Kitabı oku: «Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 12»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit

Band 12

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2019.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Titelbild: © Heike Georgi

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-892-4 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-335-4 - E-Book

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Inhalt

Robert muss weg

Dezembertraum

Den Weihnachtsmann gibt es nicht!

Weiße Weihnacht

Haiku-Tanka-Paar

Weihnachtswünsche

Engelsgeschenke

Der Elch Mirko

Tanni

Das Weihnachtswunder

Bens Wunschzettel, Weihnachten und Karneval

Oma Grethes Bilder

Haiku-Tanka-Paar

Gibt es den Weihnachtsmann?

Weihnachtszauber im Winterwald

Riki hilft dem Christkind Kekse backen

Der Weihnachtsfloh

Der Traum der kleinen Tanne

Die Erinnerung

Eine Vertretung für den Weihnachtsmann

Post von Mia

Das Weihnachtszimmer

Lufthauch eines Engels

Gedanken zum Fest

Das Weihnachtspaket

Opas Weihnachten

Kleines Reh

Das Fenster zur Welt

Ein Sternlein

Weihnachtselfen

Blume - Blume blühe fein

Der kleine Tannenbaum

Weihnachtszeit - wunderschöne Zeit

Marielles Weihnachtswunsch

Dämmerlicht

Weihnachtsglück

Weihnachtsaugenblicke

Verlängerte Weihnachten

Hetty, Liv und die Violine im Schnee

Die Weihnachtskugeln

Leuchtturmweihnacht

Lenis Weihnachtswundergeheimnis

Für dich, Clara

Fest

Paulchen und der Weihnachtsbaum

Lilly und das schöne Weihnachtsfest

Das kleine Rentier

Weihnachtsmoment

Die Weihnachtswichtel und „eine schöne Bescherung“

Mila und der Weihnachtsbaum

Der bedeutsame Kleine Stern

Wirklich schönste Zeit im Jahr

Kater Zizzo

Das Weihnachtshuhn

Haiku-Tanka-Paar

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Robert muss weg

Lustlos stochert Alex in seinem Essen herum. Eigentlich sind Spaghetti ja seine Lieblingsspeise, doch wenn Robert mit am Tisch sitzt, hat Alex keinen Appetit. Robert ist der Freund seiner Mutter und Alex kann ihn nicht ausstehen.

„Weißt du schon, was du dir zu Weihnachten wünschst?“, versucht die Mutter, ihren Sohn aufzumuntern. „Ich hätte da nämlich eine Idee.“

Alex rollt mit der Gabel ein paar Spaghetti auf. „Keine Ahnung“, murmelt er. „Oder doch: Ich wünsche mir, dass der da verschwindet.“ Und er deutet mit der Gabel auf Robert.

Die Mutter zieht scharf Luft ein, doch bevor sie losschimpfen kann, legt Robert seine Hand auf ihren Arm. „Lass ihn“, sagt er mit ruhiger Stimme. „Der Bub muss sich erst an mich gewöhnen.“ Dann wendet Robert sich an Alex. „Deine Mutter hat mir erzählt, dass du gerne Skifahren würdest, aber dass ihr dafür zu wenig Geld habt. Reich bin ich leider auch nicht, aber meine Eltern wohnen in der Nähe eines kleinen Skigebietes. Wir könnten die Weihnachtsferien bei ihnen verbringen und du könntest einen Skikurs besuchen.“

„Das wäre doch toll“, wirft die Mutter ein. „Und deshalb schlage ich vor, dass du dir zu Weihnachten eine Skiausrüstung wünschst. Am besten schreibst du heute noch dem Christkind …“

„Sicher nicht!“ Alex springt so heftig auf, dass sein Sessel umkippt und polternd auf den Boden fällt. „Ich werde doch die Ferien nicht mit diesem Typen unter einem Dach verbringen! Lieber will ich …“ Doch Alex verrät nicht, was er lieber möchte. Schluchzend läuft er in sein Zimmer, knallt die Tür zu und wirft sich auf sein Bett.

Nach einiger Zeit hört Alex auf zu weinen. Er setzt sich auf und ballt zornig seine Faust. „Wie kann Mama nur glauben, dass ich mit Robert und seinen Eltern die Ferien verbringen möchte?“, denkt er. „Sie weiß doch, dass ich mit ihr allein sein möchte. Mama gehört mir und sonst niemandem. Ich werde heute noch meinen Brief an das Christkind schreiben, aber ich werde mir etwas ganz anderes wünschen.“

In der Nacht, wenn alle Kinder schlafen, ist das Christkind unterwegs. Suchend schaut es sich um, hinter welchem Fenster ein Wunschbrief liegt.

„Oh, Alex hat schon geschrieben“, stellt es erstaunt fest. „Das hat er doch in den letzten Jahren immer erst ein paar Tage vor Weihnachten gemacht. Da bin ich aber gespannt, was er sich so sehr wünscht.“ Freudig nimmt das Christkind den Brief, öffnet ihn und liest.

Liebes Christkind!

Ich will dir helfen. Sicher gibt es irgendwo ein Kind, das sich einen Papa wünscht. Ich hätte einen abzugeben. Robert heißt er und wahrscheinlich ist er ganz nett. Aber ich will ihn nicht. Mama und ich, wir sind allein sehr glücklich. Bitte lass Robert verschwinden. Mehr wünsche ich mir nicht.

Vielen Dank und liebe Grüße

Alex

Verwundert schaut das Christkind vom Brief zum schlafenden Alex und wieder zurück. Von so einem Wunsch hat es noch nie gehört.

„Soll ich etwa Robert packen und einem anderen Kind unter den Christbaum setzen?“, fragt es sich lachend. „Vielleicht mit einer großen Masche um den Bauch?“

Doch schnell wird das Christkind wieder ernst. „Nein, ich muss Alex helfen. Und ich weiß auch schon wie.“ Sorgfältig legt das Christkind den Brief wieder zurück, berührt mit seinem Finger die Nase des Buben und flüstert: „Träum schön!“

Alex träumt.

Wie jedes Jahr sitzen die Kinder am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien im Sitzkreis und erzählen mit leuchtenden Augen von ihren Geschenken und Unternehmungen.

Nur Alex rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her und überlegt, was er erzählen könnte. „Geschenke gab es keine, aber der Freund meiner Mutter ist verschwunden. Ich habe mich darüber ja gefreut, aber Mama war sehr traurig. Sie hat tagelang geweint und ich habe versucht, sie zu trösten.“

Nein, so kann er es nicht erzählen. Die anderen Kinder würden darüber lachen und ihn wochenlang damit aufziehen.

Doch die Lehrerin bemerkt gar nicht, dass Alex nichts erzählt hat. „Ich freue mich, dass ihr alle so schöne Ferien hattet“, schließt sie die Runde ab. „Aber jetzt möchte ich euch etwas mitteilen. Wir werden in drei Wochen an einem Skirennen teilnehmen. Ihr könnt doch alle Ski fahren?“

Die Kinder nicken begeistert mit ihren Köpfen. Nur Alex starrt betrübt zu Boden. Diesmal bemerkt ihn die Lehrerin. „Was ist mit dir Alex? Freust du dich nicht?“, fragt sie.

Plötzlich sind alle Kinder still.

Alex starrt weiterhin auf den Boden. „Ich weiß nicht“, flüstert er. „Ich habe noch nie auf Skiern gestanden.“

Die Klasse bricht in schallendes Gelächter aus.

Schweißgebadet wacht Alex auf. „Puh, es war nur ein Traum“, denkt er, dreht sich um und träumt weiter.

Ein Glöckchen läutet. Alex darf die Tür zum Wohnzimmer öffnen und als Erster eintreten. Während die Erwachsenen Weihnachtslieder singen, schaut er sich neugierig um. Mitten im Zimmer steht ein Christbaum, der bis zur Decke reicht. Die brennenden Kerzen duften herrlich und spiegeln sich in den großen Kugeln. Dazwischen hängen unzählige Süßigkeiten. Auf einem kleinen Tischchen ist eine wunderschöne Krippe aufgebaut: ein verschneites Bauernhaus, ein Stall, Josef und Maria, das Jesuskind, Ochs und Esel, Hirten und viele Schafe. Unter dem Christbaum liegen einige kleine und ein ziemlich langes Päckchen.

Während Alex noch überlegt, welches Päckchen wohl für ihn sein könnte, hört er Robert rufen: „Fröhliche Weihnachten, meine Lieben! Kommen wir zur Bescherung: Alex, das ist für dich!“ Und Robert überreicht Alex feierlich das lange Päckchen.

Alex wacht auf. Kurz weiß er nicht, wo er ist, doch dann erkennt er sein Zimmer.

„Schade“, denkt er. „Es war nur ein Traum, ein schöner Traum.“ Schnell schließt er wieder die Augen und träumt weiter.

Am letzten Tag der Ferien findet das Abschlussrennen statt. Alex ist stolz, wie viel er im Skikurs gelernt hat. Als Letzter der Anfängergruppe startet er. Konzentriert fährt er durch den Stangenwald, geht im Zielhang tief in die Hocke und während er im Auslauf abbremst, hört er die Lautsprecherdurchsage: „Bestzeit und somit Sieg für Alex!“ Seine Mutter und Robert stehen am Rand und jubeln ihm zu. Glücklich fällt er ihnen in die Arme.

Lächelnd wacht Alex auf. „Kann das Leben mit Mama und Robert wirklich so schön sein?“, fragt er sich. „Vielleicht sollte ich Robert eine Chance geben.“

Dann fällt ihm sein Brief an das Christkind ein. Schnell schaut er zum Fenster und stellt erleichtert fest, dass der Brief noch dort liegt. „Noch ein bisschen träumen“, murmelt Alex vor sich hin. „Dann werde ich dem Christkind einen neuen Brief schreiben und mir ein Paar Skier wünschen. Sollte es mit Robert doch nicht klappen, kann ich ihn ja auch nächstes Jahr dem Christkind schenken.“

Sissy Schrei lebt zurzeit in Maria Lanzendorf.

*

Dezembertraum

Dezember erst kalt und trocken,

Lichterglanz im Dunkeln,

Gebäck zum Verlocken

und Kinderaugen, die immer mehr funkeln.

An den heiligen Weihnachtstagen

lasst uns nicht klagen.

Denn der Höhepunkt ist erreicht:

weiße Winterpracht weit und breit.

Es rieseln sanft die Schneeflöckchen,

im Dorf läuten die Kirchenglocken

und Oma bimmelt mit ihrem Glöckchen.

Nach langen Kämpfen bei Kälte, Schnee und Eis

wird uns jetzt richtig heiß.

Und nach langem Bangen um den Weihnachtsbaum,

sitzen wir endlich alle zusammen im urigen Raum.

Drum singet und frohlocket!

Seid alle von Herzen erfreut!

Denn es ist einfach einzigartig heut’.

Juliane Barth, Jahrgang 1982, lebt im Südwesten Deutschlands. Schreibt seit jeher sehr gerne, unter anderem Lyrik, Kurzgeschichten, Sachtexte und Essays. Widmet sich bevorzugt gesellschaftskritischen Themen. Veröffentlichungen in Anthologien: sacrydecs.de.to

*

Den Weihnachtsmann gibt es nicht!

Doch, den gibt es!

Als der kleine Johann vom Kindergarten nach Haus kommt, merkt sein großer Bruder Paul sofort, dass etwas nicht stimmt. Johann ist sauer und ganz grummelig. So will Paul von Johann wissen, ob heute etwas passiert ist.

Johann sagt: „Mirco ist ganz doof und nicht mehr mein Freund. Ich rede nie wieder mit ihm.“

„Warum denn?“, fragt Paul.

„Mirco hat gesagt, den Weihnachtsmann gibt es nicht.“

„Und wie kommt Mirco darauf?“

Johann erzählt schluchzend: „Er sagte, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, weil ich letztes Jahr nur einen Spielhund zu Weihnachten bekam. Dabei hatte ich mir ja einen echten Hund gewünscht.“ Nun weint Johann und ist ganz traurig.

Paul möchte seinem kleinen Bruder unbedingt helfen und so hat er eine Idee. Er nimmt den kleinen Johann tröstend in den Arm und sagt: „Pass auf, wir schreiben einen Brief an den Weihnachtsmann und sagen niemandem etwas davon. Und wenn Weihnachten ist, dann bleiben wir heimlich auf und dann wirst du den Weihnachtsmann selbst sehen.“

Paul geht schon lange in die Schule und kann wirklich sehr gut schreiben und auch lesen und rechnen. So schreibt Paul den Weihnachtsbrief:

Lieber Weihnachtsmann,

mein Bruder Johann und ich wünschen uns einen echten, kleinen Hund. Wir versprechen, uns um ihn zu kümmern, ihm zu fressen und trinken zu geben, mit ihm raus zu gehen und ihn lieb zu haben. Bitte bring uns einen echten Hund, das wünschen wir uns beide sehr.

Viele Grüße an dich, deine Elfen, Rentiere und alle deine Helfer, Johann und Paul.

Johann malt dazu noch ein besonders schönes Hundebild. Dann schreibt Paul die Adresse auf den Brief:

An den Weihnachtsmann

Weihnachtspostfiliale

16798 Himmelpfort

Auf dem Weg zur Schule steckt Paul den Brief heimlich in den Briefkasten. Auch ihren Eltern erzählen sie nichts von ihrem Plan. Sie haben ein Brudergeheimnis und warten beide gespannt, wie es weitergeht.

Einige Zeit später kommt eine Antwort vom Weihnachtsmann an Johann und Paul. Es ist ein Dankesschreiben und es sind einige schöne Postkarten mit dabei, aber von ihrem gewünschten Hund – kein Wort. Beide Kinder freuen sich trotzdem darüber. Jetzt gilt es abzuwarten bis zum Wunderweihnachtsfest.

Und dann ist es endlich so weit. Der Wunderweihnachtsabend ist da, aber es ist auch Schlafenszeit für Johann und Paul. Beide müssen ins Bett. Paul hat einen Wecker mit ins Bett genommen und beide haben sich vorgenommen, nicht einzuschlafen, um den Weihnachtsmann zu sehen. Doch dann fallen ihnen vor Müdigkeit die Augen zu.

Plötzlich ist da ein Geräusch um Mitternacht. Paul erwacht davon. Johann schläft. Aber es ist kein Glöckchenklingeln oder der Klang von fliegenden Rentieren. Nein. Es kommt auch nicht aus dem Wohnzimmer, in dem der bunt geschmückte Weihnachtsbaum steht. Es kommt aus dem Gästeklo. Es klingt krampfig und magenschmerzend.

Wer kann das sein?

Paul macht Johann wach. Beide Kinder gehen zum Klo, als grade die Spülung gedrückt wird. Dann hören sie den Wasserhahn … Paul hat zwar weiche Knie, macht aber mutig die Tür auf und sieht – den Weihnachtsmann, der sich gerade die Hände wäscht.

Paul fragt mit großen Augen „Was machst du hier?“ Und Johann lugt ungläubig hinter dem Rücken seines großen Bruders vor.

„Oh, entschuldigt bitte, aber mir ging es nicht gut und ich musste dringend eure Toilette benutzen. Eigentlich wollte ich euch fragen, ob ich ausnahmsweise eure Toilette benutzen darf, aber ihr habt geschlafen und ich wollte euch nicht wecken. Meine Elfen waren krank und so, wie es aussieht, habe ich mich angesteckt. Ausgerechnet heute, am Wunderweihnachtsabend. Ich habe fast alle Geschenke verteilen können, mir fehlt nur noch eure restliche kleine Stadt, aber mir geht’s wirklich sehr schlecht.“

„Können wir dir vielleicht helfen?“, fragt Paul.

„Ja, wenn ihr die restlichen Geschenke verteilen könnt, dann wäre das toll. Meine Rentiere haben die Geschenke im Schlitten und wissen, für wen welches Geschenk ist. Und vorn am Schlitten hängt ein kleines Säckchen mit Zauberpulver. Wenn ihr ein kleines bisschen davon an die Außenwände der Häuser werft, habt ihr einen kleinen Durchgang und ihr könnt unbemerkt rein und raus, um die Geschenke unter die Bäume zu legen. Doch beachtet, der Wunderweihnachtszauber hält nur eine Minute. Danach verschließt sich der Durchgang wieder von selbst.“

Schließlich bereitet Johann dem Weihnachtsmann im Kinderzimmer ein kuscheliges Lager aus vielen Kissen. Dann fasst er den Mut und fragt den Weihnachtsmann, was ihn die ganze Zeit schon beschäftigt: „Weihnachtsmann, wieso hast du mir letztes Jahr einen Spielhund geschenkt?“

Der Weihnachtsmann scheint verwundert: „Wieso fragst du? Gefällt er dir nicht?“

„Doch, er gefällt mir. Aber ich wollte einen echten Hund.“

Der Weihnachtsmann wirkt überrascht und auch etwas nachdenklich: „Oh, das habe ich nicht gewusst. Ich habe dein Bild bekommen mit einem gemalten Hund und meine Elfen und ich haben angenommen, du möchtest einen flauschigen Hund aus Plüsch. So haben meine fleißigen Helfer den Spielhund extra liebevoll von Hand gefertigt, um dir eine besondere Freude zu machen. Es tut mir leid. Es war ein Missverständnis.“

Darauf Johann: „Schon gut. Der Spielhund ist wirklich sehr kuschlig und ich nehme ihn oft in den Kindergarten mit und hab ihn immer bei mir zur Schlafenszeit.“

Während dieses Gesprächs hat Paul dem Weihnachtsmann einen Kamillentee für seinen Magen gemacht und eine Wärmflasche für den Bauch vorbereitet. Dann schleichen sich Paul und Johann still und heimlich zu den Rentieren. Dort klappt alles genauso, wie es der Weihnachtsmann gesagt hat, und die Rentiere sind auch total lieb und wirklich hilfsbereit. So haben beide Kinder an diesem Wunderweihnachtsabend bis zum aufgehenden Morgenrot alle Geschenke unbemerkt verteilt und die Rentiere bringen Paul und Johann wieder sicher nach Hause. Dort wecken sie den eingeschlafenen Weihnachtsmann, der sich noch bei den beiden Jungen für ihre Hilfe, den Kamillentee und die Wärmflasche bedankt. Dann ist er auf einmal verschwunden. Die Jungen fallen extrem müde, ziemlich erschöpft, aber sehr glücklich in ihre Betten und schlafen trotz des aufregenden Abends schnell ein.

Am nächsten Morgen wecken ihre Eltern die beiden auf.

Johann und Paul sagen gleichzeitig: „Mama, Papa, der Weihnachtsmann war bei uns.“

Die Mama antwortet: „Ja, es ist schließlich Weihnachten. Und der Weihnachtsmann hat euch ein Geschenk dagelassen.“

Ein Geschenk liegt wirklich unterm Weihnachtsbaum. Eines für beide. Dennoch bleiben die Fragen: War die ganze Nacht nur ein Traum? Ein Traum, den beide Kinder hatten? Merkwürdig, oder? So gehen beide zum Weihnachtsbaum und da ist ein Karton mit Löchern, auf denen steht: Für Johann und Paul.

Und als sie die löchrige Kiste öffnen, ist darin ein kleiner, echter, wuscheliger Hund. Sie freuen sich sehr, dennoch haben sie klitzekleine Zweifel an der vergangenen Nacht.

Und während Johann noch ganz kurz an Mirco denkt – „da wird der Mirco aber Augen machen“ –, kuschelt er schon mit dem kleinen Hund und überlegt sich mit Mama und Papa bereits einen Namen für ihn. Paul schaut sich in einem unbeobachteten Moment noch mal den Karton an, in dem der kleine Hund war. Und am Boden findet er eine Nachricht, die ihm bisher nicht aufgefallen war:

Danke, Paul und Johann, für eure Hilfe. Ohne euch hätte ich es nicht geschafft. Grüße auch von meinen Elfen und den Rentieren. Euer Weihnachtsmann

Susann Scherschel-Peters ist Mama, Diplom-Pädagogin, Trauerbegleiterin/-rednerin und arbeitet hauptberuflich im Beratungsbereich.

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Weiße Weihnacht

Es regnete. Mal wieder. Aus dem Fallrohr der Regenrinne schossen Sturzbäche, schwere Tropfen klatschten gegen die Fensterscheiben, die Welt verschwamm für einen kurzen Moment vor Toms Augen. Gestern hatte es ebenfalls aus Kübeln geschüttet, vorgestern war ein feiner Nieselregen niedergegangen, davor hatte es tagelang Bindfäden geregnet. „Nässe kommt in allen Formen vom Himmel“, dachte Tom und presste die Nase an das Glas, sodass dieses beschlug, „aber kein Schnee.“ Hin und wieder wurden die Regentropfen dicker, mit etwas Fantasie konnte er sogar kleine Schneekristalle erkennen. Auf dem Weg zur Erde aber schmolzen sie. Die Erwachsenen sprachen von scheußlichen Graupelschauern und Schmuddelwetter.

In drei Tagen war Weihnachten. Voller Sehnsucht wartete Tom auf Schnee. Kalt genug war es, glaubte er. Mit hochgezogenen Schultern und aufgestellten Mantelkragen huschten die Menschen durch die Straßen. Jeden Morgen, wenn Tom aus dem Bett sprang, in freudiger Erwartung zum Fenster eilte, sah er Grau. Mal war es ein helleres Grau wie eine freundliche Wolke, häufig war es dunkel wie die alte vergammelte Betonwand auf dem Schulhof neben dem Hausmeisterbüro.

Wenn er am Frühstückstisch fragte: „Wann schneit es endlich?“, variierten die Antworten nur wenig. Es gab ein Schulterzucken, wenn sein Vater die Zeitung las, oder ein undefiniertes „Irgendwann“. Seine Mutter sagte sogar: „Hoffentlich schneit es nicht!“ Es mache das Autofahren schwer, man müsse Schneeschippen, die Straßen seien rutschig, die Bürgersteige ebenso und der Dreck danach, wenn es wieder taute …

Als seine Mutter ihm „Gute Nacht“ wünschte, fragte Tom erneut: „Meist du, morgen gibt es Schnee?“

Wenigstens ließ sich seine Mutter dieses Mal zu einer ehrlichen Antwort hinreißen. „Nein, es ist nichts angekündigt!“ Und als ob das nicht schlimm genug wäre, schob sie nach: „Auch Weihnachten soll es nicht schneien, haben sie heute gesagt.“

„Das ist gemein!“

„Träum dich doch in eine Schneelandschaft!“, erwiderte seine Mutter lächelnd. „Stell sie dir einfach vor — eine weiße Fläche!“

Eine weiße Fläche! Wie langweilig das klang. Tom fühlte sich an die geflieste Wand im alten Schwimmbad am Stadtrand erinnert. Er überlegte: Wie sähe seine ideale Winterwelt aus? Eine leicht hügelige Landschaft müsste es sein. Eine, die Konturen aufwies: sanft geschwungene Buckel mit einer schönen Decke Schnee, bestimmt einen Meter dick. Dazu ein paar Tannen mit weißen Hauben und ein Dorf, dessen Kirchturm die in eine Mulde gekuschelten Häuser deutlich überragte. Vielleicht ein Wald am Horizont. Die Mutter hatte das Zimmer längst verlassen, als Tom noch immer in seinen Gedanken in der Winterlandschaft unterwegs war.

Wie sollte der Himmel aussehen? Blau, weiß, grau? Welche Tageszeit sollte es sein? Und er brauchte einen Weg. Wie schnell sich ein schmaler Pfad in Gedanken einfügen ließ. Er war schneebedeckt wie der Rest der Landschaft, doch konnte Tom Fußspuren ausmachen, die darauf hindeuteten, irgendjemand vor ihm hatte diesen Weg genommen. Aufregend! Auch Tom würde diesen Trampelpfad gehen, eine kleine Brücke überqueren, unter der ein Bächlein gurgelte. Tom wurde müder und müder, er hatte Schwierigkeiten, sich auf sein Bild zu konzentrieren. Schade, dachte er, er wäre heute gerne noch lange durch seine Winterlandschaft gewandert. Und dann war er eingeschlafen.

Natürlich konnte man auch am Tag träumen. Aber deutlich mehr Spaß machte es, wenn er im Bett lag. Außergewöhnlich früh zog sich Tom heute in sein Zimmer zurück. Seine Eltern hatten ihm einen skeptischen Blick zugeworfen, als er sich bereits um sieben Uhr abends für die Nacht verabschiedete.

Auf Knopfdruck konnte Tom sein Bild von gestern wiederherstellen. Schön war es. Herrlich winterlich. Inzwischen hatte Tom sich für einen blauen Himmel mit ein paar zerrupften Wolken entschieden. Mittagszeit sollte es sein. Die Sonne, die um diese Uhrzeit hoch am Himmel stand, brachte die Schneefelder, die vor ihm lagen, zum Glänzen. Es glitzerte und funkelte, bis Tom die Augen schließen musste. Plötzlich hatte er eine Sonnenbrille auf der Nase. Er blickte an sich herunter: Seine Füße steckten in roten Moonboots, mit denen er fast zehn Zentimeter größer war als sonst. Aber er trug weder Anorak noch Mütze oder Handschuhe. Trotzdem fror er nicht.

„Seltsam“, dachte er, „so viel Schnee, aber keine Kälte.“ Munter stapfte er los, in Richtung des Dorfes. Was ihn dort wohl erwarten würde? Das Gefühl der Vorfreude stieg in ihm auf.

Neben ihm türmte sich der Schnee einen halben Meter hoch — eine dicke, unberührte, flauschige Schicht Weiß, die einladend aussah. Lange hatte er keinen Schnee mehr erlebt. Beinahe hatte Tom vergessen, was man damit alles anstellen konnte. Aber nur beinahe. Als Erstes sprang er in die stäubende weiße Pracht, wirbelte fröhlich herum, drehte sich im Kreis, dann warf er sich in den Schnee. Auf dem Rücken, wie in einem Daunenbett liegend, betrachtete er den Himmel über sich. Ein paar schwarze Vögel flogen über ihn hinweg. Wie ging das noch? Richtig, Arme und Beine lang gestreckt öffnen und wieder schließen, wie beim Hampelmannspringen. Mit wenigen Bewegungen hatte er einen Schneeengel gezaubert. Nachdem Tom aufgestanden war, sich den Schnee von der Kleidung geklopft hatte — so viel Ordnung musste auch im Traum sein —, begutachtete er sein Werk. Vielleicht brauchte es einen weiteren Engel, damit der eine nicht einsam war. Zu zweit war es immer schöner. Abermals sprang Tom in die dicke Decke, warf mit Schnee um sich, bevor er den zweiten Abdruck formte.

Nur ein paar Schritte später war Tom auf der Holzbrücke, die über den Bach führte, der munter durch die Landschaft gluckerte. Unter dem Steg hingen filigrane Eiszapfen dicht nebeneinander wie eine Borte aus Kristall.

Tom kniete sich auf das Holz, brach einen der Zapfen ab und hatte einen Eislutscher. Weiter lief er, griff neben sich, formte Schneebälle, warf sie in die Luft und schaute ihnen zu, wie sie mit einem stumpfen Geräusch wieder in den Schnee tauchten.

Sehr schnell näherte er sich dem Dorf. Er konnte die Kirche deutlich erkennen, einige Häuser und — oh nein — die Bilder verschwammen vor seinen Augen.

Am nächsten Abend begann Tom seine Erkundung im Dorf. Er wanderte über den verschneiten Dorfplatz, um den sich die Kirche und eine Handvoll Häuser gruppierten. Tom spähte durch die Fenster der kleinen Gebäude, sah holzgetäfelte gemütlich aussehende Stuben, aber keine Menschen. Natürlich nicht. Zu dieser Tageszeit waren alle unterwegs.

Es müsste Nachmittag sein, entschied er. Schwupps, waren sie da: Junge, Alte, Kinder, Hunde und Katzen. Mit einem Mal herrschte ein buntes Treiben im Dorf.

„Weihnachtlicher könnte es aussehen“, überlegte Tom. Kaum hatte er den Gedanken beendet, entdeckte er Eislaternen, Tannengestecke und -girlanden, Sternenketten und rote Christbaumkugeln an dunklen Tannen und viele Kerzen. Einen Schneemann, nein mehrere Schneemänner. Eine Garde von Schneemännern.

Auf einmal begann es zu schneien. Tom legte den Kopf in den Nacken, sah die weißen Flocken und hatte das Gefühl, dem Himmel entgegenzuschweben. Es war wunder-, wunder-, wunderschön.

„Tom!“

Tom schreckte hoch. Wo war er? Seine Mutter stand neben seinem Bett. Ihre Augen strahlten. Es war Morgen.

„Du wirst nicht glauben, was los ist“, sagte seine Mutter und schob mit einem Schwung die Gardinen beiseite. „Es schneit! Es gibt eine weiße Weihnacht!“

Ungläubig betrachtete Tom das Schneetreiben vor dem Fenster, bevor sich ein Lächeln um seinen Mund legte.

Bettina Schneider lebt in Berlin.

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Haiku-Tanka-Paar

leiser Winterwind

lautes Gebell meines Hunds

unsere Einsamkeit

leiser Winterwind

es weihnachtet gerade

auf einsamem Hof

mein Hund bellt die Sterne an

als wäre er ein Wölfchen

Pawel Markiewicz lebt in Bielsk Podlaski in Polen.

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Weihnachtswünsche

Am Küchentisch sitzt eine schmollende, grummelnde Tochter in Volksschulalter einer entnervten Mutter gegenüber. Das sind die Müllers – und die Müllers sind furchtbar normale Leute. So normal, dass Hanna Müller in der Schule gehänselt wird für ihre zu normalen Kleider und Zöpfe und Mutter. So normal, dass Frau Maria Müller Erziehungsheftchen liest und versucht, ihre Tochter liberal zu erziehen. Also fragt sie taktisch ablenkend: „Hast du dir schon überlegt, was du dir zu Weihnachten wünscht?“

„Das Christkind mag die Reichen eh lieber! Oh nein, warte, ich wünsche mir, dass die in meiner Klasse alle zu Weihnachten Bauchweh bekommen!“

„Hannah, das darf man doch nicht wünschen! Du musst vorsichtig sein mit deinen Wünschen! Stell dir vor, dieser Wunsch ginge in Erfüllung, wie würdest du dich dann fühlen?“

Aber Hannah mag jetzt keine pädagogischen Gespräche führen. Hannah steht auf und knallt mit der Tür.

Frau Müller überlegt, was sie jetzt tun sollte, und kommt zu dem Schluss, dass Hannah in die Pubertät kommt und sie deshalb die nächste Edition der Elternratgeber bestellen sollte. Jetzt hat sie sowieso keine Zeit mehr, weil sie ins Immobilienbüro fahren muss. Den Job hat sie, seit Hannah sechs Monate alt ist, was ein Glück war, denn die Firma war die Einzige gewesen, die sie eingestellt und genug bezahlt hatte, sodass sie sich Hannahs Krippe leisten konnte. Während sie frisch verheirateten Pärchen Traumhäuser am Mittelmeer präsentiert, überlegt sie, wie es wohl wäre, in einem davon zu wohnen.

Frau Müller ist aus Prinzip wunschlos unglücklich. Aber mit Hannah direkt am Meer zu leben, das wäre schon noch ein Wunsch. Das Rauschen der Wellen, die kreischenden Möwen, die salzige Luft, eine fröhlich planschende Hannah …

„Entschuldigung, haben Sie mich richtig gehört? Ich wollte wissen, ob das hier in einer Gegend mit guter Infrastruktur liegt?“

„Wie? Oh, nun ja, es liegt in einer ruhigen Gegend.“ Das war die schönste Umschreibung, die ihr für Kaff einfiel. Und damit schrubbte sie den Wunsch nach einer Wohnung am Meer auch schon wieder von ihrem Horizont, denn in einem Kaff wollte sie mit Hannah nicht leben, das Kind sollte Chancen haben, nicht umsonst war sie mit ihr in die Großstadt gezogen.

Damit Hannah sozial angebunden war, hatte Frau Müller eine Weihnachtsparty am 23. Dezember für sie und ihre Klassenkolleginnen organisiert. Natürlich eine Überraschung für die Kinder, denn die wären ganz sicher dagegen gewesen. Nach der Arbeit war sie also nach Hause gelaufen, um alles vorzubereiten, viel zu spät dran wie immer, rührte sie wild im Weihnachtskuchenteig, während sie eigentlich aufräumen und den Weihnachtsbaum schmücken sollte. Als Hannah nach Hause kam, roch es natürlich nach verbranntem Kuchen und sie musste ihre Mutter von dem Weihnachtsbaum befreien, der umgekippt war, nachdem Frau Müller mit den Christbaumkugeln in der Hand auf dem Mehl am Boden ausgerutscht war.

Während sie die zerbrochenen Kugeln aufkehrte, rief die Mutter einer Klassenkameradin von Hannah an, um abzusagen, ihre Tochter hätte plötzlich Bauchschmerzen.

Was für eine lächerliche Ausrede!

Als auch noch die zweite und dritte Mutter mit der dummen Bauchwehbegründung absagte, wurde Frau Müller so wütend, dass sie die restlichen Kugeln gegen die Wand warf. Verzweifelt weinend sammelte sie die Scherben auf und da wurde ihr klar, dass sie als Mutter nichts anderes als eine völlige Versagerin sein konnte, dass ihr jegliche Voraussetzung zur guten Mutter fehlte und dass das auch nicht durch Erziehungshefte gutzumachen war.

Sie hatte kein Geld, daher keine Zeit und daher auch keine Nerven mehr, ihre Tochter war einsam und sie hatten kein Haus am Meer. Nun rief die fünfte Mutter an.

Dann kam Hannah freudestrahlend aus ihrem Zimmer. „Das Christkind ist doch gerecht!“ Ein schlimmer Virus musste die Klasse heimgesucht haben. „Und wenn du noch immer wissen willst, wie ich mich fühle – großartig!“

Das war natürlich absolut bedenklich und auch sehr schade für die Klasse, doch Frau Müller hatte ganz andere Sorgen. Kreidebleich stürzte sie zum Fenster, in der Erwartung, sich mit ihrem Haus plötzlich auf einer Insel am Meer zu befinden. Oh, wie sie das Wünschen bereute! Doch vor dem Fenster war die gleiche Straße wie immer zu sehen, das Haus hatte sich also keinen Zentimeter bewegt. Frau Müller seufzte erleichtert. Dann war es doch alles nur Zufall gewesen. Oder ihr Wunsch nach dem Leben in der Großstadt war stärker gewesen.

Da nun jeglicher Stress abfiel, widmete sie sich der Entsorgung des abgebrochenen Christbaums. Schon auf der Treppe flatterte ihr ein kreischender Vogel entgegen. War das … eine Möwe? Und wo kam das Wellenrauschen her?

Frau Müller schüttelte den Kopf, sie durfte jetzt noch nicht verrückt werden! Im Hof waren die Mülltonnen verschwunden. Stattdessen stand eine hausgroße, rechteckige Säule mitten im Hof. Und die Luft schmeckte salzig.

Ungläubig näherte sie sich der Säule, die ganz offensichtlich aus Wasser bestand. Sollte das ein Meer sein? Wellen kräuselten sich an der Oberfläche und in dem glasklaren Wasser konnte man Fische erkennen. Von ihrer Perspektive aus, war es nicht wirklich tief, es schloss mit dem Boden ab, sondern es war ziemlich hoch. Ob es gefährlich war? Ein Strudel? Haie? Der Schnee war aus dem Hinterhof verschwunden, die Sonne schien heiß und gleißend und jetzt bemerkte sie auch, dass sie Sand in den Schuhen hatte.

Plötzlich stand Hannah hinter ihr. „Was? Was ist das?“ Und gleich darauf: „Hast du dir das gewünscht?“

Frau Müller nickte betrübt. Doch Hannah rief „Großartig!“ und lief ins Haus, um gleich darauf im Bikini zurückzukommen und direkt in die Wassersäule zu laufen.

„Nein!“, konnte Frau Müller gerade noch schreien, als Hannah schon im Wasser verschwunden war. Panisch überlegte sie, was nun zu tun sei. Hannah war immer noch nicht zu sehen. Frau Müller lief um die Säule herum und rief nach ihrer Tochter, als Hannah plötzlich weiter oben den Kopf aus dem Wasser steckte.

„Komm rein, es ist ganz warm!“

Frau Müller schüttelte müde den Kopf. Das war zu viel Außergewöhnlichkeit für ein sonst so normales Leben.

Hannah aber hatte umso mehr Spaß. „Schau, ich kann bergauf schwimmen!“

Aber ihre Mutter nickte nur noch verwirrt.

Abends, Hannah übte gerade Köpfler vom Hausdach, rief das Immobilienbüro an. Ja, sie hatte sich für morgen freigenommen. Aber man brauche sie jetzt doch. Sie müsse natürlich nicht kommen, man könne ihr Gehalt auch den anderen Mitarbeitern als Weihnachtsprovision ausbezahlen.

Das war genug. Frau Müller schleuderte das Handy in die Wellen – langsam hatte sie einen Plan.

Am Morgen des 24. Dezembers gingen die Müllers einkaufen. Draußen schneite es bitterkalten Schnee, während sie Liegestühle, Handtücher, Gummitiere und Sonnenschirme nach Hause schleppten. Aus alten Brettern zimmerte Frau Müller eine Strandbar, während Hannah die Schirme und Stühle aufstellte. Dann malten sie noch ein Schild:

Weihnachten am Strand. Feiern Sie mit den Müllers.

Frau Müller hatte den ganzen Abend für über hundert Gäste Strandcocktails gemixt und Hannah beim Planschen mit den anderen Kindern zugesehen. Auch wenn sie laut Erziehungsratgeber die Schlafenszeit überschritten hatte – einsam war sie jetzt bestimmt nicht mehr. Jetzt waren die Gäste gegangen und Mutter und Tochter trieben auf einer Luftmatratze in Richtung Himmel.

„Und wie geht es jetzt weiter, Mama?“

„Na, wir machen hier Ferien. Und wenn die Schule wieder anfängt, eröffnen wir unser ganzjähriges Strandbad.“

Sarah-Sophie Schwarzhappel wurde am 3. Oktober 1998 geboren und lebt in Wien. Neben dem Schreiben spielt sie gerne Saxofon und Flöte, tanzt und engagiert sich ehrenamtlich. Außer Gedichten schreibt sie Kurzgeschichten, Poetry Slams und experimentelle Texte. 2013 war sie beim Badener Literaturwettbewerb Zeilenlauf und 2014 beim Vienna City Literaturwettbewerb bis zum Finale dabei, seitdem habt sie in Katalogen und 2015 in einer Anthologie veröffentlicht.

*

Engelsgeschenke

Paul saß am Fenster und blinzelte in die Weihnachtsnacht. Bunte Lichter und funkelnde Sterne in den Fenstern zauberten einen warmen Glanz in die abendliche Stille der Straßen.

Paul war mit seinen Gedanken bei Max, dem kleinen Meerschweinchen, das mit seinen beiden Geschwistern und seiner Mama bei Hannes lebte. Hannes und Paul waren die allerbesten Freunde.

Vor ein paar Wochen hatte Hannes von seinen Eltern die Lotte geschenkt bekommen. Lotte war ein struwweliges weißes Meerschweinchen. Paul war sofort total verliebt in Lotte und ein bisschen neidisch auf seinen Freund Hannes. Doch dann passierte das Unglaubliche! Eines Morgens hatte Hannes Paul aus dem Bett geklingelt. Es war an einem Sonntag – und Mama hatte ganz knurrig geguckt, weil sie noch so müde war. Paul war dann in seine Hausschuhe geschlüpft und die Treppen bis in den vierten Stock gelaufen. Dort wohnte Hannes mit seinen Eltern und mit Lotte. An diesem Morgen jedoch war ein Wunder geschehen. Plötzlich, über Nacht, hatte Lotte Babys bekommen. Drei kleine Meerschweinchen wuselten durch das Heu und quiekten ganz leise.

Hannes’ Eltern waren auch ziemlich erstaunt, doch sie beschlossen, dass ein Kleines bei Lotte bleiben durfte.

Jeden Tag besuchte Paul seinen Freund Hannes – und jeden Tag saßen die beiden bei Lotte und ihren Babys und wurden ganz traurig bei dem Gedanken, dass zwei von ihnen zu fremden Menschen ziehen mussten.

Am ersten Advent saßen die Freunde vor dem Gehege und beobachteten die Meerschweinchen.

„Ich finde, die kleine Weiße sollte Lilly heißen“, sagte Hannes, während er an seinem Zimtkeks knabberte.

„Das ist ein schöner Name“, nickte Paul zustimmend. „Lotte und Lilly, das passt!“

„Lilly bleibt bei mir, aber die beiden Jungs brauchen ein neues Zuhause.“ Hannes schnaufte unglücklich. Er konnte sich gar nicht vorstellen, dass er sich von den Tieren trennen musste.

„Ich frage meine Mutter, ob Max zu mir ziehen darf“, sagte Paul schnell. Er hatte das schwarze Meerschweinchen längst Max getauft.

„Max?“, staunte Hannes. „Ich finde, dann sollte der Braune Moritz heißen.“

Die Jungen lachten vergnügt und waren sich einig, sie brauchten einen Plan. Lotte und Lilly und Max und Moritz waren eine Familie!

„Das soll so bleiben“, schworen Hannes und Paul. „Sie sollen nie weiter entfernt leben, als von dieser vierten Etage bis runter zur ersten!“

Pauls Mutter liebte die Weihnachtszeit. Den ganzen Tag über hörte sie Weihnachtslieder, buk Weihnachtsplätzchen und bastelte Weihnachtsschmuck. Es schimmerte und glitzerte in jedem Zimmer. Am Abend strickte sie Socken aus roter und grüner Wolle, und weil sie besonders gut gelaunt war, konnte sie Paul auch kaum einen Wunsch abschlagen.

Natürlich gab es auch Wünsche, die Paul am allerbesten auf seinen Wunschzettel schrieb, denn so war klar, dass diese besonders dringlich waren. Also malte Paul zwei Meerschweinchen auf das schöne Sternenpapier. Ein schwarzes und ein braunes, und er schrieb mit seiner schönsten Schrift in goldenen Buchstaben Max & Moritz darunter. Mehr Wünsche hatte er nicht!

Die Tage vergingen und Paul hatte immer noch keine zündende Idee, doch dann kam ihm ein Hinweis zu Hilfe, den ausgerechnet seine Mutter selbst gab. Weil es über Nacht doch noch winterlich kalt geworden war, holte Mama die dicke grüne Jacke aus dem Schrank und hielt sie Paul hin.

„Zieh die an, damit du nicht frierst“, lächelte sie, doch Paul mochte diese Jacke überhaupt nicht. Er hatte sie im letzten Jahr zu Weihnachten bekommen – und unglücklicherweise war er aus dieser nicht herausgewachsen. Er schlüpfte missmutig hinein – und sie passte. „Dieses doofe Ding“, maulte Paul, „die ist was für Mädchen mit der roten Zipfelmütze da hinten dran.“

Tatsächlich erinnerte die Jacke von hinten ein bisschen an das Mäntelchen eines Weihnachtszwerges.

„Aber Paul“, staunte Mama, „diese Jacke stammt aus der Weihnachtswerkstatt. Daran haben viele Engel gearbeitet, damit sie dir eine Freude machen können.“

Paul verdrehte die Augen. Glaubte Mama wirklich, was sie da sagte? Dann jedoch sagte Mama den alles entscheidenden Satz: „Engelsgeschenke kann man nicht umtauschen!“

Der Weihnachtsabend rückte immer näher. Die Aufregung bei Paul und Hannes steigerte sich, denn noch konnte ihr Plan scheitern. Gemeinsam bastelten sie an der goldenen Kiste, zimmerten an einem Holzhäuschen, das sie mit Sternen bemalten und legten einen kleinen Apfel, eine dicke Möhre und ein saftiges Stück Gurke in eine Schale. Nun musste alles gut verpackt werden, bevor der Weihnachtscountdown startete.

Es war am Nachmittag, als Oma und Opa kamen und gleich ganz geheimnisvoll in die Küche huschten. Paul wusste, dass Mama jetzt noch eine Weile zu tun hatte, bevor sie ihn ans Telefon holte. Jedes Jahr wünschte ihm Papa, sozusagen über Satellit, ein frohes Weihnachtsfest. Er lebte mit seiner neuen Familie weit weg und feierte mit ihnen unter Palmen. Paul konnte sich das nicht vorstellen. Für ihn ging nichts über einen großen Tannenbaum mit Kerzen und Lametta, bunten Kugeln und goldenen Engeln.

Als draußen alles still war, schlich Paul schnell zur Tür. Er erschrak ein bisschen, denn dort stand schon Hannes und blickte ihn an.

„Wo bleibst du?“, flüsterte der Junge außer Atem. „Bei uns geht gleich die Bescherung los. Und dann ist auch noch Max abgehauen!“

Paul durchfuhr diese Nachricht wie ein Blitz. „Wo ist er?“, fragte Paul schnell, doch Hannes drückte ihn schon ein weiches braunes Bündel in die Hände.

„Hier“, hauchte Hannes, „nimm! Den Max suchen wir später. Ich muss jetzt wieder hoch!“ Während Hannes die Treppen hinauf flitzte, lief Paul in sein Zimmer zurück und schloss die Tür mit einem leisen Klacken.

„Bescherung“, trällerte Mama und schon schwappte Glockenklang und Stille Nacht durch die Luft.

Pauls Herz klopfte wild, während er ins Weihnachtszimmer trat und in Omas und Opas strahlende Gesichter blickte. Während sie zu viert standen und gemeinsam sangen, schielte Paul zum Weihnachtsbaum hinüber. Alles war so wie vor einigen Minuten, als er heimlich dieses schöne Paket mit der roten Schleife und den Luftlöchern unter den dicken Tannenast gestellt hatte. Natürlich lagen da noch viel mehr Geschenke, doch die interessierten den Jungen nicht. Er hoffte, dass jetzt alles nach Plan lief.

Als das Lied zu Ende war, begrüßte Paul seine Großeltern und sagte noch ein Gedicht auf.

„Jetzt aber Geschenke!“, drängelte Opa.

Natürlich gab es für jeden etwas. Oma sprühte ihr neues Parfum in die Luft und packte ein Seidentuch aus. Opa warf sich einen selbst gestrickten Schal um den Hals und hielt ein Paar Wollsocken in Rot und Grün in die Höhe. Mama freute sich über eine neue Backform und ein kunterbuntes Tuschebild. Schließlich blickten alle Paul an, der sich daranmachte, ein ziemlich großes Paket auszupacken. Es dauerte einen Moment, doch dann öffnete er den Deckel und erstarrte. Er glaubte seinen Augen nicht! Da drinnen saß der kleine Max und blickte ihn an.

„Da ist ja noch ein Geschenk“, rief Mama und holte das Paket mit der roten Schleife. „Das ist bestimmt auch für dich.“

In Pauls Kopf purzelten die Gedanken wild durcheinander. Der Max war gar nicht abgehauen, der saß hier unter dem Weihnachtsbaum. Und nun würde Paul auch noch den Moritz auspacken! Denn der saß ja in dem letzten Paket.

„Sieh an“, lachte Opa, „gleich zwei Stück. Das ist sehr gut, denn Meerschweinchen sollten niemals alleine sein.“

„Das sind Max und Moritz“, sagte Paul ganz leise. „Das sind Engelsgeschenke.“

„Ja“, schmunzelte Mama, „und Engelsgeschenke kann man nicht umtauschen!“

Ramona Stolle lebt in ihrer Heimatstadt Berlin. Sie schreibt Geschichten und Gedichte für kleine und große Leserinnen und Leser. Die Weihnachtszeit ist für sie die schönste Zeit des Jahres.

*

Der Elch Mirko

Es war einmal ein Elch, der lebte in einem tief verschneiten Zauberwald, in dem sich noch der Hase und der Fuchs „Guten Tag“ sagten.

Es war ein kalter Wintertag, die Schneeflocken rieselten leise vom Himmel und der ganze Wald war in Schweigen gehüllt. Da! Auf einmal gab es ein lautes Geräusch. Mirko, der Elch, ließ ein lautes Stöhnen von sich, das den gesamten Wald vor lauter Schreck erstarren ließ.

Ein kleiner Hase steckte seine Nase aus einem Kaninchenloch. „Was ist denn los, lieber Elch?“

„Ich hab solche Schmerzen“, antwortete Mirko und zeigte dabei auf seine Zähne.

„Oh nein, du armer Elch“, sagte der kleine Hase und hüpfte auf ihn zu. „Kann ich mir den Zahn mal ansehen?“ Und schon steckte der kleine Hase seinen kleinen Kopf in das Maul des Elchs und besah sich die Zähne. „Oh oh, das sieht nicht gut aus.“ Der kleine Hase schüttelte den Kopf und sah den Elch mitleiderregend an. „Da ist ein großer Zahn, der ist ganz entzündet.“

Während die beiden beschäftigt waren, näherte sich Linus, ein Vogel, der am anderen Ende des Waldes auf einem Baum hoch über den Wipfel gesessen hatte und von dem Schrei des Elchs fast vom Baum gefallen wäre. „Was ist hier los?“, zwitscherte er.

„Ich hab solche Zahnschmerzen“, gab der Elch zur Antwort.

„Ja, und es sieht echt übel aus“, merkte der kleine Hase an.

„Lass mal sehen“, sagte der Vogel Linus und schon quetsche er seinen Kopf in das Maul vom Elch. „Oh weh, das sieht wirklich nicht gut aus. Der Zahn muss raus.“ Mitfühlend legte er einen Flügel auf Mirkos Kopf und setzte sich auf seinen Rücken.

„Der Zahn muss raus? Nein, nein das geht nicht.“ Mirko, der Elch, machte einen Satz nach hinten und Linus wäre fast hinuntergefallen.

Da gesellte sich ein freches Eichhörnchen zu ihnen. „Was war denn das für ein Geschrei?“, fragte es und knabberte an einer Nuss weiter.

Der kleine Hase, Mirko, der Elch, und Linus, der Vogel, gaben gleichzeitig eine Antwort und man konnte vor lauter Aufregung kein Wort mehr verstehen.

„Einer nach dem anderen, bitte“, sprach das freche Eichhörnchen. Und so erzählten ihm die drei von dem Unglück.

„Ich verstehe.“ Nachdenklich kaute das Eichhörnchen an seiner Nuss weiter. „Der Zahn muss raus.“ Und frech wie es war, schmiss es eine der Nüsse direkt auf den Zahn des Elchs Mirko zu. Die Nuss prahlte laut ab, aber der Zahn war immer noch da.

„Einen Versuch war es wert“, lachte das Eichhörnchen und verschwand in seinem Baumversteck.

Da kam ein schlauer Fuchs dazu, der auf seiner Nase eine runde Brille trug. „Ich weiß, was wir machen. Danach wirst du keine Schmerzen mehr haben, lieber Elch.“ Der schlaue Fuchs nahm einen dicken Faden, wickelte ihn um den schmerzenden Zahn und gab das andere Ende Linus, dem Vogel.

„Linus, du fliegst so hoch, wie du kannst, und bindest den Faden am obersten Ast eines Baumes fest.“

So wie geraten, so getan.

Linus flog so weit hoch, wie er konnte, und machte den Faden fest. „So, und jetzt, lieber Mirko, musst du auf den untersten Ast klettern und dann in den Schneehaufen hüpfen.“

„Ich soll auf den Baum klettern? Aber das geht doch nicht, ich bin doch ein Elch und kein Eichhörnchen“, gab der Elch widerwillig zur Antwort. „Das funktioniert nie im Leben.“

Da kam ein starker Bär dazu und bot seine Hilfe an. Mit aller Kraft schoben sie Mirko, den Elch, auf den untersten Ast eines Baumes.

Vor Angst zitternd, saß nun der arme Elch auf dem Ast und traute sich nicht, in den Schneehaufen zu hüpfen. Da gab das freche Eichhörnen ihm hinterrücks einen Schubs und schon flog der Elch in den Schneehaufen. Und der Zahn baumelte in der Luft am Faden.

„Juhuu ich hab keine Schmerzen mehr“, rief Mirko, der Elch, und lachend umarmten sich alle.

Das Schneehüpfen hatte solchen Spaß gemacht, das man seit diesem Tag immer wieder Freudenjuchzer aus dem verzauberten Wald hören kann. Wer sich also eines Tages in einem verschneiten Zauberwald verirren sollte, muss nur dem lauten Lachen folgen.

Linda Hagspiel, 1991 im Allgäu geboren und aufgewachsen, schrieb ihre erste Geschichte mit zwölf Jahren. Nach ihrem Studium der Erziehungs- und Bildungswissenschaften in Innsbruck zog sie zurück ins Allgäu. Dort arbeitet sie als Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte. Inspirationen für ihre Geschichten findet sie beim Wandern in den heimatlichen Bergen und Wäldern oder auf Reisen durch fremde Länder.

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Tanni

Julius war in diesem Jahr als einer der Weihnachtsengel für besondere Aufgaben ausgewählt worden. Daher saß er im Auftragsbüro und wartete gespannt darauf, welche Aufgabe er bekommen würde. Da wurde er auch schon zum Chef gerufen.

„Julius, in diesem Jahr will ich ein Experiment wagen. Du sollst einen kleinen Tannenbaum und eine Familie am Heiligen Abend glücklich machen. Wenn dir dies gelingt, werde ich die Familie in der Weihnachtsnacht noch mal besonders überraschen.“

„Uih, gleich zwei Aufgaben“, dachte Julius.

„Nicht zwei Aufgaben“, sagte der Chef, der die Gedanken von Julius offensichtlich gelesen hatte, „sondern eine mit mehreren Beteiligten. Komm, ich zeige es dir.“

Vom himmlischen Beobachtungsbüro sahen sie herab zu einem Weihnachtsbaumstand. „Schau mal, da in der Ecke steht Tanni, der Tannenbaum. Auch bei der Erschaffung von Tanni habe ich mir sehr viel Mühe gegeben. Aber die Menschen erkennen es nicht. Sie erkennen die wahre Schönheit nicht mehr. Nur Äußerlichkeiten sind wichtig. Was hinter der Fassade steckt, ist ihnen egal. Ich will ausprobieren, ob es in dieser Stadt noch einen Menschen gibt, der Schönheit auch im Unperfekten sehen kann. Also mach dich auf, flieg zur Erde. Dir ist alles erlaubt, um die Menschen auf die Schönheit hinzuweisen.“

Also flog Julius zur Erde und fand dort einen ziemlich verzweifelten Tanni vor. „Es ist doch blöd“, jammerte der, „es waren jetzt schon viele Menschen hier, aber keiner hat mich mitgenommen. Mal war ich zu klein, meine Äste waren zu wenige oder zu viele oder nicht symmetrisch genug. Ein Ehepaar hat mich sogar als verkrüppelt beschimpft. Das tat ganz schön weh. Dabei bin ich doch eigentlich wunderbar gemacht. So langsam glaube ich aber selber nicht mehr daran. Es muss doch jemanden geben, der mich kaufen will.“

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Julius, „jetzt helfe ich dir. Es wäre doch gelacht, wenn wir dir kein Heim bis Heiligabend besorgen könnten.“ Aber so sehr sich Julius auch abmühte, Tanni ins rechte Licht zu setzen, immer hatten die Menschen etwas auszusetzen.

Schließlich war der Heilige Abend gekommen und Tanni war immer noch da. Mittlerweile war Julius fast genauso verzweifelt wie Tanni. Und da hörte Tanni auch noch den Verkäufer murmeln: „Den werde ich bestimmt auf den Müll werfen müssen.“

Das konnte doch nicht sein. Am Heiligen Abend sollte er auf dem Müll landen? Resigniert beobachteten Julius und Tanni, wie immer weniger Leute vorbeikamen. Der Verkäufer begann einzupacken.

Aber da kam noch ein Mädchen angerannt und schaute sich um. Es war Marie. Sie war so spät dran, weil sie sich das Geld für den Baum beim Blockflötenspiel in der Innenstadt gerade erst verdient hatte. Ihre Familie war arm und einen Tannenbaum konnte sie sich nicht leisten. Aber Marie wollte so gerne auch mal einen Tannenbaum haben – so wie ihre Freundinnen. Und so hatte sie, immer wenn sie Zeit hatte, in der Innenstadt Blockflöte gespielt. Von ihren ersten Einnahmen hatte sie sich heimlich Schmuck für den Baum gekauft. Heute hatte sie gespielt, um einen Baum kaufen zu können. Ihre Eltern würden staunen, wenn sie mit dem Baum vor der Tür stand. Hoffentlich würde das Geld reichen. Dann könnten sie richtig Weihnachten feiern, auch mit Baum.

Ihre Eltern hatten zwar gesagt, dass ein Baum nicht wichtig sei, solange sie als Familie trotzdem feierten. Schließlich war es ja eine Geburtstagsfeier. Das Geburtstagskind würde keinen Baum dazu brauchen. Aber es wäre trotzdem schöner, fand Marie.

Und so hielt sie dem Verkäufer ihre erspielten Münzen hin. „Welchen Baum kann ich dafür bekommen?“

Tanni und Julius witterten ihre letzte Chance. Enttäuscht sahen sie aber, dass der Verkäufer auf die Ecke mit den großen, tollen Tannenbäumen zeigte. Marie hatte viel Geld erspielt, weil die Menschen an Heiligabend besonders großzügig waren. Daher hätte sich Marie einen großen Baum leisten können. Da fiel ihr Blick aber auf Tanni.

„Ist der auch zu verkaufen?“, fragte sie.

„Ja, aber was willst du denn mit dem?“

„Er ist nur so groß, dass ich ihn selbst nach Hause tragen kann. Ansonsten ist er perfekt. Ich habe nicht viel Weihnachtsbaumschmuck und so ist es nicht schlimm, dass er nur wenige Äste hat. Ein wenig schief ist er auch, dass passt perfekt zu den schiefen Wänden bei uns zu Hause. Er ist schön, weil er so ist, wie er ist. Den nehme ich.“

„Weißt du was?“, sagte der Verkäufer. „Heute ist Heiligabend. Ich schenke dir den Baum, dann kannst du auf dem Heimweg von deinem Geld vielleicht noch eine schöne Spitze für ihn kaufen.“

Da strahlten Tanni und Julius. Gut, dass Julius noch ein wenig von seinem Engelstaub zurückgehalten und rechtzeitig Tanni damit bestreut hatte, damit Marie ein Funkeln sehen und Tanni so entdecken konnte.

Die Freude war groß, als Marie mit dem Baum und der Spitze zu Hause ankam und auch noch ihre anderen Schätze hervorholte. Alle freuten sich über den nicht perfekten Baum. Sie schmückten ihn gemeinsam, saßen dann lange beisammen und sangen Weihnachtslieder für das Geburtstagskind. Auch Tanni strahlte dank des Engelstaubes so, dass sie keine Kerzen brauchten.

Julius flog wieder in den Himmel. Im Auftragsbüro wartete der Chef auf ihn. „Gut gemacht, Julius. Du hast nicht aufgegeben, als es aussichtslos erschien.“

„Ja, und ich habe Tanni und ihre Familie glücklich gemacht. Auftrag erfüllt!“

„Ja, und auch ich hatte eine Überraschung versprochen. Schau morgen noch mal nach Maries Familie!“

Und so war Julius am nächsten Weihnachtstag noch mal auf der Erde. Tanni freute sich sehr, ihn zu sehen. Aber Tanni hatte sich verändert. Über Nacht hatte er sich in einen Baum aus purem Gold verwandelt. Da staunte die Familie nicht schlecht. Fortan waren ihre Geldprobleme kein Thema mehr. Auch viele andere Menschen konnten sich freuen. Ihren neuen Reichtum behielt Maries Familie nämlich nicht für sich, sondern unterstützte damit die Obdachlosenarbeit ihrer Kirchengemeinde.

Zufrieden lehnte sich der Chef zurück. Es hatte die richtige Familie getroffen. Auch mit mehr Geld waren sie noch in der Lage, hinter die Fassade zu blicken und das Gute nicht nur in Tannenbäumen, sondern auch in Menschen zu sehen.

Angelika Beul: 1971 im Ruhrgebiet geboren, bis heute dort lebend.

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Das Weihnachtswunder

der fleißige Briefträger kann nicht mehr

ihm fällt das Laufen so furchtbar schwer

doch er hat einen Schatz und sie braucht Geld

bringt sie doch im Winter das Kind zur Welt

er müht sich weiter die Straßen entlang

mit schmerzenden Beinen – danach wird er krank

trotzdem trägt er noch die Weihnachtspost aus

die Liebste liegt längst schon im Krankenhaus

ein Freund ruft ihm zu, das Baby sei da

vor Freude singt er wie ein Engel so klar

die Töne schweben über die Stadt

bis auch ein Agent sie vernommen hat

ein Vertrag wird daraufhin gemacht

dass der stolze Vater nur noch lacht

ab jetzt nie mehr diese Schlepperei

die Zeit als Zusteller ist vorbei

stattdessen reist er von Konzert zu Konzert

mit Frau und Kind, das ist es ihm wert

er dankt in Liedern für sein großes Glück

das Weihnachtswunder ist wirklich zurück

Regina Berger geboren 1961 in Hagen (Westfalen), studierte in Münster und schloss nach dem 1. Staatsexamen Lehramt noch einen pädagogischen Studiengang an. Sie arbeitet seither als Dipl.-Sozialpädagogin und lebt seit 27 Jahren im grünen, hügeligen Wuppertal. Sie ist Mitglied im Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien.

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Bens Wunschzettel, Weihnachten und Karneval

„Wie, haben wir denn schon wieder Weihnachten? Ich finde, Weihnachten kommt immer so plötzlich“, meinte der Vater, als Ben ihm seinen Wunschzettel vorlegte.

„Aber, Paps, Weihnachten ist immer am 25. Dezember, das weiß jedes Kind. Du weißt doch auch immer, wann Karneval ist und das ist nicht immer am gleichen Tag. Und da sagst du nie, es kommt immer so plötzlich.“

„Ben, du kannst doch Weihnachten und Karneval nicht miteinander vergleichen. Weihnachten ist mit das höchste Fest der Christen und Karneval eben Karneval.“

„Toll, Papa, das war aber gerade eine super Erklärung. Für dich ist Karneval immer das höchste Fest. Schon an Weiberfastnacht ziehst du die bescheuerte rote Perücke auf und erst am Aschermittwoch wieder ab.“

„Ben, wie kommst du jetzt auf Karneval? Hier geht es um deine Wunschliste zu Weihnachten und nicht um meine Pappnase im Karneval. Was soll das, das sind doch zweierlei Schuh.“

„Dass Karneval auch teuer ist, wenn du mit Mama auf die Sitzungen gehst!“

„Ach, es geht um deinen sicherlich großen Wunschzettel, lass mal sehen, was da alles draufsteht.“

„Das sind alles Dinge, die ich unbedingt brauche!“, warf Ben nun ein.

„Ben, wofür brauchst du ein Smartphone? Du hast ein Handy, das wir dir extra gekauft haben, falls mal was Außergewöhnliches passiert und du uns oder wir dich erreichen müssen.“

„Ich komme doch nach den Sommerferien aufs Gymnasium, da haben alle ein Smartphone. Ich möchte nun mal kein Außenseiter sein, denn Internet und WhatsApp, das muss einfach sein.“

„Was sein muss, mein lieber Sohn, das sind gute Noten und sonst nichts! Und bis jetzt bist du noch nicht auf dem Gymnasium, es dauert noch eine lange Zeit und bis dahin können auch die Noten ganz schön in den Keller rutschen.“

„Papa, du gehst nicht mit der Zeit, du bist ja auch schon über 40, während der Vater von Dirk gerade mal 35 Jahre alt ist. Und Dirk bekommt ein Smartphone, das hat er gesagt.“

„Aha, und da muss mein Sohn auch eins haben. Nun, lassen wir mal das Thema. Was steht noch auf dem Wunschzettel? Ein Tablet, wofür wird das denn gebraucht?“

„Da kann man sich Sachen drauf runterladen!“

„Also irgendwelche Spielchen! Nun, das wollen wir mal ganz streichen.“

„Papa, was soll ich mir denn wünschen? Puppen und Bücher wie Max und Moritz?“

„Ben, nun übertreib mal nicht. Mit Puppen hast du noch nie gespielt, hattest allerdings einen Elefanten, ohne den du nie ins Bett gehen wolltest.“

„Doch jetzt nicht mehr, mein Gott, Papa, das ist 100 Jahre her!“

„Und das Buch von Wilhelm Buch ist auch immer noch sehr interessant, obwohl es schon 1865 veröffentlicht wurde, besser als manche Comicheftchen. Und ein paar Bücher hast du dir ja auch gewünscht, da muss ich erst einmal recherchieren, ob die auch was für dich sind.“

„Papa, gib den Wunschzettel her, ich zerreiße ihn und wünsche mir nur neue Eltern zu Weihnachten!“ Wütend rannte er in sein Zimmer.

Am anderen Morgen, als er seinen Freund Dirk auf dem Schulweg traf, war er immer noch sauer. Aber auch dieser war nicht gut drauf.

„Na, Alter, was ist los?“, erkundigte er sich daher.

„Ach, weißt du, ich hatte gestern Stress mit meinen Eltern. Sie wollen einfach nicht kapieren, dass ich unbedingt ein Smartphone brauche. Sie sind so stur.“

„Was glaubst du wohl von meinen Eltern, das heißt, mit Mama habe ich noch nicht gesprochen, wohl aber mit Papa, und der ist auch so störrisch. Das wäre nicht nötig, ich solle erst einmal gute Noten bringen.“

„Genau wie meine Eltern. Aber wie stehen wir jetzt bei den anderen ohne Smartphone da?“

„Wir müssen überlegen, wie wir unsere Eltern überzeugen können, dass wir unbedingt ein Smartphone brauchen.“

„Eine gute Idee, aber hast du auch eine Idee?“

„Ja!“, rief Ben begeistert aus, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Dann steckten die beiden die Köpfe zusammen und tuschelten.

„Cool, aber meinst du, das würde klappen?“

„Mit Sicherheit.“

Daheim saßen Bens Eltern beim Frühstück, der Vater hinter der Zeitung vergraben.

„Sag mal, ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“, erkundigte sich Bens Mutter. „Seit gestern Abend machst du ein langes Gesicht und jetzt versteckst du dich den ganzen Morgen hinter der Zeitung.“

„Ach, ich ärgere mich über die Wünsche deines Sohnes“, knurrte es hinter der Zeitung.

„Was heißt hier meines Sohnes? Soviel ich weiß, ist er auch deiner, zumal er dir auch noch wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Aber was hat er denn für Wünsche?“

„Er will ein Smartphone!“

„Ja und, haben das nicht alle in dem Alter?“

„Nun fällst du mir auch noch in den Rücken! Ich sage Nein und dabei bleibt es auch.“ Damit knallte er die Zeitung auf den Tisch und machte sich auf ins Büro.

Die Mutter schüttelte nur den Kopf und murmelte: „Männer!“

Das Thema Smartphone aber war im Hause Ben tabu, niemand sprach mehr darüber, es wurde einfach nicht mehr erwähnt.

Es kam der Heilige Abend. Vater und Sohn hatten wie immer den Weihnachtsbaum geschmückt, die Geschenke, liebevoll verpackt, lagen bereits darunter und das Zimmer war weihnachtlich geschmückt – mit einem Wort, das Christkind konnte kommen, aber auch wie jedes Jahr die Oma, Vaters Mutter.

Man saß gemütlich zusammen, aß Mutters köstliche Plätzchen und wartete darauf, dass es dunkel wurde, man die Kerzen am Baum anzünden und mit dem Auspacken der Geschenke beginnen konnte.

Und es waren nicht wenige Geschenke, die auszupacken waren. Ben hatte viele Bücher bekommen, CDs und Legosteine, denn damit zu bauen, machte ihm immer noch sehr viel Spaß, zumal er sowieso Ingenieur werden wollte.

Aber ganz hinten lag noch ein Päckchen, auf dem sein Name stand. Schnell wurde auch das ausgepackt und was enthielt es? Das schönste Geschenk: ein Smartphone!

Der Vater wurde blass. „Wer hat denn das geschenkt?“, fragte er entsetzt und schaute dabei seine Frau an. Diese aber schüttelte nur den Kopf.

„Ich“, rief die Oma aus. „Der Junge kann doch nicht hinter den anderen zurückstehen!“

„Mutter, du, ich fasse es nicht, du wirfst meine ganze Erziehung über den Haufen.“

„Eine Oma kann und darf das“, war ihre Antwort.

Es wurde aber trotzdem für alle ein schönes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Renate Hemsen wurde 1940 in Köln geboren, wo sie auch heute noch lebt. Zu ihren Hobbys gehören Schreiben, Lesen und Reisen. Besonders das Schreiben macht ihr große Freude und daher war sie auch froh, dass sie nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben dafür mehr Zeit und Muße hatte. Sie belegte sofort einen Belletristikkursus und später auch noch einen für Kinder- und Jugendliche. Sie hat verschiedene Kurzgeschichten und auch Gedichte veröffentlicht.

*

Oma Grethes Bilder

„Deine Oma tüdelt!“, brüllt Michail voller Vergnügen.

„Tut sie nicht!“, schreit Folke zurück und bäumt sich dabei auf, schiebt das Kinn vor und ballt seine Fäuste – Stirn an Stirn, Auge in Auge stehen sich die beiden Neunjährigen gegenüber.

„Was ist hier los?!“, donnert Frau Seyfrath, die Klassenlehrerin der dritten Grundschulklasse, dazwischen.

„Seine Oma will einen lebendigen Elch gesehen haben“, erzählt Michail lachend. „Wahrscheinlich ist einer ihrer Elche von ihren Ölbildern heruntergesprungen“, feixt der Junge weiter.

„Vollpfosten!“, faucht Folke. „Meine Oma tüdelt nicht, sie sagt immer die Wahrheit!“, setzt er demonstrativ und empört nach.

„Na ja, Folke, deine Großmutter ist wohl nicht mehr die Jüngste, da kann es schon mal vorkommen, dass sich Fantasie und Realität mischen. Bei uns gibt es nämlich keine Elche!“, spricht die Lehrerin das schlussendliche Machtwort.

Wegen seines vermeintlichen Triumphs grinst Michail übers ganze Gesicht, während sich Folke für den Rest des Tages geschlagen gibt und als einzige Drohgebärde noch die Oberlippe auf der rechten Seite wie ein zum Knurren bereiter Hund ein wenig hochzieht.

Oma Grethe, Folkes Großmutter, die aus Schweden stammt, malt seit Jahren Elche in allen möglichen Variationen – mal als Weihnachtsmann, mal als Taxifahrer, sogar eine österliche Hasen-Elch-Variante taucht in ihrem künstlerischen Œuvre auf.

„Vielleicht kann Oma tatsächlich nicht mehr klar unterscheiden zwischen dem, was auf ihren Bildern gemalt ist, und dem, was in der freien Natur vorkommt“, grübelt der Neunjährige auf seinem Heimweg.

Zu Hause – das ist ein restauriertes Fachwerkgebäude am Waldrand nahe der kleinen Stadt Karlsburg in Mecklenburg-Vorpommern –, angekommen, läuft Folke wie immer nach der Schule sofort in Großmutters Atelier und wirft sich seiner Oma Grethe in den Schoß. Natürlich möchte diese neugierig erfahren, wie der Schultag ihres Enkels verlaufen ist. Beide werden für einen Moment traurig, als Folke von dem Streit mit Michail erzählt und auch davon, dass Frau Seyfrath nicht an Elche glaubt.

„Hier hast du Stifte und Papier zum Malen, ich zeige dir mein neuestes Elchbild“, sagt die Großmama voll gütigem Stolz.

Folke traut seinen Augen kaum. Auf Oma Grethes Staffelei bestaunt er ein Bild von einem Elch, der um das elterliche Haus streift. Damit hatte er bestimmt nicht gerechnet! Potzblitz! Von den bisherigen Malereien der älteren Dame unterscheidet sich dieses Werk durch die realitätsbezogene Abbildung eines solchen Tieres ähnlich einem Foto. Sonst malt die Oma eher Elche, die eindeutig ein Produkt ihrer Fantasie sind und niemals auf einem Foto erscheinen könnten. Dieses Bild aber ist eindeutig anders als alle anderen!

Folke rollt mit den Augen und blinzelt seine Großmutter an.

„Diesmal dachte ich mir nichts aus, mein Kleiner, ich malte nur das, was ich sah“, kommentiert Oma Grethe verschmitzt ihr Gemälde. „Es kommt mir wie in Schweden vor und das hier in Karlsburg!“, setzt sie begeistert nach.

„Oma, kann es sein, dass du allmählich spinnst oder so? Es gibt hier nämlich keine Elche, sagt unsere Lehrerin!“, erwidert Folke ungläubig.

„Aber doch gibt es welche, das siehst du doch hier!“, antwortet die Seniorin überzeugt.

Der Streit zwischen den Schulkameraden ist bald vergessen und Folke nimmt das Wort Elch gar nicht mehr in den Mund. Alle Kinder fangen an, sich auf Weihnachten zu freuen, und als dann auch noch am zweiten Advent ganz viel Schnee fällt, ist die Vorfreude auf den Heiligen Abend perfekt.

Da entdeckt Folkes Vater Noah plötzlich eine seltsame Spur im Schnee, die um das Grundstück führt, und ruft sogleich Folke und Oma Grethe herbei. Weil Folkes Mama das Wohnzimmer weihnachtlich dekoriert, bleibt sie im Haus zurück.

„Seht mal her: Hier muss ein seltsames Tier entlanggelaufen sein. Es sieht beinahe so aus, als hätte sich ein ganz kleines Schuhpaar mit Absätzen geschlossen hüpfend im Zickzack fortbewegt“, rätselt der Vater stirnrunzelnd.

„Das ist überhaupt kein seltsames Tier!“, stellt die aus Schweden stammende Künstlerin der Familie wissend fest. „Es handelt sich um einen Elch! Ich weiß doch, welche Spuren diese Tiere hinterlassen!“, ist sich die ältere Dame sicher.

„Ein Elch?!“, rufen Vater und Sohn im Chor.

„Genauso ist es!“, behauptet die Großmutter selbstbewusst.

„Kommt, wir folgen seiner Spur!“, schlägt der Vater vor.

Langsam und behutsam schleichen die drei in leicht geduckter Haltung den Tierspuren nach, die sie in den nahen Wald führen. Vor einer Lichtung bleibt das Trio andächtig stehen und sucht geschwind den schmalen Schutz hinter einer kleinen Tanne auf. Von dort werden sie Zeugen davon, wie sich auf der Lichtung vor ihnen ein Elchbulle mit einem majestätischen Geweih friedlich äsend an eine Elchkuh schmiegt. Aus dem Dickicht dringt knisternd auch noch ein Jungtier hervor und gesellt sich zu dem erwachsenen Elchpaar. Aus dem Versteck heraus macht Vater Noah in dieser atemberaubenden Stille mit seinem Smartphone einige Fotos von der Elchfamilie. Welch eine Freude – und Oma Grethe hat gar nicht getüdelt! Als die kleine Elchfamilie weiter in den Wald hineinläuft, treten auch Folke, sein Vater und seine Großmutter entzückt den Heimweg an.

Michail und Frau Seyfrath sehen sehr komisch mit ihren langen Gesichtern aus, als Folke ihnen kurz vor der Weihnachtspause die Fotografien als Beweis für die Existenz von echten Elchen in Karlsburg präsentiert.

Es gibt sie eben doch, die Elche, nicht nur auf den Bildern von Oma Grethe, sondern ganz real vor der Haustür, wenngleich sie in Karlsburg nicht direkt heimisch sind. Ein Förster, den die Lehrerin zum Vorkommen von Elchen in deutschen Wäldern interviewt, vermutet, dass speziell diese Elchfamilie höchstwahrscheinlich aus dem Nachbarland Polen eingewandert ist.

Obwohl nach Verbreiten der Elchsichtung ganze Touristenbusse voller neugieriger Schaulustiger in das Wäldchen hinter Folkes Haus einfallen, wird die Elchfamilie nie wieder dort beobachtet!

Um der breiteren Öffentlichkeit trotzdem einen Einblick in den seltenen Elchbesuch zu gewähren, werden Oma Grethes Gemälde von dem nicht ihrer Fantasie entsprungenen Elch und die Fotos von Folkes Papa in der Aula der Grundschule ausgestellt. Die Schuldirektorin hält sogar eine Ansprache dazu, bevor die Feiertage endlich beginnen können.

Genaues Hinsehen hilft manchmal, um zu entdecken, was wirklich um uns herum geschieht. Einen Moment gibt es nie ein zweites Mal! Dann können selbst Wunder wahr werden oder Dinge geschehen, die niemand bisher für möglich hielt! Jedoch müssen wir an das glauben, was wir sehen, auch wenn es wie ein Zauber erscheint!

Frohe Weihnachten!

Maren Rehder studierte Kunst, Kunstgeschichte, Evangelische Theologie, Pädagogik und Soziologie. Schon als Kind wurde sie wegen ihrer Ideen geschätzt. Erst im Erwachsenenalter begann sie mit dem Schreiben.

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