Kitabı oku: «Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 10»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit

Band 10

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten - Taschenbuchausgabe erschienen 2017.

Titelbild: Heike Georgi

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-582-4 Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-330-9 E-Book

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Inhalt

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Weihnachtliches Vorwort

Vor zehn Jahren haben wir von Papierfresserchens MTM-Verlag den ersten Band „Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland“ herausgegeben. Das war 2008 ... und unser Verlag gerade einmal ein Jahr alt. Im Jahr 2017, unserem zehnjährigen Bestehen, stellen wir nun den zehnten Band „WuWeih“, so wie die Reihe bei uns im Haus nur kurz genannt wird, vor.

Zehn Jahre, zehn Bücher, das sind rund 1982 Seiten wunderschöner weihnachtlicher Geschichten und Gedichte, die nicht nur Kindern, sondern auch vielen erwachsenen Leserinnen und Lesern stets große Freude bereitet haben.

Zehn Jahre, zehn Bücher sind aber auch Hunderte Autorinnen und Autoren, die sich Jahr für Jahr bereits im Hochsommer bei 30 Grad im Schatten mit Weihnachtsgebäck und Nikolaus, mit Engelchen und schneebedeckten Tannenbäumen beschäftigen. Denn: Einsendeschluss für die Beiträge zu unserer Anthologie war in der Regel immer schon am 15. August eines jeden Jahres.

Einige Autorinnen und Autoren sind seit dem ersten Band mit einem Beitrag in unserem Weihnachtsbuch vertreten und oft genug wurden wir in den zurückliegenden Jahren schon kurz nach Erscheinen des letzten Bandes gefragt, wann denn die Ausschreibung für den neuen Band „online“ ginge.

Und keine Sorge, wir werden auch in den kommenden Jahren unsere „WuWeih-Anthologie“ weiterführen und freuen uns schon jetzt auf viele Geschichten und viele neue junge und jung gebliebene Autorinnen und Autoren.

Zehn Jahre, zehn Bücher – und damit setzen wir unsere kleine Statistik gerne weiter fort – sind übrigens genau 492 Märchen, Erzählungen sowie Gedichte. Und es sind zehn wunderschöne Cover, die unsere Illustratorin Heike Georgi seit nunmehr zehn Jahren für uns zeichnet – vom rodelnden Nikolaus im Tiefschnee bis hin zum zufriedenen Weihnachtsmann unterm Tannenbaum hat sie es Jahr für Jahr verstanden, den Zauber der Advents- und Weihnachtszeit in einem tollen Bild einzufangen. Auch das entstand oft genug im Hochsommer bei sehr sommerlichen Temperaturen ...

An dieser Stelle möchten wir uns vom Verlag bei allen bedanken, die zum Gelingen dieser besonderen Buchreihe über die vielen Jahre beigetragen haben. Wir freuen uns auch in Zukunft auf tolle Märchen, Kurzgeschichten, Gedichte, Bilder über die schönste Zeit des Jahres.

In diesem Sinne wünschen wir allen Leserinnen und Lesern dieses zehnten Jubiläumsbandes eine entspannte und sorgenfreie Advents- und Weihnachtszeit und die Muße, sich für einige Zeit mit einer wunderschönen Geschichte aus der Hektik des Alltags in eine Welt voller Poesie zurückziehen zu können.

Herzlichst

Martina und Thorsten Meier

*

Der diebische Weihnachtsmann

Adventszeit, Weihnachtszeit, die schönste Zeit für Max und Mustafa, die unzertrennlichen Freunde, denn wenn irgendwie möglich, stromerten sie nach der Schule über den Weihnachtsmarkt, schauten hier, schauten da und schrieben im Geiste Wunschzettel, obwohl sie wussten, dass die vielen Wünsche niemals in Erfüllung gehen würden. Auch hielten sie schon mal gerne einen Plausch mit dem Weihnachtsmann, der geduldig auf die Kleinen und ihre Begehren einging, wenigstens in den vergangenen Jahren.

„Ich weiß nicht“, meinte Max, „irgendwie gefällt mir der jetzige Weihnachtsmann nicht, wie findest du ihn, Mustafa?“

„Seine Augen, es sind seine Augen, die schauen falsch, selbst wenn er lächelt.“

„Und guck mal, wie missmutig er die Wünsche der Kids aufschreibt. Sollten wir ihn mal unter die Lupe nehmen?“

„Hallo Weihnachtsmann“, sprach Max ihn an, „wie läuft denn dein Geschäft?“

„Macht, dass ihr fortkommt, ihr seid viel zu groß für so einen Unsinn!“

„Du bist aber unfreundlich“, ereiferte sich Max sofort, „das waren deine Vorgänger nicht, sie waren immer sehr höflich, sehr freundlich und gerne zu einem Gespräch bereit. Und was heißt hier Unsinn? Die Kids freuen sich doch alle auf Weihnachten und geben daher ihre Wünsche bei dir ab in der Hoffnung, dass sie erfüllt werden. Und sie sind bestimmt enttäuscht, wenn sie einen missgelaunten Weihnachtsmann antreffen. Wie heißt du eigentlich?“

„Das geht euch gar nichts an, verschwindet, aber schnell, ihr Naseweise, kümmert euch um eure Schularbeiten, denn ihr geht doch noch zur Schule, oder?“

„Darauf sagen wir nichts“, flüsterte Mustafa seinem Freund ins Ohr. „Wir müssen ihn aber im Auge behalten, mit dem Kerl stimmt was nicht, ich wette mein ganzes Geld darauf!“

„Wie viel hast du denn?“, erkundigte sich Max interessiert, da er wusste, dass sein Freund meistens klamm war.

„15 Euro.“

„Krass, aber das kannst du ruhig riskieren, ich bin nämlich der gleichen Meinung. Was schlägst du vor, wie und was sollen wir machen?“

„Wir laufen einfach über den Markt und tun so, als würde er uns nicht mehr interessieren. Dann kehren wir zurück, warten, bis er Schluss macht, und folgen ihm.“

„Super Vorschlag, aber für heute schon zu spät. Wie du weißt, haben wir noch jede Menge Schularbeiten auf, der Meier hat uns wieder damit eingedeckt. Es eilt ja auch nicht, wir verschieben die Observation, wie es immer in den Krimis heißt, auf morgen. Aber dass er uns seinen Namen nicht genannt hat, muss einen Grund haben.“

Damit machten sich die beiden Freunde auf den Heimweg, um sich den Hausaufgaben zu widmen, was natürlich nicht so spannend war, wie den falschen Weihnachtsmann zu überwachen.

Am anderen Tag schlug Max auf dem Heimweg von der Schule seinem Freund vor: „Zuerst erledigen wir unsere Schularbeiten, dann machen wir uns auf den Weg zum Weihnachtsmann ohne Namen und beobachten ihn.“

„Gute Idee, sagen wir 16:30 Uhr, aber wir schleichen uns so an, dass der Typ uns nicht sieht.“

Gesagt, getan, es war fast schon dunkel, als Max und Mustafa sich trafen. Ohne wie sonst über den Markt zu bummeln, gingen sie schnurstracks in Richtung Weihnachtsmann, der noch missmutiger aussah als gestern. In sicherer Entfernung und gut versteckt warteten sie geduldig, bis er sein dickes Buch zuklappte und sich auf den Weg machte.

Sofort nahmen sie die Verfolgung auf und trauten ihren Augen nicht, als sie sahen, wie der Weihnachtsmann offensichtlich versuchte, an die Geldbeutel der Besucher zu gelangen.

„Vorsicht, Diebe!“, riefen sie im Duett, als sie beobachteten, wie er ein Portemonnaie aus der Hosentasche eines Besuchers ziehen wollte, versteckten sich aber sofort wieder, denn sie sollten ja nicht entdeckt werden.

Und was sagte der Weihnachtsmann? „Ich wollte Ihnen nur zeigen, wie gefährlich es ist, das Portemonnaie so offen zu tragen.“

Der Mann bedankte sich und steckte sein Portemonnaie nun in die Jackentasche. Der Weihnachtsmann aber schaute sich suchend um, ahnte er doch, dass die beiden Freunde ihm das Geschäft vermiest hatten. Er konnte sie jedoch nirgends entdecken und verließ verärgert den Weihnachtsmarkt.

„Siehst du, Mustafa, hatten wir doch recht, der Weihnachtsmann ist falsch, er will nur die Besucher beklauen. Und das wird er wieder versuchen, wir müssen ihm auf den Fersen bleiben. Doch jetzt lass uns nach Hause gehen, sonst kriegen wir Ärger, ist ja schon ganz dunkel.“

Als Max am anderen Morgen zum Frühstück kam, wie immer auf die letzte Minute, hatte sein Vater bereits die Zeitung aufgeschlagen.

„Hört mal, was ich gerade gelesen habe“, meinte er zu seiner Frau und Max. „Dieses Jahr sind die Diebstähle auf dem Weihnachtsmarkt bedeutend zahlreicher als im vergangenen.“

„Klaro“, bestätigte Max, „Mustafa und ich kennen auch den Dieb. Es ist der Weihnachtsmann.“

„Wie kommt ihr denn darauf?“

„Nun, wir beide haben vorgestern beim Besuch des Weihnachtsmarktes festgestellt, dass der Weihnachtsmann falsch ist, ihn daher gestern beobachtet und gesehen, wie er versuchte, einem Mann seine Geldbörse aus der Hosentasche zu ziehen. Als wir dann aber Vorsicht, Diebe riefen, hat er frech behauptet, dass er den Besucher lediglich darauf aufmerksam machen wollte, wie leichtsinnig und gefährlich es doch sei, das Portemonnaie in die hintere Hosentasche zu stecken.“

„Wenn dem so ist, müsst ihr das der Polizei melden“, entgegnete sein Vater.

„Das können wir sofort tun!“, rief Max ganz begeistert aus, hoffte er doch, dadurch erst später in die Schule zu kommen.

„Nein, nein, mein Freundchen, das hat Zeit bis nach der Schule, denn der Bursche wird erst im Dunkeln auf die Pirsch gehen, tagsüber muss er doch Wunschzettel ausschreiben, ob er will oder nicht.“

Auf dem Weg in die Schule erzählte Max seinem Freund, was in der Zeitung gestanden und dass sein Vater gesagt hätte, sie sollten nach der Schule zur Polizei gehen.

Sie konnten es daher gar nicht erwarten, bis die Schule endlich aus war, und marschierten dann umgehend zur Polizei und erzählten, was sie beobachtet hatten.

„Das habt ihr zwar gut gemacht, aber es war auch nicht ganz ungefährlich. Wer weiß, was der Typ mit euch gemacht hätte, wenn ihr ihm in die Hände gefallen wärt.“

Zwei Polizisten in Zivil machten sich auf den Weg und behielten den Weihnachtsmann im Auge, der sofort bei Einbruch der Dunkelheit mit seiner „Arbeit“ begann. Nur hatte er Pech, zwei Versuche scheiterten, der dritte gelang zwar, doch gehörte das Portemonnaie einem der Polizisten!

Er wurde sofort festgenommen und auf der Wache stellte sich heraus, dass er schon lange gesucht wurde. Er war nämlich nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt tätig, sondern auch bei Wohnungseinbrüchen, was ihm anhand der gefundenen Fingerabdrücke nachgewiesen werden konnte.

Und in der Zeitung war zu lesen, dass aufgrund eines Hinweises von zwei aufgeweckten Jungen diese Festnahme möglich gewesen sei. Aber wer hätte auch sonst auf die Idee kommen sollen, dass der Weihnachtsmann ein Dieb war?

Renate Hemsen

*

Wundervolle Weihnacht

Hell erglühende Kerzen

erwärmen die Herzen.

In der Ferne

am Himmelszelt erstrahlende Sterne

erleuchten die dunkle Nacht.

Ein mächtiger Schutzengel über uns wacht.

Vom Himmel schneit es Wunder und Glück.

Die Welt ist entzückt.

Befreit von großen Sorgen

geht es in den Weihnachtsmorgen.

Oh, du wunderbare Weihnachtszeit!

Wir sind alle für dich bereit.

Herrlicher Weihnachtsduft

erfüllt die kalte Winterluft

und ein prächtiger Weihnachtsbaum

schmückt den wohligen Raum.

Labet euch mit knusprigem Gebäck,

während das Christkind unterwegs ist mit seinem Gepäck.

Stimmet alle ein zum frohen Lobgesang,

damit die Festlieder erklingen die ganze Erde entlang.

Fröhliche Weihnachten! Merry Christmas! Joyeux Noël!

Juliane Barth, Pseudonym: Sacrydecs, Jg. 1982, lebt im Südwesten Deutschlands. Schreibt als Hobby seit jeher sehr gerne, insbesondere Sachtexte und Lyrik. Widmet sich bevorzugt gesellschaftskritischen Themen. Veröffentlichungen in Anthologien: sacrydecs.de.to

*

Kling, Glöckchen, kling!

Oh je – es ist Anfang September und in den nächsten Tagen halten die Schokoladennikoläuse wieder in den Regalen der Supermärkte ihren glorreichen Einzug.

Jetzt stehe auch ich in den Startlöchern und überlege fieberhaft, wie ich in diesem Jahr meinen Weihnachtsbaum bestücken möchte. Die Deko-Industrie wird wieder neue Vorschläge und Farben bereithalten für alle, die Jahr für Jahr dem aktuellen Trend folgen möchten. Zeit für mich, auf dem Dachboden nach alten Schätzen zu suchen.

In der Ecke hinten links habe ich alles deponiert, was zum Fest der Liebe gehört. Ganz, ganz hinten lugt das Plüschschaukelpferd meines Jüngsten hervor. Es hat einen zerrupften Schweif und die blonde Mähne ist spärlich. Man sieht ihm deutlich an, dass es oft hingebungsvoll gestriegelt und geliebt wurde. Schon dreißig Jahre lang überlegen wir immer wieder vor Weihnachten, es wegzugeben.

Daneben steht der alte Kaufladen, der vor Jahrzehnten für meine kleine Tochter hergerichtet worden ist. Sogar ihre Großmutter hatte schon damit gespielt. Die große Puppenküche mit dem detailgetreuen Herd, die sich schon seit vier Generationen im Familienbesitz befindet, streife ich mit einem sehnsuchtsvollen Blick. Wie habe ich es geliebt, damit zu spielen! Mit Wasser und Mehl rührte ich meine berühmten Puppenküchenkuchen, fest wie Kleister, zusammen. Mutti konnte mein Werk danach aus den zahlreichen Schüsselchen und Töpfchen nur mit Mühe entfernen.

Anfang Februar verschwanden Kaufladen und Puppenküche auf dem Dachboden und Spielsachen für draußen wurden herbeigeräumt. Ein alter Kreisel, dessen Farbe abgeblättert ist, erinnert zusammen mit dem Säckchen Murmeln an glückliche Kindertage und Spiele im Freien. Dann fällt mein Blick auf einen großen Karton, der mit einer ungelenken Kinderschrift das Wort Eisenbahn trägt. Für unseren Kleinen bastelten wir damals schon viele Wochen vor dem Fest neue Tannenbäumchen aus Thujaspitzen, setzten sie in einen Sockel aus Knete und klebten neue Eisenbahnhäuschen zusammen.

In einer großen bunten Tüte finde ich einen völlig abgeliebten Teddy. Wie oft half er, Tränen zu verhindern, zu lachen und zu trösten. Eine Puppe aus Celluloid, deren Haare durch das viele Frisieren nur noch recht spärlich auf dem Kopf vorhanden sind, leistet ihm Gesellschaft. Ich glaube, ihn stört ihr Aussehen nicht.

Von den vielen Erinnerungen und nostalgischen Gefühlen getrieben, schaue ich in die Kiste mit den Adventsdeckchen, Girlanden, Nikolausstiefeln aus Keramik, den Bozner Engeln und der Weihnachtspyramide. Jedes Stück wurde damals mit Bedacht angeschafft und immer liebevoll wie kostbares Gut behandelt und aufbewahrt.

Jetzt bin ich mir ganz sicher: Der alte Christbaumschmuck soll auch in diesem Jahr wieder unseren Baum zieren. Ich stelle mich gegen die Modetrends, was die Farben betrifft. Unsere Kinder und Enkel werden den Baum – wie in all den Jahren zuvor – wieder mit leuchtenden Augen bewundern und lieben.

Christine Leitl wurde 1948 in der Barbarossastadt Gelnhausen in Hessen geboren. Sie ist gelernte Handelsfachwirtin und absolvierte später ein Fernstudium zur Tourismusreferentin. Heute lebt sie in Mittelfranken, hat zwei erwachsene Kinder und drei Enkelkinder. Neben dem Schreiben gehören Tennis spielen, Rad fahren, Wandern und Reisen zu ihren Hobbys. Früher hatte sie zwei Pferde und ist als selbstständige Reiseveranstalterin mit Gruppen durch Europa gereist.

*

Weihnachtswichtelspuren im Schnee?

„Wildschwein!!!“, schreit Max. Als ob der Rest der Familie ihn nicht verstehen würde, wenn er in normaler Lautstärke spräche. Dabei stehen alle eng zusammen im Kreis: der ältere Bruder Max, Mama, Papa und die Zwillingsschwestern Veronika und Sophia. Die beiden achtjährigen Mädchen sehen genau gleich aus mit dem rundlichen Gesicht, der Knödelnase und den feinen blonden Haarsträhnen, die immer wieder unter ihren blauen Strickmützen hervorrutschen.

Die Familie steht auf einem Feld am Waldrand, mitten im Königsdorfer Moor, und starrt auf den watteweißen Neuschnee. Dort hat Sophia mit einem Holzstecken Spuren gezeichnet. Das gehört zum Spiel, welches diese Winterwanderung zwei Tage nach Weihnachten doch noch unterhaltsam macht – obwohl sie mit einem lang gezogenen Gesicht losgestapft ist. Denn Spaziergänge findet Sophia normalerweise gähnend langweilig. Zum Glück hat ihre Mutter Bilder von Tierspuren aus dem Internet ausgedruckt. Wenn jemand die Zeichenkünste des Malers richtig deutet, erhält er einen Punkt, genauso wie der Zeichner selbst. Kommt keiner drauf, gehen alle leer aus. Sophia weiß, dass sie die Spuren eigentlich viel zu groß gemalt hat. Also bohrt sie mit dem Stecken lauter kleine Punkte in den Schnee, zeichnet eine Lupe daneben und einen Strich zu der zuerst gemalten Spur, damit die anderen verstehen, dass es sich dabei um eine Vergrößerung handelt.

„Das sieht ja jetzt ganz anders aus!“, beschwert sich Max.

„Maus?“, rät Veronika.

Sophia nickt heftig. „Ja, Spitzmaus“, freut sie sich und klatscht begeistert in die Hände.

„Dann geht ein Punkt an Veronika und einer an Sophia. Max liegt jetzt nur noch mit einem Punkt Vorsprung vor den beiden in Führung“, fasst Papa zusammen und übernimmt als Nächster das Zeichnen. Die Spur erkennt Sophia sofort: Die beiden Vorderpfoten sind nebeneinander und etwas länger, die hinteren immer auf einer Linie. Sie will gerade „Feldhase“ sagen, als ein anderes Muster im Schnee ihre Aufmerksamkeit fesselt.

Die Spuren laufen hinter ihr vorbei in Richtung Wald. Aber sie sind von einer etwa erwachsenenhandbreiten Furche, die sich schlangenförmig dahinschlängelt, fast vollständig zerstört. Tief über den Schnee gebeugt, folgt Sophia der Spur zwei Schritte – bis sie einen Abdruck findet, der noch heil ist. Der längliche Fuß sieht vorne flach gedrückt aus wie ein Teller. Aber eine Entenplatsche sieht anders aus. Was ist das?

„Sophia, wir gehen weiter!“, hört sie ihre Mutter rufen.

„Nein, schaut mal her! Da ist eine ganz komische Spur.“

Wenig später starren alle neugierig auf Sophias Entdeckung.

„Mhm ... sieht aus wie ein Schlitten mit einer breiten Kufe“, meint Max. „Aber das Zugtier scheint betrunken zu sein, so wie das hin und her wackelt.“

„Vielleicht zieht ein Fuchs einen Koboldschlitten oder der Weihnachtswichtel fährt damit“, schlägt Mama vor.

Max lacht auf. „Genau, ein weißer Schlitten mit schmiedeeisernen Schnörkeln und goldenen Mustern. Oben liegt das weiße Minifell eines Schneehasen. Und darauf thront der Oberweihnachtswichtel in einem roten Mantel und schwingt die Peitsche.“

„So ein Blödsinn. Die Spuren passen nicht zu einem Fuchs – die hat Veronika doch vorhin gemalt“, sagt Sophia. „Mama, kann ich mal die restlichen Karten haben?“

Gemeinsam vergleichen sie alle Spuren mit der im Schnee. Aber keine ähnelt ihr auch nur annähernd.

„Lasst uns doch der Spur nachgehen“, schlägt Sophia vor und drückt fest die Daumen, dass Mama und Papa Ja sagen.

„Eigentlich sollte ich langsam kochen. Ihr wisst, mittags kommen Oma und Opa zum Essen zu Besuch. Das Hähnchen und das Gemüse müssen lange im Ofen garen“, erwidert Mama.

„Bitte“, bettelt nun auch Veronika.

„Okay, wir können der Spur noch ein Stück nachgehen. Aber in einer halben Stunde müssen wir spätestens umkehren“, beschließt die Mutter.

Wenig später stapfen die fünf vorsichtig hintereinander neben der Spur durch den Schnee, denn sie wollen diese auf keinen Fall zerstören. Sie überqueren das Feld und folgen den Fußabdrücken dann in den Wald hinein.

„Aua!“, ruft Mama. „So ein blöder Weg!“

Konzentriert klettert Sophia zwischen zwei Ästen einer Fichte hindurch ihrer Mama hinterher. Die Bäume stehen so dicht, dass sie nur schwer vorankommen.

„Sieht irgendjemand noch die Spur?“, fragt Papa.

Alle schütteln den Kopf.

„Also, ich bin dafür, dass wir umkehren“, wirft Mama ein.

„Nein!“, schreien Sophia und Veronika zusammen.

Sophias Kehle schnürt sich zu – auf keinen Fall will sie jetzt schon aufgeben. „Wahrscheinlich haben wir die Spur selbst zerstört, weil wir nicht richtig aufgepasst haben. Weil ihr immer so schnell vorprescht. Veronika und ich wollten doch vorgehen“, mault sie.

„Ein bisschen ein anderer Ton, Fräulein! Und jetzt keine Diskussionen mehr. Wir gehen zurück“, schimpft Mama. Sophia kullert eine Träne über die Wange.

„Wisst ihr was, wir fotografieren die Spur auf dem Feld. Und dann gehen wir morgen zu einem Förster und fragen ihn einfach, von welchem Tier sie stammt. Einverstanden?“, schlägt Papa vor.

„Ich hab was gesehen!“, schreit Veronika in diesem Moment. „Da ist was gehuscht! Was Braunes ... wie ein Bär.“

Sophias Herz pocht schneller. Hibbelig tänzelt sie von einem Fuß auf den anderen. Sie wollte schon immer mal einen Bären sehen – in freier Wildbahn, nicht nur im Zoo.

„Aber ein Bär, der ist doch viel zu groß für diese Spuren“, widerspricht Mama.

„Vielleicht ein Babybär“, schlägt Sophia vor. „Wo genau hast du ihn denn gesehen?“ Sie dreht sich zu Veronika um.

„Und was soll der hinterherziehen?“, fragt Max.

„Vielleicht hat er zu Weihnachten etwas geschenkt bekommen – eine Kuscheldecke zum Beispiel“, schlägt Sophia vor.

„Quatsch!“, sagt Max. „Außerdem gibt es keine Bären in Königsdorf. Der einzige Bär in Bayern war Bruno – und den haben sie erschossen“, fügt er rechthaberisch hinzu.

„Aber wir können doch trotzdem mal in die Richtung gehen, wo Veronika den Bären gesehen hat“, bittet Sophia.

„Zehn Minuten. Und dann möchte ich kein Gejammer hören, wenn wir zurückgehen“, gibt der Papa klar vor.

Sophia ist hochkonzentriert, als sie mit Veronika an der Spitze vorausläuft. Sie schaut in alle Richtungen, um auf keinen Fall etwas zu übersehen.

Neben dem Knacken der Äste und dem Knirschen des Schnees unter ihren Füßen hört Sophia nun noch ein weiteres Geräusch: ein leises Glucksen. Wenig später stehen die fünf an einem Bach. Ein riesiger Haufen Äste liegt darin und staut das Wasser auf. Sophia geht in die Hocke, um die Konstruktion genauer zu betrachten. Zwischen den feinen Ästen stecken auch Steine und Schlamm.

„Ui, wir haben die Weihnachtswichtelhöhle gefunden“, grinst Papa, sodass sich dicke Grübchen in seine Backen graben.

„Aber das ist doch im Wasser. Die Wichtel würden nass werden und frieren“, überlegt Sophia.

„Vielleicht sind es ja Wasserwichtel“, sagt Max.

„Schaut mal“, flüstert Papa und zeigt auf das gegenüberliegende Ufer.

Sophia hält den Atem an. Aus dem Wald läuft ein braunes Tier mit einem breiten, flachen Schwanz. Es flutscht auf dem Bauch wie auf einer Schneerutsche das Ufer hinunter und taucht unter den Ästehaufen. Vor Erstaunen bleibt Sophias Mund offen stehen.

„Ein Biber!“, rufen die Geschwister gleichzeitig. Kein Wichtelschlitten zog die Schleifspur, sondern der Schwanz des Bibers.

„Jetzt müssen wir aber wirklich heim“, erinnert Mama sie.

„Erzählst du uns bitte etwas über Biber, Papa?“, fragt Sophia.

„Ich suche etwas über Biber im Internet und das lesen wir dann zusammen“, verspricht er. Sophia und Veronika lächeln und freuen sich jetzt auf das Mittagessen. Inzwischen haben sie nämlich einen Bärenhunger.

Andrea Bannert ist Wissenschaftsjournalistin, Autorin und Sprecherin. Sie schreibt gerne über verborgene Welten – manchmal der Fantasie entsprungen, manchmal real.

*

Sein schönstes Weihnachtsgeschenk

Der stahlgraue Himmel drückte wie eine schwere Decke auf die Stadt. Er hörte die Glocken der St.-Annen-Kirche zum Gottesdienst läuten. Jeder Glockenschlag erinnerte ihn: Er würde zu spät kommen.

Katharina würde vor Wut schäumen. Ganz gleich, ob er das Geschenk, das sie sich sehnlichst wünschte, in der Tasche seines Mantels trug. Der Ring mit dem blauen Stein, einem richtigen Klunker, hatte ihn nicht nur ein kleines Vermögen gekostet. Aber Katharina war eine Frau, die Geschenke dieser Art erwartete. Schließlich feierten sie bereits das dritte Weihnachtsfest zusammen.

Aus einer Laune heraus – welcher Teufel ihn dabei geritten hatte, war ihm bis heute schleierhaft – hatte er ihr zusätzlich einen in allen Regenbogenfarben schillernden Kaschmirschal wenige Tage später gekauft. Er war ihm sofort ins Auge gefallen, als er Katharina auf einem ihrer zahlreichen Einkaufsbummel begleitet hatte, brachte er doch die Farbe und Heiterkeit in die trübe Jahreszeit, nach denen er selbst so lechzte. Er hatte sich vorgestellt, wie Katharina den Schal auf einem langen Winterspaziergang zu ihrem dunklen, eleganten Mantel trug. Erst zu Hause war ihm bewusst geworden, dass Katharina weder Spaziergänge noch Farbe liebte. Sehr wahrscheinlich traf der Schal nicht ihren Geschmack, dachte er freudlos. Katharina liebte es dezent, zurückhaltend, nicht auffällig. Eine Ausnahme machte sie lediglich beim Schmuck.

Hundert Meter bis zur Kirche – unter normalen Umständen keine Entfernung. Aber vor zwei Stunden hatte ein Eisregen die Stadt in eine einzige Schlitterbahn verwandelt, den Straßenverkehr lahmgelegt. Sein Vorschlag, direkt zur Weihnachtsfeier in das Haus ihrer Eltern zu kommen (dorthin konnte er relativ bequem mit der Bahn gelangen), war bei Katharina auf taube Ohren gestoßen. Er MÜSSE zur Kirche kommen, sie könne dorthin unmöglich ohne Begleitung gehen. All ihre Freunde, Bekannten seien dort. Ihre Familie. Was sollten sie denken? Außerdem hätte er es ihr VERSPROCHEN. Sie hatte getobt, als wäre es ein Kapitalverbrechen, Heiligabend nicht mit in die Kirche zu gehen.

Er war eine Person, auf die sich jedermann verließ. Katharina bildete darin keine Ausnahme.

Konzentriert, eine Schrittlänge abschätzend, warf er seinen Handschuh auf den gefrorenen Boden. Er trat auf das Stück Leder am Boden, um den nächsten Schritt zu gehen, rang um Gleichgewicht, fing sich. Und danach: Handschuh aufheben – werfen – Schritt. Immer wieder, unzählige Male das mühsame Prozedere von vorne. Zu quälender Langsamkeit verdammt, fühlte er sich wie in einem Albtraum gefangen, in dem er zu flüchten versuchte und nicht von der Stelle kam.

Warum hatte er sich bloß überreden lassen? Er bereute es längst. Schritt um Schritt, Meter um Meter kämpfte er sich vorwärts, während die Glocken weiterhin läuteten. Mit jedem Ton blieb ihm die Hoffnung erhalten, er könne es vielleicht noch schaffen. Läuteten Weihnachtsglocken nicht unendlich lang?

Nun die Straße: eine besondere Herausforderung. Das Kopfsteinpflaster war heimtückisch. Jeder der Steine war von einem buckligen Eispanzer überzogen. Für einen aberwitzigen Moment überlegte er, dass es das Beste wäre, auf allen vieren über die Straße zu kriechen – eine Methode, um sich dem Ziel schneller zu nähern. Er trug einen dunklen, teuren Anzug, darüber den schwarzen Wintermantel. Er verwarf den Gedanken so schnell, wie er gekommen war. Noch etwa zehnmal, rechnete er im Stillen, müsste er das Spiel mit dem Handschuh veranstalten, um die Straße zu überqueren. Zum Glück waren kaum Autos unterwegs.

„Könnten Sie ihn bitte schieben?“

Verwirrt blickte er auf, sah in die Richtung, aus der die Stimme kam. Dort stand mitten auf der Fahrbahn, nur wenige Meter von ihm entfernt, eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Neben ihr ein Esel. Tief versunken in Gedanken, seine Augen auf den Boden gerichtet, hatte er die beiden zuvor nicht bemerkt. Die Frau hatte sich auf einem verfilzten knallroten Wollschal auf das Eis der Straße gestellt und zerrte aus Leibeskräften an dem lumpigen Strick, der an das Halfter des Esels geknotet war. Allein das Tier wollte sich nicht von der Stelle rühren, war wie angewachsen auf dem Untergrund.

„Er keilt nicht aus.“ Ihr Gesicht, umrahmt von ungebändigten, dunklen Locken, war vor Anstrengung oder von der Kälte gerötet. Ihren Atem, der stoßweise ging, konnte er sehen: Vor ihrem Mund bildeten sich Wölkchen.

„Bildschön“, schoss es ihm durch den Kopf. „Wie ein wilder, schwarzhaariger Engel.“ Er starrte die junge Frau wie hypnotisiert an, als wäre sie eine überirdische Erscheinung.

„Bitte! Schieben Sie ihn über das Eis. Tun Sie mir den Gefallen. Er muss von der Straße.“

Jetzt sah er das dunkle, fast schwarze Braun ihrer Augen, in denen ein Bitten lag.

Mit Mühe löste er sich aus seiner Starre, vergaß prompt, seinen Handschuh zu werfen, machte zwei ungelenke Schritte auf die Straße. Es war rutschig wie auf einer Schlittschuhbahn oder schlimmer. Er erinnerte sich an seinen Handschuh, bemühte das Stück Leder abermals. Als er sicher stand, schob er das Tier am Hinterteil, während sie gleichzeitig zog. Der Esel selbst tat keinen einzigen Schritt, dennoch bewegte er sich vorwärts. Zentimeter für Zentimeter rutschte er über die Straße, im Zeitlupentempo gelangten sie mit dem Tier auf den Gehweg, lachten gemeinsam befreit auf.

Das Ungewöhnlichste, was ihm seit langer Zeit widerfahren war. Während sie den schmutzigen Schal in die ausgebeulte Tasche ihres viel zu großen Mantels stopfte, lächelte sie ihn voller Dankbarkeit an. Das Kleidungsstück sah furchtbar schäbig aus, bemerkte er jetzt erst, genauso wie ihre Schuhe und die zerschlissene Hose. Sein Blick wanderte zu ihrem Gesicht. Er sah eine verblichene Narbe an ihrem Kinn und fragte sich kurz, woher sie rühren mochte.

Sie blickte ihn mit diesen unglaublichen Augen direkt an, als wartete sie auf eine Reaktion von ihm, bis er schließlich den Blick von ihr abwenden musste. Am Himmel zeigte sich über ihnen ein kleines Stück Blau. Gleichzeitig fiel ihm die Stille auf, die sich über die Großstadt gelegt hatte. Eine friedvolle Stille – ungewohnt und feierlich zugleich. Erst dann bemerkte er, dass die Kirchturmglocken verstummt waren. Es bedeutete, er war zu spät.

Er hatte es vermasselt.

Seltsamerweise fühlte er keine Reue. Dass er in der Kirche nichts verpasste, dessen war er sich sicher. Hier hingegen – diesen Moment würde ihm niemand nehmen können. Er fühlte sich ungewöhnlich gut an.

„Ich danke Ihnen. Sie haben mir sehr geholfen.“ Die Frau schenkte ihm ein süßes Lächeln. Dabei offenbarte sie eine kleine Lücke in der oberen Zahnreihe, die ihr etwas erfrischend Jugendliches, etwas nicht Perfektes gab. „Sie sind bestimmt auf dem Weg zu einer Feier. Fröhliche Weihnachten!“

Plötzlich durchzuckte ihn der Gedanke wie ein Blitz. Eine hervorragende Idee. Mit dem Gefühl der tiefen Überzeugung zog er den in rotes Seidenpapier eingeschlagenen Schal aus der Tasche und reichte ihn ihr.

„Fröhliche Weihnachten!“ Er beobachtete sie genau: ihr erstauntes Gesicht, die unbekümmerte Neugier. Wie sich ihr Gesichtsausdruck in ehrliche Freude, wie er sie sonst nur von Kindern kannte, verwandelte, als sie das Päckchen ausgewickelt hatte. Kein bisschen gekünstelt oder berechnend.

Im Überschwang, nichts anderes konnte es sein, bedankte sie sich mit einer festen Umarmung. „Danke schön!“

Es war wie ein Sonnenstrahl an diesem kalten Wintertag, der sich den Weg direkt zu seinem Herzen bahnte.

Sein schönstes Weihnachtsgeschenk seit Jahren.

Bettina Schneider: 1968 in Berlin geboren, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit. Sie schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen, einige davon sind veröffentlicht. Hobbys: Lesen, Schreiben, Tagebuchschreiben, Spaziergänge und Joggen.

*

Der Weihnachtskarpfen

Der Max verbringt fast jeden Sommer,

genau geplant auf Punkt und Komma,

beim Huberbauer auf der Alm,

tauscht gegen Bergesluft den Qualm

der Stadtluft, die ihn sonst umgibt.

Der Bauer seinerseits, der liebt

und schätzt den Max auch als Person

und bringt, Sie ahnen es wohl schon,

dem Max was mit, so Zeit er hat,

ist ab und zu er in der Stadt.

Und diesmal bringt in einem Zuber

dem Max zuliebe der Herr Huber

als Gabe einen frischen Fisch

zum Festschmaus für den Weihnachtstisch.

Damit er frisch bleibt bis zum Fest,

ist er lebendig noch. Der Rest –

das Köpfen, Schuppen, Filetieren –

das wäre dann noch auszuführen.

Herr Huber geht. Der Max bleibt stumm.

Den Karpfen siedelt er schnell um

ins Badezimmer zu der Tanne.

Bald schwimmt der Karpfen in der Wanne

ganz ohne Scheu und unverdrossen

und fächelt sachte mit den Flossen

und sieht den Max voll Neugier an.

Der tauft ihn Kuno ganz spontan.

Alsbald der Max zu Liese spricht:

„Was lieb mich anschaut, töt’ ich nicht!“

Worauf ihn Liese, die Max kennt,

Kuno, den Unkillbaren nennt.

Auch ihr gefällt der Fisch so gut,

dass sie ihm nichts zuleide tut.

Doch wollen sie’s nicht übertreiben,

er kann nicht in der Wanne bleiben,

wenn auch ein hübsches Exemplar,

so viel ist Max und Liese klar.

So kommt’s, dass in der Heil’gen Nacht

Max heimlich auf den Weg sich macht,

zum nahen Park mit Kuno schleicht,

bis er den Ententeich erreicht.

Dort lässt er Kuno schließlich frei.

Doch sind noch lange nicht vorbei

die Skrupel punkto Fleischkonsum.

Wie wär’s mit Vegetariertum?

Am Weihachtstag serviert die Liese

drum Röstkartoffeln mit Gemüse

und abends gibt es dann Fondue

aus Käsebrei. Was dachten Sie?

Aus dem Zyklus „Max Mustermann und Lieschen Müller“

Franziska Bauer lebt in Großhöflein in Österreich.

*

Der Igel und die kleine Tanne

Es war einmal vor langer, langer Zeit, als die Tiere noch nicht so lange auf der Erde waren. Manche hatten zwei Beine, manche vier. Manche konnten nur kriechen, hüpfen oder nur schwimmen. Aber die auf der Erde auf dem Boden herumliefen, sahen einander alle ziemlich ähnlich. Die meisten waren still und friedlich und fürchteten sich vor den großen Menschen.

Natürlich hatte jedes Tier seine Eigenart oder Vorliebe. Die einen lebten gern im Wald, pflückten oder pickten Beeren, die anderen in Feld und Flur fingen Insekten. Einige der Vierbeiner wiederum mochten besonders die Gärten der Menschen, denn hier wuchsen saftiges Obst und knackiges Gemüse und das war leicht zu ergattern.

Es gab dort auch Kinder, die sogar ein Schälchen mit klarem Wasser vor die Haustür stellten. Die Tiere waren bescheiden und freuten sich darüber.

Eines Tages jedoch dachten einige, dass es auch schön wäre, wenn sie sich unterscheiden würden. Sie hatten also den Wunsch, unterschiedlich auszusehen. Bald waren manche schön mit Fell und Federn geschmückt. Der kleine Igel jedoch saß ängstlich unter seinem großen Laubhaufen. Nur in der Abenddämmerung schlich er aus seinem schützenden Versteck hervor, um ein wenig Futter zu suchen. Er schämte sich, weil er noch ganz grau und nackt war.

Einige Tiere machten sich sogar schon über ihn lustig, wenn sie ihn sahen. Sie stupsten ihn mit ihren kalten Nasen an oder kitzelten ihn mit ihren buschigen Schwänzen. Darüber ärgerte sich der Kleine natürlich. Er hatte so gar keine Idee, wie er sich kleiden wollte. Sollte er sich einen Schwanz zulegen oder ein Federkleid? Er wurde sehr traurig, kroch unter seinen feuchtwarmen Laubhügel und weinte.

Schließlich war er so erschöpft, dass er fest einschlief.

Es wurde herbstlich, die Nächte wurden kühler und dann kam der Schnee, der in leisen Flocken auf die Erde fiel. Der kleine Igel wurde müde, kroch in sein Blätterlager und schlief den ganzen Winter.

Im neuen Jahr schaute zaghaft die Sonne durch die Wolken. Als sie eines Tages hell leuchtete, weckte die Wärme ihrer Strahlen den kleinen Igel. Es war Frühling. Er hatte doch tatsächlich die ganze Zeit geschlafen. Er blinzelte in das Licht.

„Wie schön“, dachte er. Gleich spürte er massiven Hunger in seinem kleinen Bäuchlein, weil er doch den Winter über nichts gegessen hatte. Er versuchte, ein paar Schritte zu gehen. Aber er stolperte, stolperte über einen dünnen Zweig, fiel dabei sogar hin und purzelte den Abhang hinter seinem Blätterhaufen hinunter. Dabei bekam er so viel Schwung, dass er rollte und rollte. Er landete in einer kleinen Tanne.

„Steh hier nicht so unnütz rum,“ brummte der Igel unfreundlich.

„Nein, nein, ich bin nicht untätig. Ich wachse. Ich soll im Advent ein Lichterbaum werden. Der Förster schaut jede Woche gewissenhaft nach mir, ob ich auch stolz und gerade bin“, sagte sie und wippte leicht mit ihren Zweigspitzen. „Er nimmt dazu sogar ein Metermaß.“

„So, so. Du pikst aber“, jammerte der kleine Igel, denn es waren lauter Stacheln an seinem Rücken hängen geblieben. Zum Glück hatten sie seine Nase nicht erwischt. Sofort wollte er die Piksdinger wieder herausziehen. Aber er konnte sie mit seinem kurzen Schnäuzchen nicht erreichen. Sollte er die anderen Tiere um Hilfe bitten?

Während er so nachdachte, bemerkte er eine kleine Pfütze auf dem Weg. Gleich ging er dorthin, um sein Spiegelbild zu betrachten. Er drehte seinen Kopf eitel hin und her. Die stacheligen Nadeln störten ihn schon nicht mehr, ja, gefielen ihm immer besser. „Sieht gar nicht so schlecht aus, sieht sogar interessant aus.“ Er beschloss, die Stacheln zu behalten. Und wie wichtig er sich auf einmal fühlte! Jetzt sollte nur einer kommen und ihn ärgern! Er würde sich einfach zu einer stacheligen Kugel drohend zusammenrollen. Er hatte nun gar keine Angst mehr.

Als der Igel nach Hause kam, wurde er von den anderen Tieren bestaunt. Er fand viele Freunde und musste von seinem Abenteuer erzählen.

Gemeinsam mit anderen Tieren erzählt er noch heute spannende Geschichten in seinem wärmenden Laubhaufen, wenn die Tage kürzer und dunkler werden und die Adventszeit naht.

Doris Giesler, geb. in Oberhausen/Rhld., arbeitete als Fremdsprachen-Korrespondentin bei verschiedenen internationalen Industriefirmen. Später in Süddeutschland moderierte sie ehrenamtlich im Klinik-Rundfunk, unterrichtete lernschwache Jugendliche und hielt Lesungen für Kinder. Teilnahme an Schreibwerkstatt. Veröffentlichungen in Anthologien sowie Gedichtbänden. Doris Giesler lebt in Baden-Württemberg.

*

Von Mäusen und Weihnachten

„Danke, Schwester Katharina, Sie können jetzt gehen.“ Elvira steckte Katharina mit ihrer zittrigen, runzeligen Hand fünfzig Euro extra in den Kittel.

„Aber, Frau Geiss, das kann ich unmöglich ...“ Sie kramte das Geld augenblicklich wieder heraus.

„Ist doch bald Weihnachten“, fiel ihr Elvira ins Wort, zwinkerte schelmisch und ging mit unsicheren Schritten voraus in den Flur.

Katharina folgte langsam. Sie nahm ihre Jacke vom Garderobenhaken. „Ja, aber Sie haben doch auch Kinder – und Enkel!“

„Die sind alle weit weg und haben mich wahrscheinlich sowieso schon abgeschrieben.“ Damit schob sie die immer noch protestierende Pflegekraft mit ihrem Rollator zur Tür hinaus. Nachdem diese hinter Katharina ins Schloss gefallen war, ging die alte Dame ins Bett, obwohl es noch nicht mal richtig dunkel war.

In einem Loch nahe der Schrankwand im Wohnzimmer saß die kleine Maus Luci und schniefte herzzerreißend in ein winziges Taschentuch. Daneben saß ihr Bruder Kral. Er legte ihr sein Pfötchen auf die Schulter. „Jetzt beruhige dich doch, dieses Jahr wird sich sicher jemand an unsere Mitbewohnerin Elvira erinnern.“

Luci schaute ihn an. „Und wenn nicht? Letztes Jahr hatten wir das einsamste und traurigste Weihnachten aller Zeiten. Ich möchte das nicht noch mal erleben.“

„Aber Elvira hat uns guten Käse serviert, der war bestimmt aus der Feinkosthandlung im Nachbarhaus.“ Kral grinste und tätschelte seinen Bauch.

Luci ärgerte sich über ihn. Immer dachte er nur an sich selbst. Plötzlich kam ihr eine Idee. „Ich hab’s!“ Ihre Augen begannen zu leuchten.

„Hm?“ Krals Blick wechselte von wonnig zu alarmiert.

„Na, ganz einfach, wir laden ihre Kinder selbst ein!“ Sobald Luci ihren Gedanken formuliert hatte, war sie schon aus dem Loch gesprungen und ...

„Sag mal, spinnst du?“ Mr Chow, ein eleganter Mäuserich mit Brille und Hut, war gerade von seiner Futtersuche aus der Küche zurückgekehrt und Luci rannte ihn vor Übereifer glatt um. Alle seine Besorgungen lagen nun am Boden verstreut herum.

„Mr Chow, es tut mir leid, aber ich muss dringend etwas erledigen!“ Schnell wie der Wind sprang Luci auf Elviras Sekretär.

Kral kam Mr Chow zu Hilfe, um die verstreuten Krümel wieder einzusammeln. Schwester Katharina würde die schönen Speisen sonst einfach mit dem Krachteil aufsaugen.

„Dieses unvorsichtige Ding, was hat sie jetzt schon wieder vor?“ Mr Chow verdrehte die Augen.

„Einladungskarten schreiben. Sehen Sie doch selbst.“ Kral wies auf den etwas entfernten Sekretär, wo sich ein Stift langsam in die Luft erhob, dann jedoch wieder herunterkrachte.

„Aua!“ Lucis Kopf erschien am Tischrand. „Könnte mir mal einer helfen?“ Kral und Mr Chow tauschten einen Blick.

„Ich komme schon.“

Zusammen schafften Kral und Luci es, den Stift in der Senkrechten zu halten und Buchstaben sowohl auf einen Briefumschlag als auch auf ein Blatt zu kritzeln. Zum Glück strahlte eine Straßenlampe zum Fenster herein.

„Etwas mehr links!“ Luci stemmte sich gegen den Kugelschreiber. „Nein, das war zu viel, weiter rechts!“

Kral standen bereits Schweißperlen auf der Stirn.

„Das Blatt ist zu Ende – zurück!“

Nach vielen Pausen hatten sie es endlich geschafft.

Zugegeben, es war keine Sonntagsschrift, die Buchstaben standen weit auseinander und verrutschten manchmal in der Zeile, aber Luci fand sie durchaus lesbar.

„Und wie willst du die Kunstwerke wegschicken? Wir können nicht einfach in die Post spazieren. Außerdem wüsste ich nicht, wo eine ist.“ Kral gähnte.

„Wir brauchen keine Filiale. Elvira hat ein Briefmarkendepot. Gleich in der Nähe irgendwo.“ Luci streckte sich und zog ein paar kleinere Schubladen auf. „Hier!“ Beide Mäuse mussten sich noch ein letztes Mal anstrengen, um die Briefmarken mit ihren kleinen Zungen an jeder Stelle feucht zu bekommen, sodass sie auch kleben blieben. Dann waren die zwei Umschläge endlich fertig. Luci strahlte und prüfte erneut die Adressen.

„Und wer bringt die Einladungen jetzt weg?“ Kral konnte kaum noch die Augen offen halten.

„Ich.“

Beide Mäuse drehten sich um und sahen Mr Chow.

„Sie?“ Luci war verwirrt.

„Habe noch etwas zu erledigen“, knurrte er.

Als einen Tag vor Weihnachten immer noch kein Anruf oder Brief von Elviras Kindern gekommen war, begann Luci, sich Sorgen zu machen. Die kleine Maus quälten bohrende Gedanken. Würden Elviras Kinder trotz Einladung nicht kommen? Hatte Mr Chow die Briefe in den falschen Kasten geworfen? Oder war das Porto etwa zu wenig gewesen? Ihr fiel auf einmal ein, dass die Post es letztens erst wieder erhöht hatte.

Selbst Mr Chow schien seit ein paar Tagen ungewöhnlich rastlos. Luci war sich sicher, dass er ihre Aktion gut fand, sonst hätte er keine Hilfe angeboten. Sie beobachtete wehmütig Kral, der sich einen Spaß daraus machte, zwischen Elviras Beinen hin und her zu sausen, natürlich so, dass er dachte, sie würde es nicht bemerken. Manchmal wünschte sich Luci seine Lebenssicht – er nahm alles, wie es kam, und hatte Spaß dabei.

Luci erwachte am Weihnachtstag durch einen köstlichen Geruch, der ihre Nase kitzelte. Schlaftrunken schielte sie aus dem Mäuseloch und war schlagartig hellwach. Erst traute sie ihren Augen kaum und musste zweimal blinzeln. Ungläubig huschte sie durch die Wohnung. Alles war festlich geschmückt. Auf dem Tisch stand ein kunstvoll gestalteter Kranz aus Tannenzapfen, Zweigen, Holzsternen und einer dicken roten Kerze. Und immer wieder dieser herrliche Geruch! In der Küche fand Luci einen Braten im Ofen. Lecker! Im Fenster entdeckte die kleine Maus jede Menge Leuchtsterne, und als sie zurück ins Wohnzimmer ging, sah sie sogar einen Weihnachtsbaum.

Kral schaukelte bereits an einer silbrig-blauen Kugel.

Luci hüpfte näher. „Was ist denn hier los?“

„Keine Ahnung, aber es macht Spaß.“ Typisch Kral.

Luci kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Plötzlich hörten die Mäuse die Wohnungstür aufspringen.

Und dann waren alle da. Elvira, ihre Kinder, deren Kinder und – auf dem Rollator saß Mr Chow!

„Oma Elvira, da sind ja noch mehr Mäuse!“ Ein Mädchen rannte in Richtung Baum und nahm den verdatterten Kral von seiner Kugel. „Sind die süß!“

Luci wollte sich gerade aus ihrer Schockstarre befreien und in ihr Loch retten, als sie von einem Jungen behutsam auf dessen Schulter gesetzt wurde.

„Seid nur vorsichtig, meine Kleinen. Das sind Omas Freunde. Sie passen immer dann auf mich auf, wenn ihr gerade nicht könnt. Später bekommen sie ihren Lieblingskäse, habe ihn vorhin extra besorgt.“ Da war es wieder, das verschmitzte Grinsen auf Elviras Gesicht.

Krals Augen leuchteten bei der Aussicht auf ein üppiges Weihnachtsmahl. Er rannte aufgeregt den Arm des kleinen Mädchens rauf und runter.

Elvira sprach derweil weiter. „Danke, ihr Lieben. Für den schönen Baum, den tollen Braten und ganz besonders für eure Anwesenheit. Das bedeutet mir wirklich viel.“ Sie tupfte ein bis zwei Tränchen aus ihren Augen. Ihre Kinder, Enkelkinder und auch die Mäuse lächelten verlegen.

Außer Mr Chow. „Ich finde, es ist an der Zeit für ein Weihnachtslied!“ Der Mäuserich sprang auf Elviras Klavier und stimmte ein Oh du fröhliche an. Seit Jahren ungestimmt, klangen die ersten Töne etwas schief. Unbeirrt hüpfte er flink von Taste zu Taste, hielt dabei nicht nur seinen Hut fest, nein, er versuchte sogar extra noch, den Takt zu halten. Die alte Dame sang glücklich die ersten Silben. Nach und nach stimmten alle anderen mit ein.

Am lautesten jedoch sang die kleine Maus Luci.

Anna Noah, Jahrgang 1979, ist studierte Linguistin und Sinologin. 2005 war sie Gastautorin in Charles Lee Taylors Buch Reflections: A Poetic Approach II. Kurztexte sind in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

*

Der ungebetene Gast

„Nein, ich will nicht, dass Tante Ulla Weihnachten dieses Jahr mit uns feiert!“, rief der sechsjährige Tim entsetzt aus, als die Mutter ihm die Nachricht überbracht hatte.

„Tante Ulla ist einsam. Sie hat keine Kinder und jedes Jahr nimmt sie einer ihrer Verwandten an Weihnachten auf. Dieses Jahr bin ich dran. Sei nett zu ihr, sie ist eine arme, alte Frau“, erklärte die Mutter streng. Dabei guckte sie Tim böse an.

Tim schluckte. Er konnte sich noch vage an Tante Ulla erinnern. Sie war schon einmal zu Besuch gewesen und hatte an allem herumgenörgelt. Außerdem war sie früher Mathelehrerin gewesen, das konnte nichts Gutes bedeuten. Und sie küsste Tim immer so schrecklich ab.

„Was soll ich machen, wenn sie mich wieder abküsst?“, fragte er und bekam jetzt schon eine Gänsehaut.

„Halte es einfach aus, es ist doch nur eine Sekunde. Außerdem tun wir ein gutes Werk und machen einen Menschen glücklich. Das ist schließlich der Sinn von Weihnachten“, sagte die Mutter und machte sich an die Arbeit, das Bett für Tante Ulla zu beziehen.

Kurze Zeit später hörte Tim sie rufen: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Er lief zu ihr und sah die Bescherung: Es tropfte von der Decke herab.

„Wir müssen die Handwerker anrufen und Tante Ulla schläft bei dir im Kinderzimmer“, entschied die Mutter.

Tim lief aufgeregt hin und her. „Das geht nicht, da ist nur ein Bett und das ist meines!“, schrie er.

„Du bekommst eine Matratze, das geht schon. Tante Ulla schläft dann in deinem Bett“, sagte die Mutter und lief zum Telefon, um die Handwerker zu erreichen.

Tim wurde ganz übel. Jetzt musste er mit einer achtzigjährigen, fremden Oma in einem Raum schlafen! Das waren ja tolle Aussichten für Weihnachten.

Der Vater war schon zur Bahn gefahren, um die Tante abzuholen. Kurze Zeit später kam er zurück und schleppte ihre Koffer in Tims Zimmer.

„Da ist ja mein Tim“, rief die alte Frau vergnügt aus und ein Lächeln huschte über ihr verrunzeltes Gesicht. Dann beugte sie sich zu ihm hinunter und küsste ihn ab. Tim blieb stocksteif stehen und hielt die Luft an. Dann war das Gruseligste vorüber.

Tante Ulla schien sich zu freuen, dass sie bei Tim schlafen sollte. „Dann können wir uns vorm Schlafen noch unterhalten. Das habe ich früher auch immer mit meiner Schwester gemacht. Sie ist schon so lange tot“, sagte Tante Ulla.

Tim sah Tante Ulla lange an. Vielleicht war sie gar nicht achtzig, sondern hundert! Und vielleicht war sie gar keine Tante, sondern eine Hexe!

Die Familie setzte sich an den Esstisch und die Mutter brachte die Gans herein. Es duftete herrlich, doch Tim mochte die Gans nicht essen. Da ging die Nörgelei schon los.

„Warum isst denn der Junge keine Gans? Warum sitzt er denn so krumm? Warum erzählt er denn nichts?“

„Tante Ulla, das ist nun einmal so. Lass uns einfach essen und danach setzen wir uns ins Wohnzimmer und erzählen von alten Zeiten“, schlug die Mutter vor. Sie war etwas nervös, weil die Handwerker nicht zurückgerufen hatten. Was sollten sie tun, wenn das Loch noch größer wurde? Für die heutige Nacht waren Unwetter angesagt.

Tim und seine Eltern hatten schon lange fertig gegessen, als Tante Ulla immer noch den Teller halb voll hatte.

„Wann gibt es endlich die Geschenke?“, fragte er immer und immer wieder leise seinen Vater.

„Wir warten, bis alle fertig sind“, erklärte der Vater in strengem Ton.

Endlich war es dann so weit und Tim konnte alles auspacken. Da klingelte plötzlich das Telefon. Der Vater musste dringend ins Krankenhaus, denn er war Arzt und hatte Notdienst.

„Ich bin so schnell wie möglich zurück“, sagte er und fuhr davon.

„Jetzt erzähle ich euch Geschichten aus meiner Jugend“, sagte Tante Ulla und klatschte in die Hände. Tim wollte viel lieber mit seiner neuen X-Box spielen, doch er sah den strengen Blick seiner Mutter und setzte sich artig in einen Sessel.

Dann klingelte das Telefon noch einmal.

„Ich muss dringend zu den Meiers“, erklärte die Mutter aufgeregt. „Sie haben Wasser im Keller und können jede Hilfe gebrauchen.“

Tim sah mit Entsetzen, wie seine Mutter ihre Gummistiefel anzog und dann aus dem Haus verschwand.

„Jetzt sind wir beide ganz alleine“, stellte Tante Ulla fest. „Wollen wir etwas zusammen machen?“

„Was denn?“, fragte Tim. Noch nie hatte er sich so elend gefühlt.

„Ich habe Karten dabei“, erklärte die Tante und zog einen Stapel Skip-Bo-Karten aus ihrer Handtasche. Tim kannte das Spiel nicht, doch die Tante hatte es schnell erklärt. Widerwillig spielte er eine Runde mit ihr.

„Gewonnen!“, rief er nach kurzer Zeit und es machte ihm immer mehr Spaß.

Dann holte die Tante einen Kniffel-Block aus ihrer Tasche und Mau-Mau-Karten. Ihr Vorrat war unerschöpflich. Tim hatte noch nie so viel Spaß gehabt und vergaß vollkommen die Zeit. Um Mitternacht waren die beiden dann aber doch sehr müde. Draußen tobte ein Unwetter und Tante Ulla guckte, ob alle Fenster zu waren. Dann machte sie zwei Wärmflaschen und sie gingen ins Bett.

„Kennst du den Trick mit der Taschenlampe?“, fragte sie. Tim schüttelte den Kopf. Die Tante legte ihre Hand über die Lampe, knipste sie an und aus. Dazu machte sie gruselige Geräusche und es sah so aus, als ob eine große Hand an der Decke wäre. Tim war begeistert. Das musste er morgen unbedingt seinen Freunden erzählen.

Kurz bevor er einschlief, wusste er plötzlich, was mit Tante Ulla war: Sie war keine Hundertjährige und sie war auch keine Hexe. Sie war eine Zauberin!

Dörte Müller (*1967) schreibt Kurzgeschichten und Gedichte. Sie lebt mit ihrer Familie in den Niederlanden.

*

Der kleine Wichtel mit dem Feenstaub

Der kleine Wichtel Luck öffnete verschlafen seine Augen und schloss sie sofort wieder. Er zog sich seine grau-rot karierte Bettdecke über das Gesicht und stellte sich schlafend. Außer dem Ticken der großen Standuhr im Wohnzimmer war es ganz still in der Wohnung.

Luck wollte nicht aufstehen, es war der 24. Dezember und er war allein zu Hause. Sämtliche Familienmitglieder waren am Nordpol und arbeiteten für den Weihnachtsmann. Heute, kurz vor dem Heiligen Abend, gab es immer am meisten zu tun. Bestimmt würden sie gleich beginnen, den großen Schlitten mit den Päckchen zu beladen. Die Rentiere scharrten sicherlich auch schon ungeduldig in ihrem Stall mit den Hufen.

Luck liebte diesen Trubel und er war an diesem Tag immer ein kleines bisschen aufgeregt, ebenso wie der Weihnachtsmann. Dieses Jahr war allerdings alles anders, denn zu Beginn der Adventszeit hatte Luck auf dem zugefrorenen See kein Ende gefunden. Runde um Runde hatte er auf seinen Schlittschuhen gedreht. Selbst als der Mond schon hoch am Himmel stand und alle anderen Wichtel in ihren Betten lagen, war er draußen geblieben. Seine Mutter war wütend durch den hohen Schnee gestapft und hatte ihn schimpfend zurück nach Hause gebracht.

Am nächsten Tag bekam Luck eine schlimme Erkältung, aus welcher sich nach einer Woche eine schwere Lungenentzündung entwickelt hatte. Luck lag zwei Wochen lang im Bett und konnte seine Familie nicht zum Nordpol begleiten. Eine Nachbarin hatte jeden Tag nach ihm gesehen und ihm Essen gebracht, aber gestern war sie zu ihrem Sohn gefahren und so würde Luck den Heiligen Abend alleine verbringen müssen.

Der kleine Wichtel lag immer noch bewegungslos im Bett und wartete, dass der Tag verging. Nachdem weitere fünf Minuten verstrichen waren, wurde Luck langweilig. Er hielt seine Augen noch geschlossen, aber wackelte bereits ungeduldig mit den Zehen. Zehn Minuten später hielt er das Stillliegen nicht mehr aus und seufzte. Er schwang die Beine aus dem Bett, blieb aber auf der Bettkante sitzen. Von seinem Kopf, welchen er auf die Hände stützte, standen seine Haare in alle Himmelsrichtungen ab. Verdrossen seufzte er noch mal. Die Adventszeit im Bett zu verbringen, war schon schlimm gewesen, aber Weihnachten alleine zu sein, war der Gipfel der Unerträglichkeit.

Doch plötzlich hellte sich Lucks Gesicht auf. Er versank kurz in Gedanken, doch dann stand er auf und begann, in seinem Schrank zu kramen. Ungeduldig warf er ein Kleidungsstück nach dem anderen auf den Boden, bis er endlich fand, was er suchte. In seiner Hand hielt er einen kleinen braunen Beutel und Luck strahlte vor Freude.

Vor zwei Jahren, als Luck dem Weihnachtsmann geholfen hatte, hatte ihm eine der Elfen nach getaner Arbeit den Beutel geschenkt. „Wenn du irgendwann mal einen Wunsch haben solltest, wird dir der Inhalt nützlich sein. Der Feenstaub in dem Beutel kann Wünsche erfüllen“, hatte sie geflüstert. Der kleine Wichtel hatte ihr nicht geglaubt, aber er hatte es auch nicht über sich gebracht, das Säcklein wegzuwerfen.

Heute konnte Luck den Feenstaub gut gebrauchen. Er öffnete den Beutel. Darin befand sich ein feines, glitzerndes Pulver. Der kleine Wichtel verteilte den Feenstaub über sich und rief dabei: „Ich will an Weihnachten nicht alleine sein!“

Ein helles Licht erfüllte kurz das Zimmer und Luck stand der Mund vor Staunen offen. Sollte der Feenstaub wirklich in der Lage sein, Wünsche zu erfüllen?

Der kleine Wichtel ging ins Bad und begann sich für den Tag frisch zu machen. Zur Feier des Tages zog er sich sogar seine rot-weiß geringelten Kniestrümpfe an. Dann begann er, nur um auf Nummer sicher zu gehen, die Wohnung festlich zu schmücken und ein köstliches Weihnachtsessen zu kochen. Die Vorbereitungen kosteten so viel Zeit, dass der Tag wie im Flug verging. Schon bald wurde es dunkel und der kleine Wichtel machte die Kerzen an. Das Essen duftete köstlich auf dem Herd und das Feuer prasselte im Kamin.

Doch da fiel Luck ein, dass er ja eigentlich keine Gäste erwartete. Die Wohnung kam ihm plötzlich riesig vor und er fühlte sich sehr einsam. Unentschlossen stand er mitten im Wohnzimmer und überlegte, was er tun sollte. Da klopfte es plötzlich an der Tür. Der kleine Wichtel hob erstaunt den Kopf, sollte sich sein Wunsch wirklich erfüllen? Schnell lief er zu der hölzernen Eingangstür und öffnete sie.

Im Schnee saß eine kleine Maus. „Frohe Weihnachten, Luck! Ich bringe dir mein Stückchen Käse als Geschenk, weil du doch heute alleine bist.“

Luck schluckte schwer und nahm das winzige Bröckchen Käse entgegen. Er wollte die Tür schon schließen, da kam ihm eine Idee. „Was esst ihr heute Abend, liebe Maus? Ihr habt hoffentlich mehr als dieses kleine Stück Käse?“

Die Maus schüttelte traurig den Kopf. „Der Winter ist hart und die Nahrung ist knapp, aber mein Mann und meine beiden Kinder sind zum Glück genügsam.“

Luck schaute die Maus fröhlich an. „Wollt ihr nicht bei mir essen? Ich bin, wie du schon richtig gesagt hast, alleine und habe viel zu viel zu essen.“

Die kleine Maus nickte überrascht. „Ja, gerne ich muss nur meinen Mann und die Kinder holen.“

„Dann nichts wie los“, erwiderte der kleine Wichtel glücklich darüber, dass die Maus seine Einladung angenommen hatte.

Während sie ihre Familie holte, deckte Luck den Tisch. Er war gerade fertig, als es erneut klopfte. Die Mäusefamilie betrat das Wohnzimmer und strahlte über das ganze Gesicht mit einem solchen Festessen hatten sie nicht gerechnet.

Da klopfte es erneut, und als Luck die Tür öffnete, stand ein alter grauer Hase vor der Tür mit einer Brille auf der Nase.

„Frohe Weihnachten, Luck, die kleine Maus hat mir erzählt, dass du dich heute über Besuch freust, und ich bin so alleine, seit meine Frau letzten Winter gestorben ist. Darf ich reinkommen?“

Luck lächelte. „Sei willkommen und nimm Platz, lieber Hase. Ich freue mich wirklich sehr über Besuch am heutigen Weihnachtsabend.“

Es wurde ein schönes Weihnachtsfest und die Stimmung war sehr ausgelassen. Nur manchmal wurde Luck schwer um sein Wichtelherz, wenn er sich fragte, was seine Familie gerade wohl machte. Zu fortgeschrittener Stunde hörte er plötzlich ein Knirschen vor der Tür. Erst dachte Luck, er hätte sich verhört, aber als er dann auch noch ein Schnauben vernahm, lief er zur Tür und riss sie auf.

Draußen stand der Schlitten vom Weihnachtsmann und seine Familie kletterte gerade die eiserne Leiter hinunter. Am Steuer saß der Weihnachtsmann mit seinem roten Anzug und von der Kälte rosig gefärbten Wangen.

„Fröhliche Weihnachten, Luck! Ich habe deiner Familie etwas eher freigegeben, damit du heute am Heiligen Abend nicht allein bist. Aber versprich mir, dass du nächstes Jahr auf deine Mutter hörst und nicht wieder krank wirst. Wir brauchen dich am Nordpol!“

Der kleine Wichtel nickte und vor Rührung und Freude rann ihm eine Träne die Wange hinunter. Während der Schlitten wieder abhob, nahm seine Mutter ihn in den Arm und strich ihm über den Kopf.

Wenige Minuten später hatte sich der kleine Wichtel etwas beruhigt und seine Mutter sprach: „Jetzt musst du uns aber deinen Gästen vorstellen und hoffentlich ist noch etwas zu essen da. Ich habe wirklich Hunger und dein Vater und dein Bruder bestimmt auch.“

Luck nickte und zog seine Familie in das Wohnzimmer. Es wurde ein unvergessliches Weihnachtsfest und Luck stellte nie wieder die Wirksamkeit von Feenstaub infrage.

Dr. Barbara Bellmann wurde 1984 in Hagen/Westfalen geboren. Nach dem Studium der Humanmedizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, begann sie in Aachen ihre Facharztausbildung zur Kardiologin am dortigen Universitätsklinikum. Im Sommer 2013 setzte sie ihren Weg an der Charité Berlin fort. Seit August 2017 arbeitet sie als Kardiologin an der Universitätsklinik Köln. Sport und Literatur begeistern sie neben ihrer Tätigkeit als Ärztin. Im Frühjahr 2017 erschien ihr erster Roman in Zusammenarbeit mit Theres Krause.

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Die Weihnachts(mann)kiste

Ihr kennt doch auch noch Leni und Leo? Na, ihr wisst schon, die beiden, die in der Straße da wohnen, hinter dem Kindergarten einmal so rum und dann wieder so rum und dann gleich im ersten Haus an der Ecke. Na? Ist ja auch egal.

Also, dort wohnen Leni und Leo. So wie einige von euch auch haben die beiden zusammen ein eigenes Zimmer. Und da siehtʼs manchmal aus, kann ich euch sagen ...

Beide zusammen haben neben großen Dingen wie dem Fahrrad, der Kasperlebühne oder der Maltafel auch noch einen Karton, in dem all das Spielzeug zusammengekramt ist, das ein wenig kleiner ist. Oder besser gesagt, es sollte in dieser Kiste sein. Vieles liegt einfach nur kreuz und quer in der Stube herum. Dort zwei Schritte geradeaus zu laufen, ist so gut wie nicht möglich. Kennt ihr wahrscheinlich auch, oder?

Gestern, als ich Leni und Leo traf, waren beide noch ganz aufgeregt und erzählten mir etwas, was ich zuerst gar nicht so recht glauben wollte. Während Leni sprach, unterbrach sie ständig Leo, und wenn Leo erzählte, setzte Leni aufgeregt ein, weil sie es gar nicht abwarten konnte, bis Leo seinen Teil losgeworden war. Die Gesichter glühten vor Aufregung. Was war da bloß geschehen?

Ich werd es euch kurz erzählen. Natürlich schön der Reihe nach und nicht so durcheinander, wie es mir die beiden berichtet haben.

Also, Leni und Leo haben in ihrem gemeinsamen Zimmer eine große Kiste, in die sich all das Spielzeug packen lässt, das nicht größer als ein kleines Dreirad ist. Habt ihr sicherlich auch zu Hause, oder?

In dieser Kiste verschwindet alles – oder sollte zumindest darin verschwinden –, was eingeräumt werden soll, wenn Mama oder Papa abends sagen, dass es Bettchenzeit ist.

Statt die einzelnen Dinge richtig einzusortieren, nehmen Leni und Leo schnell beide Hände und schaufeln alles Herumliegende einfach dort hinein.

Da liegen dann schon mal die schweren Holzbausteine von Leo auf der selbst gebastelten Laterne von Leni. Die hat dann nur noch wenig Ähnlichkeit mit einer Laterne. Denn das Gewicht der Steine hat aus der Laterne eine platte Papp- und Papierscheibe werden lassen. Und was da nicht alles durcheinander- und übereinanderliegt ...

Gestern Abend, als Leni und Leo wieder die Spielsachen in den Karton gekramt, geschoben und auch geworfen hatten, die Zähne geputzt waren und die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen war, knipste Mama das Licht aus und machte die Tür zu. Es war ganz dunkel und ruhig im Zimmer.

Plötzlich bemerkte Leni, dass es in der Spielzeugkiste leise raschelte und eine Stimme irgendetwas schimpfte. Leni, die mit ihrem Bettchen dichter an der Kiste war als Leo, hob ihren Kopf vom Kopfkissen und lauschte. Hatte sie richtig gehört?

Ja. Da war es wieder. Sie hörte, wie eine Stimme energisch sagte: „Ja, ist es denn die Möglichkeit? Wer hat denn bloß so viel Spielzeug auf mich geladen? Ich kann mich ja gar nicht hinsetzen. Und wie soll ich mich gar hinstellen und aus der Kiste kommen?“

Leni stieg vorsichtig aus ihrem Bett und ging zu Leo rüber. Sie fasste ihn vorsichtig an der aus dem Deckbett hervorschauenden Schulter an und zupfte ihn am Schlafanzug. „Leo“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Leo, wach auf. Leo.“

Leo, der fest schlief und vielleicht vom Weihnachtsfest träumte, wollte sich erst gar nicht rühren. Aber dann, als Leni etwas fester am Schlafanzug zerrte, drehte er den Kopf zu ihr herum und fragte: „Was ist denn los?“

„Leo“, sagte Leni leise, „in der Kiste ist etwas, das raschelt und spricht.“

Leo, der sich gerade noch den Schlaf aus den Augen rieb, setzte sich flink auf seine Bettkante und fragte mit flüsternder Stimme: „Wo, da in der Kiste? In unserer Spielzeugkiste?“ Leni nickte. Mutig, wie Leo als Junge ist, sagte er: „Lass uns nachschauen.“ Dabei schob er vorsichtig Leni vor sich her und duckte sich ein wenig hinter sie. Dass ihn bloß keiner sehen konnte.

Im Dunkeln konnten sie aber nichts erkennen. Sie knipsten also das Licht ihrer Nachttischlampe an. Vorsichtig öffnete Leni den Deckel. Ja, und nun hörten sie es lauter.

„Du meine Güte, wie komm ich denn hier raus? Ich muss doch los. Ich hab noch so viel zu tun.“

Leni und Leo kramten mit beiden Händen aus der randvoll gefüllten Kiste Stück für Stück raus. Und siehe da, was hatte da so geraschelt und gesprochen? Da lag tatsächlich der Weihnachtsmann zwischen Lenis Buddeleimer und Leos Holzeisenbahn-Kohlenanhänger. Sein roter Mantel war ein wenig zerknautscht und sein Bart etwas zerzaust, seine Brille verrutscht und seine Stiefel staubig. Aber ansonsten fühlte er sich ganz gesund.

„Los, Kinder, helft mir mal bitte hier raus aus der Kiste, ich habe keine Zeit zu verlieren, ich muss für die vielen Kinder die Geschenke besorgen und in wenigen Tagen verteilen. Die Kinder und die Erwachsenen warten doch und sind sehr gespannt. Los, los, bitte!“

Leo griff beherzt in die Kiste und half dem Weihnachtsmann heraus. Er stellte ihn auf die Erde, wo sich der Weihnachtsmann erst mal streckte und seine Sachen ordnete.

„Wie kommst du denn in die Kiste, Weihnachtsmann?“, fragte Leni.

„Das war so, im letzten Jahr war bei euch die Bescherung ziemlich spät. Ihr seid die Letzten gewesen, zu denen ich gekommen bin. Erst habt ihr so schön gesungen mit Mama und Papa. Dann habt ihr mir und euren Eltern mit den Weihnachtsgedichten aus dem Kindergarten eine große Freude bereitet und dann wurden die Geschenke verteilt. Während ihr eure Geschenke ausgepackt habt, bin ich hier in euer Zimmer gegangen und wollte mich ein wenig ausruhen. Ich habe mich auf den Rand der Kiste gesetzt, und gerade als ich mir die Stiefel ausziehen wollte, ging plötzlich die Tür auf und eure Mama kam herein. Ja, was sollte ich machen? Ich habe mich nach hinten in die Kiste plumpsen lassen und bin gleich bis auf den Boden durchgerutscht. Um mich herum lagen Puppen, Kissen, Sachen aus dem Kaufmannsladen und noch vieles andere mehr. Und weil ich da drin so müde wurde, bin ich eingeschlafen.

Als ich dann nach drei Tagen wieder aufwachte, war ans Rauskommen nicht mehr zu denken. Also blieb ich drin. Eine Schlafstätte war da, zu essen aus dem Kaufmannsladen war da und jede Menge Spielzeug. Und so verging die Zeit. Ein ganzes Jahr.“

Leni und Leo hatten ganz gespannt zugehört. Da ging die Tür auf und Mama kam herein. „Ich habe gerade gesehen, dass bei euch Licht ist, was ist denn los, könnt ihr nicht schlafen?“, fragte sie.

„Wir haben gerade mit dem Weihn...“ Leo verstummte. Er hielt sich die Hand vor den Mund. Er wollte lieber doch nicht sagen, dass der Weihnachtsmann hier war und das ganze Jahr deshalb in der Spielzeugkiste gelegen hatte, weil sie beide manchmal etwas unordentlich waren. Sie hätten ihn sicherlich schon früher gefunden, wenn sie ein klein wenig ordentlicher wären.

Nun sah auch die Mama den Weihnachtsmann. „Na, Weihnachtsmann, nun wirdʼs aber Zeit. Jetzt heißt es Beeilung“, sagte sie. „Die Wunschzettel sind schon lange von den Kindern geschrieben, die Engel haben fleißig gebastelt und die Kinder überall auf der Welt können kaum noch schlafen, so gespannt sind sie. Nun mach mal ein bisschen zu, dass du zu den Engeln und deinen vielen anderen Helfern kommst. Ich sehe sonst schwarz für Weihnachten. Da werden wohl viele Kinder traurig sein.“

Der Weihnachtsmann stellte sich gerade hin, ordnete Brille, Bart und Mantel und wollte gerade in Richtung Tür laufen, als ihm einfiel, dass er gleich die Wunschzettel der Kinder Leni und Leo mitnehmen konnte. Er fragte die beiden, ob denn die Wunschzettel schon fertig geschrieben seien. Fix gingen sie an ihren Schrank und holten jeder ein Blatt Papier heraus. Auf Lenis Zettel waren eine Puppe aufgemalt und ein Pferd. Das sollte ein Pferd für die Puppe sein, nicht eines für Leni, damit sie darauf reiten konnte. Leo hatte ein Bild von einem Auto aus einem Spielzeugkatalog ausgeschnitten und aufgeklebt. Dazu hatte er noch etwas geschrieben, das nur der Weihnachtsmann lesen konnte.

Der Weihnachtsmann sammelte die Zettel ein. Er faltete sie einmal in der Mitte und steckte sie dann in seine Manteltasche. Leni hob ihn hoch, drückte ihn ganz fest an sich, gab ihm noch ein Küsschen auf seine Wange und reichte ihn Leo. Auch der drückte ihn fest und flüsterte ihm noch ins Ohr, dass er Weihnachten nicht vergessen solle, bei ihnen vorbeizukommen. Sie wollten auch ordentlich aufräumen und zum Ausruhen dürfe er ins Bettchen kriechen. Er könne sich aussuchen, ob er sich lieber unter Lenis oder Leos Bettdecke von den Anstrengungen erholen wolle. Da würden sie ihn spätestens entdecken, wenn sie selbst am Weihnachtsabend ins Bett gehen mussten. Der Weihnachtsmann zwinkerte Leo mit dem rechten Auge zu, dass er seinen Wunsch verstanden hatte. Die Mutter öffnete die Wohnungstür und Leo stellte den Weihnachtsmann in den Hausflur. Dort drückte er auf den Lichtknopf, winkte noch einmal dem Weihnachtsmann zu und schloss dann die Tür. Anschließend gingen Leni und Leo ins Bett. Die Mutter schaltete die Nachttischlampe aus.

Nach kurzer Zeit flüsterte Leni zu Leo rüber: „Ob der Weihnachtsmann es trotz der Verspätung noch schafft, alle Geschenke zu besorgen und am Heiligabend zu verteilen? Wir wollen doch nicht schuld daran sein, dass andere Kinder nichts zu Weihnachten bekommen.“

Auf eine Antwort von Leo wartete sie vergebens. Er war schon eingeschlafen. Leni aber blieb noch ein Weilchen wach liegen und dachte an Heiligabend, wenn der Weihnachtsmann kam und Geschenke brachte.

Damit mit dem Weihnachtsmann auch nichts schiefgeht, solltet ihr auch in eurer Spielkiste nachschauen, ob dort vielleicht der Weihnachtsmann verkramt ist, nicht herauskann und eure Hilfe braucht. Und noch etwas solltet ihr beachten: Damit er nicht stolpert, wenn er aus der Kiste krabbelt, muss gerade in den Tagen vor Weihnachten das Zimmer immer gut aufgeräumt sein! Dann kommt der Weihnachtsmann bestimmt.

Charlie Hagist ist seit 48 Jahren verheiratet und hat ein 18-jähriges Enkelkind, für das er seit seiner Pensionierung gerne Geschichten schreibt.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
12 kasım 2025
Hacim:
202 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783960743309
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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