Kitabı oku: «Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 2»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland
Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit
Band 2
Martina Meier (Hrsg.)

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Impressum:
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten - Taschenbuchauflage erschienen 2009
Titelbild: Heike Georgi
Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM
ISBN: 978-3-940367-77-8 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-320-0 -E-Book
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Inhalt
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Ein Engel namens Tobias
Weihnachten stand vor der Tür. Während alle Kinder bereits ihre Wunschzettel geschrieben hatten und ungeduldig das Fest herbeisehnten, herrschte im Himmel rege Betriebsamkeit. Was musste nicht noch alles vorbereitet und erledigt werden: Plätzchen backen, Geschenke einpacken und, und, und…. Vor allem musste der Botendienst gut organisiert werden.
Schon seit Wochen war Petrus damit beschäftigt, die Wege genau auszuarbeiten und jedem Engel zu erklären, welchem Kind in der heiligen Nacht welches Paket zu bringen sei, denn selbstverständlich kann das Christkind nicht allein all die schönen Dinge verteilen, die Weihnachten unter dem Tannenbaum liegen. Den ganzen Tag über saßen die Englein dicht gedrängt in einem großen Saal, den ihr euch ähnlich wie ein Schulzimmer vorzustellen habt, und lauschten aufmerksam, was Petrus ihnen zu sagen hatte. Ab und zu holte Petrus einen Engel nach vorn an die Tafel und ließ sich den Ablauf der heiligen Nacht erklären. Auch stellte er Fragen und wehe, ein Englein hatte im Unterricht nicht aufgepasst und konnte sie nicht beantworten.
Ihr seht also, die Vorweihnachtszeit ist für die Engel kein Zuckerschlecken, sondern harte Arbeit. Andererseits ist es aber auch für die Engel eine schöne Zeit, denn so manches Mal fällt beim Backen ein etwas misslungenes Plätzchen an, und wer nascht nicht gern? Des Öfteren kommt es vor, dass Petrus einem besonders fleißigen Englein ein dickes Lob ausspricht und ihm die Hausaufgaben für den nächsten Tag erlässt.
Heiligabend strengten sich alle Engel ganz besonders an, denn das Christkind selbst sah zu. Nach dem Unterricht wandte sich das Christkind an Petrus: „Ich habe den Eindruck, jeder hat seine Aufgabe gut gelernt und heute Nacht wird alles tadellos klappen.“
Erfreut über dieses Lob strich sich Petrus zufrieden über seinen weißen, wallenden Rauschebart. Er versuchte, möglichst gleichgültig zu klingen: „Wir haben in den letzten Wochen hart gearbeitet.“
Endlich war es soweit. Während alle Kinder in ihren Bettchen lagen und sich vor lauter Aufregung hin und her wälzten oder vom Christkind träumten, schwebten die Englein sacht wie Schneeflocken zur Erde hernieder und machten sich rasch und konzentriert ans Werk. Jeder Engel hatte mehrere Kinder zu beschenken und musste vor Morgengrauen wieder zurück im Himmel sein, deshalb war höchste Eile geboten.
Ein Engel namens Tobias hatte bereits neun Kindern die Geschenke auf den Gabentisch gelegt. Nun war er unterwegs zu dem letzten von ihm zu beschenkenden Kind, der kleinen Katrin, die sich vor allem ein knallrotes Fahrrad gewünscht hatte. Als Tobias das Geschenk unter den herrlich bunt geschmückten Weihnachtsbaum legen wollte, bekam er einen riesigen Schreck, denn jetzt bemerkte er, dass er das falsche Paket übrig behalten hatte. Statt eines funkelnden roten Fahrrads hatte er nur noch ein fernzusteuerndes Auto. Was aber sollte Katrin damit anfangen? Das Auto hatte sich doch Andreas sehnsüchtig gewünscht, der schon längst ein Fahrrad besaß und nun ein zweites auf dem Gabentisch vorfinden würde.
O weh! Tobias schossen die Tränen in die Augen. Was tun? Viel Zeit blieb nicht mehr, schon schlug es vom nahen Kirchturm einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. Tobias nahm das Päckchen mit dem Auto und wollte so schnell er konnte zurück zu dem Haus laufen, in dem Andreas mit seinen Eltern wohnte. Doch er fand den Weg nicht mehr, weil er ihn sich nur in einer Richtung eingeprägt hatte. Er irrte durch die dunklen Straßen und wurde von Minute zu Minute verzweifelter. Schließlich gab er die Hoffnung auf und setzte sich erschöpft und mutlos unter eine Straßenlaterne. In den Himmel würde er sich nicht mehr zurücktrauen, so viel stand für ihn fest. Aber auf der Erde konnte er als Engel auch nicht bleiben. Vor Kummer und Gram hätte er sich am liebsten die Flügel ausgerissen, wenn das nur nicht so wehtun würde. Tobias vergrub sein Gesicht in beide Hände.
„Na, was hast du denn, Kleiner? Schaust ja ganz traurig aus, und das Weihnachten.“
Tobias sah auf und blickte in das stopplige Gesicht eines Mannes. Tobias erzählte von seinem Missgeschick. Der Mann lachte ungläubig: „Na, so was. Ein Engel, ein richtiger Engel bist du?“
Tobias nickte und bat den Mann, ihm zu helfen, Andreas zu finden. Das Haus konnte er ungefähr beschreiben. Der Mann schien sich sehr für das Haus zu interessieren. „Klingt so, als sei da einiges zu holen“, murmelte er.
„Ja, ich will dort das Fahrrad holen und stattdessen dieses Päckchen abgeben“, sagte Tobias.
Der Mann grinste: „So hab ich das eigentlich nicht gemeint. – Komm mit, wir werden das Haus schon finden.“
Tobias folgte dem Mann. Nach einer Weile standen sie tatsächlich vor dem Haus, in dem Andreas mit seinen Eltern wohnte. „Vielen Dank für die Unterstützung“, sagte Tobias, „ich husch schnell hinein und tausche die Geschenke aus.“ „Warte, warte, Kleiner, du kannst mich mitnehmen.“
Tobias bekam große Augen. „Was willst denn du da drin?“ „Das kannst du dir nicht denken?“, fragte der Mann erstaunt und deutete auf die große schwarze Tasche, die er bei sich trug. Als er das verständnislose Gesicht von Tobias sah, hielt er in der Bewegung inne. „Na ja, du bist ein Engel, wahrscheinlich kannst du dir so was wirklich nicht vorstellen. Vielleicht ...“ Der Mann schien mit sich zu ringen.„... vielleicht, weil heute Weihnachten ist, sollte ich es lassen. Du hast schon genug Ärger gehabt, und ich – wann begegnet man schon mal einem leibhaftigen Engel. Kleiner, vielleicht bist du heute mein Schutzengel.“ Der Mann klopfte Tobias auf die Schulter, drehte sich um und verschwand mit langen Schritten in der Nacht. Tobias war verwirrt, er hatte das alles nicht verstanden. Später würde er Petrus fragen, doch jetzt blieb keine Zeit mehr, darüber nachzugrübeln.
Rasch holte Tobias das Paket mit dem roten Kinderfahrrad vom Gabentisch und legte das Päckchen mit dem fernzusteuernden Auto an seinen Platz. Dann machte er sich so schnell er konnte auf den Weg zu Katrin. Völlig außer Atem gelangte er dort an. Nachdem er das Kinderfahrrad unter den Weihnachtsbaum gestellt hatte, hätte er vor Freude und Erleichterung singen mögen.
Plötzlich war ihm, als vernähme er Schritte. Behänd schwang sich Tobias zum Fenster hinaus. In diesem Moment betrat die kleine Katrin, die nicht mehr schlafen konnte, das Zimmer. Tobias hörte sie rufen: „Mami, Papi, schnell, schnell, kommt ganz schnell, das Christkind war hier! Ich hab es noch zum Fenster hinaus fliegen sehen!“
Tobias strahlte glücklich übers ganze Gesicht. Beschwingt und heiter flog er dem Himmel entgegen, und als die Kirchturmuhr einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal schlug, lag er bereits in seinem Himmelbett und freute sich schon auf das nächste Weihnachtsfest.
Norbert J. Wiegelmann, geb. am 15.04.1956 in Bochum, nunmehr wohnhaft in Arnsberg/Westfalen. Ich bin verheiratet und habe zwei mittlerweile studierende Töchter. Als Verwaltungsjurist bin ich im Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen tätig. Literarisches Arbeitsgebiet: Lyrik und Kurzprosa.
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Weihnachtsland
Hier bei uns im Weihnachtsland
sind die Wünsche wohlbekannt,
ist willkommen jedes Kind,
deshalb komm gleich her geschwind.
Bei uns bist du gern gesehn,
denn bei uns kann man verstehn,
dass du manches Wünschlein hast,
deshalb mach bei uns mal Rast.
Lass die Sorgen hier zurück
und nimm für dich mit ein Stück
von dem Frieden in der Welt,
was sogleich dein Herz erhellt.
Bei uns sollst willkommen sein,
deshalb schau doch öfter rein,
und wenn es dir hier gefällt,
dann erzähl´s dem Rest der Welt!
Gisela Segieth: Als ich 1958 zur Welt kam dachte niemand daran, dass ich einmal Brücken baue. Doch schon früh waren Gedichte und kleine Geschichten für mich die Verbindung zwischen Phantasie und Realität. Anfangs schrieb ich sie nur für mich selbst, wesentlich später begann ich damit auch für andere, als freie Journalistin und Autorin, die ihre Wurzeln im Saarland hat.
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Der Weihnachtsabend
Nach langem Warten ist der Heilige Abend endlich da. Am Vormittag wird der Tannenbaum geschmückt und alle laufen durcheinander, um noch hier und dort das ein oder andere zu erledigen. Am Nachmittag stehen auch schon die Gäste vor der Tür: Oma, Opa, Onkel und Tante. Wenn dann der Letzte schließlich eingetroffen ist, wird Kuchen gegessen und Kaffee getrunken. Natürlich dürfen die leckeren, selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen auf gar keinen Fall fehlen. Sobald es dunkel ist, müssen alle das Wohnzimmer verlassen. Denn nun kommt der Weihnachtsmann mit seinen Gehilfen, um die Geschenke unter den Baum zu legen.
In diesem Jahr jedoch soll alles etwas anders werden. Ich habe mir fest vorgenommen, mir den Weihnachtsmann einmal ganz aus der Nähe anzusehen, denn ich möchte wissen, ob er wirklich so aussieht, wie auf den Bildern in meinen Büchern. Bei der großen Verwandtschaft kann es schon mal passieren, dass ein kleines Mädchen von gerade mal zehn Jahren einfach untertaucht. So verstecke ich mich im Weihnachtszimmer hinter einem großen Sessel und lege mich auf die Lauer.
Kaum ist die Tür zu, wird es ganz still im Raum, aber nicht wirklich dunkel, denn die Kerzen am Weihnachtsbaum sind hell erleuchtet. Wie gebannt schaue ich mich im Zimmer um. Eine ganze Weile passiert gar nichts. Plötzlich höre ich ein leises Glöckchenklingeln. Woher kommt das? Da! Vor dem Fenster! Ist das tatsächlich ein Rentierschlitten oder nur eine Sternschnuppe? Es müsste schon eine ziemlich große Sternschnuppe sein, die da so hell leuchtet. Aber nein, es kommt näher und hält vor dem Fenster an. Ich traue meinen Augen kaum, denn es ist tatsächlich der Weihnachtsmann. Er öffnet das Fenster und steigt, zusammen mit ein paar Helferlein, hindurch. Jetzt nur keinen Laut von mir geben, denke ich bei mir, sonst ist alles verloren.
Der Weihnachtsmann hat viele Geschenke dabei, die er alle fein säuberlich unter dem Weihnachtsbaum drapiert. Die kleinen Wichtel helfen ihm dabei. Ich krieche ein wenig hinter meinem Versteck hervor, um besser sehen zu können. Doch auf einmal kitzelt es mich in der Nase und ich muss niesen.
„Hatschiiieee!“, entfleucht es mir und ich halte mir schnell den Mund zu. Sofort hören der Weihnachtsmann und die Wichtel auf, die Geschenke unter dem Baum zu legen. Viele Augenpaare durchsuchen den Raum mit ihren Blicken. Rasch ziehe ich mich wieder weiter hinter dem Sessel zurück.
Zu spät! Der Weihnachtsmann hat mich bereits gesehen. „He, du da, hinter dem Sessel. Komm doch bitte einmal hervor. Wie heißt du denn?“
Mit hochrotem gesenktem Kopf stehe ich auf und gehe einen Schritt auf den Weihnachtsmann zu. „Ich bin Christina Berger.“ Vorsichtig blinzle ich in Richtung Weihnachtsmann. Er sieht überhaupt nicht verärgert aus.
„Und was machst du hier? Solltest du nicht, wie alle anderen, das Zimmer verlassen haben?“, fragt er mich weiter. Ich nicke kaum merklich und bringe stockend hervor: „Ja … das sollte ich wohl … Aber … ich … ich wollte dich sehen, Weihnachtsmann. Sehen, wer du wirklich bist. Ob es dich wahrhaftig gibt und ob du genauso aussiehst wie in diesem Buch.“ Ich halte ihm mein dickes Weihnachtsbuch vor die Nase. Der Weihnachtsmann nimmt das Buch zur Hand und schaut hinein.
Auf einmal lacht er und zeigt einem Wichtel das Buch. „Schau mal hier, Wicky, das bist du“, spricht er und der Wichtel betrachtet das Bild näher. Mit piepsender Stimme sagt er: „Oh ja, stimmt. Das war vor fünf Jahren.“
Meine Augen werden groß. „Soll das heißen, dass all diese Geschichten wirklich passiert sind?“ Nun sieht der Weihnachtsmann mich wieder an.
„Aber natürlich sind sie das. Meinst du im Ernst, irgendjemand könnte sich so etwas ausdenken?“ Ich zucke nur mit den Schultern, denn bisher bin ich immer genau davon ausgegangen. Er gibt mir das Buch wieder und ich presse es fest an meinen Leib. Als wenn ich mich dadurch vor allem Ärger, der kommen mag, schützen könnte.
Der Weihnachtsmann geht in die Hocke, sodass wir beide nun auf gleiche Augenhöhe sind. „Du wolltest mich also einmal sehen, ja?“
Ich nicke abermals und beiße mir verlegen auf meine Unterlippe.
„Und? Entspreche ich deinen Erwartungen?“ Er steht auf und dreht sich einmal um die eigene Achse.
Ich muss kichern, als ich antworte: „Oh ja, Weihnachtsmann, ganz gewiss.“
Der Weihnachtsmann schmunzelt und greift in seine Manteltasche. Daraus hervor holt er einen Schokoladen-Weihnachtsmann. „Hier, meine Kleine, das bekommst du von mir, weil du so mutig warst.“ Ich nehme es dankbar entgegen und meine Augen strahlen.
Da zupft Wicky am Mantel des Weihnachtsmannes und wispert: „Weihnachtsmann, wir müssen nun aber wirklich weiter. Die anderen Kinder warten schon.“ Der Angesprochene kramt eine goldene Taschenuhr hervor und überprüft die Uhrzeit.
„Sehr richtig, es ist schon spät. Aber sag, Christina, möchtest du vielleicht eine Runde mit dem Rentierschlitten fahren? Keine Angst, ich bringe dich rechtzeitig zurück, sodass deine Eltern nichts merken.“ Fast hätte ich laut aufgeschrien vor Freude, doch ich kann mich noch rechtzeitig beherrschen.
„Ja, das würde ich sehr gerne.“ Die Wichtel sitzen bereits wieder im Schlitten und der Weihnachtsmann hebt mich durch das Fenster, ehe er selbst hindurchkommt und auf dem Kutschbock seinen Platz einnimmt.
Nur wenig später setzt sich der Schlitten in Bewegung und die Glöckchen fangen wieder an zu klingeln. Als der Weihnachtsmann die Rentiere nach einer Weile zügelt und vor einem weiteren Fenster anhält, sagt er zu mir: „So, Christina, du bleibst hier, hörst du? Ich kann dich nicht einfach in fremde Weihnachtszimmer mitnehmen. Das gehört sich nicht, weißt du?“ Ich nicke nur strahlend. Durch das Fenster kann ich den Weihnachtsmann und die Wichtel dennoch gut beobachten.
Später, als der Weihnachtsmann mich wieder nach Hause gebracht hat und ich mit meinen Verwandten zusammensitze, will ich meiner Familie von meinem kleinen Abenteuer berichten. Doch keiner hört mir wirklich zu. Alle sind sie mit ihren neuen Geschenken beschäftigt. Ich gehe zu meiner Mutter und erzähle ihr: „Mama, ich bin mit dem Weihnachtsmann in seinem Rentierschlitten durch die Luft geflogen. Ehrlich, das war ganz große Klasse.“
Meine Mutter sieht mich an, hebt die Augenbrauen und meint: „Chrissie, hör auf, irgendwelche Geschichten zu erfinden.“
Ich bin sauer, denn keiner nimmt mich wirklich ernst. So setze ich mich in eine Ecke des Zimmers. Meine Geschenke lasse ich links liegen. Sie interessieren mich nicht mehr. Auf einmal fliegt der Schlitten des Weihnachtsmannes noch einmal am Fenster vorbei. Niemand bemerkt ihn. Ich renne hin, öffne das Fenster und winke ihm. Er winkt zurück, während der Schlitten immer kleiner und kleiner wird.
Nun bin ich wieder glücklich, denn ich weiß ganz genau, dass es wahr ist, und widme mich endlich meinen Geschenken. Mit meinen Cousinen spiele ich noch ein paar Spiele und unser Opa liest uns Weihnachtsmärchen vor.
Als es schon sehr spät wird, gehen unsere Gäste nach und nach. Nachdem der letzte gegangen ist, muss ich ins Bett. Wieder einmal ist ein Weihnachtsabend Vergangenheit. Aber ich bin mir sicher, dass dieser der beste Weihnachtsabend meines Lebens sein wird und ich ihn niemals wieder vergessen werde.
Bettina Huchler wurde am 08.01.1981 in Berlin geboren und schreibt schon seit über zehn Jahren Geschichten und Gedichte. Schreiben ist neben Lesen und Computer ihr größtes Hobby. Sie hat bisher drei ihrer Werke veröffentlichen können. Dies ist die vierte Veröffentlichung.
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Melinda und das Pony
Seit Tagen schneite es beinahe ununterbrochen. Die waldigen Hügel, die Melinda von ihrem Fenster aus sehen konnte, waren weiß und die Bäume bogen sich unter ihrer schweren Last. Eigentlich war das ja wirklich schön, dachte Melinda, aber ausgerechnet jetzt kam ihr der Schnee ganz ungelegen, denn sie konnte nicht zum Ponyhof, weil Autofahren so problematisch war. Aber es waren nicht nur der Ponyhof und ihre Reitstunden, die Melinda fehlten. Da war auch noch das graue Pony, das nicht weit von ihnen auf der Weide stand. Es sah gar nicht gut aus: Es war abgemagert, sein Fell war struppig und glanzlos, es hinkte und ließ traurig den Kopf hängen. Der Besitzer war ein unfreundlicher Kerl, der sie schon ein paar Mal verscheucht hatte. Seit die kleine Stute auf der Weide stand, sparte Melinda ihr Taschengeld, um sie zu kaufen, aber das würde noch lange dauern.
Irgendwann hielt sie es einfach nicht mehr aus. Sobald ihre Mutter außer Sichtweite war, schlüpfte Melinda in ihre Winterstiefel und die warmen Sachen und machte sich auf den Weg. Es war anstrengend, durch den Schnee zu marschieren. An manchen Stellen war der Gehweg geräumt, an anderen nicht und ab und zu gab es gar keinen Gehweg. Als sie endlich bei der Weide ankam, war diese leer. In der Nähe konnte sie den Hof sehen. Eine Weile zögerte sie und überlegte, ob sie es wagen konnte, aber dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und schlich sich heran. Zwischen den großen Gebäuden gab es auch einen kleinen, halb verfallenen Schuppen. Melinda duckte sich und huschte zu dessen Eingang hinüber.
Das Pony war tatsächlich hier untergebracht, aber Melinda lief es kalt den Rücken hinunter, als sie sich umsah. Der Schuppen war dunkel und eisig, überall waren Ritze und Öffnungen in den Wänden, durch die der Wind hereinblies, und im Dach war ein großes Loch, durch das es sogar hereinschneite. Das Pony stand in einem schmalen Verschlag auf dem nackten Steinboden. Es war mit einer kurzen Leine angebunden, sodass es sich kaum bewegen konnte, und es hatte weder etwas zu fressen noch etwas zu trinken zur Verfügung. Es sah einfach erbärmlich aus, ganz apathisch und halb erfroren und verhungert. Melinda schob sich nach vorne zum Kopf des Tieres durch und fütterte ihm alles, was sie dabei hatte. Sie musste die arme Stute praktisch dazu überreden, etwas zu fressen. Sie weinte, als sie nach Hause ging.
Mitten in der Nacht, als es schon lange dunkel war und ihre Eltern sie schlafend im Bett glaubten, kam sie zurück. Das war nicht leicht, denn sie musste warten, bis ihre Eltern zu Bett gegangen waren, um sich hinausschleichen zu können, und natürlich war es riskant. Wenn einer der beiden auf die Idee kam, nach ihr zu sehen, würden sie bemerken, dass sie nicht da war. Melinda wollte sich gar nicht erst vorstellen, was dann passieren würde.
Allein bei Nacht durch den Schnee zu stapfen, war sonderbar. Sie fürchtete sich eigentlich nicht, fühlte sich aber die ganze Zeit beobachtet und sah immer wieder über ihre Schulter, ob da jemand war. Doch es war nur ihre Einbildung und schließlich erreichte sie den Schuppen vollkommen außer Atem, weil sie sich so beeilt hatte. Während sie versuchte, den Knoten des Strickes zu lösen, redete sie dem Pony beruhigend zu, aber eigentlich wollte sie hauptsächlich sich selbst beruhigen. Was sie da tat, war Wahnsinn, aber sie ertrug es nicht, das arme Geschöpf noch einen Tag länger in den Klauen dieses Mannes zu lassen!
Die nächste Woche war hart für Melinda. Sie hatte das Pony im geräumigen Gartenhaus untergebracht, das weit hinten auf dem Grundstück gelegen war und außerdem zu dieser Jahreszeit so gut wie nie aufgesucht wurde. Trotzdem zitterte sie jeden Tag, dass ihre Mutter oder ihr Vater aus irgendeinem Grund hineingehen könnte. Sie hatte sorgfältig die Hufspuren verwischt. Morgens stahl sie sich in aller Frühe zum Gartenhaus. Sie hatte Eimer dorthin gebracht und schmolz Schnee zum Trinken für das Pony. Sie kaufte säckeweise Karotten und Äpfel von ihrem gesparten Taschengeld, außerdem Heu in Tüten und schleppte alles zu ihrem neuen Schützling. Sie ging sogar außen herum zum Gartenhaus, damit nicht ein Trampelpfad vom Haus dorthin sie verriet. Es war unglaublich anstrengend, für das Pony zu sorgen, aber nach ein paar Tagen sah es schon fröhlicher aus und beschnupperte sie neugierig. Sie putzte es regelmäßig und entsorgte seinen Mist auf einem Feld in der Nähe. Einen Namen für ihre Freundin hatte sie auch schon: Cinderella. Sie fand, dass die kleine Stute wie eine Prinzessin war, die bisher im Elend leben musste und nun endlich zu ihrer höheren Bestimmung gefunden hatte.
Endlich war Heiligabend gekommen. Melinda und ihre Eltern gingen zur Kirche und wie jedes Jahr hatten sie einen wunderschön geschmückten Baum, unter dem die bunt und glänzend verpackten Geschenke lagen. Als Melinda zur Bescherung ins Wohnzimmer kam, war nur ihre Mutter da. Wenig später kam ihr Vater herein, blass und ernst starrte er sie an, als hätte er einen Geist gesehen. Melinda bekam weiche Knie, weil sie ahnte, was nun geschehen würde.
Ihre Mutter musterte besorgt ihren Mann. „Michael, ist dir nicht gut?“
Er schüttelte eine Weile stumm den Kopf, dann sagte er: „In unserem Gartenhaus steht ein Pferd!“
„Was hast du denn dort zu suchen gehabt?“, rief Melinda verzweifelt aus.
Die Blicke ihrer Eltern richteten sich auf sie. „Melinda“, sagte ihre Mutter streng, „was hat das zu bedeuten?“ Was blieb ihr anderes übrig, als die ganze Geschichte zu beichten? Als sie fertig erzählt hatte, saß sie mit hängendem Kopf da und ihre Eltern waren fassungslos.
„Ich kann nicht glauben, dass du ein Pferd gestohlen hast!“, rief ihre Mutter mit einem hysterischen Ton in der Stimme. „Connie, bitte beruhige dich. Wenn wir jetzt anfangen herumzuschreien, hilft das auch nichts.“ Melindas Mutter warf ihrem Mann einen giftigen Blick zu, erwiderte aber nichts. Melinda wurde in ihr Zimmer geschickt und die Geschenke blieben vorerst eingepackt.
Sie sah ihre Eltern erst wieder am nächsten Morgen. Mit ernsten Gesichtern forderten sie ihre Tochter auf, sich hinzusetzen. Melinda gehorchte und machte sich auf eine schlimme Predigt und Strafen gefasst. „Wir waren bei dem Besitzer“, begann ihr Vater. „Zunächst einmal haben wir ihm gesagt, wo sein Pony ist, und ihn gebeten, nachsichtig zu sein. Das war nicht einfach, er war sehr aufgebracht und verärgert und ich muss sagen, zurecht! Wir sind ebenfalls immer noch sehr wütend, das kannst du mir glauben.“ Melinda nickte und kaute schuldbewusst auf ihrer Unterlippe. Sie fühlte sich wirklich miserabel. Natürlich wusste sie, dass sie etwas Falsches getan hatte, aber sie hatte doch keine Wahl gehabt!
„Weil wir aber auch wissen, dass du die Wahrheit gesagt hast und es dem Tier dort sehr schlecht ging, haben wir ihn gefragt, ob er es uns verkaufen würde.“
Melinda konnte es kaum glauben. War das möglich? Ihre Eltern waren doch immer dagegen gewesen, dass sie ein eigenes Pferd hatte.
Ihre Mutter hob warnend den Zeigefinger. „Moment, Fräulein, das war ganz bestimmt noch nicht alles. Es gibt Bedingungen und eine Strafe wirst du auch erhalten. Als Wiedergutmachung wirst du in den Winterferien jeden Tag bei dem Mann vormittags arbeiten, und zwar ohne Bezahlung. Die Hälfte von dem, was das Pony gekostet hat, wirst du von deinem Taschengeld bezahlen, ganz egal, wie lange das dauert. Wir werden das Pony natürlich im Ponyhof einstellen. Das kostet ebenfalls viel Geld und als Gegenleistung wirst du zukünftig mehr Aufgaben im Haushalt übernehmen. Und wenn wir merken, dass deine Leistungen in der Schule schlechter werden, werden wir das Pony verkaufen. Verstanden?“
Es wurde dann doch noch ein schönes Weihnachtsfest. Sie brachten alle zusammen Cinderella in ihren neuen Stall auf dem Ponyhof, wo sie aufgeregt ihre neuen Kameraden begrüßte und eine große Box bezog, die kniehoch mit frischem Stroh gefüllt war. Melinda und ihre Eltern packten ihre Weihnachtsgeschenke aus und fanden, dass sie unglaublich viel geschenkt bekommen hatten. Melinda musste versprechen, nie wieder solchen Unsinn zu machen, was sie auch gern tat. Ihre Eltern waren nicht länger böse und beim traditionellen Käsefondue am Abend waren sie sogar richtiggehend ausgelassen.
Und es traf sich doch wirklich nicht schlecht, dass Melinda ausgerechnet diese Weihnachten neue Reithosen und Stiefel geschenkt bekam.
Simone Ehrhardt: Ich wurde am 18.10.1967 in Mannheim geboren, bin verheiratet, nach dem Abitur absolvierte ich eine kaufmännische Ausbildung, es folgten mehrere Jahre Berufstätigkeit und danach ein Studium in Germanistik, Anglistik, Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Abschluss Magister Artium. Seit einigen Jahren bin ich selbstständig tätig, seit 2007 als Autorin. Eins meiner Hobbys ist Weihnachten,.
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Weihnachtszeit
Naht die liebe Weihnachtszeit,
sind wir alle hocherfreut,
denn Geschenke gibt es sicherlich
für euch, für dich und mich.
Und es steht im dunklen Tann’
bald bereit der Weihnachtsmann.
Fern schon hört man, wie das Glöckchen klingt
und der Weihnachtsmann, der singt:
Refrain:
Weihnachtszeit, Weihnachtszeit
oh wie bist du schön,
doch leider ist im Beutel nur
noch eine Mark und zehn.
Aus dem hohen Himmelstor,
schaun die Engelchen hervor,
aber Petrus seinen Kopf sich hält,
denn ihm fehlt das Haushaltsgeld
für die Kinder nah und fern,
die er möcht’ beschenken gern.
Es bereitet ihm gar viel Verdruss,
dass er schrecklich sparen muss.
Refrain:
Weihnachtszeit, Weihnachtszeit
oh wie bist du schön,
doch leider ist im Beutel nur
noch eine Mark und zehn.
In der Weihnachtsbäckerei
gibt’s nicht mehr ein einzig Ei,
keinen Stuten, keinen Tortenguss,
selbst mit Marzipan ist Schluss.
Und der Bäcker blicket stumm
auf dem leeren Tisch herum,
bis ihm seine Frau das Essen bringt,
dazu laut und fröhlich singt:
Refrain
Weihnachtszeit, Weihnachtszeit
oh wie bist du schön,
doch leider ist im Beutel nur
noch eine Mark und zehn.
* Es ist ein Liedtext nach der Melodie Jingle Bells. Diesen Text hat die Autorin ca. 1970 für ihre Kinder geschrieben.
Gerda Winter, geboren am 10.11.1937 in Egestorf/Deister (jetzt Stadt
Barsinghausen), ist heute wohnhaft in Hannover. Seit 2004 Besuch von Schreibwerkstätten, Lyrik- und Märchenseminaren Teilnahme an diversen Lesungen, mehrere Veröffentlichungen.
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Weihnachten mit Anderl
Weihnachten stand vor der Tür. Der herbeigesehnte Schneefall blieb auch dieses Jahr aus. Ich freute mich, einige Tage mit meiner Frau Ina und unserer sechsjährigen Tochter Gabi in die Alpen zu unserer Berghütte zu fahren. Am 24.12. verstaute ich unser Gepäck im Kofferraum unseres Autos und befestigte die Skier auf dem Dachträger. Nach dem Frühstück begann die Fahrt. Es goss in Strömen. Wir alle sehnten uns nach einer fröhlichen Weihnacht voller Harmonie in unserer Hütte ohne fließendes Wasser, Strom, Telefon, Zeitung, Radio und Fernsehen. So, wie man eben vor zweihundert Jahren auch Weihnachten feierte – für manche sicher ein unvorstellbarer Gedanke. Nach zwei Stunden Autofahrt waren wir fast am Ziel. Wir bogen in die Forststraße ein, die erfreulicherweise geräumt war, und fuhren aufwärts. Der Regen war längst in Schnee übergegangen – es schneite dicke Flocken. „Wie wäre es jetzt mit einem Weihnachtslied?“, schlug Ina vor.
„Gute Idee“, sagte Gabi, und wir sangen „Leise rieselt der Schnee.“ Als wir die Hütte fast erreicht hatten, sahen wir, dass sie völlig eingeschneit war. Die letzten hundert Meter konnten wir nicht mit dem Auto fahren. Wir stapften hin, bis zu den Knien im Schnee. Die Fensterläden waren geschlossen. In der Hütte war es kalt und ungemütlich. Als Erstes heizte ich den Kachelofen in der Stube.
Bisher war es immer so gewesen, dass Anderl, ein pensionierte Jäger, der dreißig Minuten entfernt eine ehemalige Almhütte bewohnte, vor unserem Eintreffen den Weg geräumt und den Ofen geschürt hatte. Dann wartete er auf uns, zündete eine Kerze an und trank seinen geliebten Kräutertee. Er musste vor ein paar Tagen hier gewesen sein, denn hinter die Hütte hatte er uns eine herrliche Blautanne gelegt. Ich starrte aus dem Fenster und machte mir um Anderl Sorgen. Er war immer sehr zuverlässig. Ina und Gabi bereiteten eine Kleinigkeit zum Essen vor. Ich fragte beide vorwurfsvoll: „Habt ihr euch noch keine Gedanken gemacht, warum der Anderl noch nicht da ist?“
„Das ist sonderbar“, sagte Ina, und an ihrem Tonfall merkte ich, dass auch sie sich Sorgen machte. Ich überlegte nicht lange, zog meine Skistiefel an, schnallte meine Skier an und machte mich auf den Weg zum Anderl. Ich wählte den kürzesten Weg durch den Wald. Der Wind pfiff erbärmlich kalt. Meine Nase tropfte. Plötzlich sah ich im Schnee Hasen- und Rehspuren. Wenigstens ein Lichtblick. Ich hatte das gute Gefühl, nicht mutterseelenallein hier zu sein.
Endlich hatte ich es geschafft, ich hatte Anderls Hütte erreicht. „Anderl“, schrie ich. Kein Laut. Ich klopfte heftig an seine Schlafzimmertür. Ich öffnete die Tür. Da sah ich Anderl, die Augen geschlossen, regungslos im Bett liegen. Ich packte ihn am Arm und schrie ihn an: „Anderl.“ Jetzt erst bewegte er seinen Kopf, erschrak, als er mich sah, und fragte: „Was ist los? Warum plärrst du denn wie ein Jochgeier?“ Er sah schlecht aus. Auf seinem Nachttisch lagen Tablettenschachteln. Anderl stand auf. Er schnaufte wie ein Walross und sagte zu mir: „Der Arzt verschrieb mir viel zu starke Tabletten.“
Wir saßen schweigend am Tisch. Ich fragte ihn: „Anderl, meinst du, dass du mit den Skiern zu uns fahren kannst?“ „Aber klar, mein ganzes Leben bin ich auf den Brettern gestanden. Ich schaffe den Katzensprung schon, auch wenn ich nicht so ganz auf dem Dampfer bin.“ Er lachte, zog seinen Anorak an und blickte umher, als ob er etwas suchte. Anderl öffnete einige Schubladen und ich sah, dass er irgendetwas in seine Anoraktasche stopfte. „Von mir aus können wir losfahren“, meinte er dann. Wir fuhren zu unserer Hütte. Nach unserer Ankunft gingen Anderl und ich in die Stube. Anderl gab sich zwar große Mühe, seine Niedergeschlagenheit zu verbergen, doch Ina und Gabi merkten sofort, dass er krank war. Sonst war er eine Stimmungskanone, spielte Gitarre, sang dazu und hatte immer den passenden Witz auf den Lippen. Der Weihnachtsbaum war schön geschmückt mit Kugeln, Kerzen, Lametta und alten Holzfiguren. Auf dem Tisch standen Lebkuchen und Plätzchen. Vier Kerzen brannten an dem Adventskranz. Gabi hatte das 24. Türchen ihres Adventskalenders geöffnet und zeigte uns das Motiv: die Krippe mit dem neugeborenen Kind. Draußen wurde es dunkel. Ina zündete das Gaslicht an, und wir beschlossen, zu Abend zu essen. Es gab geräucherte Forellen. Gabi konnte die Bescherung kaum noch erwarten. Wie jedes Jahr läutete bald darauf ein helles Glöckchen. Nun packte jeder seine Geschenke aus. Anderl holte etwas aus der Tasche seines Anoraks und drückte es Gabi in die Hand. Ich konnte nicht genau erkennen, was es war, aber es schien etwas aus Holz zu sein. Gabi nahm das Geschenk in ihre Hand, schaute es an und sagte begeistert: „Oh, das ist ein Reh.“ „Genau, das ist es“, bestätigte Anderl. „Ich habe es vor fünfzig Jahren geschnitzt. Ich wollte es damals meiner Freundin schenken, hatte aber Bedenken, da ich meinte, es wäre nicht so perfekt geworden. So behielt ich es. Es ist die einzige Schnitzerei von mir, und du sollst es jetzt haben.“ „Es ist wunderschön, Anderl, ich danke dir recht herzlich“, sagte Gabi. „Das Reh wird einen besonders schönen Platz in meinem Zimmer bekommen.“
Die anderen Geschenke beachtete Gabi kaum. Sie hielt den ganzen Abend ihr Reh in der Hand und schaute es mit leuchtenden Augen an. Kommentarlos drückte ich Anderl die Gitarre in die Hand. Wir sangen zu Anderls Gitarrenbegleitung die bekanntesten Weihnachtslieder. Anschließend las ich noch „Die heilige Nacht“ von Ludwig Thoma vor. Bei der Stelle „Kommt die heilige Nacht und der Wald ist aufg‘wacht, schau‘n die Hasen und Reh‘, schau‘n die Hirsch‘ übern Schnee“ blinzelte Anderl Gabi zu. Als ich die Geschichte beendet hatte, war Gabi müde und ging mit ihrem Reh in der Hand ins Bett. Wir Erwachsenen unterhielten uns noch.
Am ersten Weihnachtsfeiertag schien mir im Bett die Sonne ins Gesicht und weckte mich sanft. Gabi und Anderl waren schon in der Stube. Gabi bekam im Abstand von jeweils einer halben Minute einen Lachkrampf nach dem anderen. Anderl war scheinbar wieder in seiner Superform. Der Frühstückstisch war schon gedeckt, das Feuer nachgeschürt, und Anderl hatte den Weg zur Forststraße bereits geräumt. Nach einem kräftigen Frühstück gingen wir alle einige Stunden im Neuschnee spazieren. Der Himmel war herrlich blau, und die Sonne verzauberte mit ihrem hellen Glanz die ganze Natur. Es war wie im Bilderbuch. Gabi hatte natürlich ihr Reh dabei, das sie von Zeit zu Zeit ansah und auch mit ihm sprach. Anschließend lud uns Anderl in seine Hütte ein. Kurz bevor es dunkel wurde, verabschiedeten wir uns vom Anderl, denn er wollte jetzt wieder allein sein und sich schonen. Wir gingen zu unserer Hütte zurück.
Der zweite Weihnachtsfeiertag bestand hauptsächlich aus Skifahren. Drei Monate vergingen. Mich erreichte die traurige Nachricht, dass Anderl einsam in seiner Hütte gestorben war. Es verstrichen zwanzig Jahre. Gabi wohnte nicht mehr bei uns. Eines Tages besuchte ich sie. Da öffnete sie einen Schrank, zeigte mir das geschnitzte Reh und fragte mich: „Papa, kannst du dich noch erinnern, wer mir das Reh geschenkt hat?“ „Aber natürlich, Gabi“, antwortete ich, „du hast es als Kind vom Anderl bekommen.“ Gabi meinte nachdenklich: „Ich werde den Anderl nie vergessen. Er war ein guter Mensch. Solange ich lebe, wird er in meiner Erinnerung weiterleben.“
Hermann Bauer, Jahrgang 1951, lebt in seiner Geburtsstadt München und schreibt seit vielen Jahren Kurzgeschichten und Lyrik.
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Die kleine Schneeelfe
„Es beginnt zu schneien!“ Die kleine Schneeelfe flatterte mit ihren Flügeln und umschwirrte ihren Vater. „Dann ist heute dein großer Tag gekommen.“ Ihr Vater stand von seiner Wolke auf und die Sonne, die hier über den Wolken immer schien, leuchtete durch ihn hindurch. Er kniete sich vor ein Loch in den Wolken und sah hinunter. Die weißen Flocken rieselten langsam der Erde entgegen.
Er nahm drei Stränge von der Wolke ab und flocht sie zu einem Zaumzeug zusammen „Such dir eine Schneeflocke aus, ich fang sie für dich ein.“
„Die dort mit den schönen Zacken, die bläulich schimmern.“
Der Vater fing die Flocke ein. Die kleine Elfe hüpfte von einem Bein auf das andere, dass die Wolkenfetzen davon stoben. Der Vater setzte die Elfe auf den sechszackigen Kristall, drückte ihr das Reitgeschirr in die Hand und gab der Schneeflocke einen Schubs. Sie fiel durch das Loch in der Wolkendecke. „Viel Vergnügen bei deinem ersten Ausflug und verflieg dich nicht!“, rief er seiner Tochter hinterher.
Die Schneeelfe jauchzte vor Freude. Der Wind griff mit seinen starken Händen nach ihr und wehte ihr das silberne Haar ins Gesicht. Mal blies der Wind sie nach rechts, dann ging es wieder steil der Erde entgegen, bis die Schneeflocke von einer besonders heftigen Böe wieder hinaufgetragen wurde. „Das ist die falsche Richtung. Bitte trage mich hinunter zur Erde.“ Aber die Schneeflocke konnte gegen den starken Sturm, der einsetzte, nichts ausrichten. Sie wurde umhergewirbelt und die Elfe war froh, sich am Zaumzeug festhalten zu können. „Jetzt sind wir wieder über den Wolken.“ Enttäuscht sah sie sich um.
Da erkannte sie, dass sie der Wind weit von Zuhause fort über die Wolken geblasen hatte. Vor ihr stand ein Schloss, ganz aus Eis und Schnee. Die Türme stachen wie spitze weiße Dolche in den blauen Himmel. Die Flocke, auf der die Elfe ritt, hielt direkt auf ein eisiges Fenster in einem der Türme zu. Auf dem Fenstersims verschmolz die Flocke mit dem dort liegenden Schnee. Die Elfe nahm das Zaumzeug in die Hand und schlüpfte durch den Spalt des angelehnten Fensters in das Schloss. Eiskristalle wanden sich wie Schlingpflanzen um eisige Säulen herum. In der Mitte der Halle stand erhöht ein Thron aus Kristall. Die zarten Schritte der Elfe auf der glatten Eisfläche hallten im Raum wider. Vor den acht breiten Stufen, die zum Thron führten, hielt sie an.
„Komm nur herauf, meine Kleine.“ Erschrocken schwirrte die Elfe zurück. Auf dem Thron saß jemand. Er schien aus Eis gemacht.
„Wer bist du?“
„Ich bin der Eiskönig. Du solltest mich eigentlich kennen, ich bin dein König!“ Der Regent lachte so laut, dass das ganze Schloss zu klirren begann und die Elfe Angst bekam, das Gebäude könne einstürzen.
„Oh, ich habe einen König, das wusste ich nicht.“ Sie sah sich verstohlen um. An den Wänden saßen erstarrte Figuren auf dem Boden. „Wer sind die und warum sind sie aus Eis?“
„Ach die sind unwichtig! Setz dich hier neben mich. Ich habe ein Eis für dich.“ Der König sah sie aus schwarzen Augen an und beugte sich ihr mit einem blauen Eis in der Hand entgegen. Sie überlegte. Alle Eisfiguren hatten ein blaues Eis in der Hand. „Ich möchte kein Eis und ich bleibe lieber stehen, nachher frieren meine Flügel noch fest.“
„Was, du wagst es, deinem König zu widersprechen?“ Er stand auf und trat die erste Stufe hinunter auf die Elfe zu. Erschrocken drehte sie sich um und sauste so schnell ihre fast steif gefrorenen Flügel es erlaubten zur Saaltür hinaus und über die riesige Eistreppe herunter in die düstere Eingangshalle. Der König stapfte ihr die Stufen der Freitreppe hinterher.
Die Elfe rüttelte am Eingangstor. Es war verschlossen. Aber im unteren Drittel der Tür befand sich eine kleine Klappe für einen Wolkenhund. Die Elfe hob die Eisplatte vor dem Durchlass an und schlüpfte hindurch. Hinter sich hörte sie die Faust des Königs gegen die Tür schlagen. Das Eis knackte unter dem Hieb, brach aber nicht. Die Tür war zugefroren, der König in seinem Schloss gefangen, die Elfe jedoch war frei.
Es schneite noch immer und die Elfe fing geschickt eine Schneeflocke ein. Ein kräftiger Windstoß brachte sie von dem Schloss fort. Bald säuselte der Wind nur noch schwach und so schwebte sie ruhig hinunter.
Direkt in einem Kamin landete sie. Langsam glitt sie durch die Dunkelheit des kalten Schornsteins in das Haus der Menschen. Die Elfe sprang von der auf den Holzscheiten gelandeten Schneeflocke hinunter und versteckte sich hinter der neben dem Kamin hängenden Ascheschaufel. Mit großen Augen sah sie zu dem Holztisch in der Mitte des Raumes hin. Auf ihm lag ein Kranz aus Tannengrün, geschmückt mit roten Schleifen und golden angemalten Tannenzapfen. Vier dicke rote Kerzen leuchteten um die Wette. Am Tisch saß eine Familie und sang „Wir sagen euch an den lieben Advent“. Verzückt trat sie einen Schritt hinter der Schaufel hervor. Da sprang ein Hund bellend unter dem Tisch hervor. Erschreckt flog die Elfe auf.
„Wotan, was soll das?“ Die Familie hatte zu singen aufgehört und sah dem Hund bei seiner wilden Jagd durch das Esszimmer zu. Die Schlappohren flogen mit jedem Sprung in die Luft wie die Zöpfe eines Mädchens beim Seilhüpfen. „Da glitzert was in der Luft!“ Johannes sprang von seinem Stuhl auf und rannte dem Hund hinterher. Der Vater ging in die Küche und kam mit einem Käscher und Einmachglas wieder. Der Mann suchte nach dem flirrenden Ding und schwang den Käscher danach. Er griff in das Netz, holte die Elfe heraus, stellte sie auf den Esstisch und stülpte das Einmachglas darüber.
„Was ist das?“ Anne und Johannes stießen mit den Köpfen zusammen, als sie sich über das Glas beugten. „Ich würde sagen, eine Elfe.“ Der Vater betrachtete den Fang von vorne durch das Glas.
„Was essen die denn? Wir müssen sie doch füttern.“ Meinte Anne. Sie rieb sich die Stirn, die von dem Zusammenprall mit ihrem Bruder schmerzte.
„Wir werden nichts anderes tun, als sie wieder freizulassen.“ Die Mutter hob das Glas an.
Schnell legte der Vater die Hand auf das Gefäß und drückte es wieder hinunter „Bist du verrückt? Wer fängt schon eine Elfe? Das ist ganz was Besonderes!“
„Ja, sie ist was Besonderes und deshalb sollten wir sie frei lassen. Seht nur, wie sie die Flügel hängen lässt. Und sie wird ganz grau.“
In diesem Moment kippte der Elfe um und rührte sich nicht mehr. „Sie hat keine Luft mehr bekommen!“ Anne fegte die Hände ihrer Eltern vom Glas und drehte es schnell um „Quatsch, so schnell kann sie die Luft gar nicht verbraucht haben.“
Ihr Bruder griff nach der Elfe und legte sie sich auf seine flache Hand. „Sei vorsichtig, die Flügel sehen ziemlich zerbrechlich aus.“
„Sie sind noch dran, oder?“ Er warf seiner Mutter einen bösen Blick zu.
„Seht nur, sie wird wieder etwas durchsichtiger.“
Die Elfe versuchte einige kurze Schläge mit den Flügeln. Die brachten sie von der Handfläche des Jungen nah an einer Kerzenflamme vorbei bis in die Mitte des Adventkranzes. Die Kinder atmeten auf.
„Lasst sie einfach in Ruhe. Für euch ist nun Zubettgehzeit.“
„Du schickst die Kinder ins Bett, wo wir eine Elfe im Haus haben, das kann doch nicht dein Ernst sein!“
Die Elfe war so müde von dem aufregenden Tag, dass sie sich in eine der roten Schleifen einwickelte, prompt einschlief und verschwand.
„Wo ist eine Elfe in diesem Haus?“, fragte die Mutter verschmitzt.
Wenn Elfen einschlafen, wachen sie jedes Mal Zuhause wieder auf. Deshalb dauert der Ausflug einer Elfe nur so lange, wie sie wach bleiben kann.
Silke Höpers ist 37 und von Beruf Sekretärin. Sie lebt in einer Kleinstadt an der holländischen Grenze. Der zeitintensive Beruf, Haus und Garten lassen ihr wenig Zeit zum Schreiben. Aber wenn sie schreibt, dann mit allen Sinnen. Dabei können sich die Themen am direkten Zeitgeschehen orientieren oder einfach nur ihrer Fantasie entspringen.
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Der Stern, der uns führt
Dicht wirbelten weiße Flocken vom dämmrigen Himmel. Karin versuchte, mit den Augen die Reise einer einzelnen im grau-weißen Durcheinander zu verfolgen, aber nur zu bald verlor sie sie aus den Augen. Vielleicht hatte sich ihre Flocke zu denen gesellt, die sich auf den Dächern der Buden und Marktstände niederließen. Vielleicht hüllte sie mit vielen anderen die gleichmäßig gebundenen Kränze winter-weihnachtlich ein oder vielleicht schmolz sie gerade auf einem glücklich glühenden Gesicht. Florian, ihr älterer Bruder, zog sie an der Hand weiter.
„Komm, träum nicht“, murmelte er ein wenig ungeduldig, „wir brauchen noch ein Geschenk für Mami!“ Karin konnte nicht verstehen, dass ihr Bruder den Weihnachtsmarkt nicht so sehr genoss wie sie, und maulte: „Immer hast du es so eilig! So finden wir nie das Passende!“ Dabei gab es doch so viel zu bestaunen: Lebkuchenhäuschen mit winzigen Marzipanfiguren, gleich daneben Krippen aus Holz und Moos, mit bunten Motiven bemalte Glaskugeln in der nächsten Bude.
Vor einem langen Tisch mit Kristallen blieb ihr Bruder nur stehen, weil Karin ihn heftig zurückhielt. „Das wär doch was für Mama! Ein schöner Stein, den sie an einem dünnen Lederband um den Hals tragen kann!“ Der Mann hinter dem Tisch sah auf die beiden Kinder herab. „Sucht ihr einen bestimmten Stein? Einen Amethyst vielleicht? Hier der blaue, das ist ein Aquamarin, der hier ist ein Schneeflockenobsidian und der …“ Karin konnte gar nicht mehr zuhören. Der kleine, schwarze Stein, der auf einem Filztuch vor ihr lag, sah aus, als hätte er einige der herabwirbelnden Schneeflocken verschluckt. Zusätzlich war er in Herzform geschliffen. Karin fragte den Verkäufer, ob sie ihn in die Hand nehmen dürfe. „Steine sucht man immer mit den Händen aus. Man denkt ganz fest an denjenigen, dem man einen Stein schenken möchte, greift dann nach einem und befühlt ihn. Nur so erfährt man, ob der Kristall passt oder nicht.“
Mit geschlossenen Augen betastete Karin das Steinherz. Ihre Finger folgten jeder Rundung, sie lasen die Form und fühlten die Wärme, die von ihnen auf den Kristall überging. „Was sagst du, Florian? Nehmen wir ihn für Mama?“, fragte sie, als sie die Augen wieder öffnete.
Da Florian auch einverstanden war, wickelte der Verkäufer das Steinherz sorgfältig in Papier ein und reichte es ihnen. Florian war erleichtert und wandte sich zum Gehen. Seinen großen Schritten konnte Karin kaum folgen. Er zog sie aus dem Gewühl der Menschen in eine ruhigere Gasse. Sie liefen an den Stufen zur Kirche vorbei. Jeden Tag kamen sie hierher, ihr Schulweg führte hier vorbei. Aber diesmal war etwas anders.
Sie blieb stehen und starrte auf die Stufen, auf denen unbeweglich ein Weihnachtsmann saß. Wie eine versteinerte Figur. Was hatte er hier zu tun? Warum hielt er sich nicht dort auf, wo man ihn erwartete: auf dem Weihnachtsmarkt? Florian machte neugierig ein paar Schritte auf die reglose Gestalt zu. Unter der roten, mit weißem Pelz verbrämten Mütze sah Florian nur einen Teil eines alten Gesichtes. In diesem Moment richtete sich der Mann auf, so, als ob er geschlafen hätte und aus dem Schlaf aufgeschreckt wäre.
„Ist etwas mit dir?“, fragte Karin, die auch näher gekommen war.
„Was machst du hier?“, fragte Florian. Der Weihnachtsmann sah die Kinder eine Weile an und schob sich dann die Mütze etwas aus dem Gesicht. Der Bart, der beinahe das ganze Gesicht verdeckte, war nicht weiß, wie man es von Weihnachtsmännern gewöhnt war, sondern grau und struppig. Auch seine Kleidung ließ etwas zu wünschen übrig. Insgesamt wirkte er heruntergekommen. Und müde. Als ob er vom ganzen Getriebe die Nase voll hätte.
Seine dunklen Augen aber blickten wach und freundlich auf die Kinder herab. „Nein, und ich beobachte“, sagte er mit einem schelmischen Unterton. Karin sah ihn verständnislos an. „Nun, so viele Fragen auf einmal. Nein, mit mir ist nichts“, erklärte er. „Und auf deine Frage, Florian: Ich raste hier ein wenig. Ich ruhe mich aus von den vielen stillen, heiligen Nächten und den grünen Tannenbäumen, die tausendfach besungen in den Ohren schmerzen. Ich kann das alles einfach nicht mehr hören! So viel Weihnachten wird mir zu viel!“
Karin setzte sich neben den Weihnachtsmann auf die Stufe. „Aber ich finde es trotzdem schön, dass hier alles so weihnachtlich geschmückt ist. Und wir singen in der Schule ja auch die alten Weihnachtslieder – und ein paar neue, englische, weil sich das einige immer wünschen.“
Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. „Das ist doch ganz was anderes“, meinte er. „Schaut euch doch um: Wen interessiert hier Weihnachten? Hier hat doch gar keiner Zeit für so ein großes Fest! Was zählt, ist das Geschäft. Leider ist es so!“
Nun zog er seinen Sack hervor, den die Kinder erst jetzt sahen, weil er ihn als Rückenlehne benützt hatte. Umständlich band er ihn auf, kramte eine Weile darin herum und brachte dann einen kleinen Stern zutage. Er glitzerte geheimnisvoll, als er ihn den Kindern reichte. „Hier, das ist mein Geschenk an euch. Ihr müsst mir aber versprechen, dass euch an Weihnachten nicht nur die Geschenke interessieren. Schaut diesen Stern an: Ich habe ihn vom Sternenhimmel mitgebracht.“
Während der Mann weitersprach, sah Florian seine Schwester mit einem merkwürdigen Blick an, so, als ob er ihr zeigen wollte, dass er den Mann für verrückt hielt. „Dort oben ist er gestanden!“ Damit zeigte er durch das Schneetreiben auf eine klare Stelle am Himmel, an der jetzt ein paar Sterne zu sehen waren. „Seht ihr den hell blinkenden? Gleich daneben gehört der hier hin. Ist er nicht schön?“ Die Kinder konnten nur wortlos nicken. „Er gehört euch, wenn ihr bereit seid, zur Krippe zu kommen. Sie ist der Mittelpunkt von Weihnachten. Nicht die Geschenke. Gut, die gehören auch dazu. Aber sie sind eigentlich gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Menschen immer wieder den Stern suchen, der sie führt. So wie die Hirten. Nicht nur zu Weihnachten.“
Florian griff nach dem Stern und betrachtete ihn. Er fühlte sich ganz leicht und zerbrechlich an, wie aus Seidenpapier, und doch verlässlich und fest zugleich. Einfach gut. Der Weihnachtsmann erhob sich jetzt und langte nach seinem Sack. „So, ich glaube, jetzt muss ich doch weiter. Vergesst nicht, was ich euch gesagt habe!“ Florian betrachtete den Stern, Karin guckte zum Himmel. Und so passierte es, dass der Alte verschwunden war, als sie sich ihm wieder zuwenden wollten. „Wo ist er jetzt hingekommen?“, fragte Florian staunend. „Eben stand er doch noch da. So schnell kann kein Mensch verschwinden!“ „Mensch nicht, aber Weihnachtsmann schon“, stellte Karin fest. „Du, ich glaube, das war der echte!“
Am Abend, als alle um den Adventkranz versammelt waren, staunten die Eltern nicht schlecht. Zwischen dem frischen Tannenreisig glitzerte und funkelte ein Stern. Sie dachten, dass ihn die Kinder gebastelt und den Kranz damit verziert hätten. Florian erzählte vom Weihnachtsmarkt und vom Weihnachtsmann, den sie dort getroffen hatten. Womöglich hätte er auch Mutters Geschenk noch verraten, wenn ihn Karin unterm Tisch nicht getreten hätte. „Ein schöner Gedanke“, meinte Papa, „den euch der Weihnachtsmann da mitgegeben hat. Es wäre wirklich wichtig, dass alle Menschen in ihrem Leben ein Ziel haben. Eines, das nicht so einfach am Markt zu kaufen ist. Das überhaupt mit Geld nichts zu tun hat.“
Vor dem Zubettgehen beruhigte sich das Schneetreiben und der Himmel klarte überall auf. Die Kinder standen beim Wohnzimmerfenster und suchten am Himmel den hellen Stern, den ihnen der Weihnachtsmann gezeigt hatte. Den, der neben dem ihren gestanden war. Je länger sie ihn ansahen, umso größer schien er zu werden und sich zu bewegen. Vielleicht war er unterwegs nach Bethlehem zum Stall ...
Elisabeth Seiberl, geb. 1958, wohnt in Bad Leonfelden, OÖ, und hat mehrfach in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht.
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Einmal im Jahr
Einmal im Jahr ziehe ich durch die Welt.
Fliege über die Kontinente der Erde.
Die kalte Luft rötet meine Wangen,
doch es liegt ein Lächeln auf meinem Gesicht.
Heute kann ich die Menschen glücklich machen,
denn ich darf sie beschenken.
Einmal im Jahr erwache ich zum Leben.
So viele Menschen glauben an mich.
Sie glauben an mich, am meinen Mythos.
Erwartungsvoll stehen Kinder an den Fenstern.
Sie schauen zum Himmel hinauf,
um mich zu erblicken.
Horchen geduldig auf das Läuten meiner Glöckchen.
Heute bleiben die Kamine kalt,
denn sie sind mein Eingang.
In den Häusern erwarten mich Milch und Kekse.
Außerdem bekomme ich so viel Liebe.
Liebe durch Dekorationen in herrlichen Farben.
Einmal im Jahr
besuche ich jeden einzelnen Menschen.
Hinterlasse Geschenke, um dann weiterzuziehen.
Es ist Weihnachten und ich mache hier meinen Job.
Ich bin der Weihnachtsmann.
Für manch einem nur eine Geschichte,
für andere ein fester Glaube.
Nancy Noack wurde am 22. Februar 1982 in Berlin geboren. Sie schreibt seit ihrem 14. Lebensjahr. So wie andere Tagebuch führten, schrieb Nancy ihre Gedanken in Gedichtform auf. Das Schreiben ist für sie nicht nur ein Hobby, sondern eine Leidenschaft.
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Wundersame Weihnacht
Mit einem lauten Knall schlug Sebastian die Tür hinter sich zu. Wütend warf er die Jeansjacke in die Ecke seines Zimmers und ließ sich traurig aufs Bett fallen. Während er mit den aufsteigenden Tränen kämpfte, schaute er auf den beleuchteten Messingstern. Wie der Stern über Bethlehem strahlte dieser elektrisch beleuchtete Stern aus blank poliertem Messing in seinem Fenster. Seine Mutter hatte ihn dort angebracht und täglich steigerte er seine Vorfreude auf Weihnachten. Morgen war Heiligabend und draußen fielen sogar die ersten Schneeflocken, alle Voraussetzungen für ein wunderschönes Weihnachtsfest waren gegeben, nur seine Mutter hatte ihm die Freude daran gründlich verdorben. Gerade heute beim Plätzchen backen hatte sie ihm mitgeteilt, dass er sich schon einmal mit dem Gedanken anfreunden müsse, dass sein Geschenk in diesem Jahr bei Weitem kleiner ausfallen würde als gewünscht. Bei dieser Ankündigung hatte sie Tränen in den Augen und erklärte ihm, dass sie als allein erziehende Mutter, deren Arbeitgeber die diesjährige Weihnachtsgratifikation gestrichen hatte, ganz besonders sparen müsse.
Sebastian wünschte sich ganz weit weg zu sein und wollte damit all diesen Ungerechtigkeiten, die ihm jetzt widerfuhren, entfliehen. Aber allem voran wollte er es seiner Mutter heimzahlen, ihr einen anständigen Denkzettel verpassen. Mit seinem Verschwinden würde er ihr sogar einen großen Dienst erweisen. Denn ohne ihn würde sie bestimmt viel besser zurechtkommen und müsste nicht jeden Cent zweimal umdrehen, dachte er zornig und erhob sich zu allem entschlossen von seinem Bett. Wenn er erst einmal nicht mehr da wäre, dann würde sie die Sache mit dem Geschenk und dem Sparen mehr als bitter bereuen.
Sebastian setzte sich an seinen Tisch, nahm ein Blatt Papier und fing an zu schreiben. Obwohl er noch nicht eingeschult war, konnte er bereits lesen und schreiben, was er seiner Mutter zu verdanken hatte und ihm jetzt zugutekam. Er wollte dorthin, wo sich der Weihnachtsmann das ganze Jahr über aufhielt mit all den bunten, schönen Sachen und Geschenken, die so groß waren, dass sie gar nicht eingepackt werden konnten. Solange er seinen Wunsch persönlich an den Weihnachtsmann richtete, kullerten seine Tränen aufs Papier und vermischten sich mit der Tinte. Nachdem er fertig geschrieben hatte, faltete er das Stück Papier zu einem Flugzeug, öffnete das Fenster mit dem Stern von Bethlehem und ließ es durch den dunklen Nachthimmel mit all den unzählbaren, lautlosen Schneeflocken gleiten. Erst als es nicht mehr zu sehen war, schloss er das Fenster und legte sich trotzig aufs Bett. Der Duft der frisch gebackenen Plätzchen zog durch die ganze Wohnung und machte auch vor seinem Zimmer nicht halt.
Obgleich sein Magen knurrte, wollte er standhaft bleiben und seiner Mutter die Zähne zeigen. Müdigkeit breitete sich über ihm aus, er schlief ein und wachte mitten im Traumland wieder auf. Ein wunderschöner, alles überstrahlender Engel nahm ihn bei der Hand und führte ihn an den Ort seiner Wünsche. Der Weihnachtsmann war derweil mit seinem vollgepackten Schlitten unterwegs, um all die vielen Geschenke pünktlich abzuliefern. Spielsachen, Musikgeräte, Bücher ... so weit das Auge reichte. Alles lag da, was Sebastians Herz begehrte.
Aber sein besonderes Augenmerk galt dem Kleidungsstück, das direkt vor ihm lag. Genau die Jacke, die er sich schon das ganze Jahr über sehnlichst gewünscht hatte und die er jetzt nicht erhalten sollte. Er nahm sie auf, zog sie an und tatsächlich passte sie wie angegossen. Sogar ein Spiegel stand plötzlich da, in dem er sich ausgiebig und freudestrahlend betrachten konnte. Ein wertvolles und wunderschönes Kleidungsstück von überaus langer Lebensdauer war dieser robuste Lammfellblouson im Fliegerstil. Für das Modell hatte man die Farbe Sand ausgewählt und mit Antik-Finish versehen, wodurch der Blouson noch authentischer wirkte. Mit durchgehendem Reißverschluss, zwei Schubtaschen, sportlichen Schließen seitlich am Bund sowie zwei Innentaschen mit Reißverschluss war er ein treuer Begleiter durch die kalte Jahreszeit.
Sebastian hörte nicht nur die Worte des Verkäufers, sondern sah diesen geradewegs und zuversichtlich lächelnd hinter sich stehen, während er sich selber im Spiegel bewunderte. Dennoch verging ihm blitzartig die Freude an seinem schönen, teuren Geschenk, als ihm der Engel zeigte, wie traurig seine Mutter über sein Verschwinden war und sich aus Verzweiflung über den Verlust ihres über alles geliebten Sohnes von einer Brücke stürzte. Sebastian zog die Jacke aus und ließ sie achtlos auf den Boden fallen, während er mit tränenerstickter Stimme den Engel bat, ihn doch wieder nach Hause zu seiner Mutter zu bringen, die er mehr als alles und jeden anderen liebte. Der Engel nahm ihn gütig lächelnd bei der Hand und erklärte ihm, dass nur allein die Liebe das größte Geschenk im Himmel wie auf Erden sei.
Es war Weihnachtsmorgen. Sebastian rieb sich den Schlaf aus den Augen und schaute durch das Fenster mit dem Bethlehemstern auf die einladend geschlossene Schneedecke. Bei dem Anblick des Sterns musste er sogleich an seine Mutter denken, die diesen so liebevoll an seinem Kinderzimmerfenster aufgehängt hatte. Beunruhigt und angsterfüllt schlich er auf der Suche nach ihr durch die Wohnung und fand sie glücklicherweise in der Küche vor. Dort war sie noch immer zugange, ganz leise zwar, um ihn nicht zu wecken. Und wieder stieg ihm der Duft der frisch gebackenen Plätzchen in die Nase. Die Tränen der Freude und Erleichterung liefen ihm bei ihrem Anblick über die Wangen. Wie immer wenn er sie sah, ging die Sonne für ihn auf. Er war Zuhause und seine über alles geliebte Mutter stand vor ihm. Rasch lief er zu ihr hin und umarmte sie wortlos. Sie zog ihn schweigend und verständnisvoll an sich. Sie brauchten keine Worte. Sie verstand ihn, so wie sie immer alles verstand. Sebastian fühlte sich glücklich und geborgen. Er hörte wieder die Stimme des wunderschönen, alles überstrahlenden Engels, der ihm ins Ohr flüsterte, dass nur allein die Liebe das größte Geschenk im Himmel wie auf Erden sei.
Als sie am Abend von der Kirche zurückkamen und es Zeit war für die Bescherung, fand Sebastian unter dem Weihnachtsbaum den Lammfellblouson, den er sich so sehr gewünscht und den er in seinem Traum, oder war es gar kein Traum gewesen, so achtlos hatte zu Boden fallen lassen. Hastig schlüpfte er in die Jacke und warf sich voll Dankbarkeit in die Arme, seiner nicht weniger überraschten Mutter.
Die kleinen goldfarbenen Glöckchen am Baum fingen leise an zu klingen und Sebastian wusste, dass er dieses wundersame Weihnachtsfest niemals vergessen würde.
Susanne Ulrike Maria Albrecht, geboren im November 1967 in Zweibrücken, absolvierte eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing und eine private Schauspielausbildung. Von ihr erschien bereits der Band „Umkehr ausgeschlossen“ sowie einige weitere Werke in Anthologien und Literaturzeitschriften.
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Der Weihnachtsmond
„Wenn der Mond ein Käse wäre“, flüsterte die kleine Maus Fridolin, „dann bräuchte ich nie wieder Hunger zu leiden!“ Sehnsüchtig schaute das graue Tierchen auf zum samtblauen Himmel, wo prall und voll das große Licht schien, umgeben von unzähligen kleinen. Laut knurrte der Magen des flinken Nagers. Fridolin hielt sich den Bauch, der so leer war, dass er schmerzte. „Ach, nur ein winziger Bissen Käse, ein Krümelchen Brot – wie gut würde mir das jetzt schmecken! Aber seit der alte graue Kater sein Jägeramt an das Schwarze Ungeheuer abgeben musste, ist hier einfach kein bisschen mehr zu holen. Das ist ein trauriger Advent! Ob Weihnachten je kommt? Nun, ich werde versuchen zu schlafen. Morgen ist ein neuer Tag, der vielleicht Rat bringt!“
Fridolin kroch ganz tief in die hinterste Ecke seine Loches, wo er es sich auf einem Häufchen Stofffetzen gemütlich machte. Dankbar, jetzt im Winter wenigstens noch ein warmes Bett zu haben, rollte er sich zusammen. Es war still im Mauseloch. Eine winzige Mäuseträne rollte in Fridolins Schnurrbart, als er an den schrecklichen Tag dachte, seit dem er hier allein hauste. Vom Hunger schwach und müde, schlief der Kleine aber bald ein.
Im Traum vernahm er plötzlich die Stimme, die er von allen am meisten liebte. Mäuseline, seine Mutter, sprach sanft zu ihm: „Brich auf, mein Kind! Ich weiß jetzt, die alten Mäusesagen sprechen die Wahrheit. Der Mond ist ein Käse. Jede Maus, die ihn erreicht, wird nie wieder Hunger leiden müssen und immer glücklich sein!“
Als Fridolin erwachte, drehte sich die ganze Welt um ihn. Das Mäuschen versuchte, auf die Füße zu kommen, was ihm auch mit einiger Mühe gelang. „So geht es nicht mehr weiter! Solange ich im Revier des Schwarzen Ungeheuers weile, ist an Essen nicht zu denken. Noch keine Maus ist ihm entkommen, alle Krümel frisst er selber und wird davon rund wie ein Vollmond.“
Der Gedanke an den Himmelskörper brachte Fridolin seinen Traum wieder vor Augen. „Der Mond! Ich muss zu ihm. Dort kann ich mich satt essen und froh sein. Nur – wie stelle ich das an? Für ein kleines Mäuschen wie mich ist es doch viel zu weit dorthin! Nun, am besten laufe ich einfach los, sehe unterwegs, wie es weiter geht!“ Fridolin schaute vorsichtig nach links und rechts, vor sich und nach oben, um herauszufinden, ob die Luft rein sei. Keine Spur des Schwarzen Ungeheuers zeigte sich. Behutsam glitt die Maus aus ihrem behaglichen Loch und huschte die Fußleiste entlang bis zur Tür. Doch – oh Graus, diese war fest verschlossen. Auf der Türmatte schlief der große Hund, der aller Mäuse Schrecken war. Dort war kein Durchkommen, das stand fest. Fridolin spürte einen leisen Luftzug und sah, dass das Fenster des Raums gekippt war. Rasch schlich er an dem Schlafenden vorbei, huschte quer durch das Wohnzimmer am reich geschmückten Tannenbaum vorbei und kletterte behände den langen Vorhang hinauf, der nicht nur die Scheibe, sondern auch das Mäuschen gut vor neugierigen Blicken verhüllte. Auf dem Sims musste der hungrige Kleine erst einmal eine Pause einlegen. Sein Magen knurrte jetzt so laut, dass er schon befürchtete, den Wächter zu wecken, doch zum Glück schnarchte dieser aus Leibeskräften. Nach einer Weile machte Fridolin sich daran, den Rahmen des gekippten Fensters zu ersteigen, doch nach einigen Handspannen kam er ins Rutschen und stieß an eine Vase mit Tannengrün, die vom Fensterbrett glitt und mit lautem Krach am Boden zerschellte. Dieser Lärm drang sogar in die Träume des Schwarzen Ungeheuers und blaffend sprang der Hund auf. „Ich sehe dich, du entkommst mir nicht“, bellte er. Fridolin machte sich ganz klein, doch schon stand der Verfolger vor ihm. Todesangst verlieh der Maus Riesenkräfte; sie sprang mit einem Satz hoch zum Fensterspalt und schlüpfte hindurch. Unsanft landete Fridolin auf dem äußeren Sims und seine Augen weiteten sich vor Schrecken. Der Hund hatte inzwischen eingesehen, dass er seiner Beute nicht durch die Scheibe folgen konnte und mit der Pfote die Tür geöffnet. „Ich sehe dich, du entkommst mir nicht!“, drohte er wieder. Die Maus schloss die Augen und sprang mit einem weiten Satz mitten auf den Pelz des alten grauen Jägers, der sich auf dem Rasen im Dezembersonnenlicht zu wärmen versuchte. „Nun ist es wirklich aus mit mir! Auch Katzen fressen Mäuse“, zitterte der Kleine. Wieder drohte der Hund.
Der greise Jäger öffnete die Augen, erblickte Fridolin, schnappte geschickt zu und schoss mit dem Tierchen im Maul um die Ecke, hangelte sich einen überfrorenen Baumstamm hoch und barg sich in einer Astgabel. Dort legte er die Maus sanft in ein verlassenes Vogelnest. „Hab keine Angst!“, maunzte der Kater tröstend. „Ich bin alt und zahnlos, ich fresse deinesgleichen nicht mehr. Dieses schwarze Ungeheuer aber ist auch mein Feind. Er soll dich nicht bekommen. Wir bleiben einfach hier oben auf dem Baum, bis das Warten ihm langweilig wird. Hunde sind nicht sehr geduldig, weißt du.“ Der Schwarze blieb bellend unter dem Versteck der zwei Flüchtigen stehen und dachte gar nicht daran, so ungeduldig zu sein, wie der Alte gemeint hatte.
„Kater Carlo“, stellte dieser sich nach einer langen Weile vor.
„Ich bin Fridolin und ich habe Hunger. Der Schwarze Hund hat meine ganze Familie erlegt und kein Krümel ist zu finden, wo er wacht. Es ist fast Weihnachten und ich bin ganz allein!“ Der alte Kater sah das Mäuschen mitleidig an. „Ja, viel besser ergeht es mir auch nicht. Er hetzt mich Tag für Tag und hat mir schon manche Wunde zugefügt. Ach, ich mag hier nicht mehr leben!“ Traurig erzählten die zwei sich ihre Geschichten, während der bellende Wachhund sie nicht aus den Augen ließ. Die Nacht brach herein und der Mond erhob sich über dem Land.
„Der Mond ist ein Käse, auf dem alle glücklich sein können!“, seufzte Fridolin müde.
„Ja, diese alte Mär gibt es bei uns Katzen auch“, stimmte sein Begleiter zu. „Nun schlaf, kleine Maus, bald wird alles gut sein! Morgen ist doch Weihnachten!“ Gehorsam schloss Fridolin die Augen und dämmerte ein. Er spürte gar nicht, wie der alte Carlo ihn sanft in das Maul nahm und immer weiter nach oben zu klettern begann. Immer wieder glitt er auf dem rutschigen Holz aus und kam nur langsam voran. Über die vereiste Rinde stieg er bis auf die alleroberste Astspitze. Der Mond stand direkt über dem Baum. Es war doch nur ein Sprung! Noch immer lauerte der wütende Hund unter dem Baum. „Ich sehe euch, ihr entkommt mir nicht!“, blaffte er. Der müde Kater nahm all seine Kraft zusammen und machte den gewaltigsten aller Sätze. Sanft berührten seine Pfoten die unebene Mondoberfläche. Ein köstlicher Duft umfing die Ankömmlinge.
Fridolin erwachte bei der Landung. „Da bist du ja, mein Kind!“ Mama Mäuseline stürzte auf ihren Sohn zu. „Und du auch, alter Jäger! Willkommen bei uns! Hier ist Platz und gutes Essen für alle! Kommt und lasst es euch wohl sein! Ich will den anderen erzählen, dass ihr zu uns gekommen seid!“ Zögernd nahm das hungrige Mäusekind einen Bissen von der Mondoberfläche. Der Käse schmeckte mild und köstlich, fast ein wenig nach Äpfeln, Nüssen und Mandelkernen. „Der Mond ist ein Käse, der alte Jäger mein Freund und ich bin so glücklich, dass ich wieder bei euch bin, Mama!“, jubelte Fridolin. „Frohe Weihnachten!“
Maria Sassin, geboren am 13.7.1963 in Rees, lebt heute mit ihrer Familie in Rommerskirchen. Sie hat bereits einige Bücher veröffentlicht.
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Was ist das Christkind?
„Ich will nichts mehr hören Erzengel!“
„Aber Petrus, du kannst nicht länger leugnen, was vor sich geht! Die Kinder glauben nicht mehr an uns! Selbst das Christkind ist ihnen fremd!“, erwiderte der Erzengel verzweifelt: „Wenn wir uns doch nur einmal …“
„Nein, nein, nein! Wir werden uns bestimmt nicht zeigen!“ Der Erzengel stapfte wütend durch die Räume, die aus wattigen Wolken bestanden, und schwang das große, goldene Tor zur Weihnachtswerkstatt auf.
Das Auftauchen des hohen Engels scheuchte alle anderen, untergeordneten Engel und Kobolde auf. Alle starrten sie eingeschüchtert den wütenden Engel an. Verärgert schlenderte der Erzengel durch die Reihen. Seine prüfenden Blicke streiften die wundervollen Werke der Kobolde und Engel. Auf einmal blieb er vor einem schmalen Tisch stehen und betrachtete eine Eisenbahn, die darauf stand. Sie war wunderschön bemalt. Ihre dünnen Rädchen waren aus feinem Holz geschnitzt, angeleimt an die feinen Stäbchen, die die Räder miteinander verbanden. Die Lok schimmerte rot und die anhängenden Wagen waren orange und gelb gestrichen. In den einzelnen Waggons befanden sich vergoldete Walnüsse, handgemachte Holzfiguren und kleine gefüllte Schokoladeneier.
„Wer hat das hier gemacht?“, flüsterte der Engel bewundernd. Er nahm die Eisenbahn in seine zarten Finger und wiegte sie beinahe liebevoll in den Händen. Verblüfft und staunend drehte er sie in alle Richtungen.
„Ähm ich … Sir“, piepste eine schmächtige Figur, deren kleiner Kopf hinter einer Tischkante hervorlugte.
„Du?!“
„Ja Sir“, stammelte der mickrige Weihnachtsengel.
„Das ist wunderschön geworden.“ Er stellte das Gefährt wieder an seinen Platz zurück und sah den Engel an, dessen Wangen sich rosa färbten. Rote Haare kringelten sich auf seinem Kopf und leuchtende, blaue Augen strahlten den Erzengel verlegen an.
„Dankeschön“, sagte der Weihnachtsengel stolz.
„Wie heißt du? Dich habe ich hier noch nie gesehen. Und aus welcher Gruppe stammst du?“
„Phinipeus, Sir, und ich bin aus der ersten Gruppe Rot. Petrus hat mich hierher geschickt. Er meint, ich könnte euch bei den Vorbereitungen des Weihnachtsfestes helfen.“
„Gut Phinipeus! Tolle Arbeit, mach weiter so!“ Phinipeus nickte eifrig und verschwand wieder hinter seinem viel zu großen Arbeitstisch.
Die schlechte Laune des Erzengels hatte sich schlagartig verbessert. Mit einem scheelen Blick begutachtete er die vielfältigen Ideen seiner wundersamen Helfer. Hand in Hand arbeiteten sie und sangen dazu fröhlich alle Weihnachtslieder, die sie kannten. Keines der Wesen, die begeistert an ihren Stücken arbeiteten, wusste von dem Kummer und dem Streit mit Petrus, der den Erzengel beschäftigte. In seine Gedanken vertieft ließ er sich auf seinem weißen Ohrensessel nieder und starrte seufzend in das wilde Gewusel.
Während sich der Erzengel große Sorgen über das heurige Weihnachtsfest machte, lief Phinipeus aus der Weihnachtswerkstatt und machte sich auf die Suche nach goldener Farbe für seine Walnüsse. Er stolperte über die Türschwelle und schlich auf Zehenspitzen weiter, denn im Himmelreich war es sehr wichtig still zu sein, wenn die hohen Engel im Weihnachtsrat all die Wunschlisten der Erdenkinder bearbeiteten und berieten, welche Kinder noch eine Kleinigkeit dazu bekommen sollten, aber auch solche, bei denen der eine oder andere Wunsch nicht erfüllt werden solle, um die Kleinen auch die Tugend der Bescheidenheit zu lehren.
Plötzlich blieb Phinipeus mit großen, weit aufgerissenen Augen vor einem glänzenden Portal stehen. Der kleine Weihnachtsengel wirkte vor diesem gigantischen Tor verloren und hilflos. Phinipeus trat zum Tor und legte das Ohr neugierig daran. Nichts. In der Hoffnung, eine neue, fortgeschrittenere Werkstatt zu finden, drückte er das Tor auf. Ein starker Luftstrom erfasste den Engel und zog ihn aus dem Himmel mit sich Richtung Erde hinab. Hilflos purzelte der kleine Engel aus dem Portal, das sich hinter ihm wieder schloss, in die Tiefe. Mit letzter Kraft krallte Phinipeus sich an einer rundlichen Wolke fest und wartete, bis der Wind sich einen neuen Weg gesucht hatte. Ängstlich und eingeschüchtert setzte der Engel sich auf die pummelige Wolke. Phinipeus strich seine weißen, kurzen Engelsflügel glatt und richtete sich sein schimmerndes Hemdchen zurecht.
Staunend sah er sich um und erblickte die Erde unter sich. All die seltsamen Vierecke mit noch seltsameren Dreiecken auf dem Kopf, die grünen Dinger, die beisammenstanden und lange, grüne Nadeln trugen. Und was waren das für Wesen, die hinter durchsichtigen Scheiben Kekse naschten? Sie sahen beinahe aus wie Engel, nur ohne Flügel. Hatte Phinipeus nicht schon viel von ihnen gehört? Waren das nicht Menschenkinder?
Phinipeus starrte bewundernd auf die Welt unter sich. Wie weiß sie war. Und kalt! Es fröstelte den Engel, und ehe er sich versah, brach Phinipeus durch die Wolke und war wieder im Strom des frischen Windes gelandet. Abermals ging es solange abwärts, bis der Wind vor einem Haus innehielt. Er warf Phinipeus ab und hauchte ihm zu: „Vollbringe etwas Gutes, um Weihnachten in diesem Haus zu retten, dann bringe ich dich zurück zu deines Gleichen.“ Phinipeus wollte noch etwas einwenden, doch da war der Wind bereits wieder verschwunden. Verzweifelt drehte er sich einige Male im Kreis, blickte sich verwirrt um und fand schließlich unter einer winzigen Tanne Zuflucht.
Frierend kauerte der kleine Engel unter dem Baum, die zitternden Knie angewinkelt und schielte zu dem Haus, vor dem er abgesetzt worden war. Es sah schön warm aus. Halb abgebrannte Kerzen beleuchteten die Fenster, Papiersterne verzierten die Wohnungstüre. Alles war geschmückt mit wundervollen Dingen aus Kinderhänden. Vor dem Haus stand eine runde, kleine Tanne, die mit bunten Ketten aus Lichtern übersät war. Weihnachtskugeln aus färbigem Glas hingen an den schmalen Zweigen. Der weiße Schnee ruhte glitzernd auf der einsamen Landschaft. Wunderbar war die Ruhe, die unausgesprochene Freude auf das Weihnachtsfest. Wie still alles war.
Phinipeus starrte in die Ferne. „Verlassen ist diese Gegend, wo auch immer ich hier gelandet bin. Eins, zwei, drei … vier, fünf … fünf Häuser nur?!“, dachte er und rieb die kalten Finger aneinander. Er vergrub seine bloßen Zehen unter dem zu langen Hemdchen und sah in die andere Richtung, dorthin, wo der Wald war. Wie friedlich alles dalag und wie herrlich der Winter doch roch. Nach Kälte und Schnee, nach frischer Luft, die die Herzen mit Freude füllte, und vielleicht sogar nach warmen Keksen, die voller Genuss in den warmen Stuben verspeist wurden.
Widerwillig kroch Phinipeus unter den schützenden Zweigen hervor und stapfte durch den tiefen Schnee zum Haus. „Kalt ist es!“, jammerte er. „Du und deine ewige Neugierde, Phinipeus. Wie warm du es jetzt im Himmel bei den Anderen hättest! Und was wird erst Petrus sagen, wenn er hört, was ich angestellt habe. Ich hätte niemals dieses blöde Tor auch nur ansehen dürfen!“ Auf Zehenspitzen stand er vor dem hell leuchtenden Fenster und lugte neugierig hindurch. Direkt vor ihm saß ein kleines Mädchen, sie war nicht älter als zwei, vielleicht auch bereits drei.
Als sie Phinipeus erblickte, rief sie aufgeregt nach ihrer Mutter. Ihre dünne Stimme zitterte vor Aufregung. Schnell hastete eine junge Frau mit blondem, langem Haar auf das kleine Kind zu und fragte, was denn geschehen sei. Mit einem rosaroten Schnuller im Mund nuschelte die Kleine: „Dada.“ Sie deutete mit ihrem schmalen Finger in die Finsternis.
„Was ist denn da? Hast du eine Sternschnuppe gesehen?“
„Nein.“
„Hast du ein Tier gesehen?“
„Nein“, entgegnete das Mädchen auf einmal wütend und rieb sich die müden Augen.
„Ach Klara, woher soll ich denn wissen, was du möchtest, wenn du nie mit mir sprichst?“
„Dada!“, wieder zeigte sie ins Dunkel und begann verzweifelt zu weinen. Warum sah ihre Mutter denn nicht, was sie sah?
„Schatz du schläfst ja schon fast“, meinte die Frau schließlich und wollte Klara hochheben, doch die begann zornig zu schreien, rief immer wieder „Dada“ und zeigte hinaus in die schneebedeckte Nacht. Die junge Frau hob ihre Tochter hoch und öffnete das Fenster. Auf einmal hörte das Mädchen auf mit dem hysterischen Geschrei und blickte suchend aus dem Fenster. Wo war der Engel, den sie eben noch so bewundernd angeblickt hatte? Müde bohrte sich das Kind in die Bluse seiner Mutter, drückte ihren zerrissenen Teddy an sich und flüsterte: „Mama müde.“
„Ich weiß mein kleiner Schatz. Wir gehen jetzt auch ins Bett“, meinte die Frau und streichelte Klara durch die blonden Locken.
„Mama! Liest du mir heute noch eine Geschichte vor? Du hast es gestern versprochen“, rief eine hohe Stimme von dem oberen Stockwerk herunter.
„Ja. Ich komme schon Paul!“ Mit diesen Worten verschwand die Frau nach oben zu ihrem Sohn.
Phinipeus, der seine Chance genutzt hatte und durch das offene Fenster geschlüpft war, streifte nun staunend durch das Haus. „Schön ist es bei den Menschen. Gar nicht so anders als bei uns im Himmel – nur kleiner – aber gemütlich!“ Nichts machte den Anschein, als ob hier kein Weihnachten gefeiert würde.
Im Gegenteil. Eine so wundervoll geschmückte Wohnung sah Phinipeus zum ersten Mal. Im Wohnzimmer stand eine edle Holzkrippe. Ihr braunes Holz glänzte im Schein der Kerzen, die darum aufgestellt waren. An den Fenstern hingen Papiersterne, selbstgebastelte Christbäume und Engel. Neben der Krippe prasselte ein kleines Feuerchen in einem alten Steinofen und versetzte die Wohnung in eine behagliche Stimmung. Vor dem Kaminsims hingen vier große Socken, auf denen vier Namen in goldenen Lettern standen: Klara, Paul, Johann und Ulrike.
Phinipeus stellte sich vor das knisternde Feuer und wärmte seine eiskalten, schmerzenden Flügel. Nachdem ihm wieder angenehm warm war, schlich der kleine Engel auf Zehenspitzen die Treppen hinauf in den ersten Stock und versteckte sich unter dem Bett des Jungen namens Paul. Auf der Stelle schlief Phinipeus ein und wachte erst wieder auf, als eine zärtliche Stimme erklang. Verschlafen streckte er den Kopf unter dem Bett hervor und betrachtete blinzelnd den Raum, in dem er letzte Nacht gelandet war. Er befand sich eindeutig in einem Kinderzimmer. Ein schmaler Kleiderschrank, bunte Regale mit noch bunteren Büchern, Kisten voller Spielsachen, ein Schreibtisch voll gestapelt mit Stofftieren, Vorhänge und Tapeten bedruckt mit Eisenbahnen und Tieren. Ein wahrhaftiges Paradies für Kinder.
„Zehn Tage noch, dann kommt das Christkind“, sagte Mutter Ulrike und kramte in dem Kleiderschrank ihres Sohnes.
„Wer ist das Christkind?“, fragte Paul.
„Ach Paul. Hörst du denn nie zu, wenn man dir etwas erzählt?“
„Weiß nicht.“ Der kleine Bub, nicht älter als fünf Jahre, saß aufrecht in seinem Bett und zuckte mit den Schultern.
„Das Christkind ist Gottes Kind, das dir zu Weihnachten Geschenke bringt, wenn du brav warst.“
„Ich will aber keine Geschenke von einem fremden Kind, Mami!“, entgegnete Paul und sprang aus seinem Bett.
Ein sonderbares Kind, dachte Phinipeus. Weiß nicht, wer das Christkind ist. Und seine Mutter! Das Christkind bringt doch nicht bloß Geschenke und verschwindet dann wieder. Irgendetwas stimmt hier wirklich nicht ganz. Das Christkind ist doch viel mehr als ein Geschenkekind … es bringt vor allem die Liebe und die Freude, auch anderen einen Wunsch zu erfüllen!
Während sich Phinipeus über die Unwissenheit dieser Leute empörte, zog sich Paul rasch an und folgte seiner Mutter an den gedeckten Frühstückstisch. Zusammen frühstückte die Familie und abermals kam das Gespräch auf Weihnachten. Ulrike sagte zu ihrem Mann: „Stell dir vor, Johann, dein Sohn möchte nichts mit dem Christkind zu tun haben!“
„Wieso denn? Was ist passiert Paul?“, fragte der Vater interessiert.
Paul antwortete nicht. Er zuckte bloß mit den Schultern und überließ das Reden seiner Mutter: „Paul will keine Geschenke von einem fremden Kind. Heute in der Früh wurde er beinahe wütend. Er hat Angst vor dem Christkind!“
Schweigend aßen sie weiter, doch nach einigen Minuten versuchte Johann seinen Sohn umzustimmen. Paul weigerte sich eine Wunschliste zu schreiben, er wollte keine Kekse für das Christkind backen, keine Geschenke von ihm bekommen und wollte auch nicht den Geburtstag eines fremden Kindes feiern. Nach einiger Zeit gab Johann das Gespräch auf und räumte den Tisch ab. Später gab er seinem Sohn etwas ratlos einen Kuss auf die Stirne, verabschiedete sich von seiner Frau und seiner Tochter und fuhr zur Arbeit. Paul musste heute nicht in den Kindergarten, es war Samstag und daher ging er in sein Zimmer. Er setzte sich auf sein Bett und blätterte in seinem bunten Bilderbuch.
„Sag einmal, was bildest du dir eigentlich ein, so über das Christkind zu denken, du Hohlkopf!?“, platze es plötzlich aus Phinipeus heraus und er setzte sich aufgebracht neben Paul auf das Bett.
Pauls Gesicht wurde weiß und er stotterte: „Bi… bist du ein Engel?“
„Na der Weihnachtsmann bin ich nicht“, entgegnete Phinipeus frech.
„Tsch…tschuldigung.“
Phinipeus lächelte Paul an und fuhr ihm durch die strubbeligen Haare. Glücklich und verwirrt zugleich blickte dieser Phinipeus in die liebevollen, fröhlichen Augen und strahlte zurück. „Siehst du, jetzt hast du schon keine Angst mehr vor mir. Dabei kennst du mich gerade mal zehn Sekunden lang. Das ist, weil ich ein Engel bin, da hast du schon recht gehabt. Das ist bei uns allen im Himmel so, weißt du? Und glaubst du jetzt, wo du mich kennst, dass das Christkind jemand ist, vor dem man sich fürchten muss? Es ist wundervoll und bringt euch nicht nur Geschenke, sondern Hoffnung und Liebe … und es wacht über euch und über alle andere Menschen.“
Paul nickte eifrig. Lächelnd fuhr Phinipeus fort: „Gut. Und jetzt schreibst du einen Brief an das Christkind und gibst ihn deiner Mutter. Dann sagst du ihr, dass du an das Christkind glaubst, und freust dich, wie jedes andere Kind auf dieser Welt auf Weihnachten, ja?“ Abermals nickte Paul, und noch bevor er etwas erwidern konnte, war Phinipeus vor seinen Augen verschwunden und flüsterte: „Du hast nur geträumt.“ Doch Paul wusste, dass er nicht geträumt hatte. Brav, wie es Phinipeus verlangt hatte, stand er auf und erklärte seiner Mutter, dass er sich jetzt doch auf das Christkind freuen und einen Brief schreiben würde.
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