den piepsenden Küken, die freudig an ihm hoch hüpften.

Sein Vater sah, wie bedrückt sein Sohn war, und strich ihm über die Hasenohren. „Ich werde mich auf den Weg machen und Frau Henne mitteilen, dass sie sich um einen größeren Stall Gedanken machen muss. Und wenn ich zurück bin, überlegen wir uns, was wir tun können.“

„So was kann auch nur ein Hase anrichten“, kicherten zwei Backenvollstopfer, die schadenfroh zur Tür hereinlugten.

„Euch werde ich helfen!“, rief Puschel und lief wütend hinter ihnen her. Die Hamster flüchteten und der kleine Hase hielt bittere Tränen weinend inne.

„Was hältst du davon, wenn wir Graufeder fragen?“ Schwarzpfote, der dazugekommen war und der alles mitbekommen hatte, stand auf einmal hinter ihm.

„Ja, vielleicht hat der eine Idee.“

Doch auch Graufeder, ein kluger, junger Waldkauz und guter Freund der beiden Hasen wusste keinen Rat. Dafür aber führte er sie zum weisen Uhu.

„Uhu.“ Bedächtig nickte der weise alte Vogel. „Es gibt nur einen, der euch jetzt noch helfen kann.“ Müde zog er den Kopf zwischen seine Flügel und wollte gerade die Augen schließen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und er musste endlich schlafen.

„Wer denn, kluger Uhu, wer kann jetzt noch helfen?“

„Uhu, habe ich das nicht gesagt? Ich werde wohl etwas vergesslich.“ Der alte Uhu schüttelte den Kopf.

„Der Weihnachtsmann natürlich, wer denn sonst? Uhu!“

Klar, wer denn auch sonst. Doch wo wohnte der Weihnachtsmann und wie kam man zu ihm?

Noch einmal raffte sich der Alte auf, um den Hasenkindern zu antworten. „Der Adler könnte einen kleinen Hasen hinfliegen. Er ist stark genug.“ Er sah Puschel an. „Sag einfach, du würdest von mir kommen und nimm Graufeder mit, ansonsten kann es sein, dass der Adler nicht hilft.“

So machten sich die drei Freunde auf den Weg zum Adler.

Verblüfft hörte der die ungewöhnliche Bitte, doch er verstand, das Ostern in Gefahr war, und zögerte deshalb nicht lange.

Noch bevor Puschel sich versah, schnappte ihn der mächtige Vogel und erhob sich mit ihm in die Lüfte. „Sagt meinen Eltern Bescheid“, rief er noch hinab und war auch schon auf dem Weg zum Weihnachtsmann.

Gerade kostete der Weihnachtsmann in einem gemütlichen Sessel vorm Kamin sitzend, von seinem heißen Kakao, als es klopfte. Brummend erhob er sich und öffnete die Tür. Verdutzt schaute er nach unten. „Sag mal, erwarten wir Besuch vom Schneehasen?“

Kopfschüttelnd eilte die Frau des Weihnachtsmanns herbei. Sie trug den völlig durchgefrorenen Puschel in die warme Stube und klopfte ihm den Schnee, in dem ihn der Adler hatte plumpsen lassen, aus dem Fell. Adler sind nicht so feinfühlig, wenn es darum geht, Passagiere hoch oben in Finnland abzusetzen.

Puschels Fell trocknete am warmen Feuer während er mit betrübter Stimme und kläglich herabhängenden Ohren seine Notlage schilderte. Frau Weihnachtsmann griff zum Taschentuch und schnäuzte sich vor Rührung. Dann stieß sie energisch ihrem Mann mit dem Ellenbogen in die Rippen.

„Da kannst du doch sicher helfen, nicht wahr mein Lieber?“

„Also … ich weiß nicht … es ist schließlich nicht Weihnachten und ich wollte doch meinen Osterurlaub genießen.“

„Ja, ja. Du willst also diesem tapferen kleinen Hasen hier helfen, damit die Kinder ein tolles Osterfest erleben dürfen und Puschel keinen weiteren Ärger bekommt. Das wolltest du doch gerade sagen, nicht wahr?“

„Genau, meine Liebe.“ Der Weihnachtsmann nickte. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, seiner Frau zu widersprechen. Also schickte er seine Boten aus und tatsächlich erfuhr er, dass in einem fernen Land noch genügend Eier für das Osterfest zu finden waren. Mit dem großen Rentierschlitten flogen der Weihnachtsmann und der kleine Hase los und holten die Lieferung ab.

Als sie dann vor Puschels Haus landeten, gab es ein freudiges Geschrei. Alle waren glücklich über die Rettung des Osterfestes und der kleine Hase bedankte sich noch einmal beim Weihnachtsmann.

Dieses Osterfest gab es besonders große Eier. Nun ja, schließlich kamen sie auch aus Australien. Doch glücklicherweise war genügend Farbe da und alle halfen noch bis spät in die Nacht beim Bemalen der Straußeneier.

Lars Buchmann, geboren 1974 in Bernburg, studiert momentan Rechtswissenschaften. In seiner Freizeit schreibt er Geschichten, von denen mehrere bereits veröffentlicht wurden, und arbeitet an einem Romanprojekt. Er liest sehr gerne und interessiert sich für Kunst, Theater, Literatur und Geschichte.

*

Lauras Osterschweinchen

Sie blinzelte, weil die Strahlen der Morgensonne ihr Zimmer so hell erleuchteten, und kuschelte sich tiefer in ihre Kissen, als es ihr urplötzlich einfiel. Ruckartig setzte sie sich in ihrem Bett auf. Wie weggeblasen war der letzte Rest Müdigkeit. Ostern! Es war Ostern!

Schwupp di wupp schlug sie die Bettdecke zur Seite, schob ihre nackten Füße in die grasgrünen Pantoffeln und stürmte aus der Tür.

„Hey, wo willst du hin? Zieh dir was an. Es ist kalt draußen!“ Mamas Worte klangen in Lauras Ohren, aber stehen bleiben mochte sie nicht. Sie musste es wissen. Immer wieder hatte sie gerechnet. Mehr als vier Mal hatte sie es überprüft und sicherheitshalber noch einmal im Buch nachgelesen: Die Trächtigkeit bei Meerschweinchen dauert 65 bis 68 Tage.

Seit dem aufregenden Nachmittag, an dem Lauras Freundin Mia ihr Meerschweinchen Paul mitgebracht hatte, waren 66 Tage vergangen. Lauras Lotte und Mias Paul hatten sich auf Anhieb supergut verstanden. Das konnte man sehen, und hören, an den leisen Gluckslauten, mit denen sie aufeinander zuliefen und sich begrüßten.

„Wenn Lotte echt Meerschweinchenbabys kriegt, gibst du mir eins ab, okay?“, hatte Mia gebettelt und Laura hatte genickt.

Mama hatte sie lieber nichts von dem Treffen der Meerschweinchen erzählt. In ihrem Buch stand, dass gesunde Meerschweinchen keine Probleme mit der Geburt haben und dass die Kleinen ebenfalls keine Hilfe benötigen. Sie haben Fell, offene Augen und können riechen und hören. Schon am zweiten Tag fangen sie an, vom normalen Körnerfutter der Mutter zu knabbern. Was sollte also schief gehen? Besser, wenn Mama nichts wusste und keine Gelegenheit bekam, sich Sorgen zu machen. Denn irgendwie wurde Laura das Gefühl nicht los, dass Mama einen Grund finden würde, sich Sorgen zu machen.

Nun stand sie bibbernd vor dem Meerschweinchengehege. Mama hatte recht. Es war wirklich kalt. Neugierig suchte Laura den Käfig mit den Augen ab. Lotte saß in ihrem Häuschen. Nur die kleine Nase steckte sie neugierig schnuppernd heraus.

„Fröhliche Ostern, Lotte!“ Laura wollte gerade die Stalltür öffnen, um Lotte zum Schmusen auf den Arm zu nehmen, als sie ein kleines, hellbraunes Bällchen neben Lottes rechtem Vorderfuß entdeckte. Ungläubig schaute sie genauer hin. Das Bällchen bewegte sich. Entzückt quietschte Laura auf. Prompt zog Lotte sich erschrocken ein Stückchen tiefer in ihr Häuschen zurück und gab den Blick frei auf ein zweites Bällchen, eines mit weißen und schwarzen Flecken im hellbraunen Fell.

Vor Aufregung und vor Kälte tippelte Laura unaufhörlich von einem Fuß auf den anderen. Es war nicht zu fassen! Sie hatte die beste Osterüberraschung der Welt entdeckt: lebendige, neugeborene Meerschweinchen. „Meine Osterschweinchen“, flüsterte sie zärtlich. Dann flitzte sie über den Rasen zurück ins Haus. Das musste Mama sich angucken. Unbedingt!

„Mama!“ Noch im Laufen schrie Laura ihre Aufregung und Freude durch den Garten. Dann plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Was, wenn Mama sich gar nicht freute? Womöglich hatte sie etwas gegen lebendige Osterüberraschungen. Aber nun war es zu spät. Mama hatte ihr Rufen gehört und stand bereits in der Terrassentür. „Was gibt es denn?“

Laura holte tief Luft, nahm allen Mut zusammen und fragte: „Magst du Osterschweinchen?“

„Osterschweinchen?“ Mama sah Laura verständnislos an. „Was soll das sein? Ich kenne Osterhasen und Osterküken und auch Osterlämmer, aber Osterschweinchen? Nie gehört. Warum fragst du?“

„Weil wir welche im Garten haben“, wollte Laura gerade erklären, als Mama fortfuhr: „Und ich kenne Glücksschweinchen. Meinst du die vielleicht?“

Laura nickte begeistert. Na klar, Glücksschweinchen. Das war es. Ihre Meerschweinchenbabys waren allesamt Glücksschweinchen. Osterglücksschweinchen genau genommen. Was für ein Glück, dass Mama selbst darauf gekommen war. Freudestrahlend lief sie auf Mama zu, schlang ihre Arme fest um Mamas Bauch, drückte ihre Nase in den so vertraut und gut nach Mama riechenden Pullover und flüsterte: „Ich wusste, du würdest dich freuen. Du bist die beste Mama der Welt.“

„Moment mal!“ Sanft, aber bestimmt schob Mama Laura ein wenig von sich weg, hockte sich hin und blickte ihr forschend in die Augen. „Worüber soll ich mich freuen?“

„Na ja“, begann Laura zögerlich – und dann erzählte sie Mama alles: von dem Nachmittag mit Mia und ihrem Meerschweinchen Paul und davon, wie gut Lotte und Paul sich vertragen hatten, von der Vorfreude auf kleine Meerschweinchenbabys und von der Geburt. Am Ostersonntag! Das musste man sich vorstellen! So ein Glück!

Mama schwieg. Unsicher biss Laura auf ihre Unterlippe und zeichnete mit dem rechten Fuß kleine runde Kreise auf den Boden.

„Zeig mir mal deine Osterschweinchen.“ Mama erhob sich seufzend.

„Echt?“ Nun gab es kein Halten mehr. Die Erleichterung ließ Laura lossprudeln: „Ich hab ein hellbraunes und ein geflecktes gesehen. In meinem Buch steht alles über Meerschweinchengeburten und ich hab alles gelesen. Ich kenn mich aus mit Trächtigkeit, Aufzucht und Entwicklung.“ Stolz präsentierte sie diese Fachwörter. „Du wirst sehen, es ist alles ganz einfach.“

Erwartungsvoll und nur noch ein ganz kleines bisschen besorgt beobachtete sie Mama, die lange stumm und bewegungslos vor dem Gehege stand.

„Tatsächlich, zwei kleine Osterschweinchen“, murmelte Mama schließlich kopfschüttelnd. „Sehen aus wie richtige Meerschweinchen“, staunte sie. „Nur kleiner, viel kleiner.“ Schmunzelnd zwinkerte sie Laura zu: „Und viel niedlicher.“ Dann lachte sie und Laura wusste, dass alles gut war.

Christiane Amendt ist 55 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Minden/NRW. Sie ist Autorin des Buches „Babsi, Tobi und Co. Geschichten aus dem Leben eben“, das 2006 zusammen mit wortgleichen CDs als Lesetrainingsmaterial erschien. Außerdem gehört sie zu den Preisträgern des Mindener Schreibwettbewerbes 2009 und hat Gedichte und Geschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Neben dem Lesen und Schreiben gehört die Beschäftigung mit ihren Hunden Lolle und Leopold und seit dem vergangenen Sommer auch mit den beiden Katern Gustav und Knud zu ihren liebsten Freizeitaktivitäten.

*

Am Ufer der Vechte

Frühling lag in der Luft. Lottas sehnlichster Wunsch war es, endlich den Osterhasen kennenzulernen, von dem Tessa ihr so oft erzählt hatte.

„So ein Quatsch, den gibt es doch gar nicht“, hatte Freddy, Lottas Mann, gesagt. „Hasen sind einfach nur gefährliche Angeber.“

Auch ihre gemeinsame Tochter Cleo hatte Zweifel. Die schwarzweißen Zwergkaninchen lebten bei Tessas Familie. Sie hatte die drei vor einem Jahr von ihren Eltern geschenkt bekommen.

Auf einmal hörten sie Schritte, jemand betrat den Verschlag, in dem sich ihr Käfig befand. Endlich würde es Futter geben und vielleicht konnten sie sogar ins Freigehege. Aber es war nicht Tessa, sondern ihr Vater. Schade, dann würde aus dem Freigehege wohl nichts.

„Na, ihr?“, brummte er und öffnete die mit grünem Maschendraht bespannte Käfigtür. Tessas Vater war groß und besaß riesige Hände, deshalb flüchteten sie sicherheitshalber schnell in die hinterste Ecke. Wie immer gab es nur Trockenfutter, obwohl Lotta sich so sehr nach frischem Gras sehnte. Kaum war Tessas Vater wieder verschwunden, stürzten sich Cleo und Freddy auf den gefüllten Fressnapf. Nur Lotta zögerte, denn irgendetwas war anders als sonst. Genau, Tessas Vater hatte doch tatsächlich den Verschluss der Stalltür offen gelassen. Vorsichtig schob sie die Tür mit ihren Vorderläufen auf, hoppelte zum Ausgang des Verschlags und spähte nach draußen.

Verlockend leuchtete das Grün des Rasens im Licht der untergehenden Sonne. Mit einem einzigen Satz hüpfte sie hinaus und begann gierig ein Büschel Gras nach dem anderen zu rupfen. Es zerging auf der Zunge. Entzückt schloss Lotta die Augen. Wie lange hatte sie diesen Geschmack vermisst, stundenlang hätte sie weitermümmeln können, aber eine Kaninchenmutter ist eben eine Kaninchenmutter. Also lief sie zurück zu Mann und Tochter.

„Ist euch nichts aufgefallen?“, fragte sie.

Freddy und Cleo hockten noch immer vor dem Fressnapf. Lotta hörte das typische Mahlen ihrer Zähne auf dem harten Futter. Die beiden schüttelten kurz ihre Köpfe.

„Wo warst du?“, fragte Freddy.

„Im Garten, das Gras schmeckt herrlich, kommt mit!“

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Sofort folgten sie Lotta nach draußen und machten sich ebenfalls über die saftigen Halme her.

„War das lecker“, murmelte Cleo, als sie einander schließlich pappsatt gegenübersaßen.

„Dann wollen wir mal zurück in den Käfig“, meinte Freddy.

„Nein, auf keinen Fall!“, knurrte Lotta energisch. „Nie mehr. Wir verschwinden von hier und machen uns endlich auf die Suche nach dem Osterhasen.“

„Jetzt geht das schon wieder los“, stöhnte ihr Mann, „das sind doch nur Geschichten für Menschenkinder. Denkst du überhaupt nicht an Tessa?“

„Schon, aber irgendwann wird sie neue Kaninchen bekommen.“

Weil auch Cleo die Idee, in die Welt hinauszuziehen großartig fand, gab Freddy schließlich nach. Im Schutz der zunehmenden Dunkelheit machten sie sich auf den Weg, stießen aber schon kurz nach den Rhododendronbüschen auf einen riesigen Zaun.

„Da kommen wir doch nie hinüber“, meinte Lotta enttäuscht, während ihr Blick an der grünen Absperrung hochwanderte.

„Dann müssen wir eben unten durch“, sagte Freddy und wühlte sich mit seinen Vorderläufen in die tiefschwarze Erde. Wenn es darauf ankam, konnte sich Lotta immer auf ihren Mann verlassen. Deshalb liebte sie ihn so sehr.

Schon nach kurzer Zeit gelangten die drei Kaninchen auf die andere Seite, stellten sich spähend auf ihre Hinterläufe und sahen auf einen träge dahin fließenden Fluss, dessen Uferböschung mit großen, braunen Feldhasen bevölkert war.

„Sind das alles Osterhasen?“, fragte Cleo.

„Still, Kind!“, zischte Freddy. „Besser, sie bemerken uns nicht. Denen kann man nicht trauen.“

Aber es war zu spät. Auf einmal standen wie aus dem Nichts zwei riesige Rammler vor ihnen. „Wer seid ihr und was habt ihr hier zu suchen?“, herrschte einer der beiden sie an.

Cleo und Lotta duckten sich tief auf den Boden, auch Freddy hatte Angst, aber er versuchte sich so groß wie möglich zu machen: „Das geht euch gar nichts an, hier darf sich jedes Tier aufhalten, ob Kaninchen oder Feldhase“, knurrte er und trommelte kräftig mit seinen Hinterläufen auf den Boden.

Lotta fürchtete, Freddy würde sie durch seine forsche Art in Gefahr bringen. Mit eng an den Kopf gelegten Ohren versuchte sie die beiden Rammler zu besänftigen. „Nichts für ungut, meine Herren, aber mein Mann meint das nicht so. Wir sind aus einem benachbarten Garten und suchen den Osterhasen.“

Die beiden sahen sich an. „Was? Wieso ausgerechnet hier?“

„Einfach so. Ihr seid die Ersten, die wir fragen können. Was ist das eigentlich für ein Fluss?“

Die Feldhasen fühlten sich geschmeichelt. Ihnen gefiel es, ahnungslosen Zwergkaninchen die Welt zu erklären. „Die Menschen nennen ihn Vechte“, begann einer der beiden mit wichtiger Miene. Dann hielt er einen langen Vortrag, erklärte, wo der Fluss entsprang, welches Gras an seinen Ufern wuchs und so weiter und so weiter. Schließlich sagte er: „Was wollt ihr eigentlich vom Osterhasen?“

„Wir wollen ihn kennenlernen und ihm helfen“, schaltete sich Cleo aufgeregt ein.

Nachdenklich kratzten sich die Rammler hinter ihren langen Ohren. „Na gut, folgt uns.“ Blitzschnell drehten sie sich um und verschwanden hinter einem prachtvoll blühenden Forsythienstrauch in einem Höhleneingang.

Die Zwergkaninchen folgten ihnen und trauten ihren Augen nicht. Hier unten herrschte geschäftiges Treiben. Hasen hoppelten hin und her, manche mit Farbe bekleckert, andere mit Kiepen beladen, in denen sie herrlich bunte Eier zum Ausgang trugen. Die bekleckerten Hasen gehörten zu einer Gruppe von Malern, die gut gelaunt und hoch konzentriert ein Ei nach dem anderen färbten, um sie dann den Trägerhasen zu übergeben.

„Glaubst du jetzt endlich, dass es den Osterhasen gibt?“, fragte Lotta ihren Mann und puffte ihn mit ihrer Schnauze in die Seite.

Freddy antwortete nicht, denn im gleichen Augenblick kam ein Hase auf sie zu, der ihnen nicht nur durch seine Größe Respekt einflößte, sondern auch durch seinen Blick. Darin spiegelten sich Klugheit und Güte, aber gleichzeitig eine gewisse Strenge. „Ihr wollt mich sprechen? Ich bin der Osterhase“, sagte er freundlich.

„Genau“, stotterte Freddy.

„Was kann ich für euch tun?“

„Wir würden dir gerne helfen“, antwortete Lotta.

„Hm … Zwergkaninchen haben wir noch nie als Helfer beschäftigt.“ Zweifelnd musterte der Osterhase die Besucher. Gespannt wartete Cleo auf seine Antwort. Alles würde sie für ihn tun, selbst wenn sie nur die Höhle sauber machen durfte. „Also gut“, sagte der Osterhase schließlich. „Zum Tragen der schweren Kiepen seid ihr natürlich nicht geeignet, aber ihr könntet beim Malen helfen. Wir brauchen noch Tiere, die die kleinen Eier färben.“ Er sah sich suchend um. „Hey, Lothar, hier sind drei Zwergkaninchen. Nimm sie unter deine Pfoten. Bei den kleinen Eiern braucht ihr doch noch Helfer, oder?“

Lothar hüpfte heran und wackelte mit seinen langen Hasenohren. „Gute Idee, Boss.“ Und zu den Zwergkaninchen sagte er: „Dann kommt mal mit.“ Er erklärte ihnen, was sie zu tun hatten und schon kurze Zeit später waren Lotta, Freddy und Cleo an der Arbeit.

Verliebt sah Freddy seine Frau an. „Du bist großartig, Lotta. Ohne dich hätten wir das alles hier nicht erlebt“, seufzte er.

„Ich weiß, ich weiß“, antwortete Lotta leicht errötend, weil sie sich sehr über das Kompliment freute. Endlich hatte sie mit ihrer Familie den Platz fürs Leben gefunden hatten.

Mathias Meyer-Langenhoff wurde 1958 im westfälischen Dingden geboren. Nach seiner Zivildienstzeit als Altenpfleger studierte er in Bonn und Münster Diplompädagogik und war danach in verschiedenen pädagogischen Berufen tätig. Seit 1993 arbeitet er als Lehrer für Pädagogik und Psychologie an einer Berufsschule.

*

Lilo Löffels Osterfest

Lilo Löffel hoppelte traurig über die Wiese zu ihrem Bau.

„Schneehase, Triefnase“, riefen die anderen Häschen ihr ständig hinterher. Was konnte denn sie dafür, dass ihr Fell weiß war wie frisch gefallener Schnee? All ihre Geschwister und die Nachbarhäschen waren braun, ganz normal hasenbraun. Nur sie nicht!

Lilo rutschte in ihre Schlafhöhle und kuschelte sich in das weiche Heu. Schön warm war es hier unten. So begann die kleine Häsin bald, vor sich hinzuträumen.

Bald, ja, bald würde es Frühling werden. Dann wäre sie schon ein ganzes Jahr alt. Groß genug, um zum Osterhasen in die Lehre zu gehen und ihm zu helfen, die bunten Eier zu verstecken. Oh, wie sie sich darauf freute!

Am nächsten Morgen wurde Lilo früh wach und hüpfte behänd aus ihrem Bau. Neugierig lugten hier und da schon die ersten Gräschen aus der braunen Erde – ein köstliches Frühstück.

Ein Stückchen weiter erblickten Lilos scharfe Augen ein Büschel Schneeglöckchen. Übermütig steckte sie sich eines hinters Ohr. Die Weiße spiegelte sich glücklich im Bach, der die Grenze zur Siedlung der Menschen bildete.

Noch nie war Lilo auf der anderen Seite des Wassers gewesen. Über die schmale Brücke durften die Häschen nur hoppeln, wenn sie mit schweren Kiepen beladen für den Osterhasen unterwegs waren.

Inzwischen waren auch die anderen aus den Nestern gefallen. Schon hatte der dicke Hopserich Lilo erblickt. „Schneehase, Triefnase“, rief er sogleich. „Wir wollen nach dem Frühstück Hochhopsen spielen. Rate mal, wer nicht mitspielt?“

„Schneehase, Doofhase!“, fügte Hasentrine gehässig hinzu. „Du kannst sowieso nicht gut hopsen, weil du nicht einmal eine Farbe hast, ätsch! Und wer nicht hopsen kann, braucht auch keinen Schmuck!“ Damit riss sie Lilo grob das Schneeglöckchen aus dem Fell.

Die weiße Häsin blinzelte die Tränen weg. Wenn ihr doch wenigstens ein einziges Mal eine passende Antwort eingefallen wäre! Aber dazu war sie wohl zu dumm. Mutlos ließ Lilo die Ohren hängen und schlich davon.

Doch welch’ köstlichen Duft trug ihr der Wind da zu? Sie hoppelte weiter und entdeckte bald einen zartlila Krokus. Ein wenig getröstet von der unerwarteten Leckerei kroch die kleine Häsin in den Bau. Bald würde alles besser werden! Bald würde sie dem Osterhasen helfen! Lilo Löffel träumte glücklich davon, wie schön es wäre, die Eier zu färben.

Dabei bemerkte sie etwas Seltsames: Ihr weißer, weicher Pelz war so warm, dass überall, wo sie ein Weilchen gelegen hatte, bald wunderschöne Blumen und saftige Gräser sprossen.

Lilo freute sich über diese Frühlingspracht. So hatte sie gar keine Zeit mehr, an die anderen Häschen und ihre Gemeinheiten zu denken.

Dann kam der große Tag, an dem die einjährigen Hasenkinder ihre Lehre beim Osterhasen begannen. Lilo war vor Aufregung schon ganz früh wach. Sie konnte kein noch so kleines Grashälmchen herunterbringen. Ach, wie schön würde alles werden!

„Hopserich, Hasentrine, Hüpfer, Langohr, Hasenlotte!“, hörte sie da den Oberhasen rufen. „Zeit, dass wir uns auf den Weg zum Osterhasen machen. Vergesst eure Pinsel nicht!“

Die fünf Häschen hüpften wie der Blitz aus ihren Löchern. Auch Lilo sprang aus dem Bau. Langsam hüpfte sie zum Oberhasen.

„Nein, Lilo Löffel, du nicht!“, sagte dieser streng. „Du hast selber keine Farbe, wie solltest du da malen können? Du bleibst hier und putzt die Hasenlöcher.“

Fröhlich sprangen die anderen Häschen davon.

Für Lilo brach eine Welt zusammen: Sie als Einzige sollte nicht mit zum Osterhasen! Und das alles wegen ihres weißen Pelzes. Wie sie den hasste! Wütend wälzte sie sich in einem Maulwurfshügel, um wenigstens einmal schön braun zu sein. Aber von der Erde verklebte und juckte ihr Fell sehr. So wusch sie die Dreckkruste doch rasch mit dem klaren Wasser des Baches ab.

Seufzend machte sie sich daran, den Dreck eines ganzen Winters aus den Löchern zu putzen; eine Arbeit, die keiner der Hasen je freiwillig tat. Davon bekam Lilo schließlich Hunger. Die weiße Häsin hoppelte quer über die Wiese zu ihrem Bau, an dem sie mit ihrer Wärme ein ganzes Gärtchen der köstlichsten Kräuter zum Sprießen gebracht hatte. Sie knabberte ein wenig daran und streckte sich dann müde im Gras aus.

Schläfrig schaute Lilo in die Luft und erschrak: Dicke, graugelbe Wolken hatten sich drohend am Himmel aufgebaut. Rasch verschwand die Häsin in ihrem Bau und spürte noch in ihrem warmen Nest, dass der kalte Winter zurückkam. Mit Schnee und Eis überzog er unbarmherzig das ganze Land und alle zarten Kräutchen froren zu Tode.

Viel später hörte sie eine Stimme von Ferne: „Lilo, Lilo Löffel, wo bist du?“ Wer sie da nur rief?

„Lilo!“, schallte es noch mal.

„Ja, hier“, brüllte die Weiße und richtete sich hoch auf, um besser gesehen zu werden.

Ein alter Hase kam auf sie zu. Sein Fell war ganz grau. In seinem Mund hing ein Pfeifchen. Auf dem Rücken trug er eine große Kiepe. Der Osterhase!

„Lilo Löffel“, sagte der Alte ernst, als er bei ihr ankam. „Ich brauche dringend deine Hilfe. Du siehst ja, der Winter ist zurückgekommen. Alles liegt voll Schnee. Wie sollen da die braunen Hasen die bunten Eier verstecken? Nein, das kann nur ein Schneehase – alle anderen würden die Menschen ja sehen. Nun, Lilo, bist du bereit zu dieser großen Aufgabe? Alle Eier müsstest du alleine verstecken und bis Ostern ist nur noch wenig Zeit!“

Und ob Lilo Löffel bereit war! „Ja!“, rief sie mit heller Stimme. „Ich helfe dir gerne, Osterhase!“

„Das ist gut, Kleine“, lobte der Alte und lud seine schwere Kiepe auf den Rücken der kleinen Häsin. „Nun versteck die Eier gut!“

Langsam hoppelte die kleine Häsin zum Bach und hüpfte vorsichtig auf die spiegelglatt gefrorene Brücke. Hui, wie sie rutschte mit ihrer schweren Last! Da war schon der erste Garten!

Lilo kramte aus der Kiepe eine lange Liste. Dort stand genau vermerkt, wie viele Gaben sie wo lassen sollte. Dabei fiel ihr Blick zum ersten Mal auf die Eier.

Oje! Wie vielfarbig und bunt die alle waren! Wie sollte sie sie nur gut in all dem Schnee verstecken? Das war doch ganz unmöglich! Und überhaupt, diese lange Liste von Gärten. Wie konnte eine kleine Häsin das ganz alleine schaffen?

Entmutigt ließ sich Lilo mitten in den Schnee fallen. „Ach“, seufzte sie tief, „es nützt ja nichts, dass ich jammere. Besser, ich fange einfach an und tue mein Bestes.“

Mühsam stemmte sie die große Kiepe hoch, um gleich darauf einen jubelnden Schrei auszustoßen. Dass sie diese Idee nicht gleich gehabt hatte! An der Stelle, an der sie gelegen hatte, waren durch die Wärme ihres Felles Dutzende von Blumen aus der Erde geschossen. Sie blühten in den prächtigsten Farben.

„So ist es ganz leicht!“, meinte Lilo zufrieden. Die Häsin versteckte vorsichtig eine Handvoll leuchtender Eier zwischen den bunten Blüten.

Spät am Abend erst war die Kiepe leer. Lilo machte sich gähnend auf den Heimweg. Kaum hatte sie die kleine Brücke überquert, da wurde sie so müde, dass sie mitten in einer Schneewehe einfach einschlief.

Laute Stimmen weckten die kleine Häsin am nächsten Morgen. Welch’ ein Jubel tönte aus den Gärten, in denen die Kinder ihre Ostergaben zischen den schönsten Frühlingsboten fanden!

„Gut gemacht, kleine Osterhäsin! Ich bin stolz auf dich!“, tönte auf einmal die Stimme des Osterhasen an ihr Ohr.

„Hurra für Lilo Löffel!“, riefen alle braunen Häschen im Chor.

„Schneehase, Superhase, hab ich doch immer gesagt!“, brüllte Hopserich und zog die weiße Häsin in den Kreis der anderen. „Was wollen wir spielen, Lilo?“

Maria Sassin, 1963 geboren, lebt in Rommerskirchen, freiberufliche Dozentin für Sprachen und Kreativkurse; KurzgeschichtenGedichte in Anthologien und Zeitschriften, mehrere eigene Buchveröffentlichungen, 2009 Ehrengabe ihres Wohnortes für soziales Engagement in Lese- und Schreibförderprojekten.

*

Ostererzählung

Was für ein Ei hatte die alte Dame ihm denn da ins Nest gelegt? Ein Überraschungsei – das sowieso. Und ein Osterei – schöne Bescherung. Und das gerade zu Beginn des langen Osterwochenendes, auf das er sich so gefreut hatte. Endlich ein paar Tage ausspannen, nur das machen, was ihm gefiel.

Vor allem: keinen Stress. Den hatte er in den letzten Wochen genug gehabt. Berufliche Neuorientierung, Umzug, Beziehungsprobleme mit seiner Freundin – eben die ganze Palette dessen, was man nicht unbedingt braucht.

Und jetzt der Anruf seiner Mutter: „Junge, ich bin im Krankenhaus. – Nein, nichts Ernstes. – Aber es wäre schön, wenn du mich besuchen kämst.“

Sie nannte ihn mit seinen 35 Jahren immer noch „Junge.“ Na gut. „Nichts Ernstes“ war die Umschreibung für eine Lungenentzündung verbunden mit hohem Fieber. Typisches Understatement seiner Mutter. Und der Besuchswunsch war natürlich mehr als eine Bitte, zumindest eine moralische Verpflichtung für ihn. Aus, vorbei mit dem langen, erholsamen Osterwochenende.

Er setzte sich in den nächsten Zug – auf kilometerlange Staus hatte er nun wirklich keine Lust – und fuhr in die Kleinstadt, in der seine Mutter wohnte und nun im Krankenhaus lag: seine Heimatstadt. Es war Karfreitag. Vom Bahnhof aus ging er sofort zum nahen Krankenhaus.

Seine Mutter sah geschwächt aus, freute sich aber sehr, ihn zu sehen. Allzu häufig kam das nicht mehr vor, seit er fast 300 Kilometer entfernt wohnte.

Als er gehen wollte, sah sie ihn flehentlich an: „Du kommst doch morgen wieder?“ Er wollte auf die große Entfernung verweisen, aber seine Mutter kam ihm zuvor: „Du musst doch die nächsten Tage nicht arbeiten. Und wohnen kannst du bei mir. Dein Zimmer ist noch wie früher, unangetastet.“

Er wusste, dass Protestieren wenig Zweck hatte. Seine Mutter hätte das als Lieblosigkeit ihr gegenüber aufgefasst. Seit dem Tod ihres Mannes war sie in dieser Beziehung äußerst empfindlich geworden. Also willigte er ein.

Am Samstag kaufte er einige notwendige Dinge ein, besuchte am Nachmittag seine Mutter im Krankenhaus und machte anschließend einen ausgedehnten Spaziergang. Den Abend verbrachte er im Haus seiner Mutter, seinem Elternhaus. Er saß im Wohnzimmer, wo sich seit dem Tod seines Vaters kaum etwas verändert hatte, hörte im Radio den Klassiksender und hing seinen Gedanken nach.

Und mit einem Mal machte er einen Zeitsprung ungefähr dreißig Jahre zurück. Als Kind war er am Abend des Karsamstags nicht so ruhig und gelassen gewesen, sondern furchtbar aufgeregt. Er schmunzelte bei der Erinnerung daran, dass er kaum hatte einschlafen können, so gespannt war er darauf gewesen, am nächsten Morgen durch Haus und Garten zu streifen, um die Ostereier zu suchen.

Mit vor Aufregung geröteten Wangen hatte er an allen Stellen nachgeschaut, die auch nur im Entferntesten als Versteck in Betracht kamen. Während seine Mutter den Frühstückstisch deckte, begleitete ihn sein Vater, machte einige Fotos von ihm und wies ihn ab und zu auf ein Versteck hin, das er trotz seiner eifrigen Suche übersehen hatte.

Nach dem Frühstück war er mit seinen Eltern in die Kirche gegangen, und nachmittags hatten sie Verwandte besucht, bei denen der Osterhase netterweise auch noch etwas für ihn abgegeben hatte. Abends hatte seine Mutter ihm Geschichten vom Osterhasen und seinen Kindern vorgelesen. Nicht nur die Geschichten hatten ihn fasziniert, auch die wunderschönen Zeichnungen, mit denen sie illustriert waren.

Als er zu Bett ging, war er innerlich ziemlich aufgewühlt. So sehr er als Kind Ostern genossen hatte, so gleichgültig war ihm das Fest später geworden. Mittlerweile war es für ihn nur noch als ein langes Wochenende von Bedeutung.

Am nächsten Morgen, Ostersonntag, fasste er spontan den Entschluss, in die Ostermesse zu gehen. Zwar fühlte er sich ein wenig fremd nach all den Jahren, in denen er Kirchen lediglich zu Besichtigungszwecken von innen gesehen hatte, aber er ließ sich anrühren vom brausenden Klang der Orgel, dem Gesang der Gemeinde, dem Evangeliumstext mit der Osterbotschaft, der Predigt des Pfarrers über das Wunder der Auferstehung Jesu Christi und der mystischen heiligen Handlung.

Nachmittags erfuhr er von der diensthabenden Schwester, dass die Ärzte mit seiner Mutter sehr zufrieden seien, ihre Genesung mache gute Fortschritte, auch wenn sie noch einige Tage würde bleiben müssen. Er machte seine Mutter darauf aufmerksam, dass er am nächsten Tag schon vormittags kommen werde, da er anschließend wieder zurückfahren müsse.

Genau so spontan, wie er sich morgens zum Kirchgang entschlossen hatte, ging er abends zum Treffpunkt am Fuße des Berges, auf dem bereits seit Tagen ein riesiger Holzstoß aufgeschichtet war. Mit Fackeln ausgerüstet setzte sich bei Anbruch der Dunkelheit der Zug langsam in Bewegung, kroch die Windungen des schmalen Weges mit den Kreuzwegstationen hinauf. Oben verteilte sich die Menschenmenge, dann wurde feierlich das Osterfeuer entzündet, während ein Blasorchester festliche Musik spielte.

Nachdem das Feuer fast abgebrannt war, begann ein Feuerwerk. Immer mehr Raketen stiegen zischend in den stillen Nachthimmel empor und regneten als Tausende Lichtsterne zur Erde hinab. Ergriffen beobachtete er dieses Schauspiel. Auf dem Rückweg kam er noch mit einem Schulfreund aus längst vergangenen Zeiten ins Gespräch. Der war allerdings nicht alleine beim Osterfeuer gewesen, sondern mit seiner Frau und seinen beiden Kindern.

Ostermontag. Punkt 10 Uhr betrat er das Krankenzimmer seiner Mutter. „Wie fühlst du dich heute?“, fragte er die alte Dame.

„Ganz hervorragend. Ich glaube, ich bin schon fast wieder gesund.“

Er hob mahnend den Zeigefinger der rechten Hand: „Fast! Und deswegen keine voreiligen Aktionen.“ Dann griff er in seine Manteltasche und überreichte seiner Mutter ein Briefkuvert. Sie öffnete es und zog eine Osterkarte heraus. Sie betrachtete zunächst das Bild auf der Vorderseite der Karte, bevor sie sie aufklappte, um zu lesen, was ihr Sohn ihr geschrieben hatte. Auf der linken Seite stand:

„Liebe Mutter, dieses Jahr war für mich ein besonderes Osterfest. Zuerst der Schreck über deinen Krankenhausaufenthalt, dann die Enttäuschung darüber, das Osterwochenende nicht einfach nur zum Relaxen verwenden zu können, schließlich aber auch das Wiederentdecken dessen, was ich versucht habe, in einem kleinen Gedicht zusammenzufassen.“

Auf der rechten Seite stand das Gedicht, welches er gestern Nacht noch verfasst hatte:

Ostern

Osterglocken blühen.

Kirchenglocken klingen.

Die Ostermesse wird gefeiert

mit Weihrauch, Beten, Singen.

Osterhasen laufen

durch Gärten, unentdeckt.

Ostereier glänzen

in Nestern, gut versteckt.

Osterfeuer lodern

erhellen die Nacht.

Die Osterbotschaft leuchtet

und verglühet sacht.

Nachdem die alte Dame das Gedicht gelesen hatte, liefen ihr zwei Tränen über die Wangen. „Wunderschön, Junge. Ich danke dir dafür.“

Er ergriff rasch ihre Hand, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich muss los, um den Zug nicht zu verpassen. Alles, alles Gute, und komm rasch wieder auf die Beine.“ Als er die Tür schloss und noch einen letzten Blick auf seine Mutter warf, war sie noch immer in die Karte vertieft.

Er musste sich beeilen. Mit langen Schritten lief er Richtung Bahnhof. Ganz deutlich nahm er dabei wahr, wie angenehm die milde Luft nach Frühling roch.

Norbert J. Wiegelmann, geb. 1956 in Bochum, wohnhaft in Arnsberg, verheiratet, Vater zweier zurzeit studierender Töchter. Verwaltungsjurist. Literarische Veröffentlichungen in gut einem Dutzend Anthologien (Lyrik, Kurzprosa), Reiseberichte in Zeitungen sowie Glossen und Buchrezensionen in juristischen Fachzeitschriften. Beiträge in der Lese-Drehscheibe.

*

Aber was ist mit Belli?

„Wir sind da!“, rief Lea, als sie das Schild mit der Aufschrift „Sonnenhof“ entdeckte.

Das Familienauto ratterte die steinerne Einfahrt des Bauernhofs hinauf. Hier würden sie die Osterferien verbringen – Mama, Papa, Leas Bruder Peter und natürlich Lea! Lea freute sich. Mama hatte schon verraten: „Bauer Friedrich hat eine Überraschung für euch!“

Sie parkten am Rand des großen Hofes, wo schon viele andere Autos standen. Als sie ausstiegen, kam auch schon Bauer Friedrich auf sie zu: „Ah, Familie Fischer! Schön, dass Sie wieder hergefunden haben!“ Hinter ihm tapste ein goldbrauner Hund schwanzwedelnd auf sie zu.

„Belli!“, rief Lea freudig und streckte die Arme aus. „Wie ich dich vermisst habe!“ Sie streichelte ihn, während er ständig versuchte, ihre Hände abzuschlecken.

„Bauer Friedrich, was ist denn die Überraschung?“, wollte Peter wissen.

„Ja wisst ihr das noch nicht? Dann huscht mal schnell hinter die Scheune!“ Das ließen sich die Geschwister nicht zwei Mal sagen. Mit Belli im Schlepptau rannten sie über den Hof, vorbei am Hühnerstall und dem Gästehaus.

„Aber hinter der Scheune waren doch immer nur die doofen Kühe!“, meinte Peter zu seiner Schwester auf dem Weg.

„Dieses Jahr vielleicht nicht mehr“, erwiderte Lea. „Außerdem sind Kühe nicht doof!“

Als sie den Rasen hinter der Scheune erreichten, bekamen sie ganz große Augen: Zwei andere Kinder saßen im Gras – beide hielten einen Hasen im Arm, um sie herum hoppelten mindestens zehn weitere.

„Osterhasen!“, riefen Lea und Peter gleichzeitig.

„Es sind 18, wenn wir uns nicht verzählt haben!“, sagte das Mädchen im Gras zu ihnen. Sie wiegte den dicken Hasen in ihrem Arm, als sei es ein Baby. Die Geschwister gingen zu ihr. Lea und streichelte den Hasen des Mädchens. „Bauer Friedrich meint, wir dürfen uns die ganzen Ferien um sie kümmern!“, erzählte es. „Ich bin übrigens Linda. Und das ist mein Bruder Tom.“

Tom lächelte schüchtern. Seine Haare waren genau so dunkel wie das Fell des Hasen in seinem Arm.

Linda stand auf und zeigte den Geschwistern in der Scheune eine Kiste voll Möhren, die sie an die Hasen verfüttern durften. Dann saßen sie ganzen Nachmittag zusammen im Gras, umgeben von den 18 Hasen, für die sie sich Namen ausdachten.

Lea mochte am liebsten sitzen bleiben, als Mama um die Ecke kam und rief: „Hey ihr vier, das Essen steht bereit!“

Widerwillig stand sie auf und trottete mit ihrem Bruder und ihren zwei neuen Freunden in den Speiseraum. „Aber nach dem Essen dürfen wir wieder zu den Hasen, oder Mama?“, fragte Peter am Tisch besorgt.

Mama lächelte. „Friedrichs Überraschung gefällt euch wohl? Klar, dürft ihr wieder zu den Hasen. Aber macht bloß Belli nicht eifersüchtig!“ Den letzten Satz sagte sie mit einem Augenzwinkern, aber er ließ Lea nicht mehr los.

Sie aß ihr Wurstbrot auf und rannte mit Peter, Tom und Linda wieder nach draußen und in die Scheune, wo sie das Futter für die Hasen holen wollten. Lea aber blieb am Tor stehen. „Aber macht bloß nicht Belli eifersüchtig“, hallten Mamas Worte in ihrem Kopf.

„Lea, was träumst du vor dich hin?“, rief Peter. „Hilf uns doch mit den Möhren!“

Lea überlegte. Den ganzen Tag hatten sie sich nur um die Hasen gekümmert. „Aber was ist mit Belli?“, fragte sie ihren Bruder zurück.

Er schaute sie ratlos an, und ehe er antworten konnte, lief Lea los, an der Scheune vorbei, vor auf den Hof. Da saß er, ihr Belli, und ließ den Kopf hängen. Traurig sah er aus. Klar, alle hatten nur noch Augen für die Hasen, keiner spielte mehr mit ihm! Als er Lea entdeckte, spitze er die Ohren. Lea setzte sich zu ihm und streichelte ihn. „Du musst nicht traurig sein, Belli“, sagte sie. „Jetzt bin ich ja da!“ Und dann umarmte sie ihn.

Bettina Schneider gewinnt mit 14 ihren ersten Geschichtenwettbewerb. Danach lebt sie ihre Schreiblust in der Schülerzeitung aus, bis sie irgendwann auch für größere Zeitschriften Artikel verfasst.

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