Kitabı oku: «Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 1»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland
Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit
Band 1
Martina Meier (Hrsg.)

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Impressum:
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten
Titelbild: Heike Georgi
Taschenbuchauflage erschienen: 1. Auflage 2008 – 2. leicht veränderte Auflage 2016
Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM
ISBN: 978-3-940367-35-8 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-319-4 - E-Book
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Inhalt
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Schneeflöckchen
Hinter Bergen, hinter Meeren, im fernen Land der Zauberei stand hoch oben in den Wolken ein himmlisches Schloss. Von hohen Turmmauern umgeben und dichten Rosenbüschen umrankt, man könnte meinen, hier läge Dornröschen in einem tiefen Schlaf.
Doch in jenem Schloss lebte schon seit vielen Jahrhunderten die Königin der Winterelfen. Ihr einziges Kind, ein kluges, sanftes Wesen, liebte sie von Herzen, und weil sein Haar so weiß wie Schnee war, nannte sie es ‚Schneeflöckchen’.
Als die Winterzeit nahte, befahl die Königin das Wolkentor zu öffnen, damit es auf der Erde schneite. Kaum hallte ein heller Glockenton durch das Schloss, liefen alle Winterelfen hurtig herbei, schoben die Riegel zurück und öffneten das goldene Tor. Wie ein Schneegestöber fielen nun dicke weiße Flocken zur Erde und türmten sich zuhauf. Gar nicht lang, da war jedes graue Fleckchen mit dem glitzernden Weiß bedeckt.
Schneeflöckchen sah hinab und freute sich über das Treiben, welches nun begann: Die Menschen traten aus ihren Häusern und jubelten über die weiße Pracht. Die Kinder polierten die Kufen ihrer Schlitten und sausten über die steilen Berghänge ins Tal hinab. Andere lieferten sich eine wilde Schneeballschlacht, bauten Schneefiguren oder liefen auf den zugefrorenen Gewässern Schlittschuh. Tannenbäume wurden im Walde geschlagen und aus den Schornsteinen stiegen süßliche Düfte empor.
Es war gar lustig anzusehen, wie die Kinder so fröhlich und unbeschwert in der weißen Winterwelt zu toben begannen.
So saß Schneeflöckchen auf seinem weichen Wolkenkissen, sah herab und konnte ein Staunen nicht verbergen. „Ach, könnte ich auf die Erde hinab, nur ein einziges Mal“, seufzte es. Doch die Elfenkönigin wollte davon nichts hören und antwortete auf sein Bitten stets abweisend: „Wir Winterelfen haben dort nichts verloren. Einzig und allein unsere Aufgabe ist es, für den Schneezauber Sorge zu tragen, damit die Erdenbewohner das Fest der Liebe begehen können.“
„Das Fest der Liebe?“
„Ja, die Heilige Nacht“, antwortete die Königin. „Sei vernünftig und schlag es dir aus dem Kopf!“
Tage vergingen. Die Elfenprinzessin blickte sehnsüchtig den Flocken nach, die langsam zur Erde schwebten. Ihr Verlangen wurde unendlich groß. Gern hätte sie etwas über die ‚Heilige Nacht’ erfahren, es mit eigenen Augen gesehen und mit dem Herzen gespürt. Doch hier oben, im Himmelsschloss der Feen, gab es diesen weihnachtlichen Zauber nicht. So blieb ihr nichts anderes übrig, als zuzuschauen.
Eines Abends, als die kleine Elfe voller Sehnsucht wieder auf die Erde sah, war dort alles still und friedlich. Doch plötzlich fiel ihr ein Knabe auf, der sich keineswegs über das bevorstehende Fest zu freuen schien. Einen Schlitten mit Holzscheiten hinter sich herziehend, stapfte er traurig aus dem nahegelegenen Tannenwald. Ohne lange zu überlegen und das Verbot ihrer Mutter missachtend, ließ sich die Elfe mit den Schneeflocken zur Erde gleiten.
Sanft landete sie auf dem Weg vor dem Knaben. Dieser blieb erstaunt stehen, als er das himmlische Geschöpf sah. Klein und zart saß es mitten im Schnee und sah so gar nicht verängstigt drein. Keck schaute sein Gesicht aus dem weißen Pelzmäntelchen hervor. Die zierlichen Füße verbarg es in geschnürten Stiefelchen und in dem weiß gelockten Haar glitzerte feiner Elfenstaub. Schneeflöckchen stand auf, zupfte sein bauschiges Mäntelchen ordentlich und strich sich das Haar aus der Stirn.
„Schickt dich, zauberhaftes Wesen, das Christkind?“, fragte der Knabe verwundert.
Das Elfchen antwortete wahrheitsgemäß: „Nein, vom Christkind komm’ ich gewiss nicht daher.“
Der Junge kniete nieder und nahm es behutsam auf die Hand. „Woher kommst du dann?“
Schneeflöckchen antwortete sogleich: „Aus dem Wolkenschloss der Winterelfen.“
„Aber was tust du hier, mitten im kalten Schnee, und bist nicht bei deinesgleichen?“
„Ich möchte die Heilige Nacht sehen!“
„Die Heilige Nacht?“
Das Elfchen nickte und antwortete mit erwartungsvoller Stimme: „Ich habe davon gehört! Wie gern möchte ich sie sehen.“
Der Knabe überlegte einen Augenblick. Wie konnte so etwas sein? Am Heiligabend begegnete er einer Elfe anstatt dem Christkind, auf das er schon so viele Jahre vergeblich wartete. „Wenn dies dein Wunsch ist, so will ich sie dir zeigen, aber erwarte nicht zu viel. Einen Christbaum haben wir nicht, denn die Mutter ist krank und liegt schon seit Wochen darnieder. Viel nennen wir nicht unser Eigen, aber die Großmutter hat ein Fladenbrot gebacken. Sicher wird sie dir davon geben, damit du deinen Hunger stillen kannst.“
Schneeflöckchen zögerte einen Augenblick, dann bat es den Jungen: „Nun sag mir, warum schaust du so bekümmert drein, wenn doch heute Heiligabend ist?“
„Warum sollte ich nicht, wo das Christkind schon seit langem ausbleibt!“
„Willst du’s mir nicht erzählen?“, fragte Schneeflöckchen mit sanfter Stimme.
Gemächlich trabte der Junge weiter und begann zu berichten: „Vor vielen Jahren trieb eine böse, alte Amme, welche mit dem Teufel im Bunde stand, ihr Unwesen. Sie hatte es sich zu eigen gemacht, jedes Kindlein, welches in der Heiligen Nacht geboren wurde, zu holen und in ihre Obhut zu nehmen. Am Heiligen Abend hämmerte die Amme nun an Großmutters Tür und forderte das soeben geborene Kind, um es des Teufels Braut werden zu lassen. Aber die Großmutter schickte die Amme in die Hölle, denn nie und nimmer wollte sie sich von ihrem Töchterchen trennen. Daraufhin stieß das böse Weib einen grausigen Fluch aus und rief zornig: Erst wenn die Rosen im Schnee erblühen, soll das Christkind wieder zu euch finden. Derweil soll Hunger, Armut und Krankheit euer ständiger Begleiter sein und nicht von euch weichen.“ Nachdem der Knabe geendet hatte, blieb er stehen, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht, öffnete eine Gartenpforte und zog den Schlitten hinter einen Holzverschlag. Schneeflöckchen setzte er auf dem Fenstersims nieder und sprach: „Nun, so will ich dir jetzt deinen Wunsch erfüllen.“
„Ich danke dir!“, erwiderte das Elfchen, „aber zuvor möchte ich, dass du allein in die Hütte gehst.“
„So soll es geschehen“, antwortete der brave Knabe, nahm ein paar Holzscheite vom Schlitten und trat in die Hütte hinein.
Hier empfing ihn eine wohlige Wärme, denn im Kamin prasselte bereits ein lustiges Feuer. Sein Schwesterchen kam geschwind auf ihn zu und rief freudig: „Schau, Ludwig, das Christkind war da!“ Dann nahm es den Bruder bei der Hand und zog ihn ins Zimmer, wo die Großmutter bereits auf ihn wartete. Begierig schweifte sein Blick durch die Stube und augenblicklich entdeckte er etwas Wundervolles: einen Christbaum. In der hintersten Ecke leuchtete er unter den vielen Wachskerzen, geschmückt mit üppigen Leckereien und war gar lieblich anzusehen. Wahrlich hingen an den zarten grünen Zweigen bunte Zuckerkringel, Marzipanfrüchte, Kandis und Lakritzestangen. Darunter stand ein Tellerchen mit Nüssen, umgeben von rotbäckigen Äpfeln, Lebkuchen und gebackenen Plätzchen. Neben der Ofenbank lagen für jedes Kind ein warmes Winterzeug sowie mit Silberschleifen verzierte Gaben. Augenblicklich öffnete sich die Kammer und die Mutter trat heraus, umarmte und herzte die Kinder und dankte dem Christkind.
Schneeflöckchen sah durch das erleuchtete Fenster in die Stube und sein Herz klopfte. Die Heilige Nacht, ja so muss sie wohl sein, dachte es. Wie gern wäre es im Lichterglanz um das Bäumchen gesurrt und hätte von den Köstlichkeiten genascht. Gerade wollte es in den Himmel entschweben, als sich die Hüttentür öffnete und Ludwig aus der Tür trat. Verlegen sah Schneeflöckchen zu ihm auf und sprach: „Nun muss ich mich aber sputen und eiligst wieder zum Himmelstor hinauf.“
Der Knabe nahm das Elfchen auf die Hand, führte es an seine Lippen, küsste es liebevoll auf die Stirn und nahm von ihm Abschied. Lange sah er Schneeflöckchen nach, bis es vollends in der Dunkelheit zwischen den Sternen entschwand. Als er sich umwandte, erblickte er zu seinen Füßen zarte Christrosen im Schnee, so weiß und rein, wie es nur Schneeflocken sein können.
Kathrin Dietze wurde 1963 in Erfurt geboren.
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Vom Tannenbaum, der kein Weihnachtsbaum werden wollte
Inmitten eines Waldes, nahe der Stadt Himmelspforte, standen eine große und eine kleine Tanne. „Es wird Winter“, sagte die große Tanne zu der kleinen Tanne. „Dann ist bald Weihnachten und die Menschen kommen, um uns aus dem Wald zu holen. Sie feiern ein großes Fest. Sie nennen es Christfest. Wir Tannenbäume werden wunderbar geschmückt. In Rot oder Weiß, in Silber oder Gold. Vielleicht mit Kugeln oder mit Sternen und Engeln. Ich freue mich darauf.“
„Ich aber nicht!“, entgegnete die kleine Tanne. „Ich will nicht von den Menschen geholt werden. Ich will kein Weihnachtsbaum sein! Hier im Wald habe ich meine Freunde. Das Rotkehlchen kommt jeden Tag und singt mir ein Lied. Was soll der Specht denken, wenn ich nicht mehr da bin und er sich auf meinen Zweigen nicht mehr ausruhen kann von seiner schweren Arbeit? Und die Fuchsfamilie, die gleich hier um die Ecke ihre Höhle hat! Die Kleinen spielen jeden Tag unter meinen Zweigen!“
„Ach“, seufzte die große Tanne. „Der Höhepunkt in meinem Leben ist, wenn ich ein Weihnachtsbaum werden darf.“
Die kleine Tanne überlegte, was daran Besonderes sein sollte. Dann müsste sie Abschied nehmen von allen ihren großen und kleinen Freunden. Tränen liefen über ihre Wangen, als sie sich das vorstellte. Inzwischen war es Winter geworden. Schnee lag auf den Zweigen der kleinen Tanne. Sie war herrlich anzusehen und sie war stolz, dass sie so stark war, den vielen Schnee zu tragen. Die große Tanne sah auch schick aus in ihrem weißen Kleid und sprach nur noch von Weihnachten. Allmählich wurde die kleine Tanne neugierig.
Einmal war es dann soweit. Die große Tanne wurde geholt. Hastig sagte sie: „Auf Wiedersehen!“ Das ging so schnell, dass sie sich nicht einmal zum Abschied umarmen konnten.
Nun wurde es der kleinen Tanne doch etwas einsam. Der Fuchs kam zwar jeden Tag zu Besuch und erzählte ihr, was er erlebt hatte, aber die kleine Tanne wurde nicht mehr richtig froh. Bis Heiligabend ...
Plötzlich ratterte und krachte es im Wald. Ein Trecker bahnte sich seinen Weg. Männer mit Hacken und Spaten saßen darauf. „Hier ist eine schöne Tanne für meinen Garten!“, rief ein Mann. Sie hielten genau vor der kleinen Tanne an.
„Oh je! Oh je!“, dachte die kleine Tanne und fragte sich bang: „Was geschieht jetzt mit mir?“ Schon wurde gegraben, gezogen und gerüttelt und siehe da – die kleine Tanne wurde auf den Trecker gehoben. Fuchs und Hase konnten noch rasch winken und „Tschüss!“ rufen, dann war es wieder still im Wald.
„Wo geht es mit mir hin?“, rätselte die kleine Tanne. Sie wurde es kurz darauf gewahr.
Vor einem schönen Haus mit grünen Fensterläden wurde sie abgeladen, in den Garten getragen und eingepflanzt. Eine Frau und zwei Kinder kamen aus dem Haus und brachten Lichterketten mit, mit denen sie die kleine Tanne schmückten.
„Seht mal!“, rief die Frau. „Wie schön dieser Baum ist! Jetzt haben wir auch einen Weihnachtsbaum.“ Alle bewunderten die kleine Tanne. Die wusste gar nicht, wie ihr geschah. Es ging alles so schnell. Aber als sie an sich herabschaute, musste sie sich eingestehen: Sie war schön, einfach wunderschön! Nun war sie doch ein Weihnachtsbaum. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit wurden die Lichterketten angebracht und die kleine Tanne erstrahlte zu einem schönen Weihnachtsbaum – zum schönsten Weihnachtsbaum weit und breit. Dann seufzte sie: „Ach, es ist doch wunderbar, ein Weihnachtsbaum zu sein!“
Lore Buschjohann ist 79 Jahre alt und wohnt in Gütersloh. Sie hat durch die erfolgreiche Teilnahme am Anthologie-Projekt „Und was ich dir noch sagen wollte ...“ das Schreiben für sich entdeckt und inzwischen weitere Kindergeschichten und auch ihre Lebenserinnerungen zu Papier gebracht.
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Adventskonzert
„Ich freue mich überhaupt nicht auf Weihnachten!“, pustet Melusine hinter den langen blonden Strähnen hervor. Sie zieht den viel zu warmen Pullover über den Kopf, wirft die Haare zurück und wiederholt: „Ich freue mich nicht auf Weihnachten!“ Pummelchen macht ganz erschrockene Augen und Wilma lässt die Flöte sinken. Sie hat – gerade als ihre Freundin zur Tür hineinkam – noch völlig fehlerfrei „Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit …“ gespielt. Und ihre kleine Schwester Anna, das Pummelchen, hat gesungen wie ein Barockengel. Jetzt ist die Stimmung verflogen. Anderen Leuten die Laune verderben, das kann sie gut, die schöne Melusine.
Wilma fragt ungerührt: „Kriegst du nichts geschenkt?“ Sie setzt die Flöte wieder an und spielt eine andere Melodie. „Ich steh’ an Deiner Krippe hier …“ Melusine kennt den Text. Niemand singt. Der kleinen Schwester kullert eine Träne über das dicke Bäckchen. Wilma sieht es nicht, nur Melusine. Kleine Händchen zupfen an Melusines Blusenärmel. Anna hält Melusine einen polierten Apfel hin: „Schenk’ ich dir!“ Das Licht der ersten Kerze vom Adventskranz glänzt darin. Das große Mädchen wird rot. Melusine hat ein schlechtes Gewissen. „Jetzt freue ich mich aber“, sagt sie laut, „du bist ja ein richtiger Weihnachtsengel, Anna!“
Wilma spielt weiter. Sie hat nur das Notenblatt im Auge. Melusine weiß, dass Wilma ihre Worte gehört hat, weil man die Ohren nicht verschließen noch abwenden kann. So zu tun, als könne man es, das ist Wilmas übliche Reaktion auf Melusine Wortattacken. Nicht immer hat Wilma dabei die Flöte zu Hilfe. Jetzt spielt die musikalische Wilma eine Melodie, die Melusine auch nicht kennt. Die Töne steigen und fallen in komplizierten Harmonien. Was ist das, ein Lied? Sie fragt nicht laut, da sie im Moment sowieso keine Antwort erhalten würde. Wilma musiziert weiter.
Melusine hat Anna auf den Schoß genommen und führt sanft die kleine Hand mit dem dicken, roten Stift. Sie malen beide zusammen einen Apfel. Als Wilma die Flötenmelodie das dritte Mal wiederholt, ist der rote Apfel fertig und Melusine malt einen grünen Tannenzweig mit geübten Strichen dazu. Jetzt weiß sie es. Wilma hat ein fröhliches Lied gespielt, das mehr als eine Strophe hat. Anna klatscht in die Hände: „Schööön! Schenk’ ich Mama!“ Sie hält das Blatt mit dem bunten Bild hoch. Melusine greift nach dem Blatt auf Wilmas Notenständer. Sie liest den Text, nicht die Noten. Es ist Latein. So viel weiß sie schon, auch wenn sie die Sprache erst ein halbes Jahr lernt: „In dulci jubilo, nun singet und seid froh …“ Gut, dass auch deutsche Wörter dabei sind.
„Ich habe gelogen“, sagt Melusine laut.
„Nicht ganz,“ meint Wilma, „manchmal, glaube ich, hast du so schlechte Laune, dass du die ganze Welt schwarz anmalen willst und dann ist deine Laune gleich wieder vorbei. Bloß die schwarzen Flecken, die bleiben …“ Wilma spricht nicht weiter. Sie nimmt Melusine das Notenblatt aus der Hand.
„Es tut mir auch leid!“, sagt Melusine sehr leise.
„Das nützt nichts!“ Wilmas Stimme ist scharf und kalt. Ihr Blick fliegt zu Anna, die sich gerade bemüht, mit großen Buchstaben ihren Namen auf das Apfelbild zu schreiben. Das große N steht seitenverkehrt neben dem A.
„Soll ich dir helfen?“, fragt Melusine. Anna nickt und Melusine schreibt das nächste N richtig. Sie korrigiert den Spiegelbuchstaben nicht, sondern fragt nur ihre Freundin Wilma: „Anna wird das doch später selbst merken, oder?“ Nun lächelt Wilma: „Anna hat noch viel Zeit!“
Melusine denkt nach. Sie freut sich nicht auf Weihnachten, weil sie im Moment überhaupt nichts freut. Alles hasst sie, alles langweilt sie. Sie weiß nicht einmal, was sie sich wünscht. Und niemand fragt sie. Die Eltern sind fürchterlich beschäftigt oder das Haus ist leer. Bei Wilma ist es nie langweilig, zu ihr kann Melusine fast immer kommen. Warum lässt sie dann ihre schlechte Laune an ihrer besten Freundin aus? Weil die gerade da ist! Anna ist ja selten dabei … und die ist noch so klein!
Während des Nachdenkens hat Melusine ein Schiff für Anna gefaltet. Anna fährt mit dem Papierschiff über eingebildete Flüsse auf dem Teppich. Melusine zeichnet eine Flusslandschaft und singt wieder mit, als Wilma anstimmt: „Es kommt ein Schiff geladen …“ Irgendwann fehlt Melusine der Text. Eigentlich hat Melusine ein gutes Gedächtnis. Wilma reicht ihr das Blatt mit Noten und Text: „Üben, üben, üben! Bald ist Weihnachten.“
„Danke! Vielleicht gelingt es mir, wenn ich mein Gedächtnis trainiere, auch dran zu denken, dir nicht immer die Laune zu verderben!“, sagt Melusine zu ihrer Freundin und beugt sich über das bedruckte Papier.
Ganz heimlich freut sie sich jetzt doch! Die alten Lieder sind wie Märchen. Vielleicht kann Melusine ja zu Hause in den leeren Haus auch singen, so laut, dass es schallt?!
Xenia Cosmann lebt in Berlin und München, hat Geschichte und Philosophie studiert und in Museen, Bibliotheken oder Archiven gearbeitet. Sie schreibt Lyrik, Kurzprosa und Romane, Arbeiten, die sich häufig an Kinder und „an das Kind in der Frau“ richten. Sie hat bereits in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht.
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Ein Glitzern in der Nacht
Der Wald lag still und schneebedeckt unter ihr im Tal. Kaum ein Laut war zu hören, nur das leise Rascheln des fallenden Schnees. Sterne funkelten am Himmel in dieser frostkalten Nacht, und die junge Frau mit dem goldenen Haar hüllte sich noch etwas tiefer in ihren glitzernden Umhang. Dann blickte sie auf und lächelte. Ein fernes Klingen, ein leises Rauschen ertönte am Nachthimmel. Ein Licht näherte sich ihr, und sie machte sich bereit. Ein großer leuchtender Schlitten, gezogen von Rentieren, kam aus der Luft herabgesaust, landete elegant neben der jungen Frau. Diese schien jedoch völlig unbeeindruckt von diesem Wunder. Sie hob nur eine Augenbraue an und musterte den großen alten Mann auf dem Schlitten.
„Du kommst spät! Selbst ich friere mittlerweile!“, sagte sie mahnend. Aber ihre blauen Augen blitzten vor Humor. Der alte freundliche Mann lachte, stieg von dem Schlitten, um die Frau in das Gefährt zu geleiten. Sein langer weißgrauer Bart war mit Eis verkrustet und er versuchte, die winzigen Eisklümpchen herauszuzupfen.
„Du hättest mir ja auch entgegenkommen können“, grummelte er mit tiefer Stimme.
Sie lachte ein glockenhelles, schönes Lachen, welches das Herz berührt. Dann zog sie mit einem Ruck den Umhang von sich und erstrahlte in ihrer ganzen wunderschönen Gestalt. Flügel, weiß, wie der Schnee am Boden, entfalteten sich hinter ihrem Rücken. Ein Glühen schien sie einzuhüllen, und sie atmete tief die klare kalte Luft ein. Dann warf sie ihr goldenes Haar zurück, reichte dem Mann ihren Umhang und stieg leichtfüßig in den Schlitten. „Weißt du, wenn man länger hier auf der Erde ist, dann wird man wirklich ein klein wenig menschlich. Ich habe nämlich tatsächlich angefangen zu frieren.“
„Ist das so“, brummelte der Mann und zog sich die Kapuze seines roten Mantels über. Die Rentiere wurden unruhig, Schnee fiel nun in dicken weißen Flocken vom Himmel, und die Glöckchen am Schlitten klingelten leise in der Nacht, als die Tiere sich schüttelten und mit ihren Hufen aufstampften. Der Mann mit dem roten Mantel und dem weißgrauen Bart schenkte seiner Begleiterin ein Lächeln, stieg neben ihr auf seinen Schlitten und ergriff die Zügel. Er schnaufte, als eine glitzernde Feder eines ihrer Flügel ihn an der Nase kitzelte. Er nieste so laut, dass die Rentiere sich erschrocken umschauten. „Könntest du vielleicht deine Flügel ein ganz klein wenig einklappen? So kann ich nicht fliegen!“
„Ja, ja“, sagte sie und ihre Flügel erhoben sich gerade zum Himmel, sodass sie ihn nicht mehr kitzeln konnten. „Also, guter Weihnachtsmann, fahren wir?“
„Ja ... obwohl ... Wo sind eigentlich die Geschenke?“, fragte er auf einmal verwirrt. „Ich meine, mit einem Sack bist du ja nie gekommen, aber ...
„Sie sind in dem Umhang versteckt.“
„In dem Umhang?!“ Er warf einen Blick auf das glitzernde Etwas, das zwischen ihnen lag. „Und wo sind sie?“
Sie lachte nur fröhlich. „Du wirst schon sehen.“
„Gott lässt sich wirklich jedes Jahr etwas Neues einfallen. Ein Umhang!“ Er kicherte leise in seinen Bart hinein. „Also los. Heja!“ Er schnalzte mit den Zügeln, und die Rentiere setzten sich augenblicklich in Bewegung. Sie rannten eine kurze Weile über den Schnee, dann erhob sich das Gefährt gen Himmel. Innerhalb weniger Sekunden machte der Schlitten Halt über einem Haus. „So, Christkind, dann machen wir uns an die Arbeit, was?“
Die junge Frau nickte mit geheimnisvollem Lächeln. Der Weihnachtsmann ging zum Kamin und kletterte, in Anbetracht seines Alters, geschickt hinauf ... und war plötzlich verschwunden. Das Christkind ging zu einem der beleuchteten Fenster. Es legte die Hand an das Glas der Fensterscheibe und stand plötzlich in dem Zimmer, wo ein großer bunter Weihnachtsbaum fast den halben Raum einnahm. Von Ferne hörte man Kirchenglocken läuten, leises Kichern kam aus dem Nebenraum, und man hörte, wie wohl ein Kind versuchte, durch das kleine Schlüsselloch zu linsen.
Das Christkind lächelte nur, huschte zu dem Weihnachtsbaum und breitete seinen Umhang am Boden aus. Dort, wo es sein schönes Gewand auseinanderfaltete, lagen plötzlich Pakete, schön verpackt, mit bunten Schleifen darauf.
Der Weihnachtsmann staunte über soviel Magie! Die junge Frau jedoch platzierte ihre Gaben sorgsam unter den Baum und richtete sich wieder auf.
„Dieses kleine Mädchen war wirklich sehr brav“, sagte der Weihnachtsmann, „ich habe schon im Kindergarten kurz mit ihm gesprochen, die Kleine hat sich sogar für ihr Nikolausgeschenk bedankt!“
„Ich weiß“, sagte das Christkind. „Die Familie feiert Weihnachten noch so, wie es sein sollte. Mit der wahren Erinnerung im Herzen, dass Jesus in dieser Zeit vor über 2000 Jahren geboren worden ist, und es nur deshalb Geschenke gibt, weil er sie den Kindern aus Liebe schenkt. Weil er mir den Auftrag gegeben hat, sie für ihn zu verteilen.
„Aber du musst zugeben, es ist eine richtig schöne Arbeit, oder?“, fragte der Weihnachtsmann.
„Oh ja!“, antwortete das Christkind freudig.
Sie blickten sich zufrieden an, der Weihnachtsmann hob noch eine kleine Kugel auf, die wohl heruntergefallen war, das Christkind streichelte dem dicken schwarzen Kater über den Kopf, der auf einer Decke auf der Fensterbank selig schlief, und nach nur einem Herzschlag waren beide verschwunden. Nur noch ein Glitzern am Boden und ein Flirren in der Luft verrieten, dass sie da gewesen waren. Unterdessen war der Kater erwacht, blinzelte schläfrig, nieste kurz, als ihm Sternenstaub in die Nase stieg, und schaute schließlich dem Schlitten nach, der mit leisem Klingen und Glitzern zum nächsten Haus flog, in dem ein liebes Kind auf eine Gabe wartete.
Tanja Bern wurde in Herten geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Gelsenkirchen.
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Weihnachtsbaum
Wäre ich ein Weihnachtsbaum,
das wäre wirklich toll.
Hinge mich, das könnt’ ich ja,
mit Paketen nur so voll:
Puppenkleid und Eisenbahn,
Bücher ohne Zahl,
auf fast jede Süßigkeit
fiele meine Wahl.
Fahrrad, Schuhe, viele Kleider,
ein Auto noch vielleicht,
damit wär’, ich sag es Euch,
ein Ende nicht erreicht.
Bräche ich dann
unter all der Last,
wüßte ich Bescheid:
Weihnacht soll ganz anders sein
als Puppe, Ball und Kleid –
möchte einfach schön da stehen,
zur Freude euch und Zier.
So soll es mir an Weihnacht gehen,
oh ja, das wünsch’ ich mir.
Gerhard Pleus lebt in Gnadersum, Ostfriesland, und hat einen ganz außergewöhnlichen Beruf: Er arbeitet als Clown und erfreut Kinder und Erwachsene mit seinem Programm. Mehr als 4800 Vorstellungen hat er schon gegeben. Außerdem betätigt sich der Vater von 7 Kindern auch als Autor.
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Der kleine Engel Sebastian
Draußen war es ganz still. Nur der Mond schien auf den Schnee, der kurz zuvor noch in dicken Flocken vom Himmel gefallen war. Es war eisig kalt, so kalt, dass Sebastian fröstelte. Er drückte seine kleinen Flügel an sich. So war es ein klein wenig besser. Niemand konnte ihn sehen. Nur seine Füße hinterließen Abdrücke im frisch gefallenen Schnee. Was sollte er jetzt nur machen? Laut Aufgabenplan seiner Engelslehrerin war er eingeteilt, dem Weihnachtsmann beim Verteilen der Geschenke zu helfen. Doch stattdessen musste er sich ja von seiner Wolke lehnen, um zu sehen, was die kleine Lina auf der Erde gerade machte. Natürlich hatte er den Halt verloren und war direkt durch alle anderen Wolken hindurch zur Erde gefallen. Seine kleinen Flügel waren noch zu schwach zum Fliegen, und die Lehrerin hatte sich gerade um andere Engelskinder gekümmert. Sebastian war auf sich selbst wütend.
Wo sollte er jetzt hin? Hier draußen in der Kälte konnte er kaum bleiben. Es musste mindestens schon sieben oder acht Uhr Abends sein. In den Häusern brannten die Lichter. Sebastian spähte vorsichtig durch die Fenster auf die Menschen im Inneren. Wo konnte er hin? Da fiel ihm wieder Lina ein – sein Lieblingskind, das er so gerne von seiner Wolke aus beobachtete. Sollte er da mal vorbeischauen? Sie glaubte an Engel und schaute jeden Abend die Sterne am Himmel an. Ja, das war es. Endlich würde er Lina kennenlernen.
Wenige Minuten später hatte er ihr Zuhause gefunden. Er erinnerte sich genau, welches ihr Zimmer war. Da brannte tatsächlich noch ein kleines Nachtlicht. „Hoffentlich ist sie noch wach!“ Sebastian zitterte. Dieses Mal nicht vor Kälte, sondern vor Aufregung. Er hauchte an das beschlagene Fenster und rieb seine Nase daran. Lina lag im Bett und las. Sebastian gab sich einen Ruck und klopfte. Erst ganz leise, dann ein wenig kräftiger. Lina schaute von ihrem Buch auf und kam zum Fenster. Gut. Sie rief schon mal nicht nach ihrer Mama und ihrem Papa. Sebastian hatte vergessen, dass er ja auch nicht zu sehen war. „Lina“, rief er. „Ich bin ein Engelskind. Ich bin von meiner Wolke abgestürzt. Bitte lass mich reinkommen. Mir ist so kalt und ich bin so allein.“
Lina ging erschrocken einen Schritt zurück. Wer hatte da gesprochen?
Da fiel Sebastian wieder ein, dass er ja unsichtbar war. „Du kannst mich nicht sehen, Lina. Ich bin ein Engel. Bitte lass mich reinkommen, sonst erfriere ich hier draußen noch.“ Lina öffnete das Fenster einen Spalt. Sebastian schlüpfte in ihr warmes Zimmer. Das Mädchen schloss das Fenster und schaute mit offenem Mund auf den Fleck, wo Sebastian stand. Langsam breitete sich unter ihm eine Wasserpfütze aus, als der Schnee, der auf seinen Flügeln liegen geblieben war, schmolz.
„Du kannst mich hören, aber nicht sehen?“, fragte Sebastian.
Lina nickte. „Warum bist du auf der Erde, wenn du ein Engel bist?“
„Ich bin von meiner Wolke gefallen.“
„Kannst du denn nicht fliegen?“, wollte Lina weiter wissen. Sebastian lief rot an. Gott sei Dank konnte Lina das ja nicht sehen. „Hhm, weißt du, ich bin noch zu klein. Ich kann noch nicht fliegen. Meine Flügel müssen erst noch wachsen.“ Sebastian war das etwas peinlich.
Lina nahm ihm das nicht übel. Sie überlegte schon, wie man Sebastian helfen konnte. „Das heißt, du kannst jetzt auch nicht so einfach wieder hoch zu deiner Wolke fliegen? Kann dich denn ein anderer Engel zurückholen?“
Sebastian seufzte: „Die werden bestimmt nicht einmal merken, dass ich fehle. Die sind alle im Weihnachtsstress. Ich hätte auch dem Weihnachtsmann morgen beim Verteilen der Geschenke helfen sollen. Und stattdessen stürze ich auf die Erde.“ Sebastian musste die Tränen zurückhalten.
Lina ließ sich aber nicht so schnell entmutigen. „Dann bringen wir dich eben zum Weihnachtsmann und der kann dich dann wieder mit nach Hause nehmen.“
Sebastian fing an zu strahlen. „Na klar, irgendwann morgen Nacht muss er ja auch bei dir vorbeikommen. Dann komme ich einfach mit ihm mit. Nichts einfacher als das.“
Lina nickte. „Na siehste. Und bis es soweit ist, kannst du bei mir bleiben. Müssen Engel denn schlafen oder essen?“
Sebastian schüttelte den Kopf.
„Na, was also“, Lina wurde ungeduldig.
„Ach so. Ich vergesse, dass du mich nicht sehen kannst“, sagte Sebastian. „Nein, wir brauchen nicht zu essen oder zu schlafen. Du kannst dich aber ruhig hinlegen. Ich passe auf, dass nur nette Träume zu dir kommen.“
„Lina, mit wem sprichst du? Erfindest du schon wieder Geschichten? Geh jetzt endlich schlafen.“ Linas Mama streckte den Kopf zur Tür hindurch. Glücklicherweise sah sie die Wasserpfütze nicht.
Lina rief schnell: „Alles klar, Mama. Bin schon fertig.“ Sie legte ihr Buch beiseite und kuschelte sich unter die Decke. Mit einem Engel im Zimmer einzuschlafen, war ja mal etwas Besonderes. Und er würde mindestens einen Tag bei ihr bleiben. Lina merkte, wie ihr die Augen zufielen. Im Schlaf lächelte sie noch leicht.
Am nächsten Morgen glaubte Lina, das Ganze sei ein Traum gewesen. War wirklich ein Engelskind vom Himmel gefallen und zu ihr ins Zimmer gekommen? „Sebastian“, fragte sie leise.
„Hhm“, brummte es zurück.
„Ich hab also nicht geträumt. Du bist echt?“
„Natürlich bin ich echt. Was denkst du denn? Ich bin morgens nur noch nicht gut gelaunt. Was machen wir heute den ganzen Tag?“
Lina kicherte: „Ich muss nochmal in die Schule. Wir proben für den Weihnachtsgottesdienst heute Abend Lieder und ein Krippenspiel. Da kannst du doch mitkommen.“
„Au ja, ich liebe Musik.“ Sebastian rieb die Flügel vor Vorfreude aneinander.
Nach dem Frühstück machten sich Lina und Sebastian auf den Weg. Bald schon hörten die beiden Rufe hinter sich. „Kleine Lina. Ganz alleine. Wo ist denn deine Mami?“ Ein Schneeball flog heran und traf Lina direkt im Gesicht. Schallendes Gelächter folgte. Als Sebastian sich umdrehte, sah er zwei große Jungs und ein Mädchen mit einer knallroten Pudelmütze.
„Na, gehst du zum Singen in die Kirche?“ Die drei grinsten hämisch.
Lina trat einen Schritt zurück. Jetzt stand sie direkt an der Betonmauer neben dem Weg. Die drei kamen näher.
„Was wollt ihr von mir?“ Linas Stimme klang ängstlich. Das Mädchen in der Gruppe rief: „Hast du etwa Angst vor uns, kleine Lina?“ Die Jungen lachten. Das große Mädchen kam drohend näher: „Na, wenn du so fragst ... Dein roter Schal würde doch gut zu meiner neuen Mütze passen, nicht wahr, Jungs?“
Lina hielt ihren Schal fest. Sebastian war von Minute zu Minute wütender geworden. Was war das denn für eine unangenehme Bande? Ohne groß nachzudenken, fing er an, Schneebälle zu werfen, nicht nur ein paar wenige, sondern eher wie in einem Schneesturm. Erst schauten die großen Kinder ein wenig erstaunt. Als sie jedoch nicht sehen konnten, woher die Schneebälle kamen, gerieten sie in Panik. Einer der Jungs lief schreiend davon, dann folgte der zweite. Das Mädchen in der roten Mütze schaute Lina nochmal wütend an und warf dann die Hände schützend vors Gesicht. Denn Sebastian ließ jetzt einen wahren Schauer an Schneebällen auf sie hernieder regnen. Dann drehte auch sie sich um und lief den Jungs hinterher.
Lina, die zunächst stumm zugesehen hatte, brach in lautes Gelächter aus. „Denen hast du es aber gegeben, Sebastian.“
Sebastian lachte auch: „Die lassen dich von heute an in Ruhe, das verspreche ich dir. Ich werde auch vom Himmel aus ein Auge darauf haben, ok?“
„Ok“, sagte Lina leise. „Vielen Dank.“
„Jetzt aber auf zur Probe!“ Sebastian war plötzlich sehr fröhlich. Vielleicht hatte es ja doch ein wenig Sinn gemacht, von seiner Wolke zu purzeln ...
Die Probe in der Schule lief bestens. Lina sang ihr Lied „Leise rieselt der Schnee“ aus vollem Halse so wunderschön, dass alle klatschten. „Da kann ja nachher in der Kirche nichts mehr schiefgehen“, lobte sie die Lehrerin. Lina strahlte. Sebastian schlich sich in der Zwischenzeit zurück in Linas Haus. Hier würde in kürzester Zeit der Weihnachtsmann vorbeikommen. Sebastian würde mit ihm mitfahren, seine Aufgaben erfüllen und zurück in den Himmel kehren. Und von seiner Wolke aus ein besonderes Augenmerk auf Lina haben. Das war sicher ...
Als Lina spät am Abend schließlich mit ihren Eltern aus dem Gottesdienst kam, lagen da tatsächlich die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Der Weihnachtsmann war da gewesen und Sebastian damit wieder weg. Lina seufzte. Doch da sah sie ein kleines Bild zwischen den Zweigen des Christbaumes glitzern. Auf ihm strahlte sie ein kleiner, etwas zu rund geratener Engel mit sehr kurzen Flügeln an. Lina hielt das Bild fest, ging zum Fenster und sah hinaus. Sie winkte in den Himmel und sagte leise: „Frohe Weihnachten, kleiner Engel Sebastian.“
Barbara Barkhausen ist Journalistin, lebt und arbeitet als Auslandskorrespondentin in Australien.
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Barbaratag
Eva blickte aus dem Küchenfenster in das dichte Schneetreiben hinaus. Im Garten konnte man nicht mehr erkennen, wo ihre Mutter im Herbst die frischen Gemüsebeete angelegt hatte. Ein weicher, samtener Teppich hüllte alles zu. Die Obstbäume hatten schon lange ihre Blätter verloren, der Herbstwind hatte noch mit ihnen gespielt und sie in Kreisen zu Haufen zusammengeweht. Jetzt waren alle Äste und Zweige mit Schnee dicht beladen. Die Zaunpfähle trugen dicke Mützen. Bald würde der Wind sie mit sich nehmen. Da sah Eva ihren Großvater aus dem Haus gehen, eine Baumschere in der Hand. Er bahnte sich einen Pfad zum Kirschbaum.
Eva lief vom Fenster weg zur Garderobe und schlüpfte rasch in Mantel und Schuhe. Als sie die Haustür aufriss, rief sie: „Opa, was machst du denn draußen?“ Sie hatte Mühe, den großen Fußstapfen zu folgen, ohne in den Schnee zu fallen.
„Was ich da mache? Das siehst du doch! Ich schneide Barbarazweige ab. Heute ist doch der Barbaratag!“, erklärte Großvater.
„Aber warum machst du das genau heute?“, wollte Eva wissen.
„Das ist ein alter Brauch, der geht schon viele Jahrhunderte zurück. Die heilige Barbara starb am 4. Dezember 306, und am Weihnachtstag sollen auf ihrem Grab Blumen geblüht haben. Wenn wir die Zweige heute ins Wasser stellen und sie gut pflegen und warm halten, dann kann es sein, dass wir zu Weihnachten Kirschblüten im Haus haben. Und da das ein Glücksfall ist, überträgt man dieses Glück auf das kommende Jahr.“ Der Großvater reichte Eva einige Zweige, während seine Augen weitere passende auf dem Baum suchten. Er wollte solche wählen, die dem Baum im Frühling nicht fehlten. Eva betrachtete die Zweige. Ihr fiel auf, dass die Knospen schon ganz schön dick und rund waren, obwohl es doch noch kalt und Winter war. Jede Knospe war gut in eine braune Hülle eingepackt. „Wenn es warm wird, sind die Knospen sofort bereit zu wachsen, dicker zu werden und dann auszutreiben. Diesen Frühling täuschen wir den Zweigen in der warmen Wohnung vor.“
Eva bewunderte diese Knospen, die in – sie rechnete rasch nach – zwanzig Tagen Blüten und Blätter treiben sollten. Sie konnte sich das gar nicht vorstellen. „Opa, das sind nur zwanzig Tage! Das ist doch unmöglich!“
„Wart’s ab! Vielleicht erleben wir eine Überraschung!“ Opa hatte genug Zweige geschnitten. Jetzt steckte er die Baumschere in die Jackentasche und gab Eva die letzten Zweige. Ein beachtlicher Strauß war das geworden!
Als sie zurück zum Haus stapften, bemühte sich Opa, kleine Schritte zu machen, damit Eva im knietiefen Schnee leicht nachkommen konnte. Er guckte einmal zurück und musste lächeln. Eva trug die Kirschzweige so andächtig wie einen teuren Blumenstrauß samt Kristallvase. In der Küche legte Opa die Zweige eine Weile in das Abwaschbecken mit Wasser, dann erst steckte er sie in einen hohen Krug. Während er Wasser einfüllte, erklärte er: „Auf dem Kaminsims haben sie es warm. Und außerdem sehen wir jeden Tag, ob sich an den Knospen etwas verändert. Nun heißt es warten und geduldig sein. Wir Menschen sind häufig ungeduldig, aber die Natur lehrt uns die Geduld!“
Eva guckte die Zweige lange an. In ihren Gedanken hatten sie schon zu blühen begonnen.
Elisabeth Seiberl aus Bad Leonfelden in Österreich ist als Lehrerin an einer Hauptschule tätig. Sie hat bereits mehrfach in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht.
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Im Schein der Kerze
In seiner Werkstatt sitzt Tom. Er ist damit beschäftigt, ein paar besondere Kerzen für die Adventszeit zu gestalten. Schon in Kindertagen war es sein Wunsch gewesen, Kerzengießer zu werden. Noch heute, nach so vielen Jahren, hat er viel Freude an seiner Arbeit und denkt oft zurück an die Zeit, als sie damals als Kinder beim Schein der Kerze mit der Großmutter in der Dämmerstunde an langen Winterabenden saßen und ihren Geschichten lauschten.
Seine Kerzen sind sehr begehrt auf dem Wochenmarkt und finden schnellen Absatz. „Solche Kerzen sieht man nirgends sonst“, sagen seine Kunden. „Schön, dass Sie wieder da sind, ich brauche noch die eine oder andere Kerze als Geschenk.“ Solche Worte erfreuten den Mann und zeigen ihm, dass es richtig war, diesen Beruf zu ergreifen.
„Damit verdienst du doch nichts“, sagen andere. Aber das stört Tom nicht, denn er gibt mit jeder Kerze ein Stück Herz an seine Kunden weiter, ein wenig Liebe, mit der er jede einzelne seiner Kerzen erstellte – und das alleine ist ihm wichtig.
Heute steht er auf dem Weihnachtsmarkt. Viel hat er schon verkauft von seinem Angebot, da kommt eine alte Frau, die eine Kerze für ihr Adventsgesteck sucht. Gerade diese einzelne rot gedrehte ist die, die sie sich wünscht. Ihr weniges Geld reicht gerade noch für den Erwerb dieser einen Kerze.
Glücklich begibt sie sich mit ihrer Errungenschaft auf den Heimweg. Zu Hause fertigt sie sich ihr eigenes Adventsgesteck aus gesammelten Zweigen, Borke und Moos, Material, das sie von ihren Waldspaziergängen mitgebracht hatte. Durch diese Kerze wird das Gesteck zu einem liebevollen Kunstwerk. Am ersten Advent sitzt sie bei einer Tasse Tee und ein paar Plätzchen. Auf dem Tisch vor sich ihr Gesteck mit der leuchtenden Kerze. Sie sieht in die Flamme und träumt sich zurück in eine Adventszeit vor vielen Jahren, als ihre Kinder noch um sie saßen und lauschten, wenn sie sich für jeden Adventssonntag eine neue Geschichte ausdachte.
Da schreckt sie ihre Wohnungsklingel aus den Träumen. Wer da wohl etwas von mir will, überlegt sie, als sie sich zur Tür begibt. Vor ihr steht Vicky, ihre Enkelin. „Ich war hier in der Gegend und wollte mal nach dir schauen“, begrüßt sie ihre Oma.
„Komm herein, ich habe gerade Tee gebrüht“, freut sich die Alte. Beide sitzen nun zusammen und Oma erzählt, wie sie einst Weihnachten feierte. Wie es war mit sechs Geschwistern, das man sich riesig freute über eine Apfelsine, die man gerne miteinander teilte. Das junge Mädchen findet es schön, so mit ihrer Großmutter zusammenzusitzen. Als sie sich am Abend verabschieden, sagt sie: „Jetzt besuche ich dich öfter mal, es war wunderschön bei dir, Oma.“ Nun kann Advent auch für die alte Frau beginnen, sie fühlt sich nicht mehr vergessen.
Christina Telker wurde im Winter 1949 geboren, verlebte ihre Kindheit in einem abgelegenen Tal am Waldesrand. So entstand eine enge Verbundenheit zur Natur. Schon in frühen Jahren begann sie Gedichte und Geschichten zu schreiben. Später veröffentlichte die Autorin in verschiedenen Anthologien, 2007 folgte ein Weihnachtsbuch.
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Das erhörte Gebet
Es ist Weihnachten. Ich sitze alleine im warmen Wohnzimmer mit einer dampfenden Tasse Tee in meinem gemütlichen Sessel und blicke aus dem Fenster und auf die kahlen Bäume der Straße. Seit Jahren hat es zu Weihnachten nicht mehr richtig geschneit – ein Jammer. Ich lausche dem Läuten der Kirchturmglocken, die hell und eindringlich die Menschen rufen und die heilige Messe ankündigen. Wie viele Kinder wohl dieses Jahr mit ihren Familien zum Gottesdienst gehen, frage ich mich und schweife gedanklich in meine eigene Jugendzeit ab. Es ist schon viele Jahre her, doch ich werde dieses Erlebnis wohl niemals im Leben vergessen.
Es war zur Weihnachtszeit. Meine Familie war ziemlich arm, hatte nicht das Geld, in Urlaub fahren zu können. Wir waren nie gemeinsam in Urlaub gefahren und ich hatte in der Kirche um einen Urlaub gebetet, weil meine Freundinnen alle wegfuhren und begeistert von ihren Abenteuern erzählten, ich aber nie etwas zu erzählen hatte. Ich war ungefähr acht Jahre alt, hatte blonde, meist geflochtene Zöpfe und eine Menge Sommersprossen. Ich saß in der Kirche zwischen meinem Bruder Peter und meiner Mutter. Mein Blick blieb auf dem großen Tannenbaum haften, der in der Nähe des Altares stand. Ich konnte mich kaum noch auf die Worte des Pfarrers konzentrieren, denn in Gedanken sah ich unseren bunt geschmückten Tannenbaum mit den herrlichen Lichtern vor mir, in den Ästen das Engelshaar. Doch dann kehrten meine Gedanken wieder zurück zu meinem innigsten Wunsch und ich betete voller Innbrunst für einen Urlaub – und das Wunder wurde wahr. Ein Freund und Arbeitskollege meines Vaters wurde krank und überließ uns eine Woche seine Jägerhütte im Schwarzwald. Unsere Freude war riesengroß.
Peter wollte beinahe sein halbes Zimmerinventar mitnehmen, bevor meine Eltern ihn bremsten. Ich hatte vom Pflaster bis zum Nähzeug alles Wichtige in meinen Koffer gepackt, den ich für die Reise von meiner Oma geschenkt bekommen hatte. Es war zwar ein alter schäbiger Koffer, der sich schon gar nicht mehr richtig schließen ließ, aber es war mein Koffer, meiner! Und ich fuhr damit in Urlaub. Mein eigenes Abenteuer, von dem ich meinen Freundinnen würde erzählen können. Dass für dieses Erlebnis erst jemand krank werden musste, störte mich kaum, wusste ich doch, Herr Kleinschmidt würde schon bald wieder gesund werden. Also konnten wir – ohne schlechtes Gewissen – unseren Urlaub antreten.
Wir fuhren mit unserem alten gelben Opel. Ich sehe jetzt noch den besorgten Blick meines Vaters vor mir, als er mit meiner Mutter über das Auto sprach. Er hatte Angst, dass es diese Fahrt vielleicht nicht mehr schaffen würde, aber er wollte uns auch nicht den Urlaub vermiesen. Also überprüfte er noch einmal den Reifendruck, füllte das Motorenöl nach und schleppte seinen Werkzeugkasten in den Kofferraum – für alle Fälle. Als wir mit Packen fertig waren, war der Kofferraum bis oben hin gefüllt. Mutter hatte viel zu essen mitgenommen, damit wir nichts kaufen mussten. So sparten wir Geld, das sowieso an allen Ecken und Kanten fehlte. Ich wusste das, also hatte ich meinen Weihnachtswunsch auf diesen Urlaub beschränkt – mehr wollte ich gar nicht haben. Mein Bruder war da ausnahmsweise einmal meiner Meinung, obwohl er immer wieder auf dieses aufziehbare Auto zu sprechen kam. Peter war mehr als zwei Jahre älter als ich, aber mindestens genauso aufgeregt.
Und dann war es endlich so weit. Wir fuhren schon ganz früh am Morgen los. Mutter versuchte uns den weiten Weg über mit Spielen zu beschäftigen. Ab und an warf sie meinem Vater ängstliche Blicke zu, wenn er das Radio leiser stellte und allzu interessiert auf das Motorengeräusch achtete. Dann legten wir eine Pause ein und liefen, während sich der Motor abkühlte, ein wenig in der frostigen Gegend umher.
Fast den ganzen Weg über hatte es geschneit, sodass wir kaum voran kamen, aber irgendwann hatte unser altes Auto es doch noch geschafft. Das letzte Stück fuhren wir über einen schmalen Weg in den verschneiten Wald hinein.
Und da war es! Genau wie von Herrn Kleinschmidt im Plan aufgezeichnet. Das Jägerhäuschen! Die Autoreifen versanken im hohen Schnee und wir mussten Otto, so nannten wir den alten Opel, den Rest des Weges schieben.
Das machte uns jedoch nichts aus, denn wir freuten uns auf unser Urlaubshaus, dessen Spitzdach hoch mit Schnee bedeckt war. Es sah aus wie ein Lebkuchenhaus mit Pulverzucker, umsäumt von riesigen Tannen, deren Äste mit dicker klebriger Zuckerwatte umhüllt waren.
Als wir ausstiegen, schlug uns die kalte, würzige Tannenwaldluft entgegen. Es war bitterkalt und wir waren durchgefroren. Wir sehnten das prasselnde Feuer im Kamin herbei, doch zuvor musste Otto erst einmal ausgeladen werden.
Peter und ich liefen um die Wette, denn jeder von uns wollte zuerst seine Fußabdrücke im frischen Schnee hinterlassen. Als Vater die Hütte aufschloss, waren wir sehr gespannt. Es gab nur drei Zimmer, eine Wohnküche und zwei kleine Schlafzimmer.
Die Räume waren trist und kahl, abgesehen von den Rehgeweihen an den Wänden. Ich weiß noch, dass mir die Rehe so furchtbar leid getan haben. Nachdem wir das Auto ausgeladen hatten, versuchte Vater ein Feuer im Kamin zu entfachen, was ihm auch nach einer Weile gelang. In der Hütte gab es keine Elektrizität, doch wir hatten alles, was wir brauchten.
Mutter kochte auf einem Gaskocher und abends spielten wir etwas zusammen, im Gaslaternen- und Kerzenlicht. Ich hatte meine Eltern noch nie so unbeschwert erlebt.
Die ganze Nacht über hatte es durchgeschneit und auf den Sechseckfenstern des Jägerhäuschens hatten sich sternförmige Eiskristalle gebildet. Wenn man durch sie hindurchblickte, wirkte die winterliche Landschaft noch unwirklicher und märchenhafter. Am nächsten Tag erkundeten wir die Gegend und versanken im tiefen Schnee. Gemeinsam bauten wir Schneemänner, jeder einen, und Peter seifte mein Gesicht zum Schluss mit Schnee ein, weil er meinen Schneemann schöner fand als seinen.
Wir hatten vom Förster, auf den wir während unseres Erkundungsganges getroffen waren, die Erlaubnis erhalten, einen kleinen Tannenbaum zu schlagen, und das taten wir dann auch. Vater und Peter schleppten ihn nach Hause. Als wir die kleine Hütte wieder erreichten, waren wir bis zu den Knien nass, sodass wir unsere Kleidung vor dem Kamin trocknen mussten.
Nach dem Essen bastelten wir aus Papier und Popkorn Weihnachtsbaumschmuck und am Heiligen Abend lag für meinen Bruder ein silbernes aufziehbares Auto unter dem kleinen Tannenbaum. Über Peters strahlendes Gesicht vergaß ich ganz meine Puppe auszupacken, die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Wir sangen Weihnachtslieder und mein Bruder und ich trugen Gedichte vor.
In dieser kleinen Hütte, durch deren Ritze der Wind pfiff, ohne Strom und mit nur dem Notdürftigsten ausgestattet, verbrachte ich eine der schönsten Wochen meines Lebens. Nur die Familie, der kleine Tannenbaum und die vier Schneemänner vor der Türe.
Die besten Geschenke nutzen nichts, wenn man seine Zeit nicht mit den Menschen verbringen kann, die man am meisten auf der Welt liebt, denke ich und sehe auf meine Uhr. Jeden Moment wird mein Mann mit unseren Kindern nach Hause kommen und wie jedes Jahr werden die drei behaupten, dass dieser Tannenbaum, den sie ausgesucht haben, der schönste ist, den wir je hatten. Ich lasse sie in dem Glauben, schnuppere den würzigen Tannenbaumduft und denke an das Jägerhäuschen im Wald.
Martina Schneider lebt in Köln, singt, liest und schreibt gerne. Sie hat bereits eine Weihnachtsgeschichte veröffentlicht.
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Auch Engel brauchen manchmal Hilfe
Es war einmal ein blondgelockter Rauschgoldengel. Er stand in der Mitte eines festlich geschmückten Tisches und hörte, wie das nette Ehepaar, das ihn auf dem Christkindlesmarkt gekauft hatte, das Weihnachtszimmer mit den Worten abschloss: „Schön, dass Jan noch an das Christkind und die Engelchen glaubt. Wenn er nächstes Jahr in die Schule kommt, ist dieser Zauber sicher schnell vorbei.“
Obwohl es im Zimmer dunkel war, spendeten die Flügel des Rauschgoldengels so viel schimmerndes Licht, dass er sich gut umsehen konnte. Unter dem festlich geschmückten Tannenbaum schlängelte sich eine Holzeisenbahn. Weitere Päckchen lagen in buntes Papier gehüllt zwischen den Gleisen. Mit einem verzückten Schrei sprang er vom Tisch auf den Boden. Fliegen wie die anderen Weihnachtsengel konnte er nicht, dazu waren seine Rauschgoldflügel viel zu groß und zu schwer. Er inspizierte die Lokomotive, die Güterwagons, den Miniaturbahnhof, den klitzekleinen Bahnhofsvorsteher und die Reisenden mit ihren Koffern, die kaum größer als ein Daumennagel waren. Liebend gern hätte er auch gewusst, was in den Päckchen versteckt war, doch er war ein wohlerzogener Engel: „Die Bescherung ist ja schon morgen“, bremste er seine Neugier. „Solange muss ich wohl noch warten. Aber Hunger und Durst hab ich heute schon. Vielleicht haben die Erwachsenen mir etwas Gutes übrig gelassen.“
An einem Tischbein zog er sich wieder nach oben. „Mmhm! Plätzchen, Lebkuchen! Sogar gebrannte Mandeln sind da!“ Er naschte von allem und wurde noch durstiger. So nippte er an einem roten Saft aus Bechern, die mit Bildern des Christkindlesmarktes verziert waren. „Lecker, lecker, muss ich sagen. Hier bleibe ich!“
Der kleine Engel war viel zu jung und unerfahren, um zu wissen, warum er sich plötzlich so unternehmungslustig fühlte. Obwohl die Eltern nicht mehr viel Glühwein übrig gelassen hatten, genügte es, dem kleinen Engel den ersten kleinen Schwips seines Lebens zu bescheren. Er sprang wieder vom Tisch herab, öffnete nun doch die Päckchen, guckte hinein und verschloss sie mehr schlecht als recht.
„Egal, ist ja nur bis morgen!“, entschuldigte er sich und musste einen Schluckauf niederkämpfen. Übermütig sprang er durchs Zimmer.
Klirr, klirr! Zwei Christbaumkugeln zerbrachen auf dem Parkettboden in viele glitzernde Stücke. Seine großen Flügel hatten sie vom Baum gerissen. Erschrocken hielt er inne. „Wenn rauskommt, was ich gemacht habe“, überlegte er laut, „werde ich zurück in die Schachtel verbannt und darf am Weihnachtsfest nicht teilhaben. Die Scherben müssen weg!“ Mit der breiten Seite seines rechten Flügels schob er die Scherben zusammen und knotete sie in seinen wallenden Rock. Dann kletterte er auf das Fenstersims und zog sich bis zum Fenstergriff hoch. Als er am offenen Fenster hing und die Scherben in den Garten werfen wollte, kam eine Windböe. Er verlor das Gleichgewicht und plumpste tief.
„Aua, Hilfe!“, rief der Engel. „Aua, hört mich jemand?“
Wer sollte zu nachtschlafender Zeit sein zartes Stimmchen hören? „Ich will nicht in der Kälte sterben! Ich habe mich doch so auf das Weihnachtsfest gefreut!“, jammerte der kleine Engel, und dicke Tränen kullerten über seine Wangen. Er bibberte in seinem roten Kleid, durch das der Wind hindurch pfiff.
Plötzlich stand ein kleiner Junge im Schlafanzug vor ihm und rieb sich die verschlafenen Augen. „Wer bist denn du? Was machst du hier draußen? Und warum schreist du so?“
Der Rauschgoldengel drehte sich zu dem Jungen um. „Aua!“, rief er wieder. „Ich glaube, ich habe mir den Flügel gebrochen.“
Der Junge rieb sich nochmals die Augen. „Kommst du aus unserem Wohnzimmer?“, fragte er, als er das offene Fenster sah.
„Ja, ich bin ganz neu bei euch. Wer bist du und wie heißt die Lokomotive auf deinem Schlafanzug?“
„Wir heißen Jan und Thomas. Ich bin schon fünf Jahre alt.“ Dabei hielt er dem Engel seine linke Hand mit allen ausgestreckten Fingern vor die Nase. „Zeig mir mal, wo du verletzt bist.“
Der Engelsflügel hing nur noch an einem kleinen losen Ende am Körper und war eingerissen und geknickt.
„Weißt du, ich glaube, wir müssen ammutieren“, stellte Jan überzeugend fest.
„Was?“, schrie der Engel auf, denn das Wort klang gar nicht gut. „Was müssen wir?“
„Ammutieren. Das sagen die Ärzte im Fernsehen immer, wenn sie ein Bein oder einen Arm abschneiden.“
Vor Schreck fiel der Engel in Ohnmacht. Jan führte seine erste Amputation erfolgreich durch, obwohl er das Wort noch nicht einmal richtig aussprechen konnte. Dann hob er seinen nun einflügeligen Patienten auf, kletterte von außen über das Fensterbrett in das Wohnzimmer und stellte ihn auf den Tisch. Er stieß einen kleinen Schrei aus, als er die Eisenbahn sah, kniff aber die Augen gleich wieder zu:
„Nein, ich habe nichts gesehen!“, verteidigte er sich, kletterte auf dem gleichen Weg wieder zurück in den Garten und tapste mit kalten Füßen in sein kuscheliges Bett.
Er schlief lange am nächsten Morgen und bekam nicht mit, wie die Eltern sich gegenseitig Vorwürfe machten, am Vorabend das Fenster nicht richtig geschlossen zu haben. „Wir werden an Weihnachten sicher nicht streiten!“, beschlossen sie dann aber einmütig.
Als es draußen dämmerig wurde, öffneten sie die Wohnzimmertür und freuten sich mit Jan an dem glänzenden Weihnachtsbaum und dem heimeligen Geruch der brennenden Kerzen.
„Fröhliche Weihnachten!“, wünschten sie sich gegenseitig, umarmten sich und stimmten „Stille Nacht, Heilige Nacht“ an.
Jan musste immerzu auf die schöne Eisenbahn starren und bewegte nur stumm die Lippen. Stattdessen krächzte der wieder zum Leben erwachte, schwer erkältete Rauschgoldengel kräftig mit.
„Na, du klingst ja gar nicht gut“, sagte die Mutter besorgt zu Jan.
Der Engel zwinkerte Jan zu und legte seinen Finger an die Lippen.
„Ach ja“, antwortete Jan und hüstelte ein paar Mal, „kann schon sein.“
„Ich hole gleich die Medizin“, sagte seine Mutter und eilte in die Küche.
Der Vater war in einen dicken Bildband vertieft, sodass Jan dem Engel zuraunen konnte: „Ich singe nie! Singen ist total doof! Aber wegen dir muss ich jetzt die bitteren Tropfen schlucken.“
In den folgenden Jahren zeigte der Rauschgoldengel Jan seine Freundschaft, indem er mit schönster Stimme bei den Weihnachtsliedern mitsang und Jan nur so tun musste, als ob er sang. Das nächtliche Abenteuer blieb tatsächlich ihrer beider Geheimnis.
Viele Jahre später, als Jan gerade seinen Umzug vom Elternhaus in eine eigene Wohnung vorbereitete, hörte er ein zartes Stimmchen rufen: „Hilfe! Nein! Schnell! Zu Hilfe!“ Jan erkannte die Stimme sofort wieder. Er eilte ins Wohnzimmer. Dort sortierte seine Verlobte die Habseligkeiten, die sie in die neue Wohnung mitnehmen wollten, von den Sachen, die zurückblieben.
„Der ist doch schon so alt und schäbig, der muss weg!“, sagte sie, als Jan den Engel wieder aus dem Mülleimer zog.
„Du armer Kleiner, jetzt ist auch noch dein zweiter Flügel kaputt. Tut’s sehr weh?“
„Mit wem redest du da? Du bist überanstrengt. Aber bald haben wir den Umzug überstanden!“, meinte seine Verlobte.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich diesen Engel mitnehmen werde. Mit oder ohne Flügel. Wir sind alte Freunde.“
Kopfschüttelnd willigte sie ein. Dann aber stahl sich ein schelmisches Lächeln auf ihr Gesicht und sie nahm Jans Hand: „Wie wäre es, wenn wir beide dem Engel neue Flügel basteln würden? Dann könnten wir unseren Kindern später einmal ein echtes Familienerbstück zeigen.“
Jan nickte und zwinkerte dem Engel zu: „Dann erzähle ich ihnen eine abenteuerliche Gutenachtgeschichte: Es war einmal ein blondgelockter Rauschgoldengel …“
Claudia Kejwal lebt mit ihrem Mann am Bodensee. Sie studierte in Regensburg und Konstanz Germanistik und Romanistik.
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Elsas Traum vom Weihnachtsbaum
Endlich war es wieder so weit! Elsa, die kleine Elster, krächzte erfreut und breitete ihre Flügel aus. Im Eiltempo flog sie im Schneesturm durch die Stadt, zischte durch die Gassen, wich Laternenpfosten aus und tauchte geschickt unter Lichterketten durch. Dann endlich sah die Elster in der Ferne die Lichter des Weihnachtsmarktes. Elsas Herz schlug schneller. Sie bog um die letzte Kurve und da war er! Der große Weihnachtsbaum!
Prächtig geschmückt stand er inmitten des Weihnachtsmarktes. Elsa landete gekonnt auf einem der geschmückten Zweige und strich bewundernd mit den Flügeln über die glänzenden Kugeln. Es war einfach herrlich, von so vielen funkelnden Dingen umgeben zu sein! Die Elster liebte nämlich alles, was glänzte. In ihrem Nest lagen schon zahlreiche kaputte Schmuckspangen, Kaugummipapiere, Silberfolien und zerbrochene Ketten. „Hier sieht es aus wie auf einer Müllkippe“, hatte Jakob, der Rabe, neulich gesagt. Doch das hatte Elsa nicht gestört. Sollte ihr Freund ruhig schimpfen – Elsa mochte ihre Schätze. Und Elsa mochte den Weihnachtsbaum, der jedes Jahr am ersten Advent vor dem Rathaus aufgestellt wurde.
Auch in diesem Jahr saß sie wieder glücklich in seinen Zweigen. Den Schneesturm, der um sie herumtobte, bemerkte Elsa nicht, so verzückt war sie von den bunten Kugeln und den glänzenden Lichtern. Erst als es dunkel wurde, flog die Elster wieder in ihr Nest zurück.
Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt. Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel. Bestimmt würden die bunten Kugeln bei Sonnenschein besonders schön glänzen! Elsa gluckste erfreut und machte sich auf den Weg zum Weihnachtsmarkt. Doch als sie beim Rathausplatz ankam, war ihre gute Laune auf einen Schlag dahin. Wo gestern noch der herrliche Baum gestanden hatte, war nun ein Durcheinander aus Ästen, Scherben und Splittern. Entsetzt landete die Elster auf einer Straßenlampe.
„Letzte Nacht hat der Sturm die Tanne umgepustet“, rief ein Spatz vom Dach herunter.
„Was für ein Schreck – der Baum ist weg“, fügte ein anderer hinzu und brachte damit die ganze Spatzenschar zum Lachen.
Elsa dagegen war das Lachen gehörig vergangen. Das ganze Jahr über hatte sie sich auf die Zeit im Weihnachtsbaum gefreut und nun lag dieser auf dem Boden, umgeben von zerbrochenen Kugeln! Die kleine Elster schluckte schwer.
„Den Baum könnten wir wieder aufrichten, aber der Weihnachtsschmuck ist kaputt“, sagte in diesem Moment eine Stimme unter der Straßenlaterne.
Elsa äugte hinunter und sah einen Feuerwehrmann und einige Polizisten.
„Ohne Schmuck ist es kein Weihnachtsbaum. Außerdem sind einige Zweige abgebrochen. Er sieht nicht mehr schön aus“, sagte ein Polizist.
„Liegen bleiben kann der Baum so jedenfalls nicht. Er behindert den Verkehr“, stellte ein weiterer Polizist fest.
„Dann rollen wir ihn erst einmal zur Seite und räumen die Scherben weg. Morgen soll ihn ein Lastwagen wegfahren“, beschloss der Feuerwehrmann. Die anderen Männer nickten.
„Aus der Traum vom Weihnachtsbaum“, grölten die Spatzen auf den Dächern. Das war zu viel für Elsa! Mit Tränen in den Augen flog sie nach Hause. Dort schaute Jakob, der Rabe, erstaunt auf. „Du bist schon wieder da?“, fragte er. Elsa nickte traurig und erzählte ihrem Freund die traurige Geschichte vom umgefallenen Baum.
„So ein Jammer“, seufzte Jakob, als Elsa geendet hatte. Dann saßen die zwei Freunde lange Zeit schweigend nebeneinander. Erst als es dunkel wurde, straffte Elsa die Flügel.
„Ich werde jetzt meine Schätze sortieren. Es sind mittlerweile so viele, dass ich kaum noch in meinem Nest sitzen kann“, sagte sie.
„Deine Schätze gehen wenigstens nicht kaputt, wie die doofen Baumkugeln“, antwortete Jakob.
„Genau ... und ...“ Elsa erstarrte. Dann riss sie den Schnabel auf und krächzte so laut, dass Jakob vor Schreck beinahe vom Ast fiel.
„Was hast du denn?“, fuhr er seine Freundin an.
„Ich habe eine Idee, wie wir den Weihnachtsbaum retten können“, gab Elsa geheimnisvoll zurück.
Zusammen mit Jakob flog sie in ihr Nest, das bis zum Rand mit den gesammelten Schätzen gefüllt war.
„So, und das alles bringen wir nun zum Weihnachtsbaum“, sagte Elsa und begann mit ihrem Schnabel Silberketten aufzupicken. Jakob verstand zwar immer noch nicht, was dies alles für einen Sinn hatte, aber weil seine Freundin endlich wieder glücklich aussah, half er ihr. Schwer beladen mit Silberpapier, Ketten, verbogenen Löffeln und allerlei anderem funkelndem Kram landeten die zwei Vögel schließlich auf dem Weihnachtsmarkt. Weil es mittlerweile später Abend geworden war, waren sämtliche Buden geschlossen und der Markt menschenleer. Lediglich der Weihnachtsbaum lag einsam und verlassen vor dem Rathaus.
„Und nun wollen wir ihn schmücken“, krächzte Elsa und begann eifrig damit, Silberpapier und Ketten in den Ästen zu verteilen.
„Du kannst doch keinen Baum schmücken, der auf dem Boden liegt“, sagte Jakob kopfschüttelnd.
„Mir ist es egal, ob der Baum liegt oder steht. Er ist trotzdem ein Weihnachtsbaum“, gab Elsa entschieden zurück und wickelte einen Streifen Silberfolie mit dem Schnabel geschickt um einen Zweig.
Die zwei Vögel zerrten und pickten, hackten und zogen an den Zweigen. Zweimal flogen sie den langen Weg zu Elsas Nest zurück, um neue Schätze zu holen und diese dann über dem Weihnachtsbaum zu verteilen. Erst gegen Mitternacht waren sie mit dem Ergebnis zufrieden.
Am nächsten Morgen wurde Elsa von dicken Schneeflocken geweckt. Sie schüttelte ihre Federn, dass der Schnee nur so nach allen Seiten stob, und flog dann zu Jakobs Nest, um ihren Freund aufzuwecken. In halsbrecherischem Tempo flogen die zwei Freunde kurze Zeit später durch die Gassen und kamen schließlich auf dem Weihnachtsmarkt an. In der Ecke, wo der Weihnachtsbaum lag, herrschte schon reges Gedränge.
„Jakob, schau mal hier sind ja viele Kinder. Was haben sie denn in den Händen?“ Neugierig landete Elsa auf einer Straßenlampe.
„Das ist selbst gebastelter Weihnachtsschmuck. Die Kinder schmücken den Baum“, antwortete ihr Freund.
„Oh ...“ Verzückt beobachtete Elsa, wie unzählige Strohsterne und Hagebuttenzweige, Tannenzapfenmännchen und Wachsengel in die Zweige des Baumes gesteckt wurden. Die Kinder arbeiteten mit Feuereifer, und als der Lastwagen gegen Mittag kam, um den Baum abzuholen, funkelte er so prächtig wie nie zuvor.
„Nanu? Was ist denn hier passiert?“ Der Fahrer des Lastwagens rieb sich die Augen und sah verdutzt auf den geschmückten Baum.
„Über Nacht hat jemand Silberschmuck in den Zweigen verteilt und heute Morgen sind die Kinder auf die Idee gekommen, ihn weiterzuschmücken“, stellte ein Polizist fest.
„Einen so schönen Baum werde ich doch nicht wegschleppen“, sagte der Lastwagenfahrer und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Da hat er recht“, schaltete sich ein Feuerwehrmann ein und schlug dann vor: „Wo wir jetzt schon alle da sind, da können wir den Tannenbaum auch gleich wieder aufstellen.“
So geschah es. Die Tanne wurde an ihren ursprünglichen Platz gestellt und stand dort stolz und prächtig.
„So einen schönen Weihnachtsbaum hatten wir noch nie“, rief ein kleines Mädchen und klatschte entzückt in die Hände.
Auch die anderen Besucher des Weihnachtsmarktes waren zufrieden mit dem neuen, alten Weihnachtsbaum.
Am glücklichsten jedoch war Elsa. Sie schwang sich in die Lüfte, um gleich darauf inmitten der Zweige des Weihnachtsbaums zu landen. Und dort saß sie dann, umringt von alten Löffeln, Silberpapier und selbst gebastelten Sternen und konnte sich keinen schöneren Platz auf der ganzen Welt denken.
Manuela Feiler, Jahrgang 1977, lebt mit Mann und Kind im Schwarzwald. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin arbeitet heute als Büroangestellte in einem Redaktionsbüro und hat bereits mehrere Weihnachtsgeschichten veröffentlicht.
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Kinderkram
Jetzt leuchten sie wieder, die Sterne und Weihnachtsmänner, die sie über die Straße gespannt haben. Was geht’s mich an. Ich werfe einen knappen Blick nach oben, schwinge meine Sporttasche über die Schulter und mache mich auf den Weg zum Training, wie jeden Mittwoch. Ärgere mich nur, dass ich Mütze und Schal tragen muss. Bis zur nächsten Ecke. Dann reiße ich das Zeug herunter. Der Winter ist zu lang, als dass ich das Gewurgel um den Hals ertragen könnte.
Blöd ist, dass wir das Konditionstraining draußen machen. Die kalte Luft brennt in der Lunge. Wenn der Hals kratzt, dann ist jedenfalls das Training schuld. Nicht der Schal. Der fehlende Schal, meine ich. Und dass Schokolade mit rauem Hals nur halb so gut schmeckt, weiß jedes Kind. Ist doch gerade die Zeit für Schokolade. Schokolade und Plätzchenbacken. Haben wir früher auch gemacht. Jetzt habe ich keine Zeit mehr, nachmittags Teig zu stechen. Oder keine Lust. Nenn’ es, wie du willst. Jedenfalls ist Weihnachten was für kleine Kinder, so ist das. Glänzende Augen und Weihnachtsmänner mit Wattebart. Ich glaube daran schon lange nicht mehr. Ich KANN nicht mehr daran glauben, was die Sache irgendwie auch traurig macht.
Mir läuft bereits der Schweiß, da sehe ich plötzlich ein kleines Kind neben der Finnbahn hocken. Es ist schon dunkel. Was macht ein kleines Kind um diese Zeit auf dem Sportplatz? Es kickt einen roten Gummiball, nicht ungeschickt, hin und zurück.
„He“, rufe ich, „Kleines. So spät noch unterwegs?“ Aber es hört nicht. Es ist zu konzentriert und mich ruft mein Trainer: „He, schon müde?“
Müde bin ich allerdings, als ich nach Hause komme. Gerade rechtzeitig zum Weihnachtsbaumschmücken, wie Mama freudig bemerkt. Ja, ich hänge sie noch mit auf, die Rausche-Engel und Strohsterne. Das silberne Lametta. Aber es pikt mich an den Händen, und irgendwann wär’s mir lieber, den Film im Ersten zu schauen. Ich mag es Mama und Papa aber nicht sagen. Sie haben glänzende Augen und denken, ich freu’ mich ebenso. Ja, doch.
„Muss mal kurz aufs Zimmer“, sage ich, als wir bei den Kugeln angelangt sind, und mache auf halbem Weg im Schlafzimmer halt, wo ein zweiter Fernsehapparat steht. Nur kurz hineinlinsen, wie er anfängt, der Film im Ersten.
Ich springe mit gekonntem Schwung auf das breite Bett mitten auf die große Decke. Und spüre zu meiner Überraschung ein kleines Knäuel unter mir. Wir haben keine Katze. Also schaue ich vorsichtshalber nach, was sich dort versteckt haben könnte unter der blauen Decke mit lila Blumen darauf. Das kleine Kind vom Sportplatz. Aha. Aha?
„Sag mal!“, frage ich. „Hast du kein Zuhause?“
Das kleine Kind nimmt keine Notiz von mir. Es hat nicht einmal bemerkt, dass ich auf es draufgehüpft bin. Wohlig eingekuschelt liegt es unter der Decke mit den Blumen und atmet Mamas Geruch, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt.
„He, spinnst du? Raus mit dir!“
Aber es denkt nicht daran. Es schlummert bereits. So einen Schlaf möchte ich haben. Das Kind drücken offenbar keine Träume über verpatzte Klassenarbeiten. Auch gut. Dann gehe ich halt ins Wohnzimmer zurück. Und tschüss.
Sie sind fertig mit dem Schmücken.
„Schön, oder?“, sagt Papa. Das sagt er jedes Jahr, nachdem er fluchend den obersten Stern an die Tanne gefrickelt hat. Ich nicke pflichtbewusst. Zur Feier des Vorabends zünden sie eine Kerze an und spielen das Weihnachtsoratorium von Bach. Diese Musik habe ich immer sehr gemocht, aber jetzt, ich kann nicht anders, denke ich eben doch an den Film im Ersten, und daran, dass er hoffentlich wiederholt wird.
Am nächsten Tag ist es soweit: Warten aufs Christkind. Was geht’s mich an. Als Oma und Opa zur Kaffeezeit und in bestem Zwirn an der Tür erscheinen, wünschte ich, ich wäre aufgeregter. Zumindest wie vor einem guten Spiel. Neben mir auf dem Stuhl sitzt – das kleine Kind! Ich glaub’s nicht. Quartiert sich bei uns ein und denkt, es könne Weihnachten mit uns feiern.
„Und?“, frage ich. „Zufrieden?“
Aber ich muss nicht fragen, ich sehe es ja: Die glänzenden Augen, das Staunen und die Aufregung darüber, dass nachher ein Weihnachtsmann durch den nicht vorhandenen Kamin rutschen wird. Es ist so aufgeregt, dass es seinen Saft verschüttet. Und das dritte Nussplätzchen hat es auch bereits verdrückt. Das ist wahre Freude. Und: Ja, ich beneide es.
Das Kind bleibt für den Rest des Tages. Isst unseren Weihnachtsstollen und latscht Hand in Hand mit Oma den Weg zur Kirche. Dort sitzt es und singt voller Inbrunst die Lieder, die ich fast verlernt habe. Ich kann meinen Blick nicht von ihm lassen.
Aber dann, als wir wieder Zuhause sind, weiß ich nicht mehr, ob es noch da ist oder gegangen. Wohin auch immer. Ich vergesse darauf zu achten. Vergesse es!
Papa zündet die Kerzen am Baum an, und ich betrete das Zimmer. Mein Kopf wird warm, meine Augen – keine Ahnung, wie die aussehen. Egal. Jedenfalls staune ich, wie schön unser Baum ist. Ich reiße das erste Geschenk auf, das zweite, und dann noch ein drittes. Es ist ein roter Gummiball.
Später kuschele ich mich im Schlafzimmer unter die blaue Decke mit den lila Blumen und rieche Mamas Geruch. Ich bin müde. Erhitzt, erschöpft. Wie nach einem guten Spiel. Oder vielleicht besser. Was ist schlecht am Plätzchenbacken, denke ich, dann schlafe ich ein und träume vom Weihnachtsmann, der mit meinem roten Gummiball kickt. Er schießt nicht übel.
Corinna Antelmann, 1969 in Bremen geboren, lebt heute in Linz in Österreich. Seit ihrem künstlerischen Studium – Film, Theater, Literatur, Musik – ist sie vorwiegend als Kino-Drehbuchautorin und Dozentin tätig. Daneben hat sie für verschiedene Produktionsfirmen gearbeitet, aber auch als Dramaturgin für Theaterprojekte. Kurzgeschichten sind in Anthologien erschienen.
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