Kitabı oku: «Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 3»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

Erzählungen, Märchen und Gedichte

zur Advents- und Weihnachtszeit

Band 3

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten - Taschenbuchausgabe erschienen 2020

Titelbild: Heike Georgi

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-025-6 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-321-7 - E-Book

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Inhalt

*

Der Weihnachtsmann aus dem Stadtpark

Es war kurz vor Weihnachten und ich nutzte einen der seltenen freien Vormittage, an denen ich nicht als Anwalt am Gericht meine Mandanten vertreten musste, um meinen Sprössling zur Schule zu bringen. Mein Sohn heißt Maximilian, ist acht Jahre alt, doch alle sagen nur Max zu ihm.

In der Nacht hatte es geschneit. Wir gingen durch den Stadtpark und bewarfen uns unterwegs mit Schneebällen. Es machte riesigen Spaß, so ausgelassen zu sein. Ich ahnte nicht, welch denkwürdiges Weihnachtsfest uns die Ereignisse dieses Morgens bescheren sollten ...

Als wir um eine Ecke des Weges bogen, sahen wir auf einer Bank einen Obdachlosen liegen – mit Zeitungen zugedeckt und laut schnarchend. Er hatte einen dichten, weißen Bart, war wohlbeleibt und steckte in abgetragener, geflickter Kleidung.

Max blieb neugierig stehen, dabei fest meine Hand haltend. Es war mir etwas unangenehm und so zog ich ihn sanft aber bestimmt weiter.

„Wer war denn das?“, fragte er mich, als wir uns einige Meter von der Parkbank entfernt hatten.

Ich weiß, eigentlich hätte ich meinem Sohn die Wahrheit sagen sollen, ihm erklären, dass es ein Obdachloser war, doch irgendwie brachte ich das nicht fertig. Also belog ich ihn und setzte damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die ich mir nie hätte vorstellen können.

„Das war der Weihnachtsmann. Er ist bestimmt die ganze Nacht herumgelaufen und hat die Wunschzettel der Kinder eingesammelt. Jetzt ist er müde und ruht sich dort aus“, sagte ich, bemüht, überzeugend zu klingen.

Offensichtlich hatte ich Erfolg damit, denn Max nickte nur und bald darauf erreichten wir seine Schule. Auf dem Rückweg bemerkte ich, dass der alte Mann verschwunden war.

Es war am Tag vor dem Weihnachtsfest und ich hatte die Sache im Stadtpark längst vergessen. Meine Frau und ich tanzten gerade herrlich albern zu irgendeinem Lied im Radio, während die letzten Plätzchen buken, als es an der Haustür klingelte.

„Machst du bitte auf, Schatz? Das ist bestimmt Max. Diesmal sogar pünktlich vom Spielplatz zurück. Man merkt, morgen ist Weihnachten, da will er bestimmt auf Nummer sicher gehen, was die Geschenke anbelangt“, meinte meine Frau lachend, während sie den Backofen öffnete, um ein Blech mit wunderbar duftendem Gebäck herauszunehmen.

Nichts ahnend öffnete ich die Tür und sah zu meinem Erstaunen nicht nur Max davor stehen, sondern auch den alten obdachlosen Mann aus dem Stadtpark. Da stand ich, in Hausschuhen, überall mit Mehl bestäubt und heruntergeklappter Kinnlade.

„Papa, stell dir vor, ich habe den Weihnachtsmann getroffen!“, erzählte mir mein kleiner Sohn mit sich vor Begeisterung überschlagender Stimme.

„Den Weihnachtsmann?“, sagte ich, noch immer ein Bild absoluter Verblüffung abgebend.

„Ja. Er kam am Spielplatz vorbei und da habe ich ihn einfach gefragt, ob er nicht bei uns zu Abend essen will. Das geht doch in Ordnung, oder Papa?“

Wenn Sie sich schon immer gefragt haben, wie die perfekte Zwickmühle aussieht, ich hatte gerade das Gefühl, in einer solchen zu stecken. Mir standen genau zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Entweder erklärte ich meinem vor Freude strahlenden Sohn, dass es nicht der Weihnachtsmann war, der da vor der Tür stand, sondern ein übel riechender Obdachloser, mit dem wir nichts zu schaffen haben wollten, was natürlich pädagogisch und politisch absolut inkorrekt wäre, oder aber ich machte gute Miene zum bösen Spiel und tat so, als wäre es wirklich der Weihnachtsmann und bat ihn in unser Haus.

Was macht man in so einer Situation? Ich musste mich schnell entscheiden und natürlich kam es nicht infrage, Max so zu enttäuschen. Ich hoffte nur, dass der alte Mann mitspielen würde, doch irgendwie war ich mir ziemlich sicher, dass er für ein Gratisessen auch eines der Rentiere gespielt hätte, warum nicht also den Weihnachtsmann?

„Tja, dann nur immer herein“, sagte ich mit vorgespielter Fröhlichkeit. „Max, bring doch den Weihnachtsmann bitte ins Esszimmer. Ich werde Mama Bescheid sagen, wen wir zu Besuch haben.“ Dabei blickte ich den Obdachlosen bedeutsam an und hoffte, die Botschaft wäre angekommen.

Der nickte mir grinsend zu und schien einen Heidenspaß an der Sache zu haben. Hätte ich sicher auch, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. In meiner Lage allerdings sahen die Dinge weniger lustig aus. Schließlich musste ich gleich meiner Frau erklären, wer da mit an unserem Tisch sitzen würde.

Sie nahm es überraschend gelassen auf, wenn man mal davon absah, dass sie die Keksdose fallen ließ.

Das Abendessen war dann verblüffenderweise wirklich schön. Der alte Mann erzählte lustige Weihnachtsgeschichten und Max musste ständig laut lachen. Auch ich stimmte gelegentlich mit ein und selbst meine Frau konnte sich ein Lächeln ab und an nicht verkneifen. Unser Gast hatte hervorragende Tischmanieren und verblüffte mich ein ums andere Mal, als er seine wirklich fundierte Meinung zu aktuellen Tagesereignissen zum Besten gab. Vermutlich las er vorher die Zeitungen, mit denen er sich zudeckte.

Gerade als wir schon dachten, dass mit dem Essen alles erledigt wäre, brachte Max uns in die nächste missliche Lage.

„Darf der Weihnachtsmann heute Nacht auf dem Sofa schlafen? Vor dem Kamin, da hat er es schön warm, und wenn seine Rentiere ihn abholen kommen, dann kann er gleich durch den Schornstein raus“, sagte Max treuherzig.

Meine Frau und ich, wir verstehen uns auch ohne viele Worte und so reichte ein Blickkontakt, um das Für und Wider abzuwägen. Sie nickte mir zu und ich erwiderte die Kopfbewegung.

„Also gut, dann lass dir noch ein wenig von den Rentieren erzählen, während Mama und ich schnell das Bettzeug für den Weihnachtsmann holen, das heißt, falls er denn bei uns schlafen möchte?“

Ich schaute unseren Gast an, doch der lächelte nur und verkündete, wie sehr es ihn freuen würde, bei einer so netten und gastfreundlichen Familie übernachten zu dürfen.

Das glaubte ich ihm aufs Wort.

Im Nebenzimmer, während wir die Bettwäsche heraussuchten, kamen wir zu dem Schluss, dass wir keine andere Wahl hatten, wollten wir unserem Sohn nicht das Weihnachtsfest kaputtmachen.

„Hoffentlich ist das Silberbesteck morgen früh noch da“, sagte meine Frau sorgenvoll.

„Du glaubst doch nicht etwa, dass der Weihnachtsmann uns bestehlen würde?“

Wir kehrten ins Wohnzimmer zurück und bereiteten unserem Gast sein Nachtlager. Dann verabschiedete sich Max ins Bett und auch wir gingen nach oben, denn es war schon spät und unser Gast hatte verkündet, dass er sehr müde wäre und nachher ja noch die Geschenke mit dem großen Schlitten ausfahren müsse.

Am nächsten Morgen weckte Max uns ganz früh und gemeinsam gingen wir hinunter ins Wohnzimmer. Verblüfft sahen wir viele Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen. Unser Gast war verschwunden.

Max machte begeistert seine Päckchen auf und staunte über die Spielsachen. Dann brachte er uns Geschenke, auf denen unsere Namen standen.

Ich öffnete meines und fand darin die Erstausgabe eines sehr seltenen Buches, welches ich schon lange vergeblich versucht hatte, zu bekommen.

Im Päckchen meiner Frau befand sich eine edle goldene Kette mit Smaragdanhänger. Verlegen reichte sie mir den beigefügten Zettel:

Das Silberbesteck habe ich nicht mitgenommen, dafür aber etwas Goldenes da gelassen.

Der Weihnachtsmann.

In den folgenden Wochen ging ich oft in den Stadtpark, doch von unserem Gast fehlte jede Spur. Auch die Kette und das Buch waren nirgendwo als gestohlen gemeldet worden. Wir hatten wohl tatsächlich Besuch vom Weihnachtsmann gehabt.

Lars Buchmann, geboren 1974 in Bernburg, studiert momentan Rechtswissenschaften. In seiner Freizeit schreibt er Geschichten und arbeitet an einem Romanprojekt. Er liest gerne und interessiert sich für Kunst, Theater, Literatur und Geschichte.

*

Der Weihnachtsengel

Es war wieder Advent. Felix war nun schon zwei Jahre im Waisenhaus. Längst hatte er die Hoffnung begraben, adoptiert zu werden. Im vorigen Jahr hatte er noch an den Weihnachtsmann geglaubt und mit ungeübter Hand einen Wunschzettel geschrieben, worin er das Christkind um eine neue Mama gebeten hatte. Doch nichts war geschehen, und so hatte er den Gauben an das Christkind und an den Weihnachtsmann verloren.

In diesem Jahr fühlte er sich erwachsen und alt genug, es den großen Jungs im Waisenhaus nachzumachen, die bei jeder Gelegenheit ihre coolen Sprüche klopften. Er hatte sich auch einen ausgedacht. Wenn ihn jemand fragte: „Na, freust du dich auf Weihnachten?“, antwortete er gleichgültig: „Das geht mir alles am Po vorbei.“

Die großen Jungs sagten natürlich für Po ein anderes Wort, doch das wollte er nicht sagen, er hatte seiner Mama versprochen immer ein ordentlicher Junge zu bleiben – und dieses Versprechen wollte er halten.

Wenn Felix an seine Mama dachte, kamen ihm die Tränen. Er vermisste sie so sehr! Ohne seine Mama fühlte er sich einsam und verlassen. Bevor sie starb, hatte sie versprochen, ihm zu helfen und als Engel auf ihn aufzupassen. Bis jetzt war nichts passiert, er war noch immer in diesem blöden Waisenhaus. Wenn wenigstens Papa da wäre, aber der war zur See gefahren und nie mehr nach Haus gekommen. Im Geheimen dachte Felix oft daran, wie es wäre, wenn er eine neue Mama finden würde. Das war sein sehnlichster Wunsch.

Felix lag träumend im Bett, da fiel plötzlich, direkt vor seinem Fenster, eine Sternschnuppe vom Himmel. Noch ehe er einen Wunsch aussprechen konnte, war sie verglüht. Felix sprang auf und rannte zum Fenster, doch von der Sternschnuppe war nichts mehr zu sehen. Dafür funkelte vor seinem Fenster ein Licht. Verdutzt rieb er sich die Augen: Auf der Fensterbank saß ein kleiner, fast durchsichtiger Engel. Das Engelchen trug ein glitzerndes Kleidchen und hielt in seiner Hand einen winzigen goldenen Stab, an dessen Spitze ein heller Stern leuchtete.

Felix schaute sich um, von den Jungs war keiner im Schlafsaal, er war mit dem Engel allein. Der Engel klopfte mit seinem goldenen Stab sachte an die Scheibe. Das Fenster öffnete sich und das Engelchen kam herein. Er legte sein kleines Händchen in Felix‘ Hand und deutete zum Himmel. Felix lächelte. Das musste der Engel wohl als Zustimmung verstanden haben, denn er erhob sich mit ihm in die Höhe. Felix wollte seine Hand fortziehen, doch es ging nicht! Das Engelchen hielt sie fest und flog mit ihm zum Fenster hinaus. Felix hing an der kleinen Hand und wurde wie eine Puppe in die Lüfte gezogen.

Sie schwebten in die Nacht hinaus und überquerten Wiesen und Felder. Sie überflogen einen Wald und wie auf ein geheimnisvolles Zeichen, schneite es plötzlich. Bis vor ein paar Minuten hatte er weit und breit keine Schneeflocke gesehen, jetzt aber fielen dicke, weiße Flocken vom Himmel. Dazu erklang bei jeder Schneeflocke, die zur Erde fiel ein leiser Glöckchenton, sodass es überall leise bimmelte. Einige Vögel flogen vorbei und zwitscherten: „Felix du Glücklicher, wir grüßen dich!“

Es war sonderbar: Felix flog im Schlafanzug mit einem kleinen Engel an der Hand über einen verschneiten Wald und ihm war mollig warm. Entweder war das ein schöner Traum – oder er war im Himmel. Nach einiger Zeit verschwand der Wald, sie näherten sich dem Meer. Der Wind wehte den Geruch von Salzwasser herüber und säuselte: „Felix du Glücklicher, ich grüße dich!“

Und dann sah Felix Wasser – viel Wasser, wo er auch hinschaute, überall war Wasser. Im Wasser leuchtete ein Licht. Kurz darauf sah er ein Haus, das mitten im Wasser stand. Tatsächlich! Im Meer stand ein Haus. Das musste eine Hallig sei! Felix hatte schon davon gehört. Seine Mutter hatte einmal davon gesprochen, dass es winzige Inseln im Meer gibt, und wenn Land unter war, nur noch das Haus aus dem Wasser ragt.

Der Engel steuerte mit ihm genau auf das Haus zu. Sie flogen um das Haus herum und schauten durch sämtliche Fensterscheiben. Einmal blickten sie in eine Küche, dann in ein Schlafzimmer, anschließend in ein Wohnzimmer. Dort saß ein Mann und las Zeitung. Zuletzt schauten sie in ein Kinderzimmer. Es war gefüllt mit Spielsachen: eine Eisenbahn, eine Autorennbahn, eine Tankstelle und noch vieles mehr. Es waren alles schöne Sachen, die ein Jungenherz höher schlagen ließen. Das Zimmer war blitzblank aufgeräumt, so, als würden die vielen schönen Sachen gar nicht benutzt.

Felix stand vor dem Fenster und drückte sich an der Scheibe die Nase platt. Eine Frau stand trübsinnig im Zimmer. Das Engelchen tippte mit dem Stab gegen die Scheibe. Die Frau drehte sich um und schaute Felix einen Augenblick lang ins Gesicht. Ein seltsamer Stich drang in Felix‘ Herz. Er wäre noch gerne länger geblieben, doch der Engel flog mit ihm fort. Und nur einen Moment später befand er sich wieder im Waisenhaus.

Am nächsten Morgen glaubte Felix, er hätte alles nur geträumt. Doch es war kein Traum. Am Abend passierte das Gleiche. Am nächsten Tag auch und am darauf folgenden Tag wieder. Den ganzen Advent über ging das so. Jeden Abend kam der Engel, zog ihn mit fort und brachte ihn zu dem Haus im Meer. Inzwischen war es für Felix selbstverständlich, dass der kleine Engel ihn abholte. Wenn die Jungs im Waschraum waren, zog er sich an, stellte sich ans Fenster und wartete auf den Engel. Mittlerweile war ihm das Haus im Meer, mit seinen Bewohnern richtig vertraut geworden. Doch in all dieser Zeit hatte er nie einen Jungen gesehen, der zu diesem Kinderzimmer gehörte. Wo war er nur?

Der Heilige Abend brachte eine Veränderung. An diesem Abend war die Frau nicht allein im Zimmer, ihr Mann war bei ihr. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und weinte. Felix wäre am liebsten zu ihr gelaufen, doch es ging nicht, er stand draußen und das Fenster war verschlossen. Der kleine Engel hob seinen Stab, öffnete mit einem leisen Glöckchenklang das Fenster und warf einen zerknüllten Zettel in das Zimmer. Der Mann und die Frau schauten verwundert zum Fenster und sahen Felix direkt in die Augen. Felix erschrak, nun verließ ihn der Mut, er wollte weglaufen, doch es ging nicht, seine Füße klebten am Boden und waren schwer wie Blei. Die Frau hob den Zettel auf und las die ungeübten Zeilen:

Felix Bohnert

Waisenhaus Königsallee 10

wünscht sich eine neue Mama!

Sie reichte ihrem Mann den Zettel, ging zur Haustür und öffnete sie weit. Felix trat in die Stube, die er schon so lange kannte. Die Frau breitete ihre Arme aus und nahm ihn in die Arme. Und da wusste er, das war seine neue Mama! In diesem Augenblick verschwand der kleine Engel, hundert Sternschnuppen fielen vom Himmel und überall klingelte es: „Felix du Glücklicher!“

Gisela Luise Till, im Jahr 1944 geboren, ist Mutter zweier Töchter. Sie schrieb, inspiriert durch ihre Enkelin, das Fantasybuch „Die Zauberperle“, das in Papierfresserchens MTM-Verlag erschienen ist.

*

Ein unglaublicher Traum

Greta und Paul, die beiden rothaarigen Zwillinge, freuten sich wie in jedem Jahr unheimlich auf die Weihnachtszeit. Besonders gern bastelten sie kleine Geschenke. Beinahe noch lieber werkelten sie aber mit Teig in der Küche, um kleine Plätzchen, Lebkuchen und sogar Häuser und Züge daraus zu gestalten.

„Mama, können wir vielleicht morgen mit dem Backen beginnen?“, fragte Greta. „Wir wollen in diesem Jahr ein richtiges kleines Kunstwerk bauen. Stimmt’s Paul?“

Dieser nickte: „Ja, wir wollen Oma und Opa überraschen, wenn sie uns besuchen. Du hilfst uns doch dabei, oder?“

„Natürlich. Ich muss nachher nur noch einige Zutaten besorgen. Dann können wir morgen loslegen.“

Die Kinder waren begeistert und schmiedeten sofort Pläne.

„Lass uns ein richtiges Haus bauen, so ähnlich wie eine Puppenstube mit vielen Zimmern! Davor müssen dann natürlich ein geschmückter Weihnachtsbaum und viele verschiedene Figuren, die dort feiern.“ Paul sah das fertige Werk schon vor sich.

Auch Greta hatte genaue Vorstellungen. „Ein paar Tiere und eine Futterkrippe wären schön! Und Engel. Aber ohne Hilfe schaffen wir das nicht. – Zum Glück haben wir ja Mama.“

Diese lachte: „Oje, da haben wir ja viel zu tun! Ich werde mein Bestes geben! Lasst uns mal gleich eine Liste machen, was wir alles brauchen!“

Die Kinder holten Zettel und Stift, die Mutter das Rezeptbuch. So waren schnell alle Zutaten notiert.

„Ich geh gleich los, um alles einzukaufen. Ihr könnt ja weiter planen. Also bis dann!“

Am nächsten Morgen waren Greta und Paul natürlich zeitig wach. Vorfreude und Aufregung ließen sie einfach nicht länger schlafen. Gleich nach dem Frühstück ging es auch schon los.

„Gibst du mir bitte den Zucker, Paul?“, fragte die Mutter. Der Junge holte ihn flink herbei und stellte die Dose auf den Tisch. „Danke! Jetzt muss ich den Teig nur noch durchkneten, dann dürft ihr formen.“

Die Kinder konnten sich kaum noch gedulden. Dann war es endlich so weit. Sie kneteten kleine Tische und Hocker, Tannenbäume, verschiedene Tiere und natürlich auch Engel. Die Wangen der beiden waren vor Eifer gerötet. Mit Ausdauer und viel Liebe entstanden Mädchen, Jungen, deren Eltern und sogar zwei Babys.

„He, die sehen aber toll aus! Ihr seid schon zwei richtige Künstler.“ Die Mutter bestaunte die Figuren und war begeistert. Vier Kinderaugen strahlten sie an.

„Ich schiebe gleich die ersten Bleche rein. So könnt ihr dann bald alles verzieren.“

„Wir müssen aber auch noch den Lebkuchenteig für das Haus machen“, sagte Greta.

„Stimmt. Sobald ihr mit dem Verschönern der kleinen Kunstwerke beginnt, kümmere ich mich darum.“

Wenig später waren die ersten Figuren fertig gebacken. Ein leckerer Duft durchströmte die Wohnung.

„Herrlich, nicht wahr? Die Weihnachtszeit ist doch was ganz Besonderes“, fand die Mutter.

Greta und Paul stimmten ihr zu. Sie hatten sich bereits alle Zutaten für Zuckerglasur, kleine süße Perlen, Mandeln, Schokosplitter und bunte Streusel zurechtgestellt.

„Wartet noch einen Moment! Wir müssen sie noch abkühlen lassen.“

„Wie lange dauert das denn?“, fragte Greta ungeduldig nach.

„Naja, ein Weilchen schon. Lasst uns doch ein paar Weihnachtslieder singen. Dann vergeht die Zeit ganz schnell.“ Die Kinder mussten nicht lange überlegen und so erklangen viele schöne Melodien.

Und dann konnten sie pinseln und dekorieren. Das war ein Spaß! Ab und an wanderte natürlich auch eine leckere Kleinigkeit in die Münder.

„Wir sind fertig! Wo stellen wir denn unser Haus auf, Mama?“

Nach kurzem Überlegen antwortete diese: „Wir haben doch im Wohnzimmer den kleinen Tisch. Dort würde es sicher schön aussehen, oder?“

„Ja. Klasse. Komm, Paul, wir tragen es vorsichtig rüber!“

„Aber lass es ja nicht fallen!“, warnte er seine Schwester.

„Das musst ausgerechnet du sagen. Ich denke nur an die Puddingschüssel letzten Sonntag.“ Greta grinste.

Auch Paul musste lachen. „Erinner’ mich nur nicht daran! Das war vielleicht eine Sauerei. Na los, wir gehen ganz langsam und vorsichtig.“

„Geschafft! – Und nun erwecken wir das Haus zum Leben! Komm mit, die Möbel und Menschen holen!“ Greta zog ihren Bruder mit.

Als sie endlich alles aufgebaut hatten, waren sie selbst überrascht, wie dieses Haus auf sie wirkte. Es hatte etwas Magisches an sich.

„Sieht aus wie echt, oder?“, fragte Paul.

„Ja, es lädt richtig zum Spielen ein. Aber irgendwie ist es auch ein wenig geheimnisvoll“, antwortete ihm seine Schwester.

Auch die Mutter der beiden staunte: „Das ist ja unglaublich schön geworden. Viel zu schade, um es irgendwann aufzuessen.“

Paul antwortete erschrocken: „Das bleibt auf jeden Fall bis Weihnachten so stehen. Wir wollen ja vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten hinzufügen, nicht wahr, Greta?“ Diese nickte. Sie war völlig in den Bann dieses Hauses gezogen und konnte den Blick gar nicht mehr davon abwenden.

Am Abend krochen die beiden erschöpft, aber glücklich in ihre Betten. Ein aufregender Tag lag hinter ihnen. Und so war es nicht verwunderlich, dass die zwei schnell ins Traumland zogen.

Am nächsten Morgen erwachte Greta als Erste. Sie war so aufgeregt, dass sie sofort ihren Bruder weckte. „Paul, ich hatte vielleicht einen verrückten Traum. Unsere gebackenen Figuren sind zum Leben erwacht. Sie haben Weihnachten gefeiert – genau wie wir. Der Weihnachtsmann war da. Es gab Geschenke und Lieder erklangen. Alles war hell erleuchtet. Unglaublich, was?“

„Wie kann das sein, Greta? Ich hatte genau denselben Traum!“

„Was? Das gibt es doch nicht.“ Greta überlegte kurz. „Oder haben wir das nicht nur geträumt?“ Beide sprangen so schnell sie konnten aus dem Bett und liefen ins Wohnzimmer.

„Sieht alles ganz normal aus, oder?“, fragte Paul seine Schwester.

Diese schlich um den kleinen Tisch und betrachtete alles sehr genau. „Schau mal, Paul. Die gebackenen Geschenke sehen aus, als hätte jemand versucht, sie zu öffnen. Und dort! Da hinten liegen Krümel. Die waren gestern Abend auf keinen Fall an dieser Stelle. Und auch die beiden Figuren hinter dem Weihnachtsbaum standen gestern woanders, nämlich an der Futterkrippe.“

Paul nickte sprachlos.

„Was hat das zu bedeuten? Sollen wir es Mama erzählen?“, fragte Greta.

„Sie schläft bestimmt noch. – Ich weiß nicht, es ist so unglaublich“, überlegte ihr Bruder.

„Du hast recht. Vielleicht sollten wir es für uns behalten. Wir wissen ja selbst nicht, ob es ein Traum oder die Wahrheit ist. Auf jeden Fall war es wunderschön!“

„Ja, ein unglaubliches Fest.“

„Lass uns einfach wieder ins Bett kriechen. Vielleicht können wir ja noch einmal dabei sein.“

So huschten sie in ihr Zimmer.

Und wer weiß? Vielleicht dürfen die beiden auch das nächste Weihnachtsfest der Plätzchen miterleben!

Silvia Michaelis, geboren 1970, lebt heute in Burg/Spreewald. Neben ihrem kreativen Beruf als selbstständige Floristin sind Lesen und Schreiben ihre liebsten Hobbys. Seit Beginn des Jahres 2008 schreibt sie Prosa und Lyrik für Erwachsene sowie Geschichten für Kinder. Erste Veröffentlichungen ihrer Werke in verschiedenen Anthologien gaben ihr die Bestätigung, mehr aus ihrem Hobby zu machen.

*

Meine Weihnachtswünsche

Alle Jahre wieder wird es Weihnachten. Und alle Jahre wieder habe ich zwei große Wünsche. Mein größter Wunsch wäre, eine kleine Schwester oder einen kleinen Bruder zu bekommen. Aber ich denke, dass Mama und Papa kein neues Baby haben werden. Denn dann wäre es in den letzten zehn Jahren bestimmt schon auf die Welt gekommen. Zehn Jahre – so alt bin ich, Neele, nämlich schon.

Mein zweiter großer Wunsch ist ein Haustier. Egal welches. Ich liebe eigentlich alle Tiere. Doch wenn ich eins auswählen könnte, hätte ich am liebsten eine Katze.

Bald ist wieder Weihnachten und jeden Abend hoffe ich auf die Erfüllung meiner Weihnachtswünsche! Wie immer wollten Papa und ich am Tag vor Weihnachten einen Tannenbaum kaufen. Wir sind mit dem Auto in die Baumschule gefahren und haben alle Tannenbäume angesehen. Papa braucht immer sehr lange, bis er sich für einen Baum entschieden hat. Entweder sind sie zu groß oder zu klein. Haben zu viele oder zu wenig Zweige. Oder sie sind zu dick oder zu dünn. Nach einer Weile habe ich mich auf einen Baumstumpf gesetzt und gewartet.

„Wie wäre denn dieser?“, hat Papa gerufen und ich habe gerade „Cool“ geantwortet, als ich ein leises Maunzen hinter mir hörte. Langsam habe ich mich umgesehen und da habe ich es schon wieder gehört – das Maunzen. Weil ich aber nichts entdecken konnte, habe ich vorsichtig die Äste eines Busches auseinandergeschoben. Und dann habe ich sie gesehen, eingebettet in ein Nest aus Laub saßen dort zwei kleine Katzenbabys. Wie niedlich. Ein Kätzchen ganz weiß und das andere Kätzchen ganz schwarz.

„Papa, Papa“, habe ich gerufen. Da ist Papa gekommen und ich habe ihm die kleinen Kätzchen gezeigt. „Können wir die mitnehmen?“, habe ich gefragt.

Aber Papa hat den Kopf geschüttelt. „Die gehören doch wahrscheinlich zur Baumschule. Die Katzenmutter ist bestimmt gerade auf Futtersuche.“ Und dann hat Papa einfach weiter Weihnachtsbäume angesehen, ohne sich um die Katzenbabys zu kümmern.

Also habe ich Herrn Baumer gesucht. Eigentlich lustig, Herr Baumer ist der Besitzer der Baumschule und verkauft Weihnachtsbäume. Mutig habe ich ihn nach den Katzenbabys gefragt. „Nee – die gehören mir nicht. Hier laufen eine Menge wilder Katzen herum, die wir eigentlich gar nicht haben wollen“, hat er geantwortet.

Und da stand Papa plötzlich wieder hinter mir und hat gesagt: „Siehst du, das sind gar keine zahmen Hauskatzen, die Katzenmutter kommt gleich wieder und …“

„Allerdings, ich habe gestern Abend eine überfahrene Katze auf dem Parkplatz gefunden“, hat Herr Baumer Papa unterbrochen und mir zugezwinkert.

„Siehst du Papa, das war bestimmt die Katzenmama. Die Kätzchen sind jetzt Vollwaisen. Wenn wir sie nicht mitnehmen, verhungern sie.“

Papa hat nur den Kopf geschüttelt und seinen Tannenbaum bezahlt. Ich fand das gemein. Herzlos.

„Die müssen bestimmt erfrieren“, habe ich gesagt.

„Wir haben noch gar keine weihnachtlichen Temperaturen“, hat Papa geantwortet. Da wusste ich auch nicht mehr, was ich noch sagen sollte, und habe nur beleidigt geguckt.

Am Mittag bin ich noch einmal mit dem Fahrrad in die Baumschule gefahren. Die Katzen lagen noch immer in ihrem Laubnest und haben ganz leise gemaunzt.

„Bestimmt weinen die schon, weil ihre Mama nicht wieder kommt“, habe ich gedacht. Dann habe ich wieder Herrn Baumer gesucht und gefragt, ob ich die tote Katze mal sehen kann.

„Nee, die haben wir schon begraben“, hat Herr Baumer geantwortet.

„Wie sah sie denn aus?“, habe ich gefragt.

„Schwarz-weiß-gefleckt“, hat Herr Baumer geantwortet. Da war mir alles klar. Das konnte ja nur die Mama der Kleinen sein. Die Kätzchen hatten sich die Farbe geteilt. Eins weiß und eins schwarz. Und plötzlich war ich echt böse auf Papa.

Also bin ich wieder nach Hause geradelt und habe Mama und Papa erzählt, dass die Katzen noch immer in ihrem Laubnest liegen. Da haben Mama und Papa sich angesehen und dann hat Papa gesagt: „Wenn die Katzen dort in zwei Stunden immer noch ohne Muttertier liegen, holen wir sie.“

Und Mama hat genickt. „Schließlich ist Weihnachten“, hat sie gesagt.

Und ich habe ganz fest die Daumen gedrückt, dass die Katzen dann immer noch dort liegen. Eigentlich ist das ja gemein, dass ich mir wünsche, dass die Kätzchen allein sind. Aber schließlich ist die Mutter ja sowieso schon tot.

Um drei Uhr sind wir alle zusammen wieder in die Baumschule gefahren. Mama hatte ihren Einkaufskorb und Papa seine Arbeitshandschuhe dabei.

„Was willst du denn damit?“, habe ich gefragt.

Da hat Papa geantwortet: „Das sind schließlich Wildkatzen.“

Als Herr Baumer uns gesehen hat, hat er angefangen zu lachen. „Wollt ihr die Kätzchen doch abholen? Das ist ja ein tolles Weihnachtsgeschenk für Neele.“

„Wir nehmen sie erst mal mit“, hat Mama gesagt. „Wir können sie ja nicht verhungern lassen. Und dann suchen wir ein gutes Zuhause für sie.“

„Aha“, hat Herr Baumer geantwortet und mir wieder zugezwinkert. Vorsichtig habe ich die Zweige zur Seite gebogen und da lagen sie noch in ihrem Laubnest. Meine beiden Kätzchen. Papa hat geseufzt, sich seine Arbeitshandschuhe angezogen und nach der schwarzen Katze gegriffen. Die war ganz erschreckt, konnte sich aber trotz Zappeln nicht aus Papas Griff befreien.

„Du drückst ihr ja die Luft ab“, habe ich empört gerufen.

„Lass mich mal“, hat Mama gesagt. „Ich hatte als Kind auch eine Katze.“ Dann hat sie sich hingehockt und ganz vorsichtig die Hand ausgestreckt. Das weiße Kätzchen hat daran geschnuppert und Mama hat die Katze ganz sanft in ihren Einkaufskorb gesetzt. Ohne zu drücken. „Die sind ja wirklich niedlich“, hat Mama geflüstert und Papa hat schon wieder geseufzt.

Zu Hause haben wir einen Pappkarton mit zwei kuscheligen Handtüchern ausgelegt und die Katzenbabys hineingesetzt.

„Die Kätzchen sind bestimmt schon drei oder vier Wochen alt“, hat Mama gemeint.

Und dann hat sie Dosenmilch aus der Küche geholt. Die Dosenmilch haben wir mit Wasser verdünnt. Ich durfte die Milch auf einen Unterteller gießen. Mama hat ihren Finger hineingesteckt und ihn der weißen Katze vor das Näschen gehalten. Das Kätzchen hat vorsichtig daran geschnuppert und anschließend ihre Hand abgeleckt. Das haben wir zusammen wiederholt und plötzlich ist das weiße Kätzchen aufgestanden und auf den Teller zugetapst. Das sah ganz lustig aus. Aber dann ist es blitzschnell umgefallen und genau im Teller gelandet.

„Du bist ja ein Keks“, habe ich gerufen. Mama hat gesagt, sie finde, dass Keks ein guter Name für das weiße Kätzchen sei und dass wir das schwarze Kätzchen Krümel nennen sollten, weil es auf der schwarzen Nase einen winzigen weißen Punkt hat, der wie ein kleiner Krümel aussieht.

„Krümel und Keks sind tolle Namen“, habe ich begeistert gerufen und laut in die Hände geklatscht. Da hat Keks sich wieder erschreckt und saß schon wieder in der Milch. Ich habe neue Dosenmilch in den Unterteller gegossen und plötzlich haben die kleinen angefangen, die Milch ganz allein aus dem Unterteller zu lecken.

Zwischendurch hat Papa aus dem Wohnzimmer gerufen, dass er jetzt den Baum schmückt. Aber Mama und ich sind lieber bei den Kätzchen geblieben. Mir war auch ohne Baum schmücken schon ganz weihnachtlich zumute. Denn plötzlich ist mir bewusst geworden, dass wir den Kätzchen vielleicht das Leben gerettet haben und da ist mir vor Glück eine Träne über die Wange gelaufen. Aber nur eine klitzekleine! Als Keks und Krümel satt waren, haben sie sich ganz dicht aneinander gekuschelt. Und da habe ich mich auch an Mama gekuschelt und gesagt, wie schön es doch ist, dass wir die Kätzchen ausgerechnet zu Weihnachten gefunden haben und so mein Weihnachtswunsch in Erfüllung gegangen ist und, dass wir deshalb zumindest ein Kätzchen behalten müssten.

„Weißt du was, Neele“, hat Mama geflüstert, „Wir behalten die beiden Katzengeschwister. Denn schließlich braucht jedes Kind seine eigene Katze. Eine für dich und eine für deinen Bruder.“ Und als sie mich angelächelt hat, wusste ich, dass morgen das schönste Weihnachten meines Lebens sein würde, da meine beiden Weihnachtswünsche endlich in Erfüllung gegangen waren.

Nicole Weinhardt ist 36 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Norddeutschland. Zur Familie gehören außerdem ein Pferd, eine Katze und zwei Kaninchen.

*

Das Christkind backt Plätzchen

Es war kurz vor Weihnachten. Mama und Lilli standen in der Küche und backten Weihnachtsplätzchen. Selbst gebackene Plätzchen gehörten Weihnachten einfach dazu, fand Lilli. Mama bestäubte die Arbeitsplatte mit Mehl, rollte den Teig aus und Lilli legte die ausgestochenen Sterne vorsichtig auf das Backblech. Draußen ging die Sonne schon unter. Der Himmel leuchtete heute tiefrot.

„Mama, guck mal aus dem Fenster“, rief Lilli aufgeregt. „Der Himmel brennt!“

„Tatsächlich!“, antwortete Mama. „Das Christkind backt Plätzchen.“

„Quatsch! Das Christkind gibt es doch gar nicht“, sagte Lilli. Das musste Mama doch wissen.

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte Mama verwundert. „Natürlich gibt es das Christkind!“, erklärt sie. „Es wohnt weit weg von hier, hoch oben in den Wolken.“

„Ich bin doch kein Baby mehr“, dachte Lilli. Schließlich war sie schon fünf. Aber sie sagte nichts. Sie wollte Mama nicht den Spaß verderben. Bestimmt machte sie nur Spaß.

Mitten in der Nacht hört Lilli ein Geräusch.

„Aufwachen!“, flüsterte jemand.

Lilli schlug die Augen auf. „Das gibt es doch gar nicht, dachte sie.“ Da stand ein Weihnachtsengel vor ihrem Bett und lächelte sie freundlich an.

„Komm mit mir! Ich zeig dir was“, sagte der Weihnachtsengel und reichte ihr die Hand. Hastig zog sich Lilli einen Pullover über und schlüpfte in ihre Pantoffeln.

In der Nacht hatte es geschneit. Draußen türmte sich der Schnee über einen Meter hoch. Vor der Tür stand ein großer roter Schlitten. Der Weihnachtsengel half ihr beim Einsteigen, reichte ihr eine kuschelige Wolldecke und setzte sich neben sie. Und dann ging’s los.

Angeführt von einem Rentier hob der Schlitten sanft vom Boden ab. Leicht glitt er durch die glitzernde, verschneite Landschaft. Vor einem großen roten Tor hielten sie an. Über ihnen funkelten die Sterne am Himmel.

„Das ist unser Weihnachtsdorf“, erklärte der Weihnachtsengel.

Lilli schaute sich neugierig um. Überall standen kleine Holzhütten. Auf einem Schild stand das Wort Wichtelwerkstatt. Lilli lugte durch die Fensterscheiben. Auf dem Tisch lagen Holzräder, Holzlatten, Schrauben und Holzspäne. Einige Wichtel hämmerten eine Holzeisenbahn zusammen, andere hobelten an einem Schaukelpferd.

Doch es gab noch mehr zu sehen. Einige Weihnachtsmänner füllten Mandarinen, Schokolade und Pfeffernüsse in die Nikolausstiefel. Auf einmal erklangen Musik und Gesang.

„Das ist unser Himmelschor“, erklärte der Weihnachtsengel. „Sie proben Weihnachtslieder.“

Plötzlich klingelte ein Glöckchen. Neben ihnen hielt ein Weihnachtsschlitten. Zwei Weihnachtsengel stiegen aus und schleppten einen großen Sack.

„Das ist die Weihnachtspost der Kinder“, sagte der Weihnachtsengel. „In der Poststelle werden die Briefe sortiert und in die verschiedenen Spielzeugabteilungen gebracht. Du siehst, wir haben viel zu tun.“

Staunend sah Lilli den Weihnachtsmännern zu, als in der Spielzeugabteilung ein Geschenk nach dem anderen in einen großen Sack verschwand.

„Komm mit! Du wolltest doch die Backstube sehen.“ Der Weihnachtsengel nahm Lilli an die Hand. Zusammen gingen sie zu einer Holzhütte, die aussah wie ein großer Backofen.

In der Küche roch es nach Gewürzen und Aromastoffen. Blech für Blech schoben die fleißigen Weihnachtsengel in den Backofen. Dann wurden die gebackenen Plätzchen in Dosen und Kisten verteilt. Danach hievten sie die Kisten auf einen großen Schlitten.

Und jetzt sah Lilli es: Der Rauch, der aus dem Kamin der Backstube aufstieg, färbte den Himmel rot.

„Hier, probier mal!“ Ein Weihnachtsengel reichte ihr einen Zimtstern.

„Danke!“, sagte Lilli und schob sich hungrig das Plätzchen in den Mund. „Schmeckt prima.“

„Oh, es wird schon hell“, sagte der Weihnachtsengel. „Komm, ich bringe dich nach Hause.“

In ihrem Bett wischte sich Lilli noch mal gründlich die Augen ... und sie sah gerade noch, wie der Weihnachtsengel in mit seinem Weihnachtsschlitten in den Himmel stieg. Am nächsten Morgen rieb sich Lilli verschlafen die Augen. Hatte sie den Ausflug in das Weihnachtsdorf nur geträumt? Barfuß rannte sie zum Fenster. Es hatte tatsächlich geschneit. Doch was war das? Auf der Fensterbank lagen ein Säckchen mit Zimtsternen und ein Brief mit ihrem Namen darauf.

Liebe Lilli,

ich muss weiter. Das nächste Kind, das nicht ans Christkind glaubt, wartet auf mich.

Liebe Grüße

Dein Weihnachtsengel

Manuela Wolfermann lebt mit ihrem Mann, zwei Kinder, Katze, Kaninchen und Hund in Dortmund. Sie hat Veröffentlichungen in zwei Anthologien und in pädagogischen Fachzeitschriften.

*

Der Kobold und der Weihnachtsmann

Leise fällt der Schnee zum Grund.

Am Nordpol ist es bitterkalt

und pfeifend gibt der Winter kund:

„Dies ist mein Land, hier werd’ ich alt.“

Und zwischen all dem weißen Schnee,

kann man es sehen – irgendwann:

Ein Haus, gleich neben einem See,

hier wohnt der gute Weihnachtsmann.

Doch was ist das? Wer klopft da laut?

Ein Kobold steht im Schnee und friert.

Sein breiter Hut wirkt leicht zerkaut,

grün sind die Schuh‘ – das Hemd kariert.

„He, Weihnachtsmann, lass mich hinein!

´nen freien Job möcht‘ ich gern kriegen.

Ein Spielzeugtester will ich sein,

´ne lange Strecke musst’ ich fliegen!

Aus Irland komm’ ich angereist,

bin talentiert – der beste Wicht!

Mein roter Bart ist ganz vereist,

nun komm, erfrieren will ich nicht!“

Die Tür schwingt auf – der Kobold lacht.

„Hey Mikey – jetzt ist es genug!“

Das hätt’ der Wicht sich nicht gedacht:

der Weihnachtsmann im Schlafanzug.

„Aha, du kennst schon meinen Namen,

dann weißt du auch die Profession!“

„Dein Narrentum sprengt jeden Rahmen“,

spricht da der Mann mit leichtem Hohn.

„Ach Quatsch, sei gut – ich krieg’ das hin!“

„Ich hab’ genügend Spielzeugtester.“

„Keksprobierer, ist das drin?“

„Oh nein, das macht schon meine Schwester.“

„Glöckchenhalter? Tannenfäller?“

„Nein und nein, die hab’ ich schon.“

„Schlittenputzer, Briefzusteller?“

„Letzteres, das macht mein Sohn.“

Mikey beißt in seinen Hut:

„Ist denn da wirklich nichts zu machen?“

Sein Gesicht ist rot vor Wut:

„Vielleicht das Schleppen, Singen, Lachen?“

„Tut mir leid, ich kann nicht helfen,

denn für all die Weihnachtswaren,

hab’ ich meine treuen Elfen

und die schon seit vielen Jahren.“

Puterrot glüht Mikeys Kopf:

„Aber ich muss Arbeit finden!

Gerne putz’ ich jeden Topf!

Werd’ mich in der Küche schinden.“

„Was ist los, wieso der Druck?“

„Ach, ich brauche dringend Geld,

denn ich suche feinen Schmuck,

der der Liebsten auch gefällt.“

„Ach, du willst wen reich beschenken?“

„Ja, das hätt’ ich gern getan.“

Der Weihnachtsmann beginnt zu denken:

„Ha, ich hab’ da einen Plan.

Du tobst schnell – ein Wirbelwind.

Ins Kostüm werd’ ich dich stecken,

denn für ungezog’ne Kinder

wärest du der Weihnachtsschrecken.

Du bringst Ruten durch den Schacht,

zum Tannenbaum, da soll’n sie liegen.

Was meinst du? Ist’s abgemacht?“

„Ja! Den Job will ich gern kriegen!“

Und so schenkte er geschwind,

mit großer Freude dieses Jahr,

’ne Rute an ein jedes Kind,

das diesmal ungezogen war.

Den Job hat Mikey nun nicht mehr,

doch seine Tat, die bleibt bekannt.

Die Kinder fürchten diesen sehr:

Knecht Ruprecht wird er jetzt genannt.

Marco Ansing, geboren 1981 in Gießen, lebt zurzeit in Hamburg. Nach seinem Studium in Geschichte und Politik begann er mit seiner Doktorarbeit in Geschichte. Seine Leidenschaft gilt dem Verfassen von Gedichten und Kindermärchen sowie der Produktion von Hörspielen.

*

Der Weihnachtszug

Der Schneesturm tobte überall im Lande. Viele Straßen waren unpassierbar. Übermütig kletterten der siebenjährige Hannes und seine jüngere Schwester Gerti auf die Plattform des Waggons der kleinen Schmalspurbahn. Mit ihren Eltern waren sie auf dem Weg zu den Großeltern.

Zischend setzte die alte Dampflok sich in Bewegung. Schnell nahm sie Fahrt auf und fuhr durch das Schneegestöber. Dabei stieß sie dicken Rauch aus. Normalerweise standen die Kinder immer während der Fahrt auf der Plattform, doch diesmal verbot der Schaffner den Aufenthalt dort bereits beim Einsteigen. Aus Gründen der Sicherheit, wie er sagte.

Hannes sah sich um. Auf der hintersten Bank im Waggon saß ein alter Mann mit weißem Bart. Er blätterte in einem kleinen Buch. Von Zeit zu Zeit hustete er verhalten. „Der Rauch von diesem Dampfross“, entschuldigte er sich bei der dicken Frau, die ihm gegenübersaß. Die hielt einen Korb auf ihren Knien und redete unaufhörlich auf ihn ein. Sie sei von ihrer Schwester eingeladen worden und hätte ihr zum Dank dafür einen Kuchen gebacken. Freundlich nickte der Alte und blätterte weiter in seinem Buch. Auf der anderen Seite saßen zwei junge Männer. Neben ihnen standen Rucksäcke und Skier. Sie unterhielten sich über ihre Wanderroute.

Da bemerkte Hannes einen Jungen in der Mitte des Waggons. Er kannte ihn. Ihre Großeltern waren Nachbarn.

„Darf ich zu Florian?“ Seine Mutter nickte. Der Schneesturm beunruhigte sie. Doch davon merkten die Jungen nichts, die sich angeregt über Weihnachten unterhielten. Im Nachbarwaggon übten Kinder ein Lied, das auch Gerti kannte. Leise sang sie mit. Jemand spielte auf einer Gitarre. Nach der letzten Strophe applaudierten die Fahrgäste.

Die kleine Bahn schnaufte durch die hügelige Winterlandschaft. Die Fahrt fiel ihr immer schwerer. Manchmal musste sie große Schneemassen vor sich herschieben, die sich besonders in den Senken angehäuft hatten. Ab und zu pfiff die kleine Lok, als wäre sie froh, wieder ein Hindernis überwunden zu haben. Gerade zuckelte der Zug durch den Winterwald, als er mit einem Ruck stehen blieb. Neugierig stiegen einige Passagiere aus und sahen, wie der Lokführer und der Heizer vor einer riesigen Schneewehe standen. Mit Schippen versuchten die beiden, die Gleise freizuschaufeln. Doch es half nichts.

„Es tut mir sehr leid“, informierte der Schaffner die Fahrgäste, „doch wir müssen auf Hilfe warten.“

„Aber es ist Weihnachten und wir haben alle heute noch etwas vor“, regte sich ein kleiner Mann in einem teuren Mantel auf.

Bedauernd hob der Schaffner die Schultern.

„Jemand muss Hilfe holen.“ Die Dame mit dem Korb sah sich suchend um.

„Es wird bald dunkel und da ist es viel zu gefährlich, durch den Schneesturm zu laufen“, mahnte der Schaffner.

Aufgeregt rannten Hannes und Florian durch die Waggons und erzählten den übrigen Fahrgästen, was sie bei den Erwachsenen aufgeschnappt hatten.

„Setzt euch jetzt hin, Jungs“, forderte Hannes´ Vater die Kinder auf. „Durch das rein und raus wird es hier drinnen immer kälter.“

Der Schaffner nickte und sagte: „Nicht lange, und man wird uns vermissen.“ Dabei zog er eine Taschenuhr aus seiner Weste. „Das wird in genau siebenundzwanzig Minuten der Fall sein. Bis dahin möchte ich Sie bitten, Ruhe zu bewahren.“

Inzwischen machte man sich große Sorgen am nächsten Bahnhof. Die kleine Schmalspurbahn hatte pünktlich die letzte Station verlassen und war nun längst überfällig. Schnell wurden Einsatzkräfte zusammengetrommelt, die zu Fuß mit großen Laternen die Strecke abliefen.

Auch die Kinder in der Bahn wurden unruhig. „Sicher ist der Weihnachtsmann längst weg, wenn wir bei Großmutter ankommen.“

Florian sah Hannes an. „Du meinst, dann gibt es keine Geschenke?“

Gerti begann zu jammern. Im Nachbarwaggon weinte ein Mädchen.

Die dicke Frau kramte nervös in ihrem Korb herum. „Ist das nicht furchtbar?“, fragte sie den alten Mann. „Da sitzt man Weihnachten in der Wildnis und muss vielleicht erfrieren.“

„Wir müssen erfrieren?“ Hannes sah seinen Vater an. Ängstlich drückte sich Gerti an ihre Mutter.

„Reden Sie doch nicht so einen Unsinn“, ärgerte sich Hannes´ Vater. „Sie machen den Kindern ja Angst.“ Schmollend drehte sich die Frau weg und starrte aus dem Fenster.

„Ich werde die anderen Passagiere zu uns in den Waggon holen. Dann brauchen wir nur diesen zu beheizen und die Kohle reicht länger.“ Der Schaffner ging.

Draußen wurde es dunkel. Jemand begann, seinem Kind die Weihnachtsgeschichte zu erzählen. Es wurde still im Waggon. Alle lauschten.

„Eigentlich war der für meine Schwester.“ Die dicke Frau war zu den Erwachsenen getreten und hielt einen großen Kuchen hin. „Aber die Kinder müssen ja schließlich was essen.“

Einer der jungen Wanderer stellte eine Henkelkanne auf den Tisch. „Heißer Tee“, sagte er lächelnd. Immer mehr Fahrgäste sahen nach, was sie dazugeben konnten. Wenig später lagen Kekse, Nüsse, Äpfel und zwei Tafeln Schokolade auf dem kleinen aufklappbaren Tisch unter dem Waggonfenster und sogar selbst gemachte Limonade stand dabei. Jemand legte Kerzen daneben. Mit staunenden Augen beobachteten die Kinder, wie der Waggon im sanften Licht der Kerzen erstrahlte.

Dann war die Weihnachtsgeschichte zu Ende. In der andächtigen Stille stimmte Gerti ein Lied an und alle sangen mit. Niemand bemerkte, wie sich im hinteren Teil des Waggons die Tür leise schloss. Keiner vermisste den alten, hustenden Mann.

Plötzlich polterte es draußen. Erschrocken verstummten alle. Die Kinder rückten ängstlich zusammen. Die Tür öffnete sich und Schnee stiebte in den Waggon. Einige Kerzen erloschen und Gerti begann zu weinen. In den Schein der restlichen Kerzen trat ein Mann in einem langen roten Mantel mit hochgeschlagener Kapuze. Schwerfällig stellte er einen großen Sack neben sich ab und strich über seinen weißen Bart.

„Der Weihnachtsmann“, riefen Hannes und Florian gleichzeitig.

Die Erwachsenen stießen sich heimlich an.

„Ja, gibt es denn so was? Warum seid ihr denn um diese Zeit hier im Zug? Beinahe wäre ich mit meinen Rentieren vorbei geflogen.“

Nun erwachten auch die anderen Kinder aus ihrer Erstarrung.

„Wir sind eingeschneit.“

„Festgefahren.“

„Wir müssen gerettet werden.“

„Halt, halt, nicht alle gleichzeitig“, rief der Weihnachtsmann. Er hustete. Hannes´ Eltern sahen sich an.

„Bekommen wir nun unsere Geschenke?“ Mutig war Hannes vorgetreten.

„Hm, hast du denn auch etwas für mich?“

Laut trug Hannes das Gedicht vom Weihnachtsmann, der nicht so böse schauen sollte, vor.

„Immer wieder ein Klassiker“, lachte der Alte. Damit zog er ein kleines Päckchen aus dem Sack und überreichte es Hannes. Geduldig hörte sich der Weihnachtsmann auch die Vorträge der übrigen Kinder an und ein jedes erhielt ein kleines Geschenk.

„Da kommen sie“, rief plötzlich jemand. Alle drängten sich an die Fenster. Deutlich konnte man die Lichter der Laternen erkennen.

In der Aufregung fiel es keinem auf, dass sich noch einmal die Tür öffnete und kurz darauf wieder schloss.

Neben dem Zug hielten Schlitten, die von kleinen starken Pferden gezogen wurden. Die Kinder durften zuerst umsteigen. Begeistert kletterten sie in die mit warmen Fellen ausgestatteten Fahrzeuge. Dann ging es schnell zum nächsten Bahnhof, wo schon die Verwandten auf sie warteten.

Über dem Bahnhofsgebäude erklang leises Schellengeläut. Alle spähten neugierig hinauf und sahen einen von Rentieren gezogenen Schlitten, der sich hoch oben am nun klaren Sternenhimmel entfernte.

Nur noch leise war es zu hören, das „Ho, ho, ho“ und ein unterdrücktes Husten.

Silke Walkstein, geboren 1965 in Schwedt, ist einfache Mutter und zweifache Oma. Beruflich selbstständig verfasst sie für Interessierte Biografien und Familienchroniken. In ihrer Freizeit schreibt sie gerne Kurzgeschichten, u.a. für ihre Enkelkinder. Einige ihrer Erzählungen sind bereits veröffentlicht worden.

*

Mein Mann, der Weihnachtsmuffel

Wenn man möchte, könnte man mich als richtigen Weihnachtsfetischisten bezeichnen, denn ich liebe Weihnachten. Das wurde mir vererbt – mütterlicherseits.

Mein Mann jedoch ist das genaue Gegenteil von mir, ein Weihnachtsmuffel. Und das ist auch vererbt – ebenfalls mütterlicherseits.

Als meine Kinder und ich vom Tannenbaumkauf zurückkamen, stand meine Schwiegermutter, die im Haus nebenan wohnt, bereits am Fenster. Mir schwante Böses. Im Sturzflug kam dieser Grinch herausgeeilt, um mir zu verkünden, dass unser diesjähriger Baum kleiner als der vorherige sei. Ich runzelte die Stirn, während ich das gute Stück mithilfe meiner beiden Kinder vom Autodach hievte.

„Kann sein“, räumte ich ein. Mir sträubten sich die Nackenhaare, als ich ihr hämisches Grinsen bemerkte.

„Du wirst Stunden brauchen, um den zu schmücken, und genauso lang, um ihn wieder abzuschlagen“, feixte sie, als hätte sie gerade sechs Richtige im Lotto.

„Wann kauft ihr denn euren Baum?“, wollte ich wissen und das Lächeln breitete sich noch weiter aus.

„Ich nehme den vom letzten Jahr“, erklärte sie gut gelaunt. „Der steht noch geschmückt, wie er war, im Keller. Da puste ich den Staub ab und in zwei Minuten steht er im Wohnzimmer. Und genauso schnell ist er auch wieder weg. Keine Arbeit, kein lästiger Dreck!“

Ich ging in mich. Tatsächlich. Letztes Jahr hatte sie in einem Billigdiscounter einen bereits fertig geschmückten Baum ergattert. Er war ungefähr dreißig Zentimeter groß und mit Minilämpchen versehen, deren Stecker man nur noch in die Steckdose stecken musste und schon konnte Weihnachten kommen – und genauso schnell auch gehen.

Ich tat es dem Baum gleich und verschwand so zügig ich konnte. Am Abend musterte mein Mann den Baum, der noch auf dem Balkon im Wassereimer stand und auf seinen großen Auftritt wartete.

„Der ist aber größer als der vom letzten Jahr“, raunte er, „die Kinder sind doch jetzt alt genug, da brauchen wir keinen großen Baum mehr.“ Er erntete von mir einen bösen Blick und verzog sich auf seine Couch, während ich Rudolf und einen Schneemann in den Garten stellte. Der Weihnachtsmuffel sah mir vom Fenster aus eine Weile zu und ich bemerkte seinen genervten Blick, den ich, weil ich darin schon eine gewisse Übung habe, einfach ignorierte.

Die nächsten Tage schmückte ich die Wohnung.

Mein Mann schüttelte verständnislos den Kopf. „Alles Kitsch!“, fand er.

Ich backte Plätzchen und Kuchen, machte heißen Kakao mit Schlagsahne, entzündete die erste Kerze auf dem Adventskranz und die Kerzen der Weihnachtspyramide, deren Figuren sich friedlich im Kreis drehten. Ich hatte alles etwas abgedunkelt und die Weihnachtsmusik angeschaltet. Die Augen der Kinder leuchteten zufrieden, nur Grinch zwei aß grimmig sein Gebäck. „Ah“, stöhnte er, „jetzt müssen wir diese nervige Musik wieder vier Wochen lang ertragen.“

Zwei Wochen später verpackte ich die Geschenke und versteckte sie so gut, dass ich fürchtete, einige später selbst suchen zu müssen.

„Wir können doch das Osterpapier nehmen“, schlug mir mein Mann vor, als das Weihnachtspapier nicht ganz ausreichte, die Kinder würden es sowieso sofort abreißen. Ich verdrehte die Augen und seufzte schwer. Ich hatte gerade die Fenster mit Weihnachtsmotiven beklebt, als die ersten Flocken meine angeschlagene Laune erheblich besserten. Gegen Nachmittag hatte bereits eine mehrere Zentimeter dicke weiße Pulverschicht alles überzogen, was sonst hässlich und trist aussah – die Straßen, Bäume, Laternen und Schilder. Kinder liefen vergnügt umher und bewarfen sich mit Schneebällen, meine beiden waren auch dabei. Es war ein schöner Anblick, den ich genoss ... bis mein Mann nach Hause kam.

„Verdammt“, knurrte er, „jetzt ist auf den Straßen kein Vorankommen mehr und Schneeschaufeln darf ich auch noch.“

Dann war es endlich soweit. Die Kinder waren schrecklich aufgeregt, während mein Mann im Jogginganzug auf der Couch lag und mich fragend ansah, als ich ihm, mit einem Blick auf die Uhr, verkündete, dass es langsam Zeit würde. Er schnaufte und erhob sich schwerfällig. Doch er zog sich um.

Als es klingelte und unser Besuch erschien, war es bereits dunkel. Der Tannenbaum stand majestätisch auf seinem Platz und erstrahlte im hellen Kerzenschein. Ich bimmelte mit dem Glöckchen, das die Bescherung einläutete, während der CD-Player Oh du Fröhliche spielte. Die Augen der Kinder leuchteten vor Freude, aber halt! Nicht nur die der Kinder. Mein Mann hatte sein Geschenk ausgepackt und plötzlich hatte sich etwas geändert. Der Grinch war verschwunden, hatte sich klammheimlich aus dem Staub gemacht. Mein Weihnachtsmuffel strahlte über das ganze Gesicht, ja er sang sogar fleißig mit und sein breites Lächeln reichte bis zu seinen Augen, als er mir mein Geschenk reichte.

Meine ständigen Andeutungen waren auf fruchtbaren Boden gestoßen und so strahlten wir um die Wette.

Und wer hätte es gedacht? Er küsste mich und sagte: „Schatz, das ist das schönste Weihnachten, das wir je hatten.“

Keine Ahnung, was an diesem Fest anders, als an denen zuvor gewesen war, aber ich stimmte ihm gerne zu und hoffte, dass der Grinch für immer Reißaus genommen hatte.

Martina Schneider, 45 Jahre alt, wohnhaft in Köln, veröffentlichte bereits ein paar ihrer Kurzgeschichten. Wenn sie nicht schreibt, liest sie gerne oder spielt Gitarre. Sie ist Bürokauffrau und hat zwei studierende Kinder.

*

Das arme Kind

Leo kam am Donnerstag weinend aus der Schule und ließ sich frustriert auf das Sofa im Wohnzimmer fallen.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte seine Mutter ihn. „Es war doch heute der letzte Tag vor den Ferien. Außerdem ist doch übermorgen schon Weihnachten!“

„Oh, Mama, heute ist etwas Furchtbares passiert“, schluchzte Leo und rieb sich die roten Augen. „Ich habe ohne Erlaubnis Freddie mit in die Schule genommen, weil meine Freunde mir nicht glauben wollten, dass ich tatsächlich einen Hamster zum Geburtstag geschenkt bekommen habe!“

„Aber Leo! Hamster gehören nicht in die Schule. Du hättest deinen Freunden doch auch ein Foto von Freddie zeigen können. Wie hast du ihn denn aus dem Haus geschmuggelt?“

„Ich habe Stroh und ein paar Körner in meine Jackentasche gefüllt und ihn heute Morgen dort hineingelegt, als du in der Küche warst. In der großen Pause habe ich Freddie allen Kindern gezeigt. Aber dann musste ich dringend zur Toilette. Ich habe Freddie wieder in meine Jackentasche gesteckt und bin gegangen. Aber ich hatte vergessen, den Reißverschluss richtig zu schließen. Als ich mich über die Toilette beugte, um den Deckel anzuheben, fiel Freddie hinaus und landete im Klo. Ich wollte ihn herausholen, aber dummerweise stieß ich mit dem Ellenbogen gegen die Spültaste und das Wasser in der Schüssel stieg an. Er rutschte immer tiefer ins Rohr hinein, bis er verschwand!“

„Mein armes Kind!“, sagte sie und drückte ihren Sohn fest an sich. Leo weinte noch sehr lange, bis er auf dem Sofa einschlief.

Als abends der Vater nach Hause kam, wartete Leos Mutter schon auf ihn. Sie erklärte ihrem Mann sofort, was ihr Sohn an diesem Tag erlebt hatte.

Als sie endete, seufzte der Vater: „Das arme Kind. Was machen wir bloß? Leo hat Freddie wirklich sehr geliebt.“ Der Vater war ratlos, doch die Mutter hatte schon längst einen Plan geschmiedet.

„Ja, er war sein bester Freund. Deswegen habe ich mir auch etwas überlegt: Morgen früh, wenn Leo bei seiner Oma ist, fahren wir beide in die Tierhandlung und kaufen ihm einen neuen Hamster. Wir schenken Leo den Hamster zu Weihnachten. Das wird ihn wieder aufmuntern!“

Leos Vater nickte. „Ja, das ist eine gute Idee!“

Am nächsten Morgen besuchte Leo seine Oma. Die beiden wollten Kuchen backen und Monopoly spielen. Aber Leo hatte überhaupt keine Lust dazu. Er saß traurig am Tisch, während seine Oma den Kuchenteig anrührte. Die Oma war ganz besorgt, denn normalerweise war Leo immer fröhlich und niemals so leise wie an diesem Tag. „Bist du krank, mein Kind?“, fragte sie Leo, doch der schüttelte den Kopf. „Was fehlt dir denn dann?“, erkundigte sie sich bei ihrem Enkel.

Der antwortete mit erstickter Stimme: „Mein Hamster ist gestorben.“

„Oje, du armer Junge. So etwas ist schlimm. Kann ich dich denn mit gar nichts aufmuntern?“ Leo zuckte mit den Schultern und kämpfte gegen die Tränen an, die in seine Augen traten. Die Oma überlegte. Aber jedes Mal, wenn sie etwas vorschlug, was die beiden unternehmen konnten, schüttelte Leo den Kopf und schluchzte nur noch mehr. Es gab einfach gar nichts, was dem Jungen gefiel.

Während die Oma versuchte, Leo zu trösten, befanden sich Leos Eltern in der Tierhandlung und wollten einen neuen Hamster kaufen. Doch unglücklicherweise erfuhren sie, dass bereits alle Hamster verkauft waren.

Der Tierhändler war ein guter Freund der Eltern und erklärte ihnen traurig, dass sich dieses Jahr anscheinend eine Menge Kinder einen Hamster gewünscht hatten, denn es war nicht ein einziger Hamster übrig geblieben, den die Eltern hätten kaufen können. Traurig ging der Vater wieder nach Hause und die Mutter fuhr zur Arbeit.

Während der Arbeit kam der Mutter eine Idee: Sie rief alle Tierhandlungen in der Gegend an und fragte, ob sie vielleicht noch einen Hamster hätten. Doch die Mutter wurde jedes Mal enttäuscht.

„Es tut mir sehr leid, aber offenbar sind Sie dieses Jahr nicht die Einzige, die Interesse an einem Hamster hat. Die sind schon alle verkauft.“

Am Ende hatte sie nur noch eine einzige Tierhandlung, die sie noch anrufen musste, dann hatte sie alle gefragt, die sie kannte. Ihre Hoffnung, dieses Mal Glück zu haben, war nur noch sehr gering.

Aber diesmal hatte sie mehr Glück: „Ja, wir haben noch einen Hamster, den allerletzten. Wenn Sie wollen, können Sie ihn morgen früh abholen“, erklärte der Mann am Telefon.

Am Samstag erwachte Leo schon sehr früh. Es war Heiligabend. Der Tag, auf den er sich schon seit einem Jahr gefreut hatte. Aber Freddie war nicht bei ihm. Bei diesem Gedanken fing Leo erneut an zu weinen. Schluchzend blickte er hinüber zu seinem Schreibtisch, auf dem ein kleines Päckchen lag. Das wäre für Freddie gewesen. Ein neues Häuschen für seinen Käfig. Der kleine Hamster hatte solange an seinem alten Häuschen genagt gehabt, dass es schon ganz kaputt war.

Traurig zog Leo sich die Decke über den Kopf und blieb noch eine Weile liegen. Erst als es an der Haustür läutete, stand er auf. Wer konnte das wohl sein? Soweit Leo wusste, wurde an diesem Tag kein Besuch erwartet.

Leo lugte von seiner Zimmertüre aus in den Flur. Papa öffnete die Türe. Es war Mama. Sie trug ein Päckchen unter dem Arm.

„Was ist das?“, fragte Leos Vater. Die Mutter hatte ganz vergessen, ihm zu erzählen, dass sie einen Hamster bekommen hatte.

Leo kam neugierig herbei. Er beäugte interessiert das Päckchen der Mutter. „Was ist das?“, fragte auch er, als er entdeckte, dass das Paket kleine Luftlöcher hatte und etwas im Inneren leise raschelte.

„Mach es auf, dann weißt du es“, grinste die Mutter.

Neugierig nahm Leo das Paket und öffnete es. Als er sah, was sich im Karton befand, traute er seinen Augen nicht: Ein echter Hamster saß dort! Leo strahlte und streichelte das Tier.

Als Leo sich bei seiner Mutter bedanken wollte, klingelte es erneut an der Haustüre. Diesmal war es die Oma, die das Haus betrat. Sie hatte ein ähnliches Paket dabei wie auch Leos Mutter vorhin. Auch sie brachte einen Hamster und staunte nicht schlecht, als sie sah, dass Leo schon einen Hamster bekommen hatte.

Leo war glücklich. Nun hatte er gleich zwei Hamster bekommen. Er rannte in sein Zimmer, um das Päckchen für Freddie zu holen und packte es aus. Das Haus stellte er in Freddies alten Käfig, bevor er seine neuen Hamster hineinsetzte. Er wollte sich gerade freudig bei allen bedanken, als es wieder klingelte.

„Wer kann das denn jetzt noch sein? Ich erwarte niemanden mehr. Du etwa?“ Fragend blickten die Eltern sich an und schüttelten beide den Kopf.

Mama öffnete die Tür. Es war ihr Freund, der Tierhändler. Er hatte es tatsächlich geschafft, noch in letzter Sekunde einen Hamster zu besorgen und wollte ihn kurz vorbeibringen, damit Leo an diesem schönen Festtag nicht traurig sein musste. Grinsend überreichte er Leo den Hamster. Leo nahm ihn dankend an.

Als der Tierhändler die Türe öffnete, um zu gehen, blieb er erstaunt stehen. „Oh, ihr bekommt heute aber viel Besuch!“, sagte er. Als alle zur Türe sahen, wussten sie, was ihr Freund gemeint hatte: Leos Lehrer, gefolgt von Leos besten Freunden, kam herein. Alle hatten ein kleines Paket dabei und gaben es Leo. Der lachte laut, als er die Pakete öffnete und weitere sieben Hamster erhielt.

„Du warst in der Schule so traurig, da hatten wir wohl alle dieselbe Idee. Wir wollten dich mit einem neuen Hamster überraschen, damit du wieder lachen kannst“, erklärte der Lehrer.

Leo war überglücklich. Für ihn war dies das beste Weihnachtsfest aller Zeiten und er freute sich, dass er nun gleich zehn neue Freunde hatte. Jetzt brauchte er nur noch einen größeren Käfig.

Virgilia Rath, 17 Jahre, wohnhaft in Viersen, schreibt gerne Geschichten und liest. In „Fantastisch gute Kindergeschichten, Band 2“ wurde bereits etwas von ihr veröffentlicht.

*

Fjutsch

Schnee und Kälte bedecken Wald und Flur,

wo sind die vielen Kinder nur?

Daheim sind sie in ihren warmen Stuben,

die Mädchen und auch die Buben.

Jener angenehme Zimt und Mandelgeruch, der sich gemächlich durchs Haus schlängelte, ließ darauf schließen, dass Weihnachten in greifbare Nähe rückte. Bei Buschkins hatte man jedenfalls alle Hände voll damit zu tun, die vielen Schoko- und Vanilleplätzchen in den Backofen zu balancieren. Währenddessen gab ein Bariton im Radio Schneeflöckchen Weißröckchen zum Besten. Alle waren emsig und gut gelaunt bei der Sache – außer der achtjährigen Emma. Diese hatte sich in ihrem Zimmer verkrochen und war auch nicht willens, es vorläufig zu verlassen. Den Kopf auf beide Hände gestützt, verfolgte sie schweigend den lautlosen Tanz der unzähligen Schneeflocken vor ihrem Fenster.

„Emmaaa! Ich hab schon dreizehn Tannenbäumchen ausgestochen“, prahlte Hannes aus voller Kehle, „wo bleibst du denn?“

„Emma, komm doch endlich“, bat die Oma unwesentlich später.

„Emma Buschkin!“, schloss sich die energische Stimme der Mutter als Letztes an. „Jetzt verjag doch endlich diesen alten Trotzkopf und komm herunter.“

Aber die Achtjährige hatte wahrlich größere Sorgen, als dass sie sich der jährlichen Familientradition hätte anschließen wollen. Sie verspürte weder Lust auf Plätzchenbacken, noch war ihr danach zumute, Weihnachtslieder zu trällern. Stattdessen schlich sie eine Weile später auf Zehenspitzen die Treppe hinunter – wie eine Katze, die auf Beutejagd war.

Ohne Jacke und Mütze trat sie hinaus in die kalte Winterluft. Zügigen Schrittes stapfte sie hinüber zur Scheune. Nachdem sie eingetreten war, schloss sie fröstelnd die knarrende Holztür hinter sich. Maika, ihre Ziege, lag noch immer regungslos im Stroh. Wenn sie doch nur endlich wieder auf die Beine käme!

Emma wusste genau, dass die Erwachsenen Maika zu Onkel Kuno bringen wollten. Morgen früh schon. Sie hatte es genau gehört. Liebevoll streichelte sie ihrer Lieblingsziege übers Fell. Emma merkte gar nicht, dass sie weinte. „Meine gute liebe Maika“, wimmerte sie vor sich hin und drückte die schwarz-weiße Ziegendame ganz fest an sich.

„Hab’ ich mir doch gedacht, dass du hier steckst“, schimpfte die Mutter auf einmal hinter ihr. „Komm jetzt rein, du holst dir ja den Tod hier draußen.“

Emma wirbelte erschrocken herum. „Na und!“, gab sie trotzig zurück. „Maika wollt ihr ja auch …“ Sie brach den Satz ab und schlug kummervoll beide Hände vors Gesicht. Nur widerwillig und mit gesenktem Kopf folgte sie ihrer Mutter ins Haus zurück.

„Ich hasse euch“, brüllte Emma durch den Korridor und stürmte in ihr Zimmer. Dort warf sie sich bäuchlings aufs Bett und hielt sich beide Ohren zu. Sie wollte mit niemandem mehr sprechen und sie wollte auch niemandes Rufe mehr hören.

Sie wäre vor Erschöpfung beinahe eingeschlafen, als eine sanfte Berührung auf ihrer Schulter sie aufschrecken ließ. Zögernd richtete Emma sich auf. Als sie sich jedoch umsah, stellte sie fest, dass sie allein im Zimmer war – außer ihren Kuscheltieren, die sie in der Ecke zu einer stattlichen Pyramide aufgebaut hatte. Vielleicht hatte sie sich diese Berührung ja auch nur eingebildet. Aber dann riss Emma jäh ihre Augen ganz weit auf, weil eines ihrer kleineren Kuscheltiere sich fortzubewegen versuchte.

Auf allen vieren krabbelnd pirschte sie sich neugierig heran. Gerade wollte sie ihre Hand nach dem Zebra ausstrecken, da kam ein kleines vierbeiniges Etwas hervorgetrappelt. Komisch! Emma zog verwundert die Brauen hoch. „Wer ... wer bist du denn? Du siehst ja aus wie ein …“ Sie stutzte und rieb sich beide Augen, in der Annahme, sie würde nur träumen.

Nein, es war aber keine Illusion. Vor ihr stand ein kleines pferdeartiges Wesen mit goldschwarzem Schweif und sah sie mit seinen kastanienbraunen und freundlichen Augen an. Emma, die noch immer nicht fassen konnte, was sich direkt vor ihrer Nase abspielte, wagte es kaum, den Blick abzuwenden.

„Ich bin Fjutsch“, sagte das Wesen schließlich und scharrte dabei zweimal mit dem rechten Vorderhuf.

„Fjutsch?“, wiederholte Emma mit skeptischer Stimme.

Fjutsch nickte. „Bei uns erzählt man sich, du hättest ganz großen Kummer.“ Emma atmete tief ein und senkte einen Moment lang die Augenlider.

„Stimmt das denn, Emma?“, hakte Fjutsch nach, während sein buschiger Schweif hin und her pendelte.

„Morgen wollen sie meine Maika wegbringen“, jammerte Emma kläglich und brachte sich in den Schneidersitz. „Sie ist seit ein paar Wochen krank, weißt du – und der Tierarzt kann nichts mehr …“ Wieder brach Emma in Tränen aus.

„Liebe Emma“, sagte Fjutsch mitfühlend und legte seinen Huf kurz auf ihren Arm, „vielleicht kann ich helfen.“

„Du?“, fragte sie und schnäuzte nebenbei die Nase. „Wie könntest du mir schon helfen? So klein, wie du bist!“

Fjutsch lächelte. „Klein bin ich, da hast du recht, Emma Buschkin.“ Dann fuhr er fort: „Wenn du wüsstest, dass deine Maika große Schmerzen hätte, würdest du dann noch wollen, dass sie bei dir bleibt?“

Emma wischte sich mit dem Ärmel des Pullovers die Tränen von der Wange. „Wie meinst du das?“

„Naja, deine Maika ist schon sehr alt und sie hat viele glückliche Jahre bei euch verbracht, aber jedes Leben geht auch irgendwann einmal zu Ende. Und deiner Maika geht es wirklich ganz schlecht.“

„Hat sie dir das gesagt?“, hauchte Emma kaum hörbar. Fjutsch nickte. „Aber ich möchte trotzdem nicht, dass sie zu Onkel Kuno kommt“, flehte Emma.

„Was würdest du sagen, wenn Maika zu uns käme? Bei uns hätte sie es wirklich gut und sie wäre auch nicht allein. Und sie hätte ihre wohl verdiente Ruhe.“

„Und du passt gut auf sie auf?“, murmelte Emma.

„Versprochen! Aber du darfst niemanden von mir erzählen, Emma.“

„Hm, das kriege ich hin.“

Gemeinsam mit Fjutsch ging Emma dann noch einmal in die Scheune, um sich von ihrer geliebten Ziege zu verabschieden. Schweren Herzens trat sie diesen Weg an, aber sie wollte sie unbedingt ein letztes Mal an sich drücken, um ihr zu zeigen, wie lieb sie sie hatte.

Als Emma am nächsten Morgen in den Stall kam, war Maikas Platz leer. Dennoch setzte sie sich einen Augenblick ins Stroh und tat so, als wäre ihre Freundin noch immer da. Nach wenigen Augenblicken wollte sie gerade gehen, da bemerkte sie im Stroh ein goldschwarzes Haar. Sanft lächelnd nahm sie es an sich.

Die Tage zogen schnell dahin. Heiligabend traf man Familie Buschkin am Nachmittag in der Kirche. Auch Emma folgte mit wachen Augen dem Krippenspiel, und als ihr Blick das kleine Lämmchen neben dem Jesuskind einfing, dachte sie wieder voller Wehmut an ihre Maika. Etwa eine Stunde später saßen alle Buschkins fröhlich singend um den festlich geschmückten Weihnachtsbaum, auf dessen Spitze in diesem Jahr ein silberner Stern thronte und funkelte. Emma hatte unlängst ein rotes Päckchen unter der prächtigen Tanne erspäht, das ihren Namen trug, aber sie verspürte irgendwie überhaupt kein Verlangen, es vom Papier zu befreien.

Hannes drängelte den Opa, endlich mit ihm einen Schneemann zu bauen. Nur wenige Augenblicke später, die beiden waren kaum nach draußen gegangen, erschien Hannes plötzlich völlig außer Atem, mit geöffnetem Mund und fahlem Gesicht in der Tür und brachte vorerst kein Wort heraus. Man hätte meinen können, er wäre einem Geist begegnet. Schließlich presste er doch einige Silben aus der Kehle, die jedoch für seine Zuhörer keinen Sinn ergaben.

„Oi … Emma, du – glaubst nicht … ich habe … du kannst … wir … der Weihnachtsmann!“ Dann griff Hannes nach der Hand seiner Schwester – gefolgt vom Rest der Buschkins eilten sie im Gänsemarsch zur Scheune.

„Da, guckt euch das an!“, freute sich Hannes, auch deshalb, seine Sprache wiedergefunden zu haben.

Beim Anblick des kleinen schwarzen Zickleins, das munter im Stroh umhersprang, füllten sich Emmas Augen mit Wasser. Einzig die Pfoten des putzigen Huftieres, das Köpfchen und die Schwanzspitze waren von weißem Fell durchzogen.

Die Buschkins beschlossen einstimmig noch am Heiligabend, dass Emma dem neuen Familienmitglied einen Namen geben dürfe.

„Und?“, drängelte Hannes fortwährend. „Wie soll es denn nun heißen?“

Emma nahm das Zicklein behutsam auf den Arm. Dann verkündete sie mit zittriger Stimme und voller Dankbarkeit: „Fjutsch.“

Ein schöneres Weihnachtsfest hätte Emma sich nicht wünschen können, auch wenn ihre Familie sie wegen des Namens anfangs schon belächelt hatte ...

Marion Trost, geboren in Nordhausen/Thüringen, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Schon seit der Grundschule hat sie ein großes Interesse an Büchern und schrieb immer wieder kurze Texte, von denen bereits einige veröffentlicht wurden. 2010 erschien beim Papierfresserchen ihr Buch „Jaspos Quigh und die Zauberin aus Zucketh“. www.marion-trost.com

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