Kitabı oku: «Wünsch dich ins Märchen-Wunderland»

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Wünsch dich ins Märchen-Wunderland

Märchen für Herz und Seele im Jahresreigen

Band 3

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2021.

Herstellung und Lektorat: CAT creativ - cat-creativ.at

Illustrationen und Cover: © Elena Schweitzer

alle Bilder Adobe Stock lizenziert

ISBN: 978-3-99051-057-5 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-99051-045-2 - E-Book

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Inhalt

Januar

Samuel und Caspar

Die drei Königsbrüder

Die drei, die dem Licht folgten

Die weise Königin

Februar

Mia und der Stern

Die Sternenbeschwörerin

Der Duft der Sterne

Die Sternenprinzessin

Der Wunschstern

Herz aus Gold

Februar

Das Mädchen auf dem Stern

März

Das Lächeln

Seefee, die Mondelfe

Eine intergalaktische Liebesgeschichte

Der Katzenmond

Träume werden wahr

April

Der größte Schatz

Ein unglaublicher Wunsch

Die kleine Meerjungfrau

Ayana

Nixi in Nöten

Der größte Schatz

Die Meeresprinzessin

Milly, die mutige Meerjungfrau

Prinzessin Karolina

Mai

Herz aus Stein

Die Nacht, in der die Motte das Licht fand

Das Mädchen und die Kröte

Wie die Muscheln ins Meer kamen

Die Rettung der Eichhörnchen

Das verlorene Herz

Clara und der Troll

Das Wunschtraum-Herzmädchen

Juni

Der König und die Nachtigall

Wo ist das Märchen-Wunderland?

Die Geschichte von Melina und Alicia

Das Buch der Wahrheit

Die verzauberte Muschel

Aus dem alten Märchenbuch

Eine ganz andere Welt

Das Buch

Die fliegende Prinzessin

Aras, M und alle die anderen

Süßer Brei

Das geheimnisvolle Buch

Die Pforte des Wissens

Hilfst du mir, helfe ich dir

Die Buchstabensammlerin

Das fremde Reich

Wie das Feenhaus ins Lexikon kam

Die zwei Spatzen

Die große Rettung

Juli

Der Geist der alten Villa

Das Haus der Rattendrachen Familie

Die Sage von den Zeterklippen

Mein Märchenschloss

Das Haus der Zeit

Trollregen

August

Herzlich willkommen!

Das Märchen vom klugen Schaf

Wolf und Geißlein

Die kleine Hexe Ringelschlingel

September

Eine erleuchtete Nacht

Alena, Mädchen der Sterne

Die Drachengeschichte

Mein Freund, der Wolf

Oktober

Der Wald der Erinnerungen

Fleur zaubert wieder

Der verzauberte Stein

Königssohn und Bauerntochter

Die kluge Kräuterfrau

Streiten macht einsam

Die verzauberte Prinzessin

Fee Laras Wunsch

Oktober

November

Der Diamant der Erde

Das kleine Monster, das nicht grün sein wollte

Das seegrasgrüne Seemonster

Das Kuschelmonster

Das Ungeheuer auf dem Dachboden

Das Monster im Schrank

Schneety

Darko und das Zauberwort

Monsteralarm im Märchenland

Der Wecker

Im Märchenland

Niko und die Hexe

Dezember

Die Schneeprinzessin Kristella

Gustje auf dem Weihnachtsmarkt

Das 24. Türchen

Das Märchen von der Schneeprinzessin

Rotkäppchens Glück

Mias großer Wunsch

Die verschwundene Adventsglocke

Käthe, die mutige Christbaumkugel

*

Januar


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Samuel und Caspar

Es war einmal ein kleiner Hirtenjunge, sein Name war Samuel. Er lebte in der Nähe von Bethlehem zusammen mit einigen anderen Hirten und den Schafen auf den Weiden. Samuel war sehr traurig, die anderen Hirten waren raue Gesellen und bis auf den alten Jakob nicht gut zu ihm. Außer dem alten Mann gab es niemanden, der sich um ihn kümmerte. Selbst seine Mutter nicht, für die war er eine Last und deshalb hatte sie ihn zu den Hirten gebracht.

Und so saß Samuel wieder einmal in einer kalten Nacht am Feuer, das er bewachen sollte, und grübelte. Da war doch in seinem Kopf und auch in seinem Herzen ein kleiner Funke Hoffnung. Er hatte etwas Großes erleben dürfen, den Besuch an der Krippe, gleich nach der Geburt des Jesuskindes, von dem man sagte, dass es der Retter der Welt sei.

Es waren noch andere Besucher im Stall von Bethlehem gewesen. Da waren drei Männer, man sagte, sie kämen aus dem Morgenland. Prächtige Gewänder trugen sie, nicht so dreckige stinkende Lumpen wie er und die anderen Hirten. Wertvolle Geschenke hatten sie dem Jesuskind mitgebracht, Weihrauch, Myrrhe und Gold. Es mussten schlaue reiche Leute sein. Einer von ihnen fiel Samuel besonders auf. Er hatte eine ganz dunkle Hautfarbe, so einen Menschen hatte Samuel noch nie gesehen. Die anderen Hirten hatten ihn auch bemerkt und machten sich lustig über ihn. Das fand Samuel nicht gut, er ging zu dem dunkelhäutigen Mann und wollte ihn trösten.

„Mach dir nichts daraus, sie wissen es nicht besser“, sagte er, „mich hänseln sie auch immer. Darf ich dich etwas fragen: Wo kommt ihr her, wer seid ihr und warum siehst du so anders aus?“

Der dunkle Mann lächelte und begann zu erzählen: „Ich bin Caspar, die beiden andern heißen Melchior und Balthasar. Wir kommen aus dem Morgenland und sind einem Stern gefolgt und der hat uns hierhergeführt zum Jesuskind. Weißt du, jeder Stern am Himmel hat eine Aufgabe. Oft nur eine ganz kleine, manchmal eine größere und dieser Stern hatte eine ganz große wichtige Aufgabe. Du siehst so traurig aus, was ist los, willst du es mir erzählen?“

Samuel war erstaunt, wie kam es, dass dieser fremdländische Mann bemerkte, dass es ihm nicht gut ging. Er fasste sich ein Herz, berichtete von seiner Mutter, die ihn nicht haben wollte, von Hirten, die ihn ausnutzen, auslachten und herumkommandierten. Und er erzählte sogar von seinem größten und geheimsten Wunschtraum, das Schreiben zu erlernen und ein gebildeter, wohlhabender Mann zu werden.

Caspar hatte gut zugehört und sprach: „Es gab vor einigen Jahren einen Jungen, ungefähr so alt wie du, nennen wir ihn Ben, dessen Geschichte möchte ich dir erzählen. Da, wo er lebte, war es gerade für Kinder sehr gefährlich. Böse Männer aus einem fernen Land, in dem es Kannibalen gab, waren gekommen, um kleine Jungen zu entführen. Bens Eltern wollten ihren Sohn schützen und gingen mit ihm an den großen Fluss, der nordwärts zum Meer fließt, zu einem Mann mit einem Boot. Dem gaben sie viel Geld und der Mann brachte Ben und noch einige andere Kinder in eine große Stadt am Meer. Da stand er, ohne Geld und ohne Essen. Was nun? Er irrte ein paar Tage durch die Stadt, klaute sich etwas zu essen und schlief in dunklen Ecken. Schließlich traf er einen Mann, eine finstere Gestalt. Der wollte Güter, die auf einem Boot im Hafen angekommen waren, durch die Wüste ostwärts an einen der größten Flüsse des Morgenlandes bringen. Dafür suchte er Kamele und Helfer und einen Jungen der nachts auf die Kamele aufpasste. Und dieser Junge sollte Ben sein. So zog er also mit der Karawane durch die Wüste und hatte wenigstens etwas zu essen. Die Männer waren nicht gut zu ihm, hänselten ihn, weil er so eine dunkle Haut hatte, ganz anders als alle andern aussah und er ihre Sprache nicht verstand. Wenn er nachts Wache hielt, kamen wilde Tiere oder Räuberbanden, welche die Karawane überfallen wollten. Ben musste höllisch aufpassen und rechtzeitig die anderen warnen. Zum Glück gelang ihm das immer. Wenn es ruhig war und er am Feuer saß, versuchte er, die fremde Sprache zu lernen. Als sie nach vielen Tagen in der Stadt am großen Fluss ankamen, stand dort ein Herr, der die Waren haben wollte. Ben half ihm, die Güter in sein Haus zu tragen, und machte sich gleichzeitig große Sorgen, weil er nicht wusste, wie es mit ihm weitergehen sollte. Das musste der Herr bemerkt haben, denn plötzlich bot er ihm einen Platz in seinem Hause an. Leichte Arbeiten und Botengänge sollte er verrichten, weil er so fleißig und so geschickt war. Von nun an ging es Ben gut und es kam noch besser. Eines Tages meinte der Herr, er hätte bemerkt, dass Ben ein intelligenter Junge sei und es wäre doch gut, wenn er schreiben und lesen lernte. Und er brachte ihn in ein Haus, das fast ein Palast war, dort gab es Gelehrte und Jungen, die etwas lernen wollten. Es waren Söhne von wohlhabenden einflussreichen Menschen und wieder bekam Ben zu spüren, dass er anders aussah und aus einem fremden Land kam, diesmal waren es Neid und Missgunst. Aber Ben ließ sich nicht beirren, er lernte schnell und viel. Die Sternenkunde interessierte ihn besonders. Es dauerte nicht lange, bis einer der wichtigsten Sterndeuter weit und breit war. Er wurde wohlhabend und hatte ein eigenes Haus und gab sein Wissen weiter, ohne etwas dafür zu verlangen. Jungen, die in Not waren, wurden seine Schüler. Ab und zu ging er mit anderen Sterndeutern einem Stern nach.“

Caspar holte tief Luft, bevor er weitersprach: „Ich muss nun gehen, Balthasar und Melchior wollen weiterziehen. Ich wünsche dir alles Gute und dass du aus deiner kläglichen Lage herauskommst. Denk mal über die Geschichte von Ben nach.“

Die Nacht war fast herum und Samuel hatte etwas beschlossen. Je länger er nachdachte, umso mehr wurde ihm klar, dass Caspar seine eigene Geschichte erzählt hatte und ihm Hoffnung machen wollte. Ben war nun bereit, sein kümmerliches Leben bei den Hirten aufzugeben und loszuziehen in eine hoffnungsvollere Zeit.

Der alte Jakob war aufgewacht und kam zu ihm. Samuel fragte: „Jakob, wo ist das Morgenland?“

„Im Osten“, antwortete Jakob, „da, wo gerade die Sonne aufgeht, deshalb heißt es Morgenland.“

„Dann gehe ich jetzt der Sonne entgegen“, sagte Samuel. „Schalom Jakob.“

Margret Küllmar, geb. 20.06. 1950, aufgewachsen auf einem Bauernhof in Nordhessen, nach der Schule Ausbildung in der Hauswirtschaft, dann Lehrerin an einer Berufsschule, jetzt im Ruhestand, schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Veröffentlichungen in zahlreichen Anthologien und von drei eigenen Lyrikbänden.

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Die drei Königsbrüder

Es waren einmal drei Brüder, von denen herrschte jeder über ein eigenes Königreich. Denn die drei waren Drillinge, und als ihr Vater, der König, vor einigen Jahren gestorben war, wurde das Königreich unter den drei Brüdern aufgeteilt.

Nun begab es sich eines Tages, dass ein fremder Bote in alle drei Königreiche reiste und jedem der Brüder dieselbe Nachricht überbrachte. Sie war von einem mächtigen König aus einem fernen Land, der verzweifelt nach einem Ehemann für seine Tochter suchte. Daher lud er die drei Brüder zu sich in den Palast ein und jeder von ihnen sollte der Prinzessin ein Geschenk mitbringen. Da keiner der drei bisher eine Frau gefunden hatte, waren sie glücklich über diese Botschaft und machten sich gleich am nächsten Morgen auf den Weg zum Palast des Königs.

Nach einer Reise von drei Tagen erreichten sie endlich das fremde Königreich. Dort im Palast wurden sie festlich empfangen und sahen zum ersten Mal die Prinzessin. Sie saß dort neben dem König und war wunderschön in ihrem prunkvollen blauen Kleid. Doch ihr Blick war traurig und sie lächelte nicht ein einziges Mal, seit die drei Brüder da waren.

„Willkommen in meinem Königreich, weit gereiste Freunde“, sagte der König zu den dreien. „Ich hoffe, eure Reise war angenehm. Dies ist mein ganzer Stolz. Meine Tochter Mirella.“ Er zeigte zu seiner Rechten. „Schon viele Könige und Fürsten kamen hierher, um meine Tochter zu gewinnen. Doch keiner hat es bisher geschafft. Seid also gewarnt. Mirella ist nicht leicht zu beeindrucken. Nun, tretet vor und zeigt uns, was ihr für Geschenke mitgebracht habt.“

Es machte also der erste Bruder einen Schritt auf die Prinzessin zu und holte eine kleine, juwelenbesetzte Schmuckkiste aus seinem Rucksack hervor. „Schöne Mirella, in meinem Königreich blühen der Handel und das Geschäft. Ich bin der reichste der Brüder und mit mir an deiner Seite werden dir die schönsten Schätze dieser Welt gehören“, sagte er und als er zu Ende gesprochen hatte, öffnete er die Schmuckkiste. Zum Vorschein kam eine strahlende Kette aus purem Gold.

„Das nenn ich mal ein Geschenk einer Königstochter würdig“, sagte der Vater der Prinzessin erfreut.

„Es ist die beste Arbeit meines teuersten Goldschmiedes. Ein ganzes Jahr hat er daran gearbeitet“, sagte der erste Bruder und legte der Prinzessin die Kette um den Hals. Da sie aus purem Gold war, war sie sehr schwer und zog ihren Kopf ein wenig Richtung Boden. Die Prinzessin sprach kein Wort und bedankte sich nur mit einem kurzen Nicken. Verwundert und enttäuscht entfernte sich der erste Bruder und der zweite Bruder trat hervor.

Der zweite Bruder öffnete seinen Mantel und zog ein großes Schwert aus der Scheide hervor. „Teuerste Prinzessin, in meinem Königreich werden die besten Soldaten und Waffenschmiede des ganzen Landes ausgebildet. Mit mir an deiner Seite seid Ihr stets sicher und wir werden die Stärke haben, andere Königreiche zu erobern. Nehmt dieses Schwert aus Drachenstahl als Symbol meiner Macht“, sagte der zweite Bruder, kniete sich vor die Prinzessin und bot ihr das Schwert an.

Wieder war der Vater der Prinzessin erfreut und sagte: „Mit ihm könntest du eine mächtige Königin werden, Mirella.“

Die Prinzessin nahm das Schwert zwar in die Hand, bedankte sich jedoch wieder nur wortlos mit einem kurzen Nicken. Da das Schwert viel zu schwer für sie war, wurde ihr gesamter Körper zur rechten Seite gezogen. Auch der zweite Bruder hatte scheinbar mehr erwartet und ging enttäuscht zurück.

Nun trat der dritte und letzte Bruder zögerlich hervor. „Liebe Mirella, mein Königreich ist weder besonders reich noch besonders mächtig“, sagte er und holte ein braunes Tuch aus seinem Rucksack. Er wickelte es aus und hielt nun eine kleine hölzerne Sanduhr in seiner Hand.

„So willst du eine Prinzessin beeindrucken?“, fragte der Vater empört und die beiden anderen Brüder lachten darauf im Hintergrund.

„Ich habe diese Sanduhr für euch geschnitzt“, sagte der dritte Bruder. „Denn ich möchte dir meine Zeit schenken. Wir können uns kennenlernen und durch die wunderschöne Natur meines Königreiches streifen.“

Als die Prinzessin ihn bloß starr und wortlos anblickte, senkte der dritte Bruder enttäuscht den Kopf und entfernte sich mit der Sanduhr in der Hand. Doch auf einmal war ein Klirren und Scheppern im Palast zu hören. Der dritte Bruder drehte sich noch einmal um und sah, dass die Prinzessin sowohl die Kette als auch das Schwert zu Boden geworfen hatte. Und noch etwas sah er. Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte die Prinzessin.

„Sehr gerne nehme ich dein Geschenk an und verbringe Zeit mit dir in deinem Königreich“, sagte die Prinzessin und streckte ihre Hand aus.

Daraufhin ging der dritte Bruder glücklich zu ihr und überreichte ihr die kleine Sanduhr.

„Auch wenn ich deine Entscheidung nicht verstehe, heiße ich sie trotzdem gut, denn selten habe ich dich so glücklich gesehen, meine Tochter“, sagte der Vater der Prinzessin.

So ging die Prinzessin Mirella mit dem dritten Bruder zurück in sein Königreich und sie verbrachten viel Zeit miteinander. Nach etwa einem Jahr heirateten die beiden und verbrachten ein ruhiges und glückliches Leben zusammen.

Marvin Czerlinski wurde 1993 in Witten geboren und lebt, studiert und schreibt in Kassel.

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Die drei, die dem Licht folgten

Einst sagte man, dass ein kleiner Junge zur Welt kommen sollte, den man schon ungeduldig erwartete. Leute erzählten von ihm, dass er der Größte der Größten würde, ein richtiger Halbgott. Man sagte, dass er die Menschen von der Dunkelheit zurück ins Licht führen und ihre Schulden erlassen könnte. Keiner konnte sich wirklich vorstellen, was das bedeuten würde. Und niemand wusste, dass sie ohne ihn verloren wären. Die Menschen hatten so viel Böses getan, dass ihre Schuld sie träge und traurig machte. Und da sie nun alle so träge und traurig waren, taten sie noch mehr Böses und vergaßen ganz und gar, was eigentlich wichtig war im Leben. Doch der kleine Halbgott wurde schon im Himmel darauf vorbereitet, es sie zu lehren.

So viel wurde von dem Jungen geredet, noch bevor er zur Welt gekommen war, dass der Machthaber sich Sorgen um seinen eigenen Ruhm machte und eifersüchtig auf das Baby wurde. Der böse Herrscher schickte nach dem unbekannten Jungen, ließ Tausende Neugeborene entführen und bedrohte die armen Bürger. Er wollte nicht, dass ein Knabe in seinem Reich lebte, der mächtiger werden könnte, als er es selbst war. Die Bauern und Arbeiter, die in dem Land lebten, fürchteten sich und versteckten ihre Kinder, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Doch ungeachtet der schaurigen Geschehnisse ließen sich drei weise Männer nicht davon abhalten, den kleinen Halbgott zu finden. Sie waren es nämlich, die all die großen Prophezeiungen in die Welt gesetzt hatten. Sie waren es, die wussten, was passieren würde, noch bevor es so weit war. Alt und weise, wie sie waren, hatten sie sich schon frühzeitig auf den weiten Weg in die Wüste gemacht, wo der kleine Junge bald zur Welt kommen sollte. Sie wanderten monatelang, nur mithilfe eines großen Lichtes am Himmel, in eine Richtung. Nichts konnte sie aufhalten und niemand konnte sie von ihrem Vorhaben, den kleinen Jungen mit eigenen Augen zu sehen, abhalten. Sie wollten ihm unbedingt ihre Geschenke bringen und sein Leben segnen, sodass er seine Aufgabe erfüllen konnte, wie es vorausgesagt worden war. Und sie hatten so viel Liebe für ihn im Gepäck, dass sie beinahe platzten. Denn sie kannten ihn, bevor er geboren war. Und sie liebten ihn, bevor er sie hätte lieben können.

Aber es gab ein Problem. Denn so reich sie auch an Weisheit und Alter waren, so fehlte es ihnen doch an allem anderen. Niemand kannte sie, denn sie lebten im Verborgenen. Und niemand half ihnen, denn man hielt sie für Bettler. Engstirnig und stur, wie die Leute waren, kamen sie nicht auf die Idee, fremden Reisenden Hilfe anzubieten, ihnen Essen oder einen Schlafplatz zu geben. Und so war ihre Reise lange und beschwerlich. Der eine war weither aus dem Osten gekommen, der andere aus einem anderen Reich weiter nördlich und der dritte aus den höchsten Bergen der Welt. Sie hofften und bangten, dass sie es rechtzeitig zur Geburt des Kleinen schaffen würden, ihr Ziel zu erreichen. Denn nur sie wussten, wie wichtig es sein würde, dass der Junge ihren Segen erhielt, bevor ihn die Soldaten des Machthabers entdeckten. Und sie durften es niemandem erzählen. Hätte auch nur einer der Soldaten erfahren, dass der Halbgott ihren Segen benötigte, um in der Welt groß zu werden, wäre alles getan worden, um die drei Weisen aufzuhalten. Mit Sicherheit hätte man sie ins Gefängnis gebracht und dort verrotten lassen. Also ließen sie sich nicht anmerken, dass sie heimliche Könige waren. Sie kleideten sich unauffällig und sahen aus wie arme Leute.

Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als Tag um Tag weiterzugehen und darauf zu vertrauen, dass ihr Bauchgefühl stimmte, dass das Licht am Himmel sie an den rechten Ort bringen würde.

Eines Tages, sie waren schon weit gekommen, hörten sie die ersten Gerüchte der Geburt des Jungen. Sie wurden unsicher und dachten bei sich, dass sie zu spät wären und der Kleine verloren wäre. Doch der unter ihnen mit der dunklen Haut, der weit aus dem Osten gekommen war, redete den anderen beiden gut zu. Er erinnerte sie daran, wie wichtig ihr Beitrag für den Erfolg der Mission war und dass der Halbgott bestimmt nicht schon zur Welt gekommen wäre, ohne sie darüber zu informieren. Das half den anderen sehr und sie fassten neuen Mut, weiterzureisen. Doch insgeheim machte auch er sich Sorgen.

Immer mehr kleine Jungen wurden entführt und immer mehr Familien auseinandergerissen. So schlimm wurde es, dass die drei Weisen an ihrem Plan zu zweifeln begannen. Was, wenn ihr Vorhaben falsch war? Was, wenn sie mehr Übel verursachen denn Gutes auslösen würden? Sie wollten ihre Prophezeiungen rückgängig machen, sodass niemand mehr sein Leben deshalb verlieren müsste. Doch es war zu spät und das wussten sie. Die Bosheit der Menschen nahm zu, alle dachten nur noch an sich selbst und Nächstenliebe wurde zum Fremdwort. Übel um Übel wurde getan und scheinbar unbestraft gelassen. So sehr geriet die Welt in Ungleichgewicht, dass die Ankunft des Halbgottes nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte.

„Beeilen wir uns!“, sagten die drei Weisen sich und nahmen sich Esel, um schneller voranzukommen. Doch es war mitten im Sommer und heiß am Rande der Wüste. Die Esel schleppten sich mutig voran, denn auch sie wollten ihren Beitrag leisten und nicht versagen.

Und dann war es endlich so weit. Das große Licht am Himmel hielt an und zeigte damit den drei Weisen, dass sie an ihrem Ziel angekommen waren. Bei einem abgelegenen, kleinen Ort machten sie Halt und erkundigten sich nach dem frisch geborenen Jungen. Doch niemand wusste etwas, denn die Mutter fürchtete um sein Leben und hatte die Geburt geheim gehalten.

Mitten in der Nacht fanden die drei Weisen schließlich den Eingang zu einer versteckten Scheune, in der der kleine Halbgott still und heimlich lag. Gebettet inmitten von Stroh, umgeben von Tieren, lag er da und wartete auf sie.

„Wir haben es geschafft! Er ist es! Jetzt wird alles gut!“, riefen sie, sprangen zu ihm und zeigten sich schließlich in ihrer wahren Gestalt. Ein jeder von ihnen war nun hübsch und reich gekleidet. Einer trug ein rotes Gewand und eine rote Krone, der andere hatte ein aufwendiges grünes Gewand und eine goldene Krone und der letzte war von Kopf bis Fuß in königlichem Violett gekleidet. Sie übergaben dem kleinen Jungen ihre Geschenke und knieten vor ihm nieder.

„Wir segnen dich und dein Leben, oh kleiner Gott! Von weit her sind wir gekommen, um dich in der Welt willkommen zu heißen. Mögest du genug lange leben, dass alle Prophezeiungen erfüllt werden können, und mögest du die Menschen lehren, was wichtig ist im Leben. Denn wir haben dich geliebt, bevor du bei uns warst. Und sie werden dich lieben, nachdem du wieder gegangen sein wirst.“

Und so wurde doch noch alles gut.

Adhikari Nadine wurde 1992 in Muttenz geboren und wuchs im schönen Baselland auf. Das Schreiben ist ihre Leidenschaft und größte Passion.

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Die weise Königin

Es war einmal in einer Zeit, in der die Menschheit gierig und unersättlich war, da lebte einst eine Königin in einem weit entfernten Land. Sie war wunderschön, ausgesprochen klug und besaß alles, was man sich nur vorstellen konnte.

Eines Tages plagte sie das Gefühl, ihr würde irgendetwas in ihrem Leben fehlen. Doch sie wusste nicht, was es war. Drum schickte sie ihre Ritter los, um danach zu suchen, und als der Nordstern seinen höchsten Punkt am Himmelszelt erreichte, kamen ihre Ritter mit drei Königen zurück. Die drei Könige lebten in weit entfernten Ländern und wollten die schöne Königin zur Frau haben. Jeder einzelne brachte der Königin ein Geschenk aus seinem Land mit, um sie von sich zu überzeugen.

„Der König mit dem schönsten Geschenk soll mein Gatte werden“, verkündete die Königin. Ein Raunen ging durch ihr Volk und jeder war gespannt darauf, für wen sich die kluge Königin entscheiden würde.

So schritt der erste König hervor. Die Menge staunte, denn seine Kleidung war mit vergoldeten Fäden genäht, die im Licht des Nordsterns hell leuchteten. Der König berichtete, dass es in seinem Land Flüsse voller Gold gäbe. So öffnete er seine Schatulle und zum Vorschein kamen die schönsten und größten Goldnuggets, die die Menschheit je gesehen hatte. Das Volk war sich sicher, dass die Königin ihn auserwählen würde und auch die schlaue Königin war sehr beeindruckt. Sie war sich jedoch nicht sicher, das gefunden zu haben, wonach sie suchte.

Dann schritt der zweite König hervor. Erneut staunte die Menge, denn seine Kleidung war mit glitzernden Diamanten besetzt, die im Licht des Nordsterns hell funkelten. Der König berichtete, dass es in seinem Land vielen Bodenschätzen gäbe. So öffnete er seine Schatulle und zum Vorschein kamen die schönsten und größten Diamanten, die die Menschheit je gesehen hatte.

Das Volk war sich sicher, dass die Königin nun ihn auserwählen würde und auch die Königin war wieder sehr beeindruckt. Sie war sich jedoch immer noch nicht sicher, das gefunden zu haben, wonach sie suchte.

Zum Schluss schritt der letzte der drei Könige hervor. Seine Kleidung war weniger leuchtend und weniger funkelnd, denn in seinem Land gab es weder Gold noch Diamanten. Die Menge spottete über den armen König und war sich sicher, dass er nicht der König ihrer Königin werden würde. Doch auch er öffnete seine Schatulle und zum Vorschein kam nichts. Die Schatulle war vollkommen leer.

Der König ging auf die Königin zu und sagte: „Meine Schatulle ist leer, doch wenn du mich zum Manne nimmst, will ich dir mein Herz mit all meiner Liebe schenken.“

Die zwei anderen Könige lachten ihn höhnisch aus und auch das Volk der Königin machte sich über den letzten der drei Könige lustig.

Die weise Königin jedoch war sich sicher, dass sie nun gefunden hatte, wonach sie sich in all den Jahren der Einsamkeit gesehnt hatte. Drum brachte sie Menge zum Schweigen und sagte: „Ich habe mich entschieden. Ich werde den letzten der drei Könige heiraten. Denn lieber lebe ich ein Leben voller Liebe, als reich und lieblos zu sterben.“

Märchen enden mit den Worten: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Doch dies ist kein gewöhnliches Märchen und so kam einst der Tag aller Tage, an dem die Königin im sehr hohen Alter umringt von all ihren Kindern und Enkelkindern starb. Während ein Lächeln ihre Lippen umspielte, schlief sie Hand in Hand mit der Liebe ihres Lebens ein und blickte zurück auf ein Leben voller Geborgenheit, Freude und Liebe.

Michéle Schröder, geboren 1991 in NRW, erfindet gerne Gutenachtgeschichten für ihre Töchter Hannah und Clara.

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Februar


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Mia und der Stern

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Mia. Mia lebte allein mit ihrer Großmutter mitten im Wald in einer kleinen Holzhütte. Sie war fünf Jahre alt und fühlte sich oft sehr einsam, denn die Großmutter duldete es nicht, wenn Kinder aus dem Dorf zum Spielen vorbeikamen. „Mia, die Menschen sind schlecht, du kannst ihnen nicht vertrauen!“, antwortete die Großmutter jedes Mal, wenn Mia darum bat, eine Freundin einladen zu dürfen.

Mia wünschte sich so sehr eine Freundin, mit der sie alles teilen konnte. Sie stellte sich vor, was sie alles mit der Freundin machen würde: Blumen pflücken, Geschichten erzählen, schöne Bilder malen, Stöcke in den Bach werfen und bis ganz weit in den Himmel schaukeln, sodass es sich im Bauch anfühlte wie Brausepulver.

Oft saß sie nachts am Fenster und schaute hinaus. Sie liebte das Rauschen der Tannen und den Geruch nach Fichtennadeln. Ab und zu hüpfte ein Eichhörnchen von Baum zu Baum oder ein Specht klopfte. Mia fühlte sich sehr mit den Tieren des Waldes verbunden und spürte, dass sie irgendwie eine besondere Gabe hatte.

An einem Abend war die Großmutter schon früh zu Bett gegangen und Mia stand wieder am Fenster und spähte hinaus. Es war kalter Abend im Februar und die Tannen waren mit einer Schneedecke zugedeckt, fast so, als wollten sie den kalten Winter einfach verschlafen, um sich dann im Frühling wieder mit neuer Kraft der Sonne zuzustrecken. Ein heller Mond leuchtete am Himmel und neben dem Mond strahlte ein ganz besonders heller Stern. Mia betrachtete den Stern und fühlte sich magisch zu ihm hingezogen. So etwas hatte sie noch nie zuvor erlebt, es war wie Zauberei. Der Stern schien plötzlich ein Gesicht zu bekommen und lächelte Mia an.

„Du bist die kleine Mia, ich kenne dich gut!“, sagte er.

Mias Herz fing an zu klopfen. Das war doch alles gar nicht möglich, oder doch?

„Ich weiß, dass du sehr traurig bist, weil du niemanden zum Spielen hast!“, fuhr der Stern fort.

Mia nickte. Der Stern hatte genau recht. „Lieber Stern, wie kann ich das ändern? Meine Großmutter ist so menschenscheu, sie vertraut keinem!“, erklärte Mia.

„Ich weiß. Das ist eine lange Geschichte. Ich kenne deine Großmutter auch sehr gut. Sie wurde in ihrem Leben einmal sehr enttäuscht und ist nicht darüber hinweggekommen!“

Mia schluckte. Das hatte sie nicht gewusst.

„Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis!“, flüsterte der Stern. „Dein Großvater ist damals aufgebrochen, um Geld zu verdienen und als reicher Mann zu deiner Großmutter zurückzukehren. Er fällte Bäume in einem entlegenen Wald und arbeitete bis spät in die Nacht. Als er sehr viel Geld zusammen hatte, machte er sich glücklich auf den Weg nach Hause. Doch am dritten Tag seiner Wanderung wurde er von Räubern überfallen, die ihm alles nahmen bis auf das Hemd, das er am Leibe trug. Dein Großvater hatte keine Kraft mehr und wollte nicht mit leeren Händen als Bettelmann nach Hause zurückkehren. Er schämte sich so sehr. Deshalb lief er weit fort und kam nie mehr zurück. Deine Großmutter weinte viele Tage lang, denn sie dachte, ihr Mann hätte sie verlassen und irgendwo mit einer anderen Frau ein neues Leben angefangen. Dann beschloss sie, deine Mutter alleine großzuziehen, und ihr Herz wurde zu Stein!“

Mia lauschte angestrengt. Das war also der Grund, warum die Großmutter keinem Menschen traute. „Lieber Stern, wie kann ich Großmutters Herz wieder erweichen?“, fragte Mia. Ein kalter Luftzug wehte durch das Fenster und Mia schlotterte. Doch sie spürte, dass sie eine Antwort bekommen würde, und rührte sich nicht vom Fleck.

„Du musst deinen Großvater finden und ihn nach Hause holen!“, antwortete der Stern.

Mia erschrak. Wie sollte sie das schaffen? Sie war doch ein kleines Mädchen.

„Folge mir in der nächsten Nacht. Komm zu diesem Fenster und ich führe dich zu deinem Großvater! Zieh dich warm an und hab Vertrauen!“ Mia nickte und schloss das Fenster. Eine kleine Wolke hatte sich vor den Stern geschoben. Schnell huschte Mia in ihr Bett. Einschlafen konnte sie noch lange nicht.

Am nächsten Abend, nachdem die Großmutter sich schlafen gelegt hatte, zog Mia ihren dicken Wintermantel an und lief hinaus. Der Stern leuchtete hell über ihr und plötzlich war wieder sein Gesicht zu sehen.

„Liebe Mia, bist du bereit für deine große Reise?“, fragte er freundlich. Mia nickte.

„Vertraust du mir?“, fragte er weiter.

Auch jetzt nickte das Mädchen.

Der liebe Stern strahlte auf Mia hinab und sie spürte eine angenehme Wärme. Zwei große leuchtende Hände nahmen sie behutsam auf und Mia fühlte sich sehr geborgen. Dann flog sie wie auf einem fliegenden Teppich durch die Nacht. Der Wald unter ihr schlief unter seiner Schneedecke und die Hütte wurde kleiner und kleiner. Mia spürte den kalten Wind auf ihrem Gesicht, doch sie wusste, dass sie in Sicherheit war und dass ihr nichts passieren konnte. Ihr Stern war bei ihr. Er brachte sie zu ihrem Großvater.

Der Flug dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Der Himmel färbte sich von Schwarz zu Blau und dann zu Rot Violett. Am Horizont leuchtete er gelb. Mia wusste, dass dort ihr Ziel lag.

Der Stern brachte sie behutsam zurück zur Erde und sie hüpfte aus den schützenden Händen heraus. Neugierig sah sie sich um. Wo war sie hier gelandet? Sie stand vor einem alten Haus. War das das Haus des Großvaters? Es wurde langsam hell und der Stern verabschiedete sich.

„Lieber Stern, geh nicht weg! Was soll ich jetzt tun?“, rief Mia mit zitternder Stimme.

„Tu das, was dein Herz dir sagt!“, antwortete der Stern und verschwand hinter einer Wolke. Es war inzwischen hell geworden.

Mia wusste sich keinen anderen Rat, als an die Tür zu klopfen. „Hoffentlich ist es nicht zu früh!“, dachte sie bei sich.

Niemand öffnete. Doch dann hörte Mia Schritte, die immer näher kamen. Kurze Zeit später ging die Tür auf und ein alter Mann sah sie neugierig an.

Jetzt wusste Mia nicht, was sie sagen sollte. Die Geschichte, die eben passiert war, würde ihr sowieso keiner glauben. Der alte Mann und Mia wussten nicht, was sie sagen sollten. Da dachte Mia an die letzten Worte des Sternes: „Tu das, was dein Herz dir sagt!“ Mia lächelte und dann umarmte sie den alten Mann. „Opa!“, flüsterte sie.

Der alte Mann wusste nicht, wie ihm geschah. Doch dann traten Tränen in seine Augen und sein Herz wurde schwer. Er dachte an das Schreckliche, was vor vielen, vielen Jahren passiert war. Dann flüsterte er: „Ich bin so froh, dass du gekommen bist! Es wird höchste Zeit, dass ich deine Großmutter wiedersehe!“

Mia nickte und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann spürte sie eine große Müdigkeit in sich aufsteigen.

„Ich muss mich kurz hinlegen!“, sagte sie und der Großvater holte eine warme Decke und trug die kleine Mia auf sein altes Sofa vor dem Kamin.

„Heute Nacht musst du dich warm anziehen. Dann warten wir auf den Stern. Er bringt uns nach Hause!“, flüsterte Mia, bevor sie einschlief.

Der alte Mann nickte und holte seinen warmen Mantel. Er wusste, jetzt war alles gut.

Dörte Müller: (geboren 1967) schreibt und illustriert Kinderbücher. Sie lebt mit ihrer Familie in Bonn und unterrichtet an einer Gesamtschule.

*

Die Sternenbeschwörerin

Es war einmal in einer Zeit, in der noch gar nichts war – außer ein paar Ideen und wenigen Personen. Es war eine Zeit, in der noch alles möglich war. In dieser Zeit lebte ein Mädchen namens Ada. Ada war von unglaublicher Schönheit, doch das spielte keine Rolle, denn in jener Zeit wurden die Menschen nicht nach ihrem Aussehen bewertet, sondern nach den Dingen, für die sie sich begeisterten. Ada begeisterte sich für Musik und Literatur. Jeden Morgen begann sie mit Gesang, sie trällerte, wonach sie sich fühlte, summte die Töne, die sie in ihrem Herzen fühlte. Danach setzte sie sich an ihren Lieblingsplatz und las. Sie las und las, bis es Abend wurde. Dann begrüßte sie die Nacht mit weiterem Gesang und legte sich anschließend zum Schlafen nieder.

So hätte Adas Leben harmonisch verlaufen können, doch leider gab es zu jener Zeit auch eine Fee. Die Fee war so fies, dass sie gar keinen Namen hatte, sondern von allen nur die fiese Fee genannt wurde. So namenlos, wie sie war, so groß war ihr Wille. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, sich das ganze Universum untertan zu machen. Vom Mond bis zu den Sternen und zurück. Jeden Tag übte sie fleißig neue Zaubersprüche und schrie Beschwörungen in den Himmel, damit die Sterne ihr gehorchten und ihren funkelnden Tanz nach den Wünschen der fiesen Fee ausrichteten.

Jedoch waren die Sterne nicht gewillt, sich beherrschen zu lassen. Sie zogen unbeirrt ihre Bahnen und strahlten gegen die Beschwörungen der fiesen Fee an, als wollten sie sagen: „Schrei doch so viel, wie du willst. Wir bleiben unbeeindruckt.“

Nur manchmal löste sich ein besonders schwacher Stern vom Himmel und fiel als Sternschnuppe ins schwarze Nichts des Universums hinab. Dann triumphierte die fiese Fee und veranstaltete ein Freudenfest, sie schwang ihren Zauberstab, hüpfte auf und ab und kreischte schaurige Melodien.

Grundsätzlich bot das Land in jenen Tag genug Platz, dass Ada und die Fee ohne Schwierigkeiten nebeneinander leben konnten. Allerdings gab es diese Tage, an denen Ada sich durch das Verhalten der Fee gestört fühlte. Sie konnte sich nicht auf ihre Bücher konzentrieren, wenn die Fee wilde Verwünschungen ausstieß, und sie konnte nicht schlafen, wenn die Fee Freudengesänge durch die Nacht kreischte. Deshalb klappte Ada eines Tages seufzend ihr Buch zu und ging zu der Fee hinüber. Mit spitzem Fingerknöchel klopfte sie an deren Haustür.

Die Fee öffnete überrascht.

„Hallo“, sagte Ada. „Ich wohne nebenan und fühle mich durch den Lärm, den du veranstaltest, gestört. Ehrlich gesagt“, schob sie hinterher, weil sie das Gefühl hatte, dass es dann höflicher wäre. Was es natürlich nicht war.

Jedenfalls fand die fiese Fee Adas Besuch extrem unhöflich. „Ich mache, was ich will“, kreischte sie schrill und warf die Tür zu.

Ada ging frustriert nach Hause, doch lesen konnte sie nicht mehr. Zu sehr drängte sich ihr eine Frage auf. Also erhob sie sich wieder von ihrem Lieblingsplatz und ging erneut zur Fee. Sie klopfte.

Die Fee riss umgehend die Tür auf. „Was willst du?“, blaffte sie.

„Genau diese Frage möchte ich dir stellen“, antwortete Ada freundlich. „Du hast gesagt, dass du tust, was du willst, und seitdem frage ich mich: Was will sie wohl machen?“

„Ich übe. Ich will mir das Universum untertan machen“, antwortete die Fee und wollte die Tür schon wieder schließen, doch Ada stellte einen Fuß dazwischen.

„Das geht?“, fragte sie. „Ich dachte immer, das wäre unmöglich.“

„Natürlich geht das“, erwiderte die Fee irritiert über so viel Interesse an ihren Plänen.

Es entstand eine unangenehme Pause.

„Ähm“, begann die Fee, „willst du vielleicht reinkommen? Ich könnte es dir erklären.“

„Das wäre wunderbar.“

Die Fee öffnete ihre Eingangstür weit und ließ Ada eintreten. Ada sah sich begeistert um. „Du hast ja viele Bücher!“

„Alle mit Zaubersprüchen.“ Die Fee nickte stolz. „Möchtest du einen Tee trinken?“

„Gern.“ Ada nahm vorsichtig am Tisch Platz, bemüht, keinen der zahlreichen Notizzettel, die darauf verstreut lagen, durcheinanderzubringen. „Entwickelst du eigene Zaubersprüche?“, fragte sie.

„Ja, natürlich“, entgegnete die Fee. „In den Büchern findet man keine Formel, um sich das Universum untertan zu machen. Das ist jahrelange Forschungsarbeit.“ Sie stellte einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit vor Ada hin. „Womit beschäftigst du dich den ganzen Tag?“

„Ich lese Märchen.“

„Was ist das?“

„Wunderbare Geschichten über die Ordnung des Universums, es gibt immer einen guten und einen bösen Charakter, die sich bekämpfen, das ist sehr lehrreich.“

„Ordnung des Universums, sagst du? Spannend …“ Die fiese Fee rieb sich nachdenklich das Kinn. „Vielleicht wären diese Bücher auch interessant für mich.“

„Ich kann dir gerne mal welche leihen“, lächelte Ada und legte die Hände um den Teebecher. „Aber vermutlich werden sie dir nicht gefallen.“

„Warum nicht?“

„Am Ende gewinnen immer die Guten. Das passt wohl nicht so zu deinen Plänen, dir das Universum untertan zu machen.“

„Woran erkennt man, wer der gute und wer der böse Charakter ist?“

„Oft schon am Aussehen“, erwiderte Ada, „die Guten sehen meist atemberaubend schön aus.“

„Ach …“ Die fiese Fee betrachtete Ada nachdenklich, wie sie einen Schluck Tee nahm. „Und die Guten gewinnen? Immer?“

„Ja. Aber selbst wenn man das vorher weiß, macht es Freude, die Märchen zu lesen. Die Sprache ist so anmutig.“ Ada nahm noch einen Schluck Tee, dann sprach sie aus, welcher Gedanke ihr gerade gekommen war. „Ich denke, wenn du Teil einer Geschichte wärst und würdest das Universum beherrschen wollen, dann müsstest du gut werden. ... Aber natürlich bist du nicht Teil einer Geschichte.“

„Nee, bin ich nicht.“ Die fiese Fee setzte sich Ada gegenüber an den Tisch. „Aber nur mal angenommen, du würdest wollen, dass die Sterne sich nach deinem Willen bewegen – was würdest du dann machen?“

„Ich würde ihnen vorsingen. Und dann mit ihnen gemeinsam tanzen.“

„Würdest du mir das mal zeigen?“

„Klar, warum nicht?“

Sie sahen beide aus dem Fenster. Die Zeit war vergangen, es dämmerte bereits und die ersten Sterne waren am Himmel zu sehen.

„Komm“, sagte Ada, stand auf und rannte leichtfüßig nach draußen. Dort sah sie zum Himmel auf und stimmte eine Melodie an. Einen Dank für den Tag und einen Gruß an die Nacht, einen Lobpreis auf alles, was war. Und tatsächlich. Vor den Augen der fiesen Fee begannen die Sterne zu tanzen, sie wiegten sich hin und her und stimmten ein in den Lobpreis auf die Schöpfung.

Die fiese Fee nickte. „Wenn das so ist“, sagte sie, „dann will ich auch gut werden. Würdest du mir Gesangsunterricht geben?“

Und schon nach wenigen Monaten sangen die beiden Freundinnen gemeinsam, sangen ihre Lieder, tanzten mit den Sternen oder lasen sich gegenseitig aus ihren zahlreichen Büchern vor.

Katharina Spengler (geboren 1983) lebt mit ihrer Familie im Taunus. Dort schreibt sie Geschichten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. www.katharinaspengler.de.

*

Der Duft der Sterne

Es war einmal im Februar … Lotte hatte ein Geheimnis. Ein Geheimnis aus ihrer Kindheit. Obwohl sie inzwischen längst erwachsen war.

Das Geheimnis war der Duft der Sterne. Die nur für sie leuchteten und sichtbar wurden. Manche behaupteten, Sterne seien nicht mehr als Helium und Wasserstoff. Lotte wusste es besser. Sie besaß ihre eigene Milchstraße und nannte sie Lotupia. Keinem einzigen Menschen hatte sie dies je anvertraut.

Die Sterne machten sie auf ihre spezielle Art zu einer anderen. Einer anderen Lotte, als ihre Familie sie kannte. Dieses Wissen behütete sie wie einen kostbaren Goldschatz. Eines Tages würde sie ihrem Mann und ihren Kindern davon erzählen. Vielleicht behielt sie es aber auch für sich und schrieb stattdessen eine ihrer Geschichten. Lotte sah und roch die Sterne nicht nur. Die Sterne kamen sie besuchen …

Lotte musste nur warten und nicht ungeduldig werden. Wenn der Sternenstaub am Abend sanft an dem knorrigen Fenster anklopfte, wusste sie es. Dass sie da sein würden. Heute Nacht.

Manchmal war Emma Polaris die Erste, manchmal Felix, das Faultier, oder auch der alte Dackel Buck. Und all die anderen, die aus ihrem Leben gegangen waren, aber zusammen am Himmel auf sie warteten. Emma war mal wieder im Polarexpress auf abenteuerliche Unternehmungen aus und teilte Lotte lautstark ihren Unmut darüber mit, dass Felix und der alte Joe einfach solche Spaßbremsen waren. Emma war auch auf der Erde eine lebhafte und zauberhafte Freundin gewesen. Die beste. Bis es sie viel zu früh zu den Sternen zog. Vielleicht war Emma aber den Sternen schon immer näher gewesen als andere …

Emma baute ihr jedes Mal eine Sternenleiter und so gingen die beiden auf ihre unzähligen Abenteuerreisen. Hüpften von Stern zu Stern und sprangen von Planet zu Planet. Nichts war vor ihnen sicher und ihre Freundschaft schuf ein über den Horizont entstehendes Band.

Lotte kuschelte sich an ihre Freunde, ging zuerst mit der ungezähmten Emma auf Reise. Flüsterte danach mit Felix, dem süßen Stofftier, der mal wieder ein Auge verloren hatte, was sie ihm zum gefühlt tausendsten Mal liebevoll annähte. Mit Joe ging sie Stöckchen werfen und fragte ihn, ob er sich an den Jungen ihrer Kindheit erinnerte. Der, welcher eine hübsche Pudelhündin hatte. Der alte Buck wurde bei den Gedanken plötzlich jung und wedelte wie verrückt.

Nun waren fast alle ihre Lieben – ihre Sterne – da. Nach und nach gekommen. Lotte nahm sich Zeit. Für jeden, der auf Besuch kam und ihr die besonderen Augenblicke schenkte. Für jeden, der Sehnsucht nach ihr hatte. Mit manchen saß sie am Lagerfeuer und schwelgte in alten Zeiten. Mit anderen schuf sie neue Erinnerungen. Mit manchen lachte sie, mit manchen weinte sie und mit manchen tanzte sie.

Später erschien ihre Oma und mit dieser hängte sie die Wäsche auf und strich diese so glatt, wie es Oma ihr immer gezeigt hatte, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Sie kochten zusammen und Lotte las Oma aus dem Märchenbuch vor, was einst die Oma ihr vorgelesen hatte. Deren ausgeglichene Art spiegelte sich in Lottes Charakter wider. Oma wurde nach dem Zuhören immer müde und fing an zu frieren. Dann legte Lotte Oma ihre Lieblingsdecke um, umarmte sie fest und schickte wie wieder hinauf zu den Sternen.

Lotte schrieb manchmal. Nachts im Dunklen auf der grünen Wiese. Mit Taschenlampe und – mittlerweile – einer Lesebrille auf der Nase. Sie schrieb, was die Sterne ihr erzählten. Der Duft der Sterne umhüllte Lotte wie die Glasur eines Kuchens. Lotte fühlte sich frei mit ihnen. Konnte sich ausprobieren und austesten. Das war schon immer so.

Als letzter Stern tauchte stets ihr Vater auf. Zärtlich strich er ihr über den Kopf: „Du weißt doch, dass ich bis in dein Bett leuchte. Immer.“

„Ich weiß, Papa, doch ich fühle mich dir nirgends näher als hier, barfuß im Kleid, den Sternenhimmel über uns … An keinem anderen Ort bin ich mehr Lotte.“ Sie wiegten sich im sanften Sternenwind. Ihr Vater küsste sie zärtlich auf beide Wangen und drehte seinen Blick hoch zu den Sternen.

„Warte, Papa! Manchmal weiß ich gar nicht, wer ich wirklich bin …“

Ihr Vater legte seinen warmen Zeigefinger kurz auf Lottes Nasenspitze: „Du bist Lotte. Lotte aus Lotupia …“

Am liebsten stand sie danach in ihrem langen roten Kleid barfuß auf der Wiese. Ihr braunes Haar flatterte in sanften Wellen. Tiefseelig atmete sie den Duft der Sterne ein und streckte ihre Arme hoch hinaus, konnte sie spüren.

Einen ganz großen Stern und lauter kleine sonnige Monde schimmerten um ihn herum. Alles floss durch sie hindurch. Ihre Seelen. Liebe, Freundschaft, Trauer und Glück.

Lotte behauptete, wer sich nicht Zeit für die Sterne nahm, der nahm sich für nichts Zeit. Und vielleicht hat sie ja recht …

Denn Sterne sind wie Träume. Du kannst sie zwar nicht immer sehen, doch hören sie nie auf, in deinem Herzen zu funkeln …

Ramona Wesselow-Krystosek lebt mit ihrer Familie in Zürich. Die gebürtige Berlinerin findet im Schreiben den ausgleichenden Kontrast zur beruflichen Finanzbranche. Bisher lag der Fokus auf Kurzgeschichten. Sie bezeichnet sich als genre-offen und interessiert – an allen Dimensionen des Schreibens bis hin zur Lyrik. 2021 wird ihr Schreibfederkleid mit dem Kinderbuch „Alex’ Reise nach Saphora“ erstmals sichtbar.

*

Die Sternenprinzessin

Vor langer, langer Zeit … weit weg von unserer Welt und nur schwer zu erreichen, gab es einen Ort in den Sternen. Er war fernab jeglicher Vorstellung. Ein Land, wo die Sterne eigens strahlten und niemals Dunkelheit herrschte. Es war das Land der Träume und Wünsche. Jede Hoffnung konnte sich bewahrheiten und jedes Ding hatte eine Bestimmung und war nicht ohne Grund da.

Zwischen tanzenden Sternen, ganz hoch oben, wohnte ein König, der das Reich regierte. Er regierte voll Liebe und Zuversicht, er war verständnisvoll und sehr weise.

Die Menschen auf der Erde sehnten sich nach dem Licht, welches es doch dort so viel gab. Hier unten konnten sie die Helle nicht verstehen und so verschlossen sich ihre Herzen immer mehr. Ein junger Mann, er war fromm und stets höflich, wollte der Menschheit das Lachen wieder zurückholen. So machte er sich auf den Weg, das Licht zu besorgen und es ins heil’ge Vaterland zu schaffen. Doch wie alle, die dies versuchten, scheiterte auch er.

Ohne Licht in den Händen zurückzukehren, machte dem jungen Mann solche Angst, dass er zornig wurde. Er verfluchte das Königreich der Sterne und hasste es von diesem Tage an abgrundtief. So machte er sich mit dunkler Magie vertraut und nach jahrelangem Üben tötete er schlussendlich den gütigen König und es gelang ihm, alle Sterne am Himmelszelt zu stehlen. Bevor dem König jedoch alles genommen wurde, schickte er seine Tochter in die Welt, zu richten, was er einst geschaffen hatte.

Als der junge Mann und Magier nach Hause kam, die Mutter dachte schon, er hätte mit dem Leben bezahlen müssen, wurde er freudig erwartet. Drei Tage und drei Nächte feierte man und dem jungen Retter wurde großer Wohlstand versprochen. Die Menschen stellten die Sterne bei sich auf und konnten tatsächlich wieder lachen. Aber hatten sie eine Sache vergessen, weshalb ihnen nach und nach das Lächeln vergehen sollte …

Denn wer den Ort der Wünsche und Träume zerstörte, der nahm sich auch die eigene Freude. Doch das konnten die Menschen damals noch nicht wissen und so verblassten die Sterne von Tag zu Tag …

Siebentausend Jahre später, die Menschen wussten schon lange nichts mehr von dem Geschehenen, lebte ein Mädchen auf dieser Welt. Seit vielen, vielen Jahren herrschte dort nun schon Dunkelheit. Kein Mensch konnte sich mehr an den letzten Lichtstrahl erinnern. Doch schlimmer als die Finsternis war nur die Trauer … die Trauer der Frauen und Männer, Mütter und Väter, Großmütter und Großväter. Die Kinder auf dieser Welt litten jedoch am meisten. Keiner lehrte sie das Wünschen und so etwas wie Träume kannten sie nicht. Die Welt war trist und grau.

Das Mädchen war anders. Es erkannte das Gute und das Böse im Menschen. Es wusste, was falsch und was richtig war, und traf es eine aufrichtige Seele, so sah es ein Leuchten in deren Augen. Das Mädchen war ein Waisenkind. In dem Haus, in dem es aufwuchs, herrschten strenge Regeln – kein Lachen oder Kichern, dafür aber viele kraftraubende Hausarbeiten. Das Kind jedoch war immerzu freundlich zu Mensch und Tier, sodass jedermann es gernhaben müsste. Doch war dies nicht so. Die Kinder im Waisenhaus hänselten es ständig und auch die Erwachsenen, die es traf, hielten nicht viel von ihm. Da das Kind obendrein noch so klein und zierlich wie eine Puppe war, nannte man sie nur noch das Dollchen.

„Was stehst du schon wieder vorm Fenster, Dollchen? In fünf Minuten ist Schlafenszeit, mach dich fürs Bett bereit!“, so sprach die Frau vom Waisenhaus.

Das Mädchen antwortete nur: „Der Himmel ist so weit und groß. Wie kann er da so leer sein? Ich glaube, ihm fehlt etwas.“

„Unfug!“, rief da die Frau. „Jetzt mach, dass du ins Bett kommst!“ Zornig verließ sie den Raum und das Dollchen war wieder allein.

Bevor sie sich schlafen legte, erhaschte sie noch einen kurzen Blick auf die schwarze Nacht. Sie sah etwas Kleines, Leuchtendes aufblitzen, doch sie glaubte, es sich eingebildet zu haben, und so schlief seelenruhig ein.

Am nächsten Tage stürmte es und da niemand das Haus verlassen wollte, um die Arbeit zu erledigen, musste Dollchen das tun. Durch Eiseskälte und starken Sturm lief das Mädchen zum Buchbinder. Als sie mit schlotternden Knien vor seiner Tür stand, winkte der alte Mann sie herein. Das Kind mochte den Buchbinder, denn er war warmherzig und weise. Sie kannte keinen sonst, der so aufrichtig zu ihr ist. Der Mann stellte ihr einen wärmenden Tee hin und begann zu erzählen, wie immer, wenn das Dollchen ihn besuchen kam. Diesmal hatte er eine ganz besondere Geschichte für sie dabei. Eine Geschichte, die nicht zufällig ausgewählt wurde. Er erzählte vom Königreich der Sterne und von dem Mann, der der Welt mehr Licht schenken wollte. Er sprach davon, wie dieser Mann böse wurde, sich zum Magier machte und welche Grausamkeiten er vollbracht hatte. Dann sagte er:

Die Sterne wurden vom Himmel geklaut,

man stellte sie auf Erden auf

zu erleuchten die Dunkelheit.

Das Leuchten verschwand so mit der Zeit,

denn König tot auf Ewigkeit?

Kein Wünschen und kein Hoffen mehr.

Er schaute dem Dollchen tief in die Augen.

Ein Mädchen fromm und heiter

führt die Geschichte weiter.

So soll es gehen über sieben Brücken

und finden wird es die letzten Stücke,

soll zum Leuchten sie wieder bringen.

Lange redete der Buchbinder auf sie ein, sie sei das Kind aus der Geschichte und sie soll sich auf den Weg machen, das Sternenreich zu retten.

Das Dollchen glaubte nicht, dass sie es sein konnte. Doch sie wollte den alten Mann nicht kränken und schloss deshalb all ihren Mut zusammen, begab sich auf den Weg, die Sterne zu finden. Der Buchbinder aber wurde von diesem Tag an nie wieder gesehen …

Die Sachen gepackt und den Beutel auf dem Rücken, machte sich das kleine Mädchen auf ins Unbekannte. Nach einer Weile erkannte Dollchen das kleine Leuchten von letzter Nacht wieder. Dieses Mal konnte sie es sich nicht eingebildet haben, denn inmitten des schwarzen Himmels war die kleine Helle deutlich zu sehen und sie begleitete das Kind Tag und Nacht auf dem langen Weg.

Als der erste Tag nun fast vorüber war, sah sie in der Ferne auch schon die erste Brücke. Mit Glück erfüllt, erlaubte sie sich eine kleine Pause und schlief etwas. Träumen konnte sie nicht, denn noch war das Reich der Sterne nicht befreit. So wie das Dollchen erwachte, bemerkte sie, dass ihre Jacke verschwunden war. Verzweifelt sah sich das Mädchen um. Hinter ihr stand ein kleiner Junge, eingehüllt in ihre Jacke, frierend. Er musste ihr nicht erzählen, dass er hier auf der Brücke lebt und ganz einsam war, denn das Dollchen sah ihn liebevoll an und überreichte ihm auch noch ihre Mütze, als sie sah, wie er zitterte.

„Was machst du denn hier?“, fragte der kleine Junge verdutzt.

„Ich werde das Sternenreich retten, damit der alte Buchbinder wieder glücklich wird“, sagte da das Dollchen nur. Und ohne darüber zu reden, folgte ihr der Junge auf dem weiteren Wege.

Die zweite Brücke lag nicht weit entfernt. Bevor die Kinder sie erreichen konnten, kam ein älterer Bettler auf die beiden zu. „Nur etwas Geld, ich habe doch sonst nichts zum Leben.“ Da das Dollchen das Leid des Mannes nicht ertragen konnte, packte sie all ihre Goldtaler aus und überreichte ihm diese mit den Worten: „Ich bin auf großer Reise, du brauchst sie mehr als ich.“

Der Mann war so gerührt von ihr, dass er den Kindern, ohne eine andere Frage zu stellen, folgte. Dem Dollchen könnte schließlich etwas zustoßen und er wollte sie dann schützen können. Zu dritt setzten sie ihre Reise fort.

Auch die dritte Brücke war kaum ein Hindernis. Nur eine junge Mutter saß am Straßenrand, gerade hatte sie ihr Kind verloren. Als das Dollchen das sah, trennte sie sich kurz von ihren Mitreisenden und ging zu der Frau. „Wir finden das Sternenreich und dann wirst du deine Tochter wiedersehen können, das will ich versprechen“, so sprach das Mädchen zu ihr und obwohl die Frau doch eigentlich in tiefster Trauer war, vertraute sie dem Dollchen und begleitete sie.

So ging es weiter durch Berge und Täler, durch Menschenmassen und Totenstille. Das Dollchen, der kleine Junge, der alte Bettler und die junge Mutter, alle waren sie noch mit dabei. Langsam gingen ihnen die Kräfte aus und als sie endlich die vierte Brücke erreichten, legten sie eine lange Pause ein.

Während sie schliefen, kam eine Räuberbande, die ihnen alles nahm, was sie noch besaßen. Wieder erwacht, war die Trauer riesig und man konnte ihre Wut noch bis ins nächste Dorf brodeln hören. Das Dollchen aber setzte sich in ihrem zerfetzten Unterhemd auf und begann zu reden. Sie erzählte eine Geschichte, welche der Buchbinder sie einmal gelehrt hatte. Danach standen sie alle auf und gingen weiter. Niemand stellte eine Frage und keiner hatte nun mehr Bedenken.

Über die Hälfte des Weges war geschafft und nun lagen noch drei weitere Brücken vor ihnen. Als sie die fünfte Brücke fast überschritten hatten, schrie die junge Mutter auf. Eine unsichtbare Wand trennte sie vom Rest. Für alle anderen unsichtbar, konnte die Frau als Einzige nicht hindurchschreiten. Sie musste bitterlich weinen, als sie verstand, dass es für sie ab hier nicht weiterging. Und weil das Dollchen nichts mehr hatte, was die Frau hätte trösten können, versprach sie ihr, zurückzukommen. Mit Schmerz im Herzen gingen sie weiter. Um ihr Leid wegzuwünschen, sah das Dollchen zu dem kleinen leuchtenden Punkt am Himmel, welcher sie immer noch verfolgte. Die anderen beiden konnten den Stern nicht sehen, ihre Herzen waren zu verschlossen. Und außerdem galt er sowieso nur dem Mädchen.

Die Leute, an denen sie vorbeikamen, schauten sie mit Abscheu an. Sie sahen ja auch aus wie Lumpenpack. Alle nur leicht bekleidet und sehr abgemagert. Die Haare nicht gekämmt und die Zähne nicht geputzt. Wie auch?

Die sechste Brücke war nur schwer zu erreichen. Ausgehungert kamen sie am sechsten Abend endlich an. Die Nacht brachte in der Gegend, wo sie sich nun befanden, eine solche Finsternis mit sich, dass man sich untereinander nicht mehr erkennen konnte. Auf halber Brücke hören die Kinder eine Stimme.

„Ich kann nicht weiter, ich stecke fest. Geht und bringt der Welt Segen“, sagte der alte Mann.

Kurz darauf hörte man drei Münzen auf den Boden fallen und als das Dollchen danach suchte, waren es die Taler, welche sie ihm gegeben hatte. „Für euer Glück“, so rief der Bettler und somit hatte er in dieser Nacht mehr gesprochen als in den letzten zwölf Jahren seiner Einsamkeit. Etwas traurig, jedoch nicht hoffnungslos gingen die Kinder weiter und als die völlige Finsternis etwas verschwand, bekam nun auch das Dollchen Sorge. Sie war nicht dumm und wusste, was die letzte Brücke von ihr verlangen würde. Doch um den Jungen nicht zu entmutigen, behielt sie es für sich.

Wie erwartet, brachte die siebte Brücke viel Schmerz mit sich. Das Dollchen ergriff die Hand des kleinen Buben und als beide die Mitte erreicht hatten, wurden sie getrennt. Der Junge verstand nicht und begann zu weinen. Immer wieder schmiss er sich gegen die unsichtbare Wand, wollte sie durchbrechen, so lieb hatte er das Dollchen in der kurzen Zeit gewonnen. Sie pflückte eine Blume auf ihrer Seite und überreichte sie ihm zum Dank für alles.

„Wenn ich die Aufgabe des Buchbinders erfüllt habe, werde ich dich wiederfinden.“ Und so vertraute der Junge ihr und blieb zurück. Dies war der schmerzhafteste Abschied für das Mädchen.

Dollchens Bedenken, wie es weitergehen sollte, verflogen schnell. Denn als sie die letzte Brücke überquert hatte, kam das kleine Leuchten vom Himmel hinunter und führte sie.

Nach einem langen Fußmarsch hatte sie ihr Ziel endlich erreicht. Der siebte Tag war noch nicht ganz vergangen und die Welt war noch recht gut zu erkennen. Vor ihr lagen drei große Steine. Nein, sie waren nicht groß, sondern riesig. Fragend sah das Dollchen ihr Licht an und hoffte, es würde ihr den weiteren Weg weisen. Der klitzekleine Stern jedoch schwebte wieder zum Himmel hinauf, denn sie war schon längst angekommen.

„Wo sind die Sterne?“, so rief sie in die Stille hinein, wusste jedoch selbst nicht, was Sterne sind. Niemand antwortete. Sie ging zu den drei Steinen und ließ sich enttäuscht auf den Boden sinken, so niedergeschlagen war sie.

„All das war nur ein Reinfall? Die Sterne gibt es nicht und der Buchbinder erzählte mir Unsinn? Wo bin ich hier? Wie kam ich hierher? Abgemagert und nackt, doch erreicht habe ich nichts?“ Und kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so verschwand ihr kleiner Begleiter am Himmel und es wurde dunkel, denn sie hatte ihren Glauben verloren und war nun wie alle anderen auch.

Sie wollte nichts mehr. Nicht essen, nicht schlafen, nicht bleiben, doch erst recht nicht gehen. Sie wollte überhaupt nichts mehr. Die ganze Nacht über weinte sie so bitterlich, dass selbst die Kinder in ihrem alten Waisenhaus glaubten, es zu hören. Plötzlich war da eine Stimme, die zu ihr sprach, und so unterbrach sie ihr Schluchzen.

Kind! So bin ich doch hier,

denn du hast mich gefunden.

Nun bleibe ich bei dir.

War jahrelang verschwunden …

Es war die Stimme ihres lieblichen Vaters, noch nie zuvor hatte sie diese gehört und doch wusste sie, dass es seine ist. Der Stern am Himmel fand sein kleines Leuchten wieder. Und erneut hörte man:

Mein liebes Kind!

Gutmütig zu jedermann,

so stolz bin ich auf dich.

Drum Sterne fangt zu Leuchten an!

Der König rechtmäßig – bin ich!

Ein strahlendes Leuchten erhellte die Dunkelheit. Heller als alles, was das Mädchen sich je hätte denken können. Die Steine hinter ihr, die doch in Wahrheit tote Sterne waren, begannen sich zu bewegen. Es war, als hätte jemand den Himmel neu geformt. Tausend Lichter erschienen in der finsteren Nacht und das Königreich der Sterne konnte wieder neu wachsen. Das Dollchen löste sich auf, doch sie starb nicht, sondern zog zu ihrem rechtmäßigen Vater ins Sternenreich, wo sie als Sternenprinzessin noch lange regieren sollte.

Als am nächsten Tage die Leute erwachten, so war die Welt voll Licht erfüllt. Das erste Mal seit Tausenden von Jahren hörte man die Menschen wieder lachen, man sah die Kinder wieder träumen und Wünsche konnten sich wieder erfüllen. Denn jeder Stern nahm seine Aufgabe ernst und kümmerte sich liebevoll um seinen Menschen. Nur ein kleiner Junge bekam seine Träume nicht von den Sternen erfüllt, denn um ihn sorgte sich die Sternenprinzessin selbst. Als Dank für seine Hilfe machte sie jeden seiner Träume wahr. Das Dollchen wurde auf Erden nicht vermisst, denn kaum einer kannte sie und trotzdem hatte sie durch ihre Gutherzigkeit die ganze Welt befreit.

Einige Jahre, nachdem die völlige Dunkelheit verschwunden war, bekam eine nun schon ältere Frau erneut ein Kind. Es war so warmherzig und aufrichtig, dass es die Mutter sehr an das kleine Mädchen von damals erinnerte. Und so taufte sie es Dollchen.

Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie auch noch heute in unseren Herzen und bringt uns Freude und Hoffnung. Sie sorgt dafür, dass jeder Stern unser Wünschen und Träumen erhört.

Clara Schnedermann ist 16 Jahre alt und lebt in Tanna. Sie ist Schülerin der 10. Klasse, ihr Lieblingsfach ist Deutsch.

*

Der Wunschstern

Es war einmal ein armer Bauer, der hatte eine Tochter. Sie war ein gütiges und hart arbeitendes Mädchen, dass seinen Eltern stets half. Eines Tages schickte der Bauer seine Tochter in den Wald, um Feuerholz zu sammeln. Bevor sie losging, gab ihre Mutter ihr ein Stück von ihrem letzten Laib Brot. „Passt gut darauf. Das ist dein Mittagessen“, sagte sie. „Sonst musst du den Rest des Tages hungern.“

„Das werde ich“, antwortete die Tochter und ging los.

Der Wald war nicht weit von ihrem Zuhause entfernt. Den ganzen Morgen sammelte sie fleißig Holz und gelangte dabei immer tiefer in den Wald hinein.

Als es Mittag wurde, setzte sie sich an das Ufer des Baches, der durch den Wald lief. Dort wollte sie ihr Brot essen, aber sie konnte etwas im Bach sehen. Ein Fuchs trieb im Wasser. Verzweifelt versuchte das Tier, sich über Wasser zu halten. Das Mädchen sprang in den Bach und rettete ihn. Es nahm Blätter von dem um sie herumstehenden Gestrüpp und rubbelte den Fuchs damit trocken. Dabei fiel ihr auf, wie ausgehungert er war. Er tat ihr so leid, dass sie ihm ihr Stück Brot gab. „Nimm, kleiner Fuchs, du brauchst das mehr als ich“, sagte es.

Als er das Brot aufgegessen hatte, verwandelte sich der Fuchs. Auf einmal saß vor dem Mädchen eine Frau mit feuerrotem Haar. Sie erzählte ihr, dass sie von einer bösen Hexe verwünscht worden war und nur ein Akt wahrer Nächstenliebe sie erlösen konnte. Um sich bei dem Mädchen zu bedanken, riet sie ihr Folgendes: „Komm heute Nacht wieder in den Wald und ich werde dir einen Wunsch erfüllen.“

Auf dem Nachhauseweg dachte das Mädchen darüber nach, was es sich wünschen könnte. Kleider aus feinstem Samt, Schmuck oder ein feines Festmahl. Dann musste es an seine Eltern denken, die ihm schon so viel gegeben hatten, obwohl sie selbst nichts hatten. Es würde sich etwas wünschen, was ihnen allen zugutekommen würde.

Zu Hause erzählte es ihren Eltern nichts von dem, was sie erlebt hatte. So konnte es sie überraschen und sie wären nicht enttäuscht, falls das Kind doch mit leeren Händen zurückkommen würde.

Als es Abend wurde und ihre Eltern schlafen gegangen waren, schlich sich das Mädchen aus dem Haus. Die Frau mit dem feuerroten Haar wartete bereits vor dem Wald auf sie. Sie führte das Mädchen einen fremden Weg entlang. Es war so dunkel und kalt, dass das Mädchen Angst bekam. Es wollte schon nach Hause laufen, da sagte die Frau: „Habe keine Angst. Deine Güte und dein Mut werden belohnt werden.“ Die Frau sprach in einem solch beruhigenden Ton, dass das Mädchen all seine Angst verlor.

Sie kamen zu einer Lichtung, die durch das Mondlicht erleuchtet wurde. Die Frau zeigte hoch in den Nachthimmel. Ein großer Stern, der viel heller als alle anderen Sterne schien, sah auf sie hinab. „Sprich deinen Wunsch zu diesem Stern und er wird ihn dir erfüllen“, sagte die Frau.

Das Mädchen gehorchte ihr. Es sah hoch zum Stern und sprach: „Lieber Stern, bitte gib mir so viel Geld, dass meine Eltern und ich uns nie wieder Sorgen machen müssen.“ Nachdem das Mädchen seinen Wunsch geäußert hatte, fiel ein Sack vom Himmel, der sich von alleine öffnete und sich komplett mit Goldmünzen füllte. Nachdem der Wunsch erfüllt war, verschwand der Stern vom Himmel. Überraschenderweise stellte das Mädchen fest, dass der Sack federleicht war, als sie ihn hochhob.

Die Frau führte es wieder von der Lichtung und warnte es: „Du darfst dich erst wieder umdrehen, wenn du aus dem Wald bist. Sonst wird der Sack mit den Münzen verschwinden.“

„Das werde ich“, antwortete das Mädchen und machte sich auf den Rückweg. Zunächst kam es auch gut voran. Es ging, ohne nur einen Gedanken ans Umdrehen zu verlieren, den Weg zurück. Als es aber die halbe Strecke hinter sich gebracht hatte, blieb es plötzlich stehen. Eine wunderschöne Melodie war auf einmal zu hören, die von ebenso schönem Gesang begleitet wurde.

„Dreh dich um, Bauerstochter. Wir können dir so viel mehr geben. Die schönsten Kleider, den teuersten Schmuck und alles andere, was dein Herz begehrt“, sangen die Stimmen.

Für einen Moment überlegte das Mädchen. Doch die Worte der Frau kamen ihr wieder in den Sinn. Wenn es sich jetzt seiner Neugier hingab, würde es alles verlieren. Ohne noch einmal stehen zu bleiben, lief das Mädchen weiter. Erst als es aus dem Wald heraus war, blieb es wieder stehen.

Die Nacht war vorbei. Alle Sterne waren vom Himmel verschwunden und die Sonne ging bereits auf. Der Sack mit den vielen Goldmünzen war immer noch da.

Bevor es sich auf den Heimweg machte, drehte es sich um und schaute den Wald noch einmal an. Die großen dunklen Bäume wippten friedlichen in der morgendlichen Brise. Kein Gesang. Nur das Zwitschern der frühen Vögel. Es war alles wie an einem ganz normalen Morgen.

Als das Mädchen zu Hause ankam, warteten ihre Eltern bereits. Sie hatten sich große Sorgen gemacht, da sie nur ein leeres Bett vorgefunden hatten.

Das Mädchen erzählten seinen Eltern von alledem, was es erlebt hatte. Natürlich freuten sie sich über das viele Geld, aber am meisten freuten sie sich darüber, dass ihre Tochter heil zurückgekehrt war. Die drei lebten noch lange glücklich bis an ihr Lebensende.

Lina Sommerfeld, 1996 geboren, studiert zurzeit in Saarbrücken. Sie schreibt schon seit der Grundschule eigene Geschichten.

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Herz aus Gold

Es war einmal ein armes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter im Wald. Sie wohnten in einer schiefen Hütte, die aus einem einzigen Kämmerlein bestand. Darin befanden sich ein schmales Bett, zwei klapprige Stühle an einem Tisch sowie ein kleines Schränkchen und ein vom Ruß geschwärzter Ofen. Zu essen gab es das wenige, was der Wald ihnen schenkte. Und auch wenn das Leben allein im Wald beschwerlich war, das Mädchen liebte den Wald und das friedliche Leben darin.

Nun begab es sich in einer eiskalten Winternacht, dass es an der Türe der Hütte klopfte und eine heißere Stimme rief: „Lasst mich herein, ich erfriere.“

Mutter und Tochter schreckten aus dem Schlaf auf. Da klopfte es erneut. „Lasst mich herein, ich erfriere.“

„Was, wenn’s ein Unhold ist?“, flüsterte die Mutter mit schreckgeweiteten Augen. Ihre Worte schwebten unheilvoll in der Kammer.

Da klopfte es zum dritten Mal. „Lasst mich herein, ich erfriere.“

„Was, wenn jemand unsere Hilfe braucht?“ Schnell huschte das Mädchen aus dem Bette und öffnete die Türe.

Draußen im Schnee stand zitternd ein altes Mütterchen mit einem Korb voll Reisig auf dem krummen Rücken. „Bitte, lass mich herein. Ich habe mich im Wald verirrt und es ist so bitterkalt.“

„Komm nur herein, gute Frau. Hier sollst du dich wärmen und die Nacht verbringen. Leg dich ins warme Bett und wärme deine Knochen auf.“

Die Alte tat, wie ihr geheißen. Das Mädchen selbst schlief auf einem der Stühle. Am nächsten Morgen schürte es früh den Ofen, damit es die Alte recht warm habe. Während des Frühstücks ließ es die Alte auf seinem Stuhl sitzen, während es selbst auf dem Boden saß.

Das Mädchen bot an, das Mütterchen in die Stadt zu bringen, und so machten sich die beiden auf den Weg. Dieser war lang und beschwerlich. Doch das Mädchen beschwerte sich nicht und trug sogar den Korb der Alten auf seinem Rücken. Die Sonne war weit vorangeschritten, als die beiden die Stadt erreichten.

„Mein liebes Mädchen, dein Herz ist am rechten Fleck. Zur Belohnung schenke ich dir diesen Haselnusszweig.“ Die Alte reichte dem Mädchen einen knorrigen Zweig, an dem drei prächtige Haselnüsse hingen.

„Wenn du eine Nuss vom Zweige brichst, sprich einen Wunsch und er wird sich erfüllen.“ Mit diesen Worten machte die Alte sich davon und das Mädchen beeilte sich, zu seiner Mutter zurückzukehren. Haselnüsse waren der Mutter das Liebste und so schenkte es seiner Mutter den Zweig und sprach auch die Worte der Alten dazu.

Die Mutter hatte ihre Freude an den Nüssen. Und auch wenn sie nicht an die Worte der Alten glaubte, wollte sie doch einen Wunsch sprechen für jede Haselnuss, die sie vom Zweige brach. Da sie ihre Tochter über alles liebte und sich schon lange einen Mann für diese wünschte, sprach sie bei der ersten Nuss: „Statt des alten roten Kleides soll meine Tochter in teuerstem Samt gekleidet sein.“

Bei der zweiten sprach sie: „Das braune Haar meiner Tochter soll sich in reines Gold verwandeln, das ihr wie ihr echtes Haar das Gesicht einrahmt.“

Und bei der letzten Nuss sprach sie: „Meine Tochter hat wunderschöne blaue Augen, die glitzern wie Saphire. Ich wünsche mir, dass echte Saphire ihren Platz einnehmen, die jeden bezaubern, der sie erblickt.“

Kaum dass die Mutter ihre Wünsche gesprochen hatte, war das Mädchen in teuerem Samt gekleidet, sein Haar hatte sich in Gold und seine Augen in zwei funkelnde blaue Saphire verwandelt. Das Mädchen erschrak: „Mutter, was hast du getan?“

„Kind, es wird Zeit, dass du einen Mann findest. Geh nur in die Stadt hinein, so wird sich ein Mann für dich finden lassen.“

Auch wenn das Mädchen nicht den Wunsch hegte, einen Mann zu finden, so wollte die Tochter doch der Mutter gehorchen und machte sich schweren Herzens früh am nächsten Morgen auf den Weg.

Wie es durch den Wald schritt, verstellte sich ihr plötzlich ein Zwerg den Weg. „Mädchen, wie dein Haar glänzt und strahlt. Als trügest du Gold anstelle von Haar.“

Das Mädchen antwortet ehrlich: „Mein lieber Zwerg, tatsächlich habe ich Haare aus Gold.“

Kaum dass der Zwerg dies hörte, glühte die Habgier in seinen Augen, denn es liegt in der Natur der Zwerge, dass sie nichts so sehr begehren wie Gold. Und so sprang der Zwerg auf das Mädchen zu und riss und zerrte an seinen Haaren. Das Mädchen schrie und versuchte, den Zwerg zu fassen, doch dieser war flink, riss ihr die goldenen Haare vom Kopf und verschwand.

Wie elend war dem Mädchen zumute. „Ach, hätte Mutter mir mein schönes braunes Haar gelassen, dann wäre mir solcher Kummer erspart geblieben“, dachte es. Dennoch machte es sich gehorsam auf in die Stadt. Die Sonne stieg indes immer höher hinauf. Wie es funkelte und glitzerte, wenn einer der Sonnenstrahlen die Augen des Mädchens traf. Angelockt von diesem Lichterspiel flogen ein paar Vögel heran. Sie legten ihre Köpfe schief und stierten die funkelnden Saphire an. Wie von der Mutter gewünscht, bezauberten die Steine selbst die Vögel. Und so flogen sie mit einem Mal hinab und pickten dem Mädchen die Augen aus.

„Ach, hätte Mutter mir meine alten Augen gelassen, dann wäre mir solcher Kummer erspart geblieben“, dachte es. „Nun bin ich blind und finde nicht mehr aus dem Wald heraus.“ Doch so verzweifelt das Mädchen auch war, es wollte das Beste aus seiner Lage machen und so irrte es durch den Wald in der Hoffnung auf Hilfe.

Nach Stunden endlich hörte es Stimmen. Tatsächlich hatte es die Stadt fast erreicht und zwei Bauersfrauen kreuzten vor der Stadtmauer seinen Weg. „Schau nur“, sprach die eine, „keine Haare und keine Augen hat das Ding, aber sieh ihr Gewand! Wie edel und fein.“

So gut das Herz des Mädchens war, so schlecht war das der Bäuerinnen und so lockten sie das Mädchen an den Straßenrand und raubten ihm die Kleidung vom Leib. Eine der beiden, in deren Herz noch ein wenig Mitleid steckte, ließ ihm eine zerschlissene Decke zurück, mit der sich das Mädchen bedecken konnte.

„Ach, hätte Mutter mir mein altes Kleid gelassen, dann wäre mir solcher Kummer erspart geblieben. Nun muss ich bitterlich frieren.“

Und so saß das Mädchen frierend vor den Mauern der Stadt, eingehüllt in eine Decke, ohne Augen, ohne Haar und vom Glück verlassen, wie es schien. Der Sternenhimmel senkte sich herab und das Mädchen spürte die Kälte der Winternacht.

„Mädchen, bist du es?“ Es war die Stimme des alten Mütterchens.

„Liebes Mütterchen, verzeih, dass ich dein Geschenk nicht besser zu nutzen wusste.“

„Sprich, was ist dir widerfahren?“

Und es erzählte der Alten die ganze Geschichte.

Die Alte sah das Mädchen lange an und sprach schließlich. „Es ist nicht deine Schuld, sondern die deiner Mutter.“

„Ach, bitte, sag das nicht. Meine Mutter tat es aus Liebe und wusste es nicht besser.“

Die Alte überlegte.

„Du magst recht haben. Dann tragen die Schuld daran der Zwerg, die Vögel und die Bauernmägde.“

„Ach, liebe Alte, der Zwerg und die Vögel handelten, wie sie handeln mussten. Welchen Vorwurf kann ich ihnen machen? Und wer weiß, was den Frauen widerfahren ist, das sie hat grausam werden lassen.“

Wieder überlegte die Alte.

„Mein liebes Kind, du hast ein Herz aus Gold. Ich kann nicht dulden, dass dir ein solches Unglück widerfährt. Ich will dir abermals ein Geschenk machen.“ Da rief die Alte fremde und kehlige Laute zum Himmel empor. Einer der Sterne wurde größer und größer und seine Strahlen senkten sich auf das Mädchen hinab und gossen es in silbriges Licht. Und da stand es in seinem alten roten Kleid, mit seinem braunen Haar und seinen blauen Augen. „Folge dem Stern, mein Kind. Er wird dich nach Hause leiten.“

Und so kehrte das Mädchen nach Hause zurück und dort im Wald lebte es ohne Mann glücklich bis an sein Ende.

Kerstin Jauer

*

Februar

Der Schnee fällt aus den Wolken

Ich stehe draußen in warmen Socken

Es ist Nacht und das Schweigen ist da

Der Wald ist dunkel und die Tiere schlafen

Ich laufe durch den Schnee, sehe die Sterne

Februar ist mein Leben, mein Herz und meine Seele.

Josefina González Edelhof, 3. Klasse.

*

Das Mädchen auf dem Stern

Noch eine Woche bis zum Vollmond. Es war der Monat Februar. In Glücksstadt hatte es den ganzen Tag geregnet. Die kleine Aylin sah verträumt aus dem Fenster und schaute den Regentropfen zu. Sie war gerade einmal neun Jahre alt. Ihre langen roten Haare hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden. Auf der Nase hatte sie kleine süße Sommersprossen. Die Augen hatten ein wunderschönes Grün. Sie war ein sehr schlaues Mädchen. Viele Menschen im Ort aber belächelten sie, nur weil sie den Wunsch hatte, einmal auf dem schönsten Stern am Himmel zu sein. Aylin glaubte daran, dass der Stern mit ihr reden könne.

Die Woche verging und der Mond wurde immer runder. Am Abend des Vollmondes leuchtete der Stern immer am hellsten. Das lag daran, weil er vom Mond angestrahlt wurde. Sie konnte sehen, dass ein Zacken vom Stern fehlte.

„Mama, ich gehe mit meinem Fernglas nach draußen und schaue mir den Stern an“, sagte Aylin.

„Ja, ist gut!“, erwiderte ihre Mama.

Aylin schnappte sich ihr Fernglas und den Fotoapparat und lief schnell nach draußen. Mit dem Fernglas konnte sie erkennen, dass dem Stern immer noch ein Zacken fehlte. Das konnte aber nicht sein. Eigentlich hätte der Stern alle haben müssen.

„Stern, warum fehlt dir ein Zacken?“, fragte Aylin.

Der Stern schaute sie mit traurigen Augen an. „Ich habe ein Stück verloren. Es flog ein Himmelskörper an mir vorbei und streifte mich. Dabei brach ein Stück ab.“ Der Stern war so traurig, dass Tränen kullerten und auf die Erde fielen. Dabei krachte es ganz laut und die Bewohner von Glücksstadt erschraken. Sie dachten, es sei ein Erdbeben, und kamen aus ihren Häusern.

Aylin sagte zu dem Stern: „Wenn ich zu dir nach oben kommen könnte, würde ich dir helfen.“

Der Stern nickte.

„Warte, ich muss erst was holen, damit wir deinen Zacken machen können.“ Aylin lief nach drinnen und holte einen großen Eimer mit Knete. Allerdings war diese weiß, sie musste aber gelb sein. „Mama, ich brauche gelbe Knete, meine ist weiß. Dem Stern fehlt ein Zacken und ich möchte ihm helfen, dass er wieder alle hat und leuchten kann.“

„Aber Kind, das geht doch gar nicht. Du kannst nicht einfach so auf den Stern“, sagte Mama.

„Doch, Mama, ich kann und ich habe auch mit dem Stern gesprochen. Er würde sich sehr freuen, wenn ich ihm helfe!“

„Du bist eine Träumerin, Aylin.“

„Aber, Mama, so glaube mir. Ich werde es beweisen!“

„Na gut, ich will dir mal glauben. Gib mir mal deinen Eimer und wir färben mit Lebensmittelfarbe die Knete so lange, bis sie gelb ist.“ Mama gab die ganze Farbe in die Masse und beide kneteten kräftig, bis sie überall gelb war.

Aylin schnappte sich den Eimer und lief mit Mama nach draußen. Mama hielt den Fotoapparat in der Hand und wollte alles aufnehmen.

„Hallo, Stern, holst du mich jetzt nach oben?“, fragte Aylin.

„Oh, hast du was gefunden?“, fragte der Stern.

„Ja, jetzt kann ich dir helfen!“

Der Stern streckte seine langen Arme aus und Aylin setzte sich auf seine Hände. Sie waren groß genug, denn der Stern konnte seine Arme und Hände so groß machen, wie er es wollte.

Die Glücksstädter konnten alles vom Erdboden aus beobachten. Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie war es möglich, dass ein Stern reden konnte und zudem auch noch so lange Arme hatte? Für die Leute ging es nicht mit rechten Dingen zu. Sie glaubten an Zauberei, wie sonst wäre so etwas möglich.

Aylin war oben auf dem Stern angekommen und fragte ihn: „Wo fehlt denn der Zacken?“

„Du musst nach rechts gehen.“

„Ah, jetzt sehe ich es.“ Sie holte die Knete aus dem Eimer und begann, zu formen. Das war gar nicht so einfach, da es eine sehr große Zacke war. Nach einer halben Stunde war sie fertig.

Der Stern war begeistert. „Danke, Aylin. Das werde ich dir nie vergessen. Und wenn du mich besuchen möchtest, darfst du das jederzeit. Einmal im Monat werde ich am Himmel so hell leuchten, dass du mich sehen kannst. Dann rufst du mich einfach. Ich werde dann wieder meine langen Arme ausstrecken und dich zu mir holen“, lächelte der Stern.

„Ich habe das wirklich gerne getan und du hast mir meinen größten Wunsch erfüllt. Ich wollte zu gerne einmal bei dir sein. Danke, lieber Stern. Nun wird es aber Zeit für mich. Meine Mama wartet sicher auch schon auf mich.“

Der Stern ließ Aylin auf seinen Händen Platz nehmen und hob sie wieder vorsichtig nach unten. Die Leute liefen sofort zu ihr und stellten unzählige Fragen. Sogar ein Fernsehteam war schon vor Ort gekommen. Aylin hatte nicht viel zu erzählen und wollte es auch nicht. Zu oft hatten sie die Leute belächelt. Aber nun war der Zeitpunkt gekommen, dass sie es allen beweisen konnte.

Sie sagte nur: „Jetzt habt ihr es gesehen. Nur wer viel Fantasie besitzt und versucht, seine Träume zu verwirklichen, wird sie vielleicht eines Tages erleben!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Aylin und ging mit ihrer Mutter nach Hause.

Andrea Fejza

*

März


*

Das Lächeln

Es war einmal, und so fangen doch alle guten Geschichten an, ein kleines Lächeln. Es war ein lustiges, kleines Lächeln. Nicht zu klein und nicht zu groß. Genau passend, würde man sagen, für dieses Kind mit Namen Romea.

Manchmal wusste Romea gar nicht, warum sie lächelte. Das Lächeln kam einfach daher – man könnte sagen, es war ein sehr eigenwilliges Lächeln. Wenn es neugierig war, konnte man es kaum bremsen, und Sätze wie: „Das gehört sich nicht für ein kleines Lächeln“, hat noch nie das Lächeln abhalten können, all die Dinge zu tun, die man halt als kleines Lächeln zu tun hat.

Wenn die Mama von Romea traurig war, konnte Romeas Lächeln sie trösten. Dann machten sie eine Party, das Lächeln von Romea und das Lachen der Mama. Sie tanzten zusammen durch den ganzen Raum und schaukelten in den Gardinen.

Aber eines Morgens wurde Romea wach, und sie wusste, dass irgendetwas anders war. Sie konnte machen, was sie wollte, die Mama ihr die schönsten Witze erzählen, ihre Schwester sie an den empfindlichsten Stellen kitzeln – Romea blieb ernst. Kein Lächeln, nicht einmal ein Schmunzeln. Wo steckte es nur, dieses Lächeln? Eine dicke Träne rollte bereits die Wange hinunter, und weil es eben so traurig war, so unendlich traurig, kullerten gleich die Tränen der Mama mit durch den Raum.

Eigentlich hätte man damit Murmeln spielen können, aber das Lächeln fehlte, und somit hatte keiner Lust, die Schönheit einer Träne zu entdecken.

Was geschehen war, fragt ihr euch?

Also, nachts war das Lächeln wach geworden. So ein blöder Traum, der Romea Angst machte, hatte es hochschrecken lassen. Nun war es wach und langweilte sich. Da sah das Lächeln die Katze durch den Raum schleichen. Die Katze, ich nenne sie Katze, da sie mir noch nicht vorgestellt wurde, stutzte und dachte, heute habe ich wirklich keine Lust, alleine herumzustreichen.

„Kommst du mit?“, fragte sie das Lächeln.

„Welch ein Abenteuer!“, dachte sich das kleine Lächeln.

In dieser Nacht, wenn ihr die Katze gesehen hättet, lief diese mit dem breitesten Lächeln durch die Wohnung, was jemals ihre langen Katzenbarthaare hervorbrachten. In jeder Ecke der Wohnung spazierten die beiden herum. Sie hatten viel Spaß in dieser Nacht.

Nur langsam bekam die Katze Muskelkater von diesem immerwährenden Lächeln – ganz schön anstrengend! Sie wurde müde und legte sich in ihre Ecke, die soo wohlig warm war.

Die zwei schliefen ein. Doch plötzlich, in dem angenehmsten Traum, den die Katze jemals hatte – sie träumte von kleinen, um sie herumfliegenden Mäusen mit rosa Flügeln –, wurden sie davon geweckt, dass alles um sie herum nass wurde.

Ihr erinnert euch, da waren doch die Tränen!

„Oje“, rief das kleine Lächeln, „die suchen mich schon!“

So schnell die Katze konnte, sie hatte schon etwas Arthritis und die Gelenke schmerzten, sprang sie über den Stuhl und Tisch, sprang direkt in Romeas Arme. Schwuppdiwupp huschte das Lächeln wieder an seinen Platz.

Die Tränen stoppten!

Ich gestehe, es gab ein oder zwei Zusammenstöße bei dieser Vollbremsung der Tränen. Noch Tage später schimpften und beklagten sich die Tränen über dieses Lächeln, was einfach verschwand. Aber du und ich wissen, dass die Tränen echt doof sind, die mosern immer! Wenn du jetzt in Romeas Gesicht schaust, kannst du vielleicht dieses kleine besondere Lächeln entdecken. Ein Lächeln, wie es nur Romea hat.

Heidrun Simon

*

Seefee, die Mondelfe

„Habt ihr schon mal von der Seefee gehört?“, fragt die Mutter ihre Kinder, die ihr gespannt zuhören.

„Nein“, flüstert Emma.

„Dann hört mal zu ...“

Weit oben im Himmel, dort, wo der Mond hell leuchtet, gibt es kleine Feen, die dem Mann im Mond helfen. Er nennt sie liebevoll beim Namen. Sie sind seine kleinen Helferlein und sie tun es gern. Doch es ist nicht immer alles voller Mondenschein. Allerdings gibt es eine Fee, deren Antlitz stets mit Traurigkeit erfüllt ist. Als er ihren Trübsinn nicht mehr aushält, geht er zu ihr und fragt sie: „Seefee, meine Kleine, was bedrückt dich denn so?“

„Ich weiß es nicht“, schnieft die Fee.

„Mhm“, macht er und mustert die kleine Fee. Er schiebt ihre blauen Haare hinters Ohr und hebt ihr Kinn. „Du bist aber schon die ganze Zeit so traurig.“

Ihr Blick geht Richtung Erde.

„Willst du auf die Erde?“, will er wissen.

„Nein, eigentlich nicht.“

„Was bedeutet das eigentlich nicht?“, denkt sich der Mann im Mond und sagt: „Dann lass uns herausfinden, was dich traurig macht.“

Ihre blauen Augen fangen an zu leuchten. „Wirklich?“

Er nickt ihr zu, reicht ihr die Hand und legt ihre hinein. Sie schließt ihre Lider und atmet tief ein. Der Mann im Mond lässt seinen Zauber über beide schweben, bis sie menschlich wirken. Der nächste Spruch, den er aufsagt, bringt sie auf eine Wiese auf die Erde.

Als Seefee ihre Augenlider öffnet, staunt sie nicht schlecht. Ein Meer aus duftenden und bunten Blumen und dazwischen ist das satte Grün des Grases zu sehen. Trotzdem strahlen ihre Augen nicht.

„Das ist es wohl nicht“, seufzt ihr Begleiter und spricht einen nächsten Zauber. Sie blinzeln und stehen auf einem Meer aus Sand.

„Wow“, sagt Seefee. „Wo sind wir?“

„Das ist die Sahra.“

„Es ist schön warm hier. Nicht so kühl wie auf dem Mond.“

Er stimmt ihr zu. Doch auch hier scheint sie nicht richtig glücklich zu sein. Da die Sonne langsam untergeht, müssen sie zurück. „Wir probieren es morgen weiter“, sagt der Mann im Mond zu ihr und sie nickt.

Als er die Sterne anzündet, um ein Meer des Universums um sich zu haben, ist er gedanklich noch immer bei der kleinen Fee, die traurig auf seinen Mond sitzt. Viele Möglichkeiten gibt es auf der Erde nicht mehr. Er hat ihr eine Wiese gezeigt und die Wüste. Es bleibt nur noch der Ozean. „Und was ist, wenn es das auch nicht ist?“, fragt er sich nachdenklich. Gerade als er fertig ist, die Sterne zum Leuchten zu bringen, muss er sie auch schon wieder löschen.

„So“, sagt er zur Seefee, als er wieder auf den Mond kommt, „lass uns zurück auf die Erde gehen.“

„Bist du dir sicher?“, fragt sie leise.

„Ja, wir finden schon heraus, was dich glücklich macht.“

Sie lächelt ihn an und streckt ihm die Hand entgegen. Als er sie erfasst, lässt er seinen Zauber wirken und es bringt sie beide in das Meer aus Schnee. Nicht mal eine Sekunde später verspürt er ihr Zittern. Die Zähne klappern. Die glitzernde Pracht erfreut ihn, aber die Fee nicht.

„Jetzt bleibt nur noch eines“, sagt er traurig. Ein Spruch bringt sie auf eine Insel mitten im Meer. Das Wasser mit seinen weißen Schaumkronen schwappt bis zu ihren Füßen und zieht sich zurück. Er traut sich nicht, sie anzusehen. Sie seufzt.

„Wieder ein Fehlschlag“, denkt er sich und will ihre Hand nehmen. Doch sie steht da und strahlt, heller als der größte Stern. „Gefällt es dir hier?“

Nickend streckt sie ihre Zehen in das salzige Nass. „Es kitzelt“, sagt sie und geht einen Schritt weiter. Immer tiefer geht sie, bis der Mann im Mond sie nicht mehr sehen kann. Sie haben zwar kein Wasser auf den Mond, aber er weiß, dass die Feen schwimmen können. Es ist ja fast wie im Weltall.

Die Sonne zieht ihre Kreise und er weiß, dass er wieder zurück zum Mond muss, um seine Arbeit zu erledigen. „Wir sollten langsam wieder heim“, ruft er über die Wellen der Fee zu.

„Schon?“, fragt sie und blickt zu ihm.

Er nickt. Traurig kommt sie aus dem Wasser. Irgendetwas muss er sich einfallen lassen. Doch da kommt ihm eine Idee.

„Willst du hierbleiben?“

Erst strahlt sie ihn wie die Sonne an, doch kurz danach weint sie. „Aber ich kann doch meine Familie ...“, schnieft sie, „und euch nicht im Stich lassen.“

Er lächelt. „Dann kommen wir morgen wieder her.“

„Ja“, ruft sie aus.

So tun sie es auch. Tag für Tag erfüllt er ihr den Wunsch, im Meer baden zu gehen. Ihre Freude steckt andere Feen an, die nun auch dort baden wollen.

Wochen und Monate vergehen, bis eine Fee zu ihm meint: „Warum haben wir kein Meer oder See bei uns auf den Mond?“

Die Idee gefällt den Mann im Mond sehr gut und so schaut er nun täglich aus dem Fenster und erblickt lachende Elfen, die sich im Mondmeer vergnügen. Aber keine strahlt heller als Seefee, die kleine Mondfee, die das Wasser in ihrem Namen trägt.

Luna Day wurde 1982 in Wertingen geboren und wuchs in Augsburg auf, wo sie immer noch mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie durch Harry Potter und Roll-Play-Games. Sie tippt Kindergeschichten, aber auch Fantasy- und Liebesgeschichten. www.lunadayautorin.com.

*

Eine intergalaktische Liebesgeschichte

Im Weltall gibt es noch viele unentdeckte Planeten, einer davon ist der Stern der Katzen. Dort geht es ganz ähnlich zu wie auf der Erde. Allerdings kennen die Bewohner des Katzenplaneten keine Kriege oder andere böse Dinge. Natürlich liegt es in der Natur der Katzen, dass sie miteinander raufen oder sich jagen, aber sie verletzen sich nicht dabei, sondern tun es aus Spaß und Lebensfreude. Sicher fragt ihr euch, wie die Katzen hierhergekommen sind. Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung.

Vor vielen Jahren wollten die Menschen mehrere Katzen zu Forschungszwecken auf den Mond schicken. Sie selbst waren zu feige, sich dorthin schießen zu lassen, deshalb dachten sie, es wäre eine gute Idee, einige Katzen vorauszusenden. Sie bauten also ein Raumschiff und programmierten es so, dass die Katzen während ihres Fluges durch das Weltall genug Futter und Wasser zur Verfügung hatten. Sobald sie am Ziel ankommen würden, sollte sich eine Schleuse nach draußen öffnen. Das haben sie auch hinbekommen, aber mit der Flugbahn hatten sie sich verrechnet, denn die Katzen landeten nicht auf dem Mond, sondern auf dem Stern, den sie jetzt bewohnen.

Für diese ersten Katzen muss es wirklich schlimm gewesen sein, schließlich waren sie ganz allein auf sich gestellt. Aber Katzen sind kluge Tiere. Zuallererst suchten und fanden sie Wasser. Zum Glück hatte ihr Planet eine Atmosphäre wie die Erde, aber es gab nur wenig Beute, die sie jagen konnten. So ernährten sie sich zunächst überwiegend von den restlichen Vorräten in ihrem Raumschiff. Um ihr Überleben auf Dauer zu sichern, mussten diese Katzen sich anders entwickeln als ihre Artgenossen auf der guten alten Erde.

Auf dem Katzenstern lebten zwar einige Mäuse, aber die waren nicht grau, sondern rot und zudem ungenießbar. Mit der Zeit lernten die Katzen sogar, sich mit ihnen zu arrangieren, denn die Mäuse waren ihnen bei der Besiedlung des Planeten nützlich. Irgendwann lernten die Katzen auch, welche Pflanzen sie fressen und vertragen konnten. Schon lange sind alle Bewohner des Katzensterns Vegetarier und leben mit den roten Mäusen friedlich zusammen. Im Laufe der Jahrhunderte entstand so eine ganz eigene Lebensform. Wie auf der Erde gibt es inzwischen Aufzeichnungen vom Leben der Stammväter und Mütter der heutigen Katzen und Mäuse. Diese Schriftzeichen sind mit unseren nicht vergleichbar, aber jede Katze und jede Maus kann sie entziffern. Die Aufzeichnungen tragen dazu bei, dass nichts in Vergessenheit gerät. Die Tiere, die auf dem Katzenplaneten ein Zuhause gefunden haben, leben viel länger als die auf der Erde, denn dort gibt es keinen Klimawandel oder etwas anderes, das ihr Leben bedroht. Auch natürliche Feinde haben sie nicht, so ist es ein wahres Paradies. Das Einzige, wovor die Katzen und Mäuse Angst haben, ist, dass jemals Menschen oder andere Lebewesen sie finden könnten.

Eines schönen Tages geschah genau das. Ein fremdes Raumschiff landete auf dem Katzenstern. Erschrocken verkrochen sich die Mäuse in ihre unterirdischen Gänge, und die meisten Katzen suchten ebenfalls schnell das Weite. Nur Rubius, ein großer, pechschwarzer Kater, blieb gelassen. Mutig wollte er sich den Eindringlingen entgegenstellen, wer immer sie auch sein mochten.

Eine ganze Weile geschah nichts. Dann öffnete sich eine Luke des Raumschiffes und ein unbekanntes Wesen kletterte ins Freie. Vor lauter Spannung hielt der Kater den Atem an. Das konnte nur ein Mensch sein, vermutete er. So oft hatte Rubius sich schon gefragt, ob es außer ihnen noch anderes Leben im Weltall gab. Auf dem Arm hielt der Fremde eine Katze. Die war ebenso schwarz wie Rubius, nur viel kleiner und zierlicher. Der Mensch setzte die Katze auf den Boden und sah sich erwartungsvoll um. Dann entdeckte er Rubius, der in einiger Entfernung völlig reglos dasaß und ihn fragend anschaute.

Die kleine Katze hatte Rubius ebenfalls erblickt und tapste zögernd auf ihn zu. Sie war bildhübsch, fand Rubius. Er kannte viele Katzendamen, aber diese unbekannte Schönheit hatte sein Herz im Nu erobert. Er konnte die Augen gar nicht von ihr lassen. Langsam kam die kleine Katze näher, und Rubius rührte sich noch immer nicht, um sie nicht zu erschrecken.

Als das Kätzchen direkt vor ihm saß, miaute es leise. Daraufhin beugte Rubius sich zu ihm hinunter und begrüßte es mit einem zärtlichen Nasenküsschen. Das schien der Kleinen zu gefallen, denn sie begann zu schnurren.

Nun kam auch der Mann, der mit ihr aus dem Raumschiff gestiegen war, näher. Er sah sich um und fragte: „Leben hier auch Menschen?“

Rubius wunderte sich, dass er die Laute verstand, die der Fremde von sich gab. Ob er auch seine Antwort verstehen würde?

„Nein, das ist der Planet der Katzen“, gab er Auskunft.

„Umso besser. Mit den Menschen bin ich nie gut ausgekommen, aber Katzen liebe ich. Deshalb konnte ich keinesfalls ohne mein kleines Blümchen fliegen“, erfuhr Rubius.

„Wie kommt es, dass du unsere Sprache sprichst?“, fragte der Kater erstaunt.

Der Neuankömmling lachte dröhnend. „Ich habe auf der Erde einen Sprachcomputer entwickelt, der es mir erlaubt, die Laute aller Lebewesen umzuwandeln, sodass ich sie verstehen kann. Umgekehrt kann auch ich in jeder Sprache reden.“

Rubius staunte. Er hoffte, dass dieser Mensch in friedlicher Absicht gekommen war. Allerdings fand Rubius, er dürfe den Planeten nicht wieder verlassen, denn wenn die Menschen auf der Erde von ihrer Existenz erfuhren, konnte das für die Katzen gefährlich werden. Womöglich würden viele andere Menschen kommen und ihre Welt beherrschen wollen oder sie gar zerstören, so wie sie seit vielen Jahren dabei waren, auch ihren eigenen Planeten zugrunde zu richten. „Was willst du hier oder hast du dich verflogen?“, erkundigte Rubius sich entschlossen.

Blümchen saß an seiner Seite und schnurrte liebevoll. Statt des Fremden, der eine verlegene Miene aufsetzte, antwortete sie: „Mein Katzenpapa und ich wollten eine neue Bleibe für uns suchen. Eine Welt, in der es keinen Hass und nichts Schlechtes gibt, wir führen wirklich nichts Böses im Schilde. Dass wir hier gelandet sind, ist reiner Zufall, aber zurück wollen wir auf keinen Fall, bitte lass uns bleiben.“

„Das kann ich nicht allein entscheiden“, entgegnete Rubius. „Aber ich werde unseren Ältestenrat zusammenrufen und für euch ein gutes Wort einlegen.“

„Das ist fair“, hörte er den Fremden erleichtert sagen.

„Wartet hier“, befahl Rubius.

Dann lief er zurück, um mit den anderen Katzen zu beraten, ob sie die Neuankömmlinge aufnehmen wollten oder nicht. Nach langem Ringen stimmten sie zu, wenn auch unter der Bedingung, dass dieser Mensch ihnen hoch und heilig versichern musste, dass außer ihm und Blümchen niemand mehr auftauchen würde.

„Das kann ich euch guten Gewissens versprechen“, erklärte er.

Die beiden hatten von der Erde viele schöne Dinge mitgebracht. Auch Blumensamen war darunter, und so grünte und blühte es bald überall auf dem Katzenplaneten. Rubius und Blümchen waren sehr froh, dass sie sich gefunden hatten. Oft saßen sie, eng aneinandergeschmiegt, auf dem Mond, der zu ihrer Galaxie gehörte, und schauten zufrieden auf ihre Welt hinunter. Um sie herum strahlten und funkelten die Sterne – schöner als je zuvor, fand Rubius. Früher hatte er sich oft danach gesehnt, eines Tages auch andere Planeten zu erforschen, aber seitdem Blümchen bei ihm war, konnte er sich nichts Schöneres vorstellen, als mit ihr auf seinem Heimatstern zu leben. Seine Sehnsüchte nach anderen, unbekannten Welten hatte er völlig vergessen.

Brigitta Rudolf: Weitere Infos und Leseproben zu ihren inzwischen 20 Bücher unter www.brigittarudolf.jimdo.com.

*

Der Katzenmond

Es waren einmal zwei Katzen, die sich innig liebten. Beide waren sie schwarz wie die Nacht und verfolgten jeden Abend, wenn die Menschen in ihren Betten schliefen, den Lauf des Mondes am Sternenhimmel.

„Was es wohl auf dieser großen gelben Käsescheibe da oben gibt?“, fragte Purzel und strich sich mit einer Pfote über das dicke Bäuchlein. „Ich wette, da fließen Milch und Katzenfutter in Strömen!“

„Meinst du wirklich?“, fragte Pünktchen, die zierliche Katzendame an seiner Seite. „Das würde ich zu gerne mal sehen! Ich hab mich schon immer gefragt, wie es dort oben wohl so ist.“

Purzel sah Pünktchen in die großen grünen Augen. Das Mondlicht spiegelte sich in ihnen wie in einem spiegelglatten See. Kurzerhand fasste er einen Entschluss: „Ich werde dich dort hinbringen, Pünktchen! Du wirst sehen! Du wirst die erste Katze auf dem Mond sein.“

Begeistert schlug Pünktchen die Tatzen zusammen und kuschelte sich mit ihrem flauschigen Köpfchen an Purzels Schulter. „Wirklich? Das wäre so toll! Aber wie willst du das anstellen?“

„Lass das mal meine Sorge sein“, sagte Purzel und betrachtete gebannt die golden glänzende Scheibe am Himmel, vor die sich gerade eine dicke Wolkendecke schob. Fast sah es aus, als ob sich der Mond unter seine Kuscheldecke verkrochen und zum Schlafen hingelegt hätte.

Noch am selben Abend unternahm er gleich den ersten Versuch, zum Mond zu fliegen, und schnallte sich eine Sprungfeder unter jede seiner Tatzen. Die Federn hatte er aus dem Bettgestell der Menschen stibitzt, die er und Pünktchen sich als Herrchen hielten. Sicher würden die nicht einmal bemerken, dass sie fehlten. Dann kletterte er wippenden Schrittes, so gut es ging, auf das Trampolin der Nachbarn und fing an, darauf herumzuspringen. Er hatte schon eine ganz ansehnliche Höhe erreicht (sogar die umliegenden Hausdächer hatte er schon von oben sehen können), als er mit den Sprungfedern so schief auf dem Trampolin aufkam, dass er schnurstracks durch das Fenster der Müllers krachte. Pünktchen stockte der Atem. Ängstlich hielt sie sich die Augen mit den Pfötchen zu.

„Nichts passiert!“, rief Purzel aus dem zu Bruch gegangenen Schlafzimmerfenster, der schon viel schlimmere Stürze überlebt hatte, ohne dabei eines seiner neun Leben verbraucht zu haben.

In den folgenden Nächten bekam Pünktchen ihren Kater kaum noch zu Gesicht. Stundenlang schloss er sich in seiner Werkstatt ein und schraubte und schweißte an einem Gerät, mit dem sie zum Mond fliegen würden.

Als es endlich fertig war und er es ihr vorführen wollte, betrachtete die es zunächst misstrauisch. „Bist du sicher“, fragte sie, „dass das … nun ja … sicher ist?“

Purzel lächelte breit und schob sie ein Stück weit mit seiner Pfote zur Seite. „Gar keine Frage“, sagte er. „Aber du solltest vielleicht noch etwas weiter zurückgehen.“

„Noch weiter.“

„Noch weiter.“

„Perfekt! Alles bereit zum Testflug.“

Darauf setzte er sich seine stylishe Fliegerbrille auf, zündete den Stapel Silvesterraketen an, den er sich auf den Rücken geschnallt hatte, und breitete seine Vorderbeine aus, an die er seine selbst gebauten Flügel angelegt hatte.

„Drei, zwei, eins ...“

Zzzzzzzzz-schhhh.

Gerade hatte Pünktchen ihm noch viel Glück wünschen wollen, da war er auch schon mit einem lauten Zischen in die Luft geschossen. „Armer Purzel!“, dachte sich Pünktchen, als sie dabei zusah, wie die Raketen auf dem Rücken des Katers eine nach der anderen explodierten und die dunkle Nacht mit bunten Farbblüten erhellten.

Aber Purzel hatte Glück. Kurz darauf landete er völlig verkohlt in einem Brennnesselbusch. Diesmal jedoch hatte er mit ziemlicher Sicherheit eines seiner neun Leben verbraucht.

Wie viele hatte er überhaupt noch übrig gehabt? Allzu sicher war er sich nicht mehr. Also entschied er sich dazu, dass er einen anderen Weg finden musste, um Pünktchen ihren Traum zu erfüllen. Der Kater zerbrach sich wochenlang den Kopf darüber, aber es wollte ihm einfach nichts einfallen. Doch dann, eines Nachts, kam er an einer Bäckerei vorbei und sah im Schaufenster etwas, das ihm vor Aufregung die Schnurrhaare kribbeln ließ.

Keine zwei Tage später führte Purzel sein Pünktchen mit verbundenen Augen in den Garten, von wo aus sie so gern den Mond bei seinen Wanderungen über den Nachthimmel beobachteten. Doch was Pünktchen dort an diesem Abend vorfand, verschlug ihr glatt die Sprache. Es sah aus wie ein sichelförmiger, gelb leuchtender Mond. Nur für sie auf die Erde herabgebracht. Er war umringt von lauter kleinen Sternen, die zwischen den Grashalmen verstreut lagen.

„Was ist das?“, fragte sie.

„Das?“, flüsterte Purzel ihr sichtlich stolz zu. „Das ist das größte jemals gebackene Croissant der Welt. Ich habe es mit einer Farbe bemalt, die in der Nacht leuchtet. Genauso wie die ganzen Weihnachtssterne hier.“

„Wow“, schnurrte Pünktchen und strahlte. „Das ist so süß von dir!“ Sie sah hinauf. „Sogar eine kleine Laterne hast du an dem Zipfel oben angebracht.“

„Ja“, sagte Purzel und sprang auf die untere Hälfte seines Katzenmondes. „Selbst die Mäuse von der anderen Straßenseite haben mitgeholfen und die Löcher reingebissen.“ Er reichte ihr die Pfote und half ihr zu sich hoch.

„Danke, Purzel!“, sagte Pünktchen und schmiegte sich an ihren Kater. „Dank dir weiß ich jetzt endlich, wie es auf dem Mond ist. Und es ist schöner, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.“

Ben Berlin: Weitere Informationen zum Autor unter www.ben-berlin.de

*

Träume werden wahr

Schaurig schön war sein Katzengesang

In Träume tief er sich wiegte

Ob seine Freundin sich zu ihm gesellt?

Noch war er da, der Mond, der die Nacht erhellt

Noch war er eine Sichel am Himmel,

von den Wolken verdeckt.

Als die Sterne blinzelten verschmitzt

Eine edle Haltung nahm er versonnen ein

Geschmeidig, sanft schlich er auf seinen samtenen Pfoten,

hinaus in die schaurig schöne Nacht

Jeden Abend stromerte der alte schwarze Kater Luk durch die Felder. Er suchte weder Spatz noch Maus. Einsam und traurig war er, seit seine Katzenfreundin Lil die Reise weit über den Mond hinweg angetreten hatte. Sie hatten fast ihr ganzes Leben zusammen verbracht. Beide mit seidenem Fell, kohlrabenschwarz. Manche Abenteuer hatten sie erlebt, Luchs, Fuchs und Marder besiegt. Ausgetrickst hatten die zwei sie alle. Lil entkam keine Maus, wenn auch nur zum Spielen. Sie war stets aktiv und keck, Luk dagegen durch und durch ein Träumer. Doch jeden Abend erzählte Luk, seiner Katzendame ein kleines Gedicht.

Ich sah dich, wunderschön anzusehen,

im silbernen Lichtstrahl liegen.

Nebelschwaden umhüllten dich.

Du rekeltest und strecktest dich.

Deine gelben Augen funkelten wie kleine leuchtende Sterne.

Dann erschrakst du fürchterlich,

der Bussard zog seine Kreise über dich.

Nun brauchst du dich nicht zu fürchten,

du liegst zufrieden in deinem Katzennest und schnurrst ganz leise.

Ich wünsche dir eine gute Reise ins Katzenschlaraffenland.

So beendete Luk jeden Abend sein Ritual, bevor auch er glücklich und zufrieden einschlief.

Nun war auch er alt geworden und hatte nur noch einen einzigen Traum. Nur einmal, ein einziges Mal, wollte er nach den glitzernden Sternen greifen. Auf dem Mond schaukeln und die Welt von oben bestaunen.

Auch an diesem Abend zog er voller Hoffnung los, um endlich seiner Freundin nahe zu sein. Er spürte genau, er würde sie bald wiedersehen. Es lag ein Zauber in der Luft. Kurz erschrocken über diese ihm fremde Energie, stellte er seine Nackenhaare auf.

Was war das bloß?

Die Abendluft schien zu knistern. Vor ihm schlugen kleine, klitzekleine Blitze ein. Ein greller Lichtstrahl zog ihn in den Himmel hinein.

„Juchhe, ich kann fliegen. Endlich wird mein Traum Wirklichkeit.“

Und wie aus dem Nichts saß Luk auf der Mondsichel, die Sterne zum greifen nah. Er schaukelte und sah sich die Welt von oben an. Es fühlte sich alles ganz leicht und bezaubernd an.

Ohne dass er es bemerkte, hatte sich Lil zu ihm gesetzt. Zärtlich und leise sprach sie ihn an. „Lange habe ich auf dich gewartet, doch nun hast auch du diese letzte Reise geschafft. Ich ahnte, dass wir uns hier treffen. Denn nur für Träumer, die an Wunder glauben, werden Wünsche wahr. Erzähl mir bitte ein Gedicht, ich habe es so vermisst.“

Und Luk erzählte sein letztes Gedicht.

Jeden Abend suchte ich dich

und erinnerte mich an deine gelben Augen.

Es war langweilig und trostlos ohne dich.

Einsam schlich ich durch Feld und Wald,

kein Mäuschen, kein Spatz konnte mehr mein Herz erfreuen.

Ich hatte nur noch einen Traum,

von den Monden herab die Welt zu sehen

und nach den Sternen zu greifen.

Mary Winkens und Gabriela-Alexandra Scharff: Weitere Infos unter www.autoren-im-team.de.

*

April


*

Der größte Schatz

Es war einmal, vor vielen Jahren, einigen Monaten, mehreren Wochen und ein paar Tagen, da herrschte große Aufregung in Akvo, dem großen Unterwasserreich der Meereskönigin Yara. Narius, ein sehr dicker Wassermann, hatte sich den Fuß an einem Wasserfahrrad gestoßen, das sein Nachbar Nero achtlos hatte liegen lassen. Narius war im Kreis herumgehüpft und hatte wütend mit den Armen und Beinen gewedelt.

Dadurch waren riesige Wellen entstanden. Fische, Meerjungfrauen, Wassermänner, Meerhexen und Seeungeheuer waren herumgewirbelt worden. Prinzessin Maila, die Tochter der Meereskönigin, war gerade dabei, ein paar Perlen zu suchen. Von einer riesigen Flutwelle erfasst, wurde sie auf eine Insel gespült. Bewusstlos lag sie am Strand.

„Wen haben wir denn da?“ Eine schlanke Gestalt, in ein dunkles Gewand gehüllt, mit langen silbernen Haaren, beugte sich über die Prinzessin. „Ich glaube es nicht. Die Tochter der Meereskönigin.“ Die Gestalt hob die immer noch ohnmächtige Prinzessin hoch und nahm sie mit.

„Wo ist meine Tochter?“ Yara hatte alle Untertanen mobilisiert, um Maila zu finden. Die Fische waren suchend durchs Wasser gesaust, sämtliche Winkel, Riffe und Muschelverstecke waren abgesucht worden. Doch die Prinzessin blieb verschwunden.

Nach einiger Zeit kamen die beiden Fische Schuppi und Flossi angeschwommen. Sie waren die Hausfische der Prinzessin und begleiteten sie überallhin.

„Prinzessin Maila ist auf der Insel“, blubberte Flossi. Schuppi weinte, aber unter Wasser konnte man die Tränen nicht sehen.

Yara blickte zur Wasseroberfläche. „Enja!“, rief sie aus. „Meine böse Schwester hat sie in ihren Fängen.“ Alle wussten, dass Maila nicht länger als drei Tage ohne Meerwasser überleben würde. Narius, der das Malheur verursacht hatte, bot sich an, sie zurückzuholen.

Die Meereskönigin schüttelte den Kopf. „Sie wird dich töten. Dem schrecklichen Inselkönig Tala hatte sie unseren Meeresschatz versprochen. Dafür wollte er sie zur Königin über Wasser und Land machen. Ich habe meine Schwester auf die Insel verbannt, wo sie auf Rache sinnt.“ Yara hob ihren Zauberstab mit den leuchtenden Korallen und Perlen. „Ich habe keine Macht an Land.“

Enja lief mit der Prinzessin zum Schloss. Endlich würde Tala sie belohnen müssen. Zur Strafe, dass sie ihr Versprechen nicht gehalten hatte, war sie von Tala in den Kerker des Schlosses geworfen worden. Nur zum Arbeiten durfte sie hinaus. Sie schritt die Treppe zum Schloss empor. „Yara, nun wirst du dafür büßen, dass du mich verbannt hast.“

König Tala lachte laut, als Enja ihm ihren Fund präsentierte: „Haha! Nun haben wir den größten Schatz der Meereskönigin.“ Er holte Salzwasser und schüttete es über Maila aus.

Sogleich erwachte die Prinzessin. Sie hustete und versuchte, sich aufzurichten, doch sie war zu schwach.

Enja zog an Mailas Haaren. „So eine Schönheit, doch die wird bald vergehen.“ Sie lachte böse und schnitt mit einem Messer die roten Haare der Prinzessin ab.

König Tala rief vier seiner Gesellen und übergab ihnen das Haar der Prinzessin. „Fahrt aufs Meer hinaus und gebt Yara das Haar. Sie soll uns den Meeresschatz bringen, wenn sie ihre Tochter lebendig zurückbekommen will.“ Dann drehte er sich zu Enja um: „Du wirst meine Frau und Herrscherin über Wasser und Land werden, sobald du dein Versprechen eingelöst hast.“

Aufgeregt versammelten sich alle Meeresbewohner um ihre Königin. Sie hielt das rote Haar ihrer Tochter in den Händen. Yara war traurig und wütend zugleich. „Nun haben wir den Beweis. Wir haben nicht viel Zeit. Es ist schon Abend.“ Sie hielt das rote Haar an ihre Brust. „Wir brauchen eine List. Niemals werden wir unseren Schatz verraten.“

Yara schwamm hin und her. Schließlich rief sie: „Ilayda, liebe Wasserfee, bist du hier?“

Ein zartes Geschöpf mit blauen Haaren und glitzernder Haut kam zwischen den anderen hindurchgeschwommen. Ilayda verbeugte sich. Yara sprach: „Du bist die Einzige hier, die sich an Land einen Tag lang bewegen und wieder zu uns zurückkehren kann. Ich werde dir eine andere Gestalt verleihen, sodass niemand dich als Wasserfee erkennen wird.“

Ilayda schreckte zurück. „Tala wird mich durchschauen.“

Yara schüttelte den Kopf: „Nein, nicht, wenn ich dich in Enja verwandle. Gehe morgen ganz früh zum Schloss. Nimm die Kiste hier mit und sage, dass es der Schatz aus dem Meer sei, den ich dir gegeben habe. Tala wird nur Augen für diesen Schatz haben. Zur Sicherheit nimm diesen silbernen Stab mit, er wird Enja sofort betäuben, sobald du sie damit berührst.“

Ilayda war bang ums Herz. Sie schwamm noch vor Sonnenaufgang los, begleitet von vier Wassermännern, die im Wasser mit der Kiste warten würden. Sie verabschiedete sich von ihnen und nahm an Land unmittelbar Enjas Gestalt an. Nun hing alles von ihr ab.

Ilayda betrat das Schloss. Alles war ruhig. Sie ging eine Treppe hinauf und landete auf einem langen Gang. Plötzlich ging eine Tür auf, Enja trat hinaus. Ilayda berührte sie mit dem Stab, brachte sie ins Zimmer und verschloss es hinter sich. Dann schlich sie zur nächsten Tür und öffnete sie einen Spaltbreit. Tala lag dort im Bett.

„Hallo“, flüsterte sie.

Tala sprang auf und zog sofort sein Messer. „Was gibt es denn um diese Zeit so Wichtiges?“, rief er böse.

Ilayda hatte noch nie vor jemandem so viel Angst gehabt, aber sie fasste sich. „Unten am Meer ist eine Abordnung meiner Schwester mit dem versprochenen Schatz. Wenn wir ihnen Maila bringen, gehört der Schatz uns.“

Talas Gesicht hellte sich auf. „Du holst Maila.“

Ilayda lief in den Keller. „Wache“, rief sie, „öffne die Zelle und bring mir die Prinzessin.“ Die Wasserfee hätte sie am liebsten umarmt. Aber das durfte sie nicht. So stieß sie die Prinzessin vor sich her, den Weg zum Meer hinunter. Tala wartete schon.

Die Wassermänner schwammen um die Kiste herum. „Gebt mir euren Schatz.“ Tala baute sich zu seiner vollen Größe auf.

Narius hielt die Kiste fest. „Erst wenn wir die Prinzessin haben.“

„Halt, sie ist eine Betrügerin!“ Enja, die sich irgendwie aus dem Zimmer befreit haben musste, kam angerannt.

Tala blickte von einer zur anderen.

Ilayda lachte: „Du Verräterin, du bist von meiner Schwester gesandt worden, um den Handel zu verhindern. Aber es wird dir nicht gelingen, Tala, den großen mächtigen König zu täuschen.“

Tala schlug Enja mit der Hand beiseite. „Du hast recht, niemand betrügt mich.“

Ilayda übergab dem Wassermann die Prinzessin und nahm die Kiste. Enja hatte sich aufgerappelt und wollte ihr die Kiste wegnehmen. Ilayda berührte sie mit dem Silberstab und sie fiel sofort um. „Hier, mein König.“ Ilayda übergab ihm die Kiste.

Tala befahl seinen Männern, sie zu öffnen. Mit gierigen Augen wartete er. Ilayda sprang mit leichten Schritten ins Meer zurück. Sobald sie tiefer ins Wasser eingetaucht war, verwandelte sie sich wieder.

Tala war entsetzt: „Betrug, die Kiste ist mit Seetang und Muscheln gefüllt.“ Wütend erhob er seine Harpune, die er immer zum Fischen benutzte, und schoss sie ins Meer. Doch statt der Wasserfee traf er Enja. Wütend zertrümmerte er die Kiste und raste solange auf der Insel hin und her, bis er umfiel und nie wieder aufstand.

Heute befindet sich an dieser Stelle ein Felsen, der Teufelsfelsen. Enja ertrank im Meer und die Gesellen des Königs zogen mit Schiffen von dannen. Die Teufelsinsel blieb von da an für alle Zeiten unbewohnt.

Die Meereskönigin schloss ihre Tochter in die Arme und dankte Ilayda für ihren Mut. „Das ist unser wahrer Schatz“, sprach Yara, „unsere Freunde und Familie. Niemals kann jemand diesen Schatz stehlen. Er ist für immer in unseren Herzen.“

Alle Bewohner von Akvo feierten eine ganze Woche lang ihr Glück. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie noch heute. Manchmal kann man es sehen, denn dann bewegen sich an der Oberfläche des Meeres die Wellen etwas stärker.

Sabine Nölke wurde 1960 geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf und studierte in Bochum Biologie. Von der Ruhr zog es sie an den Rhein und von dort an die Eder. Seit einem Jahr lebt sie mit ihrem Mann und zwei Hunden im Schwalm-Eder-Kreis in Nordhessen. Sie arbeitet als freie Journalistin und schreibt Kurzgeschichten, Krimis und Gedichte.

*

Ein unglaublicher Wunsch

„Oh“, seufzte die kleine Meerjungfrau Amelia zum fünften Mal. Sie saß an ihrem Lieblingsplatz, also auf dem großen Stein, der immer aus dem Wasser hervorlugte. Er glänzte an der Oberfläche. Sie beobachtete das Meer bereits seit Stunden und war dabei ganz still. Was die kleine Meerjungfrau so sehr interessierte, flog am Himmel. Die Schmetterlinge faszinierten sie sehr.

„Ich würde so gerne eure Farben haben. Die sind ja wirklich fabelhaft! Außerdem würde ich gerne fliegen können“, sagte sie zu einem der bunten Schmetterlinge, der in ihrer Nähe flog. „Schwimmen ist so langweilig“, bemerkte Amelia. „Ich möchte ein Schmetterling sein.“ Und sie hoffte, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen würde.

Die bunten Schmetterlinge verstanden sie natürlich nicht. Die kleine Meerjungfrau Amelia, die eigentlich auch in wunderschönen Farben schimmerte, hüpfte von Stein ins Wasser. Sie schwamm geschickt auf den Meeresboden. Dort fand sie ein kleines Häuschen. Ja, das musste es sein. In diesem Häuschen wohnte die liebe Meerjungfrau, die über Zauberkräfte verfügte. Die kleine Meerjungfrau klopfte unsicher an der Holztür. Auch wenn das Häuschen im Wasser stand, war es überhaupt nicht nass.

„Wahrscheinlich wurde dieses Haus mit Zauberkräften gebaut“, dachte Amelia.

Kurz darauf öffnete sich die Tür ganz von allein. Die kleine Meerjungfrau schwamm in das gemütliche Zimmer hinein. Dort saß auf dem Sofa die liebe Meerjungfrau namens Luna. Sie war so in ihr Buch vertieft, dass sie die Besucherin überhaupt nicht bemerkte.

„Hallo“, sagte die Meerjungfrau Amelia leise.

„Oh, Entschuldigung, ich habe dich nicht kommen hören!“, erschreckte sich Luna und stand auf. Sie räumte das Buch ins Regal, während sie Amelia nach ihrem Wunsch fragte.

„Kannst du mich in einen bunten Schmetterling verwandeln?“

„Willst du das wirklich?“, fragte Luna nach.

„Ja“, antwortete Amelia sicher.

„Gut. Dann komm in der Nacht wieder her, wenn der Mond hell scheint. Dann kannst du ein Schmetterling werden“, sagte Luna.

Amelia schwamm nach Hause. Sie konnte es kaum erwarten. Als es endlich so weit war, verließ sie ihr Unterwasserschloss. Im Meer war es ganz still. Alle schliefen. Bis auf die liebe Luna und Amelia. Die Meerjungfrau Amelia schwamm zu ihrem Lieblingsplatz. Die liebe Meerjungfrau Luna wartete dort bereits auf sie. Amelia war ziemlich aufgeregt. Luna umhüllte Amelia mit einer bunten, glänzenden Magie und murmelte leise einen Zauberspruch vor sich hin:

Es ist jetzt Nacht

Die Sterne funkeln

Der Mond erwacht

In stiller Nacht.

Es leuchten hundert Sterne

Die sieht man schon aus der Ferne

Du sitzt noch da und kurz danach

Fliegst du hoch in die dunkle Nacht!

Amelia flog von dem Stein aus in die Luft. „Du bist ein Schmetterling geworden!“, freute sich Luna. „Der Zauber ist tatsächlich gelungen!“

Amelia war froh, im Himmel sein zu können. Endlich! Sie flog herum, musste unbedingt die Welt von oben sehen, die Vögel am Strand und auch die Blumen riechen zu können. Sie konnte mit den Delfinen, ihren Freunden, in die Luft springen.

Bald lernte sie neue Schmetterlingsfreunde kennen. Mit ihnen spielte sie oft in der Luft lustige Spiele. Die machten besonders viel Spaß. Nach vielen fantastischen Momenten dachte sie: „Oje. Zwar habe ich jetzt Schmetterlingsfreunde, aber ich habe keine Freundinnen bei den Meerjungfrauen mehr!“ Auf einmal wollte sie wieder eine Meerjungfrau sein.

Ihre Traurigkeit lockte am späten Abend Luna an. Sofort war sie bei ihr. Sie setzte sich auf den Stein und hörte zu. Der Schmetterling erklärte ihr, weshalb sie wieder eine Meerjungfrau sein wollte.

„Auch wenn die Farben eines Schmetterlings bunt sind“, sagte sie.

Luna verstand sie sofort. Sie machte den Zauber rückgängig.

Es ist jetzt Nacht

Die Sterne funkeln

Der Mond erwacht

In stiller Nacht.

Es leuchten hundert Sterne

Die sieht man schon aus der Ferne

Du fliegst noch kurz und gleich danach

Sitzt du auf Stein im Schatten der Nacht!

Sie war wieder eine Meerjungfrau! Ach, wie schön! Amelia wusste jetzt, dass das Leben unter der Oberfläche des Wassers und oben hoch im Himmel schön sein konnte. Man konnte beides genießen. Wichtig waren nur Freunde, die das Leben wertvoll und lustig machten. Sie seufzte glücklich: „Es ist so schön, eine Meerjungfrau zu sein!“

Julia Buczkowska, 10 Jahre.


*

Die kleine Meerjungfrau

Es war einmal eine kleine Meerjungfrau mit Namen Aquaria. Sie war grün wie eine gewöhnliche Alge und nur ein winziger Teil ihrer Flosse glänzte silberfarben. Die anderen hatten wunderschöne Flossen, die in allen Farben schillerten und schimmerten. Besonders bunt glitzerten die beiden Freundinnen Merle und Mena.

Auf dem Weg zur Schule begegnete Aquaria ihnen. Die eingebildeten Meerjungfrauen riefen ihr gehässig zu: „Da kommt ja die langweilige Silberflosse!“

Aber Aquaria achtete gar nicht auf sie und schwamm schnell weiter in das Klassenzimmer. Die Lehrerin Frau Fanta, ein oranger Fisch, sagte: „Na, dann fangen wir an mit Kunst! Heute sollt ihr ein buntes Korallenriff malen.“ Als die Lehrerin nicht hinschaute, gab Merle Aquaria einen Schubs und ihre Farben fielen mit einem lauten Knall zu Boden. Die Lehrerin rief: „Aquaria, pass doch besser auf!“

In der Pause riefen ihr Merle und Mena zu: „Silberflosse, Silberflosse!“ Als die Schule aus war, ging Aquaria traurig heim.

Am nächsten Tag hatte sie Geburtstag. Sie durfte ihn mit ihrer Freundin Lilli, einer kleinen Meerjungfrau, und ihrem besten Freund Toho, dem Delfin, feiern. Zusammen aßen sie im Restaurant. Es gab leckeren Algensalat und frische Meerlimo.

Toho schenkte ihr eine silberne Muschel, die er selbst vom Korallenriff geholt hatte, und Lilli überreichte ihr ein Delfin-Geschichtenbuch. Zum Nachtisch gab es Kuchen, der mit Algen und Perlen verziert war. Sie spielten noch Fangen und Verstecken, dann war der Geburtstag leider schon zu Ende und Lilli musste nach Hause. Auch Aquaria und Toho machten sich auf den Heimweg.

Merle und Mena wollten ihnen auflauern. Da fuhr plötzlich ein Motorboot über ihnen und hielt an. Ein großes Netz fiel über die beiden Meerjungfrauen und zog sie ans Boot. Dort wurde es befestigt. So sehr die beiden auch strampelten, sie konnten sich nicht allein befreien. Aquaria und Toho, die das Boot kommen gehört hatten, konnten sich gerade noch rechtzeitig hinter den Algen verstecken. Von dort beobachteten sie, wie die Freundinnen gefangen wurden.

Schnell schmiedeten sie einen Plan. Toho sollte die Menschen ablenken, während Aquaria mit ihrer neuen Muschel das Netz aufschneiden würde.

Toho stürzte an die Wasseroberfläche und vollführte einen Delfintanz, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu lenken. In der Zwischenzeit schwamm Aquaria so schnell sie konnte zum Boot. Mit der Muschel, deren Kanten sehr scharf waren, schnitt sie das Netz so weit auf, dass Merle und Mena herausschlüpfen konnten.

Gemeinsam mit Toho schwammen sie nach Hause.

Am nächsten Tag erlebte Aquaria eine Überraschung. Früh am Morgen warteten Merle und Mena schon auf sie. Sie entschuldigten sich für ihr gemeines Verhalten, bedankten sich für die Rettung und schenkten Aquaria eine wunderschöne Kette, die sie nun immer trug.

Paula Gänzler, 7 Jahre, Deutschland, Gestratz/Brugg.

*

Ayana

„Ich möchte nicht, dass du dasselbe Schicksal erleidest wie deine Stiefschwester“, klagte die Großmutter, deren kahler Kopf nur noch die silberne Krone, aber nicht mehr ihr schneeweißes Haar zierte.

„Keine Sorge! Ich habe nicht das Verlangen, meine zierliche Schwanzflosse gegen Quadratlatschen in einer Laufmaschine einzutauschen“, lächelte Ayana. „Ich möchte aus unserem Versteck emportauchen, um Prinz Jeldrik zu sprechen, der Sooyoung ins Unglück stürzte.“

„Was willst du tun, wenn du ihn triffst? Rache nehmen?“, fragte die Königinmutter.

„Keine Ahnung!“, zuckte Ayana mit den Schultern. „Ich folge meinen Gefühlen.“

„Bleibe!“, bat die Greisin. „Ich habe meinen Sohn noch nie so glücklich gesehen wie in den letzten 18 Jahren, als er deine Mutter traf, sich verliebte, sie heiratete und du aus dem Schaum zu uns kamst.“

„Oma, nach unseren Gesetzen hätte ich schon vor drei Jahren zu der Welt der Menschen emportauchen dürfen! Länger kann und will ich nicht warten! Bitte gib mir deinen Segen!“, flehte Ayana.

„Du machst ja doch, was du willst! Ich nähe dir meine zwölf Austern auf deinen Schwanz. Sie zeigen deine adelige Abstammung. Setze deine goldene Krone auf! Wenn du nicht mehr weiterweißt, drehe sie nach links, dann nach rechts.“

„Danke!“, flüstere Ayana und küsste ihre faltige Wange.

Eilig schwebte sie vom königlichen Garten, der des Nachts im Dunkeln lag und nur durch den rosa Mond am Himmelszelt erhellt wurde, leicht wie eine Feder empor. Sie huschte an den Wächtern des Königreiches, den glubschäugigen Koloss-Kalmaren, deren Augen größer als Fußbälle waren, unbemerkt vorbei und schwirrte durch das dunkelblaue Wasser des Weltmeeres. Anglerfische beschützten die kleine Nixe, indem sie mit ihren blitzenden Taschenlampen den Weg durch die Peitschen der neunschwänzigen Katze, das Palmtang, beleuchteten. Durch das türkisfarben werdende Nass, in dem sich noch Ruderfußkrebse tummelten, die Ayana mit bläulich leuchtenden Sprechblasen begrüßten, glitt sie bis zu den hellblau schimmernden Wellen empor, in denen Clown-, Doktor- und Mandarinfische sowie Königsfeenbarsche ihren Hofstaat bildeten.

Kurz vor der Marmortreppe des Wasserschlosses, in dem Sooyoung mit Jeldrik kurze Zeit glücklich gewesen war, tauchte sie auf.

Auf der untersten Stufe saß ein junger Mann und starrte trübselig auf die Gischt. „Könnte ich doch die Unterwasserwelt erkunden!“, seufzte er.

„Komme mit mir!“, säuselte Ayana und umschlang seinen Leib. Ihre langen roten Haare, die ein Seestern schmückte, und der türkis schimmernde Schwanz gaben ihr das Aussehen einer Königslilie.

„Potzblitz!“, rief der Bursche erstaunt. „Eine rothaarige grünäugige Meereshexe!“

„Ich bin Prinzessin Ayana, jüngste Tochter des mächtigen Meereskönigs“, erwiderte Ayana beleidigt und wedelte mit ihrem Schwanz. „Bist du Prinz Jeldrik?“

„Prinz Jeldrik ist mein Vater. Ich heiße Alvar. Warum fragst du?“

„Dein Vater hat meine Schwester Sooyoung auf dem Gewissen! Statt sie, seine Lebensretterin, zu heiraten, wählte er eine andere Braut. Sooyoung wollte lieber zu Meeresschaum werden, statt ihn zu töten, um ihr Leben als Meerjungfrau wieder aufzunehmen. Die Töchter der Luft haben ihr Zuflucht gegeben“, klagte Ayana den Jüngling bitterböse an.

„Sie war eine Meerjungfrau? Mein Vater segelt schon jahrelang über die Weltmeere, um sie zu finden. Er glaubt, dass sie noch lebt. Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben.“

„Ich bedauere dich.“

„Ich bin viel allein und mir ist langweilig.“

„Komme mit mir!“

„Ich möchte nicht auf dem Friedhof deines Vaters begraben sein.“

„Kannst du nicht schwimmen?“

Alvar schüttelte den Kopf. Ayana drehte ihre Krone nach links, dann nach rechts und pfiff, bis ein blau-weißer Delfin erschien, der sie freudig begrüßte.

„Halte dich an seiner Finne fest! So lernst du spielend schwimmen“, befahl Ayana.

Alvar zögerte, gab sich einen Ruck, stürzte sich in die Fluten und begann, langsam mit dem Delfin zu schwimmen. Bald konnte er sich mühelos über Wasser halten. Begeistert ergriff er die Flipper des freundlichen Tieres und tanzte Walzer. „Fantastisch!“, juchzte er. „Ich will noch mehr entdecken, will tauchen lernen.“

Ayana drehte ihre Krone nach links, dann nach rechts und schlug mit ihrem Schwanz drei Mal aufs Wasser, bis die Tentakel einer portugiesischen Galeere erschienen.

„Hilfe, eine Krake!“, schrie Alvar.

„Du brauchst keine Angst zu haben!“, beruhigte ihn Ayana. Sie flüsterte mit dem Meeresungeheuer, das so schnell, wie es aufgetaucht war, auch wieder versank. Es dauerte nicht lange, bis die Fangarme eine Maske, eine Brille, einen Atemregler, eine Bleiflasche und einen Meerjungfrauenschwanz freigaben.

„Dies sind Raritäten, die die Wassermüllabfuhr vom Meeresboden aufgesammelt hat“, erklärte Ayana. „Zieh dich um!“

Gesagt, getan.

Zunächst schnorchelten, dann tauchten sie. Immer tiefer sanken sie vorbei an antiken Tempelruinen, Schiffswracks, bunten Korallen, grünen Augentierchen, glitschigen Quallen und Röhrenwürmern, die mit ihren Federkronen als Insignien des Meereskönigs galten. Sie durchquerten zahlreiche Fischschwärme, denen Alvar zuwinkte gleichsam, als wollte er sie mit: „Hallo, liebe Fische!“, begrüßen. Als sie die schwarzen Raucher der Tiefseevulkane erreichten, signalisierte Alvar: „Ich bekomme kaum noch Luft. Mir ist so heiß. Ich mache mich auf den Heimweg. Auf Wiedersehen!“

Ayana schwamm eilig zu ihrer Großmutter, die bereits voller Sorge auf sie wartete. Sie erzählte ihr von ihrer ungewöhnlichen Begegnung mit Prinz Jeldriks Sohn.

„... und wie geht es nun weiter, Oma?“, fragte Ayana und drehte ihre Krone erst nach links, dann nach rechts. „Erlaubst du mir, so oft nach oben zu tauchen, wie ich will, um Alvar zu treffen?“

„Solange du nur einen Freund besuchst, bin ich einverstanden“, erklärte die Königinmutter. „Ziehe deinen schönsten Tankini an! Wir wollen deine Rückkehr mit einem Ball feiern.“

Im Schlossgarten eilten Oktopusse unentwegt hin und her, um den geladenen Gästen die köstlichsten Speisen zu servieren. Auf dem Muschelklavier sorgten Krebse für eine fröhliche Musik. Seepferdchen tanzten ein zauberhaftes Ballett. Schließlich lauschten ihr Vater, ihre Mutter, ihre Großmutter, ihre Stiefschwestern und die Meeresbewohner atemlos Ayanas Eindrücken über die Menschenwelt.

Plötzlich riefen die Koloss-Kalmare: „Feindlicher Fisch ist im Anmarsch!“

„Ist es ein Hai?“, rief der Meereskönig und ergriff seine Harpune. „Schnell, Kinder! Folgt eurer Großmutter, Stiefmutter und Mutter und bringt euch im Schloss in Sicherheit. Zu den Waffen!“

„Majestät, es sieht wie mein Auge aus!“, rief eine der Wachen.

Ayana weigerte sich, die Flucht zu ergreifen. Ungläubig starrte sie auf ein riesiges rundes gläsernes Fenster, aus dem Alvar ihr zuwinkte. Er hielt einen Zettel an die Glasscheibe, auf dem zu lesen war:

Hallo, Ayana! Ich habe mir das Tiefseeboot meines Vaters ausgeliehen. So kann ich dich so oft besuchen, wie ich will. Freust du dich?

Ayana nickte und klatsche vor Begeisterung in die Hände. „Vater, es ist Alvar!“

„Er soll unser Ehrengast sein“, entschied der Meereskönig. Der Unterwasserball wurde mit aller Pracht weitergefeiert.

Ich wünschte, du und ich wir wären dabei gewesen! Pass auf, wenn du das nächste Mal über den Ozean schipperst, ob du nicht auf den Wellen Alvars Tiefseeboot entdeckst, das von seiner Reise vom Meeresboden auftaucht! Vielleicht siehst du in den Wellen auch Ayanas Kopf und Schwanz, wie sie im Schmetterling-Stil ihrem Freund das Geleit gibt? Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Anja Apostel, geboren 1963, Minden, Dipl.-Volkswirtin, Magister Artium. Weitere Infos unter www.anjaapostelwixsite.com.

*

Nixi in Nöten

Es war einmal eine kleine Seejungfrau, die schwamm vergnügt hin und her. Plötzlich entdeckte sie an der Wasseroberfläche eine orangefarbene Mücke. Sie sah zwar echt aus, aber Nixi wusste, dass es keine Mücken in dieser Farbe gab.

„Warum denken die Menschen immer, sie könnten uns überlisten?“, fragte sie sich.

Trollo, der Unterwassergeist und Spielkamerad von Nixi, lugte hinter einer Koralle hervor. „Wollen wir spielen?“, fragte er und plusterte sich auf. „Wir könnten die falsche Mücke sorgfältig entfernen und eine alte Blechdose, die ich gerade am Seeboden gefunden habe, an den Haken hängen. Was denkst du, wie groß die Augen des Fischers werden, der die Angel mit der Plastikmücke ausgelegt hat?“

Nixi wedelte mit der Flosse. „Das ist kein Spiel! Das könnte gefährlich werden. Wir sollten Dentos, den Säbelzahnfisch, suchen. Er könnte die Angelschnur abschneiden, ehe einer unserer Forellenfreunde auf die Idee kommt, die Mücke fressen zu wollen“, schlug Nixi vor.

„Aber Dentos ist auf Reisen auf der Suche nach Dingen, die er zersägen kann!“, erklärte Trollo. „Ich wüsste nicht, wo ich ihn suchen sollte!“, fuhr er fort.

„Wir könnten Elvira, die Wald-Elfe, bitten, einen Erkundungsflug über den See zu machen. Vielleicht findet sie Dentos!“, schlug Nixi vor.

„Und wie finden wir Elvira?“

Nixi dachte nach. Plötzlich landete eine Libelle an der Wasseroberfläche, direkt über Nixis Nase. „Kannst du uns helfen? Wir brauchen Elvira, die Wald-Elfe, sie soll über den See fliegen und Dentos suchen!“ Die Libelle schwirrte dienstbeflissen ab.

Plötzlich entdeckte Trollo einen wunderschönen Saibling, der sich der falschen Mücke näherte. „Nicht, versuch ja nicht, die Mücke zu fressen, das bedeutet deinen sicheren Tod!“, schrie er aufgeregt.

Der stolze Saibling ließ sich nicht beirren und steuerte auf den vermeintlichen Köder.

„Halt, keinen Meter näher!“, rief nun auch Nixi und versuchte, den Saibling von seinem Vorhaben abzuhalten. „Willst du sterben?“, schimpfte sie und schwamm dem Saibling hinterher.

Zu spät hatte Nixi gesehen, dass die orangefarbene Mücke über ihr schwebte. Während der Saibling geschickt abdrehte, blieb Nixi mit der Flosse am Haken hängen, der unter der falschen Fliege hervorblitzte. „Hilfe, Hilfe!“, brüllte sie verzweifelt.

„Wenn doch Dentos hier wäre, dann gäbe es kein Problem! Anscheinend hat die Libelle Elvira noch nicht gefunden“, jammerte Trollo.

Nixi schwamm aufgeregt hin und her. Sie hatte eine Panikattacke. „Wenn ich an Land muss, dann ist das unbeschwerte Leben hier zu Ende. Ich müsste dem Menschen womöglich drei Wünsche erfüllen als Dank, dass er mich aus dem Wasser gefischt hat. Aber ich will doch gar nicht an Land und ich will ihm dafür auch nicht noch dankbar sein müssen!“, kreischte die kleine Seejungfrau.

Während sie hin und her zappelte, kam der dicke, alte Hecht Jona angeschwommen. „War da nicht eben ein junger Saibling? Könnt ihr mir sagen, in welche Richtung er geschwommen ist?“, gurgelte er mit sonorer Stimme.

„Ich glaub es nicht!“, schimpfte Trollo. „Siehst du nicht, dass Nixi ein Problem hat? Sie hängt an dem verflixten Angelhaken und kann sich nicht befreien. Wir bräuchten Dentos, aber der ist anscheinend unauffindbar! Kannst du uns nicht helfen?“

Jona schmollte. „Ja, schon, aber nur, wenn ihr mir verratet, wo der kleine Saibling sich gerade versteckt hat!“

Nixi spürte ein mächtiges Ziehen an ihrer Flosse. Der Fischer versuchte, die Angelschnur einzuholen.

Just in dem Augenblick kam Elvira, die Wald-Elfe angeflattert. „Ach, du liebe Zeit!“, rief sie entsetzt aus. „Wie kann ich helfen?“

Nixi hüpfte jammend hin und her.

„Wir brauchen Dentos, damit er die Schnur absäbelt kurz vor der falschen Fliege, sonst ist sie verloren!“, jammerte Trollo.

Elvira überlegte. „Hör mal, Jona, du bist doch sehr kräftig. Häng dich zu Nixi, damit sie nicht hochgezogen werden kann. Mit dir an der Angel hat der Fischer eine Weile zu tun und einstweilen suche ich weiter nach Dentos.“

Aber Dentos blieb unauffindbar. Der Hecht hatte die Angelschnur oberhalb der gefakten Mücke ins Maul genommen und ließ sich darauf schaukeln. Geschickt hielt er sich vom Angelhaken fern. Jetzt wurde der Druck auf Nixi etwas leichter. Sie atmete kurz auf, während sie nur wenige Zentimeter unter dem Wasser versuchte, das Gesicht des Anglers zu sehen. Es war eine alte Frau mit weißem Haar. Ihr Gesicht strahlte Verzweiflung aus. Vielleicht würde sie sie wieder zurückwerfen ins Wasser, wenn sie ihr ihre Wünsche erfüllt hatte.

Plötzlich ein Ruck und – schwupps – wurde Nixi an Land geschleudert. Was war geschehen? Jona hatte den kleinen Saibling entdeckt und das Maul geöffnet. Dadurch gab er die Schnur frei.

Trollo schrie vor Entsetzen auf. „Das ist jetzt gar nicht gut gelaufen!“, stotterte er. Jona jagte den Saibling und kümmerte sich nicht mehr darum, was er angerichtet hatte.

„Oh, du bist aber ein schönes Wesen!“, murmelte die Alte entzückt. „Eigentlich wollte ich einen Fisch fangen, keine Nixe. Was mache ich jetzt mit dir?“ Sie kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

Nixi verdrehte die Augen und stotterte. „Du kannst mich zurück ins Wasser werfen, nachdem ich dir drei Wünsche erfüllt habe! Sprich also, was kann ich für dich tun?“

Die Alte seufzte tief und rieb sich die müden Augen. Sie wunderte sich zwar, dass eine Nixe zu ihr sprach, aber nachdem sie nur einen Wunsch hatte, äußerte sie diesen sogleich. „Ich wünsche mir, dass Georg, unser Sohn, wieder gesund wird. Mehr brauche ich nicht!“

Nixi blickte verwundert in das traurige Gesicht der alten Frau. „Oh, na ja, darauf bin ich eigentlich nicht vorbereitet. Die Menschen wollen alle immer viel Geld und Häuser und Autos.“

Mittlerweile war auch Trollo aus der Tiefe aufgetaucht und hatte kurz unter der Wasseroberfläche seinen Beobachtungsposten bezogen.

Elvira flatterte näher. „Keine Spur von Dentos!“, schimpfte sie.

„Kann ich einen Wunsch erfüllen, der nicht auf materieller Basis begründet ist?“, fragte Nixi ihre beiden Freunde.

„Hm, das weiß ich nicht. Aber ich werde sofort Gloria, die Seenfaunin, fragen. Bin gleich wieder da!“, meldete sich Elvira und flatterte davon.

„Siehst du, nicht einmal du kannst uns helfen, also werde ich dich wieder zurück ins Wasser werfen.“ Die Alte erhob sich umständlich von dem Baumstrunk, auf dem sie saß, und hob Nixi in die Höhe, um sie dann auf der glatten Seeoberfläche langsam ins Wasser zu tauchen.

„Menschen gibt es! Das ist mir noch nie passiert, dass mich jemand sofort wieder ins Wasser gegeben hat!“

Trollo folgte Nixi und beide warteten sie gespannt auf Elvira.

„Ich habe Gloria von der alten Frau berichtet, sie sagt, dass der Fall bereits erledigt ist! Was immer das auch heißen soll. Und sie hat gesagt, dass Dentos sich auf Schlimmes gefasst machen kann, wenn sie ihn erwischt!“

Die Alte war für ein paar Minuten eingenickt. Wieder munter, rollte sie die Angelschnur ein. Nur wenn es nicht anders ging, weil sie nichts mehr zu essen zu Hause hatten, begab sie sich mit ihrer Angel zum See. Im Grunde genommen taten ihr die Fische immer leid.

Als sie sich auf den Heimweg begab, musste sie über den Traum, den sie gerade gehabt hatte, schmunzeln. Sie betrat die kleine Hütte und schaute nach ihrem Sohn.

„Mutter, ich werde wieder gesund. Es geht mir viel besser und ich habe kein Fieber mehr. Der Säbelzahnfisch hat wohl ordentlich an meinem Bein gesägt, aber die Schwellung geht zurück und die Wunde sieht nicht mehr so schlimm aus!“

Georgs Mutter lächelte. War es doch kein Traum gewesen?

Hannelore Futschek wurde am 19. Juni 1951 in Wien geboren. Nach Matura und Studium in Wien heiratete sie 1975. Mit ihrer Familie zog sie 1984 ins Weinviertel. Sie übte mehrere Berufe aus, unter anderem als Bankangestellte, Bestatterin und Angestellte im Arbeitsmarktservice Niederösterreich, wo sie sich vor allem für die Karriere von Frauen und die Gleichbehandlung einsetzte. Seit ihrer Pensionierung schreibt sie Kurzgeschichten, in denen sie meist selbst Erlebtes schildert. Das Spektrum hat sie in den letzten Jahren um Romane erweitert, die auch Liebesgeschichten, Biografien und Krimis zum Thema haben. Bis dato wurden in sieben Anthologien ihre Kurzgeschichten veröffentlicht. Auch die Acrylmalerei zählt zu ihren Hobbys.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
07 kasım 2025
Hacim:
391 s. 20 illüstrasyon
ISBN:
9783990510452
Telif hakkı:
Bookwire
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